Das Fu-Inventar
A
Sabine A
Privatdozentin
 
 


»Sabine A., die gute A., die es endlich geschafft hat und nun darauf vertraut, dass der Name ihr einen der vorderen Plätze beim weiteren Fortkommen sichert…«

Agosch
Professor Rainer Agosch
FuP
 
 

Joker.


Wann immer die selbstverwaltete Universität einen Kollegen sucht, der bereit ist, einen Fuktionsposten zu übernehmen, steht Agosch bereit. Wie kommt jemand in diesen Ruf? Gravierender noch: Wie kommt er in diese Lage? Das ist, im Falle Agosch wie meist, eine komplizierte Geschichte. R, der sich für sie nicht zu interessieren scheint, beutet sie gnadenlos aus.

Ama
Ama (Anna Amalia Selbtritt)
FuP
Protokoll: 4-1, 4-2, 4-3

Momptis Geliebte.


Ama die Künstlerin, Ama die Freundin, Ama die Feindin aus Ungenügen, aus Lust am Wechsel, die allnächtens zur Angststarre mutiert und tagsüber zur Spöttelei treibt, zur Spotterei und zum Spott, der in den Mundwinkeln zuckt, sobald ein Fremder sich einfindet. Hasst sie R? Wenn ja, warum? Das alles bleibt unklar. Eifersucht, Guido? Nicht ganz, eher Flucht. Flucht auf den Spuren von R. Auch das gibt’s. Ama, die Muse von ’68, reif geworden und egoman: tödliche Dosis.
Aus Amas sentimentalem Gepäck:
Hurry up with a whisper
Hurry up with the loon
Hurry up in the daylight
Hurry up to the moon

Das mit dem Mond ist, wie manches an ihr, offenbar nicht ernst zu nehmen. Ama ist bodenständig, die Bodenständigste von allen. Sie hat ihre ländliche Familie nie verlassen. Falls doch, ist sie früher zu ihr zurückgekehrt als andere sich von ihrer lösen konnten. Darin ähnelt sie Pida.


»Sexuell geschäftsfähig geworden ist Anna Amalia Selbtritt, genannt Ama, in den sechziger Jahren ihres Jahrhunderts«.

Anita
Anita
FuP

Guidos Frau.


Nothing to tell. Nichts habe ich geahnt, geschweige denn gewusst. So etwas scheint, wenn alle Vergangenheit vergiftet ist, offenbar wichtig zu sein. Dabei ist es, wie alles andere, Behauptung. Könnte ich, selbst wenn ich wollte, noch unterscheiden? Kann, was die Erinnerung durchatmet, in ihr nicht vorhanden sein? Aber dann wurde es gewusst, oder nicht? Und wenn ich wirklich nichts wusste, wie schuldhaft ist das? Kann, nichts gewusst zu haben, ohne Schuld sein? Und um welche Art Schuld handelt es sich da? Anita lebte im Fluss der Zeit wie ich auch, wir sind auseinandergegangen, so wie wir zusammen waren: zusammen auseinander. Oder aus/einander zusammen. So ein Schrägstrich eint, ohne zu vereinen; er vereint in einer Figur, die den Schmerz bekundet, zugleich auseinander und aus einander leben zu müssen. Er ist das Emblem der Epoche. Auch dieser unerhörte Schmerz lässt nach.


»Erst schwach, dann kräftiger, entfernt einem Hologramm zu vergleichen, erschien mit den ersten Silben die Szene: eine Frau, meine Frau (um einige Jahre jünger, wie ich nicht ohne Neugier registrierte) saß etwas vornübergebeugt in einem Strandkorb, sie lehnte die rechte Schläfe gegen das Rohrgeflecht und hielt beide Hände auf ihrem Schoß.«

Anita oder Die Häuslichkeit

Anton
Anton
FuP

Tronka-Kreis. Religiös infiziert. Blutspender. Suchender, der weiß, sobald ihn einer auf seine Suche anspricht. Dabei gutmütig. Vorsicht!


Er betritt mein Gedächtnis, so wie er es verlässt: hünenhaft, muskulös, dabei kraftlos, unfähig, die Dinge des Lebens zu gestalten. Doch diese Erinnerung ist, wie ich heute sehe, falsch. Anton ist zum Leiden prädestiniert. Er leidet extrem an seiner extrem kurzen, ihm eine Tochter bescherenden Beziehung. Sie erspart es ihm, der Heilige zu werden, der er gern geworden wäre, denn diese Lebensform leuchtet ihm ein wie keine andere. Dass die studentischen Freunde ihm das als Marotte durchgehen lassen: gerade darin liegt das Falsche dieser Freundschaften, die er zutiefst bedauert. Im Fu-Projekt will er, nehme ich an, Beziehung lernen. Aber so etwas lernt sich nicht.


»Anton seufzt, dann wird er munter: ›Privilegien, ja! Wer hat hier Privilegien? Kann mir einer was davon abgeben?‹«

»Anton zum Beispiel, ein fast hünenhaft zu nennender junger Mann mit einem Körper, dessen unbekümmertes Muskelspiel ganz andere Lebensoptionen denkbar erscheinen ließ, hatte sich in einer sperrigen Distanz zur Theologie eingerichtet, die nach menschlichem Ermessen geradewegs in den erstaunlicherweise durch die Wahl des Studienfachs verweigerten Dienst an der Schöpfung münden musste.«

Argloser
Professor Argloser
Projektfeind

Soziologe, Pyramidenbewohner.


Dass R über Argloser staunt, wundert mich nicht. Für ihn sind die Vorgänge in der Fakultät das Buch mit den sieben Siegeln. Er kann nicht begreifen, wovon diese Menschen reden. Zur Not begreift er, dass sie mit Argumenten feilschen. Aber die Argumente sind falsch. Sie sind unvollständig, verdreht, es mangelt ihnen an Konsequenz und sie werden fallen gelassen, sobald sie zu einer Lösung führen könnten, die unerwünscht ist. Argloser repräsentiert dieses Denken, das keines ist, in Reinkultur. Selbst in seinen wissenschaftlichen Schriften kann er sich nicht davon lösen. Er feilscht auch dort und es bleibt für den Außenstehenden unerfindlich, was er dabei herausbekommt. Warum bekämpft er das Fu-Projekt? Ich vermute: weil es konsequent ist oder zu sein vorgibt. Es will eine Sache, die seit fast zweihundert Jahren schwelt, zum Abschluss bringen. Da gilt es beherzt in die Speichen zu greifen.


»Argloser, der Listenreiche, gibt sich im Kollegenkreis gern zerstreut, uninformiert, manche sagen auch: vertrottelt, der Ruf eines Intriganten geht ihm voran, ohne dass ein Vorfall bekannt geworden wäre, der diese Zuschreibung rechtfertigte.«

»›Sie wollen Tote erwecken, mein junger Freund?‹«

Argloser schreibt

Asche-Aigner
Professor*in Annabell Asche-Aigner
Projektfeindin

Historikerin.


»Annabell Asche-Aigner, die Neue, setzt in puncto Zuständigkeit neue Maßstäbe, sie mischt überall mit.«

Bäckersfrau
Bäckersfrau

Reife Schönheit, Hiero zugetan.


Hier wird’s kriminell. Hat das Team R Hieros Jugenderinnerung nachspioniert? Andererseits: sexuell konnotiert ist sie schon. Sie gehört also in den Kreis des Projekts und verdient es, aufgehoben zu werden.

»Die Bäckersfrau, mit der er sich gern unterhielt – sie glühte immer ein wenig, als käme sie frisch aus dem Backofen –, nannte das eine Jesusfrisur und lächelte vielsagend dazu.«

Bartosz
Professor Bartosz

Weltphilosoph.


Es gibt Stunden, da holt Kollege Reinmeier seinen Bartosz heraus, putzt sich die Brillengläser und beginnt zu lesen. Drei Sätze nur und er ist wieder im Rhythmus, dem eckig, ruck-zuck und dabei so geschmeidig sich wälzenden Strom von Undurchdachtem, Verdautem, Unverdautem, Verschrobenem und Gestemmtem. Er liest nicht lange und er hält inne, die Erinnerungen haben ihn überwältigt, es glänzt die Backe und eine Träne läuft darüber hin, als wollte sie sagen: Was soll ich tun? – Und wirklich, was sollte sie tun? Eine Träne dem Universum, der brodelnden Materie, dem prometheischen Feuer und der Mission: Er war der letzte, der sie seinen Deutschen entlockte, der sie ihnen entrang oder entriss, ja, entriss, das wird es sein, denn eigentlich war, was da stand, komisch – es war schon immer komisch, nur heiter, das war es nie. Schrecklich dagegen der gütige Apologet des ›schon immer‹, der hinauswatete, wo dieser unterging. Dass der sozialistische Held eines Tages sogar den Tod besiegt, das Skandalon – diese Große Marotte des Denkers sagt viel, wenngleich nicht alles. Immerhin verdeckt sie den Käfig, in dem der Unsterbliche sitzt, abgewandt, bleich, mit erloschenen Augen angesichts all der Tode, die aufgewandt wurden, um ihn für eine Weltsekunde hervorzubringen – ein Untoter unter seinesgleichen, ein Toter unter Toten und Lebenden. Zwischen diesen da und das All passte nichts als eine Trompete.

»Bartosz hingegen, hübsch untergefasst, von zwei engelgleichen Assistentinnen fast hereingetragen, Blondinen natürlich, den Riesenschädel flach auf die kläglichen Schultern gelegt, als sei er das, möglicherweise verkehrt herum, wieder aufgesetzte Haupt des Johannes: ist irreal.«

Blowasser
Professor Ernesto Blowasser
Gutachter
 
 

»›Wenn ich mich in der Pyramide bewege, bin ich ein archaischer Mensch.‹«
Dassler
Professor Dassler

Dassler und Leckebusch: Institutsherrscher. Old school.


R betrachtet Dassler aus der Ferne, wie ein Monument, dessen Schattenwurf die wahren Proportionen verzerrt. Dieses Monument ist, wie ich aus der Nähe erfahren durfte, nur zum Teil Dasslers Werk. Es ist ein Produkt der seminariellen Enge, die ihn zur Überlebensgröße aufquellen lässt, als sei gerade ihm bestimmt, jeden Winkel des knappen Raumes auszufüllen – weniger durch seine ungewöhnliche Gegenwart als durch seine noch ungewöhnlichere Abwesenheit. Im Institutsalltag ist dazzling Dassler nur schwer erreichbar. Die Klagen von Studenten und Mitarbeitern über seine mangelnde Greifbarkeit füllen den Raum und erschaffen das Wahngebilde des Philosophen ex tempore.
Dasslers Satz, der das alles ermöglicht, die Philosophen hätten noch gar nicht begriffen, wie ihre klassischen Texte zu lesen wären, rumort in den Köpfen von zwei, drei Studentengenerationen, um jene tabula rasa zu schaffen, auf der die eigenen Denkübungen sich wie die ersten stürmischen Schritte der ersehnten neuen Philosophie ausnehmen. Eitelkeit, verbunden mit Herrschaftsallüren, zerstört sein Verhältnis zu den beiden mutmaßlichen Fachgrößen, die er auf die Spur gesetzt hat: Tronka, dem Leckebusch-Assistenten, der seinen Vorgesetzten verachtet und Dassler schmäht, aber für seine kühle Eleganz bewundert, vor allem jedoch Kypras, dem Athener Leibphilosophen gewisser konservativer Kreise im Lande.


»Den Dassler halte ich persönlich für einen Blender. Hast du mal gesehen, wie er auf dem Höhepunkt seiner Suada das Taschentuch rausholt?«

»Von dieser Leidenschaft weiß Dassler nichts, dennoch überlegt Hiero manchmal, wie es wäre, wenn er plötzlich hereingeschneit käme, das Anachoretenlächeln im Gesicht, das ihn nie verlässt – früh erworbene Maske und Vorteil, wohin man sieht.«

»Dassler bestreitet seine halbe Vorlesung mit einer ausgiebigen Analyse der Einleitung.«

»Nur als Dassler ihn beiläufig fragt, ob man Fichtes berühmtes Ich=Ich noch in einem anderen als dem soeben referierten Sinn verstehen könne, da blitzt es in ihm auf, und er antwortet so unbedacht, dass es ihn fast die Note kostet: ›Das wahre Ich ist das dritte.‹«

Dowil
Herr Dowil
FuP

Hilfskraft bei Friedenwanger.


Herr Dowil! Mühsam habe ich ihn aus Rennertz’ Manuskript herausbuchstabiert. Wann immer ich versuche, diese Figur zu fassen, fällt sie in den Text zurück und trübt ihre Umgebung bis zur Unkenntlichkeit ein. Ein Tintenfisch? Vielleicht. Woher meine instinktive Abneigung? Ich finde, einer wie er hat an einem Ort des Geistes nichts verloren. Warum findet man gerade dort seinesgleichen? Das Rätsel der modernen Universität lüftet sich an solchen Figuren. Es knüpft sich an einfache Motive wie Dabeisein, Dabeibleiben. Das Unfertige, hier wird’s Ereignis. Die Dowils dieser Welt werden niemals fertig. Deshalb scheiden sie auch niemals aus. Sie bleiben, bis eine Lücke sich zeigt, in die sie hineinpassen, und siehe da, es ist der Fahrstuhl nach oben. So einfach ist das. Oben angekommen, sind sie … fertig. Sie haben die Endposition erreicht und reisen auf Kongresse, mit nichts im Gepäck als ihrem neuesten Vortrag. Ihre beliebteste Phrase lautet: »Ich komme zurück.« Eine Drohung? Keiner weiß es, keiner will es wissen. Ganz recht, es ist eine Phrase.


Ophoff, Dowil, Nassen: »Sie wetteifern miteinander, die professorale Aufmerksamkeit durch kleine Berichte aus der Küchenzone des Instituts zu erregen.«

Dürrobst
Professor Dürrobst
Gutachter

Erziehungswissenschaftler. Gegenspieler Friedenwangers.


Auch wenn R ihn so wahrnimmt… mir scheint Dürrobst kein Feind des Projekts zu sein. Einer wie er will die Hände im Spiel haben – immer und überall. Vermutlich hat R ihm gegenüber ein gewisses Wahrnehmungsdefizit, ja, es ließe sich behaupten, Dürrobst bleibt für ihn unerkennbar. Aus schierer Not zieht er Friedenwanger heran, für dessen Typus er ein geradezu krankhaftes Sensorium besitzt. Aus seinen Zügen leitet er Dürrobst ab. Hölzchens ›Hab’s deduziert!‹ könnte über all diesen Passagen stehen. Vielleicht existiert Dürrobst gar nicht und R benützt diese Figur, um seinen Schwierigkeiten einen Namen zu geben. Dann wäre Dürrobst im Projekt so etwas wie die unsichtbare Hand der ’68er, soweit sie Karriere gemacht und allerorten die Hand im Spiel haben, ohne dass der Zusammenhang jemals zutage getreten wäre, weil sie, ihrer eigenen Aussage nach, ›gelernt‹ haben. In gewisser Weise lässt sich nicht mehr über sie sagen, als dass sie ›gelernt‹ haben. Doch wie jedermann weiß (oder wissen könnte), fordert das Lernen der Erwachsenen einen Preis. Es verschleiert früh erworbene Dispositionen, so dass sie ihr Unwesen blind zu treiben vermögen. It’s been a hard day’s night. Vielleicht geht der Eindruck auch nur von Dürrobsts Äußerem aus, so wie R es beschreibt (falls er es nicht, wie alles andere, erfindet): die zur Schau gestellten Pfeifenputzer, die Pfeife selbst im Dauereinsatz, das verkrümelte Jackett, die ganze verkrümelte, dabei unbeugsame Erscheinung sind offenkundig Reminiszenz. Kollege Dürrobst: ein Brocken erkalteteter Lava auf einem Vulkanhang, hin und wieder hört man den Berg rumoren, die Lava gibt sich erwärmt und kommt scheinbar in Fahrt, denn es herrscht Sonnenschein, doch alles ist eitel Trug und Vergängnis.

»Kollege Dürrobst zum Beispiel, das Pfeifchen im Mundwinkel, ergreift das Wort mit gravitätischer Ruhe, die stets Unruhe schürt.«

Ceci n’est pas une pipe

Dürrobst fordert eine Evaluation

Duro
Claudio Duro
Gutachter

Literaturwissenschaftler. Freund und Mentor von R.


Eike
Eike B
Projektassistent

Tronka-Kreis.


Bei Eikes Person gehen unsere Wahrnehmungen auseinander. Für R ist er ein Mensch des Ressentiments, ein religiös verfeinerter Moralist mit tückischen Neigungen, ein Heuchler und Selbstverhinderer, kurz: der falsche Freund, wie er im Buche steht. Wenn das alles so wäre: Warum hat er ihn eingestellt? Die Antwort kann nur lauten: er kennt ihn nicht. Kannte ich ihn besser? Mag sein, mag nicht sein. Ich sollte R dankbar sein, dass er mir posthum die Augen geöffnet hat. Aber um welchen Preis? Lange Zeit glaubte ich mich Eike fast so verbunden wie Hiero, ich hätte nicht angestanden, ihn einen Freund zu nennen. Ich fand ihn ehrlich, bis ich ihn anders fand. Dies Anderssein hat mich eine Zeitlang sehr beschäftigt, sie hat mich durch Praxis gelehrt, dass Menschen in unterschiedlichen Gruppierungen verschiedene Identitäten ausbilden – Masken vorhalten, aber diese Masken sind ihnen ins Gesicht gebrannt, sofern sie nicht das Milieu wechseln. Solche Dinge weiß man, selbst wenn man sie nicht aus eigener Anschauung kennt. Aber man ist immer wieder erstaunt zu sehen, was zum Vorschein kommt, wenn ein vertrautes Gesicht verrutscht und plötzlich ein zweites, womöglich ein drittes sich blicken lässt. Man erschrickt vor dem Wirklichkeitsspalt und zieht sich von der Person zurück, in der sich die Drehtür zufällig aufgetan hat.

»Recht besehen, handelte es sich um keinen Fall, höchstens um eine Falle, genau genommen um einen Denkzettel für die sträfliche Einfalt, mit der er und Eike in dessen klapprigem R 4, an dem immer irgendein Birnchen streikte, in eine nächtliche Straßenkontrolle getrudelt waren.«

»Eike ist kein Mann des Entwurfs, sondern der Gelegenheit, auf die er im langen und zähen Tropfen der Zeit lauert. Ein Reptil.«


»›Was wollen Sie dort?‹ scheint sein Blick zu fragen, gibt ihm einer Paroli, den es, Eike B z.B., zur Skepsis zieht oder zur Theologie.«

»Warum absolut, könnte Student Eike fragen, absolute Freiheit ist ein Nichts im Wüstensand, heute verdurstet, morgen vertrocknet, übermorgen verwest.«

»Eike B, der klassische Fall eines Studiums aus gespaltener Motivation.«

Eikes Gesetz

Einhart
Einhart
FuP

Assistent bei Leckebusch.


Einhart ist der Mann, der nie in Erscheinung tritt. Das war der Fall in der Welt, die ich bewohnte, das scheint in Rs Universum nicht anders gewesen zu sein. Die Beschäftigung mit Aristoteles hat ihn nach Oxford geführt und die Beschäftigung mit dem sprachanalytischen Zweig seines Fachs sollte ihn, so wird man wohl sagen müssen, geistig und gesellschaftlich sedieren. Nicht dass hier ein stürmischer Geist gebändigt werden musste, das gewiss nicht, aber diese gedankenhelle Abstinenz in allen wesentlichen Fragen der Zeit musste erzeugt werden: durch edlen Wettstreit, wie er hellenischen Jünglingen einst nachgesagt wurde. Nur hatte Einhart, als ich ihn kennenlernte, nichts Hellenisches an sich, seiner perfekten Beherrschung des Altgriechischen zum Trotz. Eher entsprach er dem Typ des Sauerländers: zurückhaltend, nüchtern in allen Lebensfragen, keineswegs unkritisch. Nur mit den Häuptern der von ihm gewählten philosophischen Schule hielt er es anders. Sollte es eine analytische Form der Demut geben, so zeigte sie sich hier. Vielleicht wird Denken kraftlos, sobald es die vorgezeichneten Ränder berührt. Ein Glaubensakt ist nicht vonnöten, falls ihn die Lehre nicht ausdrücklich vorschreibt. »Glauben, wie meinen Sie das?« Mit Fragen dieses Typus verrät sich der gefügige Intellekt.
Ich erinnere mich an ein Gespräch über Träume. Ich erzählte ihm, ich habe irgendetwas zu träumen geträumt und er bestritt, dass dergleichen möglich sei. »Ein Traum über einen Traum? Ausgeschlossen. Träumen zu träumen: das geht nicht.« Geht wachend zu denken, man wache?

»›Sehr einfach. Falls Sie über den Begriff der Episteme bei Platon geschrieben haben, dann heißen Sie Einhart und vermutlich hört Ihr Kollege hier auf den Namen Tronka.‹«

»Doch bestanden Verbindungslinien nach draußen, die man leicht übersah. Sie leuchteten auf, wenn etwa Tronkas Kollege Einhart seine Parteiarbeit bei den Grünen ›durchaus philosophisch vertreten‹ konnte...«

Elisabeth
Elisabeth Schöneisen-Leckebusch
FuP

Leckebuschs erste Frau. Guidos und Rs Geliebte.


Über mein Verhältnis zu Elisabeth gibt Das Ungelebte hinreichend Auskunft. Dass sie Rennertz’ Geliebte war, vermutete ich, dass und wie stark sie in das Projekt verstrickt war, konnte ich vor der Lektüre des Manuskripts nicht ahnen. Wobei ich auch weiterhin auf Mutmaßungen angewiesen bin. Denn Rs Verfahren, Menschen und Ereignisse zu kommentieren statt von ihnen zu erzählen, lässt die Verläufe (absichtlich?) im Dunkeln. Zum Beispiel habe ich nicht begriffen, wann er die Leckebuschs kennenlernte. Es muss deutlich vor meiner Zeit gewesen sein. Umso erstaunlicher, dass er sie unbefangen in sein Programm aufnimmt. Andererseits hat sich mir nie erschlossen, seit wann das Projekt existiert. Schon die Frage, wann R Pyramidenbewohner wurde, wüsste ich nicht zu beantworten. Das alles bleibt, gelinde gesagt, nebelhaft. Die Pyramide selbst gewinnt bei näherem Zusehen etwas Zeitloses, wenn man davon absieht, dass ihr ›Auftrag‹ vage den Gründungszeitraum umreißt. Schemenhaft vollzieht sich alles Leben in ihr, an den Rändern von Zeit und Raum. Ja sicher, auch der Raum entgrenzt sich, sobald einer von ihr geschluckt wurde, und lässt jene diffuse Raumzeit entstehen, in der Konzepte, nicht Menschen den Gang der Ereignisse bestimmen.


»Später, als ich Elisabeth besser kannte, wollte ich wissen, was sie zu der kleinen Komödie bewogen hatte, aber sie wiegelte ab und sagte bloß – da war ich noch auf der harmlosen Seite –, wenn man einen bedeutenden Menschen wie Rennertz persönlich kenne, dann sei man es sich und ihm schuldig, ein wenig zu schauspielern.«

»Mein eigenes Bemühen fiel mir ein, es Elisabeth recht zu machen und dadurch unser Verhältnis zu retten.«


»Dann und wann bewegt ihn Gattin Elisabeth zu einem Theater­besuch.«


Elisabeth oder Die Selbsterhaltung

Elisabeth möchte dem Fu-Projekt beitreten und weiß nicht wie

Herr und Frau Leckebusch stellen sich dem Versuch

Embede
Embede
FuP

Embede, Warbede, Wilbede: Die starke Truppe.


Keine Ahnung, wie R & Co. es anstellten: diese Drei scheinen aufs Geratewohl von der Straße geholt und in die Namen der drei ursprünglich keltischen Nornen des Wormser Reliefs gestopft – Jungfrauen in jenem erweiterten Sinn, der dem Mittelalter sehr gegenwärtig war und seither von Generation zu Generation aufs Neue entdeckt werden muss.

Barbara mit dem Turm,
Margarete mit dem Wurm,
Katharina mit dem Radel
das sind die drei heiligen Madel!
Warum fides, spes, caritas – Glaube, Hoffnung, Liebe? Meine unmaßgebliche Deutung lautet: Ohne die vom Christentum eingepflegten Grundwerte stockte der Gang der Geschichte. Diese drei aber machen Geschichte, halleluja. In ihren losen Reden blitzt das Sichelrad, dessen Speichen niemand sich naht, der mit dem Leben davonkommen will.
Der Feminismus der Straße kennt keinen Stillstand, er kennt keine Erfüllung, er ist voll der selbstverordneten Gnade, solange das Rad sich dreht. Was wäre der Glaube ans selbstgewirkte Geschlecht ohne die Hoffnung, es könne sich in Liebe erfüllen? Wenig bis nichts. Andererseits: Was wäre Selbstliebe ohne die Hoffnung, sich im Geschlecht zu erfüllen? Oder, um das Dreigestirn der karnevalistischen Blasphemien voll zu machen: No hope no zaster. Love it!


Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – setzen sich in Bewegung

Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – entdecken die Kraft der Negation

Das religiöse Herz meldet sich zurück

Friedenwanger
Professor Friedenwanger

Pyramidenbewohner. Besitzt die Gabe, Vergangenheit in Zukunft zu wandeln. Sein Motto: »Wir haben das geschafft.« Versager im großen Stil. Weiß: Dasein heißt eine Rolle spielen. Seine ist groß und mies. A zu R: »L sagt: Ich bin heute morgen einem Stück Scheiße begegnet.« (unbrauchbar, zensiert). Intrigant.


Erstmals begegnete ich Friedenwanger im Hause Leckebusch. Es wäre zu wenig, wenn ich behauptete, er sei mir vertrauenswürdig erschienen. Friedenwanger kam mir vor wie die Vertrauenswürdigkeit in Person, a trustworthy man, ein Mensch, mit dem sich das Pferdestehlen nur deshalb verbietet, weil es so tief unter seiner Sphäre siedelt. Alles an Friedenwanger atmete Seriosität, wenngleich nicht immer vom Feinsten, was auffällig wurde, sobald der Ausdruck von Schläue in sein Gesicht trat. Doch dazu musste man ihn bereits beobachtet haben. Derselbe Ausdruck verband sich im Gespräch mit der Empfindung plötzlicher Nähe und ließ den Träger menschlich erscheinen.
Umso erstaunter war ich, als ich in Rs Aufzeichnungen auf ihn stieß. Die Maske der Seriösen stößt bei denen auf Zutrauen, die nicht wissen, für welche Praxis sie steht – oder sollte ich besser ›Praktiken‹ sagen? Wie auch immer, ich gebe R, der Friedenwanger ohne Gnade seziert, bedingungslos Recht. Dennoch nagt der Zweifel: Wer besitzt das Recht, einen Menschen so zu verwerfen? Bedarf es dazu nicht auch eines Friedenwanger? Muss man erst werden wie er, um einem wie ihm standzuhalten? Alt ist die Frage und stellt sich dem Herzen stets neu.

»Dürrobsts (Intim-?)Feind, politisch gesprochen, und Stellvertreter heißt Eberhard Friedenwanger...«

»Den ganzen Friedenwanger kennt keiner, doch das hier ist Friedenwanger ganz«

»Friedenwanger, ein Bein lässig über das andere geschlagen, schneidet ihm lachend das Wort ab: ein wenig Missachtung habe noch keinem geschadet. Und überhaupt.«

Großer Denunziant
Großer Denunziant

Absolute Prominenz (AP). Vertreter der Frankfurt School of Revealed Humanities.


Einige von mir konsultierte Ratgeber meinen, der Große Denunziant sei kein Mensch, sondern ein Produkt der Willkür, zusammengeschraubt aus zwei entgegengesetzten Erfahrungen und dem Willen, sie zu beherrschen. Andere erkennen in seinem Porträt den menschlichsten aller Menschen, den göttlichen Menschen, den Übermenschen, wieder andere den unwiderleglichen Führer in den verwickelten Angelegenheiten des Geistes. Ich hingegen…
Welche Erfahrung erlaubt mir eine abweichende Meinung? Nichts anderes als: Lektüre. Noch kenne ich Rennertz’ Manuskript besser als andere und bilde mir ein, seine Schwingungen auch dort zu verstehen, wo sie intim werden. Besäße das Wort ›Abneigung‹ einen groß geschriebenen Sinn, so wäre vielleicht er geeignet, Rs Verhältnis zum Großen Denunzianten zu klären. Negative Anziehung, also Abstoßung, schafft Distanz, ich wäre mit Blindheit geschlagen, wollte ich sie in diesem besonderen Fall übersehen. R hält Distanz, er hält auf Distanz, auf Unüberbrückbarkeit der Distanz meinetwegen, aber in dieser Distanz wird Nähe spürbar, die geklärt sein will. Nein, es handelt sich nicht um Wärme, schon gar nicht um menschliche, eher um ein Knistern, das an das Feuer des Prometheus gemahnt: Tatsächlich, hier und da glimmt es noch – und lässt sich besagtes Knistern vernehmen, dann, ja dann hat es ein winziges Stück Zunder gefunden.
Anderes Bild: Rennertz’ Rezeption des Großen Denunzianten gleicht dem Moment der Brandung, in dem die gegen das Land drückende Strömung die zurückflutenden Wasser überrollt – eine jene Gegenkraft, die nach sofortiger Korrektur des Gedankens verlangt, auf den Plan rufende Lektüre. Währenddessen bleibt das feste Land uneingenommen, denn der Große Denunziant ist ein unbarmherziger Verteidiger des Bestehenden, als liege in ihm die Zukunft, derer alle bedürfen. Das ist, wenn man so will, sein Trick. Irgendwann habe ich es begriffen, denn wie viele Zeitgenossen zähle auch ich mich zu seinen Opfern. Der Große Denunziant ist ein großer Verführer, andernfalls wäre er nicht, was er ist. Als solcher scheint er unsterblich.


Auerwald
Guido Auerwald

C’est moi. Der Erzähler. Freund Rennertz’. Herausgeber des ›Manuskripts‹.


»›Guido Auerwald. Der Auerwald. Wen darf ich...?‹«


Nicht-Ort

Guidos Vater
Guidos Vater

Gerade gestern habe ich über ihn gesprochen. Warum? Welches Bedürfnis treibt mich, über ihn zu sprechen? Ich habe ihn geliebt, ich habe ihn gehasst. Heute stellt sich mir die Charakterfrage. Besaß er Charakter? Besitze ich Charakter? Er oder ich – zusammen nie. Dieses ›er oder ich‹ überkam mich in Nizza, an einem heiteren Nachmittag, vor der Nacht, in der er starb. Es war ein starker Affekt, mir unerklärlich, aber ich verstand, dass hier Klärungsbedarf heranwuchs. Spreche ich ihm Charakter ab, neigt sich die Waage zu meinen Gunsten, bis sie den Boden berührt: eine unangenehme Empfindung, die signalisiert, dass hier mit falschem Gewicht gemessen wird. Spreche ich ihm Charakter zu, wütet die Instanz in meinem Inneren: Lüge. Ich nenne ihn einen Zurechtkommer: einen, der zurechtkommen musste und dort, wo er es für nötig befand, geschmeidig sein konnte, vielleicht über die Maßen geschmeidig wurde; dafür rächte er sich in den eigenen vier Wänden. Immerhin: er besaß welche. Wenn ich wandlos lebe, dann verdanke ich das ihm.


»An einem milchig klaren Sonntagvormittag befand mein Vater, es sei an der Zeit, das winzige Schränkchen zu durchstöbern, in dem ich meine Aufzeichnungen und einen Teil meiner Bücher verwahrte.«

Guidos Stiefmutter
Guidos Stiefmutter

Gewiss, es gab sie, bevor die Patchwork-Familie auf den Plan trat: die Stiefmutter. War sie, wie das Märchen es darstellt, böse? Wer mag das entscheiden? Sie war mühsam. Wir, mein Bruder und ich, machten ihr Mühe und sie gab sie zurück. Hätte es uns nicht gegeben, hätte sie die Beziehung leben können, die ihr vielleicht vorschwebte. Es gab uns aber, daran scheiterte ihr gutes Leben und zeitigte das schlechte, das niemals schlecht genannt werden durfte, weil das eine Sünde gewesen wäre. Ein Sünde? Gewiss. »Versündige dich nicht!« Unter diesem Spruch bin ich groß geworden. Sagen wir: er hat mich geprägt. Wie nicht sündigen, wenn der Schatten der Sünde gerade der ist, den man wirft?


»Der Raum mitsamt seinen Möbeln, dem widerlich mitspielenden künstlichen Licht, der im Hintergrund hantierenden Stiefmutter und dem Fensterausschnitt in seiner diffusen Helligkeit, dies alles schrie in einem Augenblick auf mich ein.«

Hans-Hajo
Hans-Hajo
FuP

Tronka-Kreis. Mechtels Freund. Der Langsame. Bewirbt sich erfolgreich ins Ausland und wird peu à peu zum Star.


Leider merkt es im Kreis keiner. Ich selbst hörte davon nur durch Zufall und war sehr erstaunt, ihn eines Tages auf dem Vorplatz des alten Universitätsgebaudes mit schlohweißem Haar anzutreffen, das eher wie ein Kopfputz wirkte denn als die natürliche Ausstattung eines noch nicht in den Vierzigern angekommenen Menschen. Seine ganze Person wirkte dadurch verwandelt. Ein Ausdruck von Würde durchwaltete sein Gesicht und teilte sich unverblümt seiner Rede mit, die andererseits ganz die alte geblieben war, nur dass sie jetzt floss, wo sie früher gestockt hatte. Er erweckte den Eindruck, als habe er an einem Rhetorikkurs teilgenommen oder als leiste er sich die Wonnen des personal coaching, um leichter durch die Fluten des Alltags zu gleiten und nicht wie ein Ertrinkender nach jedem Strohhalm Ausschau zu halten, der gerade vorbeifließt, und ihn am Ende doch zu verfehlen. Gespenstisch der Gedanke, die Teilnahme am Fu-Programm könnte seine Wandlung bewirkt haben. Doch gespenstisch wirkte die Erscheinung ohnehin und ich verabschiedete mich hastiger als, eingedenk alter Tage, unbedingt nötig gewesen wäre. Wobei sich mir der Eindruck verfestigte, der leichthin ausgesprochene Wunsch, ›einmal vorbeizukommen‹, habe ernsthaften Aufforderungscharakter besessen. Vielleicht wollte er mir bei dieser Gelegenheit demonstrieren, wer er geworden war.

»Hans-Hajo ließ lange Gesprächsperioden verstreichen, ohne sich zu Wort zu melden.«

»Und wie es der Zufall wollte, gab sie sich mit dieser Rolle ein Innenleben, das keiner bei ihr vermutet hatte, ehe Hans-Hajo in den Dunstkreis der Gruppe getreten war.«

Heide
Heide
FuP

Hieros Lebenspartnerin (II).


Ja, ich habe sie denunziert. Ich habe, von Freundschaft geblendet, sie ausschließlich durch Hieros Brille gesehen, nein, durch die Brille gewisser Lebensumstände, die seine Sicht auf sie so verzerrten, dass er sie fast zu hassen begann, obwohl sie doch nur nutzlos für ihn geworden war. Täuschen ließ ich mich, weil ich den Wandel, den die Pyramide in Hiero bewirkte, nicht einzuordnen verstand, gewissermaßen gar nicht registrierte, weil mir das Innere dieses postmodernen Wissenstempels verschlossen blieb. In der Gesellschaft stehe ich damit nicht allein. Viele rätselhafte Entwicklungen erklären sich umstandslos für einen, der Zugang zu den angesagten Orten der Wissensproduktion und -vermittlung besitzt. Für die anderen bleibt ihre Herkunft ein Buch mit sieben Siegeln und sie ergeben sich beim geringsten Anlass dem, was seit Jäger- und Sammlerzeiten angesagt ist: der Suche nach dem, der Schuld hat. Nein, Heide trifft keine Schuld. Heide hat ihr Bestes gegeben, sie hat es, aus ihrer Perspektive, an Hiero verschwendet, und da sie von Haus aus keine Verschwenderin war, eher, sagen wir, der sparsame Typ aus dem Norden, überdies mit begrenzten Mitteln ausgestattet, war der Zeitpunkt abzusehen, an dem sie ihn vor die Tür setzte. Nicht zu seinem Schaden, das verdient festgehalten zu werden.

»Heide gegenüber, die gedrängt hat, jedenfalls nicht ohne Witz.«

»Manchmal, wenn Heide einen abschätzigen Blick durch die halbgeöffnete Badtür sendet, um nach ihm zu sehen, formt sich in seinem Mund die alte Frage und er verschluckt sie.«

Hiero
Hiero (Hieronymus Gundling)
FuP

Tronka-Kreis. Erst Lieblingsschüler, dann verstoßen. ›Guter Mann‹. Durchlebt alle Höhen und Tiefen des Erwähltseins.


Ich kann sagen, Hiero ist mein Freund gewesen, zeitweise eine Art jüngerer Bruder, für den ich mich verantwortlich fühlte. Er wusste das und ließ es sich gern gefallen, allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dieser Punkt war erreicht, als Hiero seinem akademischen Ehrgeiz abschwor und beschloss, sein weiteres Leben als Opfer des Systems zu leben. Das System – das waren Tronka und ich. Warum ich? Sehr einfach: Tronka wusste, dass ich Hiero gegen seine perfide Strategie der Abweisung beistand. Er betrachtete mich also von einem bestimmten Zeitpunkt an als Feind und Hiero, der jedes Urteil aus Tronkas Mund wie einen Schicksalsspruch aufnahm, gegen den es keine Revisionsinstanz gab, sprach es ihm irgendwann nach.
Hätte ich gewusst, was ich erst aus Rs Manuskript erfuhr: dass Hiero am Fu-Projekt teilnahm (von dem ich bis zu dieser Lektüre nichts wusste), dann allerdings hätte ich ihn mit anderen Augen gesehen. Insofern lief unsere Freundschaft, jedenfalls von meiner Seite aus, eine Zeitlang unter falschen Prämissen. Andererseits war Hiero nicht bekannt, dass Pw und die anderen Kreismitglieder bereits vor ihm zum Projekt gestoßen waren, und wollte es offenbar niemals wissen. Vielleicht hat ihn Rennertz auch nur in seinen Listen geführt, ohne dass er davon Kenntnis erhielt. Denkbar, immerhin, wäre es.

Hiero


»Mompti, Elisabeth, Sibla, Ama, Kitty, Pida, Tronka, Auerwald, Leckebusch, R, Hiero: geschlechtsfähig, geschlechtsaktiv, eine Generation, großzügig gerechnet – Gemeinschaft ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, Gegenwart pur...«

Die Welt wird täglich besser

Hölzchen
Professor Hölzchen
FuP

Historiker. Gern gesehener Gast in der Pyramide.


Unter meinen Kritzeleien befanden sich stets einige, die ich in Gedanken mit ›Prof. Hölzchen‹ beschriftete: soll heißen, er war – und ist – ein dankbares Objekt meiner produktiven Phantasie. Etwas Unfertiges steckt in der ganzen Figur und will heraus. Sie hat nichts Pinocchiohaftes wie Kärich, sie dehnt sich und streckt sich, aber der Kokon ist zu starr und gegen Ende der Anstrengung fällt sie wieder in sich zurück. Will sagen, Hölzchen besitzt den Willen, groß zu denken, und verheddert sich umgehend im Kleingedruckten. Nichts anderes heißt es schließlich (wenigstens in diesem Fall, es gibt andere), ›von Hölzchen auf Stöckchen‹ zu kommen. Darin steckt die Sucht, das ›Nichtandere‹ Gassi zu führen, so dass letztendlich alles ›nichts anderes‹ als ›etwas anderes‹ ist. Aber was heißt schon letztendlich. Letztendlich ist nichts, erklärt Hölzchen seinen Studenten, wäre da etwas, so wären wir nicht so weit, es zu konstatieren.
Auch die Bezeichnung ›gern gesehener Gast‹ enthält eine kaum zu übersehende Pointe. Hölzchen sieht man gern, wenn er kommt, man sieht es gern, wenn er wieder geht. Bei alledem bietet er dem Tratsch kaum eine Angriffsfläche. Hölzchen bleibt Hölzchen: Das reicht für alle. Seine wahre Leidenschaft gilt dem Jazz. Es kursieren Aufnahmen von ihm mit wechselnden Musikergruppen, darunter wirklichen Profis, Leuten, die ihr Handwerk verstehen. Aus allen springt, kaum dass man sie hört, die Figur Hölzchen heraus, als habe jemand soeben einen Klappmechanismus bedient, und man bestaunt auch hier das Unfertige, das sich ringend Gebärdende, das sich so stark von seiner ›coolen‹ Umgebung abhebt, dass es den Zuhörer beinahe schmerzt – nicht minder übrigens den Betrachter, wie ich als Besucher eines späten Konzerts erfahren durfte. Sicher verführte ihn dieser vergebens sich vortragende Wille dazuzugehören, koste es, was es wolle, zu seiner unrühmlichsten Rolle als Wissenschaftler. Als Flügelmann des Historikerstreits gehört er zu den Parteigängern des Großen Denunzianten, der unerbittlich aus nächster Ferne über die Schamgesellschaft wacht.


»Die kreisende Kopfbewegung verriet, dass er nach Hölzchen oder Ähnlichem suchte, um den wahren Hergang anschaulich vor aller Augen auszubreiten.«

»Ihr Dorado lag in jener famosen Sattelzeit, dem von dem Historiker Hölzchen gern als ›lang‹ bezeichneten Übergang vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, in dem die ›alteuropäisch‹ geprägten, noch von Aristoteles und den mittelalterlichen Denkern herkommenden Begriffe allesamt ihr Bedeutungsspektrum wechselten.«

»Der Historiker Hölzchen, der gern so auftrat, als trage er das ganze Pathos seiner Disziplin in Form eines kleinen handlichen Amuletts mit sich herum, konnte seiner diskussionsgewohnten Stimme einen harschen Klang geben und ihr sozusagen andere Saiten aufziehen, sobald das Gespräch auch nur von Ferne gewisse Kollegen streifte.«


Historiker Hölzchen kommt zum Vortrag in die Pyramide und setzt sich in die Nesseln

Iris
Iris
Mitarbeiterin im Fu-Projekt

Sie ist rasch, nicht wahr? Behandelt sie gut und sie weiß alles.


Iris, Projekttante, denkt gern laut

Irma
Irma
FuP

Strabos Freundin.


»›Die Irma...! Kluges Mädchen.‹«

Junge Frau
Junge Frau

R-eminiszenz.


»Andere Zeit, anderer Ort. Du schlenderst eine stille Wohnstraße entlang, der verblasste Schriftzug ›Wäscherei‹ dort vorn wäre dir beinahe entgangen, nur das undekorierte Schaufenster erinnert noch an frühere Tage. Drinnen steht, etwas einsam, etwas verlassen, ein Kinderwagen mit hochgezogenem Regenschutz, als stünde er noch immer im Freien. Du klingelst, eine junge Frau, rötlicher Typus, erscheint auf der rückwärtigen Schwelle«.

Jungwissenschaftler
Jungwissenschaftler

Gast im Hause Leckebusch. Direktimport aus Tel Aviv. Einer von Elisabeths flüchtigen Liebhabern. Müsste geworben werden (?)


Hatten sie ihre Augen denn überall? Verfügte R über ein Spitzelsystem? Dieser ›Gast im Hause Leckebusch‹ lässt auf Argwohn und Eifersucht bei R schließen. Das sind erstaunliche Eigenschaften für einen Menschen, gewohnt, im Schatten zu denken und zu handeln. Obgleich … just diese Charakterisierung würde ihn zur Bühnenfigur erheben, als sei er Schillers Griffel oder einem 007-Skript entsprungen, ein Intrigant und Bösewicht. Das ist natürlich Unsinn. Dennoch bleibt die Sache mysteriös. So mysteriös, dass mir bei der Lektüre erst langsam dämmerte, um welche Person es sich bei dieser Aufzeichnung überhaupt handelt. Elisabeths Hausfreund, sympathisch-unwissender Import aus dem Nahen Osten, spielt im Fu-System keine Rolle. Warum dann doch? Weil er stört? Aber warum? Warum stört er? Weil er Elisabeth erlaubt, das Spiel konventionell zu spielen? Und warum setzt R nicht darauf, ihn auszuschalten (oder seine Rückkehr nach Israel abzuwarten)?
Vielleicht repräsentiert im System R dieser mir nur kurzzeitig bekannte junge Mann das, was Luxor für den Kreis der Tronka-Jünger bedeutet. Er ist der Exot. Zum Beispiel kommt er aus einem wirklichen Krieg, während alle anderen nur vom abwesenden Krieg schwafeln. Er treibt ihre Besessenheit auf die Spitze. Alle müssen sich um ihn kümmern – Elisabeth, R, Iris, von der vermutlich die Aufzeichnung stammt, und der Rest. Er ist der sichtbare Kämpfer auf bröckelndem Fundament, jedenfalls wollen sie es so sehen. Im Grunde wollen sie ihn fallen sehen. Ist das nicht das Los aller Kämpfer? Ist es nicht der geheime Sinn der Kämpfe? Für die Obszönität des Beiseitestehens gilt das Wort: Sie können den Kragen nicht vollkriegen. ›Ihr und eure Kriege!‹ rufen sie den wirklichen Kämpfern zu und ›kämpfen‹ weiter, wie das Vokabular es ihnen vorschreibt. Das gilt erwiesenermaßen im Staat wie in der Liebe. Einmal ›Jungwissenschaftler‹, immer ›Jungwissenschaftler‹.
Dieses präparierte Insekt in Rs Setzkasten kann nicht altern.


»Statt Gedanken oder Empfindungen nachzuhängen, die, hätte ich Interesse gezeigt, bequem die meinigen hätten werden können, saß ich in der Küche herum und lauschte den Tiraden eines frisch aus Tel Aviv eingeflogenen Jungwissenschaftlers, dessen Redefeuer von einer Erinnerung anderer Art angefacht wurde.«

Kärich
Kärich
FuP

Später Gegner des Projekts. Dasslers Assistent.


Kärich hat das Assistentsein bis zu dem Punkt verinnerlicht, an dem es in Selbstaggression umschlägt. Die Anekdoten über ihn sind Legion, z.B. die nächtliche Entsorgung des Seminarexemplars von Hegels Logik nach einer ausgedehnten Sauftour mit Studenten in den örtlichen Fluss (›Am Biente‹). Verleiher des Prädikats ›Guter Mann‹.
Ich war erstaunt, in Kärich einen bevorzugten Gesprächspartner Rs zu finden. Eher hätte ich erwartet, die beiden hätten sich nichts zu sagen gehabt. Kärich und Tronka hingegen waren einander spinnefeind. Das galt als allgemein bekannt und R gestattet sich tiefe Einblicke in Tronkas Psyche – wie überhaupt in sein privates Leben. Beides scheint sich nicht ausgeschlossen zu haben und verweist vielleicht auf die intime Distanz, die R in all seinen Beziehungen wahrt. Tronka ist ein Exponent der Schamgesellschaft und Kärich durchschaut ihre Verlogenheit bis auf den Grund. Kein Wunder, dass Hiero ihn ablehnt (obwohl hier auch Hörigkeitsgründe im Spiel sind).

»Dass Kärich ein zutiefst unbedeutender Mensch ist, davon hat er sich nicht erst überzeugen müssen, das sprang ihn an, als er ihn zum ersten Mal nach Dasslers Vorlesung sah. Seltsam schon, irgendwie eigenartig, diese Pinocchio-Figur neben der smarten Kühle des Champions...«


Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh

Katerina
Katerina
FuP

Studentin, umworben von Pw, Hiero und Guido (unter anderen).


Nein, liebe Kundschafter(innen) des Fu-Systems, hier irrt ihr euch. Ich habe sie nicht umworben. Ein Gefühl des Unangebrachten hielt mich davon ab. Ich wollte ihren Typ kennenlernen, ihre Ausstrahlung taxieren, ihren Wunschhorizont begreifen. Was noch? Es gab Tage, da hielt ich sie für intelligent. Intelligenz hat mich immer angezogen, doch diese hier war zu unstet, gelegentlich das Kindische streifend, um mich auf Dauer zu fesseln. Katerina, Tochter eines Klinikchefs, stand im Bann ihres Vaters, den sie ganz durch die Brille ihrer geschiedenen Mutter wahrzunehmen wünschte – wünschte, denn in der Praxis gelang ihr das nur unvollkommen. Im Grunde hoffte sie auf die Gelegenheit, ihm die bessere Gattin zu werden. Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe.
Yes – Katerina, distinguiert und umworben, wartete auf ihren Vater. Bis dahin schwärmte sie wider besseres Wissen von der Ankunft des Weißen Prinzen. Das alles ist sehr lange her. Doch wie mit den Jahren fast alles wiederkommt, so traf ich auch sie Jahre später wieder. Sie war hager geworden und wirkte erschöpft. Das Schulamt setzte sie tief in der von ihr ach so verachteten Provinz als Ersatzlehrerin für überraschend erkrankte Kollegen ein, ›Springer‹ genannt – unbemannt, ein Fall von Selbstabschreibung mit Hoffnungsspuren, die fransengleich quer durch ihr immer noch schickes Gemüt hingen.

»Die junge Frau, die ich kennenlernte, mochte sich ihm durch einen Blick empfohlen haben, in dem sich der Aufbruch nach Cythére mit der resignierten Einsicht mischte, die ganze Sache werde früher oder später ohnehin im Schatten einer Bahnhofskneipe enden.«

»›Teddy‹, sagte die junge Frau träumerisch, ihr Blick huschte aufblitzend an mir vorbei. ›Ist der nicht tot?‹«

»Ich versuchte mir vorzustellen, dass Katerina – so hieß die Frau, deren erotische Ausstrahlung sich in dem auf Dauer gestellten Lustblick erschöpfte –, vielleicht nicht wirklich abgeneigt gewesen war, aber nach der Regel, dass Druck Gegendruck erzeugt, dem etwas zu geradlinigen Drängen des philosophischen Kämpen reflexhaft einen Riegel vorgeschoben hatte.
«

Killus
Professor Severin Killus
Gast, später Unperson
 
 

Umstrittener Historiker (Zeitgeschichte).


»›… Wissen Sie, der Historiker, über den Sie so abfällig reden, ist ein Mann von Ehre, er stammt aus einer untadeligen Familie, er ist ein liberaler Denker, übrigens einer der unerschrockensten, die wir haben, Kollege Stöckchen wird Ihnen das gern bestätigen. Wie kommt man dazu, ihn in einem Atemzug mit Mördern und Rassefanatikern zu nennen?…«

Kitty
Kitty
FuP

FuP aus Überzeugung. Hasst ihren Mann (Sibla). Kettenraucherin. Ergiebig (!)


Nun gut, ich versuche mir einen Reim zu machen. Kitty, Beschäftigte in einem Wohlfahrtsprojekt, beschließt eines Tages, Künstlerin zu sein, um ihren Mann, den erfolglosen Musiker Sibla, abzuschießen. Warum das? Was hat er ihr getan? Er hat ihr, soviel scheint festzustehen, die besten Jahre genommen. Sie war auf seinen Erfolg abonniert und wurde bitter enttäuscht. Die besten Jahre… Im Grunde ist diese Geschichte tragisch, doch derart von Störgeräuschen durchsetzt, dass es mir immer noch schwer fällt, ihr zu folgen. Kitty fällt vom Fu-Projekt direkt in den Excess. Gewiss, man kann das Projekt als Anleitung zu einem exzessiv gelebten Dasein missverstehen, aber das Wort ›Excess‹ meint, wenn ich recht verstehe, etwas anderes. Ich möchte R nicht in die Speichen greifen, aber im Excess wird die Welt der durchlaufenen Exzesse gegenstandslos, ihrer Substanz beraubt, eine Ansammlung bloßer Ärgernisse, deren man sich kaum noch erinnert, es sei denn zu Denunziationszwecken. Diese umfassende Verflachung bei Beanspruchung völliger Deutungshoheit über das Vergangene ist das Eingetretene, das niemand erwartet hat. Als habe man ein Verbrechen unbeschreiblichen Ausmaßes begangen und wolle einfach nicht mehr darüber reden, es sei denn im Modus der Schuldzuweisung an andere. Ansonsten karrt man seine Erinnerungen zur professionellen Trauer-, Leid-, Schmerzbewältigung – lauter Pseudogrößen, hochdisponibel, denen der menschliche Sinn abhanden gekommen ist. Oder man macht eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin und mischt sich unauffällig unter die Frommen, die dergleichen schon länger praktizieren.

»Kitty, der Lenkdrachen, im Zickzackkurs durch die Lüfte, kaum zu bändigen, solange der Faden hält.«

Ein Traumpaar schifft sich ein

Kurtzweil
Kurtzweil
FuP
 
 

Bibliotheksaufseher.


Der Schrecken aller jüngeren Bibliotheksbenutzerinnen. Fanatischer Leser von Science-Fiction-Heften. Legendär sein Ausruf: »Ermordung einer Butterblume! So ein Scheiß. Lesen Sie etwas Anständiges!««


Kurtzweil laust der Affe

Kypras
Kypras
Fu-Kritiker

Ein Fall für sich. Dassler-Schüler und -Feind.


Ich kann nicht sagen, ich hätte Kypras gut gekannt. Eigentlich kenne ich ihn heute noch kaum. Dabei nahm ich, so merkwürdig es klingt, eine Zeitlang an den Treffen teil, die rund um seine Person organisiert werden. Kypras, der es vorzieht, seine Sommer in Athen zu verbringen, lebt vom Ruf des ›griechischen Philosophen‹, als sei damit irgendeine Auferstehung Xenophons oder eines seiner Enkel verbunden. Mag sein, mehr schlecht als recht, das zu beurteilen liegt mir fern. Dass er über ein ungesättigtes Karrierebewusstsein verfügt, liegt auf der Hand. Zweifellos gehört er zu den Wissenschaftlern, die ihre Präsenz in den Medien in die Überzeugung ummünzen, die akademische Zunft lasse sie zu Unrecht links liegen. Sie fühlen sich unter ihresgleichen unbeachtet und unter Wert gehandelt. Der Eindruck mag stimmen oder auch täuschen: Tatsache ist, dass die Aufmerksamkeit, die ihnen widerfährt, sich aus anderen Quellen speist als bei denen, die sich auf Fachpublikationen beschränken.
Als Publizist zählt Kypras zu den Konservativen im Lande, was nicht bedeutet, dass er in ihren Kreisen zählt. Konservative schätzen es nicht, wenn ihnen Unterstützung von außerhalb widerfährt. Besser gesagt, sie können damit nichts anfangen, da sie zur Abschottung neigen. Den Konservatismus der anderen halten sie instinktiv für Falschmünzerei. Mag sein, dass sie damit recht haben, besonders bei Philosophen, die Karl Marx ebenso zu ihrem Erbe zählen wie Diogenes oder Wittgenstein. Das ist nicht der Konservatismus, den sie meinen, wenn sie ihre ›Wertediskussion‹ propagieren und sich gegen Abtreibungsfreunde in Stellung bringen.
Kypras’ Feindschaft mit Dassler beruht auf dem Grund dessen, was ich oben ›ungesättigtes Karrierebewusstsein‹ nannte: einer winzigen Note, mit der letzterer ihm am Anfang seiner Laufbahn den Zugang zum Kreis der ›guten Männer‹ verwehrte. Unter Kennern lässt sich Kypras’ Weltbild aus dieser als ungerecht empfundenen Note deduzieren. Für Dassler war Kypras zu diesem Zeitpunkt ein kluger (und fleißiger!) Kopf, aber kein Philosoph: ein Doxograph. Kypras verspürte das lebhafte Bedürfnis, die Wertung umzukehren und posiert seither als Entdecker des gnadenlosen ›survival of the fittest‹-Programms der Denker aller Zeiten und Räume: Philosoph ist, wer dem anderen das Philosophsein abspricht und damit, wenigstens eine Zeitlang, durchkommt.

Langwasser
Professor em. Langwasser
 
 
 

Pädagoge.


Der Sozialismus entlässt seine Trabanten

Leckebusch
Professor Leckebusch
FuP

Institutsgott (siehe Dassler).


Der tiefe Fall des Philosophen in Kürze: Hat in Leipzig studiert, im ›legendären‹ Hörsaal 40 den Weltphilosophen Bartosz gehört und sich durch zeitige Republikflucht den Folgen entzogen (keiner weiß wie). Tritt gern im Fernsehen auf. Schreibt anlässlich der Wiedervereinigung ein bitteres Erinnerungsbuch und wird von der linken Kulturschickeria geächtet. Seine Bücher, vormals Klassiker der Zunft, werden aus dem Verkehr gezogen und jede Rezeption wird in Freiheit getilgt.
Soviel kann jeder wissen, der sich der Mühe einer kleinen Recherche unterzieht und die richtigen Schlüsse zieht.
What else? Einmal habe ich Leckebusch (den öffentlich angekratzten, aber noch nicht vollends geächteten Leckebusch) allein zu Hause aufgesucht, er lebte bereits von Elisabeth getrennt und hatte sein Domizil in einem winzigen Häuschen am Stadtrand aufgeschlagen. Zu meiner Überraschung war er außerordentlich erfreut, mich zu sehen, und zeigte sich nachgerade aufgewühlt. Wir saßen im Nebenzimmer eines nahen Lokals mit hochgestellten Stühlen. Er schien erpicht darauf, mir die neueste Unbill aus seinem Kampf mit der intellektuellen Hydra des untergegangenen Parallelsystems mitzuteilen, der er jede Intellektualität absprach: es waren, in seinen Augen, wirkliche Totengräber des Geistes, die sich da frevelhaft zurückmeldeten, nachdem sie im östlichen Camposanto so lange unwidersprochen das Sagen gehabt hatten.
Diese hyperpolitische Erregung scheint ihn bis zu seinem überraschenden Ende nicht mehr verlassen zu haben. So wurde aus dem nüchternsten Menschen meiner Bekanntschaft der Philosoph, der brannte, auf seinem Gebiet vergleichbar dem Pfarrer Brüsewitz, der sich, aus Protest gegen den atheistischen Staat, ein paar Jahre früher vor der Kirche seiner Kleinstadt selbst verbrannt hatte.
Wie es scheint, kannte Leckebusch ihn persönlich. Die Fälle ähneln einander, weil sie im Nachhinein ein tiefes Einverstandensein mit Staat und Gesellschaft bekunden, dessen von außen auferlegte Störung die kompensatorischen Fertigkeiten der Psyche überforderte und die betreffende Person in den Kollaps trieb. Leckebuschs Antikommunismus hatte im westlichen Universitätsbetrieb eine fraglose Heimstatt gefunden. Der erste Schritt in die politische Öffentlichkeit belehrte ihn über die wahren Kräfte im Lande und das Ausmaß ideologischer Verblendung, die nun zusammenwuchs, weil sie immer zusammengehört hatte. Das Schneckenhaus war fort. Hätte er es wiedergefunden, so hätte er es vermutlich eng und unbewohnbar gefunden.


»Professor Leckebusch – denn er war es, der mir mit einem abwesenden Lächeln die Hand reichte – verfügte weder über das vielleicht etwas übertrieben würdige Aussehen Platons auf Raffaels Schule von Athen noch über die mir aus meiner Heidelberger Gymnasiastenzeit geläufige, lebhaft wissende Physiognomie Kuno Fischers, der seinerzeit eher durch den platten Hausnamen Zweifel an seiner denkerischen Statur genährt hatte.«

Party bei Leckebusch


Leckebusch ordert eine Moderne

Herr und Frau Leckebusch stellen sich dem Versuch

Pyramidenschauer

Liz
Liz
FuP

Muss man alles ausplaudern? Man muss. Aber nicht hier.


»Es muss gegen drei Uhr morgens gewesen sein, als ich die Frage stellte, die langsam in mir herangereift war: Lisa (oder ›Liz‹, wie ihre Freunde sie angeblich nannten), deren weißer Rücken gerade unter der Decke zu verschwinden im Begriff stand, blieb ruhig liegen, wandte dann ihr Gesicht ab und sagte etwas gelangweilt: ›Rennertz? Wer soll das sein?‹«


Liz (oder anders)

Lobbock
Professor Lobbock
 
 
 

Industriehistoriker.


Der Sozialismus entlässt seine Trabanten

Luxor
Luxor
FuP

Kein Eintrag.


Wer ist Luxor? Das habe ich mich oft gefragt und nie eine Antwort gefunden. Luxor ist das bateau ivre des Tronka-Kreises: unfassbar und unvergesslich. Fest steht, dass ihn die Person Pw in den Kreis zieht, dort aber nicht festhalten kann. Ist es sexuelle Attraktion? Wenn ja, dann ohne Aussicht auf Erfolg: Pw ist Hetero ohne Wenn und Aber. Wer Luxor als eine Art Lebenskünstler betrachten wollte, läge wohl nicht ganz falsch.


»... aufgetaucht aus einem Abgrund, einem Loch in Raum und Zeit, neben ihm, ein Schatten, lümmelt dieser Kerl, den sie Luxor nennen und der sich bewegt, als habe er noch eine Rechnung mit dem Bademantelverkäufer offen, könne jedoch das gute Stück aus unaussprechlichen Gründen vorderhand nicht ablegen.«

M
Dichter M (Müller)
Gast, Fu-Zuträger

Akte M: bei Gelegenheit anfordern!


Wo immer er auftritt: M vertritt die DDR (mit Händen und Füßen). Gern würde er sie mit Füßen treten. Dabei ist er ihr Fußabstreifer und weiß es. Seine Stasi-Akte ist lang, das weiß bloß keiner. Jedenfalls nicht, bevor sie allgemein zugänglich wird. »Wer beobachtet, der wird beobachtet.« »Wer Zeugnis gibt, dem wird Zeugnis erteilt.« Als Zeitzeuge ist M ein Versager. Verdichten, zuspitzen, aufrühren: so lautet, laut Selbstbeschreibung, seine Tätigkeit. Und es ist was dran. Wieviel, das wissen die olympischen Götter. In der dritten Brusttasche links ist M Klassiker. Er möchte ein Œuvre schaffen, das ist sein Wunsch und sein Begehr. Ich will einen geräumigen Sarg, soll er einmal gesagt haben, aber die Aussage ist, wie durch ein Wunder, nicht verbürgt.
M ist Keiner. Als Keiner (wahlweise Kain, Kainar, Kiener, Kihna, Künahr) tritt er in seinen Stücken auf und bläst ihnen das Leben ein, das ihnen fehlt. Ja, er will, dass sie leben, dass sie Leben sprühen, dass sie Leben absondern wie das Leben sein Exkrement: außerhalb ihrer selbst, doch zuinnerst ihrs. Ein Exkrementator. – Andere Schiene: Müller kommt von Müll. Auch das soll er gesagt haben. Die wesentlichen Aussagen seines Lebens sind unbezeugt, also Müll. (»Das ist doch Scheiße«, soll er, bezeugt, gesagt haben. Ganz recht. Andererseits: ganz recht hatte er nie.) Im Müller von Sanssouci fand er die Rolle seines Lebens und ließ sie nie mehr los. Wie ein Hund, der sich im Kreis dreht, nach seinem Schwanz, so schnappt M unentwegt nach der sich beharrlich dem Zugriff entziehenden Staatsmacht. Nein, er hat keine Ahnung, worüber er schreibt. Gerade deshalb bedient er die Ahnungsvollen.
Wenn sie mich fragen: M ist ein Antipode von R, der sich gern Niemand nennt. Vielleicht auch eine Erfindung von ihm, die es in die Wirklichkeit schaffte.


»Der Verfasser des Stücks und der Müller von Sanssouci mussten wohl etwas miteinander zu tun haben, zumindest wälzten sie sich im selben Bett der Geschichte.«


Dichter M* besucht die P** und verbirgt seine Enttäuschung*** in der Westentasche****

Mechtel
Mechtel
FuP

FuP ohne Fortune (keine weiteren Einträge).


Genannt Fräulein Portiönchen. Gehört zum Tronka-Kreis und hält innerlich Abstand. Pflegt ein Verhältnis mit Hans-Hajo, den sie gern los wäre, und hat ein Auge auf Hiero geworfen, der, wie er sagt, mit ihr nichts anfangen kann. Später Professorin im befreundeten Ausland.

Anmerkung: Als ich mich Jahre nach unserer ersten Bekanntschaft in der Bibliothek des Instituts nach ›Fräulein Portiönchen‹ erkundigte, wäre ich von der empörten Fachkraft fast des Hauses verwiesen worden: Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.


»›Also Mechtel...‹«

Techtelmechtel

Miriam
Miriam
FuP

Hieros Lebenspartnerin (I).


Was Miriam auszeichnet, ist die Liebe zum Detail. Zum Beispiel registriert sie an Hiero frühzeitig den fatalen Hang, sich aller Verantwortung zu entledigen, indem er sich auf das väterliche Erbe zurückzieht. Dieses Erbe umfasst weit mehr als das Haus, das ihm nach dem Tod der Mutter zufällt. Es umfasst vor allem geistig-pekuniäre Dinge. Der Vater hat sein Geld in seine Ausbildung investiert und damit seinen künftigen Lebenslauf vorgezeichnet. Wenig überzeugt davon, dass Hiero seinen Lebenstraum, die Erbeutung einer Professur, auch realisieren würde, hat er unauffällig dafür gesorgt, dass sein Überleben auch bei ausbleibendem Erfolg nicht in Gefahr gerät. Statt die Sorge des Vaters lachend über sich ergehen zu lassen und ihre Produkte gutmütig zu verprassen, entwickelt Hiero daraus ein Tabusystem, gegen das niemand verstoßen darf, am allerwenigsten seine nächste Umgebung. Miriam ist sein erstes Opfer. Ihre Lebenswünsche – eine Reise, ein Wohnungswechsel, ein Kind – zerschellen an den Mauern des Tabus. Als sie aufsteht und geht, braucht Hiero ein Jahr, ihr zu folgen, nur um ein weiteres Jahr ›herauszuschlagen‹ und sie dann doch zu verlieren.
Verliert er sie wirklich? Am Ende verliert sie ihn – an seine wahnhaft forcierte Verantwortungsscheu. Als sie ihr Kind hat, aufgelesen in in der magischen Umgebung von Machu Picchu oder an einem der Badestrände Perus, steht sie erneut vor seiner Tür. Wie reagiert Hiero? Er kriecht unter den Schreibtisch, um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen. Erst dann ist sie weg.


»Hätte jemand Hiero an einem anderen Ort, etwa in der Mensa, gefragt, wer Miriam sei, dann hätte er mit einem Schmunzeln geantwortet: ›Miriam? Das ist doch die Kleine am Ausschank im Pfau. Wie kommst du darauf?‹«

Mompti
Maler Mompti
FuP

Der Unbestechliche.


Erstaunlicher Eintrag. Worin besteht Momptis Unbestechlichkeit? Mompti ist, als Maler und überhaupt, ein Meister der Nuance. Bisweilen verschwimmt ihm darüber der Umriss. Aber ›unbestechlich‹? Sollte ich versucht haben, ihn zu bestechen? Hat ihn Ama vor mir gerettet, als ich viel mit ihm vorhatte? Das ist Unsinn. R hatte mehr mit ihm vor und er scheiterte gründlich. I’ll send you a sidewinder ’cause I want a breakfast from you. Wo habe ich das, zusammen mit seinem tiefen Lachen, einst gehört? An einem Frühstückstisch im Monat Mai. Ama saß auch dabei. Ohne Ama ist Mompti nicht denkbar. Vielleicht hat sie ihn erfunden, aus einer Versenkung gezogen, um ihn irgendwann dorthin zurückzudrücken, bis ihm die Luft ausgeht. Ja sicher, so muss es gewesen sein: Mompti war schon versenkt, die andere Frau hatte ganze Arbeit geleistet, als Ama ihn fand.

Wohl dem, der ohne Kinder geht
aus dieser Not, die nicht im Buche steht.

Jedenfalls nicht in seinen.


Momptis Huhn


Maler Mompti erscheint überraschend mit seiner Geliebten und streut Beliebiges

Nassen
Nassen
FuP

Assistent bei Friedenwanger. Sexmaniac. Genial (!)


Ich stelle mir Nassen so vor: verfügt über einen freundlichen, aber unerbittlichen Körper, der sich den ihn bewohnenden Geist bis in den letzten Winkel hinein unterworfen hat. Wunschprojektionsfläche für Süchtige. Abserviert nach zwei, drei, spätestens vierzehn Tagen. Ideale FuP (›genial‹).


Raumordnungen

Pyramidenschauer

Ophoff
Frau Ophoff
FuP

Hilfskraft am Lehrgebiet Friedenwanger.


Ich stelle sie mir so vor: dichtes, dunkles Haar, braune Augen, zur Fülle neigender Körper, eher klein, eher geschwätzig, das eigentümlich gaumige Idiom sprechend, das einige Zeit unter ihresgleichen den Anspruch auf eine Karriere begründete, irgendetwas Intellektuelles, mit viel Luft nach oben. Ihresgleichen? Nun ja, dies ist ein sozialer Typus, individuell sehr unterschiedlich repräsentiert, aber auch eine Zeiterscheinung, eine Luftspiegelung über den Horizonten, ungreifbar und quälerisch gegenwärtig. Alles an ihr fordert eine männliche Reaktion heraus, weist sie aber gleichzeitig ab, nicht feindselig, wie auf dem Höhepunkt der weiblichen Selbstfindungsbewegung, eher resignativ, weil sie doch schaffen muss, was sie sich ganz fest vorgenommen hat.
R hält, ich bemerke das im Manuskript hin und wieder, ein Auge auf diesen Typus. Er will ihn nicht fördern, aber er hält ihn für unausweichlich. Friedenwanger hingegen beutet ihn gnadenlos aus. Er wäre nicht Friedenwanger, hielte er es anders damit. Ausbeuten ist seine Natur.


Raumordnungen

Paar
Paar

Was haben wir gelacht.


Iris? Ein Freund? Nassen?


»Das junge Paar, sie im kurzen weißen Rock, mit einer sandfarbenen Baumwollbluse bekleidet, er in Jeans und blauem T-Shirt, auf dem – untrügliches Kennzeichen der Banalität! – das Emblem irgendeiner amerikanischen Universität prangte, wartete wohl vor der Kulisse des Meeres auf eine Eingebung.«

Pida
Pida
FuP

Tronkas erste Frau.


Tronkas erste Frau, sieh an. Hier steht, extra lapidar, was er mir und seinem Kreis (oder seinen Kreisen) stets verborgen hat. Auf welchen Wegen R Tronka ausspionierte (oder ausspionieren ließ), ist mir nicht ersichtlich. Es ist auch gleichgültig, denn die Fülle des Materials spricht für sich. Hätte ich selbst nicht Pida im Projekt einen heftigen Winter hindurch genießen dürfen, ich wüsste nicht zu entscheiden, was hier Erfindung, was Dokumentation ist. So verblüfft mich die Genauigkeit, mit der R ihr Bild (und das ihrer Beziehung zu Tronka) festgehalten hat. Ich habe dem nichts hinzuzufügen.
Oder doch? Was bleibt hinzuzufügen, wenn man einen Menschen genossen hat, vor allem wenn der Genuss bitter war und man Gefahr läuft, sich selbst zu verletzen, sobald man in die aufgespannten Netze der Erinnerung läuft? Pida ist die Frau, die dem Selbstwertgefühl eines Mannes schmeichelt, um es zu zerstören – nicht, weil sie es zerstören will, sondern weil sie mit ihm nicht leben kann und sich seiner erwehrt, als drohte sie daran zu ersticken. Dabei geht es beileibe nicht ums Gefühl: eine Affäre mit Pida ist eine Lektion über Selbstwert und seine Filiationen. Das Allerweltswort ›Selbstwertgefühl‹, in seiner absoluten und einseitigen Dominanz genommen, führt in die Irre.
Wie hoch veranschlage ich mich? Frage aller Fragen, an ihr hängt das Schicksal der Welt, die ich nur als die meinige kenne oder überhaupt nicht. Pida hätte es bevorzugt, anonym genossen zu werden und zu genießen. Es wäre, innerhalb eines anderen ihr früh implantierten Kreislaufs, die perfekte Sünde in einem Leben frei von Aufsicht gewesen. Sobald der Bettgenosse die Augen aufschlug, war es um die Anonymität geschehen und es begann eine Phase wirklicher Raserei, aus der es, jedenfalls von ihrer Seite, kein Entkommen gab. Kein Entkommen? Jedenfalls keines ohne ernsthafte Blessuren auf Seiten des Mannes, der die ihm zugedachte Aufgabe, die Beziehung zu lösen, übernahm. Wo mag sie heute herumschwirren? Ich weiß es nicht, ich lehne es ab zu wissen: zu gefährlich erscheint mir der Stoff.


»Hier also, munter, mit einem Lächeln: die Zukunft. Tronka erkennt nicht, dass sie ihm entgegenkommt, noch weniger, dass sie ihn bereits in entgegengesetzter Richtung passiert.«


Pi mal Daumen oder Das Glück liegt auf der Matte

Prolet-Typ
Prolet-Typ


»Der Prolet-Typ, auf dem Weg nach Hause, hängt Sexualphantasien nach, die ihm, locker überschlagen, zehn Jahre Haft eintragen könnten…«

Pw
Peter Wichterich, genannt Pw
FuP

Tronka-Kreis. Gegenspieler Hieros.


Ist Hiero Tronkas Lieblingsschüler, so ist Pw der Versucher. Stramm hetero, ist sich seiner Macht über Männer wohl bewusst. Worin besteht diese Macht? Er legt sie, bildlich gesprochen, aufs Kreuz. Das geschieht mit einer Mischung aus Charme und Schamlosigkeit, der die wenigsten etwas entgegensetzen können. Tronka zum Beispiel ist ihr hilflos ausgeliefert. Hiero, den er zur Weißglut reizt, sucht immer aufs Neue seine Nähe. Philosophisch gesehen ist Pw nicht existent. Er greift sich seine Argumente im Flug und siehe: der Mechanismus funktioniert. Abstauber (auch in eroticis).

Anmerkung: Als ich seinen Namen und die der anderen Tronka-Schüler zum ersten Mal in den Listen des Fu-Projekts fand, war ich schockiert. Ich hatte nicht gedacht, dass sie auf diesem Gebiet käuflich waren. Ihre Käuflichkeit musste sich als Wissenschaft tarnen, um dabeizusein. Doch was bedeutet das? Sie alle waren Schnäppchenjäger, gewillt, die Gesellschaft zu betrügen, von der sie sich betrogen fühlten, weil sie ihnen das gerade Maß verweigerte. Philosophisch gesehen, waren sie Opfer der Hermeneutik: der Kunst, durch die Brille von Toten zu sehen, als sähe man dann anders.


»Hieros Widersacher so vieler Nächte, Pw – ausgesprochen Peh-Weh, knapp, ohne Ausklang, nur Uneingeweihte verirrten sich in die englische Diktion...«

»›Ja, Herr Wichterich, das würde mich auch interessieren.‹«

Rektor
Rektor

Freund und Förderer des Projekts.


Gespräch beim Rektor

Rennertz
R (Rennertz)
Leiter des Fu-Projekts

R = R.


Kennen lernte ich ihn vor dem Portal des Straßburger Münsters. Damals war ich mit Freunden unterwegs. Im Fond des großen, weich gefederten Wagens kämpfte ich mit dem aufsteigenden Gefühl der Übelkeit. Ich stieg aus, um mir Luft zu verschaffen. Ein Tourist, der sich auf den Stufen einer Kathedrale übergibt, ist eine Figur der Entgrenzung. Rennertz beobachtete die Zickzacklinie, die ich auf dem Platz beschrieb, vorbei an zugeklappten Sonnenschirmen, überquellenden, ihre Beute sachte dem Morgenwind überlassenden Papierkörben und rasch und hart pickenden Tauben, von denen die eine oder andere kurz aufflog, um zu demonstrieren, das sei nun wirklich nicht nötig gewesen. ›Das‹ konnte die Unterbrechung des Fressvorgangs, die Unterschreitung der Warndistanz oder den Vorgang als solchen bedeuten. Er sah das Zucken im Gesicht des Näherkommenden mit der Neugier des gleichfalls Fremden und verfolgte den stummen Kampf, dessen Sinn sich ihm nicht erschloss, obwohl er Züge von Vertrautheit trug, die zu deuten einem anderen vielleicht weniger schwer gefallen wäre als ihm, weil er sie ganz banal als das verstanden hätte, was sie waren.
Gleich auf der ersten Stufe erbrach ich mich. Der Impuls kam ohne Vorwarnung. Ein fast ebenso starker Reflex zwang mich, das Gesicht wegzudrehen. Die Hand, die zum Mund fuhr, erstarrte auf halbem Weg. Diese Hand... Rennertz hätte, einem höflichen Impuls folgend, vermutlich ein Taschentuch hineinlegen mögen, während ein zweiter ihn halb und halb weiter zu gehen bewog, aber gebremst wurde durch den Anblick der tänzelnden Bewegung, mit der ich die Berührung mit dem vermied, was seinen Weg aus mir nach außen nahm, als sei es jetzt und hier an der Zeit und ganz und gar notwendig. Welche Not sich da wendete oder sich zu wenden anschickte, konnte er nicht ahnen, es sei denn, er beschränkte sich darauf, den auslösenden Reiz als die Sache selbst zu nehmen. Er unterbrach seinen Gang, lächelte mich an und lockte mich mit ein paar Floskeln, die mehr in den Wind gesprochen waren, als dass sich in ihnen eine erkennbare Absicht bekundete, vom Ort des Geschehens fort, nicht ohne zu registrieren, dass der Wagen, der bisher im Hintergrund gewartet hatte, langsam anrollte und hinter der nächsten Hausfront verschwand.


R

Reinmeier
Professor Reinmeier
Fu -

Sozialwissenschaftler.


Reinmeier ist der Kollege ohne Kontakt. Auch R scheint sich dieser Regel zu fügen: mit Reinmeier fängt man nichts an. Schon ein Gespräch am Mensatisch muss lückenhaft geführt werden – mit langen Pausen, unbeantwortet bleibenden Bemerkungen, Achselzucken, abgewendetem Blick. Warum das so ist? Keiner weiß es, am wenigsten Reinmeier, der gelernt hat, es für den Zustand der Welt zu halten. Es ist aber seine Welt und die anderen sind seine Folterknechte, sie wollen nur nichts davon wissen.
Reinmeier ist in der Welt kein Unbekannter. Er publiziert viel, geht oft auf Reisen, sein Konferenzetat ist meist überzogen. Ich begegnete ihm flüchtig bei einem Treffen der International Society for Climate Defence (ISCD). Er trug eine Baskenmütze und wirkte geschäftig. Niemand beachtete ihn. Dieser Niemand war – an diesem Ort, in dieser Minute – ich.


»Die Tische sind in Längsreihen aufgestellt, der Blick dessen, der die Stirnseite einnimmt, kann ungehindert schweifen: über die Kollegen Argloser und Reinmeier samt Anhang hinweg bis zu Friedenwanger am anderen Ende der Tafel.«

Rosshammer
Professor Rosshammer
Fu +

Germanist. Gast im Hause Leckebusch.


Sehr geehrter Herr Rosshammer!
Sie glauben nicht, wie sehr es mich freut, Ihnen auf diesen Seiten ein weiteres Mal zu begegnen, nachdem das wirkliche Leben uns auseinandergebracht hat. Das wirkliche Leben! Erinnern Sie sich? Nein, Sie erinnern sich nicht, denn Sie sind alt geworden und Genosse Alzheimer hat vor Ihrem so behüteten Geist nicht Halt gemacht. Vielleicht sind Sie auch schon gestorben und ich unterhalte mich mit einem wirklichen, das heißt virtuellen, von mir zu Unterhaltungszwecken heraufbeschworenen Geist. Wo liegt der Unterschied? Ich weiß, was Sie aus dieser kleinen Bemerkung herausholen würden. Immer haben Sie aus kleinen Bemerkungen Ihre weitgespannten Überlegungen herausgezogen, wie einer Tee aus einem jener Teebeutel zieht, die Sie ein Leben lang von Herzen verachtet haben. Ihre Teezeremonie war köstlich, aber auf Dauer ein wenig langweilig. Jedenfalls blieb sie mir so in Erinnerung. Zeremonienmeister: nichts wären Sie lieber geworden. Doch wo? Wer hätte Ihrer exquisiten Dienste bedurft? Die Universität war Ihr Glück. Sie durften sie als Ihr Unglück betrachten und alle Wunder dieser Welt virtuell durchkosten, als seien sie für Sie bestimmt. Was sie wohl waren, vielleicht noch immer sind. Wo immer Sie sich befinden!
Aber, Herr Rosshammer, Ihnen fehlt, was den Menschen auszeichnen sollte: Entschiedenheit. Stattdessen verfügen Sie über Verbosität, mit einem Schuss Bosheit, einem wenzigen Schösschen, um es einmal so auszudrücken. Sie verstehen mich, denn Sie verstehen stets. Besser gesagt: schon immer, wie Kollege Steinschwafel, der große Steinschwafel, das einst auszudrücken beliebte. Vielleicht sprach er Ihnen aus der Seele, aus der das Unvordenkliche quoll, als habe es sich eigens in Ihnen neu erfunden. Das Unvordenkliche, Dasslers Heimstrecke, Ihr Bewusstwerdungsagens, es gab Ihnen Recht, wann immer sie es brauchten. Hab ich nicht recht? Vielleicht nicht ganz, ich brüte Unrecht in meinem Herzen, einen Groll, der nicht weggeht, ich mag davon halten, was immer ich will. Ganz recht, Sie haben Groll in meinem Herzen gesät, wo die längste Zeit Arglosigkeit residierte. Das war Ihre Tat und sie lebt fort. Adieu!


»›In der Literatur kenn’ ich mich nicht so aus. Vielleicht wäre da Kollege Rosshammer der bessere Gesprächspartner.‹ Eine Bewegung des Kinns gab der Kompetenzzuweisung eine leicht erkennbare Richtung.«

»Der siegfriedhaft wogende Germanist Rosshammer, der nur gelegentlich an den Leckebusch-Abenden teilnahm und deshalb als kontinuierlicher Diskutierer ausfiel, hatte als erster den Einfall, den ganzen Themenkomplex mit dem mir inzwischen aus dem Tronka-Zirkel geläufigen Wörtchen ›unsäglich‹ in den Orkus zu befördern.«

Ruffmann
Professor Ruffmann
Fu-Gutachter

Freund des Projekts. Foucault-Schüler.


Miasmen. In dem kindlichen Leben, das jeder eine Zeitlang führt, wollte ich immer wissen, was Miasmen sind. Als ich Ruffmann, im Garten der Leckebuschs, zum ersten Mal begegnete, glaubte ich in dieser Sache eine verspätete Lektion zu empfangen: Ruffmann verströmte ein ›starkes Arom‹, wie ein Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts geschrieben hätte, kein physisches, bewahre, auch kein ›geistiges‹, falls darin eine Restbedeutung von Geist spuken sollte, eher ein soziales, das besagte: »Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir.« Ruffmann verströmt seine Unvergleichlichkeit wie andere Leute ihren Charme oder ihren Siegeswillen. Nein, er will nicht siegen, das überlässt er seinen eingebildeten Adepten, er will es sein.
Rätselhaft, wie dieser Schürzenjäger in den Ruf gelangen konnte, schwul zu sein. Dieser Ruf, wie alles, kam zu seiner Zeit. Er passte in eine Ordnung der Dinge, in der ein Homosexueller nach allgemeiner Auffassung ein verdruckstes Leben führte oder sich ›der Schwulenbewegung anschloss‹, wie der seltsame Euphemismus lautete. Sich der Schwulenbewegung anschließen, soll heißen, den Gedanken öffentlich zu vertreten, auch Homosexuelle hätten ein Recht auf ungehinderte Sexualität und die Anerkennung dieses Rechts sei in mancherlei Hinsicht ein Gradmesser für die Liberalität einer Gesellschaft, bedeutete automatisch, sich als Schwuler ›zu erkennen zu geben‹ – zu outen, wie es bald danach – und einen neuen Gruppenzwang auslösend – hieß.
Der Gegensatz, dem Ruffmann seine theoretische Lebensarbeit gewidmet hat, ist der des Anderen und des Fremden – ein Gegensatz, der eigentlich keiner ist, sondern ein Übergang. Was Ruffmann daraus macht, wie er es macht, bedarf an dieser Stelle keiner Erörterung. Ruffmann wäre nicht Ruffmann, ließe er nicht in jede unmaßgebliche Äußerung, die er tätigt, die Überzeugung einfließen, erster zu sein und ein Erstlingsrecht beanspruchen zu dürfen. Im Garten der philosophischen Lüste macht ihn das, wie ich bereits schrieb, zum Faun: er kennt kein Davor und das Danach schert ihn, ehrlich gesagt, herzlich wenig.


»›Kollege Ruffmann‹, belehrte mich Leckebuschs Assistent, der meinem Blick gefolgt war. ›Sein Ruff hat ein wenig gelitten, seit seine Assistentin ein Kind von ihm erwartet…‹«

»Vielleicht hätte sich die Gruppe in diesem Moment zerstreut, hätte nicht Ruffmann, der gewöhnlich zu solchen Diskussionen schwieg und sich lieber bei den Damen aufhielt, sofern er nicht unter den jüngeren männlichen Semestern auf Proselytenfang ging, unvermutet das Wort ergriffen.«


»Die Dozenten Ruffmann und Schleicher etwa, um auch Namen zu nennen, profunde Vertreter des nachmetaphysischen Denkens, sind sich einig, Leckebusch gewollt zu haben, solange sie die Köpfe zusammenstecken, und miteinander zerfallen, sobald sie vor Dritten darüber reden, ein gesichertes Urteil über den Neuzugang ist so schwer zu erreichen.«

S
S
Politiker, Fu-Förderer
Das grüne Mammut. Einst streetfighter, später seriös. Trifft sich mit M in der Pyramide.

Die ewige Frage: Ist S erpressbar? Keiner weiß es. Wer fragt, erntet ein Schulterzucken. S ist mächtig, keiner weiß warum. Jeder weiß warum: S besitzt Macht über Frauen. Die Frauen? Welche? Verbalemanzen, von denen es in der Gesellschaft nur so wimmelt. S, der seine Partei-Konkurrentinnen, ohne je eine Sekunde zu zögern, der Reihe nach entmachtet hat, umgibt sich mit einer weiblichen Garde, die an ihm leidet und ihm bedingungslos ergeben ist. Authentischer Macho in einer Gesellschaft, die viel Zeit und Energie darauf verwendet, dergleichen auszumerzen. Selbstverständlich befindet sich S dabei in vorderster Front. Gereift, wirft er nicht mehr mit Steinen, sondern mit Wörtern. Trifft er, tut’s weh, trifft er nicht, tut’s nichts zur Sache.
S, das ist der progressive Teil der Gesellschaft noch einmal, als Mannsbild. Damit steht er über dem Projekt, der geborene Gönner. Sein umfangreicher Körper ist ein Garten der Lüste, bereit, entdeckt zu werden. Wer sich hineinwagt, erntet Macht und Ohnmacht. Ob Mann, ob Frau: sie kommen verwandelt wieder heraus. Anwidern darf sie nichts, es sei denn der politische Gegner, der stets der ideologische ist.
Als Kind zeigte man mir einst einen erlegten Maulwurf, vergaß aber, ihn aus dem Zeitungspapier zu wickeln, in das man den toten Körper gesteckt hatte. So stellte ich mir vor, der Maulwurf sei ein Tier mit einer bedruckten Zeitungshaut. Es dauerte lange, bis ich, auf einer Wahlveranstaltung, diesen inneren Maulwurf fand: es war S. Nie werde ich die kreischenden Stimmen vergessen, die ihn umflogen – schon deshalb nicht, weil eine davon meiner damaligen Partnerin gehörte.
Auch vor S macht das Alter nicht halt. Je stärker sein Scheidungsgebaren sich dem von Hollywood-Stars angleicht, desto lauter erklingt der emanzipierte Hämechor. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass jede Haus, Mann, Kind stehen- und liegenließe, um dem Wink seines fetten Ringfingers zu folgen.


Spitzentanz

Sängerin
Sängerin

»Die Sängerin, Hostie und Priesterin in einem, verfügte über eine Anzahl von Posen, die sie den aus Fernsehen und Videoclips bekannten Kolleginnen abgeschaut hatte.«

Schaufensterfrau
Schaufensterfrau

»Im Schein der Wunderlampe begibt sich etwas. Eine Tür geht auf, eine blonde Frau schwebt herein, sie scheint nervös oder verärgert zu sein, jedenfalls abwesend, ihr Schritt schneidet in den Raum, man müsste es knirschen hören, doch die Scheibe lässt kein Geräusch durch.«

Schaufenstermann
Schaufenstermann

»Auf dem Sofa unter der Wunderlampe fläzt sich, zurückgelehnt, eine Person, die Beine breit in den Raum gestreckt, sie blättert in einem Magazin, als suche sie eine bestimmte Information, vielleicht die Kleinanzeige eines auf Hausbesuche spezialisierten Handwerkers.«

Schipfang
Schipfang, Carsten

Skipper.


»Carsten Schipfang zum Beispiel, ein ganz erfahrener Mann, gewinnst du den, ist alles machbar.«

Sibla
Sibla
FuP
Protokoll: 3-1

Musiker. Verheiratet mit Kitty.


Gefragt, was er von Sibla halte
verweist der Gast auf seine Alte.

Niemals eine solche Definitionsmacht der Frau über den Mann gesehen wie bei diesem Paar. Wo Kitty redet, schweigt Sibla, und wenn er redet, so nimmt sich zwar alles, wovon sie redete, in seinem Mund anders aus, aber er widerspricht ihr nie. Er verlässt den Raum, aber er widerspricht nicht. Er hat eine große Übung darin erworben, den gemeinsamen Raum zu verlassen, ohne aufzustehen oder auch nur ein Glied zu bewegen. Sie sind ein altes Paar, wohlgemerkt, ein Paar danach. Sibla, den es nach Frische dürstet, träumt von Reisen, nicht anders als Kitty, manchmal träumen sie gemeinsam vom Aufbruch, das ist der Kitt, der sie zusammenhält. Existierten sie je? Oder stehen sie hier, Rs Phantasie entsprungen, als gäbe es eine andere, klarere Wirklichkeit, in der nur Leute herumlaufen, wie der Geist sie braucht, um arbeiten zu können und die Welt zu gliedern um ihrer Erkennbarkeit willen? Ich weiß es nicht. Sibla ist der zu lang durch die Brille einer Frau gesehene Mann. Sie liebt ihn nicht und sie zerstört ihn doch.


»Sie nennen sich: Sibla. Kitty. Kitty. Sibla. Sibla Sibla Sibla.«

Ein Traumpaar schifft sich ein

Sibla sabbelt

Starck
Professor Starck
FuP

Gastdozent in der Pyramide.


Ich liebe diesen Philosophen. Kann man Philosophen lieben? Darf man es? Nun gut, ich mag ihn. Wer mag ihn nicht? Er ist das Urbild des Denkers ohne Œuvre, der viel publiziert hat – Würdigungen, Widmungen, Beipflichtungen, Kommentare – und darüber das Eigene vergaß. Wirklich vergaß? Einmal habe ihm diese Frage gestellt und war erstaunt über die jäh in seine Augen tretende Hilflosigkeit. Ja, damals habe ich mich für die Bloßstellung geschämt. Starck geht seinen Weg, solange er sich sein Ich verschleiert. Möge er ihn weitergehen – jetzt und in alle Ewigkeit.
Starck, der Gemeinschaftskritiker, lebt nur in Gemeinschaft. Nicht in einer, nein, in vielen. Vor allem bedarf er der Gemeinschaft mit Frauen, einer hier, einer da, sie dürfen nichts voneinander wissen und wissen es alle, vor allem, weil er seine Verschleierungen so dilettantisch inszeniert, dass nur er selbst ihnen traut. Er hat auch ein Buch über die Notwendigkeit der Lüge geschrieben, natürlich im Kantischen Sinn, was ihn deshalb reizte, weil Kant, wie alle Welt weiß, der Lüge so abhold war, dass er sie aus dem Kreis der zu rechtfertigenden Handlungen verbannte.
Nicht so Starck. Sein Kant weiß um die Zwecklosigkeit des Versuchs, sie auszurotten: Er beschließt daher sie bloßzustellen. Aber Lügen sind erst als Lügen erkennbar, wenn sie bloßgestellt werden, jede Bloßstellung singt ihr Lob, weil sie den Lügner moralisch vernichtet. Nicht die Lüge, den Lügner trifft der Abscheu. Kein Kantianer würde diese Differenz gelten lassen. Doch Starck ist kein Kantianer, er ist Königsbergianer und verbreitet gern die Luft, die dort, wenn man ihm folgt, geatmet wurde.
Starck, von dessen Pyramiden-Dasein ich nichts wusste, lernte ich kennen, als ich


»Der Philosoph Starck hat dem Wegsein unter dem Titel Gemeinschaft oder Gesellschaft? einen kleinen Aufsatz gewidmet...«

Steinschwafel
Professor em. Steinschwafel

Urgestein.


Ist ›Urgestein‹ ein Beruf? Ich bin mir nicht sicher, lasse mich aber gern belehren. Steinschwafel: der prominente Denker mit einer Vergangenheit, die fest im NS-Bildungssystem wurzelt. Wie so vielen, gelang es auch ihm, sich als Opfer für neue Aufgaben in Position zu bringen. Worin bestand seines? Ihm fehlte der ›Ruf‹ als krönender Abschluss einer emsig betriebenen Karriere. Also hat man ihn damals verweigert. Das konnte nachgeholt werden. Glücklich der Mann, dem auf so einfache Weise zu helfen ist.
Ich persönlich habe Steinschwafel noch in der Lehre kennen gelernt, Betonung auf ›noch‹, denn sein Ruhm, kaum verfestigt, wirkte bereits eigentümlich verbraucht. Es scheint in seiner Zunft, wie sicher auch in anderen, ein Bedarf an einfach gestrickten, unermüdlich die großen Figuren aus- und nachfahrenden Vordenkern zu existieren, denen man sich bedingungslos anvertraut, während man ihnen im Grunde seines Herzens misstraut. wohl wissend, dass sie im Innersten korrupt sind.
Woher weiß man das? Sie verraten es einem ja nicht. Dennoch kommt, wer zu lesen versteht und den Zeitindex zu Rate zieht, ihnen leicht auf die Spur. Steinschwafel zum Beispiel schaffte es, ein und denselben Aufsatz zweimal zu publizieren: einmal als NS-Propagandamaterial, das zweite Mal als hermeneutisches Glanzstück in einem Verlag, der linken Weltanalysen nach den vergangenen Exzessen gewöhnlich den Vorrang einräumte. Zugegeben, es ist, bei einigen umgestellten Kommata und einer Handvoll ausgewechselter Wörter, nicht ganz derselbe Text, obgleich erstaunlich zielstrebig in beiden Fällen auf dasselbe zielend: die einverstandene Mitte der Gesellschaft.
Nicht einverstanden muss Tronka gewesen sein, wenn die Hiero zugetragene Geschichte über den Zusammenstoß stimmt, der Tronka unversehens aus der Rolle des Jungstars für eine Reihe von Jahren in den Abgrund der Perspektivlosigkeit schleuderte. Wenn Tronka als Opfer der maßlosen Arroganz und hinterhältigen Treue Steinschwafels zum verleugneten Regime bezeichnet werden kann, dann gibt er diesen ›Status‹, wissentlich oder nicht, an Hiero weiter. Nichts erneuert sich leichter aus den Zufällen des Lebens als die eiserne Regel verspäteter Vorgesetzter: Man darf es den Kommenden nicht zu leicht machen.


»Man munkelte so mancherlei, auch über antisemitische Ausfälle bei Steinschwafel, dem großen alten Mann der deutschen Philosophie, der im Nebenzimmer des Pfaus seine Sottisen zum Besten gab.«

Strabo
Strabo
FuP

Gehört zum Tronka-Kreis (lose). Liiert mit Irma.


»Strabo, du bist ein Schwätzer«. So sagte es eines Abends lachend eine von Pws durchlaufenden Freundinnen und niemand hatte Lust, ihr zu widersprechen. Die Szene ist nicht gesichert, aber glaubhaft. Ehrlich gesagt, überraschte es mich nicht, ihn in Rs Projekt wieder auftauchen zu sehen. Ich hätte nichts anderes erwartet. Die Konstante in Strabos Leben ist der lebhafte Wunsch, nicht zu arbeiten. Er hat eine hohe Kunst darin entwickelt, ihn vorzutragen, als läge es in aller Interesse und als gehe der Menschheit eins ihrer wertvolleren Glieder verloren, ereilte das Schicksal der Allermeisten ihn doch. Sein Interesse an Emanzipationsfragen, das weibliche Geschlecht betreffend, ist dementsprechend ungespielt und unstillbar. Irma, die ›voll emanzipierte Berufsfrau‹, die ein allgütiges Schicksal ihm über den Weg schickte, füllt ihn nicht aus, aber sie bietet Erfüllung, soweit seine Lebensplanung in Betracht steht. Das nie geschriebene Buch seines Lebens trägt, wie er mir einmal gestand, den unverrückbaren Titel Nachdenken über den emanzipierten Mann. Allerdings kam ihm der französische Autor Houellebecq zuvor. Seit dessen Bücher den Markt bevölkern, ist Strabo im wahrsten Sinne des Wortes arbeitslos. Macht es ihn unglücklich? Nicht doch.


Strabo wohnt jetzt hier.

Stutenkeil
Dominik Stutenkeil, akademischer Rat
FuP
 
 

Informatiker.


»Stutenkeil . Langwasser . Lobbock«

»Währenddessen vermisst Stutenkeil, aus einer Erschöpfung in die andere wechselnd, an sich die gewohnte Brillanz, die ihn im Hörsaal auszeichnet.«

Teuschner
Professor Teuschner
FuP

Pyramidenbewohner. Außerhalb der Pyramide nicht überlebensfähig.


Iris’ (oder wessen auch sonst) krasses Urteil ist gerechtfertigt. Wäre die Pyramide ein Klettergerüst auf einem Kinderspielplatz, dann wäre Teuschner das Kind, das in einer Ecke sitzt und aufpasst, dass niemand von der Stange geht. Nicht, weil es ihm ums Spiel ginge, sondern weil es den Augenblick fürchtet, in dem es selbst gefordert wäre. Ihn hinauszuschieben ist sein einziger Wille. Ein Mittel dazu besteht darin, die eigene Leistung in eine imaginäre Vergangenheit zu versetzen. Ein anderes, laufend neue Projekte mit anderen aufzulegen: Wenn du, dann ich. Immer muss der andere den ersten Schritt gehen. Auf den zweiten, den Teuschner gehen müsste, wartet er dann vergeblich. Seine Spezialität sind Handbücher: Gemeinschaftsprojekte, die viel Abstimmung erfordern und eine Vielzahl von Treffen aller Beteiligten einschließen. Auf ihnen tritt Teuschner auf, als sei er der Wächter des wahren Projekts, das durch die Fortschritte der anderen verwässert zu werden drohe. Wer angereist ist, um sich über seine mangelnde Teilhabe zu beschweren, findet sich unvermittelt auf der Anklagebank wieder. Am Ende fahren alle in dem Bewusstsein nach Hause, jetzt endlich komme die Angelegenheit in Schwung. Doch darauf können sie lange warten.
Teuschner als FuP, das erscheint widersinnig (ist es wohl auch), macht aber (aus seiner Perspektive) Sinn. Auch hier tritt er als der passive Pol des Projekts auf. Unwillkürlich reiht er sich unter seine Macher ein, also R und vor allem Iris, die er zu allerlei Handreichungen heranzuziehen versucht. Doch das bleibt, wie man wohl sagt, falsches Bewusstsein.
Existieren Protokolle? Die Suche läuft. Unschätzbar, ließe sich hier etwas finden.


Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip

triphan
Louis Triphan
FuP

Nahostexperte.



»Eigentlich ging es ganz leicht, erzählt der einfache Abgeordnete und Minister S seinem Freund, dem Nahostexperten Triphan...«

Tronka
Professor Tronka
FuP

Pyramidenbewohner aus Not, später aus Überzeugung.


Ursprünglich Leckebusch-Assistent, bekommt einen Ruf in die Pyramide und wird dort ein anderer. Tronka, das ist: la déformation professionelle. Der Einzelgänger, der nicht allein sein kann. Das Genie in der Gesellschaft. Die Gesellschaft, ins Bild des Genies gefasst. Kein Genie, nirgends – nur ein Denkapparat, der selten zum Stillstand kommt. Ein Körper, der denkt und denkt. Was noch? Der Attribute sind viele. Das seltenste Stück in Rs Schmetterlingssammlung. Der Schinder Hieros (was ich für unverzeihlich halte).
Das Problem Tronka ist die Obdachlosigkeit hoher Intelligenz. In der Liste seiner Problemlagen kommt sie nicht vor. Intelligenz ist für ihn ein Rohstoff wie andere. Die einzig existierende Aufgabe besteht darin, sie auszubeuten. Wo sie nicht ausreicht, bleibt nur ein Achselzucken: Pech gehabt. Tronka, der das Glück hat, wie er mir selbst gelegentlich sagte, ein Leben unter Hochbegabten zu führen, geht dazu über, sie zu zerstören, nachdem ihn der langersehnte Ruf ereilt. Hier zeigt sich sein Hang zum Mittelmaß, zum Leiden, das in Verklärung mündet.
Der Denker Tronka kennt kein ›Hinieden‹. Dabei lebt er es wie der demutvollste Klosterbruder. Kein Gesellschaftsmensch kann ihm das Wasser reichen. Jeder darf ihn verlachen und Tronka gibt ihm innerlich recht. Er lacht gern und viel, aber nicht über sich selbst. Der Stachel sitzt tief. Sein verborgenster Wunsch: nicht geboren zu sein. Sein oberflächlichster: die Fülle der Welt genießen. Sein gefühltester: Größe.
Sein kleinlichster: Liebe.


»›Bekanntlich sind Genies sehr selten, es ist daher auch nicht nötig. Einen Tronka dagegen gibt es in jeder nur einigermaßen kompletten Gemeinschaft.‹«

»Im Treppenhaus begegnete er Tronka, das Zusammentreffen festigte ihn innerlich und fächelte ihm Mut zu.«

Tronka


»Tronka, ein Negativ-Meister: Man holt ihn, man schließt ihn aus. Alle Wege, wie immer gebahnt: ihm sind sie verschlossen, selbst wenn er sie geht.«


Das Bersten
Der Schmerz

Tummler
Gottfried Tummler
 
 
 

Pyramidenschauer
Warbede
Warbede
FuP

Embede, Warbede, Wilbede: Die starke Truppe.


Keine Ahnung, wie R & Co. es anstellten: diese Drei scheinen aufs Geratewohl von der Straße geholt und in die Namen der drei ursprünglich keltischen Nornen des Wormser Reliefs gestopft – Jungfrauen in jenem erweiterten Sinn, der dem Mittelalter sehr gegenwärtig war und seither von Generation zu Generation aufs Neue entdeckt werden muss.

Barbara mit dem Turm,
Margarete mit dem Wurm,
Katharina mit dem Radel
das sind die drei heiligen Madel!
Warum fides, spes, caritas – Glaube, Hoffnung, Liebe? Meine unmaßgebliche Deutung lautet: Ohne die vom Christentum eingepflegten Grundwerte stockte der Gang der Geschichte. Diese drei aber machen Geschichte, halleluja. In ihren losen Reden blitzt das Sichelrad, dessen Speichen niemand sich naht, der mit dem Leben davonkommen will.
Der Feminismus der Straße kennt keinen Stillstand, er kennt keine Erfüllung, er ist voll der selbstverordneten Gnade, solange das Rad sich dreht. Was wäre der Glaube ans selbstgewirkte Geschlecht ohne die Hoffnung, es könne sich in Liebe erfüllen? Wenig bis nichts. Andererseits: Was wäre Selbstliebe ohne die Hoffnung, sich im Geschlecht zu erfüllen? Oder, um das Dreigestirn der karnevalistischen Blasphemien voll zu machen: No hope no zaster. Love it!


Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – setzen sich in Bewegung

Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – entdecken die Kraft der Negation

Das religiöse Herz meldet sich zurück

Wassermann
Wassermann
FuP

Privatdozent.


Außenseiter der Pyramide. An seiner Bürotür prangt eine Zeitlang der Spruch:

Wassermann, du krasser Mann.
In der Not geh du voran.

Was der Sozialismus falsch macht

Wegenaer
Dr. Alois Stiebelpfand Wegenaer
FuP

Kunsthistoriker.


Ein alter Bekannter:


»Die Rasierklinge als Werkzeug der Massenmobilisierung hat tiefe Spuren in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts hinterlassen.«

Werferich
Prof. Werferich

Kommunikationswissenschaftlerin.


»Werferich, die etwas behäbig wirkende Juniorprofessorin…«

Wilbede
Wilbede
FuP

Embede, Warbede, Wilbede: Die starke Truppe.


Keine Ahnung, wie R & Co. es anstellten: diese Drei scheinen aufs Geratewohl von der Straße geholt und in die Namen der drei ursprünglich keltischen Nornen des Wormser Reliefs gestopft – Jungfrauen in jenem erweiterten Sinn, der dem Mittelalter sehr gegenwärtig war und seither von Generation zu Generation aufs Neue entdeckt werden muss.

Barbara mit dem Turm,
Margarete mit dem Wurm,
Katharina mit dem Radel
das sind die drei heiligen Madel!
Warum fides, spes, caritas – Glaube, Hoffnung, Liebe? Meine unmaßgebliche Deutung lautet: Ohne die vom Christentum eingepflegten Grundwerte stockte der Gang der Geschichte. Diese drei aber machen Geschichte, halleluja. In ihren losen Reden blitzt das Sichelrad, dessen Speichen niemand sich naht, der mit dem Leben davonkommen will.
Der Feminismus der Straße kennt keinen Stillstand, er kennt keine Erfüllung, er ist voll der selbstverordneten Gnade, solange das Rad sich dreht. Was wäre der Glaube ans selbstgewirkte Geschlecht ohne die Hoffnung, es könne sich in Liebe erfüllen? Wenig bis nichts. Andererseits: Was wäre Selbstliebe ohne die Hoffnung, sich im Geschlecht zu erfüllen? Oder, um das Dreigestirn der karnevalistischen Blasphemien voll zu machen: No hope no zaster. Love it!


Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – setzen sich in Bewegung

Embede Warbede Wilbede – auch fides spes caritas – entdecken die Kraft der Negation

Das religiöse Herz meldet sich zurück

Z
Z

Germanist, Memoirenschreiber.


»So erzählte der Historiker, der bei dem ersten Treffen jene ingeniösen Bemerkungen über die Ortschaft Gauweiler fallen gelassen hatte, gleich dreimal hintereinander die Umstände, unter denen er die Bekanntschaft des Germanisten Z. gemacht hatte. Dessen Erinnerungen an Nazi-Jugend und Nachkriegskarriere waren gerade posthum erschienen und quollen offenbar von saftigen Bemerkungen über die Zunft und ihre Vertreter über.«

Zimmerwirt
Zimmerwirt

Ein Rätsel ist Reinentsprungenes.


Einfach ist es nicht, den Absprung zu finden. Ein Zimmerwirt kommt da gerade zur rechten Zeit.


»Nicht hinhören, einfach nicht hinhören.«