Das Fu-Inventar
A
Priv.-Doz. Sabine A
FuP
 
 

Ach Sabinchen.


Das Fu-Inventar ist eine offensichtlich von Iris, der Projektassistentin, geführte Kartei. Sie weist, ursprünglich wohl den labyrinthischen Bestimmungen des Datenschutzes geschuldet, ein paar Eigentümlichkeiten auf, die eine nicht ganz professionelle Handhabung erkennen lassen.
Zunächst zur Terminologie: ›FuP‹ heißt vermutlich ›Fu-Projekt-Proband(in)‹ oder, knapper, ›Fu-Partizipant‹ und bezeichnet damit wohl den Personenkreis, der aktiv die Dienste der VeränderBar in Anspruch nehmen konnte (und wohl auch in Anspruch genommen hat).
Relativ lax werden die akademischen Titel beziehungsweise Ränge behandelt. Dort geht es zu wie im wirklichen Leben. Unerbittliche Professorendarsteller zum Beispiel tragen den Titel, auch wenn sie in Strümpfen und Unterhose vor dem Betrachter stehen. Sympathieträger behalten ihr ursprüngliches Menschsein und gehen titelfrei baden. Vor- und Zunamen wechseln offenbar nach Belieben: Es scheint recht lax zugegangen zu sein in Rs kleiner Behörde.
Was nicht zuletzt Iris’ burschikoser Persönlichkeit geschuldet sein dürfte, deren Kommentare gelegentlich die Grenze zum Despektierlichen überschreiten. Die Funktion dieser Kommentare hat sich mir nicht wirklich erschlossen, es sei denn, man hält – warum eigentlich nicht? – lebhafte Anteilnahme am ›Projekt‹ und seinen Menschen für ein hinreichendes Tatmotiv.
Ich selbst, Guido Auerwald, zeichne für Kommentar und Stellenregister verantwortlich. – gui


Sabine A., die gute A., die es endlich geschafft hat und nun darauf vertraut, dass der Name ihr einen der vorderen Plätze beim weiteren Fortkommen sichert…

adelaide
Adelaide II
Professorin für
Aufmerksamkeitsphilologie 
 


Gattin Amenophis’ IV. – gui

Adelaide II mit dem schwer zu beschreibenden Aufmerksamkeitsblick: Ist sie Gast? Domina? Opfer männlicher Gewalt? Süße Last inmitten männlich dominierter Gefahrenzone?

Agosch
Professor Agosch
FuP
 
 

Joker.


Joker? Der Eintrag verrät, dass auch im ›Projekt‹ Spontaneität gelegentlich, sagen wir, gehandhabt werden muss. Schwamm drüber… Agosch, Agosch … was sagt der Name dem Leser? Vor meinem geistigen Auge erwächst ein Schönling und Frauenheld, angesiedelt im Niemandsland zwischen Machtmensch und Intrigant. Eine zwiespältige Gestalt. Wann immer die selbstverwaltete Universität einen Kollegen sucht, der bereit ist, einen Funktionsposten zu übernehmen, steht so ein Agosch bereit. »Verantwortlich für Lehre und Forschung« – das möchte er sein und wirklich, es kommt der Tag, an dem er die Aufgabe schultert. Es ist die Macht, die ihn reizt. Warum wird so ein Mensch Wissenschaftler? Warum geht er nicht dorthin, wo die wirklichen Machtkämpfe ausgetragen werden? Traut er sich’s nicht zu? Agosch ist und bleibt ein Sandkastenspieler, der den Mitspielern das Förmchen auf die Fingerchen schlägt. – gui

»Argloser redet nicht viel, aber er ist mit Agosch befreundet. Das sagt jetzt nicht viel, aber Agosch und Dürrobst sind einander spinnefeind.«

Ama
Ama (Anna Amalia Selbtritt)
FuP
Protokoll: 4-1, 4-2, 4-3

Lebt mit Mompti zusammen. Nur für den Ernstfall.


Ama die Künstlerin, Ama die Freundin, Ama die Feindin aus Ungenügen, aus Lust am Wechsel, die allnächtens zur Angststarre mutiert und tagsüber zur Spöttelei treibt, zur Spotterei und zum Spott, der in den Mundwinkeln zuckt, sobald ein Fremder sich einfindet.
Hasst Ama R? Wenn ja, warum? Das bleibt unklar. Eifersucht, Guido? Nicht ganz, eher Flucht. Flucht auf den Spuren von R. Auch das gibt’s. Ama, musa iocosa des annus mirabilis ’68, reif geworden und egoman: tödliche Dosis.

Aus Amas sentimentalem Gepäck:

Hurry up with a whisper
Hurry up with the loon
Hurry up in the daylight
Hurry up to the moon

Das mit dem Mond ist, wie manches mehr an ihr, nicht ganz ernst zu nehmen. Ama, die Bodenständigste von allen, hat ihre ländliche Familie im Herzen nie verlassen. Falls doch, ist sie früher zu ihr zurückgekehrt, als andere ihres Schlages sich von der eigenen lösen konnten. – gui


Sexuell geschäftsfähig geworden ist Anna Amalia Selbtritt, genannt Ama, in den sechziger Jahren ihres Jahrhunderts.

Amenophis IV.
Amenophis IV.


Der Mann, der die Erinnerung neu erfand (und nebenher Adelaide II, seine Frau). – gui


Amenophis IV., geboren, sich zum Herrn über das Gedächtnis aufzuwerfen, ein Muster an Umsicht, gesegnet mit der Schlangenklugheit der Pharaonen....

Anita
Anita
FuP

Nichts habe ich geahnt, geschweige denn gewusst. Wenn alle Vergangenheit plötzlich vergiftet ist, scheint so eine Aussage wichtig zu sein. Dabei ist sie doch nur eine Behauptung, so gut wie all die anderen, die man im Lauf des Lebens abgegeben und entgegengenommen hat, wer mag sich daran erinnern. Kann, was die Erinnerung durchatmet, von ihr getrennt sein? Nicht wirklich, sagt der Verstand, nicht wirklich. Du hast dich täuschen lassen, aber du hast dich auch selbst getäuscht, du wolltest dich täuschen lassen, das ist der Punkt. Andernfalls hätten dich tausend Kleinigkeiten darüber aufgeklärt, wie die Dinge stehen. Jetzt gibst du den Fu-Hanrei, den schuldhaft unschuldigen Gehörnten. Wie lächerlich ist das denn? Kann, wer nichts gewusst hat, ohne Schuld sein? Anita lebt im Fluss der Zeit wie ich auch, wir sind so auseinander, wie wir immer zusammen waren: zusammen auseinander. Oder aus/einander zusammen. So ein Schrägstrich eint, ohne zu vereinen; er vereint in einer Figur, die den Schmerz bekundet, zugleich auseinander und aus einander leben zu müssen. Er ist das Emblem der Epoche. Auch dieser unerhörte Schmerz lässt einmal nach. – gui

Erst schwach, dann kräftiger, entfernt einem Hologramm zu vergleichen, erschien mit den ersten Silben die Szene: eine Frau, meine Frau (um einige Jahre jünger, wie ich nicht ohne Neugier registrierte) saß etwas vornübergebeugt in einem Strandkorb, sie lehnte die rechte Schläfe gegen das Rohrgeflecht und hielt beide Hände auf ihrem Schoß.

Anita oder Die Häuslichkeit

Anton
Anton
FuP

Tronka-Kreis. Blutspender. Religiös infiziert. Dabei gutmütig. Vorsicht!


Anton betritt mein Gedächtnis, so wie er es verlässt: hünenhaft, muskulös, dabei kraftlos, unfähig, die Dinge des Lebens zu gestalten. Doch heute sehe ich: diese Erinnerung ist falsch. Anton ist zum Leiden prädestiniert. Er leidet extrem. Gäbe es dergleichen, so gehörte er zu den Ikonen des Leidens am Krieg der Geschlechter, Abteilung ›Beziehungkampf‹. Seine war kurz, extrem kurz, er ist als Vater daraus hervorgegangen. Die Tochter, deren Vater er nicht sein darf, erspart es ihm, der Heilige zu werden, der er gern geworden wäre, denn wie keine andere leuchtet ihm diese Lebensform ein. Dass die studentischen Freunde ihm den Wunsch als Marotte durchgehen lassen: gerade darin findet er das Falsche dieser Freundschaften, die eingegangen zu sein er aus tiefstem Herzen bedauert. Im Fu-Projekt will er, nehme ich an, Beziehung lernen. Schade bloß, dass gerade das sich nicht lernt. – gui

Anton seufzt, dann wird er munter: ›Privilegien, ja! Wer hat hier Privilegien? Kann mir einer was davon abgeben?‹

Anton zum Beispiel, ein fast hünenhaft zu nennender junger Mann mit einem Körper, dessen unbekümmertes Muskelspiel ganz andere Lebensoptionen denkbar erscheinen ließ, hatte sich in einer sperrigen Distanz zur Theologie eingerichtet, die nach menschlichem Ermessen geradewegs in den erstaunlicherweise durch die Wahl des Studienfachs verweigerten Dienst an der Schöpfung münden musste.

Argloser
Professor Argloser
Soziologe, Projektfeind

Noch einer.


Dass R über Argloser staunt, wundert mich nicht. Für Argloser sind die Vorgänge in der Fakultät das Buch mit den sieben Siegeln. Er kann nicht begreifen, wovon diese Menschen reden. Zur Not begreift er, dass sie mit Argumenten feilschen. Aber die Argumente sind falsch. Sie sind unvollständig, verdreht, es mangelt ihnen an Konsequenz und sie werden fallen gelassen, sobald sie zu einer Lösung führen könnten, die unerwünscht ist. Argloser repräsentiert dieses Denken, das keines ist, in Reinkultur. Selbst in seinen wissenschaftlichen Schriften kann er sich nicht davon lösen. Er feilscht auch dort und es bleibt für den Außenstehenden unerfindlich, was er dabei herausbekommt. Warum bekämpft er das Fu-Projekt? Ich vermute: weil es konsequent ist oder zu sein vorgibt. Es will eine Sache, die seit fast zweihundert Jahren schwelt, zum Abschluss bringen. Da gilt es beherzt in die Speichen zu greifen. – gui

Argloser, der Listenreiche, gibt sich im Kollegenkreis gern zerstreut, uninformiert, manche sagen auch: vertrottelt, der Ruf eines Intriganten geht ihm voran, ohne dass ein Vorfall bekannt geworden wäre, der diese Zuschreibung rechtfertigte.

›Sie wollen Tote erwecken, mein junger Freund?‹

Argloser schreibt

Asche-Aigner
Professor*in Annabell Asche-Aigner
Historikerin, Projektfeindin

Und dann und wann ein weißer Elefant. Cave!


Ich bin den Asche-Aigners dieser Welt an den verschiedensten Orten begegnet und fand sie immer gleich: ungenießbar.
Andere mögen andere Erfahrungen mit diesem Typus verbinden und wieder andere wieder andere. Wie dem auch sei, für mich ist Asche-Aigner die Person, die sich zu Unrecht gemeint weiß. Ich weiß, kein Mensch besitzt einen Anspruch darauf, sich rechtens gemeint zu wissen, es ist ein herzzerreißendes Unrecht, dem Mitmenschen das Gemeintsein vorzuenthalten, aber, Hand aufs Herz, jeder kennt den menschlichen Vorbehalt, er ist tief in unserer limbischen Natur verankert und keiner kommt dagegen an.
Wie verhält sich ein Mensch, der sich zu Unrecht gemeint weiß? Er drängt sich auf. Asche-Aigner ist die aufdringliche Person aus dem Volkstheater, Auftritt von rechts. Auch damit lassen sich Karriereleitern erklimmen.
Das offenbare Geheimnis, mit Goethe zu reden, der Asche-Aigners ist ihr Geschlecht. Andere mögen damit im Laufe ihrer Karriere Probleme bekommen, bei ihr bekommt jeder Probleme, der den Anspruch ihres Geschlechts, vornean zu stehen, auf die leiseste Weise in Frage stellt. Das Geschlecht ist in ihr sozusagen dröhnend geworden und treibt die Walze an, vor der jeder flieht.
Wenn selbst Iris flieht, ist es Zeit, den Blick zu senken.
Natürlich ist sie Rs Feindin. – gui


Annabell Asche-Aigner, die Neue, setzt in puncto Zuständigkeit neue Maßstäbe, sie mischt überall mit.

Bäckersfrau
Bäckersfrau

Reife Schönheit, Hiero zugetan.


Hier wird’s kriminell. Hat das Team R Hieros Jugenderinnerung nachspioniert? Andererseits: sexuell konnotiert ist sie schon. Reicht das aus, um in den Kreis des ›Projekts‹ aufgenommen und archivarisch erfasst zu werden?
Einerseits andererseits … Iris ist eine Plaudertasche, die Männern wie Hiero die Würmer aus der Nase zieht. Wohin mit der Info? Das war hier wohl die Frage.
Hand aufs Herz: mir ging es im Grunde nicht anders. – gui

Die Bäckersfrau, mit der er sich gern unterhielt – sie glühte immer ein wenig, als käme sie frisch aus dem Backofen –, nannte das eine Jesusfrisur und lächelte vielsagend dazu.

Bartosz
Professor Bartosz

Weltphilosoph. Reden über ihn hebt die Stimmung.


Es gibt Stunden, da holt Kollege Reinmeier seinen Bartosz heraus, putzt sich die Brillengläser und beginnt zu lesen. Drei Sätze nur und er ist wieder im Rhythmus, dem eckig, ruck-zuck und dabei so geschmeidig sich wälzenden Strom von Undurchdachtem, Verdautem, Unverdautem, Verschrobenem und Gestemmtem. Er liest nicht lange und er hält inne, die Erinnerungen haben ihn überwältigt, es glänzt die Backe und eine Träne läuft darüber hin, als wollte sie sagen: Was soll ich tun? – Und wirklich, was sollte sie tun? Eine Träne dem Universum, der brodelnden Materie, dem prometheischen Feuer und der Mission: Er war der letzte, der sie seinen Deutschen entlockte, der sie ihnen entrang oder entriss, ja, entriss, das wird es sein, denn eigentlich war, was da stand, komisch – es war schon immer komisch, nur heiter, das war es nie. Schrecklich dagegen der gütige Apologet des ›schon immer‹, der hinauswatete, wo dieser unterging. Dass der sozialistische Held eines Tages sogar den Tod besiegt, das Skandalon – diese Große Marotte des Denkers sagt viel, wenngleich nicht alles. Immerhin verdeckt sie den Käfig, in dem der Unsterbliche sitzt, abgewandt, bleich, mit erloschenen Augen angesichts all der Tode, die aufgewandt wurden, um ihn für eine Weltsekunde hervorzubringen – ein Untoter unter seinesgleichen, ein Toter unter Toten und Lebenden. Zwischen diesen da und das All passte nichts als eine Trompete. – gui

Bartosz hingegen, hübsch untergefasst, von zwei engelgleichen Assistentinnen fast hereingetragen, Blondinen natürlich, den Riesenschädel flach auf die kläglichen Schultern gelegt, als sei er das, möglicherweise verkehrt herum, wieder aufgesetzte Haupt des Johannes: ist irreal.

Blowasser
Professor Ernesto Blowasser
Gutachter
 
 

Will überzeugt werden. Immer. Selten überzeugt, dabei harmlos.


Blowasser, das ist: der Mann, der im Leben alles richtig gemacht hat. Seine Frau gehört, selbstverständlich in leitender Position, jener Brüsseler Riesenbehörde an, die in jahrzehntelanger akribischer Kleinarbeit den Durchschnitts-Europäern zu einem neuen Lebensgefühl und einer neuen Umwelt verhalf – eine elegante Porzellanfigur mit unverwüstlichem Dauerlächeln und perfekten, gelegentlich durch Hast verunzierten Manieren, die ihn, wann immer sich eine Gelegenheit bietet, ›chéri‹ nennt (was ihm prompt bei ihren in geistiger Hinsicht etwas schlichter gestrickten Kollegen den Spitznamen ›Mon Chéri‹ beschert hat): man sieht sich, man versteht sich, wenngleich eher knapp, denn Zeit, das wissen beide, ist ein eng bemessenes Gut. Er selbst hat, nach allerlei Fehlschlägen, den Ruf in die Pyramide ergattert, böse Zungen behaupten erbettelt, er war ihm enorm wichtig, um gegenüber Elviras Kollegen und Vorgesetzten zu punkten, was dann auch, wie so häufig in diesen Dingen, gelang, ohne zu gelingen.

In der Zeitfalle: so ließe sich Blowassers Lage beschreiben. Er selbst kann, was den Faktor Zeit angeht, sich nicht entscheiden, ob er sie als kostbar oder als Hölle auf Erden ansieht. Tronka, mit dem ›es‹ eines Nachts ›passiert‹, wundert sich darüber, wie abrupt Blowasser aus einem Modus in den anderen wechselt, aber er nimmt es, ein Geschlagener, als Philosoph.
Blowasser ist auf vielerlei Weise mit den Geschicken der Pyramide verbunden. Er gilt, erstaunlich genug, als ›Außenseiter‹ (obgleich ihn der Rektor hin und wieder mit einer verschwiegenen Mission betraut, ihm also offenkundig vertraut), als ›Pirscher‹, weil er das treibt, was alle treiben: nach Reputation streben – das Motiv ist ihm vielleicht, durch seine Brüsseler Erfahrungen bedingt, etwas zu sehr in die Seele gebrannt, aber was wissen die anderen von seiner Seele? Nein, er hat, vielleicht als einziger, den ›Geist‹ der Pyramide – diese Gemengelage aus gesellschaftlich eingeschliffener Fortschrittslüsternheit und hemmungslosem Elitär-Konformismus – von Grund auf begriffen und ist zu feige, um offen gegen ihn aufzubegehren, aber zu rege, um sein Wissen fest in sich zu verschließen.
Blowasser ist ein Chamäleon.


Tronka und Blowasser empfinden Sympathie füreinander

Blowasser, der Mann ohne Rückgrat, hat in diesen Frühsommertagen Konjunktur.

Wenn ich mich in der Pyramide bewege, bin ich ein archaischer Mensch.

American Gulag

Dassler
Professor Dassler

Dassler und Leckebusch: Institutsherrscher. Old school.


R betrachtet Dassler aus der Ferne, wie ein Monument, dessen Schattenwurf die wahren Proportionen verzerrt. Dieses Monument ist, wie ich aus der Nähe erfahren durfte, nur zum Teil Dasslers Werk. Es ist ein Produkt der seminariellen Enge, die ihn zur Überlebensgröße aufquellen lässt, als sei gerade ihm bestimmt, jeden Winkel des knappen Raumes auszufüllen – weniger durch seine ungewöhnliche Gegenwart als durch seine noch ungewöhnlichere Abwesenheit. Im Institutsalltag ist dazzling Dassler nur schwer erreichbar. Die Klagen von Studenten und Mitarbeitern über seine mangelnde Greifbarkeit füllen den Raum und erschaffen das Wahngebilde des Philosophen ex tempore.
Dasslers Satz, der das alles ermöglicht, die Philosophen hätten noch gar nicht begriffen, wie ihre klassischen Texte zu lesen wären, rumort in den Köpfen von zwei, drei Studentengenerationen, um jene tabula rasa zu schaffen, auf der die eigenen Denkübungen sich wie die ersten stürmischen Schritte der ersehnten neuen Philosophie ausnehmen. Eitelkeit, verbunden mit Herrschaftsallüren, zerstört sein Verhältnis zu den beiden mutmaßlichen Fachgrößen, die er auf die Spur gesetzt hat: Tronka, dem Leckebusch-Assistenten, der seinen Vorgesetzten verachtet und Dassler schmäht, aber für seine kühle Eleganz bewundert, vor allem jedoch Kypras, dem Athener Leibphilosophen gewisser konservativer Kreise im Lande. – gui

»Den Dassler halte ich persönlich für einen Blender. Hast du mal gesehen, wie er auf dem Höhepunkt seiner Suada das Taschentuch rausholt?«

Von dieser Leidenschaft weiß Dassler nichts, dennoch überlegt Hiero manchmal, wie es wäre, wenn er plötzlich hereingeschneit käme, das Anachoretenlächeln im Gesicht, das ihn nie verlässt – früh erworbene Maske und Vorteil, wohin man sieht.

Dassler bestreitet seine halbe Vorlesung mit einer ausgiebigen Analyse der Einleitung.

Nur als Dassler ihn beiläufig fragt, ob man Fichtes berühmtes Ich=Ich noch in einem anderen als dem soeben referierten Sinn verstehen könne, da blitzt es in ihm auf, und er antwortet so unbedacht, dass es ihn fast die Note kostet: »Das wahre Ich ist das dritte.«

Dowil
Herr Dowil
FuP

Brötchenholer bei Friedenwanger.


Herr Dowil! Mühsam habe ich ihn aus Rennertz’ Manuskript herausbuchstabiert. Wann immer ich versuche, diese Figur zu fassen, fällt sie in den Text zurück und trübt ihre Umgebung bis zur Unkenntlichkeit ein. Ein Tintenfisch? Vielleicht. Woher meine instinktive Abneigung? Ich finde, einer wie er hat an einem Ort des Geistes nichts verloren. Warum findet man gerade dort seinesgleichen? Das Rätsel der modernen Universität lüftet sich an solchen Figuren. Es knüpft sich an einfache Motive wie Dabeisein, Dabeibleiben. Das Unfertige, hier wird’s Ereignis. Die Dowils dieser Welt werden niemals fertig. Deshalb scheiden sie auch niemals aus. Sie bleiben, bis eine Lücke sich zeigt, in die sie hineinpassen, und siehe da, es ist der Fahrstuhl nach oben. So einfach ist das. Oben angekommen, sind sie … fertig. Sie haben die Endposition erreicht und reisen auf Kongresse, mit nichts im Gepäck als ihrem neuesten Vortrag. Ihre beliebteste Phrase lautet: »Ich komme zurück.« Eine Drohung? Keiner weiß es, keiner will es wissen. Ganz recht, es ist eine Phrase. – gui

Ophoff, Dowil, Nassen: Sie wetteifern miteinander, die professorale Aufmerksamkeit durch kleine Berichte aus der Küchenzone des Instituts zu erregen.

Dürrobst
Professor Dürrobst
Gutachter

Erziehungswissenschaftler. Gegenspieler Friedenwangers.


Auch wenn R ihn so wahrnimmt… mir scheint Dürrobst kein Feind des Projekts zu sein. Einer wie er will die Hände im Spiel haben – immer und überall. Vermutlich hat R ihm gegenüber ein gewisses Wahrnehmungsdefizit, ja, es ließe sich behaupten, Dürrobst bleibt für ihn unerkennbar. Aus schierer Not zieht er Friedenwanger heran, für dessen Typus er ein geradezu krankhaftes Sensorium besitzt. Aus seinen Zügen leitet er Dürrobst ab.
Hölzchens ›Hab’s deduziert!‹ könnte über all diesen Passagen stehen. Vielleicht existiert Dürrobst gar nicht und R benützt diese Figur, um seinen Schwierigkeiten einen Namen zu geben. Dann wäre Dürrobst im Projekt so etwas wie die unsichtbare Hand der ’68er, soweit sie Karriere gemacht und allerorten die Hand im Spiel haben, ohne dass der Zusammenhang jemals zutage getreten wäre, weil sie, ihrer eigenen Aussage nach, ›gelernt‹ haben. In gewisser Weise lässt sich nicht mehr über sie sagen als das: sie haben ›gelernt‹.
Gerade das zeichnet diese Personengruppe aus. Doch wie jedermann weiß (oder wissen könnte), fordert das Lernen der Erwachsenen einen Preis. Es verschleiert früh erworbene Dispositionen, so dass sie ihr Unwesen blind zu treiben vermögen. It’s been a hard day’s night. Vielleicht geht der Eindruck auch nur von Dürrobsts Äußerem aus, so wie R es beschreibt (falls er es nicht, wie alles andere, erfindet): die zur Schau gestellten Pfeifenputzer, die Pfeife selbst im Dauereinsatz, das verkrümelte Jackett, die ganze verkrümelte, dabei unbeugsame Erscheinung sind offenkundig Reminiszenz. Kollege Dürrobst: ein Brocken erkalteteter Lava auf einem Vulkanhang, hin und wieder hört man den Berg rumoren, die Lava gibt sich erwärmt und kommt scheinbar in Fahrt, denn es herrscht Sonnenschein, doch alles ist eitel Trug und Vergängnis. – gui

Kollege Dürrobst zum Beispiel, das Pfeifchen im Mundwinkel, ergreift das Wort mit gravitätischer Ruhe, die stets Unruhe schürt.

Ceci n’est pas une pipe

Dürrobst fordert eine Evaluation

Duro
Claudio Duro
Gutachter

Literaturwissenschaftler. Freund und Mentor.


Taschenfigur: von R aus der Hosentasche gezaubert, auf den Tisch gestellt und befingert, bis nichts von ihr übrig bleibt als diese schäbige kleine Person, die es keinem recht machen kann (außer vielleicht der Frau, die aus allem hervorlugt, aber nirgendwo vorkommt). Duro der Dauerempörte mit der sanften Stimme und den großbürgerlichen Manieren, die plötzlich von ihm abfallen können, der einzig wahre Duro, wofür steht so einer? Er steht … nun, er steht im Bann eines übermächtigen Vaters, sein ist die lebenslange vergebliche Auflehnung gegen ein trübes Geschick und R spielt die eiserne Faust, die den Aufrührer lenkt. So einfach darf Küchenpsychologie sein (gelegentlich). – gui

Da runzelt der Literaturwissenschaftler Duro die Stirn und sein Blick geht unsagbar blau über die Unsagbarkeit hinweg, die einen Moment lang den Raum verdunkelte…

Das ist, unverkennbar, Duros Stimme. Lobbock ignoriert ihn, wie in Ewigkeit, so auch jetzt.

»Leipzig, wo liegt das?«, erwiderte er einem Mitarbeiter, der gerade aus der Heldenstadt zurückkam und seinen Bericht loswerden wollte. »In Polen?«

Eike
Eike B
Projektassistent

Tronka-Kreis.


Bei Eikes Person gehen unsere Wahrnehmungen auseinander. R zeichnet ihn als Mann des Ressentiments, als religiös verfeinerten Moralisten mit tückischen Neigungen, als Heuchler und Selbstverhinderer, kurz: als den falschen Freund, wie er im Buche steht. Warum hat er ihn überhaupt eingestellt? Aus meiner Sicht kann die Antwort eigentlich nur lauten: Sie kannten einander nicht. Kannte ich Eike besser?
Mag sein, mag nicht sein.
Ich sollte R also dankbar sein, dass er mir wenigstens posthum die Augen geöffnet hat. Aber um welchen Preis? Lange Zeit glaubte ich mich Eike ähnlich verbunden wie Hiero. Ich hätte nicht angestanden, ihn einen engen Freund zu nennen. Ich fand ihn ehrlich, bis ich ihn ›anders‹ fand. Das hat mich eine Zeitlang sehr beschäftigt.
Die Praxis lehrt uns, dass Menschen in wechselnden Umgebungen unterschiedliche Identitäten vorhalten. Das sich einfügende Individuum verfügt über ein gewisses Arsenal an Masken. Daran ist eigentlich nichts Erwähnenswertes. Aber es erstaunt jedes Mal wieder zu sehen, was zum Vorschein kommt, sobald ein vertrautes Gesicht verrutscht und darunter ein zweites, womöglich noch ein drittes sich blicken lässt. Man erschrickt vor dem Wirklichkeitsspalt und zieht sich von der Person zurück, in der sich die Drehtür zufällig aufgetan hat. – gui

Recht besehen, handelte es sich um keinen Fall, höchstens um eine Falle, genau genommen um einen Denkzettel für die sträfliche Einfalt, mit der er und Eike in dessen klapprigem R 4, an dem immer irgendein Birnchen streikte, in eine nächtliche Straßenkontrolle getrudelt waren.

Eike ist kein Mann des Entwurfs, sondern der Gelegenheit, auf die er im langen und zähen Tropfen der Zeit lauert. Ein Reptil.


»Was wollen Sie dort?« scheint sein Blick zu fragen, gibt ihm einer Paroli, den es, Eike B z.B., zur Skepsis zieht oder zur Theologie.

Warum absolut, könnte Student Eike fragen, absolute Freiheit ist ein Nichts im Wüstensand, heute verdurstet, morgen vertrocknet, übermorgen verwest.

Eike B, der klassische Fall eines Studiums aus gespaltener Motivation.

Eikes Gesetz

Das Unsägliche hat viele Gesichter, aber es bleibt gesichtslos

Einhart
Einhart
FuP

Assistent bei Leckebusch.


Der Mann, der nie in Erscheinung tritt. Das war der Fall in der Welt, die ich bewohnte, das scheint in Rs Universum nicht anders gewesen zu sein. Die Beschäftigung mit Aristoteles hat ihn nach Oxford geführt und die Beschäftigung mit dem sprachanalytischen Zweig seines Fachs sollte ihn, so wird man wohl sagen müssen, geistig und gesellschaftlich sedieren. Nicht dass hier ein stürmischer Geist gebändigt werden musste, das gewiss nicht, aber diese gedankenhelle Abstinenz in allen wesentlichen Fragen der Zeit musste erzeugt werden: durch edlen Wettstreit, wie er hellenischen Jünglingen einst nachgesagt wurde.
Nur hatte Einhart, als ich ihn kennenlernte, seiner perfekten Beherrschung des Altgriechischen zum Trotz, nichts Hellenisches an sich. Eher entsprach er dem Typ des Sauerländers: zurückhaltend, nüchtern in allen Lebensfragen, keineswegs unkritisch. Bloß mit den Häuptern der von ihm gewählten philosophischen Schule hielt er es anders. Sollte es eine analytische Form der Demut geben, so zeigte sie sich hier. Vielleicht wird Denken kraftlos, sobald es die vorgezeichneten Ränder berührt. Ein Glaubensakt ist nicht vonnöten, falls ihn die Lehre nicht ausdrücklich vorschreibt. »Glauben, wie meinen Sie das?« Mit Fragen dieses Typus verrät sich der gefügige Intellekt.
Ich erinnere mich an ein Gespräch über Träume. Ich erzählte ihm, ich habe irgendetwas zu träumen geträumt und er bestritt, dass dergleichen möglich sei. »Ein Traum über einen Traum? Ausgeschlossen. Träumen zu träumen: das geht nicht.«
Geht wachend zu denken, man wache? – gui

»›Sehr einfach. Falls Sie über den Begriff der Episteme bei Platon geschrieben haben, dann heißen Sie Einhart und vermutlich hört Ihr Kollege hier auf den Namen Tronka.‹«

»Doch bestanden Verbindungslinien nach draußen, die man leicht übersah. Sie leuchteten auf, wenn etwa Tronkas Kollege Einhart seine Parteiarbeit bei den Grünen ›durchaus philosophisch vertreten‹ konnte...«

Elisabeth
Elisabeth Schöneisen-Leckebusch
FuP

Leckebuschs erste Frau. Guidos und Rs Geliebte.


Über mein Verhältnis zu Elisabeth gibt Das Ungelebte hinreichend Auskunft. Dass sie Rennertz’ Geliebte war, vermutete ich, dass und wie stark sie in das Projekt verstrickt war, konnte ich vor der Lektüre des Manuskripts nicht ahnen. Wobei ich auch weiterhin auf Mutmaßungen angewiesen bin. Denn Rs Verfahren, Menschen und Ereignisse zu kommentieren statt von ihnen zu erzählen, lässt die Verläufe (absichtlich?) im Dunkeln. Zum Beispiel habe ich nicht begriffen, wann er die Leckebuschs kennenlernte. Es muss deutlich vor meiner Zeit gewesen sein. Umso erstaunlicher, dass er sie unbefangen in sein Programm aufnimmt. Andererseits hat sich mir nie erschlossen, seit wann das Projekt existiert. Schon die Frage, wann R Pyramidenbewohner wurde, wüsste ich nicht zu beantworten. Das alles bleibt, gelinde gesagt, nebelhaft. Die Pyramide selbst gewinnt bei näherem Zusehen etwas Zeitloses, wenn man davon absieht, dass ihr ›Auftrag‹ vage den Gründungszeitraum umreißt. Schemenhaft vollzieht sich alles Leben in ihr, an den Rändern von Zeit und Raum. Ja sicher, auch der Raum entgrenzt sich, sobald einer von ihr geschluckt wurde, und lässt jene diffuse Raumzeit entstehen, in der Konzepte, nicht Menschen den Gang der Ereignisse bestimmen. – gui

»Später, als ich Elisabeth besser kannte, wollte ich wissen, was sie zu der kleinen Komödie bewogen hatte, aber sie wiegelte ab und sagte bloß – da war ich noch auf der harmlosen Seite –, wenn man einen bedeutenden Menschen wie Rennertz persönlich kenne, dann sei man es sich und ihm schuldig, ein wenig zu schauspielern.«

»Mein eigenes Bemühen fiel mir ein, es Elisabeth recht zu machen und dadurch unser Verhältnis zu retten.«


»Dann und wann bewegt ihn Gattin Elisabeth zu einem Theater­besuch.«


Elisabeth oder Die Selbsterhaltung

Elisabeth möchte dem Fu-Projekt beitreten und weiß nicht wie

Herr und Frau Leckebusch stellen sich dem Versuch

Embede
Embede
FuP

Embede, Warbede, Wilbede: Die starke Truppe.


Keine Ahnung, wie R & Co. es anstellten: diese Drei scheinen aufs Geratewohl von der Straße geholt und in die Namen der drei ursprünglich keltischen Nornen des Wormser Reliefs gestopft – Jungfrauen in jenem erweiterten Sinn, der dem Mittelalter sehr gegenwärtig war und seither von Generation zu Generation aufs Neue entdeckt werden muss.

Barbara mit dem Turm,
Margarete mit dem Wurm,
Katharina mit dem Radel
das sind die drei heiligen Madel!

Warum fides, spes, caritas – Glaube, Hoffnung, Liebe? Meine unmaßgebliche Deutung lautet: Ohne die vom Christentum eingepflegten Grundwerte stockte der Gang der Geschichte. Diese drei aber machen Geschichte, halleluja. In ihren losen Reden blitzt das Sichelrad, dessen Speichen niemand sich naht, der mit dem Leben davonkommen will.
Der Feminismus der Straße kennt keinen Stillstand, er kennt keine Erfüllung, er ist voll der selbstverordneten Gnade, solange das Rad sich dreht. Was wäre der Glaube ans selbstgewirkte Geschlecht ohne die Hoffnung, es könne sich in Liebe erfüllen? Wenig bis nichts. Andererseits: Was wäre Selbstliebe ohne die Hoffnung, sich im Geschlecht zu erfüllen? Oder, um das Dreigestirn der karnevalistischen Blasphemien voll zu machen: No hope no zaster. Love it! – gui


Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – setzen sich in Bewegung

Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – entdecken die Kraft der Negation

Das religiöse Herz meldet sich zurück

Friedenwanger
Professor Friedenwanger

Besitzt die Gabe, Vergangenheit in Zukunft zu wandeln.
Sein Motto: »Wir haben das geschafft.« Versager im großen Stil.
R: Dasein heißt eine Rolle spielen. Friedenwangers ist groß und mies.
Anonymus zu E: »L sagt: Ich bin heute morgen einem Stück Scheiße begegnet.« (unbrauchbar, zensiert).
Intrigant.


Einmal begegnete ich Friedenwanger im Hause Leckebusch. Es wäre zu wenig, wenn ich behauptete, er sei mir vertrauenswürdig erschienen. Der Mann kam mir vor wie die Vertrauenswürdigkeit in Person, a trustworthy man, mit dem sich das Pferdestehlen bloß deshalb verbietet, weil es so tief unter seiner Sphäre siedelt.
Alles an Friedenwanger atmete Seriosität, wenngleich nicht immer vom Feinsten. Gelegentlich trat ein Ausdruck von Schläue in sein Gesicht. Doch um Anstoß zu nehmen musste man Friedenwanger wohl bereits im Visier haben. Und nicht genug der physiognomischen Spiele: im Gespräch vermittelte ganz derselbe mimische Ausdruck die Empfindung plötzlicher Nähe und ließ den Träger anrührend menschlich erscheinen.
Die Maske der Seriösen erweckt nur bei denen Zutrauen, die nicht wissen, für welche Praktiken sie steht. Ich gebe Iris (übrigens auch R, der Friedenwanger ohne Gnade zensiert) bedingungslos Recht. Nur das christliche Gewissen streut Zweifel: Wer verfügt schon über das Recht, einen Menschen so zu verwerfen? Bedarf es dazu nicht auch eines Friedenwanger? Muss einer erst werden wie er, um einem wie ihm standzuhalten? – Alt ist die Frage und stellt sich im Herzen stets neu. – gui


Dürrobsts (Intim-?)Feind, politisch gesprochen, und Stellvertreter heißt Eberhard Friedenwanger...

Den ganzen Friedenwanger kennt keiner, doch das hier ist Friedenwanger ganz

Friedenwanger, ein Bein lässig über das andere geschlagen, schneidet ihm lachend das Wort ab: ein wenig Missachtung habe noch keinem geschadet. Und überhaupt.

Gaggauer
Gaggauer

Unser Bibliotheksreferent.


Ein schlanker, stiller, sich gleichsam gleitenden Fußes bewegender Mann, wie geschaffen, im Weltreich der Bücher die Planstelle des Aufsehers auszufüllen, der für sich selbst keinen Platz beansprucht: also kein Peitschenschwinger, kein sadistischer Antreiber, sondern ein lächelnder Formularausfüller – und trotzdem auf seine Art unerbittlich, die Wünsche der regierenden Institutsfürsten devot entgegennehmend und auf der Schwelle vergessend, über die er sein Büro betritt: so stelle ich mir Gaggauer vor. Zu Recht, zu Unrecht? Wer spricht vom Rechthaben!
Man betrachte Gaggauer als Unikum. Die Riesenbibliothek der Pyramide ist seine Schöpfung. Auch ihr wohnt eine Tendenz inne, sie schlummert in ihr und wenn sie erwacht, zeigt die Welt – die äußere, äußerst handfeste Welt – über Nacht ein anderes Gesicht. Ein strategisch denkender Mensch dieses Kalibers kann nur ungewöhnlich sein. – gui


Der Einwurf stammt von Gaggauer, dem netten Gaggauer, der immer vorbeikommt, wenn keiner ihn braucht.

Gobelin-Trocken
Herta Gobelin-Trocken
Genderprofessorin

Acsche-Aigners Intimfeindin


Siehe Asche-Aigner – gui


Herta Gobelin-Trocken, ein Rätsel für Fachfremde, Schlüssel, der überall schließt, wo Asche-Aigner draufsteht…

Großer Denunziant
Großer Denunziant

Absolute Prominenz (AP). Vertreter der Frankfurt School of Revealed Humanities.


Einige Ratgeber geben hinter der hohlen Hand zu verstehen, der Große Denunziant sei kein Mensch, sondern ein Produkt der Willkür, zusammengeschraubt aus zwei entgegengesetzten Erfahrungen und dem Willen, sie zu beherrschen. Andere erkennen in seinem Porträt den menschlichsten aller Menschen, den göttlichen Menschen, den Übermenschen, wieder andere den unwiderleglichen Führer in den verwickelten Angelegenheiten des Geistes.
Das denke ich nicht.
Noch kenne ich Rennertz’ Manuskript besser als andere und bilde mir ein, seine Schwingungen auch dort zu verstehen, wo sie intim werden. Besäße das Wort ›Abneigung‹ einen groß geschriebenen Sinn, so wäre es vielleicht geeignet, Rs Verhältnis zum Großen Denunzianten zu klären. Negative Anziehung, also Abstoßung, schafft Distanz, ich wäre mit Blindheit geschlagen, wollte ich sie in diesem besonderen Fall übersehen. R hält Distanz, er hält auf Distanz, auf Unüberbrückbarkeit der Distanz meinetwegen, aber in dieser Distanz wird Nähe spürbar, die geklärt sein will. Nein, es handelt sich nicht um Wärme, schon gar nicht um menschliche, eher um ein Knistern, das an das Feuer des Prometheus gemahnt: Tatsächlich, hier und da glimmt es noch – und lässt sich besagtes Knistern vernehmen, dann, ja dann hat es ein winziges Stück Zunder gefunden.
Anderes Bild: Rennertz’ Rezeption des Großen Denunzianten gleicht dem Moment der Brandung, in dem die gegen das Land drückende Strömung die zurückflutenden Wasser überrollt – eine jene Gegenkraft, die nach sofortiger Korrektur des Gedankens verlangt, auf den Plan rufende Lektüre. Währenddessen bleibt das feste Land uneingenommen, denn der Große Denunziant ist ein unbarmherziger Verteidiger des Bestehenden, als liege in ihm die Zukunft, derer alle bedürfen. Das ist, wenn man so will, sein Trick. Irgendwann habe ich es begriffen, denn wie viele Zeitgenossen zähle auch ich mich zu seinen Opfern. Der Große Denunziant ist ein großer Verführer, andernfalls wäre er nicht, was er ist. Als solcher scheint er unsterblich. – gui


Lutz C. Streicher steht auf der Liste des Großen Denunzianten ganz oben, das wissen alle.

Wenn in den Tagen des anhebenden Massakers der Große Denunziant nach vorn geht, dann aktiviert er in den vielen Sancho Pansas, die das Land beherbergt, Hölzchen inbegriffen, ein von langer Hand implantiertes Programm.

Examinierung des Großen Denunzianten

Auerwald
Guido Auerwald

Keine Unterlagen. (Schätze Anitas Mann. Keep silence.)


C’est moi. Freund Rennertz’. Herausgeber des ›Manuskripts‹. Warum ich in dieser Kartei auftauche, weiß ich nicht. Ich könnte es mir denken, aber ich will es nicht. – gui

»›Guido Auerwald. Der Auerwald. Wen darf ich...?‹«


Nicht-Ort

Guidos Vater
Guidos Vater

Dieser Mann hat hier nichts verloren. (kw)


Gerade gestern habe ich über ihn gesprochen. Warum? Welches Bedürfnis treibt mich, über ihn zu sprechen? Ich habe ihn geliebt, ich habe ihn gehasst. Heute stellt sich mir die Charakterfrage. Besaß er Charakter? Besitze ich Charakter? Er oder ich – zusammen nie. Dieses ›er oder ich‹ überkam mich in Nizza, an einem heiteren Nachmittag, vor der Nacht, in der er starb. Es war ein starker Affekt, mir unerklärlich, aber ich verstand, dass hier Klärungsbedarf heranwuchs. Spreche ich ihm Charakter ab, neigt sich die Waage zu meinen Gunsten, bis sie den Boden berührt: eine unangenehme Empfindung, die signalisiert, dass hier mit falschem Gewicht gemessen wird. Spreche ich ihm Charakter zu, wütet die Instanz in meinem Inneren: Lüge. Ich nenne ihn einen Zurechtkommer: einen, der zurechtkommen musste und dort, wo er es für nötig befand, geschmeidig sein konnte, vielleicht über die Maßen geschmeidig wurde; dafür rächte er sich in den eigenen vier Wänden. Immerhin: er besaß welche. Wenn ich wandlos lebe, dann verdanke ich das ihm. – gui

»An einem milchig klaren Sonntagvormittag befand mein Vater, es sei an der Zeit, das winzige Schränkchen zu durchstöbern, in dem ich meine Aufzeichnungen und einen Teil meiner Bücher verwahrte.«

Guidos Stiefmutter
Guidos Stiefmutter

dito.


Gewiss, es gab sie, bevor die Patchwork-Familie auf den Plan trat: die Stiefmutter. War sie, wie das Märchen es darstellt, böse? Wer mag das entscheiden? Sie war mühsam. Wir, mein Bruder und ich, machten ihr Mühe und sie gab sie zurück. Hätte es uns nicht gegeben, hätte sie die Beziehung leben können, die ihr vielleicht vorschwebte. Es gab uns aber, daran scheiterte ihr gutes Leben und zeitigte das schlechte, das niemals schlecht genannt werden durfte, weil das eine Sünde gewesen wäre. Ein Sünde? Gewiss. »Versündige dich nicht!« Unter diesem Spruch bin ich groß geworden. Sagen wir: er hat mich geprägt. Wie nicht sündigen, wenn der Schatten der Sünde gerade der ist, den man wirft? – gui

»Der Raum mitsamt seinen Möbeln, dem widerlich mitspielenden künstlichen Licht, der im Hintergrund hantierenden Stiefmutter und dem Fensterausschnitt in seiner diffusen Helligkeit, dies alles schrie in einem Augenblick auf mich ein.«

Hanbüchl
Hanbüchl
NoFuP

Germanist


Den Germanisten Hanbüchl, den ich nie kennenlernen durfte, stelle ich mir vor wie einen entfernten Verwandten: etwas vorlaut, etwas präpotent, etwas zu flüssig im sprachlichen Ausdruck, dabei sehr auf ein legeres Pathos bedacht, wie es ehrgeizige Professoren verwenden, um ihre Schüler an sich zu binden und gleichzeitig auf Distanz zu halten. – gui

»Die Geheimnisse der Panik, sinniert Germanist Hanbüchl, eine Hand leger in der Hosentasche, mit der anderen das Bierglas umgreifend, denn es ist Nachmittag und die kleine sonnige Insel inmitten des verstaubten Gedankendaseins lässt die Geste erlaubt erscheinen – … die Geheimnisse der Panik sind noch nie umfassend erforscht worden.«

Hans-Hajo
Hans-Hajo
FuP

Der Langsame mit dem riesigen Ruf.


Leider merkte es im Tronka-Kreis keiner. Ich selbst vernahm nur durch Zufall davon und war sehr erstaunt, Jahre später einem schlohweißen Hans-Hajo auf dem Vorplatz des alten Universitätsgebaudes gegenüberzustehen. Das wehende Haar glich eher einem exotischen Kopfputz als der natürlichen Ausstattung eines noch nicht in den Vierzigern angekommenen Menschen. Seine ganze Person wirkte dadurch verwandelt. Ein Ausdruck von Würde durchwaltete sein Gesicht und teilte sich unverblümt der Rede mit, die andererseits ganz die alte geblieben war, nur dass sie jetzt floss, wo sie früher gestockt hatte.
Er erweckte den Eindruck, als habe er an einem Rhetorikkurs teilgenommen oder als leiste er sich die Wonnen des personal coaching, um leichter durch die Fluten des Alltags zu gleiten und nicht wie ein Ertrinkender nach jedem Strohhalm Ausschau zu halten, der gerade vorbeifließt, um ihn am Ende doch zu verfehlen. Gespenstisch der Gedanke, die Teilnahme am Fu-Programm könnte seine Wandlung bewirkt haben. Doch gespenstisch wirkte die Erscheinung ohnehin und ich verabschiedete mich hastiger als, eingedenk alter Tage, unbedingt nötig gewesen wäre. Wobei sich mir der Eindruck verfestigte, der leichthin ausgesprochene Wunsch, ›einmal vorbeizukommen‹, habe ernsthaften Aufforderungscharakter besessen. Vielleicht wollte er mir bei der Gelegenheit demonstrieren, wer er geworden war. – gui

»Hans-Hajo ließ lange Gesprächsperioden verstreichen, ohne sich zu Wort zu melden.«

»Und wie es der Zufall wollte, gab sie sich mit dieser Rolle ein Innenleben, das keiner bei ihr vermutet hatte, ehe Hans-Hajo in den Dunstkreis der Gruppe getreten war.«

Heide
Heide
FuP

Hieros Lebenspartnerin (II).


Ja, ich habe sie denunziert. Ich habe, von Freundschaft geblendet, sie ausschließlich durch Hieros Brille gesehen, nein, durch die Brille gewisser Lebensumstände, die seine Sicht auf sie so verzerrten, dass er sie fast zu hassen begann, obwohl sie doch nur nutzlos für ihn geworden war. Täuschen ließ ich mich, weil ich den Wandel, den die Pyramide in Hiero bewirkte, nicht einzuordnen verstand, gewissermaßen gar nicht registrierte, weil mir das Innere dieses postmodernen Wissenstempels verschlossen blieb. In der Gesellschaft stehe ich damit nicht allein. Viele rätselhafte Entwicklungen erklären sich umstandslos für einen, der Zugang zu den angesagten Orten der Wissensproduktion und -vermittlung besitzt. Für die anderen bleibt ihre Herkunft ein Buch mit sieben Siegeln und sie ergeben sich beim geringsten Anlass dem, was seit Jäger- und Sammlerzeiten angesagt ist: der Suche nach dem, der Schuld hat. Nein, Heide trifft keine Schuld. Heide hat ihr Bestes gegeben, sie hat es, aus ihrer Perspektive, an Hiero verschwendet, und da sie von Haus aus keine Verschwenderin war, eher, sagen wir, der sparsame Typ aus dem Norden, überdies mit begrenzten Mitteln ausgestattet, war der Zeitpunkt abzusehen, an dem sie ihn vor die Tür setzte. Nicht zu seinem Schaden, das verdient festgehalten zu werden. – gui

»Heide gegenüber, die gedrängt hat, jedenfalls nicht ohne Witz.«

»Manchmal, wenn Heide einen abschätzigen Blick durch die halbgeöffnete Badtür sendet, um nach ihm zu sehen, formt sich in seinem Mund die alte Frage und er verschluckt sie.«

Hiero
Hiero (Hieronymus Gundling)
FuP

An diesem Kerl beiß ich mir die Zähne aus. Sorry, musste notiert werden.


Ich bezeuge, Hiero ist mein Freund gewesen, zeitweise eine Art jüngerer Bruder, für den ich mich verantwortlich fühlte.
Er wusste das und ließ es sich gern gefallen. Allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dieser Punkt war erreicht, als er seinem Ehrgeiz abschwor und beschloss, sein weiteres Leben als Opfer des Systems zu leben. Das System – das waren Tronka und ich. Warum ich? Sehr einfach: Tronka merkte, dass ich Hiero gegen seine perfide Strategie der Abweisung beistand. Also betrachtete er mich von einem bestimmten Zeitpunkt an als Feind – und Esel Hiero, der jedes Urteil aus Tronkas erhabenem Mund wie einen Schicksalsspruch aufnahm, gegen den es keine Revisionsinstanz gab, sprach es ihm irgendwann nach.
Hätte ich gewusst, was ich erst hier erfuhr: dass Hiero am Fu-Projekt teilnahm, dann allerdings hätte ich ihn mit anderen Augen gesehen. Insofern lief unsere Freundschaft, jedenfalls von meiner Seite aus, eine Zeitlang unter falschen Prämissen. Das alles ist verwirrend. Offenbar scheint Hiero nicht bekannt gewesen zu sein, dass Pw und die anderen Kreismitglieder bereits vor ihm zum ›Projekt‹ gestoßen waren.
Vielleicht hat ihn Iris auch nur, etwa aus Langeweile oder einem anders gearteten Interesse, ohne sein Wissen in ihrer Kartei geführt. Denkbar wäre es. – gui

Hiero


»Mompti, Elisabeth, Sibla, Ama, Kitty, Pida, Tronka, Auerwald, Leckebusch, R, Hiero: geschlechtsfähig, geschlechtsaktiv, eine Generation, großzügig gerechnet – Gemeinschaft ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, Gegenwart pur...«

Die Welt wird täglich besser

Hölzchen
Professor Hölzchen
FuP

Unser Bester. Komm in die Pyramide und sei unser Gast.
Theorie erregt ihn (aber nur selektiv).


Unter meinen Kritzeleien befanden sich stets einige, die ich in Gedanken mit ›Prof. Hölzchen‹ beschriftete: soll heißen, er war – und ist – ein dankbares Objekt meiner produktiven Phantasie. Etwas Unfertiges steckt in der ganzen Figur und will heraus. Sie hat nichts Pinocchiohaftes wie Kärich, sie dehnt sich und streckt sich, aber der Kokon ist zu starr und gegen Ende der Anstrengung fällt sie wieder in sich zurück. Will sagen, Hölzchen besitzt den Willen, groß zu denken, und verheddert sich umgehend im Kleingedruckten. Nichts anderes heißt es schließlich (wenigstens in diesem Fall, es gibt andere), ›von Hölzchen auf Stöckchen‹ zu kommen. Darin steckt die Sucht, das ›Nichtandere‹ Gassi zu führen, so dass letztendlich alles ›nichts anderes‹ als ›etwas anderes‹ ist. Aber was heißt schon letztendlich. Letztendlich ist nichts, erklärt Hölzchen seinen Studenten, wäre da etwas, so wären wir nicht so weit, es zu konstatieren.
Auch die Bezeichnung ›gern gesehener Gast‹ enthält eine kaum zu übersehende Pointe. Hölzchen sieht man gern, wenn er kommt, man sieht es gern, wenn er wieder geht. Bei alledem bietet er dem Tratsch kaum eine Angriffsfläche. Hölzchen bleibt Hölzchen: Das reicht für alle. Seine wahre Leidenschaft gilt dem Jazz. Es kursieren Aufnahmen von ihm mit wechselnden Musikergruppen, darunter wirklichen Profis, Leuten, die ihr Handwerk verstehen. Aus allen springt, kaum dass man sie hört, die Figur Hölzchen heraus, als habe jemand soeben einen Klappmechanismus bedient, und man bestaunt auch hier das Unfertige, das sich ringend Gebärdende, das sich so stark von seiner ›coolen‹ Umgebung abhebt, dass es den Zuhörer beinahe schmerzt – nicht minder übrigens den Betrachter, wie ich als Besucher eines späten Konzerts erfahren durfte. Sicher verführte ihn dieser vergebens sich vortragende Wille dazuzugehören, koste es, was es wolle, zu seiner unrühmlichsten Rolle als Wissenschaftler. Als Flügelmann des Historikerstreits gehört er zu den Parteigängern des Großen Denunzianten, der unerbittlich aus nächster Ferne über die Schamgesellschaft wacht. – gui

»Die kreisende Kopfbewegung verriet, dass er nach Hölzchen oder Ähnlichem suchte, um den wahren Hergang anschaulich vor aller Augen auszubreiten.«

»Ihr Dorado lag in jener famosen Sattelzeit, dem von dem Historiker Hölzchen gern als ›lang‹ bezeichneten Übergang vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, in dem die ›alteuropäisch‹ geprägten, noch von Aristoteles und den mittelalterlichen Denkern herkommenden Begriffe allesamt ihr Bedeutungsspektrum wechselten.«

»Der Historiker Hölzchen, der gern so auftrat, als trage er das ganze Pathos seiner Disziplin in Form eines kleinen handlichen Amuletts mit sich herum, konnte seiner diskussionsgewohnten Stimme einen harschen Klang geben und ihr sozusagen andere Saiten aufziehen, sobald das Gespräch auch nur von Ferne gewisse Kollegen streifte.«


Historiker Hölzchen kommt zum Vortrag in die Pyramide und setzt sich in die Nesseln

Homomaris
Homomaris

Künstler. Wie war die Botschaft?


Hier, sorry, leistet Iris sich einen Ausfall. Es ist nicht die Aufgabe des Künstlers, Botschaften in die Welt zu senden, sondern die der Welt, sie ihm zu entlocken. Im übrigen ist Homomaris sein eigener Botschafter. Wer ihn kennt, der kennt seine Botschaft, wer ihn nicht kennt … hat Pech gehabt. Es kann nicht alles im Leben glücken. – gui


»Homomaris, ein Mann im fortgeschrittenen Greisenalter, kämpft. Auf einen Zettel hat er den Satz gekritzelt: ›Wer sammelt Sammler?‹, auf einen anderen die Formel ›X ≠ U‹ nebst einem sorgfältig ausgezogenen Quadrat: Vorboten der Zettelflut, die er nach und nach, wie Aktäons von Diana auf ihren verzauberten Herrn gehetzte Meute, Wegenaer ins Haus oder, um im Bild zu bleiben: auf den Hals schickt.«.

Hurtenschwang
Professor Hurtenschwang

Historiker. Teil der Viererbande. Siehe Liebermaus.


Ich habe diese Hurtenschwangs nie verstanden. Nein, ich muss mich korrigieren: ich habe den Raum nie verstanden, den sie um sich schaffen. Und wieder muss ich mich korrigieren: ich habe nicht verstanden, welche besondere Aura sie umgab (denn es handelt sich um eine aussterbende, vielleicht mittlerweile ausgestorbene Gattung), solange sie noch in Amt und Würden waren. Das klingt, als sei ich in meinem Leben einem Dutzend von ihnen begegnet. Auch das ist nicht wahr, ich habe Hurtenschwang nur gelesen (er zählte eine Zeitlang zu den Historikern, die man hierzulande las) und ein paarmal miterlebt, wie Kollegen, Hölzchen zum Beispiel, über ihn sprachen. Aus diesen Eindrücken habe ich mir ein Bild geschaffen: das Bild eines hölzernen, die Ältlichkeit mit der Muttermilch eingesogen habenden Mannes, aus dessen Reden eine gewisse Pfiffigkeit spricht, während seine ganze Erscheinung von einer Traurigkeit zeugt, die aus anderen Jahrhunderten zu stammen scheint, während sie vermutlich den letzten Kriegstagen im Osten geschuldet ist, aus denen er, Kleinkind, das er war, nur einen wirren Nebel im Gedächtnis behielt.
Hurtenschwang, das ist der Aufarbeiter par excellence, als Mensch und als Wissenschaftler, ein Bohrender, der bedächtig nach Nuancen tastet, weil er glaubt, dass die Ungenauigkeit in den Worten den wahren Grund für das Unglück der Welt darstellt, und dann, im Niederschreiben seiner Gedanken, doch in die Floskeln zurückfällt, die man so oft schon gelesen hat.
Nichts anderes macht ihn angreifbar. – gui


»Hurtenschwang und Liebermaus, zwei brave Historiker-Kollegen aus der Provinz, müssen die volle Wucht des ersten Angriffs auf sich nehmen«.

Iris
Iris
Mitarbeiterin im Fu-Projekt

Rasche Auffassungsgabe, stimmt’s? (Kleiner Tipp am Rande: Behandle sie gut und sie weiß alles!)


Hat R sie gut behandelt? Wie ich ihn kannte, hat er mit ihr nicht viel anfangen können. Nur dieser kleine lesbische Zug, kaum erkennbar, wird ihn ›angemacht‹ haben. Vielleicht täusche ich mich auch und alles war anders. – gui


Iris, Projekttante, denkt gern laut

Irma
Irma
FuP

Irma la Douce. Wo steckt der Strabo wieder?


Hier schweigt der Kommentator. Immerhin: dass Irma und Iris Freundinnen waren, wirft ein Licht auf die Zufälle, die unser Leben ordnen. Am Ende hat Irma Strabo dem Fu-Projekt zugeführt, aus einer Laune heraus, sicher nicht selbstlos, vielleicht, um besser unbehelligt ihrer Wege zu gehen. Wofür hat sie ihn dann gebraucht? – gui


Die Irma...! Kluges Mädchen.

Junge Frau
Junge Frau

R-eminiszenz.


Gewiss, ich kannte diese Episode aus Rennertz’ Mund. Ich hatte nur nicht verstanden, was ihn daran fesselte. Wenn ich es recht bedenke, holte er sich hier die Entzündung seines Lebens: den brennenden Wunsch, das Elend der Beziehung aufzuklären und, wenn möglich, aus ihm eine neue Lebensform zu gewinnen. – gui

»Andere Zeit, anderer Ort. Du schlenderst eine stille Wohnstraße entlang, der verblasste Schriftzug ›Wäscherei‹ dort vorn wäre dir beinahe entgangen, nur das undekorierte Schaufenster erinnert noch an frühere Tage. Drinnen steht, etwas einsam, etwas verlassen, ein Kinderwagen mit hochgezogenem Regenschutz, als stünde er noch immer im Freien. Du klingelst, eine junge Frau, rötlicher Typus, erscheint auf der rückwärtigen Schwelle«.

Jungwissenschaftler
Jungwissenschaftler

Direktimport aus Tel Aviv. Einer von Elisabeths flüchtigen Liebhabern. Müsste geworben werden (?)


Hatten sie ihre Augen denn überall? Verfügte R über ein Spitzelsystem? Dieser ›Gast im Hause Leckebusch‹ lässt auf Argwohn und Eifersucht bei R schließen. Das sind erstaunliche Eigenschaften für einen Menschen, gewohnt, im Schatten zu denken und zu handeln. Obgleich … just diese Charakterisierung würde ihn zur Bühnenfigur erheben, als sei er Schillers Griffel oder einem 007-Skript entsprungen, ein Intrigant und Bösewicht. Das ist natürlich Unsinn.
Dennoch bleibt die Sache mysteriös. So mysteriös, dass mir bei der Lektüre erst langsam dämmerte, um welche Person es sich bei dieser Aufzeichnung überhaupt handelt. Elisabeths Hausfreund, sympathisch-unwissender Import aus dem Nahen Osten, spielt im Fu-System eine Nebenrolle: Cicisbeo. Warum überhaupt? Weil er stört? Aber warum? Warum stört er? Weil er Elisabeth erlaubt, das Spiel konventionell zu spielen? Und warum setzt R nicht darauf, ihn auszuschalten (oder seine Rückkehr nach Israel abzuwarten)?
Vielleicht repräsentiert im System R dieser mir nur kurzzeitig bekannte junge Mann das, was Luxor für den Kreis der Tronka-Jünger bedeutet. Er ist der Exot. Zum Beispiel kommt er aus einem wirklichen Krieg, während alle anderen nur vom abwesenden Krieg schwafeln. Er treibt ihre Besessenheit auf die Spitze. Alle müssen sich um ihn kümmern – Elisabeth, R, Iris, von der vermutlich die Aufzeichnung stammt, und der Rest. Er ist der sichtbare Kämpfer auf bröckelndem Fundament, jedenfalls wollen sie es so sehen. Im Grunde wollen sie, dass er fällt. Ist das nicht das Los aller Kämpfer? Liegt darin nicht der verborgene Sinn der Kämpfe?
Angesichts der Obszönität des Beiseitestehens gilt das Wort: Sie kriegen den Kragen nicht voll. »Ihr und eure Kriege!« rufen sie allen wirklichen Kämpfern zu, und weiter ›kämpfen‹ sie an ihren zivilen Fronten, weil ein verrottetes Vokabular es ihnen vorschreibt, im Staat wie in der Liebe. Einmal ›Jungwissenschaftler‹, immer ›Jungwissenschaftler‹.
Dieses präparierte Insekt in Rs Setzkasten kann nicht altern. – gui

»Statt Gedanken oder Empfindungen nachzuhängen, die, hätte ich Interesse gezeigt, bequem die meinigen hätten werden können, saß ich in der Küche herum und lauschte den Tiraden eines frisch aus Tel Aviv eingeflogenen Jungwissenschaftlers, dessen Redefeuer von einer Erinnerung anderer Art angefacht wurde.«

Kärich
Kärich
FuP

Später Gegner des Projekts. Dasslers Assistent.


Kärich hatte das Assistentsein bis zu dem Punkt verinnerlicht, an dem es in Selbstaggression umschlägt. Die Anekdoten über ihn sind Legion, z.B. die nächtliche Entsorgung des Seminarexemplars von Hegels Logik nach einer ausgedehnten Sauftour mit Studenten in den örtlichen Fluss (›Am Biente‹). Verleiher des Prädikats ›Guter Mann‹.
Ich war erstaunt, in Kärich einen bevorzugten Gesprächspartner Rs zu finden. Eher hätte ich erwartet, die beiden hätten sich nichts zu sagen gehabt. Kärich und Tronka hingegen waren einander spinnefeind. Das galt als allgemein bekannt und R gestattet sich tiefe Einblicke in Tronkas Psyche – wie überhaupt in sein privates Leben. Beides scheint sich nicht ausgeschlossen zu haben und verweist vielleicht auf die intime Distanz, die R in all seinen Beziehungen wahrt. Tronka ist ein Exponent der Schamgesellschaft und Kärich durchschaut ihre Verlogenheit bis auf den Grund. Kein Wunder, dass Hiero ihn ablehnt (obwohl hier auch Hörigkeitsgründe im Spiel sind). – gui

»Dass Kärich ein zutiefst unbedeutender Mensch ist, davon hat er sich nicht erst überzeugen müssen, das sprang ihn an, als er ihn zum ersten Mal nach Dasslers Vorlesung sah. Seltsam schon, irgendwie eigenartig, diese Pinocchio-Figur neben der smarten Kühle des Champions...«


Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh

Karus
Karus
Honorarprofessor

Politiker. Lektion in Eigenliebe.


Karus die Matrjoschka: kratze am Politiker und du erhältst einen Lobbyisten, kratze am Lobbyisten und du erhältst ein Aufsichtsratsmitglied, kratze am Aufsichtsratsmitglied und du erhältst einen Firmenberater, kratze am Firmenberater und du erhältst einen unbefriedigten…
Warum so eilig? Zwischenstationen sind denkbar. Wie dem auch sei, am Ende läuft alles auf einen Punkt hinaus, den springenden, auch punctum saliens genannt: Karus der Zukurzgekommene, Karus der Unersättliche, Karus der Profilsüchtige. Jeder kennt Karus, nur Karus kennt sich nicht, der Blick in den Spiegel gaukelt ihm jemanden vor, den niemand außer ihm kennt, und just diesen einen möchte er herausarbeiten – um jeden Preis. Das kann nicht gut gehen und darum ist Karus unter anderem ein Gescheiterter. Er findet bloß weder Zeit noch Mumm, sich dem Malheur zu stellen.
So weit so gut. Wie hängen Karus und Pyramide zusammen? Da R über diesen Punkt schweigt, wage ich eine Hypothese an seiner statt: Karus und Tschipek sind apokalyptische Sternenkrieger. Sie durchlöchern den akademischen Schutzschirm und schießen die Wissenschaft sturmreif. Erschrocken blickt R hinauf in den gestirnten Himmel über ihm und wen erblicken seine von Furcht und Hohn geweiteten Augen? Karus. Für ihn existiert zwischen den Anforderungen der Wissenschaft und der Politik kein Hiatus, er verrechnet sie, nach dem Wort Tummlers, 1:1 miteinander. Das qualifiziert ihn zum Frontmann. Der Excess, der beide Seiten miteinander fortreißt … was wäre er anderes als die hypothesenbildende Kraft der Wissenschaft, umgelenkt auf gesellschaftliche Projekte? Was wäre er anderes als die daraus entstehende gesellschaftliche Dynamik, die jede von ihr erfasste Disziplin mit sich fortreißt? – gui


Karus die Stubenfliege

Katerina
Katerina
FuP

Studentin, umworben von Pw, Hiero und Guido (unter anderen).


Nein, liebe Kundschafter(innen) des Fu-Systems, hier irrt ihr euch. Ich habe sie nicht umworben. Ein Gefühl des Unangebrachten hielt mich davon ab. Ich wollte ihren Typ kennenlernen, ihre Ausstrahlung taxieren, ihren Wunschhorizont begreifen. Was noch? Es gab Tage, da hielt ich sie für intelligent. Intelligenz hat mich immer angezogen, doch diese hier war zu unstet, gelegentlich das Kindische streifend, um mich auf Dauer zu fesseln. Katerina, Tochter eines Klinikchefs, stand im Bann ihres Vaters, den sie ganz durch die Brille ihrer geschiedenen Mutter wahrzunehmen wünschte – wünschte, denn in der Praxis gelang ihr das nur unvollkommen. Im Grunde hoffte sie auf die Gelegenheit, ihm die bessere Gattin zu werden. Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe.
Yes – Katerina, distinguiert und umworben, wartete auf ihren Vater. Bis dahin schwärmte sie wider besseres Wissen von der Ankunft des Weißen Prinzen. Das alles ist sehr lange her. Doch wie mit den Jahren fast alles wiederkommt, so traf ich auch sie Jahre später wieder. Sie war hager geworden und wirkte erschöpft. Das Schulamt setzte sie tief in der von ihr ach so verachteten Provinz als Ersatzlehrerin für überraschend erkrankte Kollegen ein, ›Springer‹ genannt – unbemannt, ein Fall von Selbstabschreibung mit Hoffnungsspuren, die fransengleich quer durch ihr immer noch schickes Gemüt hingen.
All diese vom Zeitgeist verlassenen Frauen, bei denen die Liebe an erster Stelle steht, die sie, mit tief innen blockiertem Widerwillen, nur in der unerreichbaren Beziehung erwartet, wo gehen sie hin? Sie sterben ja nicht an Mangel aus Liebe oder an gebrochenem Herzen, sie sterben höchst selten, sie kriechen unter in irgendeinem freudlosen Dasein und werden am Ende die kältesten Hexen der Macht, die sie schlug. – gui

»Die junge Frau, die ich kennenlernte, mochte sich ihm durch einen Blick empfohlen haben, in dem sich der Aufbruch nach Cythére mit der resignierten Einsicht mischte, die ganze Sache werde früher oder später ohnehin im Schatten einer Bahnhofskneipe enden.«

»›Teddy‹, sagte die junge Frau träumerisch, ihr Blick huschte aufblitzend an mir vorbei. ›Ist der nicht tot?‹«

»Ich versuchte mir vorzustellen, dass Katerina – so hieß die Frau, deren erotische Ausstrahlung sich in dem auf Dauer gestellten Lustblick erschöpfte –, vielleicht nicht wirklich abgeneigt gewesen war, aber nach der Regel, dass Druck Gegendruck erzeugt, dem etwas zu geradlinigen Drängen des philosophischen Kämpen reflexhaft einen Riegel vorgeschoben hatte.
«

Killus
Professor Severin Killus
Gast, später Unperson
 
 

Historiker (Zeitgeschichte). Gegner des Großen Denunzianten. Teil der Viererbande.


Wie nähert man sich einer Person der Zeitgeschichte? Zu Killus, fürchte ich, wurde alles gesagt. Doch halt, da bleibt eine Kleinigkeit nachzutragen: Bourgeois Killus ist eine Jugendliebe von Elisabeth, Leckebusch weiß darüber Bescheid und schwankt deshalb, sobald er an Killus denkt, zwischen Großmutsanfällen und kleinlicher Eifersucht. Ist das wichtig? Dem Biographen wird alles wichtig. Vielleicht liegt hier ja der Grund, dass Killus nie im Inneren der Pyramide gesichtet wurde. Für ihn, der die Gründungspläne studiert hat, schmeckt sie zu sehr nach Leckebuschs Kreation. Doch darin täuscht er sich gründlich. Innerlich hat Leckebusch sich längst von der Institution abgewendet, deren Gründungsrat er lange Zeit leitete. Er hat Lunte gerochen… wovon auch immer.

Für Killus ist Leckebusch einer, der das Virus des ›neuen Menschen‹ unwissentlich aus dem sozialistischen Osten in den bürgerlichen Westen des Landes trug, unwissentlich deshalb, weil es maskiert in allerlei Forschungsvorhaben fortexistieren durfte, in denen sich für Leckebusch die westliche Freiheit manifestierte, da sie ›drüben‹ nie genehmigt worden wären, schlimmstenfalls den Antragsteller gleich nach Bautzen gebracht hätten.
In keiner seiner Schriften lässt Killus, intimer Kenner aller Faschismen und ihrer feuchten ideologischen Träume, Zweifel an den verborgenen (und offenen) Symmetrien zwischen den beiden Bürgerkriegsparteien aufkommen, wie er sie zu nennen beliebt: der linken und der rechten. Das hat ihn zwar nicht zum frenetischen Antikommunisten geformt, aber sein Sensorium für die gefährlichen Blasen geschärft, die von Zeit zu Zeit aus dem Bauch der bürgerlich-liberalen, mit libertär-kollektivistischem Gedankenstoff angereicherten Gesellschaft aufzusteigen pflegen.

Für den Großen Denunzianten, das lässt sich anmerken, ist Killus der ideale Feind, ›die eigene Gestalt als Frage‹: Wer will ich sein? Wer muss ich sein? Killus ist das, was der geheime Schmitt-Schüler, der unendlich defizitäre Andere, der sich durch eine ins Maßlose gehende Produktion täglich erschaffen muss, gern besäße – die in die Zeit geworfene Urteilsfähigkeit auf zwei Beinen, ausgestattet mit einem instinktiv ordnenden Verstand und einer überscharfen, definitorisch zuspitzenden, an den Rändern leicht holzschnittartigen Sprache. Dafür gehört er, wie ein gewisser Giordano Bruno ein paar Jahrhunderte vor ihm, auf den Scheiterhaufen und der Große Denunziant steht nicht an, den Brand zu entfachen. – gui


»›… Wissen Sie, der Historiker, über den Sie so abfällig reden, ist ein Mann von Ehre, er stammt aus einer untadeligen Familie, er ist ein liberaler Denker, übrigens einer der unerschrockensten, die wir haben, Kollege Stöckchen wird Ihnen das gern bestätigen. Wie kommt man dazu, ihn in einem Atemzug mit Mördern und Rassefanatikern zu nennen?…«


Killusall

Kitty
Kitty
FuP

FuP aus Überzeugung. Hasst ihren Mann (Sibla). Kettenraucherin. Ergiebig (!)


Nun gut, ich versuche mir einen Reim zu machen. Kitty, Beschäftigte in einem Wohlfahrtsprojekt, beschließt eines Tages, Künstlerin zu sein, um ihren Mann, den erfolglosen Musiker Sibla, abzuschießen. Warum das? Was hat er ihr getan? Er hat ihr, soviel scheint festzustehen, die besten Jahre genommen. Sie war auf seinen Erfolg abonniert und wurde bitter enttäuscht. Die besten Jahre… Im Grunde ist diese Geschichte tragisch, doch derart von Störgeräuschen durchsetzt, dass es mir immer noch schwer fällt, ihr zu folgen. Kitty fällt vom Fu-Projekt direkt in den Excess. Gewiss, man kann das Projekt als Anleitung zu einem exzessiv gelebten Dasein missverstehen, aber das Wort ›Excess‹ meint, wenn ich recht verstehe, etwas anderes. Ich möchte R nicht in die Speichen greifen, aber im Excess wird die Welt der durchlaufenen Exzesse gegenstandslos, ihrer Substanz beraubt, eine Ansammlung bloßer Ärgernisse, deren man sich kaum noch erinnert, es sei denn zu Denunziationszwecken. Diese umfassende Verflachung bei Beanspruchung völliger Deutungshoheit über das Vergangene ist das Eingetretene, das niemand erwartet hat. Als habe man ein Verbrechen unbeschreiblichen Ausmaßes begangen und wolle einfach nicht mehr darüber reden, es sei denn im Modus der Schuldzuweisung an andere. Ansonsten karrt man seine Erinnerungen zur professionellen Trauer-, Leid-, Schmerzbewältigung – lauter Pseudogrößen, hochdisponibel, denen der menschliche Sinn abhanden gekommen ist. Oder man macht eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin und mischt sich unauffällig unter die Frommen, die dergleichen schon länger praktizieren. – gui

»Kitty, der Lenkdrachen, im Zickzackkurs durch die Lüfte, kaum zu bändigen, solange der Faden hält.«

Ein Traumpaar schifft sich ein

Kurtzweil
Kurtzweil
FuP
 
 

Bibliotheksaufseher.
Der Schrecken aller jüngeren Bibliotheksbenutzerinnen.
Brauchst du einen groben Keil, frage Kurtzweil.


Genosse Kurtzweil, während seiner Dienstzeit durch den unersättlichen Konsum abgedroschener Sciencefiction-Titel auffällig, verwandelt sich, kaum außer Haus, in den führenden Leserbriefschreiber der Ruhrstadt: durchglüht vom Wunsch nach schärferen Maßnahmen, auf welchem Gebiet auch immer, beseelt von der unerschütterlichen Überzeugung, die Welt, in der er lebt, sei nicht die wahre Welt, sondern eine kapitalistische Simulation, welche dem Einzelnen vorspiegelt, in ihr werde für die Erfüllung seiner Bedürfnisse gesorgt. »Und wer ist dieser sogenannte Einzelne?« fragt er höhnisch. »Ich frage nicht für mich, sondern für die von Ihnen tagtäglich gedemütigte, mit Füßen getretene arbeitende Menschheit: Wer ist dieser Einzelne? Kennen wir ihn? Nein, wir kennen ihn nicht. Er ist ein Konstrukt. Ein Konstrukt, das Sie tagtäglich in die Welt schicken, damit es dort, unbeschadet seines Nichtseins, maximalen Schaden anrichtet. Diesen Schaden müssen wir, die Opfer seiner Gier (ihr wahrer Name ist Raffsucht, das nur nebenbei), so bald wie möglich beheben, sonst brennt es uns noch die Umwelt unter dem Arsch weg. So sieht es aus.« Wie man sieht, bleibt ein Aufenthalt in der Bibliothek einer Weltuniversität nicht ohne Folgen. Kurtzweil ist der Auffassung, dass der Kapitalismus eine sterbende Wirtschaftsform sei, weil in ihr so viel gestorben wird: »All diese Toten, diese sinnlos für die falsche Sache Gestorbenen zeugen gegen das System. Der Mensch der Zukunft wird leben. Dafür lohnt sich der Kampf.«
Wie alt wird Kurtzweil inzwischen sein? Er hat den Sprung ins digitale Zeitalter geschafft (kein Wunder bei seinem Arbeitgeber) und besitzt einen eigenen Blog. Vielleicht gehört er bereits zu den Unsterblichen, die seinem geistigen Auge vorschweben. Man weiß diese Dinge nicht, man ahnt sie nur von fern.
Legendär sein Ausruf: »Ermordung einer Butterblume! So ein Scheiß. Lesen Sie etwas Anständiges!« – gui


Kurtzweil laust der Affe

Kypras
Kypras
Fu-Kritiker

Ein Fall für sich. Dassler-Schüler und -Feind.


Ich kann nicht behaupten, ich hätte ihn gut gekannt. Eigentlich verstehe ich ihn heute noch kaum. Dabei nahm ich, so merkwürdig es klingt, eine Zeitlang an einer Kellerrunde um seine Person teil. Kypras, der es vorzieht, seine Sommer in Athen zu verbringen, lebt vom Ruf des ›griechischen Philosophen‹, als sei damit irgendeine Auferstehung Xenophons oder eines seiner Enkel verbunden. Mag sein, mehr schlecht als recht, darüber steht mir kein Urteil zu. Dass er über ein ungesättigtes Karrierebewusstsein verfügt, liegt für jeden, der ihm einmal näherkam, auf der Hand.
Kypras gehört zu den Wissenschaftlern, denen ihre Medienpräsenz vorgaukelt, die akademische Zunft lasse sie zu Unrecht links liegen. Sie fühlen sich von ihresgleichen unter Wert gehandelt. Der Eindruck mag stimmen oder auch täuschen: Tatsache ist, dass die Aufmerksamkeit, die ihnen widerfährt, sich aus anderen Quellen speist als bei denen, die sich auf Fachpublikationen beschränken.
Als Publizist zählt Kypras zu den Konservativen im Lande. (Was nicht bedeutet, dass er in ihren Kreisen zählt. Konservative schätzen es nicht, wenn ihnen Unterstützung von außerhalb widerfährt. Besser gesagt, sie können damit nichts anfangen, da sie zur Abschottung neigen. Den Konservatismus der anderen halten sie instinktiv für Falschmünzerei. Mag sein, dass sie damit recht haben, besonders bei Philosophen, die Karl Marx ebenso zu ihrem Erbe zählen wie Diogenes oder Wittgenstein. Das ist nicht der Konservatismus, den sie meinen, wenn sie ihre ›Wertediskussion‹ propagieren.)
Kypras’ Feindschaft mit Dassler beruht auf dem, was ich oben ›ungesättigtes Karrierebewusstsein‹ nannte: einer winzigen Note, mit der letzterer ihm am Anfang seiner Laufbahn den Zugang zum Kreis der ›guten Männer‹ verwehrte. Unter Kennern lässt sich Kypras’ Weltbild aus dieser Note deduzieren. In Dasslers Augen war Kypras ein kluger (und fleißiger!) Kopf, aber kein Philosoph: ein Doxograph. Kypras verspürte (was ich gut verstehen kann) das lebhafte Bedürfnis, die Wertung umzukehren. Seither posiert er als Entdecker des gnadenlosen ›survival of the fittest‹-Programms unter den Denkern aller Zeiten und Räume: Philosoph ist, wer am rigorosesten den anderen das Philosophsein abspricht und damit, wenigstens eine Zeitlang, durchkommt.

Nachtrag:
Das alles ist eine Weile her und Kypras liegt längst als Unfallopfer unter der Erde. Er ist zu früh gestorben, um die Ankunft der Verhältnisse zu erleben, die zu prophezeien er nicht müde wurde: eine Welt, beherrscht von gnadenlosen Oligarchen, welche die Ängste der Massen als Herrschaftsmittel entdeckt haben und sie gnadenlos gegeneinander treiben. – gui


Wer ist der Kommentator? Ein Witzbold! – Wer wagt es, Dürrobst so schamlos zu kommentieren? (…) – Argloser? Blowasser? Kypras? Stutenkeil? Tummler?

Kypras übrigens: der einzige, der sich Asche-Aigners Redefluss unbekümmert entgegenstellt.

Langwasser
Professor em. Langwasser
 
 
 

Der ist wohl jenseits. Aber nett.


Langwasser, ah. Mein Informant. Mediendidakt. Eigentlich hat er mir mit seinem gewaltigen Charme die Verhältnisse im Inneren der Pyramide aufgeschlossen. Meine Gespräche mit ihm sind Legion. Dass ein paar reizende Kollegen den Emeritus am Ende auch noch öffentlich zu ächten beschlossen, eröffnete mir, nachdem ich erst einmal seine Bekanntschaft geschlossen hatte, eine wahre Goldgrube von Tratsch und spitzen Bemerkungen, die nicht ungern das Boshafte streiften: allen fröhlichen Denunzianten, insbesondere dem Kollegen Struwwe, sei hier mit Nachdruck gedankt.
Wie ist Langwasser? Wie ich schon sagte: gewaltig. Nicht von der Statur her, da hält sich alles in geordneten Bahnen. Nur sein übergroßer Mund verrät, was passiert, sobald man ihn anstiftet, zu einem ›Thema‹ seinen Beitrag zu leisten. Ein Thema braucht es, um ihm den Mund zu öffnen, vorher bleibt er verschlossen, danach ist kein Halten mehr. Es kann beliebig sein, dieses Thema, Hauptsache, es liegt an. »Das ist ein anderes Thema, darauf kann ich auch kommen, wenn es gewünscht wird«, ist so eine Phrase von ihm, jeder, der mit ihm zu tun hatte, kennt sie.
Kein Wunder, dass ein solcher Mensch in einem Klima fortschreitender Verbiesterung und Gedankenkontrolle Anstoß erregt, Anstoß erregen muss, fast schon aus Selbstachtung. Denn als der Einzelne, der er ist, will er brillieren: Wie kann ein Angepasster brillant sein? Und wie stets eines zum andern kommt, so kommt auch in diesem Fall ein Anstoß zum andern. Anstößigkeit will überboten werden, ansonsten nützt sie sich ab. So kann es geschehen, dass mittlerweile selbst engste Freunde sich fragen, was ihn dazu bewegen mag, ›dieses Zeug‹ abzusondern: hat er nichts Besseres vor? Hat er, hat er, aber in seinem Alter will er die tägliche Raubtierfütterung um keinen Preis verpassen. Er muss dabei sein. – gui


Der Sozialismus entlässt seine Trabanten

Leckebusch
Professor Leckebusch
FuP

Institutsgott (siehe auch Dassler).


Der tiefe Fall des Philosophen in Kürze: Hat in Leipzig studiert, im ›legendären‹ Hörsaal 40 den Weltphilosophen Bartosz gehört und sich durch zeitige Republikflucht den Folgen entzogen (keiner weiß wie). Tritt gern im Fernsehen auf. Schreibt anlässlich der Wiedervereinigung ein bitteres Erinnerungsbuch und wird von der linken Kulturschickeria geächtet. Seine Bücher, vormals Klassiker der Zunft, werden aus dem Verkehr gezogen und jede Rezeption wird in Freiheit getilgt.
Soviel kann jeder wissen, der sich der Mühe einer kleinen Recherche unterzieht und die richtigen Schlüsse zieht.
What else? Einmal habe ich Leckebusch (den öffentlich angekratzten, aber noch nicht vollends geächteten Leckebusch) allein zu Hause aufgesucht, er lebte bereits von Elisabeth getrennt und hatte sein Domizil in einem winzigen Häuschen am Stadtrand aufgeschlagen. Zu meiner Überraschung war er außerordentlich erfreut, mich zu sehen, und zeigte sich nachgerade aufgewühlt. Wir saßen im Nebenzimmer eines nahen Lokals mit hochgestellten Stühlen. Er schien erpicht darauf, mir die neueste Unbill aus seinem Kampf mit der intellektuellen Hydra des untergegangenen Parallelsystems mitzuteilen, der er jede Intellektualität absprach: es waren, in seinen Augen, wirkliche Totengräber des Geistes, die sich da frevelhaft zurückmeldeten, nachdem sie im östlichen Camposanto so lange unwidersprochen das Sagen gehabt hatten.
Diese hyperpolitische Erregung scheint ihn bis zu seinem überraschenden Ende nicht mehr verlassen zu haben. So wurde aus dem nüchternsten Menschen meiner Bekanntschaft der Philosoph, der brannte, auf seinem Gebiet vergleichbar dem Pfarrer Brüsewitz, der sich, aus Protest gegen den atheistischen Staat, ein paar Jahre früher vor der Kirche seiner Kleinstadt selbst verbrannt hatte.
Wie es scheint, kannte Leckebusch ihn persönlich. Die Fälle ähneln einander, weil sie im Nachhinein ein tiefes Einverstandensein mit Staat und Gesellschaft bekunden, dessen von außen auferlegte Störung die kompensatorischen Fertigkeiten der Psyche überforderte und die betreffende Person in den Kollaps trieb. Leckebuschs Antikommunismus hatte im westlichen Universitätsbetrieb eine fraglose Heimstatt gefunden. Der erste Schritt in die politische Öffentlichkeit belehrte ihn über die wahren Kräfte im Lande und das Ausmaß ideologischer Verblendung, die nun zusammenwuchs, weil sie immer zusammengehört hatte. Das Schneckenhaus war fort. Hätte er es wiedergefunden, so hätte er es vermutlich eng und unbewohnbar gefunden. – gui

»Professor Leckebusch – denn er war es, der mir mit einem abwesenden Lächeln die Hand reichte – verfügte weder über das vielleicht etwas übertrieben würdige Aussehen Platons auf Raffaels Schule von Athen noch über die mir aus meiner Heidelberger Gymnasiastenzeit geläufige, lebhaft wissende Physiognomie Kuno Fischers, der seinerzeit eher durch den platten Hausnamen Zweifel an seiner denkerischen Statur genährt hatte.«

Party bei Leckebusch


Leckebusch ordert eine Moderne

Herr und Frau Leckebusch stellen sich dem Versuch

Pyramidenschauer

Liebermaus
Professor Liebermaus

Historiker. Teil der Viererbande. Siehe Hurtenschwang.


Dann einmal der Reihe nach. Zur Viererbande gehören:
a) Killus
b) Streicher
c) Hurtenschwang
d) Liebermaus.
Wer hat das Recht, ein solches Etikett zu vergeben? Der Große Denunziant.


»Hurtenschwang und Liebermaus, zwei brave Historiker-Kollegen aus der Provinz, müssen die volle Wucht des ersten Angriffs auf sich nehmen«.

Liz
Liz
FuP

Unser über alles geschätztes Groupielein.


Liebe Liz, ich habe es erwartet, ich wusste es instinktiv, dass du mich auf Rs Spur führen würdest, doch als ich das Geheimnis des Textes endlich gelüftet hatte, traf es mich doch. Warum, wirst du fragen. War das nicht unsere geheime Abmachung? Ich das Lockmittel, du der Gimpel, du der Höhlenforscher, ich die Fledermaus, die dich zu den im Dunkel des Manuskripts verborgenen Schätzen führte. Wir sind also quitt. Und, Hand aufs Herz, hatten wir nicht eine schöne Zeit? Ein wenig stressig vielleicht, aber auch da haben wir einander nichts vorzuwerfen. Und wenn wir uns morgen auf der Straße wieder begegneten und das nächste Café wäre nicht weit, wer weiß? Nenn’ mich Verheißung, nenn’ mich irgendwas, aber nicht Groupie oder alte Hexe, sonst komm’ ich und kratz’ dir die Augen aus. Da wäre es doch schade um das viele Sonnenlicht.
Muss man alles ausplaudern? Man muss. Aber nicht hier. – gui


»Es muss gegen drei Uhr morgens gewesen sein, als ich die Frage stellte, die langsam in mir herangereift war: Lisa (oder ›Liz‹, wie ihre Freunde sie angeblich nannten), deren weißer Rücken gerade unter der Decke zu verschwinden im Begriff stand, blieb ruhig liegen, wandte dann ihr Gesicht ab und sagte etwas gelangweilt: ›Rennertz? Wer soll das sein?‹«


Liz (oder anders)


Professor Leckebusch bringt eine Studentin ins Haus und sieht
seine Frau plötzlich in einem neuen Licht

Lobbock
Professor Lobbock
Industriehistoriker
FuP
 
 
 

Scheint okay zu sein. Bringt sich selbst um die Wirkung. Das wird nichts.


Lobbock und Tummler: die Unzertrennlichen. Man findet allerorts ihresgleichen – einer schlägt den Takt und der andere richtet sich darin ein. Wer nichts von Gesellschaft versteht, der findet: ein harmonisches Paar. Dabei besteht Tummlers Lebensproblem darin, dass er findet, Lobbock verstehe ihn nicht. Lobbock hingegen … gibt es einen besseren Weg, Lobbock zu beschreiben, als den, dass er Tummler durch und durch zu kennen meint? Ich glaube nicht. Lobbock, lange auf der Suche nach einer Kompetenz, die ihm kein Berufenerer wegnimmt, ist fündig geworden und sein Fund heißt Tummler. Denn Lobbock – in aller Ehre und Güte sei es gesagt – ist ein Wiesel, das sich für einen (kommenden) Löwen hält. Da nützt es nicht viel, hinter Löwen (wie Streicher) herzuwieseln und abrupt zu verstummen, wenn sie in die öffentliche Kritik geraten. Es nützt nicht viel, aber der Schaden hält sich in Grenzen, solange Tummler mit ihm durch dick und dünn geht. Das ist die Eigenschaft, in der Lobbock ihn kennt und auf deren Grundlage er ihn zu durchschauen glaubt. »Wohl bekomm’s!« möchte der Zuschauer dieses Stücks im Stück (denn das ist es) ihm zurufen, »gibst du den Hamlet, gebe ich deine Mutter.« Was Lobbock und Tummler miteinander verbindet, ist, sozusagen, das Projekt im Projekt, das absolute Projekt, dem sie in jedem ihrer gemeinsamen Forschungsprojekte huldigen, das sie auf Sand setzen.

Nachtrag: Gelegentlich dreht Lobbock in diesen kalten Tagen ein Stück seines Mantels nach außen und lässt ein rotes Innenfutter aufblitzen, dann klappt er ihn wieder zu – ich hab’s aus gesicherter Quelle. – gui


Der Sozialismus entlässt seine Trabanten

Luxor
Luxor
FuP

Was tut der hier? Er wildert ein bisschen, wie es scheint.


Wer ist Luxor? Das habe ich mich oft gefragt und nie eine Antwort gefunden. Luxor ist das bateau ivre des Tronka-Kreises: unfassbar und unvergesslich. Fest steht, dass ihn die Person Pw in den Kreis zieht, dort aber nicht festhalten kann. Ist es sexuelle Attraktion? Wenn ja, dann ohne Aussicht auf Erfolg: Pw ist Hetero ohne Wenn und Aber. Wer Luxor als eine Art Lebenskünstler betrachten wollte, läge wohl nicht ganz falsch. – gui

»... aufgetaucht aus einem Abgrund, einem Loch in Raum und Zeit, neben ihm, ein Schatten, lümmelt dieser Kerl, den sie Luxor nennen und der sich bewegt, als habe er noch eine Rechnung mit dem Bademantelverkäufer offen, könne jedoch das gute Stück aus unaussprechlichen Gründen vorderhand nicht ablegen.«

Lydia S.
Lydia S.
FuP

Kunststudentin. Macht Scherereien. Führt Tagebuch.


Soso. – gui


Tagebuch Lydia S.

M
Dichter M (Müller)
Gast, Fu-Zuträger

Akte M: bei Gelegenheit anfordern!


Wo immer er auftritt: M vertritt die DDR (mit Händen und Füßen). Gern würde er sie mit Füßen treten. Dabei ist er ihr Fußabstreifer und weiß es. Seine Stasi-Akte ist lang, das weiß bloß keiner. Jedenfalls nicht, bevor sie allgemein zugänglich wird. »Wer beobachtet, der wird beobachtet.« »Wer Zeugnis gibt, dem wird Zeugnis erteilt.« Als Zeitzeuge ist M ein Versager. Verdichten, zuspitzen, aufrühren: so lautet, laut Selbstbeschreibung, seine Tätigkeit. Und es ist was dran. Wieviel, das wissen die olympischen Götter. In der dritten Brusttasche links ist M Klassiker. Er möchte ein Œuvre schaffen, das ist sein Wunsch und sein Begehr. Ich will einen geräumigen Sarg, soll er einmal gesagt haben, aber die Aussage ist, wie durch ein Wunder, nicht verbürgt.
M ist Keiner. Als Keiner (wahlweise Kain, Kainar, Kiener, Kihna, Künahr) tritt er in seinen Stücken auf und bläst ihnen das Leben ein, das ihnen fehlt. Ja, er will, dass sie leben, dass sie Leben sprühen, dass sie Leben absondern wie das Leben sein Exkrement: außerhalb ihrer selbst, doch zuinnerst ihrs. Ein Exkrementator. – Andere Schiene: Müller kommt von Müll. Auch das soll er gesagt haben. Die wesentlichen Aussagen seines Lebens sind unbezeugt, also Müll. (»Das ist doch Scheiße«, soll er, bezeugt, gesagt haben. Ganz recht. Andererseits: ganz recht hatte er nie.) Im Müller von Sanssouci fand er die Rolle seines Lebens und ließ sie nie mehr los. Wie ein Hund, der sich im Kreis dreht, nach seinem Schwanz, so schnappt M unentwegt nach der sich beharrlich dem Zugriff entziehenden Staatsmacht. Nein, er hat keine Ahnung, worüber er schreibt. Gerade deshalb bedient er die Ahnungsvollen.
Wenn sie mich fragen: M ist ein Antipode von R, der sich gern Niemand nennt. Vielleicht auch eine Erfindung von ihm, die es in die Wirklichkeit schaffte. – gui

»Der Verfasser des Stücks und der Müller von Sanssouci mussten wohl etwas miteinander zu tun haben, zumindest wälzten sie sich im selben Bett der Geschichte.«


Dichter M* besucht die P** und verbirgt seine Enttäuschung*** in der Westentasche****

Mechtel
Mechtel
FuP

FuP ohne Fortune (keine weiteren Einträge).


Genannt Fräulein Portiönchen. Gehört zum Tronka-Kreis und hält innerlich Abstand. Pflegt ein Verhältnis mit Hans-Hajo, den sie gern los wäre, und hat ein Auge auf Hiero geworfen, der, wie er sagt, mit ihr nichts anfangen kann. Später Professorin im befreundeten Ausland.

Anmerkung: Als ich mich Jahre nach unserer ersten Bekanntschaft in der Bibliothek des Instituts nach ›Fräulein Portiönchen‹ erkundigte, wäre ich von der empörten Fachkraft fast des Hauses verwiesen worden: Tempora mutantur, nos et mutamur in illis. – gui


»›Also Mechtel...‹«

Techtelmechtel

Miriam
Miriam
FuP

Hieros Lebenspartnerin (I).


Was Miriam auszeichnet, ist die Liebe zum Detail. Zum Beispiel registriert sie an Hiero frühzeitig den fatalen Hang, sich aller Verantwortung zu entledigen, indem er sich auf das väterliche Erbe zurückzieht. Dieses Erbe umfasst weit mehr als das Haus, das ihm nach dem Tod der Mutter zufällt. Es umfasst vor allem geistig-pekuniäre Dinge. Der Vater hat sein Geld in seine Ausbildung investiert und damit seinen künftigen Lebenslauf vorgezeichnet. Wenig überzeugt davon, dass Hiero seinen Lebenstraum, die Erbeutung einer Professur, auch realisieren würde, hat er unauffällig dafür gesorgt, dass sein Überleben auch bei ausbleibendem Erfolg nicht in Gefahr gerät. Statt die Sorge des Vaters lachend über sich ergehen zu lassen und ihre Produkte gutmütig zu verprassen, entwickelt Hiero daraus ein Tabusystem, gegen das niemand verstoßen darf, am allerwenigsten seine nächste Umgebung. Miriam ist sein erstes Opfer. Ihre Lebenswünsche – eine Reise, ein Wohnungswechsel, ein Kind – zerschellen an den Mauern des Tabus. Als sie aufsteht und geht, braucht Hiero ein Jahr, ihr zu folgen, nur um ein weiteres Jahr ›herauszuschlagen‹ und sie dann doch zu verlieren.
Verliert er sie wirklich? Am Ende verliert sie ihn – an seine wahnhaft forcierte Verantwortungsscheu. Als sie ihr Kind hat, aufgelesen in in der magischen Umgebung von Machu Picchu oder an einem der Badestrände Perus, steht sie erneut vor seiner Tür. Wie reagiert Hiero? Er kriecht unter den Schreibtisch, um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen. Erst dann ist sie weg. – gui

»Hätte jemand Hiero an einem anderen Ort, etwa in der Mensa, gefragt, wer Miriam sei, dann hätte er mit einem Schmunzeln geantwortet: ›Miriam? Das ist doch die Kleine am Ausschank im Pfau. Wie kommst du darauf?‹«

Mompti
Maler Mompti
FuP

Der Unbestechliche.


Erstaunlicher Eintrag. Worin besteht Momptis Unbestechlichkeit? Mompti ist, als Maler und überhaupt, ein Meister der Nuance. Bisweilen verschwimmt ihm darüber der Umriss. Aber ›unbestechlich‹? Sollte ich versucht haben, ihn zu bestechen? Hat ihn Ama vor mir gerettet, als ich viel mit ihm vorhatte? Das ist Unsinn. R hatte mehr mit ihm vor und er scheiterte gründlich. I’ll send you a sidewinder ’cause I want a breakfast from you. Wo habe ich das, zusammen mit seinem tiefen Lachen, einst gehört? An einem Frühstückstisch im Monat Mai. Ama saß auch dabei. Ohne Ama ist Mompti nicht denkbar. Vielleicht hat sie ihn erfunden, aus einer Versenkung gezogen, um ihn irgendwann dorthin zurückzudrücken, bis ihm die Luft ausgeht. Ja sicher, so muss es gewesen sein: Mompti war schon versenkt, die andere Frau hatte ganze Arbeit geleistet, als Ama ihn fand.

Wohl dem, der ohne Kinder geht
aus dieser Not, die nicht im Buche steht.

Jedenfalls nicht in seinen. – gui


Momptis Huhn


Maler Mompti erscheint überraschend mit seiner Geliebten und streut Beliebiges

Nassen
Nassen
FuP

Assistent bei Friedenwanger. Sexmaniac. Genial (!)


Ich stelle mir Nassen so vor: verfügt über einen freundlichen, aber unerbittlichen Körper, der sich den ihn bewohnenden Geist bis in den letzten Winkel hinein unterworfen hat. Wunschprojektionsfläche für Süchtige. Abserviert nach zwei, drei, spätestens vierzehn Tagen. Ideale FuP (›genial‹). – gui

Raumordnungen

Pyramidenschauer

American Gulag

Ophoff
Frau Ophoff
FuP

Hilfskraft am Lehrgebiet Friedenwanger.


Dichtes, dunkles Haar, braune Augen, zur Fülle neigender Körper, eher klein, eher geschwätzig, das eigentümlich gaumige Idiom sprechend, das einige Zeit unter ihresgleichen den Anspruch auf eine Karriere begründete, irgendetwas Intellektuelles, mit viel Luft nach oben. Ihresgleichen? Nun ja, dies ist ein sozialer Typus, individuell sehr unterschiedlich repräsentiert, aber auch eine Zeiterscheinung, eine Luftspiegelung über den Horizonten, ungreifbar und quälerisch gegenwärtig. Alles an ihr fordert eine männliche Reaktion heraus, weist sie aber gleichzeitig ab, nicht feindselig, wie auf dem Höhepunkt der weiblichen Selbstfindungsbewegung, eher resignativ, weil sie doch schaffen muss, was sie sich ganz fest vorgenommen hat.
R hält, ich bemerke das im Manuskript hin und wieder, ein Auge auf diesen Typus. Er will ihn nicht fördern, aber er hält ihn für unausweichlich. Friedenwanger hingegen beutet ihn gnadenlos aus. Er wäre nicht Friedenwanger, hielte er es anders damit. Ausbeuten ist seine Natur. – gui

Raumordnungen

Paar
Paar

Sondereinsatz im Wattenmeer. Was haben wir gelacht.


Iris? Ein Freund? Nassen? – gui

»Das junge Paar, sie im kurzen weißen Rock, mit einer sandfarbenen Baumwollbluse bekleidet, er in Jeans und blauem T-Shirt, auf dem – untrügliches Kennzeichen der Banalität! – das Emblem irgendeiner amerikanischen Universität prangte, wartete wohl vor der Kulisse des Meeres auf eine Eingebung.«

Pida
Pida
FuP

Tronkas erste Frau.


Tronkas erste Frau, sieh an.
Hier steht, extra lapidar, was er mir und seinem Kreis (oder seinen Kreisen) stets verborgen hat. Auf welchen Wegen R Tronka ausspionierte (oder ausspionieren ließ), ist mir nicht ersichtlich. Es ist auch gleichgültig, denn die Fülle des Materials spricht für sich. Ich wüsste nicht zu entscheiden, was hier Erfindung, was Dokumentation ist, auch hätte ich nichts hinzuzufügen.
Oder doch?
Was bleibt hinzuzufügen, wenn man einen Menschen genossen hat, vor allem wenn der Genuss bitter war und man Gefahr läuft, sich selbst zu verletzen, sobald man in die aufgespannten Netze der Erinnerung läuft? Pida ist die Frau, die dem Selbstwertgefühl eines Mannes schmeichelt, um es zu zerstören – nicht, weil sie es zerstören will, sondern weil sie mit ihm nicht leben kann und sich seiner erwehrt, als drohte sie daran zu ersticken. Dabei geht es beileibe nicht ums Gefühl: eine Affäre mit Pida ist eine Lektion über Selbstwert und seine Filiationen. Das Allerweltswort ›Selbstwertgefühl‹, in seiner absoluten und einseitigen Dominanz genommen, führt in die Irre.
Wie hoch veranschlage ich mich?
Frage aller Fragen, an ihr hängt das Schicksal der Welt, die ich nur als die meinige kenne oder überhaupt nicht. Pida hätte es bevorzugt, anonym genossen zu werden und zu genießen. Es wäre, innerhalb eines anderen ihr früh implantierten Kreislaufs, die perfekte Sünde in einem Leben frei von Aufsicht gewesen. (Sobald der Bettgenosse die Augen aufschlug, war es um die Anonymität geschehen und es begann eine Phase wirklicher Raserei, aus der es, jedenfalls von ihrer Seite, kein Entkommen gab. Kein Entkommen? Jedenfalls keines ohne ernsthafte Blessuren auf Seiten des Mannes, der die ihm zugedachte Aufgabe, die Beziehung zu lösen, übernahm.)
Wo mag sie heute herumschwirren? Ich weiß es nicht, ich lehne es ab zu wissen: zu gefährlich erscheint mir der Stoff. – gui

»Hier also, munter, mit einem Lächeln: die Zukunft. Tronka erkennt nicht, dass sie ihm entgegenkommt, noch weniger, dass sie ihn bereits in entgegengesetzter Richtung passiert.«


Pi mal Daumen oder Das Glück liegt auf der Matte

Prolet-Typ
Prolet-Typ

Suche läuft. R sagt, wir müssen ihn finden. Ist wie besessen von ihm.


Diese ›Besessenheit‹, wie Iris das ausdrückt, ist vielleicht weniger der fixen Idee geschuldet, dem sterbenden ›Projekt‹ einen neuen Typus zuzuführen, als vielmehr dem, was kommt: politisch, gesellschaftlich, menschlich. Nein, es wird kein böses Erwachen nach dem Fu-Traum geben, sondern ein langes Verdämmern des Intellekts in Zuständen, die einst, jedenfalls in diesem Teil der Welt, als überwunden galten. Mit dem Intellekt geht die Freiheit, mit der Freiheit die berühmte Würde des Menschen, die unantastbare, und es beginnt die Zeit eines neuen, distanzfreien Pöbels, der sich und jedem, der ihm zu nahe kommt, gnadenlos an den Kragen geht. Dieser Pöbel ist ebenso streit- wie obrigkeitssüchtig, mit einem anarchischen Bodensatz, der sich gelegentlich in öffentlichen Auftritten Luft verschafft.
Wo soll das enden? Nirgends, mit Verlaub, denn diese Zustände herrschen seit langem in all jenen Teilen der Welt, die man als Verführte des Weltsystems bezeichnen könnte, den shithole states, die Geschichte nicht schreiben, sondern erleiden. Eher wäre die Frage, wohin die Geschichte, ihrer Trägerschicht verlustig, sich zurückziehen könnte. Ins Tal der Reichen? Das ist ein Märchen, das nie Erfüllung findet, aber an manchen Orten, zum Beispiel im schweizerischen Davos, immer aufs Neue aufgewärmt wird. – gui


»Der Prolet-Typ, auf dem Weg nach Hause, hängt Sexualphantasien nach, die ihm, locker überschlagen, zehn Jahre Haft eintragen könnten…«

Pw
Peter Wichterich, genannt Pw
FuP

Was so ein Name alles aussagt. Goldstück, leicht angeschmutzt. Will, dass ihm eine die Füße küsst. Strammer Hetero. Ist sich seiner Macht über Männer wohl bewusst.


Ist Hiero Tronkas Lieblingsschüler, so ist Pw der Versucher. Worin besteht diese Macht? Er legt alle, bildlich gesprochen, aufs Kreuz. Das geschieht mit einer Mischung aus Charme und Schamlosigkeit, der die wenigsten etwas entgegensetzen können. Tronka zum Beispiel ist ihr hilflos ausgeliefert. Hiero, den er zur Weißglut reizt, sucht immer aufs Neue seine Nähe. Philosophisch gesehen ist Pw nicht existent. Er greift sich seine Argumente im Flug und siehe: der Mechanismus funktioniert. Abstauber (auch in eroticis).

Anmerkung: Als ich seinen Namen und die der anderen Tronka-Schüler zum ersten Mal in den Listen des Fu-Projekts fand, war ich schockiert. Ich hatte nicht gedacht, dass sie auf diesem Gebiet käuflich waren. Ihre Käuflichkeit musste sich als Wissenschaft tarnen, um dabeizusein. Doch was bedeutet das? Sie alle waren Schnäppchenjäger, gewillt, die Gesellschaft zu betrügen, von der sie sich betrogen fühlten, weil sie ihnen das gerade Maß verweigerte. Philosophisch gesehen, waren sie Opfer der Hermeneutik: der Kunst, durch die Brille von Toten zu sehen, als sähe man dann anders. – gui


»Hieros Widersacher so vieler Nächte, Pw – ausgesprochen Peh-Weh, knapp, ohne Ausklang, nur Uneingeweihte verirrten sich in die englische Diktion...«

»›Ja, Herr Wichterich, das würde mich auch interessieren.‹«

Rektor
Rektor

Freund und Förderer des Projekts.


Unter den Blinden ist der Einäugige König. Dieser Rektor scheint, einmal gewählt, mit dem Amt verwachsen zu sein.
(Irgendwann löst ihn die Frau an der Spitze unserer Organisation ab, Vertreterin einer anderen Generation, mit anderen Vorstellungen vom richtigen Leben, Wissenschaft inclusive.) – gui


Gespräch beim Rektor

Rennertz
R (Rennertz)
Leiter des Fu-Projekts

R = R.


Zu den Zufällen, die im Licht späterer Ereignisse lesbar werden, zähle ich mein erstes Zusammentreffen mit Rennertz auf dem Straßburger Münstervorplatz, weniger der Kirche als der riesigen Fensterrose wegen, die ich während des ganzen Vorgangs nur einen erzwungenen Moment lang aus den Augen verlor. Sie ist das Emblem der Beschäftigung mit seinem Manuskript geblieben.
In diesem langen, noch immer nicht abgeschlossenen Prozess, in dessen Verlauf aus dem Bekannten Rennertz, der vielleicht mein Freund war, R wurde, blieb mir stets bewusst, dass es eines Ordnungssystems von der gebieterischen Macht dieses altvertrauten Symbols bedarf, um zwischen der atemlosen Jagd nach dem beharrlich fliehenden Sinn und der Fülle des Gegebenen, das allem Gesagten zugrunde liegt und vielleicht nur aus der Perspektive des Überfliegers sich zur Einsicht bequemt, einen Kontakt herzustellen. (Ich will den Gedanken hier nicht ausführen, aber auch die Pyramide enthält, wie ihre ägyptischen und präkolumbianischen Vorgänger, ein paar Geheimnisse, die imstande sein sollten, ihre Erklärungen mühelos zu überdauern.)

*Notiz*
Kennen lernte ich ihn vor dem Portal des Straßburger Münsters. Damals war ich mit Freunden unterwegs. Im Fond des großen, weich gefederten Wagens kämpfte ich mit dem aufsteigenden Gefühl der Übelkeit. Ich stieg aus, um mir Luft zu verschaffen. Ein Tourist, der sich auf den Stufen einer Kathedrale übergibt, ist eine Figur der Entgrenzung. Rennertz beobachtete die Zickzacklinie, die ich auf dem Platz beschrieb, vorbei an zugeklappten Sonnenschirmen, überquellenden, ihre Beute sachte dem Morgenwind überlassenden Papierkörben und rasch und hart pickenden Tauben, von denen die eine oder andere kurz aufflog, um zu demonstrieren, das sei nun wirklich nicht nötig gewesen. ›Das‹ konnte die Unterbrechung des Fressvorgangs, die Unterschreitung der Warndistanz oder den Vorgang als solchen bedeuten. Er sah das Zucken im Gesicht des Näherkommenden mit der Neugier des gleichfalls Fremden und verfolgte den stummen Kampf, dessen Sinn sich ihm nicht erschloss, obwohl er Züge von Vertrautheit trug, die zu deuten einem anderen vielleicht weniger schwer gefallen wäre als ihm, weil er sie ganz banal als das verstanden hätte, was sie waren.
Gleich auf der ersten Stufe erbrach ich mich. Der Impuls kam ohne Vorwarnung. Ein fast ebenso starker Reflex zwang mich, das Gesicht wegzudrehen. Die Hand, die zum Mund fuhr, erstarrte auf halbem Weg. Diese Hand... Rennertz hätte, einem höflichen Impuls folgend, vermutlich ein Taschentuch hineinlegen mögen, während ein zweiter ihn halb und halb weiter zu gehen bewog, aber gebremst wurde durch den Anblick der tänzelnden Bewegung, mit der ich die Berührung mit dem vermied, was seinen Weg aus mir nach außen nahm, als sei es jetzt und hier an der Zeit und ganz und gar notwendig. Welche Not sich da wendete oder sich zu wenden anschickte, konnte er nicht ahnen, es sei denn, er beschränkte sich darauf, den auslösenden Reiz als die Sache selbst zu nehmen. Er unterbrach seinen Gang, lächelte mich an und lockte mich mit ein paar Floskeln, die mehr in den Wind gesprochen waren, als dass sich in ihnen eine erkennbare Absicht bekundete, vom Ort des Geschehens fort, nicht ohne zu registrieren, dass der Wagen, der bisher im Hintergrund gewartet hatte, langsam anrollte und hinter der nächsten Hausfront verschwand. – gui


R

Reinmeier
Professor Reinmeier
Fu -

Sozialwissenschaftler.


Reinmeier, pardon, ist der Kollege ohne Kontakt. Auch R scheint sich dieser Regel zu fügen: mit Reinmeier fängt man nichts an. Schon ein Gespräch am Mensatisch muss lückenhaft geführt werden – mit langen Pausen, unbeantwortet bleibenden Bemerkungen, Achselzucken, abgewendetem Blick. Warum das so ist? Keiner weiß es, am wenigsten Reinmeier, der gelernt hat, es für den Zustand der Welt zu halten. Es ist aber seine Welt und die anderen sind seine Folterknechte, sie wollen nur nichts davon wissen.
Reinmeier ist in der Welt kein Unbekannter. Er publiziert viel, geht oft auf Reisen, sein Konferenzetat ist meist überzogen. Ich begegnete ihm flüchtig bei einem Treffen der International Society for Climate Defence (ISCD). Er trug eine Baskenmütze und wirkte geschäftig. Niemand beachtete ihn. Dieser Niemand war – an diesem Ort, in dieser Minute – ich. – gui

»Die Tische sind in Längsreihen aufgestellt, der Blick dessen, der die Stirnseite einnimmt, kann ungehindert schweifen: über die Kollegen Argloser und Reinmeier samt Anhang hinweg bis zu Friedenwanger am anderen Ende der Tafel.«

Rosshammer
Professor Rosshammer
Fu +

Germanist. (Irre. Der auch?)


Sehr geehrter Herr Rosshammer!
Sie glauben nicht, wie sehr es mich freut, Ihnen auf diesen Seiten ein weiteres Mal zu begegnen, nachdem das wirkliche Leben uns auseinandergebracht hat. Das wirkliche Leben! Erinnern Sie sich? Nein, Sie erinnern sich nicht, denn Sie sind alt geworden und Genosse Alzheimer hat vor Ihrem so behüteten Geist nicht Halt gemacht. Vielleicht sind Sie auch schon gestorben und ich unterhalte mich mit einem wirklichen, das heißt virtuellen, von mir zu Unterhaltungszwecken heraufbeschworenen Geist.
Wo läge der Unterschied? Ich weiß, was Sie aus dieser kleinen Bemerkung herausholen würden. Immer haben Sie aus kleinen Bemerkungen Ihre weitgespannten Überlegungen herausgezogen, so wie einer Tee aus einem jener Teebeutel zieht, die Sie ein Leben lang von Herzen verachtet haben.
Ihre Teezeremonie war köstlich, aber auf Dauer ein wenig langweilig. Jedenfalls blieb sie mir so in Erinnerung. Zeremonienmeister: nichts wären Sie lieber geworden. Doch wo? Wer hätte Ihrer exquisiten Dienste bedurft? Die Universität war Ihr Glück. Sie durften sie als Ihr Unglück betrachten und alle Wunder dieser Welt virtuell durchkosten, als seien sie für Sie bestimmt. Was sie wohl waren, vielleicht noch immer sind. Wo immer Sie sich befinden! Aber, Herr Rosshammer, Ihnen fehlt, was den Menschen auszeichnen sollte: Entschiedenheit. Stattdessen verfügen Sie über Verbosität, mit einem Schuss Bosheit, einem wenzigen Schösschen, um es einmal so auszudrücken.
Sie verstehen mich, denn Sie verstehen stets. Besser gesagt: schon immer, wie Kollege Steinschwafel, der große Steinschwafel, das einst auszudrücken beliebte. Vielleicht sprach er Ihnen aus der Seele, aus der das Unvordenkliche quoll, als habe es sich eigens in Ihnen neu erfunden. Das Unvordenkliche, Dasslers Heimstrecke, Ihr Bewusstwerdungsagens, es gab Ihnen Recht, wann immer sie es brauchten.
Hab ich nicht recht? Vielleicht nicht ganz, ich brüte Unrecht in meinem Herzen, einen Groll, der nicht weggeht, ich mag davon halten, was immer ich will. Ganz recht, Sie haben Groll in meinem Herzen gesät, wo die längste Zeit Arglosigkeit residierte. Das war Ihre Tat und sie lebt fort. Adieu! – gui

»›In der Literatur kenn’ ich mich nicht so aus. Vielleicht wäre da Kollege Rosshammer der bessere Gesprächspartner.‹ Eine Bewegung des Kinns gab der Kompetenzzuweisung eine leicht erkennbare Richtung.«

»Der siegfriedhaft wogende Germanist Rosshammer, der nur gelegentlich an den Leckebusch-Abenden teilnahm und deshalb als kontinuierlicher Diskutierer ausfiel, hatte als erster den Einfall, den ganzen Themenkomplex mit dem mir inzwischen aus dem Tronka-Zirkel geläufigen Wörtchen ›unsäglich‹ in den Orkus zu befördern.«

Ruffmann
Professor Ruffmann
Fu-Gutachter

Freund des Projekts. Foucault-Schüler.


Miasmen. In dem kindlichen Leben, das jeder eine Zeitlang führt, wollte ich immer wissen, was Miasmen sind. Als ich Ruffmann, im Garten der Leckebuschs, zum ersten Mal begegnete, glaubte ich in dieser Sache eine verspätete Lektion zu empfangen: Ruffmann verströmte ein ›starkes Arom‹, wie ein Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts geschrieben hätte, kein physisches, bewahre, auch kein ›geistiges‹, falls darin eine Restbedeutung von Geist spuken sollte, eher ein soziales, das besagte: »Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir.« Ruffmann verströmt seine Unvergleichlichkeit wie andere Leute ihren Charme oder ihren Siegeswillen. Nein, er will nicht siegen, das überlässt er seinen eingebildeten Adepten, er will es sein.
Rätselhaft, wie dieser Schürzenjäger in den Ruf gelangen konnte, schwul zu sein. Dieser Ruf, wie alles, kam zu seiner Zeit. Er passte in eine Ordnung der Dinge, in der ein Homosexueller nach allgemeiner Auffassung ein verdruckstes Leben führte oder sich ›der Schwulenbewegung anschloss‹, wie der seltsame Euphemismus lautete. Sich der Schwulenbewegung anschließen, soll heißen, den Gedanken öffentlich zu vertreten, auch Homosexuelle hätten ein Recht auf ungehinderte Sexualität und die Anerkennung dieses Rechts sei in mancherlei Hinsicht ein Gradmesser für die Liberalität einer Gesellschaft, bedeutete automatisch, sich als Schwuler ›zu erkennen zu geben‹ – zu outen, wie es bald danach – und einen neuen Gruppenzwang auslösend – hieß.
Der Gegensatz, dem Ruffmann seine theoretische Lebensarbeit gewidmet hat, ist der des Anderen und des Fremden – ein Gegensatz, der eigentlich keiner ist, sondern ein Übergang. Was Ruffmann daraus macht, wie er es macht, bedarf an dieser Stelle keiner Erörterung. Ruffmann wäre nicht Ruffmann, ließe er nicht in jede unmaßgebliche Äußerung, die er tätigt, die Überzeugung einfließen, erster zu sein und ein Erstlingsrecht beanspruchen zu dürfen. Im Garten der philosophischen Lüste macht ihn das, wie ich bereits schrieb, zum Faun: er kennt kein Davor und das Danach schert ihn, ehrlich gesagt, herzlich wenig. – gui

»›Kollege Ruffmann‹, belehrte mich Leckebuschs Assistent, der meinem Blick gefolgt war. ›Sein Ruff hat ein wenig gelitten, seit seine Assistentin ein Kind von ihm erwartet…‹«

»Vielleicht hätte sich die Gruppe in diesem Moment zerstreut, hätte nicht Ruffmann, der gewöhnlich zu solchen Diskussionen schwieg und sich lieber bei den Damen aufhielt, sofern er nicht unter den jüngeren männlichen Semestern auf Proselytenfang ging, unvermutet das Wort ergriffen.«


»Die Dozenten Ruffmann und Schleicher etwa, um auch Namen zu nennen, profunde Vertreter des nachmetaphysischen Denkens, sind sich einig, Leckebusch gewollt zu haben, solange sie die Köpfe zusammenstecken, und miteinander zerfallen, sobald sie vor Dritten darüber reden, ein gesichertes Urteil über den Neuzugang ist so schwer zu erreichen.«

S
S
Politiker, Fu-Förderer
Das grüne Mammut. Einst streetfighter, später seriös. Trifft sich heimlich mit M in der Pyramide.
Die ewige Frage: Ist S erpressbar?
Keiner weiß es. Wer fragt, erntet ein Schulterzucken. S ist mächtig, keiner weiß warum. Jeder weiß warum: S besitzt Macht über Frauen. Die Frauen? Welche? Verbalemanzen, von denen es in der Gesellschaft nur so wimmelt. S, der seine Partei-Konkurrentinnen, ohne je eine Sekunde zu zögern, der Reihe nach entmachtet hat, umgibt sich mit einer weiblichen Garde, die an ihm leidet und ihm bedingungslos ergeben ist: authentischer Macho in einer Gesellschaft, die viel Zeit und Energie darauf verwendet, seinesgleichen auszumerzen. Selbstverständlich befindet sich S dabei in vorderster Front. Gereift, wirft er nicht mehr mit Steinen, sondern mit Wörtern. Trifft er, tut’s weh, trifft er nicht, tut’s nichts zur Sache.
S, das ist der progressive Teil der Gesellschaft noch einmal, als Mannsbild. Damit steht er über dem Projekt, der geborene Gönner. Sein umfangreicher Körper ist ein Garten der Lüste, bereit, entdeckt zu werden. Wer sich hineinwagt, erntet Macht und Ohnmacht. Ob Mann, ob Frau: sie kommen verwandelt wieder heraus. Anwidern darf sie nichts, es sei denn der politische Gegner, der stets der ideologische ist.
Als Kind zeigte man mir einst einen erlegten Maulwurf, vergaß aber, ihn aus dem Zeitungspapier zu wickeln, in das man den toten Körper gesteckt hatte. So stellte ich mir vor, der Maulwurf sei ein Tier mit einer bedruckten Zeitungshaut. Es dauerte lange, bis ich, auf einer Wahlveranstaltung, diesen inneren Maulwurf fand: es war S. Nie werde ich die kreischenden Stimmen vergessen, die ihn umflogen – schon deshalb nicht, weil eine davon meiner damaligen Partnerin gehörte.
Auch vor S macht das Alter nicht halt. Je stärker sein Scheidungsgebaren sich dem von Hollywood-Stars angleicht, desto lauter erklingt der emanzipierte Hämechor. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass jede Haus, Mann, Kind stehen- und liegenließe, um dem Wink seines fetten Ringfingers zu folgen. – gui

Spitzentanz

Schaufensterfrau
Schaufensterfrau

Eine Art Maskottchen (?)


Big-Brother-Is-Watching-You-Aktionen kamen in Mode, sobald das Bewusstsein umfassender Überwachung sich in das Lebensgefühl der Massen einschlich: als trotzige Preisgabe privater Posen und Szenen, gleichsam als könne man die Ausforschung durch eine Art Gegenzauber zur Wirkungslosigkeit verdammen. Doch selten bleibt der Trotz bei sich stehen. Auch dieses Spiel steigerte sich zur Sucht, bis es eines Tages wieder verschwand, als habe es nie existiert. – gui


Im Schein der Wunderlampe begibt sich etwas. Eine Tür geht auf, eine blonde Frau schwebt herein, sie scheint nervös oder verärgert zu sein, jedenfalls abwesend, ihr Schritt schneidet in den Raum, man müsste es knirschen hören, doch die Scheibe lässt kein Geräusch durch.

Schaufenstermann
Schaufenstermann
Auch der noch. Wohin mit ihm?

Gute Frage. Man könnte über den Zusammenhang zwischen Körperexposition (programmatischem Exhibitionismus!) und schlechter Schauspielerei sinnieren. Welches Interesse beansprucht eine solche Person? Welche Hasswolken rührt sie auf (als handle es sich um eine Unterwasser-Szene)? Was geht in ihr vor? (Unwichtigster Aspekt!)
Ich weiß es nicht. – gui


Auf dem Sofa unter der Wunderlampe fläzt sich, zurückgelehnt, eine Person, die Beine breit in den Raum gestreckt, sie blättert in einem Magazin, als suche sie eine bestimmte Information, vielleicht die Kleinanzeige eines auf Hausbesuche spezialisierten Handwerkers.

Schipfang
Schipfang, Carsten
Skipper.

Skipper. Als sei damit alles gesagt. Dass Schipfang, väterlich besorgt um Hieros Seelenheil, sich an das Fu-Projekt wandte, gehört für mich zu den denkwürdigsten Episoden dieser an Überraschungen reichen Geschichte. Ich weiß nicht, wie es R damit ging, im Grunde kann es ihn nur peinlich berührt haben. Es ist und bleibt aber ein deutliches Zeichen dafür, dass Gesellschaft, bei aller Steuerbarkeit, in ihren privaten Bezirken tief im Unberechenbaren verharrt. Ob Hiero davon weiß?
Was wir Fortschritt nennen, ist vielleicht nur die langsame Auffaltung eines Vulkans, der irgendwann Tod und Verderben speit. – gui


Carsten Schipfang zum Beispiel, ein ganz erfahrener Mann, gewinnst du den, ist alles machbar.

Sibla
Sibla
FuP
Protokoll: 3-1

Musiker. Verheiratet mit Kitty.


Gefragt, was er von Sibla halte
verweist der Gast auf seine Alte.

Niemals eine solche Definitionsmacht der Frau über den Mann gesehen wie bei diesem Paar. Wo Kitty redet, schweigt Sibla, und wenn er redet, so nimmt sich zwar alles, wovon sie redete, in seinem Mund anders aus, aber er widerspricht ihr nie. Er verlässt den Raum, aber er widerspricht nicht. Er hat eine große Übung darin erworben, den gemeinsamen Raum zu verlassen, ohne aufzustehen oder auch nur ein Glied zu bewegen. Sie sind ein altes Paar, wohlgemerkt, ein Paar danach. Sibla, den es nach Frische dürstet, träumt von Reisen, nicht anders als Kitty, manchmal träumen sie gemeinsam vom Aufbruch, das ist der Kitt, der sie zusammenhält. Existierten sie je? Oder stehen sie hier, Rs Phantasie entsprungen, als gäbe es eine andere, klarere Wirklichkeit, in der nur Leute herumlaufen, wie der Geist sie braucht, um arbeiten zu können und die Welt zu gliedern um ihrer Erkennbarkeit willen? Ich weiß es nicht. Sibla ist der zu lang durch die Brille einer Frau gesehene Mann. Sie liebt ihn nicht und sie zerstört ihn doch. – gui


»Sie nennen sich: Sibla. Kitty. Kitty. Sibla. Sibla Sibla Sibla.«

Ein Traumpaar schifft sich ein

Sibla sabbelt

Stadtmaus
Stadtmaus

Hauptstadtschriftsteller. Komischer Name.


Persönlich betrachte ich Stadtmaus als eine Art Banksy der Literatur, und zwar aus folgenden Gründen:

  1. Der Name ›Stadtmaus‹ ist nirgends verbürgt. Offenbar handelt es sich um einen Decknamen oder Avatar.
  2. R kommt an keiner Stelle auf ihn zurück, so dass jede Spurensuche von vornherein ausssichtslos erscheint.
  3. Ein ›Hauptstadtdichter‹, der konspirative Verbindungen in die Welt der Wissenschaft zum Zweck der Menschenjagd unterhält, sollte jeden Zeithistoriker aufhorchen lassen.
  4. Der Ausdruck ›Hauptstadtdichter‹ evoziert Metropolenbewusstsein, aber wo steckt die Metropole? Wo müsste man Stadtmaus suchen? Berlin? Wien? Moskau? In der Hauptstadt der untergegangenen und als Geheimbund fortexistierenden DDR? Man darf nicht vergessen, dass letztere weit innigere Bande in die quicklebendige Ruhrstadt unterhält als sämtliche anderen Hauptstädte der Welt (Erkennungszeichen: abgespreizter Daumen an geballter Arbeiterfaust). Vielleicht verbirgt sich hinter ›Stadtmaus‹ ein Einflussagent? Ein Agentenführer? Und welches Licht würfe das nun wieder auf Rs Kollegen Struwwe samt seiner menschenverachtenden Leidenschaft?

Ich lasse das mal so stehen. – gui


»StruPet @StaMa Reinmeier spurt nicht.«

Starck
Professor Starck
FuP

Gastdozent in der Pyramide.


Diesen Philosophen liebe ich. Kann man Philosophen lieben? Darf man Philosophen lieben?
Nun gut, ich mag ihn. Wer mag ihn nicht? Er ist das Urbild des Denkers ohne Œuvre, der viel publiziert hat – Würdigungen, Widmungen, Beipflichtungen, Kommentare – und darüber das Eigene vergaß.
Wirklich vergaß? Einmal habe ihm diese Frage gestellt und war erstaunt über die jäh in seine Augen tretende … Hilflosigkeit. Ja, damals habe ich mich für die Bloßstellung geschämt. Starck geht seinen Weg, solange er sich sein Ich verschleiert.
Möge er ihn weitergehen – jetzt und in alle Ewigkeit.
Starck, der Gemeinschaftskritiker, lebt in Gemeinschaft auf. Nicht in einer, nein, in vielen. Vor allem bedarf er der Gemeinschaft mit Frauen, einer hier, einer da, sie dürfen nichts voneinander wissen und wissen es alle, vor allem, weil er seine Verschleierungen so dilettantisch inszeniert, dass nur er selbst ihnen traut. Er hat auch ein Buch über die Notwendigkeit der Lüge geschrieben, natürlich im Kantischen Sinn, was ihn deshalb reizte, weil Kant, wie alle Welt weiß, der Lüge so abhold war, dass er sie aus dem Kreis der zu rechtfertigenden Handlungen verbannte.
Nicht so Starck.
Sein Kant weiß um die Zwecklosigkeit des Versuchs, sie auszurotten: Er verfügt daher ihre Bloßstellung. Aber Lügen, eine wie die andere, sind bloß dann als Lügen erkennbar, wenn sie bloßgestellt werden, jede Bloßstellung singt ihr Lob, weil sie den Lügner moralisch vernichtet. Nicht die Lüge, den Lügner trifft der Abscheu.
Kein Kantianer würde diese Differenz gelten lassen. Starck – nie darf er es erfahren! – ist kein Kantianer. Er ist Königsbergianer und verbreitet mit dem Enthusiasmus des lange Zeit Eingeschnürten die Luft, die dort, wenn man ihm folgt, geatmet wurde. – gui

»Der Philosoph Starck hat dem Wegsein unter dem Titel Gemeinschaft oder Gesellschaft? einen kleinen Aufsatz gewidmet...«

Steinschwafel
Professor em. Steinschwafel

Urgestein.


Ist ›Urgestein‹ ein Beruf? Ich bin mir nicht sicher, lasse mich aber gern belehren. Steinschwafel: der prominente Denker mit einer Vergangenheit, die fest im NS-Bildungssystem wurzelt. Wie so vielen, gelang es auch ihm, sich als Opfer für neue Aufgaben in Position zu bringen. Worin bestand seines? Ihm fehlte der ›Ruf‹ als krönender Abschluss einer emsig betriebenen Karriere. Also hat man ihn damals verweigert. Das konnte nachgeholt werden. Glücklich der Mann, dem auf so einfache Weise zu helfen ist.
Ich persönlich habe Steinschwafel noch in der Lehre kennen gelernt, Betonung auf ›noch‹, denn sein Ruhm, kaum verfestigt, wirkte bereits eigentümlich verbraucht. Es scheint in seiner Zunft, wie sicher auch in anderen, ein Bedarf an einfach gestrickten, unermüdlich die großen Figuren aus- und nachfahrenden Vordenkern zu existieren, denen man sich bedingungslos anvertraut, während man ihnen im Grunde seines Herzens misstraut. wohl wissend, dass sie im Innersten korrupt sind.
Woher weiß man das? Sie verraten es einem ja nicht. Dennoch kommt, wer zu lesen versteht und den Zeitindex zu Rate zieht, ihnen leicht auf die Spur. Steinschwafel zum Beispiel schaffte es, ein und denselben Aufsatz zweimal zu publizieren: einmal als NS-Propagandamaterial, das zweite Mal als hermeneutisches Glanzstück in einem Verlag, der linken Weltanalysen nach den vergangenen Exzessen gewöhnlich den Vorrang einräumte. Zugegeben, es ist, bei einigen umgestellten Kommata und einer Handvoll ausgewechselter Wörter, nicht ganz derselbe Text, obgleich erstaunlich zielstrebig in beiden Fällen auf dasselbe zielend: die einverstandene Mitte der Gesellschaft.
Nicht einverstanden muss Tronka gewesen sein, wenn die Hiero zugetragene Geschichte über den Zusammenstoß stimmt, der Tronka unversehens aus der Rolle des Jungstars für eine Reihe von Jahren in den Abgrund der Perspektivlosigkeit schleuderte. Wenn Tronka als Opfer der maßlosen Arroganz und hinterhältigen Treue Steinschwafels zum verleugneten Regime bezeichnet werden kann, dann gibt er diesen ›Status‹, wissentlich oder nicht, an Hiero weiter. Nichts erneuert sich leichter aus den Zufällen des Lebens als die eiserne Regel verspäteter Vorgesetzter: Man darf es den Kommenden nicht zu leicht machen. – gui

»Man munkelte so mancherlei, auch über antisemitische Ausfälle bei Steinschwafel, dem großen alten Mann der deutschen Philosophie, der im Nebenzimmer des Pfaus seine Sottisen zum Besten gab.«

Strabo
Strabo
FuP

Gehört zum Tronka-Kreis (lose). Dauerliiert mit Irma.


»Strabo, du bist ein Schwätzer«. So sagte es eines Abends lachend eine von Pws durchlaufenden Freundinnen und niemand hatte Lust, ihr zu widersprechen. Die Szene ist nicht gesichert, aber glaubhaft.
Ehrlich gesagt, überraschte es mich nicht, ihn in Rs Projekt wieder auftauchen zu sehen. Ich hätte nichts anderes erwartet. Die Konstante in Strabos Leben ist der lebhafte Wunsch, nicht zu arbeiten. Er hat eine hohe Kunst darin entwickelt, ihn vorzutragen, als läge es in aller Interesse und als gehe der Menschheit eins ihrer wertvolleren Glieder verloren, ereilte das Schicksal der Allermeisten ihn doch.
Sein Interesse an Emanzipationsfragen, das weibliche Geschlecht betreffend, ist dementsprechend ungespielt und unstillbar. Irma, die ›voll emanzipierte Berufsfrau‹, die ein allgütiges Schicksal ihm über den Weg schickte, füllt ihn nicht aus, aber sie bietet Erfüllung, soweit seine Lebensplanung in Betracht steht.
Das nie geschriebene Buch seines Lebens trägt, wie er mir einmal gestand, den unverrückbaren Titel Nachdenken über den emanzipierten Mann. Allerdings kam ihm der französische Autor Houellebecq zuvor. Seit dessen Bücher den Markt bevölkern, ist Strabo im wahrsten Sinne des Wortes arbeitslos.
Macht es ihn unglücklich? Nicht doch. – gui

Strabo wohnt jetzt hier.

Streicher
Lutz C. Streicher

Konservativer Historiker. Teil der Viererbande.


Wer ist Streicher? Frage nach Streicher und jeder nickt: Und ob ich den kenne! Wer den ›unseligen‹ (sic!) Julius zum Namensvetter hat, braucht sich um Bekanntheit nicht zu bekümmern. So kommt auch ein Lutz C. Streicher unter die Räder – halb zog es ihn hinab, halb brachte er eigene Vorschläge mit, doch im Ergebnis lief seine Karriere darauf hinaus, dass er von denen geschätzt wird, die seine Bücher lesen, und diejenigen ihn verdammen, die ihn zitieren.
An dieser Arbeitsteilung ist nichts Ungewöhnliches, wenn man davon absieht, dass die politische Geometrie hier für eine gewisse Asymmetrie steht. Streicher gilt als Rechter, das ist bekannt, obwohl er selbst anderer Ansicht ist und unverdrossen die Trommel der Rechthaberei schlägt. Andere wie der Große Denunziant, die, zu Recht oder Unrecht, beim Publikum als links gelten, werden zwar von Linken zitiert, aber ihre Bücher werden eher von Leuten gelesen, die viel Zeit und Muße mitbringen oder eine Doktorarbeit schreiben wollen, während die Rechte sich nur ihrer Namen bemächtigt, um damit Schreckschüsse abzufeuern.
Das beantwortet nicht die eingangs aufgeworfene Frage. Wer ist Streicher? In meinen Augen ein rüstiger älterer Herr mit einem leicht aufgedunsenen, etwas zu weich gezeichneten Gesicht für die Rolle, die er vor der Gesellschaft spielt. Denn dort gilt er als ewiger Zuspitzer und Scharfmacher vor dem Herrn.
Streichers Utopie besteht darin, jedweden utopischen Gedanken operativ aus den Köpfen seiner Zeitgenossen zu entfernen oder wenigstens für alle Zeiten zu brandmarken. Dafür ist ihm kein Gedankengang zu lang, keine Sentenz zu bissig und keine Sottise zu billig. Das Feuilleton einer sich konservativ nennenden Tageszeitung, die seine Beiträge druckt, weil er ein Leser-Star ist, muss sich, wie man munkeln hört, stets erst wieder ein paar Wochen erholen, so sehr bringt er den dort ein- und ausgehenden Typus ins Schwanken.
Bei allem, was man über ihn ausschütten mag: Streicher ist ein Herr und nicht etwa Herr Sowieso. Das macht schon einen Unterschied.
Er ist alt geworden, Herr Streicher. »Wer ist Streicher?« fragen die jungen Leser. In einer Zeit, die selbst das Wort ›Landstreicher‹ aus ihrem aktiven Wortschatz gestrichen hat, kann auch ein Streicher verblassen. Und das ist vielleicht gut so. – gui


»Ich kenne Streicher noch aus seiner liberalen Zeit«.

Struwwe
Professor Struwwe

Freundliche Indifferenz. Attenzione!


Was auffällt: R scheut sich, das Porträt des kollegialen Denunzianten zu Ende zu führen, vermutlich hält er ihn für nicht satisfaktionsfähig (erinnere dich an die Bemerkungen über das Duell!): Wer kein wirklicher Gegner ist, sondern nur ein Eintunker, der soll für immer auf dem Grunde des Schweigens ruhen, das über so viele Weltdinge hinwegrollt, die dringend besprochen werden müssten.
Ehrlich gesagt, ich sehe keinen Grund, R darin nicht zu folgen. Vielleicht bestand der größte Fehler nach dem Zusammenbruch des Ostens darin, die billigen Denunzianten zu verfolgen statt ihre Auftraggeber, die bald wieder in den Parlamenten saßen und über die Vergangenheit verfügten, als gehöre sie ihnen jetzt erst recht.
Doch wo säße der Auftraggeber eines Struwwe? Ein Struwwe hat keinen Auftraggeber, er trägt direkt über dem Herzen ein Parteibuch, das ihm seine Empfindungen diktiert. Folglich könnte man ihn einen Empfindungstäter nennen.
Empfinden Sie wohl, Herr Struwwe! – gui


Auf ein Wort, Kollege Struwwe

Stutenkeil
Apl. Prof. Dominik Stutenkeil
Akademischer Rat
FuP
 
 

Informatiker.


»Stutenkeil ist nicht dumm.« So ein Satz, auf einem Symposium, also öffentlich, ausgesprochen, macht rasch die Runde.
Unabweislich erhebt sich die Frage: Was ist er dann?
»Was ist Stutenkeil?«, fragen sich die Kollegen, wenn sie seiner eleganten Erscheinung nachblicken, denn meistens ist er an ihnen vorbeigerauscht, bevor sie ihn richtig wahrnehmen konnten. Sie fragen nicht, wer er ist, denn das versteht sich von selbst: ein Aufschneider, ein Figaro hier, Figaro da, ein Vortragsterminwahrnehmer, wie er im Buche steht, könnte an den Fingern jeder Hand einen Ruf haben, aber… Was ist Stutenkeil?
»Die eigene Frage als Gestalt«, juxt da einer, wissend, dass die Bemerkung mit Seriositätsverlust nicht unter fünf Jahren bestraft wird, es sei denn, die Zeiten ändern sich. Das Bonmot ist es ihm wert. – gui


»Stutenkeil . Langwasser . Lobbock«

Währenddessen vermisst Stutenkeil, aus einer Erschöpfung in die andere wechselnd, an sich die gewohnte Brillanz, die ihn im Hörsaal auszeichnet.

Tellerman
Jurij Tellerman

Spinner.


Der Erfinder der toxischen Männlichkeit. – gui


Jurij Tellerman turnt in den Wipfeln der Welt und greift nach der letzten Frucht

Teuschner
Professor Teuschner
FuP

Pyramidenbewohner. Außerhalb der Pyramide nicht überlebensfähig.


Iris’ (oder wessen auch sonst) krasses Urteil ist gerechtfertigt. Wäre die Pyramide ein Klettergerüst auf einem Kinderspielplatz, dann wäre Teuschner das Kind, das in einer Ecke sitzt und aufpasst, dass niemand von der Stange geht. Nicht, weil es ihm ums Spiel ginge, sondern weil es den Augenblick fürchtet, in dem es selbst gefordert wäre. Ihn hinauszuschieben ist sein einziger Wille.
Ein Mittel dazu besteht darin, Leistung in einer imaginären Vergangenheit zu generieren. Ein anderes, laufend neue Projekte mit anderen aufzulegen: Wenn du, dann ich. Immer muss der andere den ersten Schritt gehen. Auf den zweiten, den Teuschner gehen müsste, wartet er dann vergeblich. Seine Spezialität sind Handbücher: Gemeinschaftsprojekte, die viel Abstimmung erfordern und eine Vielzahl von Treffen aller Beteiligten einschließen.
Auf ihnen tritt Teuschner auf, als sei er der Wächter des wahren Projekts, das durch die Fortschritte der anderen verwässert zu werden drohe. Wer angereist ist, um sich über seine mangelnde Teilhabe zu beschweren, findet sich unvermittelt auf der Anklagebank wieder. Am Ende fahren alle voll der Zuversicht nach Hause, jetzt endlich komme die Angelegenheit in Schwung. Doch darauf können sie lange warten.
Teuschner als FuP, das erscheint widersinnig (ist es wohl auch), macht aber (aus seiner Perspektive) Sinn. Auch hier tritt er als der passive Pol des Projekts auf. Unwillkürlich reiht er sich unter seine Macher ein, also R und vor allem Iris, die er zu allerlei Handreichungen heranzuziehen versucht. Doch das bleibt, wie man wohl sagt, falsches Bewusstsein.
Existieren Protokolle? Die Suche läuft. Unschätzbar, ließe sich hier etwas finden. – gui

Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip

triphan
Louis Triphan
FuP

Nahostexperte. Trifft sich mit S (geheim!)


Eigentlich hätte Triphan für mich der Schlüssel zur Pyramide sein können. Ich lernte ihn vor Jahren auf einem Unternehmertreffen kennen: einen smarten Referenten mit beweglichen Manieren und einer etwas steifen Gedankenführung, wie sie jemandem eignet, der lange unter Verhältnissen gelebt hat, in denen ein falsches Wort rasch zum Verhängnis wird – ein Langweiler, wie ich, vielleicht vorschnell, fand, den ich rasch vergaß.
Auch für mich ist das hier so etwas wie sein geheimes Leben: Sieh an! (So trifft man sich wieder.)
Ich stelle mir Rs Überraschung vor, als Triphan sich für das Projekt meldete. Es muss telefonisch gewesen sein, unbedingt. – gui


»Ein rarer Vogel. Hin und wieder man trifft ihn auf den Fluren, zerstreut und freundlich, das Ziehköfferchen hinter sich, das ihn nie verlässt. Er ist viel im Nahen Osten unterwegs, beruflich, die Pyramide erfährt davon nichts. Einmal im Jahr, zur Karnevalszeit, nimmt er sich frei und fliegt nach Rio. Seine Rede fließt sanft, seine Worte wiegen leicht, anschließend fragst du dich, was er gesagt hat, und findest die Antwort nicht. Es hat dich beeindruckt, soviel ist dir erinnerlich, der Eindruck sitzt noch fest in den Knochen: Gut, dass es solche Menschen gibt.«

Tronka
Tronka
FuP

Pyramidenbewohner aus Not, später aus Überzeugung.


Ursprünglich Leckebusch-Assistent, bekommt einen Ruf in die Pyramide und wird dort ein anderer. Tronka, das ist: la déformation professionelle.
Der Einzelgänger, der nicht allein sein kann.
Das Genie in der Gesellschaft.
Die Gesellschaft, ins Bild des Genies gefasst.
Kein Genie, nirgends – nur ein Denkapparat, der selten zum Stillstand kommt.
Ein Körper, der denkt und denkt.
Was noch? Der Attribute sind viele.
Das seltenste Stück in Rs Schmetterlingssammlung.
Schinder Hieros (was ich für unverzeihlich halte).
Das Problem Tronka ist die Obdachlosigkeit hoher Intelligenz. Auf der Liste seiner Problemlagen kommt sie nicht vor. Intelligenz ist für ihn ein Rohstoff wie andere. Die einzig existierende Aufgabe besteht darin, sie auszubeuten. Wo sie nicht ausreicht, bleibt nur ein Achselzucken: Pech gehabt. Tronka, der das Glück hat, wie er mir selbst gelegentlich sagte, ein Leben unter Hochbegabten zu führen, geht dazu über, sie zu zerstören, nachdem ihn der langersehnte Ruf ereilt. Hier zeigt sich sein Hang zum Mittelmaß, zum Leiden, das in Verklärung vergeht.
Denker Tronka kennt kein ›Hienieden‹. Dabei lebt er es wie der demutvollste Klosterbruder. Kein Gesellschaftsmensch kann ihm das Wasser reichen. Jeder darf ihn verlachen und Tronka gibt ihm innerlich recht. Er lacht gern und viel, aber nicht über sich selbst. Der Stachel sitzt tief. Sein verborgenster Wunsch: nicht geboren zu sein. Sein oberflächlichster: die Fülle der Welt genießen. Sein gefühltester: Größe.
Sein kleinlichster: Liebe. – gui

»›Bekanntlich sind Genies sehr selten, es ist daher auch nicht nötig. Einen Tronka dagegen gibt es in jeder nur einigermaßen kompletten Gemeinschaft.‹«

»Im Treppenhaus begegnete er Tronka, das Zusammentreffen festigte ihn innerlich und fächelte ihm Mut zu.«

Tronka


»Tronka, ein Negativ-Meister: Man holt ihn, man schließt ihn aus. Alle Wege, wie immer gebahnt: ihm sind sie verschlossen, selbst wenn er sie geht.«


Das Bersten
Der Schmerz

Tummler
Gottfried Tummler
Privatdozent
FuP

Ein sympathischer Mensch. Bloß mit dem Ruf scheint es zu hapern. Wo klemmt’s? (Vielleicht Lobbock?)


Ginge es nach Freundlichkeit, nichts könnte Tummlers Karriere aufhalten. So wie die Dinge liegen, fühlt er sich wundersam gebremst. Lobbock gibt ihm dieses gewisse Gefühl der Ebenbürtigkeit, das einer wie er braucht, will er sich bewegen. So bewegt er sich im Gleichtakt mit Lobbock, mit dem er sich unter vier Augen ›fetzt‹, wie er meint, während Lobbock, dankbar für jede Anregung, sich freut, dass der andere so kreativ aus sich herausgeht. Eine fruchtbare Arbeitsbeziehung, findet Lobbock, er schätzt Tummlers fachliche Phantasie und lenkt sie nüchtern auf seine Mühlen.
Was Tummler bei Lobbock sucht (und bekommt), nennt man in seinem Fach ›symbolisches Kapital‹, weniger gestelzt: Anerkennung. Nicht dass Lobbock ihn anerkennt, ist das Entscheidende, sondern dass er ihm den Weg zur Anerkennung der Zunft ebnet. Wenn sie zusammen aufs Podium gehen, ihre Aktentaschen aufklappen und die Powerpoint-Präsentation des Projekts, ›an dem sie gerade arbeiten‹, ihren vorgegebenen Lauf nimmt, dann rollen die Coins für sie beide. Das gefällt Tummler. Und Lobbock, der ungern teilt, stellt beruhigt fest, dass er der erste ist, der bei diesem Spiel gewinnt.
Ist Tummler gut? Nein, ist er nicht. Er ist eifrig, er platzt vor Eifer, gut zu sein, und dieser Eifer lässt, was immer er produziert, sperrig erscheinen. Es ist aber eine Sperrigkeit zweiter Hand, aus Anstelligkeit entsprungen, die ihr Ziel nicht findet. Weiß das Lobbock? Schwer zu ergründen. Er ist zu sehr auf ihn angewiesen.
Kommentieren macht Spaß. – gui


Pyramidenschauer
Viererbande
Viererbande


Zur Viererbande gehören:
a) Killus
b) Streicher
c) Hurtenschwang
d) Liebermaus.


Viererbande

Warbede
Warbede
FuP

Embede, Warbede, Wilbede: Die starke Truppe.


Keine Ahnung, wie R & Co. es anstellten: diese Drei scheinen aufs Geratewohl von der Straße geholt und in die Namen der drei ursprünglich keltischen Nornen des Wormser Reliefs gestopft – Jungfrauen in jenem erweiterten Sinn, der dem Mittelalter sehr gegenwärtig war und seither von Generation zu Generation aufs Neue entdeckt werden muss.

Barbara mit dem Turm,
Margarete mit dem Wurm,
Katharina mit dem Radel
das sind die drei heiligen Madel!

Warum fides, spes, caritas – Glaube, Hoffnung, Liebe? Meine unmaßgebliche Deutung lautet: Ohne die vom Christentum eingepflegten Grundwerte stockte der Gang der Geschichte. Diese drei aber machen Geschichte, halleluja. In ihren losen Reden blitzt das Sichelrad, dessen Speichen niemand sich naht, der mit dem Leben davonkommen will.
Der Feminismus der Straße kennt keinen Stillstand, er kennt keine Erfüllung, er ist voll der selbstverordneten Gnade, solange das Rad sich dreht. Was wäre der Glaube ans selbstgewirkte Geschlecht ohne die Hoffnung, es könne sich in Liebe erfüllen? Wenig bis nichts. Andererseits: Was wäre Selbstliebe ohne die Hoffnung, sich im Geschlecht zu erfüllen? Oder, um das Dreigestirn der karnevalistischen Blasphemien voll zu machen: No hope no zaster. Love it! – gui

Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – setzen sich in Bewegung

Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – entdecken die Kraft der Negation

Das religiöse Herz meldet sich zurück

Wassermann
Wassermann
FuP

Privatdozent.


Außenseiter der Pyramide. An seiner Bürotür prangt eine Zeitlang der Spruch:

Wassermann, du krasser Mann.
In der Not geh du voran.

Eines Tages ist er verschwunden. – gui


Was der Sozialismus falsch macht

Wegenaer
Dr. Alois Stiebelpfand Wegenaer
FuP

Kunsthistoriker. Künstler. (Na watt denn nu?)


In meinem Bücherschrank stehen zwei Bücher von Wegenaer: The ART Box und Die Frage Homomaris. Im ersten erörtert er den kunstgeschichtlichen Vorlauf und die Prinzipien der BBox, auf die, seiner Ansicht nach, die gesamte Kunstentwicklung des Westens hinausläuft. Es ist ein umfangreiches Werk, vollgestopft mit großformatigen Abbildungen und gestützt auf waghalsige Analogien, deren Seriosität ich nicht beurteilen kann. Das zweite ist ein eher schlank geratener Essay über die Frage: Darf ein Homomaris sein?
Da der Künstler Homomaris wirklich ist und seine Bilder ebenso existieren wie die Bilder und Objekte eines Gerhard Richter oder Joseph Beuys (oder, um eine weitere Perspektive zu wählen, die Sixtinische Madonna und Hokusais Ansichten des Fudschijama), handelt es sich dabei offensichtlich um die Frage der Zulassung: Darf ein Homomaris die geheiligte Schwelle der offiziellen Kunst überqueren oder zählt er zu den Verdammten der Hölle, die im Drahtverhau der Kunstdoktrinen, niedergemäht von den niemals in ihrer Wachsamkeit nachlassenden Hütern des Bestehenden, ihr Werk, ihre Gesundheit und schließlich ihr Leben lassen müssen?
Es versteht sich von selbst, dass in einem solchen Buch nicht die Klasse zählt, sondern die Tendenz. Kein Zweifel: Wegenaer führt hier gleichzeitig als Konkurrent und als Prüfsiegel-Erteiler das Wort. Nach Objektivität klingt das nicht. Dennoch muss ihn Homomaris zeitweise fast über Gebühr beschäftigt haben. So zieht sich unüberhörbar durch seine Ausführungen die verzweifelte Frage ›Der oder ich?‹
Das Wesen der Zeit, sagt Heraklit, ist Entzweiung. Wer sind dann die unerbittlichsten Repräsentanten der Entzweiung? Zweifellos all diejenigen, die nur in der Zeit leben. Sie haben ihre Zeit und wenn sie abtreten, ist es mit ihren Worten und Werken vorbei. – gui


Die Rasierklinge als Werkzeug der Massenmobilisierung hat tiefe Spuren in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts hinterlassen.

Weinfus
James W. Weinfus
Auswärtige Beziehungen
Konferenzteilnehmer

Der Unvermeidliche.


– gui


James, ich zieh dich nach vorn, so, jetzt haben wir dich groß im Bild.

Weißäcker
Prof. Weißäcker
FuP
Philosoph

Blondie.


Na, den Spitznamen kennen wir bereits. Schwelgt im Ausrichten von Tagungen. Der große Blonde mit der sanften Stimme. Buhlt um Momptis Gunst und wünscht ihn sich liebend gern zum Kollegen. – gui


Weißäcker hat von mir gewollt, dass ich es lehre, ich habe den Ruf abgelehnt, weil ich es nicht weiß.

Nein, fabuliert Weißäcker, fahl im Gesicht…

Werferich
Prof. Werferich

Kommunikationswissenschaftlerin.


Bekanntlich begegnet man einander zweimal. Im wirklichen Leben begegnete ich Prof*ex (oder wie sie sich gerade nennen mochte) Werferich, als ich gerade ein Haus kaufen wollte. Sie betätigte sich nebenberuflich als Maklerin, jedenfalls verdiente sie ein hübsches Sümmchen dazu, wie sie mir lachend gestand, wobei ihr Lachen eigentümlich zwischen Lächeln und Gelächter stockte. Überhaupt schien mir dieses gleitende Stocken das Wesen der Person auszumachen: nicht unsympathisch, nicht sympathisch, nichts Bestimmtes dazwischen, aber alles in allem … gleitend eben.
Hat R sie gemocht? Jedenfalls gelang es ihm nicht, sie zur Teilnahme am Projekt zu bewegen. Vielleicht hat er’s auch gar nicht versucht. Menschen wie W bleiben massenhaft an den Universitäten hängen, weil sie nicht über die Entschlusskraft verfügen, sie zu verlassen. Dabei herrscht, wie man hört, Stellenknappheit in den Gefilden des Geistes und nur die Besten haben eine Chance, übernommen zu werden. Nur die Besten, wie der alte Steinschwafel sagt, nur die Besten. Woraus folgt, dass zufällig stets die Besten zur Stelle sind, falls sich irgendwo ein Einlassventil öffnet, um sich alsbald wieder zu schließen.
›Werferich ventiliert ihre Chancen‹, könnte als Spruch über so einem Leben hängen. Aber das wäre wohl ein Missverständnis. Denn eigentlich geht ihr das Landleben über alles. – gui


Werferich, die etwas behäbig wirkende Juniorprofessorin…

Nach diesem Grundsatz verfahren alle – Weißäcker, Argloser, Gaggauer, Werferich, Nassen – und legen die bekannte Verdauungsminute post mensam ein.

Wilbede
Wilbede
FuP

Embede, Warbede, Wilbede: Die starke Truppe.


Keine Ahnung, wie R & Co. es anstellten: diese Drei scheinen aufs Geratewohl von der Straße geholt und in die Namen der drei ursprünglich keltischen Nornen des Wormser Reliefs gestopft – Jungfrauen in jenem erweiterten Sinn, der dem Mittelalter sehr gegenwärtig war und seither von Generation zu Generation aufs Neue entdeckt werden muss.

Barbara mit dem Turm,
Margarete mit dem Wurm,
Katharina mit dem Radel
das sind die drei heiligen Madel!

Warum fides, spes, caritas – Glaube, Hoffnung, Liebe? Meine unmaßgebliche Deutung lautet: Ohne die vom Christentum eingepflegten Grundwerte stockte der Gang der Geschichte. Diese drei aber machen Geschichte, halleluja. In ihren losen Reden blitzt das Sichelrad, dessen Speichen niemand sich naht, der mit dem Leben davonkommen will.
Der Feminismus der Straße kennt keinen Stillstand, er kennt keine Erfüllung, er ist voll der selbstverordneten Gnade, solange das Rad sich dreht. Was wäre der Glaube ans selbstgewirkte Geschlecht ohne die Hoffnung, es könne sich in Liebe erfüllen? Wenig bis nichts. Andererseits: Was wäre Selbstliebe ohne die Hoffnung, sich im Geschlecht zu erfüllen? Oder, um das Dreigestirn der karnevalistischen Blasphemien voll zu machen: No hope no zaster. Love it! – gui


Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – setzen sich in Bewegung

Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – entdecken die Kraft der Negation

Das religiöse Herz meldet sich zurück

Z
Z

Kollege Zufall beherrscht das Feld.


Wie recht sie doch hat. – Aber, Plaudertasche Hölzchen ausgenommen, wer weiß noch vom Lauscher an der Wand? – gui


»So erzählte der Historiker, der bei dem ersten Treffen jene ingeniösen Bemerkungen über die Ortschaft Gauweiler fallen gelassen hatte, gleich dreimal hintereinander die Umstände, unter denen er die Bekanntschaft des Germanisten Z. gemacht hatte. Dessen Erinnerungen an Nazi-Jugend und Nachkriegskarriere waren gerade posthum erschienen und quollen offenbar von saftigen Bemerkungen über die Zunft und ihre Vertreter über.«

Zimmerwirt
Zimmerwirt

Ein Rätsel ist Reinentsprungenes.


Einfach ist es nicht, den Absprung zu finden. Ein Zimmerwirt kommt da gerade zur rechten Zeit. – gui

»Nicht hinhören, einfach nicht hinhören.«