ARG LOSERS BLOG

Elemente und Ursprünge
 
femininer Herrschaft


Sei anders. Sei besser.


 
(19) Emanzipation

Der Emanzipation des Bürgertums folgt die Emanzipation der Massen, der Emanzipation der Massen folgt die Emanzipation der Frau, der Emanzipation der Frau folgt die Emanzipation der Schwulen & Lesben, der Emanzipation der Schwulen & Lesben folgt die Emanzipation von Transgender, der Emanzipation von Transgender folgt die Emanzipation (hier wird es kritisch!) der Politik von den facta bruta, in denen, für jedermann erkennbar, die Brutalität der alten Welt steckt, die wir gerade mit Lichtgeschwindigkeit verlassen. Die Emanzipation der Frau wird Politik oder gar nicht sein. Dieser Satz steht an der Schwelle zur Aufklärung, er ist ihr geflüsterter Begleiter, er ist ihr Schicksal. Die emanzipierte Frau ist ganz und gar Politik, sie ist keineswegs Herrin im eigenen Haus, wovon ihr vielleicht einmal träumte. Seit nicht mehr Vergewaltiger, sondern verständnisheischende, wenngleich korrekturbedürftige Frauenbilder vor Gericht stehen, dringt diese simple Feststellung ins Bewusstsein der Aufgeklärtesten ein, soll heißen, der ganz normalen Cis-Frau, der Frau also, die ihr Normalsein mit Zähnen und Klauen (pardon!) verteidigt wie einst ihr Junges. Soll heißen: es wäre ein großer Irrtum zu glauben, feminine Herrschaft wäre gleich Frauenherrschaft. Nichts könnte falscher sein als diese Gleichung. Das herrschende Frauenbild macht dergleichen Biologismus überflüssig. Das wissen auch die Neunmalklugen und passen sich unauffällig an.

(18) Bloß nicht!

Worum geht es dann? Ich frage: worum geht es dann? Mit dieser Frage begebe ich mich außerhalb des Diskurses und falle in die Kategorie ›alternder heterosexueller Mann‹, in manchen Kreisen auch ›Cis-Mann‹ genannt, Unterart ›Rechthaber‹, obwohl ich doch nur zu wissen begehre. Es ist nicht gut, in diesen Gefilden Auskunft zu begehren. Das entspricht einerseits der Stereotypisierung der Diskurse, die keinen Raum für unbotmäßiges Fragen lassen, andererseits der Unbotmäßigkeit allen Fragens, das aufs Subkutane zielt, also auf die Vorgänge unter der glänzenden Oberfläche des Angekommenseins in einer Rollenwelt, in der alles alles sein kann, nur nicht das biologisch Offensichtliche, denn das ist, wie Kollege R bei jeder Gelegenheit zu sagen pflegt, ›gesperrt‹. Zweifellos ist der Mensch ein Tier. Ein ganz besonderes sogar mit einem gewaltigen sexuellen Appetit, es gibt Disziplinen wie Biologie und Ethologie, die sich darum kümmern. Schon bei der Medizin darf man sich da nicht mehr so sicher sein, seit die Pharmaindustrie ihren Job erledigt, ausgenommen den der Chirurgen, einer Klasse für sich… Aber, wie gesagt, darum geht’s nicht, und da es darum nicht geht, geht es im Grunde um alles andere. Die Betonung liegt dabei auf dem ›anderen‹, doch auch auf dem ›alles‹, und letzteres gibt am Ende den Ausschlag. Ich kann alles sein, was ich will bedeutet irgendwann auch Ich kann alles, und zwar deshalb, weil ich ein Recht darauf habe. Wer soll es mir nehmen? Niemand. Die Rollenwelt hat diesen Niemand gezeugt, sein Geschlecht ist männlich-binär, denn er setzt einen Jemand voraus, keine Frau ist niemand, es sei denn, sie ist von der Rolle, denn niemand ist keine Rolle. Das lasse ich jetzt so stehen.

(17) Hoppla!

Andererseits – hier wird es richtig heikel – wachsen Patriarchen-Hass und ‑Lust auf einem Holz. Was jeder Blick in die Mensa bestätigt. Da sitzt, jung und geschmeidig, links und rechts vom Lehrstuhlinhaber XYZ aufgereiht, der feminine Nachwuchs und blinkt und zwitschert ihm nach dem Munde. Und die überzeugungsstarke Kollegin beeilt sich, in der Konkurrenz der Aufmerksamkeiten nicht zu kurz zu kommen. Das läuft in der Politik nicht anders. Es sortiert sich auch nicht nach Parteizugehörigkeit, sondern nach dem ältesten aller Maße, dem Augenmaß. Das alles ist einfach da, es begibt sich unter den aufmerksamen Blicken der anderen, es lässt so manches Missverständnis über das Erreichte gar nicht erst aufkommen und passiert bei geschlossenem Mund. Höchstens lassen Journalistinnen gelegentlich etwas davon in ihren Artikeln aufblitzen, bevor sie hingehen und dem sperrigen Redakteur eine Me-too-Affäre anhängen. Diese Erschaffung des Neo-Patriarchen aus der Retorte weiblichen Emanzipiertseins gehört zum Postmodernismus wie Hündchen zu Frauchen. Sie kommt aus denselben Tiefen der Seele und der Berechnung wie die Sympathie mit allem, was noch den Duft des Meeres und der Savanne trägt: ›Hier lass uns Hütten bauen!‹ Nur das Kindchenzeugen bleibt storniert (denn darum geht’s nicht).

(16) Der Gender-Trick

Gesellschaftlich gesehen bedeutet die Trennung Gender / Sex die Wiederauferstehung der Dame ohne Unterleib. Alles, was nicht ›Gender‹ ist, bleibt tabu, wenn es nicht direkt geleugnet wird. Sex ist pfui – kannte man diese Gleichung nicht irgendwoher? Aber natürlich…! ›Unter Gender-Aspekten‹ ist jeder Kontakt zwischen den Geschlechtern ein Machtspiel – ›Reden wir über Macht!‹ Sexualität ist Macht, Körperlichkeit ist Macht, Nähe ist Macht, Intimität ist Macht, Sexus ist Macht. Das nennt man unter Auszubildenden: eine Sache wegdefinieren. Und zu welchem Zweck? Um sie hintenherum wieder einzuführen? Aber dieses ›hintenherum‹ ist die reale Welt! Die reale Welt ist nicht verschwunden, weil es Gender-Seminare gibt. Diese Seminare … sie streuen das Gift, das sie zu bekämpfen vorgeben. Wenn die Geschlechterhierarchie bröckelt, wenn der verhasste Patriarch allenfalls als dysfunktionales Einsprengsel in die reale Welt empfunden wird, als hoffnungslos veraltetes Lebensmodell, das dort, wo es vielleicht noch zuckt oder in den Köpfen junger Männer aus importierten Kulturen wiederzukehren droht, Heerscharen von Psycho- und Soziotherapeuten auf den Plan ruft, dann erzeugt die Deutung von Sexualität als Macht eine neue Klasse von Privilegierten: junge oder weniger junge Frauen, die ihren Körper einsetzen, um aufzusteigen, um Machtpositionen zu besetzen, um abzuräumen, was es gesellschaftlich abzuräumen gilt – und auf der anderen Seite eine Klasse von Absteigern, die, falls sie auf die Idee kämen, sich symmetrisch zu verhalten, auf der Stelle erfahren dürften, was es heißt, als Mann ein ›falsches Frauenbild‹ sein eigen zu nennen.

(15) Identitätsbonus

Das klingt natürlich übertrieben. Aber wie an fast jeder Übertreibung ist etwas dran. Auffällig sind immer die Auffälligen. Wenn ich in einer Ausschreibung Identität, zum Beispiel geschlechtliche, prämiere, dann bewerben sich automatisch Leute, die diese Identität vor sich hertragen wie eine Monstranz und sich als Träger dieser Identität zurückgesetzt (›diskriminiert‹) fühlen, sobald ihnen jemand anderes vorgezogen wird, seien die Gründe noch so einleuchtend. Und es bleibt nicht beim bloßen Gefühl. Dieses Gefühl entwickelt eine beträchtliche Lautstärke und verlangt nach Entschädigung, ja gewiss, Ent-Schädigung für die erlittene Unbill. Denn Unbill ist es, um nicht zu sagen ein Skandal, dass ihre Bewerbung unberücksichtigt blieb. Die nächste Kommission weiß schon Bescheid, sie empfindet die Zwickmühle, solchen Menschen keine Angriffsfläche bieten zu dürfen und der Bewerbung gerecht zu werden. Die wählende Aufmerksamkeit auf die Bewerber(innen) ist also bereits fokussiert, wie es so schön heißt, gerichtet: sie ist abgefälscht und die Hauptsache (die wissenschaftliche etc. Qualifikation) wird zur Nebensache… Man nennt das einen erschlichenen (oder brachial erzwungenen) Kriterienwechsel. Die übernächste Kommission ist dann gewitzt und entwickelt Strategien, das Problem einzuhegen. Ergebnis: noch mehr fachfremde Aufmerksamkeit, noch mehr Geschlechterdiskurs. Auch so geht Gender-Mainstreaming. Schließlich bedeutet das Wort nichts anderes als das in den Vordergrund geschobene, überdies maskierte Geschlecht: Seht her, ich bin’s nicht. Schließlich geht es nicht um Sexus – niemals und nimmer.

(14) Heißer Auftritt

Wissen Sie, sagt D heute zu mir, ich frage mich, wo all die Frauen geblieben sind, die ich früher in der Wissenschaft kannte: fleißig, beschlagen, blitzgescheit, erfüllt vom Ethos ihrer Disziplin, fast als wollten sie die Männer darin kontrollieren. Diese Frauen verschwanden spurlos, sobald die Frauenförderprogramme anliefen, diese verdeckte Quotensache, die natürlich gezinkt ist, weil sie nach oben keinen Begrenzer kennt, während in den harten Fächern doch immer nur eine gewisse Frauenmenge hin- und hergeschoben wird. Aus den Berufungskommissionen, in denen ich mitwirkte, weiß ich, dass dort eigentlich bloß Frauen zum Zug kommen, mit denen man frauenpolitisch ›etwas erreichen‹ kann, also solche, die ihr Frausein als Beruf oder ihre berufliche Laufbahn als Prüfstein der Geschlechtergerechtigkeit präsentieren, Hauptsache, sie überreizen nicht, sonst sind sie ohnehin draußen und verklagen die Universität. Man will also keine Wissenschaftlerinnen, sondern Geschlechtsvertreterinnen, wenn sie berufen sind, beruft man sie in die Gremien, in denen jedermann seine Zeit vergeudet, und schiebt sie in die Öffentlichkeit, als wolle man sagen, da habt ihr jetzt, was ihr wollt. – Während er so redet, wirft er fortwährend Blicke um sich, als fürchte er unbekannte Lauscher, ein irrer Auftritt, ich weiß nicht, wie lange seine Nerven das noch mitmachen werden.

(13) Machtgeschlechter

›Macht hat kein Geschlecht.‹ Ist das wahr? Abgesehen von den Stereotypen der Grausamkeit: Wirkt Macht attraktiver, wenn sie ›mit weiblicher Stimme spricht‹? Offenbar spricht sie Menschen an, die sich sonst von ihr fernhalten. Das muss nicht positiv sein. Macht, männlich verortet, gebietet Distanz. Kommt sie dem Einzelnen zu nahe, wird sie zur Gewalt (die stets Liebhaber findet) oder sie zerfließt in Illusionen der Nähe. Der Unnahbare ist ein Stereotyp der Macht, so wie die Unnahbare ein erotisches. Weibliche Macht suggeriert Nähe, sie geht den Menschen nach. Ist das wichtig? Offenbar schon. Es bedeutet, ihr Machtspielraum ist ein anderer. Eine Frau an der Regierung kann andere Dinge durchsetzen als ein Mann, einfach deshalb, weil sie anders durchsetzt. ›Die Zukunft ist weiblich‹ bedeutet auch das: Wir werden Dinge durchsetzen, von denen ihr nur träumen könnt. Welche das sind, steht in den Sternen. Eher unwahrscheinlich, dass sie den Stereotypen der Weiblichkeit entsprechen, die von den Illusionsmaschinen unters Volk gebracht werden. Ihnen gerade nicht. Daraus entsteht die Illusion der Desillusion: An der Politik dieser Frau ist nichts Weibliches. Währenddessen setzt sie durch, dass den Abgehalfterten Hören und Sehen vergeht, während die Beglückten aller Parteien jubeln. Sie darf, denn sie kann. Im Ernstfall schweigen selbst die Gerichte.

(12) ›Wir schaffen das!‹

Dazu die Frage: Wie ist das möglich? Welche Kraft ordnet das Magnetfeld? Ist es der Sex dieser einzelnen Frau? Die Frau ist klein, unsicher, unerfahren, von einem großen Ehrgeiz beseelt. Sie ist keineswegs ›sexy‹. In ihr wächst zusammen, was nicht zusammengehört: der verbissene Zukunftswille einer funktionslos gewordenen kleinen Elite, die immer noch glaubt, das Bewegungsgesetz der Geschichte zu kennen, und der unüberhörbar Starthilfe leistende Symbolfeminismus des Westens. 20 Jahre Frauen-sind-besser-Propaganda und Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, bald Helenen in jedem Weibe (Faust I, 2603f.) – nun ja, vielleicht nicht gerade Helena, aber dafür ein Wunder an Kompetenz: Sie schafft das schon. Darin bereits enthalten ist das einnehmende ›Wir schaffen das!‹, von dem sie, einmal installiert, regen Gebrauch machen wird. Denn ohne Zweifel ist dieses singuläre Weib-Wesen eine Kollektivperson, zu deren Gelingen viele diskrete Hände und Hirne das ihre beisteuern. ›Wir schaffen das!‹ heißt: ›Euch, meine lieben Helferlein hier und draußen im Lande, bleibt gar nichts anderes übrig, als mich vor dem Absturz zu bewahren. Alles andere wäre frauenfeindlich und das würdet ihr nicht überleben.‹ In einer Gesellschaft, der das Etikett ›frauenfeindlich‹ genügt, um jedes Verdienst zu annihilieren, ist diese Drohung überaus real.

(11) Die Zukunft ist weiblich

Das Land hat eine Herrin und die große Transformation beginnt. Medien zu Werkzeugen, Minister zu Paladinen, die Guten ins Töpfchen, die Bösen ins Kröpfchen. Und sie hat sie alle gefressen: Keine Widerworte! There is no alternative. Da kommen die harten Wirtschaftsbosse und raspeln Süßholz, die christlichen Kirchen entdecken ihre staatstragende Funktion und predigen wider den inneren Feind, NGOs suchen um diskrete Unterstützung nach und versichern, dass sie sich mit im Boot befänden, komme, was da wolle, Gewerkschaften aller Farbrichtungen kümmern sich in vorbildlicher Manier um immaterielle Werte und predigen die Gemeinschaft der Gläubigen, widerborstige Künstler verwandeln sich in jener Nacht, in der alle Katzen grau sind, in Kulturschaffende und schwanzwedeln nach Aufträgen, kurz, die Zivilgesellschaft erwacht zur lange schon in ihr schlummernden Militanz. Auf die Abweichler, die Zweifler, die Andersmeinenden, die Anderslautenden, die Äquidistanten, die Selbsternannten, die Faktenhuber und Besserwisser, die Denk- und Lesefähigen, die Harm- und Wehrlosen, die Dissentierenden, die Quer-…: Schert euch! Wer aber die Herrin angreift, dem verdorre die Hand und sein Mund fülle sich mit Aussatz, auf dass er gezeichnet sei für alle Zeit.
Warum das alles? Frage nicht … staune!

(10) Einsamer Alb

Pyramidentraum: Niemandes Alb zu sein. Wie man sich täuschen kann! Harmlos ist unsere Lehre (so scheint es). Mag sein, mag nicht sein. Vielleicht züchten wir Ungeheuer, die zu begreifen unser Vorstellungsvermögen übersteigt? Vielleicht ziehen wir Ungeheuer an Naivität heran? Ungeheuer an Unbedarftheit? An Verblendung? Wer soll das wissen!
Wir können es nicht wissen, wir können nur hoffen (nachdem das Beten außer Mode gekommen ist). Wir gleichen an Blindheit der Generation, die der August 1914 so unsanft aus den Federn riss. Eigentlich müssten alle Wecker schrillen. Stattdessen halten wir uns für Sehende. Wir haben einen Kult des Sehens rund um unsere Wissenschaftstempel errichtet. Was hier nicht ›erforscht‹ wurde, das existiert auch nicht. Es ist ›unwissenschaftlich‹. Also wird es nicht existieren … nicht für die aufkommende Generation. Diese Leute werden nichts besitzen als ihre Haltung: technischer Moralismus.
Wir lehren die unendliche Manipulationsfähigkeit des Menschen. Nicht mehr, nicht weniger. Und wir legen obendrauf: die unerschütterliche Überzeugung recht zu denken.
Wer in die Pyramide eintritt, legt die Skrupel ab, die auf die Dauer jede Überzeugung zu Fall bringen. Das heißt: den Geist der Skepsis, auf dem unsere Zivilisation gründet.
Vielleicht schicken wir gerade die dümmste Generation, die je existierte, auf Weltveränderungskurs.
(So schnell ist man mit seinen Gedanken allein. Das Wir stört.)

(9) Lupa in fabula

Gespräch mit H, einem Bewunderer von Franz Blei (den ich bis dato nicht kannte) über das Bestiarium als Speisekarte und Abziehbild. Man kann es so oder so lesen. Laut H gibt es zwei Weisen, den Menschen zu buchstabieren: Charakterologie und Pathologie. Die Tierwelt als ›gegebener‹ Spiegel der menschlichen Charaktere hat uns die Fabeln beschert, die doch nichts weiter sind als ein großes über die Gattung geschriebenes ›Cave!‹ Erkenne den Wolf, den Tiger, die Maus und die Schlange im Menschen, auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden! Die pathologische Sicht der Wissenschaft hat der Menschheit den Roman eingebrockt, der ihr nichts nützt, weil sie im Ernstfall doch die Therapie vorzieht. Im Roman genießt der menschliche Schwachsinn sich selbst. Auch das ist unendlich belehrend, wenngleich anders.
H, ganz Germanist, sieht in Freud den Romancier. Ich persönlich würde das Wort Scharlatan vorziehen. Ein sehr ernster Scharlatan. Es gibt auch seriöse Exemplare dieser Gattung. Jedem Wissenschaftler ist das geläufig.
Wie dem auch sei, die Fabel ist out, wie es aussieht, unter anderem deshalb, weil sie dem weiblichen Geschlecht wenig schmeichelt. Allzu ostentativ richtet sich die feministische Säuberung gegen das grammatische Geschlecht: In der Tierfabel gewinnt es nicht nur hin und wieder den Anschein des Wahren. Die emanzipatorische Wahrheit richtet sich gegen den essenziellen Gehalt der Fabeln, wie man am Beispiel des Wolfs vielleicht am deutlichsten sehen kann. Als weibliche Identifikationsfigur bietet der Wolf ein ebenso zerrissenes Bild wie der contra naturam (und damit gegen die Mehrzahl der Frauen, die sich in ihrem Geschlecht ganz wohl fühlt) wütende Feminismus II.
Hier verstummt das Gespräch (nicht zum ersten Mal).

(8) Was erlauben?

»Erlaubt ist, was sich ziemt«. Mit diesen Worten führt die Prinzessin Tasso ins höfische Leben ein. Das Ziemliche und das Unziemliche: Menschen sind für diese Unterscheidung in den Tod gegangen. Sie ist die Grundlage des aristokratischen Codes. Und gewiss begründet sie die Herrschaft der Frauen über die Männer, der Sitte über die Kraft – was wäre unziemlich, wenn nicht physische Überlegenheit, die sich breit macht. Insofern sind die Männer als solche das unziemliche Geschlecht (jedenfalls ihr heterosexueller Teil, der sich auf keine Opferrolle berufen kann).
Das 19. Jahrhundert hat Misstrauen gegen das Ziemliche gestreut. Für seine Vordenker markierte es den Eingang ins Labyrinth der Täuschungen und der kapitalen Lügen, auf denen Gesellschaft nun einmal beruht – in moralischer, aber natürlich auch in materieller Hinsicht. Man wird nicht zum Revolutionär, ohne das Ziemliche zu verletzen, erst recht kein Napoleon oder Ghandi. Die bürgerliche Revolution von 1789 war tendenziell frauenfeindlich … sie setzte die Moral gegen und über die Sitte.
Revolutionär war die Frauenemanzipation, solange sie sich gegen die Sitte auflehnte. Die neue Ziemlichkeit verfeinert die neue Aristokratie: dem digitalen Reichtum müssen Manieren beigebracht werden. Währenddessen mokieren sich die unteren zwei Drittel über das gespreizte Getue und den von ihm ausgehenden Zwang. Zu allem Überfluss gilt das neue Ziemliche in der Sprache als hässlich. Ein langes Leben verheißt ihm das nicht.

(7) Sprachpurgatorium

Abmachung: Ich läutere deine Sprache, du läuterst deine Gedanken. Ein Handel auf verminderte Gegenseitigkeit. Ein One-way-Ticket.
Wie geschieht Läuterung? Sie geschieht, was immer man dir einreden möchte, durch Gekreisch: »Du hast es wieder gesagt!« Was soll ich gesagt haben? »Tu das Wort da weg! Das Wort! Das Unwort!« Ach du Sch… Entschuldige, soll nicht wieder vorkommen. Das alles geschieht in Gesellschaft, also verbunden mit Sanktionen. Vom Unwort zum Unmenschen… – ein kleiner Schritt für die Society, ein großer für den Einzelnen, den es trifft.
Die Hemmungslosigkeit, mit der die Maschine ins Erwerbsleben eingreift. Ist das schon Faschismus? »Hilfe, du hast es wieder gesagt.« Bin ich jetzt draußen?
Der durch das Sprach-Purgatorium gewanderte Mann: Ist er geläutert? In welcher Hinsicht? Wie genau wirkt ein Tabu?
Ein Privatissime wäre bereits zu gefährlich.
Warum die Sprache? Warum immer und immer wieder die Sprache?
Verwechslung von Denken und Sprache: eine Erfolgsnummer für die einen, eine Lachnummer für die anderen. Bis ihnen das Lachen im Munde steckenbleibt.
Das alles macht zu schaffen.

(6) Völker, hört die Signale

Heute Promotionsausschuss. Es werden so lange Stipendien – ausschließlich – an Frauen vergeben, bis sie den ›Vorsprung‹ der Männer ausgeglichen haben. Das ist kein Witz, das ist Praxis. Klingt prima vista gerecht und bedeutet die größte Ungerechtigkeit von allen: Gleichgültigkeit gegenüber dem Talent (oder der Intelligenz, um es wissenschaftskonform-nüchtern auszudrücken).
Ich hatte mich vor der Sitzung kundig gemacht: In der Pyramide sitzen mehr junge Frauen als Männer auf den begehrten Nachwuchsstellen. Als ich die Zahlen verlas, unterbrach mich Agosch, das könne nicht sein. Kollege Agosch, der sonst so kluge… Er redete noch mancherlei, aber es drehte sich alles um den einen Punkt: dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Und wenn schon … das Beharren auf solchen ›Ungereimtheiten‹ wäre mit Sicherheit das falsche Signal. Sie scheuen die Vollzugsmeldung wie der Teufel das Weihwasser. Warum? Weil sonst die zugesagten Gelder futsch wären. Die Frauen am Tisch: mucksmäuschenstill.

(5) Ach wie so ungerecht

Soso. Ich soll also unterschreiben, dass ich mich künftig einer ›gendergerechten Sprache‹ befleißigen werde. War meine bisherige Sprache nicht gerecht? Darüber muss ich nachdenken. Ich weiß nicht, wie man es damit in anderen Fächern hält. Mir scheint, als hätte ich in meinem ganzen Berufsleben nichts anderes getan, als Gerechtigkeit zu üben. Gerechtigkeit gegenüber den gesellschaftlichen Kräften, den unterlegenen wie den obenauf befindlichen (vielleicht mit einem gewissen Übergewicht zugunsten der Schwachen, das ließe sich als Ungerechtigkeit interpretieren, aber es kam mir immer wie ausgleichende Gerechtigkeit vor). Gerechtigkeit gegenüber den ›faits sociaux‹, den berühmten Gegebenheiten, Gerechtigkeit gegenüber den Zeugnissen, Gerechtigkeit gegenüber der Forschung, gegenüber all den involvierten Damen und Herren, ohne die das Wort ›Gesellschaft‹ bloß ein feuchtes Nichts wäre. Das rechte Wort ist das passende.
Natürlich schert sich das Rektorat einen feuchten Kehricht um meine Skrupel. Es verlangt auch nicht, dass ich meine Sprache auf der Suche nach dem einen oder anderen Ungerechtigkeitswinzling durchkämme. Es will etwas durchdrücken, das nichts mit mir, meinem Fach und meinem moralischen Urteil zu tun hat. Das ist es. Diese ›Gerechtigkeit‹ hat mit dem moralischen Urteil nichts zu tun – nicht mit meinem, nicht mit dem der Kollegen, nicht mit dem aller Menschen, an deren Urteil mir gelegen ist (oder wäre, falls ich sie kennen würde). Es ist eine Null mit zwei Hörnern.

(4) Doublespeak

Die Öffentlichkeit fürchtend Öffentlichkeit suchen. Was zwingt zu diesem Spagat? Gute Frage. Meine Antwort wäre: Weil die Nahumgebung stets stickiger ist als die weitere. Jedenfalls kommt es einem so vor. Man öffnet ja auch kein Fenster, um die Luft hinaus-, sondern um sie hereinzulassen. Das gilt nicht zwingend für das private, aber unbedingt für das berufliche ›Umfeld‹. Je angespannter die ideologische Situation, desto stärker die jede Rede begleitende Unruhe, ›etwas‹ zu sagen, das sich nicht zurückholen lässt. Wer genau hinhört, der hört den doublespeak wispern und raunen. Wahrscheinlich haben die Geschlechter, wie jeder ordentliche Beruf, zu allen Zeiten ihren eigenen Code gepflegt, um sich abzugrenzen und dort, wo es nötig ist, abzuschirmen. Dass man dabei über weite Strecken das identische Vokabular benützt, lässt die Sache nicht durchsichtiger erscheinen. Man könnte von institutionalisierter Heuchelei reden. Aber ist es das? Sind wir alle Heuchler? Wir machen uns etwas vor, aber ebenso sehr macht es uns etwas vor. Wir sitzen gebannt vor dem Vorhang, hinter dem die gewünschten Aufschlüsse schlummern – wehe, einer weckt sie zur Unzeit!

(3) Ausnahmefrauen

Die kluge Hanna Arendt trifft, wie so oft, den Nagel auf den Knopf: »Der demoralisierenden Forderung, sich von dem eigenen Volke zu distanzieren, verband sich die nur verlogen zu realisierende Bedingung, anders und besser als alle anderen zu sein.« Was der Judenemanzipation zum Verhängnis wurde, wird auch der Frauenemanzipation nicht erspart bleiben. Entweder es emanzipieren sich die wenigen, deren Konstitution es ihnen erlaubt, sich in all die idealisierten Rollenbilder und Erwartungshorizonte einzupassen, die jetzt seit Jahrzehnten umlaufen, oder es emanzipieren sich die vielen und es siegt die Banalität der ganz alltäglichen Lüge, mehr und anders zu sein als man selbst. Man muss keine prophetischen Gaben besitzen um abzusehen, dass die Ausnahmefrauen unter all den falschen Emanzipierten schlechte Karten besitzen werden, weil sie den Anspruch aller auf jede beliebige gesellschaftliche Position durch ihr bloßes Auftreten in Frage stellen. Nun ist aber Intelligenz stets die Ausnahme… Das weitere kann sich jeder selbst zusammenreimen.

(2) Spitz und Knopf

Die Tyrannei der spitzen Finger und spitzen Worte baut auf Gewöhnung, sie korreliert mit Alltagserfahrungen, die keinem erspart bleiben und vom gesunden Gemüt weggewischt werden: ›Nickligkeiten‹. Nichtsdestoweniger handelt es sich um Tyrannei und wie jede Tyrannei neigt auch diese zur Maßlosigkeit oder ›Entgrenzung‹. Wie soll man demjenigen Grenzen setzen, das jede Grenze unterläuft? Schwierig. Besser, man tut so, als habe man nichts gehört und nichts gesehen. Wenn das Wegsehen in die Wissenschaft einfließt, verändern sich Stoff und Stil. Was zu verschmerzen wäre. Es läuft aber auf Stoffverengung hinaus, die Pyramide könnte ein Lied davon singen. Doch damit ist es nicht getan.

(1) Gendersprak

Ehrlich gesagt, ich wüsste nicht, was gegen das Wort ›Geschlechtersprache‹ sprechen sollte, es sei denn das ›schlechter‹, das in ihm steckt wie der sprichwörtliche Pfahl im Fleische. Sprache folgt keinem sozialen Geschlecht, sie besitzt ihre eigenen Geschlechter. ›Gender‹ kommt von lat. ›genus‹, und genera sind genau das, was die Sprache ihrem Benutzer bietet. Wenn jeder, wie vom Gesetzgeber vorgesehen, sein soziales Geschlecht nach Belieben wählt, dann darf er auch die Sprache nach Belieben verhunzen. Vielleicht ist das ja erwünscht, aber es geschieht ohnehin. Ansonsten biete ich jede Wette an: Niemand kann ›die Sprache‹ zerstören oder ›verhässlichen‹, bloß seine eigene und anhängender Trendnarren. Was die Bürokratie da treibt, dient eher der Selbstkarikierung als der Veränderung der Welt. Übel ist natürlich der Zwang, der auf Einzelne ausgeübt wird, aber er bleibt Zwang und erzeugt, jedenfalls auf Dauer, Gegendruck. Wer mir eine Sprache aufzwingt, der kommt mir definitiv zu nahe.