DIE PYRAMIDE

Im Schattenreich der Gedanken

Wie man wird, was man ist
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Warum R gefragt ist
Anmeldung eines Bedarfs

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... und, meine Kolleginnen und Kollegen, es unterliegt keinem Zweifel, dass hier Bedarf besteht. Unsere Wünsche sind, um es einmal so auszudrücken, keine Begehrlichkeiten. Der Bedarf ergibt sich aus der neuartigen Existenz der Pyramide mit ihrer weit in die Zukunft weisenden Lerntechnologie, die Studenten auf dem Campus entbehrlich erscheinen lässt. Ich sage meinen politischen Gesprächspartnern immer: Vergesst nicht, welche Belastung eine unruhige Studentenschaft als physische Masse für den universitären Körper bedeutet. Abgesehen von dieser nicht unerheblichen Nebenerwägung ist der Gedanke einer physischen Studentenschaft, die sich innerhalb eines festen Zeitrahmens an eigens dafür eingerichteten Orten versammelt, um den Wissensstoff in einer koordinierten, aber eben auch chaotischen Anstrengung in sich aufzunehmen – wir alle, meine Kollegen, haben noch so studiert und es war, wenn ich das so sagen darf, eine gute Zeit, doch das bewährte und in weiten Teilen der Hochschullandschaft noch immer praktizierte Verfahren ist, machen wir uns nichts vor, in einer Gesellschaft, in der nahezu jeder zu irgendeinem Zeitpunkt seiner Existenz als Studierender auftreten wird, obsolet. Die Zukunft gehört Systemen, die dem Einzelnen die Entscheidung darüber überlassen, welchen Stoff er sich wann, wo, unter welchen Lebensumständen anzueignen gedenkt. Sie gehört, sage ich, Systemen, die den Stoff wasserdicht übermitteln, so dass gerade kein Chaos in den Köpfen entsteht. Beides gehört unabdingbar zusammen. Dazu – an dieser Stelle wiederhole ich mich gern – bedarf es intelligenter Bereitstellungsverfahren und einer eigens für diese Form der Lehre ausgebildeten Dozentenschaft.
Wir stehen hier, liebe Kollegen und Mitarbeiter, vor einer Aufgabe, deren Bewältigung allein die Existenz dieser neuartigen Wissenschaftsstätte rechtfertigen wird. Man wird uns an unseren Erfolgen auf diesem Weg messen. Daher sage ich: Lasst uns erfolgreich sein!
Ganz unter uns: Erfolg ist schließlich nichts Schlechtes.

 

Wie man wird, was man ist
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Wofür R gebraucht wird
Plädoyer

Parties prenantes

... An dieser Stelle kommen Theorien ins Spiel, mit denen der Bewerber sich ausweislich seiner Schriften nachhaltig beschäftigt hat. Früher als andere hat R, ein pfiffiger Kopf, diverse Möglichkeiten systemischer Entlastung diskutiert und ihre gesellschaftlichen Effekte durchgespielt. Die Lernmaschine Universität muss von Grund auf neu konstruiert werden. Soviel steht fest. Sie ist, in ihrer bisherigen Form, dem Ansturm der bildungsfernen Schichten nicht mehr gewachsen. Der Pyramide fällt in diesem Prozess eine von den politischen Instanzen gewünschte Vorreiterrolle zu. Es ist daher anzunehmen, dass sie über kurz oder lang mit Kapazitätsproblemen zu kämpfen haben wird, die sich nur durch ein intelligentes Wissensmanagement beheben lassen werden. Das von R vorgeschlagene und in verschiedenen Modifikationen durchdeklinierte Modell des ›leeren Campus‹ weist ihn als kompetenten und sachkundigen Wissenschaftler aus, der versteht, welche wissenspolitischen Maßnahmen der Gesellschaft ins Haus stehen, und ernst zu nehmende Überlegungen vertritt, wie eine erfolgsorientierte Strategie zu ihrer akademischen Umsetzung aussehen könnte...

 

Wie man wird, was man ist
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Weshalb die Wahl auf ihn fällt
vertraulich
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Lieber Kollege,
Herr R, wie aus den eingereichten Unterlagen hervorgeht, offenbar ein Schüler von Ihnen, bewirbt sich um eine der neu ausgeschriebenen Stellen in unserem Fach. Vertraulich gefragt: wie gut kennen Sie ihn? Da Sie zu den Ideengebern der Pyramide zählen, wäre es gut zu wissen, was Sie über seinen Ansatz denken. Der erste Eindruck spricht für die Person: offen, vertrauenswürdig, dabei zurückhaltend, die Brisanz der eigenen Thesen eher unter- als übertreibend, aber vielleicht mit einem Hang zur Eigenbrötelei? Wie Sie wissen, benötigen wir hier vor Ort gute TP, wären also dringend auf ihre diesbezügliche Auskunft angewiesen. Desweiteren ist uns augenblicklich nicht klar, wie weit seine Kontakte innerhalb der Sc Comm und – last but not least – ins Ministerium reichen. Besonders an Aufklärung zu letzterem Punkt wäre uns sehr gelegen. Darf ich, wie angedacht, bei der März-Tagung auf Sie rechnen? Das wäre fein, ein paar Anregungen aus Ihrem Mund könnte ich gut für meine bereits überfällige Publikation – wir sprachen darüber – gebrauchen. Apropos: eine Gutachtenanforderung in der bewussten Sache wird Ihnen meine Sekretärin in den nächsten Tagen zuschicken. So what? Grüße an Ihre Frau etc.
Ihr

 

Das Wissbare ist das Unwissbare

Der Bau
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Die Pyramide schimmert durch den Sprühregen, in dem sie höher erscheint. Ein weiches, aus unbestimmten Fernen eingefangenes Licht spielt auf ihrer Oberfläche. Diese Oberfläche, ein Netz aus kunstvoll zusammengesetzten Waben, gibt den Blick auf ihr Inneres frei und weist ihn auf eine diskrete Weise zurück, so als wollte sie sagen: Hier ist kein Geheimnis, hier nicht, geh weiter, wenn du eines erwartest oder benötigst, hier wirst du nicht fündig. Wirklich gehen die Menschen weiter, es mag am Sprühregen liegen, vielleicht, oder an der Umgebung, obwohl letztere sichtlich zum Verweilen angelegt wurde. Aber da der Reiz einer Einladung im Geheimnis liegt, das von ihr ausgeht, bleibt, wo es fehlt, nur die Geste und jedermann sieht zu, dass er weiterkommt. Nicht dass sie übersehen würde, das nicht, die Leute besitzen einen scharfen Blick für alles, was sie nicht weiter kümmert. Sie haben schon gesehen – das Urteil, das darin liegt, ist unaustilgbar. Doch geht ihnen der Anblick nach, ein Hündchen, das sie irgendwann kraulen oder davonstoßen werden, in der übrigen Zeit wollen sie sich damit nicht befassen.

Der Bau
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Der sanfte Zwang weiterzugehen macht an der Oberfläche nicht halt, er setzt sich im Inneren fort. Das System der Treppen und Aufzüge, der Durchstiege und leeren Flure forciert den Eindruck, du bewegtest dich in einem Spiegelkabinett oder im Inneren einer kalten Fata Morgana. Was immer du hinter dir lässt, es scheint dir entgegenzukommen, leicht verändert, aber unverkennbar. Jeder neue Gang, der sich auftut, ist wie ein alter Bekannter, dem du im Traum begegnest. Gern würdest du ihn mit einem »Wie geht’s?« begrüßen, aber das geht nicht, eine unsichtbare Macht hat Sorge getragen, dass Intimitäten dieser Art zwischen euch unterbleiben. Wortlos passiert ihr einander. Aber der Augenblick der verpassten Berührung geht nicht vorüber, er erneuert sich beständig, als fließe er aus einer unsichtbaren Verletzung, die dir nur schwach zu Bewusstsein gelangt und deren Herkunft dir rätselhaft bleibt.
Weiter geht’s, in einiger Entfernung erblickst du geöffnete Türen und ein paar Leute, zwei oder drei Herren in unterschiedlich ergrauten Anzügen, flankiert von jüngeren, bunt gekleideten Figuren beiderlei Geschlechts. Im Näherkommen ist die Gruppe aufgelöst, verschwunden, dein Sinn konzentriert sich auf die geschlossenen Türen zu beiden Seiten, die dir nicht länger als architektonische Zutat erscheinen, sondern als Anzeigen abgeschotteter Behälter, nebeneinander aufgereiht und mit unauffälligen Leitmarkierungen versehen, als lagerten in ihnen die Endprodukte eines auf Diskretion bedachten Spezialherstellers, dessen Logo unter Eingeweihten in aller Welt Beachtung findet.

Der Bau
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Irgendwann erlahmt der Wunsch anzukommen. Du lehnst dich an eine für verschlossen gehaltene Tür und sie schwingt auf, bevor du dich dessen versiehst. Der Raum, in dessen Mitte ein Schreibtisch steht, ist verlassen. Auf dem Boden verstreut liegen Bücher, die du gern lesen möchtest, am besten jetzt, aber das geht nicht. Du darfst dich nicht bücken. Gleich kehrt der Bewohner zurück, du spürst bereits den befremdeten Blick und fühlst das Misstrauen, das sich zwischen euch schiebt. Du bist drinnen und draußen, etwas hält dich hier und etwas ist schon weg, als sei es nie in diesen Raum eingetreten, als schüttle es seinen Anblick ab gleich einem etwas wirren, etwas undeutlichen Traum, dem keine Bedeutung zukommt außer dieser: auch hier, in diesem zugewiesenen Käfig, lebt ein Mensch. Er lebt, er atmet, denkt, notiert, holt sich abgelegte Vorgänge aus dem Regal, um im Bilde zu sein, trinkt Kaffee und führt Gespräche am Telefon. Sein Leben ist reich, informiert, voll kleiner Anreize, die ihn seine Stellung im Universum der Bedeutungen und sein spezifisches soziales Gewicht auskosten lassen. Es ist klein, abseits, verlassen, eine Nische im Bau der Natur, vergleichbar dem eines Dachses, eines Hamsters, eines Zwergwarans, gut möglich, dass er dieses Dasein als nicht angemessen empfindet, als angeklebt und von schlechtem Sitz, so dass es bei jeder Bewegung aufklafft und etwas darunter zum Vorschein kommt, mit dem im Grunde immer zu rechnen war.

Der Bau
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Du verlässt den Raum, als hättest du ihn einfach vergessen. Türen, die Normalsterbliche für hermetisch verschlossen hielten, öffnen sich mit einem leichten Ruck und dem dazugehörigen Surren, als hätten sie von Anbeginn auf dich gewartet. (Was nicht falsch ist. Niemand geht durch sie hindurch, der nicht bereits ein System unsichtbarer Schleusen aus Qualifikationen, Bewerbungen, Terminabsprachen und Ähnlichem passiert hätte, obwohl die Pyramide tagaus, tagein jedem offensteht, der den Mut oder die Chuzpe oder die einfache, durch keinerlei Hintergedanken verfälschte Absicht aufbrächte, sich am physischen Dasein der Wissenschaft sattzusehen oder vor Ort zu erkunden, wie sie funktioniert.)

Der Bau
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Dass ein solches Heute sich in nichts von jedem beliebigen Heute unterscheidet, versteht sich von selbst. Die Wissenschaft gehört dem Heute ebenso wenig wie der Ewigkeit. Sie gehört der Zeit, – nicht irgendeiner, sondern der, die Menschen einer bestimmten Orientierung für sie aufbringen: anschlussfreudige Teile eines Systems, in dem der Wissensstoff zirkuliert, um sich unentwegt zu vermehren, so dass sich leicht ausrechnen lässt, in wieviel Jahren er sich verdoppelt oder verzehnfacht – Tendenz gegen Null. Der Tag ist nicht fern, an dem sich das Wissen binnen vierundzwanzig Stunden verdoppelt, in denen sich also gewissermaßen die gesamte Wissensentwicklung der Menschheit konzentriert: eine flüchtige Etappe. Denn unaufhaltsam naht ein Tag, an dem es sich verzehn- und verhundertfacht. Ein solcher Tag enthielte das Heute der Wissenschaft. Was wir Gesellschaft nennen, wäre ihm nicht mehr gewachsen: es löste sich in ihm auf wie, nun, wie in einem Reagenzglas, ein wenig geschüttelt, ein wenig erhitzt ergäben sich Verbindungen, von denen hier und da einer schwärmt.

Die Zukunft wirft einen gläsernen Schatten

Schattenwurf
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Aus dem Gewirr der Straßen ragt die Pyramide, ein künstliches Klettermassiv, in den innerstädtischen Himmel.
Idealer Fluchtpunkt – ordnende Distanz, verbunden mit Größe.
Vollständig lässt sie sich von nirgendwoher überblicken. Häuserzeilen schneiden Streifen aus ihr heraus und zeigen sie vor: Da, mehr ist aus unserer Sicht nicht zu haben. Das Ganze ist nicht das Ganze – aber das wissen wir doch. Ja wir – wer, wenn nicht wir, könnte solche Sätze auf Dauer ertragen? Das Ganze ist nicht das Ganze, es scheint nur so. Der Schein überwölbt den Anblick. Unsere Sicht, sagen wir... ist nur konsequent. Was wäre die Pyramide, wenn nicht Ausdruck von Konsequenz? Eine leere Geste. Ja vielleicht. Leere Gesten gibt es genug, Denkmäler des Vertrauens darauf, dass der Sinn, lässt man ihm Zeit und Gelegenheit, nachkommt. Alles zu seiner Zeit. Was ist eine Geste gegen den, der sie vollzieht? Nichts, könnte man meinen, eine flüchtige Anspielung. So ein Nichts wächst, es behauptet sich, es erfüllt sich mit Zeit und Sinn, es streift seine Neuheit ab, als handle es sich um ein Missverständnis, es legt sich Bedeutungen zu, die seinem Urheber völlig fern lagen, es spielt mit Bedeutungen, so wie ein Kind spielt, das energisch zwischen Mein und Dein unterscheidet, ohne sich Gedanken zu machen, woher es den Unterschied nimmt, und das ihn fallen lässt, sobald der spielende Sinn eine andere Richtung einschlägt.

Schattenwurf
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Die Pyramide geht hoch hinaus: das wird es sein. Ihr Anblick ›sprengt alle Dimensionen‹. Was bedeutet das? Zunächst einmal nur: du bist zu klein, sie zu fassen. Wer immer du sein magst, du bist zu klein dafür, dein Gefühl ist außerstande, diesem Ding da ein Maß zu geben. Wärest du eine Schnecke, du schleimtest darüber weg, ohne es zu bemerken. Nun, du bist keine Schnecke, du gehst deinen Weg, aufrecht, wie es sich gehört, ein klein wenig gebeugt, darüber redet man nicht, jedenfalls nicht zur Unzeit, und du staunst: auch das ein Gefühl, aber ein leeres, der leeren Geste gemäß, die auf dich einwirkt. Dieses leere Gefühl, das die Sprache Staunen nennt, während du jeder Bezeichnung geflissentlich ausweichst, holt dich heraus aus der umgebenden Welt, der Welt des Alltags, wie du sie nennst, weil du die Reste verflossener Feiertage wie Splitter einer anderen Existenz in dir herumträgst (auch wenn ihr Glanz, recht erinnert, immer Abglanz von etwas blieb, das sich nicht recht einstellen wollte). Die Pyramide dagegen ist immer da. Sie ist Teil deines Alltags, sie nimmt weder ab noch zu. Zweifellos wärest du bestürzt, sollte sie eines Tages verschwunden sein. Eine leise Überforderung geht von ihrem Anblick aus, als wollte er sagen: Vergleiche mich nicht zu rasch! Vielleicht sollte man mich unvergleichlich nennen. Aber das ist, wie bekannt, nur ein Wort.

Schattenwurf
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Ein verspiegeltes Dreieck, an dessen Fläche der Blick keinen Halt findet, von nirgendwo einzusehen, eher geometrische Figur denn Bauwerk, rät dem Betrachter zur Flucht. Das ist scherzhaft gesagt, aber es lässt die Gedanken laufen. Welche Fluchten sind angesagt? Welche verbieten sich? Welche zielen ins Abseits, welches Entrinnen ist da gefragt? Fragen, die ins Leere zielen, jeder Schuss ein Treffer. Dass, wer die Pyramide sucht, bereits auf der Flucht ist, versteht sich fast von selbst.
Flucht wovor?
Der allgemeinste Standpunkt lautet: Flucht vor den Verhältnissen.
Warum? Sind sie grausam, barbarisch, rückständig? Anzunehmen, ja. Oder beschränkt, idyllisch, harmlos (= die furchtbarste aller Varianten)? Auch das. Der Leidende leidet an allem, es zieht ihn ins Leere. Vor der letzten Konsequenz schreckt er zurück. Plötzlich braucht er alles, und zwar in wachsendem Maß. Es verlangt ihn nach Wissenschaft, dieser fernen Instanz, die alle Verhältnisse regelt, aber in der Regel nur selten in Erscheinung tritt. Er wünscht zu begreifen, warum die Dinge so sind, wie sie sind, damit sein Leiden dahinter verschwindet. Einer will die Welt reparieren, weil ihn ein Zeh juckt. Ein krasser Fall, sollte man meinen, aber weit gefehlt. Der nächste denkt an schnelle Abhilfe und stochert im Wissensberg, hoffend, dass etwas dabei für ihn abfällt: ein Dutzendgesicht. Die meisten möchten, dass ihnen etwas geboten wird.
Simsalabim.

Schattenwurf
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Reden über Verhältnisse: wo beginnen? wo enden? Und: was ist wichtig? Jede Reihe schließt die andere ein, deine Rede hetzt sie gegeneinander. Idylle ist grausam (rückständig ohnehin), Barbarei beschränkt und ein beschränkter Horizont barbarisch (›scheinbar‹ abgelegte Zustände), das Verbrechen maskiert sich als harmlos und die harmlose Tat tendiert zum Verbrechen (›schon wieder‹...).
Alle Verhältnisse sind, wie sie sind, Ausdruck vielfältig benannter und unumgänglich scheinender Vergehen.
Welche Art Ausdruck? Gestammel aus sabberndem Mund? Gerede? Geifer? Nüchtern konstatierende Rede?
Das alles: vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ein Container, der alles schluckt – allen Müll, allen Glanz, geplatzte Beziehungen, zerfallene Hoffnungen, gestörte Akteure, verbissene Träumer, das volle Programm.
Terra infirma.
Metapher also, der, am Fluchtpunkt, die Gegen-Metapher der Pyramide entspricht. Uraltes Bild, in dem Gesellschaft wieder und wieder zusammenfindet: die da oben, die da unten, die Vielen und die Wenigen, die einsame Spitze, das weggeschlossene Unten, die lange Dauer, die versiegelte Totenkammer, die endlose, endlos lastende Reise durch die Zeit, die Eigenschaft, gleich ziehendem Gewölk zu jeder Zeit sie selbst und anders zu sein, das blanke, schuldlos aufwärts blickende, den Himmeln benachbarte Dreieck...

Schattenwurf
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Im Schatten der Pyramide lebt es sich anders. Anders als wo? Nein, nicht anders als. Zusatzlos anders. Wie lässt sich das denken? Gute Frage. Die Pyramide selbst ist die Antwort. Sie ist die Antwort, aber sie enthält sie nicht. Was enthält sie dann? Antworten, die jeden Tag anders ausfallen können ... könnten, falls die geschulte Phantasie ihrer Bewohner das geforderte Maß an Beweglichkeit aufbrächte. Frage an sie: Können sie das? Könnten sie das? Und, Hand aufs Herz: wollten sie es, falls sie es könnten? Seltsam, wie nah diese Frage liegt. Man muss sie nicht suchen. Das liegt doch nahe. Aber diese Nähe ist Ferne. Die Pyramide oder das projektierte Leben: sie wirft es hinauf, über die Köpfe all derer hinauf, die bloß leben wollen, so als sei dort oben eine große Leinwand gespannt und alles sei Projektion (also Kino). Wo also leben sie? Hier unten oder dort droben? Oder: hier oben oder dort unten? Die spiegelnde Fläche gibt keine Antwort. Sie blinzelt. Sie verspricht nichts, sie verspricht sich: ein Riesen-Versprecher. Der Himmel auf Erden, das große Dreieck, ist grau (zumeist).

Nicht das Neue ist unerklärlich
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Nicht das Neue ist unerklärlich

Nicht das Neue ist unerklärlich, sondern die Neuheit.

Eine Leere, eine Spannung, eine Dissonanz geht seinem Erscheinen voraus. Es kommt als ›Lösung‹, andernfalls wäre es nicht das Neue. Als ob ein Rätsel sich klärte: »Aha, das also steckte dahinter. Nun, da es hervorgetreten ist, können wir uns endlich mit ihm befassen.« Erleichtert, enttäuscht, besorgt, in allen Ton- und Empfindungslagen, nur dies nicht: gleichgültig. Der Gleichgültige schließt sich aus, hat sich schon ausgeschlossen. Seine Rede sparen wir aus.

Gibt es ihn überhaupt?

Nicht das Neue ist unerklärlich
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Nicht das Neue ist unerklärlich

Das Neue ist der Antipode dessen, was gleich (= als Gleiches) gilt: es gilt gerade nicht als Gleiches, es stört die Gleichung, zumindest eine: Ich gleich Welt, wobei die Welt als Summe dessen gilt, was ich ›intus‹ habe, was sich mir merklich gemacht hat, womit ich rechne (wie vage auch immer).

Nicht das Neue ist unerklärlich
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Nicht das Neue ist unerklärlich

Das Neue ist neu. Es ist nicht anders, es ist nicht fremd, es ist neu. Neu ist, was ›gerade‹ noch nicht vorhanden war. Es ist aufgetaucht, gerade jetzt, und zwar zum ersten Mal. Gerade jetzt? Das kann sich dehnen. Solange das Neue nicht assimiliert ist, bleibt es das Neue. Es zieht eine Spur – eine kurze, eine lange. Das liegt am Neuen oder am Nicht-mehr-Neuen, vielleicht an beiden.

Nicht das Neue ist unerklärlich
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Nicht das Neue ist unerklärlich

Sei neu: Was kann diese Aufforderung bedeuten? ›Tauche auf, wo man dich nicht erwartet‹? Wohl kaum. ›Überrasche alle, die sich ein Bild von dir machen‹? Das wäre Neuheit, die rasch verfliegt. Überraschend ist, was neu wirkt, ohne es zu sein: unter der neuen Frisur blickt uns das vertraute Gesicht an und verlangt, dass man es wahrnimmt. Es will nicht neu, es will dabeisein.

Nicht das Neue ist unerklärlich
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Nicht das Neue ist unerklärlich

›Sei neu‹ bedeutet – falls irgendetwas –: Sei nichts. Erwarte nichts. Erinnere an nichts. ›Vom Himmel gefallen‹ – wie fühlt sich das an? ›Aufgetaucht‹ – aus welchen Tiefen? Der Ausdruck ›Sei neu‹ bedeutet nichts. Du verschwendest deine Zeit, solange du daran denkst. Doch diese Verschwendung ist dir lieb. Sie ist dein stiller Begleiter, einer, von dem du nicht weißt, woher er kommt und was er bedeutet. Vom Himmel gefallen? Aus der Tiefe heraufgestiegen? Himmel und Hölle verbinden sich in einem einzigen Wort und es bedeutet dir: nichts. Ein Neubeginn, das möchtest du sein. Hier, jetzt, immerfort.

Das ist die ›Ressource‹.

Nicht das Neue ist unerklärlich
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Nicht das Neue ist unerklärlich

Nun also: die Pyramide. Kraft eines bürokratischen Aktes ist sie ›das Neue‹. Nicht weil sie neu wäre – Pyramide bleibt schließlich Pyramide. Auch die Menschen, die in ihr ein und aus gehen, sind weder neu noch bemerkenswert. Es sind Arbeitnehmer, sie nehmen anderen die Arbeit weg, die jene ebenso gut ausführen könnten und sie damit anderen wegnähmen. Neu wäre der Wille, an diesem Ort etwas Neues entstehen zu lassen. Auch er ist nichts Neues. Aber er fühlt sich so an. Man kann nichts Neues wollen, ohne sich neu zu fühlen. »So etwas gab es noch nie. Nun muss es sich weisen.« Doch wie? »Finden Sie es heraus. Dafür hat man Sie ausgewählt.«

Nicht das Neue ist unerklärlich
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Nicht das Neue ist unerklärlich

Motiviert sein. Gut eingestellt sein. Ein Bauchgefühl haben: Das lässt sich gut an. Das bringt mich weiter. Das bringt uns weiter. Aber es geht nicht ums Bauchgefühl. Es geht um den Wurf. Wenn neu sein nichts bedeutet, dann bedeutet der Wurf Erfüllung. Erfüllung des Wunsches nichts zu sein.

Nichts von alledem.

Nichts außer: neu.

Nicht das Neue ist unerklärlich
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Nicht das Neue ist unerklärlich

Wer unterstellt, mit einem Wort oder ein paar Wörtern, aus der Mottenkiste geholt und mit erneuter Aufmerksamkeit bedacht, kehre der Rattenschwanz verstaubter oder verfallener Zustände zurück, an deren Ablösung eine ganze Generation gearbeitet hat, der entsorgt sich selbst. Das ist selten hilf-, aber meistens lehrreich.

*

Das siegreiche Neue überfirnisst die Welt: Glanzpunkte entstehen an Stellen, die gerade noch stumpf, unansehnlich, unscheinbar dalagen, andere, die gestern noch funkelten, sind erloschen, man müsste schon Spezialisten bemühen, um ihre Lage zu erkunden und den Weg zu ihnen zu finden. Wer will das angesichts der Kürze des Lebens?

Nicht das Neue ist unerklärlich
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Nicht das Neue ist unerklärlich

Wenn irgendwo etwas Neues beginnt, dann bedarf es neuer Wörter, um es kenntlich zu machen. Solche Wörter brauchen nicht erfunden zu werden, sie sollten es nicht einmal. Vermutlich müssen sie zum ältesten Bestand gehören, um ihre Aufgabe nahtlos zu erfüllen.

*

Das Neue ist nie einfach neu. Es ist umgeben von den Insignien früherer Mächte, die nach langem Exil zurückkehren. Die Eingeweihten wissen, dass etwas ganz und gar Neues ganz und gar unbegreiflich bliebe, nicht fassbar und damit, selbst bei größter Sichtbarkeit, unsichtbar.

*

Nur was sich fassen lässt, ist auch sichtbar.
Sichtbar heißt: massentauglich.
Masse: in der Bedeutung, in der jemand von der ›Masse der Gelehrten‹ oder der ›Masse der Kinobesucher‹ spricht.

Im Schaufenster des Gewusst-wie
steht die Erinnerung kopf

Unterwegs in der Ruhrstadt
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Unterwegs in der Ruhrstadt, die Sprache der Region färbt bereits ab, so wie die herbstlichen Kastanienblätter unter den Füßen den Schuhsohlen einen Ton einfügen, der zart an Gemälde des frühen van Gogh, stärker allerdings an das Schmutzgrün der Militäruniformen erinnern, die sich hier und da, von älteren Frauen aufmerksam beäugt, in die öffentlichen Verkehrsmittel zwängen. Du verlangsamst den Schritt, stockst, kehrst um. Dieses Geschäft hier hast du noch nie gesehen. Du zögerst, es dir einzugestehen, aber es nützt nichts, es muss heraus: So etwas hast du noch nie gesehen. Es sei denn...

 

Unterwegs in der Ruhrstadt
Unterwegs in der Ruhrstadt
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Zusammen mit dem stillen Eingeständnis, aber versetzt, kommt eine Erinnerung, sie kommt, kommt langsam, du musst, du musst warten, bis du ihre Züge erkennst, zwischendurch verschwindet, verschwindet sie wieder, ist schon, ist schon da, nicht wirklich, nein, nicht wirklich, gleich tritt sie aus dem Dunst, ohne Hand und Fuß zwar, aber an sich intakt, ein in sich ruhendes, der Bewegung harrendes Organicum –

 

Unterwegs in der Ruhrstadt
Unterwegs in der Ruhrstadt
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Das Schaufenster liegt im stillen Schein einer Wohnzimmerlampe, einem dieser wirr auseinander gebogenen Liktorenbündel, an deren Enden an zusammengeschobene Papierblätter erinnernde Schirmchen sitzen, der Raum leergefegt bis auf ein wuchtiges Sofa mit durcheinander geworfenen Sitzkissen, einen niedrigen Tisch, auf dem drei halb geleerte Gläser und zwei geöffnete Flaschen stehen, dazu zwei Stühle. Ein Bühnenraum also, vielleicht ein Proberaum. Die fehlende vierte Wand geht auf die Straße, als Einladung an die Passanten, verstreute Partikel der dort drinnen entstehenden Aufführung aus dem Augenwinkel wahrzunehmen oder sich in Voyeurs-Manier die Nase an der Scheibe platt zu drücken und der Dinge zu harren, die da kommen werden.

 

Unterwegs in der Ruhrstadt
Unterwegs in der Ruhrstadt
4

Andere Zeit, anderer Ort. Du schlenderst eine stille Wohnstraße entlang, der verblasste Schriftzug ›Wäscherei‹ dort vorn wäre dir beinahe entgangen, nur das undekorierte Schaufenster erinnert noch an frühere Tage. Drinnen steht, etwas einsam, etwas verlassen, ein Kinderwagen mit hochgezogenem Regenschutz, als stünde er noch immer im Freien. Du klingelst, eine junge Frau, rötlicher Typus, erscheint auf der rückwärtigen Schwelle –
Ihr Auftritt nimmt die ganze Erinnerung ein. Es fehlt das Zeitmaß. Du könntest dieses Detail übertreiben oder verschwinden lassen. Es würde dich keine Mühe kosten, aber die Erinnerung wäre verfälscht. Ein Vergangenheitsfetzen kommt, wird stark und verblasst, gerade jetzt, da er dich ergreift, taucht er weg. Regnet es? Die Erinnerung ist dicht, aber sie gibt es nicht her.

 

Unterwegs in der Ruhrstadt

 

Auch heute, hier, im Schein der Wunderlampe, bewegt sich etwas –

Unterwegs in der Ruhrstadt
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Die junge Frau, einen Säugling im Arm, öffnet, eine fremde Vertraulichkeit passiert deine Haut, als habest du damals an etwas Anteil genommen, das sich mit der Zeit zersetzt hat, so dass du nicht einmal eine Spur davon in dir findest. Was immer gewesen sein mag, es ist auf und davon, doch das Gedächtnis ergänzt es mühelos aus den Beständen, selbst eine bimmelnde Ladentür findet sich darunter. Gerade sie drängt nach vorn. Ist sie die rechte? Unwahrscheinlich. Du verwirfst die Empfindung und sie kommt wieder. Wie auch immer, du hast diesen Raum betreten, er umfängt dich, du atmest, wenngleich verhalten, seine Gerüche, du empfindest seine Ausdehnung, seine Weite, seine Beengtheit (ja, er beengt dich bereits), er ist überall, aber nicht vollständig, seine Dichte bleibt fragmentarisch.
Nein, du vermagst nicht zu sagen, wer diese Frau ist. Ihr scheint befreundet, nicht besonders eng, eher verhalten, eure Reserve bringt den Dritten ins Spiel, den Freund, der die Gruppe schließt. Das ist keine Freundschaft zu zweit. Jemand ist da, ohne da zu sein. Woran erkennst du das? Du weißt es. Du weißt noch mehr, aber es entzieht sich, teilweise jedenfalls, denn sonst wüsstest du zu unterscheiden: nein, das ist es nicht, oder: das könnte es sein, nur sicher bin ich mir nicht. Du wüsstest zu unterscheiden, aber tatsächlich weißt du es nicht, denn sofort beginnst du mit der Erinnerung zu spielen wie die Katze mit einem Wollknäuel. Kein Wunsch, kein Drang, ein Spiel: Was könnte gewesen sein? Auch das nicht wirklich, eher ein Ausprobieren verschiedener Pfade, damit es weitergeht, während es immer weitergeht, denn die Erinnerung steht nicht still, sie wartet nicht, sie wirkt ungeduldig und unkonzise, jeder Ansatz nimmt sie mit, führt er nirgendwohin, so reißt sie sich los und taumelt davon.

 

Unterwegs in der Ruhrstadt

 

Im Schein der Wunderlampe begibt sich etwas. Eine Tür geht auf, eine blonde Frau schwebt herein, sie scheint nervös oder verärgert zu sein, jedenfalls abwesend, ihr Schritt schneidet in den Raum, man müsste es knirschen hören, doch die Scheibe lässt kein Geräusch durch. Sie nimmt die Gläser vom Tisch, mit einer Geste, als habe sie sich vorgenommen, irgendetwas zu tun, um den Gang quer durch den Raum zu rechtfertigen. Was mag das sein? Kein Zweifel, sie wünscht sich zu zeigen, aber ›in der Schwebe‹, als trage sie die eigene Person auf einem unsichtbaren Tablett vor sich her und wieder hinaus, du wartest bereits darauf, dass sie entschwebt, – aber sie verzögert, sie hält deinem Blick stand, sie bewegt sich in ihm, als handle es sich um eine Blase, die ihr Wärme, Sauerstoff, Zuwendung, kurz, ein wenig Leben zuführt, das sofort erlischt, sobald die Blase platzt. Sie geht zum Fenster, ›instinktiv‹ sucht sie die Stelle, an der du stehst, sie streift vorbei, unbeteiligt, als gebe die Scheibe den Blick nur in eine Richtung frei, als gleite sie durch einen vollkommen geschlossenen Raum. Du weißt: das ist Fiktion. Wessen Fiktion? Ihre? Deine? Sie verhält den Schritt, fast lehnt sie den Kopf an die Scheibe, etwas wie Härte oder Verachtung geistert durch ihre Miene. Sie ritzt den Raum der Fiktion: ein kleiner Schmerz, ein wenig Blutgeschmack lässt ihn wirklicher werden, fast wirklich, gleichzeitig zieht sie die Grenze deutlicher, beinahe klirrend.

Unterwegs in der Ruhrstadt
6

Der abwesende Freund bestimmt die Szene. Etwas ist los mit ihm, aber ... der Gedanke bewegt sich nicht. Er haftet an der Erscheinung der jungen Frau, er ist ein Teil ihrer Aura. Die bewegliche Erinnerung dagegen hat sich des Freundes bemächtigt und lässt nicht mehr von ihm ab, sie skizziert einen Lockenkopf, schwarz, ein paar lustige Augen, beschattet vielleicht, keinen, der im Hintergrund bleibt, sobald er die Szene betritt, aber auch keinen Drängler, keinen, den es ins Rampenlicht zieht: da steht er, von der Seite angestrahlt und schon zerbröckelnd, sich ins Diffuse zurückziehend, als betrachte er es als besonders kleidsam. Die Frau lässt ihm den Vortritt, sie ›lässt ihn vor‹, nicht resigniert, eher zustimmend, still beteiligt, zufrieden über die Aufmerksamkeit, die ihm entgegen... nun, vielleicht nicht -schlägt, aber doch -kommt, ein Stück weit jedenfalls, um dann von ihm abzulassen, vielleicht, weil die mittlere Entfernung in seinem Fall die beste ist und sich der Eindruck der Person im Näherkommen aufzulösen beginnt. Mag sein, sie kennt den Effekt bereits, seit sie diesen da aus dem Kreis der Kommilitonen herauslöste, um ihre Gefühls‑ und Lebenswelt mit ihm zu teilen, mag sein, darin liegt der tiefere Grund für die Existenz des auf ihren Knien zappelnden Säuglings – einmal muss der Mann, mit dem man sich zusammengetan hat, doch entschiedene Züge annehmen, es kann nicht sein, dass einer als Schemen durch alle Verhältnisse hindurchgeht und nur am Mensatisch glänzt.
Natürlich kann es sein, warum sollte er ein anderer werden, wo er ihr doch gefallen hat, wie er ist?

 

Unterwegs in der Ruhrstadt

 

Auf dem Sofa unter der Wunderlampe fläzt sich, zurückgelehnt, eine Person, die Beine breit in den Raum gestreckt, sie blättert in einem Magazin, als suche sie eine bestimmte Information, vielleicht die Kleinanzeige eines auf Hausbesuche spezialisierten Handwerkers. (Es passiert jetzt, daher steht es dir frei, Mutmaßungen anzustellen und ihr Verhalten so zu erklären, wie es dir schmeckt.) Die linke Hand, die das Papierbündel hochhält, ist zur Faust geballt, die rechte, bewegliche, entreißt ihr Blatt für Blatt – ein knurrendes, hüpfendes Hündchen, drauf und dran, sich zu verbeißen. Die Person besitzt ein rohes, aber keineswegs plumpes Gesicht, zurechtgemacht wie das eines Schauspielers. Gäbe eine Hälfte den Blick auf die unter der Haut liegende Muskulatur frei, es erschiene dir stimmig. An einen solchen Grad von Künstlichkeit hat jedoch offenbar niemand gedacht.
Seltsamer Gedanke: Wer denkt sich so etwas aus? Wer denkt hier überhaupt? Nach Lage der Dinge bist du es, der hier denkt, deine Gedanken verlangt es nach der unsichtbaren Hand der Regie, dein Wunsch, es möge etwas dahinterstecken, tastet alle Elemente ab und weist sie Mustern zu, die dir vertraut sind, aber in diesem Fall nicht recht passen wollen. Der Ausdruck ›Nullregie‹ steigt in dir auf... das Bild eines kreisenden Fingers, der sich nicht auf die Wunde legen will... Welche Wunde? Welche Wunde? Du kannst es nicht sagen. Die Regie hält sich dem Treiben der Schauspieler fern, sie scheint vorhanden, aber nicht tätig zu sein, sie scheint durch Untätigkeit die flache Phantasie des Kollektivs zu kitzeln, das sich etwas ausdenkt, was sich ›umsetzen‹ lässt. Die Arbeit muss schließlich getan werden. Aber sind es überhaupt Schauspieler? Benehmen sie sich wie Schauspieler? Wer bezahlt sie? Vielleicht bezahlt niemand sie und sie fühlen sich frei, auf dieser Bühne, die keine ist, zu tun und zu lassen, was sie unter der Tyrannei ihres ›Jobs‹ zu unterdrücken gelernt haben? Andererseits zeigen sie nichts außer dem, was sie irgendwann zu Beginn ihrer Laufbahn gelernt haben: einfache Schritte, einfache Posen, einfache Orientierung im Raum ... Laien, die Schauspieler mimen.
An der Wand steht: »Geschlecht: männlich«.

Unterwegs in der Ruhrstadt
7

Die junge Frau kauert auf einer selbstgebauten, mit Polstern bedeckten Liege. Das Kind reckt die Ärmchen und rollt hin und her. Du hast dich auf einem Stuhl niedergelassen, der dein Gewicht kaum zu tragen scheint. Noch vor wenigen Tagen, dessen bist du dir sicher, wirkte er neu und stabil. Du hast dich niedergelassen, aber es will kein Sitzgefühl aufkommen. Lieber stündest du aufrecht und frei im Raum. Doch soviel Abstand, auch dessen bist du dir sicher, steht dir nicht zu. Du sitzt den beiden gegenüber, wirfst einen Seitenblick auf die Straße, wo ein paar Fußgänger unter ausgeklappten Schirmen den Regen durchmessen. So aus der Nähe betrachtet zu werden geniert sie, ihre Blicke prallen zurück und richten sich starr nach vorn. (Das alles siehst du – nicht durch- oder hintereinander, sondern plastisch, ungefähr wie die Bewegungen einer Schlange, die auseinanderzuhalten dir nicht gelingen will.)

 

Unterwegs in der Ruhrstadt

 

Der Schauspieler hat sich erhoben und ist ans Fenster getreten. Er baut seinen Körper auf und lockert die Muskulatur. Das Hemd hat er abgelegt, umständlich, betont, etwas zu demonstrativ für einen, der sich inmitten seiner Wände unbeobachtet fühlt. Er weiß, ein fremder Blick ruht auf ihm, natürlich, er müsste sonst blind sein. Und selbst dann... Diese künstliche Blindheit, hervorgerufen durch den Umstand, nicht sehen zu dürfen, weil das gegen die Spielregeln verstieße, sie erzeugt ein Publikum sonder Zahl, Hunderte, Tausende von Gesichtern, aus deren Augenhöhlen dieselben dunklen, magnetischen Knopfaugen jede seiner Bewegungen verfolgen, starr, mechanisch, aber erfüllt mit einem Leben, das nirgendwo bereit ist, mit ihm zu teilen. Der Mensch hinter der Scheibe, das zum Bewusstsein seiner selbst herangereifte Zootier, das für Besuchermassen denkt, arbeitet, stirbt, sich entblößt, intime Gesten ausführt und sein Bedürfnis befriedigt, lebt ... irgendein Minimum, du musst nur herausfinden, welches, um –

Unterwegs in der Ruhrstadt
8

Zwei Passanten, hart am Gebäude entlangstreichend, rücksichtslos lachend, redend, gestikulierend, fräsen sich durch den Raum, als schüfen sie diesseits der Scheibe einen Korridor, nur für sie bestimmt, mit Wänden aus vibrierender, schreckenstarrer Luft, an denen der Regen, erst Schlieren, dann Rinnen bildend, herabläuft. Berührt es die junge Frau? Nein, es berührt sie nicht. Sie entkleidet den Säugling und beginnt ihn trockenzulegen. Mit weichen Bewegungen umfasst sie den zappelnden Leib, das strotzende winzige Ichgebrüll, das in ein Quieken übergeht und weiter in ein kehliges Glucksen, aus dem, wer mag, den abwesenden, nun nicht mehr zurückkehrenden Mann heraushören kann. Die junge Frau wirft den Kopf zurück, als errate sie den Gedanken des Gastes. Sie öffnet die Bluse, hakt den BH auf und stöpselt dem Sprössling die linke Brustwarze ins Mäulchen. Der Gast, von flüchtiger Scheu berührt, denkt an Aufbruch.

 

Unterwegs in der Ruhrstadt

 

Der Schauspieler entkleidet sich weiter. Er knöpft die Hose auf, schiebt sie vorsichtig übers Gesäß, als stecke in der karierten Unterhose, die aus der verwaschenen Hülle ans Tageslicht kommt, ein schmerzhafter Furunkel. Der Vergleich hinkt, wie der fehlende Schmerzausdruck bezeugt. Aber wer weiß. Vielleicht wird er erst in einem späteren Probenstadium angeliefert und eingebaut. Das wäre möglich. Möglich auch, dass hier ein wirklicher Profi den Schmerz, der sich nicht zeigen darf, für seinen Auftritt arbeiten lässt, als Produktivkraft, die stets anderes und mehr zeitigt als das, was der unverhüllte Ausdruck ›zum Ausdruck‹ brächte. Vielleicht bist du es auch, der den Schmerz beisteuert, so wie du ihn angesichts jeder Dummheit empfindest, die sich zur Schau stellt. Dummheit, du fühlst es, ist hier im Spiel, sie steht im Raum, sie will sich zeigen, sie will, zusammen mit den Klamotten, die Scheu vor dem anderen ablegen, die Scham überlisten, warum? Um zu kommunizieren. So jedenfalls lautet der Code.

Unterwegs in der Ruhrstadt
9

Bist du gegangen? Bist du nicht gegangen? Wann bist du gegangen? Die Erinnerung gibt es nicht her. Warum? Will sie es behalten? Was liegt ihr an dem Stoff? Vielleicht hat sie etwas damit vor. Vielleicht hat sie ihn anderweitig verbaut und er liegt deinem Erleben an Stellen zu Grunde, wo du ihn niemals vermuten würdest: grundierend, tönend, sachte Konturen mitformend, die völlig anderen Ereignissen und Ereignisfolgen zugehören, vielleicht schon nicht ganz unschuldig an ihrem ursprünglichen Verlauf –. Das wäre doch ... ja, es wäre seltsam, aber auch erhellend wie der sprichwörtliche Blitz in tiefer Nacht, der dem Wanderer hilft, die Orientierung zurückzugewinnen. Und wenn du es dir überlegst: nein, es wäre nicht unmöglich, du musst nur den Appell dazulegen, mit dem die im Treiben der Assoziationen schnell verblassende Erinnerung sich von dir verabschiedet, das leise, möglicherweise stumme, möglicherweise ausgesprochene »Bleib doch!« der jungen Frau, von dem du heute weniger denn je zu sagen weißt, ob es nur die der fälligen Erzählung geschuldete Zeit umfasste oder als Versuchsballon bereits auf ein anderes Zeitmaß zielte. Die junge Mutter jedenfalls fand deine zufällige Anwesenheit praktisch.

 

Unterwegs in der Ruhrstadt

 

Der Bursche in der karierten Unterhose hat es sich überlegt, er klaubt seine Klamotten vom Boden und entfernt sich, als habe er eingesehen, dass an dieser Front außer dem Hohn der Millionen, vor denen er sich präsentiert, nichts zu holen ist, vielleicht ein Besuch seitens der Polizei, herbeigerufen von einem der vielen anonymen Nachbarn, die dazu ihren häuslichen Beobachtungsposten keinen Augenblick verlassen müssen. Wahrscheinlich hast du dich selbst längst verdächtig gemacht. Ein Vorübergehender, der nicht vorübergehen will. Auch dieser Faktor will bedacht sein, er gehört ins Bild. Wenn die Regie schweigt, hört man das Atmen der Ordnung. Es gibt viele Weisen, das auszudrücken. Man kann es ausdrücken wie ein Furunkel: da es nun einmal heraus ist, wer fragt nach dem Druck?

Unreal City
1

Erwäge: wo du aus- und eingehst, da spielt das Leben. Es spielt mit dir, mit deinem Körper, mit deinen Gedanken, es gibt dir Wege vor, die du gehst, es gibt dir nach, es lässt dir den Vortritt. Gerade darin spielt es, denn überall sonst sucht es den Vortritt. Es lässt dich zu: erstaunlich, wenn man bedenkt, welche Energien notwendig sind, um eine beliebige Stelle im Universum hervorzubringen und mit Lebewesen wie dir zu bevölkern. Nicht die Winzigkeit, die Beliebigkeit ist das Erschreckende. Es beliebt dir, durch diese Tür zu gehen: schön und gut, aber damit hätte es rasch ein Ende, bliebe die Tür verschlossen. Irgendwann hat sich diese Tür geöffnet, du kannst nicht sagen, für dich, denn darüber weißt du wenig (und das wenige wäre geeignet, dich zu verschrecken), für einen deinesgleichen – das klingt schon besser, aber es befriedigt in keiner Weise. Vor allem befriedigt es keinen, dem sie verschlossen blieb, obgleich du ihn – und er sich vermutlich auch – für deinesgleichen hältst. Wer wäre nicht deinesgleichen? Du kannst keinen Unterschied machen. Nein, das stimmt nicht: du kannst den Unterschied nicht machen, der dich macht – nicht ausmacht, nein, macht, herstellt, hervorbringt, produziert. Dieser kleine Unterschied, der alles stellt, wie es ist, entzieht sich dir. So wie du gehst und stehst, bist du einer von vielen. Du gibst dein Bestes, um dich erkennbar zu machen. Wohin? Wem? Mit welchem Ergebnis? Wie sorgfältig du dich kleidest, um erkennbar nicht aufzufallen! Schlimm wäre es, aus dem Kreis herauszufallen, der sich – durch Fügung – geöffnet hat, um dich aufzunehmen. Dieser Kreis hält dich im Leben: das weißt du mit einer Sicherheit, die keiner Hypothese eignet. Dabei ist diese die schwächste von allen.

Unreal City
2

Diese Stadt, in deren Häusern du aus- und eingehst, enthält dich anders. Zum Beispiel verspürst du keine Angst, sie könne dich fallen lassen. Sooft du dich prüfst, verwirfst du diesen Gedanken guten Gewissens: nicht, weil es keinen Grund gäbe – darin besteht ja die Angst: anzunehmen, es könnte einen Grund geben –, sondern weil du ihr gleichgültig bist. Angenommen, du würdest ein Verbrechen begehen, das eine oder andere Haus würde sich vor oder hinter dir schließen: nichts würde sich daran ändern. Zwischen der Stadt und dir besteht ein Verhältnis aus lauter Nichtverhältnissen. Du tauchst in sie ein, du lebst ihren Rhythmus, du folgst ihren Straßen, ihren Fährten, ihren Gerüchen, ihren Speisekarten, ihren Regeln, ihren Öffnungszeiten, ihren Gewohnheiten, du teilst ihre Dick-, ihre Schwer-, ihre Anfälligkeit, zum Beispiel für Erkältungskrankheiten oder Störungen des Bahnbetriebs, aber es geht dich nichts an, mit wem du teilst, so wie es sie nichts angeht, dass und wie du sie teilst. Ihr Charme hat deinen nicht nötig, sie kennt ihn gar nicht und nimmt keinerlei Notiz davon. Hinter einer Backsteinfassade, an der du täglich vorbeikommst, geschehen die ungeheuersten Dinge. Sie könnten auf dem Mars geschehen oder auf Alpha Centauri, der Abstand zu dir bliebe immer derselbe. Du kannst auch sagen, zwischen dir und der Stadt besteht ein Unverhältnis aus lauter Verhältnissen: schließlich arbeitest du hier, du wirst die eine oder andere Freundschaft schließen, du wirst zu einer Vielzahl von Menschen ein mehr oder minder dichtes Geflecht von Beziehungen knüpfen und es könnte genausogut anderswo geschehen, die Stadt gibt dazu, aber wenig, und was sie beisteuert, das würde spielend auch eine andere Stadt beisteuern, sein wahrer Ort ist das Überall.

Unreal City
3

»Wir freuen uns auf Ihren Besuch.«
Alles, was du brauchst, enthält dieser Satz: Distanz (›Ihren‹), Sortiment (›freuen uns‹), Offenheit (›Besuch‹). Kein Zweifel, man hat an dich gedacht. Man hat an alles gedacht, warum nicht an dich? So wie du bist, bist du vorgesehen. Die städtische Vorsehung folgt deinem Bedürfnis wie ein Kojote, sie umschmeichelt dein Geld wie eine Katze, sie kräht, keckert, girrt, brüllt, um dein Wunschzentrum zu erregen, aber eben nur fast. Dieses Wesen aus Wesen zerfällt, sobald das Begehren schweigt. Genau besehen, ist es bereits zerfallen: der prüfende Blick erbaut und vernichtet es im Handumdrehen. Das Begehren ist eine schweigsame Instanz, die mit Trümmern spekuliert. Das sagt sich leicht, aber geschrieben bekommt es Gewicht. Schildere eine Welt aus Körperteilen, verbunden durch Termine, Anweisungen, Fahrstühle, Schalter, Pulte, Bauabschnitte, Lagerbestände, Fertigungsstrecken, Roboterarme, Fahrersitze, Schalttafeln, Monitore, Schilder, Schilder und nochmals Schilder, und ›alle Welt‹ (vorausgesetzt, sie lässt sich huldvoll herab, deine ihr längst bekannte Schilderung zur Kenntnis zur nehmen) fühlt sich bedroht. Welches Gefühl ist das? Geh ihm nach: Wohin führt es? Ins Freie? In die Droge? In den ›Infarkt‹? Worin läge der Unterschied? Ein routinierter Beschreiber führt ihn in zwei, drei Zügen ad absurdum. Und dann? Wie –? Hat Ihnen das Buch gefallen?
Natürlich freuen wir uns auf Ihren Besuch.

Unreal City
4

Sie ist hart. Sie ist grausam. Aber sie trägt nichts nach. Das apportierende Hündchen Gewissen, dort rennt es zwischen den Autos, es hat die Ampel verpasst, es kommt voran, aber es treibt ab, die Umwege überschreiben die Wege, das Risiko, ihm könnte etwas passieren, ist riesengroß. Beweg dich! Ihre Hauptverkehrsader, die Autobahn, glüht Tag und Nacht, man erkennt ihr Geflecht aus dem erdnahen Raum. Glühwürmchen, eilst du dahin, doch ohne Eile, ohne innere Eile, sie gehört dir nicht, sie ist Teil des Systems. ›Teil des Systems‹ bist auch du, ein anderer, wie es scheint, dennoch gleitest du dahin. Deine Haube schiebt sich nach vorn, dein Motor treibt. Kommt er ins Stottern oder krachst du dem Vordermann in den Kofferraum, fällt das System auseinander. Du steigst aus und erneut bist du ein anderer. Oder Teil eines anderen. Die Stadt lebt vom Zerfall. Täglich, stündlich, im Takt der Minuten und Sekundenbruchteile zerfällt etwas in ihr, ein Teil des Systems, ein System aus Systemen: soundsoviele Gelegenheiten, auf die Spezialisten der Ersthilfe, Dienstleister, Produzenten nur gewartet haben (eine blumige Vokabel, denn sie warten ja nicht, sie sind, werden sie gebraucht, pünktlich zur Stelle. Überpünktlich, genauer betrachtet, also nicht im Takt des Geschehens, sondern ihm eine Winzigkeit voraus).
Auch die Wenigen sind viele.

Unreal City
5

Die Ruhrstadt, aus Schutt erbaut (dem eigenen) – das versteht sich leicht, aber es bleibt ein Rest. Welcher Rest? Hat man die Schreie verbaut, das stumme Entsetzen, die namenlose Qual? Wie verbaut man Qual? Man schafft neue, sagt das Gefühl. Was ist das für ein Gefühl? Das Neue, sagt das Gefühl, ist das Entsetzliche. So entsetzlich, sagt das Gefühl, ist es nun auch wieder nicht. Ehrlich gesagt, es ist komfortabler, als es das Alte je war. Welches Gefühl? Dasselbe? Ein anderes? Woher kommt es, das andere? Aus Erschöpfung? Aus wiedergefundener Kraft? Aus der ›Retorte‹ (ein Wort, viel gehört, heute ›veraltet‹)? Der Mensch, der lebt, arbeitet, ›verdient‹, heiratet, Kinder kriegt, zum Arzt geht und in den Urlaub fährt: ›Retortenmensch‹. Auch das: ein Gefühl. Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Leben, das ›weitergeht‹. Der Überlegenheit auch: ja, man kann sich dem Leben überlegen fühlen, wenn man erlebt hat, was für niemandes Erleben bestimmt war. Wie fühlt sich das ›an‹? Anders, vermutlich. Wer es nicht erlebt hat, dem bleibt bloß das Schweigen. Nur Toren ›stellen sich vor‹.

Unreal City
6

Rätselhafte Reden für den, der danach kommt. Der die Erfahrung des Überlebens nicht teilt. Der aus der Retorte kommt: Woher denn sonst? Verachtet von denen, die des Mysteriums teilhaftig wurden – Säuglinge und Dreijährige inbegriffen. Nein, nicht verachtet – ignoriert, beiseitegeschoben, beneidet (auch beneidet, ja, übergangslos). Worum beneidet? Ums ›heile Leben‹? Woher das? Aus der ›Retorte‹? Der beiseitegeschobene Mensch ist der allzu wirkliche: die Unwirklichkeit überwiegt. Er ist ›erschienen‹. Ich du er sie es sind erschienen (vermutlich, als es an der Zeit war). Und sie erschienen in großer Zahl. Heiler des Unheilbaren, Retter des Unrettbaren, Bedeutungslose. Als sei dieses Wort eigens für sie erfunden: unwissende Wiedergänger derer, die untergingen, ahnungslos einem Tod entstiegen, dessen Erfahrung sie nicht teilten, gemeint/nicht gemeint, er- und verwünscht in einem, in einem fort.

Viele davon sind weggezogen, andere sind gekommen.

Unreal City
7

Diese Stadt, die es, im Vertrauen gesagt, niemals gab, hat ihren Untergang hinter sich. Widersinnig zu sagen, sie habe ihn überlebt. Menschen haben ihn überlebt. Die Verlorenen, die Verbrannten, die Erstickten, die Erschlagenen, sie haben nicht überlebt. Warum wurden ihre Namen nicht überliefert? Warum wurden keine Tafeln aufgestellt, auf denen ihre Namen verzeichnet sind: »Seht her, diese wurden geopfert«? Die sie der Vernichtung preisgaben, haben überlebt oder nicht, haben getan, was sie taten, aber diese wurden vernichtet. Was immer sie taten, nicht taten, verabscheuten oder begehrten, sie wurden vernichtet. Die Klassengesellschaft der Toten macht auch vor der Vernichtung nicht halt. Sie macht nirgends halt. Die teuren Toten überdecken die wertlosen.

(Wage nicht, etwas an ihre Stelle zu setzen. Es wird nicht gelingen. Sie haben versucht, was sie konnten, aber es gelang nicht. Die Lebenden werden der Toten nicht Herr.)

Unreal City
7

Vieles in dieser Stadt ist neu. Aber das Entscheidende ist ›rekonstruiert‹. Was heißt das? Etwas sollte ›wieder‹ so sein, wie es war. Aber nein: nie wieder wird es so sein, wie es war. Und das ist gut so. Alles andere wäre Lüge. Wie also sonst? Es sollte, wie anders, so aussehen: Erinnerungen wecken an das, was war, ohne sie einzulösen. Die perfekte Rekonstruktion – gerade sie wäre ›falsch‹. Die weniger perfekte kommt der Sache schon näher. Urbild und Abbild: Sie reden miteinander wie Mutter und Tochter. Wird eines übergriffig, kommt das Gespräch zum Erliegen. Das Neue bildet das Alte ab. Das Alte? Ein Altes, das klingt genauer. Ist es das auch? Etwas war, etwas steht an seiner Stelle. Es soll ›ersetzen‹. Wem? Wer sich erinnert, verirrt sich im Neuen. Oder im Alten. Ein Labyrinth, was sonst. Wem die Erinnerung fehlt, dem ist das Alte so unbekannt wie das Neue vertraut. Vernichtung ist sichtbar für den, der weiß. Wer die Spuren liest, dem kommen die Toten nahe. Dies hier war ihre Stadt. Die Vernichtung hat sie fixiert. Als was? Keine Phantasie reicht aus, ihr Bild zu entwerfen. Fürs Erinnern ist sie zu groß. Keiner hat diese Toten gekannt, es sind ihrer zu viele. Zu groß, zu viel, zu entfernt –

Im Rechenzentrum
1

Du nimmst Platz an einem der in Reihe stehenden Bildschirm-Terminals, du gibst eine Folge von Zeichen ein, die du nicht verstehst, aber geduldig den Instruk­tionen des dir lächelnd zur Hand gehenden Mitarbeiters entnimmst. Schwarz ist die Grundfarbe des Bildschirms, grün die Pixelgestalt des Sprache gewordenen Gedankens, wobei das, was hier Sprache genannt wird, mehr dem Bereich der Logik angehört als den Formen intuitiver Verstän­digung, die, aller Methodik zum Trotz, in deiner Disziplin vorherrschen.
Die Welt ist nicht dabei – jemand hat vergessen, sie hinzu­zu­schalten, aber das geht schon in Ordnung –, wenn auf dem Monitor, nach einigen Fehlversuchen, der Schriftzug »Wie geht’s?« erscheint, mit dem sich nicht etwa Big Brother oder sein einstweiliger Stellvertreter hinieden, der Zentralrechner der Pyramide, nach deinem Befinden erkundigt, sondern ein Kollege von einer meerumschlungenen Insel im Chinesischen Meer, die einst, in der harten Sprache der Eroberer, ›Formosa‹ hieß – die Wohl­geformte. Soeben hast du deine erste aus Sprachzeichen geformte Botschaft jenseits der verbrieften Verstän­digungs­wege empfangen ... nur so ... als habe dir jemand über zigtau­sende von Kilometern einen flüchtig beschrifteten Zettel in die Hand gedrückt, schon beeilst du dich, deinerseits eine wohlgeformte Kritzelei auf die Reise zu schicken, bevor die Verbindung abreißt. Tatsächlich: zwei Minuten später stolziert die Antwort über den Bildschirm, überwältigend in ihrer strahlenden Harmlosigkeit, als hättest du ein Leben lang auf sie gewartet: »Glück­wunsch!«
Glück­wunsch? Wozu? Dazu, dass sie wirklich, ›in der Tat‹ vor dir erscheint? Ein Glückwunsch, der sein Eintreffen kommentiert und damit als Ereignis zum Ereignis macht? Es könnte auch »Oho« da stehen oder »Aha« oder »Soso«, der Effekt – und damit die Botschaft – wäre in jedem Fall derselbe. Wer beglückt hier wen und wer legt seinen Glückwunsch daneben?

Im Rechenzentrum
2

Hattest du jemals das Empfinden, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein? Ja, es gab diese Einstimmung, nicht sehr lange, aber es gab sie. Damals wirkte sie geliehen, nein, wie die Kostprobe von etwas, das noch bevorstand, wie etwas, auf das du noch einmal zurückkommen müsstest (ein angeschlagener Ton, auf den du erst im Verklingen aufmerksam wurdest). Bist du darauf zurückgekommen? Nein. Natürlich nicht, der Ton, im Gedächtnis verflacht, ist geblieben, aber die Lockung verschwand daraus, ohne dass du sagen könntest, wann das geschah. Die Pyramide, dieser Ort äußerster Abwesenheit, hat sie aufgesogen, ohne seine Leere mit ihr zu füllen. Hättest du gestern in einem Fragebogen ankreuzen müssen, an welchem Ort du dich befindest, du hättest an den Rand gekritzelt: nirgendwo.

Im Rechenzentrum
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Das war gestern. Heute, die Pixelschrift vor dem abgeschatteten Auge, liest es sich anders: ›Gehe hin und folge mir nach!‹ Wohin? Das wird sich zeigen. Auf der Stelle sichtbar ist der Genius loci, die Überzeugung, dich in diesem Menschheits-Augenblick am richtigen Ort zu befinden – nicht gerade im Auge des Hurricans, wenn damit die Werkstätten der techno­logischen Avantgarde gemeint sind, aber an jenem maximal offenen Ort, der ›hungert und dürstet nach Gerechtigkeit‹, der ›wie kein anderer‹ darauf wartet, seine ›Sendung‹ ›eingeschrieben‹ zu bekommen oder wie das etwas klebrige Vokabular in solchen Fällen lautet. Mit allen Fasern deines wohl­tempe­rierten Körpers spürst du, dass die unter der gläsernen Außenhaut den Blicken der Allgemeinheit entzogenen, äußerst alltags­wirksamen Mauern der Pyramide, die eine Forscher­wabe von der nächsten und alle zusammen von der Welt dort draußen abscheiden, nicht etwa ins Wanken geraten, um laut polternd zusam­men­zu­stürzen, sondern sich leise und sanft ins Diffuse auflösen, um in diesem Zwischenzustand auf unbestimmte Zeit zu verharren.

Assistent Kärich, neugierig geworden, besucht die Pyramide

Schießen wir die Deutschen ins All
1

KÄRICH

Jaa, ein kehliges Jaaaaaaaaaah –

Dafür sollte man jederzeit geradestehen, nicht mehr, nicht weniger. Ich hätte nicht an diese Auferstehung geglaubt. Die Welt sieht anders aus, wenn man sie dreht, dazu gehört nur wenig, aber das hier – unbedingt.

Wir leisten uns eine Elite-Debatte, die davon lebt, dass alle dagegen sind, obwohl alle dafür sind – naja fast –, und dann das hier. Amenophis vier an der Ruhr. Ich krieg’ mich nicht mehr ein. An der Ruhr? Gestorben? Unbedingt. Und jetzt: Auferstehung, Himmelfahrt, Epiphanie. Alles was recht ist. Wer hat eigentlich die Teppiche ausgesucht, geht das auch aufs Budget? Da dringt nichts durch. Erstickt mit links, wie geht das? Nun, lassen wir das. Ich möchte... Ich möchte... Nein, eigentlich möchte ich nicht. Es reicht, wenn wir in Kontakt bleiben. Du musst mir berichten. Berichten, verstehst du? Be-rich-ten. Nichts, was hier geschieht, darf dem Auge der Öffentlichkeit entgehen. Sie hat das Recht und die Macht und die Wachsamkeit.

Das ist Hierarschie, der Kalauer muss erlaubt sein.

Schießen wir die Deutschen ins All
2

KÄRICH

Wenn du einen Aufbruch verpasst, musst du wissen, was du tust. Wolltest du ihn verpassen? Warst du saumselig, innerlich nicht bereit, unent­schlossen, taub? Hast du nicht erkannt, worum es sich handelt? Oder, anders gefragt: Hast du erkannt, worum es sich handelt? Da liegt schon ein Unterschied, aber nicht von außen. Auch nicht von innen, das wäre zu einfach. Innen ist nichts. Um zu erkennen, musst du teilhaben. Das ist schwerer gesagt als getan, denn ohne Teilhabe geschieht nichts. Deine Nicht-Teilhabe war Teilhabe, aber mit Vorbehalt. Deshalb die Zitate, die ein schiefes Licht auf deine Sache werfen. Kleine Hinrichtungen dritter Klasse. ›Wie war ich weich, wo ich hätte hart sein müssen? Wie hätte ich hart sein können, da ich das Harte so stark empfand? Da ich doch vor ihm zurückschreckte?‹ Das sind so Fragen, die niemand stellt. ›Nein, ich war nicht affiziert. Ja, ich war nicht unaffiziert. Nein, ich habe nicht mitgemacht. Janein, ich hätte nicht mitmachen können. Da war immer diese Distanz.‹ Wie kann man wahrnehmen, wo nichts wahr ist? Gib zu, da liegt ein Problem. Mit einem Haufen Lügen wäre man fertig geworden. Aber die da: waren so überzeugt.

Schießen wir die Deutschen ins All
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KÄRICH

Neinnein, ich möchte dich damit nicht in die Ecke drängen, bitte versteh mich nicht falsch. Ich bin nicht leutselig, ich habe Migräne. Einen Anflug, ein bisschen. Ich überkompensiere. Du übrigens auch. Sag mal, redet ihr hier auch miteinander? Oder sind das alles Grabkammern, eine brav neben der anderen, jede mit eigenem Anschluss ans Nichts? Schau an. Ich persönlich würde das Nichtreden vorziehen, aber es fällt schwer. Was sind das für Leute, die schweigend ihr Amt verrichten? Kennst du welche? Ich kenne keine. Das Schweigen ist eine Anmaßung. Fragt sich nur, wem gegenüber. Ich rede hier nicht vom weisen Danischmend. Nein, hör mir genau zu: das Schweigen, das ich meine, ist eine welthistorische Neuheit, Substanzverschwendung, ein wenig Davor, ein wenig Danach, kaum Dazwischen, zu wenig dazwischen, aber das zu sagen wäre bereits Wertung, also Bruch des Schweigens, verpasste Lücke. Eine schöne Lücke haben sie uns verpasst, jeden an seinen Platz, wir werden schon nichts verpassen. Hollow men, gut gesehen. Schon eine Weile her, ein Blitzmerker, das verdirbt nicht so schnell. Nein, du und ich, wir verpassen nichts. Nicht diesen Zug. Nicht diesen.

Ein Zug für alle! Bravo.

Schießen wir die Deutschen ins All
4

KÄRICH

Die Geschichte? Hat man verpasst bekommen, gleichgültig wie, verpasst forever. Mit dieser Geschichte brauchst du niemandem kommen.

 

 

Kommen? Wohin? Worin?

Ratlos im Morgengrauen

Ratlos im Morgengrauen

All my friends went away

Alle meine Freunde sind gegangen

Der Schrei weckt die Glieder

Der Schrei weckt die Glieder

Langsam füllt sich die Ruine

Langsam füllt sich die Ruine

Was ich nicht weiß, macht dich nicht heiß

Spiegeltierchen

Kleiner Moskito, sause dahin

Kleiner Moskito, sause dahin

Ein Gang in der Morgensonne schafft Rätsel

Ein Gang in der Morgensonne schafft Rätsel

Manche lösen sich bald

Manche lösen sich bald

Beflissen, sagten Sie?

Beflissen, sagten Sie?

Ich sage nichts

Ich sage nichts

Unvergessen: der Langweiler. Welch ein Talent!

Unvergessen: der Langweiler. Welch ein Talent!

Mir scheint, Sie begreifen nicht, was Sie da sagen

Mir scheint, Sie begreifen nicht, was Sie da sagen

Das ist ein Trick!

Das ist ein Trick!

Abbürsten, sagte ich, abbürsten!

Abbürsten, sagte ich, abbürsten!

Wenn mein linkes Teilchen und dein rechtes Teilchen

Wenn mein linkes Teilchen und dein rechtes Teilchen

Ihn laust der Affe

Kurtzweil laust der Affe

Magnetamin. Schon gehört?

Magnetamin. Schon gehört?

Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs Die Tragik des Betriebs

Die Tragik des Betriebs

Tronka bringt sich ein

Geltung ist eine Katze

Erste Heimsuchung
1

Tronka, ein Negativ-Meister: Man holt ihn, man schließt ihn aus. Alle Wege, wie immer gebahnt: ihm sind sie verschlossen, selbst wenn er sie geht. Auf verbotenen Pfaden wandeln: Das wäre einfach. Zu einfach für einen Tronka. Nichts von dem, was er sagt, schreibt, tut, ist unerlaubt. Streng genommen, gibt es nichts Unerlaubtes. Ein Tronka findet sich immer: auch das ist erlaubt, vielleicht sogar geboten. Er sagt, schreibt, tut nichts, was nicht auch andere sagen, schreiben und tun – sanktionsfrei. Lass ihn ein Gutachten schreiben und sein Kollege findet es skandalös. Lass ihn einen Vortrag halten und die Kollegen nennen ihn unerträglich. Unlesbar seine Bücher – warum? Sie sind dick – wie die der Kollegen. Sie sind schwer geschrieben – wie die der Kollegen. Sie sind genau – Präzision ist die Tugend der Wissenschaftler, attestiere sie ihnen und du treibst ihnen Tränen der Rührung in die Augen. Nicht so im Falle Tronka: Wer will das lesen? Niemand. Sein neuer Aufsatz? Eine Zumutung. Wer hat Tronka geholt? Schweigen.

BIOGRAPHISCHE NOTIZ

 

T = Tronka. Der Versager. Konstruiert R T als Versager? Schwer zu beurteilen. Im Grunde geht er ihm aus dem Weg. Vielleicht kennzeichnet das beider Umgang: sie gehen einander aus dem Weg. Erst aus der Distanz wird Tronka für R wertvoll. An ihm buchstabiert er Gesellschaft. Tronka, ein Versager in beiderlei Bedeutung: er ›bringt’s nicht‹ und er will es nicht ›bringen‹. Er ist Abstinenzler. Wenn die Gesellschaft in ihm nistet, dann, weil es ihr gleichgültig ist, wie einer mit ihr zurechtkommt. Sie ist schon da wie der Igel im Märchen. Entspricht das meinem Tronka-Bild? Mehr und mehr. Es fehlt die Faszination. Es fehlt die erste Begegnung. Damals krempelte Tronka mich um: Er machte mich scharf. Plötzlich wollte ich ›wissen‹. Wie gerät T in Rs Blickfeld? Man erfährt nichts darüber. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Einer wie R setzt einen wie T voraus. Man könnte versucht sein zu behaupten: Er setzt ihn aus sich heraus. Er weiß schon Bescheid, komme, wer – und was – da mag.

Erste Heimsuchung
2

Die Tragik des Betriebs äußert sich darin, dass die Hand, die dich ergreift, ins Leere weist. »Gerettet!«, möchtest du rufen, doch der Ton erstirbt in der Kehle. »Kein Wort«, flüstert die Stimme am Ohr, du kannst nicht unterscheiden, kommt sie aus Freund- oder Feindesmund: »Kein Wort!« Unter den Regeln, die du noch lernen musst, ist diese, obgleich schwer zu begreifen, die leichteste. Sie befolgt sich ganz von allein. Was ist das für eine Regel? Ist es überhaupt eine Regel? Keiner hat sie verfügt, keiner ist da, der sie lehrt, keiner muss sie erst lernen. Sie existiert und sie wird befolgt. »Kein Wort!« Die Geretteten – kein Zweifel, sie sind Gerettete! – wünschen nicht, dass der Sachverhalt ruchbar wird. Sie könnten ihn »so nicht nachvollziehen«. In ihren Kreisen lebt, wer etwas gilt, nach Verdienst. Viel lebt, wer viel gilt. Richtig ist auch: Wer viel lebt, der gilt viel. Auch hier gilt: das Einfache ist schwer zu fassen. Denn nicht jede Art Leben gilt. Oder nicht jede Art, jede Art zu leben. Die Kunst, sich anzuschließen, sich abzuschotten: sie macht den Meister. Ein-Aus, Ein-Aus, klick-klack, klick-klack: so wächst das Verdienst.

Erste Heimsuchung
3

Wenn du ein Projekt hast, so musst du klug sein. Fanatismus ist nicht gefragt, er ist geboten. Tronka zum Beispiel – er ist ein Fanatiker, daran lässt sich nicht zweifeln – bekundet seinen Fanatismus durch Leugnung: »Vergessen Sie’s!« Tronka, der Plauderer, vernichtet Tronka, den Schreiber, im Handumdrehen. »Ach, Sie lesen mich? Welche Zeitverschwendung! Wenn Sie meinen... Lassen Sie’s einfach.« Tronka ist offen, weit offen, doch keiner nimmt es ihm ab, denn diese Offenheit ist ... nicht bemüht, sie ist eine Form der Verachtung, eine Unterart, vielleicht eine Un-art, eine 360-Grad-Hochachtung, die niemanden über die Schwelle lässt, gewürzt mit Sarkasmen. Das Allerheiligste bleibt zu. Warum? Aus Bescheidenheit? Ein Tronka ist nicht bescheiden. Aus Resignation? Ein Tronka resigniert nicht. Aus Keuschheit? Das wäre unverzeihlich.

Erste Heimsuchung
4

Sei nicht gewieft, sei gerecht. Wie wird man gerecht? Nun, man wird es nicht. Entweder man ist gerecht oder man ist es nicht. Bist du gerecht? Ganz recht, du kannst es nicht wissen. Du müsstest jemanden fragen, aber wer soll das wissen? Nur du kannst die Frage beantworten. Nur du bist dir ... ein offenes Buch. Was ist ein offenes Buch? Zwei zufällig aufgeschlagene Seiten, lümmelnd auf anderen, deren Inhalt du nur ahnst, selbst wenn du sie einmal gelesen hast. Nein, du bist kein offenes Buch, auch kein geschlossenes, in puncto Gerechtigkeit bist du ein Neuling. Ganz recht, ein Neuling. Wo alles neu zu sein hat, kannst du nicht zurückstehen. Dem Neuen, das, recht besehen, noch nicht ganz da ist, gerecht zu werden, wie geht das? Sich hineinfinden in etwas, das sich erst einfinden muss, ist schwer genug. Wie findet man heraus?

Finde heraus.

Philosoph Leckebusch äußert einen bedeutenden Gedanken

Bestimmtsein ist alles

Philosoph Leckebusch äußert einen bedeutenden Gedanken
1

Kultur, so lehrt es Philosoph Leckebusch, ist alles, was sich der Erziehung des inneren Menschen verdankt...

... sofern
... das Erziehungsziel Selbstbestimmung heißt:
  • keine Kultur also ohne Selbstbestimmung des Subjekts, die sich im Einzelnen als Prinzipienfestigkeit und Fähigkeit zu unabhängigem Urteilen und Handeln zu erkennen gibt. Eine ›manipulierte‹, außen­gesteuerte, in Lenkungs­begriffen denkende Menge von Indivi­duen bildet keine Kultur und das, was sie für Kulturbesitz hält, ist Schall und Rauch. Daran ändert sich auch nichts, wenn es Museen füllt und in Gestalt subventionierter Hüpfburgen die Kulturetats von Ländern und Kommunen mit Ausgaben belastet, die diese aus Gründen der Kosten­dämpfung lieber heute als morgen auf private Investoren überwälzen würden, hielte sie nicht ein kontinuierlich schrumpfendes Bewusstsein des Ungehörigen vorläufig davon ab.
BIOGRAPHISCHE NOTIZ

 

Leckebusch gehört zum Gründungsrat der Pyramide. Sein Wort besitzt Gewicht. Welches Gewicht, das bleibt schwer zu erraten: die akademische Maske deckt das Kichern ebenso wie die pompöse Gesinnung. Seine schneidende Kathederstimme durchhallt das neueste Gutachten über das Forschungsprofil der Hochschule ebenso wie seine Bücher und Aufsätze zur Geschichte der philosophisch-politischen Begriffe, die herumgereicht werden, als enthielten sie das Hexen-Einmaleins der akademischen Zeit­genossen­schaft. Sie kommt aus einer Zwischenlage der Seele, eine Press-Stimme, die auf hohen Innendruck deutet. Leckebusch, der geborene Normierer, wird weich, sobald ihn seine Begriffe im Stich lassen: ein Stichwortgeber, vergleichbar einem Mann im Bus, der Halteschlaufen an seine schwankende Umgebung austeilt, als ließe sich damit ihr Stabilitätsproblem lösen.

Philosoph Leckebusch äußert einen bedeutenden Gedanken
2

Leckebusch: ein spärlicher Museumsgänger. Den musealen Kulturbegriff lehnt er ab. Dann und wann bewegt ihn Gattin Elisabeth zu einem Theater­besuch. Das endet in mildem Kopf­schütteln über die sach­fremden Einfälle von Theater-Regisseuren. Offenbar besteht deren Haupt­tätigkeit darin, die Gedanken der Klassiker so lange zu verdrehen, bis aus ihnen die Milch der frommen Denkungsart tropft, als deren historisch-kritischer Revisor er sich auf dem Katheder begreift. Recht so: auf ihre Weise treiben die Gurus des Kulturbetriebs ihm die Hörer zu. Allerdings ist das Gefühl der Hilflosigkeit, das ihn in den Bastionen ihrer Macht überfällt, durch solche Zweckerwägungen kaum zu bannen. Vor allem, wenn ein scheuer Seitenblick auf das glänzende Gesicht seiner Frau ihm jeden Zweifel darüber nimmt, welcher Seite ihre Bewunderung gilt.

Philosoph Leckebusch äußert einen bedeutenden Gedanken
3

Was wäre ein Leckebusch, wenn... Die Frage kann präzisiert werden: Was wäre ein Leckebusch ohne Verlag und Katheder? Ein anderer Mensch? Ein zutiefst selbstbestimmter...? Vielleicht könnte seine Frau darüber Auskunft geben, aber in diesem Fall –. Ein gehobener Verwaltungsbeamter, den man gezwungen hat, Stellung in Fragen zu beziehen, in die er sich erst hätte einarbeiten müssen, und der gelernt hat, sich seiner Haut zu wehren. Vielleicht zu sehr. Er hat gelernt, in die Offensive zu gehen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Auch die Gelegenheit hat gelernt: Sie bietet sich an, wann immer ihr der launische Sinn danach steht. Leckebusch zieht Aggressionen von Leuten an, die noch gar nicht wussten, dass sie sie hegen. Er zieht sie sich an: darin besteht seine Pointe. Ein Abwehrreflex, auf Angriff gepolt.

Leckebusch wird selten ›verletzend‹. Dennoch hört man, wenn er auftritt, das Wort ›Verletzung‹ stets mit: leise, verwischt, durchdringend, als habe etwas Unscheinbares die Dimension gewechselt und stehe nun riesig im Raum.

Philosoph Leckebusch äußert einen bedeutenden Gedanken
4

Lmbw

 

(Leckebusch muss beobachtet werden.)

Aufbruch im Morgengrauen
1

Du lebst hier, du lebst da.

Wo lebst du wirklich?
In der Ferne vermutlich.

Dieser Ort geht in die Ferne.
Also ist er der Ort, an dem du lebst.
Kannst du hier leben?
Darüber zu befinden steht dir nicht zu.
Warum nicht?

Vermutlich: weil leben und leben-können dasselbe meint, aber auf unterschiedliche Weise.

 

Zwei umeinander gewickelte Drähte, die nirgends eins werden.

Aufbruch im Morgengrauen
2

Käme er heute, der Versucher, und zeigte dir, in der obersten Kammer der Pyramide beiläufig neben dich tretend, die Reiche dieser Welt und ihre Herrlichkeit – einen Sitz im Bundestag, ein hohes Regierungsamt, die Leitung eines Konzerns, die Führung eines Waschsalons –, du würdest, ohne einen Blick neben dich zu werfen, die bekannten Worte murmeln: Weiche, Satan! Wenn er aber nicht wiche und dich als ständiger Begleiter schikanierte: Würdest du irgendwann schwach? Würdest du nicht irgendwann schwach?

Aber: Seit wann wäre das eine Frage von Stärke oder Schwäche?
Seit Anbeginn?
Wessen Anbeginn?

Nein, es ist nicht die Fresse des Arrivierten, die dich verfolgt, es ist nicht das Ressentiment, das dich beseelt, es ist nicht die Seele des Zu-kurz-Gekommenen, die in dir zuckt (das wäre auch seltsam angesichts der Fügung, die dich hergeführt hat). Eher das Bewusstsein einer Aufgabe, die von dir Besitz ergriffen hat, ohne sich zu zeigen (oder nur scheibchenweise, so weit es nötig zu sein scheint).

Aufbruch im Morgengrauen
3

Eine Aufgabe, die sich nicht zeigt, was ist das? Etwas im Gefühl?
Zweifellos.

Aber was ist das für ein Gefühl? Du willst ›etwas schaffen‹: Ist es das? Willst du das? Was hat dein Wille damit zu schaffen? Nicht viel, wie es scheint. Dein Wille kommt und geht, er gibt sich den oder jenen Inhalt: Die Aufgabe bleibt.
Sie ist dir aufgegeben.

Aufbruch im Morgengrauen
4

Was ist dir aufgegeben? Es: das Nichtige, der Spalt, die Lücke, die niemand sieht, der verschlossene, dem mimetischen Bedürfnis unzu­gängliche Ort. Wie könnte er anders erreichbar sein als dadurch, dass er dich ihm anverwandelt? Es geht nicht anders, also: Nur zu! An dieser Mauer des Schweigens willst du hinleben? In der Hoffnung auf Verwandlung? Was, wenn sie ausbleibt? Wenn statt ihrer eine andere eintritt? Eine ins Hässliche, Gierige, Besserwisserische, Enttäuschte? Wenn du an Türen schlägst, die dir heute offenstehen und sich irgendwann schließen werden? Wenn dich das Leben belehrt? Oder der nahende Tod? Wenn alles fadenscheinig wird, was du gelebt, gedacht, gewollt hast? Wenn du begreifst, dass du dich getäuscht hast?
Wo ist dann ›die Lücke, die niemand sieht‹?

Aufbruch im Morgengrauen
5

Aber sollte dies alles eintreffen (es ist ja nicht zu verhindern), was wäre dann widerlegt? Nichts offenbar. Demnach geht es nicht um Wider­legung, nicht um Pro und Contra, sondern ... um Sonderung. Was für dich bestimmt ist, darin bist du eigen. Du kannst auch sagen: darin bist du bestimmt. In allen sonstigen Verhältnissen bleibst du unbestimmt: taxiert, aber nicht bestimmt. Gebraucht, aber nicht vonnöten. Wo immer du dich zum Einsatz drängst, um einen anderen zu verdrängen, gilt: Ein Besserer findet sich allemal.

Du kannst das Aufgegebene wegdrücken, du kannst es zulassen und ihm eine Fläche bereiten, auf der es sich ausbreiten darf, eine freie Fläche, mitten im Leben, in deinem Leben, das davon keinen Schaden nehmen wird. Oder doch? Worin sollte der Schaden bestehen? In einem Mangel an Sozia­bilität? Das wäre allerdings ein Vergehen. An wem? An deinen Mit­menschen? Deine Mitmenschen kennen die Aufgabe nicht, die dir in den Weg gelegt wurde. Sie kennen sie nicht und sie kümmert sie nicht. Sie kennen dich nicht und du kümmerst sie nicht. Oder vielmehr: ihre Anteil­nahme ist durchaus eigensüchtig.

Aufbruch im Morgengrauen
6

Wenn das, was dich bewegt zu sein, der du bist, unsichtbar ist, wenn dein Handeln, soweit davon bestimmt, unverständlich bleibt (so unver­ständlich, dass sie es sich erst einmal zurecht­legen müssen), dann wird der Teil von dir, der dir der wichtigste ist – denn natürlich wird hier gewichtet –, ebenfalls unsichtbar sein. Was sie sehen, wird sie nicht beun­ruhigen: es ist nichts Besonderes.

Also – denn darauf läuft es hinaus –: willst du als nichts Besonderes durchs Leben kommen? Warum nicht? Wärest du denn etwas Beson­deres? Willst du das Besondere, das vielleicht an dir ist (du weißt es nicht, du kannst in die Anderen nicht hineinschauen), gegen den leeren Anspruch auf Besonderheit aufgeben? Wäre es das, was du willst? Ansprüche machen? Wenn nicht, wovor fürchtest du dich? Was du fürchtest, sind Zurechtlegungen: Inter­pre­tationen. Setze deine dagegen.

Das wäre doch: eine Aufgabe.

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
1

Die Studenten strömen, stromern, fluten die Pyramide, Raum für Raum, erobern Schreibtisch um Schreibtisch, stapeln sich in den Ablagen, besetzen Telefone, füllen Zirkularmappen, lindgrün, mit einem Schuss Altrosa darin, machen sich flach. Die Aula, das architektonische Prunkstück, direkt unter den bleiernen Himmel gesetzt, die Spitze des Machwerks, seine Parodie, der große Hör-Raum, bleibt leer. Mag sein, die Massen haben sie noch nicht entdeckt, mag sein, sie arbeiten sich erst empor, Stockwerk um Stockwerk, langsam, bis ganz nach oben, das macht Sinn, wie die Leere auch.
Wie die Leere auch.
Warum das betonen?
Weil sie zuerst da ist, hier, überall, wo in großem Stil gebaut wird. Gleich dem Schlachtfeld ist die moderne Baustelle leer. Das Auge, ratlos, erkennt keinen sinnhaften Bezug zwischen der Handvoll Bauarbeiter und dem Gelände, in dem sie auf verlorene Weise selbstsicher umhergehen. Was daran wäre bemer­kenswert? Das moderne Wissen gleicht einer ewigen Baustelle, einem mit heroischem Aufwand geschaffenen und mit Betrug, Hinterlist, Unvermögen und Ausbeutung sich selbst erhaltenden Zustand befriedeter Unruhe, in dem der persönliche Ehrgeiz der Fachvertreter nur mühsam durch gedankliche Fügsamkeit gebändigt erscheint: Wer Konformismus in Reinkultur erleben möchte, der nehme sich den Stand der Forschung zur Brust.
Das Übergewicht der Lehre garantiert die Festigkeit des Wissens, eine Repräsentation wie andere auch, verlässlich wie die Erscheinung der Sonne im Zenith. Was aufgeht, muss auch wieder untergehen. Aber in seinem Aufgang wirkt es unwiderstehlich und auf dem Höhepunkt des Erfolgs erntet es beiläufig den Ewig­keits­wert, der es gleichgültig macht wie den Jüngsten Tag. Wir haben gelernt, so steht es in unseren Publikationen, der lange, mühsame Weg des Lehrens hat es uns gelehrt, hinter unserem Rücken, links an der Nase vorbei, bei abgeblendetem Bewusstsein, im Staub der Projekte, den wir abschütteln, sobald sich ein Augenpaar auf uns richtet, das nach Belehrung dürstet. Zehn Augenpaare sind mehr als eines, hundert Augenpaare mehr als zehn, tausend Augenpaare mehr als hundert: so potenziert sich Lehre im Auge des Betrachters.
Ohne Studenten keine Lehre, ohne Lehre keine Festigkeit, ohne Festigkeit keine Substanz, ohne Substanz keine Funktion, ohne Funktion kein Wissen, ohne Wissen keine Wissenschaft, ohne Wissenschaft keine Community, ohne Community keine Lobby, ohne Lobby kein Auskommen, ohne Auskommen kein Fortschritt, ohne Fortschritt keine Wissenschaft, ohne Wissenschaft keine Lehre, ohne Lehre keine Repräsentation, ohne Repräsentation keine Pyramide, ohne Pyramide kein Hier und Jetzt, kein Rhodus, kein salta: Man bringe dir einen Studenten und du, du hebst... hebst...

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
2

Die Kandidatin behält ihre Hand am Rock. Ein Zeichen von Initiative, das wohl überlegt sein will, da es die Gefahr des Misserfolgs einschließt, in gewisser Weise symbolisiert, aber doch auch die Furchtlosigkeit, ihm mit allen Mitteln, selbst unlauteren, gegenüberzutreten. Andererseits liegt die Unlauterkeit, was immer geschehen mag, im Auge des Betrachters, also im Transport: der Eindruck, auf Täuschung angelegt, kann täuschen, täuscht, so oder so. Befinden hin, Befindlichkeit her, Nervosität greift nach jedem Strohhalm, teils, um daraus zu trinken, teils, um ihn zu zerkauen. Techni­ken, sich darzubieten, gibt es zuhauf, angemessen ist keine. Keinerlei Sitte markiert die Grenze des Erlaubten, hinter der die Anmache beginnt: derb wie das Wort oder subtil wie die Halbnacht der Begriffe, in deren Mitte der Prüfer lauert, die Spinne im Netz. Allenfalls gibt sie sich selbst, nach dem Wort des seligen Kant, die Regel. Das Verschieben des Rocksaums, zum Beispiel in Phasen der Not, fällt unter die Rubrik ›archaische Gesten‹: von jedem deutenden Urteil freigestellt, vergleichbar Überresten früherer Sakralbauten, auf denen schwatzende Schüler ihr Frühstücksbrot verzeh­ren. Es handelt sich demnach um ein Stück bedeutungsloser Kultur, wie sie uns Proust überliefert hat, als Kenner der Anderen und ihrer der Ahnungslosigkeit verpflichteten Abgründe.

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
3

PRÜFER:
Fangen wir an. Bitte verraten Sie mir: Wie hängen Schriftkultur und sozialer Wandel zusammen?

KANDIDAT
Also ... ich würde sagen ... das geschieht im achtzehnten Jahrhundert. Damals beginnt in Europa die Schriftkultur.

PRÜFER
Wurde vorher nicht geschrieben?

KANDIDAT
Doch, schon. Aber man hat sich etwas anderes dabei gedacht.

PRÜFER
Und das ändert sich jetzt?

KANDIDAT
Das ändert sich jetzt.

PRÜFER
Warum?

KANDIDAT
Sie meinen den Aufstieg des Bürgertums?

PRÜFER
Fahren Sie fort.

 

PRÜFER
Was ist orale Kultur?

KANDIDAT
Die Menschen besprechen ihre Probleme miteinander.

PRÜFER
Und Sie meinen, in der Schriftkultur geschehe das nicht?

KANDIDAT, zögernd
Doch, auch.

PRÜFER
Wo liegt dann der Unterschied?

KANDIDAT
Lassen Sie mich raten
in der Rationalität? Wenn einer etwas schreibt, können alle es lesen. Das gibt dann so eine Art Kontrolle.

PRÜFER
Können denn alle lesen?

KANDIDAT
Nein, dafür gibt es Vorleser.

 

PRÜFER
Ist das nicht oral?

KANDIDAT
In der oralen Kultur gibt es kein Zeitungswesen.

PRÜFER
Woher kommt das Zeitungswesen?

KANDIDAT
Das Bürgertum will seine Investitionen absichern und braucht dafür Infor­mationen.

PRÜFER
Welche Informationen sind da gefragt?

KANDIDAT
Solche, die sich rechnen.

 

PRÜFER
Welche Informationen rechnen sich?

KANDIDAT
Zum Beispiel Krieg.

PRÜFER
Wie meinen Sie das?

KANDIDAT
Wenn das Bürgertum am Krieg verdienen soll, dann benötigt es Infor­mationen.

PRÜFER
Das Zeitungswesen entsteht also, damit das Bürgertum am Krieg verdienen kann?

KANDIDAT
Im Prinzip
ja.

 

PRÜFER
Und worin besteht der soziale Wandel?

KANDIDAT
Vorher haben der Adel und die Kirche die Menschen beherrscht, jetzt beherrscht das Bürgertum den Adel.

PRÜFER
Warum?

KANDIDAT
Weil er verschuldet ist.

 

PRÜFER
Was geschieht mit der Kirche?

KANDIDAT
Der himmlische Kredit nützt dem Adel nichts mehr und das Bürgertum glaubt nur, was ihm passt.

PRÜFER
Und wann passt es dem Bürgertum?

KANDIDAT
Wenn es Profit macht.

PRÜFER
Das glauben wir gern.

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
4

PRÜFER
Wer profitiert von der Schriftkultur am meisten?

KANDIDAT
Das Proletariat.

PRÜFER
Warum?

KANDIDAT
Weil es nicht mehr an Gott glaubt, sondern an die Revolution.

PRÜFER
Das müssen Sie mir erklären.

KANDIDAT
schweigt.

 

PRÜFER
Haben die Menschen vorher nicht gelesen?

KANDIDAT
Doch, einige schon. Aber es gab nicht so viele Bücher. Die Menschen haben immer dasselbe gelesen, zum Beispiel die Bibel. Das ändert sich jetzt und die Menschen lesen alles, was ihnen wichtig ist. Ich glaube, das nennt man die Umstellung vom intensiven zum extensiven Lesen, aber ich bin mir nicht sicher.

 

PRÜFER
Sie sagen, zur Oralität gehört das intensive Lesen. Was ist an der Mündlichkeitskultur mündlich?

KANDIDAT
Also erst einmal die Kommunikation, also der Alltag... Die Menschen reden noch miteinander und besprechen ihre Probleme. Sie können nicht lesen und lassen sich vorlesen, zum Beispiel die Bibel, aber auch Flugblätter und Anschläge. Sie sind von dem abhängig, was man ihnen sagt.

PRÜFER
Kann man sagen, sie müssen auf Treu und Glauben annehmen, was man ihnen sagt?

 

KANDIDAT
Das weiß ich nicht. Sie könnten es auch ablehnen.

PRÜFER
Dann bleiben sie dumm.

KANDIDAT
Solange sie sich nicht selbst informieren können, müssen sie ihren Unterdrückern vertrauen. Am besten ist es, wenn sie im Sinne der Herrschenden dumm bleiben.

PRÜFER
Also totale Fremdbestimmung?

KANDIDAT
Da ist es besser, sie weigern sich zu verstehen.

 

PRÜFER
Wie definieren Sie Schriftkultur?

KANDIDAT
Schriftkultur ist, wenn die Menschen per Schrift miteinander verkehren.

PRÜFER
Warum machen sie das?

KANDIDAT
Weil der Kapitalismus ihnen die Möglichkeit raubt, sich direkt zu verstän­digen.

PRÜFER
Das müssen Sie mir erklären.

KANDIDAT
Also wenn ich an einem Ort A wohne und mache Geschäfte mit einem Partner, der im Ort B wohnt, und ich habe keine Zeit, nach B zu reisen, um mit ihm zu reden, dann muss ich ihm eben schreiben.

PRÜFER
Das ist Kapitalismus?

KANDIDAT
Naja, schon irgendwie, es ist die Realität.

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
5

PRÜFER
Sie behaupten also, es gibt zweierlei Schweigen...

KANDIDAT
Das intendierte und das nicht-intendierte. Ja. Dann gibt es ein Schweigen zweiten Grades für den Fall, dass es nichts zu sagen gibt.

PRÜFER
Wie meinen Sie das?

KANDIDAT
Wo das Wissen endet, beginnt das legitime Schweigen.

PRÜFER
Und wer bestimmt die Schweigegrenze?

KANDIDAT
Das kann ich Ihnen nicht sagen.

PRÜFER
Wenn ich jetzt schwiege, was würden Sie mir antworten?

 

KANDIDAT
Bin ich durchgefallen?

PRÜFER
Das ist die Frage, nicht die Antwort.

KANDIDAT
Ich habe keine Antwort auf diese Frage.

PRÜFER
Und wenn ich jetzt sagen würde
Ich auch nicht?

KANDIDAT, zögernd
Dann wären Sie vermutlich durchgefallen. Aber ich will mich da jetzt nicht festlegen.

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
6

Der Wunsch durchzukommen verdient Respekt, an ihm entscheiden sich Lebensläufe. Allein das verbietet den Gedanken an Ironie. Man muss die Gedanken des Kandidaten nötigen zu erscheinen: darauf kommt es an. Diese hier springen mit einem Satz auf die Bühne und straucheln, jene dort rennen im Kreis, bis Ermüdung sie übermannt, die nächsten (bitte –!) ergießen sich als nicht abreißender Strom verzweifelter Flüchtlinge übers Parterre. Einige mutieren zu fröhlich geschwungenen Fähnchen. Nicht wenige tragen sich selbst zu Grabe, gesenkten Hauptes schlurfen sie hinter sich drein und signalisieren: Es war ein Versuch. War er es wert? In der Verneinung wartet die Bejahung, sie zögert in der Kulisse, bereit hervorzutreten, sobald die Situation sich zum Guten klärt. Fälle gibt es, da verhakt sich der Vorhang. Getuschel, eine Hand, ein Kopf, geschüttelt oder in heller Verzweiflung. Immerhin: ein Kopf. Ein sprechender Kopf ist keine kleine Sache. Tief in seinem Inneren glimmt die Gewissheit, vernommen zu werden. Aber sie dringt nicht durch, die größere Flamme der Vernehmung lässt sie umschlagen und sie flieht seitwärts, wirft ihren Schein in Abgründe, die sich auftun, als hätten sie von Anbeginn her auf diesen Anlass gewartet. Sie schließen sich wieder, sobald die Prüfung vorbei ist, aber die Narbe bleibt. Ein Gezeichneter mehr. Ein Wille, dem kein Weg sich eröffnete, ein Weg ohne Wille, ihn zu beschreiten, ein williger Weg, ein williger Wille, die zueinander nicht finden.

Nach dreißig Minuten: Abbruch, vorbei.

Vibrationen
1

Du betrittst die Pyramide und sie ist: leer. Du verlässt sie und du empfindest eine Leere, die sich entfernt. Zwischen den Polen spürst du die Leere kaum, obwohl es sicher falsch wäre zu behaupten, sie sei nicht vorhanden. Die Pyramide, ihre architektonischen Qualitäten einmal beiseite gesetzt, ist ein großzügig dimensionierter Bau, dessen Zellen, als seien sie die wahren Bewohner, sich nach einem Schlüssel, der dem Besucher verborgen bleibt, teils zusammendrängen, teils in schwer fasslicher Distanz zueinander im Raum verteilen: weiß, gleich und wispernd, in einem ewigen Dämmerlicht siedelnd, aus dem ein Schalter­druck auf Verlangen grelle Lichtkuben schneidet. Du zuckst zusammen, als stündest du jäh am Rand eines Bassins, eine Kommando­stimme riefe dir zu: »Spring!« und du wärest schon gesprungen, doch nur zur Hälfte, während die andere draußen blieb und dir fassungslos und ein wenig aufgebracht nachblickt.

Wie dem auch sei: der Aufenthalt in der Pyramide ist keineswegs zwingend. Kaum eine Tätigkeit lässt sich denken, die du nicht ebenso gut und besser an einem anderen Ort ausführen könntest. Im Grunde reicht ein ruhiges Straßencafé, um den Riesenbau vergessen zu machen.

Vergiss es! Wer so denkt, übersieht die unsichtbare Maschine, die ihn von den Kellern bis in die Spitze hinein erfüllt: Ursache eines leisen, die Empfindung der Leere beiseite drängenden Vibrierens, das jeden Körper befällt, der ihn betritt.

Vibrationen
2

Wie die öffentliche Hand materielle Anreize schafft, um bestimmte Ziele in der Bevölkerung durchzusetzen, so arrangiert die Pyramide, aus beinahe beliebigem Anlass, Zusammenkünfte zwischen ihren Bewohnern. Sie erlegt sie nicht zwingend auf, aber sie legt sie nahe. Warum? Ein Grund könnte in der Befüchtung liegen, der Prozess notwendiger sozialer Verkettung erleide eine empfindliche Störung, sollten sich einzelne Glieder einfallen lassen, ihm ihre physische Präsenz über Gebühr oder gar dauerhaft zu entziehen.

Falsch!

Es sind immer dieselben Typen, die da zusammenkommen.

Vibrationen
3

Andere werden besprochen, während sie nie oder äußerst selten in Erscheinung treten. Ist einer doch einmal anwesend, so wirkt das fast wie eine Störung der erprobten Abläufe: Provokation durch unerwartet konformes Verhalten. Dabei sind es nicht etwa Nonkonformisten, sondern Leute, die durch ihre Mimik zu verstehen geben, dass andernorts unermessliche Aufgaben ihrer harren, während sie hier etwas verloren herumsitzen und darauf warten, dass ihr berechtigtes Anliegen endlich zur Sprache kommt, wobei die restliche Veranstaltung sie nichts angeht.

Was nur zum Teil stimmt. Es kommt vor, dass sich der eine oder andere von ihnen doch einmal zu einem Beitrag herablässt. Sogleich verschwindet die Aura der Distanz und hervortritt eine bestens mit intimen Verhandlungs­details versorgte Person, die ganz gut austeilen kann.

Vibrationen
4

Ein merkwürdiges Verlangen treibt dich in diese halb informellen, halb rituellen Konvente. Nach Regeln und gemäß Motivlagen, die du nur langsam und bruchstückweise begreifst, werden dort Sätze gewechselt, deren Sinn teils dunkel, teils trivial anmutet. Ihre verborgene Logik muss über jeden Zweifel erhaben sein, da sie augenblicklich Gefolgschaften organisiert und gegnerisches Geplänkel heraufbeschwört. Kollege Dürrobst zum Beispiel, das Pfeifchen im Mundwinkel, ergreift das Wort mit gravitätischer Ruhe, die stets Unruhe schürt. Er strahlt eine Sicherheit aus, wie sie nur ein sorgsam memoriertes Päckchen längst oder halb vergessener Fakultäts­beschlüsse zu geben vermag. Dem Dauergespräch eines Gremiums mit sich selbst kann sich keiner entziehen. Ein Gedächtnis entzündet sich am anderen und vollbringt Taten, die seine Alltags­leistung weit übersteigen. Eigenartig nur, dass das Ergebnis selten eindeutig ausfällt. Deshalb beeindruckt es immer aufs Neue, wenn inmitten des Getümmels einer – in der Regel Dürrobst – blank zieht und den Beschluss einer Jahre zurück­liegenden Sitzung vom Blatt verliest. Auch dann noch lässt sich Einmütigkeit leicht verhindern. Es genügt der gezielte Hinweis auf eine ominöse Beschluss­revision in der soundsovielten Sitzung: Bluff oder nicht, gleich sind alle Wissende.

Dürrobst

nemo contra memoriam nisi memoria ipse

Ceci n’est pas une pipe
1

Pädagoge Dürrobst, die abgewetzte Lederjacke deutet es an, will als Fossil bewegterer Zeiten gelten. Ihm ist ›durchaus bewusst‹, was er treibt, wenn er ein Gespräch über das, was hier und heute Not tut, auf Auslegungsfragen fixiert, die den verschimmelten Akten-Ausstoß verflossener Jahre in den Rang kirchenrechtlicher Grund­lagen­texte erheben. Es gelingt nicht leicht, an ihm vorbeizukommen. Und darauf kommt es an. Auslegungs­fragen sind Machtfragen. Wer es zur Regel erhoben hat, die Machtfrage zu stellen, tut gut daran, sich der Vergangenheit souverän zu bedienen. Die Ver­gangen­heit ist eine gelehrige Schülerin, widerstandslos nimmt sie an, was man über sie verbreitet, und lehrt, was sie lehren soll, sofern man nur in gehöriger Form um sie ringt. Kurz gesagt, sie ist das Feld der Lügen.

Allerdings ... unter Historikern gewinnt man mit dieser Auffassung keine Freunde. Dürrobst hat in der Fakultät keine Freunde, sein Bedarf an freundschaftlichem Verkehr scheint gering. Er ist ein Blender, der niemanden blendet, aber sein Blend-Werk mit Verve betreibt. Ließe man sich blenden, würde man eine diabolische Lust am Kollegen-Spiel in seinen Zügen erkennen. Doch die Wahrheit liegt tiefer: er ist ein Rechthaber.

Ceci n’est pas une pipe
2

Was, unter Pyramiden-Gesichtspunkten, ist ein Rechthaber? Einer, der ihren Auftrag seriöser, profunder, primärer in sich vernimmt als seine leichtfertigen Kollegen, die vor allem eine Gelegenheit darin wittern, sich einer tadellosen Führung zu befleißigen und dabei ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen?
Das wäre eine Option. Sie setzt voraus, dass der Auftrag selbst seriös ist und nicht bloß ein typisches Produkt der Sprechblasen-Industrie, mit deren Hilfe Wissenschaft und Politik einander ›Mittel‹ und ›Ergebnisse‹ abjagen. Eine andere bestünde darin, den Rechthaber als Kristallisationsfigur des Sarkasmus zu begreifen, den phantastische Zielvorgaben überall auf der Welt beim mit der ›Umsetzung‹ betrauten Personal hervorzurufen pflegen.
Wer Dürrobst zuhört, könnte meinen, er habe seinerzeit bei der Übergabe der Gründungsurkunde einen Extraplatz zugewiesen bekommen. Er kennt den Wortlaut, sei es der gehaltenen Reden, sei es der niedergelegten Beschlüsse, und weiß ihn auszulegen, dass den Mitstreitern Hören und Sehen vergeht. Doch mischen sich auch andere Töne hinein. Wenn er die Unfähigkeit der Kollegen geißelt, peitscht er den gesellschaftlichen Kahlfraß, der, davon ist er überzeugt, in Wissenschaft, Politik und Kultur wütet und keine der kurrenten Gesinnungen auslässt, ganz zu schweigen vom dazugehörigen, zur Gänze verblendeten Personal.

Ceci n’est pas une pipe
3

Aus alter Lektüre-Lust und innerster Disposition: Dürrobst ist Parteigänger des Nichtidentischen. Allzu gern möchte er als Partisan desjenigen, was zu realisieren uns allemal aufgegeben bleibt, in die Ewigen Jagdgründe eingehen. An diesem Ziel bemisst sich der Grad seiner Leidenschaft – vermutlich hätte er den Champion der Negativität tief erschreckt. Vielleicht liegt hier sein innerstes Motiv: Er will den Meister aller Klassen erschrecken, posthum, wie es sich gehört – aus purer Lust an der Sottise. Insgeheim stellt er sich vor, wie er ihn im Klavierspiel unterbricht, seine bourgeoise Schwäche bloßstellend und sich weidend am Ausdruck äußerster Indignation, der dem Angst-Code einer gehetzten Bildungs­existenz entstammt und seinen Inhaber zeichnet auf alle Zeit.

Er ist, was er ist, auf eine Art, die vorgibt, nicht zu sein: eine Kanalratte der gesellschaftlichen Emanzipation.

Ein T, mehr braucht es nicht, um einen Menschen kenntlich zu machen
Tronka hat keine Zuhörer, er hat Weghörer

Tronka bringt sich ein
1

Tronka

Was glauben Sie denn? Die Pyramide ist kein Projekt der Wissenschaft, nicht einmal der Gesellschaft. Ich nehme das Wort ungern in den Mund, aber in diesem Fall ist es ausnahmsweise angebracht. Die Pyramide, falls überhaupt, ist ein Projekt der ›Kultur‹. Ich sage: falls überhaupt, denn sicher sein kann man dabei nie. Sicher sein kann man nie. Warum auch? Janein, ich meine Kultur diesmal ganz im akademischen Sinn. Der ganze Muff, ich weiß, die Zunge stockt, allein sie muss hinüber. Ist das kein Beweis von Kultur? Das ist einer, machen wir uns nichts vor. Gerade deshalb... Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Nicht wirklich. Mit der Pyramide hat sie so ihre Schwierigkeiten. Sie will, sie muss hinüber, allein es fehlt etwas, es knirscht, wenn Ihnen die Vokabel geläufiger ist, es knirscht gewaltig –. Wie? Tut nichts zur Sache, darüber reden wir später. Die Kultur ist aber schon da, sie ist schon eingezogen, sie kann gar nicht anders, denn sie kommt mit, und sei’s auf den Nordpol, sie mischt immer mit, und jetzt passiert das, was uns hier beschäftigt: dass sie sich offenbar als unfähig erweist, aus eigener Kraft die Nabelschnur zu durchtrennen, mit der sie am überkommenen System hängt.

Tronka bringt sich ein
2

Tronka

Machen wir uns nichts vor. Das System ist verkommen, aber haben Sie ein anderes, Kollege? Es ist, wie es ist. Professoren werden berufen und kümmern sich darum, dass ihresgleichen berufen werden. Dazwischen klafft ein Loch, angefüllt mit hehren Erwartungen. Und die Pyramide? Ein systemfremdes Element, durch einen ministeriellen Federstrich ins Leben gerufen, keineswegs unvergleichlich, o nein, aber Vorbilder zählen nicht. Andere Zeiten, andere ›Bedingungen‹ – ein Wort, das in der Sozial­wissen­schaft praktischerweise die Gesamtheit aller Faktoren bezeichnet, die zur Entstehung einer Institution beigetragen haben, so dass sich jeder seine Lieblingsbedingungen herauspicken kann. Aber das ist es ja: die Bedingungen haben sich geändert, um nicht zu sagen davongemacht, sie spielen im Selbstverständnis der Handelnden keine Rolle mehr, doch sie wirken weiter, subkutan, im ›Hinterkopf‹, egal was der Vorderkopf dazu sagen mag. Und zwar, da ihnen der freie Auslauf versagt ist: als Spiel der Entwertungen.

Tronka bringt sich ein
3

Tronka

Ein gestriger Wert, der heute keiner mehr ist, aber als verborgener Grund einer Sache weiterhin anwesend bleibt, verwandelt sich in einen Unwert. Schließlich wird er zum Entwerter. Sie müssen sich das wie einen Fahrschein-Automaten vorstellen, der quer über jede Handlung die Worte stempelt: »Kein Anschluss!« Herbes Schicksal eines Wissen­schaft­lers, der per Anschluss Anerkennung zu erwerben trachtet und nun durch sein vergebliches Trachten auffällig wird – und das nicht etwa, weil es an sich auffällig wäre, sondern weil die bereits ausgebildete stille Überzeugung von der Vergeblichkeit des eigenen Tuns sein Reden und Handeln mit einem komischen Stoff imprägniert, an dem die Dauer-Angst des Zu-kurz-Gekommenen ebenso Anteil hat wie sein trotziges Beharren auf der ›Anschluss­fähigkeit‹ von allem und jedem, was ihm entschlüpft. Ja natürlich. Exklusion durch Inklusion. Oder umgekehrt. Nennen wir, was sich da herstellt, der Einfachheit halber ein Lebensprinzip: eine jederzeit einkassierbare, höchst elastische Forderung des Einzelnen an sich selbst, die ihn vom Mitmenschen isoliert und jede gedankliche Kühnheit im Keim erstickt. Mit anderen Worten: Der Pyramidenbewohner geht mit seinen Projekten den Freunden und Kollegen draußen über kurz oder lang auf die Nerven.

Notiz
 

Frenetische Begriffe

Frenetische Begriffe sind Explosionskörper, die, in Nachbars Garten geworfen, gewaltige Verwüstungen anrichten können, Tote, Verstümmelte, all inclusive, fast wie im wirklichen Urlaub. Sie schließen aus, was sie einschließen – Tote, Verstümmelte –, sie schließen ein, was sie ausschließen – Tote, Verstümmelte –, sie verschließen den Blick, den sie öffnen, gegen das Nahe und Nächste wie in die Ferne, ähnlich jenen Theorien mittlerer Reichweite, mit denen sich wissenschaftliche Hinterwäldler gegen die Einsicht wappnen, dass ihnen zu bestimmten Themenkomplexen nichts einfällt. Gewonnen werden sie aus gegensätzlichen Ordnungsbegriffen, zum Beispiel Einheit und Vielheit: wo Einheit ist, da findet sich auch Vielheit und umgekehrt, je nach Blickrichtung und Analyseabsicht. Der frenetische Begriff der Einheit dagegen meint die Sache selbst, gegen die Vielheit, also die in Stellung gebrachte Sache. Eine vollzogene Einheit ist eine gescheiterte Einheit, es sei denn, sie wird ›unerbittlich‹ exekutiert, eine postulierte Vielheit eine Vielheit, die keinerlei Einheit duldet, solange sie die Sprech- und Denkweisen der Kontrolleure kontrolliert. Der Trick: einen logischen Ausschluss in einen realen umzudeuten, so, als seien Einheit und Vielheit, Gleichheit und Ungleichheit etc. im Kampf miteinander befindliche Weltzustände, zumindest Interpretationen von Weltzuständen, zwischen denen entschieden werden müsse.

 

Historiker Hölzchen kommt zum Vortrag in die Pyramide und setzt sich in die Nesseln

Hölzchen spricht sich frei

Historiker Hölzchen kommt zum Vortrag in die Pyramide
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Hochverehrte Kollegen, verehrte Anwesende, meine Damen und Herren!

Spätestens seit der Aufklärung – eine relativ kurze Zeit unter Historikern, aber ich sage nur: spätestens seither – verfügt der ursprünglich antike Begriff der Emanzipation eine asymmetrische Symmetrie. Ja, er verfügt sie, ganz recht, so wie die Geste eines altrömischen Imperators, die über Leben und Tod entscheidet, und darum geht es dann letztlich auch. Was unemanzipiert ist, das ist schon tot, selbst wenn es nichts davon weiß, denn alle Entwicklung ist Emanzipation. Sie werden einwenden, es gebe auch fatale Entwicklungen, ich komme darauf zurück. Etwas hergeben, etwas aus der Hand geben, also der antike Vorgang der emancipatio bedeutet ja, dass ein Vertrag, ein Vertragsverhältnis erlischt und womöglich ein anderes an seine Stelle tritt – ich sage womöglich, weil das ein kitzliger Punkt ist, über den wir uns nicht immer im Klaren sind, aber grosso modo gilt: ein Vertrag erlischt und ein anderer wird geschlossen. Selbstredend bleiben beide Vertragstypen dabei erhalten, der ursprüngliche Vertrag enthüllt sich nicht plötzlich als böse, der ältere Vertragspartner ist kein Schurke, der eliminiert werden muss, der Emanzipierte, als Homo Novus, besitzt kein Mandat, das ihm vorgaukelt, die Erde sei nunmehr ihm, dem neuen Menschen, untertan und er habe seine Gegenspieler mit Stumpf und Stiel auszurotten oder zu eliminieren, also über die Grenze zu jagen, über welche auch immer. Nein, das alles ist nicht der Fall, solange nicht die fatale Asymmetrie eintritt, die ich an einem vielleicht etwas einfacheren Begriffspaar festmachen möchte.

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Dieses Begriffspaar – mancher hier Anwesende ahnt bereits, worauf ich hinaus will – lautet: ›mündig/unmündig‹, für Freunde konsequenter Subjektivierung: ›Mündigkeit/Unmündigkeit‹. Unmündig­keit ist ein großes Wort, geadelt durch den großen Immanuel Kant und dadurch gewissermaßen sakrosankt geworden. ›Aufklärung‹, sagt Kant, das wissen wir alle, ›ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst­ver­schulde­ten Unmündigkeit.‹ Ehrlich gesagt, ich kenne kein Zitat, das die Herzen in meinem Umkreis höher schlagen lässt. Erlauben Sie mir als Historiker daher einige Anmerkungen gerade zu dieser Formel. Vorher aber... lassen Sie mich, bevor ich fortfahre, auch den Satz zitieren, der sich bei Kant unmittelbar anschließt und der bereits deutlich seltener die Runde macht: ›Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.‹ Ich merke, eine gewisse Unruhe macht sich unter Ihnen breit, schließlich befinde ich mich unter Lehrenden, die es als ihre vornehmste Aufgabe begreifen, anderer Leute Verstand anzuleiten, jedenfalls bis zu dem Punkt, an dem die Lehre, an der ihnen liegt, in die Köpfe eingesickert und dort fest verankert ist.
Um ein Beispiel aus meiner Disziplin zu nehmen: wer nicht weiß, was am zehnten Juni 1944 in Oradour-sur-Glane geschehen ist, der kann sich seines Verstandes bedienen, so viel er will, er wird bestimmte Reden seiner Mitmenschen nicht verstehen. Um aber zu verstehen, was dort wirklich geschehen ist, muss er Dinge wissen, die er nicht ad hoc nachschlagen kann, er muss über den Zweiten Weltkrieg, die Waffen-SS, die Kriegslage, das Völkerrecht, die französische Widerstands­tradition, die NS-Ideologie und den Partisanen­kampf Bescheid wissen, er muss wissen, welche Panzer-Division dort zum Einsatz kam, und so weiter und so weiter, lauter Dinge, die er im Prinzip nachschlagen kann, aber eben nur im Prinzip, weil er sie zueinander auch ins rechte Verhältnis setzen können muss. Und all das Wissbare ist nur äußerlich gegenüber dem, was nur eine lange, im Prinzip unabschließbare Lehre vermitteln kann, die von einer Forschergemeinde getragen wird, also die Grundlinien der europäischen Geschichte, der Geschichte überhaupt, das anthropologische und wertegeschichtliche Wissen – lauter Parameter, mit denen ich Sie nicht langweilen möchte, weil... nun, weil Sie darin kompetent sind. Und kompetent sein heißt, jeder weiß das, sich seines Verstandes unter zweckmäßiger Leitung eines anderen und vieler anderer zu bedienen, soweit man dafür ausgebildet wurde.
Natürlich kennen wir auch Situationen, in denen es darauf ankommt, sich seines Verstandes ohne Umschweife zu bedienen, soll heißen Not- oder Herzenslagen, in denen Geistesgegenwart, Mut oder Chuzpe gefragt sind, aber sie kommen, dem Himmel sei Dank, doch eher selten unter, und Aufklärung spielt dabei eine marginale Rolle. Sie merken, worauf ich hinaus will? Nun, ich will es so ausdrücken. Was Mündigsein bedeutet, darüber weiß nur der Mündige Bescheid. Um es ein wenig anzuschärfen: Mündig ist, wer stellvertretend für den Unmündigen dessen Unmündigkeit feststellt. Also der Erwachsene gegenüber dem Kind, der Gutsbesitzer gegenüber dem leibeigenen Bauern, der Professor gegenüber dem Studenten, der Forscher gegenüber dem Leserbriefschreiber und so weiter und so fort. ›Der Mensch‹ ist in diesem System von Zuschreibungen nur äußerst schwer zu sichten, man könnte auch behaupten, er habe sich unsichtbar gemacht, um nicht an beiden Polen angetroffen zu werden, am Mündigkeits- ebenso wie am Unmündigkeitspol.
So sieht’s aus.

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Ein kleiner Einschub: wenn ich mich gelegentlich mit dem Satz an Sie wende, »wir alle wissen«, dann appelliere ich an den kollektiv betreuten Verstand und nicht an das, was wir als Einzelne in mühevoller Einzelforscher-Tätigkeit herausgefunden haben. Ich bemühe auch nicht Ihr gesundes Urteilsvermögen, das keinen weiteren Input benötigt, um wirksam zu werden, schon eher unser aller wohlerwogenes Misstrauen dagegen, aber das wäre nur die negative Seite.
Also: wir alle wissen, der ›Mensch‹ der Aufklärung ist dieses Münchhausen-Geschöpf, das sich selbst am Schopf seiner Verstandeserkenntnisse aus dem Sumpf der Unwissenheit zieht, und zwar – das ist wichtig – in einem Prozess unabschließbarer Approximation, wobei das Approximierte, aufs Ganze gesehen, ebenso unklar bleibt wie der erste ungeläuterte Gedanke, mit dem der Prozess beginnt und der natürlich bereits überwunden sein muss, damit wir so aufgeklärt daherzureden vermögen.
Der Sumpf ist also – ich finde dieses Jonglieren mit Metaphern großartig, aber ich gebe zu, es verlangt vom Zuhörer etwas Geduld –, der Sumpf ist also ein Meer, ein offenes Meer, das Meer der Meere, deshalb finde ich die Behauptung, der Mensch habe seine diesbezügliche Lage selbst verschuldet, so atemberaubend, so aberwitzig, dass man sich fragen muss, warum sie diesen dauerhaft warmen Zuspruch findet.
Das ist eine Historiker-Frage, der ich nachgehen möchte. Der Mensch – nicht ich, nicht Sie, nein, der Mensch – hat seine Lage selbst verschuldet. Man sagt so etwas natürlich nur, wenn die Lage desolat ist, im anderen Fall hieße es, er habe sie sich selbst bereitet. Was tun? Die Lage muss verändert, sie muss überwunden, sie muss verlassen werden, wie das hübsche Wort ›Ausgang‹ andeutet, Sie wissen, der letzte dreht das Licht aus, damit das Dunkel, das hinter ihm liegt, für alle Zeiten das Dunkel ist, dem man entrann. Wer ist dieser Letzte? Wird man ihn je zu Gesicht bekommen?
Natürlich nicht, denn es ist der Mensch. Immer und immer wieder der Mensch. Ist der Mensch also, wie Schlaumeier Nietzsche einst postulierte, etwas, das überwunden werden muss? Ist er, genauer, etwas, das täglich, stündlich überwunden wird? Das Glas, meine Damen und Herren, liebe Kollegen, ist immer halb leer und halb voll, was auf der einen Seite überwunden wird, klettert auf der anderen Seite ins Trockene, der Mensch steht uns noch bevor. Was folgt daraus? Ist der Aufklärer, als einziger weit und breit, kein Mensch? Das wäre, zur Abwechslung, kein billiger Sophismus, sondern die Frage der Fragen. Ich meine das ernst.

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Selbstverschuldet, um es ganz klar zu sagen, nennen wir die Lage, in die ein Mensch durch eigenes Verschulden hineingerät. Nicht nennen wir so eine Lage, aus der er sich aus eigener Kraft befreien kann, vorausgesetzt, er ist nicht aus eigenem Verschulden hineingeraten: dann wäre sie unbequem, unangenehm, unangemessen, korrektur­bedürftig, gefährlich, schrecklich, unerträglich zu nennen, aber eben nicht selbstverschuldet, und darauf kommt es hier an. Es liegt also, will uns Kant vermutlich damit sagen, irgendwo eine Schuld vor, und dieses Irgendwo soll uns jetzt beschäftigen, weil es sowohl einen Orts- als auch einen Zeitindex trägt. Nicht der Mensch, dieses Abstraktum, ist der Versager, sondern die Menschheit auf ihrem langen Weg, der sie nach heutigem Kenntnisstand aus der afrikanischen Savanne über die Weiten Asiens nach Europa geführt hat.
Wie immer wir diese langsamen Wanderungen einschätzen, Kant besitzt eine klare Vorstellung davon, dass die Menschheit eine ist und damit über eine Geschichte verfügt. Das Verschulden, der Sündenfall, der hier und heute korrigiert werden muss, ist also eine historische Größe, er ist ›situierbar‹. Ich sehe Ihren Gesichtern eine gewisse Verblüffung an, zu Recht, denn außer den in einschlägigen Kreisen hochgeschätzten Mythen von der urkommunistischen Mir oder vom freien germanischen Bauern kennen wir keinen empirischen Kandidaten für den unbegrenzten Gebrauch des eigenen Verstandes zu allgemeinen Zwecken, und diese beiden sind, wie sich mittlerweile herumgesprochen hat, keine sehr guten Kandidaten. Der Sündenfall findet daher nach allem, was wir wissen, nicht statt – es sei denn, wir verlegen ihn auf den Uranfang, von dem wir nichts wissen, dann sind wir bei Adam und Eva, und da ist es auffällig, dass der selbständige Gebrauch des Verstandes dort als gewaltiges Verbrechen behandelt und hart bestraft wird, wenn man davon absieht, dass er unter den Bedingungen des Paradieses auch nicht sonderlich weit zu tragen scheint.
Ich ziehe den Schluss: Aufklärung, sagt Kant – er sagt es nicht, aber er deutet es an –, ist ein Märchen, das es dem Einzelnen erlaubt, zu denken, er stehe an einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte und es liege praktisch in seiner Hand, den Umschwung herbeizuführen. Ein Märchen, ganz recht, eine Geschichte, mit der man Kinder, also Unmündige, einlullt, indem man sie vor dem Einschlafen zu großen Taten befeuert. Was wir Emanzipation nennen, ist die Ausgestaltung dieses Märchens zur Heldensaga mit wechselnden Protagonisten und, selbstredend, Protagonistinnen, darauf sollte hier Wert gelegt werden.

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Wie? Das nennen Sie schwach? Warum, Kollege, nennen Sie meine Beweisführung schwach? Ist es vielleicht – ich sage vielleicht, denn Sie werden es uns gleich erklären – nicht die Beweisführung, sondern das Ergebnis, das Sie stört, das Sie womöglich kränkt? Vielleicht, weil sie den Gemeinplätzen des kollektiv gelenkten Verstandes widerspricht? Sapere aude sagt der Philosoph. Naja, es gehört nicht besonders viel Mut dazu, vor eine Forschergemeinde hinzutreten und eine abweichende Auffassung zu bekunden. Oder doch? Gehört vielleicht aller Mut der Welt dazu? Woher nehmen? Woher, wenn nicht von Ihnen allen, von Ihrer innersten Überzeugung, also von dem, was dieser Raum im Überfluss enthält?
Von diesem Überfluss rede ich, jedenfalls bilde ich mir das ein, denn sicher sein kann man sich in diesen Dingen nie: Emanzipation ist gut, erstrebenswert, Inhalt des vertretbaren menschlichen Wollens, ihr Gegenteil minderwertig, verächtlich, unvertretbar, das schlechterdings zu Bekämpfende und – letztlich – zu Eliminierende, wobei der Prozess der Elimination – siehe oben – an kein erkennbares Ende kommen kann. Die Frage ist also, worin das Gegenteil von Emanzipation besteht. Das Wort ›Unemanzipiertheit‹ führt, da es sich um eine leere Negation handelt, hier nicht sehr weit: es unterstreicht nur die Dringlichkeit der Aufgabe und erweitert die Liste der ethischen Gegensätze um einen ästhetischen: Emanzipiertsein ist schön.
Und warum? Das kleine Geheimnis dieser ganz eigenen Schönheit liegt in dem Wort ›selbstverschuldet‹. Es ist die Schuldzuweisung, die den Schuldigen macht. Die leere Negation fungiert als Stellvertreter, sie steht für bestimmte, als – zu Recht oder Unrecht, tut hier nichts zur Sache – unemanzipiert geltende Zustände oder Verhältnisse, und sie belegt den bereits genannten Hinweis, dass Emanzipation – als Forderung und als Ziel – prinzipiell unabschließbar ist, weil immerfort neue Kandidaten für Unemanzipiertheit auftauchen und eingesetzt werden können.
Ich verstehe ja Ihre Unruhe, ich verstehe sie gut, denn, ehrlich gesagt, ich verspüre sie selbst, es ist meine eigene Unruhe, die ich in Ihren Gesichtern lese, aber ich wäre ein schlechter Wissenschaftler, wenn ich deshalb einen Gedanken hintanhalten würde, der sich mir – verzeihen Sie das Wort – mit unwiderstehlicher Gewalt aufnötigt. Diese unwiderstehliche Gewalt, Sie wissen es wohl, ist die des Denkens selbst, eines absolut positiv konnotierten Vorgangs, jedenfalls nach unseren Maßstäben, die vielleicht ganz willkürlich gesetzt sind und durch einen Schritt vor die Tür leicht widerlegt werden können. Aber dann erhebt sich die einfache Frage: Woher die Kränkung? Ich sehe, einige von Ihnen lachen, der Bann ist gebrochen, aber jetzt habe ich ein Problem.

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Warum folgen Sie mir nicht? Warum können Sie mir nicht folgen? Ich kann an diese Frage nicht anders herangehen als mit meinen Mitteln. Was sind meine Mittel? Was habe ich an der Hand? Zweifellos nichts anderes als den Gedanken der Emanzipation selbst, also den Gedanken, den ich jetzt aus der Hand geben will, ja, aus der Hand geben, e-man-zi-pie-ren, was denn sonst? Was denn sonst. Dieser Gedanke hat mächtige Fürsprecher – in Ihnen, in mir, daran besteht gar kein Zweifel. Daran besteht gar kein Zweifel. Aber das ist doch – ja, das ist... paradox. Der einzige Inhalt, der sich dem Emanzipations-Postulat mit Sicherheit entzieht, ist die Emanzipation selbst. Sie wollen wir nicht aus der Hand geben, alles andere gern, wenn... es der Emanzipation dient. Sie ist die Herrin unserer Gelüste und sie ist unsere Sklavin. Schade, dass wir aktuell keine Feministin im Raum haben, sie würde uns den Mechanismus erklären, aber das ist ganz unnötig, wir haben schon verstanden. Es ist auch nichts Erotisches, obwohl... eine Emanzipation, die nicht der Lust behilflich sein wollte, wäre mit Sicherheit eine halbierte, eine Dame ohne Unterleib, wie wir sie von der Kirmes kennen. Geben wir der Dame ihren Unterleib zurück! Nicht draußen, nein, hier, hier und jetzt. –
Bestürzung, Erregung, Amüsemang – ist das nicht die Kurve, auf der wir uns jetzt bewegen? Der Unterleib, die Lust, der Mechanismus, der uns daran hindert, auch den Gedanken der Emanzipation gehen zu lassen, so wie alles im Leben einmal geht, weil seine Zeit gekommen ist, das ist die gefühlte Freiheit, gehen zu können, wann immer es einem beliebt, und, ich bin noch nicht zu Ende, gehen machen zu können, wann immer es einem beliebt. Ich sage mit Absicht ›gefühlt‹, denn diese Freiheit ist mit Sicherheit nicht die der Philosophen, sie ist auch nicht die Freiheit des praktischen Menschen, wenn praktische Freiheit bedeutet, die eigenen Angelegenheiten unter dem Gesichtspunkt des Gemeinwohls zu ordnen, es ist mehr die Freiheit der Lust, die bis zum Überdruss geht und darüber hinaus, weil dort erst eigentlich ihr Reich der Freiheit beginnt. Das Reich der Freiheit, ja, es beginnt nicht mit der Freiheit zu gehen, es beginnt mit der Freiheit, gehen zu machen. Selbst wenn ich eingehe – merkwürdiges Wort: ich gehe ein, ich gehe in mich hinein –, gebe ich dem, was mich eingehen lässt, Gewalt über mich, denn es macht mich gehen, es emanzipiert mich: wohin auch immer, solange es nur in mich hineingeht, aber das ist bereits meine Perspektive.
Ist sie das? Ist sie das wirklich? Ist sie nicht in Wirklichkeit auch etwas Verhängtes, ein ›Oktroi‹? Ist sie nicht das gute Gewissen dessen, der mich emanzipiert? Geh doch, sagt dieser andere, was immer dir bevorsteht, es kann nur mehr von dir dabei sein, als wenn du bliebest – verzeihen Sie die gespreizte Sprache, es ist die Sprache der Spreizung, der sich aufspreizenden Emanzipation –, denn wenn du bliebest – hier verdüstert sich die Stimme, sie bekommt diese Schärfe, die wir alle gut kennen –, wenn du bliebest, dann... Aber lassen wir dieses Kapitel, es ist ein finsteres Kapitel, in dem die meisten, die sich jetzt protestierend zu Wort melden werden, bereits geblättert haben, nichts anderes wollte ich, nun ja.

Meinauge = Deinauge
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Der Mensch ist das Wesen, das seinesgleichen überall jederzeit töten kann. Der Schlüssel dazu heißt Gelegenheit. Der Schrecken, der den durchfährt, dem dieser Sachverhalt zum ersten Mal ›zum Bewusstsein kommt‹, geht nicht mehr aus seiner Welt heraus. Diese Welt ist ein Ort des Schreckens: nur Toren vergessen derlei von Zeit zu Zeit. Ein vernünftiger Mensch vergisst nie. Er hütet sich und er ist gefasst. Die Fassung zu verlieren, sollte es soweit sein, war lange Zeit seine größte Sorge. Auch heute blitzt sie noch durch, aber sie wird verdrängt durch die Bilder des Grauens, die moderne Attentate verbreiten. Kein Bewusstsein kann vor ihnen bestehen: Sie werden ›verdrängt‹. Genauer müsste es heißen, sie verdrängen Bewusstsein – nicht das Bewusstsein, das es, als alles umfassende, sichtende und regulierende Behörde, nicht gibt. Aber Teile davon: jene, deren Aufgabe darin bestünde, sich mit ihnen zu befassen. Stattdessen werden sie durch die Berührung gelähmt. Ein gelähmtes Bewusstsein, was ist das? Bewusstsein ist Bewegung, hier stößt es an seine Grenze. Wenn der Tod diese Grenze ist, was sind dann die Bilder? Sie zeigen, was dem widerfährt, der nicht davonkommt, aber sie zeigen es nicht. Sie zeigen, was dem widerfährt, der davonkommt, aber sie zeigen es nicht. Sie zeigen es nicht, weil niemand da ist, der es sich zeigen lässt, – und es nichts zu zeigen gibt. Sie zeigen, dass keiner davonkommt – irgendwann, irgendwo. Sie zeigen es auf eine übergrausame Weise, in der das Grauen ankommt, als ließe es nach.

Meinauge = Deinauge
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Die Freiheit des Terrors ist die Freiheit, Grauen zu verbreiten, das ankommt, als ließe es nach. Das Wissen, dass diese Freiheit für jedermann existiert, schafft kein Bewusstsein, vor allem kein besseres, es dreht Bewusstsein um. Es wird empfänglich für jeden Splitter, der es bedroht – schon ist er inkorporiert. Bewusstsein ist keine Einbahnstraße. Oder doch? Dann wäre der, in dem das Grauen nachlassend wächst, in der Gegenrichtung unterwegs. Die Verwandlung des Nächsten in ein Fernstes verwandelt, was jeder sein könnte, in einen entfernten Traum – zu kostbar, um geträumt, zu billig, um gelebt zu werden.
Ein entfernter Traum… Was ist das? Ein Traum, der sich entfernt? Der Umriss eines Traums, der dem Träumer abhanden kam? Die ›Grenze‹, in Bilder gehüllt? Eben blickten sie freundlich, jetzt blicklos.

fig.2
  • Ich verstehe den Kollegen nicht.
fig.2
fig.2 fig.2
fig.1
  • Na sicher, wer soll ihn denn schon verstehen.
  • Ach, da gibt es Spezialisten.
fig.2 fig.3 fig.3 fig.1
  • Ich denke, wir haben alle ganz gut verstanden.
  • Zu gut vielleicht. Ich für meinen Teil...
fig.4
  • Sieht aus, als hätte er ein Problem.
  • Das war schon deutlich. Eigentlich überdeutlich.
fig.4 fig.4 fig.4 fig.4
  • Da fragt man sich: womit? Und vor allem: warum?
fig.2 fig.1 fig.4 fig.4
  • Von Wissenschaft jedenfalls keine Spur.
fig.2 fig.1 fig.2 fig.1
  • In meinen Augen hat er die Sache falsch angelegt.
  • Welche Sache? Ich sehe keine Sache. Sehen Sie eine Sache?
fig.3
  • Unbeweisbar. Ich sage nur: un-be-weisbar.
fig.3 fig.1 fig.1 fig.1
  • Ich bin ganz Ohr. Sie kennen sich da ja aus.
  • Nun ja, es ist unser aller Thema.
fig.3 fig.1 fig.2 fig.2
  • Das verstehe ich nicht. Er hat’s doch bewiesen.
  • Performativer Widerspruch geht natürlich immer –
  • … aber es sagt nicht viel. Natürlich.
fig.2
  • Hat sich verrannt. Schade um den klugen Kopf.
fig.1 fig.2 fig.4 fig.2
  • Völlig unbegreiflich… Ich meine, wie kann denn sowas geschehen?
  • Wäre er wirklich klug, ich meine wirklich...
fig.4 fig.4 fig.4 fig.2
  • Ein Stück weit kann ich ihn verstehen, ein Stück weit auch wieder nicht.
fig.3 fig.3 fig.3 fig.2
  • Korinthenkacker.
  • Also gut, fürs Protokoll: Das war Korinthenkackerei.
fig.3 fig.3 fig.3 fig.2
  • Ich fand’s übrigens schlecht.
  • Das fanden alle.
fig.1
  • Ach ja? Dann liege ich doch nicht so falsch, wie ich dachte.
fig.3
fig.1 fig.1
fig.2
  • Ich hab noch was vor.
  • Sie auch?
Lenkungsfieber
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Als die Pyramide, nach angemessen monumentaler Planungs- und Bauzeit, ihren Betrieb aufnimmt, ist der gesellschaftliche Bedarf, der sie hervortrieb, zwar nicht verschwunden, aber er wird dort gedeckt, wo er entstanden ist. Das Bildungssystem hat gelernt, was es bedeutet, mit Massen lebens- und veränderungshungriger ›Neuzugänge‹ fertig zu werden, von denen die meisten sogenannten ›bildungsfernen Schichten‹ entstammen und ihre speziellen Milieus in die – wiederum sogenannten – akademischen Kreise ›einbringen‹, und es ist damit fertig geworden. Mit einer Mischung aus Belustigung, Befremden und Hochmut blicken die neuen Studenten auf ihre Vorgänger-Jahrgänge, ab und zu heimgesucht von Neid und Bedauern darüber, nicht dabei gewesen zu sein, als eine Generation überzeugungsstarker Haschischjünger tausendjährige Ordnungsvorstellungen aus den Angeln hob.

›Vom Start weg‹, um im Jargon der Planer zu bleiben, muss die Pyramide ›sich neu erfinden‹. Aus solchen Lagen entsteht das Experiment. Schließlich ist es nicht das, als was es den Beteiligten oder den Zaungästen des Geschehens erscheint. Im Gegenteil: Wovon die Papiere sprechen, was auf den Fluren verhandelt, in Handreichungen zum internen Gebrauch aufs praktische Format heruntergebrochen, als Studienmaterial in Serie geht, folgt vielleicht einer ausgefallenen Kombinatorik, aber bewährten Mustern. Das wirkliche Experiment entschleiert sich dem forschenden Blick erst im Nachgang und niemand kann mit Sicherheit feststellen, wo es entspringt.

Lenkungsfieber
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Ursprungsorte sind mythische Orte, sie verdanken ihren Nimbus Erzählungen, die immer auch anders ausfallen könnten. Der Raum des Experiments schwirrt von Erzählungen, aus denen nach Ort, Stunde, Interessenlage, Partei- und Schulzugehörigkeit das Substrat herausgefiltert wird, an dem allen gelegen ist: Erster, wenn nicht zu sein, so doch gewesen zu sein, Number One, Durchbrecher einer Ziellinie, die als Ausgangslinie des eigenen Treibens für weitere, irgendwann in der Zukunft zu schreibende Erfolgsgeschichten gut ist. Die Kultur der Pyramide, der Universität ohne Selbstgefühl, aber mit einem auf rauschhaft steigende Erfolgszahlen und einen soliden Stellensockel gestellten Vertrauen in die Durchsetzungskraft der Institution, braucht nicht mehr als einen technischen Schub und eine kritische Masse, um die lebensbedrohliche Frage der Anschlussfähigkeit, die wie die Lanze eines mittelalterlichen Landsknechts auf ihr Herz zielt, umzudrehen und auf die umliegende Wissenschaftslandschaft zu richten.

Lenkungsfieber
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Recht besehen entsteht das Experiment aus der fehlenden Orthaftigkeit der Pyramide heraus. Für die Wissenschaft zählt ein Ort wie der andere, nicht so für das kulturelle Gemüt. Das kulturelle Gemüt will Gegenwart, Mitgegenwart, am besten Allgegenwart. Die ihm so eigene Distanzgebärde setzt die volle Wahl voraus. Wo sie fehlt, wird Kultur zur Wucherung des nicht Vorhandenen, zur Ausbildung von Ersatzorganen, von Ersatzwelten, Ersatzgeschichten, Ersatzkriegen, Ersatz-Friedensschlüssen, Ersatzhandlungen, Ersatz-Ersatzgebärden und Ersatzmotiven. Das Innere der Pyramide gleicht einem kulturellen Vakuum, in dem das, was allerorten gilt, erst einmal ›aufgehoben‹ erscheint ... nicht kraft einer besonderen Anstrengung der Bewohner – eher steht ihnen eine gewisse Anstrengungslosigkeit ins Gesicht geschrieben –, sondern auf Grund einer schwer zu beschreibenden Mischung aus Herkunfts- und Überlegenheitsgesten, die beim Einzelnen unterschiedlich ausfallen, aber ein gemeinsames Fluidum bilden, in dem der Einzelne treibt, ja treibt, und zwar im doppelten Sinn – er treibt sein Unwesen und: er treibt vorbei. Das Treiben bringt das Experiment hervor, es ist das Experiment. Was draußen allenthalben Realität gewinnt oder in Kürze gewinnen wird, entsteht hier noch einmal, bei ausgedünnten Ausgangsfaktoren, als entspränge es gerade hier, aus diesen Faktoren, kraft der besonderen Konstellation, die als herbeigeführt gelten dürfen. Gesellschaft und Politik mussten zusammenlegen, um sie zu ermöglichen, und sie hegen zu Recht oder Unrecht gewisse Erwartungen an das, was daraus entsteht.

Vermutung: Was so entsteht, ist das Erwartete.

Wie verhält sich das Erwartete zu dem, was zu erwarten ist?

Tronka wird gefangen
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Der Einbruch kommt nicht im Morgengrauen, sondern am Automaten, zur Kaffeezeit. Ehrlich gesagt, ein wenig Morgengrauen ist immer dabei, wenn ein Tronka schwächelt, das gedämpfte Einströmen des Tageslichts wirkt aufs Gemüt. Vermutlich soll es so sein. Der Architektenhimmel, leicht zu durchschauen, aber ein Schleier bleibt: Erwägungen, flüchtig wie der Wolkenzug selbst, atmosphärisches Beiwerk eines Tages, an dem alles stimmt. Wenn alles stimmt, steht der nächste Ausfall unmittelbar bevor. Diesmal: ein Kaffeeautomat. Warum nicht ein Kaffeeautomat? Dieser hier: im Prinzip ein brillantes Gerät, vor dem sich aus Gründen, unerfindlich wie das Ausbleiben eines Traums, die jungen Damen stauen. Nein, defekt ist er nicht. Er ist brillant und komplex. Solche Züge muss man erwähnen, sie verlieren sich leicht im Sog der Geschichte. Andere hingegen passen sich ein. In bestimmten Momenten ist Hierarchie flach, sehr flach, mit einer Tendenz, sich zu neigen. Ein wenig Herablassung, ein Hauch Serenissimus-Versagung steht dem Jungdozenten, später festigt sie sich, wird undurchdringlich, unvereinbar mit deiner Welt, die nichts davon weiß, dem ewigen Draußen. Die geschmeidige Haut der Pyramide, an der das Draußen abperlt, während es zur Besichtigung freiliegt, fördert den Hochmut. Nicht irgendeinen, sondern die heitere Variante: das Bewusstsein, sich frei bewegen zu können, freier als andere. Nichts liegt an, es sei denn das Projekt, also Zukunft.

Tronka wird gefangen
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Hier also, munter, mit einem Lächeln: die Zukunft. Tronka erkennt nicht, dass sie ihm entgegenkommt, noch weniger, dass sie ihn bereits in entgegengesetzter Richtung passiert. Im Moment findet er sie ausgesprochen sperrig, fast unfein, derb, um genauer zu sein. Dieser Anflug von Derbheit belustigt ihn, er beschäftigt ihn, nicht innerlich, sondern ganz und gar praktisch. Der Kaffeeautomat, wie könnte es anders sein, ist nur ein Anfang. Nichts erkennt Tronka von der Zukunft, die abgeschattet vor ihm liegt. Sein Identifikationsvermögen ist begrenzt. Womit auch, würde er zurückfragen, käme jemand auf die Idee, sich danach zu erkundigen. Eine seltsame, geradezu abgedroschene Idee, nicht vorgesehen in einer Umgebung, die von Identifikationsangeboten strotzt. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben hat Tronka frei. Die Luft der Pyramide umfächelt ihn, sie hat keine Palmenhaine passiert, sondern die Abgase der Ruhrstadt, aber an ihm verrichtet sie das berauschende Werk der Selbststeigerung.

Tronka wird gefangen
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Ein kluges Mädchen: Ist sie das? Auf gar keinen Fall. Gerissen? Vielleicht, unter Umständen, ja. Unter welchen Umständen? Wer bestimmt solche Umstände? Wie rechtfertigt sich die Suche nach Umständen, unter denen Menschen ihr zweites Gesicht zeigen? Wie die Behauptung, dass dort die Maske fällt, wo die anderen recht behalten? Wieso die anderen? Er hat mit niemandem gesprochen, er wüsste auch nicht, mit wem und worüber er sprechen könnte. Also: wer sind die anderen? Und: bedarf es ihrer? Ein leichtes Gefühl, ein Anflug bemächtigt sich seiner von Fall zu Fall, nicht immer, nicht unter allen Umständen, aber unter Umständen, die geeignet sein sollten, es zum Schweigen zu bringen, und die, wer weiß, sich deshalb quasi von allein vermehren, ohne dass er darauf zu drängen Gelegenheit erhält oder einen inneren Anlass findet. Nein, gerissen wirkt sie nicht, eher gleitend, mit einer Tendenz, den tiefsten Punkt aufzusuchen, aber allmählich, nach und nach, gleitend eben, er könnte nicht sagen, auf welchem Punkt sie sich gerade befindet.

Tronka wird gefangen
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Die Überlegung, sauber vorgetragen und analytisch in ihre Komponenten zerlegt, könnte als Einstieg in ein fruchtbares Prüfungsgespräch taugen. Die Gegenstände liegen nicht weit auseinander. Der Prüfer, der jäh zwischen ihnen ein Intimverhältnis erkennt, greift zur Metapher von Frucht und Schale, um vorsichtig innezuhalten: so nah sind sich Körper und Thema nicht, um einander ›im Spiegel des anderen‹ zu erkennen. Für die Dauer der Prüfung hält sie der Abgrund der Ahnungslosigkeit auseinander. Aus der Berührung folgt kein Erkennen. Stattdessen läuft inmitten der Prüfung das kleine Programm, die Prüfung ohne Worte, das Umspielen der Grenze, die keine ist, die wegtaucht, sobald sie fixiert wird, die Körper geistern und der Geist ist matt.

Tronka wird gefangen
5

Was nicht gewusst ist, ist ungewusst.

Es ist die Grenze, die den Zusammenhang schafft.

Nein, es ist der Zusammenhang, der die Grenze schafft.

Überquere sie, wenn du es schaffst, und sie bricht zusammen.

Warum willst du es schaffen?

Niemand überquert wissend die Grenze zum Ungewussten.

Die Kandidatin könnte sagen: Das habe ich nicht gewusst. Aber sie wird sich hüten.

Sie kann es nicht schaffen: der Zusammenhang ist einfach zu groß.

Oder zu hoch.

Oder zu einfach: so einfach wollen wir es uns nicht machen.

Sie kann es schaffen. Der Zusammenhang besteht und ist einfach.

Ein in der Prüfungssituation erworbenes Wissen zählt nicht.

Es gewinnt.

Paarweise Zweifel
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Dürrobst, das bewegliche Männlein, die Brusttasche mit einer aufrecht dem Gebrauch entgegenstarrenden Batterie Pfeifenputzer gefüllt, wird niemals Kenntnis von dem gesammelten Schweigen erhalten, das der Bericht seines frisch vom Krankenlager zurückgekehrten Stellvertreters auslöst, der Patient könne jetzt wieder reden und fühle sich insofern seinem Amt wie bisher gewachsen. Der Grund liegt auf der Hand. Keiner in der Runde, der es bereits hinter sich hat, zeigte sich der Dekanswürde bisher so wenig gewachsen wie er. Dabei erfüllt sie ihn – und er sie – mit tiefer Lust. Wenn die Fakultät tagt, lichtet sich sein Gemüt: die Macht des Gremiums strömt ihm zu. Würde der eine oder andere Kollege ihm zurufen: »Zur Sache!« – undenkbar, da so ein Ausruf sich weder mit dieser noch mit jener noch mit irgendeiner im Raum stehenden Würde vertrüge –, so könnte er ›im Brustton der Überzeugung‹ antworten: Die Sache bin ich. Zumindest ist er von ihr durchdrungen und so, durchdrungenermaßen, stellt er sie dar. Die Zeitspanne zwischen Bericht und Beschluss, säuberlich portioniert von TOP 1 bis TOP 13b, gehört ihm. Nicht im Traum denkt er daran, zum TOP ›in der gebotenen Ausführlichkeit und Knappheit‹ zu referieren und das Gespräch zu eröffnen. Mit vollem Vorsatz (sicher? ganz sicher?) entgleitet ihm Sitzung um Sitzung zur Akten-Lesestunde, durchsetzt von glänzenden Sarkasmen und bissigen, überaus kleinkarierten Kommentaren, an denen die Kollegen, bei aller Genervtheit, doch auch ihre Freude haben. Auf Beifall und »Da capo!«-Rufe allerdings darf er nicht hoffen, stattdessen herrscht schneidende Kritik auf den Gängen. Er überzieht sein Konto, und zwar beträchtlich.

Paarweise Zweifel
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Kaum ins Amt gewählt von einem Schlaganfall dahingestreckt zu werden, derlei fällt vermutlich unter die Rubrik ›besondere Vorkommnisse‹. Nicht so, nach langer Krankheit, die Rückkehr an den Schreibtisch, gleichgültig, zu welchen Konditionen sie sich vollzieht. Sie wird als normal angesehen, besser gesagt, als ›das Normale‹ – die Norm erscheint darin groß geschrieben und ein wenig bedrohlich, als solle das eine oder andere Huhn, in dem bereits die Hoffnung auf mehr Auslauf glomm, auf den Hof zurückgescheucht werden. Der Rückkehrer weiß, was er sich und anderen schuldet, er gibt sich gefasst und kampfesmutig. Die Herausforderung, soviel weiß er, ist allgegenwärtig und sucht ihren Meister. Dürrobst macht da keine Ausnahme, sein Auge glimmt heller denn je, die Sarkasmen purzeln aus seinem Munde, man könnte meinen, er habe nachzuholen.

Paarweise Zweifel
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In einem abgewählten Kanzler, der seinem erstaunten Wahlvolk verklickert, er gedenke nach wie vor die Bürde des Amtes weiter zu schultern, steckt viel von diesem Geist, der niemals ruht und ungerührt, wie es sich für seinesgleichen gehört, stets dasselbe will. Vom gleichen politischen Affekt, der den abgehalfterten Regierungschef umtreibt, weiß sich auch Dürrobst beseelt. Inwiefern politisch? Was ist daran ›politisch‹ zu nennen, dass einer nicht mehr aufhören kann? Dass einer glaubt, nicht abtreten zu dürfen, weil die ganz normale Lage, in der jeder ersetzbar ist, ›seine Präsenz einfordert‹? Das Rätsel lässt sich mit ein wenig Nachdenken lösen, vorausgesetzt, man legt den Begriff des Politischen zugrunde, den beide gleichermaßen in ihrer Jugendzeit inhalierten:

Alles Private ist politisch.
Alles Politische ist privat.

Paarweise Zweifel
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Dürrobsts (Intim-?)Feind, politisch gesprochen, und Stellvertreter heißt Eberhard Friedenwanger: ein feiner Beobachter der Szene, mit wohltuender, sanfter als nötig klingender Stimme ausgestattet, die er nicht häufig, dann aber von einer gewissen Grundberedsamkeit durchströmt einsetzt. Normalerweise wird in der Pyramide jeder Anflug von Rhetorik mit sofortigem Aufmerk­samkeits­entzug geahndet. Nicht so im Falle Friedenwanger, dem sie stets zur Hand geht, wenn es sich darum handelt, konstruktive Vorschläge zu unterbreiten und in kluger Voraussicht vor Fehl­entwick­lungen zu warnen, die sich aus ihrer Nichtannahme mit Sicherheit ergeben würden.
Ist Friedenwanger beliebt? Ist er unbeliebt?
Schwer zu ergründen.
Friedenwanger ist seriös.
Diese Eigenschaft erhebt ihn, wann immer er seinen Flug beginnt, himmelweit über Dürrobst. Schade nur, dass der, wann immer ihn das Bedürfnis anwandelt, den überaus seriösen Kollegen mit einem gezielten Schuss wieder herunterholt. Ist Friedenwanger intelligent? Genau besehen, lässt die Seriosität, die er verströmt, an seiner Intelligenz zweifeln – und umgekehrt. Genau betrachtet – man muss das betonen, weil seine kollegial-dominante Gegenwart zur Ungenauigkeit verleitet –, zieht sich ein leise intriganter Zug durch Friedenwangers Äuße­rungen, den ein Paar blauer Augen, flankiert von einem Aufschlag, der sie gewissermaßen auf offenem Tablett darbietet, ununterbrochen dementiert.

Kein Zweifel: unter den bekannten Arten des krassen Ich ist dies die unauffälligste, weil stabilste.

usqueadinfinitum

Friedenwanger oder das geduldige Nichts
Wo etwas sich abzeichnet, befindet sich Friedenwanger im Anmarsch

Usque ad infinitum
1

Die journalistische Marotte, den Zeitgeist in Jahrzehnte abzufüllen – die Fünfziger, die Sechziger, Siebziger, Achtziger, Neunziger etc. –, sie mit Etiketten zu beschriften, auf denen steht: grau, wild, bleiern, multikulti (oder, ausgeführter und mit mehr Schlagseite: ›die Adenauer-Restauration‹, ›die Aufbruchsjahre‹, ›das verlorene Jahrzehnt‹, ›im Schatten der Energiekrise‹, ›der ökologische Aufbruch‹, ›Wendejahre‹, ›die Ossis kommen‹), – das alles besitzt im Forschungsspektrum der Pyramide ein unvermeidliches Widerspiel. Dürrobst zum Beispiel, lebender Beleg für eine bewegte Vergangenheit, profiliert sich seit Jahren als Spezialist für die Sechziger. Er »kann«, folgt man seinen Worten, »sie nur noch historisch sehen« und mokiert sich über Kollegen, »deren Uhren stehen geblieben sind« und die daraus »eine Schlachtordnung basteln«, vornehmlich auf der Rechten, die noch ein paar historische Rechnungen offen hat und daher fortwährend Beweise für etwas liefert, »was niemand bezweifelt, der klar bei Verstand ist«: genetische Faktoren in der Bildung zum Beispiel oder die Notwendigkeit gewisser sozialer Asymmetrien aus Kompetenz- und Motivationsgründen. Selbst der Differenz zwischen Hausbesitzern und eingefleischten Mieternaturen vermag er, nicht ohne ein gewisses Händereiben, positive Seiten abgewinnen, seit er im locker bebauten Umland ein passendes Objekt erworben hat und von Zeit zu Zeit Zementspuren seine ausgewaschenen Jeans zieren: schwer abzuschätzen, auf welchen Wegen solche realgesellschaftlichen Prägungen Eingang in seine Forschungen finden.

Usque ad infinitum
2

Als Bildungstheoretiker ist Dürrobst offen. Seine Befragungen des Stoffs, aus dem sich kulturelle Überzeugungen speisen, gelten als legendär, weil er, unter geschickter Beteiligung seiner Studenten, ihn direkt am Volkskörper abzapft, so als trüge letzterer ihn im Blut, wie ein Virus vermutlich oder die alkoholischen Reste eines schweren Besäufnisses. Friedenwanger hingegen... Wer ist Friedenwanger? Gute Frage, seine Forschung ist ein finsteres Loch. Qualifiziert hat er sich mit einem Einführungsbuch für die Lehre, aber etwas stimmt nicht, er ist nicht ordentlich habilitiert, seine Berufung war Politik und Politik ist seine Berufung. Gelegentlich dringen Gerüchte über Lehrveranstaltungen in den kollegialen Raum, die argwöhnen lassen, dass dort nichts Gutes abläuft. Friedenwanger also... Man weiß, dass er als entschiedener Feind alles Reaktionären das Gesetz der Geschichte auf seiner Seite weiß, selbst dort, wo es um so gewaltige Errungenschaften wie die Ausrichtung eines geplanten Instituts oder die Bewertung eines Vorratsantrags geht, der einem Fach die Option auf mehr Korrekturmittel und, wer weiß, eine weitere Mitarbeiterstelle eröffnet. Was man nicht weiß, vielleicht auch nicht wissen will, ist die Antwort auf die Frage, woher dieses Wissen ihm zufließt. Stets würde er, entsprechend befragt, mit gerunzelter Stirn zurückgeben: »Das Gesetz der Geschichte? Was soll das sein? Ich kenne kein Gesetz der Geschichte. Ich will etwas bewegen.«

Usque ad infinitum
3

Den ganzen Friedenwanger kennt keiner, doch das hier ist Friedenwanger ganz: »Ich will etwas bewegen.« Wo immer er geht und steht: er will etwas bewegen. Die Unbeweglichkeit der Welt ist sein Thema, ihr setzt er seinen Gestaltungswillen wie eine aus Knetmasse geformte Faust entgegen. Das erinnert von ferne an die Philosophenfrage: ›Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts?‹ Im Raum dieser Frage bewegt er sich mit der Hurtigkeit eines Kletteräffchens, dem eine geschickte Hand auf die Sprünge hilft. Etwas ist immer – aber es ist auch ›schon immer‹ so oder so, also ›je bestimmt‹, wie mancher Konkurrent im großen Wörterrücken das ausdrücken würde. Nein, so würde er es nicht ausdrücken, bestimmt nicht, besser gesagt: keineswegs, auf keinem der von ihm befahrenen oder begangenen Wege, denn diese Erkenntnis, falls es denn eine wäre, ist ihm eingedrückt, wenn nicht von Kindesbeinen an, so jedenfalls von langer Hand. ›Etwas zu Nichts‹ (man könnte es die Basis-Variante zur bekannteren, auf allerlei Brüsten prangenden Parole ›Schwerter zu Pflugscharen‹ nennen) bedeutet nicht etwa, die Werke des Herrn zunichte zu machen, ›das gerade nicht‹, sondern, in langer geduldiger Plackerei, die Wackersteine beiseite zu räumen, die den Weg des Herrn – leider – nicht bloß säumen, sondern unübersehbar und bis auf weiteres in einen Trümmergang verwandeln ... wenn, nun, wenn geklärt ist, dass der Herr bei alledem die Gesichtszüge des wohlbekannten Kollegen F trägt.

Usque ad infinitum
4

Beobachtungssätze, gruppiert um ein Zahlenspiel

  1. Die offene, ›liberal‹ genannte Atmosphäre der Pyramide gebietet es, auch den Kragen offen zu tragen. Mancher Kollege, der selbst im eigenen Heim kaum die Krawatte vom Hals bekommt, nestelt hier am geöffneten Hemdknopf herum.
  2. Der Esprit de corps, ein Zusammenströmen verschiedenster Impulse im Bett parteilicher Loyalitäten, nicht selten mit besten Kontakten ins benachbarte Ministerium, duldet keine Abweichung von der Regel.
  3. Ausnahme: Gremienwahl. Vor jeder Wahl – Dekan, Senatsmitglied, Rektor, Prorektor und so fort – taucht das gute Stück an Hälsen auf, deren Träger bis dahin als resistent galten und sich seiner, ist die Wahl erst einmal vorüber, unverzüglich wieder entledigen.
  4. Das bedauernswerte Los, aus unermüdlichen Forschungen herausgerissen zu werden und die stete Sorge für die Lehre den Mitarbeitern des Lehrstuhls übertragen zu müssen, wird durch die Lust aufgewogen, der Institution als Funktionsträger zu Diensten zu sein. Doch es nagen Zweifel.
  5. Das ebenso diskrete wie unübersehbare, niemals abgelegte Zeichen »Ich bin bereit« hebt Friedenwanger aus dem Pulk der Kollegen heraus.
  6. Schweigend sehen die Kollegen über diese Passion hinweg, sie suchen nur unauffällig seine Nähe, sobald sie auf Gremienklatsch aus sind oder Informationen unter die Leute bringen wollen, deren Urheber nicht bekannt werden soll.
  7. Wählen sie ihn? Eindeutig: nein. Die Gemeinschaft hat sich schweigend darauf verständigt, den Dauerkandidaten für nützlicher zu halten als den Funktionsträger.
  8. Unter der Hand lassen sie wissen, Friedenwangers früheres Dekanat sei ›eine Katastrophe‹ gewesen.
  9. Dürrobst, der ostentativ große Stücke auf den Kollegen hält, bedauert, dass ihm die »tückische Brut« hinterrücks die Loyalität verweigert: »Diese Fakultät ist von innen her faul, sie verdient es nicht, dass ihr einer die besten Jahre seines Wissenschaftler-Lebens opfert. Nein, sie verdient es nicht. Wäre ich nicht so ein linker Vogel, dem Solidarität über alles geht, bekäme mich hier keiner zu Gesicht.«
  10. Friedenwangers Mission erfüllt sich jenseits der Grenzen der Pyramide.
  11. Weltgeltung muss erarbeitet werden oder sie ist schon da.
  12. Besser, sie ist schon da.
  13. In der Person Friedenwangers erhebt die Pyramide Anspruch auf Weltgeltung. Und siehe: dem Anspruch wird stattgegeben.
Usque ad infinitum
5

Eher lustlos notiert das Gedächtnis solche Protokollsätze im Vorgriff auf packendere, deren Inhalt aber noch aussteht. ›Friedenwanger = Null‹ steht bereits da, zwischen Sätzen, die keine besondere denunziatorische Neigung verraten, es sei denn, man fände sie darin, dass sie die nun einmal hingeschriebene Null von beiden Seiten flankieren. In Friedenwangers gegenwärtigem Aktionsradius, so könnte man schließen, ist nichts Besonderes verzeichnet. Und das, gerade das, ist es ja: das dem Besonderen eingeschriebene Nichts, die Nichtigkeitserklärung alles dessen, was ist, weil immer etwas ist, durch die approbierte Null, die reinen Tisch zu machen verspricht, indem sie sich an alles anhängt, was nach einem gut verborgenen Prestigekalkül Gewinn abwerfen könnte. Die Falschmünzer-Kraft der Kopula, eingefangen in der Aussage ›Etwas ist etwas (anderes)‹, wird durch Friedenwangers Dazwischentreten erkennbar potenziert. ›Etwas ist nichts weiter‹ bedeutet – unter anderem – die Bankrotterklärung der Metaphysik (Friedenwanger bittet darum), aber aus ihrer eigenen Feder, als Endesunterzeichnete, mit Stempel und Paraphe.

Usque ad infinitum
6

»Wird eine Größe, die = Null ist, einem anderen Ding hinzugefügt, so kann dieses dadurch keinesfalls vergrößert werden. Demnach wäre also das Hinzugefügte = Null. Wenn also das andere Ding, wird eins von ihm abgezogen, um nichts kleiner und, wird es ihm hinzugefügt, um nichts größer wird, dann ist klar, dass das Hinzugefügte ebenso wie das Abgezogene = Null ist.«
Zenon von Elea

Sei gewarnt. Sei einfach gewarnt.

Kobra im Schlafrock
1

Das Werk deines Vertrauens kann unterminiert werden.
Das Werk deines Vertrauens: ein schwarz-roter Kubus auf Stelzen, an dem in mannshohen Lettern ›Museum‹ steht.
Das Werk deines Vertrauens ist ein Teil der Zivilisation, die dich umgibt.
Das Werk deines Vertrauens ist ein Behälter vergangener Lebensformen.
Was ist eine Lebensform?
›Lebensform‹ heißt die verschwundene oder im Verschwinden begriffene oder vom Verschwinden bedrohte oder dem Verschwinden anheimgegebene Version dessen, was lebt, wie es lebt, weil es lebt.
›Verschwunden‹ heißt eine Lebensform, über deren Hinterlassenschaft man ins Grübeln gerät.
›Vergangen‹ heißt eine Lebensform, über die das Leben hinwegging.
›Vergangenheit‹ heiß die Gesamtheit der Lebensformen, über die das Leben hinwegging.
Ein Gang in die Vergangenheit hilft die Gegenwart zu verstehen.
Die begehbare Vergangenheit ist eine Maschine.
Die Museumsmaschine produziert: Stillstand.
Die Museumsmaschine ist der Versuch einer Lebensform, zu erhalten, was sich erhielt.
Erhalten ist, was sich zeigen lässt.
Verloren ist, was sich nicht mehr zeigen lässt.
Ein Museum für Verlorenes gibt es nicht.

Kobra im Schlafrock
2
Escalator at zeche zollverein
 

Die Luke

Man betritt den Kubus durch eine Luke. Zuvor geht es hoch hinauf: als lasse sich die Aufmerksamkeit aufs Gewesene nur im Sinken entfalten, nicht unähnlich einem Fallschirm, der den Springer aus großer Höhe einigermaßen sicher auf den Boden der Tatsachen zurückbringt. Doch die Luke lässt keine Sprünge zu. Du passierst sie und findest dich im Halbdämmer zwischen Gerümpel wieder, das herumsteht, als habe es jemand zufällig über den Raum verstreut und erbitte wortlos deine Mithilfe beim Aufräumen, bevor der große Besucherstrom sich über alles ergießt. Gleich der erste Versuch belehrt dich eines Besseren – der kleinste Gegenstand verfügt über ein Gewicht, das deine Kräfte bei weitem übersteigt. Bei weitem: soll heißen, hier, an diesem Ort, bewegst du nichts, es sei denn, du rechnest dich zu den Objekten hinzu. Die Objekte, seltsam anzuschauen, tragen Spuren eines verjährten Gebrauchs, der sich dir nicht erschließt. Du könntest dich informieren, du bist nicht allein, aber das stetig sich erneuernde Rinnsal der Besichtiger verläuft sich in der Tiefe des Raumes und die Vielzahl der aufgestellten Objekte verhindert eine ebenso zügige wie beiläufige Annäherung, wie sie nötig wäre, um die Panzerung zu durchbrechen, die jeden einzelnen einhüllt. Du selbst trägst einen Panzer, ohne zu begreifen, wann er dir angelegt wurde. Auch bemerkst du, dass dieser Raum der Erinnerung, wie er genannt wird, deine eigene Erinnerung löscht oder zumindest lahmlegt. Offenbar reagiert dein Gedächtnis überreizt auf all die Dinge, die es herausfordern und zurückstoßen und ihm auf jede Weise signalisieren, es habe hier nichts zu melden.

Kobra im Schlafrock
3
RuhrmuseumTreppenhaus-Schacht3724a
 

Der Fahrstuhl

Den Schwebe-Part übernimmt der geräumige Aufzug, der dich ins Stockwerk deiner Wahl bringt. Mutige fahren bis ins unterste durch. Sie wollen den Berg des Lebens in einem Aufstieg erklimmen. Wie weit werden sie kommen? Die ersten ermüden bereits im Kambrium, nachdem die Karte Gondwanas studiert und die ausgedehnte Brachiopoden-Sammlung in Augenschein genommen wurde. Nachdem? Keineswegs. Die Reste ausgestorbener Kleinlebewesen, nach Fundorten und Gattung bestimmt, wirken zuverlässig einschläfernd auf das Gemüt. Soeben berauschte es sich noch an dem Gedanken, einzutauchen in die Geheimnisse der Vorwelt, auf verschwundenen Kontinenten zu wandeln und unter der monotonen Brandung der Weltmeere die befremdlichen Ursprünge vertrauter Lebensformen zu entdecken. Kommen Sie mit! Habe den Mut, dich deiner Sinne zu bedienen! Welcher Sinne? Das bisschen Augenfutter ist rasch durchprobiert. Es sind die Sinne, die sich zurückziehen. Das Missverhältnis zwischen Erwartung und Anblick ist einfach zu groß. Fragt sich, wodurch die Erwartung gespannt wird. Liegt es an den Wörtern? Es sind die üblichen Anreizer, wie sie auf jeder Kirmes zum Einsatz kommen. ›Geheimnisse des Planeten‹, ›Ursprünge des Lebens‹, ›Vorwelt‹: Wer fällt darauf herein? Aber das hier ist reell. Einmal, dieses Mal sollen sie halten, was sie versprechen. Ja sicher, sie halten, was sie versprachen, hypothetisch, in den Grenzen der Wissenschaft, das versteht sich. Prompt erweist sich das Versprechen als schal. In der Kinderstube des Lebens benötigt alles, was nach Maßgabe menschlicher Neugier geschieht, Jahrmillionen. Der Rest? Nicht der Rede wert: Wind und Wellenschlag, ein Zucken hier, ein Erstarren da, etwas sinkt, etwas steigt. Wie geht es weiter? Wo geht es weiter? Wie lange geht es so weiter? Wie lange soll es so weiter gehen? Im Herzen Gondwanas siedelt die Leere.
Schon lockt der Fahrstuhl.

Kobra im Schlafrock
4
Laggania cambria 01
 

Kambrium

Als Evolutionsbeschleuniger ist der Fahrstuhl nicht zu ersetzen. Sein sanftes Gleiten erlaubt es, zwischen Welten zu pendeln, in denen man unter sich ist: Steine, Fossilien, Kadaver, Artefakte – Relikte verschiedener Erdepochen, berührungsfrei nebeneinander aufgebahrt, um letzte Blicke zu provozieren, die ersten seit langer Zeit. Du gehst ins Museum, weil du Zeit hast, gewillt, sie totzuschlagen, und du stößt auf den größten Totschläger, die Zeit, die nichts Lebendes auslässt. Erst die Toten gibt sie heraus. Nicht ganz, wie wir wissen. So, halb herausgerissen aus den Prozessen, sehen sie dich an. Eigentümlich, wie sie dich ansehen. Alles Vergangene, das dem Verfall trotzt, ist Auge: Schließe es, und der Verfall geht weiter. Wie schließt man der Vergangenheit die Augen? Nicht hier. Sie sind die Reise, du bist das Ziel. Du bist die Reise und sie sind das Ziel. Zwischen beiden Beschreibungen gibt es nichts zu vermitteln. Von etwas, das ist, zu sagen, es war, heißt, die Zeit aus ihm herauslassen: Ist es ein Käfig, ein Behältnis, aus dem sie entspringt wie ein Tier oder herausrinnt wie eine Flüssigkeit? Vergangen ist, was dir vergangen scheint, weil dein Gedächtnis dir vorgaukelt, so und nicht anders sei es gewesen und so sei es vorbei. Wie dem auch sei – was du hier siehst, besitzt keinen Platz in deinem Gedächtnis, es geht dein Gedächtnis nichts an, es sei denn, du warst bereits früher hier oder an einem vergleichbaren Ort oder du hast gelernt, wie es war, als du noch nicht warst. Dann immerhin, weißt du Bescheid. Vielleicht ist dein Gedächtnis porös oder du hast nicht gut gelernt. Dann schiebt, was du siehst, die treibenden Schollen eines Wissens, das keines ist, zu einem trügerischen Gelände zusammen: Genau, so war es! War es so? Ist es hier so? Natürlich nicht. Du fühlst, du empfindest die Systematik des Ortes, den du durchstreifst, als vage Anmutung eines Gewussten und als Verlängerung dessen, was du gerade siehst. Aber du bist nicht hergekommen, um zu notieren, zu vergleichen, zu ordnen. Du bist gekommen, um vor dem aufgerissenen Auge des Vergangenen ... zu bestehen? ... zu paradieren? Wen soll es anstarren, wenn nicht dich? Du lebst und diese hier waren. Du warst bereits und diese hier sind. Sie waren und du wirst nicht mehr sein. Das ist die Empfindung, die dich durchströmt. Sie ist ›notorisch‹ und sie ist wirksam.
Der Fahrstuhl wartet – ein geduldiger Freund.

Kobra im Schlafrock
5
 

Amphibium

Erste vollständige Handlung: die gezielte Tötung eines Vielzellers durch einen anderen. Die Sinne spannen sich, das Zuschauen lädt sich auf, wird fiebrige Erwartung, der Zeitsinn springt um. Aus Jäger-Sicht ist dieser Vorgang häufig beschrieben worden, auch aus der des Gejagten – seltener aus der des Zuschauers. Warum? Der Zuschauer, sofern er sich nicht angewidert abwendet, verwandelt sich, er wird zum Doppelwesen, bestehend aus
Gejagtem / Jäger
Angst / Jagdfieber
Todesschauer / Tötungsdrang
Mitleid / Grausamkeit.
Was ist Grausamkeit? Ein Verhalten? Ein Gefühl? Ein Reflex? Ein Trieb? Ein Effekt? Ein Nebeneffekt?
Vielleicht dies: die Wurzel und das Produkt einer Spaltung.
Die Spaltung findet im Zuschauer statt. Der Anblick des Tötens erschöpft. Er erschöpft und er widert an. Der Rausch des Tötens, sichtbar gemacht, wirkt ansteckend, aber diese Wirkung ist keineswegs einsinnig, sie enthält eine Verdopplung: der Rausch ist wirksam und er widert an. Was daraus entsteht, hängt von Distanzen ab.
Der große Jäger ruft die große Mutter auf den Plan: Mutter Natur, die ihre Hände schützend über die Vielfalt der Arten hält. Das Faktum des Tötens gebiert den Mythos der Gebärerin.
Die Jagd vermenschlicht den Jäger im Zuschauer durch die Berührung mit dem Unmenschlichen.

Beschreibe die Zeit in ihrem Wesen und du findest dich: tot.
Nimm die Zeit aus den Dingen und du findest: Zeiten. Die Zeit, aus den Objekten herausgelassen, ist weiter.

Kobra im Schlafrock
6
Ruhrmuseum-Ebene-12-Gedächtnis3557
 

Fossilized Urban Dinosaurs

Allosaurus, Alphasaurier, Altersarmut, Altnazi, Anfasser, Angeber, Androsaurus, Antikörper, Armleuchter, Armutszeugnis, Aufpasser, Aufschneider, Aufsteiger, Außenseiter, Autofahrer, Barfußprediger, Beatnik, Beckenbauer, Beischlafzigarette, Beistelltisch, Benimmbuch, Brockhaus, Ça ira, Dauerläufer, Drachenlenker, Drachentöter, Dracula, Drewermann, Egoman, Egosaurier, Einflussagent, Elefantenrunde, Engelmacher, Entertainer, Eurokrat, Feuerteufel, Fieberkurve, Freiraum, Fressschalter, Friesennerz, Frontfrau, Frustrationsschwelle, Gastarbeiter, Gegendemo, Gesetzesbrecher, Ghetto Blaster, Glaubenskrieger, Grabscher, Gruselkabinett, Habenichts, Habermas, Hasenfuß, Halbaffe, Handtäschchen, Hantelfuzzy, Heizröhre, Herbergsvater, Herdprämie, Herzensbrecher, Hetzmob, Hilferuf, Himmelsstürmer, Hintermann, Hinterwäldler, Hoffnungsträger, Hooligan, Hosenrolle, Hypererektion, Ideologievertreter, Irrläufer, Karneval, Kinderreichtum, King Kong, Klassenbester, Klassenkämpfer, Koalitionär, Kofferträger, Konterrevolutionär, Kunststopfer, Lachnummer, Latin lover, Leiharbeiter, Liebestöter, Lohndrücker, Märchenonkel, Micky Maus, Mofafahrer, Mr. Spock, Muntermacher, Mutterkuh, Nebeneinkünfte, Neinsager, Neonazi, Nervensäge, Nichtigkeitserklärung, Nichtskönner, Notreserve, Notruf, Nulloption, Ordnungswächter, Ordodenker, Orthokrieger, Paparazzo, Parkwächter, Parteistratege, Partybrut, Pausenclown, Personenkult, Pinup, Portemonnaie, Proporzdenker, Pufferzone, Putzfimmel, Quartalssäufer, Quengler, Querdenker, Quertreiber, Quizsieger, Quotenfrau, Raffzahn, Reformpaket, Reißverschluss, Rennsau, Riesenarschloch, Riesenpleite, Rocklegende, Rowdie, Rumtreiber, Schwerreicher, Seiteneinsteiger, Sesselfurzer, Sexbombe, Siegertyp, Sitzblockierer, Sitzriese, Skinhead, Spartenkrieger, Spielmacher, Spin Doctor, Sonderkonto, Sportgenie, Staatenlenker, Stammzelle, Stegosuppe, Streubombe, Team Player, Terrortruppe, Tetzlaff, Traumtänzer, Treppenwitz, Treibhausgas, Triebtäter, Trittbrettfahrer, Typenrad, Tyrannosaurus rex, Übervater, Ufofan, Ungaretti, Unterweltler, Veganide, Verkehrsopfer, Villenwächter, Vokabeltrainer, Volksvertreter, Vordenker, Vorkämpfer, Wagnerianer, Waldsterben, Wandervogel, Wattwanderer, Weckruf, Werbefritze, Wehrdienstverweigerer, Wesensfremder, Wetterfrosch, Weiterbildung, Welteroberer, Weltgericht, Wiedergeburt, Wirklichkeitsverweigerer, Wissensgigant, Witwenmacher, Witzereißer, Wundertüte, Wutbürger, Ypern, Zugehfrau, Zwangsarbeiter, Zeitungsente, Zeugungsarmut, Zeugungswahn, Zugereister, Zwischenwelt, Zwischensieger, Zwitschermaschine, Zwitterwesen.

FUDs, soweit das Auge blickt.

Kobra im Schlafrock
7
Ruhrmuseum-Ebene-12-Gedächtnis3572
 

Wohin führt uns die Evolution?

Die mittleren Stockwerke sind angefüllt mit Wissen. Man könnte auch sagen: In ihnen ist viel Sachverstand präsent.
Breitensport / Breitenwissenschaft.
Was einer daraus lernt? Fast alles.
Was daraus folgt? Fast alles. Fast nichts.
Warum das so ist? Struktur der Neugierde.
Die Neugierde der meisten geht auf Bekanntes. Sie wollen wissen. Sie wollen mehr wissen, aber nur, soweit es kategorial bereits erwirtschaftet ist. Der Rahmen muss stimmen. Wer Geld verdienen will, erfindet keine Währung. Nur wenige erfinden einen neuen Trick, um an Geld zu kommen. Die meisten laufen unter dem Motto: Wo es etwas zu holen gab, wird schon noch mehr sein. Was in der Regel auch zutrifft. Wohin mit dem Geld? Wohin mit dem Wissen?
Das Stopfen von Wissenslücken macht die Wade nicht ansehnlicher, erhält aber den Strumpf.
Bis man ihn wegwirft.
Mancher landet hier.
Die Evolution des Wissens ist die Evolution des Wissensträgers.
Erster Wissensträger: der Mensch.
Falsch.
Erster Wissensträger: das Gedächtnis des Einzelnen. Ein Fast-nichts, kaum zu gebrauchen.
Zweiter Wissensträger: das Gruppengedächtnis. Alle fragen einander ab, unentwegt, unersättlich, unerbittlich. Alle belehren einander: Wissen zirkuliert.
Dritter Wissensträger: das Archiv.
Die Evolution des Wissens ist die Evolution des Archivs.
Sicher?
Keine Evolution ohne Zirkulation.
Keine Zirkulation ohne das unansehnliche, ›schmutzige‹, bilderbedürftige, notorisch unzuverlässige, intermittierende, zu Fehlschaltungen neigende, wunschgesteuerte, interessengesteuerte, fortwährend überforderte, fortwährend unter Druck gesetzte Gedächtnis der Einzelnen.
Hier kennt es sich aus.

Kobra im Schlafrock
8

Am Limit

Das ästhetische Minimum ist das Gerümpel. Welches Gerümpel es ins Museum schafft: keine Frage. Entweder du schaffst es oder du schaffst es nicht. Was für Menschen gilt, gilt auch für Dinge. Selektiert wird immer. Ein Spalt öffnet sich, etwas purzelt herein. Etwas. Sieh an. Sieh es dir an. Schau genau hin und du wirst entdecken, was dir nie zuvor auffiel. Etwas. Etwas aus etwas – darin besteht das Minimum. Die Welt in der Nussschale, das Universum im Wassertropfen, das Große im Kleinen, die unendliche Vielfalt der Bezüge im simpelsten Gegenstand: Wahrnehmung lebt von solchen Effekten, sobald sie aus dem Kreis der Bedarfssicherung heraustritt. Das Kerbholz neben dem Wasserkocher, die Nadel neben dem Heuhaufen – ein Ereignis. Wozu hat man’s gebraucht? Welche Frage! Das Objekt sinkt zurück, der Merker schiebt sich nach vorn, stolz darauf, gebraucht zu werden, er fremdelt in dieser Umgebung und wirklich, die Umgebung fremdelt mit ihm, versinkt in Schweigen, geht ihrer Wege. Wie kann das sein? Verstehe, wer will. Hier wird nicht verstanden. Vielmehr: wer hier nicht versteht, wer den Merker zur Hilfe ruft, für den ist diese Welt nicht geschaffen. Er möge sich trollen. Die Mütze dort: Überbleibsel von ’48, das Plakat da, schreiend: von ’24. Na und? Stehst du deshalb davor? Da könnte jeder Fetzen hängen und deine Inbrunst wäre dieselbe, abgestuft nach Blau, Gelb, Rot.
Die Inbrunst des Betrachters: halb voll, halb leer. Ein loser Vogel, pfeifend im Dunkel. Ein Trittbrettfahrer des Universums: Wer hat das erdacht? Wieviel hat er dafür bekommen? Ist das reell?
Da: Menzels Eisenwalzwerk (Kopie). Auch das: Gerümpel. Wie kommt es hierher? Der Blick weitet sich: Ah. Jedes Detail lebt. Welches Detail? Keine Ahnung. Man ahnt das Ganze. Das Ganze, es ahnt zurück. Welche Zumutung. Das ist ganz ganz wichtig. »Der Künstler mutet uns zu« – wirklich? Welche Überraschung! Die Wundertüte am Ort der Wunder: Sieh hinein! Sieh dich satt! Und dann: Ergib dich! Ergib dich in dein Schicksal, Mensch zu sein, ein Wunderläufer, ungläubig-gläubig, Thomas, spektakelsüchtig, leicht abzuspeisen, bevor es zurückgeht ans Werk, an die Arbeit, an die Front.
Wo immer du gehst, ist Front. Aber eben nicht: deine.

Kobra im Schlafrock
9

Die Schulhefte des Objektkünstlers B.

Beuge das Haupt und dir wird gebeugt: Gesetz des Spiegels. Nicht alle Museumspfade verlaufen eben, es sind Schrägen hineingebaut, Niedergänge, Aufgänge, je nach Begehr. Was in einer Ebene liegt, was ein Blick umfasst, es wird sich erschöpfen, also erschöpft es sich schon. In dir, wo sonst. Erschöpft, ermüdet, gelangweilt kehrst du dem träge spiegelnden Ölbecken den Rücken und reihst dich ein: abwärts, warum nicht abwärts? Es gilt, einen Blick zu erhaschen, einen Blick nur, zwei vielleicht, denn das Geschiebe ist mächtig.
Im Abwärtsgehen beugt sich das Haupt. Das ist ganz natürlich, die Anatomie hat es dir eingeschrieben. Also lässt man dich abwärts gehen. Ein Trick, natürlich. Das Ganze ist ein Trick. Du schiebst und wirst geschoben. Ein Mangel an Weite, Freiheit, Sicht, künstlich hergestellt zur Bedeutungssteigerung. Denn was auf dich zukommt, ist ›wichtig‹: die Kunst des Heute. A star is born. Das Heute, ein Fleck an der Wand, kann nicht warten. Es ist ein Verdichter. In ihm stapelt sich Zeit – Zeit des Entstehens, Zeit des Wirkens, Zeit des Bewahrens, Zeit des Vergessens –, sie stapelt sich und der Druck der Menge schiebt sie zusammen. Schon vergessen, worum es geht? Frage den ersten, der gerade im Begriff steht sich einzureihen. Nein bitte, frage ihn nicht.
Er ist nicht der erste, er ist, in einer langen Reihe, der letzte. Ihn zieht die Menge an, nicht das Objekt. Das Objekt kann warten, so wie er sich zu warten entschlossen hat – komme, was da wolle. Das Urteil der Menge, das ist sie selbst. Kein Zweifel, dort vorne ist etwas, das muss es sein. Ohne die Zeit des Wartens wäre es nicht, was es ist, er wäre rasch mit ihm durch, es sagte ihm ›etwas‹ oder auch ›nichts‹, in jedem Fall wäre die Sache abgetan, bevor sie sich richtig entfalten könnte, denn eine gewisse Gleichförmigkeit der Anstrengung ist den im Raum versammelten Objekten anzumerken und verleitet dazu, sie nicht ganz so ernst, nicht ganz so wichtig zu nehmen...
Das Heute kann nicht warten, das Objekt schon. Wie klärt sich der Widerspruch? Klärt er sich denn?
Offenbar nicht.
Die Schulhefte des Objektkünstlers B. (denn um sie handelt es sich) verlangen nicht nach Betrachtung. Sie erheischen Aufmerksamkeit. Worauf? Auf seine schulischen Leistungen? Eher nicht. Aber es gibt keine anderen. Nicht an dieser Wand.
Das muss es sein.
Der Räuber beherrscht das Feld.

Vergangenheit macht Leute

Die Vergangenheit kommt mit
1

Was haben Dürrobst und Friedenwanger gemeinsam?
Richtig: eine Vergangenheit.
Was die anderen davon mitbekommen, sind Bruchstücke, Brocken, Krümel, die von einem reichlich, aber unsichtbar gedeckten Tisch fallen, an dem beide mit gewichtigen Mienen sitzen und sich bedienen.
Das ist nicht die Vergangenheit, die jeder unvermeidlich mit sich herumträgt, um ihr hier und da ein paar Utensilien für den Tagesgebrauch zu entnehmen. Vielleicht täuscht der unsichtbare Reichtum auch, die Tischoberfläche ist leer und die Brosamen, die jeder der beiden unter sich wirft, stammen aus getrennten Proviantbeuteln, wie sie Taubenfütterer mit sich führen.
Das würde zum Beispiel erklären, warum, sobald einer zugreift, der andere zusammenzuckt, um sofort seinerseits etwas herauszuholen, womit jener nicht gerechnet hat. Es scheint auch nicht recht zu passen, zumindest scheint die gemeinsame Fläche nicht hinzureichen, um beiden ausreichend Platz zu bieten, so dass jeweils einer des anderen Beitrag vom Tisch wischt, ohne dass die zweifellos vorhandene Gegnerschaft dabei von Wichtigkeit wäre. Eher hat man den Eindruck, sie würden sich gern verständigen. Aber die Materie oder die Weise, in der sie sich angeeignet haben, oder die erworbene oder einzig zugelassene Art sie zu artikulieren lässt es nicht zu.
Zweifellos sind sie verständigt. Gerade das verblüfft den Außen­stehenden. Vielleicht auch nicht, vielleicht trägt jeder, ohne es sich einzugestehen, gerade so eine Vergangenheit mit sich herum und es bedarf nur des passenden Partners, um sie hervorzulocken und die unsichtbare Mahlzeit beginnen zu lassen.

Die Vergangenheit kommt mit
2

Ein anderes Bild: Dürrobst und Friedenwanger rudern gemeinsam auf einem See. Glatt liegt die Oberfläche, was sich darunter abspielt, darf geahnt werden; es dringt nicht durch. Zur gleichen Zeit, jedoch an unterschiedlichen Punkten schneiden die Ruder die Oberfläche, tauchen ein und rücken zäh gegen einen unsichtbaren Widerstand vor, heben sich, ziehen ein paar Tropfen ans Licht, senken sich, schneiden die Oberfläche usw.
Was besagt so ein Bild? Sind die beiden Komplizen? In welcher Sache? Aber von einer gemeinsamen Sache zu reden, liegt darin nicht die Verfälschung? Vielleicht, vielleicht nicht. Jedenfalls besitzt diese Rede und letztlich die Sache selbst eine Oberfläche und etwas, das sich darunter verbirgt. Immer verbirgt sich etwas unter der Oberfläche, das ist ganz normal. In diesem Fall aber – gerade in diesem Fall – erweist es sich als fatal, weil beide Ruderer sich als Spezialisten für das, was unter ihr liegt, ausgeben, es womöglich auch wirklich sind, während die Oberfläche, die ihre Ruder rhythmisch durchschneiden, sich ebenso rhythmisch auch wieder schließt, vielleicht nie geöffnet hat, ganz sicher niemals geöffnet hat.
Es ist der Widerstand, der sie so hoffnungsvoll stimmt, an der Sache dran zu sein, ein wirklicher, durch nichts wegzuleugnender Widerstand ohne Zweifel, aber doch nur etwas, das sich in der Muskelarbeit, also in einem physisch interpretierten Begehrenskomplex kundtut. Der Wunsch voranzukommen, den gegenwärtigen Zustand gegen einen besseren aufzugeben, vielleicht sogar die Gegenwart selbst für die Zukunft dranzugeben, dieser einerseits verständliche, andererseits illusorische Wunsch trifft auf diesen unvermuteten Widerstand aus der Tiefe, vielleicht ruft er ihn auch hervor oder er selbst ist der Widerstand, nur andersherum interpretiert.

Die Vergangenheit kommt mit
3

Friedenwanger fährt mit dem Stadtbus

  • ―Da stellt sich der Alte vor mich hin und verlangt von mir, dass ich ihm meinen Platz abgebe. Ich sage ihm, ich denke nicht daran. Ich habe genauso bezahlt wie er und bin kein Springinsfeld mehr. Da sagt der Alte, sie hätten lange genug den Buckel hingehalten. Nicht mit mir! Ich schaue ihn an, schaue in dieses gescheiterte Gesicht und sage mit lauter Stimme, so dass alle mithören können: Ihr seid es, die den Karren in den Dreck gefahren haben, und wir können ihn da herausholen. So sieht es aus. Der Alte hat nicht gemuckst. Aber ich habe den Hass in seinen Augen gesehen. Sie hassen uns immer noch. Man darf ihnen nicht nachgeben. Das Spiel ist noch lange nicht aus.
Die Vergangenheit kommt mit
4

Friedenwanger wirft, während er spricht, den Kopf in kleinen Bewegungen hin und her. Unauffällig lotet seine Rede den Raum zwischen ›zurückhaltend‹ und ›theatralisch‹ aus. Aber die meiste Arbeit leistet der stahlgraue Blick, der groß und fest den Gesprächspartner fixiert – nicht ›bohrend‹, das nicht, doch unbedingte Beistimmung heischend. Kann man ihm folgen? Darf man ihm folgen? Der taubenblaue Anzug wandelt sich zur schimmernden Rüstung, auf ihrer spiegelnden Oberfläche, seitenverkehrt, malen sich blässliche Genre-Szenen, zusammengewürfelt aus megaphon­bewaffneter Generations­rabulistik, ruppigen, doch vergleichs­weise harmlos verlaufen­den Rangeleien mit der Polizei und –: weiter wagt die Phantasie sich nicht vor, sie fühlt sich ausgebremst durch die würdevolle Erscheinung, die den Gedanken an politisch motivierte Straftaten in der Jugend ebensowenig zulässt wie an häusliche Dauer-Auseinandersetzungen mit einem versteinerten Vater, der aus der Nazi-Vergangenheit nur oberflächlich den Weg in die Gegenwart fand. Um die Wahrheit zu sagen – es ist hohe Zeit, die Wahrheit zu Rate zu ziehen –, du glaubst dem geschätzten Kollegen die Emphase nicht, die er in dieser Sache an den Tag legt, obwohl sie zweifellos etwas Überzeugendes an sich hat, das schwer zu ergründen bleibt.

Die Vergangenheit kommt mit
5

›Das haben wir gemacht‹

Der Schlaf der Welt ist keine einfache Sache. Der Wunsch, einer von denen zu sein, die an ihn gerührt haben, ist weit verbreitet. So glauben viele, die allgemeinen Verhältnisse, unter denen sie leben, aktiv mit herbeigeführt zu haben. Neben dem kleinen eigenen, ziemlich hässlich anzusehenden Ego verfügen sie über das groß geschriebene WIR, das alle umfasst, denen man sich in dieser Sache verbunden weiß.

Vermutlich hat sich niemand jemals mit ihnen darüber verständigt. Wie auch? Schließlich bezeichnet das WIR keinen Personenkreis, dessen Anschriften man dem Telefonbuch entnehmen könnte. Eher solltest du es eine ›Verständigungsmaschine‹ nennen: wo zwei oder drei Personen in seinem Namen beisammen stehen, fällt die Verständigung leicht, auch wenn man sich in der Sache uneins ist; eins und uneins sein bedeutet im Blick auf die Vergangenheit, aus der man kommt, praktisch dasselbe.

Wenn Dürrobst und Friedenwanger im Kollegenkreis aufeinander losgehen, dann geschieht das stellvertretend, fast wie auf dem Theater, sie sprechen allen aus der Seele, die mit dem gleichen WIR infiziert sind und gerade deshalb weder dem einen noch dem anderen Kontrahenten ›voll‹ zustimmen können, auch wenn ihre Stimme am Ende einem der beiden zufällt – was nicht allzu oft geschieht. Die anderen hingegen quittieren diese Auftritte schweigend, vermutlich schon deshalb, weil ihnen das Organ fehlt, das Einstimmung oder Dissens verfügt. Auf sie wirkt das WIR wie eine Barriere, die ihnen den Zutritt zum Kampfplatz verwehrt, sie bleiben Zuschauer im eigenen Haus, Ausgeschlossene von Prozessen, die in den von ihnen mitgetragenen Entschlüssen und ihrer Umsetzung ebenso virulent sind wie in aller oberflächlichen ›Meinungsbildung‹, bei der es letztlich um nichts anderes geht als darum, auf welcher Seite das Gewicht der eigenen Stimme besonders apart zur Geltung kommt.

Die Vergangenheit kommt mit
6

Und? Haben Friedenwanger und Dürrobst an den Schlaf der Welt gerührt?
Um das zu beurteilen genügt es nicht, den Reden zu lauschen, die sie in irgendwelchen Gremien führen. Der historische Friedenwanger findet sich auf den Fluren der Pyramide, in zusammenstehenden Grüppchen, flüchtigen Ballungen, die sich zerstreuen, sobald ein unbekanntes oder allzu bekanntes Gesicht sich ihren Rändern nähert. Anders als in offiziellen Debattenräumen, wo Friedenwangers Antlitz bei aller verbalen Verve stets einen fragenden Ausdruck behält – »Gibt’s das? Ist das denkbar? Könnte mir das jemand erklären?« –, liegt an solchen Orten ein Ausdruck von Ver­schmitzt­heit auf seinen Zügen und lässt sie glänzen. Die Pein, sich messen zu müssen, ist von ihm abgefallen. Friedenwanger ist Meister aller Klassen und beherrscht das Feld.
Welches Feld? Böse Zungen antworten: das Feld der Denunziation. Doch das enthält eine schwere Verkennung der Tatsache, dass er stets der Sache verpflichtet bleibt. Welcher Sache? Nun ... es gibt sie ... die nur gemeinsam anzugehenden, unaufschiebbar gewordenen, in konzentrischen Kreisen – Lehrstuhl, Institut, Fakultät, Pyramide, Land, Bund, Europa, der Westen, »unsere verdammt kleine Welt« – aufgehenden, überall die gleichen Oberflächen-Muster aus Naivität, Hinterhalt und Intrige produzierenden Anliegen, in deren Namen der unermüdliche Arbeiter bereits unterwegs ist, während seine Umgebung noch von den sanften Tentakeln der Desinformation geschaukelt wird.
Das kann »inhaltlich durchaus differieren«.

Die Vergangenheit kommt mit
7

Friedenwanger ist überraschender Volten fähig, wenn es gilt, ein gestecktes Ziel zu erreichen – vor Ort, natürlich, sein Briefwechsel mit dem Staatssekretär, aus dem er hemmungslos nach dem Gedächtnis zitiert, ist legendär, aber auch vor der Geschichte, wie man aus leicht zusammengekniffenem Munde vernimmt: »Nein, ich schäme mich nicht. Warum sollte ich? Als wir jung waren, hielt man die Frauen ja praktisch in Käfigen. Wir haben sie da rausgeholt. Irgendjemand musste es irgendwann tun. Darauf bin ich immer noch stolz. Auf anderes weniger, aber darauf bin ich stolz. Das wird bleiben. Das ist unser Ruhmesblatt in der Geschichte.«

Ein frisch Hinzugekommener fühlt sich von Blicken befingert, die sagen: »Schreiben Sie das auf, junger Mann!«

Abrakadabra
1

Ich bin eine Kobra. Du bist eine Kobra. Ich du er sie es wir ihr sie: sind Kobras. Alle sind Kobras.
Was hat das zu bedeuten?
Im Zweifel: nichts Gutes.
»Es ging uns gut, bis du kamst.«
Das Rede-Gift, einmal eingeführt, wirkt tödlich. Auf lange Sicht sowieso, auf kurze mitunter auch.
Es gibt Gegen-Seren, die den Krankheitsverlauf strecken. Aufhalten können sie ihn nicht.
Das Wort, das ›aus einem Munde kommt‹, ist letal.
Können Wörter heilen?
Gewiss. Aber warum sollten sie?
Den Fluss der Wörter unterbrechen – durch ein Wort –: wer wollte es nicht?
Das Machtwort: eindrucksvoll, verfügend, annähernd wirkungslos.
Das wissen alle.
Das leise Wort, geflüstert, kaum vernehmlich: wer trägt es weiter?
So genau weiß das keiner.
Der Rede-Fluss: absonderliches Bild. Auf diesem Fluss fahren alle dahin.
Im Biwak der Mundtoten herrscht reges Kommen und Gehen. Warum das? Reden sie nicht? Aber sicher. ›Darum geht’s nicht.‹
Worum geht es dann? Gute Frage. Vielleicht die beste von allen: Wer bestimmt, worum es geht?
Das ist eine akademische Frage. Oder: es wäre eine akademische Frage.
Denn auch da gilt der Satz: Darum geht’s nicht.
Worum geht es?
Worum es geht, das bestimmt sich (fast) von selbst.
Die gemeinsame Sache ist selbst-bestimmt (oder selbst-bestimmend?).

Diskursfiguren
A (binär)
(Stegreiter 2011, 25)
Diskursfiguren 1
Abrakadabra
3

Warum eine Ordnung sich hält? Frage lieber, warum sie fällt. Ordnungen fallen aus tausenderlei Gründen, die sich leicht auf einen reduzieren lassen: Es fällt nicht mehr genug ab. Sie nennen es: gegen die Wand fahren. Aber da ist keine Wand. Da klafft auch kein Abgrund. Es klafft etwas anderes: der immer vorhandene Spalt zwischen Erwartung und Erfüllung geht auseinander, die Empfindung des Unvermögens wandert von der subjektiven Seite zur objektiven hinüber: nicht ich bin länger schuld, wenn aus meinen Träumen, Wünschen, Begehrungen nichts wird. Es sind die Verhältnisse und sie müssen geändert werden.
Welche Verhältnisse? Und: Wie ändert man Verhältnisse? Wer ändert Verhältnisse?
Niemand ändert Verhältnisse. Sie ändern sich oder sie ändern sich nicht. Die Veränderung (falls sie eintritt) hat viele Väter (und Mütter). Sie alle – oder einige von ihnen – haben etwas getan. Sie haben etwas bewirkt, so scheint es ihnen, doch das ist nicht kontrollierbar. Zwischen Tun und Wirkung klafft dieser seltsame ... Abgrund, in den niemand hineinschauen kann, ein Abgrund ohne Tiefe, ohne überbrückbare Distanz, ohne Augen. Er blickt dich nicht an, er blickt von dir fort.
Für den Handelnden sind die Verhältnisse klar: Er handelt und etwas geschieht. Oft genug denkt er, es geschieht nichts und all sein Handeln erscheint ihm vergeblich. Aber da nie nichts geschieht, ist auch das Illusion. Geschieht etwas, so rechnet er es unter die Wirkungen seines Tuns: Steter Tropfen höhlt den Stein. Oder: das richtige Zeichen zur richtigen Zeit. Ein gutes Wort dafür wäre Selbstverrechnung – das Selbst, in Prozesse verstrickt, verrechnet sich, es verrechnet sich realiter, es verrechnet sich unbedingt, es verrechnet sich relativ zu dem, woran kein Zweifel besteht, weil es keinen Grund sieht, aus dem es zweifeln sollte. Es will nicht.
Für den Nicht-Handelnden sind die Verhältnisse ›erst einmal‹ undurchschaubar, das heißt ein Anlass für immer neu sprudelnde Hypothesen. Wer auf eine einzige Ursache setzt (oder vertraut), ist nicht bei Trost. Erst die Ursachenreihe ist stark genug, Zweifler mitzuziehen, vorausgesetzt, es findet sich mindestens eine darunter, die nicht mehr loslässt – einer mit Widerhaken. Und Zweifler sind alle, teils aus Profession, teils aus Nicht-Profession: »Überzeuge mich, wenn du gut bist.« Ist das gut für Verhältnisse? Oder doch eher schlecht? Auch das bleibt undurchschaubar. Verhältnisse wandeln sich oder sie wandeln sich nicht. Das liegt daran, dass sie Verhältnisse sind – weder fest noch beliebig, weder sicher noch unsicher, weder ›begriffen‹ noch unbegreiflich, weder handfest noch abstrakt, weder festgefahren noch frei flottierend: das alles sind – oder wären – Hilfsvorstellungen, geeignet, sie unverhältnismäßig stark zu beurteilen und damit zu verfehlen.

Und doch gibt es Menschen, die unter den Verhältnissen leiden.

Abrakadabra
4

Jede Ordnung schickt ihre Schläger voraus. Wer Unordnung schafft, will provozieren. Ein Dürrobst will provozieren. Was will er provozieren? Unordnung? ›So etwas‹ würde er weit von sich weisen: als Unterstellung, als ›wirkliche Perfidie‹. Provoziert wird immer ›die Ordnung‹. Friedenwanger hingegen, der Zukunftsfrohe, steht für die Ordnung im Kampfmodus: »Wir haben sie erkämpft.« Wir haben sie hart erkämpft, sie ist die neue Ordnung, wer will, kann sie am Krawattenarsenal ablesen, dessen Farben auf subtile Weise Auskunft geben über den Stand des Gelingens: hellrot, blassrot mit Streifen von lichtem Grau, rot mit grünen Tupfen, grün mit roten Tupfen, rosa, gelb-rosa an manchen Tagen, doch das bleibt selten.
Des Gelingens? Nein, das ginge zu weit und nicht weit genug. Lotta continua: Der Kampf geht weiter. Welcher Kampf? Der Kampf ums Bestehende: ›So weit sind wir gekommen. Morgen sind wir weiter.‹ Nachrichten aus diesem Kampf sind Nachrichten aus dem gelingenden Leben. Niemand, Friedenwanger ausgenommen, überblickt seine Kämpfe. Er – er allein – ist der Atlas, der das Erkämpfte auf seinen rundlichen Schultern balanciert, und er ist WIR. Sei nicht erstaunt: Er ist es wirklich. Keiner würde ihm in diesem Punkt widersprechen, sein Wir ist fest in den Köpfen der Zuhörer verankert, mühelos erhält es jeden Zuspruch, um den es buhlt. Nein, falsches Wort: dieses Wir buhlt nicht, es heischt. WIR ist wir. Nie waren wir weiter.
Dürrobst dagegen: ein Entwerter. Sein Leitsatz, ließe er so etwas zu, hieße: Wie gewonnen, so zerronnen. Eine Ordnung, mit der sich Dürrobst befasst, sieht alt aus. Sie muss fallen, so oder so, sie ist bereits gefallen und zerfällt immer weiter unter den Händen gefallener Engel, unfähiger Vollstrecker, keines genuinen Gedankens fähig, nicht einmal lauter oder intelligent genug, ihn zu erkennen, sofern er einem von ihnen erscheint. Sie würden ihn nicht erkennen – geschweige denn anerkennen. Ist Friedenwanger einer von ihnen? Nun, er ist ... ein Kollege. Zweifellos ist sein Wir auch das eigene. Ein anderes müsste, wie die Verhältnisse, von denen Dürrobst träumt, erst noch erfunden werden. Andererseits, was wäre die Welt ohne Friedenwanger? Entkernt, ohne Zweifel.

Abrakadabra
5

(Vergiss nicht die abbiegende Jogger-Truppe, inmitten der Bewegung eingewiesen durch ihren Flügelmann, den Angeber, oder Maler Momptis fröhliches Luftfloß, auf dem einer steht und die Richtung angibt, unbekümmert darum, dass niemand hinschaut und nirgendwo ein Steuer existiert. Je größer die sich weiterwälzende Gemeinschaft, desto bedeutungsträchtiger und sinnloser die richtungweisenden Gesten, desto ausschlaggebender der Mechanismus der Gruppe, die sich um sie nicht schert. Was bleibt, ist Front-Bewusstsein: die fixe Idee, die Bewegung aller an vorderster Front vollzogen zu haben, es getan zu haben, als es an der Zeit war, am besten alles, ohne Fehl und Tadel, soll heißen ohne Rückstand auf den, der unerkannt als erster durchs Ziel ging.)

Diskursfiguren
B (sequenziell)
(Stegreiter 2011, 28)
Diskursfiguren 2
Abrakadabra
6

Jeder Aufbruch verdankt sich einem Zweifel.
Jeder Zweifel verweist auf ein Denksystem, dem er entstammt.
Wohin es nicht reicht, davon schweigt auch der Zweifel.
Dürrobst/Friedenwangers Zweifel gehört der ›offiziellen Version‹, gleichgültig, woher sie kommt und welches Gebiet sie okkupiert.

Überzeugt davon,
– dass es stets eine offizielle Version gibt,
überzeugt ferner,
– dass sie stets das Ergebnis dubioser Interessen darstellt, die nur schonungslos offengelegt werden müssen, um den Wahrheitsanspruch der offiziellen Version als das zu entlarven, was er fraglos darstellt – ein ideologisches Täuschungs­manöver –,
überzeugt schließlich,
– dass unter der offiziellen Version stets eine zweite lagert, die den eigenen Anforderungen an Aufklärung Rechnung trägt, also wohl als Wahrheit zu gelten hat,
überzeugt bei alledem,
– dass sie und ihresgleichen als die vom Weltgeist bestimmten Zuträger dieser Wahrheit das Recht und damit auch die Pflicht haben, sie überall und in jedem Fall zu verbreiten,
lassen sie weder die Intimität von Lebensäußerungen noch den privaten Charakter von Informationen gelten, die Zufall und Absicht ihnen zuspielen. »Ich kann das nicht akzeptieren«, Friedenwangers Standardformel, müsste, wenn es ein Mittel gäbe, sie in all ihren Anwendungen sichtbar zu machen, gleich einem Gewirr in- und übereinandergemalter Graffitti die Wände der Pyramide bedecken.

Abrakadabra
8

Wäre das Leben nicht endlich, so wären es die Ideen.

Diese beruhigende Überlegung bedarf in der Causa Dürrobst/Friedenwanger einer Ergänzung.

Als gut auf einander eingestellte Kombattanten, die sich hüten, allzu oft gegeneinander anzutreten, wohl wissend, dass auch das Verschleiß bedeutet, inszenieren sie ihr endloses Gegeneinander als Schlagabtausch zweier Narren, die vom gemeinsamen Aufbruch nur die entgegen­gesetzten Illusionen zurückbehalten haben, also von ideellen Vorräten leben, die nur deshalb unendlich erscheinen, weil die Gesellschaft sich offenbar nicht mehr aus ihnen bedient. Worin der gemeinsame Aufbruch bestand, diese Frage könnte keiner mit Bezug auf sich selbst genau beschreiben. Ihre Erinnerung verliert sich im Gestrüpp immer gleicher und immer unterschiedlich erzählter Geschichten.
Wo bleibt die Gesellschaft? Man kann nicht sagen, sie höre zu, obwohl genau das der Fall ist. Die Verhältnisse sind, wie sie sind. Die Gesellschaft hingegen ... wäre alles, was nicht sie ist, zum Beispiel ihr Gegenstand. Nichts lässt sich in Gesellschaft leichter bereden als die Gesellschaft. Reden über die Gesellschaft sind Reden um nichts. Aber man erfährt dabei mancherlei, zum Beispiel Privates, das sonst nie den Weg ins Gespräch finden würde.

  • ―Ist hier jemand? Offensichtlich nicht. Sprechen wir also weiter.
  •  
Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Gedanken ist ein Gedanke
1

Beine, die dem Himmel den Star stechen, nicht, weil sie so unfassbar lang wären, sondern weil sie aus den Tiefen des ausgesessenen Kanapees herausragen, als erfüllten sie ein Programm (was auch stimmt, denn ihre Trägerin hat sich vorgenommen, nicht vor Schluss des Aktes zu weichen, den sie mit der nüchternen Akribie einer Hebamme vorbereitet, um sich von ihm pünktlich überraschen zu lassen): darauf ist Tronka nicht vorbereitet. Ein bisschen erinnert ihn die kaleidoskopische Versetztheit von Rede und Gebärde an den Antagonismus der gesellschaftlichen Kräfte, mit dem er in den Kampf-Seminaren seiner Frühzeit traktiert wurde. Eine Kraft drückt auf die andere. Aber gemeinsam drücken sie doch in eine Richtung. Jedenfalls nehmen sie den jeweils erreichten Stand an Intimität als das schicksalhaft Gegebene hin, aus dem sich zwingend alle weiteren Operationen herleiten.

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Gedanken ist ein Gedanke
2

›Intimität ist Fremdheit.‹ – Mit diesen Worten entriegelt einer, der sich selbst gern als Mann, der weiß, was er will, respektieren möchte, vor der gekrümmten Folie seines beunruhigten Gefühls den klaffenden Trichter, in den er sich stürzt, als könne er damit ein Ergebnis erzwingen, was nicht der Fall ist.

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Gedanken ist ein Gedanke
3

Was ist läppisch?

  • ―Das Leben an eine Affäre wegzuwerfen, das ist –
  • ―Wer wirft hier was weg? Welches Leben? Diese Rede ist durchgestrichen, verboten, verstehst du? Falsches Bewusstsein. Wer wegwirft, sammelt auch wieder ein. So ist das Leben. Nachts wirft einer weg, tagsüber sammelt er wieder ein. Oder umgekehrt. Je nach Lage. Je nach...
  • ―Hör mal, du klaust ihr, ich sage ja nicht: die besten Jahre des Lebens, das klänge jetzt kitschig, obwohl, im Grunde... Ist das fair? Ist das legitim? Das kannst du doch nicht machen. Also angenommen, du liebst sie jetzt, gegessen, ja wirklich. Und in einem Jahr, meinethalben in zwei oder, große Katastrophe, in fünf oder acht Jahren, wir reden hier nicht von Dezennien...
  • ―Sieh mich nicht so an, du sollst mich nicht so ansehen, nimm den Blick weg.
  • ―So geht das doch. Was dann? Wie weiter? Du schüttelst dich und gehst weg. Und sie? Was ist mit ihr? Geht sie auch weg? Einfach so? Das kannst du zulassen? Nein, das kannst du nicht. Da ist ein ziehendes Gefühl in dir, das sagt, nein, das kannst du nicht. Dieses verheulte Wesen da draußen in deiner Zukunft: so etwas kannst du nicht zulassen. Ein zerstörtes Leben: so etwas kannst du nicht zulassen. Du wirst ihr Leben zerstört haben. Aber warum? Weil sie es so will. Warum? Das wissen die Götter.
  • ―Warum denn nicht? Das verheulte Wesen wird sich längst arrangiert haben. Es wird froh sein, dich loszusein. Es wird gar nicht mehr wissen, was du von ihm willst. Aber sie wird, sie wird ... keine Gelegenheit auslassen, dich leiden zu sehen. Denn das wirst du: leiden, dass du sie verlässt, unsäglich leiden, dass du ihr das unermessliche, unausdenkbare, unaus­sprechliche Leid antust, dich aus ihrem unfassbar erhabenen, unantast­baren, unendlich kostbaren Leben zurückzuziehen und es – so geht das – zu zerbrechen. Sie wird die Gelegenheit nicht auslassen wollen, dich leiden zu machen. Also wird sie es tun. Warum? Das weiß nur sie. Und auch das nicht wirklich.
Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Gedanken ist ein Gedanke
4
Die Rede schlägt aufs Gehör, aber sie dringt nicht ein. Etwas fehlt ihr. Es fehlt...
  • Die Fülle des Augenblicks.
  • Ja, die Fülle des Augenblicks.
  • ―Wenn ich jetzt leide, dann nicht, weil ich, in naher oder ferner Zukunft, leiden werde, sondern: weil ich leide. Dieses Leid aber, wie soll ich sagen, es wurde verschoben, verschoben aus der Leidensperspektive in eine andere Di-Dimension. Also: ich kann sie gut leiden. Also muss ich sie leiden. Das ist jetzt ein furchtbares Durcheinander, natürlich muss ich nicht leiden, auch sie nicht, natürlich. Das ist eine Frage der Einstellung, also des Eingestelltseins. Sagen wir, jetzt bin ich so eingestellt, dass ich leiden muss, was geschieht, weil ich es leiden kann, weil es mir so ... eingeht, ja, das ist vielleicht das Wort, es geht mir ein. Eine schreckliche Sache im Grunde, ich muss sehen, wie ich da wieder herauskomme. Schätze mal: striktes zeitliches Limit. Was nicht so einfach ist, nicht so einfach. Ich kann es ja nicht einmal denken, höchstens ganz abstrakt, so obenhin, so... unberührt. So ist es.
  • ―Dieser Gedanke berührt mich nicht. Er ist aber da, berührungslos oder nicht. Und dass er da ist, sagt doch alles. Du musst eine Grenze setzen und du kannst es nicht. Du darfst keine Grenze setzen und du kannst es nicht. Du betrittst ein Geschäft und dein Geld sagt: das alles ist deins. Du blickst hinter dich und die Scheibe sagt: du bist draußen, sobald du es willst. Eigentlich bist du draußen, das hier ist nur ein Intermezzo, gleich geht es vorbei. Der Kerl, der du draußen bist, lacht über den, der hier eine Ware befingert, dort mit dem Blick eine andere streift, weiter gezogen von diesem melancholischen Begehren, das sich nicht erklärt. Nein, der andere lacht nicht, ganz und gar nicht, traurig ist ihm zumute, nie hätte er gedacht, dass gerade hier, an dieser etwas windigen Stelle, das Warten beginnt. Darauf war er nicht eingestellt. Er ist schon weiter, verstehst du, er ist ein bisschen vorgegangen, ohne gegangen zu sein. Dir zuliebe bleibt er zurück. Aber nur ein bisschen. Das musst du verstehen. Verstehst du es? Verstehst du es aus dem Grund?
  • ―Nein.
******DAS***VERSPRECHEN******
 
 
 
                   
Die Schneekugelstadt einer Lichtvitrine
Luftgang 1
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Es gab eine Zeit – ja, es gab diese Zeit, in der ich nur noch weg wollte, wohin auch immer. So um meinen achtzehnten Geburtstag herum ist es dann geschehen. Ich schrieb eine Bewerbung nach Traunstein, der Ort sagte mir nichts, er lag irgendwo im südlichen Bayern, das genügte mir völlig. Egal, dachte ich, nur weg. So schlimm wie hier kommt es nirgendwo auf der Welt. Wissen Sie, 18 zu sein und sein Leben zwischen Schafen und Ziegen zubringen, das ist schwer, wenn man gern zur Schule geht und das Gefühl hat, die Welt steht einem offen. Ich komme aus Cornwall, müssen Sie wissen. Das lag jenseits aller Verkehrsströme. Heute wimmelt es dort von Touristen. Man hatte das Gefühl, von der Welt vergessen zu sein – abgehängt, wie man im Deutschen sagt. Der neue Stern hieß Europa. The continent. Ich hatte einen Kriegskrüppel zum Vater. Die Deutschen waren tabu. Das zog mich an. In Wirklichkeit interessierte mich gar nicht, wie oder was die Deutschen waren. Sie waren anders, das zählte. Und neuerdings waren sie auch erfolgreich, was immer mein Vater über sie redete. Auch das zählte.
Meine Mutter war eine von den Frauen, die ihren Traum jeden Tag mit dem Putzwasser in den Spülstein entleeren. Nichts für mich. Manchmal redete ich auf sie ein, ich nahm an, auch sie habe ihr Leben noch vor sich. Ich dachte, sie müsse gehen. Das Ergebnis war, dass sie mich stärker zur Hausarbeit heranzog. Ich war fleißig, aber es stieß mich ab.
In Traunstein ging es mir anfangs gut. Die Leute waren nett. Sie hatten seltsame Ansichten über die Kinderaufzucht, aber sie ließen mir Raum, den ich dringend brauchte. Ich begriff schnell, wie sie tickten. Eigentlich hatte mein Vater recht mit den Deutschen. Aber ich lernte auch andere kennen. Die Kleinstadt, wissen Sie, die Kleinstadt war das Problem. Also zog ich nach München, begann ein Studium und arbeitete nebenher. Besser gesagt: ich arbeitete und versuchte nebenher zu studieren. München war teuer. Ich glaube, was dann kam, würde Sie langweilen. Entweder man hat ein Fell oder man hat keines. Ich bin nah am Wasser gebaut, aber das will nichts bedeuten. Die Zeit griff nach mir mit beiden Händen. Nun ja, schreiben wollte ich etwas anderes.

Au-pair-Mädchen
1

Du drehst die Kugel, lässt es schneien. Bedeckst einmal diese Figur mit Schnee, das andere Mal jene.

Die Waben, gläsern, verstärken das Licht. Drinnen ist es heller als draußen, fast strahlend, aber grau. Auf dem Schreibtisch, nebeneinander, zwei Frauen, eine teilt sich handschriftlich mit, maschinenschriftlich die andere. Kaum älter als du die eine, ein paar Jahre jünger die andere.

Ist das wichtig?
Offenbar.

Ein paar Jahre hin oder her eröffnen ein anderes Leben.
Und sie verschließen es.

Ein anderes Leben in einer anderen Welt.

Au-pair-Mädchen
2

Du siehst: die Strömungen, in denen sie treiben, die Wirbel, die sie passiert haben, die toten Zonen. Du siehst das alles und es ist: grau. Sie nennen, was sie vor deinen Blicken ausbreiten, ihr Leben, und es stimmt, alles, was da steht, fällt auf sie zurück.

Deswegen liegen sie ja hier. Auf deinem Schreibtisch, in Briefform.

Du bist nicht fortgegangen.
Eine Zeitlang hat es an dir gezerrt: Du sollst, denn du musst. Du musst, denn du sollst. Hier jedenfalls kannst du nicht bleiben. Wo, wenn nicht in der Pyramide, wäre der Fluch des Pharao wirksam? Der Schlaf der Welt ist eine verwickelte Größe, wer an ihn rührt, muss mit Wirkungen rechnen, die weit von allem abliegen, was ihn umtreibt. Wer mit allem rechnet, nur nicht mit Wirkungen, ist nicht Manns, sie abzufangen. Aber du bist geblieben. Heute sitzt du an einem grauen Schreibtisch und blickst durch graue Waben in einen grauen Himmel.
Vielleicht wollen sie, dass du ihnen hilfst.
Auch das bleibt unklar.
Eigentlich wollen sie leben, zwei Tintenfische, die ihre Tentakeln nach dir ausstrecken, zwei Blätter, das eine mit Tintenspuren bedeckt, als reiche es nicht, so ein Leben in die Maschine zu tippen, damit es ankommt.
Nun, es ist angekommen, es schielt dich an, von unten, aus schiefem Blickwinkel, flach hat es sich gemacht, doch bereit sich aufzurichten, auf ein Wort hin, auf einen Blick, eine versteckte Bemerkung, eine Bemerkung zuviel. Vielleicht entschlüpft sie dir heute, morgen, in zwei Wochen oder im kommenden Frühjahr.
Merken wirst du es nicht, nur die Folgen werden dich einholen. Das Unheil reitet schnell. Wer weiß, nicht alles, was geschieht, trägt diesen Stempel. Man muss auch geschehen lassen. Sie wollen ja lernen, dazulernen, weiterlernen, warum nicht du?

Leben ist reziprok.

Wer studiert, wird studiert, wer lehrt, wird belehrt. Such is life.

Au-pair-Mädchen
3

Schwesterliche Klänge, in ein Jahrzehnt zurückreichend, an das du dich nur unzusammenhängend erinnerst, gerade dort den Ursprung der Klagen findend, die Leere, die Enge, das überschlagende Grau, den Abdruck versteinerter Lebensverhältnisse, lianengleich vom Tabu umwuchert, das Entsetzen, geboren zu sein, so geboren zu sein, in diesem Land, zu dieser Zeit, Verrat der Mutter, Unsägliches überdeckend, Schreckens-Drahtverhaue an argwöhnisch beäugten Orten, das verdorbene Schweigen, die ins Kissen versenkte Sehnsucht nach einer Welt der Wärme, des Lichts, des Lärms, des alltäglichen Luxus, der bereisten Erfüllung, des gelebten Traums, nein, des Lebens, des anderen Lebens, frei von Engstirnigkeit und Spießertum, leerer Angeberei und Unverstand, den Lemuren des handnahen Gestern, aus dem es kalt herüberweht, ein Sirenengesang des Todes... Ist das reell?

Au-pair-Mädchen
4

Was davon findet sich in deinem Gedächtnis? Wenig, sehr wenig. Eigentlich nichts. In deinem Gedächtnis wechseln Regen und Sonnenschein, Max und Moritz werfen Steine in finstere Kellerlöcher und rennen davon, sobald die unver­meid­lichen Flüche erklingen. Winnetou und Old Shatterhand geben sich wechsel­seitig Geleit, der letzte Mohikaner reitet über Trümmer­grund­stücke in den Abend­himmel. Die große Schwester hat Geheimnisse mit der Mutter, du fühlst dich ausgesperrt. Eine Tasse Kakao versöhnt dich wieder. Auf den Vater, sofern er Zeit hat, ist, du bedauerst es fast, Verlass. Mag sein, der Himmel hängt ein bisschen bleicher als heute zwischen den leise im Windzug schaukelnden Wäschestücken. Wo in alledem brütet das Ent­setzliche, dem ein schmählich brachliegendes Gewissen zitternd erstmals die Stirn zu bieten wagt?

Au-pair-Mädchen
5

Und doch: so, gerade so und nicht anders muss es gewesen sein. Aber wo? In deiner Kindheit, in ihrer? In ihrer, wo sonst. Kindheit ist nicht gemeinsam. Jede Erinnerung, die das Gedächtnis auf­bietet, endet unter dem unerbittlichen Zugriff der anderen Stimme, die weiß, wie es war. Die Reise in die Vergangen­heit führt in Sackgassen. Keine Kehrtwende lässt dich entrinnen. Nie wirst du erfahren, was war. Dafür vibriert diese Stimme zu sehr, zu anders, zu beschämend für das eigene Gedächtnis, das sich bei der ersten Berührung zusammenzieht, vermutlich, weil es hier nichts ausrichten kann, ein verletzliches Tier, das der Gegenwart eines agileren trotzt. Liegt es am Alters­unterschied? Woran sonst?

Au-pair-Mädchen
6

Woran liegt’s?
Du bist ein anderer Mensch. Ein paar Jahre jünger als sie, aber: Warum bist du der andere? Warum nicht sie? Woher die Sicherheit dieser Stimme, diese uneingeschränkte Sicherheit, die von der gemeinsamen Kindheit Besitz ergreift, als gäbe es keine andere, als müsstest du dich belehren lassen, wie es gewesen ist, in dieser Kindheit, die doch deine ist, weil es weit und breit keine andere gibt, Ursprung der Welt, wie sie seither geworden ist, deiner, aller Welt, auch der ihrigen, von der du, alles in allem, wenig weißt, aber vielleicht mehr als sie, mehr als ihr Wissen zulässt – ein Wissen, das dir, alles in allem, zu sehr mit unbefriedigten Wünschen versetzt erscheint, um reell zu sein?

 

 

Au-pair-Mädchen
7

Warum gleichen sich diese melancholischen Ausbruchsgeschichten wie ein Ei dem anderen?

Warum nicht mehr Differenz?

Warum der ungestüme Ausdruck einer längst verflogenen Sehnsucht nach Weite?

Vor allem erstaunt dich das Schweigen, das in ihnen herrscht, abgesehen von den Szenen, in denen vom Dunst finsterer Waffentaten umwaberte Vatergestalten erdrückende Schicksale über ihre Töchter verhängen, die der befreiende Lufthauch eines Diskotheken­besuchs oder eine neue Freundin, eine neue Rocklänge, eine aufregend provokante Strähne im Haar zu Nichts zerfließen lässt.

Egal, von irgendwoher wirst du es kennen.

Aufbruch, Feuer, Horizont leidenschaftlichen Begehrens.

Und dann das Zauberwort: Au pair.

 

Du bist schon Komplize.

Au-pair-Mädchen
8

Die höhere Lebenslinie: ein Geheimnis wie andere, ein Sinnbild: wessen? Einer gescheiterten Existenz? Aber nicht doch. Nichts scheitert so einfach wie eine Existenz, nichts scheitert so kompliziert, so uneindeutig, so mehrdimensional, so mehrsinnig: in diesem Mehr an Sinn verläuft die Linie, die zu keinem Ende kommt, bis der Tod sie absprengt wie eine Kapsel, die alsbald allein und antriebslos ihren Weg in kosmischer Einsamkeit verfolgt. Eine Linie wie andere auch, die Vergleichbarkeit ist ihr eingeschrieben, vielleicht entsteht sie, das Sehnen abgerechnet, aus dem Vergleich. Leben heißt sich vergleichen, jedenfalls von einem bestimmten Grad des Bewusstseins an, jeder neue Vergleich zeichnet eine weitere Linie ins Gewirr der Selbstdeutungen ein, die ebensosehr Selbstkränkungen sind wie sie dem Selbst schmeicheln. Das Glück, mit sich identisch zu sein, ist wenigen gegeben, man kann es ebensosehr als Unglück betrachten. Aber dann betrachtet man es bereits von außen.

Ein von außen, als sei es das eigene, betrachtetes Glück: darin läge dann das Geheimnis, worin sonst?

Leckebusch ordert eine Moderne
1

Leckebusch, ein Moderneforscher –? Ein Interpret der Moderne: so sieht er sich selbst, so sehen ihn die anderen, andere nicht. Wer sind die anderen? Es sind, nun, die anderen, alle anderen, aber da gibt es Unterschiede, natürlich, unnatürlich, wie auch immer.

In seinem Fach: die Kollegen, die dafür sorgten, dass er berufen wurde. Sie erwarten viel von ihm, noch immer, und sie geben ihm den Freiraum, den er benötigt, um ganz und gar er zu sein, der Leckebusch eben, eine akademische Größe, geachtet und anerkannt, zitiert, viel zitiert, das vor allem, mit einem Ruf, der über die immer zu engen Grenzen seines Fachs hinausreicht. Schließlich ist ein Philosoph nicht einfach ein Fachwissenschaftler, manche Gelehrte erörtern genüsslich die Frage, ob er denn überhaupt ein Wissenschaftler sei. Immerhin ist die Wissenschaft einmal aus der Philosophie hervorgekrochen und hält von sich aus Distanz.

Ferner: die Kollegen, die gern jemand anderen an seiner Stelle gesehen hätten und jetzt die Wahl haben, ihm die Anerkennung ein Stück weit zu versagen oder sie weiter zu spannen als seine Befürworter, die mit ihrer Entscheidung das Ihre geleistet haben und jetzt von ihm hofiert werden möchten, denn auch sie dürsten nach Anerkennung. Anerkennung ist das A und O des Betriebs, sein Schmiermittel, wenn man will, aber die Jagd nach ihr sorgt für Friktionen. In der Regel sorgt sie für klare Urteile, doch sie verhindert sie auch. Sie ist das Ziel, Urteile sind das Mittel. Unklarheit ist das Mittel der Mittelmäßigen: Urteilsminderung durch Aussagen, in denen der Widerspruch nistet, oder Aufschub. Die Dozenten Ruffmann und Schleicher etwa, um auch Namen zu nennen, profunde Vertreter des nachmetaphysischen Denkens, sind sich einig, Leckebusch gewollt zu haben, solange sie die Köpfe zusammenstecken, und miteinander zerfallen, sobald sie vor Dritten darüber reden, ein gesichertes Urteil über den Neuzugang ist so schwer zu erreichen.

Das trifft, naturgemäß, auch auf die Studenten zu, die sich mehr an den Ticks der Dozenten erbauen, teils, weil deren Ruf ihnen schnuppe ist, teils, weil sie ihn über ein realistisches Maß hinaus gewährleistet glauben, schließlich studiert man nicht gern bei einer Lusche. Ihnen sagt der Ruf des Moderneforschers nichts, sie erleben nur den Vermittlungsaufwand im Seminar. Einer Glaswand vergleichbar gibt er den Blick auf die Theoriegebilde frei, aus denen die Moderne sich erbaut, sofern sie sich nicht an ihnen erbaut, was so weit nicht auseinander zu liegen scheint. So weit nicht. Sie sind die Moderne und sie ist ihnen gleichzeitig fremd. Also muss ein Mittler da sein, der ihnen sagt, wer sie sind und worin ihr Los besteht. Doch dieser Mittler darf nicht sichtbar in Erscheinung treten, es sei denn als komische Figur, über die man Witze macht und an der man sein Mütchen kühlt – im Verborgenen, denn schließlich muss man irgendwann ins Examen und es könnte sich als ungut erweisen, wenn die Erinnerung dann eine Fratze zieht.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Als Gönner der Pyramide weiß Leckebusch, wovon er spricht, wenn er am Katheder steht und Erneuerung fordert: renovatio. Die Studenten trifft das Wort unvorbereitet, einige kichern, andere kriegen intellektuelle Gefühle, wieder andere fahren ihre historischen Scheuklappen aus und wittern Unrat. In welchem Jahrhundert lebt Leckebusch? Auf diese Frage hat jemand einen Preis ausgesetzt, aber er wurde noch nicht vergeben. Daran ist nicht ein Mangel an Jahrhunderten schuld, sondern ein Mangel an Präzision. Auf welcher Seite? Auch hier herrscht Mangel an schlüssigen Antworten. Was zeichnet ein Jahrhundert aus, wenn man von den zwei leise klimpernden Nullen an jedem Ohr absieht? Irgendein Ereignis oder eine Ereignisfolge findet sich immer. Damit gibt sich zufrieden, wer will. Die anderen forschen weiter.

Auch Leckebusch forscht weiter. Er hat das Jahrhundert der Aufklärung passiert und steuert die Dardanellen von ’48 an, doch in Wirklichkeit geben die philosophischen Texte, aus denen er sich bedient, solche ›Konkretisationen‹ nicht her. Die Gedanken sind frei – in der Tat, wer will sie begrenzen? Sie begrenzen sich selbst, das ist wahr, noch beim ungebundensten Gedanken findet sich der Haken, an dem er baumelt. Die Politik nimmt alle mit. Ist sie deshalb der große Haken, an dem alles Denken baumelt? Philosophisch lässt sich das nicht begründen. Philosophisch gesehen ist jeder Haken bloß ein weiterer Gedanke, der von anderen abhängt – der eine ›gut nachvollziehbar‹, der andere ›weniger offensichtlich, aber plausibel‹ –, diese Regel lässt keine Ausnahme zu. Gilt sie deshalb uneingeschränkt? Oder: An welchem Haken baumelt sie?

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Warum nur siehst du, wenn du dir Leckebuschs Profil vergegenwärtigst, einen gespannten Bogen mit einem Pfeil, der nicht fliegt? Leckebusch will fliegen, aber etwas hält ihn zurück, er will den Pfeil formulieren, aber er will nicht treffen, er will, wenn es so weit ist, beiseite gehen und das Terrain denen überlassen, von denen er annimmt, dass sie nicht anders können, den notorischen Tätern. Menschen programmieren, das ist sein Traum, die Rede von der ›Vernunft‹, die ›zuallererst‹ praktisch sei, das Werkzeug, dessen er sich bedient. Die Verlässlichkeit der Rede, wie er sie sieht, liegt nicht in der ›abstrakten‹ Wiederholbarkeit, sondern in der Wiederholung, im stetigen Wieder-Heraufholen des einmal Gedachten. Man könnte meinen, er habe sich an den Klassikern festgedacht, so wie sich andere im Umgang mit ihnen losdenken. Nein, er ist kein Fanatiker der Differenz, er muss sich anschließen, um sich aufzuschließen, gerade darin wird er ›eigen‹. Das Weiterdenken ins nicht Gesicherte ist ihm zuwider, er mag die Attitüde, aber nicht den Geist, den er beschwört. Leidenschaft, gepaart mit Verhaltung: so sieht er sich selbst, sobald sein Buchhaltergesicht in einem der Spiegel auftaucht, mit denen er sich umgibt; der Spiegel lächelt dazu.

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Die Moderne, das sind die anderen. Sie, die anderen, wissen nichts davon und verweisen auf wieder andere, am Ende stehen alle auf dem Boden der modernen Verwaltung und wissen, dass sie als Verkehrsteilnehmer das Privileg der Reibungslosigkeit genießen, solange sie ihr Schicksal nicht in die eigene Hand nehmen wollen. Ein Schilderwald sagt ihnen, wo sie zu gehen, stehen, abzubiegen, weiter zu gehen, immer weiter zu gehen haben, welche Geschwindigkeiten zu beachten sind und wo definitiv kein Durchkommen sein wird.

Ein solcher Wald hat nichts zu bedeuten. Aber er bedeutet allen viel und vielen das meiste, wenn nicht alles. Verwirrend erhebt er sich zu ihren Häupten, ungeheuer in seinen Ausmaßen, man könnte sich, nähme man ihn ernst, leicht darin verfahren oder verlaufen. Das passiert oft genug, aber es hält sich im Rahmen des Erwartbaren: selbst Geisterfahrer sind, das wird meist übersehen, Teil des Systems, folgenlos für das Ganze, mit verheerenden Folgen für jene, die’s trifft.

›Die Richtung stimmt‹ – wer mit diesem Grundgefühl unterwegs ist, der hat das Wesentliche begriffen, andernfalls wäre er ›durcheinander‹ und eine Gefahr für die Mitmenschen. Einen klaren Kopf behalten, rechtzeitig abbiegen oder umkehren, falls die Situation es erfordert, verlangsamen, beschleunigen, anhalten – das sind die Tugenden des Verkehrs, ohne die er zusammenbräche, plötzlich, unvermittelt und ohne Schlupflöcher für den Einzelnen. Wer sich im Schilderwald verliert, der hat schon verloren. Wer ihm aber aus den Augenwinkeln heraus Beachtung schenkt, den geleitet er sicher zur nächsten Rast und weiter ins Offene.

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Leckebusch ist sich dieser Tatsache sehr bewusst. Es geschieht ihm, dass er minutenlang an der Ampel steht und es abwechselnd rot, gelb, grün, gelb und wieder rot werden lässt, nicht, weil er in Gedanken versunken wäre, sondern weil er sich von dem Anblick nicht losreißen kann. Das Auge spielt solche Streiche. Gram ist er ihm deswegen nicht. Ununterbrochen gehen die Regelung und das Geregelte ineinander über, ohne dass ein passender Begriff dafür zur Verfügung stünde. Leckebusch spürt, wie die Ströme durch ihn hindurchlaufen, lenkbar, gelenkt, gelenkig, da muss er beinahe lachen. Überhaupt: Sei heiter. Über den Häuptern herrscht Heiterkeit. Man muss sie in die Köpfe hinein praktizieren, das ist eine pädagogische Aufgabe.

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Die Regel oder das unterdrückte Gelächter – mit diesem Vorlesungsthema möchte Leckebusch sich gern dereinst von seinen Studenten verabschieden. Heute wäre die Ankündigung verfrüht und als Geste missverständlich. Warum eigentlich? Weil das Geregelte die Freistellung der Regel erzwingt. Seltsame Vorstellung: die Regelwut im Bauch des Geregelten. Erst der Freigestellte bezwingt die Regel, denn sie betrifft ihn nicht mehr. Auch das ist vielleicht eine perspektivische Täuschung. Schließlich muss man sich an etwas halten und sei es das Gegenteil dessen, was man dafür erhält.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Der ungeheure Ernst der Kollegen: auch das ein Wald, in dem sich verläuft, wer nicht aufpasst. Der Ernst ist die Regel oder: Ernst ist die Regel, heiter ist der Tod. Oder vielleicht doch: ›heiter sei‹? Das wäre dann bereits eine Regel, ›eine zuviel vielleicht‹, wie jene ›Lehrmeinung‹, für die Hans in den Westen ging, um sie hier unauffällig, peu à peu, dranzugeben. Warum gibt einer ungefragt auf, wofür er sein Leben lang gekämpft hat? Welches Licht wirft das auf ein Leben? Das sind so Fragen, die keiner ungestraft den Psychologen überlässt – wie so vieles. Aber vielleicht ist ›Kampf‹ doch nicht die richtige Vokabel, und das Leben ... naja.

Ein Wahnsinn, weiter zu produzieren, jetzt, wo die Nachfrage bei Null liegt. Die Müllberge wachsen in den Himmel.
Und?
Verdunkeln den Horizont.

Allein schon aus ökologischen Gründen verbietet sich das Beharrungsvermögen des Einzelnen. Wer das nicht weiß, ist nicht angekommen oder ein Ewiggestriger, ein Idiot.

Die Menschen kommen gern an. Noch lieber sind sie bereits angekommen und kennen sich aus, ein wenig mehr jedenfalls als die frisch Hereinströmenden. Du liebes bisschen, man glaubt gar nicht, was einer falsch machen kann, der gerade dem Zug entsteigt oder dem länderverbindenden Flieger.

Alles, einfach alles: So will es die Regel.

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Ist Leckebusch angekommen? Nicht ganz, nicht wirklich, nicht so, wie es zu wünschen gewesen wäre. Noch bewahrt sein Gehör das Zischen, unter dem die Kolben der mit kollektiver Braunkohle befeuerten Dampflokomotive auf kapitalistischem Boden zum Stillstand kamen. Das ist lange her, so etwas ging damals noch, heute wird freigekauft. Wie kommt einer an, der freigekauft wurde? Innerlich, äußerlich? Ein Mensch vom anderen Stern. Eine andere Person. Egal ist das nicht.

Ein Leckebusch kommt nicht an, dafür hat er andere. Wie das gemeint ist? Leckebusch denkt nicht, er lässt andere denken. Nicht für sich – bewahre. Er denkt sich hinein, das ist seine Aufgabe, seine Spezialität, wenn man will – ein Virtuose des Andersdenkens, der sich darauf beschränkt, Grundlinien auszuziehen, an denen sich ausrichtet, was zählt: Prominenz, Leute von Rang und Namen, historisches Personal.

Wer zählt? Im Grunde nur jene, an denen die Geschichte der Moderne sich festmachen lässt. Die Moderne ist der Magnetberg, an dem die Menschheitslinien zusammentreffen, der magische Ort, in dessen Umkreis die Trümmer des Vergangenen das Meer bedecken. Die Geschichte der Moderne, das sind die Geschichten von Gescheiterten: auf Knopfdruck abrufbar.

Hinter den allseits bekannten Namen verbergen sich Fallstudien. Eine Sturzflut von Literatur, nicht unfreundlich, jedenfalls nicht zu sehr, nicht so, dass man Akten schließen müsste. Am Ende gleichgültig gegen die Person, um die es sich dreht. Immerhin, sie ist angekommen. Sie hat den Zyklus der Verwandlungen bis ans Ende durchlaufen, und hier steht, voilà, das erwartbare Monster. Die Person, das Wunder des durchgeführten Subjekts, der Freiheitsknoten in der Geschichte, sie ist, still und in Freiheit, an sich krepiert, nicht für sich, nicht durch sich, sondern an sich – unausdeutbar, deutbar, Deutbarkeit pur, ohne Stern und Grund.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Denn eines ›wissen wir‹ – weiß Leckebusch – sicher, die Spatzen pfeifen es von den Dächern der Geschichte: Nur das deutbar Zwingende ruft unabsehbar Deutungen auf den Plan. Da stehen sie, hemdsärmlich, fröstelnd, Volk ohne Spaten, aber mit Raum zum Pinkeln und Nachdenken, dafür bleibt immer Zeit.

Hoher Besuch
1

Du hast eine Weile gebraucht, um dem Geheimnis, das um Leckebusch webt, auf die Spur zu kommen. Heute bist du gewillt, es niederzuschreiben. Geht das: ein Geheimnis niederschreiben? Das Geheimnis einer Person: niederschreiben? Heerscharen von Journalisten rund um den Globus träumen davon, einmal einen Mächtigen niederzuschreiben, wenigstens einen… Aber einen Wissenschaftler? Wer gibt sich damit ab? Wer gibt sich dafür her? Ein Wissenschaftler kann, wie jeder Mensch, stolpern – über Betrug, über kriminelle Machenschaften –, aber nicht über die Macht, die seine Stellung im System ihm einbringt. Wissenschaftler-Macht, gegen wirkliche Macht gehalten, ist eine quantité négligeable. Sie beschränkt sich darauf, Forschungsmittel abzugreifen und die eigenen Leute im Besetzungskarussell ›nach vorn zu bringen‹. Nichts daran ist geheimnisvoll, allenfalls die Teilhabe an diskreten Regierungsprogrammen. Doch in diesen Bereichen ist der Bedarf an Philosophen eher gering. Mag sein, dass Leckebusch hier eine Ausnahme… Wer weiß? Unergründlich dagegen bleibt die Macht der Gremien, in denen erfolgreiche Wissenschaftler einen Großteil ihrer kostbaren Zeit versenken. Unergründlich, unbeschreiblich, unerfindlich: Leckebuschs Tätigkeit im Gründungsrat der Pyramide zum Beispiel wird flankiert von einem halben Dutzend ähnlicher Verpflichtungen an anderen Stätten, gegen die er sich leise sträubt und die er gern erfüllt. Auch das ist ›Bedarf‹. Die Gesellschaft hat Bedarf an Leuten wie Leckebusch. Für ihn ist es eine Ehre. Der Bedarf ist anonym. Die Ehre hingegen... Man hängt sie ihm um und er trägt sie, als sei es die seine, obwohl sie ihm doch verliehen wurde ... auf Zeit. Worin also besteht die Aufgabe? Offensichtlich darin, die Zeit zu dehnen. Wie dehnt man Zeit?

Wie dehnt einer Zeit?

Hoher Besuch
2

Leckebusch, zu Besuch in der Pyramide, lässt seine Macht funkeln: ein Renaissancefürst mit Allüren. Er hat seine Frau mitgebracht, sie streift durch die Stockwerke, ihr Duft, ein leichter, die Atmosphäre lockernder Duft, ein bisschen schwelgerisch, hängt in den Räumen, die sich eilfertig vor ihr öffnen und sich vorsichtig schließen, sobald sie sich entfernt. Ein Pulk junger Leute, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, umlagert sie, wo immer sie aufkreuzt. Zu den Privilegien der Macht zählt, wenig reden zu müssen, mit der Sprache zu sparen, um sie bei besonderen Gelegenheiten strömen zu lassen. Elisabeth hat für jeden ein funkelndes Wort, einmal silberhell, dann dunkel-verschwörerisch oder beiläufig-verstehend, jedesmal scheint es dasselbe zu sein und auf wundersame Weise den Weg zurück in die Tasche zu finden. Man möchte unauffällig drauf beißen, um seine Echtheit zu prüfen. Bis auf ein, zwei Wortführer stehen die jungen Leute stumm beieinander. Beginnt die Wolke sich aufzulösen, reden alle auf einmal, der Bann ist gebrochen, der Schreibtisch hat sie wieder.

Elisabeth ist: eine attraktive Frau.

Elisabeth besitzt die Macht träumen zu lassen. Das ist nicht mehr dieselbe Macht, der Leckebusch einst erlag. Doch geträumt haben muss auch er. Keiner, ihn eingeschlossen, wird je wissen wovon – so weit reicht die Phantasie der Mitmenschen nicht. Der Kern einer Person ist nur von außen einsehbar. Je nach Betrachter saugt er sich mit Ansichten voll, deren Aufgabe darin besteht, ihn sichtbar zu machen. Das hat seinen Preis. Das injizierte Kontrastmittel übertönt die eigentümliche Färbung des untersuchten Organs. Man kann auch sagen: Es löscht sie aus. Was man ›Verständnis‹ nennt, annihiliert den Kern der Person. Nicht ganz: Es zeigt, wie er funktioniert. Darauf kommt es schließlich an – zu wissen, wie einer funktioniert. Ein Schatten dieses Wissens fällt auf die Person zurück. Arme Person, fast erschlagen von den Ansichten anderer Leute, wie kann sie sich wehren? Dadurch, dass sie übernimmt, was ihr in den Kram passt. Oder was sie am stärksten berührt/lädiert. Oder... Der Kern, der wahre Kern, bleibt ›bildbar‹.

Leckebusch ist: der attrahierte Mann.

Hoher Besuch
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In der Pyramide wird nicht geträumt. Was dann? Es wird gearbeitet. Wie wird gearbeitet? Wissenschaftlich. »Woran arbeiten Sie?« fragt Leckebusch Dürrobsts Assistenten, der bereitwillig Auskunft gibt, weil er eine Gelegenheit wittert, an seinem Profil zu arbeiten. »Woran arbeiten Sie gerade?« fragt Leckebusch Friedenwanger, den die Neugier herbeitrieb. Der Unterschied springt ins Auge. Der Professor besitzt ein Profil, er arbeitet daran, es in Bereichen glänzen zu lassen, in denen es bislang nicht oder kaum gesichtet wurde. Die Studenten hingegen, profillos, am unteren Ende der Skala angesiedelt, sind gehalten, ›Arbeiten zu schreiben‹, die außer den Korrektoren niemand zu Gesicht bekommt. Anders das nichtwissenschaftliche Personal, das Schreibarbeiten ›erledigt‹, so als stünden sie Schlange und warteten darauf, geköpft zu werden oder einem anderen archaischen Brauch zum Opfer zu fallen. Die Klangfarbe, die das Wort ›Arbeit‹ annehmen kann, variiert beträchtlich – nicht, weil die Inhalte variieren – das auch –, sondern weil die Stellung in der Hierarchie sie vorschreibt.

Hoher Besuch
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Auch Leckebusch arbeitet. Aber diese Arbeit ist von außen nicht einsehbar. Es bedarf besonderer Vorkehrungen – eines Symposiums, eines Forschungsbeitrags für eine renommierte Fachzeitschrift –, um seine Arbeit sichtbar zu machen, also weiterer Arbeiten, die in Elisabeth, so nah sie ihm steht, die Frage keimen lassen, was er in seiner übrigen Zeit wohl treibt. Er denkt – nun gut, umgeben von Büchern denkt es sich leicht, es ist kaum zu vermeiden, aber Denken ist keine Arbeit. Jedermann denkt. Es ist schwer abzustellen, das Denken, erstaunlich, dass manche Menschen dafür bezahlt werden und in Ämter aufsteigen, in denen sie andere für sich denken lassen können, ohne selbst damit aufhören zu müssen, um ... sagen wir zu arbeiten, also auf vorbereiten Meetings von Mitarbeitern verfasste Reden zu halten, zu debattieren, sich beraten zu lassen, Entscheidungen zu treffen und anschließend in die Sauna zu verschwinden, das freie Wochenende zu genießen, in den Urlaub zu fahren, sich eventuell an einer Regatta zu beteiligen wie andere Verantwortungsträger auch.

Hoher Besuch
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Nein, so denkt sie nicht, noch nicht, es ist mehr das unablässige Gemurmel eines anonymen Begleiters, der ihr in den Ohren liegt, als habe er ihr etwas zu sagen, wolle aber, warum auch immer, seine Identität nicht preisgeben. Wer weiß, in wessen Auftrag er unterwegs ist? Sie weiß es nicht, will es nicht wissen ... nun, sie weiß schon, das Wissen perlt an ihr ab, sie lässst es nicht zu. Immerhin arbeitet auch sie und kennt die Bedürfnisse, die mit dieser Form, sich in der Welt zu positionieren, auf einen zukommen: gerade an dieser Erfahrung gemessen verhält sich Leckebusch merkwürdig, unwürdig fast, jedenfalls nicht familiengerecht und beinahe schon ... asozial, auch wenn dieses Wort in seinen und ihren Kreisen keinen Mitteilungswert besitzt und um jeden Preis vermieden werden sollte, obschon es in den Köpfen spukt. Schon dass ihre Kreise sich nirgends zusammenschließen – wobei sie selbstverständlich ein Ereignis wie den Pyramidenbesuch nicht auslässt und ihre Rolle zu genießen weiß –, deutet auf ein gewisses Dilemma hin. Aber natürlich kennt sie seine Kollegen und hat sich ihr Urteil über sie längst gebildet. Dagegen kennt er ihre Kollegen schlecht, er begegnet ihnen mit Humor und einem unverwüstlichen Überlegenheitsgefühl, das sie sich gern zu eigen macht und über das sie sich ärgert, weil etwas davon auf sie selbst und ihre Tätigkeit abfärbt, vor allem aber, weil es nun einmal ihre Arbeitswelt ist, in der sie sich Anerkennung holt, obwohl sie, als attraktive und distinguierte Frau, es nicht zwingend nötig hätte. Oder doch? Anerkennung ist eine verzwickte Sache. Dass sie einem nachgetragen wird, bedeutet nicht, dass man sie sich nicht auch holen müsste. Das ist so eine der Paradoxien, an denen man sich jahraus jahrein abarbeitet, ohne dass es zu einer wirklich befriedigenden Lösung käme.

Hoher Besuch
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Wie hat Leckebusch E gesehen?
Was hat er in ihr gesehen?
In welcher Umgebung hat er sie kennengelernt?
Etwas in einem Menschen sehen: Was heißt das?
Zum Beispiel Augenfarbe: Die meisten Menschen besitzen neben ihrer eigentlichen Augenfarbe eine gefühlte.
Elisabeths gefühlte Augenfarbe: grün (in Wirklichkeit ist sie grau).
›In Wirklichkeit‹: nüchtern betrachtet. Bist du berauscht?
Das Augenpaar, das dich verfolgt.
Die Farbe, die ›haften‹ bleibt.
Den ›Typ‹ sehen. Was heißt das? Vorerst: nicht viel sehen.
Was lenkt dich ab?
Anders gefragt: Was schirmt sie ab?
Ihre ›Präsenz‹. Was sonst.
Wirkung der Präsenz: sie lässt kostbar erscheinen.
›Kostbar‹ – ist das das richtige Wort? Vielleicht im Sinne von ›kosten‹: du ›nimmst davon‹, du ›führst es dir zu‹, vielleicht nicht im Wortsinn, aber die Sinne sind schneller als du, sie sind dir voraus, du bist bereits involviert, ohne involviert zu sein.
Dann: du inhalierst zu viel, zu schnell, zu nachhaltig, zu ... was auch immer.
Hat Leckebusch E als kostbar empfunden?
Das ist ein anderer Strang.
Hat Leckebusch E bewundert? Oder war er anfangs ›nur‹ verwundert?
Hat E seinen Besitztrieb geweckt? Hat sie von ihm Besitz ergriffen?
Besteht da ein Unterschied?
War Leckebusch ergriffen? Wollte er mit E schlafen? Mit einem Augenpaar, das haften blieb? Mit einem Anblick, der sich entzieht? Mit einer Präsenz?
Wie geht das: mit einer Präsenz schlafen wollen?
E – eine Person, die niemand ›besitzt‹ (›veralteter Ausdruck‹).
Woher weißt du das?
Sie strahlt es aus.
Was noch?
Frag sie doch selbst.

Hoher Besuch
7

Leckebusch fühlt sich taxiert. Das unterscheidet ihn nicht von seinen Mitmenschen, es sei denn, man nimmt die graduelle Abstufung als Maßstab: dann steht Leckebusch auf der Skala ziemlich weit oben. Nein, es ist nicht das Gefühl, degradiert oder sogar beleidigt zu werden durch die Aufmerksamkeit, die ihm entgegenschlägt. Eher ist es eine positive Erwartung: soviel Aufmerksamkeit kann einem wie ihm nur zum Guten ausschlagen. Er kann sich aber nicht verhehlen, dass die Aufmerksamkeit, in deren Mitte er steht, eher skeptische Züge trägt. Es ist seine Art, die Skepsis hervorruft: Was ist das für einer?

Nein, er kann nichts dafür. Was sollte er dafür können? Die Skepsis kommt vor dem Fall, sie ist schon da. Seine Aufgabe, wo immer er auf- oder antritt, besteht darin, sie zu widerlegen. Leckebusch ist ein Widerleger, vollkommen durchtrainiert, vollkommen orientiert über seine Möglichkeiten, den ersten Eindruck zurechtzurücken und zu überzeugen.

Wie kann eine nicht überzeugende Person überzeugen? Auf den ersten Blick: gar nicht. Auf den zweiten Blick: durch Überzeugungsarbeit. Leckebusch ist ein Überzeugungsarbeiter, einer, der weiß oder zu wissen glaubt, was man von ihm erwartet und der bereit ist, es zu leisten, koste es, was es wolle.

Hoher Besuch
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»Alles vergebens!« Auf diesen Zuruf ist er gefasst und er träfe ihn tief. Zu Recht, denn als zutiefst nicht überzeugende Person stünde er auf der gesellschaftlichen Leiter nicht dort, wo man ihn findet und wo er sich, nicht zu Unrecht, sieht. Es ist ja nicht so, dass er nicht überzeugte, im Gegenteil, viele lassen sich gern von ihm überzeugen, gerade das verlangen sie ihm ab. Die Skepsis bleibt, sie wandert mit, sie grundiert, sie empfängt, geleitet, ernennt, bereitet, besichtigt, betreut, aber sie bleibt leise, verhalten, neutral, selbst-skeptisch, wenn man so will. Es ergeht dir mit ihm wie mit einem, der geht, als habe er soeben das Gehen gelernt und führe es dir jetzt vor, als fordere er dich, da er nun über diese Fähigkeit verfügt, auf, es ihm gleichzutun. Dabei kennt er dich kaum.

Hoher Besuch
9

Leckebusch: Anwalt der Klassiker. Brauchen sie einen? Brauchen sie ihn? Die Frage ist durchgestrichen, verboten, obwohl eine Antwort leicht fiele: sie finanzieren ihn. Nicht direkt, schließlich sind sie tot und stehen wohlverwahrt in den Bücherschränken der gelehrten Welt, aber diese Welt unterscheidet sich so grundlegend von der da draußen, dass seine Tätigkeit unabweisbar erscheint. Als bezahlter Agent regelt er ihren Verkehr mit der Umwelt. Elisabeth zum Beispiel, Erbin eines Kaufmannsvermögens, kennt seinen Stil und findet ihn gut, auch wenn sie nicht alles versteht. Die unentwegte Verstehensbewegung erinnert sie an die legendäre Ozeanfahrt der Kon-Tiki, unternommen zu keinem anderen Zweck als um zu beweisen, dass es möglich sei, mit einer Nussschale anzukommen, während links und rechts die Dampfschiffe vorbeirauschen. Irgendwie hat das mit ihr zu tun. Aber was? Die Frage lächelt sie weg, sie strahlt ihren Banknachbarn an, der darüber den Vortrag vergisst, ein-, zweimal dreht sie sich um, den Effekt auf die Zuhörerschaft zu studieren, und findet stets aufmerksame Gesichter. Leckebusch, der Mann ihrer Wahl: wenn es einer Bestätigung bedurfte, hier ist sie. Was noch?

Elisabeth leuchtet.

Kommt Zeit, kommt Rat
1

Ein Gründungsrat ist ein Gremium (›Zusammenlauf‹) von Menschen, deren Rat gefragt ist, wann immer guter Rat teuer wird. Das ist nicht der Fall. Guter Rat ist, wie jeder andere, billig. Wäre es anders, er wäre nicht gut.
Niemand, der seiner Sache sicher ist, bedarf der Ratschläge von Leuten, die ihm, gleichgültig aus welchen Gründen, ›beigegeben‹ werden. Wenn er aus ihnen lernt, dann deshalb, weil sie etwas darüber verraten, wie Menschen denken.
Nicht der Rat wird gebraucht, sondern der Geber. Er spricht nicht aus, was er von der Sache denkt, sondern er kalkuliert: Was muss ich sagen, um meinen Einfluss zu maximieren? Auch in dieser Hinsicht ist guter Rat teuer.
Einfluss worauf? Auf die Entscheidung? Das wäre ein punktuelles Maximum. Das wirkliche Maximum erreicht ein Ratgeber, wenn es ihm gelingt, sich unverzichtbar zu machen. ›Unverzichtbar‹ heißt: dieser schlaue Hund, dieser erfahrene Zeitgenosse kennt die Untiefen, er kennt die Praxis und er kennt die Verpackung.

Zwei Sorten von Unverzichtbaren:

  1. der redliche: für seine Auffassungen bekannt, wird er hinzugezogen, damit diese vertreten sind und mit den immer gleichen Reizwörtern ›Wirkung machen‹,
  2. der kreative: er beherrscht das Spiel der Verpackungen und wird benötigt, um ›belastbare Formeln zu finden‹.

Leckebusch tendiert zur ersten Gruppe, doch er hat das Maximum noch nicht erreicht. Der geheime Wunsch, als kreativ zu gelten, lässt ihn gelegentlich unstet erscheinen: ein möglicher Kippkandidat. Auch das wird gebraucht.

Kommt Zeit, kommt Rat
2

Dürrobst juxt

  • ―Niemand, sage ich, und weiß doch, dass viele Leute, die ihrer Sache ganz sicher sind, aufgrund dieser Sicherheit in höchster Gefahr schweben, sich oder ihrer Umgebung bleibenden Schaden zuzufügen. Das liegt teils an der Sicherheit selbst, die selbst dann trügerisch bleibt, wenn sie einen sicheren Hafen ansteuert, teils an den Verwüstungen, die sie in Köpfen anrichtet, von denen sie Besitz ergriffen hat. Sicher ist nur der Tod, und vor dem Tod steht der Beirat, vor allem dann, wenn es sich um einen gesellschaftlichen Körper handelt, eine Körperschaft, deren unzeitiges Ableben durch eine Reihe kluger Vorsichtsmaßnahmen verhindert werden muss. Eine junge Universität scheint in dieser Hinsicht größeren Gefahren ausgesetzt zu sein als ein junger Mensch. Jedenfalls versäumen es die Gründer selten, ihr die Expertise mehr oder weniger erfolgreicher Zeitgenossen beizugeben, so dass sie in dieser Hinsicht wechselweise wie ein großes Baby oder ein rückfallgefährdeter jugendlicher Straftäter erscheint, obwohl die Kollegen, die dort ihrem Beruf nachgehen, ohne Zweifel dieselben Qualifikationen durchlaufen haben wie das Beratungspersonal und man sich ohnehin im nächsten Monat auf irgendeiner Tagung trifft. Nein, man will sie mit ihren Problemen nicht allein lassen, man möchte, neben dem Rat, auch gern das Seine beisteuern (oder herausholen), schon um zu verhindern, dass da ein Konkurrent oder ein Gebilde unkontrolliert heranwächst, das allzu selbstbewusst der Reißbrettform entstrebt. Und die drinnen sträuben sich nicht, weil jeder Auswärtige ein potenzieller Hebel ist, der den eigenen Einfluss vergrößert.
Kommt Zeit, kommt Rat
3

Im Fall der Pyramide folgt der Gründungsrat einer klaren Weisung: Er soll helfen, sie stärker in der Gesellschaft zu verankern. Der Komparativ ohne Widerlager dient dazu, ›Druck zu machen‹, ›sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen‹, ›den Wandel zu wollen‹ (eine gewendete alte Philosophenformel, die dem Einzelnen nahelegt, sich nicht zu sehr gegen den Gang der Dinge aufzulehnen, also cool zu bleiben).
Ist das alles? Sicher nicht.
Dahinter steht: ein gesellschaftlicher Auftrag.
Wer erteilt solche Aufträge?
Die Gesellschaft? Sicher nicht.
Nicht dass sie es ablehnte, Aufträge zu erteilen – sie kann es nicht. Sie ist keine Instanz.
Genau genommen handelt es sich nicht um einen Auftrag, sondern um eine Aufgabe.
Sie besteht darin, zwei politische Antipoden unauffällig miteinander zu verschmelzen, die über ein Jahrzehnt die Agenda bestimmten: die Gralshüter des ›gesamtgesellschaftlichen Fortschritts‹ und die marktsicheren Kämpfer wider den ›sozioökonomischen Staatsdirigismus‹.
Diese Aufgabe musste einmal in Angriff genommen werden.
Ein solcher Entschluss reift in einzelnen Köpfen. Er ist auch nicht ›allgemein vermittelbar‹. Dazu sind die ideologischen Vorbehalte zu groß (Scheuklappeneffekt). Wie dann? ›Greift‹ sich eine Machtinstanz den Gedanken, weil er mehr Macht (oder Machterweiterung oder -erhalt) verheißt?
Die Berührung, falls es sie gibt, in welchen Zirkeln findet sie statt?
Du würdest den Weg dahin nicht finden. Warum? Was schließt dich aus, bevor du den Entschluss fassen kannst, ihn gehen zu wollen – oder auch nicht?
Dabei bist du auf gutem Weg. Das muss doch einmal gesagt werden.
Was schließt sich aus? In dir? Von außen betrachtet?
Mit und ohne Blick auf sie?

Kommt Zeit, kommt Rat
4

Unabdingbar: der Sinn für unauffällig das Groteske streifende Effekte.

Du bewunderst die stoische Ruhe, mit der Kollege Dürrobst sich der Phraseologie eines Firmensprechers bedient, der vor der Presse einen drohenden oder bereits eingetretenen Börsenabsturz herunterspielt: »Wir wären schon weiter, wenn...« – Meist verwendet er dabei den kleinen Zusatz, der den Worten einen völlig anderen Sinn verleiht: »Wir wären ja schon weiter...«
Ja natürlich, es bleibt immer viel zu tun und man wäre stets weiter, wenn das Liegengebliebene nicht einen so großen Raum beanspruchte und die Routine nicht darauf beharrte, einen großen Bogen darum zu machen, um ... ja was denn? Um weiterzukommen, was denn sonst.

Auch Professoren wollen weiterkommen – mit der Arbeit an ihrem neuen Buch, an irgendeinem Forschungsprojekt –, sie wollen sogar, wie andere Leute auch, vorankommen oder avancieren, wie das mortifizierte Wort für Strebertum in den höheren Rängen lautet. Da stört der gesellschaftliche Fortschritt ungemein, es sei denn, er lässt sich unauffällig ins persönliche Fortkommen einbetten, so dass organisch eins das andere beflügelt. Gerade diese Pappenheimer stoßen bei den Kollegen auf mit Bewunderung untermischte Abneigung. Sie trägt dazu bei, dass der umworbene Fortschritt letztlich auch dort ein Windei bleibt, wo er ausgetüftelt wurde, bevor er als bürokratischer Bumerang auf alle Beteiligten zurückfällt.

»Wir haben viel geschafft. Jetzt geht es darum, mehr zu erreichen.«

Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip

Dasein heißt Wegsein

Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip
1

Ein Ego muss Kanten aufweisen: mindestens drei. Das ist, als Minimum, im Raum nicht leicht zu realisieren, es sei denn, man ruft die Krümmung zur Hilfe, die selten im Leben ausbleibt. Ein gekrümmtes Ego? Das Ego ist gerade: geradeso, geradeheraus, geradewegs, geradehin, geradeaus, sonst wäre es keines, es sei denn...

Psst!

  • ―Ich bin froh, im Kreise der Kollegen sprechen zu können, ich schließe mich meinem Vorredner ohne Abstriche an. Was soll ich sagen? Ich bin völlig einverstanden. Ich möchte nur noch einmal auf den Punkt zurückkommen, den Sie angesprochen haben und der mir ein Hauptpunkt zu sein scheint. Sie dürfen mich jetzt nicht falsch verstehen, ich möchte Sie gar nicht kritisieren, es hat mir, es hat uns sehr gut getan, wie Sie das gesagt haben, im Grunde haben Sie natürlich recht. Sie haben die Sache wirklich auf den Punkt gebracht, das war alles sehr erhellend für mich. Ich weiß nur nicht, ob ich Sie in allen Punkten richtig verstanden habe. Sie wissen über diese Dinge natürlich sehr viel besser Bescheid als ich, das unterstelle ich, das ist sicher auch so, daran gibt es gar keinen Zweifel. Ich will auch nichts bezweifeln, Sie dürfen mich da nicht missverstehen, ich will nur ein wenig Ordnung in meine Gedanken bringen, ganz kurz, das verspreche ich Ihnen... Ich bin schon fertig. Was ich meine, ist, ich zitiere Sie jetzt mal mit meinen – zugegeben: unfertigen – Worten... Wie gesagt, ich will Ihnen gar nicht widersprechen, am liebsten wäre mir, wir würden die Sache jetzt so stehen lassen, es ist auch schon ein bisschen spät geworden, ich denke, Sie haben das Wesentliche gesagt. So sehe ich das. Mein Einwand bezog sich auch mehr auf das Argument des Kollegen Schmidt, aber der ist ja heute nicht da, also vergessen wir’s.
Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip
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Akademisches Minimum oder das Teuschner-Prinzip: »Ich bin schon weg. Solange ich da bin, bin ich unbedingt Ihrer Meinung. Ich lasse mich darin durch keinerlei Einflüsterungen beirren. Ja, man könnte es meine Form der Unbeirrbarkeit nennen. Meine Zustimmung hat für die, die mich kennen, etwas Panzerartiges, sie folgt ihnen durch dick und dünn, aber sie hat, wie soll ich das sagen, sie hat nichts zu bedeuten. Verstehen Sie mich nicht falsch, das kollegiale Gespräch bedeutet mir viel, ich wüsste nicht, wie ich Wissenschaft anders verstehen sollte. Ich lerne viel aus diesen Gesprächen. Friedenwanger zum Beispiel... ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Friedenwanger weiß, was für unser Institut gut ist. Ich folge Friedenwanger, ja und? Wo liegt der Fehler? Ich sehe keinen Fehler. Ich kann mich zurücknehmen, das bietet gar keine Schwierigkeit. Ich nehme mich gern zurück, wenn es der Sache dient. Ich verstehe den Ehrgeiz anderer Leute nicht. Friedenwanger ist ein bedeutender Mann, die meisten Kollegen sehen das ganz genau so. Als Privatmann ist er mir ungeheuer sympathisch. Ich kenne auch seine Frau. Wir verstehen uns gut. Wo liegt das Problem? Natürlich weiß ich, dass er nicht immer recht hat, das wäre ja sonst naiv, ich will gar nicht, dass er immer recht hat, man muss auch einmal daneben liegen, sonst läuft man leicht in Schwierigkeiten, deren man nicht mehr Herr wird. Wissenschaft, das ist: Gruppenfoto mit Kollegen. Übrigens, die Sonnenbrille, die Sie da tragen, ist süperb. Darf ich fragen, wo Sie sie gekauft haben?«

Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip
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Die Pyramide ist nicht für Teuschner erfunden worden. Das macht aber nichts, denn er hat sie für sich neu erfunden. Damit kommt er ihrer Idee näher als irgendeiner seiner Kollegen. Wenn er sie trotzdem verfehlt, dann deshalb, weil er Verhalten als Verfehlung konstruiert. Unter Kollegen gibt es keine Verfehlungen, allenfalls Versäumnisse, die durch die langsame, stetige Akkumulation von Verfehlungen zustandekommen.

Teuschner, der Akkumulator.

Teuschner hält die Konstruktion der Pyramide für verfehlt. »Wir brauchen einen Ort, an dem unsereins ungestört buddeln kann. Was die Verwaltung da sagt, ist Märchenstunde. Die Politik braucht das.«
Das Wir, er hält es unverwandt fest. Seine helle, singende Stimme ruft es herbei. Das Wir, bereits in der Tür, stockt, bleibt stehen, dreht sich um: für ihn gilt das als Bestätigung, dass er auf der richtigen Bahn ist, ein feines, bittendes Lächeln soll den Ermüdungseffekt bremsen, ohne Not, denn seine Rede ermüdet nicht, sie befremdet. Kaum einer kann sich ihr entziehen. Ihr jungenhafter Charme, ihr ohne Not werbender Gestus, ihr von keinerlei Skrupeln durchkreuzter Selbsterniedrigungskurs, die ausufernde Sparsamkeit der Gedankenführung, die Pointen-Springerei, die lächelnde Schamlosigkeit, das alles findet ein Publikum, es besitzt Unterhaltungswert.

Teuschner, der unterhaltsame Langweiler.

Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip
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Wie viele Teuschner verträgt eine Institution, ohne zu zerfallen?
Im Prinzip: beliebig viele.

Nächste Frage: wie viel von diesem Prinzip verträgt eine Institution, ohne ihren Zweck einzubüßen?
Auch das ist schwer zu beurteilen, es sei denn, der Zweck wäre unwandelbar ein und derselbe.

Wieviel Zweck verträgt eine Institution?
Wieviel Abweichung vom Zweck ist unumgänglich, damit eine Institution sich ›mit Leben füllt‹?
Wieviel Abweichung vom Zweck ist nötig, damit eine Institution ›auf Dauer‹ überlebt?
Wieviel Abweichung vom Zweck ist ›tolerabel‹?
Wieviel Abweichung vom Zweck verträgt eine Institution?

  • eher weniger □□□□□ eher mehr

Wie erginge es dir, wärest du bereit und willens, Teuschners Verhalten zu kopieren?
Im Prinzip: vermutlich schlecht.
Realiter: vermutlich auch.

  • schlechter □□□□□ besser
Vernetztsein ist alles
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Zahlreich sind sie nicht gerade, die Fachartikel des Pädagogen Dürrobst. Aber in den nimmermüden Kreisen, die in der Praxis endlich vorankommen wollen, werden sie zu Preisen gehandelt, die, so flachst die Pyramide, weit oberhalb der Gestehungskosten liegen. Dürrobsts Konzepte, wo immer man ihnen begegnet, setzen auf technischen Fortschritt. Das mit beweglichen Wänden, elektronischer Tafel, Fernsehern, Taschenrechnern, individuellem Computerzugang für die lieben Kleinen und allerlei digitalem Schnickschnack ausgerüstete Klassenzimmer: es steht in seinem Institut, Kollegen aus anderen Erdteilen geben einander die Klinke in die Hand, man trifft sie im Aufzug, den einen oder anderen offenbar weniger technik-affinen Zeitgenossen auch im leergefegten Treppenhaus, dessen Zu- und Ausgänge nur Eingeweihte überblicken.

  • ―Führen Sie mich zu Professor Dürrobst! Er erwartet mich. Und wie heißen Sie?
  • ―Nicht von Belang. Woher kennen Sie ihn?
  • Jeder kennt Professor Dürrobst. Er ist ein bedeutender Mensch.
Vernetztsein ist alles
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Das Maß des Prototyps ist das technisch Machbare.

In dieser Hinsicht ähnelt Dürrobsts Wissenschaft seinem Klassenzimmer. Er baut in, er baut aus, er baut um: auf offener Bühne, denn dies ist das Stück. Er ist Stückeschreiber, Regisseur, Dramaturg, Beleuchter, Hauptdarsteller in einer Person.
Warum nicht in einem?
Weil es dann eng würde.
Eng ist es ohnehin.

Dürrobst versteht sein Klassenzimmer als »Angebot an die Community, das sie nicht ausschlagen kann.«
Warum sollte sie?
Oder: Warum sollte sie nicht?
Vielleicht deshalb: Weil hinter dem Angebot ein Befehl steht. Oder: ein Imperativ. Oder: eine Hoffnung.
Vielleicht letztere.
Hingeschrieben erweist sich: das wäre entschieden zu wenig.
Eine Forderung? Aber sicher. Wer fordert? Wir alle. Aber: wer ist wir?
Also doch: Imperativ. Kein privater, also ein gesellschaftlicher.
Die älteste Wunde der Menschheit zu schließen, genannt Ungleichheit – hier und jetzt.
Einer tritt vor und sagt, wie es geht.

Wie es ginge, ginge es nach ihm.

Dürrobsts Wissenschaft ist binär. Sie schaltet sich aus, solange das Fernziel aller Erziehung, das ›selbstbestimmte Miteinander‹, nur als schmaler Streifen am Horizont erkennbar ist, sie schaltet sich ein, sobald das Erkennungsmotiv des Hier und Jetzt ertönt. Dürrobst will seinen Beitrag zur Lösung des Menschheitsproblems jetzt leisten, alles andere lässt ihn kalt. Das Gefühl, vor dem Durchbruch zu stehen, hat einen Dienstleistungs-Golem geschaffen, es beseelt ihn, es verleiht ihm die Kraft, selbst einen Schlaganfall wegzustecken, als handle es sich um eine missgünstige Rezension aus dem rechtskonservativen Lager.

Kleine Anfrage: Worin besteht dieser Beitrag?

  1. Der Beitrag besteht in der Bereitstellung von ›Tools‹, vielen kleinen und großen digitalen Helfern mit dem Ziel, der Utopie durch praxisorientierte Lösungen ›in die Schuhe zu helfen‹. Auch das Fliegen musste einmal erfunden werden. Jedenfalls hilft es nicht, mit den Armen zu rudern. Unklar ist, ob Dürrobst für die Übernahme der Programmiervokabel in den Pädagogen-Jargon verantwortlich zeichnet – was er im Hause bescheiden verneint – oder ob sie an verschiedenen Orten spontan den Weg in die Publikationen fand.
  2. Jedes neu entwickelte Tool wird von Dürrobsts Mitarbeitern so lange beäugt und gewendet, bis es sich einfügt in das Arsenal der Mittel, die Chancengleichheit der Lerner durch ›Inklusion‹ herstellen sollen, dem Mantra der nach Gruppen selektierenden Gesellschaft ohne Herkommen und ohne Klassen.
  3. Jetzt ist Dürrobsts Stunde gekommen. Er stellt nicht vor, er setzt voraus, dass alle wissen, aber aus Faulheit, Bequemlichkeit und Mangel an Verantwortung ihr Pulver trocken halten. Er springt in die Bresche. Er drängt: das Drängen ist die Grundform seiner fachlichen Rede. Nicht, dass er in die Öffentlichkeit drängte. An dieser Schranke verhält er sich auffällig still.

Dort übernehmen andere.

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Dürrobst arbeitet viel mit dem Sozialphilosophen Ruffmann zusammen. Man spürt die Vertrautheit der beiden, wenn Dürrobst den Gast moderiert. Ruffmann glaubt nicht daran, dass sich Exklusion durch verstärkten Rechnereinsatz beseitigen lässt. Die geheimen Schwingungen einer Revolution, die nicht stattfand, haben sich bei ihm in Schwankungen des Selbst übertragen. Das Bühnen-Ego nimmt sie auf und stattet sie mit einem Kopf aus, der wieder verschwindet, sobald der Vortragende sich unters akademische Volk mischt.

Denk nach: Wo hast du so etwas schon gesehen?
Die Erinnerung ist da. Doch sie will sich nicht heben.

Ist Ruffmann ein Häuptling? Er will es sein, soviel ist klar. Aber wirkt er auch so? Er wirkt wie einer, der seiner Wirkung nicht gewiss ist und deshalb nachlegt, also eitel.
Er ist eitel. Aber das bedeutet nichts.
Das Drama der vertauschten Köpfe, das vor aller Augen abläuft (wie Regen an der gläsernen Pyramiden-Haut).
Zwei Köpfe in einem.
Ein Kopf in zweifacher Ausfertigung.
Ein Kopf, in dem der andere nach vorn tritt, sobald der erste dran ist.
Der Kopf eines Häuptlings, den keiner braucht.

Wie konnte das geschehen?

Einfacher jedenfalls, als du denkst. Also schalte das Denken ab, lehne dich zurück, schließe die Augen, schau dem Treiben zu. Einfach ist das auch nicht. Aber es geht.

Dieser Mann ist kein Hochstapler. Er will gern hoch hinaus und stapelt unwillkürlich tief. Seine Thesen wirken einfach und klar. Sein Vortrag hingegen wirkt wie von Skepsis zerfressen. Dahinter steckt eine Geschichte. Sie will heraus, aber die Haut des Philosophen gibt sie nicht frei.

Die Revolution, die nicht stattfand, hat diese Züge demoliert. Dieser Mann will, als Veränderer, einer sein, der die Veränderer ändert: als Enthusiast Skeptiker, als Skeptiker Enthusiast. Vormittags Philosoph, nachmittags Feigling. Einer, der mit den Frauen geht: ein lästiger Zeitgenosse, mit und ohne Fragezeichen. Wie schreibt sich das? Fast von selbst, fast von selbst. Es schreibt sich ein.

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Dem steht sein Bewusstsein gegenüber, in der Philosophie des Sozialen, anders als allgemein angenommen, sei noch alles offen: alles wohlgemerkt (dabei hebt er die hohle Hand), weshalb er hier und da begonnen hat, an den Stellschrauben der von ihm vermittelten Theorien zu drehen, den einen oder anderen Schalter umzulegen und dadurch Kippeffekte zu erzielen wie zum Beispiel den, dass er das vielberufene Programmwort Den Anderen denken zum ›Skandalon‹ stilisiert, da Andersheit nur innerhalb ein und desselben Systems möglich sei. Der Fremde sei gerade kein Anderer, sondern ganz und gar fremd und insofern undenkbar.

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»Fremdheit hebt sich auf, sobald der/die Fremde den gemeinsamen Raum betritt« – mit diesem eigentümlich unerheblichen Satz fährt Ruffmann Erfolge ein, die Dürrobst interessieren, weil er in ihm den Schlüssel zur Problematik der Selbstbestimmung wittert:

  • ―Wie kann es sein, dass ich meine Sexualität selbst bestimme, wenn ich sie als ›anders‹ empfinde? Sollte ich sie nicht eher als fremd empfinden? Bedarf ich dazu des Fremden? Gruppentheoretisch gesehen, steht der Fremde jenseits der Exklusion: um ausgeschlossen zu werden, müsste er bereits erkannt sein. Meine – mir selbst fremde – Sexualität und der Fremde korrespondieren also miteinander, sie senden auf einer Wellenlänge. Der Fremde existiert jenseits von In- und Exklusion, er ist das Ferment der Veränderungen, die unaufhaltsam ins Haus stehen. Das muss bedacht werden.
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Du hast ihn gesehen –

im Hof des Teatro Olimpico, neben ein paar Nymphenresten und einem ihm gänzlich unähnlichen Sokrates – nicht den realen Ruffmann (den sowieso), sondern sein in Stein gehauenes Urbild, den Ruffmann avant la lettre, wie er selbst das ausdrücken würde, weil er davon überzeugt ist, dass erst die Schriftform den Dingen Kontur und eine gewissen inneren Halt verleiht, der also, genauer untersucht, weder innen noch Halt ist, sondern eine Form des Befremdens, das sich im Weiterschreiben beruhigt, jedoch weiterhin ein leises Beben in den Buchstabenreihen unterhält.

Angenommen, ihr wäret selbdritt die Steinreihen entlang geschlendert:

»Was haben wir denn da?« hätte er vermutlich, leicht verwundert ob des ihm unversehens vorgehaltenen Spiegels, zu Dürrobst hinübergesprochen, und sich selbst geantwortet: »Einen aus der Klasse der Faunartigen, ein Individuum, zweifellos, sehr beredt, denn es spricht Lateinisch, doch in welchem Medium? Im Medium des Steins, an dem sorgfältig alles weg­gehauen wurde, was nicht als sprachtauglich gilt. Die Frage ist, ob es noch immer gilt. Ein heutiger Künstler würde mit Sicherheit mehr weghauen, aber wäre das dann noch Latein?«
Und Dürrobst, dessen sprachliche Gewandtheit mit der des Kollegen mitnichten mithalten kann, obwohl er sich viel auf sie einbildet, hätte geantwortet: »Das ist das Schöne am Stein: er braucht keinen Native Speaker. Ein klassisches Beispiel für messbare Barrierefreiheit. Was solls? Wir sind besser.«
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Was einer wie Ruffmann denkt, ist nie ganz wichtig, aber auch nie ganz unwichtig. So mancher, der aus seinen Ausführungen nur dummes Zeug heraushört, wäre gut beraten, ihm zuzuhören und das Gehörte durchzudeklinieren, beispielsweise den Angriff auf die Vernunft, vorgetragen mit den Mitteln der Logik und auf der Grundlage eines Lektürespiegels, der durch jede einzelne seiner Erwägungen hindurchscheint, so dass sie dem Zuhörer im Wortsinn ›faden-scheinig‹ vorkommen muss, als ein nirgends beginnendes und nirgends endendes Gewebe von Zweideutigkeiten und Anspielungen, hinter denen eine verborgene Angst ihr Unwesen treibt.
Wäre es möglich, so scheint sie zu sagen, dass unser nobilitiertes Verstehen, unser durch Ausbildungen, Berufungen, Stellengeschiebe und Tagungsauftritte gewonnenes verbales Verhaltensprofil, weit davon entfernt, die Klassiker aufzuschlüsseln oder den Text der Kultur zu entziffern, eher dem von Radprofis gleicht, die bergauf, bergab dem Hinterrad des Vordermanns folgen, gleichermaßen bedroht vom Sturz durch Unachtsamkeit und die Erkenntnis, dass die eingefahrenen Titel und die vielerlei Gelegenheiten sich auszuzeichnen nichts weiter als Weisen sind, sich das Eingeständnis der entsetzlichen Monotonie des eigenen Tuns vom Leib zu halten?
Nun ist Monotonie eine merkwürdige Sache – relativ, wenn man auf die Vielzahl äußerst monotoner Berufe blickt, mit denen die Wirtschaft den Einzelnen in den Stand setzt, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und, wenn es an der Zeit ist, ein hübsches Sümmchen zu hinterlassen oder auch nicht –, beunruhigend angesichts der Möglichkeit, dass noch nichts geschehen ist, was den Aufbruch rechtfertigen würde, der in jeder denkerischen Gebärde steckt und das eigentlich an die Mit- und Nachwelt zu Vermittelnde darstellt. Nichts, was Ruffmann zu denken imstande wäre, ist wirklich neu. Die Studenten, mit ihrem untrüglichen Instinkt für Pose und Antipose, wissen das, sobald sie das erste Seminar bei ihm absolviert haben, nicht etwa, weil sie bereits wüssten, was alles vorliegt, sondern weil sie den Typus durchschauen, der ihnen seine Lektürefinessen aufnötigt.

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Zu sagen, Ruffmann sei ein häufig gesehener Gast in der Pyramide, wäre zwar richtig, würde aber nicht entfernt den labyrinthischen Beziehungen gerecht, die er in sie hinein unterhält. Nicht allein Dürrobst bedient sich, wenn es sein muss, der von ihm mit einer gewissen Promptheit gelieferten Denkfiguren sowie, sagen wir, eines gewissen vermittelnden Talents, das er unter der Tarnung des philosophischen Biedermanns auszuspielen weiß, sobald Prinzipientreue, unterlegt mit Geschmeidigkeit und einer gehörigen Portion Chuzpe, angesagt ist, in der sich ein von den Zeitgenossen nicht abgefragter berufsspezifischer Bekennermut spiegelt. Dem einen oder anderen Fach hat die leicht schleppende Rede des Philosophen bereits aus der Verlegenheit geholfen, sich angesichts der ›gemeinsam anzugehenden Zukunftsaufgaben‹ rechtfertigen zu müssen – eine stets bedrohliche Aufgabe, da die Haushaltsmittel knapp sind und die Verteilungskämpfe zunehmen.
Dankbar registriert wird das vor allem in den Geisteswissenschaften. Sie ›stehen auf dem Prüfstand‹, sie sind gehalten, ihre ideologisch unbotmäßigen Teile abzustreifen und sich ›neu zu definieren‹: wie, das ist ihnen einerseits selbst überlassen, andererseits irgendwie aufgegeben – was daraus ersichtlich wird, dass keineswegs jeder ihrer Vorschläge grünes Licht erhält, so dass die Murmel, nachdem sie lange gekreist ist, am Ende doch in das vorgesehene Loch fällt.
In dieser historischen Phase kommt Ruffmann die Rolle des Katechon zu, des Aufhalters, dessen, dem auf wundersame Weise, was fällt, an den Händen klebt – zur Zufriedenheit aller Betroffenen, die sich gar nicht erklären können, wie das zugeht. Ruffmann selbst verkündet am Schluss seines Vortrags, in eine launige Nietzsche-Parodie verpackt, sein kleines Geheimnis:

Ja ich weiß, wovon ich spreche.
Wenn ich mir den Kopf zerbreche,
mir die Haare raufe, meine
Ohren mir verstopfe, beide
Augen auf den Boden richte:
schlicht erfinde, wo ich schlichte –
Schlichter bin ich sicherlich.

 

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Ruffmanns Trick (der Trick des Philosophen, der weiß, wo es langgeht) ist die Zweiteilung. Das beginnt mit dem einfachen Handwerkszeug des interpretierenden Denkens, dem »einerseits-andererseits«, dem »Baudrillard sieht hier... übersieht aber«, »wer an dieser Stelle nicht überzeugt wird, dem sei empfohlen...«, »Kant weiß ganz genau, aber er kann nicht zugeben...«, »folgen wir Sokrates-Plato auf diesem Pfad, so sehen wir uns unvermittelt allein gelassen...«, es steigert sich in Wendungen nach dem Muster »wie wir noch sehen werden, werde ich aber der Auffassung sein« (ja, wir werden sehen, falls wir Ihnen folgen werden, eigentlich gefolgt haben werden – oder doch einfach sind?) und es zeigt sich dem, der zu lesen (oder zu hören) versteht, im Unterschied zwischen einer interessierten und einer uninteressierten Lektüre, vorgetragen in Worten, die säuselnd daherkommen und nichts außer Anerkennung zu atmen scheinen.
Dennoch ziehen sie eine klare Grenze zwischen dem, was in Betracht kommt und dem, was nicht in Betracht kommt, mag es noch so gewichtig auftreten und sich in die klügsten Gedanken kleiden.
Wichtig sind Platon und die Idealisten, wichtig ist ›der ganze Kant‹ mit seiner Transzendentalisten-Gefolgschaft, wichtig der angelsächsische Empirismus samt sprachanalytischem Wurmfortsatz und manches andere mehr.
Aber sie kommen nicht in Betracht.

 

Was in Betracht kommt, ist die Frucht bestimmter Lektüren, die eher Duftstrecken gleichen als der ›Arbeit des Begriffs‹, obwohl gerade diese Arbeit in ihnen ›vorgeführt‹ wird, als handle es sich um den Schaltvorgang eines Maserati, der jenseits aller profanen Geschwindigkeitsgrenzen einsam dem Ziel entgegenzieht.

Vernetztsein ist alles
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Einsam wirkt Ruffmann nicht, vermutlich langweilt er sich nicht einmal, wenn er zum tausendsten Mal ›seinen‹ Derrida zu Rate zieht, wenn er ›seine‹ Deleuze, Guattari, Baudrillard, Serres, Chemenez mit glänzendem, rotweinsüchtigem, gelegentlich auch bierfeuchtem Blick umfängt – obwohl, wie er zu gewissen Zeiten andeutet, Bollenreiter immer wichtiger für ihn wird, »nicht der frühe, den alle kennen, sondern der späte, den niemand liest«. So ist der Skandal, der im Denken des Anderen steckt – die Verkennung des Fremden als Fremden –, nicht einfach ein Skandal, sondern ein ›Skandalon‹ wie die Erscheinung Christi im Feld der Messiasgläubigen, ein Ärgernis, das zum Eckstein wird, weil gerade aus dem Verkennen die Struktur hervorsticht, ›sub specie derer‹ das Erkennen bestimmbar wird als ›das, was es wäre‹. So schreibt Ruffmann und so redet er auch, jedenfalls näherungsweise, sobald er die Bewohner der Pyramide ins Gebet nimmt, um ihnen die eine oder andere Neuerung für ein gleisnerisches Gewoge ins Gegenteil zu verkehren.

Annäherung an einen Entschluss
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Tja..................

Es geht darum sich zu behaupten, oder?

Wer sich behauptet, kann alles behaupten..................

.................. von sich sowieso und von allem anderen auch, jedenfalls eine Zeitlang, bis die anderen der Sache überdrüssig werden und ihre Behauptungen gegen einen kehren..................

.................. so ähnlich jedenfalls, denn es ist schon erstaunlich, was ihnen alles auffällt, sobald der Einzelne erst einmal seinen Kredit verbraucht hat.

Nie ohne meinen Kredit.

 

Pflege deinen Kredit.

 

Erstens
In der Wissenschaft ... sind alle Nullen oder Einser, das heißt Projekte­macher. Das ist normal. Das System ist darauf angelegt, aus den Einsern Gewinn zu ziehen und sie daher, wo immer es geht, zu begünstigen, auch für den Fall, dass, quantitativ betrachtet, die Nullen in der Überzahl sind.

Zweitens
Nur die krasse Null (T = Teuschner) könnte dem System gefährlich werden. Doch damit ist nicht zu rechnen. Krasse Nullen sind Einzelfälle. Solange das so bleibt, wirkt das Ganze überzeugungsfähig und, vor allem, über­zeugungs­willig.

Drittens
Die Pyramide jedenfalls, sieht man einmal davon ab, dass auch sie als ein Projekt im Raum steht, das vorangebracht werden will, ist kein Einzelfall. Nur der Gruppenzwang ist höher als erwartet. Das wirkt sich aus und schafft Projektraum.

Schreib das auf.

(Im Dunkeln reflektiert ihre spiegelnde Haut das Licht der Sterne, als strebe sie ihnen zu oder als sei sie bereits unter sie versetzt. Du umkreist sie an den Abenden, an denen dir dein Beruf nachgeht. Du suchst eine Aufgabe, die dich nicht ausfüllt, dies aber mit Haut und Haar. Die ›Erschaffung des Sozialen‹ ist keine kleine Sache, fast zu groß für eine experimentierende Seele in einem Gewimmel, in dem die Zahl der Projekte in die Tausende geht. Was du brauchst, ist ein Markenzeichen, unter dem sich Mittel beziehen und vertretbare Ergebnisse in die Welt setzen lassen.)

Ergebnisse?

... Ergebnisse eben, keine Mutmaßungen oder unbeweisbaren Spekula­tio­nen, keine Philosophie à la Ruffmann, die zwischen den Welten chargiert, eher etwas, das sich sehen lassen kann. Handfeste Ergebnisse, belast-, verwertbar, für was auch immer. Am besten solche, deren Verwertbarkeit offen an ihrer Stirn angeschlagen steht, die also unmittelbar in die Ver­wertung übergehen, die Schwelle vielleicht bereits im Entstehen über­schreiten und die Gesellschaft verändern, während sie noch Laborcharakter besitzen.

Das wäre doch etwas.

Annäherung an einen Entschluss
2
Tischvorlage (Zirkular)

(1) Alle bisherigen Menschheitsbewegungen sind daran gescheitert, dass sie irgendwann die Massenbasis verloren oder – häufigerer Fall – erst gar nicht gewannen, die sie benötigt hätten, um die Veränderungen ins Werk zu setzen, von denen ihre Anhänger träumten.

(2) Es existiert nur eine Macht, die das Leben der Menschen kontinuierlich verändert, ohne sich durch Mehrheitsverhältnisse aufhalten zu lassen.

(3) Diese Macht ist die Technik.

(4) Je vollständiger Grundlagenwissenschaft und Technik miteinander verschmelzen, desto effektiver lassen sich die allgemeinen Lebensverhältnisse gestalten.

(5) Alle Forschung und Lehre ist gesellschaftliche Praxis.

(6) Alles Grundlagenwissen ist gesellschaftlich. Will man die Änderungen durchsetzen, die das Überleben der Gattung erfordert, erweist es sich als zweckmäßig, Wissenschaft konsequent als Sozialtechnologie zu interpretieren (mit allen Auswirkungen auf die Förderpraxis).

(7) Voraussetzung: Die Wissenschaft von der Gesellschaft darf vor keiner wissenschaftlichen Disziplin und vor keinem wissenschaftlichen Sachverhalt Halt machen.

(8) Dieser Gedanke, einmal in den Köpfen verankert, lässt Entwicklungen durchführbar erscheinen, die jenseits des Vorstellungsvermögens der Normalbevölkerung liegen.

(9) Hier liegt die Massenbasis der Zukunft. Es bedarf keiner anderen.

Annäherung an einen Entschluss
3

Sozialtechnologie – sie mögen das Wort nicht, es ist ›verbrannt‹. Wie viele verbrannte Wörter gibt es in der Sprache der Ruffmanns, Friedenwangers, Dürrobsts? Hundert, zweihundert? Dieses aber gehört zu den wenigen, deren Schwärze zu flimmern beginnt, sobald sich das Augenmerk darauf richtet. Du solltest ein Wörterbuch anlegen, Titel: Feindwörter.
Dabei gebrauchen sie es dauernd. Im Gespräch mit den Studenten bedeutet es soviel wie ›Massenmanipulation‹ und bezeichnet die Steuerinstrumente der ›liberalen Ordnung‹ (sc. Unordnung): angefangen bei den theoriegetränkten Wattebäuschchen, mit deren Hilfe die (Des-)Informationsindustrie, also Fernsehen, Radio, Kino, Zeitungen, therapeutische Einrichtungen, Schulen, Kindergärten usf., die zur Operation vorgesehenen Organe betäubt, über die Mittel der Durchführung, also die Bereitstellung von materiellen und psychologischen ›Überbrückungshilfen‹ bei Massenentlassungen, mehr oder weniger zielführende Schulungen zur Erhöhung der beruflichen Mobilität, ›Incentives‹ zur Beeinflussung des Konsumverhaltens, der Partnerwahl, der Stimmabgabe, des Fahrverhaltens, des Immobilienerwerbs...
Schließlich den Sozialstaat selbst, an dessen Ambivalenzen die Geister sich scheiden.
Der Sozialstaat, eine erfahrungsgesättigte Konstruktion wie der ›tiefe Staat‹ der Geheimdienste, die ›Bürgerrepublik‹ der Gesinnungsdemokraten oder die ›Intellektuellenrepublik‹ der Eingebildeten: ein Ideenfänger, dessen Realitätsgehalt sich an den Staatsausgaben für Wohl- und Talfahrt der ›sozial Schwächeren‹ bemisst. In ihm liegen, wie auf einen Kehrichthaufen zusammengeschoben, die Überreste all dessen beisammen, was früher einmal soziale Revolution hieß und ... wie war gleich das Wort? ... Emanzipation der Massen.
Runterquatschen, bis es einem gehört – oder zumindest aufs Wort folgt –: auch das ist schließlich: Sozialtechnologie, eine der ältesten überhaupt, Bewusstseinstechnik vom Feinsten, eine urtümliche Form der Aneignung, als Wissenschaft getarnt...
Warum so böse? Denkst du nicht gerade so? Wie auch anders? Wie anders?

Annäherung an einen Entschluss
4

Dein Projekt, falls es denn eines gibt, sollte beides umfassen: eine Interpretation der Vergangenheit und die Versorgung der Gegenwart mit ... Zukunftsstoff, also dem Zeug, das ihr am sinnigsten eingeht. (Dieselben Leute – i. e. Wissenschaftler, als ›Leute‹ betrachtet –, die den nächstliegenden Tendenzen mit Scheuklappen begegnen, lieben Zukunftsstoff, von einer Handvoll Vordenker angeliefert und überall dort verbaut, wo man die Wichtigkeit der eigenen Vorhaben herausstreichen möchte.)

Willst du in die Klasse der Vordenker eintreten?

Auch das: sicher nicht.
Warum nicht? Was ist daran ehrenrührig?
Nichts. Es ist eine Ehre.
Was also spricht...
Dagegen? Eigentlich nichts.

Vordenker: ein Mensch, der vorausdenkt. Also jeder.
Ein Mensch, der anderen vorausdenkt. Da liegt der Unterschied.
Ist er schneller? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Vielleicht ist er langsamer als andere.

Wie das?
Wer schneller als andere denkt, kommt vielleicht schneller ans Ziel.
Aber: Ist es auch das Ziel der anderen?
Falls ja: Wie lange brauchen sie, um nachzukommen?
Falls nein: Was nützt es, sein Ziel erreicht zu haben? Sozial gesprochen, also mit Blick auf die anderen.
Nicht viel.

Ein Führer der Unentschlossenen muss langsam sein, denn er muss einsammeln, er muss stark sein, denn er muss Widerspruch aushalten, er muss kriegerisch sein, denn er muss Feindschaft gestalten, er muss versöhnlich sein, denn er muss Fünfe gerade sein lassen, sobald es die Sache erfordert, er muss unversöhnlich sein, denn er muss jeden ausschließen, der sich der Sache in den Weg stellt oder ihr aus Versehen in die Quere kommt.

Kannst du das?
Nein.

Annäherung an einen Entschluss
5

Ein unvollendeter Denker, einer, dem die Geschichte etwas schuldig blieb – einen Beweis der Richtigkeit seiner Thesen, der Machbarkeit seiner Vorschläge –, so ein Denker, ausgebuddelt aus dem Schutt des Gewesenen und nach langem Nachdenken für das Projekt ausgewählt, ist für vielerlei gut:

  1. Er verfügt über einen Namen.
  2. Er liefert Vorgaben.
  3. Er reizt das Verstehenwollen.
  4. Er schafft Deutungsprobleme.
  5. Er bringt seine Anhänger mit.
  6. Er provoziert Stellungnahmen.
  7. Er lenkt die Gegner auf Abwege.
  8. Er lässt Träumer träumen.
  9. Er öffnet Augen.
  10. Er öffnet Geldquellen.
  11. Er erschließt Kontexte.
  12. Er beschäftigt Mitarbeiter.
  13. Er erlaubt Metastasenbildung.
  14. Er motiviert Jünger.
  15. Er stimuliert die Eitelkeit von Komparsen.
  16. Er erzeugt Kraftfelder.
  17. Er bringt die Phantasie an die Hebel.
  18. Er befördert den Glauben an die Machbarkeit von Geschichten.
  19. Er lässt Interpretationsräume wachsen.

Annäherung an einen Entschluss

Das alles: fu (fast umsonst).

Charles Fourier (1772 - 1837)

Charles-le-Fou

Charles Fourier (1772 - 1837)

Wie lange muss einer ausharren,
bis die Welt sich seiner erinnert

Charles Fourier (1772 - 1837)

oder Teile seiner unermesslichen
Arbeit zur Kenntnis nimmt

Charles Fourier (1772 - 1837)

dazu bestimmt, die Leiden der Menschheit
ein für allemal zu beenden – und zwar aus einem Punkt.

Charles Fourier (1772 - 1837)

Starr blickt die Nachwelt ins Licht dieser kalten Sonne
die niemandem schien. Nur ein paar Erleuchtete
die ihrer nicht bedurften, fanden es nützlich,
ihren Witz daran zu üben. So retteten sie ein Werk
über die Zeiten, dessen schwierigerer Teil lange Zeit
dazu verurteilt schien nicht zur Ausführung zu gelangen.

Charles Fourier (1772 - 1837)

Revolution ist zwecklose öffentliche Erregung,
in deren Folge einige Köpfe rollen und einige radikale Beschlüsse
gefällt werden, während die wirklich wichtigen Entscheidungen,
von denen das alltägliche Wohlergehen der Menschen abhängt,
verborgen fortbestehen oder sogar durch solche ersetzt werden,
die den öffentlich verkündeten Grundsätzen Hohn sprechen.

Comet of 1811

Unzufrieden mit dem Ergebnis der Großen Revolution,
machte sich Fu auf den Weg, die Gesellschaft
von innen her zu verändern. Während die Klassiker
schwiegen, mischte sich seine Stimme mit der
des Weltalls und für einen Moment
wurden sie eins.

Fu Fu Fu

Charles-le-Fou.
Ein Bourgeois.

Fu Fu Fu

Ein Revolutionär.
Eine Figur aus dem Lesebuch.

Fu Fu Fu

Wer schneller lebt, altert langsamer.
Das liegt am Altern.

Fu Fu Fu

Ist Charles-le-Fou gut?
Wer das wüsste. Ist das wichtig?

Fu Fu Fu

Charles-le-Fou hat die Große Revolution erlebt.
Allein das macht aus ihm eine große Nummer.

Fu Fu Fu

Die moralfrei gesehene Welt ist nicht zum Aushalten.
Das Haifischbecken ist nicht die Welt, sondern ihr Albtraum.
Was nun?

Fu Fu Fu

 

 

 

Kluger Kopf dieser Charles-le-Fou

Kluger Kopf dieser Charles-le-Fou

Nicht klug genug
um in die Reihe der Klassiker
Aufnahme zu erhalten

Ein Phantast
Ein Hochstapler
Ein Realist

Die entscheidende Entdeckung
des Herrn Charles-le-Fou
ist die Lust

Wahnsinn
Die Lust also verdanken wir ihm
Danke Charles-le-Fou
Unentdeckt
vagabundiert sie
durch die Jahrtausende
Nun naht der Entdecker
Ein Herr im Frack

Den Zylinder legt er
bei seinen Entdeckungen ab

Wie kann so einer
die Lust entdecken?

Charles-le-Fou sagt
Charles-le-Fou sagt
Charles-le-Fou sagt

Ja
Ja
Ja

Charles-le-Fou sagt jeder Mensch
besitzt eine Leidenschaft
einen Drang einen Furor
der ihn beherrscht

So ist es
Dieser Mann weiß
wovon er spricht
Wir sind geneigt
ihn anzuhören

Charles-le-Fou sagt A zum Beispiel
verfügt über einen leidenschaftlichen
Erwerbstrieb
Ihn befriedigen bedeutet Lust
Ihn nicht befriedigen bedeutet Unlust

Tolle Entdeckung
Schon klar

Gerade nicht

Was dann?

Charles-le-Fou sagt B zum Beispiel
verfügt über einen leidenschaftlichen
Trieb nach Erkenntnis
Ihn befriedigen bedeutet Lust
Ihn nicht befriedigen bedeutet

tiefe männliche Unlust
Das klingt überzeugend
bleibt aber unbefriedigend

Tiefe männliche Lust
Das wirkt überzeugend
Lust ist eine Produktivkraft

bricht sich Bahn
sehr überzeugend
kollektiv produktiv
sehr witzig
an den merkwürdigsten Stellen
sehr merkwürdig
tiefer als gedacht
gut ausgedacht
willkommen im Seichten

Warum so spöttisch?
Was ist das Haar in der Suppe?
Sex?

Lust bleibt Lust Wer
das bestreitet
ist ein Heuchler und
Lustfeind
Alles Leben geht vom Körper aus
Die Kultur des Todes
hat uns lange genug beherrscht
Nicht ich lebe
mein Körper lebt mich

Bravo
das war schon
ein bisschen
Charles-le-Fou
ziemlich viel sogar
zwar nicht der ganze
aber Charles-le-Fou ganz

Das war alles?
Der ganze Aufwand
für die Katz-im-Sack
sehr männlich

Allerdings
um da hinzukommen
wäre es nötig den ganzen
Charles-le-Fou zu verstehen

Na dann los
heraus mit dem ganzen
Charles-le-Fou

Also gut fangen wir an
Triebbefriedigung ist Lust
Nichtbefriedigung Unlust
So einfach ist das
So einfach wäre das
Jetzt kommt die Moral
die Lust an der Unlust die Lust
an der gebremsten Lust die Lust
daran die Lust
auszubremsen

Der ganz normale Frust

Der ganz normale Frust

Was sagt Charles-le-Fou?

Charles-le-Fou sagt...

Ja...?

Charles-le-Fou sagt...

Ja was denn?

Das ist das Komische
Charles-le-Fou sagt...

Heraus damit

Charles-le-Fou sagt ... eigentlich gar nichts
Lust ist Lust und sonst gar nichts
Es gibt keine Lust erster oder
zweiter oder dritter Ordnung
Nur Lust

Keinen Sex?

Wir reden hier
von der Moral
Die Moral existiert und
sie existiert nicht sie ist die Lüge
Keiner empfindet Lust dabei sie
zu praktizieren deshalb

praktiziert sie auch keiner
Klare Weltsicht
ohne Heuchelei
lebt es sich besser

Das sehen wir auch so
Das wäre auch so
schreibt Charles-le-Fou wenn

wenn

die Moral nicht existierte
Die Moral sagt Lust ist schlecht
also ist Lust schlecht
Die Moral sagt dieser Trieb
ist schlecht also ist er schlecht
Die Moral ist der große Schlechtmacher
sie beherrscht die Welt
sie richtet sie
zugrunde

Das verstehen wir nicht

Das versteht keiner
Dass Moral Macht hat
wie kann das sein wo doch
alle Macht von den Trieben ausgeht?
Das sind so Widersprüche im Text

Wieso Widersprüche?
Was ist falsch daran
wenn es ist wie es ist?

Die schaffende Kraft
hinter den Verhältnissen
ist das Begehren
Wer begehrt will Lust
Wer Lust will pfeift auf die Moral
er zerbricht die Verhältnisse
er schafft sie
jeden Tag neu

Sagt Charles-le-Fou

Sagt Charles-le-Fou
Er sagt noch etwas
Die Intellektuellen haben die Welt

nur verschieden interpretiert
Das sagt Charles-le-Fou?
Kluges Kerlchen
Wie geht’s denn weiter?
»Es kömmt drauf an –«?

Vorsicht
Lacht nicht zu früh
Die Pointe kommt noch
Die Intellektuellen haben die Welt
verschieden interpretiert
Es kommt aber darauf an
sie gleich zu interpretieren

Was soll denn das

Erst wenn der Trieb
die Welt interpretiert
kommt sie zum Vorschein

Das ist ja putzig
Sie hält sich also versteckt

Nein, das ist nicht putzig
Es ist ein Elend
Es ist ein Verbrechen
Es ist das Elend
Es ist das Verbrechen
Es ist der Hunger und es ist die Schande
Es ist alles was zwischen dem Menschen
und dem Menschen steht
Es ist alles was verhindert
dass der Mensch zu sich selbst kommt

Sagt Charles-le-Fou

So ungefähr

Dann ist er ein Klassiker

Nur wenn wir ihn anwenden

Sagt Charles-le-Fou

 

 

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Fu Fu Fu

GESANG DER FEURIGEN

Und es waren Menschen unterwegs
Und sie fragten sich wo führt das hin
Keine Leistung nur ein großes Loch
das sie Zukunft nennen ohne Sinn

Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou

Wer ein Tor ist, das bestimmt nur er
Wer hindurchgeht tut es nur für sich
Wer hindurchging findet nicht zurück
Wer zurückbleibt, den bestraft der nächste

Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou

Wo ein Rätsel ist suchen wir nach Lösungen
Wo ein Widerstand ist schließen wir uns an
Wo ein Übel ist schaffen wir es ab
Wo ein Abgrund klafft bauen wir goldene Brücken

Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou

Wenn ich froh bin muss ich lachen
Wenn ich lachen muss muss ich weinen
Wenn ich weinen muss geht es mir schlecht
Wenn es mir schlecht geht, muss ich aufstehen

Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou

Warum zögerst du wo du es eilig hast
Warum probierst du alles nur nicht was möglich ist
Warum siehst du dich um wenn du vorwärts gehst
Warum begehrst du statt dich begehren zu lassen

Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou

 

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Zunder
 

Ein Blitz, aus heiterem Himmel zwischen den Brücken alle Grazie und San Niccolò auf den Arno niedergehend, zündet in einem Touristen, der auf der Suche nach einem Parkplatz im Schritttempo durch die Via dei Renai rollt. Das entspricht der Lage des Suchenden, der bereits gefunden hat, aber beim Versuch, sich das Gefundene anzueignen, sich ein ums andere Mal versteigt oder verhebt oder verdenkt. Der Blitz ist soeben ›herniedergefahren‹, als der Reisende ihn erblickt, was nicht richtig ist, da er ihn zwar – durch eine Akazienreihe hindurch, die den Vorgang furchtbarer und unwirklicher erschei­nen lässt –, wie das Wissen um die physikalischen Abläufe es befiehlt, als niedergefahren betrachtet, aber – aufgrund der winzigen Zeitversetzung, deren es bedurfte, um seine Wahrnehmung anspringen zu lassen – doch eher erblühen sieht, soll heißen, als ein von unten nach oben, aus der verkehrsbedingt vorrangigen Waagrechten in den hellgrau getupften Frühlingshimmel geschleudertes Riesengespinst in sich fortträgt.
Nie hat der Reisende davon gehört, dass Blitze erblühen, er wird diese Wendung nur in seinen geheimen Aufzeichnungen verwenden, aber umso mehr prägt sie sich seinem Gedankenfluss ein. Die Erkenntnis – was immer so genannt wird – bedient sich des physiologischen Eindrucks. Aber sie hält sich nicht lange bei ihm auf, sie kehrt ihn sogar um und produziert ihre eigenen Bilder, die sich an die Stelle des Gesehenen setzen und munter ihr Recht behaupten, obwohl sie fadenscheinig bleiben und der mächtige erste Eindruck wie ein Vulkan in ihnen weiter brodelt.

Das ist nichts Besonderes.

Der Verstand betritt den Marktplatz der Ideen
1

Nichts frappiert aufmerksame Menschen mehr als die Differenz zwischen der elementaren Wahrnehmung sozialer Akte und den sich immerfort, wie Spielkarten, neu und anders mischenden Bildern, die sie – ›im Gedächtnis‹, wie es heißt, eingespannt in allerlei aktuelle Bezüge – von ihnen davontragen.
Wer in Gesellschaft lebt, bewegt sich in einem dichten Geflecht von Hypothesen. Lieber vertraut er der elastischen Kraft einer Liane, um sich von einer Krone in die andere hinüberzuschwingen, als dass er es einen Augenblick in Erwägung zöge, sich auf den nackten Boden der Konfrontation hinunterzulassen, auf dem Mensch gegen Mensch steht und nur die einzelne Wahrnehmung zählt. Der gesellschaftliche Mensch ist nie von den Bäumen auf die verheißungsvoll drohend unter ihm klaffende Erde hinuntergeklettert, um sein Glück oder Unglück in der Savanne zu suchen.
Nicht anders verhält sich der wissenschaftliche Mensch, der eines Tages anfängt, sich für die alltäglichen Hypothesengeflechte zu erwärmen und ihre Muster zu studieren.
Das hat seinen Grund. Was, wenn nicht die einfache Form der Hypothese, hätte ihn bei seinen Wahrnehmungen leiten sollen? Die Sprache gibt nichts anderes her. Wo ein Wort das andere gibt, bliebe rasch auf einem Haufen Wörter sitzen, wer nicht früh lernte, sich selbst auf eine lebenslange Reise zu schicken, um sie an immer neuen Orten auszugeben und zu empfangen.
Wohin die Reise geht? Keiner weiß es. Keiner, außer den Frommen, begehrt es zu wissen. Wer zu wissen begehrt, spricht über den Tod, als sei er mit ihm intim. Ist das reell? Es ist der Versuch, die Bilder wegzulassen. Doch die Bilder scheren sich nicht darum. Lege eine Mulde an und sie sammeln sich dort. Niemals dieselben und nie anders.

Totsein: eine zwingende Hypothese.
Den Beweis erbringst du nie.
Der Beweis bist du.

Der Verstand betritt den Marktplatz der Ideen
2

Dennoch bleiben die unverbundenen, kraftvoll ungeordeten Wahr­neh­mungen haften. Sie begleiten dich dein Leben lang, sie schütteln nur müde den Kopf, sobald du sie zu sortieren versuchst, sie treten unvermutet, wenn ein Unglück eintritt oder das Alter seine Kreise zieht, nach vorn – gewöhnlich nur für Momente, aber mit einem gewaltigen Nachhall, einem akustischen Getöse, das in deinem Inneren abläuft, von dem so gut wie nichts nach außen dringt, es sei denn in vertrauten Gesprächen, aus denen beide Parteien mit angestrengten Gesichtern und leerem Kopf zu ihren gewohnten Verrichtungen zurückgehen.
Ein Blitzbaum über dem Arno in Florentiner Kulisse, zusammengeschlossen mit der blitzartig aufgeschossenen Idee, die Richtung umzukehren, ist ein guter Kandidat für dieses Archiv.
Was Umkehr im Einzelnen heißt, das wird sich weisen, es erscheint, angesichts der Fülle des Materials, unbegrenzt auslegungsfähig. Zum Beispiel wäre es denkbar, gesellschaftlichen Wandel zum Inhalt eines Experiments zu machen, das keinen anderen Eigensinn besäße als den, allen Beteiligten das Bewusstsein zu geben, sie nähmen an einem unvergleichlichen Unternehmen teil, in dem Möglichkeiten getestet werden, anders zu leben, als die Gesellschaft es ihnen in ihrer bestehenden Form nahelegt, radikal anders sogar, aber ohne die gruppendynamischen Klippen, an denen aus ihrer Umgebung herausstechende alternative Landkommunen mit derselben Selbstverständlichkeit scheitern wie die erbarmungswürdigen Käfig-Insassen einer Peepshow an den ausrechenbaren Tücken der Schaufenster-Existenz.

Der Verstand betritt den Marktplatz der Ideen
3

Auch ein solches Bewusstsein wäre, genau genommen, nichts Besonderes.
In gewisser Weise wäre es das Bewusstsein, Zeitgenosse zu sein, ein weiteres Mal, jedoch in Spiegelschrift und damit für die Umgebung nicht ohne weiteres lesbar, es sei denn, sie ließe sich durch eine Lektüre bannen, in der das Leichte, künstlich erschwert, mit fremden Gewichten spielt.
Der Unterschied eines solchen Bewusstseins gegenüber dem normalen Bewusstsein läge in der Selbstauszeichnung und ihren Folgen: es trüge in gewisser Weise die Wundmale der Gesellschaft, um sich von ihnen bestätigen zu lassen, dass es einzigartig sei, einzigartig in seinem Tun und in dessen Folgen für sich selbst und für die Gesellschaft. Denn dass die Gesellschaft, die ganze Gesellschaft an diesem Experiment teilhat, dafür bürgt in diesem Fall nicht die schnellfingrige Aufmerksamkeit eines massenhungrigen Mediums, sondern der langsame oder schnelle, in jedem Fall unwiderstehliche Sog, den die Wissenschaft auf die Mitwelt ausübt: hier werden die Erkenntnisse und Irrtümer bereitgestellt, die zusammen­genommen mit den unterschiedlichen, teils gefährlichen, teils skurrilen Formen, in denen sie verarbeitet werden, das gesellschaftliche Bewusstsein formen.
So wie man Vögel, die gerade geschlüpft sind, markiert, um ihre Wanderrouten zu erforschen, so lassen sich auch die Wege der Menschen studieren, sobald die Wissenschaft sie einmal markiert hat. Liegt der Markierung allerdings ein Vertrag zugrunde – wie dies unter gesitteten Parteien der Fall sein sollte –, dann kehrt sich die Aufmerksamkeit um und ihre Ergebnisse erscheinen in Spiegelschrift, als Menetekel, als fatale Drohung, deren Sinn sich erst ›mit der Zeit‹ erschließt.
Nicht das Experi­ment verändert die Welt, sondern das Bewusstsein zu experi­mentieren.
Auch dieser Satz ist nur zum Teil richtig. Vor die Veränderung der Welt ist das veränderte Bewusstsein gesetzt. Es fordert seinen Tribut wie jener Jogger, der im entscheidenden Moment den Zeigefinger hebt, um die Richtung anzuweisen, in die der Läufer-Pulk, aus alter Gewohnheit oder einem Mangel an Alternativen, im nächsten Augenblick ohnehin einschwenken würde, zur großen Freude des unauf­fälligen Beobachters, der diese kleine, am Rande der Pyramide aufgefangene Szene unverzüglich notiert.

Angenommen, Maschine A wirkt auf Maschine B und ändert zu einem Zeitpunkt, sagen wir t1, ihr Verhalten, so verändert auch Maschine B ihr Verhalten. Sie verändert es nicht etwa, weil A ihr seinen Willen aufzwingt, sondern weil A das Umfeld verändert hat, mit dem B zurechtkommen muss. Das veränderte Verhalten von A erzeugt also bei B ein Verhalten, mit dem A vielleicht gerechnet hat, vielleicht auch nicht.

Angenommen, Maschine A grenzt an die Maschinen B, C und D, C und D verändern also ebenfalls ihr Verhalten und wirken zusammen mit B auf A zurück, so ist das Verhalten von A vielleicht nach kürzester Zeit, sagen wir zum Zeitpunkt t2, für jemanden, der die Zusammenhänge nicht durchschaut, kaum oder gar nicht wiederzuerkennen.

Aus einem Gesellschaftsreformer mit besten Absichten wird irgendwann vielleicht ein Tyrann, aus einer Clique religiöser Eiferer ein pragmatisches Regime, aus einer Vorzeigedemokratie eine Oligarchie, eine Militärdiktatur mutiert zum religiösen Erziehungsprojekt. Alles ist modellierbar. Eine gewisse Rechnerkapazität genügt, um Bescheid zu wissen.
Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es anders aus.
Das hängt damit zusammen, dass wir als gesichertes Wissen nur durchgehen lassen, was wir in natura vor uns haben: im Grunde eine schlimme Konvention, die viel Unheil verursacht hat und weiter verursachen wird.

Sagen wir jetzt, B, C und D grenzen ebenfalls aneinander, wirken also – je nach Phase – unterschiedlich aufeinander ein, so können Sie sich das für einen Laienverstand dabei entstehende Durcheinander lebhaft vorstellen. Die Leute reden dann von Schicksal oder von den unberechenbaren Zufällen des Lebens, in dem alles anders zu kommen pflegt, als man denkt. Wie Sie bemerken, handelt es sich aber um ein nur scheinbares Durcheinander, das von einem kühlen Programmierer in vergleichsweise wenigen Schritten aufgelöst werden kann.

Verzagen Sie nicht, wenn Ihnen für eine signifikante Veränderung, die Sie in der Gesellschaft wahrnehmen, unterschiedliche Erklärungen angeboten werden. Sie alle können falsch oder richtig sein. Aber unabhängig davon wäre es gut möglich, dass sie das Problem verfehlen, weil sie nur eine Relation berücksichtigen, und auch die meist nur in einer Richtung. Wir stehen hier vor einem Phänomen, das einige Leute das Ende der großen Erzählungen nennen, la fin des grands récits. Damit meinen sie den Verlust an umfassenden Weltentwürfen. Aber es ist schon klar, dass damit nur der Verlust an Glaubwürdigkeit gemeint sein kann. Er beruht auf der Einsicht, dass wir, also die in diesem Fall üblichen Verdächtigen, es notwendig immer mit konkurrierenden Entwürfen zu tun haben werden. Betroffen sind also nur die Anhänger der einen alleinseligmachenden Lehre, also ungefähr dieselben Leute, die heute herumlaufen und die Postmoderne verkünden, weil sie irgendetwas glauben müssen.

Ziehen wir jetzt einen äußeren Kranz von Maschinen um den inneren Zirkel, der zwar nicht in direktem Kontakt mit A steht, aber über B, C und D mit ihm kommuniziert, so sehen wir, dass die Komplexität der zwischen t1 und t2 eintretenden Veränderungen beträchtlich zunimmt. Das wäre also der Normfall. Nehmen wir aber an, in D oder F passiert ein Unfall, etwas Unvorhergesehenes, das die Funktionsweise von D oder F beeinträchtigt oder lähmt oder einfach signifikant verändert, dann stellt sich eine erste Ahnung ein, wie komplex diese Vorgänge, alles in allem, in der Realität abzulaufen pflegen.

Ein solcher rhythmisch wiederkehrender Unfall ist die Mode. Von Gesinnungsmoden z.B. weiß man, dass sie binnen kurzem jede gesicherte Planung über den Haufen werfen können. Dabei ist Kleidermode durchaus prognostizierbar. Schließlich muss sie geplant, entworfen, vorbereitet und unter die Leute gebracht werden. Man könnte auch sagen: Mode ist das, was kommt, weil hinter den Kulissen jemand dafür sorgt, dass es kommt. Aber jeder weiß: diese Gleichung geht nicht auf. Mode ist eine Erfolgsstory.

Erfolgreiche Mode lässt sich, außer von Gurus natürlich, nicht prognostizieren.
Sie schlägt ein wie der Blitz. Sie verändert die Leitfähigkeit der Gesellschaft, jedenfalls für eine gewisse Dauer, und sie verschwindet, als habe es sie nie gegeben. Sie verschwindet, so drücke ich es aus, in den Unfällen, die sie auslöst. Und zwar fast spurlos. Ablesen lässt sich das an den seltsam irrlichternden Bekleidungsgebräuchen, in welche die Intuition der Massen die Anregungen der Modemacher umzusetzen pflegt. Aber natürlich auch an den Gesinnungswracks, die den Gang der Gesellschaft säumen.

Maschinen müssen nicht über Eigenintelligenz verfügen, um ihr Verhalten zu ändern. A, B bis N können so programmiert sein, dass eine Veränderung k zwingend eintritt, sobald p. Ein solches Verhalten ist vorhersehbar, es bleibt – in den bereits angedeuteten Grenzen – überraschungsfrei. Betrachten wir jetzt den anderen Fall. Sobald überraschende Verhaltensänderungen eintreten, handelt es sich entweder um Störungen, also Beeinträchtigungen des Systems, oder um Lernvorgänge. Maschinen lassen sich so programmieren, dass sie innerhalb einer bestimmten Bandbreite lernfähig sind, also Entscheidungen fällen (und sich anschließend merken), die so nicht in ihrem Basiscode festgeschrieben sind.
Man nennt das, Sie wissen es: Künstliche Intelligenz (KI).

Und ich merke an: Über den Begriff der natürlichen Intelligenz ist in der Literatur (von den Medien zu schweigen) viel spekuliert worden. Die hier vorgeschlagene Definition muss nicht stimmen, sie muss bloß (in einem bestimmten Rahmen) funktionieren.

An dieser Stelle nehmen wir eine methodische Vereinfachung vor. Wir setzen die Differenz von künstlicher Intelligenz (KI) und natürlicher Intelligenz (NI) = 0. Das heißt: Wir machen ab jetzt keinen Unterschied zwischen einer Maschine und dem Träger eines, sagen wir, menschlichen Gehirns. Der operationale Begriff des Lernens, den wir auf diese Weise gewinnen, erlaubt, jedenfalls im Grundsatz, die lückenlose Konstruktion des sozialen Feldes. Das Modell beschreibt Gesellschaft nicht im herkömmlichen Sinn als Mechanismus, sondern als eine Menge, respektive Teilmenge, lernfähiger Maschinen. In einem solchen Rahmen ist Lernfähigkeit keine mystische Eigenschaft immer nur eingeschränkt durchschaubarer Subjekte, sondern eine programmierbare Eigenschaft.

Wie viele Maschinen ergeben eine komplexe Gesellschaft? Was ist eine komplexe Gesellschaft? Kann man sie nachbauen? Wo? Im Labor? Mit ›ausgesuchtem Material‹? Wo bekommt man es her? Wie bringt man es unter? Wie ›instruiert‹ man es? Wie sieht der Aktionsrahmen aus? Gibt es überhaupt einen? Wenn ja, wer oder was gibt ihn vor?

Nehmen wir das Modell der öffentlich-privaten Versuchsanstalt Fernsehen. Je medienaffiner die Akteure vor der Kamera auftreten, desto deutlicher tritt der Charakter der Versuchsanordnung hervor. Das entspricht der wissenschaftlichen Maxime der Komplexitätsreduktion. Die Simulation von Gesellschaft erzeugt eine Gesellschaft von Simulanten. Dadurch wird erreicht, dass ein verhältnismäßig überschaubarer Kreis von Akteuren alle Funktionen darstellt, die in einer Gesellschaft zu vergeben sind.

Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Simulation von Offenheit zu. Es überrascht immer wieder zu erfahren, dass auch Offenheit simuliert werden kann. Dabei ist gerade diese Fähigkeit sozialer Akteure von stupender Wichtigkeit. Denn nur offene Gesellschaften sind Gesellschaften im engeren Sinn, d.h. nicht Verbünde mit einem fixen Gruppenverhalten, das sich aus ihrem exklusiven Daseinszweck und der sich daraus ergebenden Konkurrenz zu anderen Gruppen herleiten lässt. Nur wer erfolgreich Offenheit zu simulieren versteht, kann darauf hoffen, die Simulationsspur zu verwischen und ein realistisches Bild von Gesellschaft zu übermitteln.

Antwort:

Nein. Die Außengrenzen dessen, was wir meinen, wenn wir uns der Bezeichnung Mensch bedienen, stimmen nicht mit denen sozialer Einheiten (Maschinen) überein. An einer sozialen Einheit (Maschine) können mehrere, unter Umständen sehr viele Menschen beteiligt sein, umgekehrt besteht ein Mensch, wissenschaftlich gesehen, aus vielen und vielerlei Maschinen. Das ist alles eine Frage der Zweckmäßigkeit. Wenn Sie ein großes Bild von, sagen wir, ca. 2 x 3 Metern rahmen wollen, brauchen Sie einen großen Rahmen. Aber er muss auch passen. Es nützt nichts, wenn Sie einen mit 1,8 x 5 Metern kaufen. Für ein kleines Bild benötigen Sie einen kleinen Rahmen. Und auch der muss passen. Sie können natürlich aufs Bild verzichten und den Rahmen aufhängen (haha!), das ist immer möglich.

Antwort:

Als erste Evolution bezeichnen wir die biologische, als zweite die kulturelle, als dritte die informationelle. Verglichen mit den beiden ersten hat die dritte gerade einmal begonnen. Betrachten wir allerdings die Geschwindigkeiten, mit denen sie ablaufen, so stoßen wir auf ein Paradox. Die älteste, als die längste, aber auch langsamste, liefert die instabilsten, die jüngste, unvergleichlich rasantere, die stabilsten Ergebnisse. Woran liegt das? Offenbar durchlaufen die Ergebnisse langsamer Entwicklungen einen härteren Realitätstest als diejenigen schnell ablaufender Prozesse. Das kann an verschiedenen Ursachen liegen. Es ist z.B. möglich, dass sich letztere, praktisch zeitgleich, bei geringerer Verweildauer eine funktional angemessene Umwelt schaffen. Instabilität bedeutet auch Flexibilität.

Anschaulich zeigt sich der zuletzt genannte Effekt im Straßenverkehr. Schnellere Autos benötigen schnellere Pisten mit größeren Kurvenradien, bestimmten Neigungswinkeln, effektiver Drainage etc. Und diese Straßen werden gebaut. Sie sind Teil des Systems Auto – Straße, also werden sie gebaut, mit riesigen Summen unterhalten und selbstverständlich auch genützt. Nicht nur das: sie verändern die Definition dessen, was als Straße gelten darf und nun spezielle Standards zu erfüllen hat, an die vordem gar nicht zu denken war. Im Ergebnis fällt die Ereignishäufigkeit pro gemessener Strecke ab, während sie pro Zeiteinheit zunächst ansteigt und dann sinkt.

In ähnlicher Weise steigt in fortgeschrittenen Gesellschaften der Bedarf an psychologischer und psychotherapeutischer Flankierung, da sie nur funktionieren, solange eine hinreichende Zahl von entsprechend trainierten und – im vorgegebenen Rahmen! – rational agierenden Mitgliedern zur Verfügung steht. Generell gilt: Je mehr Ausfälle eine Gesellschaft zulässt, desto robuster ist sie und desto zurückgebliebener wirkt sie auf einen modernen Betrachter. Allerdings steigt mit wachsenden Ansprüchen an das Verhalten der Gesellschaftsglieder die Zahl potenzieller Ausfälle. Die Lösung dieses Problems liegt in der Popularkultur, die mit einem Minimum kultureller Regeln auskommt, so dass der Fokus aller allein auf dem Erfolg liegt.

Wer sich aufgibt,
der bekommt seinen Lohn

Die Schlinge zeigt sich
Wer sich aufgibt, der bekommt seinen Lohn
1

Tronka

Also Sie geben sich auf. Das nenne ich konsequent. An was geben Sie sich auf, wenn ich fragen darf? Fragen muss man an dieser Stelle schon dürfen. Meinen Sie nicht? Unterbrechen Sie mich nicht, nicht jetzt. Diese Haltung nenne ich konsequent. Ich kann auch sagen: ich bewundere sie. Vielleicht auch nicht. Janein, wenn ich es genau betrachte, finde ich nichts Bewundernswertes daran. Natürlich können Sie mit sich anfangen, was Sie wollen, es ist alles eine Frage der Umstände, der Zeit vielleicht auch, aber in irgendeiner Zeit leben wir immer. Wie bitte? Sie meinen, das sei unwichtig? Sie scherzen. Das ist es auch, aber unterbrechen Sie mich nicht. Bitte nicht jetzt. Erinnern Sie mich später an diesen Punkt, ich komme darauf zurück. Ich bin dabei, Ihnen etwas zu versprechen. Nicht jetzt. Sie unterbrechen mich. Wirklich, Sie unterbrechen mich. Seien Sie vorsichtig. Was ich sagen möchte: ankommen, wirklich ankommen werden Sie nie. Das mag Sie jetzt wundern, aber ich wiederhole mich: ankommen werden Sie mit dem, was Sie vorhaben, nie. Das ist ausgeschlossen. Das gibt die Sache nicht her. Aber selbst wenn Sie dabei auf Ihre Kosten kommen, selbst dann werden Sie niemanden finden, der Ihnen das abkauft. Zu abwegig, zu abseitig. Sie wissen, was ein toter Briefkasten ist. Also passen Sie auf: Sie stehen im Begriff, in einen toten Briefkasten zu investieren. Woher ich das weiß? Ach wissen Sie, das ist eine lange Geschichte. Dazu müsste ich ausführlich werden, das vertagen wir auf ein anderes Mal.

Wer sich aufgibt, der bekommt seinen Lohn
2

R

Wenn ich aufbreche, werde ich auch ankommen. Das ist eine Frage der Wortwahl, der Semantik, wenn Sie so wollen, weniger dessen, was einer will oder nicht will. Der große Aufbruch ins Nirgendwo findet nicht statt. Ich will, ja ich will, deshalb breche ich ja auf. Vielmehr, dass ich aufbreche, bezeugt meinen Willen, der sonst vielleicht tief in mir schlummerte, durchkreuzt von einem anderen und vielleicht einem dritten Willen, einem vierten und fünften, was weiß ich. Ich breche auf, also will ich. Nicht der Wille treibt mich heraus, sondern ich setze ihn ans Steuer und gebe Befehle: Fahr zu! Fahr zu oder wir sind beide tot. Warum sollte er nicht fahren? Warum sollte er nicht ankommen? Ein Wille ist immer am Ziel und immer unterwegs. Wenn er lahmt – auch gut! Besser ein lahmer Wille als gar keiner. Wenn er verschwindet, dann weiß ich: irgendwo hier im Gelände muss er zu finden sein. Gut, ich gehe ihn suchen. Er hat genug? Er will nicht mehr? Was ist das für ein Wille? Ich werde schon dafür sorgen, dass er spurt. Ein Wille außer der Spur ist kein Wille, er ist ein Witz. Wille und Spur, das gehört zusammen wie Ochs und Esel im Krippenspiel. Ein entlaufener Wille, eine Spur, die sich verliert: Was liegt daran? Den einen pfeifst du herbei, die andere brennt dein Blick in den Sand. Wo du anlangst, dort ist das Ziel.

Wer sich aufgibt, der bekommt seinen Lohn
3

Tronka

Hören Sie doch auf. Ich kann Ihnen da nicht folgen. Ein bisschen Selbstaufgabe ist immer im Spiel, das gehört sozusagen dazu, es gehört sich einfach so. Kein Spiel ohne Solidarität. Wer mit dem Kopf durch die Wand will, der holt sich die Beule, die er verdient. Apropos: Was verdient so einer eigentlich? Ist er ein großer Verdiener? Verdient er genug, um mit seinen Blessuren allein fertig zu werden? Und wenn schon: rechtfertigt das den Aufwand? Man kann nicht bloß auf eigene Faust leben. Damit ist keinem gedient. Es kommt auch nichts dabei heraus. Christlich ist das nicht. Oder doch. Macht nichts, ich nehme nicht an, dass Sie Christ sind. Ich übrigens auch nicht. Ah, Sie wiegen den Kopf. Das amüsiert mich. Laden Sie mich ein, ich komme mit. Nur eines müssen Sie mir versprechen: nicht zum Wohl – heißt das ›Wohl‹? – der Menschheit, da müssen Sie sich einen anderen suchen. Wozu dann? Zu meinem eigenen Wohl? Das will natürlich bedacht sein, aber: ich denke nicht. Wie dem auch sei, man fällt immer wieder auf diese sehr frühen Texte zurück. Der eine verletzt sich dabei, andere werden verletzend. Am erhebendsten wirken die Zeitgenossen, denen ›das alles nichts sagt‹. Prächtige Raubtiere, nicht zu fassen, man glaubt es nicht. Egal. Wichtig an alledem ist doch nur eins: das Durchstreichen.

Wer sich aufgibt, der bekommt seinen Lohn
4

R

Wenn ich etwas durchstreiche, bin das dann ich? Bin ich das Durchgestrichene oder der, der durchstreicht? Ich meine, macht das einen Unterschied? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Falls doch, so muss es ein großer sein, ein alles entscheidender ... also: Macht es einen Unterschied? Ich weiß es nicht, will es vielleicht gar nicht wissen. Warum? Weil mich das Wissen erschlüge? Ist nicht das Nichtwissen auch schlagend? Sie sagen, ich gebe mich auf. Richtig. Da ist eine Linie im Raum, ein Diesseits, ein Jenseits und dazwischen: diese Linie. In mir ist einer, der schiebt, einer, der geschoben wird: Wer passiert die Linie als erster? Der geschobene. Das ist grotesk. Der Schiebende müsste schon drüben sein, das wäre gerecht. Stattdessen bleibt er diesseits der Linie. Er bleibt zurück. Gut. Ich bin drüben und er bleibt zurück. Er? Ich? Schön wär’s. Es ist unlogisch, so zu denken. Was wäre die logische Variante? Etwa so: Ich gehe ein Risiko ein, um einem größeren Risiko zu entgehen. Woher weiß ich, welches das größere Risiko darstellt? Also gut: ich weiß es. Ich verändere mich, auch gut. Die Hauptsache ist: ich bleibe. Ich behaupte das Feld. Hat sich der Sturm erst gelegt, ist einer da, um zu sagen: Hallo, hier bin ich. Und das werde ich sein. Werde ich es sein? Natürlich nicht. Oder doch? Doch, natürlich. Oder doch nicht? Ich bin mir nicht sicher. Das ist keine Unsicherheit, das ist etwas anderes, ich meine, es betrifft den Kern der Sache: Ich bin mir nicht sicher. Ich bin meiner nicht sicher. Ich setze mich aufs Spiel. Was werde ich herausbekommen? Nichts. Ich werde nichts herausbekommen. Der andere, der übrig bleibt, bekommt nichts heraus, und ich, der ich das Spiel eingehe, werde nicht mehr sein. Dieser Verrückte wird schuld daran sein, dass ich nicht mehr bin. Oder doch? Bekomme ich etwas heraus? Ich will etwas herausbekommen, soviel ist sicher. Das ist der Sinn des Spiels. Etwas wird herauskommen. So geht das Spiel. Aber was? Ich bin mir nicht sicher.

Wer sich aufgibt, der bekommt seinen Lohn
5

Tronka

Ach, Sie sind nicht sicher? Sie führen diese Reden und sind sich nicht sicher? Das wundert mich jetzt ein bisschen. Ich will nicht in Ihrer Schuld stehen, deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag. Da Sie ein Anhänger der Sanftheit sind, selbstredend ohne Glaubenshintergrund, sollten Sie mir zustimmen, wenn ich, ein wenig ins Blaue hinein, phantasiere: Selbstbezug paradox. Wer ihn forciert – zum Beispiel, indem er sich konsequent aus dem Spiel nimmt –, der spannt sich, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Jenseits dieses Punktes fällt er in sich zusammen. Das einfache, gerade Selbstsein verlangt also, dass man in Fühlung bleibt. Womit? Sagen wir: mit den anderen, mit den Verhältnissen, mit denen, die sie verändern wollen. Menschen können implodieren, warum denn nicht. Das Ich erlischt im Ich oder so ähnlich, ich will jetzt nicht pathetisch werden. Komisch ist das selbstredend alles. Und selbstverständlich spreche ich nicht von Verantwortung. Dieser Raum hier birst vor Verantwortung. Merken Sie, wie die Balken sich biegen? Ganz leicht, man sieht es kaum, man muss schon wissen, wohin man schaut. Ganze Areale gehen auf diese Weise vor die Hunde. Warum? Janein, die Verantwortung hat sie gesprengt. So weit, so gut. Sprechen Sie mir laut und deutlich nach:

Individualismus ist Scheiße.

Geht doch. Jetzt reicht die Verantwortung schon ein Stück weiter. Sie haben sie übernommen, verstehen Sie, übernommen. Vielleicht haben Sie sich übernommen, soll vorkommen, aber darauf kommt es jetzt nicht an. Jetzt nicht. Vielleicht gleich, aber darauf kommt es jetzt wirklich nicht an. Jetzt der nächste Schritt: Wenn wir es nicht tun... Wenn Sie so denken: gut, bon. Prügeln Sie mit. Stoppen wir das Gespräch. Kluger Mann, dieser Auerwald. Guido, warum Guido? Kurios.

Fortgesetzte Heimsuchung
durch das Projekt

Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
1

Tronkas Stimme im Ohr: Du brauchst so ein Vorhaben, du braucht dein Vorhaben, du brauchst es so sicher wie ... reden wir nicht vom täglichen Brot, reden wir nicht vom Amen in der Kirche, das hier steht auf einem anderen Blatt. Aber ein klein wenig dasselbe ist es schon, da beißt die Maus kein’ Faden...
Warum tut sie das? Vielmehr: warum tut sie’s nicht? Hat sie Gründe? Wenn ja, welche? Du kennst keine Maus, kannst daher keine fragen. Menschen könntest du fragen. Ob sie dir Rede und Antwort stünden, das steht ... auf einem anderen Blatt. Besser wäre es, du könntest sie zum Mitmachen bewegen.
Mitmachen?
Ja bei was denn? Das Vorhaben, sollte eines draus werden, zielt ein bisschen zu sehr aufs private Leben. Da schmeckt das Wort vom Mitmachen ein wenig ... anders. Nun, ein wenig zielt jede Rede aufs Leben, und die vom Mitmachen sowieso. Wer sich nichts vornimmt, den verlässt es auf der Stelle. Eine Weile trudelt er noch, das kann sogar, wie jede unkontrollierte Bewegung, Illusionen erzeugen und Lustgefühle hervorrufen. Aufschlag.
Warum empfindest du dieses noch ungeformte Vorhaben als privat? In wessen Privatsphäre greift es ein? In deine? Das solltest du verhindern. In die der Mitmacher? Das liegt daran, auf welcher Ebene sie einsteigen. Wäre das dein Problem? Offenkundig nicht. Wer sein Privatleben für ein Experiment zur Verfügung stellt, lebt der privat? Will er das: ein privates Leben? Vielleicht verlangt es ihn – insgeheim oder brennend – nach etwas anderem. So denken viele, die nicht darüber nachdenken, dass sie ihr Privatleben drangeben, um ein anderes zu ergattern. Finden sie es? Kann man ein Privatleben zerstören und ein anderes finden? Welch ein Fund mag das sein?
Verzicht aufs private Leben: Gibt es das? Ist es denkbar? Ist es machbar? Ist es lebbar?
Sollte all das zweifelhaft sein: Woraus entspringt dann der Wunsch?

Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
2

Nicht du betrachtest dein Vorhaben als privat. Du empfindest Scheu, es anzumelden. Du fürchtest den Moment, in dem es als zu privat abgelehnt wird. Du fürchtest die Ablehnung. Das ist der Punkt. Warum? Ist dein Selbstbewusstsein so schwach? Ist es so unausgebildet?
Das mögen andere entscheiden.
Nein, dein Selbstbewusstsein tut nichts zur Sache. Der Blitz, der das Projekt zündete, er hat dein Inneres in Brand gesetzt. Betrachte dieses Bild. Willst du deine Umgebung in Brand setzen? Nicht wirklich. Ließe sie sich in Brand setzen? Wohl kaum. Was also riskierst du? Sie werden den Brand bemerken und ihn löschen wollen.
Sie werden ihn löschen wollen, nicht weil sie begriffen haben, was da brennt, sondern weil der Löschinstinkt es ihnen befiehlt. Du weißt es, denn er ist auch in dir wirksam. Schon arbeitest du ihnen entgegen.
Dabei ist es nur ein Bild.
Ein altes Bild. Ein mächtiges Bild. Ein Suchbild.
Ein Bild auf der Suche nach seinem Sujet.

 

Landschaft mit Sturz des Ikarus Pieter Breughel d Ä
Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
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Das einfachste Vorhaben hieße: mitmachen. Wer mitmacht, hat nichts Besseres vor. Er will dabei sein, also ist er bereit. Die Moderne zum Beispiel, Leckebuschs Steckenpferd, wäre so ein Etikett, unter dem mancherlei durchgeht. An ihr sind viele beteiligt, sehr viele, praktisch alle, sie nimmt alle mit. Nicht jeder versteht das, nicht einmal in den Zentren des Weltgeschehens, dort, wo die Akteure ein und aus gehen, die das Projekt steuern: Wirtschaftsbosse, Wissenschaftsplaner, Intellektuelle, professionelle Weltausleger... Politiker?
Steuern Politiker die Moderne? Das müsste man wissen.
Andererseits: Wer, wenn nicht sie?
Wie steht es mit den Juristen? Ein Unterfangen, an dem keine Juristen beteiligt wären, müsste erst noch erfunden werden. Aber heißt Beteiligtsein Steuern? Ganz sicher nicht.
Ganz sicher?
Beteiligt sind alle. Jeder frisch erblühte Konzern, jeder abgewirtschaftete Bauernhof, jede menschenzerbrechende Mine, jedes einzelne Produkt, jede Fertigungstechnik, jeder Bedarf, jeder Beruf, jede Berufswahl, jeder ausgelassene, verbotene, niedergeknüppelte, erfolgreiche Streik, jeder Protest, jeder Aufruhr, jedes Gemetzel, jede Praxis, jede Gesetzesänderung, jede Abtreibung, jede geschlossene, gescheiterte, geschiedene, verweigerte Ehe, jede Arbeitsbedingung, jede Arbeitslosigkeit, jede Gehaltschwankung, jeder Urlaub ›in fernen Regionen‹, jede Art von Konsum, jede Fernsehsendung, jedes Gemeindeleben, jeder Glaubensabfall, jede Bekehrung, jede Schulgründung, jeder Lehrplan, jedes Forschungsergebnis, jedes Forschungsvorhaben, jedes Arbeitspapier, jedes Symposium, jedes Flugblatt, nicht zu vergessen die klassischen Kandidaten Sex, Drogen, Repression, Terror – sie alle... Sie alle?
Doch doch, sie sind dabei.
Masse steuert.

Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
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Wer steuert die Masse?
Der Prozess.
Wer steuert den Prozess?
Er selbst.
Ganz sicher?
Was heißt schon sicher.

Gelenkte/ungelenkte Prozesse. Wozu gehört die Moderne?

Die Moderne und ihr Schatten.
Kein gelenkter Prozess, der nicht ungelenkte auslöste, durchkreuzte, verstärkte, verwandelte.
Et vice versa.

Welchem Zweck dient die Moderne? Wem dient die Moderne?

Wäre es angesichts der Unsicherheit, die eine solche Frage hervorruft, nicht zweckmäßig, man überließe die Moderne sich selbst und ihren Tendenzen?

Ein Ausweg wäre es, sicher.

Aber: wäre sie dann noch die stolze, selbstsichere, unwiderstehliche, alles integrierende Unvollendete, der Liebling aller Dirigenten und Möchtegerne?

Sicher nicht.

Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
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Die Moderne ist tot. Ein Spötter hat es gesagt, schön beiläufig, um die Pointe nicht zu gefährden. Die Verspotteten plappern es nach. Das stört die Kollegen, die gern zu Hause an vorderster Front kämpfen. Ein Taschentuch! Rotz und Wasser, die richtige Mischung, darauf kommt es an. Sicher? Worauf kommt es an? Wer weiß, worauf’s ankommt, der hat... die Nase vorn. Er hat das Sagen.

Das ist schon sagenhaft: zu wissen, worauf es ankommt. Es bedeutet Macht, zumindest, bleiben wir auf dem Teppich, Machtgefühl, aber so ein Gefühl erbricht sich ganz von allein, es sucht seinen Weg. Moderne heißt: wissen, worauf es in Zukunft ankommt. Ein Manager zum Beispiel kann gar nicht anders, er muss es wissen oder er ist weg vom Fenster. Ein Bereichsleiter ist bereits zur Moderne verdammt. So sieht es aus. Ein Professor desgleichen, sonst hört keiner ihm zu.

Nebenher: Es sind Tote, die sich diese Geschichte ausgedacht haben. Moderne wird aus Gräbern heraus gesteuert. Jeder kennt solche Toten, nicht persönlich, man ist im Leben keinem begegnet, was schade ist, denn die Berichte über ihr Erdenwallen füllen Regalmeter in den öffentlichen Bibliotheken, erstaunlich eigentlich, da die Zahlen der von ihnen vollgeschriebenen Seiten eher auf beschauliche Lebensläufe tippen lassen. So gesehen ist die Moderne tot, seit die Lebenden denken können. Beides gehört sogar, der Schluss ergibt sich dunkel, aber zwingend, zusammen.

Fu zum Beispiel ist ein Moderner. Der Tod hat seine Einfälle ineins geschmolzen: da stehen sie, eine Parade von Schriften, die darauf warten, erblättert zu werden. Warum erblättert? Geben sie etwas preis? Etwas Kostbares? Einen Schatz fürs Leben? Eine Sicht der Dinge, die es licht, hoch und geräumig erscheinen lässt?

Keineswegs. Vielleicht. Naja.

Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
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Nicht du willst mitmachen. Es will mitmachen. Dein Projekt, es ist schon dabei. Es schwebt dir vor, aber es ist schon dabei.
Was besagt das?
Es besagt, die Würfel, so oder so, sind gefallen.
Fu-Projekt, das ist: die Wiedergewinnung eines alten Gedankens.
Fu-Projekt, das ist: die Wiederbelebung einer verjährten Konzeption.
Fu-Projekt, das ist: der kontrollierte Versuch, die Revolution der Lust in die Hände derer zu legen, die sie empfinden sollen.

Kann ein solches Projekt scheitern?
Keine Frage, es kann.
Es muss scheitern können, damit es gelingen kann.

»Ich stelle mir diese Krankheit vor wie einen großen, dunklen Verlauf, an dessen Ende das Licht angeht und alle erstaunt zur Kenntnis nehmen, an welcher Stelle im Raum sie sich befinden.«
Von einer Krankheit ist nirgends die Rede.
Woran ist Fu zugrunde gegangen?
Und wäre er elend zugrunde gegangen – es wäre keine Botschaft, die einen von uns betrifft. Was wir ins Leben zurückholen, sind seine Gedanken, nicht seine Abschweifungen. Wir wagen einen Versuch: vorsichtig, Schritt für Schritt, von Lektüren unterbrochen und gegengelesen, einen Marsch in den Dschungel mit leichtem Gepäck und allem Gepäck der Welt, bei offener Bibliothek, umzingelt von Therapeuten. Die Pyramide ist unser Aktionsraum, die kurzen Wege zum Wissen sind unser Markenzeichen.

Wer sind wir? Eine kleine, handverlesene Truppe, bereit, das Elend der falschen Intimität hinter sich zu lassen und eine Gleichheit zu praktizieren, die schwer zu erlangen ist: Gleichheit von Wünschen, Begehrungen, Erfüllungen, Partnern, Lebensweisen, Beschreibungen, Zuständen, Beziehungen. Wer will, kann zwischendurch nach Hause gehen, wer nicht will, desgleichen. Wir nehmen das Nichtwollen ernst, wer es braucht, darf darin den Motor erblicken, der das Projekt antreibt.

Planet des Nichtwollens, die Pyramide als Basis.

Gespräch beim Rektor

Gespräch beim Rektor

Einer muss donnern, damit die Zeit stillsteht.

Gespräch beim Rektor
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REKTOR

Wir befinden uns auf historisch ungesichertem Terrain. Die klassische Universität hat uns vorgearbeitet, keine Frage, aber wir werden auch ihre klassischen Irrtümer nicht vergessen. An erster Stelle unter ihren Irrtümern steht sicher die Zugangsfrage: Wir wollen allen Menschen einen garantierten Zugang zum Wissen verschaffen. Auch dafür gibt es Voraussetzungen, die an anderer Stelle geschaffen werden müssen, insofern sind wir Teil eines mehr oder weniger funktionierenden Systems und werden es immer bleiben. Ich sage das denen, die glauben, wir befänden uns immer und überall im Irrtum, wenn wir an bestimmten Befähigungsmerkmalen festhalten, die Universität ist kein Ort, um, ich sage das einmal ungeschützt, den Kampf der gesellschaftlichen Gruppen voranzutreiben. Die Schichtzugehörigkeit ist wichtig, aber nicht alles. Wir können sie auch nicht abschaffen, das würde die Institution heillos überfordern. Die Massenuniversität ist eine Realität, der wir uns stellen müssen, keine Frage, und wir stellen uns ihr, keine Frage, wir stellen uns ihr stärker als andere. Lassen Sie mich ohne Übertreibung feststellen, die Pyramide ist eine Antwort auf die Situation der Massenuniversität, ich will nicht behaupten, die einzige, das wäre anmaßend und so sicher nicht richtig. Aber dass wir hier bei der Entwicklung von Konzeptionen in vorderster Front stehen, das steht außer Zweifel und ich bin stolz und zuversichtlich, dass wir die uns übertragene Aufgabe ganz hervorragend, ganz hervorragend lösen werden. Ich betone das immer, wenn ich mich mit den Kollegen von den anderen Universitäten unterhalte: entweder wir schaffen es, besser an die bildungsfernen Schichten heranzukommen und die dort noch vorhandenen Ressourcen zu heben, oder die Entwicklung wird uns überrollen. Wir müssen aber auch dem Eindruck entgegenwirken – und er ist zweifellos vorhanden, da sollten wir uns keinen Illusionen hingeben –, die Entwicklung habe uns bereits überrollt: das ist nicht der Fall. Die Universitas ist kein Traum, schon gar kein ausgeträumter, sie ist harte, gegenwärtige, zuweilen schwierige Realität, aber eine, ich sage das ohne falsche Schonung, an der wir arbeiten müssen. Da sagen die Leute gern, Humboldt ist tot, und das stimmt natürlich, Humboldt plante für eine ganz schmale Bildungselite, das Wissen, das er im Auge hatte, betrug vielleicht ein Hunderttausendstel dessen, was wir wissen und natürlich zu vermitteln haben. Das klingt nach wenig, aber natürlich war es viel, gemessen mit den Maßstäben seiner Zeit, die nicht die unseren sein dürfen. Wir dürfen da nicht in falsche Sentimentalität verfallen. Es ist auch nicht das Wissen allein, das uns zu schaffen macht, damit werden wir ganz gut fertig, wenn man uns den Raum gibt, den wir brauchen. Es sind die Abhängigkeiten, in denen wir uns bewegen und die uns manchmal schwierige Entscheidungen abverlangen. Damit meine ich nicht nur die Wirtschaft, die natürlich hineinspielt und die bei der Rieseninvestition, die so ein Hochschulsystem darstellt, immer ein Wörtchen mitzureden hat. Die Wirtschaft ist nicht so schlecht wie ihr Ruf. Der nicht so schlecht ist, wie wir alle wissen. Auch das sollte gesagt werden. Wir wären nicht so gut aufgestellt, wenn nicht auch die Wirtschaft in unsere Entscheidungen hineinspielte, schon des knappen Geldes wegen. Geld bedeutet Stellen, Stellen bedeuten Forschung, Forschung bedeutet Geld. Das ist der Kreislauf, in dem wir uns bewegen. Nein, nicht die Wirtschaft bereitet mir Sorgen, sondern unsere gelegentlich fehlende Bereitschaft, zu erkennen, was an der Zeit ist und das dann umzusetzen, mit voller Rücksicht auf das, was wir bewahren wollen, aber eben auch in klarer Erkenntnis, dass wir keine Insel sind. Die Universität – ich sage das so hart, wie ich es meine – ist keine Versuchsanstalt für gesellschaftspolitische Experimente. Doch ausschließen – ich wiederhole: ausschließen von der Gesamtbewegung kann sie sich nicht, will sie übrigens auch nicht. Wir müssen aber sicher gehen, dass wir den Prozess auf unsere Weise vorantreiben: als Speerspitze, nicht als Nachhut. Wir müssen den Traum einer gerechten Gesellschaft aktiv träumen. Wissenschaftler sind aktive Träumer. Sie wissen ganz gut, was Zeit und Umstände ihnen abverlangen. Es ist unsere gemeinsame Welt, die sich ohne den Beitrag der Wissenschaft nicht wirklich gestalten lässt. Und das heißt: mit den Methoden der Wissenschaft, nicht durch administrativen Vollzug. So sieht es aus.

Gespräch beim Rektor
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REKTOR

Wir müssen hier und jetzt ran an das Geschlechterverhältnis, mit allen Mitteln, mit aller Überzeugungskraft, mit aller Fähigkeit zur Innovation, die in uns steckt, mit aller Redlichkeit, die wir in dieser Sache aufbringen können, und vielleicht ist sogar ein ganz klein wenig Idealismus dabei, sagen wir Herzblut, um sie voranzutreiben. Sie haben ganz recht, wenn Sie die Sache von der Seite angehen. Sagen Sie, dieser Fu, das war doch ein Bürger, ich meine, er kam aus begüterten Verhältnissen, weiß man etwas über sein Privatleben? Früher habe ich mich mit diesen Dingen nicht beschäftigt, heute komme ich nicht dazu, aber... spannen Sie mich nicht auf die Folter. War er schwul, pervers, sado-maso? Was ist das für ein Typ, der plötzlich den Geschlechter­diskurs seiner Zeit und seiner Klasse verlässt und radikale Gleichheit zwischen den Geschlechtern fordert? Natürlich lag das in der Luft, die Französische Revolution treibt das voran, aber zunächst einmal doch nicht, zunächst einmal erfindet sie den Patriarchen neu, wenn mich meine Erinnerung an dieser Stelle nicht trügt. Will er überhaupt radikale Gleichheit? Wir reden heute über Gleichstellung, die ist etwas schwerer zu bewerkstelligen, die Pyramide hat auch da einen Ruf zu verteidigen, aber natürlich, die Chancengleichheit ist die Grundlage von allem. Ich spreche von materieller Gleichheit, die formale kann man ins Grundgesetz schreiben, da steht sie dann. Nichts gegen das Grundgesetz, es schützt uns alle, trotzdem muss die Frage erlaubt sein, wie es weiter geht, und es muss weiter gehen. Vermutlich muss es viel weiter gehen, als wir uns das heute vorstellen können. Das Ziel liegt noch hinter dem Horizont, für uns ganz sicher, vielleicht auch für die, die nach uns kommen. Das sind so Fragen, die mich beschäftigen. Also, was war er? Sado-maso? Weder noch? Sie enttäuschen mich. Ein ganz normaler Bürger also, verheiratet, sagen Sie, nein, unverheiratet? Da haben wir es. Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen den Junggesellen ist ungeheuer. Man kann das verstehen, angesichts der Bevölkerungsexplosion kann man das verstehen. Die Begüterten müssen mithalten, das ist Klassenpflicht, wer ausschert, ist ein Deserteur. Im Grunde ist unsere Lage heute nicht anders. Damals war es die industrielle Revolution, heute ist es die Bildungsrevolution, die uns zu schaffen macht. Die absoluten Zahlen steigen exponentiell. Nicht beim Kinderkriegen, das haben wir hinter uns, aber die Schulen und Universitäten sind für den Ansturm weder personell noch strukturell wirklich gerüstet. Man verweigert uns die Mittel, wir könnten mehr leisten, viel mehr, daran ist nach Lage der Dinge gar nicht zu denken. Was uns zu Grunde richtet, ist die Weigerung unserer Eliten, Elite zu denken. An dieser Stelle ziehen sie alle den Kopf ein. Für mich heißt Elite Avantgarde, ohne Abstriche, ohne Kompromisse, die kommen früh genug. Der Kampf der Eliten für das Menschenrecht ist selbst eines. Man findet das in den Publikationen hier und da, aber im Großen und Ganzen herrscht darüber doch eine erstaunliche Verwirrung. Wärenddessen schieben die Medien ihre Stars nach vorn, ich halte das für eine bedenkliche Entwicklung. Aber eins nach dem anderen. Sie stellen diesen Antrag, ich bekomme von Ihnen einen Bilderbogen, etwas zum Anfassen, mit Grafiken, Statistiken, Entwicklungskurven, das kriegen Sie schon hin. Ja, der Geist muss umlernen, Sie sind doch ein Vertreter der Geisteswissenschaften, das Argument müsste Ihnen vertraut vorkommen. Machen Sie sich nichts draus, diesen Prozess durchlaufen wir alle. Er schadet ja keinem, und wenn ich am Ende hundert Menschen erreiche statt einem, dann ist das doch ein Gewinn, der sich sehen lassen kann. Also: erreichen Sie mich oder wir können das hier vergessen.

Gespräch beim Rektor
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REKTOR

Forschen Sie, R, forschen Sie, die Universität redet Ihnen da nicht hinein. Es gibt eine Grenze, das muss ich sagen, das ist der Menschenversuch. In der Medizin ziehe ich da eine ganz klare Grenze, in der Psychologie haben wir es mit Befragungen zu tun, das ist o.k., alles andere sehe ich mir sehr genau an, wenn es auf meinen Schreibtisch kommt. Was Sie da vorhaben, berührt diese Grenze nicht, berührt sie nicht wirklich, aber mir wäre wohler, wenn Sie das ganz klar in ihr Projekt hineinschreiben: Forschung ja, Menschen­versuch nein. Wie Sie es umsetzen, das ist Ihre Sache. Wenn Sie Unterstützung brauchen, wenden Sie sich an mich, das beschleunigt das Verfahren. Ich kann mich nicht in alles einmischen, aber was Sie da machen, hat Vorfahrt. Die Pyramide ist keine Universität wie die anderen, wir müssen solche Prioritäten setzen. Das ist unser Auftrag, dafür sind wir gerüstet. Die Mittel sind da, was fehlt, sind Projekte von einer gewissen ... gesellschaftspolitischen Brisanz, wenn ich das so sagen darf. Die Pyramide wurde nicht für Normalwissenschaftler gebaut. Natürlich treiben wir hier Normalwissenschaft, das bringt der wissenschaftliche Alltag so mit sich, aber der Kern, die große Richtung geht auf Umgestaltung, das haben Sie ganz richtig erkannt. Wir wollen beteiligt sein am Umbau der Gesellschaft. Wir wollen eine Wissenschaft von der Bewegung, eine Wissenschaft, die sich bewegt, eine Universität als Bild der Gesellschaft-in-Bewegung, als Mikrokosmos der Reform. Wir haben den Aufbruch hinter uns, das hier ist die lange Reise der Reform. Da gehört das, was Sie vorhaben, essentiell mit hinein. Betrachten Sie es als Teil der Pyramide, betrachten Sie die Pyramide als lebendigen Ausdruck der Reform, betrachten Sie die Reform als Bewegungsform, als unabschließbares Projekt, dann haben Sie schnell beisammen, was Sie brauchen. Wir brauchen Sie, Sie brauchen uns. Ich nehme nicht an, dass Sie auf ihrer langen Reise in die Vergangenheit Fu-o-ist geworden sind oder wie sagt man? Fuaner? Fuiker? Fuizist? Fuicus fuens? Sie lachen, aber unter uns: das ist die Gefahr, in der ich Ihre geistes­wissenschaft­lichen Kollegen gelegentlich sehe. Das Ziel ihrer Bewegung liegt in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft. Nichts für ungut, aber das hier ist Musik: die Musik der Zukunft. Sie liefern die Noten. Wie sich das einmal anhören wird, geht uns, streng genommen, nichts an. Nach uns werden andere kommen. Wir liefern die Noten. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn Sie ein wenig Text mitliefern würden, Text muss sein. Ohne Text geht nichts. Dafür, mein lieber R, sind wir Wissenschaftler. Haben Sie noch eine Frage? Warten Sie, ich geleite Sie hinaus. Händedruck gibts an der Tür.

Was der Sozialismus falsch macht

Was der Sozialismus falsch macht

Einlassungen des Kollegen Wassermann!
Aufzuheben für alle Zeit!

Was der Sozialismus falsch macht
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Ich muss in meinen Papieren kramen, entschuldigen Sie diese Unsitte, ah, da ist das Manuskript, ich muss es nur noch ein wenig ordnen... Ich habe den Vortrag zuerst auf Englisch gehalten, deshalb der Titel. »Two Modes of Friendship«: Was soll das heißen? Warten Sie, hier ... ich ziehe die Stelle vor, weil sie ... sie wirft ein so bezeichnendes Licht auf, wie soll ich sagen, die äußeren Umstände, unter denen sich in der heutigen Landschaft... Lachen Sie nicht, ich finde mich schon zurecht, es braucht nur einige Zeit ... also in der heutigen Landschaft, will sagen – ich sehe, Kollege Dürrobst lacht, lachen Sie ruhig ... Sie wissen, was kommt? Ich habe Ihren Aufsatz gelesen, ich komme darauf zurück, aber: guter Hinweis! Wissen Sie, ich lese Ihre Sachen immer mit Gewinn, das muss ich sagen ... das muss ich sagen ... hier. Was mich bewegt, was – das unterstelle ich einmal – uns alle bewegt, das ist doch eigentlich die Frage – Sie lachen wieder, aber das ist es doch! Sie haben recht, Kollegin Ziehausen, Sie haben ja so recht. Wie recht Sie haben, das ist mir erst klargeworden, als ich das Problem der doppelten Analysis einer erneuten Prüfung unterzogen habe – es war unser Thema auf dem letzten Kongress, Sie erinnern sich, und ich muss sagen, ich bin immer wieder beeindruckt – geistig beeindruckt – durch die Art, wie Sie die Dinge auf den Punkt bringen können: da liegt Musik in der Luft. Sie sagten damals, so weit ich mich erinnere, Sie hätten so eine Idee, wie man es machen könne, gleichzeitig die Luft anzuhalten und zu atmen ... so haben Sie es gesagt, der Ausdruck ist mir haften geblieben, ich kannte ihn noch nicht und fand ihn sehr sehr treffend. Wir leben ja nun, das ist allgemein bekannt, im Westen, und das ist keine Ortsbeschreibung – keine reine Ortsbeschreibung, will das sagen –, sondern eine Beschreibung von Positionen, ohne dass man allgemein sagen könnte, wie diese Positionen in Wirklichkeit aussehen. Wir bemühen uns sehr, die Wirklichkeit in den Blick zu nehmen, hüben und drüben, aber etwas trübt diesen Blick, etwas trübt ihn, und daran scheitern alle überwölbenden Modelle. Es gibt diese Position, die sagt, was soll uns die Wirklichkeit, Wirklichkeit ist Konstruktion und Konstruktionen sind nun einmal dafür gemacht, dass sie miteinander konkurrieren. Ich habe diese Position eine Zeitlang geteilt, man kann damit viel erklären. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, da meldet sich der alte aristotelische Gleichklang zurück und verlangt gebieterisch Auskunft darüber, auf welcher Grundlage wir uns streiten. Als radikaler Konstruktivist lehne ich die Wirklichkeit ab und schon habe ich sie an Bord. Wir haben die wirklichkeitsstiftende Kraft der Ablehnung krass unterschätzt. Ich lehne den Ansatz der anderen Seite ja nicht ab, weil er anders ist, sondern weil ich ihn für falsch halte. Ich halte ihn für falsch, weil er mir nicht passt, so kann man es sagen.

Was der Sozialismus falsch macht
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Aber nicht alles, was mir nicht passt, halte ich für falsch. Manches akzeptiere ich. Wir akzeptieren ja auch die andere Seite, alles andere wäre Wahnsinn, wir wollen sie ja verstehen. Wir stehen damit auch nicht am Anfang, inzwischen sind wir ziemlich weit gekommen mit dem Verstehen, wir haben begriffen, dass es einen gemeinsame Aufgabe gibt, manche würden sagen, einen gemeinsamen Kampf, darüber müsste man reden – und dann bricht es plötzlich ab. Warum bricht es ab? Diese Frage habe ich mir gestellt. Sie sehen auf der Schautafel – Könnte jemand mal das Licht ausschalten? Man bekommt sonst leicht Kopfschmerzen – Danke – Sie sehen hier einen Balken, den Balken im Auge des Betrachters, haha, eine richtige Barriere. Wir verstehen, was damit gemeint ist. Das Verständnis – unser Verständnis, ihr Verständnis – muss diese Barriere überwinden, es muss über sie hinwegsetzen wie, sagen wir, ein Turnierpferd über ein Hindernis, das man ihm in den Weg gestellt hat, dieses ganz und gar widersinnige Hindernis, das den Laufrhythmus unterbricht. Warum ich dieses Bild gewählt habe? Es enthält, denke ich, ganz schön ein Element, das uns weiterhilft. Wer sich mit Pferden beschäftigt, der weiß, dass dieser abgenötigte Sprung gegen die Pferdenatur geht, contra naturam, wie die Lateiner sagen. Er ist eine Zumutung. Genauer: Er ist ein Panik-Auslöser. Eine ähnliche Panik verspürt jeder, der den Eisernen Vorhang zum ersten Mal überquert, realiter oder in Gedanken, mal kräftig, mal schwach, und etwas davon bleibt haften, sooft sich der Vorgang auch wiederholt. Sie ist sogar erforderlich, um – siehe Pferd – die zur Überwindung der Barriere notwendige Kraft zu entwickeln. Unser Augenmerk konzentriert sich daher auf die Frage: Wie lässt sich ein seitliches Ausbrechen verhindern? Die Antwort kennt jeder: durch Dressur. Ich will jetzt nicht auf alle Details eingehen, die zur ideologischen Abrichtung beitragen – Experten sitzen im Raum –, ich will nur einen Punkt herausheben, der mir wichtig erscheint. Dressur, so haben wir es gelernt, ersetzt die Fülle natürlicher Bewegungsreflexe durch künstlich schematisierte Abläufe. Diese werden so lange eingeübt, bis sie selbst reflexartig funktionieren. Konzentrieren wir uns auf die Fertigung von Gedanken: Was ist ein Reflex? Eine Reizantwort, sagt der Duden, reizendes Wort, aber das bringt uns auch nicht weiter. Ein Reflex – ich bitte Sie, hören Sie mir genau zu –, ein Gedankenreflex ist das Gegenteil einer methodischen Operation. Die methodische Operation sagt: x = x oder x = y. Das mag sogar richtig sein, jedenfalls verbreitet es das Gefühl der Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen, aber der Reflex – tut mir leid, das so sagen zu müssen –, der Reflex ist schon weiter. Er hat sich der Lücken zwischen den Termen bemächtigt und ist schon weiter. Bei x fällt ihm Tante Julie ein und bei y der Sommerabend, an dem ihm seine Brieftasche abhanden kam, er macht kein Gewese darum, er spricht nichts davon aus, aber er ist schon weiter, bei neuen Verbindungen, falschen und richtigen, solchen, die weiterführen, und solchen, die auf den Holzpfad locken.

Was der Sozialismus falsch macht
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Was geschieht? Jedesmal, wenn wir uns der Systemgrenze nähern, wiederholen wir mechanisch: x = x oder x = y. Damit schaffen wir vielleicht den Sprung. Aber was ist damit erreicht? Nehmen wir den Fall x = x, also Steinzeit: Kapitalismus = Kapitalismus, Sozialismus = Sozialismus. Aus. Punkt. Das haben wir lange genug gehabt, dahin will keiner zurück. Aber lehrreich ist es doch. Denn es heißt: Wer den Sozialismus verstehen will, der muss den Sozialismus verstehen und nichts weiter. Alles, was im Sozialismus geschieht, ist Sozialismus. Nichts weiter. Falls, wie man diesseits des Zauns annahm, der Sozialismus die falsche Gesellschaftsordnung ist, dann ist alles falsch, was in ihm geschieht. Punkt. Aus. Falls, wie man jenseits des Zauns annahm, der Sozialismus die richtige Gesellschaftsordnung ist, dann ist alles richtig, was in ihm geschieht. Punkt. Aus. Das galt natürlich immer nur für die Hardliner auf beiden Seiten. Nehmen wir stattdessen den Fall x = y, also Tauwetter: Kapitalismus = Reich der Freiheit, Sozialismus = Reich der Gleichheit. Das ist natürlich Karikatur, aber für den Demonstrationszweck reicht es vollkommen aus. Man hat etwas, woran man die andere Seite messen kann, ohne sie an der eigenen messen zu müssen. Wenn man also von drüben hört, das Reich der Gleichheit wird kommen, nur Ketzer glauben, es müsse schon da sein, dann spitzt man die Ohren: Läuft hier etwas falsch? Wie läuft es überhaupt? In welche Richtung läuft es? Läuft es Richtung Gleichheit? Oder läuft etwas aus dem Ruder? Das haben wir lange diskutiert, immer brav gebettet auf unsere bürgerlichen Freiheiten, die in dieser Diskussion Gefahr liefen, unsichtbar zu werden, weil es nichts brachte, sie ins Gespräch zu integrieren. Warum? Weil es dann gleich auseinander fiel. Es sollte aber nicht auseinander fallen, denn dann hätten wir wieder von vorn beginnen müssen. So geht Verstehen, sobald es sich Systemgrenzen nähert. Wir wollten verstehen, also verstanden wir. Was wir verstanden, gefiel uns oder gefiel uns nicht. Was uns gefiel, was uns daran einleuchtete, veränderte unsere Welt: Wir – vorsichtig gesprochen: einige von uns – wollten es auch haben. Wir begannen also das eigene System an der Frage zu messen: Läuft es Richtung Gleichheit? Wenn nicht, was können wir tun? Und die drüben spitzten die Ohren.

Was der Sozialismus falsch macht
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An dieser Stelle, meine Damen und Herren, beginnt der Hütchenspieler in mir zu frohlocken. Denn was damals ablief, das war ein Hütchenspiel: Die Zahl der Sozialismen auf dem Brett nahm stetig zu, ebenso die Zahl der Strategien, ihn zu erreichen. Der wahre Sozialismus blieb unter den geschickten Bewegungen der Spieler verborgen, wer wollte, durfte ihn auf eigene Faust und Rechnung erraten. Natürlich war da nichts zu erraten. Denn, seien wir ehrlich: Der wahre Sozialismus ist eine in den Raum geschobene Hypothese ohne Deckung, und je fanatischer sich die Suche nach ihm gestaltet, desto seltsamer muss der Gegenseite, die immer mit im Spiel war, aber nicht mitspielen konnte, die Sache vorkommen. Ich weiß nicht, ob sie diesen Nachhilfeunterricht nötig hatte, aber die Verwandlung einer unter ungeheuren Menschenopfern erkauften Realität in ein Gewimmel aufregender, leider nicht realitätsfester Strategeme musste, wie wir heute sehen, einmal Folgen zeitigen. Nein, es war nicht der Samisdat, es war nicht die Lust auf Freiheit, erst recht kein überwältigendes Theorie-Angebot des Westens, es war die Einsicht in die Vergeblichkeit des Wartens auf die Geschichte, die den Stein ins Rollen brachte. Es war das Hütchenspiel. Dank Gorbatschow ist der Eiserne Vorhang so löchrig geworden wie der Verstand. Der Sozialismus hat seinen Ernst eingebüßt, seinen furchtbaren, durch Blutzeugenschaft zementierten Ernst, ich will nicht sagen, er hat sich lächerlich gemacht, aber etwas in der Art ist geschehen. Betrachten wir die Sache von der anderen Seite der Barriere aus. Anders als im Westen blieb x = y dort immer, vorsichtig formuliert, untersagt. Das war der Sinn der friedlichen Koexistenz: Ihr behaltet eure Dissidenten und wir behalten unsere unter dem Daumen. Unter der Herrschaft von x = x ist kein Hütchenspiel zu erwarten. Erwartbar ist etwas anderes. Das Vibrieren, das einsetzt, sobald sich einer der Grenze nähert, macht sich schlagartig Luft, sobald sie einmal passiert ist. Zu diesem Thema kennen wir die ergötzlichsten Schilderungen – ja, ich weiß, Kollege Argloser, Sie sind ein großer Romanleser, wir tauschen uns gleich noch aus! – Die Signatur des geistigen Grenzübertritts ist das Gelächter. Im Gelächter aber steckt die Empfindung, entronnen zu sein, blitzartig und vielleicht nur für die Dauer eines Blitzes, aber innerhalb dieses Raumes: unbedingt.

Was der Sozialismus falsch macht
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Nun ist keiner entronnen, wir wissen es, nur weil ein Gelächter ihn schüttelt. Gleich darauf setzt etwas anderes ein: Vorsicht. Cave! Sieh dich nicht um. Falls doch: Lass es so aussehen, als habe es nichts zu bedeuten. Sei absichtslos. Geh deiner Wege. Was immer geschieht, lass es geschehen. Die Barriere, wir merken es, schlägt zurück. Eben war sie noch Grenze, schon trumpft sie auf – als Verfassung. Nicht als irgendeine, nein, als deine. Nein, nicht als innere, das Wort kannst du streichen. Die innere Verfassung, wenn es denn eine gibt, streicht sie aus. Sie ist wirklich, denn sie enthält die Erfahrung der Grenze. Sie ist unwirklich, denn sie verweigert die Grenze. Sie macht dich stumm, sie macht dich beredt. Sie macht dich brauchbar. Sie macht dich unbrauchbar. Sie versetzt dich in den Wartestand: Geht es immer so weiter oder geht es anders? Wenn es anders geht, warum nicht ich? Wenn es nicht anders geht, warum dann dort? Warum denn dort, wenn nicht hier? Du beginnst zu begreifen: Was wäre, wenn? Ein Tohuwabohu. Reden wir über das Hier. Reden wir so, dass uns keiner versteht. Reden wir so, dass uns keiner versteht. Reden wir so, dass sie uns freilassen müssen – und sei es nur, weil sie uns fälschlicherweise verhaftet haben. Fälschlicherweise – darauf kommt es an. Wer fälschlicherweise verhaftet wurde, der ist verwarnt. Aber: wer fälschlicherweise verhaftet, der auch. Wer fälschlicherweise verdächtigt wurde, der steht im Verdacht. Aber: wer fälschlicherweise verdächtigt, der auch. Wie oft lässt sich dieses Spiel spielen? Beliebig oft? Wahrscheinlich. Beliebig lange? Unwahrscheinlich. Wo sich nichts ändert, herrscht Erosion. Sie herrscht immer, aber hier herrscht sie unumschränkt: absolut. Lass sie nicht herrschen, lass sie arbeiten. Arbeite mit ihr: Hand in Hand. Arbeite an ihr: Gib ihr eine Aufgabe und sie wird es dir danken. Womit? Mit verdoppeltem Einsatz. Irgendwann implodiert das Regime. Wie sieht das aus? An diesem Punkt stehen wir. Ich denke, wir sollten aufmerksame Zuschauer sein. So ein Schauspiel sieht man nicht oft.

Was der Sozialismus falsch macht
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Wir sitzen hier so friedlich zusammen, das muss doch einen Grund haben? Ich könnte Sie zum Beispiel bitten, das Fenster zu öffnen – es ist ein bisschen stickig geworden – und einer von Ihnen würde ohne Anzeichen von Widerstand aufstehen und meinem Wunsch nachkommen. Kein Anwesender würde darin eine symbolische Handlung vermuten wollen. So geht es zu in einem funktionierenden Gemeinwesen. Die Universität ist eine alte Einrichtung, manche ihrer Gebräuche haben Jahrhunderte überlebt, als seien sie vergangen wie der bewusste Flügelschlag. Ich will das nicht idolisieren. Wir alle kennen die Parole vom Muff unter den Talaren, der eine oder andere von uns hat sie mitskandiert, als die Zeit reif dafür war. Wir haben diese Institution gereizt bis aufs Blut, und heute können wir sagen: Es ist ihr gut bekommen. Heute sitzen wir hier und parlieren über die stürmischen Zeiten, als hätten wir uns nie etwas anderes erhofft als einen belebenden Hauch. Was ich sagen will: Kein Regime erodiert, weil man es reizt. Es ist genau umgekehrt: wo Erosion herrscht – ich sage: herrscht –, wird alles, was geschieht, zum Systemreiz. Der gute Pastor Brüsewitz – aha, jetzt regt sich also doch Widerstand –, der unglückliche Pastor Brüsewitz aus Zeitz hat sich nicht verbrannt, weil er die Absicht hatte, damit Feuer ans Staatsgebäude der DDR zu legen, sondern weil er wusste, dass seine Tat das Regime überleben würde. Damit meine ich kein Gedenkritual, das jederzeit abgestellt werden kann, sondern Überleben: Dieses Regime stirbt und dasjenige, in dem ich stehe, wird leben. Jedes – jetzt müsste ich natürlich sagen: jedes weltliche – Regime scheitert letztlich an der Barriere, an der es sich genötigt glaubt, darauf zu beharren, dass x = x.

Was der Sozialismus falsch macht
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Ich habe mir gedacht, ich schalte, um die Dinge voranzutreiben, an dieser Stelle ein Gedicht ein, das vor Jahren in der Sowjetunion entstand und hier im Westen veröffentlicht wurde. Ich weiß, hierzulande gilt das Lesen von Gedichten als nahezu unanständig – die Gründe müssen wir jetzt nicht diskutieren –, ich weiß auch nicht, ob es sich wirklich um ein Gedicht handelt, dazu ist mein Russisch zu schlecht, aber ich habe eine in meinen Ohren ganz passable Aufnahme gefunden, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.
Wie geht das gleich noch mal? Ah –

Was der Sozialismus falsch macht
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Was soll man davon halten? Es riecht ein bisschen nach Alkohol, wenigstens ist das mein subjektiver Eindruck, das wäre dann immerhin authentisch. Lassen wir die Frage dahingestellt sein, ob es sich um ein realistisches Gedicht handelt. Ich kann seine Aussagen nicht überprüfen. Sehen wir genauer hin, so stellen wir fest: Das ist gar nicht nötig. Das Gedicht trifft eine Reihe von Feststellungen, die einander mehr oder minder strikt widersprechen. Scheinbar beschreibt es damit das ›Kollektiv‹ – nehmen wir einmal an, damit sei das sowjetische Volk gemeint. Dies vorausgeschickt, benennt es eine Reihe von Einstellungen – offenbar ausgebildet, um in einem bestimmten System zu leben, vielleicht auch: um zu überleben, vielleicht sogar: um es zu überleben, selbst wenn der Schluss dem vehement widerspricht. Jede dieser Einstellungen lässt sich als paradox bezeichnen, zusammen bilden sie ein dichtes Gewebe von Paradoxien, einen Friedhof der Eigenschaften, dazu angelegt, sich vor jeder kurz zu bekreuzigen und weiterzugehen, natürlich ohne jede religiöse Emphase. Diese Eigenschaften, wären sie nicht paradoxal gebunden, sondern dürften sozusagen das Spektrum denkbarer Charaktere auffächern, könnten tatsächlich für das stehen, was einer meint, wenn er allgemein vom ›Volk‹ redet. Die vom Gedicht aufgeworfene Frage könnte demnach lauten: Woher die paradoxale Straffung? Oder, um das Bild vom Fächer beizubehalten: Welche Kraft schiebt den Fächer zusammen, um etwas daraus zu formen, das eher einem Stock gleicht? Wir kennen die üblichen Antworten, ich erspare sie uns daher. Nicht ersparen kann ich Ihnen den Rückgang auf das bereits Ausgeführte. Ich sprach von Erosion und ihren Implikationen. Was wir hier sehen, ist der Versuch, ein erodiertes System als System, als einen Mechanismus der Selbsterhaltung zu beschreiben. Dieser Versuch besitzt – ich hoffe, Sie stimmen meiner Einschätzung zu – eine gewisse poetische Kraft, aber er kann uns, als äußere Betrachter, natürlich nicht überzeugen. Warum? Er beschreibt eine Symbiose aus einem Leben, das keines ist, und einem System ohne weiteren Daseinszweck ohne den seiner Selbsterhaltung. Wir verstehen aber, da es sich um eine echte, tief gehende Symbiose zu handeln scheint, wie schwierig es sein wird, sie zu beenden. Das ist der Gestus, den das Gedicht seinen Lesern vorführt: Macht euch nichts vor! So oder so, es ist euer Leben! Keiner wird davonkommen.

Was der Sozialismus falsch macht
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Ich komme zum Schluss. Was der Sozialismus falsch macht – ich nehme einmal an, Sie erinnern sich noch an meine Ausgangsfrage –, ist nicht etwa das, was der Kapitalismus richtig macht. Es ist auch nichts, was der richtige Sozialismus richtig machen könnte. Es ist sozusagen nichts dergleichen. Es ist diese paradoxe Verbindung aus Nichts und Allem, aus der, wenn sie einmal hergestellt wurde, kein Entrinnen möglich scheint, es sei denn, in Gestalt einer Katastrophe. Der Sozialismus ist eine Lesart der Geschichte: diskutierenswert, solange sie eine unter anderen bleibt, bewundernswert dort, wo sie Veränderungen anstößt, die das Los der Ärmsten verbessern, aber allem Misstrauen dieser Welt zu überantworten, wo sie durchgesetzt werden soll. Nein, ich spreche nicht vom Gulag. Ich spreche vom Alltag. Wessen Alltag? Vom Alltag der Leute. Damit meine ich weder Die Unten noch Die Oben, weder die Nomenklatura noch ihre Untertanen. Das Ganze ist ein Aggregatzustand, das, was entsteht, wenn Privates, Öffentliches, Privates, Dienstliches, Hierarchisches, Egalitäres, Anonymes, Intimes im Wechselverhältnis in Erscheinung tritt, der menschliche Dauerkarneval sozusagen, bei dem der eine nicht mehr aus dem Lachen herauskommt, während der andere zusammengekauert in der Ecke sitzt und sich die Tränen aus den Augen wischt. Der Alltag ist die Achillesferse der verordneten Praxis. Er saugt alles auf, was die Planer ihm zumuten, so wie er jedes Unglück, jeden Betriebsunfall, jede Katastrophe, jede Verordnung, jeden Geschichtssprung resorbiert. Ernährungswissenschaftler verstehen, was passiert, sobald die Resorptionsfähigkeit eines Systems einmal an ihre Grenzen stößt. Das System stellt sich, bei voller Vitalität, quasi tot. Es nimmt auf, ohne aufzunehmen. Oder es nimmt auf, aber die Wirkungen kehren sich um. Oder es nimmt auf, die Effekte stimmen mit den Erwartungen überein, aber irgendwo, tief im System, bereitet der Rückschlag sich vor. Solange dergleichen geschieht, befinden wir uns in der Experimentierphase. Ist das System eingeregelt, sind auch die Effekte nicht länger voneinander zu lösen. Die Wirkung ist dann immer und überall gleich. Und sie lässt sich, wie gehört, nur noch durch Paradoxien beschreiben. In der Sprache der Leute lautet das so: So gut wie ihr hätte ich es auch gern. Bleibt mir vom Leib.

Was der Sozialismus falsch macht
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»Ich könnte mir einen Kapitalismus vorstellen, der wie der hier beschriebene Sozialismus funktioniert, einen forcierten Kapitalismus sozusagen, der die privaten Entfaltungsräume aufsaugt und eine glänzende Utopie aus ihnen verfertigt, die von allen geglaubt – und vor allem gelebt – werden muss. So etwas ist ohne weiteres möglich. Ein solcher Kapitalismus könnte sich zum Beispiel das Mäntelchen des Sozialismus umwerfen und verkünden, er sei der wahre Sozialismus, das Ei des Kolumbus, das Ende der Geschichte in jenem strengen Sinn, den ihm Hegel und sein Gefolgsmann Marx verliehen haben. Das ist ohne weiteres möglich. Wir sind die Guten. Warum denn nicht? Wir sind die Guten und das Ende der Welt ist nahe. So nahe wie unsere Bomben. Vergesst sie nie!
Ja sicher, wir leben auch das. Warum denn nicht? Lebbar ist alles.
Jetzt muss ich doch noch schnell ... ach da! Gut, das musste ich doch ... Vielen Dank!«

Nightcab. Inversionen

Nightcab
1

Stell dir einen Garten der Lüste vor, der völlig leer wäre. Völlig bedeutet: vollständig bis auf die Planken und Bretter der leeren, unbeleuchteten (oder, sagen wir: äußerst schwach beleuchteten) Bühne, ohne die nun einmal nichts geht. Was erscheint? Ein Körper. Zunächst: ein dunkler, sich schwach gegen den Hintergrund abhebender, anfangs kaum bemerkter, Neugier erregender, bewegungsloser, dann von steigender Unrast erfüllter Menschenkörper zweifelhaften Geschlechts, dessen Gegenwart die Zuschauer vom ersten Moment an ausfüllt. Woran liegt das? Er seinerseits scheint erfüllt zu sein von einer unbestimmten Zuschauer-Gegenwart: seine sparsamen Gesten, sein Verweilen, seine zögernden Schritte, seine Stellungswechsel, weit hergeholt, als handle es sich um Erinnerungs-Gänge, wirken berechnet auf diese Schwärze aus Augen, ›Zuschauerraum‹ genannt, von der du nicht sagen könntest, da, in der und der Reihe, kein Zweifel, das bin ich. Das Ich, abgedunkelt, ist aus dem Spiel – weitgehend. Es harrt der Dinge, die da kommen werden. Seltsames Harren – als ob jemand sagen wollte: »die Bühne harrt«. Sie knarrt aber bloß in ihren Fugen, sie fügt die Hohlheit des Raumes zur Situation hinzu, seine Akustik, vor allem seine buchstäblich alles umfassende, alles einsaugende Leere, inmitten derer diese Person ihrer Tätigkeit nachgeht, ersichtlich damit befasst, Gegenwart herzustellen, einfache, dichte, gedanklich abstinente Gegenwart. Sie ist so erfolgreich darin, dass du sie zu vergessen beginnst. Währenddessen lässt du kein Auge von ihr, als handle es sich um die Schlange des Paradieses, deren Einflüsterungen du jetzt nach und nach erliegst, so dass der plötzliche Biss, fast als wäre es der deinige, dich nicht sonderlich überrascht.

Nightcab
2

Nein, dieser Körper ist deiner nicht, wie eine rasch gefasste Hypothese dir vorgaukelt. Von ihm geschieden, vagabundiert er durch den Raum, eine Kometenspur hinter sich lassend, genannt Aufmerksamkeit: kein feindlicher Eindringling, eher etwas, das sich aus dir gelöst hat – wie immer das zugegangen sein mag –, und jetzt vorhanden ist wie nichts sonst, geschieden von allem anderen: geschieden, nicht unterschieden, denn dazu müsstest du Unterscheidungen treffen, von deren Falschheit, aus welchen Gründen auch immer, du überzeugt bist. Nicht das Falsche stört dich daran (allem Falschen ist auch Wahres untergemischt), sondern die Aggressivität, mit dem sie den Faden abschneiden, der dich an den Körper dort bindet. Ehrlich gesagt, du hörst bereits auf ihn zu betrachten, während der Blick ihn nicht loslässt, er gibt nicht länger die Idee eines Körpers ein, ohne deshalb, was doch naheläge, Psyche zu werden. Eher hält dich ein Keins-von-beiden beschäftigt, jedenfalls füllt es dich mit einer dir gerade noch weitgehend fremden Unruhe aus. Es füllt dich aus. Widersinnig käme es dir vor zu sagen, ›sie erfüllt dich‹ – die Unruhe und das, was du naheliegenderweise als ›Erfüllung‹ bezeichnen würdest, scheinen dir an den entgegengesetzten Polen einer unbekannten Skala angesiedelt zu sein. Du bist lang genug auf der Welt, um zu wissen, dass es nur einer Wortauswechslung bedarf, um das Unbekannte in Bekanntes zu überführen. Setze an die Stelle von ›Unruhe‹ einen der Ausdrücke ›Wunsch‹, ›Begehren‹, ›Begierde‹ oder ›Verlangen‹, und das Eigentümliche der Situation, vielleicht ihr Zauber, vielleicht weniger, vielleicht mehr als ein Zauber – eine ›momentane Okkupation‹ – verschwindet, ist schon verschwunden.

Nightcab
3

Es verschwindet, um Platz zu machen: warum? Wer – oder was – heißt es Platz zu machen, der Standardsituation zu weichen, sich willenlos einer Allerweltskonstellation zu ergeben, einer weiteren Unruhe, die das Ziel kennt (oder zu kennen glaubt), während die erstere nicht einmal weiß, dass ein Ziel vorhanden ist? Vielleicht heißt es, sich den Realitäten zu beugen – vielleicht. Dennoch bleibt dir der Verdacht, dass sie gebeugt werden, soll heißen, dass du das, was dich die augenblickliche Unruhe erfahren lässt, niemals erkunden wirst, sobald du dich erst einmal auf den Weg der brutalen Interpretation begeben hast. Die Wahrheit ist: du begehrst diese Person nicht, die sich da zwischen dich und den Vorhang schiebt, hinter dem die wirkliche Welt beginnt. Die Wahrheit ist: die wirkliche Welt ist versunken, während diese Person deine Aufmerksamkeit gefangen hält. Die Wahrheit ist, dass die gefangene Aufmerksamkeit nur als Strohmann einsitzt: es ist dein Abwesendsein, das sich auf diese Weise mit Inhalt füllt. Du kannst diesen Inhalt ›Elisabeth‹ nennen, denn zweifellos ist jene Person dort mit ihr identisch – soweit hier überhaupt Identität gefragt ist –, du kannst es auch lassen. Es stört nicht. Du könntest dir einen anderen Namen ausdenken, auch er bliebe haften, ohne die Unruhe in eine merklich andere Richtung zu lenken. Vielleicht doch? Du kannst nicht beliebig lange in dieser gestaltlosen Unruhe verharren, ohne dass sie sich mit wechelnden Vorstellungen anreicherte, je nachdem welchen Namen du in den Ring geworfen hast. Nenne es ›Hauch‹, nenne es ›Aura‹, nenne es wie du willst – diese halb materialisierten Empfindungen fragen nicht lange danach, ob und wie du sie zuordnen möchtest. Sie gehen unter die Haut. Was treiben sie dort? Nie darfst du sie befragen.

Nightcab
4

›Diese Person geht mir unter die Haut.‹ Sagt man so? Warum nicht? Alles kann man sagen und sagt es vermutlich auch. Doch man entrichtet einen Preis, sobald man das Stimmchen missachtet, das da warnt: So funktioniert das nicht. Es wäre nicht angebracht, die Floskel mit dem eigenen Ich zu verrechnen. Sie ist darauf berechnet, im Fluge verwendet zu werden, im Vorbeiflug an einem fremden Gestirn, dessen Existenz zur Erforschung ausgeschrieben wurde, ohne weiter nach dem Verhältnis von Aufwand und Ertrag zu fragen, wenn man davon absieht, dass jeder wissenschaftliche Ertrag kostbar ist und seine eigene Wertskala mitbringt. Eine Romanformel. Wie viele dieser Formeln besitzt sie einen Doppelgänger im wirklichen Leben, dazu bestimmt, das hochgestimmte oder verträumte Forscher-Ich ›auf den Teppich zu holen‹: eine Person, die mir aufstößt.

Nightcab
5

Die Gegenläufigkeit der Bilder macht nachdenklich. Das alles sollte eins sein? Nicht wirklich. Es ist eineinhalb: eine Bedeutung und eine halbe dazu. So sieht sie aus, die individuelle Verrechnung. Was wirklich unter die Haut geht, geht nicht heraus. Rede du, was du willst. Die unter der Haut schlummernde Person bleibt in jedem Fall unerwähnt. Seltsamer Schlummer: kaum ist die Luft rein, kommt Bewegung auf.

Nightcab
6

Das Schmähbedürfnis, schräg in den Raum gestellt wie ein Wintertag, ein Verräter: Verrat an wem? An einer Person, die du nicht kennst? Willst du sie herbeireden? An dir? Willst du das: auffallen? Wem willst du auffallen? Eine leicht zu dekodierende Botschaft, nicht mehr, nicht weniger, eine Flaschenpost, hineingeworfen in den überschaubaren Ozean der Kommunikation, dessen unwissender Teil du bist. Nein, ein Magnet: Da ist einer, der dich nicht mag. Der soziale Code ist bereits geschäftig, die geschwätzige Botschaft, gut verborgen vor deinen Augen und Ohren, ist unterwegs. Du hingegen beharrst auf Kontrolle: Kein Tratsch! Warum nicht? Er hat die Reise begonnen, er wird sie vollenden. Er braucht dich nicht, er kann dich nicht brauchen. Du würdest alles verderben. Besser, er weiß Bescheid an deiner statt. Du tust gut daran, dich mit Wichtigerem zu beschäftigen. Geh an die Arbeit! Sie geht gut voran – Fu, Fu und nochmals Fu. Der schreckliche Vereinfacher – so nennst du ihn, amüsiert, nicht abgestoßen, blasiert – bahnt sich seinen Weg quer durch die Welt deiner Gedanken. Stößt er sie um? Er richtet sie aus. Sind sie noch dieselben? Keineswegs. Sind sie noch vorhanden? Auch das: ungewiss. Weder vorhanden noch ganz verschwunden, in den Hintergrund verschoben, ein Chor krächzender Stimmen, ein Krähen-Chor: Nimm dich in Acht! Wovor? Vor dem Neuen. Der Neue weiß, was er tut – du nicht. Unbedarft, wie du bist, hast du den Riegel zurückgeschoben, die eindringende Nachluft belebt den Geist, ein Insekt hat den Raum geentert, ein Nachtfalter, der wieder und wieder gegen die Lampe brummt.

Nightcab
7

Auch das: Botschaft. Der Bote, ein dürres Männchen am Rande deines Gesichtsfeldes, er existiert kaum. Dein Spott – aus Quellen sprudelnd, die du nicht preisgibst – muss ihn erst erschaffen. Die Schmähsucht hat ein Opfer gefunden. Es behagt ihr, vermutlich, weil es rein ist: es hat mit der Sache nichts zu tun. Es weiß nichts von ihr, es kann nichts von ihr wissen, es steht außerhalb jedes Kausalnexus, es wehrt sich nicht, es rührt sich nicht einmal, es wäre kaum tot zu nennen, denn du erschaffst es gerade erst aus Fragmenten einer entfernten Vergangenheit. Erschaffen aus Schmähungen, so geht es aus deinem Innenleben hervor. Erschaffen aus Behauptungen, die du belegen willst: jede von ihnen, je kühner, desto besser, wirft dich weiter hinaus. Dein Innenleben bleibt unberührt, es tut nichts zur Sache, es sei denn als pure, vorwärtstreibende Energie. Unberührt heißt: du fasst es nicht an. Das wiederum heißt: es geht dich nichts an. Hast du es ›ausgeblendet‹? Gegenfrage: Könntest du es ›einblenden‹, wenn du nur wolltest? Nein, das könntest du nicht. ›Es geht dich nichts an‹ heißt: es geht dich nichts an. Es wäre verschwendete Energie, dich darum zu bemühen. Es bemüht sich um dich. Diese Hilfe solltest du dankbar zur Kenntnis nehmen, ohne den Kraftfluss zu unterbrechen. Nie darfst du sie befragen.

Nightcab
8

Ist Vergangenheit schmähbar? Was immer du über sie an Vektiven ausschüttest, es ritzt sie kaum. Du erbaust dir eine Vergangenheit, angestiftet durch Gegenwarts-Schmäh, und sie existiert als Vergangenheit. Die Gegenwart, in der sie angeblich existierte, sie ist auf immer verschwunden, niemand, auch du nicht, dringt in sie ein. Dein Projekt, sagst du hin und wieder, ist eine Zeitmaschine. Das stimmt sogar. Sie bringt dich überall hin. Wer war Fu? Kein Problem: ich kenne ihn, denn ich kenne mich. Kenne ich mich? Ich kenne doch Fu, also kenne ich mich. Nichts ist gegenwärtiger als die Vergangenheit, die dir Ausdehnung gibt. Nimm sie weg und du fällst in dich zusammen: ein Punkt, ein Bewusstseins-Punkt ohne Bewusstsein, denn Bewusstsein verlangt Ausdehnung. Ich bin mir dessen bewusst: wessen? Darüber lässt sich reden. ›Ich bin mir bewusst‹, zusatzlos: Unsinn. Aber: in der Unruhe ist der Zusatz gestrichen, er will nicht benannt werden, er hat Wesen (so wie man sagt, etwas hat Dichte, Konsistenz etc.) und will nicht, dass darüber etwas verlautet. Im Grunde bist du in dieser Sache neutral. Du hättest nichts dagegen, Elisabeth zu begehren. Zeit hättest du und Gelegenheiten ließen sich finden. Du könntest verstehen, wenn du sie begehrtest. Nur wie gesagt: dieses Begehren existiert nicht, weder unter noch über der Haut. Was du begehrst, ist Erfolg. Das Projekt verheißt Erfolg, also wirfst du dich hinein. Du wirfst dich hinein, als gäbe es nichts anderes, als sei das Spektrum der Möglichkeiten erloschen bis auf diese eine.
Alles oder nichts.

Nightcab
9

Wirfst du dich hinein?
Ein konventionelles Bild, das abschreckt.
Warum verwendest du es dann?
Weil es korrekt ist. Du wechselst das Element, du wechselst die Bewegungsart, du wechselst, in mehr als einem Sinn, dein Gesicht, du wechselst, ein paar Nebensächlichkeiten ausgenommen, alles, was deine Person ausmacht, selbst die Wohnung erscheint dir nicht mehr in ähnlicher Weise deinen Bedürfnissen angemessen wie vor ein paar Monaten – du solltest sie wechseln. Den größten Wechsel verzeichnet das Bedürfnis wahrgenommen zu werden. Bisher eher schwach ausgeprägt, jetzt riesengroß – es geht um die Sache. Die anderen sollen sehen, wer da geht: der Träger eines Projekts. »Ich auch«, möchtest du ihnen zurufen, »nehmt mich ernst.« Nehmen sie dich ernst? Sie nehmen dich, wie du bist, aber nehmen sie dich auch wahr? Daran musst du arbeiten, so wie an allem, was dich, soll heißen deine Stellung, betrifft. Du hast deine Stellung gewechselt, ein Ringer, der einen neuen Griff probiert, mit unabsehbaren Folgen, die abgearbeitet werden wollen, eine nach der anderen, alle miteinander, alle zusammen, obwohl das unmöglich ist. Die Deckung – oder was du dafür hieltest – ist geplatzt, du bewegst dich frei, ein Neugeborenes, ohne Sinn für die Gefährdungen, die diese Existenz mit sich bringt, schon in Lernprozesse verwickelt, die seinen Horizont um ein Vielfaches überragen.
Unbewusst, falls das gilt: Du misst dich bereits an Fu.

Nichts ist ungeheurer als der Mensch

Nichts ist ungeheurer als der Mensch
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Nichts ist ungeheurer als der Mensch
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Nichts ist ungeheurer als der Mensch
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Nichts ist ungeheurer als der Mensch
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Nichts ist ungeheurer als der Mensch
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Ahme dich frei

Ahme dich frei
1

Regel

Gegen dich ist, wer nicht für dich ist. Dafür ist zunächst einmal niemand, auch wenn einige dem Projekt freundlich gegenüberstehen, sagen wir eher: aufgeschlossen, schließlich wurde es bewilligt – es fließen die Gelder, es wogen die Felder –, am Verhalten der Kollegen wird sich dadurch so schnell nichts ändern. Damit sich etwas ändert, schlägt Fu das abendliche Gespräch vor, den zwanglosen Konvent aller, die am Projekt... beteiligt sind, da liegt der Hase im Pfeffer, man muss schon beteiligt sein, um geworben werden zu können. Nichts weist die Pyramide trickreicher ab als diese informellen Zusammenkünfte, die sie unablässig in ihren Broschüren propagiert. Eines ihrer fundamentalen Gesetze lautet: Sei vergemeinschaftet. Geh deiner Wege.

Ahme dich frei
2

Fu,

ein Narr, ein schrecklicher Narr, der die Menschheit mit Vorschlägen überschwemmt, wie sie ihre Angelegenheiten dauerhaft besser ordnen und so mit einem Schlag den Unannehmlichkeiten entgehen könnte, die sich einer schlampigen Haushaltsführung verdanken, gegründet auf Verlogen­heit, Heuchelei, Raffsucht, Ehrabschneidung, Missbrauch, Misogynie, Zinswirtschaft, Preis‑ und Kriegstreiberei und ähnlich barba­rische Praktiken der Ungleich­behandlung – um nur die wichtigsten Merkmale der bisherigen Praxis aufzuzählen. Ein Narr, der die Hälfte seines Lebens darauf wartet, dass mit dem Glockenschlag zwölf ein im übrigen belangloser Gast durch die Tür tritt und nach einer kurzen, für die Annalen der Menschheit bestimmten Plauderei mit dem Satz »Sie haben mich überzeugt!« das nötige Startkapital auf den Tisch blättert, ohne das die Gesellschaftsform der Zukunft ewig dazu verdammt bleibt, im Denken einiger Auserwählter eine wesentlich künftige Dämmer-Existenz zu führen. Ein Narr, der überzeugt ist, die Natur selbst, die ganze Natur werde großzügig mitspielen, sollte die Menschheit endlich die Schwelle zur allgemeinen Harmonie überschreiten.

Ahme dich frei
3

Gestehe:

Fu gehört in die Klasse der skurrilen Denker. Es macht Spaß, ihn zu lesen. Das Auge des amüsierwilligen Lesers ist immer unterwegs auf der Suche nach dem nächsten absonderlichen Einfall, der die Lektüre rechtfertigt. Es tastet jede Seite im voraus ab, denn der zeitverschlingende Fortgang der Zeilen scheint einer Buchhalter-Mentalität großen Stils entsprungen und muss mit Geduld und Spucke er-ar-bei-tet werden. Wie aller Spaß ist auch dieser löchrig. Fu will nicht unterhalten. Er will belehren und zwar rigoros – als habe er die Leser-Faxen dicke und sei nicht gewillt, sie länger hinzunehmen. Das erheitert den Leser und er zahlt es ihm heim.

Ahme dich frei
4

(Wie er es heimzahlt, das liegt im Grunde bei ihm. Du könntest, gleich dem Gros der Kollegen, Fu widerlegen, Satz für Satz, Gedanke für Gedanke, Buch für Buch, soweit Bücher sich überhaupt widerlegen lassen. Es ist nur so, dass die ganze Widerlegerei nichts bringt. Sie kann auch nichts bringen, denn sie ist schon geleistet: positiv gesprochen durch das, was manche den Gang der Kultur nennen, also die namenlose Anstrengung vieler, sehr vieler Gehirne, die das Wissen seit Fus Tagen respektive Nächten ein gewaltiges Stück weiter geschleppt haben, negativ gesprochen durch eine Folge von Menschheitskatastrophen, in denen die Untergegangenen und die Überlebenden vom Menschen mehr zu sehen bekamen, als der Lektüre eines harmlosen Zukunftsplaners am Rande des revolutionären Eozäns zuträglich ist.)

Ahme dich frei
5

Bedenke:

alle Versuche, den Fu-Plan buchstäblich ins Werk zu setzen, sind gescheitert. Warum eigentlich? Weil er verrückt ist: verschoben gegenüber dem Gang der Dinge, den laufenden Geschäften, den sexuellen Praktiken, den politischen Imperativen, der immer angespannten Ressourcenlage. Er ist Gerede, heiße Luft einer untergegangenen Epoche, also erkaltet, also nicht mehr wahrnehmbar, also verschwunden.
Eine surreale Geste: so ließe sich diese Lektüre bezeichnen, wüsstest du nicht, dass andere das bereits vor dir taten.
Allen voran Kärich, der Philosoph, der es, literarisch gesehen, mehr mit den amerikanischen Epikern hält.

 

Ahme dich frei
6

Worin besteht der Fu-Plan? Alle Welt glaubt ihn zu kennen. Kennst du ihn auch? Vielleicht, vielleicht nicht. Diese Frage lässt du ›gezielt‹ offen. Der Grund ist einfach (und ›zureichend‹): Es läge dir fern, dich an der Gründung einer Industriekommune zu beteiligen. Auch das wäre ein Vorhaben, aber es ginge weit an deinem fachlichen Horizont vorbei.
Außerdem wäre es, wie seine Vorgänger, zum Scheitern verurteilt. Dein Projekt bestünde darin, seinen Weg in den Konkurs zu protokollieren. Woher du diese Gewissheit nimmst? Ganz einfach: du teilst den Glauben nicht, der sich hinter der Staubfänger-Formel vom ›alternativen Wirtschaften‹ sammelt. Glaubst du, es gebe zum ›Bestehenden‹ keine Alternative? Keineswegs. Auch dieser Glaube findet in dir keine ›Resonanz‹ (relative Gewissheit = Beobachtung minus Glauben).

Yoni mudra, von AnonMoos (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons
Ahme dich frei
7

Deine Institution ist die Pyramide. Sie kann nicht scheitern, Wissensinstitutionen sind krisenfest. Sollte sie eines (un)wahrscheinlichen Tages verschwinden, dann aus Gründen, die dich hier und heute – und vermutlich auch in Zukunft – nicht berühren. Sie ›gehen dich nichts an‹, du bist ›anders unterwegs‹ – zu welchem Gestirn, mit welchem Gepäck auch immer.

Supernova. Zweiter Gang ins Museum

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
1

Eine Supernova besichtigen heißt, im Gedächtnis des Weltalls zurückzureisen, ihren ›Lebenszyklus‹ beobachten heißt, der Inszenierung einer phantastischen Verkürzung von Weltzeit auf den Leim zu gehen. Das Weltall ist nicht das All. Es ist das Menschen-All. Langsam, stetig verschmilzt es mit unserer Welt, wird einer ihrer Aspekte – eine ungeheure Verkehrung aller Verhältnisse, der die meisten Menschen die Aufmerksamkeit verweigern. Warum auch nicht? Es geht sie nichts an, solange kein publikumstauglicher Raumverkehr den Betrieb aufgenommen hat und ihresgleichen in den erdnahen oder -ferneren Raum pumpt – dann wälzen sie Prospekte und hechten nach Schnäppchen-Preisen. Doch zuvor muss der Glitzeradel, muss die Börsen&Titten-Prominenz ihre Premium-Runden drehen. Anders kommt Gier nicht in Gang. Gier ist kein menschliches Attribut, eher ein unmenschliches. Sie muss hervorgelockt werden – entweder durch die Aussicht auf Reichtum pur oder durch kosmetisch präparierte Zwischenträger, die demonstrieren, wie Reichtum lebt.

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
2

Wie lebt Reichtum?
Abgeschottet.
Wie lebt gelebter Reichtum?
Intensiv.
Was heißt intensiv leben?
Leben im Auge der Kamera, scheinbar flüchtig, dann wieder Auge-in-Auge, strahlend, in seligem Wechsel –
... zeigen, wie Geld mit Geld sich paart, abgeschottet gegen die Rest-Welt, aber umzingelt, eingekreist durch die Blicke (und das Geheul) der ›Fans‹, von Massenmedien erzeugter und bewirtschafteter Teil-Massen, deren Lebensform ebenso unwahrscheinlich anmutet wie die der Umbrandeten selbst.

Was ist unwahrscheinlich daran?
Beide sind ›virtuell‹. Schalte die Kameras aus, unterbrich die Sendung und sie erlöschen.
Aber unwahrscheinlich?
Auch virtuelle Lebensformen, einmal projektiert, sind wahrscheinlich.
Unwahrscheinlich ist etwas, mit dessen Auftreten nicht wirklich, also innerhalb einer gewissen statistischen Bandbreite, gerechnet werden sollte.
Diese Bandbreite misst sich an der Erfahrung.

Wessen Erfahrung?
Wer spricht hier?
Wessen Befremden tritt da zutage?
Unwahrscheinlich ist, was im Beobachter Befremden hervorruft.

Was qualifiziert dich zum Beobachter? Methode? Beruf? Stellung? Gehalt? Herkunft? Intelligenz? Ein ›religiös‹ motivierter Rest-Glaube (Glaube an die Vernunft etc.)?

Keine Frage: Alle Instanzen werden mobilisiert.
Frage: Wodurch?

Quellen des Befremdens I: falsche Theorie, ungenaue Beobachtung, ungenaue Anwendung der Theorie, Eruption des Neuen (›Emergenz‹).

Quellen des Befremdens II: Unerfahrenheit, Theorieabstinenz, Distanzveränderung (Unter-, Überschreitung der ›gebotenen‹ Entfernung), Einstellungsänderung – zum Beispiel durch Bekehrungs- oder Alterungsprozesse, Moral (Entrüstung).

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
3

Du gehst durchs Museum und alle Gegenstände, auf die dein Blick fällt, vom präparierten Mammutkiefer bis zum Meteoritensplitter von Attendorn, sind ›museal‹. Alle? Natürlich nicht. Dein Blick unterscheidet, was zum Museum gehört, von dem, was ins Museum gehört.
Nichts fällt leichter als diese Unterscheidung. Die Differenz ist selbsterklärend.
Die Supernova gehört ins Museum, denn sie ist ein ›Objekt‹. Besichtige mich! Warum solltest du? Weil dich die Neugier hertrieb.
Genauso gehört sie zum Museum, denn sie ist eine ›Simulation‹.
Ein Museum, groß und stabil genug, um eine Supernova aufzunehmen, wäre ein Ort der Schrecken (und mehr als das: kein Menschen-Ort).
Die Simulation hingegen ist handlich und sie ist kurz. Sie ist spektakulär für den, der etwas davon versteht. Entsprechend hält sich die Neugier der Museumsbesucher in Grenzen. Nicht die Supernova lockt sie hervor, sondern die Technik der Simulation.
Anders ausgedrückt: der Spieltrieb. Du drückst einen Knopf und etwas Buntes, von dem man dir sagt, es existiere dort draußen, setzt sich vor deinen Augen in Bewegung, es schwillt an, wechselt Farbe und Form, durchläuft eine Serie bizarrer Metamorphosen, ein Feuerwerk, das dich kalt lässt, dessen Sinn sich dir nicht erschließt, das deine Sinne mit einer Gewalt infiziert, gegen die deine ganze Existenz sich auflehnt: Sie oder du, etwas Drittes scheint nirgendwo denkbar.
Ein Prozess, über Jahre ausgedehnt, in den Weiten des Alls aufgenommen, also Vergangenheit, schrumpft zur Demonstration, die dich leicht irritiert zurücklässt. Was du da siehst, ist anschaulich, aktuell, erlebbar, nachvollziehbar, einsehbar. Natürlich hat niemand jemals diesen Prozess gesehen, weder inner- noch außerhalb irgendeines Museums, er ist Theorie, nichts weiter, ein Agglomerat von Formeln, für Laien nicht lesbar, ein postulierter Vorgang, mit Messdaten unterlegt. In der Museumswelt wird das Postulat Wirklichkeit, du siehst, was du siehst, und eine ruhige, vertrauenswürdige Stimme erläutert es dir. Nichts spricht dagegen, dass diese bewegten Bilder aus echten Aufnahmen stammen, und echte Aufnahmen, das ist die-Wirklichkeit-selbst, nicht wahr? Das Getriebe der Welt, in dem das Universum einen kleinen, aber radikalen Platz einnimmt, vergleichbar dem Abfluss einer Wanne: Einer zieht den Stöpsel und dein Programm, so ausgeklügelt es war, so wohltuend es sich anließ, rauscht durch das Loch. Wohin? Hinaus? Wohinaus? Was ist draußen?

Bildquelle: von NASA/Goddard Space Flight Center (Goddard Multimedia) [Public domain], via Wikimedia Commons [https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ASupernova.ogv]
Supernova. Zweiter Gang ins Museum
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Bevor du nach Antworten greifst, möchtest du die Frage bewahren ... ein, zwei Minuten nur, eine ganze Ewigkeit, für die rasende Dauer einer Spaltung, die dich in zwei Richtungen auseinandertreibt. Du willst nicht gespalten, du willst eins sein. Der Wille, du spürst es, hilft der Spaltung, er ist auf ihrer Seite, er ist Komplize. Lass ihn aus. Gleich wirst du ihn brauchen.

Nicht gespalten sein wollen, ist das Widerstreben? Wenn ja, dann ein passives: die Empfindung, zerrissen zu werden, aber noch eines zu sein, zusammenzuhalten und auseinanderzugehen, und der Wunsch, diese Empfindung möge vorübergehen, kein Wunsch, eher eine Erwartung ohne Hoffnung, ein vegetatives Erstauntsein.

Du weißt schon warum: Was andere ›Universum‹ nennen, das nennst du Grenze. Auch die Supernova, deren ›Ausarbeitung‹ du den Astrophysikern überlässt, ist für dich Grenze. Grenze bedeutet: Wäre das Welt, dann wäre sie nicht die deine, wäre es die Welt, dann verschwände deine darin, ohne dass du mit ihr verschwändest, und sei es nur um des einen Gedankens willen, der diese Welt denkt. Wer behauptet, beide zusammenzudenken, deine Welt und diese da, der besitzt nur einen schwachen Begriff des Denkens.

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
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Die schwächste Art der Verknüpfung ist die Addition: es gibt das eine und es gibt das andere, also gibt es beides, soll heißen, beides ist ›in der Welt‹. So tritt der Museumsbesucher neben die Simulation – ein Objekt neben das andere.

Nein, antwortet der Addierer, so nicht. Was hier simuliert wird, dort draußen ist es wirklich. Dort draußen? Es gibt ein Fenster? Wer vom Fenster redet, sollte die Wand nicht vergessen, kein Fenster ohne Wand. Kein Draußen ohne ein Drinnen. Kein Drinnen ohne Welt: eine Welt im Kleinen, eine kleine Welt im Unterschied zur großen, in der die Großen zurechtkommen müssen. Wer sind die Großen des Universums? Sterne? Sternhaufen? SN 2006gy? Schwarze Löcher? Wer kommt da womit zurecht?
Supernova. Zweiter Gang ins Museum
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Wer lange genug Beziehungen studiert hat, will sie am Ende auch haben. Eine? Irrtum. Warum nur eine? Warum nicht alle? Du kennst sie alle, du kennst die Grundlagen, die Metamorphosen, die Tricks. Zuletzt hängt alles miteinander zusammen und will gelebt werden.
Wer lange genug ins All gestarrt hat, der will es befahren. Das Bewusstsein, ›ein Staubkorn am Rande einer unbedeutenden Galaxie‹ zu bewohnen, genügt ihm nicht, es sagt ihm von Tag zu Tag weniger, es sei denn eines: Brich auf! ist der erdnahe Raum gegen die Weiten des Alls? Was bedeutet die Militarisierung des Weltraums gegen den Weltraum? Was bedeutet die Marsmission neben SN 2006gy? Zweifellos etwas. Doch dieses Etwas bewegt sich verdächtig nahe dem Nichts.
Es bleibt diesseits der Grenze.
Eine Art Zeiger, der unentwegt auf etwas deutet, das jenseits der Grenze möglich wäre. Die Aufforderung, sie zu überschreiten? Oder die Überschreitung selbst, die immer wieder von der Grenze eingeholt wird?
»Die Grenzen verschieben sich.« Das klingt hoffnungsvoll, obwohl es auch deprimiert. Warum der Plural? Weil die Grenze nirgends fassbar wird. Die Grenzen des Machbaren bedeuten nicht dasselbe wie die Grenze zum All. Sie bedeuten nichts. Sie zeigen nur an, wo mehr getan werden könnte, wenn es gelänge, die Grenzen der erfinderischen Phantasie ein weiteres Stück hinauszuschieben.
Die Akteure des All sind nicht-menschlich. Deshalb die ›realistische Hoffnung‹, ›dort draußen‹ Leben zu finden.

Etwas wie uns.
Entfernt ähnlich.

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
7
Klammer

In jeder Wissenschaft lauert ein ›All‹. Vielmehr: in jeder Wissenschaft finden sich hinreichend viele Ehrgeizige, die es belauern. Und nicht die schlechtesten. So werden aus Logikern ›Kybernetiker‹, aus Kybernetikern Projektierer, aus Projektierern Phantasten, aus Phantasten Hasardeure, aus Hasardeuren – hier gähnt das Loch, das alle durchschreiten, und das sich niemandem offenbart.

Finde dein All.

Ein Monster in jeder Beziehung

Ein Monster in jeder Beziehung
1

Aus den Fu-Papieren

Angenommen, es gäbe zwei Fu – ausgeschlossen ist das nicht, man könnte gewisse Eigentümlichkeiten des Œuvres so deuten –, sagen wir, es käme ihnen entgegen, so hätte man unter der Kappe ein und desselben Namens unterschiedliche Persönlichkeiten am Werk, Vater und Sohn etwa. Die Kunstgeschichte kennt solche Konstellationen, warum nicht auch die Geschichte der Theorien? Es müssen nicht Vater und Sohn sein, auch andere Konstellationen sind denkbar, ganz andere, Onkel und Neffe etwa, oder Mann und Frau, wobei die Frau, tiefstes neunzehntes Jahrhundert, auf den Ausweis ihrer geistigen Eigenexistenz verzichtete – eine brisante Entdeckung, ließe sie sich verifizieren. Warum übrigens zwei Fu? Warum nicht drei oder vier? Ganze Heerscharen Fu lassen sich aus den Texten extrahieren, einem etwas zu groß, etwas zu vielfältig geratenen Corpus. Geradezu naiv wäre es anzunehmen, ein Mensch allein hätte die zahllosen Widersprüche und Brüche zu verantworten, die dem Leser aufgetan werden, sobald er ernsthaft die Schwelle zum Dunkelraum überschreitet, statt sich gleich am Eingang mit einer handlichen Sammlung von Auswahlsätzen und einer kurzen Zusammenfassung zufrieden zu geben.

Ein Monster in jeder Beziehung
2

Mit der Zufriedenheit ist es vorbei, legt einer die kandierten Lesefrüchte zur Seite und wendet sich den Innereien der Texte zu:

―Wirre Systemanläufe, den Wahnwitz zahlloser Verfasser bezeugend, zentrumslos auseinander treibende Darlegungen, Argumente schließlich, die sich zwar mühelos in Klassen und Unterklassen einteilen, aber nicht auf einen Nenner bringen lassen, so dass du sagen könntest, Fu behaupte das oder das und argumentiere folgendermaßen – alles in allem keine leichte Kost.

Fu, soviel steht fest, behauptet alles Mögliche. Es fiele fast leichter herauszufinden, was er nicht behauptet, denn eine solche Aufgabe könnte auf eine relativ schlichte Weise, etwa durch Ausstreichen, gelöst werden, vorausgesetzt, man wüsste, wonach man suchte, und wäre im Ausstreichen von Gedanken geübt.

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3

Denkt Fu?

Er trifft Feststellungen. Andere schlagen Nägel in die Wand, doch die Nägel, sprich: Wörter, die er benützt, begnügen sich nicht damit, eine Stelle im Universum des Gedachten zu markieren. Sie beginnen zu wandern, du triffst sie hier und da, an den unterschiedlichsten Stellen, in Zusammenhängen, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemein haben, und es lässt sich nicht einmal behaupten, sie bedeuteten jedesmal etwas anderes (womit sich leicht zurecht kommen ließe).

Sie bedeuten aber weder dasselbe noch etwas anderes. Sie haben die Position gewechselt, gedankenkarg, falls man das so sagen kann, scheinbar trieb sie ein Gelüst und da stehen sie für eine Weile, eine kleine Weile, bevor eine neue Lage sie reizt.

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4
*

Festgestellt wirkt in Fus Texten nichts. Zum Beispiel – es handelt sich vielleicht um kein Beispiel, jedenfalls kein gutes, womöglich ist es der Abgrund, der sich in der Lektüre öffnet, um sich nicht mehr zu schließen – kommt das Wort ›Ökonomie‹ in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen vor. Verständlicherweise taucht es dort auf, wo es Fu um den Warenkomplex geht, also um Herstellung, Vertrieb, Werbung, Bezahlmodi etc. Von dort wandert es unauffällig in den Bereich der Motivationen hinüber. Irgendwann merkt vermutlich auch der letzte Leser, dass der ganze Text, insbesondere die Darstellung der Gefühlswelt, von ökonomischen Anspielungen wimmelt.

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5
*

Der Ausdruck ›Gefühlshaushalt‹ ist jedem geläufig, also denkst du dir nicht gleich etwas dabei. Du bist bereits eingewickelt, wenn du erste Härten bemerkst, unterschwellig zunächst, dann aufmerksam. Gern hättest du gewusst, an welcher Stelle die schleichende Rede eingesetzt hat. Aber – zu spät. Die ökonomische Rhetorik ist stärker als der Interpret. Früher oder später scheitert jeder Versuch, sie aus einem Gedanken herauszuhalten. Der Interpret, ohnehin eine Maske, ohnehin in der Schuld des Autors, käme sich furchtbar naiv vor, wollte er ihr das Recht bestreiten, jetzt und hier, in dieser ohnehin zwielichtigen Zone mitzumischen.

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6
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Gern wüsste der Interpret, welcher Begriff von Ökonomie Fu berechtigt, so mühelos zwischen den Bereichen zu wechseln. Er findet aber keinen. Verlegen versucht er es auf Griechisch: oikos, das Haus, die Hausgemeinschaft, kleinste Wirtschaftszelle und lange Zeit Muster allen Wirtschaftens, bevor der Kapitalismus es aufbricht und seine Angehörigen in alle Winde zerstreut. Im Zentrum der Hausgemeinschaft, in der Höhle des Löwen, regiert, umlagert von den Seinen, von Frauen, Kindern, Gesinde, der Patriarch. Sich beugen, das Haupt neigen und Neigung empfinden, gar Zuneigung – ist das dasselbe? Vielleicht nicht ganz, aber ein wenig, ein klein wenig, dann aber, bei wachsender Vertrautheit mit dem Gedanken, ein wenig mehr, sehr viel mehr, grundsätzlich mehr: der verschüttete Ursprung aller Gefühle, hier öffnet er sich.

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7

Gefühl ―

ein dumpfes, dabei gut verankertes Wissen um Abhängigkeit, gepaart mit schmeichlerischen Gebärden, vorausgesetzt, für letztere bleibt genügend Zeit und es läuft nicht alles aufs Parieren hinaus, hopp hopp, marsch marsch.

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8

Nimm dir Zeit.

Vielleicht ist auch dieser Einfall es wert, dass du ihn verfolgst. Es ist nicht dein Gedanke, es ist kein Fu-Gedanke, es ist irgendetwas dazwischen, ein Interpreten-Einfall. Interpret, der du bist, spinnst du den Faden weiter. Du denkst ans Stockholm-Syndrom, an die paradoxen Bande, die zwischen Entführern und ihren Opfern entstehen, sobald genug Zeit dafür bleibt. Zuneigung, echte Zuneigung für den, der das eigene Leben bedroht, der es ›in der Hand hat‹, wie der bedrohliche Ausdruck lautet, Vertrauen, am Ende so etwas wie Liebe, warum nicht Liebe? Es wäre die erste nicht.

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9

Doch, es wäre die erste.

Geächtet, eines freien Menschen unwürdig, therapiebedürftig, so rasch wie möglich aus den Eingeweiden der Psyche zu entfernen, soll bleibender Schaden verhindert werden.

***

Auch die Oikoswirtschaft, wenngleich in manchen Winkeln des Planeten noch in Gebrauch, ist geächtet.

*

Entführung eine Form der Ökonomie?
Eine Tauschaktion, sicher, eine, die fast immer misslingt, aber doch keine, in der Vertrauen gegen Vertrauen steht! Vertrauen gewinnen heißt in diesem Fall bloß: Täuschen, was das Zeug hält.

*

Das Gefühl – eine Selbst-Täuschung? Entstanden aus dem Wunsch, den anderen zu täuschen? Nein? Aus dem nackten Lebenswillen, dem kein anderer Ausweg bleibt und der deshalb nach nichts fragt?

*

Gefühl, jeder weiß das, lässt sich erzeugen. Es gibt wahre Künstler darin, geboren, sich und anderen das Leben schwer zu machen. Oder leicht. Oder schwer.

*

Gefühl zeigen hieße also, sich und anderen Kredit geben um des Lebens willen, erst sich, dann anderen, erst anderen, dann sich, je nachdem, je nach den Umständen, vielleicht auch, ihn vorzutäuschen, die Usancen sind da, anders vielleicht als im Geschäftsleben, fließend.

*
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10
*

Ich habe kein Gefühl mehr für dich, lispelt die Gattin, die beschlossen hat, sich scheiden zu lassen. Ihre Stimme klingt honigsanft, als sammle sich darin ein letzter verbliebener Gefühlsrest. Das kann natürlich an erhöhten Ausgaben andernorts liegen, die das Lager vor der Zeit geleert haben. Aber vielleicht stimmt das nicht und der Gefühlsvorrat ist, warum auch immer, einfach erschöpft. Scheidungszeiten sind Hochzeiten der Gefühle. Da sollte es klug sein, eine kleine Reserve für spätere Gelegenheiten anzulegen und mit dem Übrigen hauszuhalten. Unter Kredit-Gesichtspunkten lässt sich das gut verstehen. Erschöpft ist der Kredit, wenn die verbliebenen Mittel gerade noch ausreichen, das Unternehmen in einem geordneten Verfahren zu liquidieren.
Fu, Sie haben Recht.

*
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So reden die Menschen, so reden sie unentwegt, und so handeln sie auch. Aber fühlen sie so? Ökonomie ist nicht einfach ein Wort, es ist ein Schicksalswort, dem sich viele beugen, auch wenn ihnen dabei unheimlich wird. Berechnend ist jeder, zu Zeiten, aber rechenhaft? ›Das hättest du dir doch ausrechnen können‹, die typische Phrase danach – was soll das bedeuten? Hätte er – oder sie – oder nicht? Solange ich für dich etwas übrig habe, rechne ich nicht, erst wenn ich nichts mehr erübrigen kann, wendet sich das Blatt. Aber das sind Redensarten und gleich um die nächste Ecke behauptet jemand, den anderen satt zu haben. Sein Bedarf ist also gestillt und es besteht kein Grund für ihn, weitere Ausgaben zu tätigen. Oder doch? Ein billiges Angebot ist kein gutes – nicht in diesen Gefilden. Überdruss reimt sich auf Überfluss. Die Ökonomie der Gefühle, falls es sie gäbe, wäre polyfluid, ohne verlässlichen Richtungssinn. Wer rechnet, täuscht sich, hat sich schon getäuscht, so wie er den anderen täuscht, der auf ihn rechnet oder zählt oder, zäheste aller Entgleisungen, baut.

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Genau besehen, baut auch Fu darauf, dass sich über Gefühle alles behaupten lässt. Ein Gefühl, das nicht zur Sprache gebracht werden kann, muss erst noch erfunden werden. Sprache, die in Gefühlen schwelgt, hat frei. Das äußert sich im Verdacht. Fu ist stark im Verdächtigen, man könnte ihn den Großen Verdächtiger nennen. Seine Rede fließt, sobald er Verhältnisse beschreibt, die er zu durchschauen glaubt – einer, der nicht in Waren‑, sondern in Wortwerten spekuliert.

Fu ist durch und durch Spekulant. Ist das gut? Ist das schlecht? Es ist eine Eigenschaft wie das Hellsehen, man konstatiert sie, aber Zutrauen fasst man nicht. Nein, man fasst es nicht.

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Angenommen also...

... es gäbe, was sich nicht ausschließen lässt, zwei oder drei oder fünf Fu, so handelte es sich, alles in allem, um eine verschwiegene Bruderschaft von Börsianern, die auf Wortkonjunkturen setzen und dabei gelegentlich Kopf und Kragen riskieren. Ein pfiffiges Volk, bereit, jeden zu übervorteilen, der sich ihm vertrauensvoll andient. Täuscher über den Tod hinaus, auch den der Zeit, die sie trug.

Schlafen Steine fest?

Akuter Ausbruch von Fumania

Schlafen Steine fest?
1

Fu-Zirkus

Eine Sammlung von Fu-Steinen (statues-menhirs de fou), je nach Material glatt ausgewaschen oder porös und pockennarbig, aber mit klar erkennbarer Zeichnung, zeigt man Touristen im archäologischen Museum von Cavenac-au-brac, wenn sie zum Abschluss ihres Urlaubs in den erholsamen Weiten des Aveyron noch ein paar Stunden totschlagen müssen, bevor sie das Taxi zum Flieger besteigen, der sie zurück nach Paris bringt. Die wenigsten von ihnen wissen – oder begehren zu wissen –, dass unter Leuten vom Fach diese Sammlung als ›einzigartig‹ gilt. Der Ruf ist nicht der eher bescheidenen Zahl der ausgestellten Objekte geschuldet, sondern ihrer handwerklichen Qualität. Ein Stein, der hier Aufnahme findet, hat gewisse Laien nicht leicht beschreibbare Prozeduren durchlaufen, einem Nachwuchssportler vergleichbar, der in die nationale Sportförderung aufgenommen werden will, um sein Land bei internationalen Großereignissen zu repräsentieren. Ereignisse vergleichbarer Dimension werden im Fu-Bereich eher selten registriert. Aber es gibt sie. »Be carefou« lautet das Motto, unter dem sich die internationale Gemeinde der Fu-Stein-Jünger jährlich in einer anderen Weltmetropole versammelt. »Be carefou« steht auf den Einladungen, die an einen ausgesuchten Kreis Interessierter ergehen, »Be carefou« – einigermaßen pikant – auf den Kärtchen, mit deren Hilfe sich Kongressteilnehmer einander zu erkennen geben. »Be carefou« prangt über den internen Berichten und auf den Einbänden der Kongressakten, die Mitglieder der Société internationale libF zum ermäßigten Preis zugesandt bekommen.

Könnten Steine lächeln, hier wäre es an der Zeit.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht grinsen sie seit Jahrtausenden in sich hinein.
Wer könnte dich begleiten? Elisabeth? Wer sonst?

Schlafen Steine fest?
2

Grabungsfieber

Was ist eine Tagung, verglichen mit dem sorgsamen, kontrollierten, hypothesengesteuerten Abtragen von Sedimenten, Schicht um Schicht, einer um die andere, umsichtig, vorsichtig, vorausschauend, im Dunkeln tappend, Bodenproben entnehmend, vergleichend, protokollierend, voller Erwartung, wenn die Kuppen der ersten Kopfpartien sich aus der sandigen oder lehmigen Umgebung herausheben, für einige Augenblicke kaum mehr als ein bisschen Glätte, die gleich danach Oberfläche, Struktur, Kontur bekommt, wenn aus Kuppen in der Dämmerung Köpfe einer Drachensaat werden, hingeschüttet in Reihen, mit charakteristischen, auf eine sumpfige Stelle oder ein urgeschichtliches Ereignis deutenden Ausfällen, wenn die steinerne Fu-Garde, aufrecht in Reih und Glied, schließlich das Feld beherrscht? Nicht viel, obgleich sie dem Gros der anwesenden Kollegen das Meiste bedeutet. Hier, unter Gleichgesinnten, dürfen sie mit Ergebnissen glänzen, hinter denen die wirklichen Sensationen des Entdeckens, Erahnens, Ertastens, Freilegens, sich dem entzückten, forschenden, sinnenden Blick Erschließens verschwinden. Wissenschaft lebt von Resultaten. Wie sie gewonnen werden, bleibt ein Geheimnis, das die Erkunder mit sich und den von ihnen angefertigten Protokollen teilen. Manche drehen Videos. Das sorgt für Unterhaltung und liefert künftigen kulturgeschichtlichen Forschungen ... Stoff.

Schlafen Steine fest?
3

Betrachte den Betrachter

Übertrieben ausgeprägtes Neurocranium, dazu eine reliefartig angedeuteten Augenpartie, eine Stiftnase, zwei Armbögen mit gekreuzten Händen – nicht viel, um einen ersten Eindruck zu gewinnen, wer Fu war und womit wir rechnen müssen, wenn wir die DNA seiner Botschaften zu neuem Leben erwecken. Betrachte den Betrachter, der das Auge nicht davon lassen kann! Alles geht ihm ein, die verwitterte Oberfläche des Blocks, die zugleich an Kindheitsspielzeug und verflossene Geometriestunden erinnernde Kegelform, die scheinbar hilflos hängenden, an Kinderzeichnungen gemahnenden Ärmchen, der augenlose, schattenerzeugte Blick, über allem der kapuzenartige, unwillkürlich Erinnerungen an Ku-Klux-Klan-Fotos heraufbeschwörende und der Figur alles anheimelnd Lustige austreibende Schädel: ein Magier, frühes Glied einer kulturumspannenden Geheimgesellschaft, einer Jahrtausende überspannenden, immer wieder abgeschmetterten Weltverschwörung? Einmal entdeckt und des Entdeckens wird kein Ende. Wie viele Fus hat die Menschheit hervorgetrieben? Gibt ein Fu den anderen? Eint sie alle eine übertriebene Ausbildung der höheren Gehirnfunktionen?

Schlafen Steine fest?
4

Selbstkorrektur, mehrfach

Lächerlich. Eine Schädelanomalie bedeutet gar nichts, allenfalls nichts Gutes für das darunterliegende Gehirn. Auch eine Gehirnanomalie bedeutet nichts, es sei denn nichts Gutes. Intelligenz – darauf zielt offensichtlich die Frage – ist wesentlich unauffällig, ebenso angepasst wie selbständig, eher überangepasst, weil sie ihren Stoff aus allen Vorgaben saugt. Die symbolisch überhöhte Stirn, die abgerundete Schädelkapuze steht nicht für etwas – zum Beispiel Intelligenz –, das man unter Menschen alle Tage antrifft. Sie bezeichnet das Haupt der Familie, den Chef des Clans, das Gehirn der Sippe, den Abgott (sagt u.a. Zaferlin, Memories Bd. 2, S 388f.).

Wem gehört die Welt?

Ohne das Gesagte in Frage stellen zu wollen, erhebst du doch Bedenken. Diese Häufung von Funktionen, wie sie für eine wenig ausdifferenzierte Gesellschaft typisch sein soll, verdrängt die im einfachsten Führungsanspruch angelegten Spannungen zwischen Wissen und Herrschaft, Wissen und Wissen, Wissenkönnen und Wissenwollen, Wissenwollen und Herrschenwollen – Spannungen und Spannungsmomente, die, bildnerisch gesprochen, über lange Strecken der Menschheitsgeschichte nur Herrschafts-Fratzen zulassen, Stein gewordene Zeichen einer fratzenhaften, von allen Seiten bedrängten und angefeindeten Dominanz. Eine dieser Fratzen, die Fu-Fratze, weist voraus in eine Welt, die keine Unordnung kennt.

So jedenfalls liest du ihre Züge: sie stehen für den Aufbruch, den großen Treck, die Erbeutung des wirklichen Lebens, die erheischte Nachfolge in allen Schattierungen außer denen, die nur das Individuum kennt, wenn es, abseits des großen Begehrens, seiner Wege zu gehen weiß.

Schlafen Steine fest?
5

Mehr davon

Suche einen Fu und du findest ihn. Du findest ihn, wo du willst. Die Menschheit bringt seinesgleichen hervor wie Linkshänder und Taubenzüchter. Zwischen Fu und Fu bestehen, je nach Zeit und Umgebung, bedeutende Unterschiede. Doch im Kern ... im Kern ... immer ist es dieser berüchtigte Kern, den alle guten Glaubens für sich beanspruchen. Bist du guten Glaubens? Wenn nicht, welcher schlechte Glaube stünde dir zur Verfügung? Miserabler Gläubiger, der du bist – gewährst jedem Fu-Double, das an deine Tür klopft, Kredit, um ihn gleich darauf, nach vollzogener Lektüre, wieder zu entziehen. Armer Fuzzi! Wo bleibt der Kern? Ein Wanderkern, das wird es sein. Am Ende regieren Empfindungen: dieses Ziehen links, in der Herzgegend, deutet es nicht an, dass etwas im Busch...? Das Begehren, mehr zu erfahren, mehr von diesem Stoff zugeführt zu bekommen, schon flammt es auf.

Die Flamme klein halten: alte Buschregel.

Schlafen Steine fest?
6

Risiko

Die Geste heißt: Land voraus!
Zeiten, Verhältnisse, Menschenformationen, Glücksfigurationen, das alles liegt, zum Greifen nah, vor euch. Greift zu!
Wer immer ihr seid, diese Botschaft richtet sich unterschiedslos an alle.
Wer immer ihr seid, es macht keinen Unterschied.
Was immer ihr wünscht, es soll geschehen.
Was immer geschehen soll, es ist im Wesentlichen geschehen, sobald ihr es wollt.
Das Ziel heißt Umkehr.
Das Ziel ist der Übergang von einem psychischen Zustand der Welt zu einem anderen.
Die Welt ist Psyche.
Was nicht Ausdruck der Psyche ist, ist nicht wirklich.
Psyche ist nicht innen. Psyche ist dazwischen.
Deine Welt gestalten heißt: dazwischengehen.

So zu denken birgt ein gewisses Risiko.

Wer handelt riskant?
Ein Radfahrer, der auf die Autobahn einbiegt? Sicher.
Ein Büroangestellter, der seinen Chef anschreit? Sicher.
Ein Tüftler, der sein Vermögen an eine Maschine verschwendet, die wahrscheinlich nicht funktionieren wird? Sicher.
Ein Broker, der seinen Beruf ernst nimmt? Sicher.
Ein Wissenschaftler, der sich außerhalb der Forschergemeinde stellt, weil er seiner Sache sicher ist? Sicher?

Schlafen Steine fest?
7

Diagramm

Zeichne ein Diagramm. Wie sähe es aus? Etwa so: eine Pyramide abnehmender Sicherheit, an deren Spitze ›mit hoher Wahrscheinlichkeit‹ nicht etwa der innerwissenschaftliche Konflikt stünde, der irgendwann mit wissenschaftlichen Mitteln zu Grabe getragen wird, sondern ... was? – Nenne es: den einsamen Entwurf einer ›wissenschaftlich fundierten‹ Zukunftsgesellschaft.

Sicher daran wäre gar nichts. Wie ist das möglich? Ist unvernünftig, wer die Konsequenzen aus dem zieht, was schon jetzt – in seinem schon immer vergehenden Heute – im Prinzip möglich wäre? Ist vernünftig, wer einen radikalen Einstellungswandel predigt, der die Menschen all dessen beraubt, in dem sie sich irrtümlich zu Hause wissen?

Irrtümlich: darauf kommt es an. Die Leute leben in ihrer Welt nicht ›versehentlich‹. Sie wurden hineingeboren, hineingewachsen, hineinerzogen, hineingelockt, hineingedrängt, hineingebogen, hineingedrückt, hineingeformt. Sie hängen an ihr, was immer sie sich erträumen mögen, mit allen Fasern und Schläuchen der Gewöhnung und der Gesittung: wenn da ein Irrtum hineinflatterte, dann wurde er tausendmal ausgesogen – was blieb davon? Eine vertrocknete, zerbröckelte, im Rinnstein verfallende Schale, ein organisches Stück Verwesung, nicht wert, dass sich einer danach bückt.

Das Vernünftige zu denken ist vernünftig. Das Vernünftige zu wollen ist unvernünftig. Das Unvernünftige zu wollen ist unvernünftig. Das Unvernünftige zu denken ist vernünftig. Vernunft pur, gepaart mit Unvernunft pur: welchen Personentyp braucht es, um diese innige Verbindung zweier Maßlosigkeiten darzustellen?

+++

Anzunehmen wäre: dieser Personentyp existiert, er existiert ›seit jeher‹ (alles andere klänge extrem unglaubwürdig), er ergreift das Wort, wo immer Menschen (rudimentär!) zwischen Vernunft und Unvernunft zu unterscheiden beginnen, er bringt sein Wissen ins Spiel, sobald in einer Gesellschaft Wissen zirkuliert.

Schlafen Steine fest?
8

Erkennungszeichen

Kegel

Pyramide mit abgeschnittener, das heißt von interessierter Seite zu ergänzender Spitze, sinnfrei und deutungsoffen. Eindringlicher kann kein physisches Erkennungszeichen den Typus dessen zeichnen, der den Plan zu einer Zukunftsgesellschaft in sich trägt, einer Ordnung der Gesellschaft, die möglicherweise einmal kommen wird, möglicherweise auch nicht, deren Chancen, je nach Berechnungsweise, zwischen neunundneunzig und einem Prozent streuen und deren ›Vision‹ von der weit überwiegenden Zahl der Zeitgenossen nicht nur abgelehnt, sondern ridikülisiert wird, weil nichts lächerlicher wirkt als die Ausgeburten einer träumenden Vernunft.

Eifernde Sprecher

Eifernde Sprecher
1

Dürrobst:

Wenn die Toten erwachen, stellen sie fest: Sie sprechen unterschiedliche Sprachen. Das Sprachproblem beiseitegesetzt, müssten sie rasch erkennen: Sie sprechen von unterschiedlichen Dingen. Angenommen, sie könnten auch darüber zu irgendeiner Form der Verständigung finden, würde es spannend.

Dürrobst:

Wer bist du? Woher kommst du? Was hast du geleistet? In wessen Schuld stehst du? Wann bist du schuldig geworden? Jede Frage setzt viel voraus, je mehr davon kenntlich wird, desto schwerer fällt es, auf sie zu antworten.

Dürrobst:

Wer bist du? In unserem Kulturkreis wird diese Frage damit beantwortet, dass einer seinen Namen nennt. Namenlos ist der Fremde (vielleicht hat er einen Namen genannt, aber er bestätigt nur die Herkunft aus der Fremde, er ›ist hier nicht bekannt‹, niemand kann ihn behalten, er ist rein akustischer Natur), will er bleiben, so muss er sich einen Namen erwerben.

Dürrobst:

Wie erwirbt man sich einen Namen? Durch Arbeit, Reichtum, eine schreckliche (oder glorreiche) Tat: das sind vertraute, aber doch nicht universell gültige Weisen der Auszeichnung. Sie setzen eine Gesellschaftsordnung voraus, in der gewisse Wertvorstellungen zirkulieren, ohne die eine Person im strengen Sinn nicht existiert. Unter einem anderen Wertefirmament müsste einer zum Beispiel geduldig die Reihe der Väter oder Mütter zurückspulen, bis im Auge des Gesprächspartners – des Anderen, wie wir ihn nennen wollen – das Erkennen aufblitzt, notfalls also bis zu Kudur dem Schrecklichen oder bis auf Adam und Eva. Wenn das nicht hilft, sind andere Götter gefragt, fremde Götter, und dann wirds bekanntlich gefährlich.

Dürrobst:

Warum wird es gefährlich? Weil Götter eifersüchtig sind. Weil es ihnen nicht passt, wenn sich Abkömmlinge der Konkurrenz unter ihre Nachkommenschaft mischen. Weil sie streitsüchtig sind und es ihnen gefällt, sich in den Kriegen ihrer Anhänger zu verewigen. Weil sie rachsüchtig sind und jeden bis ans Ende seiner Tage verfolgen, der es wagt, ihre Botschaften zu relativieren. Weil sie keineswegs blind und taub sind für die Vorzüge des Fremden. Ganz im Gegenteil: sie stechen ihnen ins Auge. Das schmeckt bereits nach Begehrlichkeit, nach dem Wunsch als Vater des Gedankens, nach Schwindel und Aneignung fremden Gutes und so weiter. Fremd sein heißt auf der Hut sein müssen. Wir merken auch: man fährt immer besser, wenn man sich ein wenig Bewusstsein der eigenen Fremdheit zu erhalten versteht.

Dürrobst:

So sieht es aus, solange die Frage, wer einer ist, keinen anderen Inhalt besitzt als die, woher einer kommt. Ich sage Inhalt, ich sage nicht Bedeutung, denn damit verließen wir den festen Boden der Untersuchung und lieferten uns den Logikern aus. Das möchte ich, für meinen Teil jedenfalls, verhüten.

Eifernde Sprecher
2
Die Seligen sind nicht selig. Sie hören Nonsens.

Warum redet er so? Was haben seine Zuhörer verbrochen, um sich von ihm über Kinkerlitzchen belehren zu lassen? Über Dinge, die jeder seinen Studenten im Schlaf erzählen könnte, mit allen Vorder-, Nach- und Hintergedanken? Warum unterbrechen sie ihn nicht? Warum lassen sie ihn gewähren? Sitzen in Reih und Glied und hören zu. Nasen umtanzt vom Sonnenlicht. Genießen sie’s? Langweilen sie sich tödlich? Zu erkennen geben sie’s nicht. Geben sie etwas zu erkennen? Friedenwanger, den wachen Blick umschattet von spöttischer Schwermut: alles gespielt. Ziehausen oder die leise Unruhe im Raum ... sie wendet den Kopf leicht zur Seite, spielt mit dem Uhrband, zupft am Blusenkragen, alles dezent, alles unterhalb des Aufmerksamkeitspegels, alles registriert, aber das wäre auch sonst der Fall, schließlich weilt sie als einzige Kollegin im Raum. Ihr – weitgehend weiblicher – Nachwuchs verteilt sich an den hinteren Wänden. Er wird nach vorne durchwandern. Aber das braucht Zeit.
Zeit: das ist es. Sie verbrauchen Zeit. Lassen sie passieren und verbrauchen sie doch – wie irgendeinen Rohstoff, den man in eine Fertigungsanlage füllt. Der industrielle Prozess ›Wissenschaft‹ enthält solche Inseln wechselseitiger Belehrung, in denen die Eigentätigkeit ruht. Nicht ganz, die unauffällige Zeitmessung geht mit. Der Referent hat das Wort. Nicht so stürmisch, Kollege, lassen Sie sich Zeit. Alle Zeit, die Sie brauchen. Wie lange brauchen Sie noch? Machen Sie ruhig. Zur Sache! Zieht sich ein bisschen, was will er uns sagen? Er wird überziehen, er überzieht jedes Mal. Letztes Mal war’s schlimmer. Richtig übel. Lass dir Zeit. Wir wollen alles hören. Er will doch nicht sagen...? Das sagt er immer. Er ist in der Schleife. Holt ihn jemand heraus? So also macht er das. Nicht schlecht. Aber trivial. Muss ich mir merken. Könnte schlimmer sein. Aber gefährlich wird er dir nicht.

Eifernde Sprecher
3

Dürrobst:

Wir haben eine Kultur der Fremde, aber wir haben keine Kultur des Fremden. Der Fremde ist uns fremd. Er ist uns dermaßen fremd, dass wir ihm mit ausgeklügelten Messmethoden zu Leibe rücken. Europa vermisst seine Fremden, ganz recht. Wir wüssten sonst gar nicht, was wir mit ihnen anfangen sollten. Oder doch? Wie dem auch sei, am Ende lauern Plünderung, Vergewaltigung, Mord oder Eingliederung. Aber vorher muss gemessen werden.

Was messen wir, wenn wir messen? Zum Beispiel sein Geschlecht. Sie werden lachen, aber das Vermessen der fremden Geschlechtsteile begleitet die Geschichte der überseeischen Eroberungen. Es ist ein Zwang. Erst muss an dieser Stelle Klarheit geschaffen werden, dann sehen wir weiter. Und wie sie Klarheit schufen. Aus den Archiven erfahren wir alles. Form, Farbe, Umfang, Gewicht, Abnormitäten, Verbreitung von Abnormitäten, Verstümmelungen, Krankheiten, einfach alles. Der orbis sexualis ist nichts weiter als die Phantasmagorie eines Roboters.

Wie gesagt, es herrscht ein Erfassungszwang, ein Zwang zur Inventarisierung, wie er nur dem Tabu entspringt. Das sexuelle Tabu ist außer Kraft gesetzt, sobald wir des Fremden ansichtig werden. Ist das ein Mensch? Ja und nein. Wäre er ein Mensch, so wäre er unseresgleichen. Wäre er kein Mensch, so wäre er nicht unseresgleichen. Wir wollen uns aber Zeit lassen, um diese Frage zu untersuchen. Wir verschaffen uns riesige Vorteile, indem wir uns Zeit lassen – viel Zeit, zuviel Zeit für den armen Fremden, der seiner Plünderung beiwohnt, als ginge ihn das alles nicht länger etwas an.

Das Tabu ist dann am wirksamsten, wenn wir es außer Kraft setzen. Wir bilden uns ein, wir legten unsere Vorurteile ab, aber wir achten nicht darauf, an welcher Stelle wir sie ablegen. Wir glauben uns von einer Bürde zu befreien, vielleicht befreien wir uns auch wirklich, jedenfalls machen wir uns frei. Wir glauben, was wir sagen. Ein wichtiger Schritt, wenn mich einer fragt. Nicht immer glauben wir, was wir sagen. Rede geht vor, sie erkundet das Gelände, besetzt es hier und da, lässt sich auf Plänkeleien ein. Der Glaube versetzt uns in Raserei.

Können wir die Zeit unterbrechen? Natürlich nicht. Können wir im Aufschub leben? Natürlich können wir das, jedenfalls nach gängiger Überzeugung, sooft und solange wir wollen. Wir müssen uns nur dazu entschließen. Was wir nicht können: das Leben der anderen anhalten, solange wir im Aufschub leben. Wir können es nicht anhalten und wir können es nicht aufhalten. Wenn wir uns also durch Aufschub Vorteile verschaffen, einseitige wohlgemerkt, zum Beispiel dadurch, dass wir uns noch nicht entschließen können, den anderen als Menschen wahrzunehmen, weil wir dazu erst ein paar Messungen durchführen müssen, dann geschieht auf der anderen Seite etwas, was zur gegebenen Zeit auf uns zurückschlagen wird.

Jeder Aufschub enthält bereits in sich den kommenden Rückschlag. Je länger er anhält, desto genauer weiß das der Aufschiebende auch, vielmehr, da auch das dem Aufschub unterliegt, fürchtet er, was da kommt, und versucht es – nun, was? – hinauszuschieben, zunächst um fast jeden Preis, schließlich um jeden Preis. Er liebt seinen Untergang mehr als die Menschen, deren Gemeinschaft ihn davor bewahren könnte. Er müsste es nur wollen und davor bewahrt ihn der Aufschub. Er bewahrt ihn, er schenkt ihm ein Gefühl der Sicherheit, weil er sich, eingemauert in seinen Aufschub, überlegen vorkommt, und er kann diese Überlegenheit nicht mehr ablegen, auch wenn sie ihn auf Dauer ruiniert.

Eifernde Sprecher
4
Die Gedanken sind frei.
Unbekannt: ihre Verteilung im Raum.

Was erzählt der da? Hat er getrunken? Ist er auf Speed? Das ist mir, ehrlich gesagt, ein paar Stufen zu hoch. Außerdem stimmt es nicht. Fremd ist, was ich noch nicht kenne. Je besser ich es kennenlerne, desto weniger Fremdheit herrscht zwischen mir und dem anderen. Fremdheit verfliegt.

Und wenn sie bliebe. Ein wenig Fremdheit zwischen den Menschen schadet nicht. Fremdheit ist der volkstümliche Ausdruck von Distanz. Nie war er mir so fremd wie jetzt. Woran das liegen mag?

Sobald ich anfange zu misstrauen, gehe ich auf Distanz. Befremdet sein, im Blick behalten. Distanz ist gut. Bin ich mir selbst fremd geworden? Gut, dann lass uns einen Blick darauf werfen. Wie, ohne Distanz, soll das gehen?

Wenn das mit dem Aufschub stimmt, dann ist jede Wissenschaft Aufschub. Wenn jede Wissenschaft Aufschub ist, dann ist Denken Aufschub. Wenn Denken Aufschub ist, dann bedeutet Menschsein Aufschub. Wenn Menschsein Aufschub bedeutet, dann wäre jeder Aufschub gerechtfertigt und der Untergang unvermeidlich.

Das ist Unsinn.

Untergang? Hörte ich Untergang? Wo bin ich denn? Ist das hier ein Tollhaus? Glaubt er, ich verschwende meine Zeit an Märchen? Ein Märchenonkel, sieh an. Dachte mir sowas bereits. Wenn er Lust auf Untergang hat, soll er doch an der Börse zocken. Stand out of my sun.

Ach du Scheiße, ein Tragiker. Das darf doch nicht wahr sein. Antiwestlicher Affekt, da kann man nichts machen. Muss ausgebrannt werden. Oder trockengelegt.

Dabei müssen wir schneller sein als die anderen. Wer das nicht kapiert, der verschwendet einfach nur Forschungsmittel. Sollte sich mal umsehen in der Welt, der Kollege. Die asiatischen Märkte sind keine Stammesbräuche.

Bewusstseinskacke. Natürlich will er die Zeit anhalten. Am liebsten zurückdrehen. Na immerhin das hat er schon gelernt. Da capo!

Schon mal was von Fremdbestimmung gehört? Nein? Dann wirds aber Zeit. Komm doch einfach mal vorbei, ich erklär’s dir.

Und was soll das? Damit kann doch keiner was anfangen.

Ein schöner Vortrag, hätte ich selbst gern gehalten. Wo er das her hat?

Nein, so geht das nicht. Den Affen machen? Nie. Jeder muss wissen, wo er hinwill. Ganz schön eitel, der Alte. Aber man sieht’s ihm an.

Eifernde Sprecher
5
Haben Sie Feuer?

Im Kopftheater liegen alle Gedanken bloß. Nur die Gelenke sind bandagiert, niemand soll das Geheimnis der Übergänge ergründen. Dazu sind sie zu sehr sie selbst, der Wille, sie selbst zu sein, belebt sie ungemein. Wenn jeder einen Gedanken hat und sie legen zusammen, was ergibt das? Kopfsalat. Ein blumiges Wort für eine gewöhnliche Sache. Mein Gedanke kommt immer zu kurz – woher kommt das? Aus der Sache? Das hätten die anderen gern. Es kommt vom Gerangel. Können Gedanken miteinander rangeln? Das hättest du gern gewusst. Ja, sagen Machttheoretiker, es geht stets um das eine. Dominanz. Ein dominanter Gedanke ist einer, der viele Vorteile bietet: einem viele oder vielen einen. Dass Denken Aufschub bedeutet, leuchtet vielen ein, die es gern auf die lange Bank schieben. Ein solcher Gedanke betritt die Bühne als Versucher: jeder kennt ihn, jeder ist ihm schon einmal erlegen, jeder widerstrebt, jeder möchte ihn gerne meistern.
Das gibt fast unbegrenzt Macht.
Sexualität lebt vom Aufschub. Sexualität ohne Aufschub wäre ›eindeutig‹. Der erste Gedanke, der sich ›dazwischenschiebt‹, zieht den ganzen Rattenschwanz hinter sich her. D hat das begriffen. Er lässt sich Zeit. Er geht Umwege, um zu ergründen, was genau zwischen Wunsch und Erfüllung passiert. Geht es nicht noch genauer? Es geht immer noch genauer. Das steigert den Wunsch und hilft der Begierde. Dem fatalen Stau ein Ende machen, wer wollte das nicht? In immer neuen Schleifen und Schlieren ›denkt‹ D. ›das Fremde‹ und sorgt damit für Unruhe in den Köpfen – nach dem Rezept, dass Befremdliches stets für Unruhe sorgt. Er redet sich in Rage, jedes Wort, das er spricht, jeder Halbsatz, den er hinzufügt, zögert die Akkomodation des Fremden hinaus. Dürrobst genießt die Früchte des Aufschubs, indem er ihn verhöhnt. Der denunzierte Aufschub bemächtigt sich der Köpfe der Zuhörer und entfesselt die Konkurrenz. Was will er den anderen sagen? Das ist nicht wichtig. Wichtig ist: die Position, aus der er spricht. Überlegenheit zählt.

Welche sexuelle Praxis spricht aus einem, der so spricht?

Requiem für einen Walfisch

Requiem für einen Walfisch
1

Propaganda (1)

Die Sexualität des Kollegen Dürrobst ist weitgehend unerforscht. Das liegt an mancherlei, teils an unzureichenden Ressourcen, teils am Desinteresse der Forschergemeinschaft, teils daran, dass er, anders als Rivale Friedenwanger, keinerlei Aufhebens von ihr macht.
Hat er Frau? Hat er Kinder?
Das Personaldezernat weiß Bescheid.
Besondere Neigungen? Auffälligkeiten?
Fehlanzeige.
Wie weit streuen seine Gene? Streuen sie überhaupt?
Darüber ist nichts bekannt.
Keiner hebt die wissende Braue, nirgends stockt eine Rede, sobald sie diese Dinge berührt. Der Mann ist clean. Wie kann das sein? Kann das sein?
Über allem: Darf das sein?

Requiem für einen Walfisch
1a

Propaganda (2)

Ds Unerforschtheit ist ein Ärgernis. Sie verleiht ihm die Aura des Unerforschlichen, der nur die Hand zu heben braucht, um Aufmerksamkeit zu erzwingen. Sie gibt Autorität, also Verfügungsgewalt, also Macht. Auch ein Schlaganfall kann nichts daran ändern. Eher steigert er seine Unnahbarkeit, so wie er sein herrisches Gebaren verstärkt. Zwischen dir und ihm: eine Strecke Schweigen. Er wartet, du wartest auch. Ein kleines Lauern steckt darin: Wie kommt der andere heraus? Doch er kommt nicht heraus. Stattdessen spielt er die Komödie des Aus-dem-Häuschen-Seins – unerhört ist, wenn man ihm folgt, was in den unzugänglichen Zonen wirklicher Macht geschieht.

Requiem für einen Walfisch
1b

Propaganda (3)

Unbrauchbar ist das alles, dass du erschüttert zurückweichst.

Requiem für einen Walfisch
2

Phalanx

Die Forschergemeinde braucht, wie jede Gemeinde, einen festen Grund. Der ihre kommt ohne einen Anflug dessen, was frühere Zeiten ›wissenschaftliche Weltanschauung‹ nannten, nicht aus: Momente der Aufklärung mischen sich darin mit solchen einer weitergehenden Abgeklärtheit, die um die ›Bruchstellen‹ von Aufklärung weiß – vielmehr: über sie ins Bild gesetzt wurde – und darum halbwegs immun ist gegen die von älteren Bildungswelten ausgehenden Zumutungen für den Intellekt. Wie jede Weltanschauung ist auch diese nicht ›statisch‹. Sie passt sich den Gegebenheiten der Zeit ebenso an wie den speziellen Bedürfnissen ihrer Träger. Das geschieht über die Art und Weise, wie sie in Namen verankert ist, die sich mit den Bildungserlebnissen einer Generation von Zahnärzten, Bildungspolitikern, Philologen und Sozialwissenschaftlern verbinden. Man kennt sich, man versteht sich, man kommt aus einerlei Erfahrung. Wem sie abgeht, dem fehlt die Befruchtungsapparatur, die jeden Gedanken spontan mit seinem ›historischen Ort‹ zu schwängern erlaubt.

William Blake: Behemoth and Leviathan
Requiem für einen Walfisch
3

Signal

Alvano-Sabina-pipe
Geht gar nicht.

D und die Pfeife: ein Paar. Eine Symbiose, die unter aller Augen ihre Spur zieht. Tief eingegraben, nahezu perfekt, ein Werkzeug der Tiefe, in der die Machtarbeit sich vollzieht.

Machtarbeit = Arbeit an der Macht.

Das kann die eigene sein, in der Weise, in der jeder Machtgebrauch ›eigen‹ ist und einer Person – oder einem Personenkartell – zuarbeitet, aber ›personalisiert‹ ist sie deswegen nicht. Die Figur der Macht ist der Nuckler, das an der Pfeife hängende Wesen, dessen Klammergriff die Pfeife umspannt, der leicht vorgebeugte, zur Seite geneigte, geschäftig Wissen vortäuschende Schädel, das Spiel mit dem Feuer, der zwischen Partner und Pfeifenkopf streunende Wanderblick – eine perfekte Figur, passend zu jeder Art von Missbrauchsgeschichte, mit deren Hilfe eine enthemmte Ex-Gattin ihren Anteil an seinem Einkommen vor Gericht zu erstreiten unterwegs ist (doch Dürrobst lässt nichts heraus, kein Sterbenswörtchen, das hier bleibt reine Spekulation): kann es sein, dass der Missbrauch, ein gefügiger Herold, der Macht vorangeht und sie ausruft, am hellen Mittag, so dass die Szene, in der solche Ehegeschichten kursieren, bereits im Bilde ist, während die Arena, ein Tal der Ahnungslosen, von kommenden Verführungen träumt?
Anders ausgedrückt: Dürrobst – ein schlimmer Finger?

Das alles ist: Projektion.

Requiem für einen Walfisch
4

Agenda

Die wahre Arbeit an der Macht vollzieht sich im Geiste.
In wessen Geiste?
Das lässt sich sagen: im Geist der Welt.
Korrekturbedürftig ist die Rede vom Weltgeist insofern, als Dürrobst sie bei entsprechenden Gelegenheiten mit leicht erhobener Hand und einer Miene abwehrt, als habe er in einem früheren Stadium seines Daseins alle bei seiner Nennung vorgesehenen Kämpfe durchlebt und sich mit sich selbst auf einen ›progressiv‹ materialistischen, im anderen auf einen vorsichtig religiös gefärbten Pragmatismus geeinigt.
Allein steht er damit nicht. Die allwöchentlich zum Gemeinschaftsdienst rufende Glocke, ›fachlicher Alltag‹ genannt, in deren Schatten Dürrobst seine Tage verbringt, erklärt eine gewisse Taubheit gegenüber Fragestellungen, die ein paar Türen weiter für theoretische Gemetzel sorgen. Als guter Trittbrettfahrer weiß er, an welchen Stellen man aufspringt und woran man sich am besten hält. Was den Weltgeist angeht, von dem er mancherlei zu wissen glaubt, so ist schon klar, dass er, irgendwie von Preußen ausgehend, das neunzehnte Jahrhundert beherrschte und in den Gasschwaden von Ypern schmählich verreckte. Andererseits braucht Dürrobst ihn als zwar reaktionäre, aber nach wie vor ideologisch aktive Chiffre, die man, bei Strafe des kulturellen Analphabetismus, nicht kommentarlos den Gegenmächten des Kapitals überlassen darf. Seine Formel, befremdlich genug, lautet: Verweltung. Wo Geist war, soll Welt sein. Wo Welt ist, soll Welt werden. Nur so bekommt das Opfer des Leviathan einen guten Sinn. Sinn – da ist Dürrobst mit Friedenwanger ganz einer Meinung –, Sinn muss sein.

Requiem für einen Walfisch
5

Mythos

Der große Leviathan ist totgesagt.
Weiter beredet: sein großer Kadaver.
Der Schatten der Meere: von den Bildflächen verschwunden, als habe seinesgleichen sie niemals durchkreuzt.
Das Tier der Tiefe, das alles bewegende, ist abgetaucht.
Die Stunde der Taucher mit leeren Händen. Eine Hand wäscht die andere. Eine Hand wäscht sie alle.
Der Schmutz an den Händen der großen Denker. Ein Debakel.
Für wen?
Die Toten kümmert ihr Totsein nicht.
Wen dann? Frag nicht, lies. Lies alles. Lies weiter.
Ausgelesen ist nichts. Ausgelesen ist alles.
Die Liebhaber des Schattens üben sich in Verzicht.
Jeden Tag eine Stunde. Mehr gilt als unfein. Warum?
Der große Verzicht und der große Schatten sind eins.
Uneins zeigt sich die Sekte der Schattenlosen.
Tonina Debakulata, Nachwuchsseherin, verknotet die losen Hände.
Geste zwecklosen Widerstands, im Feuer des Argumentierens nach wie vor gut zu gebrauchen.
Schweigen, ein Schal für die Rede, vorsorglich, hütend, besänftigend, wohlerzogen, durchdringend, schal, eine leere Hülse.
Der schwache Mensch: woher die Erleuchtung?
Aus großer Trauer: wohin?
Trauer, niemals gestillt, Fahrschein nirgendwohin, gültig fürs erste: die Gegenwart denken. Was denn sonst? Denkt Gegenwart nicht? Wird sie erdacht? Fällt sie, erdacht, in sich –. Wohin? Auf guten Grund? Auf üblen? Ins Bodenlose, ins Unerdachte, ins Überwundene?
Überwunden ist, was sich jährt. Im Gedenken wird Überlegenheit hörbar. Abgetan das Beredete, unabgegolten das bescholtene Erbe, dem die Abgeltung auf dem Fuß folgt.
Im Raketenschatten ist Welt, was sich regt. Der leise Gedanke, Seelenhauch, Laut nach innen, Missverständnis, leicht zu beheben, ein Miss-Verhältnis. Die Welt gehört dem, der nach ihr greift. Sie gehört jedem. Sei hörig dem, dem alles gehört. Greif zu.
Ein weites Feld: die Verhältnisse. Erforsche sie wohl, die Schatten des Schattens. Fischbrut, quecksibrig, schwärmend, leicht zu ergreifen, ein Schlag auf die Stirn
tötet viele. Zuckende Leiber. Sind wie sie sind. Schneide sie auf. Was willst du finden? Was willst du finden? Beschreibe es. So, nun ist es gefunden. Genießt du den Fund? Genießt du ihn? Leg ihn weg. Leg ihn beiseite. Frei bist du nur im Finden, halten kannst du ihn nicht. Warum? Er hält dich umklammert.
Der große Schatten ist fort. Du sollst ihm nicht folgen. Fort geht es von allein, dir geht es ums Bleiben. Alles dreht sich ums Bleiben. Was nicht bleibt, das verwirrt. Verwirrtsein hilft, aber nicht sehr.

Requiem für einen Walfisch
6

Proskriptionen

Du kannst den Weg nicht finden? Gut, der Weg findet dich. Du bist auf gutem Wege. Klopfe an eine Tür und dir wird aufgetan. Nichts Menschliches entgeht deinem Zugriff. Zerlege es. Das Besteck? Du beherrschst es, es beherrscht dich, es wird auch dich zerlegen, doch erst musst du gut sein. Ein guter Zerleger schafft etwas weg. Mehr als andere, doch zusammen schaffen sie mehr. Zerlegt wird, was in Betracht kommt. Zerleger ist, wer in Betracht kommen will. Ein guter Zerleger glaubt, in Betracht zu kommen, und seine Umgebung spielt mit. Ein guter Zerleger hält sein Besteck sauber: er weiß, es gehört ihm nicht. Er besitzt keine Lizenz, es zu verändern. Stattdessen verändert es ihn – mit jedem Einsatz ein bisschen mehr. Ein großer Einsatz, an dem sich viele beteiligen, macht sichtbar. Ein Streichholz flammt auf und erlischt. Asche zu Asche.

Requiem für einen Walfisch
7

the way you destructed my home

If it looks like mass murder and it is one it’s a desaster.

Requiem für einen Walfisch
8

Wir ändern die Welt

Nichts in der Welt, in der du dich bewegst, ist dir fremd. Diese Bewegung ist dir fremd. Du kannst nicht sagen, wann und wo sie beginnt, du kannst nicht sagen, wen sie umfasst, wie viele es sind, was genau sie wollen, welche Interessen sie leiten, wer sie steuert, ob jemand sie steuert, wohin die Reise geht, falls da jemand reist. Eine Bewegung der Vielen? Nein. Nicht wirklich. Eher eine in vielen: wir, die Macht.
Wir sind die Macht, zu ändern, was nicht bleiben kann, wie es ist.
We can change the world to make things better. That is what we believe.
Nenne es: einen starken Glauben.
Ein Glaube, der keine Berge versetzt (dafür reichen Bulldozer), sondern Grenzen.
Wer glaubt an Grenzen?
Grenzen sind nicht da, um geglaubt, sondern um respektiert werden.
»Nichtanerkennung bedeutet Krieg.«
Another war to end all wars. Let’s talk about deconstruction.
Im Menschenzoo existiert nur eine Grenze. Diesseits: Freiheit. Jenseits: Unfreiheit. Die hinter den Absperrungen wohnen, was haben sie getan, um nicht an der großen Party, Life genannt, teilzunehmen? Wir schulden ihnen eine Erklärung, wir schulden ihnen unsere Anstrengung, ihr Los zu wenden.
Sind wir bereit?
This is our world. Let’s stick together. Whatever they did or did not, we must look after them. What is a conflict? A conflict is always black and white. Don't stay on the wrong side. Don’t do that. It’s a bad thing.

Requiem für einen Walfisch
9

Der Drehpunkt

Sing, unsterbliche Seele. Was singt sie da?
Im Zweifel: dummes Zeug. Wozu wäre der Zweifel sonst gut?
Im Krieg gegen die Seele ist alles erlaubt, selbst der Zweifel.
Der Zweifel entsteht in der Seele, als Argwohn.
Das vegetative Bewusstsein – nenne es Bewusstheit, nenne es Seele – befindet sich in der Welt, wie immer es sich befindet. Wo befindest du dich? Kein Zweifel: in der Welt. Woran zweifelst du? An deiner Welt, als wäre sie nicht die rechte. Die rechte Welt will erschlossen werden – durch Zweifel.
Die rechte Welt ist die falsche. Woran erkennst du das?
Kein Zweifel: das falsche Bewusstsein ist in ihr zu Hause. Im Haus des falschen Bewusstseins ist alles falsch. Das kann nicht anders sein. Warum sonst hielte es sich für unzerstörbar?
Zerstöre das falsche Bewusstsein und du zerstörst eine Welt.
Die ganze Geschichte: das Ende der Geschichte oder die Geschichte ganz.
Wo Geschichte war, soll Welt sein.
Nicht deine Welt: die Welt aller. Die purgierte, auf Dauerbefriedigung gestellte Seele, sie lebt bereits in einer anderen Welt. Sie ist angekommen und kann sich kaum erinnern woher. Sie will es auch nicht. Ihr graut vor dem, was war.
Was wird schon gewesen sein?

Requiem für einen Walfisch
10

Kein Kind von Traurigkeit

Was verrät uns die Pfeife im Munde von D? Er ist unser, was sonst. Er ist keiner von uns, er ist unser. Er möchte dazugehören, doch wie Moses das Rote Meer, so teilt Dürrobst die Wogen des Wir, um trockenen Fußes hindurchzuschreiten, wo er allzu gern schwimmen möchte. Er nennt genügend historisches Bewusstsein sein eigen, um die Teilung der Welt in Vorher und Nachher als Bluff zu durchschauen. Er weiß, es sind Komödianten, die sich dieses rhetorischen Kniffs bedienen. Gern wäre er einer der ihren, aber ihre Gesichter ziehen blank, sobald er sich ihnen nähert. So wie er dasteht, den Pfeifenarm über der Brust verschränkt, ist er der Unziemlichen einer. Er besitzt ein zu geringes historisches Bewusstsein, um sich nicht als Kind des Danach zu verorten: nach den Leistungen, nach der Katastrophe, nach der Geschichte. Ausweg der Ausweglosen: Politikschelte. Wann jemals hat man soviel Unfähigkeit in den Räumen der Macht gesehen? Wann jemals hat man soviel Unwissenheit in Positionen gesehen, in denen Bescheidwissen angesagt wäre? Wann jemals wäre die öffentliche Moral so am Boden gelegen? Nicht dass seine Moral einer öffentlichen Überprüfung standhielte. Seine Moral kommt nicht in Betracht. Seine Moral verdankt sich der Niederlage. Sie sinnt auf Rache. Das Sexsurrogat im Gesicht, es verrät den Hinweisgeber vom Dienst. Was immer er zur Anzeige bringt, er weiß es aus sich. Auch reicht es so gut wie nie zu einer wirklichen Anzeige: über Vier-, über Sechs-Augen-Gespräche geht es selten hinaus. Was er, das ›Desaster‹ auf den Lippen, betreibt, ist Gesprächshygiene, die aus der Jackentasche lugende Pfeifenputzer-Batterie ihr trotzig bereitgehaltenes Symbol.

Aufstieg im Affenkäfig? Das wäre ja –

Lehre vom WIR

Lehre vom WIR
1
WIR

Sag niemals Wir. Streich’ dieses Wort durch, sobald du seiner ansichtig wirst. Nicht immer lässt es sich vermeiden, doch in achtzig Prozent aller Fälle erkennst du die Überdehnung. ›Wir wissen noch nicht, wie wir in diesem Fall abstimmen werden‹: du vielleicht nicht, aber kannst du dich für deinen Nachbarn verbürgen? Natürlich nicht, denn du verbürgst dich nicht einmal für dich selbst. Du weißt, wie du abstimmen würdest, nur das pompöse Wir weiß es nicht. Wann bist du Wir? Du weißt, wie du abstimmen wirst, das pompöse Wir erlaubt es dir, nicht darüber zu reden. Wir lassen uns Zeit. Wir sind viele. Wie viele? Das weiß kein Mensch. Selbst eine geschlossene Gruppe, zum Beispiel der Fakultätsrat, dem Dürrobst vorsitzt, besitzt kein Wir. Die Pyramide? Nicht die Spur. Wir Wissenschaftler – eine Zumutung für den Einzelnen, der etwas entdeckt hat und es zur Anzeige bringt: gleich wird das Rudel sich darauf stürzen und nur die Knochen zurücklassen, die Befriedigung, ein paar Minuten, ein paar Tage ›im Mittelpunkt‹ gestanden zu haben, den Verdruss, der daraus erwächst, das unbestimmte Gefühl, einer Illusion aufgesessen zu sein, genannt ›Mittelpunkt‹, erzeugt durch periphere und flüchtige Aufmerksamkeiten, angereichert mit unterschiedlichem Weltstoff, kaum vergleichbar, kaum vereinbar mit dem ihnen entgegenschlagenden Begehren, vernommen zu werden, vernommen: du verstehst, dass hinter jedem Wir eine Stimme arbeitet, die vernommen sein will, in den seltensten, eigentlich auszuschließenden Fällen die deine. Jedes durchgestrichene Wir weist diese Stimme zurück, macht die Luft atembarer, in der du dich bewegst, führt dich dir zu. Halt’ das fest.

Lehre vom WIR
2
WIR

Die Stimme hinter dem Wir, die sich durch deine Atemkanäle zwängt und deine Stimmbänder traktiert, kommt aus einem Jenseits, dessen Natur du niemals ergründen wirst. Das weißt du, weil du es weißt. Die Stimme, sie liefert das Wissen mit, sie zwingt dich, ›ich‹ zu sagen, als sei es das Natürlichste auf der Welt, doch wenn du nur ein wenig in dich hineinhorchst, dann merkst du, dass der Zwang von keinem Ich ausgeht. Es ist eine Zone der Ruhe um den verhüllten Punkt, den du suchst, wenn du Ich sagst, und diese Ruhe, sie wird gestört, sobald das Sagen beginnt, und diese Störung, diese tiefe Störung, ist vielleicht der Quellgrund aller Wir-Sagerei. Die Stimme wächst am Widerstand und wechselt vom Ich- ins Wir-Register: hier findet sie alle Kraft, die sie benötigt, um weiterzukommen, denn weiterkommen, das ist ihr unmittelbarster Wunsch und ihr tiefstes Begehr.

Lehre vom WIR
3
WIR

Das Wir ist das Zweite, das sich überall als Erstes aufspielt, wo mit dem Ich kein Durchkommen möglich scheint. Der Schein entsteht in dir selbst, sobald sich irgendwo eine Stimme erhebt. Es muss nicht die deinige sein, es genügt, dass irgendeine Stimme den Raum entert (entert?), den dein Gehör bestreicht. Eine Tierstimme: Warum nicht? Sprache verstärkt, sie verlangt nach Antwort auch dort, wo du nicht verstehst, selbst dort, wo du offenkundig nicht gemeint bist. Belauschen, belauscht werden: Warum gilt das überall unter Menschen als ungehörig – selbst dort, wo man es als notwendig ansieht? Nur offene Feindschaft setzt diese Empfindung außer Kraft.
Warum? Bin ich jedermanns Freund? Bin ich wir, ehe ich mich dessen versehe? Ein Gefangener unseres biologischen Erbes? Der kulturellen Evolution? Des kommenden Weltbundes? Offenbar nicht. Wenn Sprache mein Eigenstes ist, so ist sie zugleich das Fremde in mir. Man hat mich sprechen gelehrt und nun spreche ich: ein Automat. Was immer ich mitteilen möchte, die Stimme überspricht es. Sie spricht es aus und sie überspricht es. In meinem Sprechen liegt etwas, das mich verwirrt. Ich verhasple mich, wann immer ich daran denke. Meine Stimme gehört dem anderen. Ein geneigtes Ohr, eine gesenkte Braue, ein geschürztes Lippenpaar und sie überschlägt sich, sie ist zu Diensten, sie wechselt ins Wir-Fach.

Lehre vom WIR
4
WIR

Du magst diese Stimme. Sie spricht zu dir, sie schmeichelt dir ab, dein Feind. Sie kommt von weither, sie ist dir zugedacht, der Sprecher kennt dich nicht, er wird dich nie kennenlernen, deine Person ist ihm gleichgültig und wird es immer bleiben. Nur diese Stimme weiß von keiner Distanz, sie geht in dir auf, eine Supernova, um als weißer Zwerg in deinem Gedächtnis fortzuvegetieren. Noch ist es nicht so weit, sie durchglüht dein Inneres, du weißt nicht, wohin du dich flüchten sollst, du bist ihr hörig. Die Stimme fragt nicht nach deiner Zustimmung, sie lässt dich zustimmen. Sie veranlasst deine Zustimmung. Du kannst sie verweigern, du kannst dich verweigern, aber das kostet Zeit. Diese Zeit hast du nicht. Du hättest diese Zeit, aber du hast sie nicht. Die Stimme ist hinter dir her, sie verfolgt dich, wie du ganz richtig sagst, sie ist überall. Überall bist auch du, flüchtig, ein fliehendes, stolperndes, hastendes Wild. Der Strahl dieser Stimme trifft dich: da ist kein sicherer Ort. Wirst du verglühen? Nein, es ist eine Stimme. Nicht die Stimme Dürrobsts oder Friedenwangers oder Leckebuschs oder Elisabeths (auch wenn letztere dir gefährlich naherückt): ihr Radius reicht nicht aus, um dich bestreichen. Die Stimme, die du meinst, scheint keinen Radius zu kennen, sie ist planetarisch, du drehst einen Knopf und sie füllt dein Gehirn.

Lehre vom WIR
5
WIR

Entgegen der landläufigen Ansicht ist das Wir gedächtnislos. Zum Glück eilt ihm das öffentliche Bewusstsein zur Hilfe. Dort zirkulieren Bilder, die so viel plastischer das Gewesene illustrieren als deine Erinnerungen, dass es nur eines Entschlusses bedarf, in ihnen das vorrangige Gedächtnis der Generation zu erblicken: gleichmäßig abrufbar, stets verfügbar (jedenfalls dann, wenn einer bibliographieren gelernt hat und Zutritt zu den Orten besitzt, an denen sie verwahrt werden) und, dies vor allem: unendlich interpretierbar. Die Interpretierbarkeit macht sie kostbar. Keiner weiß, wer diese Bilder aufgenommen hat, keiner, außer dem verborgenen Fotografen, stand just an der gleichen Stelle, als sie aufgenommen wurden, in keinem Kopf machte es exakt zu dem Zeitpunkt »Klick«, um gerade dieses Bild ›in alle Ewigkeit‹ zu verwahren, niemand, auch nicht der Aufnehmende, dringt nachträglich in die Logik der Vorgänge ein, die zu exakt dieser Aufnahme geführt haben, und selbst wenn es gelänge, erwiese sich das Gefundene als völlig unerheblich vor der Geschichte.

Vor welcher Geschichte?

Lehre vom WIR
6
WIR

Es scheint so, als gebe es zwei Wir: ein kompaktes und ein löchriges. Friedenwangers Wir ist kompakt: eine straffe, kühl geformte, mit einem Blick überschaubare Sache, geländegängig und jederzeit startklar, fern allen Waberungen des Alltagsbewusstseins, das kaum um ein Fortkommen weiß, ein Prestige-Wir, das dem Ich überall zur Hand geht, wo es nötig erscheint – sei es, um einen Widerstand zu brechen, sei es, um eine Durststrecke zu überwinden, sei es, um sich ein Wüstenduell mit einem ähnlich gestrickten Konkurrenten zu liefern, denn überall, wo Friedenwangers Ehrgeiz sich meldet, meldet sich Wüste. Dürrobsts Wir hingegen ist löchrig, sperrig, kaum transportabel, ein abgestürzter, irreparabler Feuerdrachen, kaum geeignet, den hinter der Pfeife aufsteigenden Zug der Gedanken zu bändigen, und daher allzeit zur Häme bereit, von der das Ich, müde und erschöpft, wie es sich zeigt, sobald das Wir die Zügel schleifen lässt, kaum etwas zu wissen scheint, so künstlich, so aufgesetzt wirkt es auf den Betrachter, der nicht dahinterkommt, welche energetischen Vorgänge hier im Spiel sind.

Lehre vom WIR
7
WIR

Aber was ist die Geschichte? Die Beschriftung der Bilder?
Wer hat da formuliert?
Die Begleittexte?
Wer sind die Verfasser? In welchen Archiven haben sie geschnüffelt, welche Erinnerungen, welche Wert­entscheidungen, welche Auslese-, welche Auslegungsakte, welche Denk- und Schreibverbote, welche mechanischen Übernahmen haben diese Texte hervorgetrieben?
Das sind keine Geheimnisse. Im Einzelfall könnntest du nachforschen, in vielen Fällen weißt du als informierter Zeitgenosse Bescheid oder das Gedächtnis gaukelt dir vor, du seist im Bilde. Das Geheimnis entsteht durch Überfülle. Die Bilderflut, unbezähmbar, unberechenbar, nicht klassifizierbar, spottet jeden Subjekts.
›Subjekt ist, was im Joch geht.‹ Das ist Spott genug und es ist die Wahrheit. Es ist nicht seine Wahrheit, es ist die Wahrheit über das Subjekt.
Eine schöne Wahrheit haben wir da.

Lehre vom WIR
8
WIR

In welchem Joch geht das Subjekt Friedenwanger?
Im Joch seiner Generation. Die Generation bestimmt sein Gedächtnis, sie verdoppelt sich in ihm, sagt: Wir sind deine Generation. Ob im Seminar, im Bus oder in der U-Bahn: die Generation ist immer da. Sie leitet seine Unterscheidungen an, stellt sie überscharf, gibt ihnen Transparenz, die sie ›von Haus aus‹ nicht besitzen, lässt sie ›wehrhaft‹ erscheinen.
Was scheint da durch? Ein klitzekleines Ressentiment? Ein großes? Ein übergroßes, von keinem Einzelnen zu verantworten?
Ist es gerechtfertigt? Komische Frage: es lässt rechtfertigen.
Wenn es ›die‹ sagt, dann meint es: Wir gegen die anderen. Wer sind die anderen? Die, mit denen es keine Gemeinsamkeit gibt. Oder doch? Oder nicht? Oder doch? Sie sind nicht im Wir, aber sie sind ein Teil von ihm. Wie ist das möglich?
Friedenwanger, soviel steht fest, hat ›kein Problem‹, sich mit einem von ›denen‹ zu verständigen. Wenn es sein muss, spreche ich auch mit dem Teufel. Muss das sein? Mit wem er auch spricht (und er spricht mit vielen), der Teufel scheint nicht dabei zu sein. Das Ressentiment, es ist ›volatil‹, es teilt und vereint sich quecksilbrig, es weicht aus, es scheut keinen Umweg, wenn es gilt, ein Ziel zu erreichen, es redet, je nach Gesellschaft, die Dinge hin und her, hin und zurück, in schwindelnde Höhen und ebensolche Abgründe:

Groß ist die Diana von Ephesus.

Buchstabiere das aus.

Lehre vom WIR
9
WIR

Voilà, das Gedächtnis der Generation ist ein Hubschrauber, der über einem Trümmerfeld kreist: laut, monoton, ein vom flappenden Rotor erschaffenes Trugbild, das in den Sinnen der Einzelnen eine Art Überwirklichkeit beansprucht und wirklich eingeräumt bekommt. Dürrobst und Friedenwanger, in methodischer Abstraktion geübte Wissenschaftler, haben gelernt, ihre persönlichen Erinnerungen als ›Appendix‹ zu betrachten, als Anhang, der den Haupttext nur unwesentlich berührt, aber jenes Plus an gefühlsmäßiger Bindung transportiert, das ihnen eine Art Selbstableitung aus der allgemeinen Geschichte ermöglicht. Das erinnerungslose Wir geht ihnen dabei zur Hand: stolz wie eine Hundemarke trägt es die Redeweisen mit sich herum, an denen die Generation sich erkennt. Was immer einer parat haben muss, um dazuzugehören, sie haben es parat und wenn ihnen einmal ein Detail entglitten ist, so bringt es die Routine des akademischen Lehrers mit sich, dass sie es mühelos schöpfen, sobald es ihnen abverlangt wird. Ganz recht: als Wissenschaftler gehören sie zu den ›Schöpfern‹ ihrer Generation. Die Generation, das ist ja nicht die Gesamtheit aller innerhalb einer gewissen Zeitspanne Geborenen – schon Landesgrenzen und Passzugehörigkeiten verunklaren das Bild und von einer ›Weltgeneration‹ ist selten die Rede –: auch hier herrscht Selektion. Zur Generation gehört, wer in das herrschende Wahrnehmungsschema passt.

An diesem Schema wird, was sonst, gearbeitet.

Lehre vom WIR
10

Bleibt der Haupttext: der Text aller.
Er vermittelt sich als autonome Information, mittels Osmose.

Weltchronik Fulda Aa88 229v detail

Raumordnungen

Raumordnungen
1

Mensa

Mittags marschieren die Lehrstühle geschlossen gegeneinander auf. Dürrobst zum Beispiel lässt keine Gelegenheit verstreichen, seinem Mitarbeiterstab vorzusitzen. Die Tische sind in Längsreihen aufgestellt, der Blick dessen, der die Stirnseite einnimmt, kann ungehindert schweifen: über die Kollegen Argloser und Reinmeier samt Anhang hinweg bis zu Friedenwanger am anderen Ende der Tafel.
Ihm zugewandt:

Sie wetteifern miteinander, die professorale Aufmerksamkeit durch kleine Berichte aus der Küchenzone des Instituts zu erregen.

Die restlichen Teilnehmer der Runde schlagen die Augen nieder oder führen separate Gespräche.

Ophoff und Dowil sind durch eine verzweigte Abneigung einander ›verbunden‹ und ›zugetan‹, wie die Sprache genüsslich festhält.

Raumordnungen
2

Mensa (2)

Beide ›schreiben‹ noch an ihrer Doktorarbeit, ein bildlicher Zustand, dessen Abbruch mit dem Vertragsende dräut. Insgeheim sehnen es beide herbei, weniger, weil sie der Pyramide gern den Rücken zukehrten, sondern weil sie darauf setzen, dass dann die Lebensgeister erwachen und ›gekämpft‹ werden kann.

Raumordnungen
3

Mensa (3)

  1. Nassen, neu, den Doktortitel frisch im Gepäck, betrachtet das Treiben der beiden, als schaue er durch ein Brennglas darauf herab. Er argwöhnt, sie müssten in einer Stichflamme auflodern, sofern er nur lang genug den Blick auf sie heftete. Da er diesbezüglich keine Absichten hegt, meidet er den Kontakt, wann immer es tunlich erscheint. Ophoff und Dowil finden ihn strange, eine sexuelle Perversion trauen sie ihm jederzeit zu, das erzeugt Gesprächsstoff, nur nicht am Mittagstisch.

Dürrobst schweigt, er gibt sich den Anschein bewegter Gedanklichkeit, während er bedächtig sein Hühnchen mit Reis in sich hineinschaufelt, er wüsste gern, was Argloser, mit dem kein vertrauliches Gespräch gelingen will, bei Tisch so redselig macht, aber dessen Geplauder verliert sich im allgemeinen Gemurmel.

Einer für alle, alle für einen.

Raumordnungen
4

Argloser

Argloser, der Listenreiche, gibt sich im Kollegenkreis gern zerstreut, uninformiert, manche sagen auch: vertrottelt, der Ruf eines Intriganten geht ihm voran, ohne dass ein Vorfall bekannt geworden wäre, der diese Zuschreibung rechtfertigte. Nichtsdestoweniger gehört er zu den Häupt­lingen seines Fachs, ohne die in der Fakultät nichts geht. Seine scheinbar aus Zerstreuung hervorgegangenen Zurufe sind kalkuliert, sie treffen den Punkt und stoßen fast immer eine Diskussion an, die zur Lösung der anstehenden Aufgabe führt, auch wenn sie dem einen oder anderen zunächst abwegig scheinen. Manche von ihnen verraten, wenigstens im nachhinein, gründliches Aktenstudium, andere verraten gar nichts.

Hier, in der Mensa, ist er in seinem Element. Er teilt aus, der Habichtskopf assistiert ihm dabei.
Ein Hühnerhabicht, ganz ohne Zweifel.

Raumordnungen
5

Argloser (2)

Argloser nie! hat mancher in seinen Unterlagen oder im Hinterkopf notiert, das bezieht sich auf die Besetzung des Dekans- und einiger anderer Posten, von denen aus man geführt werden möchte, ohne allzu sichtbar an Kompetenz einzubüßen. Wenn Arglosers Spiel beginnt, schwindet Dürr­obst der Boden unter den Füßen, sein Gehirn weitet sich zu einer prall mit Luft gefüllte Schweinsblase, er lehnt sich zurück und schweigt, bis die Gefahr vorüber ist, dass jemand hineinsticht und sie zum Platzen bringt. In seinen Tagträumen ist Argloser eine Ratte, aufgetaucht aus einem Kanalloch, in dem sie die entscheidenden Jahre der Prägung ihrer beider Generation unbeeindruckt überlebte: hellhäutig, wendig, samtschnäuzig, mit einer Reihe blitzender Zähne bewaffnet, die alles in winzige Stücke zerreißen, was nach Überzeugungen aussieht, um sie gegen jeden zu kehren, der noch an ihnen hängt.

Raumordnungen
6

Argloser (3)

Niemals würde Argloser widersprechen, er pflegt nur, gleich Dürrobst in seinen guten Momenten, zu erinnern. Kann man durch Dürrobsts Interventionen hindurch die Bodenlosigkeit des Verrats besichtigen, so bei Argloser die gnadenlose Beschränktheit der Beteiligten, ihre unterentwickelte Fähigkeit, aus sich heraus zu erkennen, was obenauf liegt. Und das Erstaunliche: niemand nimmt es ihm krumm. Solange er spricht, bleiben aller Augen niedergeschlagen, angestrengt versucht jeder als erster zu ergründen, worauf er diesmal hinauswill, um, falls möglich, den Zeit- in einen Punktvorteil zu verwandeln. Treffer!

Raumordnungen
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Netze

Ein Pyramidenbewohner ist gut vernetzt. Im Schnitt drei Stunden pro Tag verbringt er telefonierend, in Stoßzeiten fünf. Zwei Drittel des Kontaktaufkommens bleiben, grob gerechnet, im Haus. Sie dienen dem Überleben unter Bedingungen, deren Schärfe auf Vagheit beruht. Zwischen den Telefonaten trifft man sich zur Gremienarbeit, zu Antrittsvorlesungen, Gastvorträgen, Kolloquien, Verabschiedungen... man trifft sich, vertagt sich, verabredet sich, spielt die Melodie des »Man müsste...« in allen Tonlagen, und dann – ist man weg. Das restliche Drittel – wo geht es hin? Das bleibt ein Geheimnis. Was einer denkt, was einer sagt, was einer tut – das sind schon drei.

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Gemeinschaft

Der Philosoph Starck hat dem Wegsein unter dem Titel Gemeinschaft oder Gesellschaft? einen kleinen Aufsatz gewidmet, in dem er wortreich auseinanderlegt, dass Gesellschaft in der Möglichkeit gründet, jederzeit auseinandergehen zu können, nach Belieben fort zu sein und wieder zu kommen, während Gemeinschaft Verrat darin wittert und selbst den Auftrag, in die Ferne zu gehen, mit Überwachungsmaßnahmen flankiert. Wir sind eine starke Gemeinschaft. Aber Starck gehört nicht wirklich zur Pyramide, er ist ein überaus gern beschäftiger Gastdozent, den man zu Kolloquien bittet und um Beiträge zur schriftlichen Lehre angeht, außerdem kommt er aus dem Osten, wo dem Weggehen eine besondere Note eignet.

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Untenoben

Was Starck als Gesellschaft preist, das enthüllt sich dem forschenden Blick, wenigstens in diesem Fall, als die Kehrseite der allseits gepriesenen Gemeinschaft, die ihre Tentakel in sämtliche Lebensbereiche senkt – auch den privaten. Die Pyramide, diese so leicht und durchsichtig himmelwärts strebende Konstruktion, lastet schwer auf dem durch ihren Grundriss markierten, von Kreuz- und Querstollen unterminierten Untergrund, dessen hauptsächliche Bedeutung darin besteht, die komplizierte und doch wieder einfache Symmetrie in die Bedeutungslosigkeit zu entlassen, in der sich droben alle miteinander verbunden wissen. Weggehen heißt, die Pyramide täglich zum Einsturz zu bringen, wissend, dass sie sich jederzeit wieder zusammenfügt, als sei nichts gewesen, so wie sich manche Physiker die reale Welt als ein Diskontinuum punktuell stabiler Verhältnisse denken, also als eine Ordnung, die sich in winzigen Zeitsprüngen aus dem stets aufs Neue sich durchsetzenden Tohuwabohu zurückgewinnt.

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Tohuwabohu

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Tohuwabohu (2)

Nassen, das ist: das Tohuwabohu noch einmal, austapeziert mit den Ängsten und Träumen eines frisch gebackenen Wissenschaftlers, der seine Zeit für gekommen hält und feststellt, dass diese Zeit nirgends anliegt. Dürrobst, mit dem er sich gern unterhält, kommt ihm vor, als habe ein Fragezeichen Fischgestalt angenommen und schwimme nun orientierungslos im mythischen Weltmeer, okeanos. Dieses Meer, soviel versteht er, flutet innen, er vernimmt sein Rauschen, Tinnitus genannt, es signalisiert Stress, doch eigentlich signalisiert es nichts, nichts Bedeutendes jedenfalls, vielleicht die Abwesenheit von etwas Bedeutendem, das wäre doch, immerhin, ein Ansatz. Ein Sprungbrett für einen Sprung, den er niemals ausführen wird. Denn das hieße: sich zeigen, die Wahrnehmung der Mitwelt füttern, Widerspruch ernten, Feindschaften erzeugen – lauter Dinge, die ihm ›absolut fremd‹ vorkommen und mit denen er ›im Augenblick‹ nichts anfangen kann. Dieser Augenblick, wie lange dauert er? Ist es die Spanne zwischen zwei Wimpernschlägen? Das müssten monumentale Schläge sein, vergleichbar den Schlägen einer Kirchturmuhr, zwischen denen die musikalische Idee eines Säkulums schwingt. Im Augenblick lebt er, er lebt vor sich hin, er lebt auf Verdacht, er lebt sein Leben, das sich entzieht, er lebt den Entzug. Wurde ihm etwas entzogen? Entzieht er sich? Soviel Bestimmtheit, das zu entscheiden, muss sein. Er spürt es, und der Zwang sich zu entziehen ist stärker. Woher der Zwang? Warum Zwang? Wie – Zwang? Ein Zwang käme irgendwoher und das hier kommt von nirgendwo her. Und doch: all diese Negativismen sagen ihm nichts. Im Grunde sieht er die Dinge positiv, er ist nur noch nicht in der Lage, sie anzusteuern. Eine stille Freude keimt in ihm bei dem Gedanken, sie irgendwann zu erreichen: Inseln der Seligkeit, Orte geheimer Genüsse, verbotene Bezirke all dessen, was guttut.

Der Flurkonvent, flüchtige Ballung, tagt

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Von Dürrobst lernen heißt siegen lernen

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Mitschrift

............ exakt, was sind Gruppen? Niemand darf bei derlei Wörtern, die so harmlos gebraucht werden wie … wie ... Schlagsahne, glauben, sie seien gleich­bedeutend mit jenen kleinen Wortmünzen, die draußen, außerhalb der Pyramide, als kurrentes Zahlungsmittel die Informations-Differenzen zwischen den Menschen auszugleichen helfen ... es sind Zauberwörter ... der Philosoph Rorty ... hat den Ausdruck in seinen Kreisen populär gemacht, man hört ihn gelegentlich, jedenfalls wenn man unter sich ist und einer sich kritisch über den Wissenschafts­betrieb äußert............

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Mitschrift (2)

Das mächtigste aller Zauberwörter ist die Gruppe, die universelle Funktions-Einheit der Gesellschaft: wer dazugehört, erhält Zugang zu Ressourcen wie Kompetenz, Besitz, Wohlstand, Sex, medizinische und kulturelle Versorgung, wer nicht dazugehört, erhält ... nichts. Zwischen den Gruppen ist der Zugang, wie jeder weiß, höchst unterschiedlich geregelt, innerhalb der Gruppe auch. Wäre es anders, so verschwände die Dynamik zwischen den Gruppen und ihren Gliedern und es herrschte die Logik des Campo santo............

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Mitschrift (3)

............ ›Exklusionsmechanismen‹ (ein weiteres Zauberwort) bestimmen das Verhältnis der Gruppen untereinander. Um sie auszuhebeln, hält sich die neuere Pädagogik an zwei Erwartungsmuster, auf die sie das emanzi­pierte Individuum gründet: den ›befriedigenden‹ Beruf und die ›selbst­bestimmte‹, nicht durch traditionelle Moralvorstellungen diskredi­tierte sexuelle Praxis. Zusammen ergeben sie, wie die ineinandergerührten Elemente eines Zwei-Komponenten-Klebers, den machtvollen Stoff, der überall, wo er zum Einsatz kommt, das persönliche Fortkommen unausweichlich mit dem gesellschaftlichen Fortschritt koppelt.

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Mitschrift (4)

Sprechen wir über Bewusstsein. Was ist Bewusstsein? Wir nennen es einen Agenten, sagen wir, des biologischen Seins, sagen wir, des gesellschaftlichen Seins, sagen wir, der gesellschaftlichen Arrangements, die getroffen werden, um die Probleme des Zusammenlebens Vieler so zu lösen, dass das biologische Sein nicht allzu sehr darunter leidet... Es ist der Ort, an dem ›Freude‹ entsteht, ›Verantwortung‹, ›Neugier‹, lauter soziale Impulse, verkleidet als ›Individuum‹, ›Person‹, ›Subjekt‹, Figuren der Vereinzelung, die theoretisch verneint und in der Praxis mit den passenden Inhalten angefüttert werden müssen, wollen wir zu einer befriedigenden Auflösung der Steuerungsprozesse in der Gesellschaft kommen............

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Undisziplinierte Nachschrift

Das alte, vielgeschmähte liberale Dogma vom Vorrang des Einzelnen, hier findet es seine unvermutete, strikt am kollektiven Gleichheitsgrundsatz orientierte Einlösung: als habe der Buddhismus auf seine alten Tage beschlossen, das Mahayana unter das Zeichen des Kreuzes zu stellen, oder als habe der Papst nach reiflicher Überlegung die muslimische Umma zum Zweck der Beendigung einer über ein Jahrtausend währenden Rechts­unsicherheit endlich der katholischen Jurisdiktion unterstellt. In einem Punkt führen solche Vergleiche in die Irre. In ihnen liegt das Bizarre des Vorgangs obenauf. Dürrobsts Konzept hingegen besticht durch die ihm innewohnende hohe Selbstverständlichkeit: natürlich, so kann es gehen, so muss es gehen – wie denn sonst?

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Undisziplinierte Nachschrift (2)

Die Mehrzahl der Fachkollegen teilt diesen Glauben – es ist ein Glaube wie irgendeiner aus der Kiste der hyperprotestantischen Erregungen –, auch wenn sie ihm nicht alle so entschieden Ausdruck verleiht. Er ist, genau genommen, nichts Besonderes, vielleicht nur der Bodensatz einer histori­schen Konstellation oder das in die Jahre gekommene Bekenntnis zu einer Auffassung der menschlichen Dinge, von der im Alltag nicht viel zu spüren ist, was nicht bedeutet, dass sie nicht hier und da in ihm herumspukt, nur eben hier und da, und sei es als das berühmte schlechte Gewissen einer Linken, die einmal antrat, das christliche Sünden­bewusstsein in die selbstgewirkte Hölle zu entsorgen, als deren Vorbewusstsein es auf Erden vagabundiert.

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Quellwörter –

vollgesogen mit dem Ressentiment von Jahrzehnten, wirren Lektionen eines Jahrhunderts, das unverdaulich in den Mägen seiner Noch-Bewohner fault, mit überbordenden Wünschen, das große Schisma so oder so in eine Vergangenheit zu entlassen, die niemals wiederkehrt, mit dem Bedürfnis ins theoretische Abseits Verschlagener, endlich selbst einmal in die Speichen des großen Rades einzugreifen, überdies mit dem Hochmut von Personen, die sich über die Geschichte der Menschheit beugen, als handle es sich um eine Sträflingsbiographie, der jetzt die Hilfsmittel des offenen Vollzugs, flankiert durch die Hilfsmittel einer entstaubten Psychiatrie, eine neue Wendung geben sollen, in trautem Zusammenwirken mit den edlen, wenngleich ein wenig einfältigen Vorstellungen, die der Kultur des Todes, von der Literaturgläubige die Vorwelt besessen glauben, eine Kultur des Lebens entgegensetzen, ›biologieverlogen und moralverschwitzt‹, im Visier der Mächte und ihrer globalen Zerstörungskapazitäten, vermutlich nur ein anderer Ausdruck derselben Besessenheit, die in Raketensilos, in nach geheimen Plänen in den Weltmeeren zirkulierenden U-Booten und ihren über Land zockelnden Gegenstücken, in den von langer Hand eingestellten Zielkoordinaten konkurrierender Vernichtungsmaschinen und im rastlosen Krieg der Geheimdienste das Gebot der Stunde zelebriert, um, wie sie sagt, unser aller Leben zu schützen.

Musste mal gesagt werden.

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Andererseits –

woher die Wut auf das Bewusstsein? Woher diese sich gelegentlich zu wirklichem Hass steigernde Abneigung gegen eine so einfache, plane, bewegliche, verwickelte, auf keinerlei Weise, den Tod einmal beiseite gesetzt, wegzulassende Mitgift? Das wäre noch zu ergründen. Mag sein, das Wort ist zu stark oder zu schwach. Mitgift, was ist das? Eine Gabe? Bewusstsein als Gabe zu bezeichnen, verrät schon eine milde Form der Demenz. Zwanglos-zwanghaft verlangt das Wort nach dem Geber. Gott, Natur, Evolution. Der metaphysische Dreischritt. Wie redet einer davon, was er ist? Bin ich ein Geschenk? Geschenk an wen? An mich? An andere? Ein Geschenk an Geschenke? So freigiebig müsste man sein. Und so karg, aufs Ende gesehen.

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Alle Macht den Machern –

Heilsmaschinen...

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Stichwort: Wut

Was du ›Wut auf das Bewusstsein‹ nennst, lässt sich nicht wirklich klären, ein Ausdruck gibt hier den anderen. Was dumpf in anderen arbeitet, wird dumpf empfunden, es erzeugt die Empfindung der Dumpfheit. Es erklären heißt, zum Schema der Gedankenlosigkeit greifen, das immer passt, weil es wohl kaum einen herrschenden Gedanken gibt, dessen Träger nicht ›gedankenlos‹ genannt werden könnte. Genau besehen, das heißt aus der Perspektive derer, die nicht zur herrschenden Ideenfamilie gehören, heißt Gedankenherrschaft nichts anderes als Gedankenlosigkeit. Ins Dunkel der Nichtbeachtung gestoßen zu werden, trifft einen Gedanken ebenso tief wie einen Menschen. Nein, er leidet nicht, jedenfalls nicht psychisch, das bleibt dem Wesen aus Fleisch und Blut vorbehalten, in dem er sich realisiert. Sagen wir, er leidet auf andere Weise, etwa wie ein Stuhl oder eine Tapete unter einem Stoß oder dem täglichen unauffälligen Verschleiß leidet: er wird unansehnlich. Die Leute verstehen das gut, viel zu gut, möchte man meinen, weil es zeigt, dass Gedanken für sie wenig anders funktionieren als Stühle oder Tapeten. Man entsorgt sie und kauft sich andere, wenn einem der Sinn danach ist. Grundsätzlich sollte man Stuhl- und Tapetengedanken auseinander halten. Tapetengedanken kann man zur Not an der Wand lassen und, ein gewisses Basisgeschick vorausgesetzt, überkleben: im schlimmsten Fall wellen sie sich und schlagen Falten.

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Das Denken folgt der Sprache

Wohin? Hinaus ins Offene? Weit gefehlt: ins Soziale. Dieser Käfig steht bereit, seit es Menschen gibt. Was immer das heißen mag. Die Ursprünge des Sozialen finden sich in der Primatenhorde: teil Jäger, teils Gejagte. ›Sprache ist Jagdzauber, Kampfruf, Urrähhhh aus tiefen Kehlen.‹ Sie schreien sich das Denken heraus wie einen neuartigen Auswurf. Da, da ist es: genau hinsehen, es wird jetzt häufiger kommen, die neue Schreitechnik lässt es erscheinen, fast nach Belieben. Wozu es brauchen? Das ist nicht die Frage. Der, bei dem es erscheint, soll, wenn schon nicht führen, so doch die Richtung angeben. Woher dieser Gedanke? Ein Zweitgedanke? Ein Erstgedanke? Ein Gedanke vor allem Denken? Um Himmels willen nein. Das Soziale braucht kein Denken. Es ist das Denken, aber anders, primär.

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Zum Teufel, was ist daran zu verstehen?

Offenbar nichts. Ein Denken wellt sich, schlägt Falten. Der Grund: ein älteres liegt darunter, dem der Kleister Beine macht, so dass es mit ins Laufen kommt. Das neue deckt das alte, aber nicht ganz. Es lässt sich hierhin und dorthin straffen, fast nach Belieben, aber es passt nicht. Passt nicht wirklich, obschon es doch passen sollte ... ausgewählt, wie es ist, zurechtgeschnitten, wie es ist, verklebt, wie es ist. Nein, es passt nicht wirklich. Stuhlgedanken haben es da besser. Man wechselt sie aus, rigoros, um sich auf ihnen auszustrecken, die alten, hinderlich, wie sie wären, haben da nichts mehr zu suchen. Manchmal findet man sie auf den Gedankenkippen, die morschen Beine nach oben gestreckt, aber meist sind sie nur geknickt oder, untersucht man sie genauer, noch ganz passabel und nützlich, fänden sie nur einen Abnehmer.

Kärich, der Physikersohn, verweigert
sich dem Lockruf der Pyramide

Merkwürdig, eigentlich wäre er für sie prädestiniert

Kärich, der Physikersohn, verweigert sich dem Lockruf der Pyramide
 

KÄRICH

Auf dem Höhepunkt der Kochkunst erscheint das Rohe. Nein, lass mich erklären. Natürlich schmerzt es, wenn einer wie du sein Können an Dreck verschwendet. Das da ist, positiv gesprochen, Dreck. Widersprich mir nicht, wir sind uns da einig. Diese Bücher tragen das Mal vorsätzlicher Unwissenheit. Übrigens gehören auch Narren zum Nachlass, was denn sonst. Ich sehe nur, dass du die feine Linie zu ignorieren gewillt bist, die sie von denen trennt, die ernsthaft in Betracht kommen. Wie alle Interpreten! Interpretation ist die Kunst, systematisch die Grenze zur Narretei zu verwischen. Damit wirst du dich nicht zufrieden geben. Schon klar, was du willst: ihn umsetzen, wie das schöne Wort heißt, ihm ein zweites Leben verpassen, die zweite Chance, Schmerz geben, Schmerz empfangen. Mach dich nicht selbst zum Narren. Oder doch? Wie ich sehe, wirst du dich nicht aufhalten lassen. Nicht von mir. Also meinethalben. Fang an. Wenn du mich brauchst, lass es mich wissen. Um eins klarzustellen: ich mache nicht mit.

Tronka stiefelt in die Nacht hinaus
und kehrt als Bettler verkleidet zurück

Tronka stiefelt in die Nacht hinaus und kehrt als Bettler verkleidet zurück
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Nicht im Traum, beharrt Tronka, nicht im Traum denke er daran, sich dem Projekt anzuschließen. Warum? Nichts leichter zu erklären als das – und nichts vergeblicher, wirfst du ein, der du nicht auf Erklärungen aus bist, sondern auf Taten –: so ist es, bekräftigt Tronka, sein Lächeln fällt durch die Brille wie der feine Schein einer Wintersonne durch ein Glasfenster, in dem die Kälte nistet und das Beschlagensein, so ist es, er könnte auch sagen, so soll es sein, aber warum? Das Spiel der Tasten ist weiblich, er hat viel geschrieben in dieser Nacht, die Finger, sie beugen sich dem Verlangen nach Ruhe, und nicht nur sie. Wir sprechen nicht über Anstrengung, lieber Freund, wenn es uns dabei gut geht, warum sollten wir dieses Fass gerade jetzt –? Aber ihr sprecht nicht über Fässer, ihr sprecht über Inhalte, und da äußert sich Tronka, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, über Stock und Stein, über kurz oder lang, warum nicht, des Philosophen Ruhm ist die Rede.

Tronka stiefelt in die Nacht hinaus und kehrt als Bettler verkleidet zurück
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Tronka

Sie sind meschugge, mein Freund. Nein, nicht so ein bisschen, so obenhin, damit könnte man auskommen, ich sowieso, machen Sie sich da mal keine Gedanken. Was Ihren Geisteszustand angeht, mein Lieber, so sollten Sie ihn in naher Zukunft nicht überprüfen lassen. Fürchten Sie die Resultate! Janein, ich bin sehr für Resultate, aber in diesem Fall würde ich, aus reiner Freundschaft, abraten. Nein, wirklich, ich würde abraten. Was Sie da vorhaben, überschreitet Ihre gedanklichen Kapazitäten, eigentlich geht es mich nichts an, aber es wird Sie auch physisch in den Ruin treiben, psychisch sowieso, machen Sie sich da mal nichts vor. Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht? Ihre entfesselte Phantasie hat Ihnen einen Streich gespielt, sowas kommt vor. Dass Ihre Hochschulleitung mitspielt, das wundert mich, ehrlich gesagt – ich weiß nicht, was die sich davon versprechen. Nein, erklären Sie’s nicht, ich habe das alles verstanden, es wundert mich nur. Gewöhnlich werden solche Entscheidungen doch nach sehr rationalen Gesichtspunkten getroffen. Ob es uns gefällt oder nicht, das tut nichts zur Sache. In diesem Fall sowieso nicht, weil die Entscheidung gefallen ist. Also fangen Sie an. Ohne mich! Nein, mich können Sie damit nicht ködern, ich bleibe hübsch außen und sehe mir den Ruin an.

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Tronka

Was haben Sie überhaupt vor? Wenn Sie die Arbeitsmoral der Bevölkerung heben wollen, lesen Sie Ihre Kollegen und bedienen Sie sich. Ich bin sicher, die Arbeitspsychologen können Ihnen ein paar Tipps geben. Sie können auch in die Betriebe gehen und Fragebögen verteilen. Das alles wird längst gemacht, Sie können sich Zeit lassen. Die Frauen befreien? Ach du liebes bisschen. Versuchen Sie, eine Frau zu fesseln, Sie werden Ihr blaues Wunder erleben. Die einzige Fessel wären Sie selbst, und so, wie Sie sich anstellen... ich weiß nicht.

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Tronka

Die Lust? Warum wollen Sie die Lust befreien, sehen Sie irgendwo einen Käfig? Im Ernst, das wäre das dümmste Befreiungsprojekt, das mir je untergekommen ist, und mir ist viel untergekommen, glauben Sie mir. Sie wollen sie von den Daumenschrauben befreien, die man ihr überall anlegt? Aber sie ist das scheueste Wild, das wir kennen, die Folterwerkzeuge können sie ruhig in der Rumpelkammer Ihrer Phantasie vergessen, wo sie auch herstammen. Sie haben sie übrigens nie verlassen, wussten Sie das? Sie wollen das Ressentiment bekämpfen, das ist gut, das ist sehr gut, fangen Sie an! Aber an der richtigen Stelle, wenn ich bitten darf. Nein, wir sprechen nicht über Fächer, wir sprechen über Kontinente, da verschieben sich die Maßstäbe etwas. Sie wollen den Frauen Lust auf die Lust machen, das ist eine alte männliche Vorstellung, nur zu! Es gibt Tonnen von Literatur dazu, das meiste unbrauchbar, den Rest können Sie vergessen. Und nicht nur Vorstellung, weiß Gott! Welchen Umsatz wollen Sie hier steigern? Sie sind kein Ökonom, ich verstehe. Oder doch?

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Tronka

Sie wollen den Frauen Lust machen, sehr schön. Aber Lust worauf? Der appetitus rerum novarum ist alt. Ehrlich gesagt, außerhalb der katholischen Kirche kenne ich niemanden, der ihn verweigern würde. Ein paar Philosophieverteiler vielleicht, da gebe ich Ihnen recht. Unter uns: sehen Sie einen Punkt, an dem La Chiesa sich ihm verweigert hätte? Ich kann Ihnen da ein paar derbe Stücke aus der italienischen Literatur empfehlen. Kennen Sie Poggio? Ich weiß, ich nehme die Sache nicht ernst, übrigens bin ich nicht so brennend daran interessiert wie Sie, aber wenn Sie eine Literatur des weiblichen Unterleibs in die Welt rufen, alles aus berufener weiblicher Hand, das versteht sich, Leib und Wort, Wort und Leib, dann verspreche ich Ihnen, dass Sie selbst der erste sein werden, der diese Lektüre zum Teufel wünscht. Warum? Weil sie leer und fad sein wird, ent-täuschend, das gebe ich Ihnen sogar schriftlich, lehre mich einer die Frauen. Nein, das begründe ich jetzt nicht, das müssen Sie selbst herausfinden. Ich weiß, es geht Ihnen nicht um Literatur, aber Literatur ist nun einmal der Gradmesser der Intelligenz in einer Gesellschaft. Bon. Sie wollen die Frauen befreien, das wollten schon viele. Zu Recht übrigens, juristisch ist das Thema inzwischen abgehakt, wie Sie wohl wissen, und die Gewerkschaften holen raus, was ökonomisch drin ist – hoffentlich, sonst soll sie der Teufel holen. Völlig unsexy das Ganze. Sie verlangen den freien Sex, den verlangen viele, die den Kragen nicht voll kriegen können, falls sie nicht gerade abserviert werden, dann klingen sie keusch wie Pastor Schibalski. Ein bisschen peinlich, finden Sie nicht? Wir hatten ja diese wundervollen Kommunen, ein paar soll es noch hier und da in der Landschaft geben, die Graswirtschaft blüht, wenn ich mich mal so ausdrücken darf, meinen Sie nicht auch, dass Sie ein bisschen spät dran sind, um an dieser Front noch Grundlegendes zu bewegen?

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Tronka

Ich weiß, was Sie sagen wollen, die Sache muss aus dem Bastelstadium heraus, das gefällt mir, im Grunde war ich immer dafür. Die Ökonomie muss dem Bedürfnis dienen, was sonst? Frauen in die Produktion! Ein alter sozialistischer Wunschtraum. Wenn ich sehe, wo die Frauen überall arbeiten, frage ich mich, was sie noch alles anstellen sollen, um als angekommen zu gelten. Übrigens sehen sie nicht wie die Lustengel aus, die produzierenden Frauen, nicht unbedingt, wollte ich sagen, also es gibt da Ausnahmen, aber sie werden schon ihre Liebhaber finden, da mache ich mir jetzt keine gesteigerten Sorgen. Ich kenne Briefträgerinnen, neben denen sieht jedes Model alt aus. Und sittsam! Übrigens auch ein Beruf, die geistigen Anforderungen sind überschaubar, durchaus, janein, dabei sehr elitär, mit meinem Körper lägen meine Chancen bei Null. Dieser Tanz um den Herd ist für den Sohn einer Ärztin wie mich nur schwer nachzuvollziehen, es braucht schon Heroinen, um dabei auf das richtige Bewusstsein zu kommen. Unter Befreiungsjunkies ist jeder nüchterne Gedanke ein Gedanke zuviel. Gehen Sie doch nicht den Journalistinnen auf den Leim, die nur den Wunsch haben hinzuschmeißen, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Ein verlogenes Völkchen, immer bereit, die Geschlechtsgenossinnen solidarisch in die Pfanne zu hauen. Übrigens ist es der Volkswirtschaft schnuppe, ich meine jetzt im Sinne von ›völlig egal‹, wie Sie Ihr Geld machen. Finden Sie eine Millionärin und zocken Sie ihr den Kies ab. Werden Sie glücklich und haben Sie Lust. Haben Sie Lust? Ich meine, von welchem Betrag aufwärts? Janein, Sie müssen zugeben, das macht einen Unterschied. So ein Edelpuff, ich könnte Ihnen eins empfehlen, aber ich sehe schon an Ihrem Blick, dass da nichts draus wird. Lassen wir es. Übrigens, was nützen die Klassefrauen, wenn das männliche Material kein Format besitzt? Nehmen Sie Geld in die Hand und streicheln Sie es: empfinden Sie Lust? Große Lust? Ich meine, sind Sie so’n Dagobert-Typ? Nein, zucken Sie nicht zusammen, ich meine das nicht persönlich, bewahre, das Persönliche bleibt hier draußen, es geht die Sache nichts an. Die Sache ist, dass lustvolles Produzieren, an dem Ihnen so viel zu liegen scheint, nicht durch die sexuelle Hintertür kommt, wie Papa Fu oder Reich oder Ricc sich das vorgestellt haben, sondern erarbeitet werden muss, ja erarbeitet, das hat Ihnen so keiner gesagt, es ist aber die Wahrheit. Übrigens, Freud hat keine Sekunde daran geglaubt, dass Sie den Kapitalismus wegvögeln können, ich meine, ihn in jene Sphären erheben, in denen er allen zugute kommt, wenn Ihnen der Gedanke besser passt. Was für ein Gedanke! Ich weiß, es ist ein alter Schriftsteller-Trick, aber glauben Sie mir, außer mittelmäßigen Romanen kommt nichts dabei heraus. Wie stellen Sie sich das vor? Jeden Abend in die Bar, meinetwegen in die Disco, dann deckt der Krach wenigstens die gröbsten Entgleisungen zu – ich meine verbal –, um die Bedürfnislage neu zu verhandeln: mehr als eine Schülerphantasie kann ich mir darunter beim besten Willen nicht vorstellen, nur dass hier die Eltern das Sagen behalten, auch wenn sie das meiste nicht mitbekommen. Warum auch? Das meiste von dem, was geschieht, bleibt ohnehin unter der Decke. Klären Sie mich auf! Also der Fernfahrer kommt herein, sieht sich um, schnappt sich ne Mieze – schauen Sie nicht so entgeistert, so geht das! – und sagt dem Polier, der gerade mit zweien im Arm vor ihm auftaucht, dass er morgen Briefträger macht oder Architekt, das wäre dann mehr in seiner generellen Linie, muss aber nicht sein, vielleicht will er Popstar werden und die Leute beeindrucken, was immer lustvoll sein soll, auch wenn ich es mir nicht wirklich vorstellen kann, aber belehren Sie mich! Währenddessen kippt die Mieze, jetzt, wo das Sexuelle geklärt ist, ihren Ein-Tages-Vertrag als Werbemanagerin oder Ansagerin oder Marktfrau, um sich den Wonnen eines Putzhilfe-Daseins hinzugeben, was irre aufregend sein muss, ich meine für einen Tag oder zwei, vielleicht will sie auch Bagger fahren wie die Dreijährigen, das soll vorkommen. Soll alles vorkommen, meinetwegen! Hauptsache, alle haben guten Sex, aber das macht ja der Wechsel. Nur: meine begrenzte Phantasie macht nichts davon mit. Sie sagt mir: ein Wechsel zuviel und die Mieze und der Fernfahrer oder die Putzfrau oder die Baggerführerin oder der Marktschreier stürzen ins Elend. Welches Elend das dann sein wird, das herauszufinden überlasse ich Ihnen und den Heerscharen flankierender Therapeuten, die Sie benötigen werden, um der Sache Herr zu werden. Denn das wollen Sie ja, oder? Leugnen Sie nichts! Natürlich denken Sie mehr an Edelberufe, akademische Berufe, Ingenieursberufe, für die man sich kurz anlernen lässt, um sie für einen Tag oder eine Woche auszuüben, nicht länger, das verdirbt, ich weiß, Ihrer Klientel könnte das so passen. Meine Phantasie sagt non. Also Sie wollen der Sache Herr werden, das Fluktuieren zähmen, am besten durch lebenslanges Lernen und Therapieren und, wo das alles nichts fruchtet, mit der Spritze.

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Tronka

Sehen Sie mich nicht so vorwurfsvoll an! Ich denke mir Ihre Welt nicht aus, ich stelle sie mir nur vor. Sie sind ein Träumer, R. Ökonomisch gesprochen werfen Sie gutes Geld schlechten Vorstellungen hinterher. Wachen Sie auf! Sie wollen Gleichheit? Radikale Gleichheit der Geschlechter? Nicht vor dem Gesetz und dem Markt und den Folgen ihres Tuns, sondern vor sich selbst? Zerstören Sie die Familie, wie Sie es ohnehin vorhaben, werfen Sie die restlichen Hausfrauen aus dem Nest, sperren Sie die Kinder ins Heim, ich weiß, das ist Fu-Programm, am besten gar keine Kinder, das erspart viel Frust, lassen Sie die Schwangerschaften behandeln wie Syphilis oder Tripper, am besten unterbinden Sie sie an der Quelle, aber das werden die Frauen dann ohnehin, es sei denn, eine ist närrisch genug, Kinder zu wollen – lassen Sie sie rennen, verdoppeln Sie das Bruttosozialprodukt oder das BIP oder das BAP, ganz wie es beliebt, aber hören Sie auf, von Befreiung zu faseln, so etwas strapaziert nur die Nerven. Nicht die meinigen, da gibt es andere, nichts für ungut. Ich habe nichts gegen Befreiung. Ich liebe den Klang dieses Wortes. Nur ... dann muss es auch Befreiung sein, echte, martialische, malen Sie sich aus, was Sie wollen, ich helfe Ihnen dabei, aber, wie gesagt: mit Blut, Schweiß, Tränen und einem soliden Feind. Suchen Sie sich einen aus. Das Patriarchat? Dass ich nicht lache. Wo leben Sie? In der Bibel? Wilhelm II? Adolf who? Waren das Patriarchen? – Die Moral? Sehen Sie, da blitzt ein Funken Verstand auf, bleiben wir bei der Moral. Fragen Sie Ihre Umgebung, ob sie moralisch lebt, und sie lacht Sie aus. Die Leute glauben, Moral, das sei etwas für Pastorentöchter oder für Fernsehkommentatoren, die sich nach ihrem Auftritt die Hände waschen, jedenfalls sofern sie gescheit sind. Bleiben wir bei den Männern. Nennt man sie Dreckskerle, fühlen sie sich geschmeichelt, doch sobald man es wiederholt, laufen sie rot an oder werden aggressiv. Die Moral ist geradeso lebendig wie tot. Falls Sie denken, es müsse eine Kritik der Moral geben, befinden Sie sich auf dem Holzweg. Es macht ihr nichts aus, dass man sie verachtet, vermutlich freut es sie sogar, denn hier gilt: Wer aufträgt, muss auch wieder abtragen. Übrigens in beide Richtungen! Jeder Verstoß gegen die Moral weckt sie aus ihrem Dornröschenschlaf und putzt sie heraus wie am ersten Tag. Moral ist ein Nullsummenspiel, wussten Sie das nicht? Nein? Übrigens wie die Gesellschaft, in gewisser Weise ist sie die Gesellschaft noch einmal, viel stärker als die Religion, die mehr die Ränder absichert, nach oben und nach unten. Nein, an der Moral kommen Sie nicht vorbei, machen Sie sich nichts vor. Auch nicht an der Unmoral, wie gesagt, Moral ist ein Nullsummenspiel, ohne Unmoral keine Moral et vice versa. Also vergessen Sie die Moral. Natürlich weiß ich, alle Männer sind Schweine und alle Frauen, außer den Kellnerinnen, sitzen wie die Kreterinnen zu Hause und sind unglücklich, weil sie betrogen werden und nichts davon wissen, es sei denn, sie kehren die Jackentaschen ihrer Ehehälften um und kontrollieren ihre Terminkalender. Komischerweise gehört Sex zu den am strengsten symmetrisch geregelten Vorkommnissen überhaupt, es muss also tiefere Gründe haben, wenn die Wahrnehmung etwas fundamental anderes sagt, vielleicht auch seichtere, vielleicht plaudert die Wahrnehmung ja nur aus, was ihr in den Kram passt, in diesem Fall werden wohl beide Seiten einen Gewinn daraus ziehen, gönnen wir ihnen das Spektakel. Wer allerdings eine Politik daraus ableiten will, muss schon mit dem Klammerbeutel gepudert sein. Entscheiden Sie sich: Entweder wir leben in einer freien Gesellschaft, dann geschehen diese Dinge in Freiheit, sozusagen am hellen Tag, aus irgendeinem biologischem Zwang, den wir bestaunen können, aber wohl niemals zur Gänze begreifen werden, oder wir leben in einer unfreien Gesellschaft, dann bleibt die Frage, warum die Unfreiheit so hartnäckig gerade am Geschlechterverhältnis haften soll, wo doch so vieles anders zu regeln wäre, es sei denn, Sie konstruieren ein ursprüngliches Macht- oder Unrechts- oder Eigentumsverhältnis über das Geschlecht, dann stehen Sie gleich auf verlorenem Posten und können einpacken, denn das bekommen Sie nie weg.

Tronka stiefelt in die Nacht hinaus und kehrt als Bettler verkleidet zurück
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Tronka

Wäre ich Verschwörungstheoretiker, würde ich sagen: klar, da liegt der Trick, die große Ablenkung von den wirklich wichtigen Aufgaben. Ich bin es nicht, dafür fehlt mir das Verständnis, ehrlich gesagt, auch die Zeit. Was ich allerdings sehe, was zu sehen ich nicht umhin kann, ist, dass die Bürokratie sich überall der Frauenfrage annimmt, wenn es denn eine gibt, im anderen Fall wäre zu fragen, wessen sie sich eigentlich annimmt, wenn sie sich so überaus liebevoll dieser sogenannten Frage bedient. Der Flirt der Bürokratie mit den Frauen sollte die Männer misstrauisch machen, aber vor allem die Frauen. Besteht ihre Freiheit erst einmal aus einem Gestrüpp von Verordnungen, alles zu ihrem Schutz natürlich und zum Ausgleich gewisser biologischer und natürlich sozialer Asymmetrien, dann sollten sich beide Seiten warm anziehen. Muss ich deutlicher werden? Was hier Asymmetrie, was Symmetrie heißt, ist eine Definitions-, sprich: Machtfrage und sonst gar nichts. Ich kann die jungen Frauen verstehen, die das Dasein ihrer Mütter kümmerlich finden und keine Lust verspüren, es zu wiederholen, aber niemand zwingt sie dazu. Keine gesellschaftliche Macht drängt sie ins Joch eines inhaltlosen Daseins. Was immer sie mit sich anfangen, es ist einzig und allein ihre Entscheidung, so oder so, es sollte ihnen auch keiner einreden, das, was sie wollen, sei eben das Joch und sie wollten es nicht wirklich. Natürlich wollen sie, was sie wollen. Es gibt kein Wollen außer dem Wollen und das eine ist ebenso wirklich wie das andere... Bleiben die Werte, die guten Werte. Nur zu! Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Versprechen Sie sich nicht zuviel davon. Diese ganze Wertediskussion leidet an einem tiefsitzenden Manko – die Leute kennen die grundlegenden Texte nicht. Ich meine jetzt nicht, dass sie zu wenig lesen, Sie lesen ja auch Ihren Fu – den ersten? den vierundzwanzigsten? bei wem stehen Sie gerade? –, Sie wollen ihn sogar umsetzen, aber ich fürchte, Sie haben nicht begriffen, auf welches Spiel Sie sich da einlassen. Glauben Sie mir, hinter Ihren sogenannten Werten steht überall das Christentum, eines mit schlechtem Gewissen, das kommt erschwerend hinzu, jedenfalls macht es die Sache nicht besser, das nun ganz sicher nicht. Ich weiß, Ihren Ohren klingt das zu pauschalisierend. Sie haben auch Ihren Nietzsche intus, wer hätte das nicht. Aber dieser Nietzsche ist eine ganz weiche Nummer, Sie können es im neuesten Heft der Philosophischen Rundschau nachlesen, dort wird das Thema bestens aufgedröselt, reine Zeitverschwendung, an dieser Stelle jetzt weiter zu reden. Nein, ich kenne den Verfasser nicht, guter Mann, wenn Sie mich fragen, exzellent, wie er das macht. Auf Nietzsches verborgenes Christentum lässt er sich gar nicht ein, das ist eine zu abgenudelte Platte, aber er stellt die Frage: Wie kann das sein, dass ein Menschenalter nach Feuerbach, nach Darwin, Marx und Konsorten, von den Aufklärern nicht zu reden, von Hegel übrigens auch nicht, der so naiv nun wirklich nicht war, sich einer hinstellen und an dieser Front Erlebnisse haben kann? Vielleicht hatte er sie ja, das wäre dann das protestantische Pfarrhaus, da er ein Sachse ist, muss man ihm wohl auch einen gewissen Erlebnishunger bescheinigen, unsere Erinnerung an Herrn Ulbricht verdeckt in diesem Fall einiges. Aber in der Sache, ich bitte Sie, in der Sache... Also, Nietzsche fällt auf den Wilhelminismus herein, der im Ursprung übrigens älteren Datums ist, also, er fällt auf den Neuen Staat herein, der so neu auch nicht ist, aber aufgebrezelt und mit romantischen Weihnachtskugeln behängt, mit neuer Mythologie und allem, was der preußische Grenadier so braucht, um die Waffe für Volk und Vaterland zu führen, und – er stellt sich außerhalb. Er stellt sich außerhalb. Man muss erst einmal begreifen, was das damals heißt, sich außerhalb zu stellen, nicht mitzumachen beim großen nationalreligiösen Ringelspiel, das übrigens überall in Europa gespielt wird, in Italien sowieso, lesen Sie Croce, insofern wirkt das Turiner Geplänkel doch hoch naiv. Man muss also erst auf etwas hereinfallen, um sich dann von ihm freizustellen, so sieht es aus, die Freistellung erfolgt prompt und quasi mit amtlichem Ausweis. Das ist Herrn Nietzsche passiert und es passiert etlichen anderen, die sich davon nichts träumen lassen. Ich fürchte, Ihr Herr Fu ist auch so ein Kandidat. Er will den Liberalismus von Grund auf reformieren, aber der Liberalismus lässt das nicht zu, er ist eine Ideologie, die der eigenen Schwerkraft folgt. Man kann einen Fluss nicht auf einen Sockel stellen und zur antiken Statue erklären. Jetzt also Sie. Sie sind enttäuscht von Achtundsechzigeffeff und wollen dem Ding eine wissenschaftliche Grundlage geben. Sie sind nicht enttäuscht, nein? Was sind Sie dann? Was sind Sie dann? Sie wollen zeigen, wie Kulturrevolution geht, ohne Fahnen, ohne Geschrei, aber effizient, dafür konstruieren Sie eine Unterdrückung, die so nicht existiert, in der Hoffnung, dass sich dann eins aus dem anderen ergeben wird, eins nach dem anderen, eins mit dem anderen, gelegentlich auch ohne das andere, bis nichts mehr so sein wird, wie es war. Wachen Sie auf! Meinethalben können Sie auch weiter schlafen, Sie schlafen nur den Schlaf der Gesellschaft, den großen Schlaf, der alles gebiert, was Sie sich in Ihrem Projekt so ausgedacht haben, wo bleibt da der Unterschied? Sie sind schon angekommen. Oder die Gesellschaft, meinethalben, es geht mir hier nicht um Patentstreitereien.

Tronka stiefelt in die Nacht hinaus und kehrt als Bettler verkleidet zurück
9

Plauderei mit dem Universum

Wir haben die Kraft

Wir haben die Kraft, Sie das Vergnügen.

Plauderei mit dem Universum
1

Da ist nichts außer dem geschlagenen, geschundenen, betretenen, unruhigen, argwöhnisch seine Skalen beäugenden Menschenwesen, nichts. Nichts außerhalb – warum halb? Warum halb? Die Hälfte deines Daseins ins Außerhalb versenkt, ist das nichts? Das ist doch schon... eine ganze Menge. Doch, schon. Reden wir nicht vom Wesen, reden wir nicht vom Dasein, reden wir nicht vom Hiersein, reden wir kühl, wie es sich gehört, vom Hier und Jetzt, denn: darauf kommt es an.

Plauderei mit dem Universum
2

Worauf es ankommt? Aufs Ankommen, aufs An-ge-kommensein, worauf denn sonst. Ein Ankömmling, Marionette in den Händen von Leuten, die bereits angekommen sind, bewegt sich leicht, leichter als sonst, das Bewusstsein, eine Kugel unter den Füßen zu haben, findet sich in ihm ausgeprägter als in anderen, hier und da noch vorhandenen Menschentypen, klarer, aber, wie soll man das ausdrücken, seitenverkehrt, als hätte sich plötzlich das obere Blau geöffnet und stählerne Klammern ausgefahren. Der Himmel als Abgrund, das ist, genau besehen, eine Metapher für Anfänger, denen es an Organen fehlt, um sich fortzubewegen, und besäßen sie sie denn, so wüssten sie nicht wohin. Über dem Himmel spreizt sich der Raum.

Plauderei mit dem Universum
3

Kein Raum für Anfänger. Oder doch? Leben in der Weise des Wer-hätte-das-gedacht ist nicht billig, man zahlt seinen Preis, man tritt zurück ins Glied mit der betretenen Miene dessen, der gerade seine Börse herausgerückt hat, ohne zu wissen, was man ihm dafür aushändigen wird, der Schalter befindet sich vorne links. Nein, es ist nicht das fehlende Geld. Geld ist da, selbst wenn es ausgeht. Geld ist nie das Problem. Doch, vielleicht doch, aber davon, pardon, verstehst du nichts. Im Grunde willst du auch nichts davon verstehen. Besitz schon. Man lebt ganz gut von der Kippe oder, reden wir zurückhaltender, von dem, was andere abgelegt haben. Im langen Verdauungstrakt der Gesellschaft wandert alles nach hinten durch. Überzeugungen zum Beispiel: schneide sie auf, meinethalben mit priesterlicher Gebärde, und du begreifst, wie nur du begreifen kannst, ganz ohne Stellvertretung: auch von ihnen verstehst du nichts. Überzeugungen sind second hand, immer, das gehört zu ihrer Fasson. Sie werden nicht mit List und Schläue erkämpft, sondern gewonnen und weitergereicht. Jeder, den der Wunsch, sich in seiner Haut zu amüsieren, umtriebig macht, bekommt sie früher oder später auf die Hand, Eintrittskarten fürs Parkett. Die Ersteintreffer bestücken die später Gekommenen. Überzeugungen gehen ja, anders als ihre Besitzer, nicht aus und es stört niemanden, wenn die vorderen Reihen bereits vergeben sind, solange noch ein Plätzchen im Saal unbesetzt blieb. Im Grunde sieht man von hinten besser. Zuschaun, der Dichter sagt es, ist immer.

Plauderei mit dem Universum
4

Du betrittst einen Raum, der vor Überzeugungen birst. Du hörst das Prasseln, aber dir fehlen die Worte, um die Lichtblitze auszudrücken, die dich durchzucken, vielleicht nicht dich, sondern eine Netzhaut irgendwo am Rande des Systems, das abgedunkelt bleibt. Das ist errregend genug. Ausdrücken, damit es erlischt, damit es in dir erlischt oder zumindest das Grelle verliert, sich in einen einfachen, klaren, ein wenig kalten, vielleicht auch milden Schein löst, ist das Mindeste, es ist auch das Schwerste, das Mindeste und das Schwerste, so kann man es sagen. Bleibt die Frage: Welcher Raum? Wo, in welcher Zelle, geschieht das? Wie betrittst du sie? Woran erkennst du den Schalter? Was macht dich so sicher, dass er existiert? Die meisten Menschen benützen den Schalter, um Licht zu machen. Mach doch Licht! Das wundert dich, weil du es gern herunterdrehtest. Das Dunkel kommt dir gelegen, solange es nicht überhand nimmt, dann packt dich das Grauen. Packt es dich? Nein, es streichelt dich sanft, aber die Wirkung schlägt nach ihm aus. Das Grauen kommt vor dem Dunkel, es kommt als Bote, es markiert den Übergang. Es ist das Sehen, das dich blendet, jedenfalls eine Zeitlang, bevor du anfängst, anders zu sehen. Nein, vom Sehen kommst du nicht los. Warum auch?
Warum auch? Über dem Himmel spreizt sich der Raum.

Plauderei mit dem Universum
5

Das ist alles wahr und doch ist es, sagen wir, second hand, hemmmungslos second hand, man muss nur die Hand ausstrecken, um das Rund aus Händen zu spüren, die hier ins Spiel kommen. Man kann sie natürlich auch schütteln, dann ist man der Star und alle gieren nach deiner Berührung, als könntest du sie von ihren Furunkeln befreien, ein Wunderheiler all dessen, was seine Zeit hatte und mit ihr verging. Die Vergangenheit erlösen, das könnte dir so passen. Ist sie rund, abgeschlossen, vollendet? Mitnichten. Ist sie schartig, offen, unvollendet und lechzt nach voller Endung? Mitnichten. Was also will sie von dir? Warum drängt sie sich in die Zelle? Diese Zelle ist künstlich, nimm die Vergangenheit weg und sie stürzt ins Dunkel. Die Vergangenheit kommt als Freund und sie spricht von Vernichtung. Sie musste vergehen, ehe du kamst, du siehst es ihr gnädig nach, auch du wirst vergehen, aber es liegt außerhalb deines Selbstverständnisses, du bist darüber verständigt, ohne verständigt zu sein. Verständigt bist du mit dem, was war, du schmuggelst es in die Gegenwart ein, in das, was die anderen ihre Gegenwart nennen. Etwas fehlt dieser Gegenwart, es fehlt ihr das Vergangensein, so wie ihr das Vergangene fehlt, das, was war und nun nicht mehr ist. Das Nicht-mehr-sein hingegen ist immer da, ein ruhiger Begleiter, Vorläufer kommenden Vergangenseins, des Vergangenseins einer Welt, die du, gedankenlos, wie du nun einmal daherredest, die deine nennst.

Plauderei mit dem Universum
6

Schreiben, das ist ... dein Abschiedsbrief an das Universum. Also schreib. Gerade hast du mit einem Gedankenwurf einen Vogel vom Himmel geholt, er schüttelt das Gefieder, blinkt dich an und fliegt auf, zu den Schwärmen. Seltsam erregender Traum, ein Vogel, ein Parfum ohne Träger, eine Hand, die sich entzieht, sich schon entzieht, während sie sich dir überlässt, du hast sie herausgefunden aus den Myriaden von Angeboten. Eigentlich haben sie dich gefunden, aber auch diese Rede bleibt leer, eigentümlich leer, denn Suchen und Finden gehen so ineinander über, dass die Trennung versagt, so wie das Vergangene die Gegenwart flutet, ohne sie zu übernehmen. Je gegenwärtiger die Vergangenheit, desto lauter spricht die Vernichtung. Man sagt, sie spricht aus der Vergangenheit, aber das wäre Zeugen-Rede und nicht jeder kann sagen, er sei dabei gewesen, als die Welt für ihn unterging. Es ist die Form, in der die Vergangenheit zu dir spricht, eine Form, die andere ist die, in der du gefunden wurdest und in der du dich erfindest. Ja, du erfindest dich in der Vergangenheit, nicht erst aus ihr. Darin liegt ein Unterschied. Wer sich aus der Vergangenheit erfindet, lebt in ihr, die Gegenwart ist ihm verschlossen. Wie kann das sein? Kann es überhaupt sein? Vermutlich nicht, diese Rede schmeckt nach Denunziantentum, man weiß ganz gut, wen man damit trifft, schon deshalb, weil man ihn treffen wollte. Man will ihn gerade nicht oder: man will ihn anders. Wohin führt, was mich führt? Das ist, unter Schulkindern, eine honorige Frage, vorausgesetzt, einer liest richtig an dieser Stelle und plärrt nicht gleich los. Jedenfalls nicht ins Gewesene.

Plauderei mit dem Universum
7

Man erfindet sich in der Vergangenheit. Was bedeutet das? Zunächst (wie die Wissenschaftler sagen) bedeutet es, dass wir uns schon erfunden haben, zugegeben: auf einem relativ bescheidenen Zeitplateau, das heute weit unter uns liegt. Vergangenheit bettet die, die wir sind, immer tiefer und weiter, Reisen hält da nicht mit. Wir kommen auf uns zurück, das ist die einzige Weise, sich flüchtig, wie sonst, zu begegnen und bei Gelegenheit neu zu justieren, also in eigener Sache Gerechtigkeit walten zu lassen. Auch in diesem Fall ist Justitia blind, weil sie die Bilder nicht sieht, unter denen, ohne davon zu wissen, wir uns entwarfen, und falls sie sie sieht, so im Bann anderer Konfigurationen, die ebenso zwingend sein mögen, vielleicht zwingender, aber zu spät erschienen, zu wenig geglaubt, um Anlass zu einem zweiten Entwurf zu geben, auch wenn davon mancher träumt. Niemand entwirft sich zweimal. Sich einmal entworfen zu haben, nur das zählt, um, was alle Naslang ansteht, sich erfinden zu können – neu, sagen die Leute, als liege darin ein Verdienst. Wer sich entwirft, zählt sich zu den Toten, er zählt sich zu ihnen hinzu, er führt diese Kette weiter, er tritt in einen Dauer-Disput mit ihnen ein, bis dass der Tod undsoweiter. Wer in dem Alter, in dem diese Dinge passieren, sich an einen Lebenden anschließt, den gütigen, weisen, stärkeren Älteren, so einer gibt sich nur aus der Hand, er entwirft sich nicht, er wird sich niemals erfinden, nur umorientieren und, falls sichs ergibt: sich überleben, bis etwas kommt, das ihn umhaut. Nein, wer etwas auf sich hält, fand sich einst in Gesellschaft von Toten, noch immer findet er sich zwischen ihnen heraus.

Plauderei mit dem Universum
8

Das ist, angesichts der ungeheuren Gegenwart, keine Selbstverständ­lichkeit. Man könnte es eine Bizarrerie nennen, lehrte nicht die Physik, dass jede Reise eine Reise in die Vergangenheit ist. Das wäre an sich zu verkraften, einfacher jedenfalls als die Information, dass Signale, die ferne Welten uns senden, in der Regel unvorstellbar lange unterwegs gewesen sind, bevor wir sie empfangen. Die Reise in die Vergangenheit wäre also eine Reise in die Zukunft einer Vergangenheit, deren Gegenwart wir nicht kennen, weil sie sich uns nicht zeigt, übrigens aus keiner besonderen Bosheit heraus, nicht aus Seinsverborgenheit oder dergleichen, sondern – aus Zeitgründen. Diese Zeitgründe sind fest verankert in der physikalischen Welt, sie sind diese Welt in der Nussschale, jedenfalls ein beträchtlicher Teil von ihr, ein Ausschnitt, so wie alles, was wir zu fassen bekommen, nur als Ausschnitt durchgeht. Und doch kannst du sagen: alles ist gegenwärtig. Der Satz produziert keinen Widerspruch, nur die Paradoxie einer stetig über Abgründe fortlaufenden, von Moment zu Moment aus lauter Nicht­gegen­warten zusammmenschießenden Gegenwart, zu jeder Zeit, an jedem Ort, also überall da, wo jemand nach Zeit und Ort zu sortieren da ist. Du willst jetzt nicht auf die abgegriffene Analogie zwischen der physischen und der moralischen Welt hinaus, nur das nicht, um Gottes willen, aber mag sein, es ist einfach nur verfehlt, hier von Analogie zu reden statt von einem blitzartigen Erhellungsverhältnis. Man bringt einen Blitz nicht in trockene Tücher, so ein Bild verbietet sich ganz ohne Umstände.
Also doch: All-Rede.
Also doch: Vom Sehen kommst du nicht los.
Wenn Tilo der Tausendste die Kritik aller Metaphysik zu einem beliebigen Ende gebracht haben wird, wenn ›der abendländische Vorrang des Sehens‹ von seinesgleichen zum abertausendsten Male blutig geschlachtet wurde, wird aus der Zahl der Namenlosen einer aufstehen und sagen: ich sehe. Er wird von Dingen reden, die, streng genommen, keiner sieht, geschweige denn zu sehen begehrt. Durch seine Rede wird das Gewesene in den Gesichtskreis der Einzelnen zurückkehren, so wie es nie aufgehört hat zu erscheinen. Aufregend ist das nicht. Erhellend schon.

Plauderei mit dem Universum
9

Tronka hat recht. Du übernimmst Verantwortung und gleich verbiegt sich der Raum. Er wird nicht zur Hütte, das nun gerade nicht, aber vielleicht, als habe jemand über Nacht die Weichen umgestellt ... nein, das ist kein gutes Bild. Was ist ein gutes Bild? Ein gutes Bild ist eins, das erklärt, ohne sich einzumischen. Ein mäßig gutes Bild jedenfalls, ein unmäßig gutes wäre ein Widerspruch im Beiwort. Doch bleibt die Suche nach dem unmäßig guten Bild eine Konstante. Wer Verantwortung übernimmt, behält, wenn er gut beraten ist, eine Hand frei. Gut beraten sind viele. Sie preisen dir dieses Bild an und ihr Handwedeln signalisiert: sie haben ein besseres auf Lager oder sind sich weitgehend sicher, dass sie es bald hereinbekommen. Im Raum der Entscheidungen findet man alle Dinge doppelt, doppelt belichtet oder einfach getrennt schwebend, als Geistermodell, ungreifbar, aber gefragt.
Gefragt von wem?
Von dem, der bei der Entscheidung schweigt.
Widerspricht er dem Entscheider?
Mitnichten, sie kennen sich kaum. Er fühlt sich, anders als der Entscheider, nicht wohl. Sein Unwohlsein ist nicht entscheidend, eher Hintergrund, Tapisserie, still bewegtes Gelände, belebt von Figuren, die sich auf Anhieb nicht zu erkennen geben, Hintergrund eben, aber im Wartestand, bereit, hervorzutreten, wann? wie? Das ist nicht zu klären, der entscheidende Augenblick verstreicht ungenutzt, denn er dient der Entscheidung.
Du siehst – woher, ist dir nicht erklärlich – ein Bild: Hochformat, Linien lauf darüber hin, schnurgerade, mit dem Lineal gezogen vermutlich, nein, denn sie vibrieren bei näherem Hinsehen, das Lineal fällt aus, die Linien kreuzen sich irgendwo im oberen Bildfeld, sie bilden Figuren, doch ein Schatten, eine Blässe ist auf sie gefallen, denn am unteren Bildschirmrand hat jemand mit ein, zwei, drei bunten Filzstiften dicke Striche darüber gesetzt, offenbar sollen sie zeigen, wohin die Reise wirklich geht, nämlich seitwärts, mit dem Schlegel gekrümmt, miteinander, ineinander verfilzt, immer wieder die Bildunterkante streifend und nicht nur streifend, der Rahmen selbst hat die Wucht des Filzschreibers abbekommen und zeigt Male einer Behandlung, die sich von Misshandlung nur schwer unterscheiden lässt. ›Intervention‹ steht darunter. Interessiert neigst du das Haupt, du würdest es kaufen, aber das hier ist keine Vernissage und der Künstler lässt sich nicht blicken.

Plauderei mit dem Universum
10

Laufbahnrenner, prächtige Tiere, manche eher dem Stierbereich zugehörig, einzelne Büffel darunter, Rennpferde, die man am seitlichen Blick erkennt, etwas mechanisch, nicht unfreundlich, nicht ganz gefordert durch das, was er sieht, gleichsam schon weiter, Rebhühner, die auffliegen, wenn man sie scheucht, Fasane selten, sehr selten, aus anderen Bereichen zugeflogen und in sie entweichend, jagdbar.
Sind Wissenschaftler jagdbar?
Eher nicht, sie sind häusliche Nutztiere, alles andere wäre Verschwendung. Auch so ist die Verschwendung ungeheuer: an Intelligenz, Mut, Feigheit, Lebenslust und -frust; die ganze Litanei. Wissenschaftler brauchen das nicht. Sie müssen dämpfen, dienstbar machen, verstetigen. Theorien fallen nicht vom Himmel, sie müssen angeeignet, überprüft, repetiert, durch­dekliniert, durchgezogen werden, bis zum Abwinken, irgendwann ist die Show zu Ende, doch wer wann, wo, wie abwinkt, das, warum auch immer, bleibt unerfahrbar. Das, auch das, setzt sich durch, als Wirkung ohne erkennbare Ursache, aber mit Legende, an der immer fortgestrickt wird.
Trotz alledem kommt es vor, dass irgendwo die Jagd auf Wissenschaftler eröffnet wird, auf einzelne oder ganze Gruppen, die Vergangenheit karrt berühmte Beispiele heran, aber die Gegenwart ist nicht schlecht, ist nicht schlecht. Warum sollte sie auf dieses Vergnügen verzichten? Ein beliebtes Mittel zur Disziplinierung von Leuten, die der Macht zu nahe auf den Pelz gerückt sind und den Mund nicht halten können, ist der Hausarrest, gern praktiziert von autoritären Regimen. Maulkörbe hängen überall in der Luft, mancherorts verdunkeln sie die Sonne, so dicht steigt die Saat, sie findet sich auf allen Stufen der Hierarchie, auch in steinigem Gelände, dankbare Gewächse, ein wenig träge, um nicht zu sagen maulfaul.
Aber die Königsdisziplin ist die offene Hetzjagd, die durch alle Medien geht. Nicht zu verachten dabei der Beitrag der Studenten, seit alters gerühmt und gefürchtet, zukunftsfreudig und unbeleckt von methodi­schem Zweifel, übrigens auch vom Zweifel an den eigenen Methoden, nicht immer den feinsten, ehrlich gesagt, ausgesprochen selten.
Dabei sind die Jungen in der Regel brav, sie kleben an ihren Noten, sie trennen hemmungslos zwischen dem kollektiven Eifer und dem persön­lichen Fortkommen. Auch Korruptheit besitzt ihr Maximum dort, wo sie noch leer ist, mit jedem Stück Füllung sackt sie in sich zusammen, bis am Ende der Laufbahn ein gefeierter Greis in die Aula einzieht, links und rechts von Respektspersonen flankiert, denn Vorsicht ist angesagt, man stolpert leicht auf den Stufen zum Pult. Wer fiel, unter die Räder kam oder irgendwann hochging, ist in solchen Momenten vergessen, auch sind es verschwindend wenige, verglichen mit der riesigen Schar, so wie nur wenige das honorige Alter erreichen und noch erreichbar sind.

Plauderei mit dem Universum
11

Ein Text, der in alle Richtungen davongeht – au ja, den möchtest du schreiben, ein solcher Text möchtest du sein. Explosion unter Explosionen, nicht schlagartig, sondern treibend, deine Zeit ausspannend, alle Zeit der Welt, wie das Universum mit seinen ungeheuren Distanzen. Ein solches Ungeheuer an Distanz, an innerer Distanz, möchtest du gern sein und manchmal, das fühlst du, bist du nah dran und meinst, es zu sein. Aber, Hand aufs Herz, wie lange hält das vor? Dein Universum pulsiert, beinah im Sekundentakt, was sich gerade noch dehnte, stürzt in sich zurück, kollabiert, mischt sich neu, spannt sich neu, in vertrauten Bahnen, mag sein, ganz unvertraut dürfen sie nicht sein, aber gleich? Wer könnte das behaupten.
Weder gleich noch ungleich: das betrifft den Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Entweder-oder, wer nicht für mich ist, der ist wider mich, die zweiwertige Logik, eben noch von den Auguren beiseite gelegt, lächelnd marginalisiert wie einst Newtons Physik von den Einsteinianern, kommt über die Dörfer zurück, als System binärer Entscheidungen, und der Ausschluss gilt dir, dem Pulsar. Tipp-tapp, ja-nein, tipp-tapp, gut-schlecht, tipp-tapp, richtig-falsch, tipp-tapp, schön-hässlich, tipp-tapp, gesund-krank, tipp-tapp, Freund-Feind, tripp-trapp, egalitär-monetär, tipp-topp, links-rechts, trapp-trapp, janein, das lässt sich darstellen. Du wirst aber, was sich darstellen lässt, nicht darstellen wollen. Warum? Vielleicht, weil dir an Darstellung nicht gelegen ist. Aber gelegen-nicht gelegen, ist das nicht binär? Wer sagt denn, dass du dich an dieser Stelle entscheiden musst? Los, sprich, wer drängt dich hier, dich zu entscheiden?
Du wirst dich entscheiden müssen: Stimme aus dem Jenseits, der Vorhang gelüpft und nichts dahinter. Die Drohung bleibt. Was sich darstellen lässt, im Tempel der Theorie oder anderwärts, hat es nötig. Es ist schon da, es lässt sich feiern. Liebes Jenseits, lass mich aus. Überlass mich nicht den Krämern. Bin ich denn schlecht? Bin ich so schlecht? Eine Darstellung, die sich entzieht, eine Option, die sich entzieht, eine Hand, die sich zeichnend, kritzelnd, krakelnd, aus der Zeichnung zurückzieht, die Kritzel und Krakel als Zeichen ihres Rückzugs hinter sich lassend, das sind schon drei, wie Kollege Laxer zu sagen pflegte, du darfst ihn jetzt Kollege nennen, obwohl er nie einer war und heute im Altenheim vegetiert.

Tabula
Exit