DIE PYRAMIDE

WISSENSCHAFT

Basismaß 215 m
Höhe 143,50 m
Volumen 2.211.096 m³
Neigung 53°10′
Außenverkleidung Spezialglas

Mitarbeiter 10 999
Professoren 1 453
Studierende ca. 130 000
Stand Nach dem Jenseits
Wahlspruch Vera Scientia Potestas Est

Standort Ruhrstadt / Mega City Ruhr
Einwohner ca. 11 000 000
Fläche 4 435 km²
Kneipenzahl 12 893
Gründungsjahr ’27

»Die Pyramide ist eine Sache auf Leben und Tod.
Das muss uns klar sein.«
Der Vertreter der Landesregierung
anlässlich der Grundsteinlegung

Weltklasse. Nichts sonst.

Vergil, überlebensgroß

Hier geht’s lang…!

Wo haben Sie das Zahlenmaterial her?

Das diskutieren wir jetzt seit zwanzig Jahren.

Versuchen Sie's nochmal!

Sie sind neu hier? Dann können Sie mich ja bald ablösen.

Wo gehen wir essen?

Ein Traumberuf

 

Diese Schwelle kennt kein Zurück

Der Bau
1

Die Pyramide schimmert durch den Sprühregen, in dem sie höher erscheint. Ein weiches, aus unbestimmten Fernen eingefangenes Licht spielt auf ihrer Oberfläche. Diese Oberfläche, ein Netz aus kunstvoll zusammengesetzten Waben, gibt den Blick auf ihr Inneres frei und weist ihn auf eine diskrete Weise zurück, so als wollte sie sagen: Hier ist kein Geheimnis, hier nicht, geh weiter, wenn du eines erwartest oder benötigst, hier wirst du nicht fündig. Wirklich gehen die Menschen weiter, es mag am Sprühregen liegen, vielleicht, oder an der Umgebung, obwohl letztere sichtlich zum Verweilen angelegt wurde. Aber da der Reiz einer Einladung im Geheimnis liegt, das von ihr ausgeht, bleibt, wo es fehlt, nur die Geste und jedermann sieht zu, dass er weiterkommt. Nicht dass sie übersehen würde, das nicht, die Leute besitzen einen scharfen Blick für alles, was sie nicht weiter kümmert. Sie haben schon gesehen – das Urteil, das darin liegt, ist unaustilgbar. Doch geht ihnen der Anblick nach, ein Hündchen, das sie irgendwann kraulen oder davonstoßen werden, in der übrigen Zeit wollen sie sich damit nicht befassen.

Der Bau
2

Der sanfte Zwang weiterzugehen macht an der Oberfläche nicht halt, er setzt sich im Inneren fort. Das System der Treppen und Aufzüge, der Durchstiege und leeren Flure forciert den Eindruck, du bewegtest dich in einem Spiegelkabinett oder im Inneren einer kalten Fata Morgana. Was immer du hinter dir lässt, es scheint dir entgegenzukommen, leicht verändert, aber unverkennbar. Jeder neue Gang, der sich auftut, ist wie ein alter Bekannter, dem du im Traum begegnest. Gern würdest du ihn mit einem »Wie geht’s?« begrüßen, aber das geht nicht, eine unsichtbare Macht hat Sorge getragen, dass Intimitäten dieser Art zwischen euch unterbleiben. Wortlos passiert ihr einander. Aber der Augenblick der verpassten Berührung geht nicht vorüber, er erneuert sich beständig, als fließe er aus einer unsichtbaren Verletzung, die dir nur schwach zu Bewusstsein gelangt und deren Herkunft dir rätselhaft bleibt.
Weiter geht’s, in einiger Entfernung erblickst du geöffnete Türen und ein paar Leute, zwei oder drei Herren in unterschiedlich ergrauten Anzügen, flankiert von jüngeren, bunt gekleideten Figuren beiderlei Geschlechts. Im Näherkommen ist die Gruppe aufgelöst, verschwunden, dein Sinn konzentriert sich auf die geschlossenen Türen zu beiden Seiten, die dir nicht länger als architektonische Zutat erscheinen, sondern als Anzeigen abgeschotteter Behälter, nebeneinander aufgereiht und mit unauffälligen Leitmarkierungen versehen, als lagerten in ihnen die Endprodukte eines auf Diskretion bedachten Spezialherstellers, dessen Logo unter Eingeweihten in aller Welt Beachtung findet.

Der Bau
3

Irgendwann erlahmt der Wunsch anzukommen. Du lehnst dich an eine für verschlossen gehaltene Tür und sie schwingt auf, bevor du dich dessen versiehst. Der Raum, in dessen Mitte ein Schreibtisch steht, ist verlassen. Auf dem Boden verstreut liegen Bücher, die du gern lesen möchtest, am besten jetzt, aber das geht nicht. Du darfst dich nicht bücken. Gleich kehrt der Bewohner zurück, du spürst bereits den befremdeten Blick und fühlst das Misstrauen, das sich zwischen euch schiebt. Du bist drinnen und draußen, etwas hält dich hier und etwas ist schon weg, als sei es nie in diesen Raum eingetreten, als schüttle es seinen Anblick ab gleich einem etwas wirren, etwas undeutlichen Traum, dem keine Bedeutung zukommt außer dieser: auch hier, in diesem zugewiesenen Käfig, lebt ein Mensch. Er lebt, er atmet, denkt, notiert, holt sich abgelegte Vorgänge aus dem Regal, um im Bilde zu sein, trinkt Kaffee und führt Gespräche am Telefon. Sein Leben ist reich, informiert, voll kleiner Anreize, die ihn seine Stellung im Universum der Bedeutungen und sein spezifisches soziales Gewicht auskosten lassen. Es ist klein, abseits, verlassen, eine Nische im Bau der Natur, vergleichbar dem eines Dachses, eines Hamsters, eines Zwergwarans, gut möglich, dass er dieses Dasein als nicht angemessen empfindet, als angeklebt und von schlechtem Sitz, so dass es bei jeder Bewegung aufklafft und etwas darunter zum Vorschein kommt, mit dem im Grunde immer zu rechnen war.

Der Bau
4

Du verlässt den Raum, als hättest du ihn einfach vergessen. Türen, die Normalsterbliche für hermetisch verschlossen hielten, öffnen sich mit einem leichten Ruck und dem dazugehörigen Surren, als hätten sie von Anbeginn auf dich gewartet. (Was nicht falsch ist. Niemand geht durch sie hindurch, der nicht bereits ein System unsichtbarer Schleusen aus Qualifikationen, Bewerbungen, Terminabsprachen und Ähnlichem passiert hätte, obwohl die Pyramide tagaus, tagein jedem offensteht, der den Mut oder die Chuzpe oder die einfache, durch keinerlei Hintergedanken verfälschte Absicht aufbrächte, sich am physischen Dasein der Wissenschaft sattzusehen oder vor Ort zu erkunden, wie sie funktioniert.)
Du irrealisierst (das Wort gefällt dir, du wirst es häufiger gebrauchen). Es ist deine Erwartung, die riesig die Wände bedeckt. Wer an Büros gewöhnt ist, findet hier nichts ›außer der Reihe‹. Die grauen Flure sind nichts Besonderes. Merkst du, wie sie sich aufladen, jetzt, da du Bescheid weißt und der erste Kontakt dich beschäftigt? Du bist neu, aber das wird sich ändern. Genieße die Leere: Sie ist eine Sinnestäuschung. Die Sinne bäumen sich auf und stehen Spalier, du aber stiefelst geradewegs zwischen ihnen hindurch, Hast mit Zögern vermischend, lente corrente, denn noch ist dir die Empfindung des launischen Glücks nicht abhanden gekommen.

Der Bau
5

Eigentlich … eigentlich erschrickst du vor der Banalität dieses Innen. Dir ist, als löste sich die Idee des Ankommens auf und mit ihr der Wunsch angenommen zu werden. Als würdest du heruntergekühlt, bevor das große Gespräch beginnt, für das es allmählich auch Zeit wurde, weil alles seine Zeit hat, selbst das riesige Heute, aus dem du kommst und das nun vor der Tür wartet wie ein Dackel, der noch nicht realisiert hat, dass ihm sein Herrchen abhanden kam. Das hier, du registrierst es genau, ist ein zweites Heute, aus dem es kein Zurück gibt, kein menschliches jedenfalls, wenn du bedenkst, dass Menschen sich auf diesen Fluren in Forschungsobjekte verwandeln und anschließend in ihr Leben zurückgeschickt werden, um zeitlebens damit zu hadern. Man verlässt nicht ungestraft Lebenszeit und -raum. Das geht dir nicht anders, es ergeht dir sogar, recht betrachtet, schlimmer als den Beforschten in ihrem Leid, schön schlimm, denn solltest du je zurückgesandt werden, dann in ein Leben der Schmach: keiner Rede wert, im voraus erledigt, unter der Glasglocke vorsichtig unterdrückter Verachtung.
Dass, andererseits, ein solches Heute sich in nichts von jedem beliebigen Heute unterscheidet, versteht sich von selbst. Die Wissenschaft gehört dem Heute ebenso wenig wie der Ewigkeit. Sie gehört der Zeit, – nicht irgendeiner, sondern der, die Menschen einer bestimmten Orientierung für sie aufbringen: anschlussfreudige Teile eines Systems, in dem der Wissensstoff zirkuliert, um sich unentwegt zu vermehren, so dass sich leicht ausrechnen lässt, in wieviel Jahren er sich verdoppelt oder verzehnfacht – Tendenz gegen Null. Der Tag ist nicht fern, an dem sich das Wissen binnen vierundzwanzig Stunden verdoppelt, in denen sich also gewissermaßen die gesamte Wissensentwicklung der Menschheit konzentriert: eine flüchtige Etappe. Denn unaufhaltsam naht ein Tag, an dem es sich verzehn- und verhundertfacht. Ein solcher Tag enthielte das Heute der Wissenschaft. Was wir Gesellschaft nennen, wäre ihm nicht mehr gewachsen: es löste sich in ihm auf wie, nun, wie in einem Reagenzglas, ein wenig geschüttelt, ein wenig erhitzt ergäben sich Verbindungen, von denen hier und da einer schwärmt.

Der Bau
6

Du verstehst. Vielmehr: Du beginnst dich zu akkommodieren. Die Gedanken weiten sich, die engen Korridore treten zurück und dort vorne … dort vorne stehst du am Fenster, vis à vis dem verhangenen Himmel und blickst hinunter auf eine Ansammlung von Kaninchen­ställen, du könntest platzen vor Stolz, hier oben zu stehen, oder vor Ärger über die Aufwallung, die dich erniedrigt, ohne dass es in deiner Macht stünde, sie zu unterdrücken. Ganz recht, ein Machtspiel, keine Ahnung, von wem gespielt, hat sich deiner … angenommen, im Augenblick könntest du dem Hausherrn (den du noch nicht kennst) begegnen und er erschiene dir unbedeutend, verglichen mit dem Kräften, die diesen Bau … regulieren, jeder andere Ausdruck käme dir unangemessen vor angesichts der ruhigen Gewalt, die ihn in den Fugen – und in den Wolken – hält. Würde man dich jetzt fragen, was diesen Ort beherrscht, dann würdest du besinnungslos antworten: die Leere. Du kennst ihn noch nicht und du empfindest ihn als … leer. Vielleicht ist ›Leere‹ nicht das richtige Wort. Jede dieser Waben hat einen Bewohner, vor sich einen Schreibtisch, der ihn mit der Welt verbindet, der Welt der Gedanken, die keine Ruhe und keinen freigelassenen Zwischenraum kennt, könntest du hören wie ein Luchs, du hörtest seine Tentakel vibrieren, dieses leise, überall vernehmbare Brummen ist vielleicht das Werk sich spreizender Flügel, wie sonst hätte sich das Wort ›Gedankenflug‹ in dein Vokabular verirrt. Doch die Leere bleibt frappant. Sie erinnert dich (und du musst an dich halten, weil das Klischee dich verstimmt) an den Satz eines Schriftstellers: Das moderne Schlachtfeld ist leer.

Der Bau
7

Die Wörtersuche wird dich noch eine Weile begleiten, das kanntest du bisher nicht. Es scheint, als gäben sie sich selbst eine andere Valenz, konfrontiert mit dem, was sie in dieser Umgebung erwartet. Du könntest dir in die Tasche lügen und sprechen, wie dir der Schnabel gewachsen ist, aber du wirst es schön bleiben lassen. Das, immerhin, weißt du schon jetzt. An diesem Ort werden Theoriewelten in den Müll entsorgt, da ruft das freie Wort nur ein müdes Lächeln hervor. ›Das freie Wort‹ … das klingt wie der Titel einer Lizenz-Zeitung nach dem großen Zusammenbruch, unendlich melancholisch, veraltet und engbrüstig, von der mickrigen Auflage ganz zu schweigen: geeignet, ein feines Lächeln auf die Mienen deiner künftigen Kollegen zu zaubern. Das freie Wort … dein Gesicht übt schon, in den Mundwinkeln liegt die passende Spannung an, die Muskulatur scheint im Bilde zu sein.

  • ―Ich möchte mich ja nicht einmischen, aber was Sie da sehen, das wird Ihnen hier oben nicht weiterhelfen. Oder vielleicht doch … wenn ich Sie mir so betrachte, Ihren Augenausdruck vor allem, dann rate ich Ihnen: Bleiben Sie, wo Sie stehen, und staunen Sie. Das Staunen ist fast das einzige, was Ihnen hier bleibt. Sie sind doch neu hier? Nein? Ich dächte, wir kennen uns. Tronka übrigens – ja doch, wir geben uns hier oben die Hand, ein Relikt aus älteren Tagen, Sie kennen das ja. Lassen Sie mich raten. R? Ich wusste es. Kennen Sie sich in dem Schuppen schon aus? Kommen Sie, wir verdrücken uns in die Cafeteria, ich spüre so etwas wie Hunger. Sie nicht auch?
 

Im Schattenreich der Gedanken

Wie man wird, was man ist
1

Genommen zu werden ist ein Vorgang, den einer besser nicht kommentiert. Man hat dich genommen, gern wüsstest du warum, um sicherzugehen, dass man dich auch annehmen wird, aber Gewissheit dieser Art gibt es nicht. Hier, im Getriebe der Pyramide, ist jede Annahme, gegründet auf Wertschätzung, eine zuviel. Das lernt sich rasch, es ist Lektion Nummer eins, verdaut wird später. Vertraut wird später. Vielmehr, was hier ›vertraulich‹ heißt, hieße andernorts ›Kungelei‹ und fußt auf wohlabgewogenem Misstrauen. Es sind die berühmten ersten zwei Wochen, die dich das lehrten. Dann bricht die Zeit der Zeitlosigkeit an, das lange nunc stans emsiger Gelehrsamkeit, in der jede Annahme den Regeln der Hypothesenbildung und vor allem -verwerfung unterliegt, ein entzeitlichtes Nebeneinander, bis endlich die Neugier siegt und du wissen willst, was sich hinter der kollegialen Maske verbirgt. Und siehe (nicht dass du fündig würdest), auch diese Tür geht auf und dahinter befindet sich nichts, außer ein paar dürren Winkelzügen, ausgeführt in schlechter Sprache, die selbst den Mundgeruch transportiert, so vertraut geht man miteinander um. Du durftest sehen und nun hast du gesehen. Gesehen zu haben bedeutet ein großes Privileg, es ermöglicht den Einblick, den du benötigst, um dich so zu bewegen wie alle anderen, soll heißen ›unterwegs‹ zu sein, als verfüge dein Leben hier über Sinn und Ziel. Denn auch das ist eine Annahme, zu der man neigen kann oder nicht. Nur danach aussehen muss es.

 

Wie man wird, was man ist
2
Warum ein R gefragt ist
Anmeldung eines Bedarfs
Sprecher

... und, meine Kolleginnen und Kollegen, es unterliegt keinem Zweifel, dass hier Bedarf besteht. Unsere Wünsche sind, um es einmal so auszudrücken, keine Begehrlichkeiten. Der Bedarf ergibt sich aus der neuartigen Existenz der Pyramide mit ihrer weit in die Zukunft weisenden Lerntechnologie, die Studenten auf dem Campus entbehrlich erscheinen lässt. Ich sage meinen politischen Gesprächspartnern immer: Vergesst nicht, welche Belastung eine unruhige Studentenschaft als physische Masse für den universitären Körper bedeutet. Ich meine das ernst.
Abgesehen von dieser nicht unerheblichen Nebenerwägung ist der Gedanke einer physischen Studentenschaft, die sich innerhalb eines festen Zeitrahmens an eigens dafür eingerichteten Orten versammelt, um den Wissensstoff in einer koordinierten, aber eben auch chaotischen Anstrengung in sich aufzunehmen – wir alle, meine Kollegen, haben noch so studiert und es war, wenn ich das so sagen darf, eine gute Zeit, doch das bewährte und in weiten Teilen der Hochschullandschaft noch immer praktizierte Verfahren ist, machen wir uns nichts vor, in einer Gesellschaft, in der nahezu jeder zu irgendeinem Zeitpunkt seiner Existenz als Studierender auftreten wird, obsolet.
Die Zukunft gehört Systemen, die dem Einzelnen die Entscheidung darüber überlassen, welchen Stoff er sich wann, wo, unter welchen Lebensumständen anzueignen gedenkt. Sie gehört, sage ich, Systemen, die den Stoff wasserdicht übermitteln, so dass gerade kein Chaos in den Köpfen entsteht. Beides gehört unabdingbar zusammen. Dazu – an dieser Stelle wiederhole ich mich gern – bedarf es intelligenter Bereitstellungsverfahren und einer eigens für diese Form der Lehre ausgebildeten Dozentenschaft.
Wir stehen hier, liebe Kollegen und Mitarbeiter, vor einer Aufgabe, deren Bewältigung allein die Existenz dieser neuartigen Wissenschaftsstätte rechtfertigen wird. Man wird uns an unseren Erfolgen auf diesem Weg messen. Daher sage ich: Lasst uns erfolgreich sein!
Ganz unter uns: Erfolg ist schließlich nichts Schlechtes.

 

Wie man wird, was man ist
3
Wofür ein R gebraucht wird
Plädoyer
Sprecher

... An dieser Stelle kommen Theorien ins Spiel, mit denen der Bewerber sich ausweislich seiner Schriften nachhaltig beschäftigt hat. Früher als andere hat R, ein pfiffiger Kopf, diverse Möglichkeiten systemischer Entlastung diskutiert und ihre gesellschaftlichen Effekte durchgespielt. Die Lernmaschine Universität muss von Grund auf neu konstruiert werden. Soviel steht fest. Sie ist, in ihrer bisherigen Form, dem Ansturm der bildungsfernen Schichten nicht mehr gewachsen. Der Pyramide fällt in diesem Prozess eine von den politischen Instanzen gewünschte Vorreiterrolle zu. (…)
Das von R vorgeschlagene und in verschiedenen Modifikationen durchdeklinierte Modell des ›leeren Campus‹ weist ihn als kompetenten und sachkundigen Wissenschaftler aus, der versteht, welche wissenspolitischen Maßnahmen der Gesellschaft ins Haus stehen, und ernst zu nehmende Überlegungen vertritt, wie eine erfolgsorientierte Strategie zu ihrer akademischen Umsetzung aussehen könnte...
Wer ist R? Sagen wir, es wäre ein Gewinn für unsere Institution, wenn wir uns seiner weit in die Zukunft weisenden Denkansätze versichern könnten. Dabei wird R, ich sage das ohne Scheu, von seinen bisherigen Kollegen durchaus als problematischer Charakter empfunden. Umso überzeugender fällt ins Gewicht, dass sie das Arbeiten mit ihm unisono als stimulativ und erweiternd empfinden. (…)
In summa: Das Gewicht neigt sich zugunsten der Argumente, die für eine Berufung des Kandidaten sprechen. Gewiss liegt das auch an der Kleinheit des Feldes und dem dadurch gegebenen Mangel an geeigneten Mitbewerbern. Brächte er einen Hund mit, ich würde vorschlagen: Friss oder stirb!

 

Wie man wird, was man ist
4
Weshalb die Wahl auf ihn fällt
vertraulich
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Lieber Kollege,
Herr R, wie aus den eingereichten Unterlagen hervorgeht, offenbar ein Schüler von Ihnen, bewirbt sich um eine der neu ausgeschriebenen Stellen in unserem Fach. Vertraulich gefragt: wie gut kennen Sie ihn? Da Sie zu den Ideengebern der Pyramide zählen, wäre es gut zu wissen, was Sie über seinen Ansatz denken. Der erste Eindruck spricht für die Person: offen, vertrauenswürdig, dabei zurückhaltend, die Brisanz der eigenen Thesen eher unter- als übertreibend, aber vielleicht mit einem Hang zur Eigenbrötelei? Wie Sie wissen, benötigen wir hier vor Ort gute TP, wären also dringend auf ihre diesbezügliche Auskunft angewiesen. Desweiteren ist uns augenblicklich nicht klar, wie weit seine Kontakte innerhalb der Sc Comm und – last but not least – ins Ministerium reichen. Besonders an Aufklärung zu letzterem Punkt wäre uns sehr gelegen. Darf ich, wie angedacht, bei der März-Tagung auf Sie rechnen? Das wäre fein, ein paar Anregungen aus Ihrem Mund könnte ich gut für meine bereits überfällige Publikation – wir sprachen darüber – gebrauchen. Apropos: eine Gutachtenanforderung in der bewussten Sache wird Ihnen meine Sekretärin in den nächsten Tagen zuschicken. So what? Grüße an Ihre Frau etc.
Ihr

 

 

Die Zukunft wirft einen gläsernen Schatten

Schattenwurf
1
Impressionen I

Was den Betrachter am meisten verblüfft, ist nicht die schiere Größe der Pyramide, sondern ihre Unnahbarkeit: der stetige Anstieg, gepaart mit spiegelnder Transparenz, entrückt den höchsten Punkt in die denkbar weiteste, mit niemandem teilende, aber von überall her erkennbare Ferne. Warum betonst du das? Um einer sinnlichen Überwältigung Gehör zu verschaffen, die du nur halb und halb empfindest, weil du dich bereits viel zu sehr als Bewohner verstehst, um das Äußere auf dich wirken zu lassen? Gut möglich, dass du nicht einen Moment lang die Pyramide so zu Gesicht bekommen hast wie einer der Städter, deren Leben um sie kreist, ohne in sie (oder in ihre unmittelbare Umgebung) vorzudringen, da sie von Anfang an in einen Erwartungskokon eingesponnen war, an dem das Innere überwog. Gut möglich … höchst wahrscheinlich … die Wahrheit ist, dass du dich an überhaupt keinen ersten Moment erinnerst. Er ist fort, weggeblasen durch einen geheimnisvollen Mechanismus, der kein Entrinnen erlaubt. Wenn du eine Kneipe betrittst (oder einen Laden, eine Bäckerei zum Beispiel), betrittst du sie nicht als Bürger dieser Stadt, sondern als Pyramidenbewohner, durch eine unsichtbare Markierung getrennt von deinen Mitmenschen (nicht als seist du jemand Besonderes, eine Respektsperson, eher ein Gemiedener, wenn du davon absiehst, dass du dir die Meidung, wenn sie denn so genannt werden darf, selbst zufügst, denn ringsherum findest du niemanden, der sich erkennbar mit deiner Person beschäftigte, es sei denn, du gibst dich selbst zu erkennen, was du in der Regel zu verhüten weißt).

Schattenwurf
2
Impressionen II

Da ist etwas, das du verstehen solltest (vielleicht nicht gleich, aber nach und nach): Du nimmst dich mit derselben Selbstverständlichkeit aus dem Leben der Stadt heraus, wie die Pyramide sich von ihrem architektonischen Gesamtbild entfernt … ihrem Dasein, genau genommen, denn zwischen beiden besteht keinerlei Verbindung, jedenfalls nicht mehr, als wäre die Pyramide als kosmischer Eindringling gerade an dieser Stelle aufgeschlagen und hätte die eventuell vorhandenen Häuser unter sich begraben. Das klingt etwas … zugespitzt, verletzt hat deine Ankunft niemanden, jedenfalls wärst du verwundert, erführest du von verborgenen, dich unsichtbar begleitenden Ressentiments; die Gleichgültigkeit der großen Stadt hat dich aufgenommen und dir die Tarnkappe übergezogen, in deren Schutz du wie jeder andere deinen Besorgungen nachgehst. Die Wahrheit ist: Die Koordinaten der Stadt, die doch auch eine Metropole ist und aus eigenem Recht im Schutz von Geschichte und Herkommen an dieser geographischen Stelle existiert, stimmen mit denen der Pyramide nur zufällig überein. Das Raum-Zeit-Gefüge, in dem letztere sich bewegt, ist ›different‹ – was vornehmlich an der Aufgabe liegt, die ihr höheren Orts übertragen wurde und die sie als architektonisches Schaustück ›anzeigt‹. Aber natürlich trägt ihr Anblick zum Flair dieses Ortes bei und niemand möchte ihn missen.

Schattenwurf
3
Impressionen III

Aus dem Gewirr der Straßen ragt die Pyramide, ein künstliches Klettermassiv, in den innerstädtischen Himmel: idealer Fluchtpunkt, ordnende Distanz, verbunden mit Größe, von nirgendwoher vollständig zu überblicken. Querlaufende Häuserzeilen schneiden Streifen aus ihr heraus und zeigen sie vor: »Da, mehr ist aus unserer Sicht nicht zu haben. Das Ganze ist nicht das Ganze – aber das wissen wir doch. Das Ganze ist nicht das Ganze, es scheint nur so. Der Schein überwölbt den Anblick. Unsere Sicht, sagen wir ... ist nur konsequent. Was wäre die Pyramide, wenn nicht Ausdruck von Konsequenz? Eine leere Geste. Ja vielleicht. Leere Gesten gibt es genug, Denkmäler des Vertrauens darauf, dass der Sinn, lässt man ihm Zeit und Gelegenheit, nachkommt. Alles zu seiner Zeit.« So könnten sie unken, die Häuser der Stadt, ließe man sie einfach zu Wort kommen. Jedenfalls entspräche das ihrer Perspektive. Eine andere könnte, vernehmbar gemacht, lauten: Was ist eine Geste gegen den, der sie vollzieht? Nichts, sollte man meinen, eine flüchtige Anspielung. So ein Nichts wächst, es behauptet sich, es erfüllt sich mit Zeit und Sinn, es streift seine Neuheit ab, als handle es sich um ein Missverständnis, es legt sich Bedeutungen zu, die seinem Urheber völlig fern lagen, es spielt mit Bedeutungen, so wie ein Kind spielt, das energisch zwischen Mein und Dein unterscheidet, ohne sich Gedanken zu machen, woher es den Unterschied nimmt, und das ihn fallen lässt, sobald der spielende Sinn eine andere Richtung einschlägt.

Schattenwurf
4
Impressionen IV

Die Pyramide geht hoch hinaus: Das wird es sein. Ihr Anblick ›sprengt alle Dimensionen‹. Was bedeutet das? Zunächst einmal nur: Auch du, der du sie bewohnst, bist zu klein, sie zu fassen. Wer immer du sein magst, du bist zu klein dafür, dein Gefühl ist außerstande, diesem Ding da ein Maß zu geben. Wärest du eine Schnecke, du schleimtest dich an ihm hoch, ohne es zu bemerken. Nun, du bist keine Schnecke, du gehst deinen Weg, aufrecht, wie es sich gehört, ein klein wenig gebeugt, darüber redet man nicht, jedenfalls nicht zur Unzeit, und du staunst: auch das ein Gefühl, aber ein leeres, der leeren Geste gemäß, die auf dich einwirkt. Dieses leere Gefühl, von der Sprache Staunen genannt, während du selbst jeder Bezeichnung geflissentlich ausweichst, holt dich heraus aus der umgebenden Welt, der Welt des Alltags, wie du sie nennst, weil du die Reste verflossener Feiertage wie Splitter einer anderen Existenz in dir herumträgst (auch wenn ihr Glanz, recht erinnert, immer Abglanz von etwas blieb, das sich nicht recht einstellen wollte). Die Pyramide dagegen ist immer da. Sie ist Teil deines Alltags, sie nimmt weder ab noch zu. Zweifellos wärest du bestürzt, wäre sie eines Tages einfach verschwunden. Eine leise Überforderung geht von ihrem Anblick aus, als wollte er sagen: »Vergleiche mich nicht zu rasch! Vielleicht sollte man mich unvergleichlich nennen. Aber das ist, wie bekannt, nur ein Wort.«

Schattenwurf
5
Impressionen V

Ein verspiegeltes Dreieck, an dessen Fläche der Blick keinen Halt findet, von nirgendwo einzusehen, eher geometrische Figur denn Bauwerk, rät dem Betrachter zur Flucht. Das ist scherzhaft gesagt, aber es lässt die Gedanken laufen. Welche Fluchten sind angesagt? Welche verbieten sich? Welche zielen ins Abseits, welches Entrinnen ist da gefragt? Fragen, die ins Leere zielen, jeder Schuss ein Treffer. Dass, wer die Pyramide sucht, bereits auf der Flucht ist, versteht sich fast von selbst.
Flucht wovor?

Der allgemeinste Standpunkt lautet: Flucht vor den Verhältnissen.

Warum? Sind sie grausam, barbarisch, rückständig? Anzunehmen, ja. Oder beschränkt, idyllisch, harmlos (= die furchtbarste aller Varianten)? Auch das. Der Leidende leidet an allem, es zieht ihn ins Leere. Vor der letzten Konsequenz schreckt er zurück. Plötzlich braucht er alles, und zwar in wachsendem Maß. Es verlangt ihn nach Wissenschaft, dieser fernen Instanz, die alle Verhältnisse regelt, aber in der Regel nur selten in Erscheinung tritt. Er wünscht zu begreifen, warum die Dinge so sind, wie sie sind, damit sein Leiden dahinter verschwindet. Einer will die Welt reparieren, weil ihn ein Zeh juckt. Ein krasser Fall, sollte man meinen, aber weit gefehlt. Der nächste denkt an schnelle Abhilfe und stochert im Wissensberg, hoffend, dass etwas dabei für ihn abfällt: ein Dutzendgesicht. Die meisten möchten, dass ihnen etwas geboten wird.
Simsalabim.

Schattenwurf
6
Reden über Verhältnisse:

Wo beginnen?
Wo enden?
Und: was ist wichtig?

Jede Reihe schließt die andere ein, deine Rede hetzt sie gegeneinander.

  • Idylle ist grausam (rückständig ohnehin),
  • Barbarei beschränkt und ein beschränkter
  • Horizont barbarisch (›scheinbar‹ abgelegte Zustände), das
  • Verbrechen maskiert sich als harmlos und die harmlose
  • Tat tendiert zum Verbrechen (›schon wieder‹...).

Alle Verhältnisse sind, wie sie sind, Ausdruck vielfältig benannter und unumgänglich scheinender Vergehen.
Welche Art Ausdruck? Gestammel aus sabberndem Mund? Gerede? Geifer? Nüchtern konstatierende Rede?
Das alles: vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ein Container, der alles schluckt – allen Müll, allen Glanz, geplatzte Beziehungen, zerfallene Hoffnungen, gestörte Akteure, verbissene Träumer, das volle Programm.

Terra infirma.

Metapher also, der, am Fluchtpunkt, die Gegen-Metapher der Pyramide entspricht. Uraltes Bild, in dem Gesellschaft wieder und wieder zusammenfindet: die da oben, die da unten, die Vielen und die Wenigen, die einsame Spitze, das weggeschlossene Unten, die lange Dauer, die versiegelte Totenkammer, die endlose, endlos lastende Reise durch die Zeit, die Eigenschaft, gleich ziehendem Gewölk zu jeder Zeit sie selbst und anders zu sein, das blanke, schuldlos aufwärts blickende, den Himmeln benachbarte Dreieck...

Schattenwurf
7
Im Schatten der Pyramide lebt es sich anders

Anders als wo? Nein, nicht anders als. Zusatzlos anders. Wie lässt sich das denken? Gute Frage. Die Pyramide selbst ist die Antwort. Sie ist die Antwort, aber sie enthält sie nicht. Was enthält sie dann? Antworten, die jeden Tag anders ausfallen können ... könnten, falls die geschulte Phantasie ihrer Bewohner das geforderte Maß an Beweglichkeit aufbrächte. Frage an sie: Können sie das? Könnten sie das? Und, Hand aufs Herz: wollten sie es, falls sie es könnten? Seltsam, wie nah diese Frage liegt. Man muss sie nicht suchen. Das liegt doch nahe. Aber diese Nähe ist Ferne. Die Pyramide oder das projektierte Leben: sie wirft es hinauf, über die Köpfe all derer hinauf, die bloß leben wollen, so als sei dort oben eine große Leinwand gespannt und alles sei Projektion (also Kino). Wo also leben sie? Hier unten oder dort droben? Oder: hier oben oder dort unten? Die spiegelnde Fläche gibt keine Antwort. Sie blinzelt. Sie verspricht nichts, sie verspricht sich: ein Riesen-Versprecher. Der Himmel auf Erden, das große Dreieck, ist grau (zumeist).

Schattenwurf
1
Scientific Community

Die Community wird geprägt durch all die Orte, an denen sie sich trifft. ›Geprägt‹ ist vielleicht nicht das richtige Wort, doch auch ›Halt‹ und ›Färbung‹ treffen es nicht: die Community ist diese Orte, jedenfalls für die Zeit, in der sie sich an ihnen trifft, also, je nach Ort, stets eine andere, und ein wenig Aufmerksamkeit belehrt darüber, dass auch ihre Zusammensetzung je nach Ort variiert. Eine Cafeteria zum Beispiel … mit ihren Zufallsgruppierungen ist gut, wenn es darum geht, den Gedanken der Unerfülltheit mit Eindrücken zu bestücken. Denn auch Gemeinschaften, Forschergemeinschaften vor allen, laborieren an der Unerfülltheit, die den Versprechungen des Sozialen beiwohnt. In diesem Sinn ist die Pyramide kein Ort, eher ein sich selbst genügender Kosmos, in dem das Begehren der Einzelnen auf Umlaufbahnen geschickt wird, die dem Gedanken an Entwürfe und Ziele diametral widersprechen: ein scheinbarer Widerspruch, leicht auflösbar, hat einer erst einmal Platz genommen. So ein Platz … berechtigt zu vielem.

Wozu er nicht berechtigt, erfährst du später.

Nicht das Neue ist unerklärlich, sondern die Neuheit
1
Wissen isst Macht

Eine Leere, eine Spannung, eine Dissonanz geht seinem Erscheinen voraus. Es kommt als ›Lösung‹, andernfalls wäre es nicht das Neue. Als ob ein Rätsel sich klärte: »Aha, das also steckte dahinter. Nun, da es hervorgetreten ist, können wir uns endlich mit ihm befassen.« Erleichtert, enttäuscht, besorgt, in allen Ton- und Empfindungslagen, nur dies nicht: gleichgültig. Der Gleichgültige schließt sich aus, hat sich schon ausgeschlossen. Seine Rede sparen wir aus.

*

Man könnte also, was dem Neuen vorausgeht, ›Erwartung‹ nennen. Aber dann wird es schwierig: Nimmt die Erwartung nicht gerade die Neuheit des Neuen fort, also das, worauf es hier ankommt? Neu ist das Unerwartete, irgendwie ist alles andere schon da. Aber dieses Unerwartete kann ein Altbekanntes sein. Es kommt nur unerwartet, vielleicht zur Unzeit, vielleicht dank einer glücklichen Fügung: Das liegt an den Umständen.

*

Diese Spannung, die dem Neuen vorausgeht, muss leer sein. Aber in welchem Sinn? Sie ›transportiert keine Botschaft‹. Was dann? Nichts? Was bedeutet dann ›Spannung‹? Etwas kündigt sich an. Etwas rumort. Rumor: vielleicht das glücklichere Wort. ›Stiller Rumor‹: da wäre es wieder, das Oxymorin. Man könnte auch sagen: Es ist der Widerspruch, dem sich das Neue verdankt. Aber das wäre bloß: eine alte Denkfigur und ein altes Vertrauen in die Übermacht der Sprache.

Nicht das Neue ist unerklärlich, sondern die Neuheit
2
Wissen isst Macht

Das Neue ist der Antipode dessen, was gleich (= als Gleiches) gilt: es gilt gerade nicht als Gleiches, es stört die Gleichung, zumindest eine: ›Ich gleich Welt‹, wobei die Welt als Summe dessen gilt, was ich ›intus‹ habe, was sich mir merklich gemacht hat, womit ich rechne (wie vage auch immer).

*

Meine Welt, deine Welt: Das ist keine Gleichung, sondern eine Voraussetzung, die, wie jede Voraussetzung, gestört, ›in Frage gestellt‹ werden kann. Dann wärest du der Urheber meines Neuen? Wäre das Neue neu bloß für mich? »Das ist mir neu.« Dann wurde es auch Zeit. Vielleicht wäre es mir gestern nicht neu erschienen, sondern ganz normal, damit muss man rechnen.

*

Das wirklich Neue betrifft nicht mich, sondern die ganze Welt: So etwas hat die Welt noch nicht gesehen (erlebt etc.). Wer so redet, der überzieht sein Konto. Niemand kann für die ganze Welt bürgen. Es ist aber nötig und es geschieht ununterbrochen, denn auch die ganze Welt bleibt meine Welt, mit all ihren Ansprüchen. Sie ist die Welt, in der ich mich auskenne – auch und gerade dort, wo ich mich nicht auskenne, denn ich wüsste immer noch, wie ich hinkäme. Und wenn es keinen Weg gäbe, dann wüsste ich eben das und könnte mir den Rest erschließen.

Nicht das Neue ist unerklärlich, sondern die Neuheit
3
Wissen isst Macht

Das Neue ist neu. Es ist nicht ›anders‹, es ist nicht ›fremd‹, es ist neu. Neu ist, was ›gerade‹ noch nicht vorhanden war. Es ist aufgetaucht, gerade jetzt, und zwar zum ersten Mal. Gerade jetzt? Das kann sich dehnen. Solange das Neue nicht assimiliert ist, bleibt es das Neue. Es zieht eine Spur – eine kurze, eine lange. Das liegt am Neuen oder am Nicht-mehr-Neuen, vielleicht an beidem.

*

Dazwischen liegt, man mag es mögen oder nicht, die Region des Nicht-mehr-ganz-Neuen, des Nicht-mehr-Neuen, an dessen Neuheit du aus unerfindlichen Gründen festhältst: vielleicht aus Eigensinn (alles als neu Deklarierte ist noch nicht ganz ›akzeptiert‹), vielleicht aus Misstrauen (wer weiß, was sich noch daraus entwickelt), vielleicht aus Genusssucht (alles Neue frischt die Seele auf).

*

Und wenn du dich von all diesen Regungen frei wüsstest? Was wäre dann der Grund? Alles Neue verfügt über ein gewisses ›Potenzial‹, es hat noch nicht ganz gezeigt, was in ihm steckt und herauswill, es hat seine Wirkungen noch nicht ausgespielt, es hat sich noch nicht verloren in dem, was ist. Es besitzt die ›Kraft, die Wirklichkeit zu verändern‹. Insofern ist es noch nicht ganz wirklich (darin steckt auch ein Widerspruch, aber das kennst du ja schon).

*

Diese veränderte Wirklichkeit, wäre sie dann – im Ganzen genommen – neu? Die Wirkungen, die du gerade erwähntest, lassen sich nirgends begrenzen, es ist ein Dominospiel, das da gespielt wird, aber ohne Spielbrett. Also wäre Wirklichkeit immer neu? Neues geschieht, es geschieht unentwegt. Aber ist sie dann noch die Wirklichkeit? Was ist Wirklichkeit? »Das, worauf du zurückkommen kannst.« So kann man sich täuschen.

Nicht das Neue ist unerklärlich, sondern die Neuheit
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Wissen isst Macht

Sei neu: Was kann diese Aufforderung bedeuten? ›Tauche auf, wo man dich nicht erwartet‹? Wohl kaum. ›Überrasche alle, die sich ein Bild von dir machen‹? Das wäre Neuheit, die rasch verfliegt. Überraschend ist, was neu wirkt, ohne es zu sein: unter der neuen Frisur blickt uns das vertraute Gesicht an und verlangt, dass man es wahrnimmt. Es will nicht neu, es will dabeisein. Es will bewegt sein und will bewegen.

*

Diese Bewegung (der Zug eines Gegners, den du noch nicht kanntest): Sie überrascht dich, sie ist dir neu. Einen Moment lang lässt sie dich alt aussehen; du ›hattest sie nicht auf dem Schirm‹, sie hat dich kalt erwischt. Nun liegt es an dir, Antworten zu entwickeln, dich auf die Höhe des Neuen zu schwingen. Ob es dir gelingt, das ist die Frage. Nimm an, es gelingt und du bist wieder am Drücker. Auch du bist jetzt neu. Was tun mit deinem Neusein? Es ausleben? Zeit für einen Imagewechsel?

*

Andererseits: diese Bewegung, was wäre sie anderes als eine Variante von Schema F? Du kennst das, es ist dir vertraut, es kann dich nicht überraschen. Du reagierst kalt und reagierst sie aus: Du bist ganz der alte. Was bitte sollte dich verändern? Was hätte dich verändert? Im scheinbar Neuen das Vertraute erkennen verleiht eine andere Art Macht als die Anpassung an das Neue. Paradox: Das eine geschieht wie das andere. Es geschieht zur gleichen Zeit in ein und derselben Person.

Nicht das Neue ist unerklärlich, sondern die Neuheit
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Wissen isst Macht

›Sei neu‹ bedeutet – falls irgendetwas –: Sei nichts. Erwarte nichts. Erinnere an nichts. ›Vom Himmel gefallen‹ – wie fühlt sich das an? ›Aufgetaucht‹ – aus welchen Tiefen? Der Appell ›Sei neu‹ bedeutet nichts. Du verschwendest deine Zeit, solange du daran denkst. Doch diese Verschwendung ist dir lieb. Sie ist dein stiller Begleiter, einer, von dem du nicht weißt, woher er kommt und was er bedeutet. Vom Himmel gefallen? Aus der Tiefe heraufgestiegen? Himmel und Hölle verbinden sich in einem einzigen Wort und es bedeutet dir: nichts. Ein Neubeginn, das möchtest du sein. Hier, jetzt, immerfort.

Das ist die ›Ressource‹.

Was meinst du damit? Du bist du, du willst du sein, du willst dich erkunden, weil irgendetwas in dir der Überzeugung zuneigt, dann mehr ›du‹ zu sein, weniger aus Eigenliebe (mag sein, sie spukt im Hintergrund) denn aus Eigensinn: ihn willst du herausarbeiten, weil du annimmst, dass du in ihm den ›Schlüssel zum Universum‹ besitzt, während alle angelernten Gedanken dich ›in der Fläche‹ zerstreuen. Du bist also nicht zufrieden damit, du zu sein. Anders willst du sein, aber kein anderer –: im Grunde eine einfache Sache, allein auf diesen Grund kommst du nie. Nein, du willst nicht anders sein – ein Selbstmissverständnis! –, du willst dir auf den Grund kommen und das heißt, du willst, dass die Neuheit deiner Gedanken (und Empfindungen) dich ›von Grund auf‹ erneuert.

Denn so, wie du bist, siehst du alt aus.

Nicht das Neue ist unerklärlich, sondern die Neuheit
6
Wissen isst Macht

Nun also: die Pyramide. Kraft eines bürokratischen Aktes ist sie ›das Neue‹. Nicht weil sie neu wäre – Pyramide bleibt Pyramide. Auch die Menschen, die in ihr ein und aus gehen, sind weder neu noch bemerkenswert. Es sind Arbeitnehmer: Sie nehmen anderen die Arbeit weg, die jene ebenso gut ausführen könnten und sie damit anderen wegnähmen usque ad infinitum. Neu – wenngleich nichts Neues – wäre der Wille, an diesem Ort etwas Neues entstehen zu lassen. Dennoch … sobald du mit den Leuten sprichst, fühlt er sich an, als sei er selbst das Neue. Man kann nichts Neues wollen, ohne sich neu zu fühlen. Man kann sich nicht neu fühlen, ohne etwas Neues zu wollen. Diese Menschen fühlen sich irgendwie neu.

  • ―So etwas gab es noch nie. Nun muss es sich weisen.
  • ―Doch wie?
  • ―Finden Sie es heraus. Dafür wurden Sie ausgewählt.

Keine Frage, man hat dich freigestellt: nicht um dich die Geheimnisse vergangener Jahrhunderte ›im Licht neuer Erkenntnisse‹ entschlüsseln zu lassen, nicht, um den ›Subtext‹ dieser oder jener Kultur zu entziffern, sondern … um die Verhältnisse voranzubringen.

*

Die Verhältnisse, die guten alten Verhältnisse: nichts Abgestandeneres unter der Sonne als der Wunsch, sie ›voranzubringen‹, als hätten sie getrödelt und nun gelte es, ihnen ein wenig Feuer unter dem Hintern zu machen. Ungleichzeitigkeiten beseitigen, als seien sie nicht selbst das Feuer, das in den Verhältnissen lodert. Das erinnert, als Bild, an die phantasiemächtigste Technik eines in Blut und Zerstörung untergegangenen Jahrhunderts: das Stahlkochen. ›Im Feuer der notwendigen Kämpfe‹ gehärtet sollte der neue Typus Mensch Einzug in die Verhältnisse halten und sie revolutionieren, sprich von der Schlacke einer vergangenen Weltepoche befreien.

Meinen sie das? Die Erbauer der Pyramide … meinen sie das wirklich? Natürlich nicht – so nicht. Wie dann? Die neue Revolution steckt im kleinen Finger einer expandierenden Wissenschaft: der Wissenschaft vom Sozialen. Wer die Wissenschaft revolutioniert, der revolutioniert den Menschen. Wer die Wissenschaft ›verändert‹, was verändert der? Eine kleine, feine Bedeutungsdifferenz tut sich hier auf. Wer die Wissenschaft revolutioniert, der verschafft ihr neue Erkenntnisse. Wer sie verändert – nun, der verändert sie. Ist sie dann noch Wissenschaft? Falls nicht, was wäre sie dann?

Nicht das Neue ist unerklärlich, sondern die Neuheit
7
Wissen isst Macht

Motiviert sein. Gut eingestellt sein. Ein Bauchgefühl haben: Das lässt sich gut an. Das bringt mich weiter. Das bringt uns weiter. Aber es geht nicht ums Bauchgefühl. Es geht um den Wurf. Eigenartige Logik: Wenn neu sein nichts bedeutet, dann bedeutet der Wurf Erfüllung. Erfüllung des Wunsches, nichts zu sein.
Nichts von alledem.
Nichts außer: neu.

*

Die Sache mit dem Wurf wird dich noch beschäftigen. Man geht nicht in die Wissenschaft, um ›seinen Job zu machen‹. Man geht hinein, weil man sich den Wurf zutraut, vielleicht den großen, das wird man sehen, aber den einen oder anderen gewiss. Nicht zuletzt traut man ihn sich zu, weil man weiß, er wird von einem erwartet. Es ist die Erwartung der anderen, die ihn möglich erscheinen lässt. Gewiss werden sie nichts Unmögliches von dir erwarten: Das wäre ja Betrug und Schlimmeres – Ressourcenvergeudung.

*

Das aber bedeutet (du musst hier hartnäckig bleiben, sonst begreifst du es nicht): Was ›Wurf‹ ist und was bloß Dienst nach Vorschrift, das entscheidest selbstverständlich nicht du. Das Urteil darüber liegt bei deiner Umgebung, am Ende bei der weltumspannenden Wissenschafts­gemeinde: Sie hebt oder senkt den Daumen, je nachdem, ob sie dein Neues gelten zu lassen oder zu verwerfen geruht. Aber wenn du nicht weißt, was ein Wurf ist oder nicht, wer weiß es dann? Es ist müßige Rede zu sagen, die und die Theorie habe das Zeug dazu, die Wissenschaft zu revolutionieren, es ist Kaffeesatzleserei und sonst nichts.

*

Wenn allerdings von dir verlangt wird, die Wissenschaft zu verändern, dann hast du, solange dir niemand in die Quere kommt, freie Bahn: mehr als Mut zum Ungewöhnlichen wird nicht von dir erwartet. Der Imperativ lautet also: »Sei ungewöhnlich!« Wie ist man ungewöhnlich? Sicher nicht, indem man sich bemüht, im Rahmen der Standards zu glänzen. Du musst also die gewöhnliche Wissenschaft mit Füßen treten – das und nichts anderes ist dein Wurf. Wie lange das gutgeht? Nicht lange vermutlich. Du hast eine Spanne Zeit zur Verfügung: Nütze sie!

Nicht das Neue ist unerklärlich, sondern die Neuheit
8
Wissen isst Macht

Wer unterstellt, mit einem Wort oder ein paar Wörtern, aus der Mottenkiste geholt und mit erneuter Aufmerksamkeit bedacht, kehre der Rattenschwanz verstaubter oder verfallener Zustände zurück, an deren Ablösung eine ganze Generation gearbeitet hat, der entsorgt sich selbst. Das ist selten hilf-, aber meistens lehrreich.

*

Warum dieser Gedanke? Warum jetzt? Weil er hier am Platz ist. Man kann von der Pyramide halten, was man will, aber dem innersten Impuls nach, so wie du ihn verstehst, verdankt sie sich einem Veränderungswunsch, der angekommen ist, der sich in der Wirklichkeit eingerichtet hat, als müsse jetzt losgehen, was bereits Sache ist. Die Zeit festhalten hieße, wollte man ihm folgen, sie zurückdrehen; sie weitertreiben – ›überwinden‹ – hieße, sie zu bewahren: So vertrackt sieht es aus. Die Pyramide ist also Zeitgeist pur, ein Zeugnis der Angst, hinter sich zurückzufallen ins ewige Gestern, das keiner mehr will.

*

Das siegreiche Neue überfirnisst die Welt: Glanzpunkte entstehen an Stellen, die gerade noch stumpf, unansehnlich, unscheinbar dalagen, andere, die gestern noch funkelten, sind erloschen, man müsste schon Spezialisten bemühen, um ihre Lage zu erkunden und den Weg zu ihnen zu finden. Wer will das angesichts der Kürze des Lebens? Wer will das angesichts des Wunsches, gesehen zu werden?

Nicht das Neue ist unerklärlich, sondern die Neuheit
9
Wissen isst Macht

Wenn irgendwo etwas Neues beginnt, dann bedarf es neuer Wörter, um es kenntlich zu machen. Solche Wörter brauchen nicht erfunden zu werden, sie sollten es nicht einmal. Vermutlich müssen sie zum ältesten Bestand gehören, um ihre Aufgabe nahtlos zu erfüllen.

*

Das Neue ist nie einfach neu. Es ist umgeben von den Insignien früherer Mächte, die nach langem Exil zurückkehren. Die Eingeweihten wissen, dass etwas ganz und gar Neues ganz und gar unbegreiflich bliebe, nicht fassbar und damit, selbst bei größter Sichtbarkeit, unsichtbar.

*

Nur was sich fassen lässt, ist auch sichtbar.
Sichtbar heißt: massentauglich.
Masse: in der Bedeutung, in der jemand von der ›Masse der Gelehrten‹ oder der ›Masse der Kinobesucher‹ spricht.

*

»Das taugt für die Masse.« Es liegt etwas Wegwerfendes in dieser Sentenz und niemand bekommt es heraus. Wer kann, ist ›allemal‹ weiter. Das Neue, heißt das, ist ordinär. Aber das ist viiiieeeel zu krass gesprochen und muss eilends zurückgenommen werden. Das Neue ist … rehabilitiert. Eingeweihte wissen: Das geht vorbei.

 

Die Metropole ist eine Installation

Budenzauber
1
Die virtuelle Stadt

Die Augen kleben am Sehgerät, das, an einer beweglichen Stange befestigt, von der Decke, genauer: von einer an der Decke montierten Schiene herunterhängt. Zu beiden Seiten des Sehgeräts befinden sich Griffe: mit ihrer Hilfe lässt es sich längs der Schiene vorwärts und rückwärts bewegen. Du fragst, ob es gestattet sei, sich der Apparatur zu bedienen, und die Aufsicht, eine gelangweilte junge Frau, nickt dir aufmunternd zu. Du blickst, etwas zögernd erst, durch das Linsenpaar und erkennst einen Flussverlauf, dem das Auge zu folgen scheint. Über dem Fluss steht, in leicht lesbaren Lettern, der Name einer einstigen Großstadt, heute zum Stadtteil degradiert, denn nichts währet ewig unter der Sonne, wie der Prediger, sicher nicht ohne Hintergedanken, die Seinigen lehrt. Inzwischen hast du die Apparatur fest in beide Hände genommen und wunderst dich darüber, wie leicht der Blick dahingleitet. Neue Namen, verbunden mit den entsprechenden Silhouetten, tauchen am rasch wechselnden, sich am Flussverlauf orientierenden Horizont auf und verblassen, ins Riesenhafte zergehend, sobald sie den Vordergrund erreicht haben. Unter den Namen stehen Einwohnerzahl, Gründungsjahr und Zusammensetzung des Magistrats nach Parteibuch / Geschlecht, darunter eine Liste ansässiger Weltfirmen, darunter die Namen von Pop-Berühmtheiten, vermutlich, weil sie am angegebenen Ort das Licht der Welt erblickten, die älteren unter ihnen noch unter einer schmutzigen, ewig wolkenverhangenen Sonne, Kohlenstaub im der Nase entströmenden Dauerrotz, die jüngeren unter einem hin und wieder blitzblanken, ansonsten diesig-freundliches Grau verbreitenden Himmel, zu dem keiner aufblickt.

Budenzauber
2
Archiv der Sinne

Lange dauert es nicht und du entdeckst den Clou des Geräts. Du musst nur ein wenig seitlichen Druck ausüben und gleich, nach Stärke und Länge des Impulses variierend, erhältst du weiteres Material eingespielt: Aufnahmen von Rat- und Gotteshäusern, die meisten davon aus der Zeit nach der Reichsgründung stammend und in ›betont schlichter‹ Manier in den Jahren nach den Bombardements wieder aufgebaut, Landschaften aus Häfen, Bahnhöfen, Flughäfen, Autobahnen, durchsetzt mit den Sauriern des Industriezeitalters, den Zechen und Stahlschmieden, über still im Abendschein blinkenden Kanälen, Ebenen mit Schiffshebewerken und Riesenzylindern, die einst das aus der nebenan geförderten Steinkohle rekrutierte Gas aufbewahrten und später für die Kulturschickeria zu Bühnen- und Ausstellungs­zwecken umdekoriert wurden. Mutig geworden, drehst du am Griff und stehst unvermittelt vor einem Betriebstor, als hätte deine Schicht in diesen Minuten begonnen. Eigentlich müsstest du die kleine rosa Plastikkarte zücken, die dir den Eingang aufsperrt … welch sonderbares Augenblicksglück, dass eine unwillkürliche Bewegung der rechten Hand dich fort in die Flaniermeile schleudert, die Welt der Auslagen, Spielsalons, Frittenbuden und Shisha-Bars… Gleich fühlst du dich deutlich heimischer. Doch ein Fremdheitsgefühl bleibt. Also drehst du weiter und –
Schlagartig setzt der bereits vermisste Sound der Arenen ein, das mit nichts zu vergleichende Brüllen der fußballerregten Massen vor dem längst schon die Lüfte erfüllenden Anschlusstreffer, und du realisierst: Der Pott lebt. Da lächelt die Hilfskraft am Einlass zerstreut und widmet sich ihren Fingernägeln.

Budenzauber
3
Verkehrsnetzwerksmonitor

»In dieser Stadt … in dieser Stadt … kommen Sie ruhig herein, es sind noch genügend Plätze frei. Setzen Sie sich in die erste Reihe, bleiben Sie nicht stehen, bleiben Sie ruhig … in dieser Stadt zählen wir dreiundzwanzig, ich wiederhole: drei-und-zwanzig Verkehrssysteme, die im Prinzip unabhängig voneinander benützt werden könnten, was aber nicht geschieht, weil es bequemer ist, an bestimmten Knotenpunkten von einem ins andere umzusteigen. Sehen Sie, was jetzt blinkt, das sind die Knotenpunkte zwischen den Hauptsystemen, also Straße, Hoch- und U-Bahn … Bus und Tram nicht vergessen, die zwar in diesem Fall auf das allgemeine Straßennetz zurückgreifen, aber in gewisser Weise, jedenfalls der Intention nach, natürlich autark sein sollten. Die Aufgabe besteht darin…« Die Aufgabe besteht darin … die Aufgabe besteht darin…
Im Dreivierteldunkel der Vorführkammer leuchtet das Gestühl, zumindest glimmt es im Restlicht. Das erleichtert die Orientierung. Vielleicht sollten auch die Stühle blinken, zumindest die frei gebliebenen, wann immer ein neuer Besucher den dichten Vorhang beiseiteschiebt und, von der leuchtenden Tafel geblendet, sein Raumgefühl zu ordnen versucht. Stattdessen dieses mit der Lautsprecherstimme zum schier unauflösbaren Knäuel verfitzte Knistern und Rauschen…, verursacht durch das ungeregelte Kommen und Gehen entlang und zwischen den Reihen, ein Tasten und Schieben am Rande des offenen, durch die diskrete Atmosphäre zwar untersagten, nichtsdesto…trotz im Schutz der Dunkelheit sich zwanglos andienenden Drängelns und Schubsens.
Mit dem Licht ist auch die allgemeine Merkfähigkeit, bezogen auf Gesichter, herabgedimmt. So, lautet der Subtext der Vorführung, funktioniert Verkehr: mittels Atomisierung, Anonymisierung, Kanalisierung und wechselseitiger Nötigung derer, die an ihm teilnehmen. Noch Fragen? Noch Fragen irgendwelcher Art? Gut, dann schauen wir uns an, wie es sich ausnimmt, wenn wir die vorhandenen Verkehrswege, dieses ganze bunte, an den Stadtgrenzen ausdünnende Geschlinge nach und nach ausknipsen, ganz recht, ausknipsen: Es wird dunkler, ganz recht, dafür treten die verbliebenen Linien stärker hervor. So ist das mit den Verbliebenen, so war es, so wird es immer bleiben, die Verbliebenen machen das Rennen, dafür steigt dann die Belastung. Das ist ganz normal. Zwölfkommafünf Millionen Passagiere täglich wollen befördert werden… Wollen sie denn? Wer sagt uns eigentlich, dass sie es wollen? Der Haupt­bewegungs­grund, die den allermeisten Bewegungen zugrundeliegende Einstellung ist die Gedankenlosigkeit. Die Metropole besteht, wie der Mensch aus Wasser, zu siebzig Prozent aus Gedankenlosigkeit. Das kann man nicht ändern, das soll man auch gar nicht zu ändern versuchen, aber man kann es doch lenken…

(Hat die Stimme Subtext gesagt? Hat sie wirklich Subtext gesagt? An welches Publikum wendet sich diese Demonstration? Sind noch keine Beschwerden eingelaufen? Erstaunlich, wirklich erstaunlich.)

Budenzauber
4
Lost in Paradise

Was ist … ach –! Erstaunlich die Leere. Keine Schulklasse, nein? Zufall. Dieser Anblick ist nur für dich bestimmt. Du bist nun innen. In was? Im Zirkel des Wahns. Ein Panorama ist ein Panorama ist ein P… Woran erinnert dich das? Ja sicher, ans Unbeschreibliche. Ein jedes Panorama ist unbeschreiblich.
Die virtuelle Ruhrstadt, in eine kreisende Trommel gepackt, ist unbeschreiblich. (Sie beschreiben hieße sie mit bloßen Worten überschreiben und darauf reagiert sie allergisch. Ist das Resignation? Feststellung? Lob? Selbstfeier?) Wer immer sie erschuf, er kann nicht mit dir als Besucher gerechnet haben. Zwischen ihr und dir steht, eine Mauer, der Rhythmus. Die Bilder ziehen. Und du? Magst nicht gezogen werden. Zwei Rhythmen drehen sich umeinander im Kreise und kämpfen, ineinander verhakt, gegeneinander an.

10° 20° 30° 40° 50° 60° 70° 80° 90° 100° 110° 120° 130° 140° 150° 160° 170° 180° 190° 200° 210° 220° 230° 240° 250° 260° 270° 280° 290° 300° 310° 320° 330° 340° 350° 360°

Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen – Betreutes Sehen –

»Schau an, sagst du dir, die Stadt da draußen durchläuft eine Anpas­sungskrise und gibt eine Menge Geld aus, um sich zu präsentieren, so als könnten die Leute auf den Straßen und die Straßen selbst und die Radwege und die Häuser und die Stromleitungen und die Gasleitungen und die Wasserleitungen und die Abwasserleitungen und die Pizzerien und die Dönerbuden und die Kindergärten und die Drei-Sterne-Hotels und die Stahlwerke und die Kraftwerke und die Umspannwerke und die Kunstwerke und die Müllabfuhr und die Privatbühnen und die Puffs, die in die Jahre gekommenen Badeanstalten, die Hightech-Büros samt anhängenden Fitness-Studios, die Diskotheken und Eckkneipen und Sportplätze und Marktplätze und Museen und Nagelstudios und Frühstückscafés, die Edelboutiquen, denen es blendend, die Ramschläden, denen es ›echt schlecht‹ geht, mitsamt den Buchläden, die schon dichtgemacht haben, auf dem Weg in die Zukunft verloren gehen und als müsste dies mit allen Künsten des Betrugs und des Selbstbetrugs verhindert werden…

Budenzauber
5

… vielleicht ist ja auch die Pyramide, aus städtischer Perspektive betrachtet, nur ein solcher Betrug, und dass sie diese ebenso aufwändige wie liebedienerische Besucherflucht eingerichtet hat, ist vielleicht ein Betrug am Betrug, denn die Krise ist schließlich real und das hier ist irreal, aber in seiner Irrealität abstoßend real, so dass sich Irrealität und Realität ebenso unsortierbar miteinander mischen wie in den Puppenhäusern der Kleinkinder, mit denen sich immerhin etwas anfangen lässt, vorausgesetzt, man ist Kind, während das hier…«

Die Krise will gemeistert werden und gemeistert wird sie durch was? Ganz recht: durch Folklore. Wir sind wir.

10° 20° 30° 40° 50° 60° 70° 80° 90° 100° 110° 120° 130° 140° 150° 160° 170° 180° 190° 200° 210° 220° 230° 240° 250° 260° 270° 280° 290° 300° 310° 320° 330° 340° 350° 360°

WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND WIR SIND

 

Ein Sittenpastiche

Unterwegs in der Ruhrstadt
1

Unterwegs in der Ruhrstadt, die Sprache der Region färbt bereits ab, so wie die herbstlichen Kastanienblätter unter den Füßen den Schuhsohlen einen Ton einfügen, der zart an Gemälde des frühen van Gogh, stärker allerdings an das Schmutzgrün der Militäruniformen erinnern, die sich hier und da, von älteren Frauen aufmerksam beäugt, in die öffentlichen Verkehrsmittel zwängen. Du verlangsamst den Schritt, stockst, kehrst um. Dieses Geschäft hier hast du noch nie gesehen. Du zögerst, es dir einzugestehen, aber es nützt nichts, es muss heraus: So etwas hast du noch nie gesehen. Es sei denn...

Unterwegs in der Ruhrstadt
2

Zusammen mit dem stillen Eingeständnis, aber versetzt, kommt eine Erinnerung, sie kommt, kommt langsam, du musst, du musst warten, bis du ihre Züge erkennst, zwischendurch verschwindet, verschwindet sie wieder, ist schon, ist schon da, nicht wirklich, nein, nicht wirklich, gleich tritt sie aus dem Dunst, ohne Hand und Fuß zwar, aber an sich intakt, ein in sich ruhendes, der Bewegung harrendes Organicum –

Unterwegs in der Ruhrstadt
3

Das Schaufenster liegt im stillen Schein einer Wohnzimmerlampe, einem dieser wirr auseinander gebogenen Liktorenbündel, an deren Enden an zusammengeschobene Papierblätter erinnernde Schirmchen sitzen, der Raum leergefegt bis auf ein wuchtiges Sofa mit durcheinander geworfenen Sitzkissen, einen niedrigen Tisch, auf dem drei halb geleerte Gläser und zwei geöffnete Flaschen stehen, dazu zwei Stühle. Ein Bühnenraum also, vielleicht ein Proberaum. Die fehlende vierte Wand geht auf die Straße, als Einladung an die Passanten, verstreute Partikel der dort drinnen entstehenden Aufführung aus dem Augenwinkel wahrzunehmen oder sich in Voyeurs-Manier die Nase an der Scheibe platt zu drücken und der Dinge zu harren, die da kommen werden.

Unterwegs in der Ruhrstadt
4

Andere Zeit, anderer Ort. Du schlenderst eine stille Wohnstraße entlang, der verblasste Schriftzug ›Wäscherei‹ dort vorn wäre dir beinahe entgangen, nur das undekorierte Schaufenster erinnert noch an frühere Tage. Drinnen steht, etwas einsam, etwas verlassen, ein Kinderwagen mit hochgezogenem Regenschutz, als stünde er noch immer im Freien. Du klingelst, eine junge Frau, rötlicher Typus, erscheint auf der rückwärtigen Schwelle –
Ihr Auftritt nimmt die ganze Erinnerung ein. Es fehlt das Zeitmaß. Du könntest dieses Detail übertreiben oder verschwinden lassen. Es würde dich keine Mühe kosten, aber die Erinnerung wäre verfälscht. Ein Vergangenheitsfetzen kommt, wird stark und verblasst, gerade jetzt, da er dich ergreift, taucht er weg. Regnet es? Die Erinnerung ist dicht, aber sie gibt es nicht her.

Auch heute, hier, im Schein der Wunderlampe,
bewegt sich etwas –
Unterwegs in der Ruhrstadt
5

Die junge Frau, einen Säugling im Arm, öffnet. Eine fremde Vertraulichkeit passiert deine Haut, als habest du damals an etwas Anteil genommen, das sich mit der Zeit zersetzt hat, so dass du nicht einmal eine Spur davon in dir findest. Was immer gewesen sein mag, es ist auf und davon. Doch das Gedächtnis ergänzt es mühelos aus den Beständen … selbst eine bimmelnde Ladentür findet sich darunter. Gerade sie drängt nach vorn. Ist sie echt? Unwahrscheinlich. Du verwirfst die Empfindung – und sie kommt wieder. Wie auch immer, du hast den Raum betreten, er umfängt dich, du atmest, wenngleich verhalten, seine Gerüche, du empfindest seine Ausdehnung, seine Weite, seine Beengtheit (ja, er beengt dich bereits), er ist überall, aber nicht vollständig, seine Dichte bleibt fragmentarisch. Nein, noch vermagst du nicht zu entscheiden, wer diese Frau ist. Ihr scheint befreundet, nicht sonderlich eng, eher … verhalten. Eure spürbare Reserve bringt den Dritten ins Spiel, den Freund im Hintergrund, der die Gruppe schließt. Jemand ist da, ohne da zu sein. Woran du das erkennst? Du weißt es. Du weißt noch mehr, aber das Wissen entzieht sich, teilweise jedenfalls, denn sonst wüsstest du zu unterscheiden: »Nein, das ist es nicht«, oder: »Das könnte es sein, nur sicher bin ich mir nicht.«
Wie gesagt, wäre deine Erinnerung klar und sauber, du wüsstest zu unterscheiden, aber tatsächlich weißt du nichts. Denn sofort beginnst du – oder dein nach Klarheit dürstendes alter ego – mit der Erinnerung zu spielen wie die Katze mit einem Wollknäuel.
Kein Wunsch, kein Drang, ein Spiel: Was könnte gewesen sein? Auch das nicht wirklich, eher ein Ausprobieren verschiedener Pfade, damit es weitergeht, während es immerfort weitergeht, denn die Erinnerung steht nicht still, sie wartet nicht, sie wirkt ungeduldig und unkonzise, jeder Ansatz nimmt sie mit, führt er nirgendwohin, so reißt sie sich los und taumelt davon.

Im Schein der Wunderlampe begibt sich etwas.
Eine Tür geht auf, eine blonde Frau schwebt
herein, sie scheint nervös oder verärgert,
jedenfalls abwesend, ihr Schritt
schneidet in den Raum,
man müsste es knirschen hören,
doch die Scheibe lässt kein Geräusch durch.
Die blonde Frau nimmt die Gläser
mit einer Geste vom Tisch,
als habe sie sich vorgenommen,
irgendetwas zu tun, um den Gang
quer durch den Raum zu rechtfertigen.
Was geht da vor?
Kein Zweifel, sie wünscht sich zu zeigen:
›in der Schwebe‹, als trage sie diese Person
auf unsichtbarem Tablett vor sich her
und wieder hinaus.
Du wartest bereits darauf, dass sie entschwebt,
doch sie verzögert, sie hält deinem Blick stand,
sie bewegt sich in ihm, als handle es sich um eine Blase,
die ihr Wärme, Sauerstoff, Zuwendung, kurz,
ein wenig Leben zuführt, das sofort erlischt,
sobald die Blase platzt.
Sie geht zum Fenster,
›instinktiv‹ sucht sie die Stelle, an der du stehst,
sie streift vorbei, unbeteiligt, als gebe die Scheibe
den Blick nur in eine Richtung frei, als gleite sie
durch einen vollkommen geschlossenen Raum.
Du weißt: das ist Fiktion.
Wessen Fiktion?
Ihre? Deine?
Sie verhält den Schritt,
fast lehnt sie den Kopf an die Scheibe,
etwas wie Härte oder Verachtung
geistert durch ihre Miene.
Sie ritzt den Raum der Fiktion:
ein kleiner Schmerz, ein wenig Blutgeschmack
lassen ihn wirklicher werden,
fast wirklich,
gleichzeitig zieht sie die Grenze deutlicher,
beinahe klirrend:
die Frau. (Warum diese?)
Unterwegs in der Ruhrstadt
6

Der abwesende Freund bestimmt die Szene. Etwas ist los mit ihm, aber wie du ihn auch zu biegen versuchst ... der Gedanke bewegt sich nicht, er haftet an der Erscheinung Veras, der jungen Frau, er ist ein Teil ihrer Aura. Die bewegliche Erinnerung dagegen hat sich des Freundes bemächtigt und lässt nicht mehr von ihm ab. Sie skizziert einen Lockenkopf, schwarz, ein paar lustige Augen, beschattet vielleicht, keinen, der im Hintergrund bleibt, sobald er die Szene betritt, aber auch keinen Drängler, keinen, den es unaufhaltsam ins Rampenlicht zieht. Da steht er, von der Seite angestrahlt und schon zerbröckelnd, sich ins Diffuse zurückziehend, als betrachte er das als besonders kleidsam. Die Frau, Vera, lässt ihm den Vortritt, sie ›lässt ihn vor‹, nicht resigniert, eher zustimmend, still beteiligt, zufrieden über die Aufmerksamkeit, die ihm entgegen ... nun, vielleicht nicht schlägt, aber doch kommt, ein Stück weit jedenfalls, um dann von ihm abzulassen, vielleicht, weil die mittlere Entfernung in seinem Fall doch die beste ist und der Eindruck der Person im Näherkommen zu verschwimmen beginnt. Mag sein, Vera kennt den Effekt bereits, seit sie diesen da aus dem Kreis der Kommilitonen herauslöste, um ihre Gefühls‑ und Lebenswelt mit ihm zu teilen, mag sein, darin liegt der tiefere Grund für die Existenz des auf ihren Knien zappelnden Säuglings –: einmal musste der Mann, mit dem sie sich zusammengetan hatte, doch entschiedene Züge annehmen, es kann nicht sein, dass einer als Schemen durch alle Verhältnisse hindurchgeht und nur am Mensatisch glänzt.
Natürlich kann es sein, warum sollte er gerade jetzt ein anderer werden, wo er ihr doch gefallen hatte, wie er ist?

Auf dem Sofa unter der Wunderlampe
fläzt sich, zurückgelehnt, eine Person,
die Beine breit in den Raum
gestreckt, blätternd in einem Magazin,
als suche sie eine bestimmte Information,
vielleicht die Kleinanzeige eines auf Hausbesuche
spezialisierten Handwerkers. (Es passiert jetzt, daher
steht es dir frei, Mutmaßungen anzustellen
und das Verhalten der Anwesenden
so zu erklären, wie es dir schmeckt.)
Die linke Hand,
die das Papierbündel hochhält,
ist zur Faust geballt.
Die rechte, bewegliche,
entreißt ihr Blatt um Blatt –
ein knurrendes, hüpfendes Hündchen,
gleich wird sich’s verbeißen. Diese Person
besitzt ein rohes, aber keineswegs plumpes Gesicht,
zurechtgemacht wie das eines Schauspielers.
Gäbe eine Hälfte den Blick
auf die unter der Haut liegende Muskulatur frei,
es erschiene dir stimmig.
An einen solchen Grad von Künstlichkeit
hat wohl niemand gedacht.
Seltsamer Gedanke: Wer denkt sich so etwas aus?
Wer denkt hier überhaupt? Nach Lage der Dinge
bist du’s, der hier denkt, deine Gedanken verlangt es
nach der unsichtbaren Hand der Regie,
dein Wunsch, es möge etwas dahinterstecken,
tastet alle Elemente ab, weist sie
Mustern zu, die dir vertraut sind, aber auf diesen Fall
nicht recht passen wollen.
Der Ausdruck ›Nullregie‹ steigt in dir auf.
Bild eines kreisenden Fingers,
der sich nicht auf die Wunde legen will.
Welche Wunde? Welche
Wunde?
Regie scheint
vorhanden, aber nicht tätig zu sein. Sie scheint
die flache Phantasie
des Kollektivs durch Untätigkeit zu kitzeln,
das sich so etwas ausdenkt.
Sind das Schauspieler?
Benehmen sie sich wie Schauspieler?
Wer bezahlt sie? Vielleicht bezahlt
niemand sie und sie fühlen sich frei,
auf dieser Bühne, die keine ist, zu tun und zu lassen,
was man sie, unter der Tyrannei ihres ›Jobs‹,
unterdrücken lehrte?
Andererseits zeigen sie nichts
außer dem, was ihre Lehrer ihnen
gleich zu Beginn ihrer Laufbahn beibrachten,
einfache Schritte, einfache Posen,
einfache Orientierung im Raum:
Laien, die Schauspieler mimen.
An der Wand steht:
»Geschlecht: männlich«.
Es könnte auch heißen:
Brich den Stab!
Unterwegs in der Ruhrstadt
7

Vera kauert auf einer selbstgebauten, mit Polstern bedeckten Liege. Das Kind reckt die Ärmchen und rollt hin und her. Du hast dich auf einem Stuhl niedergelassen, der dein Gewicht kaum zu tragen scheint. Noch vor wenigen Tagen, dessen bist du dir sicher, wirkte er neu und stabil. Du hast dich niedergelassen, aber es will kein Sitzgefühl aufkommen. Lieber stündest du aufrecht und frei im Raum. Doch soviel Abstand, auch dessen bist du dir sicher, steht dir nicht zu. Du wirfst einen Seitenblick auf die Straße, wo ein paar Fußgänger unter ausgeklappten Schirmen den Regen durchmessen und uns neugierig mustern. So aus der Nähe betrachtet zu werden geniert sie, ihre Blicke prallen zurück und richten sich starr auf die vor ihnen liegende Strecke. (Das alles siehst du – nicht durch- oder hintereinander, sondern plastisch, ungefähr wie die Bewegungen einer Schlange, die auseinanderzuhalten dir nicht gelingen will.)
Der Freund, jetzt weißt du es, ohne dass ein Wort darüber gefallen wäre: Er ist, wie man damals sagte, gegangen; was von seiner Aura zurück blieb, ist der süßlich-faulige Duft des Abschieds, in dem sich bereits der kalte Atem kommender Unterhaltsstreitereien und Sorgerechts-Ausein­ander­setzungen ankündigt.

Der Schauspieler hat sich erhoben und ist ans Fenster getreten.
Er baut seinen Körper auf und lockert die Muskulatur.
Das Hemd hat er abgelegt, umständlich,
etwas zu demonstrativ für einen,
der sich, umgeben von seinen Wänden,
unbeobachtet fühlt. Er weiß, ein fremder Blick ruht auf ihm.
Er müsste sonst blind sein. Und sogar dann...
Diese künstliche Blindheit, hervorgerufen
durch den Umstand, nicht sehen zu dürfen,
weil das gegen die Spielregeln verstieße,
sie erzeugt ein Publikum sonder Zahl,
Hunderte, Tausende von Gesichtern, aus deren Augenhöhlen dieselben dunklen, magnetischen Knopfaugen
jede seiner Bewegungen verfolgen,
starr, mechanisch, aber erfüllt
von einem Leben, das nirgends
zu teilen bereit ist. Der Mensch hinter der Scheibe,
das zum Bewusstsein seiner selbst herangereifte Zootier,
das für Besuchermassen denkt, arbeitet, stirbt, sich entblößt,
intime Gesten ausführt und sein Bedürfnis befriedigt,
lebt ... irgendein Minimum, du musst nur
herausfinden, welches,
um –
Unterwegs in der Ruhrstadt
8

Zwei Passanten, hart am Gebäude entlangstreichend, rücksichtslos lachend, redend, gestikulierend, fräsen sich durch den Raum, als schüfen sie diesseits der Scheibe einen Korridor, nur für sie bestimmt, mit Wänden aus vibrierender, schreckenstarrer Luft, an denen der Regen, erst Schlieren, dann Rinnen bildend, herabläuft. Berührt es die junge Frau? Nein, es berührt sie nicht. Sie entkleidet den Säugling und beginnt ihn trockenzulegen. Mit weichen Bewegungen umfasst sie den zappelnden Leib, das strotzende winzige Ichgebrüll, das in ein Quieken übergeht und weiter in ein kehliges Glucksen, aus dem, wer mag, den abwesenden, nun nicht mehr zurückkehrenden Vater heraushören kann. Vera wirft den Kopf zurück, als habe sie deine Gedanken erraten. Sie öffnet die Bluse, hakt den BH auf und stöpselt dem Sprössling die linke Brustwarze ins Mäulchen. Der Gast, von flüchtiger Scheu berührt, denkt an Aufbruch. Doch sooft er auch aufzustehen versucht, stets drückt ihn eine leise wehrende Macht aufs Sofa zurück, deren Gesten sich im Zeitdunkel verlieren, ohne dass sie an Wirksamkeit eingebüßt hätten. Stehen sie weiter im Raum? Welchen Raum umspannt eine Erinnerung? Oder, umgekehrt gedacht: Wieviel Erinnerung passt in so einen Raum?

Der Schauspieler entkleidet sich weiter.
Er knöpft die Hose auf, schiebt sie
vorsichtig übers Gesäß, als stecke in der karierten
Unterhose, die aus der verwaschenen Hülle
ans Tageslicht kommt, ein schmerzhafter Furunkel.
Der Vergleich hinkt, wie der fehlende Schmerzausdruck bezeugt.
Aber wer weiß. Mag sein, er wird
erst in einem späteren Probenstadium angeliefert
und eingebaut. Das wäre möglich.
Möglich auch, dass hier ein wirklicher Profi
den Schmerz, der sich nicht zeigen darf,
für seinen Auftritt arbeiten lässt, als Produktivkraft, die mehr
zeitigt als das, was der unverhüllte Ausdruck
›zum Ausdruck‹ brächte.
Vielleicht bist auch du es, der den Schmerz beisteuert,
so wie du ihn angesichts jeder Dummheit empfindest,
die sich zur Schau stellt.
Dummheit, du fühlst es, hier ist sie im Spiel,
sie steht im Raum, will
sich zeigen, will, zusammen mit den Klamotten,
die Scheu vor dem anderen ablegen,
die Scham überlisten, warum?
Um zu kommunizieren.
So lautet der Code.
Unterwegs in der Ruhrstadt
9

Bist du gegangen? Bist du nicht gegangen? Wann bist du gegangen? Die Erinnerung gibt es nicht her. Warum? Will sie es behalten? Was liegt ihr an dem Stoff? Sollte sie noch etwas damit vorhaben? Vielleicht hat sie ihn bereits anderweitig verbaut und er mischt sich an Stellen in dein Erleben, an denen du ihn niemals vermutet hättest: grundierend, tönend, Konturen sachte mitformend, die völlig anderen Ereignissen und Ereignisfolgen zugehören, womöglich, wer weiß, schon nicht ganz schuldlos an ihrem Entstehen –. Das wäre doch ... ja, es wäre seltsam, aber auch erhellend wie der sprichwörtliche Blitz in tiefer Nacht, der dem Wanderer hilft, die Orientierung zurückzugewinnen. Und wenn du es dir recht überlegst: Nein, unmöglich wäre es nicht. Du musst nur den Appell dazulegen, mit dem die im Treiben der Assoziationen schnell verblassende Erinnerung sich von dir verabschiedet, das leise, möglicherweise stumme, möglicherweise ausgesprochene »Bleib doch!« der jungen Frau, von dem du heute weniger denn je zu sagen weißt, ob es nur die der fälligen Erzählung geschuldete Zeit umfasste oder als Versuchsballon bereits auf ein anderes Maß zielte. Die geschäftige junge Mutter jedenfalls fand deine dem Zufall geschuldete Anwesenheit ›praktisch‹.

Der Bursche
in der karierten Unterhose
hat es sich überlegt. Er klaubt
seine Klamotten vom Boden und
entfernt sich, als habe er eingesehen,
dass an dieser Front nichts zu holen ist außer
dem Hohn der eingebildeten Millionen, vor denen er
paradiert, außer vielleicht ein Besuch seitens der Polizei,
herbeigerufen von einem der zahllosen Nachbarn
an ihren häuslichen Beobachtungsposten,
die sie keinen Augenblick aufgeben dürfen, denn sonst
entginge ihnen das Beste.
Wahrscheinlich hast du selbst
dich längst verdächtig gemacht.
Ein Vorübergehender, der nicht vorübergehen will.
Auch dieser Faktor will bedacht sein. Er gehört ins Bild.
Schweigt die Regie, hört man das Atmen der Ordnung.
Es gibt viele Weisen, das auszudrücken.
Man kann es ausdrücken wie ein Furunkel:
da es nun einmal heraus ist,
wer fragt nach dem Druck?
Wer fragt nach der Regie,
diesem einfachen Hirngespinst, gut versteckt
unter der Schädeldecke der Vielen,
ehe sich einer
damit definitiv übernimmt?
 

Die Stadt, Etui der Seele

Unreal City
1
Erwäge:

Wo du aus- und eingehst, da spielt das Leben. Es spielt mit dir, mit deinem Körper, mit deinen Gedanken, es gibt dir Wege vor, die du gehst, es gibt dir nach, es lässt dir den Vortritt. Gerade darin spielt es, denn überall sonst sucht es den Vortritt. Es lässt dich zu: erstaunlich, wenn du bedenkst, welche Energien notwendig sind, um eine beliebige Stelle im Universum hervorzubringen und mit Lebewesen wie dir zu bevölkern.

Nicht die Winzigkeit, die Beliebigkeit ist das Erschreckende.

Es beliebt dir, durch diese Tür zu gehen: schön und gut, aber damit hätte es rasch ein Ende, bliebe die Tür verschlossen. Irgendwann hat sie sich geöffnet, du kannst nicht behaupten, für dich, denn darüber weißt du zu wenig (schon das wenige wäre geeignet, dich zu verschrecken, wärest du bereit, dich ihm zu stellen), was dann? Für einen deinesgleichen. Das klingt schon besser. Aber es befriedigt in keiner Weise. Vor allem befriedigt es keinen von denen, für die sie verschlossen blieb, obwohl du sie doch für deinesgleichen hältst – und sie sich vermutlich auch.

Unter all den Zahllosen, dir dir gleichen: Wer wäre nicht deinesgleichen? Wer von den Freunden zum Beispiel, den Gleichsten der Gleichen, wäre nicht gern an deiner Stelle durch diese Tür gegangen? Aber das hier ist keine Frage von Freundschaften. Es geht nur dich etwas an und es ist prinzipiell. Du und deinesgleichen: Worin liegt der Unterschied? Wer macht diesen Unterschied auf? Versuch es nur: Den Unterschied, der dich macht – nicht ausmacht, nein: macht, herstellt, hervorbringt, produziert, gerade ihn kannst du nicht produzieren.

Der kleine Unterschied, der alles stellt, wie es ist, die winzige, vielleicht leere Differenz zwischen ihnen und dir, gerade sie entzieht sich dir. Wie reagierst du darauf? Schon gibst du dein Bestes, um dich erkennbar zu machen. So machen’s alle. Mit welchem Ergebnis? Wie sorgfältig du dich kleidest, um erkennbar nicht aufzufallen. Schlimm wäre es, aus dem Kreis herauszufallen, der sich – durch Fügung – geöffnet hat, um dich aufzunehmen. Dieser Kreis hält dich im Leben: das weißt du mit einer Sicherheit, die keiner Hypothese eignet.

Dabei ist diese die schwächste von allen.

Unreal City
2
Die Stadt,

in deren Häusern du aus- und eingehst, enthält dich anders. Zum Beispiel verspürst du keine Angst, sie könne dich fallen lassen. Sooft du dich prüfst, verwirfst du diesen Gedanken guten Gewissens, nicht, weil es keinen Grund gäbe – darin besteht ja die Angst: anzunehmen, es könnte einen Grund geben –, sondern weil du ihr gleichgültig bist. Angenommen, du würdest ein Verbrechen begehen, das eine oder andere Haus würde sich vor oder hinter dir schließen – daran würde sich nichts ändern.

Die Stadt und du: ein Verhältnis, bestehend aus lauter Nicht­verhält­nissen. Du tauchst in sie ein, du lebst ihren Rhythmus, du folgst ihren Straßen, ihren Fährten, ihren Gerüchen, ihren Speisekarten, ihren Regeln, ihren Öffnungszeiten, ihren Gewohnheiten, du teilst ihre Dick-, ihre Schwer-, ihre Anfälligkeit, zum Beispiel für Erkältungs­krankheiten oder Störungen des Bahnbetriebs, aber es geht dich nichts an, mit wem du teilst, so wie es sie nichts angeht, dass und wie du sie teilst. Ihr Charme hat deinen nicht nötig. Sie kennt ihn gar nicht und nimmt keinerlei Notiz davon.

Nimm an, hinter der Backsteinfassade, an der du täglich vorbeikommst, geschähen die ungeheuersten Dinge. Sie könnten ebenso gut auf dem Mars geschehen oder auf Alpha Centauri, der Abstand zu dir bliebe immer derselbe. Du kannst auch sagen, zwischen dir und der Stadt besteht ein Unverhältnis aus lauter Verhältnissen: schließlich arbeitest du hier, du wirst die eine oder andere Freundschaft schließen, du wirst zu einer Vielzahl von Menschen ein mehr oder minder dichtes Geflecht von Beziehungen knüpfen und es könnte genausogut anderswo geschehen, die Stadt gibt dazu, aber wenig, und was sie beisteuert, das würde spielend auch eine andere Stadt beisteuern, sein wahrer Ort ist das Überall.

Unreal City
3
»Wir freuen uns auf Ihren Besuch.«

Alles, was du brauchst, enthält dieser Satz: Distanz (›Ihren‹), Sortiment (›freuen uns‹), Offenheit (›Besuch‹). Kein Zweifel, man hat an dich gedacht. Man hat an alles gedacht, warum nicht an dich? So wie du bist, bist du vorgesehen. Die städtische Vorsehung folgt deinem Bedürfnis wie ein Kojote, sie umschmeichelt dein Geld wie eine Katze, sie kräht, keckert, girrt, brüllt, um dein Wunschzentrum zu erregen, aber eben nur fast. Sobald das Begehren schweigt, zerfällt dieses Wesen aus Wesen. Genau besehen, ist es schon immer zerfallen: der prüfende Blick erbaut und vernichtet es im Handumdrehen.

Das Begehren ist eine schweigsame Instanz, die mit Trümmern spekuliert. So etwas sagt sich leicht, aber geschrieben bekommt es Gewicht. Schreib auf, was diese schändliche Muse dir zu sagen weiß. Worauf wartest du? Schildere eine Welt aus Körperteilen, zusammengehalten durch … Termine und Anweisungen, durch Über- und Unterweisungen, durch Stühle, Pulte, Tische, Schränke, Fahrstühle, Treppen, Lichtschalter, Lager­bestände…, durch Kernseife, Waschbecken, Duschkabinen, Spinde, Fertigungsstrecken, Roboterarme, Schalttafeln, Bauabschnitte, Grundbucheinträge, Kapitalmärkte, Paragrafen, Strafandrohungen, Anwaltsgebühren, durch Schilder, Schilder und nochmals Schilder, durch durch durch… wie ein überdimensionales, in seiner ›Zusammen­gesetztheit‹ schwer durchschaubares Mobile – und alle Welt (vorausgesetzt, sie ließe sich huldvoll herab, dein Gestammel zur Kenntnis zur nehmen) fühlte sich bedroht.

Was für ein Gefühl ist das? Geh ihm nach: Wohin führt es? Ins Freie? In die Droge? In den Infarkt? Worin läge der Unterschied? Egal, in zwei, drei Zügen führte ein routinierter Beschreiber ihn ad absurdum. Und dann? Wie –?

  • ―Hat Ihnen das Buch gefallen?

  • Natürlich freuen wir uns auf Ihren Besuch.

Unreal City
4
Glühwürmchen

Sie ist hart. Sie ist grausam. Aber sie trägt nichts nach. Das apportierende Hündchen Gewissen, dort rennt es zwischen den Autos. Es hat die Ampel verpasst, es kommt voran, aber es treibt ab, die Umwege überschreiben die Wege, das Risiko, ihm könnte etwas passieren, ist riesengroß. Beweg dich! Ihre Hauptverkehrsader, genannt Autobahn, glüht Tag und Nacht, man erkennt ihr Geflecht aus dem erdnahen Raum. Ein Leuchtpartikel unter Millionen, eilst du dahin. Du hast es nicht eilig, doch du eilst dahin. Im Gespräch würdest du das anders ausdrücken, ein Wort wie ›Eile‹ passt auf den Vorgang nicht. Das Tempo gehört nicht zu dir, es ist Teil des Systems. ›Teil des Systems‹ … wahrhaftig, da musst du lächeln, denn zweifellos bist du der Nutznießer des Komforts – und du genießt ihn wirklich. Wer sonst? Deine Haube schiebt sich nach vorn, dein Motor ist hier der Treiber. Kommt er ins Stottern oder krachst du dem Vordermann in den Kofferraum, fällt das System auseinander. Du steigst aus und ein anderes nimmt dich auf. Bist du ein anderer?

Die Stadt lebt vom Defekt. Täglich, stündlich, im Takt der Minuten und Sekundenbruchteile kollidiert, zerbricht, zerfällt etwas in ihr, ein Teil des Systems, ein System aus Systemen: soundsoviele Gelegen­heiten, auf die Spezialisten der Ersthilfe, Dienstleister, Produzenten nur gewartet haben (eine blumige Vokabel, denn sie warten ja nicht, sie sind, werden sie gebraucht, pünktlich zur Stelle. Überpünktlich, genauer betrachtet, also nicht im Takt des Geschehens, sondern ihm eine Winzigkeit voraus).

Auch die Wenigen sind viele.

Unreal City
5
Die Ruhrstadt,

aus Schutt erbaut (dem eigenen) – das versteht sich leicht, aber es bleibt ein Rest. Welcher Rest? Hat man die Schreie verbaut, das stumme Entsetzen, die namenlose Qual? Wie verbaut man Qual? Man schafft etwas Neues, sagt das Gefühl. An die Stelle der Qual, sagt das Gefühl, tritt das Entsetzliche. Wie entsetzlich ist das Entsetzliche? So entsetzlich, sagt das Gefühl, ist es nun auch wieder nicht. Ehrlich gesagt, es ist komfortabler, als es das Alte je war. Welches Gefühl sagt das nun wieder? Dasselbe? Ein anderes? Woher käme es, das andere? Aus Erschöpfung? Aus wiedergefundener Kraft? Aus der ›Retorte‹ (ein Wort, viel gehört, heute ›veraltet‹)? Der Mensch, der lebt, arbeitet, verdient, heiratet, Kinder kriegt, zum Arzt geht und in den Urlaub fährt: ›Retortenmensch‹. Auch das: ein Gefühl. Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Leben, das weitergeht. Der Überlegenheit auch: ja, man kann sich dem Leben überlegen fühlen, wenn man erlebt hat, was für niemandes Erleben bestimmt war. Wie fühlt sich das an? Anders, vermutlich. Wer es nicht erlebt hat, dem bleibt bloß das Schweigen.

Nur Toren ›stellen sich vor‹.

Unreal City
6
Ruhrkampf

Eine Stadt verschwindet und eine andere tritt an ihre Stelle. Menschen verschwinden und andere bevölkern die Landschaft aus Beton, in der sich hartnäckig Reste des Vergangenen halten. Nicht verschwunden: der Riss zwischen den Generationen. Die Nachgeborenen sind die Ahnungslosen. Genauer, da die Chronologie sie mit wachsenden Ahnungen schlug, zu denen ihnen der Schlüssel des ›Erlebnisses‹ fehlt: verachtet von denen, die des Mysteriums des Davor leibhaft teilhaftig wurden (Säuglinge bis Dreijährige inbegriffen). Nein, nicht verachtet – ignoriert, beiseitegeschoben, beneidet (auch beneidet, ja, übergangslos beneidet). Die gern geleugnete Gnade der späten Geburt: ein schmaler Jahrgangsstreifen, endend abrupt am Tag der Kapitulation. Danach sollte kommen: nichts Nennenswertes. Geschlagen mit Lehren aus einer Katastrophe, so fremd, als habe sie sich auf einem fernen Planeten zugetragen.

Der von den Kennern der Materie routiniert beiseitegeschobene Mensch ist der allzu wirkliche: sein grenzenloses Jetzt ist die gegenwärtige Stadt, die Stadt ohne Vergangenheit, das protzig fadenscheinige Stadtbild, durch das ein vergangenes schimmert, welches er nie zu Gesicht bekam. So sehr überwiegt in allem, was vorgeht, das Unwirkliche. Er ist ›erschienen‹. Soll heißen: Ich du er sie es sind erschienen (vermutlich genau dann, als es an der Zeit war). Nachgeborene. Und sie erschienen in großer Zahl. Babyboomer. Heiler des Unheilbaren, Retter des Unrettbaren, Erben des Unan­nehm­baren. Undankbare, Besserwisser, Selbstgerechte, Hochmütige, Bedeutungslose. Als sei das Wort eigens für sie erfunden worden. Unwissende Wiedergänger derer, die, aus eigener oder fremder Schuld, untergingen, ahnungslos einem Kollektivtod entstiegen, dessen Erfahrung sie einfach nicht teilten, gemeint/nicht gemeint, er- und verwünscht in einem, in einem fort.

Viele davon sind weggezogen, andere sind gekommen.

Die Pyramide: Gralsburg der Boomer.

Unreal City
7
Tränen aus Stein

Diese Stadt, die es, im Vertrauen gesagt, niemals gab, hat ihren Untergang hinter sich. Widersinnig zu sagen, sie habe ihn überlebt. Menschen haben ihn überlebt. Die Verlorenen, die Verbrannten, die Erstickten, die von Trümmern Erschlagenen, die Verkohlten, sie haben nicht überlebt. Warum wurden ihre Namen nicht überliefert? Warum wurden keine Tafeln aufgestellt, auf denen die Namen der Frauen, Kinder und Greise verzeichnet wären: »Seht her, diese wurden geopfert«? Diejenigen, die sie der Vernichtung preisgaben, haben überlebt oder nicht, sie haben getan, was sie taten, sie wurden verurteilt oder verehrt. Aber diese wurden vernichtet. Was immer sie taten, nicht taten, verabscheuten oder begehrten, was immer sie wussten, dachten, sagten oder nicht über die Lippen brachten, solange noch Zeit war, sie wurden vernichtet. ›Strittig‹ sind nur die Zahlen. Die Klassengesellschaft der Toten macht auch vor der Vernichtung nicht halt. Sie macht nirgends halt. Die teuren Toten überdecken die wertlosen.

(Wage nicht, etwas an ihre Stelle zu setzen. Es wird nicht gelingen. Sie haben versucht, was sie konnten, aber es gelang nicht. Die Lebenden werden der Toten nicht Herr.)

Unreal City
7
Rekonstruktion

Vieles ist neu, anderes ›rekonstruiert‹. Was heißt das? Etwas sollte ›wieder‹ so sein, wie es war. Aber nein: nie wieder wird es so sein, wie es war. Und das ist gut so. Alles andere wäre Lüge. Wie also sonst? Es sollte, wie anders, so aussehen: Erinnerungen wecken an das, was war, ohne sie einzulösen. Die perfekte Rekonstruktion – gerade sie wäre ›falsch‹. Die weniger perfekte kommt der Sache schon näher. Urbild und Abbild: Sie reden miteinander wie Mutter und Tochter. Wird eines übergriffig, kommt das Gespräch zum Erliegen. Das Neue bildet das Alte ab. Das Alte? Ein Altes, das klingt genauer. Ist es das auch? Etwas war, etwas steht an seiner Stelle. Es soll ›ersetzen‹. Wem? Wer sich erinnert, verirrt sich im Neuen. Oder im Alten. Ein Labyrinth, was sonst. Wem die Erinnerung fehlt, dem ist das Alte so unbekannt wie das Neue vertraut. Vernichtung ist sichtbar für den, der weiß. Wer die Spuren liest, dem kommen die Toten nahe. Dies hier war ihre Stadt. Die Vernichtung hat sie fixiert. Als was? Keine Phantasie reicht aus, ihr Bild zu entwerfen. Fürs Erinnern ist sie zu groß. Keiner hat diese Toten gekannt, es sind ihrer zu viele. Zu groß, zu viel, zu entfernt –

 

Auch das Maßlose hat ein Maß

Vermessung des Dozenten T
1

Tronka, der Außenseiter: eine Bilderbuchfigur.
Tronka, der Angepasste: eine Figur ›wie aus dem Bilderbuch‹.
Was unterscheidet die Bilderbuchfigur von der Figur ›wie aus dem Bilderbuch‹?
Bilderbuchfiguren finden sich in Bilderbüchern, Figuren ›wie aus dem Bilderbuch‹ auf der Straße oder im Berufsleben, gelegentlich, mag sein, auch im Bett.
Was ist Ableger, was Original?
Kommt drauf an, von welchem Ableger und welchem Original hier die Rede ist.

Der Dozent Tronka zum Beispiel – schließlich geht es um ihn – hält, zusätzlich zu seinen Lehrverpflichtungen im Hause, Vorlesungen an seiner früheren Universität: weniger aus blindem Eifer heraus als auf Grund der irrigen Vorstellung, Lehre benötige nun einmal Katheder und knarzende Bänke, auf denen fehlmotivierte Studenten sitzen, um gelegentlich mitzuschreiben und darüber das Wesentliche des Vortrags zu überhören.

Ein Publikumsmagnet ist dieser Tronka nicht. Eine bescheidene Schar verirrter Studenten lauscht ihm schweigsam und tröpfelt aus, sobald die Glocke schrillt, während der Dozent stoisch, kaum jemals vom Manuskript aufblickend, seine Zeit überzieht.

Bis zur Boshaftigkeit bieder … so gibt sich, rein äußerlich, der Dozent Tronka: schwarze Lederschuhe, blaue Baumwollhose, sandfarbenes Sakko – ein Gelegenheitskauf –, stumpfgrüne Krawatte, dazu eine schwarz gerahmte Hornbrille, die seine ohnehin geräumigen braunen Augen ins Riesenhafte vergrößert. Diese Augen, im Verbund mit kräftig gezeichneten Augenbrauen und einer mächtigen pechschwarzen Mähne, prädestinieren ihn zur Person: Er könnte sich in Silikon gießen lassen und seinen verbalen Ausstoß einem Sprechautomaten überantworten. Manches, was jetzt als Charakterzug aufblitzt, wäre dann als Profil abrufbar.

Vermessung des Dozenten T
2
Hypothetisches Tronka-Profil (a)
Kopfrechner, auf Komplexitätsmaximierung getrimmt
Hintergedanken
early war memories
Privacy
Steifnacken (Schreibtisch-Kollateralschaden)
Operative Grundgeste: Lehre
Gestrecktes Bein
Imponierscheibe
Rätselmund
Ganz-der-Ihre
Mördergrube
Leibapriori
Schienbein
Freier Fuß
a) praktischb) theoretischc) ideelld) experimentell

Eine Spielerei.
Warum Tronka?
Weil er dir merkwürdig ist.

Vermessung des Dozenten T
2
Hypothetisches Tronka-Profil (b)
Hypothesis
Protohypothesis
early war memories
So-nicht
Automathesis
Demonstrator
Modifikator
Distanz
Differenz
Dimension
Reflexion
In-Sein
Durch-Sein
a) praktischb) theoretischc) ideelld) experimentell

Eine Spielerei.
Warum Tronka?
Weil er dir merkwürdig ist.

Vermessung des Dozenten T
2
Hypothetisches Tronka-Profil (c)
Innere Dimension
Kant-Kern
don’t cry, don’t forget
Ursprüngliche Differenz
Transzendenz
Platonische Geste
Äußere Dimension
Diskursmaschine
Positivität d. Denkens
Negativität d. Denkens
Attraktivität d. Denkens
Cassirer-Bogen
a) praktischb) theoretischc) ideelld) experimentell

Eine Spielerei.
Warum Tronka?
Weil er dir merkwürdig ist.

Vermessung des Dozenten T
2
Hypothetisches Tronka-Profil (d)
Bewusstsein
Bewusstheit
early war memories
Panik
Überzeugung
Wegweisung
Ballettfuß
Druckbehälter
Schmähschlitz
Selbst (anschlussfähig)
Selbst (renitent)
Zeit-Raumstellung
Auffangstellung
Frontstellung
Basisstellung
a) praktischb) theoretischc) ideelld) experimentell

Eine Spielerei.
Warum Tronka?
Weil er dir merkwürdig ist.

Vermessung des Dozenten T
3

Der Dozent Tronka liebt es, seinen Ausführungen, meist zu Beginn und zum Ende hin, stereotype Wendungen einzuflechten, zum Beispiel »Janein« oder auch »Darüber machen Sie sich mal keine Gedanken.« Ersteres bedeutet: »Was immer ich jetzt sagen werde, es wird Ihnen nur bedingt schmecken«, letzteres hingegen: »Sie haben ohnehin nicht verstanden, was ich Ihnen gerade erklärte, aber machen Sie sich darüber keinen Kopf.« In der Regel trifft er mit beidem ins Schwarze. Allerdings lassen sich kapitale Fehlschüsse so nicht vermeiden. Soll heißen, wie andere ein zweckmäßiges Netz von Beziehungen, so erzeugt der Dozent Tronka um sich herum ein Gespinst unaufhörlich wachsender Feindschaften.

Vermessung des Dozenten T
4

Der Dozent Tronka ist ein Sitzriese. Das wäre nicht der Rede wert, führte es nicht zu Enttäuschungen und Komplikationen. Am Konferenztisch ist er allen gewachsen. Erhebt er sich, wechseln die Rollen und er versinkt, bildlich gesprochen. Es ist mit der Achtung unter Kollegen wie im Mannschaftssport: Ein paar Zentimeter mehr oder weniger und die Hierarchie steht.

Der Dozent Tronka weiß um sein Handicap und versucht es nach Möglichkeit zu verbergen. Im Kreis der Kollegen pflegt er sich deshalb als erster zu setzen und als letzter zu erheben. Mit dieser Unhöflichkeit hat er sie alle im Sack. Weiß er nicht, was sich gehört? Sieht so die Verachtung für Konventionen aus, die den wahren Gelehrten auszeichnet? Oder ist er einfach nur dreist?

Gegenüber Studenten empfindet der Dozent Tronka die Scheu, die ihm gegenüber Kollegen abgeht: Er mischt sich unter sie, als buhle er bei ihnen um Anerkennung. Aber der Eindruck täuscht: Es sind die Kollegen, die ihn befangen machen, es sind die Studenten, denen gegenüber er jenen unbändigen Stolz verspürt, der das Genie von der restlichen Menschheit trennt.

Ist Tronka ein Genie? Dazu müsste man wissen, was Genie ist. Fürs erste: eine Attitüde. Hohe Intelligenz, gepaart mit dem unbändigen Willen, auf die zentralen Weltprobleme loszugehen. Aber genügt das? Was wird aus der Intelligenz, wenn die Weltprobleme sich dem Zugriff verweigern? Verwildert sie? Bricht sie aus? Wird sie lügnerisch? Wird sie zum Instrument der Menschenbeeinflussung? Und dann die nächste Frage: Wäre sie darin, abgesehen vom Erfolg, überhaupt zielführend? Tronka, soviel ist sicher, gibt zu denken.

Tronka, das Weltgenie, besitzt ein Privatleben, in das es niemanden blicken lässt. Ist das frei? Ist das unfrei? Die Kollegen grinsen, die Studenten raunen. Was ist so groß an seinem Privatleben? Was ist so fremd an ihm? Es ist privat. »Nichts Persönliches!« Das imponiert den Studenten. Es vermittelt ›Haltung‹. Falls ein Geheimnis dabei ist, umso besser für die Haltung – und fürs Geheimnis.

 

Zukunft ist kindisch
Demonstration in drei Schritten

Im Rechenzentrum
1
Erster Schritt

Du nimmst Platz an einem der in Reihe stehenden Bildschirm-Terminals, du gibst eine Folge von Zeichen ein, die du nicht verstehst, aber geduldig den Instruk­tionen des dir lächelnd zur Hand gehenden Mitarbeiters entnimmst. Schwarz ist die Grundfarbe des Bildschirms, grün die Pixelgestalt des Sprache gewordenen Gedankens, wobei das, was hier Sprache genannt wird, mehr dem Bereich der Logik angehört als den Formen intuitiver Verstän­digung, die, aller Methodik zum Trotz, in deiner Disziplin vorherrschen.
Die Welt ist nicht dabei – jemand hat vergessen, sie hinzu­zu­schalten, aber das geht schon in Ordnung –, wenn auf dem Monitor, nach einigen Fehlversuchen, der Schriftzug »Wie geht’s?« erscheint. Nicht dass in diesem Augenblick Big Brother (oder sein einstweiliger Stellvertreter hinieden, der Zentralrechner der Pyramide) sich nach deinem Befinden erkundigte – das könnte passieren, es passiert vielleicht gerade an einem anderen Ort –, in deinem Fall meldet sich kein anderer als ein Kollege von einer meerumschlungenen Insel im Chinesischen Meer, die einst, in der harten Sprache der Eroberer, ›Formosa‹ hieß: die Wohl­geformte. Soeben hast du deine erste aus Sprachzeichen geformte Botschaft jenseits der verbrieften Verstän­digungs­wege empfangen ... als habe dir jemand über zigtau­sende von Kilometern einen flüchtig beschrifteten Zettel in die Hand gedrückt. Schon beeilst du dich, deinerseits eine wohlgeformte Kritzelei auf die Reise zu schicken, bevor die Verbindung abreißt.
Tatsächlich: zwei Minuten später stolziert die Antwort über den Bildschirm, überwältigend in ihrer strahlenden Harmlosigkeit, als hättest du ein Leben lang auf sie gewartet: »Glückwunsch!«

*

Glückwunsch? Wozu? Dazu, dass sie wirklich, ›in der Tat‹ vor dir erscheint? Ein Glückwunsch, der sein Eintreffen kommentiert und damit als Ereignis zum Ereignis macht? Es könnte auch »Oho« da stehen oder »Aha« oder »Soso«, der Effekt – und damit die Botschaft – wäre in jedem Fall derselbe. Das Medium hat sich an die Stelle der Botschaft gesetzt. Ist das die Botschaft? Aber nein. Es war ein Test. Die Botschaft lautet: Mach etwas draus! Ob du es kannst oder nicht – das hier verändert gerade die Welt und wird ganz sicher auf dich nicht warten.

Im Rechenzentrum
2
Zweiter Schritt

Hattest du jemals das Empfinden, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein? Ja, es gab diese Einstimmung … irgendwann. Nicht sehr lange, aber es gab sie. Damals wirkte sie geliehen, nein, wie die Kostprobe von etwas, das noch bevorstand, wie etwas, auf das du noch einmal zurückkommen müsstest (ein angeschlagener Ton, auf den du erst im Verklingen aufmerksam wurdest).
Bist du darauf zurückgekommen? Nein.

Natürlich nicht. Der Ton, im Gedächtnis verflacht, ist geblieben, aber die Lockung verschwand daraus, ohne dass du sagen könntest, wann das geschah. Die Pyramide, dieser Ort äußerster Abwesenheit, hat sie aufgesogen, ohne seine Leere mit ihr zu füllen.

*

Hättest du gestern in einem Fragebogen ankreuzen müssen, an welchem Ort du dich befindest, du hättest an den Rand gekritzelt: nirgendwo.

Im Rechenzentrum
3
Dritter Schritt

Das war gestern. Heute, die Pixelschrift vor dem abgeschatteten Auge, liest es sich anders: »Gehe hin und folge mir nach!« Wohin? Das wird sich zeigen. Der Genius loci ist in Erscheinung getreten und hat in dir die Überzeugung geweckt, dich in diesem Menschheits-Augenblick am richtigen Ort zu befinden –: nicht gerade im Auge des Hurricans, falls damit die Werkstätten der techno­logischen Avantgarde gemeint sein sollten, aber … an jenem maximal offenen Ort, der »hungert und dürstet nach Gerechtigkeit«, der »wie kein anderer« darauf wartet, seine »Sendung eingeschrieben« zu bekommen (oder wie das etwas klebrige Vokabular in solchen Fällen lautet). Mit allen Fasern deines wohl­tempe­rierten Körpers spürst du, dass die unter der gläsernen Außenhaut den Blicken der Allgemeinheit entzogenen, äußerst alltags­wirksamen Mauern der Pyramide, die eine Forscherwabe von der nächsten und alle zusammen von der Welt dort draußen abscheiden, sich leise und sanft ins Diffuse auflösen, während ein unbestimmter Raum und eine unbestimmte Zeit sich an ihre Stelle schieben.

Was ist passiert?

*

Aus dem Nirgendwo ist, gleichsam im Handumdrehen, ein Irgendwo geworden: nicht, als fühltest du dich jetzt an diesem Ort aufgehoben oder geborgen oder an den Rand gedrängt oder als sei er dir ganz und gar gleichgültig geworden, sondern als sei an seine Stelle ein Überall getreten, ohne Zentrum und Peripherie, eine Allverbundenheit ohne Wände, Grenzen, Mauern, messbare Distanzen, die überwunden sein wollen – ein kleiner Schritt für dich und ein Menschheitsschritt ohnegleichen.

Assistent Kärich, neugierig geworden, besucht die Pyramide

Schießen wir die Deutschen ins All
1
Flurgezwitscher

  • ―Kärich? Welcher Kärich? Nie gehört. Assistent Kärich? Ah, die Nebel lichten sich. Wo kommt er her? Sind wir hier ein Freilicht­museum oder was? Assistent von Dassler … ah, der Philosoph? Dann hereinspaziert in unseren Zoo. Guter Mann, dieser Dassler, schon ein Star, zuviel Idealismus, etwas abgehoben für meinen Geschmack.
  • ―Kärich ist schwer in Ordnung. Kenne ihn schon seit Jahren. Angenehmer Kollege, Sie werden ihn mögen.
  • ―Dann soll er mal vorbeischauen. Wir führen ihn ein bisschen herum. Kollege Tronka könnte doch … aber … wo ist der denn hin? War doch gerade noch da. Dieser Tronka…! Blitzschnell verschwunden, wenn man ihn braucht. Kam der nicht auch…?

Kärich der Ratgeber. Kärich der Freund.

Schießen wir die Deutschen ins All
2

Kärich

Jaa, ein kehliges Jaaaaaaaaaah –

Dafür sollte man jederzeit geradestehen, nicht mehr, nicht weniger. Ich hätte nicht an diese Auferstehung geglaubt. Die Welt sieht anders aus, wenn man sie dreht, dazu gehört nur wenig, aber das hier – unbedingt.

Wir leisten uns eine Elite-Debatte, die davon lebt, dass alle dagegen sind, obwohl alle dafür sind – naja fast –, und dann … dann das hier. Amenophis IV an der Ruhr. Ich krieg’ mich nicht mehr ein. An der Ruhr? Gestorben? Zwingend. Zwingend. Und jetzt: Auferstehung, Himmelfahrt, Epiphanie. Alles was recht ist. Wer hat eigentlich die Teppiche ausgesucht, geht das auch aufs Budget? Da dringt nichts durch. Erstickt mit links, wie geht das? Nun, lassen wir das. Ich möchte... Ich möchte... Nein, eigentlich möchte ich nicht. Es reicht, wenn wir in Kontakt bleiben. Du musst mir berichten. Berichten, verstehst du? Be-rich-ten. Nichts, was hier geschieht, darf dem Auge der Öffentlichkeit entgehen. Sie hat das Recht und die Macht und die Wachsamkeit.

Das ist Hierarschie, der Kalauer muss erlaubt sein.

Schießen wir die Deutschen ins All
3

Kärich

So, und jetzt reden wir. Nein, ich werde nicht wechseln. Ich werde keinen Ruf hierher annehmen. Sieh dich um … das ist nichts für mich. Streng dich nicht an meinetwegen. Füttert mich mit Lehraufträgen und die Sache ist gut. Gründe? Ja sicher habe ich meine Gründe. Warum nicht darüber reden? Aber da ist eine Schwierigkeit: Ich mag einfach nicht darüber reden. Ist Wissenschaft Aufbruch? Ich weiß es nicht. Verträgt Philosophie Aufbruch? Definitiv nicht. Vielleicht ist sie der Aufbruch, was wissen wir schon? Wie auch immer. Wenn du einen Aufbruch verpasst, musst du wissen, was du tust. Wolltest du ihn verpassen? Warst du saumselig, innerlich nicht bereit, unent­schlossen, taub? Hast du nicht erkannt, worum es sich handelt? Oder, anders gefragt: Hast du erkannt, worum es sich handelt? Da liegt schon ein Unterschied. Aber er liegt nicht zutage, das wäre zu einfach.

Ich weiß einfach zu wenig darüber, wie das hier läuft.

Und du? Geboren, um zu erkennen. Um zu erkennen, musst du teilhaben. Das ist schwerer gesagt als getan. Es ist auch schwerer getan als gesagt. Ohne Teilhabe geschieht nichts. Du lebst in der Pyramide, atmest ihre Luft und bist nicht entschlossen. Wie willst du das rechtfertigen? Wie kannst du das rechtfertigen? Ich könnte es nicht. Ich sehe nur: Deine Nicht-Teilhabe ist Teilhabe, aber mit Vorbehalt. Das ist, unter uns gesagt, merde. Deshalb die Berichte, die ein schiefes Licht auf deine Sache werfen. Kleine Hinrichtungen dritter Klasse. ›Wie war ich weich, wo ich hätte hart sein müssen? Wie hätte ich hart sein können, da ich das Harte so stark empfand? Da ich doch vor ihm zurückschreckte?‹ Das sind so Fragen, die niemand stellt. ›Nein, ich war nicht affiziert. Ja, ich war nicht unaffiziert. Nein, ich habe nicht mitgemacht. Nein, ich hätte nicht mitmachen können. Da war immer diese Distanz.‹ Wie kann man wahrnehmen, wo nichts wahr ist? Gib zu, da liegt ein Problem. Mit einem Haufen Lügen wärest du fertig geworden. Aber die da: sind so überzeugt.

Schießen wir die Deutschen ins All
4

Kärich

Neinnein, ich möchte dich damit nicht in die Ecke drängen, bitte versteh mich nicht falsch. Ich bin nicht leutselig, ich habe Migräne. Einen Anflug, ein bisschen. Ich überkompensiere. Du übrigens auch. Sag mal, redet ihr hier auch miteinander? Oder sind das alles Grabkammern, eine brav neben der anderen, jede mit eigenem Anschluss ans Nichts? Schau an. Ich persönlich würde das Nichtreden vorziehen, aber es fällt schwer. Was sind das für Leute, die schweigend ihr Amt verrichten? Kennst du welche? Ich meine – von innen. Ich kenne keine. Das Schweigen ist eine Anmaßung. Fragt sich nur, wem gegenüber. Ich rede hier nicht vom weisen Danischmend. Nein, hör mir genau zu: das Schweigen, dieses verfluchte Schweigen ist eine welthistorische Neuheit, Substanzverschwendung, ein wenig Davor, ein wenig Danach, kaum Dazwischen, zu wenig dazwischen, aber das zu sagen wäre bereits Wertung, also Bruch des Schweigens, verpasste Lücke. Eine schöne Lücke hat man uns da verpasst … jeder an seinen Platz, wir werden schon nichts verpassen. Hollow men, gut gesehen. Schon eine Weile her der Ausdruck, ein Blitzmerker, dieser Eliot, immerhin Verse, das verdirbt nicht so schnell. Nein, du und ich, wir verpassen nichts. Nicht diesen Zug. Nicht diesen.

Ein Zug für alle! Bravo.

Man muss sehr brav sein, um in einen Zug zu klettern, dessen Ziel ›Zukunft‹ heißt (oder so ähnlich). Sehr brav. Oder man zahlt einen hohen Preis. Den Preis zahlen selbstverständlich alle, aber die merken nichts. Die merken nie etwas. Sie wollen dabei sein, sie wollen nicht zurückbleiben, am liebsten wollen sie im Führerhaus sitzen, das stellen sie sich großartig vor. Aber das brauche ich dir nicht zu erzählen. Sie sind alles gebrannte Kinder. Bleiben sie stehen, holt die Vergangenheit sie ein. Also rennen sie. Also müssen sie rennen. Und ans Sterben müssen sie doch.

Schießen wir die Deutschen ins All
5

Kärich

Verantwortung vor der Geschichte? Die Geschichte hat jeder verpasst bekommen, gleichgültig wie, verpasst forever. Mit dieser Geschichte brauchst du niemandem kommen.

Kommen? Wohin? Worin?

Schießen wir die Deutschen ins All
5
Nachgang

Hat er nicht recht? Ein Bildschirm, eine Handvoll Zeichen hat dich verzaubert. Nein, das ist nicht wahr. Du selbst hast dich verzaubert. Es war dein innerster Wunsch, Gehör zu finden, jemandes Gehör, niemandes Gehör, alles Gehör der Welt: Da steht die Wunschmaschine, kinderleicht zu bedienen. Es wäre doch sonderbar, würdest du, gerade du, sie verschmähen. Es wäre die sonderbarste Sache der Welt, so wie du selbst ganz natürlich die sonderbarste Sache der Welt bist. Hat dir das noch niemand gesagt? Nun, dann sage dir auch das noch selbst. Es kommt ohnehin nicht mehr darauf an.

Wie viele ticken wie du? Du weißt es nicht und willst es nicht wissen. Es sind ihrer viele und täglich werden es mehr. Also bist du einer von vielen. Erregt dich das? Fügt es dir etwas hinzu? Gib zu, die Sache verjüngt dich. Ich bin ein End’ und ein Beginn. Diese Auserwählten der Technik … leben in einem anderen Raum und in einer anderen Zeit als die restliche Menschheit. Sie sind heutiger. Vielleicht morgiger, wer will das wissen? Sie stehen im Bunde mit dem, was kommt, und verachten, was doch vergehen muss. Sind sie Kommende? Bist du ein Kommender?

Die Frage so stellen heißt sie beantworten: Schämst du dich nicht?

Das sind apostolische Reden. Seit Jahrtausenden liegen sie herum und warten darauf, dass jemand sie aufliest und weiterverwendet. Nichts gewöhnlicher als die unermüdlichen Prediger des Neuen: Barfuß­prediger, Barfuß­apostel, Barfußpropheten. Ich aber sage euch: das Reich ist nahe. Wie viele Massen hat dieser Satz schon elektrisiert? Wie viele Unbedarfte elektrisiert er noch immer? Wie viele Einzelne hat er ins Glück, wie viele ins Unglück gestürzt?
 

Figure it out!

Figuren der Leere | Der Weg ins Büro
1

Du zögerst… Das ist kein Zögern in einer Sache, die du angehen müsstest, es ist ein Zögern vor der Sache … gewiss, da liegt ein Unterschied, du musst ihn nur herausheben, womöglich ist er es wert. Vor jeder Sache zögern, das ist eine unendliche Aufgabe, erfüllt ihm Nu. Warum zögerst du? Greif zu! Bist du ein Zauderer? Das jedefalls … wäre dir neu. Aber wenn das Zögern einen Wert in sich trägt, wenn es, einem ›subjektiven Impuls‹ zufolge, viel zu schnell vergeht, wenn die kleinen Hindernisse, die du in deinen Alltag einbaust, ebenso viele Listen sind, um das Ende des Zögerns … hinauszuzögern, warum zögerst du, ihm bedingungslos zu folgen? Schon klar: weil es Zögern ist und nichts weiter.

Du liebst die Leere. Hat dir das nie jemand gesagt? Nein? Dann muss es tief in dir verborgen sein. Oder, zweite Möglichkeit: Du stehst damit nicht allein. (Notiz am Rande: Nichts halten Menschen so hartnäckig für das Ihre wie das, was allen gemeinsam ist, nichts registrieren sie leichter am Anderen als das, was ihnen aus eigener Anschauung bestens vertraut ist.) Deine Leere, sie hat sich verwandelt (seltsame Vorstellung: eine Leere, die sich verwandelt), seit du in dir dieses Fieber spürst, sie ist aufgeräumter geworden, erwartungsvoller, aufnahmebereiter, weniger abgeschieden: eine fast gesellige Leere … gibt es das? Aber selbstverständlich.

Wie, wertes Ich, lebt sich’s mit so einer Leere, die fast keine mehr ist, aber sich nicht aufgeben will, gerade jetzt nicht, im Angesicht einer in Aussicht gestellten Fülle? Auch das hat dir niemand gesagt, es ist jedermanns Geheimnis. Da ist es nur gerecht, es mit jedermann zu teilen. Wie das? Du lässt dich gehen. Genau das: du lässt dich gehen. So empfindest du es, so wird es dann wohl auch sein.

 

Der Weg ins Büro
ist mit guten Vorsätzen gepflastert
Ratlos im Morgengrauen
Ratlos im Morgengrauen
Ratlos im Morgengrauen
All my friends went away
Alle meine Freunde sind gegangen
Der Schrei weckt die Glieder
Langsam füllt sich die Ruine
Spiegeltierchen
Spiegeltierchen
Kleiner Moskito, sause dahin
Ein Gang in der Morgensonne schafft Rätsel
Manche lösen sich bald
Beflissen, sagten Sie?
Ich sage nichts
 

Geltung ist eine Katze

Erste Heimsuchung
1

Tronka ein Exempel? Warum denn das? Vielleicht: weil er der erste Mensch ist, der dir hier drinnen begegnet ist. Der erste Mensch … das vergisst sich nicht. Sooft du in Gedanken auf ihn zurückkommst, nimmt diese spezielle Vertrautheit zu, die du nicht mit ihm teilst. Vielleicht liegt es daran, dass sie ungeteilt bleibt – die Wahrheit ist, dass dir seine Stellung in der Pyramiden-Hierarchie partout nicht klar werden will und die Unklarheit mit jeder Winzigkeit anschwillt, die du über ihn in Erfahrung bringst. Nein, es ist nicht die Stellung allein, es ist der Mensch, der dir Rätsel aufgibt. Der Mensch? Vergiss es. Tronka, der Mensch, ragt um kein Gran aus dem Geflecht von Abhängigkeiten hervor, in dem du ihn zappeln siehst. Vermutlich käme er selbst sich entsetzlich banal vor, zöge eine unbekannte Instanz ihn heraus und versetzte ihn auf eine Insel, auf der er nach Gusto leben und sich entfalten könnte. Tronka ist der Mensch des Betriebs.

Erste Heimsuchung
2
Die Tragik des Betriebs

Die Tragik des Betriebs äußert sich darin, dass die Hand, die dich emporzog, ins Leere weist. »Gerettet!«, möchtest du rufen, doch der Ton erstirbt in der Kehle. »Kein Wort«, flüstert die Stimme am Ohr, du kannst nicht unterscheiden, kommt sie aus Freund- oder Feindesmund: »Kein Wort!«

Unter den Regeln, die du noch lernen musst, ist diese, obgleich schwer zu begreifen, die leichteste. Sie befolgt sich ganz von allein. Was ist das für eine Regel? Ist es überhaupt eine Regel? Keiner hat sie verfügt, keiner ist da, der sie lehrt, keiner muss sie erst lernen. Sie existiert und sie wird befolgt. »Kein Wort!«

Die Geretteten – kein Zweifel, sie sind Gerettete! – wünschen nicht, dass der Sachverhalt ruchbar wird. Sie könnten ihn ›so nicht nachvollziehen‹. In ihren Kreisen lebt, wer etwas gilt, nach Verdienst. Viel lebt, wer viel gilt. Richtig ist auch: Wer viel lebt, der gilt viel. Auch hier gilt: das Einfache ist schwer zu fassen. Denn nicht jede Art Leben gilt. Oder nicht jede Art, jede Art zu leben. Die Kunst, sich anzuschließen, sich abzuschotten: sie macht den Meister.

Ein-Aus, Ein-Aus, klick-klack, klick-klack: so wächst das Verdienst. Man erfährt es an seinen Außenseitern.

Erste Heimsuchung
3
Achtung, Tronka!

Tronka = ein Versager. Konstruierst du ihn als Versager? Schwer zu beurteilen. Im Grunde gehst du ihm aus dem Weg. Darin besteht euer Umgang: ihr geht einander aus dem Weg. Erst aus der Distanz wird Tronka für dich wertvoll. An ihm buchstabierst du Gesellschaft. Oder bescheidener: Du lernst sie zu buchstabieren.

Ein Versager in beiderlei Bedeutung: Er ›bringt’s nicht‹ und er will es nicht ›bringen‹. Er ist Abstinenzler. Wenn die Gesellschaft in ihm nistet, dann, weil es ihr gleichgültig ist, wie einer mit ihr zurechtkommt. Sie ist schon da wie der Igel im Märchen.

Aber auch er ist, auf seine Weise, immer schon da. Das Denken hat einen langen Atem, es ist nicht alles ›commune‹, was in der Wissenschaft gilt. Das wissen die Kommunarden und lassen Lücken für anders Gestrickte – zum Durchschlüpfen teils und teils zur Aufbewahrung. Man weiß nie, was man noch brauchen kann.

Erste Heimsuchung
4
Tronka in Feindesland

Tronka = ein Negativ-Meister: Man holt ihn, man schließt ihn aus. Alle Wege, wie immer gebahnt: ihm sind sie verschlossen, selbst wenn er sie geht. Auf verbotenen Pfaden wandeln: Das wäre einfach. Zu einfach für einen Tronka. Nichts von dem, was er sagt, schreibt, tut, ist unerlaubt. Streng genommen, gibt es nichts Unerlaubtes.

Ein Tronka findet sich immer: Auch das ist erlaubt, vielleicht sogar geboten. Er sagt, schreibt, tut nichts, was nicht auch andere sagen, schreiben und tun – sanktionsfrei. Lass ihn ein Gutachten schreiben und sein Kollege findet es skandalös. Lass ihn einen Vortrag halten und die Kollegen nennen ihn unerträglich.

Unlesbar seine Bücher – warum? Sie sind dick – nicht anders als die der Kollegen. Sie sind schwer geschrieben – nicht anders als die der Kollegen. Sie sind genau – Genauigkeit ist die erste Tugend der Wissenschaftler, attestiere sie ihnen und du treibst ihnen Tränen der Rührung in die Augen.

Nicht so im Falle Tronka: Wer will das lesen? Niemand. Sein neuer Aufsatz? Eine Zumutung. Wer hat Tronka geholt? Schweigen.

Erste Heimsuchung
5
Der Feind in eigener Gestalt

Tronka = ein Fanatiker. Wenn du ein Projekt hast, so musst du klug sein. Fanatismus ist nicht gefragt, er ist geboten. Tronka – er ist ein Fanatiker, daran lässt sich nicht zweifeln – bekundet seinen Fanatismus durch Leugnung: »Vergessen Sie’s!« Tronka, der Plauderer, vernichtet Tronka, den Schreiber, im Handumdrehen. »Ach, Sie lesen mich? Welche Zeitverschwendung! Wenn Sie meinen... Lassen Sie’s einfach.« Tronka ist offen, weit offen, doch keiner nimmt es ihm ab, denn diese Offenheit ist ... nicht bemüht, sie ist eine Form der Verachtung, eine Unterart, vielleicht eine Un-art, eine 360-Grad-Hochachtung, die niemanden über die Schwelle lässt, gewürzt mit Sarkasmen. Das Allerheiligste bleibt zu. Warum? Aus Bescheidenheit? Ein Tronka ist nicht bescheiden. Aus Resignation? Ein Tronka resigniert nicht. Aus Keuschheit? Das wäre unverzeihlich.

Erste Heimsuchung
6
Wer wirft den Stein?

Sei nicht gewieft, sei gerecht. Wie wird man gerecht? Nun, man wird es nicht. Entweder man ist gerecht oder man ist es nicht. Bist du gerecht? Ganz recht, du kannst es nicht wissen. Du müsstest jemanden fragen, aber wer soll das wissen? Nur du kannst die Frage beantworten. Nur du bist dir ... ein offenes Buch. Was ist ein offenes Buch? Zwei zufällig aufgeschlagene Seiten, lümmelnd auf anderen, deren Inhalt du nur ahnst, selbst wenn du sie einmal gelesen hast. Nein, du bist kein offenes Buch, auch kein geschlossenes, in puncto Gerechtigkeit bist du ein Neuling. Ganz recht, ein Neuling. Wo alles neu zu sein hat, kannst du nicht zurückstehen. Dem Neuen, das, recht besehen, noch nicht ganz da ist, gerecht zu werden, wie geht das? Sich hineinfinden in etwas, das sich erst einfinden muss, ist schwer genug. Wie findet man heraus?

 

Finde heraus!

 

Scharfsein ist alles

Philosoph Leckebusch äußert einen bedeutenden Gedanken
1

Leckebusch, der, masculin., Eigenname

Mitglied des Gründungsrats. Hat – vermutlich – den Philosophen Tronka platziert. Tronka hält nichts von seiner Philosophie, viel hingegen vom Philosophen L, den er unermüdlich zu Vorträgen einlädt. Die Leckebusch Lectures der Pyramide gehen um die Welt. Was nicht viel bedeutet, weil die Studenten der Pyramide in aller Welt zu Hause sind.

Philosoph Leckebusch äußert einen bedeutenden Gedanken
2

Sein Wort hat Gewicht. Seine schneidende Kathederstimme durchhallt das neueste Gutachten über das Forschungsprofil der Hochschule ebenso wie sie ihren spezifischen Klang seinen Büchern und Aufsätzen zur Geschichte der philosophisch-politischen Begriffe verleiht, die herumgereicht werden, als enthielten sie das Hexen-Einmaleins der akademischen Zeit­genossen­schaft. Sie kommt aus einer Zwischenlage der Seele, eine Press-Stimme, die auf hohen Innendruck deutet.

(L, der geborene Normierer mit dem Aussehen eines Zahnarztes, wirkt erstaunlich weich, sobald ihn einmal seine Begriffe im Stich lassen: Stichwortgeber in jeder Debatte, vergleichbar einem Omnibus-Passagier, der Halteschlaufen an seine schwankende Umgebung verkauft, als ließe sich damit ihr Stabilitätsproblem lösen. Man darf auch solche Züge nicht außer acht lassen. Sie verraten viel über den Schneid. Von der Seite gesehen ist selbst das schärfste Messer stumpf.)

Philosoph Leckebusch äußert einen bedeutenden Gedanken
3

Kultur, so lehrt es Philosoph Leckebusch, ist alles, was sich der Erziehung des inneren Menschen verdankt...

... sofern
... das Erziehungsziel Selbstbestimmung heißt:

  • keine Kultur also ohne Selbstbestimmung des Subjekts, die sich im Einzelnen als Prinzipienfestigkeit und Fähigkeit zu unabhängigem Urteilen und Handeln zu erkennen gibt. Eine ›manipulierte‹, außen­gesteuerte, in Lenkungs­begriffen befangene Menge von Indivi­duen bildet keine Kultur und das, was sie für Kulturbesitz hält, ist Schall und Rauch. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn es Museen füllt und in Gestalt subventionierter Theater-Hüpfburgen die Kulturetats von Ländern und Kommunen mit Ausgaben belastet, die diese aus Gründen der Kosten­dämpfung lieber heute als morgen auf private Investoren überwälzen würden, hielte sie nicht ein kontinuierlich schrumpfendes Bewusstsein des Ungehörigen vorläufig davon ab.

Philosophen-Schneid, aus der Welt gefallen: misst die Welt an einer Idee und schnippelt erbarmungslos ab, was nicht hineinpasst. So muss er wohl aussehen, der Hoffnungsträger der Zunft, so oder so ähnlich wenigstens, denn Gewissheit herrscht nirgends und in ihr am allerwenigsten. Auf Philosophen liegt keine Hoffnung, nur ein Schimmer der Zuversicht, dass man sich selten blamiert, wenn man sie zitiert. Sie sind selbst Kulturbesitz, am erkennbarsten dort, wo ihre Kommentare am bissigsten wüten.

  • ―Der Fokus der Kunst, meine Freunde, liegt nicht auf der Kunst­fertigkeit, sondern auf der Hervorbringung des Guten. Die Kunst der Hebamme Sokrates steht daher prototypisch für alle Kunst, jedenfalls soweit sie diesen Namen verdient. Kant, in der Kritik der Urteilskraft, fügt dem einen weiteren bedeutsamen Gedanken hinzu, den Gedanken der Zweckfreiheit, den, wie Sie alle längst wissen, Kerngedanken der Humanität … Kunst ist stets Kunst des Humanum, sie wird zur Selbstfeier der Gleichgestimmten im Symposeion

Gedanken über die Zwecklosigkeit der Kunst
Abb.
Nimmt der Leidensdruck zu,
feiert die Kunst das Geheimnis.
Philosoph Leckebusch äußert einen bedeutenden Gedanken
2

Leckebusch, höhnt Tronka, versteht nichts von Kunst.

Worin Tronka ihm zustimmt: den musealen Kulturbegriff lehnt Leckebusch ab. Ab und an, erzählt Tronka lachend, bewegt Gattin Elisabeth ihn zu einem Theater­besuch. Das endet in mildem Kopf­schütteln über die sach­fremden Einfälle eitler Theater-Regisseure, deren Haupt­tätigkeit offenbar darin besteht, die Gedanken der Klassiker so lange zu verdrehen, bis aus ihnen die Milch der frommen Denkungsart tropft, als deren historisch-kritischer Revisor er sich auf dem Katheder begreift. Recht so: auf ihre Weise treiben die Gurus des Kulturbetriebs ihm die Hörer zu. Allerdings ist das Gefühl der Hilflosigkeit, das ihn in den Bastionen ihrer Macht überfällt, durch solche Zweckerwägungen kaum zu bannen. Vor allem, wenn ein scheuer Seitenblick auf das glänzende Gesicht seiner Frau ihm jeden Zweifel darüber nimmt, welcher Seite ihre Bewunderung gilt.

Woher weiß Tronka solche Details?

Keinen Fußbreit dem Feind
Abb.
Kunst, weiß Tronka, feiert
das integrale Subjekt.
Philosoph Leckebusch äußert einen bedeutenden Gedanken
5

Was wäre ein Leckebusch, wenn... Die Frage kann präzisiert werden: Was wäre ein Leckebusch ohne Verlag und Katheder? Ein anderer Mensch? Ein zutiefst selbstbestimmter...? Vielleicht könnte seine Frau darüber Auskunft geben. Vertraue deinen eigenen Augen und du siehst: einen gehobenen Verwaltungsbeamten, den man gezwungen hat, Stellung in Fragen zu beziehen, in die er sich erst hätte einarbeiten müssen, und der gelernt hat, sich seiner Haut zu wehren. Vielleicht zu sehr. Er hat gelernt, in die Offensive zu gehen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Auch die Gelegenheit hat gelernt. Sie bietet sich an, wann immer ihr der launische Sinn danach steht. Leckebusch zieht Aggressionen von Leuten an, die noch gar nicht wussten, dass sie sie hegen. Er zieht sie sich an: darin besteht seine Pointe. Ein Abwehrreflex, auf Angriff gepolt.

*

Verletzend wird Leckebusch selten. Dennoch hört man, wenn er auftritt, das Wort ›Verletzung‹ stets mit: leise, verwischt, durchdringend, als habe etwas Unscheinbares die Dimension gewechselt und stehe nun riesig im Raum. Diese Schärfe, die sich als Gedankenschärfe maskiert … ja, maskiert, ihr Quellgebiet ist nicht die Theorie, ›theoria‹, eher etwas Empfangenes, menschlich Empfangenes, das nirgendwo deutlich wird, nur als leichter Rauchschleier über seinen Gesten und Worten liegt, wie um daran zu erinnern, dass, wo Rauch ist, auch das Feuer nicht weit zu sein pflegt.

Philosoph Leckebusch äußert einen bedeutenden Gedanken
6

¡Lmbw!

[Leckebusch muss beobachtet werden.]

R
 

Einmal mehr: Scheinfragen

Aufbruch im Morgengrauen
1

Apropos:

Du lebst in der Ferne.
Du lebst in der Pyramide.
Wo lebst du wirklich?

In der Ferne vermutlich.
Die Pyramide geht in die Ferne.
Also ist sie der Ort, an dem du lebst.

Aber die Ferne ist nicht dieselbe.
Kannst du so leben?

Darüber zu befinden steht dir nicht zu.

Warum nicht?

Vermutlich: weil leben und leben-können dasselbe meint, aber auf unterschiedliche Weise.
Zwei umeinander gewickelte Drähte, die nirgends eins werden.
Wären sie eins, du erführest es ›spät oder nie‹.

Warum fragst du dann?

Wer behauptet denn, dass ich es bin, der fragt?
Solche Fragen steigen auf.
Es steht dir frei sie wegzudrücken.
Sobald der Druck nachlässt, schwimmen sie wieder oben.

Aufbruch im Morgengrauen
2

Sprich über Selbsttäuschung und du wirst ihr erstes Opfer. Die Methoden, sich selbst zu täuschen, sind vielfältig wie die Waffensysteme in den Arsenalen der Macht. Wer so eifrig bestrebt ist, sich selbst zu täuschen, kann der zugleich sein erstes Opfer sein? Könnte er sich in irgendetwas getäuscht haben? Vergiss nicht: das Selbst lässt sich nicht überlisten, es selbst ist der Arrangeur aller List. Was du Selbsttäuschung nennst, ist vielleicht nichts weiter als die Spur des Selbst in dem, was du, vielleicht zu Unrecht, Leben nennst. Du nennst es nur deshalb Leben, weil du kein anderes führst. Du nennst es so, weil du kein anderes hast. Besäßest du ein anderes, du ließest das hier mit Freuden fahren. Stattdessen umklammerst du es mit allen Organen. Sagt das nicht alles über dein ›Selbst‹? Du musst es retten? Wer sagt dir, dass du es retten musst? Du – dir? Es – dir? Dein Selbst spräche mit dir – frank und frei? Das wäre in der Tat etwas Neues. Es wäre sensationell. Aber mach dir nichts vor: Nicht im Traum denkt es daran, Zwiesprache mit dir zu halten, fair, von Angesicht zu Angesicht.

Tronka schreibt: Selbstversunkenheit ist die übliche Weise des Selbst zu sein. Wenn das stimmt, dann stimmt auch das andere: dass es üblicherweise darin erscheint.

Tronka ist ein Sophist.

Aufbruch im Morgengrauen
3

Käme er heute, der Versucher, und zeigte dir, in der obersten Kammer der Pyramide beiläufig neben dich tretend, die Reiche dieser Welt und ihre Herrlichkeit – einen Sitz im Bundestag, ein hohes Regierungsamt, die Leitung eines Konzerns, die Führung einer Kette von Waschsalons, die dich beiläufig reich werden ließe –: Du würdest, ohne einen Blick neben dich zu werfen, die bekannten Worte murmeln: Weiche, Satan! Wenn er dann aber nicht wiche und als ein ständiger Begleiter dich weiterhin schikanierte: Würdest du irgendwann schwach? Würdest du nicht irgendwann schwach?

Wer Stimmen hört, der landet früher oder später in der Psychiatrie. Sei beruhigt: Er wird nicht kommen, dein Versucher. In deiner Haut ist kein Platz für zwei. Du kannst, was du ein Gedankenexperiment nennst, jederzeit abbrechen – ein großer Vorteil, ein bahnbrechender Vorteil, aufs Große gesehen (auch wenn dir das Große daran nichts nützt). Jedoch: War nicht das Kennzeichen des Versuchers die Geduld? Die Fähigkeit, jenem ›Weiche Satan!‹ auszuweichen und wiederzukehren, sobald die Gelegenheit günstiger stand?

Auch dieser Gedanke gehört zum Experiment.

Und noch einer: das Wissen, dass es sich um ein Experiment handelt und nichts weiter. Warum bloß redest du jetzt plötzlich von Wissen? Warum wechselst du gerade hier in einen anderen ›Modus‹? Weil du dich durch diesen Trick auf der sicheren Seite befindest? Oder weil es dir in Wahrheit fremd ist, so zu denken? Was soll dieses dazwischengeschaltete ›in Wahrheit‹? Plötzlich weht ein anderer Wind in deinem Experiment. Ist es noch eines? Was, wenn es keines wäre? Was wäre es dann? Ein Ausreißer ›in Gedanken‹?

Nein, es ist nicht die ›Fresse des Arrivierten‹, die dich verfolgt, es ist nicht das Ressentiment, das dich beseelt, es ist nicht die Seele des Zu-kurz-Gekommenen, die in dir zuckt (das wäre auch seltsam angesichts der Fügung, die dich hergeführt hat). Eher das Bewusstsein einer Aufgabe, die von dir Besitz ergriffen hat, ohne sich zu zeigen (oder nur scheibchenweise, so weit es nötig zu sein scheint).

Aufbruch im Morgengrauen
4

Eine Aufgabe, die sich nicht zeigt, was ist das? Etwas im Gefühl? Zweifellos. Aber was ist das für ein Gefühl? Du willst ›etwas schaffen‹: Ist es das? Willst du das? Was hat dein Wille damit zu schaffen? Nicht viel, wie es scheint. Dein Wille kommt und geht, er gibt sich den oder jenen Inhalt: Die Aufgabe bleibt.

Nein, das ist nicht richtig. Etwas scheint dir aufgegeben, aber es bleibt dir verborgen. Soll heißen, eine gebende Instanz rührt sich in dir, sie rührt dich an. Wer, das lichtlose Selbst beiseitegesetzt, sollte das sein? Die Selbstversunkenheit selbst … du findest sie fadenscheinig und du blickst nicht durch.

Du nimmst am Alltag der anderen teil und findest nichts darin, was an die verhüllte Aufgabe erinnerte, die dich umtreibt. Nicht dass sie nichts schaffen wollten, das nicht. Sie wollen sich nützlich machen, das ist der Punkt. Sie haben, jeder für sich, ihr Aufgabe gefunden oder sie kramen noch nach der einen, mit der sie sich endlich anfreunden können: ein großes Privileg gegenüber den Vielen, denen man ihr Tun aufträgt.

Dennoch kommt es dir vor … kommt es dir vor … als könntest du, sollte sich die Gelegenheit bieten – ein Symposium oder ein Hausvortrag oder der Einbruch von etwas Unbekanntem –, vor deine Kollegen hintreten und ihnen ins Gesicht schleudern (das eigene ob der Ungeheuerlichkeit des Vorgangs zur Hälfte abgewendet): Seid ihr Automaten? Ich weiß nicht, ob ihr Automaten seid. Folge ich den Theorien, die ihr euren Studenten verabreicht, dann muss ich euch für Automaten halten. Aber so? So ins Gesicht? Schickt sich das? Ist es gerecht?

Originell wäre das nicht. Der akademische Kaspar war immer schon da.

.................................................

Willst du dich nützlich machen? Du weißt es nicht. Unnütz sein, unnütz leben: fällt unters Verdikt. Du könntest jetzt reden wie sie: Darum geht’s nicht. Wann immer es dir im Gespräch gelingt, ›im Wort‹ zu sein (du kannst es nicht anders ausdrücken), fängst du dir diese Replik ein – eine Unterbrechung eher, denn deine Rede will fortlaufen, sie stockt nur, weil der Impuls nicht schnell genug nachkommt: Darum geht’s nicht.

Woher wissen sie das? Drücken sie weg, was sie selbst von innen her plagt? Fällt ihnen das Zuhören schwer? Müssen sie dir ins Wort fallen? Wenn es ihnen nichts sagt, warum wehren sie es dann ab? Wissen sie bereits genug? Oder wissen sie selbst das Wenige nicht, das sie brauchten, um zuzuhören?

Wahrscheinlich hören sie nur Gestammel und sind enttäuscht.
Wahrscheinlich, hörtest du ihr Gestammel, wärest du genauso enttäuscht.

Aufbruch im Morgengrauen
5
Was ist dir aufgegeben?

Es: das Nichtige, der Spalt, die Lücke, die niemand sieht, der verschlossene, dem mimetischen Bedürfnis unzu­gängliche Ort. Wie könnte er anders erreichbar sein als dadurch, dass er dich ihm anverwandelt? Es geht nicht anders, also: Nur zu! An dieser Mauer des Schweigens willst du hinleben? In der Hoffnung auf Verwandlung? Was, wenn sie ausbleibt? Wenn statt ihrer eine andere eintritt? Eine ins Hässliche, Gierige, Besserwisserische, Enttäuschte? Wenn du an Türen schlägst, die dir heute offenstehen und sich irgendwann schließen werden? Wenn dich das Leben belehrt? Oder der nahende Tod? Wenn alles fadenscheinig wird, was du gelebt, gedacht, gewollt hast? Wenn du begreifst, dass du dich getäuscht hast? Wo wäre dann »die zu besetzende Lücke, die niemand sieht« (wie sich Kärich auszudrücken beliebt)?

Aufbruch im Morgengrauen
6

Prämisse

Aber sollte dies alles eintreffen (es ist ja nicht zu verhindern), was wäre dann widerlegt? Nichts offenbar. Demnach geht es nicht um Wider­legung, nicht um Pro und Contra, sondern ... um Sonderung. Was für dich bestimmt ist, darin bist du eigen. Du kannst auch sagen: darin bist du bestimmt. In allen sonstigen Verhältnissen bleibst du unbestimmt: taxiert, aber nicht bestimmt. Gebraucht, aber nicht vonnöten. Wo, wann und warum immer du dich zum Einsatz drängst, um einen anderen zu verdrängen, gilt: Ein Besserer findet sich allemal.

Konsequenz

Du kannst das Aufgegebene wegdrücken, du kannst es zulassen und ihm eine Fläche bereiten, auf der es sich ausbreiten darf, eine freie Fläche, mitten im Leben, in deinem Leben, das davon keinen Schaden nehmen wird. Oder doch? Worin sollte der Schaden bestehen? In einem Mangel an Sozia­bilität? Das wäre allerdings ein Vergehen. An wem? An deinen Mit­menschen? Deine Mitmenschen kennen die geheimnisvolle Aufgabe nicht, die dir in den Weg gelegt wurde. Sie kennen sie nicht und sie kümmert sie nicht. Sie kennen dich nicht und du kümmerst sie nicht. Oder vielmehr: ihre Anteil­nahme ist durchaus eigensüchtig.

Aufbruch im Morgengrauen
7
Vorläufige Beruhigung

Wenn das, was dich bewegt zu sein, der du bist, unsichtbar ist, wenn dein Handeln, soweit davon bestimmt, unverständlich bleibt (so unver­ständlich, dass selbst ein Tronka es sich erst einmal zurecht­legen muss), dann wird der Teil von dir, der dir der wichtigste ist – denn natürlich wird hier gewichtet –, ebenfalls unsichtbar sein. Was sie sehen, wird sie nicht beun­ruhigen: es ist nichts Besonderes.

Also – denn darauf läuft es hinaus –: Willst du als nichts Besonderes durchs Leben kommen? Warum nicht? Wärest du denn etwas Beson­deres? Willst du das Besondere, das vielleicht an dir ist (du weißt es nicht, du kannst in die Anderen nicht hineinschauen), gegen den leeren Anspruch auf Besonderheit aufgeben? Wäre es das, was du willst? Ansprüche machen? Wenn nicht, wovor fürchtest du dich? Was du fürchtest, sind Zurechtlegungen: Inter­pre­tationen. Setze deine dagegen.

Das wäre doch: eine Aufgabe.

R
 

Wer prüft, wird geprüft

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
1

....................................... Die Studenten strömen … stromern …… fluten die Pyramide, Raum für Raum, erobern Schreibtisch um Schreibtisch, stapeln sich in den Ablagen, besetzen Telefone, füllen Zirkularmappen, lindgrün, mit einem Schuss Altrosa darin, machen sich flach ……… Die Aula, das architektonische Prunkstück, direkt unter den bleiernen Himmel gesetzt, die Spitze des Machwerks, seine Parodie, der große Hör-Raum, bleibt leer. Mag sein, die Massen haben sie noch nicht entdeckt, mag sein, sie arbeiten sich erst empor, Stockwerk um Stockwerk, langsam, bis ganz nach oben, das macht Sinn, wie die Leere auch ……… wie die Leere auch.
Warum das betonen?
Weil sie zuerst da ist, hier, überall, wo in großem Stil gebaut wird.

Die moderne Großbau­stelle ist leer. Das Auge, ratlos, erkennt keinen sinnhaften Bezug zwischen der Handvoll Bauarbeiter und dem Gelände, in dem sie auf verlorene Weise selbstsicher umhergehen. Was daran wäre bemer­kenswert? Das moderne Wissen gleicht einer ewigen Baustelle, einem mit heroischem Aufwand geschaffenen und mit Betrug, Hinterlist, Unver­mögen und Ausbeutung sich selbst erhaltenden Zustand befriedeter Unruhe, in dem der persönliche Ehrgeiz der Fachver­treter nur mühsam durch gedankliche Fügsamkeit gebändigt erscheint.
Stand der Forschung = Konform­ismus in Reinkultur.
Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
2
Ignorabimus

Erst das Übergewicht der Lehre garantiert die Festigkeit des Wissens. Warum? Sie ist eine Repräsentation wie andere auch, verlässlich wie die Erscheinung der Sonne im Zenith. Was aufgeht, muss auch wieder untergehen. Aber in seinem Aufgang wirkt es unwiderstehlich und auf dem Höhepunkt des Erfolgs erntet es beiläufig den Ewig­keits­wert, der es gleichgültig macht wie den Jüngsten Tag. ›Wir haben gelernt‹ – so steht es in unseren Publikationen, der lange, mühsame Weg des Lehrens hat es uns gelehrt, hinter unserem Rücken, links an der Nase vorbei, bei abgeblendetem Bewusstsein, im Staub der Projekte, den wir abschütteln, sobald sich ein Augenpaar auf uns richtet, das nach Belehrung dürstet. Zehn Augenpaare sind mehr als eines, hundert Augenpaare mehr als zehn, tausend Augenpaare mehr als hundert. So potenziert sich Lehre im Auge des Betrachters.

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
2
Wissen wirkt

Ohne Studenten keine Lehre, ohne Lehre keine Festigkeit, ohne Festigkeit keine Substanz, ohne Substanz keine Funktion, ohne Funktion kein Wissen, ohne Wissen keine Wissenschaft, ohne Wissenschaft keine Community, ohne Community keine Lobby, ohne Lobby kein Auskommen, ohne Auskommen kein Fortschritt, ohne Fortschritt keine Wissenschaft, ohne Wissenschaft keine Lehre, ohne Lehre keine Repräsentation, ohne Repräsentation keine Pyramide, ohne Pyramide kein Hier und Jetzt, kein Rhodus, kein salta: Man bringe dir einen Studenten und du, du hebst... hebst...

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
4

KANDIDAT
Also ... ich würde sagen ... im achtzehnten Jahrhundert. Damals beginnt in Europa die Schriftkultur.

PRÜFER
Wurde vorher nicht geschrieben?

KANDIDAT
Doch, schon. Aber man hat sich etwas dabei gedacht.

PRÜFER
Und das ändert sich jetzt?

KANDIDAT
Ich glaube schon.

PRÜFER
Inwiefern?

KANDIDAT
Sie meinen den Aufstieg des Bürgertums?

PRÜFER
Fahren Sie fort.

 

PRÜFER
Was ist orale Kultur?

KANDIDATIN
Die Menschen besprechen ihre Probleme miteinander.

PRÜFER
Und Sie meinen, in der Schriftkultur geschehe das nicht?

KANDIDATIN, zögernd
Doch, auch.

PRÜFER
Wo liegt dann der Unterschied?

KANDIDATIN
Lassen Sie mich raten.

 

KANDIDAT
In der oralen Kultur gibt es kein Zeitungswesen.

PRÜFER
Woher kommt das Zeitungswesen?

KANDIDAT
Das Bürgertum will seine Investitionen absichern und braucht dafür Infor­mationen.

PRÜFER
Welche Informationen sind da gefragt?

KANDIDAT
Solche, die sich rechnen.

 

PRÜFER
Welche Informationen rechnen sich denn?

KANDIDAT
Zum Beispiel Krieg.

PRÜFER
Wie meinen Sie das?

KANDIDAT
Wenn das Bürgertum am Krieg verdienen soll, dann benötigt es Infor­mationen.

PRÜFER
Das Zeitungswesen entsteht also, damit das Bürgertum am Krieg verdienen kann?

KANDIDAT
Im Prinzip
ja.

 

PRÜFER
Definieren Sie sozialen Wandel.

KANDIDAT
Vorher haben der Adel und die Kirche die Menschen beherrscht, jetzt beherrscht das Bürgertum den Adel.

PRÜFER
Warum?

KANDIDAT
Weil er verschuldet ist.

PRÜFER
Was geschieht mit der Kirche?

KANDIDAT
Der himmlische Kredit nützt dem Adel nichts mehr und das Bürgertum glaubt nur, was ihm passt.

PRÜFER
Und wann passt es dem Bürgertum?

KANDIDAT
Wenn es Profit macht.

PRÜFER
Das glauben wir gern.

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
5

PRÜFER
Wer profitiert von der Schriftkultur?

KANDIDAT
Das Proletariat.

PRÜFER
Warum?

KANDIDAT
Weil es nicht mehr an Gott glaubt, sondern an die Revolution.

PRÜFER
Das müssen Sie mir erklären.

KANDIDAT
schweigt.

 

PRÜFER
Haben die Menschen vorher nicht gelesen?

KANDIDAT
Doch, einige schon. Aber es gab nicht so viele Bücher.

 

KANDIDAT
Schriftkultur ist, wenn die Menschen per Schrift miteinander verkehren.

PRÜFER
Warum machen sie das?

KANDIDAT
Weil der Kapitalismus ihnen die Möglichkeit raubt, sich direkt zu verstän­digen.

PRÜFER
Das müssen Sie mir erklären.

KANDIDAT
Also wenn ich an einem Ort A wohne und mache Geschäfte mit einem Partner, der im Ort B wohnt, und ich habe keine Zeit, nach B zu reisen, um mit ihm zu reden, dann muss ich ihm eben schreiben.

PRÜFER
Das ist Kapitalismus?

KANDIDAT
Naja, schon irgendwie, es ist die Realität.

 

PRÜFER
Sie behaupten also: es gibt zweierlei Schweigen...

KANDIDATIN
Das intendierte und das nicht-intendierte. Ja. Dann gibt es ein Schweigen zweiten Grades für den Fall, dass es nichts zu sagen gibt.

PRÜFER
Wie meinen Sie das?

KANDIDATIN
Wo das Wissen endet, beginnt das legitime Schweigen.

PRÜFER
Und wer bestimmt die Schweigegrenze?

KANDIDATIN
Das kann ich Ihnen nicht sagen.

PRÜFER
Wenn ich jetzt schwiege, was würden Sie mir antworten?

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
6

KANDIDATIN
Bin ich durchgefallen?

PRÜFER
Das ist die Frage, nicht die Antwort.

KANDIDATIN
Ich habe keine Antwort auf diese Frage.

PRÜFER
Und wenn ich jetzt sagen würde:
Ich auch nicht?

KANDIDATIN, zögernd
Dann wären Sie vermutlich durchgefallen. Aber ich will mich da jetzt nicht festlegen.

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
7

Kommunikation, nonverbal: die Kandidatin behält ihre Hand am Rock. Ein Zeichen von Initiative, das wohl überlegt sein will, da es die Gefahr des Misserfolgs einschließt, in gewisser Weise symbolisiert, aber doch auch die Furchtlosigkeit, ihm mit allen Mitteln, selbst unlauteren, gegenüberzutreten. Andererseits liegt die Unlauterkeit, was immer geschehen mag, im Auge des Betrachters, also im Transport: der Eindruck, auf Täuschung angelegt, kann täuschen, täuscht, so oder so. Befinden hin, Befindlichkeit her, Nervosität greift nach jedem Strohhalm, teils, um daraus zu trinken, teils, um ihn zu zerkauen. Techni­ken, sich darzubieten, gibt es zuhauf, angemessen ist keine. Keinerlei Sitte markiert die Grenze des Erlaubten, hinter der die Anmache beginnt: derb wie das Wort oder subtil wie die Halbnacht der Begriffe, in deren Mitte der Prüfer lauert, die Spinne im Netz. Allenfalls gibt sie sich selbst, nach dem Wort des seligen Kant, die Regel. Das Verschieben des Rocksaums, zum Beispiel in Phasen der Not, fällt unter die Rubrik ›archaische Gesten‹: von jedem deutenden Urteil freigestellt, vergleichbar Überresten früherer Sakralbauten, auf denen schwatzende Schüler ihr Frühstücksbrot verzeh­ren. Es handelt sich demnach um ein Stück bedeutungsloser Kultur, wie sie uns Proust überliefert hat, als Kenner der Anderen und ihrer der Ahnungslosigkeit verpflichteten Abgründe.

Plötzliches, rasch gestilltes Verlangen
8

Der Wunsch durchzukommen verdient Respekt. An ihm entscheiden sich Lebensläufe, allein das verbietet jeden Gedanken an Ironie. Man muss die Gedanken des Kandidaten nötigen zu erscheinen: darauf kommt es an. Diese hier springen mit einem Satz auf die Bühne und straucheln, jene dort rennen im Kreis, bis Ermüdung sie übermannt, die nächsten (bitte –!) ergießen sich als nicht abreißender Strom verzweifelter Flüchtlinge übers Parterre. Einige mutieren zu fröhlich geschwungenen Fähnchen. Nicht wenige tragen sich selbst zu Grabe, gesenkten Hauptes schlurfen sie hinter sich drein und signalisieren: Es war ein Versuch. War er es wert? In der Verneinung wartet die Bejahung, sie zögert in der Kulisse, bereit hervorzutreten, sobald die Situation sich zum Guten klärt. Fälle gibt es, da verhakt sich der Vorhang. Getuschel, eine Hand, ein Kopf, geschüttelt oder in heller Verzweiflung. Immerhin: ein Kopf. Ein sprechender Kopf ist keine kleine Sache. Tief in seinem Inneren glimmt die Gewissheit, vernommen zu werden. Aber sie dringt nicht durch, die größere Flamme der Vernehmung lässt sie umschlagen und sie flieht seitwärts, wirft ihren Schein in Abgründe, die sich auftun, als hätten sie von Anbeginn her auf diesen Anlass gewartet. Sie schließen sich wieder, sobald die Prüfung vorbei ist, aber die Narbe bleibt. Ein Gezeichneter mehr. Ein Wille, dem kein Weg sich eröffnete, ein Weg ohne Wille, ihn zu beschreiten, ein williger Weg, ein williger Wille, die zueinander nicht finden.

Nach dreißig Minuten: Abbruch, vorbei.

 

Wo stecken die anderen?

Vibrationen
1

Du betrittst die Pyramide und sie ist: leer. Du verlässt sie und du empfindest eine Leere, die sich entfernt. Zwischen den Polen spürst du die Leere kaum, obwohl es sicher falsch wäre zu behaupten, sie sei nicht vorhanden. Die Pyramide, ihre architektonischen Qualitäten einmal beiseite gesetzt, ist ein großzügig dimensionierter Bau, dessen Zellen, als seien sie die wahren Bewohner, sich nach einem Schlüssel, der dem Besucher verborgen bleibt, teils zusammendrängen, teils in schwer fasslicher Distanz zueinander im Raum verteilen: weiß, gleich und wispernd, in einem ewigen Dämmerlicht siedelnd, aus dem ein Schalter­druck auf Verlangen grelle Lichtkuben schneidet. Du zuckst zusammen, als stündest du jäh am Rand eines Bassins, eine Kommando­stimme riefe dir zu: »Spring!« und du wärest schon gesprungen, doch nur zur Hälfte, während die andere draußen blieb und dir fassungslos und ein wenig aufgebracht nachblickt.

Wie dem auch sei: der Aufenthalt in der Pyramide ist keineswegs zwingend. Kaum eine Tätigkeit lässt sich denken, die du nicht ebenso gut und besser an einem anderen Ort ausführen könntest. Im Grunde reicht ein ruhiges Straßencafé, um den Riesenbau vergessen zu machen.

Vergiss es! Wer so denkt, übersieht die unsichtbare Maschine, die ihn von den Kellern bis in die Spitze hinein erfüllt: Ursache eines leisen, die Empfindung der Leere beiseite drängenden Vibrierens, das jeden Körper befällt, der ihn betritt.

Vibrationen
2
Sitzungen

Wie die öffentliche Hand materielle Anreize schafft, um bestimmte Ziele in der Bevölkerung durchzusetzen, so arrangiert die Pyramide, aus beinahe beliebigem Anlass, Zusammenkünfte zwischen ihren Bewohnern. Sie erlegt sie nicht zwingend auf, aber sie legt sie nahe. Der Zwang für den Einzelnen kommt auf leisen Sohlen, er folgt der Idee, der Betrieb müsse entgleisen, würden alle sich fernhalten.

Warum?

Ein Grund könnte in der Befüchtung liegen, der Prozess notwendiger sozialer Verkettung erleide eine empfindliche Störung, sollten sich einzelne Glieder einfallen lassen, ihm ihre physische Präsenz über Gebühr oder gar dauerhaft zu entziehen.

Falsch!

Es sind immer dieselben Typen, die da zusammenkommen. Sie tun es, weil sie nicht anders können: sie folgen dem ergangenen Ruf. Sie versammeln sich um eine Mitte und es ist die Mitte – vielleicht nicht gerade das Zentrum des Universums, dafür sind sie dann doch zu sehr Wissen­schaftler, aber der Ort, an dem die realen Entscheidungen fallen. Anwesenheit bedeutet Macht, persönliche Anwesenheit persönliche, das heißt wirkliche Macht.

Vibrationen
3
Exoten

Gewisse Kollegen werden besprochen, während sie selbst nie oder äußerst selten in Erscheinung treten. Ist einer doch einmal anwesend, so wirkt das fast wie eine Störung der erprobten Abläufe: Provokation durch unerwartet konformes Verhalten. Nein, es kommen keine Nonkon­formisten, wie man erwarten könnte, sondern Leute, die durch ihr Verhalten zu verstehen geben, dass andernorts unermessliche Aufgaben ihrer harren, während sie hier etwas verloren herumsitzen und darauf warten, dass ihr berechtigtes Anliegen endlich zur Sprache kommt, während die restliche Veranstaltung sie nichts angeht. Was nur zum Teil stimmt. Denn es soll vorkommen, dass der Betreffende sich doch einmal zu einem Beitrag herablässt: sogleich verschwindet die Aura der Distanz und hervortritt eine mit intimen Verhandlungs­details bestens versorgte Person, die ganz gut austeilen kann.

Vibrationen
3

Ein merkwürdiges Verlangen treibt dich in diese halb informellen, halb rituellen Konvente. Nach Regeln und gemäß Motivlagen, die du nur langsam und bruchstückweise begreifst, werden dort Sätze gewechselt, deren Sinn teils dunkel, teils trivial anmutet. Ihre verborgene Logik muss wohl über jeden Zweifel erhaben sein, da sie augenblicklich Gefolgschaften organisiert und gegnerisches Geplänkel heraufbeschwört. Kollege Dürrobst zum Beispiel, das Pfeifchen im Mundwinkel, ergreift das Wort mit gravitätischer Ruhe, die stets Unruhe schürt. Er strahlt eine Sicherheit aus, wie sie nur ein sorgsam memoriertes Päckchen längst oder halb vergessener Fakultäts­beschlüsse zu geben vermag. Dem Dauergespräch eines Gremiums mit sich selbst kann sich keiner entziehen. Ein Gedächtnis entzündet sich am anderen und vollbringt Taten, die seine Alltags­leistung weit übersteigen. Eigenartig nur, dass das Ergebnis selten eindeutig ausfällt. Deshalb beeindruckt es immer aufs Neue, wenn inmitten des Getümmels einer – in der Regel Dürrobst – blank zieht und den Beschluss einer Jahre zurück­liegenden Sitzung vom Blatt verliest. Auch dann noch lässt sich Einmütigkeit leicht verhindern. Es genügt der gezielte Hinweis auf eine ominöse Beschluss­revision in der soundsovielten Sitzung: Bluff oder nicht, gleich sind alle Wissende.

 

Der Quell des Vergessens
ist eine gut sortierte Erinnerung

Ceci n’est pas une pipe
1

Kann man einen Menschen auswickeln, wie man ein Stacheldraht­knäuel entwirrt – sorgsam die überscharfen Linien meidend, aber nicht meiden könnend, weil sie nicht nur das äußere Profil kontrollieren, sondern aus dem Inneren des Knäuels fortwährend Nachschub empfangen? Dürrobst, der Gremienkämpfer, ist so ein Fall. Jede Behutsamkeit, sei’s der Wahrnehmung, sei’s der Behandlung, gerät in seinem Fall in die Sackgasse und Dürrobst, der ewig Knittrige, ewig Knickrige, triumphiert.

Pädagoge Dürrobst, die abgewetzte Lederjacke deutet es an, will als Fossil bewegterer Zeiten gelten. Ihm ist ›durchaus bewusst‹, was er treibt, wenn er ein Gespräch über das, was hier und heute Not tut, auf Auslegungsfragen fixiert, die den verschimmelten Akten-Ausstoß verflossener Jahre in den Rang kirchenrechtlicher Grund­lagen­texte erheben. Es gelingt nicht leicht, an ihm vorbeizukommen. Und darauf kommt es an.

Auslegungs­fragen sind Machtfragen. Wer es zur Regel erhoben hat, die Machtfrage zu stellen, tut gut daran, sich der Vergangenheit souverän zu bedienen. Die Ver­gangen­heit ist eine gelehrige Schülerin, widerstandslos nimmt sie an, was man über sie verbreitet, und lehrt, was sie lehren soll, sofern man nur in gehöriger Form um sie ringt. Kurz gesagt, sie ist das Feld der Lügen.

Allerdings ... unter Kollegen gewinnt man mit dieser Auffassung keine Freunde. Dürrobst hat in der Fakultät keine Freunde, sein Bedarf an freundschaftlichem Verkehr scheint gering. Er ist ein Blender, der niemanden blendet, aber sein Blend-Werk mit Verve betreibt. Ließe man sich blenden, würde man eine diabolische Lust am Kollegen-Spiel in seinen Zügen erkennen. Doch die Wahrheit liegt tiefer: er ist unbelehrbar aus Überzeugung.

Ceci n’est pas une pipe
Ceci n’est pas une pipe
2

Kein Zweifel: Dürrobst ist ein Rechthaber. Was, unter Pyramiden-Bedingungen, ist ein Rechthaber? Ein Unbeirrbarer? Ein Aufrechter unter Mitläufern? Einer, der den Auftrag der Pyramide seriöser, profunder, primärer in sich vernimmt als seine leichtfertigen Kollegen, die vor allem eine Gelegenheit darin wittern, sich einer tadellosen Führung zu befleißigen und dabei ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen?

Das wäre eine Option. Sie setzt voraus, dass der Auftrag selbst seriös ist und nicht bloß ein typisches Produkt der Sprechblasen-Industrie, mit deren Hilfe Wissenschaft und Politik einander ›Mittel‹ und ›Ergebnisse‹ abjagen. Eine andere bestünde darin, den Rechthaber als Kristallisationsfigur des Sarkasmus zu begreifen, den phantastische Zielvorgaben überall auf der Welt beim mit der ›Umsetzung‹ betrauten Personal hervorzurufen pflegen.

Wer Dürrobst zuhört, könnte meinen, er habe bei der Ausarbeitung der Gründungsurkunde seinerzeit einen Extraplatz zugewiesen bekommen. Er kennt den Wortlaut, sei es der gehaltenen Reden, sei es der niedergelegten Beschlüsse, und weiß ihn auszulegen, dass den Mitstreitern Hören und Sehen vergeht. Die Aufstellung der Fächer, die Ausrichtung der ›Lehrgebiete‹, das ganze komplizierte Gefüge der Besitzstände und -optionen, der Zurückstellung und Vormerkung von Ansprüchen und ihre Begründungen, das alles zirkuliert in ihm und muss, wie der Anlass es zulässt, heraus. Doch unversehens mischen sich auch andere Töne hinein. Wenn er die Unfähigkeit der Kollegen geißelt, zielt er auf den gesellschaftlichen Kahlfraß, der, davon ist er überzeugt, in Politik, Kultur und Wissenschaft wütet und keine der kurrenten Gesinnungen auslässt, ganz zu schweigen vom dazugehörigen, zur Gänze verblendeten Personal.

Ceci n’est pas une pipe
Ceci n’est pas une pipe
3

Der Erziehungswissenschaftler Dürrobst ist – rein physiognomisch – ein Relikt vergangener Zeiten. Nein, er ist nicht zu Füßen Adornos gesessen (ein poetisch-geschmackloses Bild für die Zeiten und Lehr­meinungen überdauernde studentische Aufnahmelust und -position), er hat den Sud der ›negativen Dialektik‹ an einer Provinz-Universität getrunken – Oldenburg, falls die Erinnerung dich nicht narrt – und seither mit knarziger Beharrlichkeit seinen Weg verfolgt. Aber im Herzen ist er Provinzler geblieben, Provinzler des Gemüts und Provinzler der herz­wärmenden Lektüren, also aus inniger Disposition: Dürrobst, wie er geht und steht, ist ein in die Jahre gekommener Parteigänger des Nichtidentischen. Allzu gern möchte er als Partisan desjenigen, was zu realisieren uns allemal aufgegeben bleibt, in die Ewigen Jagdgründe eingehen. An diesem umfassenden Ziel bemisst sich der Grad seiner Leidenschaft – womöglich hätte er sogar den Champion der Negativität aufs Tiefste erschreckt. Und da jeder Mensch den Abgrund in sich trägt, vor dem er routinemäßig zurückschreckt, während die aufsteigenden Dünste ihn seiner vorgeblichen Willenskraft berauben, liegt hier vielleicht sein innerstes Motiv: Er will den Meister aller Klassen erschrecken – posthum, wie es sich gehört, aus purer Lust an der Sottise. Insgeheim stellt er sich vermutlich vor, wie er ihn im Klavierspiel unterbricht, seine bourgeoise Schwäche bloßstellend und sich weidend am Ausdruck äußerster Indignation, der dem Angst-Code einer gehetzten Bildungs­existenz entstammt und seinen Flucht und Exil auf sich vereinigenden Inhaber zeichnet auf alle Zeit.

Kollege Dürrobst ist, was er ist, auf eine Art, die vorgibt, es nicht zu sein: eine Kanalratte der antibürgerlichen Emanzipation.

Ceci n’est pas une pipe
 

Tronka hat keine Zuhörer
Er hat Weghörer

Tronka bringt sich ein
1

Tronka

  • ―Wo wollen Sie denn hin? Machen Sie sich nichts vor. Was immer Ihnen in diesem Hause an sogenannten Ideen nahegelegt werden wird, es geht zu weit oder nicht weit genug. Janein, das ist keine fixe Idee von mir, das ergibt sich einfach aus der Sache. Wenn man mal davon absieht, dass sich die Mehrzahl der Kollegen im Hause nicht mit Ideen beschäftigt, sondern mit Vorhaben – und Vorhaben sind nun einmal keine Ideen, aber erzählen Sie das mal einem von denen! –, also wenn man mal davon absieht, bleibt der nicht unbeachtliche Umstand zu verzeichnen, dass ihre Vorhaben bei aller Raffinesse im Detail an Vorgaben hängen, bei denen sie sich nichts gedacht haben, erstens, weil es dabei nichts zu denken gibt, zweitens, weil es nicht ihre Aufgabe ist, darüber nachzudenken… Das aber bedeutet – es macht Ihnen doch nichts aus, dass ich so ungeschützt rede? Spannen Sie einen Regenschirm auf, wenn Sie einen dabei haben! –, dass all diese herrlichen Projekte, für die der Staat seine wundervollen Projektmittel ausschüttet, in der Luft hängen, rein gedanklich gesprochen, denn alles, was sie atmen, wenn man es ›atmen‹ nennen will, ist nichts weiter als eine Ausdünstung der Bürokratie. Schauen Sie sich um: wandelnde Akten­ordner, wohin Sie blicken. Ja was denn sonst?

Tronka bringt sich ein
2

Tronka

  • ―Was glauben Sie? Was wollen Sie glauben? Ich will Ihnen Ihren Glauben nicht austreiben, aber die Pyramide, dieses glänzende Stück Wissenschaftsplanung, ist kein Projekt der Wissenschaft, nicht einmal der Gesellschaft. Was dann? Ich nehme das Wort ungern in den Mund, aber in diesem Fall ist es ausnahmsweise angebracht. Die Pyramide, falls überhaupt, ist ein Projekt der ›Kultur‹. Ich sage: falls überhaupt, denn sicher sein kann man dabei nie. Sicher sein kann man nie. Warum auch? Janein, ich meine Kultur diesmal ganz im akademischen Sinn. Der ganze Muff … ich weiß, die Zunge stockt, allein sie muss hinüber. Ist das kein Beweis von Kultur? Das ist einer, machen wir uns nichts vor. Gerade deshalb... Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Nicht wirklich. Mit der Pyramide hat sie so ihre Schwierigkeiten. Sie will, sie muss hinüber, allein es fehlt etwas, es knirscht, wenn Ihnen die Vokabel geläufiger ist, es knirscht gewaltig –. Wie? Tut nichts zur Sache, darüber reden wir später. Das ist es, was ich Ihnen beibiegen möchte: Die Kultur ist aber schon da, sie ist schon eingezogen, sie kann gar nicht anders, denn sie kommt mit, und sei’s auf den Nordpol, sie mischt immer mit, und jetzt passiert das, was uns hier beschäftigt – dass sie sich offenbar als unfähig erweist, aus eigener Kraft die Nabelschnur zu durchtrennen, mit der sie am überkommenen System hängt.

Tronka bringt sich ein
3

Tronka

  • ―Machen wir uns nichts vor. Das System ist verkommen, aber haben Sie ein anderes, Kollege? Es ist, wie es ist. Professoren werden berufen und kümmern sich darum, dass ihresgleichen berufen werden. Dazwischen klafft ein Loch, angefüllt mit hehren Erwartungen. Und die Pyramide? Ein systemfremdes Element, durch einen ministeriellen Federstrich ins Leben gerufen, keineswegs unvergleichlich, o nein, aber Vorbilder zählen nicht. Andere Zeiten, andere ›Bedingungen‹ – ein Wort, das in der Sozial­wissen­schaft praktischerweise die Gesamtheit aller Faktoren bezeichnet, die zur Entstehung einer Institution beigetragen haben, so dass sich jeder seine Lieblingsbedingungen herauspicken kann. Aber das ist es ja: die Bedingungen haben sich geändert, um nicht zu sagen davongemacht, sie spielen im Selbstverständnis der Handelnden keine Rolle mehr, doch sie wirken weiter, subkutan, im ›Hinterkopf‹, egal was der Vorderkopf dazu sagen mag. Und zwar, da ihnen der freie Auslauf versagt ist: als Spiel der Entwertungen.

Tronka bringt sich ein
4

Tronka

  • ―Ein gestriger Wert, der heute keiner mehr ist, aber als verborgener Grund einer Sache weiterhin anwesend bleibt, verwandelt sich in einen Unwert. Schließlich wird er zum Entwerter. Sie müssen sich das wie einen Fahrschein-Automaten vorstellen, der quer über jede Handlung die Worte stempelt: ›Kein Anschluss!‹ Herbes Schicksal eines Wissen­schaft­lers, der per Anschluss Anerkennung zu erwerben trachtet und nun durch sein vergebliches Trachten auffällig wird – und das nicht etwa, weil es an sich auffällig wäre, sondern weil die bereits ausgebildete stille Überzeugung von der Vergeblichkeit des eigenen Tuns sein Reden und Handeln mit einem komischen Stoff imprägniert, an dem die Dauer-Angst des Zu-kurz-Gekommenen ebenso Anteil hat wie sein trotziges Beharren auf der ›Anschluss­fähigkeit‹ von allem und jedem, was ihm entschlüpft. Ja natürlich. Exklusion durch Inklusion. Oder umgekehrt. Nennen wir, was sich da herstellt, der Einfachheit halber ein Lebensprinzip: eine jederzeit einkassierbare, höchst elastische Forderung des Einzelnen an sich selbst, die ihn vom Mitmenschen isoliert und jede gedankliche Kühnheit im Keim erstickt. Mit anderen Worten: Der Pyramidenbewohner geht mit seinen Projekten den Freunden und Kollegen draußen über kurz oder lang auf die Nerven. Und jetzt muss ich los.

 

Ex cathedra

Antrittsvorlesung
1

Spectabilis!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Wann haben Sie das letzte Mal über den Sinn eines Wortes nachgedacht? Gerade eben? Vor drei Stunden? Vor drei Tagen? Fast möchte ich schwören – ich weiß, das wäre an diesem Ort und zu diesem Anlass eine ziemlich verdrehte Geste –, dass Ihre Antwort lauten würde: gerade eben, vielleicht sogar: gerade jetzt. Würden Sie aber in sich gehen und die Frage ernsthaft eruieren, dann verschöbe sich die Antwort in eine unbestimmte Vergangenheit und bliebe schließlich beim Wörtchen ›nachgedacht‹ hängen: Wann denkt jemand schon über den Sinn eines Wortes nach? Entweder er hat ihn parat oder … nicht. Im ersten Fall muss er nicht nachdenken, im zweiten hat er ihn vergessen oder nie gewusst, soll heißen: er könnte sein Gedächtnis bemühen oder sich in der Kunst der Zerlegung üben – etwa dann, wenn es sich um ein Fremdwort handelt oder um ein zusammengesetztes Wort wie zum Beispiel ›Antrittsvorlesung‹: Es könnte ja sein, dass sich der Sinn auf diesem Wege von selbst ergibt. Es könnte aber genauso gut sein, dass er sich verrätselt: Antritt? Welcher Antritt? Dienstantritt? Das wäre doch … etwas spät. An dieser Stelle meldet sich dann ein Stimmchen – ich bin mir fast sicher, dass es sich meldet, aber man kann nie wissen –, um Ihnen mitzuteilen: Mach dich nicht lächerlich. Selbstverständlich weißt du, was eine Antrittsvorlesung ist. Es wäre sinnlos, über den Sinn gerade dieses Wortes ins Grübeln zu geraten – nicht, weil es keinen hätte, sondern weil Gebrauch und Sinn dieses Wortes so offenkundig auseinanderklaffen, es sei denn … es sei denn, Sie definieren Sinn, gleichsam zum Hausgebrauch, als Gebrauch. Dann sind Sie auf der sicheren Seite und niemand kann Sie aufhalten.
Sie sehen, es bereitet keinerlei Schwierigkeiten, das Wort ›Sinn‹ zu definieren: und zwar so, dass es zwar erkennbar Sinn macht, aber den Sinn ebenso erkennbar verdunkelt, weil es die Fülle des Gebrauchs gerade dieses Wortes zugunsten einer Ad-hoc-Festlegung abschneidet. Das kann man machen, natürlich kann man das machen, es ›ergibt‹ zweifellos einen Sinn, aber der so gewonnene Sinn widerspricht dem unreglementierten Sinn von Sinn eklatant und erweist sich, wie unsereins so gern sagt, als sinnlos, sobald einer anfängt, über letzteren nachzudenken. Offenbar ist der Sinn von Sinn nicht durch Festlegung zu gewinnen. Das mag unsinnig klingen, aber es erlaubt die Frage: Wodurch dann? Durch Nachdenken?
Das führt mich zur ersten These meines heutigen Vortrags.

Antrittsvorlesung
2

1. Sinn kommt von Sinn

Ich weiß, ich weiß: der eine oder andere von Ihnen möchte jetzt einwerfen, ich hätte doch bisher gar nicht über Sinn gesprochen. Recht besehen hätte ich nur über Bedeutung geredet. Ganz recht: Wörter bedeuten etwas, ganz gleichgültig, ob sich ein Sinn damit verbinden lässt oder nicht. Legt man ihnen künstlich oder ›explizit‹ Bedeutungen bei, dann nennt man letztere in Wissenschaftlerkreisen Begriffe. Jedenfalls heißt es so. Wenn Sie aber darauf achten, wie Sie die Wörter tatsächlich benützen, dann müssen Sie resigniert feststellen, dass auch Sie nie aufgehört haben, wie jedermann Wörter Begriffe zu nennen, wann immer Sie gesteigerten Wert aufs Begreifen legen: »Dieser Begriff war mir bisher nicht geläufig.« Soviel zu den expliziten Bedeutungen.
Sinn hingegen … Sinn stellt sich ein oder nicht. In diesem Sinne … Sie merken, ich gerate gerade ins Grübeln, ich muss mich losreißen, um bei der Sache zu bleiben, der ›Sache des Sinns‹. Fast komme ich mir vor wie ein Vertreter… Ein Sinn, der sich einstellt, muss von irgendwo herkommen, er muss ein Herkommen, eine Herkunft, eine Genealogie aufweisen: »Ah, daher kommt der Sinn!« Rein theoretisch könnte er auch aus dem Nichts kommen. Aber das ist auch nur eine Redewendung und bringt uns in der Sache nicht weiter.
Nein, Sinn kommt von –: fast wäre ich jetzt in die Falle getappt und hätte gesagt, ›von weit her‹, was ja auch stimmt, wenn wir die lateinische Genealogie zugrundelegen. Von den Sinnen zum Sinn ist bekanntlich nur ein Katzensprung. Wer allerdings den Katzen beim Sprung zuschaut, der kommt just an dieser Stelle, fast hätte ich geunkt: ins Sinnieren. Diese Eleganz! Diese Geschmeidigkeit! Diese Sicherheit! Dieser Umschlag, der die Szenerie im Handumdrehen verwandelt! Das gemahnt schon ungemein an den Un-Sinn, der uns hier umtreibt: Eben gab die Welt sich noch rund und vertraut und bedeutungsschwanger – nun, im Bann der Sinnfrage, steht alles Spitz auf Knopf, ein scharf-kalter Wind durchzieht die beunruhigte Wahrnehmung und das Gefahren­bewusstsein, das gute alte Gefahrenbewusstsein sagt uns: Aufgepasst! Etwas geht vor.
In diesem Sinne – ich wähle das Wort mit Bedacht – ist Sinn ein Leerräumer: Erkundige dich nach dem Sinn einer Sache und du erzeugst einen Mangel, der danach giert, behoben zu werden oder auch nicht – »Das hat doch alles keinen Sinn!« Hat es wirklich keinen? Echt jetzt? Mir würde da schon noch einer einfallen. Warum gerade mir? Warum gerade jetzt? Nun ja, ich müsste ein wenig nachdenken, so einfach liegen die Dinge nicht, aber ich bin mir sicher: Mein Sinnhaushalt mag beschränkt sein, doch leer ist er nicht. Woher ich das weiß? Ganz einfach: Wer einräumt, einer Sache keinen Sinn abgewinnen zu können, der gibt sich geschlagen. Wie die Menschen so sind, will er den anderen, der noch einen Sinn zu erkennen glaubt, im Ausfall mitreißen: »Gib’s auf!« Und damit begeben wir uns umgehend auf das Feld der Trickser und Täuscher.

Antrittsvorlesung
3

2. Macht Sinn Sinn?

Aber gewiss. Alles macht Sinn. Wenn aber alles und jedes Sinn macht, dann muss auch der Sinn… Doch warum so langweilig? Die ganze Sinnmacherei hat einen Webfehler, bei Licht betrachtet: es steckt nichts dahinter. Sie ist, ich betone: sie ist nichts anderes als – ja was denn? Mustern wir alle in Frage kommenden Kandidaten durch, dann finden wir nichts anderes als … nun, dieses Nichts-anderes-als, es selbst, wenn Sie so wollen, keinerlei Sache, keinerlei Sachverhalt, vielmehr das Nichtandere an sich selbst. Etwas anderes kann sie nicht sein, denn wäre sie etwas anderes, dann wäre sie was? Nichts. So hingegen … erscheint sie den Leuten als Spiel, als Sucht, als Epidemie, als eine wechselseitige Ansteckerei ohne Ende. Aber das sind bloß Metaphern. Streng genommen, duldet sie keinen Vergleich. Alles im Leben, die Leute sagen es, hat seinen guten Sinn, man muss sich bloß darum kümmern. Oder auch nicht: dann ist er Vertrauenssache. Man muss viel Vertrauen in die Sprache besitzen, um so zu reden. Denn es ist die Sprache, die Sprache und nochmals die Sprache, die den guten Sinn selbst dann transportiert, wenn er verlorenging.
Kein Zweifel: Sinn kann verlorengehen. Die Suche nach dem verlorenen Sinn füllt Bibliotheken. Aber die spannendere Frage ist doch: Kann er auch vergehen? Immerhin sprechen wir, auch wenn es uns nicht immer gegenwärtig ist, von der Vorsehung, dem letzten Zweck des Universums oder dem moralischen Endzweck: sie alle stecken im guten Sinn und kommen nicht mehr heraus. Warum eigentlich? Das ist eine lange Geschichte und sie besitzt ihre eigene Logik. Der Zweck muss vergehen, damit der Sinn erscheint. Was uns zweckfrei erscheint, weil der Zweck abhanden kam oder verfehlt wurde, das findet auch darin Sinn. Anders ausgedrückt: es muss endlich doch Sinn zeitigen – und sei’s keinen anderen als den des verfehlten Zwecks. Und siehe da: Der verfehlte, der verlorengegangene Zweck ist schon deshalb ein besserer Sinnlieferant als der erreichte, weil er nicht durch den Erfolg banalisiert, andere würden sagen: konsumiert wird. Er ist so etwas wie der Paulinische Rest der Geschichte: das, was bleibt. Der letzte Sinn des Sinns liegt in der Bewahrung des Zwecks über ihn selbst hinaus.
Der letzte? Oder doch nur der vorletzte? Welchen Sinn sollte die Bewahrung besitzen, den sie nicht stante pede in klingende Münze umsetzt? Der Sinn des Sinns muss ebenso selbstverständlich über den Sinn der Bewahrung hinausgehen, wie der Sinn der Bewahrung über die bloße Bewahrung hinaus ins Menschliche geht: darin liegt ja der gute Sinn im Gegensatz zum Sinn im allgemeinen, zum allergemeinsten Sinn, den keine Gemeinheit bremst. Wenn aber Sinn der Platzhalter wäre, der jede Art der Bewahrung einschließt und unter sich lässt, dann käme es, allein unter Sinngesichtspunkten, nicht auf die Verwahrung als solche an, sondern auf den dazugehörigen Akt. Nennen wir ihn die Geste des Bewahrens. Das wiederum lässt verständlich werden – ich drücke ein wenig aufs Tempo, um mit meinem Programm durchzukommen –, warum Sinn gar nicht anders kann als Sinn zu machen – oder zu generieren, wie das vornehmere Wort dafür lautet. Denn eines darf jene Geste mit Sicherheit niemals: erstarren, andernfalls wäre sie einfach nur sinnlos.

Antrittsvorlesung
4

3. Wahrheit macht keinen Sinn

Unter Sinnsuchern ist die Wahrheit so etwas wie das Ei des Kolumbus: ein Gewusst-wie, das alle anderen aus dem Feld räumt. Gern wird sie deshalb auch rein genannt, wie um anzudeuten, dass jede Verunreinigung ihr zuwider ist. Gäbe es den reinen Sinn, so wie es die reine Wahrheit gibt, so wäre es aus mit jeder Bewahrung, die ja nichts weiter anstellt als die Verlängerung der Existenz eines Dings ins Imaginäre. Es gibt keine größere Distanz als die zwischen Wahrheit und Sinn. Wenn Wahrheit der Mittelpunkt ist, dann bildet Sinn die Peripherie, wenn der Sinn die Welt beherrscht, verflüchtigt sich die Wahrheit aus Zeit und Raum. In Wahrheit verdankt sich der Antagonismus von Wahrheit und Sinn dem Umstand, dass Sinn nicht anders entsteht als durch Produktion, soll heißen, als Ausdruck des Willens zur Bewahrung, der unmittelbar erlischt, sobald er keinen Ausdruck mehr findet. Man kann Gegenstände bewahren, Gefühle, Gedanken, Pläne, Projekte, das heißt einen Kokon um sie spinnen, der sie irgendwann in die Sinndimension entlässt, während im gleichen Zug die Wahrheit aus ihnen verschwindet.
Zum Beispiel bedurfte es eines Entschlusses, sagen wir: irgendwann im Zuge der Aufklärung, als ein paar Europäer beschlossen, die Distanz zwischen sich und Gott ein wenig zu vergrößern, damit sie der Geschichte einen Sinn geben konnten, nachdem letztere jahrtausendelang nur als Vorhof des Jenseits oder als zusammenhangloser Haufen von Begebenheiten ins Auge gefasst worden war. Der archimedische Hebel, dessen die Aufklärer sich bedienten, war die Kausalität, genauer gesagt, die Idee einer durchgehenden Kausalität, der keine Begebenheit entkommen durfte: kein Wunder, keine Eingebung der Natur, keine solitäre Erfahrung. Damit war die göttliche Ordnung gesprengt und der Run auf das jeweils folgende Quidproquo eröffnet. Wer die Wahrheit kennt – oder zu kennen glaubt –, dem ist die Ursachenjagd ohne erkennbaren Abschluss ein einziges Gräuel. Sie nimmt ihm einen sicher geglaubten Besitz mit der Aussicht auf Erstattung in einer unbestimmten, sich immerfort verschiebenden Zukunft. Das macht erkennbar keinen Sinn, soll heißen: Wahrheit macht keinen Sinn. Was macht sie dann?
Die einzige Eigenschaft der Wahrheit ist es, wahr zu sein, mit Betonung auf ›sein‹. Alles Falsche prallt an ihr ab. Ganz anders der Sinn, der es gierig aufnimmt und sich anverwandelt: alles, was Sinn macht, kann nicht ganz falsch sein, und alles Grundfalsche kann nur deshalb falsch genannt werden, weil sein Sinn ebenso klar vor Augen liegt, als handle es sich um die reine Wahrheit. Wenn also behauptet wird, Wissenschaft diene der Wahrheit, dann handelt es sich um eine glatte Lüge, allerdings eine, die ihre eigene Wahrheit in sich trägt. Denn Wissenschaft macht nur dann Sinn, wenn sie der Wahrheit, als des Unerreichbaren, eingedenk bleibt, also als Widerlegung der Märchen, die sich um ihren Ursprung ranken. Diese Märchen haben, wie wir wissen, sämtlich den gleichen Kern: dass Wissenschaft angetreten sei, um die Wahrheit an die Stelle der Täuschung zu setzen, als welche sie, also die Wahrheit, vor ihr in der Welt war. Wem das zu sophistisch vorkommt, der halte sich an die Regel: Bezeichne einen Gedanken als wahr und du entziehst ihn damit der Wissenschaft.

Antrittsvorlesung
5

4. Sinn vernichtet Substanz

Ein jeder Sinn ist neu. Man kann auch sagen: es ist seine wesentliche Eigenschaft, neu zu sein. Dagegen ließe sich argumentieren, dass kein Sinn neu ist, wenn alle neu sind. Doch wer so denkt, der verkennt den Sinn von Sinn und stopft ihn in die Hülle der Substanz zurück, der er … sagen wir … doch gerade entschlüpft. Wie das? Betrachten wir erneut die Formel des Nichts-anderes-als: ihr Sinn besteht keineswegs darin, einer Sache Substanz zuzuschreiben, etwa durch Bekräftigung ihrer Identität – »ein Vogel ist ein Vogel ist ein Vogel…« oder durch eine einfache Definition – »ein Vogel ist ein gefiedertes Wirbeltier auf zwei Beinen, ausgerüstet mit einem Schnabel und einem Paar Flügel, das ihm in der Mehrzahl der Fälle Flugfähigkeit verleiht« –, sondern in der Auflösung dieser Identität in eine andere, etwa: »Ein Vogel ist nichts weiter als eine fliegende Spieluhr«, »Die Realität ist nichts weiter als eine Simulation«, »Dein Nachbar ist nichts weiter als der Klassenfeind von nebenan.«
Es ist also stets eine neue Identität, die den Dingen auf diese Weise verpasst wird, verglichen jedenfalls mit der, die man ihr unter dem Gesichtspunkt der Substanz zuschreibt. Diese neue Identität ist fluide, sie kann durch Denken jederzeit aufgelöst und in eine andere überführt werden, entweder auf dem Weg der Negation – »Ein Vogel ist keine fliegende Spieluhr, sondern nichts weiter als ein in die Lüfte geschleuderter Ball« – oder durch erneute Gleichsetzung, sprich Identifikation: »Dein Nachbar ist der Klassenfeind von nebenan, der nichts weiter ist als das Glied einer internationalen Verschwörerbande.« Das Spiel lässt sich immer weiter treiben und muss in gewisser Weise stets weiter getrieben werden, weil jede auf diese Weise gewonnene Bestimmung schal wird, soll heißen, ihr Fesselungspotential verliert, sobald nichts weiter aus ihr folgt. Ein Vogel, der nichts weiter ist als ein in die Lüfte geschleuderter Ball, verliert nach einem kurzen Intervall der Faszination jedes Interesse … es sei denn, ein anderer Beobachter nimmt den Ball auf und besteht mit Vehemenz darauf, der sogenannte, der vermeintliche Ball sei nichts weiter als ein Stück faul Holz, wie es in Büchners Märchen so schön-traurig über den Mond gesagt wird.
Das mag Ihnen, als Modell, simpel erscheinen. Darauf entgegne ich: eine Technik der Welterklärung, die jedermann zugänglich ist, darf gar nicht anders, sie muss simpel gestrickt sein. Ein Trugschluss wäre es allerdings, daraus zu folgern, sie habe in der Praxis nichts zu bedeuten. Die Verwandlung des Klassenfeindes durch alle Stadien halsbrecherischer Theorie hindurch, bis die Konstruktion am Ende in sich zusammenfällt und, sieh da, nichts anderes von ihr übrigbleibt als ein Häufchen eifrig geschürter Attitüden – eine solche Metamorphose löscht die Geschichte der sogenannten Klassenkämpfe schließlich nicht aus. Sie erklärt aber, warum zu bestimmten Zeiten Feindschaften aufzüngeln und sich wieder verlieren, nachdem sie eine blutige Spur durch die Geschichte gezogen haben, obwohl doch die Ausgangslage sich seit den Anfängen kaum verändert hat. Selbstverständlich hat sie sich verändert, die als gültig erachtete Beschreibung hat sich, mit und gegen die Lebenswirklichkeit, verändert, während die ursprüngliche, unverändert im Angebot befindliche, zwar weiterhin von Dummköpfen und Fanatikern verbreitet, aber von der Masse der Menschen mit verächtlicher Geste beiseitegeschoben wird. Sie hat keine Substanz. Die neue auch nicht, aber das wird die Geschichte weisen. Bis dahin macht sie Sinn.

Antrittsvorlesung
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5. Die Illusion des Bewusstseins erzeugt das Bewusstsein der Illusion

In dieser Aussage stecken zwei Annahmen: erstens, das Bewusstsein, jedenfalls das menschliche, sei Illusion, zweitens, speziell diese Illusion, genannt Bewusstsein, sei in der Lage zu erkennen, dass es es sich bei ihm um eine Illusion handle. Beides ist starker Tobak, und deshalb möchte ich ein paar Sätze darauf verwenden. Von Illusion reden die Leute gewöhnlich um anzudeuten, etwas, zum Beispiel eine Figuren­gruppe oder der kleine Finger des Heiligen Nepomuk, sei nicht wirklich, sondern nur gemalt oder ›digital erzeugt‹. Es kann aber auch ein imaginärer Posten in einer Bilanz gemeint sein, der Vermögenswerte vortäuscht, die so nicht existieren. Menschen machen sich Illusionen, wenn sie falschen Hoffnungen nachjagen oder falschen Vorstellungen aufsitzen. Das kann bekanntlich so weit gehen, dass sie sich über ihre Stellung in der Welt oder im Universum gründlich im Irrtum befinden – Pech für sie, sollte man meinen, aber im Einzelfall mag es auch Glück bedeuten. Von dort bis zur Idee, die Menschheit insgesamt befinde sich prinzipiell im Irrtum über ihre Lage oder ihre Eigenart, ist im Grunde nur ein kurzer Schritt, allerdings ein entscheidender. Denn in diesem Fall geht die Instanz verloren, die darüber befinden könnte, wo die Realität aufhört und die Illusion anfängt.
Soeben nannte ich es eine Idee, obwohl es, streng genommen, keine ist und keine sein kann, da es den von Menschen entwickelten Ideen insgesamt den Grund entzieht: die elementare Annahme, dass, wer sich in der Welt zu orientieren vermag, auch etwas von ihr versteht. Verständnis schließt Irrtum und Täuschung nicht aus, im Gegenteil: wer unterschiedslos alles verstünde, der stünde nicht in der Welt, sondern über ihr und verstünde sozusagen gar nichts. Der Satz, das Bewusstsein in toto sei Illusion, setzt einen solchen Standpunkt außerhalb der Welt – oder des Bewusstseins, was in diesem Fall auf dasselbe hinausläuft – voraus, oder er bleibt eine hohle, durch nichts zu deckende Anmaßung. Die Behauptung, der physische Organismus leiste sich, quasi als Steuerungsorgan, eine Illusion, genannt Bewusstsein, lässt gezielt außer acht, dass Illusion, gleich welcher Art, stets im Bewusstsein spielt, seine Existenz und Funktion daher voraussetzt. Wenn also Bewusstsein Illusion ist, dann nur für ein umfassenderes Bewusstsein, das seinerseits als Illusion entlarvt werden könnte, vorausgesetzt, es fände sich ein Bewusstsein der Stufe n+1, das die beiden erstgenannten in sich enthält und daher seinerseits, da es die Wahrheit über sie zu besitzen glaubt, sich über seinen eigenen Charakter täuscht und so fort.
Was bedeutet dann aber die Aussage, die Illusion des Bewusstseins erzeuge das Bewusstsein der Illusion? Nichts weiter als das soeben Gesagte: Wer das Bewusstsein als selbständig operierende Funktions­einheit negiert – worauf die Rede vom Bewusstsein als Illusion schließlich hinausläuft –, der erschafft mittels dieser Operation ein – möglicherweise rudimentäres – Bewusstsein, das sich als reelles Bewusstsein vom illusionären absetzt. Falsch, wird der eine oder andere unter Ihnen einwerfen wollen, die Negation setzt just das Bewusstsein voraus, in dem sie abläuft, sie kann es daher, selbst wenn sie wollte, gar nicht erschaffen. Doch darum geht es ja: nur ein illusionäres Bewusstsein – ein Bewusstsein, das nichts weiter darstellt als eine Illusion – ist imstande, Bewusstsein mit Hilfe der Negation zu erschaffen. Ist das nicht ein herrlicher Beweis? Sagen wir kurz und bündig: Das negierte Bewusstsein ist das reelle. Wie negiert, so zerronnen, wie zerronnen, so gewonnen: Man macht sich selten bewusst, dass die Verwandlung der Welt in eine Hypothese dort scheitert, wo sie in der Enge des Bewusstseins Platz nehmen muss, das für derlei Verwandlungen ein Faible besitzt, ohne sich jemals ganz darin zu verausgaben.

Antrittsvorlesung
7

6. Das reelle Bewusstsein ist die Gruppe

Der Satz ›Das negierte Bewusstsein ist das reelle‹ lässt sich auf zweierlei Weise umkehren. Das liegt am Sinn – nicht zwingend am Sinn des Satzes, der sozusagen am Rande des Un-Sinns siedelt, eher an der Sinnhaftigkeit im allgemeinen und der des Bewusstseins im besonderen. Bewusstsein ist, wie alle intuitiv registrieren, eigen, es ist auch eigen-sinnig, es hat sich, als eigenes, ununterbrochen im Visier, was sich besonders in Momenten der Selbstvergessenheit zeigt, die als ›unvergleichlich‹ und damit als Überschreitungen erlebt werden. Gewiss, das Bewusstsein besitzt die Fähigkeit zur Selbstüberschreitung und erlebt solche Momente als überwältigende Einbrüche von Sinn, für den es nicht verantwortlich zeichnet, den es demütig hinnimmt, weil ihm nichts anderes übrigbleibt. Ehrlich gesagt, würde die ganze tägliche Sinnproduktion als leer empfunden, verfügte es nicht über diese intermittierende Unterseite, über die fortwährend Sinn zuströmt, während es fleißig Erfahrungen abgleicht und in die dynamische Gesamtheit seiner Bestände eingliedert.
Es hat keinen Sinn, das Bewusstsein zu negieren. Warum? Weil es sich selbst ununterbrochen negiert. Wenn etwas reell ist am Bewusstsein, dann dieses eine, dass es sich an all das verliert oder hingibt oder verschwendet, was nicht es selbst ist, und all das als Spuk empfindet, in dem es seiner selbst ansichtig wird, wie man so spöttisch-ratlos zu sagen pflegt. Es hat keinen Sinn … das Bewusstsein hat es längst eingetütet und erwartet den Leugner mit einem grimmigen »Na und?« Das Reelle des Bewusstseins liegt außerhalb des Bewusstseins. Die seltenen Momente, in denen es ›bewusst‹ seine Eigenheit verleugnet, sind also exakt diejenigen, in denen es sich als reell, als wirklich, als ganz und gar vorhanden voraussetzt. Exakt? Sagte ich exakt? Nun ja, vielleicht nicht ganz exakt, denn es ergibt keinen Sinn und fällt daher für die Sinnproduktion aus. Das Reelle und das Gespenstische … in diesem Fall von überbordendem Eigensinn verhalten sie sich in etwa wie zwei synchron-symmetrische Schwingungskurven: im Effekt löschen sie einander aus.
Wer nun denkt, das Bewusstsein sei eben nichts Reelles, erliegt einem geradezu klassischen Irrtum. Denn er unterschlägt sich selbst, dass er dem reellen Bewusstsein tagtäglich begegnet: im Anderen, wie die Philosophen das nennen. Das Bewusstsein des Anderen ist das andere Bewusstsein und damit das Reelle als Bewusstsein. Anders ausgedrückt: mit dem Anderen tritt das Gespenst, das ich mir bin, ganz und gar in die Welt. Der Exklusivvertrag zur wechselseitigen Bescheinigung des Von-dieser-Welt-Seins löst sich allerdings auf, sobald dem Bewusstsein weitere Andere unterkommen und es zu etwas Selbstverständlichem umdeklarieren, das keiner weiteren Bestätigung bedarf, es sei denn durch die Gruppe als solche: was, wie Sie wissen, auf sämtliche Formen der Konkurrenz und der Liebedienerei hinausläuft, mit denen sich so ein Bewusstsein gemeinhin die Zeit vertreibt, zumindest in Phasen, in denen es sich ein Bewusstsein seiner selbst und damit ein gesteigertes Ichbewusstsein spendiert. »Ich ist ein anderer«, sagt Rimbaud. Das ist, wie alles, was Dichter zu Papier bringen, nicht ganz richtig und nicht ganz falsch: Ich ist die anderen, vor denen ich mich, bei Strafe des Ich-Verlustes, bewähren muss, es sei denn, es gelingt mir rechtzeitig, die Gruppe zu wechseln und mich, wenigstens auf Zeit, in die Einsamkeit dessen zurückzuziehen, der keine Scheu davor trägt, mit Gespenstern vertrauten Umgang zu pflegen.

Antrittsvorlesung
8

7. Verwirkliche dich. Bringe dich ein.

Was, werden Sie fragen, sollen diese Sprüche aus der Klamottenkiste eines vergangenen Jahrzehnts? Genau das habe ich mich auch gefragt, und zwar nicht erst seit gestern und heute, sondern die ganze Zeit. Es steht als Frage hinter den bislang behandelten Fragen. Macht das Sinn? Welchen Sinn sollte es machen? Zweifellos einen, der zum Mitmachen stimuliert: wer immer solche Aufforderungen streut, dem schwebt ein Miteinander vor, das durch ihre Befolgung irgendwie lustvoller, befriedigender, harmonischer ausfallen soll. Ihr Sinn – wohlgemerkt: Sinn! – liegt also in einer Idee, der Idee einer Gemeinschaft, in der alle ein Maximum – oder Optimum – an Lust zu gewärtigen haben oder vielmehr hätten, da fürs erste nicht damit zu rechnen ist, dass alle der Aufforderung Folge leisten, falls sie überhaupt jemals von ihr berührt wurden. Zweifellos liegt etwas Verlockendes in dieser Idee, es macht Appetit, sie zu verfolgen, sie weiter zu verfolgen, wenn man so will, womit schon angedeutet ist, dass sie, zur Nähe genötigt, sich rasch entzieht. Versuchen Sie’s! Oder besser: Versuchen Sie’s erst gar nicht! Es kommt nichts dabei heraus.
Zweifellos liegt hier eine Illusion vor. Erzeugt wird sie durch einen stimulatorischen Reiz, der zwar – gleichsam offiziell – an andere appelliert, aber auf der eigentlichen, der Ebene des Wunsches, es auf das appellierende Bewusstsein abgesehen hat: »Dort will ich hin!« Anders ausgedrückt: er bereichert das singuläre Bewusstsein, indem er ihm ein Stückchen jener Andersheit hinzufügt, in der es sich wohltuend gesteigert erfährt – oder zumindest empfindet, falls einer diesen kleinen Unterschied anzubringen wünscht. Ganz unter uns … wie anders sollte Selbstverwirklichung in der Gemeinschaft aussehen als gerade so: als Appell an sich selbst, als handle es sich dabei um eine dritte Person, und an den Anderen, als gehe es um einen selbst. Auf diesem Mechanismus beruht die übliche Suggestion des Wir, ohne die keine Gemeinschaft auskommt. Ganz nebenbei stoßen wir hier auf einen herausragenden Zug von Gemeinschaft: die Exklusivität der Gemeinten im Unterschied zu all jenen, die nun wirklich nicht gemeint waren und sind. In diesem Sinn war und ist Selbstverwirklichung das Programm einer Generation, die sich in diesem Spiegel erkennt und stets eher belustigt oder beunruhigt reagierte, wenn Mutter oder gar Opa mit von der Partie sein wollten – »Nee lass mal. Darum geht’s jetzt eher nicht.« Worum dann?
Ein Generationsprojekt ist zu allererst ein Projekt, das den Einzelnen mitnimmt, ohne ihm zu verraten, ob er – oder seinesgleichen – ankommen wird. Denn auch darum geht’s nicht, solange der Aufbruch frisch ist und nachwirkt … solange der Dritte lebendig durch die eigenen Reihen streift und jederzeit vom Einzelnen Besitz ergreifen kann: ununterbrochene Spiritualität ist auch hier nicht zu erreichen. Erreicht wird aber etwas anderes, die Ersetzung des Mitmenschen durch Meinesgleichen, die gleichermaßen unsichtbare wie ungreifbare Verschwörung all derer, die in Betracht kommen – untereinander und, sobald sie einmal die entsprechenden Positionen eingenommen haben, überhaupt. Ich persönlich nenne es Verschwörung, andere mögen es, mangels Willen und Absicht, anders nennen, das sei jedem unbenommen, solange nur klar bleibt, dass es sich bei alledem um eine überaus wirksame Form der gruppenbezogenen Selbstkonditionierung handelt, die jederzeit bestritten, deswegen aber nicht ungeschehen gemacht werden kann. So schreiten sie gemeinsam durch die Zeiten, stets auf Sichtweite, stets verständigt, sobald einer der ihren im eigenen Blickfeld auftaucht, zum Guten oder zum Schlechten, wer weiß das schon? Der Zweck mag verwehen – wen kümmert der Zweck, wo doch der Eigen-Sinn bleibt (und treibt)?
In diesem Sinne: Fühlen Sie sich angesprochen oder auch nicht. Verwirklichen wir die Pyramide! Bringe ein jeder sich ein, auf dass der Wille einer Generation geschehe! Ein reges Gemeindeleben kräftigt die Muskulatur, auch die geistige.

 

Eine Empörung, die sich nicht Bahn bricht,
ist keine

Erörterung der Frage inwieweit die Pyramide ein 68er Projekt sei
 

  • ―Der Kerl ist doch nicht ganz dicht.
  • ―Nanana. Aber ich kann dich verstehen.
  • ―Entschuldige, dass mir das so rausplatzt, aber das –
  • ―Ich weiß nicht, was du hast. Der Mann ist witzig. Man muss es nur mögen.
  • ―Er hat gesagt –
  • ―Nein, hat er nicht. Du bist auf dem falschen Dampfer. Glaub’s mir. Er hat ein 68er-Trauma.

Einen Tempel hat man ihnen gebaut und sie wandeln als Hohepriester des Sinns in ihm umher. Der Tempel ist das in Glas und Beton gegossene Trauma der anderen und sie wissen es wohl. Sie werden am Anderen ihres Traums vergehen, aber vorher werden sie die Welt auf den Kopf stellen.

  • ―Was hat er denn verbrochen? Er hat ein paar Behauptungen aufgestellt. Gut, ich konnte ihm auf die Schnelle nicht folgen, aber ich hoffe aufs Manuskript.
  • ―Das war schon genial. In der Dichte –

Die Dichte ist der auf Taschentuchgröße komprimierte Andere, das Maximum an Anerkennung, das dich, unter solchen Menschen lebend, erwartet. Sei komprimiert! Sei der Bernsteinkäfer, der sie überdauert. Ein hybrides Leben, aber das einzig reelle.

  • ―Finden Sie nicht, er hat uns zum Narren gehalten?
  • ―Aber warum denn? Um Himmels willen: Warum denn? Mir hat das alles sehr eingeleuchtet.

Und wenn du dich getäuscht hättest? Was dann? Wie stündest du dann vor ihnen da? Durchschaut? Wie auch immer: der Spott, so maskiert, tut dir gut. Er akzeptiert dich als Fremden, das tut dir gut. Er belässt dich in deiner Existenz: mit diesem Anflug von Fairness kannst du leben. Obwohl es der beißendste Spott von allen ist. Er kriecht tiefer unter die Haut als der andere, er verwundet dich da, wo du dich für unverwundbar hältst.

  • ―Und? Was hat er gesagt?
  • ―’68 wird überschätzt.
  • ―Aber das wissen wir doch.
  • ―Es versorgt ein paar Leute mit Sinn.
  • ―Die andere Seite. Und gar nicht knapp. Gar nicht so knapp … wenn wir uns den Repressions­apparat vor Augen führen … sie schlachten den Mythos aus. Der Bewegung ginge es besser ohne den Mythos. Deshalb darf er nicht untergehen. Und damit helfen sie der Bewegung.

Du redest vom Bewusstsein und der da weiß Bescheid. Das wird es sein: sie wissen Bescheid, so wie sie immer Bescheid gewusst haben. Aber so unverblümt…? Wer ist der Mann? Er hebt sich aus dem Gerede heraus. Er spricht wie ein Häuptling. Darf er das so? Darf er das hier? Verletzt es nicht den Komment? Oder ist er einer der Häuptlinge und du solltest ihn kennen?

  • ―Welchen Repressionsapparat? Wovon reden Sie, Kollege?
  • ―Ich rede vom verschärften Kampf, den die Reaktion gegen die emanzipatorischen Kräfte im Lande führt.
  • ―Ist das jetzt Sinn oder Unsinn?

Nein, ist er nicht. Ein Schwätzer, der die Distanz unterläuft.

  • ―Die RAF? Das ist ein Mythos der Rechten.
  • ―Ich dachte schon, Sie hätten denen Unterschlupf gewährt. So kann man sich täuschen. Aber Sie haben doch Kontakte?
  • ―Vade retro, Satana! Wir tragen Verantwortung, das ist wahr. Keine Handbreit dem Klassenfeind.

Distanz: das Zauberwort. Du hast recht, Distanz ist das Sesam-öffne-dich ihrer Kultur, der Kultur, die bleibt, sobald allein die gesellschaftliche Aktion zählt. Über Verwandte, denen das Gesetz auf den Fersen ist, spricht man nicht. Man muss aber über sie sprechen, schon aus praktischen Gründen. Also bedient man sich eines Codes.

  • ―Als Dekonstruktion fand ich’s nicht so schlecht. Es macht ja keinen Sinn, um den heißen Brei herumzureden. Wir wissen doch, was auf dem Spiel steht.

›Was auf dem Spiel steht‹: die alte Verschwörerformel, auf deinen unschuldigen Vortrag gemünzt … was geht hier vor? Wir befinden uns in einem riesigen Puppenhaus und eine Hand beginnt es zu drehen. Du schwankst? Betrachte die Puppen, betrachte sie eingehend, sie sind in ihrem Element. Ihnen nach: Bleib standfest.

  • ―Der Dekan ist zwischendurch gegangen.
  • ―Er hatte noch einen Termin. Aber ich weiß, was Sie meinen.
  • ―Junger Kollege, Sie haben uns da gerade gefordert. Ich bin mir nicht sicher, dass das alle verstanden haben. Ich muss Ihnen sagen, ich bewundere Ihren Mut. Wir brauchen alle ein wenig Mut in diesen Tagen. Es stehen Entscheidungen an, ziemlich weitreichende, ich war heute beim Rektor. Nein, er sieht es im Grunde nicht anders. Wir werden uns nur behaupten können, wenn wir uns an die Spitze der gesellschaftlichen Entwicklung setzen. Aus welchem Fach kommen Sie eigentlich?

 

Sich täglich neu erfinden

Das Unbestimmtheitsvirus
1
Die Rede vom Klassenfeind

… sie macht sich nicht gut, sie ist ein wenig von vorgestern. Es erfordert Mut oder Naivität, sich ihrer zu bedienen. Am besten ist es da, der geschätzte Kollege besitzt von beidem etwas oder er trägt heimlich einen Mitgliedsausweis der DKP in der Brusttasche und muss der dadurch verursachten leichten Bewusstseins­schwellung im Alltag gerecht werden. Erstaunlich, dass gerade diese Phrase gegen dich gezückt wurde. Da musst du wohl jemandem auf die Füße getreten sein. Womit? Wen der Schuh drückt…

Der Engel mit dem Flammenschwert ist ein Sprachjongleur, der die Zugänge zum Paradies des Sagbaren kontrolliert.

 

  • Schicht: top
  • Subkultur: top
  • Repression: top
  • Subversion: top
  • Systemwandel: top
  • Bewusstsein, aufgeklärtes: top
  • Nichtidentische, das: top

  • Dialektik: flop
  • Proletariat: flop
  • Revolution: flop
  • Klassenstandpunkt: flop
  • Subjekt der Geschichte: flop
  • Agitation & Propaganda: flop
  • Diktatur des Proletariats: mega-flop

 

So macht Wissenschaft –
Ja was denn?
Sinn.

 

  • ―Ja?
  • ―Ach, nichts.
  • ―Spuck’s aus!
  • ―War nur so dahingedacht. Im Sozialismus…
Das Unbestimmtheitsvirus
2
… Hat hier jemand ›im Sozialismus‹ gesagt?

Da runzelt der Literaturwissenschaftler Duro die Stirn und sein Blick geht unsagbar blau über die Unsagbarkeit hinweg, die einen Moment lang den Raum verdunkelte … doch nun liegt er wieder blank und ruhig da. Duro, Ritter der unendlichen Semiose, der Gruppierung und Regruppierung von Sprach­fetzen verschiedenster Herkunft je nach Sonnenstand und Mode­bewusstsein der routinierten Akteure des Bewusstseins, der Modellierer alternativer Theorie­ansätze, die dringend der Validierung harren, der emsigen Hantierer mit angedachten Modellen und der stolzen Planer künftiger Modellvorhaben, mit Drittmitteln gepäppelt und in den Sand der dafür vorgesehenen Kästen gesetzt, um dort unter klinischen Bedingungen zu gedeihen und ihre Relevanz unter Beweis zu stellen, Duro hat ein Problem. Es betrifft … es betrifft … das Wort ›Kapital‹.

Weiß Gott, damit steht er nicht allein.

Duro ist kein 68er, ist es nie gewesen, wer ihn dafür hält, war selbst keiner: ein Trockenschwimmer, der sich jeden Morgen das Stutzer­bärtchen zurechtzupft, ein etwas kurz geratener Industriellenerbe mit einem ausgewachsenen Vaterkomplex, der beschlossen hat, dieses Wort, das Schlüsselwort des Jahrzehnts, ganz auf eigene Faust und Rechnung zu tabuisieren. Man braucht eine Weile, den ›Code‹ zu entziffern, der hinter dem gescheidigen Zusammenspiel seiner Worte und Gesten steckt. Aber irgendwann kommt auch der Dümmste dahinter – er hat einen gewaltigen Sparren, der Gute, er muss all das gute Geld zum Verschwinden bringen, das in seiner Haut steckt, das ist seine Aufgabe.

Das Unbestimmtheitsvirus
3
Bei Licht betrachtet ist Duro,

Faser für Faser, nichts weiter als Kapital: von langer Hand angelegtes, von seinem alten Herrn in eine unbestimmte Zukunft investiertes Kapital, das irgendwann, endlich, angefangen hat, Zinsen zu bringen, nachdem es lange verloren schien. Der alte Herr scheint schon vorher verstorben zu sein. Das ist der Lauf der Welt und vermutlich markiert sein Abgang den Einstieg in die Semantik der Scham­haftigkeit, in die wortkarge Hegung des Eigenen, das bekanntlich niemanden etwas angeht, ins Fremdeln mit den allgegenwärtigen, den Hass auf das ›System‹ stimulierenden Techniken der Bloßstellung der Reichen und Mächtigen samt ihren multiplen, auf soliden Gedächtnislücken der Gesellschaft basierenden Vergangenheiten – Techniken der Selbstpotenzierung, die bekanntlich gerade so lange ihren Zweck erfüllen, wie die ›im Raum stehenden‹, schattenhaft den eigenen Lebensstil grundierenden Erbschaften noch nicht angetreten wurden und die Güter dieser Welt in den Händen einer kriegsgehärteten Generation liegen, deren lästige, durch die ominöse Stunde Null ermöglichte Herrschaft ewig zu dauern scheint.

Das Unbestimmtheitsvirus
4
Wenn Duro ›von Haus aus‹ kein Linker ist, was ist er dann?

Gewiss kein Rechter.
Er ist –
ein progressiver Liberaler.
Was ist ein progressiver Liberaler?
Ein Büchermensch aus bourgeoisem Hause, der einmal davon träumte, dereinst als großer Gelehrter zu gelten. Zufällig geschah das zu einer Zeit, zu der die Sprösslinge einstiger Nazigrößen in den Hörsälen gegen das trostlose Schicksal aufbegehrten, als doppelt, von der Autorität und der Schande der Väter, Geschlagene durchs Leben gehen zu müssen. Ein Schüchterner also, ein Eingeschüch­terter also, der aus verschiedenen Gründen nicht zum Mitläufer taugte.
Was treibt einer, der nicht zum Mitläufer taugt und diesseits der Menge im Gehege mitlaufen will?
Er besorgt sich eine Übersetzung.
Wie besorgt man sich eine Übersetzung?
Man bucht ein Privatissime bei einem überragenden Geist.
Duros überragender Geist und künftiger Mentor hieß Asson. Noch heute stecken die beiden mit den Köpfen zusammen.

Das Unbestimmtheitsvirus
5
Wenn du eine Kultur,

die du für verrottet hältst, umstürzen willst, dann erfinde dir eine neue.
Wenn du unter Umstürzler geraten bist, die deine Kultur für verrottet halten, dann erfinde dir eine alte.
Wenn du die Kraft der Lektüre, gepaart mit der Fähigkeit, alte Text als neu zu verkaufen, in dir spürst, dann erfinde dir eine Wissenschaft: die Wissenschaft vom klug zu gebrauchenden Erbe.
Man erfindet keine Wissenschaft, es sei denn, man kommt rechtzeitig zu Ansehen unter den Menschen.
Wie kommt man zu Ansehen in der Welt der Gelehrten? Man umgibt sich mit der Aura der Unabhängigkeit.
Asson, der unabhängige Kopf, erscheint selten in der Pyramide. Man könnte meinen, er sei ihr Gast.
Vielleicht ist er es wirklich. Er öffnet die Gräber und spricht mit den Zungen von Toten, deren Gebeine längst im Sand der Wüsten zerfallen sind, deren Grabbeigaben die die Museen der Welt zieren, deren stark fragmentierte Papyri mühsam entziffert, deren fremdartige Schrift­systeme entschlüsselt, deren in den Weiten der Jahrtausende verlorengegangene Sprachen in mühsamer Generationen­arbeit rekonstruiert werden mussten, damit einer wie er – … spürst du das Beben? Das kaum merkliche Beben der Stimme, die da zu sprechen begann, als habe die Atmosphäre schon zu lange gelitten, ohne dass das klärende Wort gefallen wäre, nun aber sei die Zeit reif…

Wir wollen nicht übertreiben.

Asson, der Neid muss es ihm lassen, ist schon eine Klasse für sich.

Das Unbestimmtheitsvirus
6
Von Asson, Nachfahr und Erbe

preußischer Hugenotten, hat Duro gelernt, was er lernen musste, um seinerseits im Überlebens­kampf der erwählten Fakultät zu überleben und seinen Weg zu gehen, staksig zwar, da er nie gelernt hat, auf seine Kollegen einzugehen und alles besser weiß als sie selbst, aber doch energisch genug, damit sie ihn, allem Zähneknirschen zum Trotz, nicht mehr wegbekommen, selbst wenn sie es unbedingt wollten. Scheinbar gehört Duros Sprache keiner Zeit an, sie ist ein ewiges Da und Dort, stets auf Rekonstruktion bedacht, ihre Gegenstände fleißig ›im Lichte‹ der neuesten Publikationen und der von ihnen gestreuten Begriffe bedenkend und sich gleichzeitig in ihnen verlierend, vor allem aber…

Vor allem was?

Das Unbestimmtheitsvirus
7
Duro, der Virenchecker

Es fällt dir nicht leicht, aber es muss heraus.

Duros überscharfe Zeit­genossenschaft empfiehlt ihn als verlässlichen Führer durch die Untiefen der in den Metropolen der Gelehrsamkeit betriebenen Sinnproduktion. Auch du hast bereits, ohne dir groß Rechenschaft darüber abzulegen, begonnen, davon einen stillen Gebrauch zu machen. Wenn Wissenschaft zu neunzig Prozent darin besteht, die Leistungen der Konkurrenz zur Kenntnis zu nehmen, dann, ja sicher, dann packt Duro die entscheidenden zwei Prozent obendrauf – teils, um seine gern unter der Last ihrer Verwaltungs- und Lehrverpflichtungen ächzenden Kollegen zu piesacken (wie die Bremse, die nicht vom Ochsen ablässt), teils, um nicht den Vorsprung zu verspielen, den die Beherrschung der Klaviatur seinen eigenen, gedanklich eher schmal angelegten, aber konsequent die Aufmerksamkeit der Fachwelt ›generierenden‹ Veröffentlichungen sichert.

 

Chamäleon

 

Duro, kein Zweifel, ist der Spezialist für im Frühstadium viraler Vermehrung befindliche Reizwörter und die in ihnen kodierten Wasserstandsmeldungen von der ideologischen Front: freundlich, ätzend, zurückhaltend, sichernd, züngelnd – ein Chamäleon unter den kleineren Quälgeistern.

Das Unbestimmtheitsvirus
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Duro, der Virenchecker

Es fällt dir nicht leicht, aber es muss heraus.

Duros überscharfe Zeit­genossenschaft empfiehlt ihn als verlässlichen Führer durch die Untiefen der in den Metropolen der Gelehrsamkeit betriebenen Sinnproduktion. Auch du hast bereits, ohne dir groß Rechenschaft darüber abzulegen, begonnen, davon einen stillen Gebrauch zu machen. Wenn Wissenschaft zu neunzig Prozent darin besteht, die Leistungen der Konkurrenz zur Kenntnis zu nehmen, dann, ja sicher, dann packt Duro die entscheidenden zwei Prozent obendrauf – teils, um seine gern unter der Last ihrer Verwaltungs- und Lehrverpflichtungen ächzenden Kollegen zu piesacken (wie die Bremse, die nicht vom Ochsen ablässt), teils, um nicht den Vorsprung zu verspielen, den die Beherrschung der Klaviatur seinen eigenen, gedanklich eher schmal angelegten, aber konsequent die Aufmerksamkeit der Fachwelt ›generierenden‹ Veröffentlichungen sichert.

Vergiss nicht: seine spöttisch-elegante Art, die eigene Fernsicht herauszustreichen. Sie imponiert dir, wenngleich nicht wirklich. Sie schafft … Magnetpunkte im persönlichen Umgang, unterlegt mit winzigen, sich gleich Tropflachen ausbreitenden Befangenheits-Inseln: Wie konnte dir das entgehen? Andererseits: Ist das nicht alter Wein in neuen Schläuchen? Mit Duro reden heißt, sich mit Fußnoten über Fußnoten zu unterhalten, die niedergeschrieben wurden, um irrtümlich als Haupttext zu gelten.

Duro, kein Zweifel, ist der Spezialist für im Frühstadium viraler Vermehrung befindliche Reizwörter und die in ihnen kodierten Wasserstandsmeldungen von der ideologischen Front: freundlich, ätzend, zurückhaltend, sichernd, züngelnd – ein Chamäleon unter den kleineren Quälgeistern.

Das Unbestimmtheitsvirus
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Warum Duro? Was ist so wichtig an Duro?

Duro streut. Er ist eine Schaltstation, ein Knoten im Netz der Informationen, die sich, durch Prestige- und Masseneffekte vervielfacht, in Windeseile über die akademische Welt verbreiten: zum Stand der Denkansätze, zum Stand der Begriffsprägung, zum Stand jenes unaufhörlichen Kriegs der Wörter, in dem selbst der Cleverste nur einen winzigen Zeitvorteil herausschlagen kann, um seine eigenen Wortmarken zu setzen und damit für eine Weile in aller Munde zu sein. Wer die Sprache beherrscht, der beherrscht den Gegner. Die simple Propagandaweisheit gilt in den Sphären des Wissens ebenso wie auf dem Feld der politischen Auseinandersetzung.

Nie würde Duro die beiden ineins setzen. Doch wer ihm zuhört, der begreift, dass sie so weit auch wieder nicht auseinanderliegen können, im Gegenteil, dass sie sich hinreichend oft überlappen, um … sagen wir, sich in ihrer Zirkulation wechselseitig zu stimulieren.

Das Unbestimmtheitsvirus
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Aufkommende Theorien

In Hochzeiten des politischen Streits sind andere Lehrmeinungen gefragt als in Routinephasen. Das ist ganz normal – vielleicht nicht gerade in den Grundlagenwissenschaften, denen wir die Kenntnis der physikalischen Welt verdanken. Aber bereits die Biologie neigt zu Ansteckungs­fällen. Das Malheur passiert mittels Membranübertragung: Seite A erhöht den Druck, ein Wellenmuster zeichnet sich ab und die Membran beginnt zu schwingen. Irgendwann begreift auch der letzte Hagestolz des Forschungsbetriebs, welche Konzepte jetzt an der Zeit sind und welchen gerade die Zeit davonlief. ›Aufkommende Theorien‹ nennen die Auguren unter den Wissenschaftshistorikern dergleichen, sind die Zeitgenossen­schaften erst geklärt und können die Zeitfenster endlich vorurteilsfrei beschrieben werden, die da klugerweise genutzt wurden.

Autoren, die das Zeug dazu haben, eine Zeitstimmung auszubeuten, kommen gewöhnlich im Rudel. Selten setzt sich ein Einzelner mit seinen Vorstellungen durch und verschwindet auch wieder als Einzelner. Jedenfalls dann, wenn es nach Duros Verständnis geht. Seine Ironie, sein über alles geliebtes salis Atticae geht auf den Einzelnen, gleichgültig um seine Stellung auf der von ihm unterhaltenen Rangskala. Sie bestreicht das bewunderte Einhorn Homi Bhabha mit demselben Gleichmut wie jene bemitleidenswerten Kollegen in der Pyramide, die offenbar nicht kapabel sind, Homi Bhabha und Homer Simpson auseinanderzuhalten.

Nein, ganz richtig ist das nicht. Als Wissenschaftssnob ist Duro durchaus in der Lage zu differenzieren: stets wird für ihn der ferne Wissenschaftsstar, von dem er sich durch Eigenrecherche Kenntnis verschafft hat, wertvoller sein als der renommierte Kollege nebenan, dessen alltäglichen Anblick er mit einem x-beliebigen Flurbewohner zu teilen genötigt ist.

Das Unbestimmtheitsvirus
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Sei unbestimmt!

Es würde dich nicht wundern, eines Tages an seiner Bürotür den handgeschriebenen Ausbruch eines frustrierten Studenten vorzufinden, der endlich begriffen hat, dass er bei Duro nie etwas gelernt hat und niemals etwas lernen wird, sein Studium also, genau genommen, in diesem Punkt für die Katz’ war. Genausowenig würde es dich wundern, wenn Duro, gleichfalls handschriftlich, seinen unerbittlichen Kommentar daneben setzen würde: »Autor? Ort? Nachweis!«

Das Unbestimmtheitsvirus
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Eine Art Definition

Das Unbestimmtheitsvirus kommt, wie seine biologischen Verwandten, nicht ohne einen Trägerorganismus aus, und es vermehrt sich, von gelegentlicher Darmübertragung abgesehen, mittels Sprachinfektion. Das sollte jeder Student wissen, der zum ersten Mal mit der Frage konfrontiert ist: ›Was zum Teufel habe ich da gerade gehört (oder gelesen)?‹ Natürlich ist er nicht in der Lage sie zu beantworten, da in ihr gewissermaßen das ganze Studium umgeht. Schließlich will er verstehen lernen, was ohne Basiswissen nicht zu verstehen ist – Wissen, das er noch nicht besitzt, vielleicht niemals ganz besitzen wird, weil seine Intelligenz oder sein Fleiß oder seine Weise des Studierens es nicht hergibt, das er auf jeden Fall bei sich selbst am wenigsten voraussetzen kann. Recht besehen, steckt hier die Überlebensgarantie für das Unbestimmtheitsvirus. Jeder Lehrende besitzt die Möglichkeit – und gewissermaßen die Pflicht –, diese bedeutungsschweren Worte auszusprechen: Das ist nicht so einfach. Wenn aber Kollegen beisammensitzen und einer von ihnen wirft die Mähne zurück und entlässt einen Wortschwall in den Raum, dessen Zusammenfassung kurz und bündig lauten müsste: Das ist nicht so einfach!, dann fragt es sich, immerhin, auf welcher Seite die größere Borniertheit nistet: auf Seiten derer, die es einfach haben wollen oder auf Seiten dessen, der es sich einfach macht, indem er immerfort Reizwörter zuschießt, ohne den selbstverfertigten Knoten irgendwann aufzulösen.

  • ―Sie verkürzen den Text, Kollege.
  • ―Dann erklären Sie mir, wie’s geht.
  • ―Kennen Sie die Middleton Lectures von Mike Donovan? Gerade erschienen, sehr empfehlenswerte Lektüre. Mike geht mit Ihrem Problem völlig anders um. Immerhin kann er, in meinen Augen vollkommen schlüssig, zeigen, dass Ihr scheinbar so sachlich daherkommendes Argument nur der üblichen Links­phobie geschuldet ist… Nichts für ungut! Sie glauben mir nicht? Dann lesen Sie das mal in einer ruhigen Stunde nach. Sie werden Ihr blaues Wunder erleben. Homi Bhabha hat im Figaro letzte Woche ganz richtig geschrieben, das Verkommenste an diesem noch immer aktiven kolonialen System ist das fatale Insistieren auf … ja sicher … Einheit… Homi… Der Name sagt Ihnen nichts? Das hätte ich mir denken können.

In diesem Sinne … ist das Unbestimmtheitsvirus konservativ. Es rettet die eingeübten Affektmuster, so welt- und wissensfremd sie auch geworden sein mögen, über die Zeiten, weil es zwischen sie und das fortgeschrittene Argument einen Film aus Gemeinplätzen breitet, in dem sich jede Anstrengung, Denken und Sein in Übereinstimmung zu bringen, langsam und mühselig zu Tode strampelt.

 

Den Verwüstungen entgegengehen

Notiz
1
Frenetische Begriffe
Frenetische Begriffe sind Explosionskörper, die, in Nachbars Garten geworfen, gewaltige Verwüstungen anrichten können, Tote, Verstümmelte, all inclusive, fast wie im wirklichen Urlaub. Sie schließen aus, was sie einschließen – Tote, Verstümmelte –, sie schließen ein, was sie ausschließen – Tote, Verstümmelte –, sie verschließen den Blick, den sie öffnen, gegen das Nahe und Nächste wie in die Ferne, ähnlich jenen Theorien mittlerer Reichweite, mit denen sich wissenschaftliche Hinterwäldler gegen die Einsicht wappnen, dass ihnen zu bestimmten Themenkomplexen nichts einfällt. Gewonnen werden sie aus gegensätzlichen Ordnungsbegriffen, zum Beispiel Einheit und Vielheit: wo Einheit ist, da findet sich auch Vielheit und umgekehrt, je nach Blickrichtung und Analyseabsicht. Der frenetische Begriff der Einheit dagegen meint die Sache selbst, gegen die Vielheit, also die in Stellung gebrachte Sache. Eine vollzogene Einheit ist eine gescheiterte Einheit, es sei denn, sie wird ›unerbittlich‹ exekutiert, eine postulierte Vielheit eine Vielheit, die keinerlei Einheit duldet, solange sie die Sprech- und Denkweisen der Kontrolleure kontrolliert. Der Trick: einen logischen Ausschluss in einen realen umzudeuten, so, als seien Einheit und Vielheit, Gleichheit und Ungleichheit etc. im Kampf miteinander befindliche Weltzustände, zumindest Interpretationen von Weltzuständen, zwischen denen entschieden werden müsse.

 

Notiz
2

Diversität des Diversen: Stoff, der dich bis ins Innerste deiner Träume verfolgt. Fällt auseinander, was auseinanderfällt? Wohin fällt es, grenzenlos, wie es nun einmal gedacht werden soll? Sammle deine Faktoren! Das ist schon die Gegenbewegung, nicht weniger real, nicht weniger verlangt, nicht weniger Psyche: Dennoch kommt sie ›undercover‹, der Mensch, der sich zu ihr bekennen wollte, wäre ein akademisches Corpus delicti, ein gefährlicher Beweis für das Vorhandensein eines Gestern, das wir alle gemeinsam gerade überwinden, auf dem Feld der Methodenfreiheit genauso wie auf dem der politischen Überzeugungen. Woher diese überwältigende Gemeinsamkeit? Woher dieses Wir?
Da stimmt etwas nicht.
Ein diverses Wir verlangt von einigen seiner Bestandteile, diverser zu sein als die anderen, nicht exotischer, nicht weiter hergeholt (wie ein hausbackenes Argument, das eben noch nichts besagte und jetzt die Lösung in greifbare Nähe rückt), nein, diverser, um den Anspruch auf ein diverses Wir zu rechtfertigen, als habe speziell in ihm die Vielfalt Wurzeln geschlagen und weigere sich, das Opfer herauszurücken. Opfer? Sagtest du Opfer? Ist das Diverse per se Opfer? Warum stellt man es dann auf Dauer? Will man am Ende einen kleinen Opfer-Vorrat anlegen? Wer hat Schuld, wenn das Wir scheitert? Das Opfer? Warum? Weil es ohnehin ––? Das wäre ja perfide.

 

Erzähl das Duro und du fängst dir einen Blick voller Erhabenheit ein: Sophist!

 

Notiz
3

In Duros Welt stehen die Begriffe herum wie Bauklötze im Laufstall eines Kleinkindes. Sind die Zeiten versonnen, nimmt es sie in den Mund, packt es die Ungeduld, wirft es sie in die Ecke und rüttelt am Gitter – nicht, weil es herausmöchte, sondern weil ihm die Erschütterung des Festen gefällt. Man könnte ihm zeigen, wie man einen Turm baut, doch man wüsste im voraus, dass er fällt wie errichtet: das eben ist das Kindliche am frenetischen Spiel. Wie kommt ein Kind namens Duro in den akademischen Laufstall? Wer hat ihn dort hineingehoben? Er ist nicht einer, er ist viele und er weiß das.
In gewisser Weise ist er das Bewusstsein, viele zu sein.
Er trägt es in den Gremien spazieren, die ihn darob fürchten gelernt haben. In ihm hebt das Diverse der Wissenschaft sein Haupt und erhebt Ansprüche: Beweise mir, dass ich Unrecht habe und ich sage dir, wofür ich dich halte. Na und? Dann sag’s doch! Nein, das traut sich keiner. Sie alle kennen das Wort und fürchten es wie der Teufel das Weihwasser:

  • ―Kon-, konser-, nein es geht nicht. Ich nagle mich doch nicht selbst ans Kreuz. Was soll ich da? Wir alle sind emanzipierte Leute und dieser da ist divers. Wir haben ihn und er hat uns. Wir können ihn und er kann uns.

 

 

Historiker Hölzchen spricht sich frei

Historiker Hölzchen kommt zum Vortrag in die Pyramide
1
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Hochverehrte Kollegen!
Verehrte und beneidete Pyramidenbewohner!
Meine Damen und Herren!

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Spätestens seit der Aufklärung – eine verhältnismäßig kurze Zeit unter Historikern, aber ich sage nur: spätestens seither – verfügt der ursprünglich antike Begriff der Emanzipation eine asymmetrische Symmetrie. Ja, er verfügt sie, ganz recht, so wie die Geste eines altrömischen Imperators, die über Leben und Tod entscheidet, und darum geht es dann letztlich auch. Was unemanzipiert ist, das ist schon tot, selbst wenn es nichts davon weiß, denn alle Entwicklung ist Emanzipation. Sie werden einwenden, es gebe auch fatale Entwicklungen, ich komme darauf zurück. Etwas hergeben, etwas aus der Hand geben, also der antike Vorgang der emancipatio bedeutet ja, dass ein Vertrag, ein Vertragsverhältnis erlischt und womöglich ein anderes an seine Stelle tritt – ich sage womöglich, weil das ein kitzliger Punkt ist, über den wir uns nicht immer im Klaren sind, aber grosso modo gilt: ein Vertrag erlischt und ein anderer wird geschlossen. Selbstredend bleiben beide Vertragstypen dabei erhalten, der ursprüngliche Vertrag enthüllt sich nicht plötzlich als böse, der ältere Vertragspartner ist kein Schurke, der eliminiert werden muss, der Emanzipierte, als Homo Novus, besitzt kein Mandat, das ihm vorgaukelt, die Erde sei nunmehr ihm, dem neuen Menschen, untertan und er habe seine Gegenspieler mit Stumpf und Stiel auszurotten oder zu eliminieren, also über die Grenze zu jagen, über welche auch immer. Nein, das alles ist nicht der Fall, solange nicht die fatale Asymmetrie eintritt, die ich an einem vielleicht etwas einfacheren Begriffspaar festmachen möchte.

Historiker Hölzchen kommt zum Vortrag in die Pyramide
2
 

Dieses Begriffspaar – mancher hier Anwesende ahnt bereits, worauf ich hinaus will – lautet: ›mündig/unmündig‹, für Freunde konsequenter Subjektivierung: ›Mündigkeit/Unmündigkeit‹. Unmündig­keit ist ein großes Wort, geadelt durch den großen Immanuel Kant und dadurch gewissermaßen sakrosankt geworden. ›Aufklärung‹, sagt Kant, das wissen wir alle, ›ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst­ver­schulde­ten Unmündigkeit.‹ Ehrlich gesagt, ich kenne kein Zitat, das die Herzen in meinem Umkreis höher schlagen lässt. Erlauben Sie mir als Historiker daher einige Anmerkungen gerade zu dieser Formel. Vorher aber... lassen Sie mich, bevor ich fortfahre, auch den Satz zitieren, der sich bei Kant unmittelbar anschließt und der bereits deutlich seltener die Runde macht: ›Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.‹ Ich merke, eine gewisse Unruhe macht sich unter Ihnen breit, schließlich befinde ich mich unter Lehrenden, die es als ihre vornehmste Aufgabe begreifen, anderer Leute Verstand anzuleiten, jedenfalls bis zu dem Punkt, an dem die Lehre, an der ihnen liegt, in die Köpfe eingesickert und dort fest verankert ist.
Um ein Beispiel aus meiner Disziplin zu nehmen: wer nicht weiß, was am zehnten Juni 1944 in Oradour-sur-Glane geschehen ist, der kann sich seines Verstandes bedienen, so viel er will, er wird bestimmte Reden seiner Mitmenschen nicht verstehen. Um aber zu verstehen, was dort wirklich geschehen ist, muss er Dinge wissen, die er nicht ad hoc nachschlagen kann, er muss über den Zweiten Weltkrieg, die Waffen-SS, die Kriegslage, das Völkerrecht, die französische Widerstands­tradition, die NS-Ideologie und den Partisanen­kampf Bescheid wissen, er muss wissen, welche Panzer-Division dort zum Einsatz kam, und so weiter und so weiter, lauter Dinge, die er im Prinzip nachschlagen kann, aber eben nur im Prinzip, weil er sie zueinander auch ins rechte Verhältnis setzen können muss. Und all das Wissbare ist nur äußerlich gegenüber dem, was nur eine lange, im Prinzip unabschließbare Lehre vermitteln kann, die von einer Forschergemeinde getragen wird, also die Grundlinien der europäischen Geschichte, der Geschichte überhaupt, das anthropologische und wertegeschichtliche Wissen – lauter Parameter, mit denen ich Sie nicht langweilen möchte, weil... nun, weil Sie darin kompetent sind. Und kompetent sein heißt, jeder weiß das, sich seines Verstandes unter zweckmäßiger Leitung eines anderen und vieler anderer zu bedienen, soweit man dafür ausgebildet wurde.
Natürlich kennen wir auch Situationen, in denen es darauf ankommt, sich seines Verstandes ohne Umschweife zu bedienen, soll heißen Not- oder Herzenslagen, in denen Geistesgegenwart, Mut oder Chuzpe gefragt sind, aber sie kommen, dem Himmel sei Dank, doch eher selten unter, und Aufklärung spielt dabei eine marginale Rolle. Sie merken, worauf ich hinaus will? Nun, ich will es so ausdrücken. Was Mündigsein bedeutet, darüber weiß nur der Mündige Bescheid. Um es ein wenig anzuschärfen: Mündig ist, wer stellvertretend für den Unmündigen dessen Unmündigkeit feststellt. Also der Erwachsene gegenüber dem Kind, der Gutsbesitzer gegenüber dem leibeigenen Bauern, der Professor gegenüber dem Studenten, der Forscher gegenüber dem Leserbriefschreiber und so weiter und so fort. ›Der Mensch‹ ist in diesem System von Zuschreibungen nur äußerst schwer zu sichten, man könnte auch behaupten, er habe sich unsichtbar gemacht, um nicht an beiden Polen angetroffen zu werden, am Mündigkeits- ebenso wie am Unmündigkeitspol.
So sieht’s aus.

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Ein kleiner Einschub: wenn ich mich gelegentlich mit dem Satz an Sie wende, »wir alle wissen«, dann appelliere ich an den kollektiv betreuten Verstand und nicht an das, was wir als Einzelne in mühevoller Einzelforscher-Tätigkeit herausgefunden haben. Ich bemühe auch nicht Ihr gesundes Urteilsvermögen, das keinen weiteren Input benötigt, um wirksam zu werden, schon eher unser aller wohlerwogenes Misstrauen dagegen, aber das wäre nur die negative Seite.
Also: wir alle wissen, der ›Mensch‹ der Aufklärung ist dieses Münchhausen-Geschöpf, das sich selbst am Schopf seiner Verstandeserkenntnisse aus dem Sumpf der Unwissenheit zieht, und zwar – das ist wichtig – in einem Prozess unabschließbarer Approximation, wobei das Approximierte, aufs Ganze gesehen, ebenso unklar bleibt wie der erste ungeläuterte Gedanke, mit dem der Prozess beginnt und der natürlich bereits überwunden sein muss, damit wir so aufgeklärt daherzureden vermögen.
Der Sumpf ist also – ich finde dieses Jonglieren mit Metaphern großartig, aber ich gebe zu, es verlangt vom Zuhörer etwas Geduld –, der Sumpf ist also ein Meer, ein offenes Meer, das Meer der Meere, deshalb finde ich die Behauptung, der Mensch habe seine diesbezügliche Lage selbst verschuldet, so atemberaubend, so aberwitzig, dass man sich fragen muss, warum sie diesen dauerhaft warmen Zuspruch findet.
Das ist eine Historiker-Frage, der ich nachgehen möchte. Der Mensch – nicht ich, nicht Sie, nein, der Mensch – hat seine Lage selbst verschuldet. Man sagt so etwas natürlich nur, wenn die Lage desolat ist, im anderen Fall hieße es, er habe sie sich selbst bereitet. Was tun? Die Lage muss verändert, sie muss überwunden, sie muss verlassen werden, wie das hübsche Wort ›Ausgang‹ andeutet, Sie wissen, der letzte dreht das Licht aus, damit das Dunkel, das hinter ihm liegt, für alle Zeiten das Dunkel ist, dem man entrann. Wer ist dieser Letzte? Wird man ihn je zu Gesicht bekommen?
Natürlich nicht, denn es ist der Mensch. Immer und immer wieder der Mensch. Ist der Mensch also, wie Schlaumeier Nietzsche einst postulierte, etwas, das überwunden werden muss? Ist er, genauer, etwas, das täglich, stündlich überwunden wird? Das Glas, meine Damen und Herren, liebe Kollegen, ist immer halb leer und halb voll, was auf der einen Seite überwunden wird, klettert auf der anderen Seite ins Trockene, der Mensch steht uns noch bevor. Was folgt daraus? Ist der Aufklärer, als einziger weit und breit, kein Mensch? Das wäre, zur Abwechslung, kein billiger Sophismus, sondern die Frage der Fragen. Ich meine das ernst.

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Selbstverschuldet, um es ganz klar zu sagen, nennen wir die Lage, in die ein Mensch durch eigenes Verschulden hineingerät. Nicht nennen wir so eine Lage, aus der er sich aus eigener Kraft befreien kann, vorausgesetzt, er ist nicht aus eigenem Verschulden hineingeraten: dann wäre sie unbequem, unangenehm, unangemessen, korrektur­bedürftig, gefährlich, schrecklich, unerträglich zu nennen, aber eben nicht selbstverschuldet, und darauf kommt es hier an. Es liegt also, will uns Kant vermutlich damit sagen, irgendwo eine Schuld vor, und dieses Irgendwo soll uns jetzt beschäftigen, weil es sowohl einen Orts- als auch einen Zeitindex trägt. Nicht der Mensch, dieses Abstraktum, ist der Versager, sondern die Menschheit auf ihrem langen Weg, der sie nach heutigem Kenntnisstand aus der afrikanischen Savanne über die Weiten Asiens nach Europa geführt hat.
Wie immer wir diese langsamen Wanderungen einschätzen, Kant besitzt eine klare Vorstellung davon, dass die Menschheit eine ist und damit über eine Geschichte verfügt. Das Verschulden, der Sündenfall, der hier und heute korrigiert werden muss, ist also eine historische Größe, er ist ›situierbar‹. Ich sehe Ihren Gesichtern eine gewisse Verblüffung an, zu Recht, denn außer den in einschlägigen Kreisen hochgeschätzten Mythen von der urkommunistischen Mir oder vom freien germanischen Bauern kennen wir keinen empirischen Kandidaten für den unbegrenzten Gebrauch des eigenen Verstandes zu allgemeinen Zwecken, und diese beiden sind, wie sich mittlerweile herumgesprochen hat, keine sehr guten Kandidaten. Der Sündenfall findet daher nach allem, was wir wissen, nicht statt – es sei denn, wir verlegen ihn auf den Uranfang, von dem wir nichts wissen, dann sind wir bei Adam und Eva, und da ist es auffällig, dass der selbständige Gebrauch des Verstandes dort als gewaltiges Verbrechen behandelt und hart bestraft wird, wenn man davon absieht, dass er unter den Bedingungen des Paradieses auch nicht sonderlich weit zu tragen scheint.
Ich ziehe den Schluss: Aufklärung, sagt Kant – er sagt es nicht, aber er deutet es an –, ist ein Märchen, das es dem Einzelnen erlaubt, zu denken, er stehe an einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte und es liege praktisch in seiner Hand, den Umschwung herbeizuführen. Ein Märchen, ganz recht, eine Geschichte, mit der man Kinder, also Unmündige, einlullt, indem man sie vor dem Einschlafen zu großen Taten befeuert. Was wir Emanzipation nennen, ist die Ausgestaltung dieses Märchens zur Heldensaga mit wechselnden Protagonisten und, selbstredend, Protagonistinnen, darauf sollte hier Wert gelegt werden.

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Wie? Das nennen Sie schwach? Warum, Kollege, nennen Sie meine Beweisführung schwach? Ist es vielleicht – ich sage vielleicht, denn Sie werden es uns gleich erklären – nicht die Beweisführung, sondern das Ergebnis, das Sie stört, das Sie womöglich kränkt? Vielleicht, weil sie den Gemeinplätzen des kollektiv gelenkten Verstandes widerspricht? Sapere aude sagt der Philosoph. Naja, es gehört nicht besonders viel Mut dazu, vor eine Forschergemeinde hinzutreten und eine abweichende Auffassung zu bekunden. Oder doch? Gehört vielleicht aller Mut der Welt dazu? Woher nehmen? Woher, wenn nicht von Ihnen allen, von Ihrer innersten Überzeugung, also von dem, was dieser Raum im Überfluss enthält?
Von diesem Überfluss rede ich, jedenfalls bilde ich mir das ein, denn sicher sein kann man sich in diesen Dingen nie: Emanzipation ist gut, erstrebenswert, Inhalt des vertretbaren menschlichen Wollens, ihr Gegenteil minderwertig, verächtlich, unvertretbar, das schlechterdings zu Bekämpfende und – letztlich – zu Eliminierende, wobei der Prozess der Elimination – siehe oben – an kein erkennbares Ende kommen kann. Die Frage ist also, worin das Gegenteil von Emanzipation besteht. Das Wort ›Unemanzipiertheit‹ führt, da es sich um eine leere Negation handelt, hier nicht sehr weit: es unterstreicht nur die Dringlichkeit der Aufgabe und erweitert die Liste der ethischen Gegensätze um einen ästhetischen: Emanzipiertsein ist schön.
Und warum? Das kleine Geheimnis dieser ganz eigenen Schönheit liegt in dem Wort ›selbstverschuldet‹. Es ist die Schuldzuweisung, die den Schuldigen macht. Die leere Negation fungiert als Stellvertreter, sie steht für bestimmte, als – zu Recht oder Unrecht, tut hier nichts zur Sache – unemanzipiert geltende Zustände oder Verhältnisse, und sie belegt den bereits genannten Hinweis, dass Emanzipation – als Forderung und als Ziel – prinzipiell unabschließbar ist, weil immerfort neue Kandidaten für Unemanzipiertheit auftauchen und eingesetzt werden können.
Ich verstehe ja Ihre Unruhe, ich verstehe sie gut, denn, ehrlich gesagt, ich verspüre sie selbst, es ist meine eigene Unruhe, die ich in Ihren Gesichtern lese, aber ich wäre ein schlechter Wissenschaftler, wenn ich deshalb einen Gedanken hintanhalten würde, der sich mir – verzeihen Sie das Wort – mit unwiderstehlicher Gewalt aufnötigt. Diese unwiderstehliche Gewalt, Sie wissen es wohl, ist die des Denkens selbst, eines absolut positiv konnotierten Vorgangs, jedenfalls nach unseren Maßstäben, die vielleicht ganz willkürlich gesetzt sind und durch einen Schritt vor die Tür leicht widerlegt werden können. Aber dann erhebt sich die einfache Frage: Woher die Kränkung? Ich sehe, einige von Ihnen lachen, der Bann ist gebrochen, aber jetzt habe ich ein Problem.

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6

Warum folgen Sie mir nicht? Warum können Sie mir nicht folgen? Ich kann an diese Frage nicht anders herangehen als mit meinen Mitteln. Was sind meine Mittel? Was habe ich an der Hand? Zweifellos nichts anderes als den Gedanken der Emanzipation selbst, also den Gedanken, den ich jetzt aus der Hand geben will, ja, aus der Hand geben, e-man-zi-pie-ren, was denn sonst? Was denn sonst. Dieser Gedanke hat mächtige Fürsprecher – in Ihnen, in mir, daran besteht gar kein Zweifel. Daran besteht gar kein Zweifel. Aber das ist doch – ja, das ist... paradox. Der einzige Inhalt, der sich dem Emanzipations-Postulat mit Sicherheit entzieht, ist die Emanzipation selbst. Sie wollen wir nicht aus der Hand geben, alles andere gern, wenn... es der Emanzipation dient. Sie ist die Herrin unserer Gelüste und sie ist unsere Sklavin. Schade, dass wir aktuell keine Feministin im Raum haben, sie würde uns den Mechanismus erklären, aber das ist ganz unnötig, wir haben schon verstanden. Es ist auch nichts Erotisches, obwohl... eine Emanzipation, die nicht der Lust behilflich sein wollte, wäre mit Sicherheit eine halbierte, eine Dame ohne Unterleib, wie wir sie von der Kirmes kennen. Geben wir der Dame ihren Unterleib zurück! Nicht draußen, nein, hier, hier und jetzt. –
Bestürzung, Erregung, Amüsemang – ist das nicht die Kurve, auf der wir uns jetzt bewegen? Der Unterleib, die Lust, der Mechanismus, der uns daran hindert, auch den Gedanken der Emanzipation gehen zu lassen, so wie alles im Leben einmal geht, weil seine Zeit gekommen ist, das ist die gefühlte Freiheit, gehen zu können, wann immer es einem beliebt, und, ich bin noch nicht zu Ende, gehen machen zu können, wann immer es einem beliebt. Ich sage mit Absicht ›gefühlt‹, denn diese Freiheit ist mit Sicherheit nicht die der Philosophen, sie ist auch nicht die Freiheit des praktischen Menschen, wenn praktische Freiheit bedeutet, die eigenen Angelegenheiten unter dem Gesichtspunkt des Gemeinwohls zu ordnen, es ist mehr die Freiheit der Lust, die bis zum Überdruss geht und darüber hinaus, weil dort erst eigentlich ihr Reich der Freiheit beginnt. Das Reich der Freiheit, ja, es beginnt nicht mit der Freiheit zu gehen, es beginnt mit der Freiheit, gehen zu machen. Selbst wenn ich eingehe – merkwürdiges Wort: ich gehe ein, ich gehe in mich hinein –, gebe ich dem, was mich eingehen lässt, Gewalt über mich, denn es macht mich gehen, es emanzipiert mich: wohin auch immer, solange es nur in mich hineingeht, aber das ist bereits meine Perspektive.
Ist sie das? Ist sie das wirklich? Ist sie nicht in Wirklichkeit auch etwas Verhängtes, ein ›Oktroi‹? Ist sie nicht das gute Gewissen dessen, der mich emanzipiert? Geh doch, sagt dieser andere, was immer dir bevorsteht, es kann nur mehr von dir dabei sein, als wenn du bliebest – verzeihen Sie die gespreizte Sprache, es ist die Sprache der Spreizung, der sich aufspreizenden Emanzipation –, denn wenn du bliebest – hier verdüstert sich die Stimme, sie bekommt diese Schärfe, die wir alle gut kennen –, wenn du bliebest, dann... Aber lassen wir dieses Kapitel, es ist ein finsteres Kapitel, in dem die meisten, die sich jetzt protestierend zu Wort melden werden, bereits geblättert haben, nichts anderes wollte ich, nun ja.

 
 

Reflexionen am Rande

Meinauge = Deinauge
1

Das sind erratische Gedanken.
Sie lassen selbst den Stärksten schwanken.

Der Mensch ist das Wesen, das seinesgleichen überall jederzeit töten kann. Der Schlüssel dazu heißt Gelegenheit. Der Schrecken, der den durchfährt, dem dieser Sachverhalt zum ersten Mal ›zum Bewusstsein kommt‹, geht nicht mehr aus seiner Welt heraus. Diese Welt ist ein Ort des Schreckens: nur Toren vergessen derlei von Zeit zu Zeit. Ein vernünftiger Mensch vergisst nie. Er hütet sich und er ist gefasst. Die Fassung zu verlieren, sollte es soweit sein, war lange Zeit seine größte Sorge. Auch heute blitzt sie noch durch. Entwaffnet wird sie durch jene ästhetisch unvermittelten Bilder des Grauens, die eine Art allgegenwärtigen Fond der modernen Medien bilden. Kein Bewusstsein kann vor ihnen bestehen – sie werden ›verdrängt‹. Genauer müsste es heißen: sie verdrängen Bewusstsein, wenngleich nicht das Bewusstsein, das es, als alles umfassende, sichtende und regulierende Behörde, vermutlich nicht gibt. Aber Teile davon: jene, deren Aufgabe darin bestünde, sich mit ihnen zu befassen. Stattdessen werden sie durch die Berührung gelähmt. Ein gelähmtes Bewusstsein, was ist das? Bewusstsein ist Bewegung, hier stößt es an seine Grenze. Wenn der Tod diese Grenze ist, was sind dann die Bilder? Sie zeigen, was dem widerfährt, der nicht davonkommt, und sie zeigen es nicht. Sie zeigen, was dem widerfährt, der davonkommt, aber sie zeigen es nicht. Sie zeigen es deshalb nicht, weil niemand da ist, der es sich zeigen ließe, – und weil es in Wahrheit nichts zu zeigen gibt. Alles, was sie zeigen, ist, dass keiner davonkommt – irgendwann, irgendwo, irgendwie. Sie zeigen es auf eine übergrausame Weise, in der das Grauen ankommt, als ließe es nach.

Meinauge = Deinauge
2

Die Freiheit des Terrors ist die Freiheit, Grauen zu verbreiten, das ankommt, als ließe es nach. Wissen, dass diese schrecklichste aller Freiheiten jedermann offensteht, schafft kein Bewusstsein, vor allem kein besseres, bewussteres – es dreht Bewusstsein um. Was gerade noch Weltbewusstsein war, in seiner Welt zuhause und, selbst im Leid, mit ihr vereint, wird empfänglich für jeden Splitter, der es bedroht – schon ist er inkorporiert. Jenseits des Splitters ist die Bedrohung abstrakt und allgegenwärtig. Der virale Feind zieht es nicht vor, unsichtbar zu bleiben, er ist unsichtbar: er sieht keinen Grund, dich zu kennen, geschweige denn zu hassen oder vernichten zu wollen, da jede einzelne dieser Operationen das Grauen verringern könnte, auf das es ihm ankommt. Und du? Siehst keinen Grund, ihn kennen zu wollen, weil dich am Ende die Neugier oder das Mitleid überwältigen würde; die logische Antwort auf die Freiheit des Terrors heißt wegsperren (oder gleich vernichten). Aber wen? Den Nächsten, aus dem er jederzeit hervorbrechen könnte? Den Fernsten, über den die Macht, die dich beschützt, die Freiheit des Bombardements besitzt, das ihn, inmitten all der Unschuldigen, die ungefragt sein Schicksal zu teilen hätten, von einem Sekundenbruchteil zum anderen vom Antlitz der Erde vertilgen könnte? Genausogut könnte das Virus (denn es handelt sich um ein Virus, eine zu geisterhaftem Leben erwachte Information, die ihn zu seinen Handlungen treibt) von dir Besitz ergreifen. Dazu bräuchte es weder anzuklopfen noch um Erlaubnis zu bitten. Im Handumdrehen hätte es deine Identität ausgetauscht und plötzlich wärest du der Feind, unsichtbar wie alle die anderen, bis du in ihre Existenz hinein explodiertest, ihr Feind, dein Feind, aller Feind, Träger des Grauens, das deine wie aller Welt verdüstert.

Meinauge = Deinauge
3

Niemand kann dauerhaft in dieser Spannung leben. Sie kommt in Wellen, sie ebbt ab, um mit ungeahnter Wucht beim ersten Anlass wiederzukehren. Wer sagt dir, dass nicht die Spannung der gefährliche Teil dieser Pandemie ist, deren Ausbruch dein Bewusstsein tagtäglich vorwegnimmt und vorwegnehmend verdrängt? Dass nicht die aufgezogene Information – eine ideologische Macke, ein pseudo-religiöser Wahn – harmlos ist im Vergleich zu der mörderischen Spannung, mit der sie von heute auf morgen in eine Wechselwirkung tritt, die durch nichts und niemanden mehr kontrolliert werden kann? (Was nicht ganz stimmt. Auch im reinen Grauen hantieren Hexenmeister, die ihr Handwerk verstehen.) Bewusstsein ist keine Einbahnstraße. Oder doch? Dann wäre der, in dem das Grauen nachlassend wächst, bereits in der Gegenrichtung unterwegs: auf Kollisionskurs mit seiner, am Ende mit aller Welt, eine virtuell tödliche Partikel in einer virtuell tödlichen Welt, vor der sich, soweit irgend möglich, das Bewusstsein verdrückt. So sieht sie aus, die Logik der Prävention.

Meinauge = Deinauge
4

Die Verwandlung des Nächsten in ein Fernstes … sie verwandelt, was jeder sein könnte, in einen unbezahlbaren Traum (man muss auch für Träume bezahlen, denk dran!), zu kostbar, um bloß geträumt, zu unerreichbar, um einfach gelebt zu werden. Du kannst nicht aussteigen aus etwas, zum dem dir der Zugang fehlt. Auch das verdrängte Bewusstsein bleibt ja Bewusstsein. Es hat sich der Lage anverwandelt und spricht jetzt, wenngleich mit gequetschter Stimme, die Sprache des Virus. Es verlangt den Schnitt: etwas anderes scheint es nicht mehr zu kennen. Und da es ahnt (oder als Willen zur Selbstkontinuierung in sich trägt), dass dann ›kein Halten‹ mehr sein wird, stemmt es sich ihm mit aller Macht entgegen. Es ist, wie immer du die Sache drehst, die Stunde der kraftlosen Radikalinskis, mit Sicherheit auf der Seite, die sich die bürgerliche nennt, ohne das Nichtbürgerliche genauer zu bezeichnen als durch die Vokabel, die in solchen Konstellationen stets zur Hand zu sein scheint: Hass. »Der Hass auf unsere Gesellschaftsordnung ist allen Feinden der Freiheit gemeinsam.« Wenn aber jeder ein potenzieller Hasser ist, wenn jeder den Hass in sich trägt, wenn nur Hass den Hass zu bremsen imstande ist, was ist dann der Hass? Der Umriss eines Traums, der dem Träumer abhanden kam? Die ›Grenze des Erlaubten‹, von der anderen Seite, der Seite des Unerlaubten her erfühlt?

Meinauge = Deinauge
5

Ist Hass ein Gefühl? Nicht wirklich, nein, nicht wirklich. Dieser Hass (den man vielleicht nur deshalb so nennt, weil man ein vertrautes Wort für ihn braucht) ist ein nicht wirkliches Gefühl. Einerseits spricht aus ihm die Ohnmacht, andererseits das ohnmächtige, das an den Rand gequetschte, das verdrängte Bewusstsein selbst, das sich der ›latenten Hysterie‹ der Gesellschaft um keinen Preis ausliefern möchte, obwohl es ihr ganz und gar verfallen ist. Darin liegt vielleicht der schmutzigste Sinn der Viren-Metapher: dieses Rest-Bewusstsein ist ganz und gar identisch mit dem vom Gegenstand der Furcht kontrollierten Grauen, das seinerseits Grauen bei denen erregt, die den Gesandten des Terrors (den sie vermutlich ablehnen) Unterschlupf gewähren – teils, weil man doch einst gemeinsam gegen die Spießerwelt aufstand und daher nicht ›einfach so‹ die Seite wechseln kann, obwohl man längst zu den Honoratioren zählt, teils, weil die Verwandlung von Ohnmacht in Beihilfe im Zeichen des Grauens zu den einfachen Handreichungen der menschlichen Psyche gehört. Der Mensch ist dem Menschen ein Virus. Vergiss nicht… Was sollst du nicht vergessen? Dass hinter den freund­lich-gleichmütigen Gesichtern deiner Kollegen sich die zwei, drei, vielleicht auch fünf aktiven Handlanger der ›Szene‹ verbergen, die, statistisch gesehen, in einer Institution wie der Pyramide zu erwarten sind? Das vergisst man nicht. Man holt es nur selten hervor.

 

Kurtzweil laust der Affe

Das Gespräch, das wir sind
 

Der Jahrhundertphilosoph Steinschwafel hat ein Buch geschrieben. Das Gespräch, das wir sind – eigentlich eine Kompilation von Aufsätzen, aus unterschiedlichen Anlässen entstanden und in diversen Sammelbänden veröffentlicht – soll vor allem eines dokumentieren: die ungebrochene Gefragtheit des Hochbetagten, dessen Karriere-Anfänge in eine Zeit zurückreichen, in der deutsche Nachwuchsakademiker sich im besetzten Paris die Klinke in die Hand gaben, um gebildeten Franzosen Gelegenheit zu geben, den überlegenen Hauch des deutschen Geistes zu spüren. Er hat diese Zeit nie bereut, nur bedauert, dass ›rein stellenmäßig‹ so wenig dabei herauskam … was, nach angemessener Karenzzeit, in ihm die erstaunliche Einsicht zeitigte, er sei zwar vielleicht kein Verfolgter, doch gewiss ein Benachteiligter des Regimes gewesen, dem erst nach dem Krieg die Genugtuung eines seiner bedeutenden Persönlichkeit angemessenen Lehrstuhls widerfuhr.

›Das Gespräch, das wir sind‹ – Steinschwafel weiß, wovon er redet. Sein Leben lang hat er das Gespräch mit den Herren der Diskurse gesucht, erstaunlicherweise auch gefunden, über alle Lager-Grenzen und Denkschotts hinweg, obwohl stets bekannt war, in welcher Klitsche des Weltgeistes seine philosophischen Waffen geschmiedet wurden. Unter den Helden des Geistes sind die anpassungsbereiten die pflegeleichten und infolgedessen außerordentlich gefragt, vor allem, sobald Geschmeidigkeit und Alters­brüchigkeit in Gedanken­führung plus Stimme sich sacht zu mischen beginnen. Steinschwafel hat aus seiner meisterhaften Geschmeidigkeit eine Botschaft geformt und sich selbst zum Sonderbotschafter des Gesprächs zwischen den Kulturen und Generationen ernannt: ein kurioser Posten, lebenslange Aufmerk­samkeit der Mitwelt inklusive.

»Das Gespräch, das wir sind«, grunzt Bibliothekswart Kurtzweil, einen schrägen Blick auf den frisch erworbenen und bereits vielfach ausgeliehenen Titel werfend; seine ganze mühsam geduckte Verachtung des Wissenschaftlergesocks findet in diesem Grunzen Platz. Und dennoch … lugt daraus ein Zipfel Anerkennung hervor. Denn dass einer von denen einmal auf den Punkt bringt, was dran ist an diesen anämischen Bürschchen, die tagaus tagein an ihm vorbeischnüren, als säße an seiner Statt ein riesiger Iltis am Bücherschalter und stempelte Leihzettel ab, beweist immerhin, dass auch aus ihm leicht ein Mann der Wissenschaft hätte werden können, hätte er es nur für eine Sekunde seines Lebens gewollt: Ohne ihn! Sollen sie doch quasseln, bis sie schwarz werden. Dienst ist Dienst und Schluss ist Schluss.

 

Das Gespräch, das wir sind
Das Gespräch, das wir sind
fig.2
fig.2 fig.2
fig.1
  • Na sicher, wer soll ihn denn schon verstehen.
  • Ach, da gibt es Spezialisten.
fig.2 fig.3 fig.3 fig.1
  • Ich denke, wir haben alle ganz gut verstanden.
  • Zu gut vielleicht. Ich für meinen Teil...
fig.4
  • Sieht aus, als hätte er ein Problem.
  • Das war schon deutlich. Eigentlich überdeutlich.
fig.2 fig.1 fig.2 fig.1
  • In meinen Augen hat er die Sache falsch angelegt.
  • Welche Sache? Ich sehe keine Sache. Sehen Sie eine Sache?
fig.3 fig.1 fig.1 fig.1
  • Ich bin ganz Ohr. Sie kennen sich da ja aus.
  • Nun ja, es ist unser aller Thema.
fig.3 fig.1 fig.2 fig.2
  • Das verstehe ich nicht. Er hat’s doch bewiesen.
  • Performativer Widerspruch geht natürlich immer –
  • … aber es sagt nicht viel. Natürlich.
fig.1 fig.2 fig.4 fig.2
  • Völlig unbegreiflich… Ich meine, wie kann denn sowas geschehen?
  • Wäre er wirklich klug, ich meine wirklich...
fig.4 fig.4 fig.4 fig.2
  • Ein Stück weit kann ich ihn verstehen, ein Stück weit auch wieder nicht.
fig.3 fig.3 fig.3 fig.2
  • Korinthenkacker.
  • Also gut, fürs Protokoll: Das war Korinthenkackerei.
fig.1
  • Ach ja? Dann liege ich doch nicht so falsch, wie ich dachte.
 

Dürrobst denkt per Hauspost

Lenkungsfieber
1
Das Dürrobst-Zirkular
Was mit der Hauspost kommt, ist wirklich.

ThesenKommentar
1. Als die Pyramide, nach angemessen monumentaler Planungs- und Bauzeit, ihren Betrieb aufnimmt, ist der gesellschaftliche Bedarf, der sie hervortrieb, zwar nicht verschwunden, aber er wird weitgehend an den Orten gedeckt, an denen er entstanden ist. Damit müssen wir leben. Vom Start weg, um im Jargon der Planer zu bleiben, muss die Pyra­mide sich neu erfinden. Es bleibt ihr gar nichts anderes übrig. Man kann dies beklagen oder als gegeben hinnehmen. Aus solchen Lagen entsteht das Experiment.
2. Das Bildungssystem hat, mehr schlecht als recht, gelernt, was es bedeutet, mit Massen lebens- und veränderungshungriger Neuzugänge fertig zu werden, von denen die meisten den sogenannten bildungsfernen Schichten entstammen und ihre speziellen Milieus in die – wiederum sogenannten – akademischen Kreise einbringen. Niemals ist das Experiment das, als was es Beteiligten und Zaungästen des Geschehens erscheint. Im Gegenteil: alle gesellschaftlichen Aufträge führen in die Irre, weil sie das Unbekannte verdecken, das gerade auf dem Sprung ist, wirklich zu werden.
3. Mit einer Mischung aus Belustigung, Befremden und Hochmut blicken die heutigen Studenten auf ihre Vorgänger, ab und zu heimgesucht von Neid und Bedauern darüber, nicht dabei gewesen zu sein, als eine Generation überzeugungsstarker Haschischjünger tausendjährige Ordnungsvorstellungen aus den Angeln hob. Wovon die internen Papiere sprechen, was auf den Fluren der Institute verhandelt, in Handreich­ungen zum internen Gebrauch aufs praktische Format heruntergebrochen, als Studien­material in Serie geht, folgt im Ganzen bewährten Mustern. So geht Wissenschaft.
4. Unter dem Deckmantel des technischen Fortschritts wächst hier eine Generation heran, die, im Wesentlichen angepasst, den ideologischen Vorstellungen der heutigen mittleren Jahrgänge zu folgen bereit ist. Dieser stagnierende Progressivismus (StagProg) wird – bei mangelnder Gegensteuerung – die Gesellschaft in eine Sackgasse führen: kulturell, ethisch, politisch. Dem Experiment bietet Stagnation der Gesinnung das ideale Umfeld, weil nur so eine stabile Motivation der Teilnehmer über den notwendigen Zeitraum garantiert werden kann. Es ist die gesellschaftliche Erwartungshaltung, die sie bei der Stange hält und ihren Blick auf das Entstehende blendet.
5. StagProg ist die Formel für eine Generation ohne Vision oder, um es weniger klischeehaft auszudrücken, ohne originäres Weltverhältnis: eine Generation von Karrieristen auf Abruf, die von den Formeln der Vorgänger lebt und sie gnadenlos umsetzt, ohne sich dessen bewusst zu werden, dass sie ihre Kraft, wie die aller Polemik, aus der Opposition gegen das Wirkliche holen. Zu spät gebrüllt. Diese Leute sind bereits auf dem Marsch. Apropos: Es ist niemals die Generation. Es sind die Sichtbaren einer Generation, ihre Erwählten, denen das Glück widerfährt, die Verhältnisse gestalten zu dürfen. Wer hat sie ausgewählt? Wer wird sie weiter auswählen? Zu welchen Zwecken? Das wäre die Frage.
6. Worin kann Gegensteuerung bestehen? Ich prophezeie: Die heutigen Progressiven werden sich eines Tages nachdrücklich zu Werten bekennen, die sie aktuell noch als reaktionär ablehnen, während sie in praxi bereits auf sie einschwenken (= Alltag des performativen Widerspruchs). Das erhoffte – und tatsächlich stattfindende – Experiment entschleiert sich dem forschenden Blick erst im Nachgang. Niemand kann mit Sicherheit feststellen, wo es entspringt.
6. Das Zeitfenster für die ideologische Volte wird bestimmt durch die Evolution der Medien. Das muss gesehen (dick unterstrichen!) und als Chance begriffen werden. Die heutigen Medien sind die eigene Frage der Gesellschaft als Gestalt.
Lenkungsfieber
2
***

Wer ist der Kommentator? Ein Witzbold! – Wer wagt es, Dürrobst so schamlos zu kommentieren? Schriftlich, ohne vorgehaltene Hand! Gut, auch Anonymität ist eine Art vorgehaltener Hand. Aber jeder hat es gelesen, Dürrobst eingeschlossen. Wird er darauf antworten? Kann er darauf antworten? Wer immer der Schreiber gewesen sein mag – Argloser? Blowasser? Kypras? Stutenkeil? Tummler? –, er versteht mehr vom Charakter des Neuen, als in Dürrobsts kantigen Schädel hineinpasst. Dass er das Experiment so nach vorn schiebt: ausgezeichnet! Die Pyramide ist das Experiment, jeder weiß es, jeder verdrängt es, beseelt vom Geist der Neuheit, gefangen in den Fallstricken des Üblichen.

  • Jedes Projekt betreibt Wirklichkeitsverdoppelung. Der Projektemacher stülpt der Realität eine Kappe aus Wünsch- und Machbarem über und sagt: Seht her, das ist die kommende Wirklichkeit, die wirkliche Wirklichkeit, eine Wirklichkeit im Werden, und wir erschaffen sie. Und wirklich gelingt es ein Stück weit – sie scheint zu passen, die Kappe, fest sitzt sie, bis über beide Ohren fest, irgendwann sitzt sie nicht mehr so fest und etwas anderes scheint hervor, dann beginnen die wirklichen Sorgen; man erkennt sie daran, dass sie, solange es angeht, als eingebildete abgetan werden.

Lenkungsfieber
3
Wirklichkeitsverdoppelung

Das ist nicht die zweite Wirklichkeit aus Begriffen und ›Distinktionen‹, die der forschende Menschengeist über das als real empfundene Reiz-Reaktionsgewühl breitet, an dem das Naturwesen sich abarbeitet, sondern der Laborversuch am lebendigen Homo sapiens, die gezielte Veränderung von Betriebsgrößen, die das Zusammenleben aller regeln, also Gesellschaft, als da sind: das Verhältnis zu Autoritäten, die Weise des Wirtschaftens, das Leben der Geschlechter, die ›erprobten‹ Mechanismen bei der Auswahl von Führungskräften, von ›Fachkräften‹ insgesamt, nicht zu vergessen die Methoden der Erziehung, ihre Ziele, das Forscher-Ethos…

Im Grunde also ein Auswechseln der Religion: Ändere das Verhältnis der Menschen zum Tod und du veränderst alle Verhältnisse, in denen der Mensch … ja was wohl? dem Menschen ein Mensch ist. Der Mensch, der im Sterben – oder noch im Tod – Rechenschaft ablegen muss für sein Handeln am Menschen, ist ein anderer als der, der sich die Frage vorlegen muss: Habe ich alles gelebt? Habe ich etwas versäumt?

Ist das Religion? Natürlich ist das Religion. Religion allerdings … hat die Eigenschaft, nicht auf Knopfdruck zu verschwinden oder zu diffundieren, sondern, wenn offener Widerstand zwecklos wird, abzutauchen und von jener Region Besitz zu ergreifen, die eine naive Psychologie der Veränderung das Unter­bewusstsein nennt und die vielleicht nichts anderes bündelt als die unbeherrschten, womöglich unbeherrschbaren Kräfte des ererbten Realen, die sich in jedem Einzelleben Bahn zu brechen wissen.

*

Doppelstandards, Doppel… Dop… Kipp-Bewusstsein, unvermittelt von einem Betriebszustand in den anderen fallend et vice versa. Revolutions­führer, der sein »Herr, vergib mir!« murmelt, dieweil er den Priester, der ihm in seinem früheren Leben die Hostie spendete, an einen Baum nageln lässt … vielleicht ein Hollywood-Gag. Aber er kennt seine Pappenheimer.
Kratze an einem Antiautoritären und du stößt rascher auf dieses »Herr, vergib mir!«, als das eingeborene Vertrauen in die Stabilität von Überzeugungen es für möglich hält.

Soviel zur Causa Dürrobst.

Lenkungsfieber
4
Ursprungsorte,

mythische Orte. Sie verdanken ihren Nimbus Erzählungen, die immer auch anders ausfallen könnten. Der Raum des Experiments schwirrt von Erzählungen, aus denen nach Ort, Stunde, Interessenlage, Partei- und Schulzugehörigkeit das Substrat herausgefiltert wird, an dem allen gelegen ist: Erster, wenn nicht zu sein, so doch gewesen zu sein, Number One, Durchbrecher einer Ziellinie, die als Ausgangslinie des eigenen Treibens für weitere, irgendwann in der Zukunft zu schreibende Erfolgsgeschichten gut ist. Die Kultur der Pyramide, der Universität ohne Selbstgefühl, aber mit einem auf rauschhaft steigende Erfolgszahlen und einen soliden Stellensockel gestellten Vertrauen in die Durchsetzungskraft der Institution, braucht nicht mehr als einen technischen Schub und eine kritische Masse, um die lebensbedrohliche Frage der Anschlussfähigkeit, die wie die Lanze eines mittelalterlichen Landsknechts auf ihr Herz zielt, umzudrehen und auf die umliegende Wissenschaftslandschaft zu richten.

Lenkungsfieber
5
Das Experiment

ist das Gegebene. Recht besehen erwächst es aus der fehlenden Orthaftigkeit der Pyramide. Für die Wissenschaft zählt ein Ort wie der andere. Nicht so für das kulturelle Gemüt. Das kulturelle Gemüt will Gegenwart, Mitgegenwart, am besten Allgegenwart. Die ihm so eigene Distanzgebärde setzt die volle Wahl voraus. Wo sie fehlt, wird Kultur zur Wucherung des nicht Vorhandenen, zur Ausbildung von Ersatz-Organen, von Ersatz-Welten, Ersatz-Geschichten, Ersatz-Kriegen, Ersatz-Friedensschlüssen, Ersatz-Handlungen, Ersatz-Ersatzgebärden und Ersatz-Motiven. Das Innere der Pyramide gleicht einem kulturellen Vakuum, in dem das, was allerorten gilt, erst einmal ›aufgehoben‹ erscheint ... nicht kraft einer besonderen Anstrengung der Bewohner – eher steht ihnen eine gewisse Anstrengungslosigkeit ins Gesicht geschrieben –, sondern auf Grund einer schwer zu beschreibenden Mischung aus Herkunfts- und Überlegenheitsgesten, die beim Einzelnen unterschiedlich ausfallen, aber ein gemeinsames Fluidum bilden, in dem der Einzelne treibt, ja treibt, und zwar im doppelten Sinn – er treibt sein Unwesen und: er treibt vorbei. Das Treiben bringt das Experiment hervor, es ist das Experiment. Was draußen allenthalben Realität gewinnt oder in Kürze gewinnen wird, entsteht hier noch einmal, bei ausgedünnten Ausgangsfaktoren, als entspränge es gerade hier, aus diesen Faktoren, kraft der besonderen Konstellation, die als herbeigeführt gelten dürfen. Gesellschaft und Politik mussten zusammenlegen, um sie zu ermöglichen, und sie hegen zu Recht oder Unrecht gewisse Erwartungen an das, was daraus entsteht.

Tronka wird gefangen
1
Am Automaten

Der Einbruch kommt nicht im Morgengrauen, sondern am Automaten, zur Kaffeezeit. Ehrlich gesagt, ein wenig Morgengrauen ist immer dabei, wenn ein Tronka schwächelt, das gedämpfte Einströmen des Tageslichts wirkt aufs Gemüt. Vermutlich soll es so sein. Der Architektenhimmel, leicht zu durchschauen, aber ein Schleier bleibt: Erwägungen, flüchtig wie der Wolkenzug selbst, atmosphärisches Beiwerk eines Tages, an dem alles stimmt. Wenn alles stimmt, steht der nächste Ausfall unmittelbar bevor. Diesmal: ein Kaffeeautomat. Warum nicht ein Kaffeeautomat? Dieser hier: im Prinzip ein brillantes Gerät, vor dem sich aus Gründen, unerfindlich wie das Ausbleiben eines Traums, die jungen Damen stauen. Nein, defekt ist er nicht. Er ist brillant und komplex. Solche Züge muss man erwähnen, sie verlieren sich leicht im Sog der Geschichte. Andere hingegen passen sich ein. In bestimmten Momenten ist Hierarchie flach, sehr flach, mit einer Tendenz, sich zu neigen. Ein wenig Herablassung, ein Hauch Serenissimus-Versagung steht dem Jungdozenten, später festigt sie sich, wird undurchdringlich, unvereinbar mit deiner Welt, die nichts davon weiß, dem ewigen Draußen. Die geschmeidige Haut der Pyramide, an der das Draußen abperlt, während es zur Besichtigung freiliegt, fördert den Hochmut. Nicht irgendeinen, sondern die heitere Variante: das Bewusstsein, sich frei bewegen zu können, freier als andere. Nichts liegt an, es sei denn das Projekt, also Zukunft.

Tronka wird gefangen
2
Zephyr

Hier also, munter, mit einem Lächeln: die Zukunft. Tronka erkennt nicht, dass sie ihm entgegenkommt, noch weniger, dass sie ihn bereits in entgegengesetzter Richtung passiert. Im Moment findet er sie ausgesprochen sperrig, fast unfein, derb, um genauer zu sein. Dieser Anflug von Derbheit belustigt ihn, er beschäftigt ihn, nicht innerlich, sondern ganz und gar praktisch. Der Kaffeeautomat, wie könnte es anders sein, ist nur ein Anfang. Nichts erkennt Tronka von der Zukunft, die abgeschattet vor ihm liegt. Sein Identifikationsvermögen ist begrenzt. Womit auch, würde er zurückfragen, käme jemand auf die Idee, sich danach zu erkundigen. Eine seltsame, geradezu abgedroschene Idee, nicht vorgesehen in einer Umgebung, die von Identifikationsangeboten strotzt. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben hat Tronka frei. Die Luft der Pyramide umfächelt ihn, sie hat keine Palmenhaine passiert, sondern die Abgase der Ruhrstadt, aber an ihm verrichtet sie das berauschende Werk der Selbststeigerung.

Tronka wird gefangen
3
Eine Studentin namens Pida

Ein kluges Mädchen: Ist sie das? Auf gar keinen Fall. Gerissen? Vielleicht, unter Umständen, ja. Unter welchen Umständen? Wer bestimmt solche Umstände? Wie rechtfertigt sich die Suche nach Umständen, unter denen Menschen ihr zweites Gesicht zeigen? Wie die Behauptung, dass dort die Maske fällt, wo die anderen recht behalten? Wieso die anderen? Er hat mit niemandem gesprochen, er wüsste auch nicht, mit wem und worüber er sprechen könnte. Also: wer sind die anderen? Und: bedarf es ihrer? Ein leichtes Gefühl, ein Anflug bemächtigt sich seiner – von Fall zu Fall, nicht immer, nicht unter allen Umständen, aber unter Umständen, die geeignet sein sollten, es zum Schweigen zu bringen, und die, wer weiß, sich deshalb quasi von allein vermehren, ohne dass er darauf zu drängen Gelegenheit erhält oder einen inneren Anlass findet. Nein, gerissen wirkt sie nicht, eher gleitend, mit einer Tendenz, den tiefsten Punkt aufzusuchen, aber allmählich, nach und nach, gleitend eben, er könnte nicht sagen, auf welchem Punkt sie sich gerade befindet.

Tronka wird gefangen
4
Schattenrede

Die Überlegung, sauber vorgetragen und analytisch in ihre Komponenten zerlegt, könnte als Einstieg in ein fruchtbares Prüfungsgespräch taugen. Die Gegenstände liegen nicht weit auseinander. Der Prüfer, der jäh zwischen ihnen ein Intimverhältnis erkennt, greift zur Metapher von Frucht und Schale, um vorsichtig innezuhalten: so nah sind sich Körper und Thema nicht, um einander ›im Spiegel des anderen‹ zu erkennen. Für die Dauer der Prüfung hält sie der Abgrund der Ahnungslosigkeit auseinander. Aus der Berührung folgt kein Erkennen. Stattdessen läuft inmitten der Prüfung das kleine Programm, die Prüfung ohne Worte, das Umspielen der Grenze, die keine ist, die wegtaucht, sobald sie fixiert wird, die Körper geistern und der Geist ist matt.

Tronka wird gefangen
5

Was nicht gewusst ist, ist ungewusst.

Es ist die Grenze, die den Zusammenhang schafft.

Nein, es ist der Zusammenhang, der die Grenze schafft.

Überquere sie, wenn du es schaffst, und sie bricht zusammen.

Warum willst du es schaffen?

Niemand überquert wissend die Grenze zum Ungewussten.

Die Kandidatin könnte sagen: Das habe ich nicht gewusst. Aber sie wird sich hüten.

Sie kann es nicht schaffen: der Zusammenhang ist einfach zu groß.

Oder zu hoch.

Oder zu einfach: so einfach wollen wir es uns nicht machen.

Sie kann es schaffen. Der Zusammenhang besteht und ist einfach.

Ein in der Prüfungssituation erworbenes Wissen zählt nicht.

Es gewinnt.

 

Ein Schlag
kommt selten allein

Paarweise Zweifel
1
Ceci n’est pas une pipe

 

Niemals wird Dekan Dürrobst, das bewegliche Männlein, die Brusttasche mit einer aufrecht dem Gebrauch entgegenstarrenden Batterie Pfeifenputzer gefüllt, Kenntnis von dem gesammelten Schweigen erhalten, das der Bericht seines frisch vom Krankenlager zurückgekehrten Stellvertreters auslöst, der Patient könne jetzt wieder reden und fühle sich insofern seinem Amt wie bisher gewachsen. Der Grund liegt auf der Hand. Keiner in der Runde, der es bereits hinter sich hat, zeigte sich der Würde dieses Amtes bisher so wenig gewachsen wie er. Dabei erfüllt sie ihn – und er sie – mit tiefer Lust. Wenn die Fakultät tagt, lichtet sich sein Gemüt: die Macht des Gremiums strömt ihm zu. Würde der eine oder andere Kollege ihm zurufen: »Zur Sache!« – undenkbar, da so ein Ausruf sich weder mit dieser noch mit jener noch mit irgendeiner im Raum stehenden Würde vertrüge –, so könnte er ›im Brustton der Überzeugung‹ antworten: Die Sache bin ich. Zumindest ist er von ihr durchdrungen, und so, durchdrungenermaßen, stellt er sie vor sich hin, als handelte es sich um die randvoll gefüllte Aktentasche seines Adlatus, dessen Lagebericht die Sitzung eröffnet. Die Zeitspanne zwischen Bericht und Beschluss, säuberlich portioniert von TOP 1 bis TOP 13b, gehört Dürrobst. Nicht im Traum denkt er daran, wie seine Vorgänger zum jeweiligen TOP ›in der gebotenen Ausführlichkeit und Knappheit‹ zu referieren, um dann die in den Regularien vorgesehene Aussprache zu eröffnen. Mit vollem Vorsatz (sicher? ganz sicher?) entgleitet ihm Sitzung um Sitzung zur Akten-Lesestunde, einer rhetorischen Tour de force, durchsetzt mit glänzenden Sarkasmen und bissigen, überaus kleinkarierten Kommentaren, an denen die Kollegen, bei aller Genervtheit, doch auch ihre Freude haben. Auf Beifall und »Da capo!«-Rufe allerdings darf er nicht hoffen. Stattdessen herrscht schneidende Kritik auf den Gängen. Er überzieht sein Konto, und zwar beträchtlich.

Paarweise Zweifel
2
Ceci n’est pas une pipe

 

Kaum ins Amt gewählt von einem Schlaganfall dahingestreckt zu werden –: derlei Ungemach fällt vermutlich unter die Rubrik ›besondere Vorkommnisse‹. Nicht so, nach langer Krankheit, die Rückkehr an den Schreibtisch, gleichgültig, zu welchen Konditionen sie sich vollzieht. Sie wird als normal angesehen, besser gesagt, als ›das Normale‹ – die Norm erscheint darin groß geschrieben und ein wenig bedrohlich, als solle das eine oder andere Huhn, in dem bereits die Hoffnung auf mehr Auslauf glomm, auf den Hof zurückgescheucht werden. Der Rückkehrer weiß, was er sich und anderen schuldet, er gibt sich gefasst und kampfesmutig. Die Herausforderung, soviel weiß er, ist allgegenwärtig und sucht ihren Meister. Dürrobst macht da keine Ausnahme, heller denn je glimmt sein Auge, die Sarkasmen purzeln aus seinem Munde, man könnte meinen, er habe nachzuholen.

Paarweise Zweifel
3
Ceci n’est pas une pipe

 

In einem soeben abgewählten Kanzler der Republik, der seinem erstaunten Wahlvolk in einer ersten Stellungnahme am Bildschirm verklickert, er gedenke nach wie vor die Bürde des Amtes weiter zu schultern, steckt viel von diesem Geist, der niemals ruht und ungerührt, wie es sich für seinesgleichen gehört, stets dasselbe will. Vom gleichen Affekt, der den abgehalfterten Regierungschef umtreibt, weiß sich auch Dürrobst beseelt. Natürlich könnte er sich, eingedenk der gesundheitlichen Lage, von seinem Posten entbinden lassen. Er will es nicht und er kann es nicht. Was hier beginnt, darf man die zweite, frenetische Phase seiner Amtszeit nennen. Nein, er hat keineswegs die Absicht, ›mit den Füßen voraus‹ aus dem Amt getragen zu werden. Nach wie vor verachtet er Menschen, die sich für unersetzlich halten: armselige System­schweine, die der passionierte Dienst um den Verstand gebracht hat. So etwas darf und wird ihm nicht passieren. Er wird schon aufpassen… Vorderhand hat er eine Aufgabe zu erfüllen. Er könnte sie auch ›Mission‹ nennen, besäße das Wort nicht einen pathologischen Beigeschmack, auf den er gut und gerne verzichten kann. Selbst­verständlich bedarf die Fakultät, in einem Meer aus Unwägbarkeiten schwimmend, der sicheren Hand des geborenen Navigators. Doch der entscheidende Gesichtspunkt ist das nicht: Dürrobsts Entscheidung ist politisch. Inwiefern politisch? Was ist daran ›politisch‹ zu nennen, dass einer nicht mehr aufhören kann? Dass einer glaubt, nicht abtreten zu dürfen, weil die ganz normale Lage, in der jeder ersetzbar ist, ›seine Präsenz einfordert‹? Das Rätsel lässt sich mit ein wenig Nachdenken lösen, vorausgesetzt, man legt den Begriff des Politischen zugrunde, den beide gleichermaßen in ihrer Jugendzeit inhalierten:

Alles Private ist politisch.
Alles Politische ist privat.

Paarweise Zweifel
4
Dürrobsts (Intim-?)Feind,

politisch gesprochen, und Stellvertreter heißt Friedenwanger, Eberhard Friedenwanger, mit einem überaus weichen, nicht immer von jedermann hinreichend beachteten ›b‹: ein feiner Szene-Beobachter, selbstbewusster Eigner einer wohltuenden, sanfter als nötig klingenden Stimme, die er nicht häufig, dann aber durchströmt von einer gewissen Grundberedsamkeit einsetzt. Normalerweise wird in der Pyramide jeder Anflug von sprachlichem Überschwang mit sofortigem Aufmerk­samkeits­entzug geahndet. Nicht so im Falle Friedenwanger, dem ein gewisses Pathos zuverlässig zur Hand geht, wann immer es sich darum handelt, konstruktive Vorschläge zu unterbreiten und in kluger Voraussicht vor Fehl­entwick­lungen zu warnen, die sich aus ihrer Nichtannahme mit Sicherheit ergeben würden. Auch Friedenwangers unter Eingeweihten legendäres, ansonsten gut verborgenes Ränkespiel um Stellen und ›Ausstattungen‹ versteht sich politisch: weit über den Abgründen der bürgerlichen, von der Sucht nach Anerkennung zerfressenenen Individualseele schwebend, auf die er mit eben der Verachtung herabsieht wie … nun, wie Dürrobst, wer sonst, in diesem Punkt geben die beiden einander nichts nach. In Friedenwanger kreist, wie in Dürrobst, einem früh eingefangenen Herpes-Erreger vergleichbar, das Virus des antibürgerlichen Affekts. Auch sein stilles Heldentum verlangt nach Anerkennung durch die Geschichte: eine allgemein unzuverlässige, selten gesichtete, in der Pyramide allgegenwärtige Person.

Paarweise Zweifel
5

Ist Friedenwanger beliebt? Ist er unbeliebt?
Schwer zu ergründen.
Friedenwanger ist seriös.

Diese Eigenschaft erhebt ihn, wann immer er seinen Flug beginnt, himmelweit über Dürrobst. Schade nur, dass der, wann immer ihn das Bedürfnis anwandelt, den überaus seriösen Kollegen mit einem gezielten Schuss wieder herunterholt.

*

Ist Friedenwanger intelligent?

Genau besehen, lässt die Seriosität, die er verströmt, an seiner Intelligenz zweifeln – und umgekehrt. Genau behorcht – man muss das eigens herauskehren, weil seine kollegial-dominante Gegenwart zur Ungenauigkeit verleitet –, zieht sich durch Friedenwangers Äuße­rungen ein leise intriganter Zug, den ein Paar blauer Augen, flankiert von einem Aufschlag, der sie gewissermaßen auf offenem Tablett darbietet, ununterbrochen dementiert.

Misstraue Friedenwanger!

Ein Imperativ der besonderen Art, denn beklagen kannst du dich bislang über ihn nicht: ein höflicher Zuhörer, ein bereitwilliger Ratgeber, ein unerschöpflicher Spender nützlicher Informationen, ganz nebenbei der Typus des väterlichen Freundes, auch wenn der Altersunterschied dergleichen nicht hergibt – was will der Mensch mehr?

*

Kein Zweifel: unter den bekannten Arten des krassen Ich ist dies die unauffälligste, weil stabilste.

 

Friedenwanger oder das geduldige Nichts
Wo etwas sich abzeichnet, befindet sich
Friedenwanger im Anmarsch

Usque ad infinitum
1

Die journalistische Marotte, den Zeitgeist in Jahrzehnte abzufüllen – die Fünfziger, die Sechziger, Siebziger, Achtziger, Neunziger etc. –, sie mit Etiketten zu beschriften, auf denen steht: grau, wild, bleiern, multikulti (oder, ausgeführter und mit mehr Schlagseite: ›die Adenauer-Restauration‹, ›die Aufbruchsjahre‹, ›das verlorene Jahrzehnt‹, ›im Schatten der Energiekrise‹, ›der ökologische Aufbruch‹, ›Wendejahre‹, ›die Ossis kommen‹), – das alles besitzt im Forschungsspektrum der Pyramide ein unvermeidliches Widerspiel.

Dürrobst zum Beispiel, lebender Beleg für eine bewegte Vergangenheit, profiliert sich seit Jahren als Spezialist für die Sechziger. Er »kann«, folgt man seinen Worten, »sie nur noch historisch sehen« und mokiert sich über Kollegen, »deren Uhren stehen geblieben sind« und die daraus »eine Schlachtordnung basteln«, vornehmlich auf der Rechten, die noch ein paar historische Rechnungen offen hat und daher fortwährend Beweise für etwas liefert, »was niemand bezweifelt, der klar bei Verstand ist«: genetische Faktoren in der Bildung zum Beispiel oder die Notwendigkeit gewisser sozialer Asymmetrien aus Kompetenz- und Motivationsgründen. Selbst der Differenz zwischen Hausbesitzern und eingefleischten Mieternaturen vermag er, nicht ohne ein gewisses Händereiben, positive Seiten abgewinnen, seit er im locker bebauten Umland ein passendes Objekt erworben hat und von Zeit zu Zeit Zementspuren seine ausgewaschenen Jeans zieren: schwer abzuschätzen, auf welchen Wegen solche realgesellschaftlichen Prägungen Eingang in seine Forschungen finden.

Als Bildungstheoretiker ist Dürrobst offen. Seine Befragungen des Stoffs, aus dem sich kulturelle Überzeugungen speisen, gelten als legendär, weil er, unter geschickter Beteiligung seiner Studenten, ihn direkt am Volkskörper abzapft, so als trüge letzterer ihn im Blut, vermutlich wie die alkoholischen Reste eines schweren Besäufnisses.

Usque ad infinitum
2

Friedenwanger hingegen...
Wer ist Friedenwanger?

Gute Frage, seine Forschung ist ein finsteres Loch. Qualifiziert hat er sich mit einem Einführungsbuch für die Lehre, aber etwas stimmt nicht, er ist nicht ordentlich habilitiert: seine Berufung war Politik und Politik ist seine Berufung. Gelegentlich dringen Gerüchte über Lehrveranstaltungen in den kollegialen Raum, die argwöhnen lassen, dass dort nichts Gutes abläuft.

Friedenwanger also... Man weiß, dass er als entschiedener Feind alles Reaktionären das Gesetz der Geschichte auf seiner Seite weiß, selbst dort, wo es um so gewaltige Errungenschaften wie die Ausrichtung eines geplanten Instituts oder die Bewertung eines Vorratsantrags geht, der einem Fach die Option auf mehr Korrekturmittel und, wer weiß, eine weitere Mitarbeiterstelle eröffnet. Was man nicht weiß, vielleicht auch nicht wissen will, ist die Antwort auf die Frage, woher dieses Wissen ihm zufließt. Stets würde er, entsprechend befragt, mit gerunzelter Stirn zurückgeben: »Das Gesetz der Geschichte? Was soll das sein? Ich kenne kein Gesetz der Geschichte. Ich will etwas bewegen.«

Usque ad infinitum
3

Den ganzen Friedenwanger kennt keiner. Doch das hier ist Friedenwanger ganz: »Ich will etwas bewegen.« Wo immer er geht und steht: er will etwas bewegen. Die Unbeweglichkeit der Welt ist sein Thema, ihr setzt er seinen Gestaltungswillen wie eine aus Knetmasse geformte Faust entgegen.

Das erinnert von ferne an die Philosophenfrage: ›Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts?‹ Im Raum dieser Frage bewegt er sich mit der Hurtigkeit eines Kletteräffchens, dem eine geschickte Hand auf die Sprünge hilft.

Etwas ist immer – aber es ist auch ›schon immer‹ so oder so, also ›je bestimmt‹, wie mancher Konkurrent im großen Wörterrücken das ausdrücken würde. Nein, so würde er es nicht ausdrücken, bestimmt nicht, besser gesagt: keineswegs, auf keinem der von ihm befahrenen oder begangenen Wege, denn diese Erkenntnis, falls es denn eine wäre, ist ihm eingedrückt, wenn nicht von Kindesbeinen an, so jedenfalls von langer Hand. ›Etwas zu Nichts‹ (man könnte es die Basis-Variante zur bekannteren, den Osten des geteilten Landes umpflügenden Parole ›Schwerter zu Pflugscharen‹ nennen) bedeutet nicht etwa, die Werke des Herrn zunichte zu machen, ›das gerade nicht‹, sondern, in langer geduldiger Plackerei, die Wackersteine beiseite zu räumen, die den Weg des Herrn – leider – nicht bloß säumen, sondern unübersehbar und bis auf weiteres in einen Trümmergang verwandeln ... wenn, nun, wenn geklärt ist, dass der Herr bei alledem die Gesichtszüge des wohlbekannten Kollegen F trägt.

Denn bei alledem ist F bekennender Protestant.

Usque ad infinitum
4
Beobachtungssätze, gruppiert um ein Zahlenspiel
  1. Die offene, ›liberal‹ genannte Atmosphäre der Pyramide gebietet es, auch den Kragen offen zu tragen. Mancher Kollege, der selbst im eigenen Heim kaum die Krawatte vom Hals bekommt, nestelt hier am geöffneten Hemdknopf herum.
  2. Der Esprit de corps, ein Zusammenströmen verschiedenster Impulse im Bett parteilicher Loyalitäten, nicht selten mit besten Kontakten ins benachbarte Ministerium, duldet keine Abweichung von der Regel.
  3. Ausnahme: Gremienwahl. Vor jeder Wahl – Dekan, Senatsmitglied, Rektor, Prorektor und so fort – taucht das gute Stück an Hälsen auf, deren Träger bis dahin als resistent galten und sich seiner, ist die Wahl erst einmal vorüber, unverzüglich wieder entledigen.
  4. Das bedauernswerte Los, aus unermüdlichen Forschungen herausgerissen zu werden und die stete Sorge für die Lehre den Mitarbeitern des Lehrstuhls übertragen zu müssen, wird durch die Lust aufgewogen, der Institution als Funktionsträger zu Diensten zu sein. Doch es nagen Zweifel.
  5. Das ebenso diskrete wie unübersehbare, niemals abgelegte Zeichen »Ich bin bereit« hebt Friedenwanger aus dem Pulk der Kollegen heraus.
  6. Schweigend sehen die Kollegen über diese Passion hinweg, sie suchen nur unauffällig seine Nähe, sobald sie auf Gremienklatsch aus sind oder Informationen unter die Leute bringen wollen, deren Urheber nicht bekannt werden soll.
  7. Wählen sie ihn? Eindeutig: nein. Die Gemeinschaft hat sich schweigend darauf verständigt, den Dauerkandidaten für nützlicher zu halten als den Funktionsträger.
  8. Unter der Hand lassen sie wissen, Friedenwangers früheres Dekanat sei ›eine Katastrophe‹ gewesen.
  9. Dürrobst, der ostentativ große Stücke auf den Kollegen hält, bedauert, dass ihm die »tückische Brut« hinterrücks die Loyalität verweigert: »Diese Fakultät ist von innen her faul, sie verdient es nicht, dass ihr einer die besten Jahre seines Wissenschaftler-Lebens opfert. Nein, sie verdient es nicht. Wäre ich nicht so ein linker Vogel, dem Solidarität über alles geht, bekäme mich hier keiner zu Gesicht.«
  10. Friedenwangers Mission erfüllt sich jenseits der Grenzen der Pyramide.
  11. Weltgeltung muss erarbeitet werden oder sie ist schon da.
  12. Besser, sie ist schon da.
  13. In der Person Friedenwangers erhebt die Pyramide Anspruch auf Weltgeltung. Und siehe: dem Anspruch wird stattgegeben.
Usque ad infinitum
5
Diskriminierender Zusatz

Eher lustlos notiert das Gedächtnis solche Protokollsätze im Vorgriff auf packendere, deren Inhalt aber noch aussteht. ›Friedenwanger = Null‹ steht bereits da, zwischen Sätzen, die keine besondere denunziatorische Neigung verraten, es sei denn, man fände sie darin, dass sie die nun einmal hingeschriebene Null von beiden Seiten flankieren. In Friedenwangers gegenwärtigem Aktionsradius, so könnte man schließen, ist nichts Besonderes verzeichnet. Und das, gerade das, ist es ja: das dem Besonderen eingeschriebene Nichts, die Nichtigkeitserklärung alles dessen, was ist, weil immer etwas ist, durch die approbierte Null, die reinen Tisch zu machen verspricht, indem sie sich an alles anhängt, was nach einem gut verborgenen Prestigekalkül Gewinn abwerfen könnte. Die Falschmünzer-Kraft der Kopula, eingefangen in der Aussage ›Etwas ist etwas (anderes)‹, wird durch Friedenwangers Dazwischen­treten erkennbar potenziert. ›Etwas ist nichts weiter‹ bedeutet – unter anderem – die Bankrotterklärung der Metaphysik (Friedenwanger bittet darum), aber aus ihrer eigenen Feder, als Endesunterzeichnete, mit Stempel und Paraphe.

Usque ad infinitum
6

»Wird eine Größe, die = Null ist, einem anderen Ding hinzugefügt, so kann dieses dadurch keinesfalls vergrößert werden. Demnach wäre also das Hinzugefügte = Null. Wenn also das andere Ding, wird eins von ihm abgezogen, um nichts kleiner und, wird es ihm hinzugefügt, um nichts größer wird, dann ist klar, dass das Hinzugefügte ebenso wie das Abgezogene = Null ist.«
Zenon von Elea

Kobra im Schlafrock
1
Sei gewarnt. Sei einfach gewarnt.

Das moderne Museum sagt nicht: Ich bin ein Museum.
Es sagt: Ich bin die Wirklichkeit.

Das Werk deines Vertrauens kann unterminiert werden.
Das Werk deines Vertrauens: ein schwarz-roter Kubus auf Stelzen, an dem in mannshohen Lettern ›Museum‹ steht.
Das Werk deines Vertrauens: Teil einer Zivilisation, die dich ungeteilt umgibt.
Das Werk deines Vertrauens ist ein Container zur Aufbewahrung vergangener Lebensformen.
Was ist eine Lebensform?
›Lebensform‹ heißt die verschwundene oder im Verschwinden begriffene oder vom Verschwinden bedrohte oder dem Verschwinden anheimgegebene Version dessen, was lebt, wie es lebt, weil es lebt.
›Verschwunden‹ heißt eine Lebensform, über deren Hinterlassenschaft der Mensch ins Grübeln gerät.
›Vergangen‹ heißt eine Lebensform, über die das Leben hinwegging.
›Vergangenheit‹ heiß die Gesamtheit der Lebensformen, über die das Leben hinwegging.
Ein Gang in die Vergangenheit hilft der Gegenwart, sich als vergehende misszuverstehen.
Das Missverständnis ist wechselseitig.
Die begehbare Vergangenheit ist eine Maschine.
Die Museumsmaschine produziert: Stillstand.
Die Museumsmaschine ist der Versuch einer Lebensform, zu erhalten, was sich erhielt.
Erhalten ist, was sich zeigen lässt.
Verloren ist, was sich nicht mehr zeigen lässt.
Ein Museum für Verlorenes gibt es nicht.
Eine Literatur, die es gäbe, wäre ein Museum für Verlorenes.

Kobra im Schlafrock
2
Die Luke

Man betritt den Kubus durch eine Luke. Zuvor geht es hoch hinauf: als lasse sich die Aufmerksamkeit aufs Gewesene nur im Sinken entfalten, nicht unähnlich einem Fallschirm, der den Springer aus großer Höhe einigermaßen sicher auf den Boden der Tatsachen zurückbringt. Doch die Luke lässt keine Sprünge zu. Du passierst sie und findest dich im Halbdämmer zwischen Gerümpel wieder, das herumsteht, als habe es jemand zufällig über den Raum verstreut und erbitte wortlos deine Mithilfe beim Aufräumen, bevor der große Besucherstrom sich über alles ergießt. Gleich der erste Versuch belehrt dich eines Besseren – der kleinste Gegenstand verfügt über ein Gewicht, das deine Kräfte bei weitem übersteigt. Bei weitem: soll heißen, hier, an diesem Ort, bewegst du nichts, es sei denn, du rechnest dich zu den Objekten hinzu. Die Objekte, seltsam anzuschauen, tragen Spuren eines verjährten Gebrauchs, der sich dir nicht erschließt. Du könntest dich informieren, du bist nicht allein, aber das stetig sich erneuernde Rinnsal der Besichtiger verläuft sich in der Tiefe des Raumes und die Vielzahl der aufgestellten Objekte verhindert eine ebenso zügige wie beiläufige Annäherung, wie sie nötig wäre, um die Panzerung zu durchbrechen, die jeden einzelnen einhüllt. Du selbst trägst einen Panzer, ohne zu begreifen, wann er dir angelegt wurde. Auch bemerkst du, dass dieser Raum der Erinnerung, wie er genannt wird, deine eigene Erinnerung löscht oder zumindest lahmlegt. Offenbar reagiert dein Gedächtnis überreizt auf all die Dinge, die es herausfordern und zurückstoßen und ihm auf jede Weise signalisieren, es habe hier nichts zu melden.

Kobra im Schlafrock
3
Der Fahrstuhl

Den Schwebe-Part übernimmt der geräumige Aufzug, der dich ins Stockwerk deiner Wahl bringt. Mutige fahren bis ins unterste durch. Sie wollen den Berg des Lebens in einem Aufstieg erklimmen. Wie weit werden sie kommen? Die ersten ermüden bereits im Kambrium, nachdem die Karte Gondwanas studiert und die ausgedehnte Brachiopoden-Sammlung in Augenschein genommen wurde. Nachdem? Keineswegs. Die Reste ausgestorbener Kleinlebewesen, nach Fundorten und Gattung bestimmt, wirken zuverlässig einschläfernd auf das Gemüt. Soeben berauschte es sich noch an dem Gedanken, einzutauchen in die Geheimnisse der Vorwelt, auf verschwundenen Kontinenten zu wandeln und unter der monotonen Brandung der Weltmeere die befremdlichen Ursprünge vertrauter Lebensformen zu entdecken. Kommen Sie mit! Habe den Mut, dich deiner Sinne zu bedienen! Welcher Sinne? Das bisschen Augenfutter ist rasch durchprobiert. Es sind die Sinne, die sich zurückziehen. Das Missverhältnis zwischen Erwartung und Anblick ist einfach zu groß. Fragt sich, wodurch die Erwartung gespannt wird. Liegt es an den Wörtern? Es sind die üblichen Anreizer, wie sie auf jeder Kirmes zum Einsatz kommen. ›Geheimnisse des Planeten‹, ›Ursprünge des Lebens‹, ›Vorwelt‹: Wer fällt darauf herein? Aber das hier ist reell. Einmal, dieses Mal sollen sie halten, was sie versprechen. Ja sicher, sie halten, was sie versprachen, hypothetisch, in den Grenzen der Wissenschaft, das versteht sich. Prompt erweist sich das Versprechen als schal. In der Kinderstube des Lebens benötigt alles, was nach Maßgabe menschlicher Neugier geschieht, Jahrmillionen. Der Rest? Nicht der Rede wert: Wind und Wellenschlag, ein Zucken hier, ein Erstarren da, etwas sinkt, etwas steigt. Wie geht es weiter? Wo geht es weiter? Wie lange geht es so weiter? Wie lange soll es so weiter gehen? Im Herzen Gondwanas siedelt die Leere.

Schon lockt der Fahrstuhl.

Kobra im Schlafrock
4
Kambrium

Als Evolutionsbeschleuniger ist der Fahrstuhl nicht zu ersetzen. Sein sanftes Gleiten erlaubt es, zwischen Welten zu pendeln, in denen man unter sich ist: Steine, Fossilien, Kadaver, Artefakte… Relikte verschiedener Erdepochen, berührungsfrei nebeneinander aufgebahrt, um Blicke zu provozieren, die ersten seit langer Zeit. Du gehst ins Museum, weil du Zeit hast, gewillt, sie totzuschlagen, und du stößt auf den größten Totschläger, die Zeit, die nichts Lebendes auslässt. Erst die Toten gibt sie heraus. Nicht ganz, wie wir wissen. So, halb herausgerissen aus den Prozessen, sehen sie dich an. Eigentümlich, wie sie dich ansehen. Alles Vergangene, das dem Verfall trotzt, ist Auge: Schließe es, und der Verfall geht weiter. Wie schließt man der Vergangenheit die Augen? Nicht hier. Sie sind die Reise, du bist das Ziel. Du bist die Reise und sie sind das Ziel. Zwischen beiden Beschreibungen gibt es nichts zu vermitteln. Von etwas, das ist, zu sagen, es war, heißt, die Zeit aus ihm herauslassen: Ist es ein Käfig, ein Behältnis, aus dem sie entspringt wie ein Tier oder herausrinnt wie eine Flüssigkeit? Vergangen ist, was dir vergangen scheint, weil dein Gedächtnis dir vorgaukelt, so und nicht anders sei es gewesen und so sei es vorbei. Wie dem auch sei – was du hier siehst, besitzt keinen Platz in deinem Gedächtnis, es geht dein Gedächtnis nichts an, es sei denn, du warst bereits früher hier oder an einem vergleichbaren Ort oder du hast gelernt, wie es war, als du noch nicht warst. Dann immerhin, weißt du Bescheid. Vielleicht ist dein Gedächtnis porös oder du hast nicht gut gelernt. Dann schiebt, was du siehst, die treibenden Schollen eines Wissens, das keines ist, zu einem trügerischen Gelände zusammen: Genau, so war es! War es so? Ist es hier so? Natürlich nicht. Du fühlst, du empfindest die Systematik des Ortes, den du durchstreifst, als vage Anmutung eines Gewussten und als Verlängerung dessen, was du gerade siehst. Aber du bist nicht hergekommen, um zu notieren, zu vergleichen, zu ordnen. Du bist gekommen, um vor dem aufgerissenen Auge des Vergangenen ... zu bestehen? ... zu paradieren? Wen soll es anstarren, wenn nicht dich? Du lebst und diese hier waren. Du warst bereits und diese hier sind. Sie waren und du wirst nicht mehr sein. Das ist die Empfindung, die dich durchströmt. Sie ist ›notorisch‹ und sie ist wirksam.

Der Fahrstuhl wartet – ein geduldiger Freund.

Kobra im Schlafrock
5
Amphibium

Erste vollständige Handlung: die gezielte Tötung eines Vielzellers durch einen anderen. Die Sinne spannen sich, das Zuschauen lädt sich auf, wird fiebrige Erwartung, der Zeitsinn springt um. Aus Jäger-Sicht ist dieser Vorgang häufig beschrieben worden, auch aus der des Gejagten – seltener aus der des Zuschauers. Warum? Der Zuschauer, sofern er sich nicht angewidert abwendet, verwandelt sich, er wird zum Doppelwesen, bestehend aus
Gejagtem / Jäger
Angst / Jagdfieber
Todesschauer / Tötungsdrang
Mitleid / Grausamkeit.
Was ist Grausamkeit? Ein Verhalten? Ein Gefühl? Ein Reflex? Ein Trieb? Ein Effekt? Ein Nebeneffekt?
Vielleicht dies: die Wurzel und das Produkt einer Spaltung.
Die Spaltung findet im Zuschauer statt. Der Anblick des Tötens erschöpft. Er erschöpft und er widert an. Der Rausch des Tötens, sichtbar gemacht, wirkt ansteckend, aber diese Wirkung ist keineswegs einsinnig, sie enthält eine Verdopplung: der Rausch ist wirksam und er widert an. Was daraus entsteht, hängt von Distanzen ab.
Der große Jäger ruft die große Mutter auf den Plan: Mutter Natur, die ihre Hände schützend über die Vielfalt der Arten hält. Das Faktum des Tötens gebiert den Mythos der Gebärerin.
Die Jagd vermenschlicht den Jäger im Zuschauer durch die Berührung mit dem Unmenschlichen.

Beschreibe die Zeit in ihrem Wesen und du findest dich: tot.
Nimm die Zeit aus den Dingen und du findest: Zeiten. Die Zeit, aus den Objekten herausgelassen, ist weiter.

Kobra im Schlafrock
6
Fossilized Urban Dinosaurs

Allosaurus,
Alphasaurier, Altersarmut, Altnazi,
Anfasser, Angeber, Androsaurus, Antikörper, Armleuchter, Armutszeugnis, Arschaufreißer, Aufpasser, Aufschneider, Aufsteiger, Außenseiter, Autofahrer, Barfußprediger, Beatnik, Beckenbauer, Beischlafzigarette, Beistelltisch, Benimmbuch, Brockhaus, Ça ira, Dauerläufer, Drachenlenker, Drachentöter, Dracula, Drewermann, Duckmäuser, Egoman, Egosaurier, Einflussagent, Elefantenrunde, Engelmacher, Entertainer, Eurokrat, Feuerteufel, Fieberkurve, Freiraum, Fressschalter, Friesennerz, Frontfrau, Frustrationsschwelle, Gastarbeiter, Gegendemo, Gesetzesbrecher, Ghetto Blaster, Glaubenskrieger, Grabscher, Gruselkabinett, Habenichts, Habermas, Hasenfuß, Halbaffe, Handtäschchen, Hantelfuzzy, Heizröhre, Herbergsvater, Herdentier, Herdprämie, Herzensbrecher, Hetzmob, Hilferuf, Himmelsstürmer, Hintermann, Hinterwäldler, Hoffnungsträger, Hooligan, Hosenrolle, Hypererektion, Ideologievertreter, Irrläufer, Karneval, Kinderreichtum, King Kong, Klassenbester, Klassenkämpfer, Koalitionär, Kofferträger, Konterrevolutionär, Kunststopfer, Lachnummer, Lackaffe, Latin lover, Leiharbeiter, Leisetreter, Liebestöter, Lohndrücker, Märchenonkel, Micky Maus, Mofafahrer, Mr. Spock, Muntermacher, Mutterkuh, Nebeneinkünfte, Neinsager, Neonazi, Nervensäge, Nichtigkeitserklärung, Nichtskönner, Notreserve, Notruf, Nulloption, Ordnungswächter, Ordodenker, Orthokrieger, Paparazzo, Parkwächter, Parteistratege, Partybrut, Pausenclown, Personenkult, Pinup, Portemonnaie, Proporzdenker, Pufferzone, Putzfimmel, Quartalssäufer, Quengler, Querdenker, Quertreiber, Quizsieger, Quotenfrau, Raffzahn, Randfigur, Reformpaket, Reißverschluss, Rennsau, Riesenarschloch, Riesenpleite, Rocklegende, Rotzlöffel, Rowdie, Rumtreiber, Schwerreicher, Seiteneinsteiger, Sesselfurzer, Sexbombe, Siegertyp, Sitzblockierer, Sitzriese, Skinhead, Spartenkrieger, Spielmacher, Spin Doctor, Sloterdijk, Sonderkonto, Sportgenie, Staatenlenker, Stammzelle, Stegosuppe, Streubombe, Team Player, Terrortruppe, Tetzlaff, Traumtänzer, Treppenwitz, Treibhausgas, Triebtäter, Trittbrettfahrer, Typenrad, Tyrannosaurus rex, Übervater, Ufofan, Ungaretti, Unterweltler, Veganide, Verkehrsopfer, Villenwächter, Vokabeltrainer, Volksvertreter, Vordenker, Vorkämpfer, Wagnerianer, Waldsterben, Wandervogel, Wattwanderer, Weckruf, Werbefritze, Wehrdienstleister, Wesensfremder, Wetterfrosch, Weiterbildung, Welteroberer, Weltgericht, Wiedergeburt, Wirklichkeitsverweigerer, Wissensgigant, Witwenmacher, Witzereißer, Wolfsburger, Wortklauber, Wundertüte, Wutbürger, Ypern,
Zeitungsente,
Zeugungswahn,
Zwangsarbeiter,
Zwischenwelt,
Zwischensieger,
Zwitterwesen.

 

FUDs, soweit das Auge blickt.

Kobra im Schlafrock
7
Wohin führt uns die Evolution?

Die mittleren Stockwerke sind angefüllt mit Wissen. Man könnte auch sagen: In ihnen ist viel Sachverstand präsent.
Breitensport / Breitenwissenschaft.
Was einer daraus lernt? Fast alles.
Was daraus folgt? Fast alles. Fast nichts.
Warum das so ist? Struktur der Neugierde.
Die Neugier der meisten geht auf Bekanntes. Sie wollen wissen. Mehr wollen sie wissen, gewiss doch, aber bloß, soweit es kategorial bereits erwirtschaftet ist. Der Rahmen muss stimmen. Wer Geld verdienen will, erfindet keine Währung. Nur wenige erfinden einen neuen Trick, um an Geld zu kommen. Die meisten laufen unter dem Motto: Wo es etwas zu holen gab, wird schon noch mehr sein. Was in der Regel auch zutrifft.
Wohin mit dem Geld? Wohin mit dem Wissen?
Das Stopfen von Wissenslücken macht die Wade nicht ansehnlicher, aber erhält den Strumpf.
Bis man ihn wegwirft.
Mancher landet hier.
Die Evolution des Wissens ist die Evolution des Wissensträgers.
Erster Wissensträger: der Mensch.
Falsch.
Erster Wissensträger: das Gedächtnis des Einzelnen. Ein Fast-nichts, kaum zu gebrauchen.
Zweiter Wissensträger: das Gruppengedächtnis. Alle fragen einander ab, unentwegt, unersättlich, unerbittlich. Alle belehren einander: Wissen zirkuliert.
Dritter Wissensträger: das Archiv.
Die Evolution des Wissens ist die Evolution des Archivs.
Sicher?
Keine Evolution ohne Zirkulation.
Keine Zirkulation ohne das unansehnliche, ›schmutzige‹, bilderbedürftige, notorisch unzuverlässige, intermittierende, zu Fehlschaltungen neigende, wunschgesteuerte, interessengesteuerte, fortwährend überforderte, fortwährend unter Druck gesetzte Gedächtnis der Einzelnen.
Hier kennt es sich aus.

Sieh an: die Kunst.

Kobra im Schlafrock
8
Am Limit

Das ästhetische Minimum ist das Gerümpel. Welches Gerümpel es ins Museum schafft: keine Frage. Entweder du schaffst es oder du schaffst es nicht. Was für Menschen gilt, gilt auch für Dinge. Selektiert wird immer. Ein Spalt öffnet sich, etwas purzelt herein. Etwas. Sieh an. Sieh es dir an. Schau genau hin und du wirst entdecken, was dir nie zuvor auffiel. Etwas. Etwas aus etwas – darin besteht das Minimum. Die Welt in der Nussschale, das Universum im Wassertropfen, das Große im Kleinen, die unendliche Vielfalt der Bezüge im simpelsten Gegenstand: Wahrnehmung lebt von solchen Effekten, sobald sie aus dem Kreis der Bedarfssicherung heraustritt. Das Kerbholz neben dem Wasserkocher, die Nadel neben dem Heuhaufen – ein Ereignis. Wozu hat man’s gebraucht? Welche Frage! Das Objekt sinkt zurück, der Merker schiebt sich nach vorn, stolz darauf, gebraucht zu werden, er fremdelt in dieser Umgebung und wirklich, die Umgebung fremdelt mit ihm, versinkt in Schweigen, geht ihrer Wege. Wie kann das sein? Verstehe, wer will. Hier wird nicht verstanden. Vielmehr: wer hier nicht versteht, wer den Merker zur Hilfe ruft, für den ist diese Welt nicht geschaffen. Er möge sich trollen. Die Mütze dort: Überbleibsel von ’48, das Plakat da, schreiend: von ’24. Na und? Stehst du deshalb davor? Da könnte jeder Fetzen hängen und deine Inbrunst wäre dieselbe, abgestuft nach Blau, Gelb, Rot.
Die Inbrunst des Betrachters: halb voll, halb leer. Ein loser Vogel, pfeifend im Dunkel. Ein Trittbrettfahrer des Universums: Wer hat das erdacht? Wieviel hat er dafür bekommen? Ist das reell?
Da: Menzels Eisenwalzwerk (Kopie). Auch das: Gerümpel. Wie kommt es hierher? Der Blick weitet sich: Ah. Jedes Detail lebt. Welches Detail? Keine Ahnung. Man ahnt das Ganze. Das Ganze, es ahnt zurück. Welche Zumutung. Das ist ganz ganz wichtig. »Der Künstler mutet uns zu« – wirklich? Welche Überraschung! Die Wundertüte am Ort der Wunder: Sieh hinein! Sieh dich satt! Und dann: Ergib dich! Ergib dich in dein Schicksal, Mensch zu sein, ein Wunderläufer, ungläubig-gläubig, Thomas, spektakelsüchtig, leicht abzuspeisen, bevor es zurückgeht ans Werk, an die Arbeit, an die Front.
Wo immer du gehst, ist Front. Aber eben nicht: deine.

Kobra im Schlafrock
9
Die Schulhefte des Objektkünstlers B.

Beuge das Haupt und dir wird gebeugt: Gesetz des Spiegels. Nicht alle Museumspfade verlaufen eben, es sind Schrägen hineingebaut, Niedergänge, Aufgänge, je nach Begehr. Was in einer Ebene liegt, was ein Blick umfasst, es wird sich erschöpfen, also erschöpft es sich schon. In dir, wo sonst. Erschöpft, ermüdet, gelangweilt kehrst du dem träge spiegelnden Ölbecken den Rücken und reihst dich ein: abwärts, warum nicht abwärts? Es gilt, einen Blick zu erhaschen, einen Blick nur, zwei vielleicht, denn das Geschiebe ist mächtig.
Im Abwärtsgehen beugt sich das Haupt. Das ist ganz natürlich, die Anatomie hat es dir eingeschrieben. Also lässt man dich abwärts gehen. Ein Trick, natürlich. Das Ganze ist ein Trick. Du schiebst und wirst geschoben. Ein Mangel an Weite, Freiheit, Sicht, künstlich hergestellt zur Bedeutungssteigerung. Denn was auf dich zukommt, ist ›wichtig‹: die Kunst des Heute. A star is born. Das Heute, ein Fleck an der Wand, kann nicht warten. Es ist ein Verdichter. In ihm stapelt sich Zeit – Zeit des Entstehens, Zeit des Wirkens, Zeit des Bewahrens, Zeit des Vergessens –, sie stapelt sich und der Druck der Menge schiebt sie zusammen. Schon vergessen, worum es geht? Frage den ersten, der gerade im Begriff steht sich einzureihen. Nein bitte, frage ihn nicht.
Er ist nicht der erste, er ist, in einer langen Reihe, der letzte. Ihn zieht die Menge an, nicht das Objekt. Das Objekt kann warten, so wie er sich zu warten entschlossen hat – komme, was da wolle. Das Urteil der Menge, das ist sie selbst. Kein Zweifel, dort vorne ist etwas, das muss es sein. Ohne die Zeit des Wartens wäre es nicht, was es ist, er wäre rasch mit ihm durch, es sagte ihm ›etwas‹ oder auch ›nichts‹, in jedem Fall wäre die Sache abgetan, bevor sie sich richtig entfalten könnte, denn eine gewisse Gleichförmigkeit der Anstrengung ist den im Raum versammelten Objekten anzumerken und verleitet dazu, sie nicht ganz so ernst, nicht ganz so wichtig zu nehmen...
Das Heute kann nicht warten, das Objekt schon. Wie klärt sich der Widerspruch? Klärt er sich denn?
Offenbar nicht.
Die Schulhefte des Objektkünstlers B. (denn um sie handelt es sich) verlangen nicht nach Betrachtung. Sie erheischen Aufmerksamkeit. Worauf? Auf seine schulischen Leistungen? Eher nicht. Aber es gibt keine anderen. Nicht an dieser Wand.
Das muss es sein.
Der Räuber beherrscht das Feld.

Kobra im Schlafrock
10
Exit

Bevor du das Museum verlässt, wirf einen Groschen ein. Dein Obolus erst komplettiert, was du sahst. Keine Evolution ohne dich, ohne den Beitrag, den dein unmaßgeblicher Organismus leistet, ohne das Fünkchen Bewusstsein, in dem sie ersteht, ohne das innere Auge, vor dem sie abläuft, ohne den grenzenlosen Reichtum, der von dir auf sie zurückfließt: nichts anderes lass dir einreden, von niemandem, niemals, bei keiner Gelegenheit, und sei sie noch so verführerisch.
Mit dir ersteht, mit dir erlischt dieser Kosmos, gleichgültig, in wie vielen Wesen er aufscheint. Mit dir beginnen, mit dir enden die Linien, wenngleich nicht in dir, nicht in dem, der sie zieht, der sie über sich hinaus zieht, weil er sich nichts anderes wüsste. Lass dich nicht verwirren durch die Vielfalt des Gesehenen, diesen winzigen Auszug des Seh- und Erfahrbaren, zusammengetragen von Händen, die dir auf ewig unsichtbar bleiben werden –
lass dich nicht verwirren, denn da wäre doch niemand, der diese Verwirrung auflösen könnte außer dem seltsam unbeschäftigten Selbst in alledem, dem Igel im Rennen mit seinem ewigen »Ick bün schon da!«, stachlig und unbelehrbar. Was immer du begriffen zu haben glaubst, empfinde das Fadenscheinige in allem Geglaubten, den Grund, der überall durchscheint, den Willen, deine Welt zu ordnen, zu deinen Konditionen, mit deinen Fertigkeiten, mitsamt deinen Müdigkeiten, deinen Erschöpfungen, deinen Endlichkeiten, auch ihnen, gewiss, auch ihnen.
Bevor du gehst, wirf eine Münze ein. Nicht so, als wolltest du dem da draußen nichts schuldig bleiben, eher, als setztest du damit just in dem Augenblick das Spielwerk in Gang, in dem es deine schaffenden Hände verlässt. Mag sein, es ist nichts weiter als eine Geste, mag sein, der Wunsch, dich zu verdrücken, wächst übermächtig in dir, aber das hier ist vielleicht keine Frage des Wunsches, allenfalls des geöffneten, der nichts mehr fasst.

 

Vergangenheit macht Leute

Die Vergangenheit kommt mit
1
Was haben Dürrobst und Friedenwanger gemeinsam?

Richtig: eine Vergangenheit.
Was die anderen davon mitbekommen, sind Bruchstücke, Brocken, Krümel, die von einem reichlich, aber unsichtbar gedeckten Tisch fallen, an dem beide mit gewichtigen Mienen sitzen und sich bedienen.
Das ist nicht die Vergangenheit, die jeder unvermeidlich mit sich herumträgt, um ihr hier und da ein paar Utensilien für den Tagesgebrauch zu entnehmen. Vielleicht täuscht der unsichtbare Reichtum auch, die Tischoberfläche ist leer und die Brosamen, die jeder der beiden unter sich wirft, stammen aus getrennten Proviantbeuteln, wie sie Taubenfütterer mit sich führen.
Das würde zum Beispiel erklären, warum, sobald einer zugreift, der andere zusammenzuckt, um sofort seinerseits etwas herauszuholen, womit jener nicht gerechnet hat. Es scheint auch nicht recht zu passen, zumindest scheint die gemeinsame Fläche nicht hinzureichen, um beiden ausreichend Platz zu bieten, so dass jeweils einer des anderen Beitrag vom Tisch wischt, ohne dass die zweifellos vorhandene Gegnerschaft dabei von Wichtigkeit wäre. Eher hat man den Eindruck, sie würden sich gern verständigen. Aber die Materie oder die Weise, in der sie sich angeeignet haben, oder die erworbene oder einzig zugelassene Art sie zu artikulieren lässt es nicht zu.
Zweifellos sind sie verständigt. Gerade das verblüfft den Außen­stehenden. Vielleicht auch nicht, vielleicht trägt jeder, ohne es sich einzugestehen, gerade so eine Vergangenheit mit sich herum und es bedarf nur des passenden Partners, um sie hervorzulocken und die unsichtbare Mahlzeit beginnen zu lassen.

Die Vergangenheit kommt mit
2
Ein anderes Bild

Dürrobst und Friedenwanger rudern gemeinsam auf einem See. Glatt liegt die Oberfläche, was sich darunter abspielt, darf geahnt werden; es dringt nicht durch. Zur gleichen Zeit, jedoch an unterschiedlichen Punkten schneiden die Ruder die Oberfläche, tauchen ein und rücken zäh gegen einen unsichtbaren Widerstand vor, heben sich, ziehen ein paar Tropfen ans Licht, senken sich, schneiden die Oberfläche usw.
Was besagt so ein Bild? Sind die beiden Komplizen? In welcher Sache? Aber von einer gemeinsamen Sache zu reden, liegt darin nicht die Verfälschung? Vielleicht, vielleicht nicht. Jedenfalls besitzt diese Rede und letztlich die Sache selbst eine Oberfläche und etwas, das sich darunter verbirgt. Immer verbirgt sich etwas unter der Oberfläche, das ist ganz normal. In diesem Fall aber – gerade in diesem Fall – erweist es sich als fatal, weil beide Ruderer sich als Spezialisten für das, was unter ihr liegt, ausgeben, es womöglich auch wirklich sind, während die Oberfläche, die ihre Ruder rhythmisch durchschneiden, sich ebenso rhythmisch auch wieder schließt, vielleicht nie geöffnet hat, ganz sicher niemals geöffnet hat.
Es ist der Widerstand, der sie so hoffnungsvoll stimmt, an der Sache dran zu sein, ein wirklicher, durch nichts wegzuleugnender Widerstand ohne Zweifel, aber doch nur etwas, das sich in der Muskelarbeit, also in einem physisch interpretierten Begehrenskomplex kundtut. Der Wunsch voranzukommen, den gegenwärtigen Zustand gegen einen besseren aufzugeben, vielleicht sogar die Gegenwart selbst für die Zukunft dranzugeben, dieser einerseits verständliche, andererseits illusorische Wunsch trifft auf diesen unvermuteten Widerstand aus der Tiefe, vielleicht ruft er ihn auch hervor oder er selbst ist der Widerstand, nur andersherum interpretiert.

Die Vergangenheit kommt mit
3
Friedenwanger fährt mit dem Stadtbus
  • ―Da stellt sich der Alte vor mich hin und verlangt von mir, dass ich ihm meinen Platz abgebe. Ich sage ihm, ich denke nicht daran. Ich habe genauso bezahlt wie er und bin kein Springinsfeld mehr. Da sagt der Alte, sie hätten lange genug den Buckel hingehalten. Nicht mit mir! Ich schaue ihn an, schaue in dieses gescheiterte Gesicht und sage mit lauter Stimme, so dass alle mithören können: Ihr seid es, die den Karren in den Dreck gefahren haben, und wir können ihn da herausholen. So sieht es aus. Der Alte hat nicht gemuckst. Aber ich habe den Hass in seinen Augen gesehen. Sie hassen uns immer noch. Man darf ihnen nicht nachgeben. Das Spiel ist noch lange nicht aus.
Die Vergangenheit kommt mit
4

Friedenwanger wirft, während er spricht, den Kopf in kleinen Bewegungen hin und her. Unauffällig lotet seine Rede den Raum zwischen ›zurückhaltend‹ und ›theatralisch‹ aus. Aber die meiste Arbeit leistet der stahlgraue Blick, der groß und fest den Gesprächspartner fixiert – nicht ›bohrend‹, das nicht, doch unbedingte Beistimmung heischend. Kann man ihm folgen? Darf man ihm folgen? Der taubenblaue Anzug wandelt sich zur schimmernden Rüstung, auf ihrer spiegelnden Oberfläche, seitenverkehrt, malen sich blässliche Genre-Szenen, zusammengewürfelt aus megaphon­bewaffneter Generations­rabulistik, ruppigen, doch vergleichs­weise harmlos verlaufen­den Rangeleien mit der Polizei und –: weiter wagt die Phantasie sich nicht vor, sie fühlt sich ausgebremst durch die würdevolle Erscheinung, die den Gedanken an politisch motivierte Straftaten in der Jugend ebensowenig zulässt wie an häusliche Dauer-Auseinandersetzungen mit einem versteinerten Vater, der aus der Nazi-Vergangenheit nur oberflächlich den Weg in die Gegenwart fand. Um die Wahrheit zu sagen – es ist hohe Zeit, die Wahrheit zu Rate zu ziehen –, du glaubst dem geschätzten Kollegen die Emphase nicht, die er in dieser Sache an den Tag legt, obwohl sie zweifellos etwas Überzeugendes an sich hat, das schwer zu ergründen bleibt.

Die Vergangenheit kommt mit
5
›Das haben wir gemacht‹

Der Schlaf der Welt ist keine einfache Sache. Der Wunsch, einer von denen zu sein, die an ihn gerührt haben, ist weit verbreitet. So glauben viele, die allgemeinen Verhältnisse, unter denen sie leben, aktiv mit herbeigeführt zu haben. Neben dem kleinen eigenen, ziemlich hässlich anzusehenden Ego verfügen sie über das groß geschriebene WIR, das alle umfasst, denen man sich in dieser Sache verbunden weiß.

Vermutlich hat sich niemand jemals mit ihnen darüber verständigt. Wie auch? Schließlich bezeichnet das WIR keinen Personenkreis, dessen Anschriften man dem Telefonbuch entnehmen könnte. Eher solltest du es eine ›Verständigungsmaschine‹ nennen: wo zwei oder drei Personen in seinem Namen beisammen stehen, fällt die Verständigung leicht, auch wenn man sich in der Sache uneins ist; eins und uneins sein bedeutet im Blick auf die Vergangenheit, aus der man kommt, praktisch dasselbe.

Wenn Dürrobst und Friedenwanger im Kollegenkreis aufeinander losgehen, dann geschieht das stellvertretend, fast wie auf dem Theater, sie sprechen allen aus der Seele, die mit dem gleichen WIR infiziert sind und gerade deshalb weder dem einen noch dem anderen Kontrahenten ›voll‹ zustimmen können, auch wenn ihre Stimme am Ende einem der beiden zufällt – was nicht allzu oft geschieht. Die anderen hingegen quittieren diese Auftritte schweigend, vermutlich schon deshalb, weil ihnen das Organ fehlt, das Einstimmung oder Dissens verfügt. Auf sie wirkt das WIR wie eine Barriere, die ihnen den Zutritt zum Kampfplatz verwehrt, sie bleiben Zuschauer im eigenen Haus, Ausgeschlossene von Prozessen, die in den von ihnen mitgetragenen Entschlüssen und ihrer Umsetzung ebenso virulent sind wie in aller oberflächlichen ›Meinungsbildung‹, bei der es letztlich um nichts anderes geht als darum, auf welcher Seite das Gewicht der eigenen Stimme besonders apart zur Geltung kommt.

Die Vergangenheit kommt mit
6
Haben Friedenwanger und Dürrobst an den Schlaf der Welt gerührt?

Um das zu beurteilen genügt es nicht, den Reden zu lauschen, die sie in irgendwelchen Gremien führen. Der historische Friedenwanger findet sich auf den Fluren der Pyramide, in zusammenstehenden Grüppchen, flüchtigen Ballungen, die sich zerstreuen, sobald ein unbekanntes oder allzu bekanntes Gesicht sich ihren Rändern nähert. Anders als in offiziellen Debattenräumen, wo Friedenwangers Antlitz bei aller verbalen Verve stets einen fragenden Ausdruck behält – »Gibt’s das? Ist das denkbar? Könnte mir das jemand erklären?« –, liegt an solchen Orten ein Ausdruck von Ver­schmitzt­heit auf seinen Zügen und lässt sie glänzen. Die Pein, sich messen zu müssen, ist von ihm abgefallen. Friedenwanger ist Meister aller Klassen und beherrscht das Feld.
Welches Feld? Böse Zungen antworten: das Feld der Denunziation. Doch das enthält eine schwere Verkennung der Tatsache, dass er stets der Sache verpflichtet bleibt. Welcher Sache? Nun ... es gibt sie ... die nur gemeinsam anzugehenden, unaufschiebbar gewordenen, in konzentrischen Kreisen – Lehrstuhl, Institut, Fakultät, Pyramide, Land, Bund, Europa, der Westen, »unsere verdammt kleine Welt« – aufgehenden, überall die gleichen Oberflächen-Muster aus Naivität, Hinterhalt und Intrige produzierenden Anliegen, in deren Namen der unermüdliche Arbeiter bereits unterwegs ist, während seine Umgebung noch von den sanften Tentakeln der Desinformation geschaukelt wird.
Das kann »inhaltlich durchaus differieren«.

Die Vergangenheit kommt mit
7
So war’s!

Friedenwanger ist überraschender Volten fähig, wenn es gilt, ein gestecktes Ziel zu erreichen – vor Ort, natürlich, sein Briefwechsel mit dem Staatssekretär, aus dem er hemmungslos nach dem Gedächtnis zitiert, ist legendär, aber auch vor der Geschichte, wie man aus leicht zusammengekniffenem Munde vernimmt:

  • ―Nein, ich schäme mich nicht. Warum sollte ich? Als wir jung waren, hielt man die Frauen ja praktisch in Käfigen. Wir haben sie da rausgeholt. Irgendjemand musste es irgendwann tun. Darauf bin ich immer noch stolz. Auf anderes weniger, aber darauf bin ich stolz. Das wird bleiben. Das ist unser Ruhmesblatt in der Geschichte.

Ein frisch Hinzugekommener fühlt sich von Blicken befingert, die sagen: »Schreiben Sie das auf, junger Mann!«

 

Die Lebensform hat das Sagen

Diskursfiguren 1
Diskursfiguren
A (binär)
(Stegreiter 2011, 25)
 
Abrakadabra
1

Ich bin eine Kobra. Du bist eine Kobra. Ich du er sie es wir ihr sie: sind Kobras. Alle sind Kobras.
Was hat das zu bedeuten?
Im Zweifel: nichts Gutes.

»Es ging uns gut, bis du kamst.«
Das Rede-Gift, einmal eingeführt, wirkt tödlich.
Auf lange Sicht sowieso, auf kurze mitunter auch.
Es gibt Gegen-Seren, die den Krankheitsverlauf strecken. Aufhalten können sie ihn nicht.
Das Wort, das ›aus einem Munde kommt‹, ist letal.
Können Wörter heilen?
Gewiss. Aber warum sollten sie?

Den Fluss der Wörter unterbrechen – durch ein Wort –: wer wollte es nicht?
Das Machtwort: eindrucksvoll, verfügend. Annähernd wirkungslos.
Das wissen alle.
Leise das Wort, geflüstert, vernehmlich kaum: wer trägt es weiter?
So genau weiß das keiner.
Der Rede-Fluss: absonderliches Bild. Auf diesem Fluss fahren alle dahin.

Im Biwak der Mundtoten herrscht reges Kommen und Gehen.
Warum das? Reden sie nicht? Aber sicher.
»Darum geht’s nicht.«
Worum dann? Gute Frage.
Vielleicht die beste von allen: Wer bestimmt, worum es geht?
Das ist eine akademische Frage.

Das wäre eine akademische Frage.
Auch da der Satz: Darum geht’s nicht.
Worum geht es?
Worum es geht, das bestimmt sich (fast) von selbst.
Die gemeinsame Sache ist selbst-bestimmt (oder selbst-bestimmend?).

Abrakadabra
2
Warum eine Ordnung sich hält?

Frage lieber, warum sie fällt. Ordnungen fallen aus tausenderlei Gründen, die sich leicht auf einen reduzieren lassen: Es fällt nicht mehr genug ab. Sie nennen es: gegen die Wand fahren. Aber da ist keine Wand. Da klafft auch kein Abgrund. Es klafft etwas anderes: der immer vorhandene Spalt zwischen Erwartung und Erfüllung geht auseinander, die Empfindung des Unvermögens wandert von der subjektiven Seite zur objektiven hinüber: nicht ich bin länger schuld, wenn aus meinen Träumen, Wünschen, Begehrungen nichts wird.
Es sind die Verhältnisse und sie müssen geändert werden.

Welche Verhältnisse?
Und: Wie ändert man Verhältnisse?
Wer ändert Verhältnisse?

Niemand ändert die Verhältnisse. Sie ändern sich oder sie ändern sich nicht. Veränderung (falls sie eintritt) hat viele Väter (und Mütter). Sie alle – oder einige von ihnen – haben etwas getan. Sie haben etwas bewirkt, so scheint es ihnen, doch das ist nicht kontrollierbar. Zwischen Tun und Wirkung klafft dieser seltsame ... Abgrund, in den niemand hineinschauen kann, ein Abgrund ohne Tiefe, ohne überbrückbare Distanz, ohne Augen. Er blickt dich nicht an, er blickt von dir fort.

Für den Handelnden sind die Verhältnisse klar: Er handelt und etwas geschieht. Oft genug denkt er, es geschieht nichts und all sein Handeln erscheint ihm vergeblich. Aber da nie nichts geschieht, ist auch das Illusion. Geschieht etwas, so rechnet er es unter die Wirkungen seines Tuns: Steter Tropfen höhlt den Stein. Oder: das richtige Zeichen zur richtigen Zeit. Ein gutes Wort dafür wäre Selbstverrechnung – das Selbst, in Prozesse verstrickt, verrechnet sich, es verrechnet sich realiter, es verrechnet sich unbedingt, es verrechnet sich relativ zu dem, woran kein Zweifel besteht, weil es keinen Grund sieht, aus dem es zweifeln sollte.

Es will nicht.

Für den Nicht-Handelnden sind die Verhältnisse ›erst einmal‹ undurchschaubar, das heißt ein Anlass für immer neu sprudelnde Hypothesen. Wer auf eine einzige Ursache setzt (oder vertraut), ist nicht bei Trost. Erst die Ursachenreihe ist stark genug, Zweifler mitzuziehen, vorausgesetzt, es findet sich mindestens eine darunter, die nicht mehr loslässt – einer mit Widerhaken. Und Zweifler sind alle, teils aus Profession, teils aus Nicht-Profession: »Überzeuge mich, wenn du gut bist.« Ist das gut für Verhältnisse? Oder doch eher schlecht? Auch das bleibt undurchschaubar. Verhältnisse wandeln sich oder sie wandeln sich nicht. Das liegt daran, dass sie Verhältnisse sind – weder fest noch beliebig, weder sicher noch unsicher, weder ›begriffen‹ noch unbegreiflich, weder handfest noch abstrakt, weder festgefahren noch frei flottierend: das alles sind – oder wären – Hilfsvorstellungen, geeignet, sie unverhältnismäßig stark zu beurteilen und damit zu verfehlen.

Und doch gibt es Menschen, die unter den Verhältnissen leiden.

 

Diskursfiguren A (binär)

Diskursfiguren 1
Abrakadabra
3

Jede Ordnung schickt ihre Schläger voraus

Wer Unordnung schafft, will provozieren. Ein Dürrobst will provozieren. Was will er provozieren? Unordnung? So etwas würde er weit von sich weisen: als Unterstellung, als »wirkliche Perfidie«. Provoziert wird immer »die Ordnung«. Friedenwanger hingegen, der Zukunfts­frohe, steht für die Ordnung im Kampfmodus: »Wir haben sie erkämpft.« Wir haben sie hart erkämpft, sie ist die neue Ordnung, wer will, kann sie am Krawattenarsenal ablesen, dessen Farben auf subtile Weise Auskunft geben über den Stand des Gelingens: hellrot, blassrot mit Streifen von lichtem Grau, rot mit grünen Tupfen, grün mit roten Tupfen, rosa, gelb-rosa an manchen Tagen, doch das bleibt selten.

Des Gelingens? Nein, das ginge zu weit und nicht weit genug. Lotta continua: Der Kampf geht weiter. Welcher Kampf? Der Kampf ums Bestehende: »›So weit sind wir gekommen. Morgen sind wir weiter.« Nachrichten aus diesem Kampf sind Nachrichten aus dem gelingenden Leben. Niemand, Friedenwanger ausgenommen, überblickt seine Kämpfe. Er – er allein – ist der Atlas, der das Erkämpfte auf seinen rundlichen Schultern balanciert, und er ist WIR. Sei nicht erstaunt: Er ist es wirklich. Keiner würde ihm in diesem Punkt widersprechen, sein WIR ist fest in den Köpfen der Zuhörer verankert, mühelos erhält es jeden Zuspruch, um den es buhlt. Nein, falsches Wort: dieses WIR buhlt nicht, es heischt. WIR ist wir. Nie waren wir weiter.

Dürrobst dagegen: ein Entwerter. Sein Leitsatz, ließe er so etwas zu, hieße: Wie gewonnen, so zerronnen. Eine Ordnung, mit der sich Dürrobst befasst, sieht alt aus. Sie muss fallen, so oder so, sie ist bereits gefallen und zerfällt immer weiter unter den Händen gefallener Engel, unfähiger Vollstrecker, keines genuinen Gedankens fähig, nicht einmal lauter oder intelligent genug, ihn zu erkennen, sofern er einem von ihnen erscheint. Sie würden ihn nicht erkennen – geschweige denn anerkennen. Ist Friedenwanger einer von ihnen? Nun, er ist ... ein Kollege. Zweifellos ist sein WIR auch das eigene. Ein anderes müsste, wie die Verhältnisse, von denen Dürrobst träumt, erst noch erfunden werden. Andererseits, was wäre die Welt ohne Friedenwanger? Entkernt, ohne Zweifel.

Abrakadabra
4
Vergiss nicht die abbiegende Jogger-Truppe, inmitten der Bewegung überflüssigerweise eingewiesen durch ihren Flügelmann, den geborenen Angeber, oder Maler Momptis fröhliches Luftfloß, auf dem einer steht und die Richtung angibt, unbekümmert darum, dass niemand hinschaut und nirgendwo ein Steuer existiert. Je größer die sich weiterwälzende Gemeinschaft, desto bedeutungsträchtiger und sinnloser die richtungweisenden Gesten, desto ausschlaggebender der Mechanismus der Gruppe, die sich um sie nicht schert. Was bleibt, ist Front-Bewusstsein: die fixe Idee, die Bewegung aller an vorderster Front vollzogen zu haben, es getan zu haben, als es an der Zeit war, am besten alles, ohne Fehl und Tadel, soll heißen ohne Rückstand auf den, der unerkannt als erster durchs Ziel ging.
Diskursfiguren 2
Diskursfiguren
B (sequenziell)
(Stegreiter 2011, 28)
 
Abrakadabra
5
Jeder Aufbruch verdankt sich einem Zweifel

Jeder Zweifel verweist auf ein Denksystem, dem er entstammt. Wohin es nicht reicht, davon schweigt auch der Zweifel. Dürrobsts / Frieden­wangers Zweifel gehört der ›offiziellen Version‹, gleichgültig, woher sie kommt und welches Gebiet sie okkupiert.

Überzeugt davon,

  • dass es stets eine offizielle Version gibt,
überzeugt ferner,
  • dass sie stets das Ergebnis dubioser Interessen darstellt, die nur schonungslos offengelegt werden müssen, um den Wahrheits­anspruch der offiziellen Version als das zu entlarven, was er fraglos darstellt – ein ideologisches Täuschungs­manöver –,
überzeugt schließlich,
  • dass unter der offiziellen Version stets eine zweite lagert, die den eigenen Anforderungen an Aufklärung Rechnung trägt, also wohl als Wahrheit zu gelten hat,
überzeugt bei alledem,
  • dass sie und ihresgleichen als die vom Weltgeist bestimmten Zuträger dieser Wahrheit das Recht und damit auch die Pflicht haben, sie überall und in jedem Fall zu verbreiten,
lassen sie weder die Intimität von Lebensäußerungen noch den privaten Charakter von Informationen gelten, die Zufall und Absicht ihnen zuspielen. »Ich kann das nicht akzeptieren«, Friedenwangers Standard­formel, müsste, wenn es ein Mittel gäbe, sie in all ihren Anwendungen sichtbar zu machen, gleich einem Gewirr in- und übereinandergemalter Graffitti die Wände der Pyramide bedecken.

 

Diskursfiguren B (sequenziell)

Diskursfiguren 2
Abrakadabra
6
Wäre das Leben nicht endlich, so wären es die Ideen

Diese den materialistisch gesonnenen Geist beruhigende Überlegung bedarf in der Causa Dürrobst / Friedenwanger einer Ergänzung. Als gut auf einander eingestellte Kombattanten, die sich hüten, allzu oft gegeneinander anzutreten, wohl wissend, dass auch das Verschleiß bedeutet, inszenieren sie ihr endloses Gegeneinander als Schlagabtausch zweier Narren, die vom gemeinsamen Aufbruch nur die entgegen­gesetzten Illusionen zurückbehalten haben, also von ideellen Vorräten leben, die nur deshalb unendlich erscheinen, weil die Gesellschaft sich offenbar nicht mehr aus ihnen bedient. Worin der gemeinsame Aufbruch bestand, diese Frage könnte keiner mit Bezug auf sich selbst genau beschreiben. Ihre Erinnerung verliert sich im Gestrüpp immer gleicher und immer unterschiedlich erzählter Geschichten.

Wo bleibt die Gesellschaft? Man kann nicht sagen, sie höre zu, obwohl genau das der Fall ist. Die Verhältnisse sind, wie sie sind. Die Gesellschaft hingegen ... wäre alles, was nicht sie ist, zum Beispiel ihr Gegenstand. Nichts lässt sich in Gesellschaft leichter bereden als die Gesellschaft. Reden über die Gesellschaft sind Reden um nichts. Aber man erfährt dabei mancherlei, zum Beispiel Privates, das sonst nie den Weg ins Gespräch finden würde.

  • ―Ist hier jemand? Offensichtlich nicht. Sprechen wir also weiter.
  •  
 

Tronka blickt in den Abgrund des Geschlechts
und kann sich nicht davon lösen

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Gedanken ist ein Gedanke
1

Beine, die dem Himmel den Star stechen, nicht, weil sie so unfassbar lang wären, sondern weil sie aus den Tiefen des ausgesessenen Kanapees herausragen, als erfüllten sie ein Programm (was auch stimmt, denn ihre Trägerin hat sich vorgenommen, nicht vor Schluss des Aktes zu weichen, den sie mit der nüchternen Akribie einer Hebamme vorbereitet, um sich von ihm pünktlich überraschen zu lassen): darauf ist Tronka nicht vorbereitet. Ebensowenig vorbereitet ist er auf die Reaktion seines Körpers, der das Angebot mit dem nüchternen Abscheu eines Kaufmanns zur Kenntnis nimmt, dem man ein unzüchtiges Angebot unterbreitet (eine Versuchung, die nicht erwogen, sondern unter Beiseite­lassen sämtlicher Bedenken realisiert werden möchte). Seltsamerweise verlangt er von der sexuellen Begierde in diesem Augenblick, dass sie stark, rein und unvermischt hervortritt, während sie sich in allen Punkten als das gerade Gegenteil präsentiert. Ein bisschen erinnert ihn die Versetztheit von Rede und Gebaren an den Antagonismus der gesellschaftlichen Kräfte, mit dem er einst in den Kampfseminaren seiner vom kommenden Sozialismus berauschten akademischen Lehrer traktiert worden war. Eine Kraft drückt die andere. Aber gemeinsam drücken sie doch in eine Richtung. Jedenfalls nehmen sie den jeweils erreichten Stand an Intimität als das schicksalhaft Gegebene hin, aus dem sich zwingend alle weiteren Operationen herleiten.

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Gedanken ist ein Gedanke
2

›Intimität ist Fremdheit.‹ – Mit diesen Worten entriegelt einer, der sich selbst gern als Mann, der weiß, was er will, respektieren möchte, vor der gekrümmten Folie seines beunruhigten Gefühls den klaffenden Trichter, in den er sich stürzt, als könne er damit ein Ergebnis erzwingen, was nicht der Fall ist.

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Gedanken ist ein Gedanke
3

Tronka sucht das Gespräch. Warum? Warum in dieser Lage? Er sucht nach Selbstbehauptung und findet sie nicht. Die Kopflosigkeit läuft vor ihm her und narrt den, der sie einholen will. Will er es denn? Trabt er nicht in gehörigem Abstand hinter ihr drein, unfähig oder unwillens, den Schritt zu beschleunigen, um dem unwürdigen Zustand ein Ende zu bereiten? Mag sein, mag nicht sein. Es geht dich nichts an. Auch das Reden ist eine biologische Funktion, vor allem dann, wenn es, wie hier, den Maulwurfsgang bevorzugt. Recht betrachtet, findest du es läppisch. Ein verborgener Helm bedeckt Gesicht und Scheitel dieses Mannes und sorgt dafür, dass er mit seinem Elend allein bleibt. Nur der Nacken blieb aus irgendeinem Grunde unbedeckt, bereit, sich jedem Schlag zu beugen, der da kommt.

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Gedanken ist ein Gedanke
4

Was ist läppisch?

  • ―Das Leben an eine Affäre wegzuwerfen, das ist –
  • ―Wer wirft hier was weg? Welches Leben? Diese Rede ist durchgestrichen, verboten, verstehst du? Falsches Bewusstsein. Wer wegwirft, sammelt auch wieder ein. So ist das Leben. Nachts wirft einer weg, tagsüber sammelt er wieder ein. Oder umgekehrt. Je nach Lage. Je nach...
  • ―Hör mal, du klaust ihr, ich sage ja nicht: die besten Jahre des Lebens, das klänge jetzt kitschig, obwohl, im Grunde... Ist das fair? Ist das legitim? Das kannst du doch nicht machen. Also angenommen, du liebst sie jetzt, gegessen, ja wirklich. Und in einem Jahr, meinethalben in zwei oder, große Katastrophe, in fünf oder acht Jahren, wir reden hier nicht von Dezennien...
  • ―Sieh mich nicht so an, du sollst mich nicht so ansehen, nimm den Blick weg.
  • ―So geht das doch. Was dann? Wie weiter? Du schüttelst dich und gehst weg. Und sie? Was ist mit ihr? Geht sie auch weg? Einfach so? Das kannst du zulassen? Nein, das kannst du nicht. Da ist ein ziehendes Gefühl in dir, das sagt, nein, das kannst du nicht. Dieses verheulte Wesen da draußen in deiner Zukunft: so etwas kannst du nicht zulassen. Ein zerstörtes Leben: so etwas kannst du nicht zulassen. Du wirst ihr Leben zerstört haben. Aber warum? Weil sie es so will. Warum? Das wissen die Götter.
  • ―Warum denn nicht? Das verheulte Wesen wird sich längst arrangiert haben. Es wird froh sein, dich loszusein. Es wird gar nicht mehr wissen, was du von ihm willst. Aber sie wird, sie wird ... keine Gelegenheit auslassen, dich leiden zu sehen. Denn das wirst du: leiden, dass du sie verlässt, unsäglich leiden, dass du ihr das unermessliche, unausdenkbare, unaus­sprechliche Leid antust, dich aus ihrem unfassbar erhabenen, unantast­baren, unendlich kostbaren Leben zurückzuziehen und es – so geht das – zu zerbrechen. Sie wird die Gelegenheit nicht auslassen wollen, dich leiden zu machen. Also wird sie es tun. Warum? Das weiß nur sie. Und auch das nicht wirklich.
Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Gedanken ist ein Gedanke
5
Die Rede schlägt aufs Gehör, aber sie dringt nicht ein. Etwas fehlt ihr. Es fehlt...
Die Fülle des Augenblicks.
Ja, die Fülle des Augenblicks.

  • ―Wenn ich jetzt leide, dann nicht, weil ich, in naher oder ferner Zukunft, leiden werde, sondern: weil ich leide. Dieses Leid aber, wie soll ich sagen, es wurde verschoben – aus der Leidensperspektive in eine andere Di…Dimension. Also: ich kann sie gut leiden. Also: muss ich sie leiden. Das ist jetzt ein furchtbares Durcheinander, natürlich muss ich nicht leiden, auch sie nicht, natürlich. Das ist eine Frage der Einstellung, also des Eingestelltseins. Sagen wir, jetzt bin ich so eingestellt, dass ich leiden muss, was geschieht, weil ich es leiden kann, weil es mir so ... eingeht, ja, das ist vielleicht das Wort, es geht mir ein. Eine schreckliche Sache im Grunde, ich muss sehen, wie ich da wieder herauskomme. Schätze mal: striktes zeitliches Limit. Was nicht so einfach ist, nicht so einfach. Ich kann es ja nicht einmal denken, höchstens ganz abstrakt, so obenhin, so ... unberührt. So ist es.
  • ―Dieser Gedanke berührt mich nicht. Er ist aber da, berührungslos oder nicht. Und dass er da ist, sagt doch alles. Du musst eine Grenze setzen und du kannst es nicht. Du darfst keine Grenze setzen und du kannst es nicht. Du betrittst ein Geschäft und dein Geld sagt: das alles ist deins. Du blickst hinter dich und die Scheibe sagt: du bist draußen, sobald du es willst. Eigentlich bist du draußen, das hier ist nur ein Intermezzo, gleich geht es vorbei. Der Kerl, der du draußen bist, lacht über den, der hier eine Ware befingert, dort mit dem Blick eine andere streift, weiter gezogen von diesem melancholischen Begehren, das sich nicht erklärt. Nein, der andere lacht nicht, ganz und gar nicht, traurig ist ihm zumute, nie hätte er gedacht, dass gerade hier, an dieser etwas windigen Stelle, das Warten beginnt. Darauf war er nicht eingestellt. Er ist schon weiter, verstehst du, er ist ein bisschen vorgegangen, ohne gegangen zu sein. Dir zuliebe bleibt er zurück. Aber nur ein bisschen. Das musst du verstehen. Verstehst du es? Verstehst du es aus dem Grund?
  • ―Nein.
******DAS***VERSPRECHEN******
 
 
 
                   
 
 
 
 
 
 
 
 
Au-pair-Mädchen
1
Schneekugel

Du drehst die Kugel, lässt es schneien. Bedeckst einmal diese Figur mit Schnee, das andere Mal jene.

Die Waben, gläsern, verstärken das Licht. Drinnen ist es heller als draußen, fast strahlend, aber grau. Auf dem Schreibtisch nebeneinander: ein graues, ein weißes Papier, auseinandergefaltet, an den Rändern sich übereinanderschiebend, rundliche, eilende, von Knoten zu Knoten hüpfende Handschrift hier, gestanzte Maschinenschrift dort, beschlossen von einer krakelig geratenen Unterschrift. Lebensauskünfte zweier Frauen: ein paar Jahre älter als du die eine, ein paar Jahre jünger die andere, Studentinnen beide, Lebensauskünfte, unerbeten und ziellos durch deine Überlegungen geisternd, etwas einfordernd, von dem du weißt, dass es nicht existiert, aber aus dieser Nichtexistenz heraus sich bildet, vielleicht gerade jetzt, im vergehenden Nachmittag, während in den Büros ringsherum die Lichter ausgehen.

Ein paar Jahre hin oder her eröffnen ein anderes Leben.
Und sie verschließen es.

Ein anderes Leben in einer anderen Welt.

Au-pair-Mädchen
2
Strömungen

Die Strömungen, in denen sie treiben, die Wirbel, die sie passierten, die toten Zonen: das alles siehst du und es ist … grau. Sie nennen, was sie vor deinen Blicken ausbreiten, ihr Leben, und es stimmt, alles, was da steht, fällt auf sie zurück.
Deswegen liegen sie ja hier. Die Deutsche und die Engländerin. Zwei Fortgegangene.

Du bist nicht fortgegangen. Damals nicht, heute nicht und überhaupt.
Eine Zeitlang hat es an dir gezerrt – damals, heute und überhaupt: Du sollst, denn du musst. Du musst, denn du sollst. Hier jedenfalls kannst du nicht bleiben.
Wo, wenn nicht in der Pyramide, wäre der Fluch des Pharao wirksam?

Der Schlaf der Welt ist eine verwickelte Größe. Wer an ihn rührt, muss mit Wirkungen rechnen, weit abliegend von allem, was ihn umtreibt. Wer mit allem rechnet, nur nicht mit Wirkungen, der ist auch nicht Manns, sie abzufangen. Du bist geblieben. An einem grauen Schreibtisch sitzt du und blickst durch graue Waben in einen grauen Himmel.
Vielleicht wollen sie, dass du ihnen hilfst.

Eigentlich wollen sie leben, zwei Tintenfische, die ihre Tentakeln nach dir ausstrecken, zwei Blätter, das eine mit Tintenspuren bedeckt, als reiche es nicht, so ein Leben in die Maschine zu tippen, damit es ankommt.

Nun, es ist angekommen, es schielt dich an, von unten, aus schiefem Blickwinkel, flach hat es sich gemacht, doch bereit sich aufzurichten, auf ein Wort hin, auf einen Blick, eine versteckte Bemerkung, eine Bemerkung zuviel. Vielleicht entschlüpft sie dir heute, morgen, in zwei Wochen oder im kommenden Frühjahr.
Merken wirst du es nicht, nur die Folgen werden dich einholen. Das Unheil reitet schnell. Wer weiß, nicht alles, was geschieht, trägt diesen Stempel. Man muss auch geschehen lassen. Sie wollen ja lernen, dazulernen, weiterlernen, warum nicht du?

Leben ist reziprok.

Wer studiert, wird studiert, wer lehrt, wird belehrt. Such is life.

Au-pair-Mädchen
3
Die Jüngere

»… Es gab eine Zeit – ja, es gab diese Zeit, in der ich nur noch weg wollte, wohin auch immer. So um meinen achtzehnten Geburtstag herum ist es dann geschehen. Ich schrieb eine Bewerbung nach Traunstein. Der Ortsname sagte mir nichts, irgendwo in Bavaria, egal, dachte ich, nur weg. So schlimm wie hier kommt es nirgendwo auf der Welt. Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Wissen Sie, 18 zu sein und sein Leben zwischen Schafen und Ziegen zubringen, das ist schwer, wenn man gern zur Schule geht und das Gefühl hat, die Welt steht einem offen. Ich komme aus Cornwall, müssen Sie wissen. Heute wimmelt es dort von Touristen. Damals hatte man dort das Gefühl, von der Welt vergessen zu sein – ›abgehängt‹, wie man im Deutschen sagt. Der neue Stern hieß Europa. The Continent. Ach, ich vergaß: ich habe einen Kriegskrüppel zum Vater. Die Deutschen … das war ein heikles Terrain. Mich faszinierte das. Um die Wahrheit zu sagen, es war mir schnuppe, wie oder was die Deutschen waren. Sie waren anders, das zählte. Und neuerdings waren sie auch erfolgreich, was immer mein Vater über sie redete. Auch das zählte.
Wissen Sie, meine Mutter war eine von den Frauen, die ihren Traum jeden Tag mit dem Putzwasser in den Spülstein leerten. Für mich blieb da wenig übrig. Später redete ich auf sie ein, ich nahm an, auch sie hätte ihr Leben noch vor sich. Ich dachte, sie müsste gehen. Das Ergebnis war, dass sie mich stärker zur Hausarbeit heranzog. Ich war bestimmt fleißig, aber es stieß mich ab.
Anfangs ging’s mir in Traunstein gut. Die Leute waren nett. Sie hatten seltsame Ansichten über die Kinderaufzucht, aber mir ließen sie den Raum, den ich dringend brauchte. Ich begriff schnell, wie sie tickten. Eigentlich hatte mein Vater recht mit den Deutschen. Aber ich lernte auch andere kennen. Die Kleinstadt, wissen Sie, die Kleinstadt war das Problem. Also zog ich nach München, begann ein Studium und arbeitete nebenher. Besser gesagt: ich arbeitete und versuchte nebenher zu studieren. München war teuer. Ich glaube, was dann kam, würde Sie langweilen.
Ich glaube, mein Deutsch ist ziemlich perfekt. Ich bin froh, dass ich in Deutschland geblieben bin, das heißt nicht gleich. Ich ging also zurück, aber ich fand keine Stelle und meine Mutter war der Ansicht, dass ich eine Deutsche geworden war. Man bleibt nicht dort, wo man schon einmal fortging.
Entweder man hat ein Fell oder man hat keines. Ich bin nah am Wasser gebaut, aber das will nichts bedeuten. Die Zeit griff nach mir mit beiden Händen. Nun ja, schreiben wollte ich etwas anderes.«

Au-pair-Mädchen
4
Die Ältere

»Als ich jung war, ging ich nach England.
Sprachen sind der Schlüssel zur Welt.
Dieser sperrt immer.
Lernte schnell buchstabieren: A-U-S-B-E-U-T-U-N-G.
Ich steckte das weg.
Ich wusste jetzt, wie das ist, wenn man weggeht.
Aus was Zurückkommen heißt: nichts Gutes.
Mein Ziel hieß New York.
Ich habe gearbeitet, studiert, gedarbt und geliebt. Auch das, ja.
Noch einmal kam ich zurück.
Auch diesmal hieß es: nichts Gutes.
Also ging ich. Nahm an, wohin die Zeit mich verschlug.
Kappte die Wurzeln, machte mich unerreichbar.
Machte es förmlich, per Anwaltschreiben. Als misstraute ich meiner Festigkeit selbst.«

Als misstraute ich meiner Festigkeit selbst… Und heute?
Vertraut sie ihr jetzt?
Warum traut sie dann dir?
Weshalb appelliert sie an dein Vertrauen? Dafür gibt’s keinen Grund.
Etwas fehlt in diesem Stakkato: die Seele. Als solltest du sie ergänzen.
Dabei ist es gerade sie, die verlorenging. Überdehnt, in Stücke gerissen, in Grund und Boden getreten, überschwemmt, fortgetrieben. Da spannt sich kein Bogen in die Vergangenheit. Nur der Schmutz dreht sich in seinem Bett und verlangt einen frischen Ausdruck.

Schwesterliche Klänge, in ein Jahrzehnt zurückreichend, an das du dich nur unzusammenhängend erinnerst, gerade dort den Ursprung der Klagen findend, die Leere, die Enge, das überschlagende Grau, den Abdruck versteinerter Lebensverhältnisse, lianengleich vom Tabu umwuchert, das Entsetzen, geboren zu sein, so geboren zu sein, in diesem Land, zu dieser Zeit, Verrat der Mutter, Unsägliches überdeckend, Schreckens-Drahtverhaue an argwöhnisch beäugten Orten, das verdorbene Schweigen, die ins Kissen versenkte Sehnsucht nach einer Welt der Wärme, des Lichts, des Lärms, des alltäglichen Luxus, der bereisten Erfüllung, des gelebten Traums, nein, des Lebens, des anderen Lebens, frei von Engstirnigkeit und Spießertum, leerer Angeberei und Unverstand, den Lemuren des handnahen Gestern, aus dem es kalt herüberweht, ein Sirenengesang des Todes... Ist das reell?

Was sucht dieses Leben auf deinem Schreibtisch?

Au-pair-Mädchen
5
Die Schwester

Sie ist ja diskret, die Unbekannte. Sie spielt mit dir, sie gibt die kühl Distanzierte, die nur das Minimum mitteilt. Als wäre auch das schon zuviel. Aber du kannst ihre Sätze ohne Mühe ergänzen. Dieser Atem ist dir vertraut. Lange, allzu lange hat er sich mit deinem vermischt. Schwestersohn, der du bist: passiert durchs Nadelöhr ihrer brütenden Erinnerungen, Produkt ihrer frühreifen Obsessionen, ihres Hasses, der vielleicht keiner war, sondern ein von Zeit zu Zeit aufflackerndes, bloß für dich bestimmtes Gehasse, das dich dem Vater entfremden sollte … und nicht allein ihm. Nun, da der Rausch der Nähe verflog, was bleibt? Was von alledem findet sich in deinem Gedächtnis? Wenig, sehr wenig. Eigentlich nichts. In deinem kindlichen Gedächtnis wechseln Regen und Sonnen­schein. Max und Moritz werfen Steine in finstere Kellerlöcher und rennen davon, sobald die unver­meid­lichen Flüche erklingen. Winnetou und Old Shatterhand geben sich wechsel­seitig Geleit, der letzte Mohikaner reitet über Trümmer­grund­stücke in den Abend­himmel. Die große Schwester hat Geheimnisse mit der Mutter, du fühlst dich ausgesperrt. Eine Tasse Kakao versöhnt dich wieder. Auch später fühlst du dich ausgesperrt, dieser Zug bleibt. Auf den Vater, sofern er Zeit hat, ist, du bedauerst es im Nachhinein fast, Verlass. Mag sein, der Himmel hängt ein bisschen bleicher als heute zwischen den leise im Windzug schaukelnden Wäschestücken. Wo in alledem brütet das Ent­setzliche, dem ein schmählich brachliegendes Gewissen zitternd erstmals die Stirn zu bieten wagt?

Au-pair-Mädchen
6
Die Verletzlichen (1)

Und doch: so, gerade so und nicht anders muss es gewesen sein. Aber wo? In deiner Kindheit, in ihrer? In ihrer, wo sonst. Kindheit ist nicht gemeinsam. Jede Erinnerung, die das Gedächtnis auf­bietet, endet unter dem unerbittlichen Zugriff der anderen Stimme, die weiß, wie es war. Die Reise in die Vergangen­heit führt in Sackgassen. Keine Kehrtwende lässt dich entrinnen. Nie wirst du erfahren, was war. Dafür vibriert diese Stimme zu sehr, zu anders, zu beschämend für das eigene Gedächtnis, das sich bei der ersten Berührung zusammenzieht, vermutlich, weil es hier nichts ausrichten kann, ein verletzliches Tier, das der Gegenwart eines agileren trotzt. Liegt es am Alters­unterschied? Woran sonst?

Au-pair-Mädchen
7
Die Verletzlichen (2)

Woran liegt’s? Du bist ein anderer Mensch. Ein paar Jahre jünger als sie, aber: Warum bist du der andere? Warum nicht sie? Woher die Sicherheit dieser Stimme, diese uneingeschränkte Sicherheit, die von der gemeinsamen Kindheit Besitz ergreift, als gäbe es keine andere, als müsstest du dich belehren lassen, wie es gewesen ist, in dieser Kindheit, die doch deine ist, weil es weit und breit keine andere gibt, Ursprung der Welt, wie sie seither geworden ist, deiner, aller Welt, auch der ihrigen, von der du, alles in allem, wenig weißt, aber vielleicht mehr als sie, mehr als ihr Wissen zulässt – ein Wissen, das dir, alles in allem, zu sehr mit unbefriedigten Wünschen versetzt erscheint, um reell zu sein?

 

 

Au-pair-Mädchen
8
Au pair

Warum gleichen sich diese melancholischen Ausbruchsgeschichten wie ein Ei dem anderen?

Warum nicht mehr Differenz?

Warum der ungestüme Ausdruck einer längst verflogenen Sehnsucht nach Weite?

Vor allem erstaunt dich das Schweigen, das in ihnen herrscht, abgesehen von den Szenen, in denen vom Dunst finsterer Waffentaten umwaberte Vatergestalten erdrückende Schicksale über ihre Töchter verhängen, die der befreiende Lufthauch eines Diskotheken­besuchs oder eine neue Freundin, eine neue Rocklänge, eine aufregend provokante Strähne im Haar zu Nichts zerfließen lässt.

Egal, von irgendwoher wirst du es kennen.

Aufbruch, Feuer, Horizont leidenschaftlichen Begehrens.

Dann das Zauberwort: Au pair.

Du bist schon Komplize.

Au-pair-Mädchen
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Die höhere Lebenslinie

Ein Geheimnis wie andere, Sinnbild wessen? Gescheiterter Existenz? Nicht doch. Nichts scheitert so einfach wie eine Existenz, nichts scheitert so kompliziert, so uneindeutig, so mehrdimensional, so mehrsinnig wie eine Existenz: in diesem Mehr an Sinn verläuft die Linie, die zu keinem Ende kommt, bis der Tod sie absprengt wie eine Kapsel, die allein und antriebslos ihren Weg in kosmischer Einsamkeit verfolgt. Eine Linie wie andere auch, die Vergleichbarkeit ist ihr eingeschrieben, vielleicht entsteht sie, das Sehnen abgerechnet, aus dem Vergleich. Leben heißt sich vergleichen, jedenfalls ab einem gewissen Grad an Bewusstheit. Jeder neue Vergleich zieht eine weitere Linie ins Gewirr der Selbstdeutungen ein, die ebensosehr Selbstkränkungen sind wie sie dem Selbst schmeicheln. Das Glück, mit sich identisch zu sein, ist wenigen gegeben, man kann es ebenso gut als Unglück betrachten. Aber dann betrachtet man es bereits von außen.

Au-pair-Mädchen
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Glück

Ein von außen, als sei es das eigene, betrachtetes Glück… Darin läge dann das Geheimnis, worin sonst? Wie kommt jemand dazu, sein eigenes Sosein mit dem Hohn-Blick der Verächter zu richten? Das Ich als Gefängnis, betrieben von meiner Umgebung, aus dem das andere, das freie Ich, das Ich-Ich emporflattern möchte, hinaus in die Frühlings­stürme des Lebens: dieser vielleicht allzu einfache, allzu verpuppte Verpuppungsgedanke lässt die beiden nicht frei, wurde Lebens­gefährte, wurde Lebenssinn. Und das Leben selbst? Eine Krisen-Suite, festlich in ihren Eruptionen, düstere Majestät, die auf keine andere Weise in die banalen Lebensläufe hineinzuzwingen gewesen wäre.

Auch ein zerrinnendes Glück bleibt sich treu.

 

Leckebusch will beobachtet sein

Leckebusch ordert eine Moderne
1
Those funny girls know what modernity is.

Moderne, sagt Leckebusch, ist der Gang der Aufklärung. Es geht so vieles, denkt man sich, warum nicht Aufklärung? Es gibt Schlimmeres, Mafia-Methoden zum Beispiel, die gar nicht gehen, aber dafür außerordentlich erfolgreich eingesetzt werden, jedenfalls dann, wenn man manchen Zeitungen glauben will. Was nicht geht, darüber befinden Gesetze, aber eben nur halb, über den Rest, also die zweite Hälfte, verfügt die Gesellschaft, die, wie man weiß, ebenfalls gespalten ist: in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß, in Sichtbar und Unsichtbar.

Wie also geht Aufklärung?

Bleiben Sie sitzen und Sie erfahren es, scheint Leckebuschs Mund zu verkünden. Er mag es nicht, wenn andere stehen, jedenfalls solange er spricht. Darin zeigt sich die lange Gewöhnung des Kathederredners. Aber noch etwas anderes wird darin sichtbar. Er erträgt es nicht, dass man ihm widerspricht. Vielmehr, er erträgt den Widerspruch nur unter Qualen, die sich physisch manifestieren: seine Gesichtszüge verhärten sich, seine Bewegungen werden fahrig, wer ihm unter den Hemdkragen kröche, erführe vermutlich gewisse Interna über die Schweiß­produktion des Philosophen. Wenn man bedenkt, dass die Aufklärung, wie er sie versteht, mit seiner Autorität steht und fällt, dann muss man schließen, es handle sich bei ihr um ein ziemlich autoritäres Manöver.

Ein Fehlschluss? Ein Fehlschluss, auch wenn er naheliegt. Dass Lecke­busch, der Leckebusch, nicht argumentieren kann, jedenfalls nicht im offenen Schlagabtausch zwischen Opponenten, und das, obwohl seine Vorlesungen liebevoll, wie du gehört hast, von der Eristik handeln, der antiken Kunst des wissenschaftlichen Streitgesprächs, muss andere, prägendere Gründe besitzen. Aus irgendeinem Grunde willst du gerecht sein, gerecht gegen einen, der so hochfahrend daherkommt, dass dir sich das Nackenhaar sträubt, und gleich daneben so zerfahren seraphisch, dass du dich automatisch zu fragen beginnst, ob er in seiner Jugend wohl als Chorknabe missbraucht worden sei. Unwahrscheinlich, meldet sich dein historischer Sinn, aber was ist wahrscheinlich?

Nichts wahrscheinlich.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Leckebusch ein Moderneforscher –? Ein Interpret der Moderne: so sieht er sich selbst, so sehen ihn die anderen. Andere nicht. Leckebusch polarisiert. Wer sind die anderen? Es sind, nun, die anderen, alle anderen, aber da gibt es Unterschiede, natürliche, unnatürliche, wie auch immer.

► In seinem Fach: die Kollegen, die dafür sorgten, dass er berufen wurde. Noch immer erwarten sie von ihm viel, sie bewilligen ihm den Freiraum, den er benötigt, um ganz und gar er zu sein, der Leckebusch eben, eine akademische Größe der Klasse 1b, geachtet und anerkannt, zitiert, vielzitiert, das vor allem, mit einem Ruf, der wie ein verirrter Kleiderbügel über die immer zu engen Grenzen seines Fachs hinausreicht. Ein Philosoph ist schließlich kein einfacher Fach­gelehrter. Es soll Gelehrte geben, die genüsslich die Frage erörtern, ob er denn überhaupt ein Wissenschaftler sei. Immerhin ist die Wissenschaft einmal aus der Philosophie hervorgekrochen und hält schon aus Inzucht-Ängsten Distanz.

► Ferner: all die Kollegen, die damals gern jemand anderen an seiner Stelle gesehen hätten und jetzt vor die Wahl gestellt sind, ihm ihre Anerkennung zu versagen oder sie weiter zu spannen als die Befürworter der ersten Stunde, die mit dem Votum das Ihre geleistet haben und jetzt von ihm hofiert werden möchten, denn auch sie hungern und dürsten nach Anerkennung. Anerkennung ist das A und Ω des Betriebs, sein Schmiermittel, wenn man so will. Aber die Jagd sorgt für Friktionen. In der Regel befördert sie klare Urteile, doch sie verhindert sie auch. Sie ist das Ziel, Urteile sind Mittel. Unklarheit ist das Mittel der Mittelmäßigen: Urteilsminderung (durch Aussagen, in denen der Widerspruch nistet) oder getarnter Aufschub. Die ruhmlos vor sich hindozierenden Ruffmann und Schleicher etwa, um auch Namen zu nennen, profunde Vertreter des nachmetaphysischen Denkens, sind sich einig, Leckebusch gewollt zu haben, solange sie die Köpfe zusammenstecken, und miteinander zerfallen, sobald sie vor Dritten darüber reden, ein gesichertes Urteil über den Neuzugang ist so schwer zu erreichen.

► Das trifft, naturgemäß, auch auf die Studentenschaft zu. Sie genießt die Freiheit, sich mehr an den Ticks der Dozenten zu erbauen, teils, weil deren Ruf ihr schnuppe ist, teils, weil sie ihn über ein realistisches Maß hinaus gewährleistet glaubt. Schließlich studiert man nicht gern bei einer Lusche. Der wahre Ruf des Moderneforschers ist ihr Hekuba (wie Hekuba selbst). Da sie ihm nicht in die Pyramide folgt, kennt sie nur den Vermittlungsaufwand, den er in seinen Seminaren treibt. »Hast du das verstanden?« »Keine Spur. Ich glaube, es war was mit Dialektik.« »Dialektik ist immer gut. Kommst du mit? Wir gehen schwimmen.« Verschwommen blicken Leckebuschs Musterstudenten auf die Theoriegebilde, aus denen die Moderne sich erbaut, sofern sie sich nicht an ihnen erbaut, was so weit nicht auseinander zu liegen scheint. So weit nicht. Die jungen Leute sind die Moderne und gleichzeitig ist sie ihnen fremd. Also muss ein Mittler da sein, der ihnen sagt, wer sie sind und worin ihr Los besteht. Doch dieser Mittler darf nicht sichtbar in Erscheinung treten, es sei denn als komische Figur, über die man Witze macht und an der man sein Mütchen kühlt – im Verborgenen, denn schließlich muss man irgendwann ins Examen und es könnte sich als ungut erweisen, wenn die Erinnerung dann eine Fratze zieht.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Als Gönner der Pyramide weiß Leckebusch, wovon er spricht, wenn er in Hörsaal 03 an seinem angestammten Katheder steht und die Erneuerung der Gesellschaft fordert: renovatio statt revolutio. Die mitschreibenden Studenten trifft das Wort unvorbereitet, einige kichern, andere kriegen intellektuelle Gefühle, wieder andere fahren die mitgebrachten ideologischen Scheuklappen aus und wittern aufs Geratewohl tausend Jahre Unrat.

In welchem Jahrhundert lebt Maestro Leckebusch überhaupt? Ein gesichtsloser Scherzbold hat einen Preis auf die Frage ausgesetzt, aber er wurde noch nicht vergeben. Nicht der Mangel an Jahrhunderten ist an diesem Versagen schuld, sondern ein epochaler, alle Akteure einschließender Mangel an Präzision. Selbst die Feststellung, wo genau es an Präzision mangelt, musste mangels Entscheidungsmasse vertagt werden.
Die gebotene Aufklärung in dieser essenziellen Angelegenheit scheitert bereits an der Frage: Was zeichnet ein Jahrhundert aus, wenn man von den zwei leise klimpernden Nullen an jedem Ohr absieht? Irgendein Ereignis oder eine Ereignisfolge, gut genug, es zu begrenzen, findet sich zur Not immer. Zufrieden gibt sich damit, wer will. Die notorisch Unruhigen forschen weiter.

Auch Leckebusch forscht weiter. In diesem Semester hat er das Jahrhundert der Aufklärung passiert und steuert die Dardanellen von 1848 an. Doch in Wirklichkeit geben die philosophischen Texte, aus denen er sich bedient, solche ›Konkretisationen‹ nicht her. Die Gedanken sind frei – in der Tat, wer will sie begrenzen? Sie begrenzen sich selbst, das ist wahr, noch beim ungebundensten Gedanken findet sich der Haken, an dem er baumelt. Die Politik nimmt alle mit. Ist sie deshalb der große Haken, an dem alles Denken baumelt? Philosophisch lässt sich das nicht begründen. Philosophisch gesehen ist jeder Haken bloß ein weiterer Gedanke, der von anderen abhängt – der eine ›gut nachvollziehbar‹, der andere ›weniger offensichtlich, aber plausibel‹ –, diese Regel lässt keine Ausnahme zu. Gilt sie deshalb uneingeschränkt? Oder: An welchem Haken baumelt sie?
Leckebusch ordert eine Moderne
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Warum nur siehst du, wenn du dir Leckebuschs Profil vergegenwärtigst, einen gespannten Bogen mit einem Pfeil, der nicht fliegt? Leckebusch will fliegen, aber etwas hält ihn zurück, er will den Pfeil formulieren, aber er will nicht treffen, er will, wenn es so weit ist, beiseite gehen und das Terrain denen überlassen, von denen er annimmt, dass sie nicht anders können, den notorischen Tätern.

Menschen programmieren: das ist sein Traum, der Traum der ›Vernunft‹, die ›zuallererst‹ praktisch sei, das Werkzeug, dessen er sich bedient. Die Verlässlichkeit der Rede, wie er sie praktiziert, liegt nicht in der ›abstrakten‹, nach immer neuen, immer gewagteren Anwendungen gierenden Wiederholbarkeit, sondern in der ›geleisteten‹ Wiederholung, im stetigen Wieder-Heraufholen des einmal Gedachten. Man könnte meinen, Leckebusch habe sich an den Klassikern festgedacht, so wie sich andere im Umgang mit ihnen losdenken.

Nein, er ist kein Fanatiker der Differenz, er muss sich anschließen, um sich aufzuschließen, gerade darin wird er ›eigen‹. Das Weiterdenken ins nicht Gesicherte ist ihm zuwider, er mag die Attitüde, aber nicht den Geist, den sie beschwört. Leidenschaft, gepaart mit Verhaltung: so sieht er sich selbst, sobald sein Buchhaltergesicht in einem der Spiegel auftaucht, mit denen er sich umgibt; der Spiegel lächelt dazu.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Die Moderne, das sind die anderen.
Sie, die anderen, wissen nichts davon und verweisen auf wieder andere.
Am Ende stehen alle auf dem Boden der modernen Verwaltung und wissen, dass sie als Teilnehmer am allgemeinen Verkehr das Privileg der Reibungslosigkeit genießen, solange sie ihr Schicksal nicht in die eigene Hand nehmen wollen.
Ein Schilderwald sagt ihnen, wo sie zu gehen, stehen, abzubiegen, weiter zu gehen, immer weiter zu gehen haben, welche Geschwindigkeiten zu beachten sind und wo definitiv kein Durchkommen zu erwarten steht.
Ein solcher Wald hat nichts zu bedeuten. Aber er bedeutet allen viel und vielen das meiste, wenn nicht alles.
Verwirrend erhebt er sich zu ihren Häupten, ungeheuer in seinen Ausmaßen, man könnte sich, nähme man ihn ernst, leicht darin verfahren oder verlaufen. Das passiert oft genug, aber es hält sich im Rahmen des Erwartbaren: selbst Geisterfahrer sind, das wird meist übersehen, Teil des Systems, folgenlos für das Ganze, mit verheerenden Folgen für jene, die’s trifft.
›Die Richtung stimmt‹ – wer mit diesem Grundgefühl unterwegs ist, der hat das Wesentliche begriffen, andernfalls wäre er ›durcheinander‹ und bildete eine Gefahr für die Mitmenschen. Einen klaren Kopf behalten, rechtzeitig abbiegen oder umkehren, falls die Situation es erfordert, verlangsamen, beschleunigen, anhalten – das sind die Tugenden des Verkehrs, ohne die er zusammenbräche, plötzlich, unvermittelt und ohne Schlupflöcher für den Einzelnen.
Wer sich im Schilderwald verliert, der hat schon verloren. Wer ihm aber aus den Augenwinkeln heraus Beachtung schenkt, den geleitet er sicher zur nächsten Rast und weiter ins Offene.

Wäre das Leckebuschs ›Begriff der Moderne‹?
Nein. Er hält sich bloß dran.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Der Alltagsmensch Leckebusch ist sich dieser Tatsache sehr bewusst. Es geschieht ihm, dass er minutenlang an der Ampel steht und es abwechselnd rot, gelb, grün, gelb und wieder rot werden lässt, nicht, weil er in Gedanken versunken wäre, sondern weil er sich von dem Anblick nicht losreißen kann. Das Auge spielt solche Streiche. Gram ist er ihm deswegen nicht. Ununterbrochen gehen die Regelung und das Geregelte ineinander über, ohne dass ein passender Begriff dafür zur Verfügung stünde. Leckebusch spürt, wie die Ströme durch ihn hindurchlaufen, lenkbar, gelenkt, gelenkig, da muss er beinahe lachen. Überhaupt: Sei heiter! Über den Häuptern herrscht Heiterkeit. Man muss sie in die Köpfe hinein praktizieren, das ist eine pädagogische Aufgabe.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Die Regel oder das unterdrückte Gelächter

Mit diesem Vorlesungsthema möchte Leckebusch sich gern dereinst von seinen Studenten verabschieden. Heute wäre die Ankündigung verfrüht und als Geste missverständlich. Warum eigentlich? Weil das Geregelte die Freistellung der Regel erzwingt. Seltsame Vorstellung: die Regelwut im Bauch des Gemaßregelten. Erst der Freigestellte bezwingt die Regel, denn sie betrifft ihn nicht mehr. Auch das ist vielleicht eine perspektivische Täuschung. Schließlich muss jeder sich an etwas halten und sei es das Gegenteil dessen, was er dafür erhält.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Der ungeheure Ernst der Kollegen:

Ein Wald, in dem sich verläuft, wer nicht aufpasst. Der Ernst ist die Regel oder: Ernst ist die Regel, heiter ist der Tod. Oder vielleicht doch: ›heiter sei‹? Das wäre dann bereits eine Regel, ›eine zuviel vielleicht‹, wie jene ›Lehrmeinung‹, für die Hans in den Westen ging, um sie hier unauffällig, peu à peu, dranzugeben. Warum bloß gibt einer ungefragt auf, wofür er sein Leben lang gekämpft hat? Welches Licht wirft das auf ein Leben? Das sind so Fragen, die keiner ungestraft Psychologen überlässt – wie vieles andere mehr. Aber vielleicht ist ›Kampf‹ doch nicht die richtige Vokabel, und das Leben ... naja.

Ein Wahnsinn, weiter zu produzieren, gerade jetzt, wo die Nachfrage nach Geisteswaren bei Null liegt. Die ungesicherten Müllberge wachsen in den Himmel.
Und?
Verdunkeln den Horizont.

Allein aus Umweltgründen verbietet sich das übertriebene Beharrungs­vermögen des Einzelnen. Wer das nicht weiß, ist nicht angekommen oder ein Ewiggestriger, ein Idiot. Er kennt die kommenden Sieger nicht. Fragt sich, wo die Übertreibung beginnt.

Die Menschen kommen gern an. Was für den Westankömmling gilt, gilt für die Ankommenden in aller Welt und erst recht in dem, was gestern noch Zeitgeist hieß und heute vielleicht ökologisches Bewusstsein. Noch lieber sind sie bereits angekommen und kennen sich aus, ein wenig mehr jedenfalls als die frisch Hereinströmenden. Du liebes bisschen, man glaubt gar nicht, was einer falsch machen kann, der gerade dem Zug entsteigt oder dem länderverbindenden Flieger.

Alles, einfach alles: So will es die Regel.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Ist Leckebusch angekommen?

Nicht ganz, nicht wirklich, nicht so, wie es zu wünschen gewesen wäre. Noch bewahrt sein Gehör das Zischen, unter dem die Kolben der mit sozialistischer Braunkohle befeuerten Dampflokomotive auf kapitalistischem Boden zum Stillstand kamen. Das ist lange her, so etwas ging damals noch, wenn sich die Gelegenheit bot, heute wird freigekauft. Wie kommt einer an, der freigekauft wurde? Innerlich, äußerlich? Ein Mensch vom anderen Stern. Eine andere Person. Egal ist das nicht.

Ein Leckebusch kommt nicht an, dafür hat er andere. Wie das gemeint ist? Leckebusch denkt nicht, er lässt andere denken. Nicht für sich – bewahre. Er denkt sich hinein, das ist seine Aufgabe, seine Spezialität, wenn man will – ein Virtuose des Andersdenkens, der sich darauf beschränkt, Grundlinien auszuziehen, an denen sich ausrichtet, was zählt: Prominenz, Leute von Rang und Namen, historisches Personal.

Wer zählt? Im Grunde nur jene, an denen die Geschichte der Moderne sich festmachen lässt. Die Moderne, das ist der Magnetberg, an dem die Menschheitslinien andocken, der magische Ort, in dessen weitestem Umkreis die Trümmer des Vergangenen das Meer bedecken. Die Geschichte von Leckebuschs Moderne, das sind Geschichten theoretisch, praktisch, polizeinotorisch Gescheiterter – auf Knopfdruck abrufbar, besser: zwischen zwei Klingelzeichen. Individuen, die, jedes für sich und jedes auf seine überaus zweifelhafte Weise, die Ideengeschichte der Freiheit ausgeschrieben haben.

Hinter den allseits bekannten Eigennamen verbergen sich Fallstudien. Eine Sturzflut von Literatur, nicht unfreundlich, jedenfalls nicht zu sehr, nicht so, dass man die Akten schließen müsste. Am Ende stets gleichgültig gegen die Person, um die es sich dreht. Immerhin, sie ist angekommen. Chapeau! Sie hat den Zyklus der Verwandlungen bis ans Ende durchlaufen, und hier steht, voilà, das erwartbare Monster. Die Person, das Wunder des durchgeführten Subjekts, der Freiheitsknoten in der Geschichte, sie ist, still und in Freiheit, an sich krepiert, nicht für sich, nicht durch sich, sondern an sich – unausdeutbar, deutbar, Deutbarkeit pur, ohne Stern und Grund.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Ein Heldenepos in Moll

Leckebuschs Moderne: die Namen dieses Epos sind nicht der Literatur entborgt wie bei den Kollegen von der flotten Feder, die er von Herzen verachtet und die von Novalis über Heine, Baudelaire, Poe, Whitman, George, Joyce, Proust, Pound, Eliot, Beckett eine rotblaue Linie ziehen, ebenso elitär wie egalitär, ebenso hyperrealistisch wie hyperideell, ebenso ausgreifend wie verschränkt, ebenso progressiv wie reaktionär. Sie entstammen dem tiefen Experimentiergeist der neuzeitlichen Wissenschaft, der sich früh des philosophischen Denkens bemächtigt und den Staat, den seit Aristoteles’ Zeiten das menschliche Dasein überwölbenden und seine Handlungs­räume umgrenzenden Staat umzuschaffen antritt: von Francis Bacon, Autor von The New Atlantis, über d’Alembert, Rousseau, Kant, Fichte, Hegel, Marx bis hin zum Weltdenker Bloch aus Ludwigshafen, dem unumschränkten Helden seiner studentischen Jahre, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs die schläfrige Welt mit dem Tagebucheintrag überraschte: »Ich bin der Paraklet.«

So weit würde Leckebusch bei aller Eigenliebe nicht gehen. Doch etwas von diesem Pathos klingt durch, wann immer seine leicht näselnde, zum Psalmodieren neigende Stimme sich über seine Zeichen und Wunder­lichkeiten vermengenden, für Außenstehende rasant zur Unentziffer­barkeit tendierenden Manuskripte erhebt. ›Aus den Quellen zu den Quellen‹: Leckebuschs Zugangsweise zur Welt der Geister bleibt rätselhaft, solange man nicht realisiert, dass in diesen Regionen, wie in jedem Gebirge, Wasserscheiden zu gewärtigen sind, deren Überwindung dem deutenden Denker außer Mühen auch eine gehörige Portion technischen Know-hows abverlangt.

Leckebusch ordert eine Moderne
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Denn eines ›wissen wir‹ – weiß Leckebusch – sicher, die Spatzen pfeifen es von den Dächern der Geschichte: Nur das deutbar Zwingende ruft unabsehbar Deutungen auf den Plan. Da stehen sie, hemdsärmlich, fröstelnd, Volk ohne Spaten, aber mit Raum zum Pinkeln und Nachdenken, dafür bleibt immer Zeit.

 

Pharao stattet der Pyraminde
einen Besuch ab

Hoher Besuch
1

Du hast eine Weile gebraucht, um dem Geheimnis, das um Leckebusch webt, auf die Spur zu kommen. Heute bist du gewillt, es niederzuschreiben. Geht das: ein Geheimnis niederschreiben? Das Geheimnis einer Person: niederschreiben? Heerscharen von Journalisten rund um den Globus träumen davon, einmal einen Mächtigen niederzuschreiben, wenigstens einen… Aber einen Wissenschaftler? Wer gibt sich damit ab? Wer gibt sich dafür her? Ein Wissenschaftler kann, wie jeder Mensch, stolpern – über Betrug, über kriminelle Machenschaften –, aber nicht über die Macht, die seine Stellung im System ihm einbringt. Wissenschaftler-Macht, gegen wirkliche Macht gehalten, ist eine quantité négligeable. Sie beschränkt sich darauf, Forschungsmittel abzugreifen und die eigenen Leute im Besetzungskarussell ›nach vorn zu bringen‹. Nichts daran ist geheimnisvoll, allenfalls die Teilhabe an diskreten Regierungsprogrammen. Doch in diesen Bereichen ist der Bedarf an Philosophen eher gering. Mag sein, dass Leckebusch hier eine Ausnahme… Wer weiß? Unergründlich bleibt die Macht der Gremien, in denen erfolgreiche Wissenschaftler einen Großteil ihrer kostbaren Zeit versenken.

Unergründlich, unbeschreiblich, unerfindlich: Leckebuschs Tätigkeit im Gründungsrat der Pyramide zum Beispiel wird flankiert von einem halben Dutzend ähnlicher Verpflicht­ungen an anderen Stätten, gegen die er sich leise sträubt und die er gern erfüllt. Auch das ist ›Bedarf‹. Die Gesellschaft hat Bedarf an Leuten wie Leckebusch. Für ihn ist es eine Ehre. Der Bedarf ist anonym. Die Ehre hingegen... Man hängt sie ihm um und er trägt sie, als sei es die seine, obwohl sie ihm doch verliehen wurde ... auf Zeit. Worin also besteht die Aufgabe? Offensichtlich darin, die Zeit zu dehnen. Wie dehnt man Zeit?

Wie dehnt einer Zeit?

Hoher Besuch
2

Leckebusch, zu Besuch in der Pyramide, lässt seine Macht funkeln: ein Pharao mit Allüren. Er hat seine Frau mitgebracht, sie streift durch die Stockwerke, ihr Duft, ein leichter, die Atmosphäre lockernder Duft, ein bisschen schwelgerisch, hängt in den Räumen, die sich eilfertig vor ihr öffnen und sich vorsichtig schließen, sobald sie sich entfernt. Ein Pulk junger Leute, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, umlagert sie, wo immer sie aufkreuzt. Zu den Privilegien der Macht zählt, wenig reden zu müssen, mit der Sprache zu sparen, um sie bei besonderen Gelegenheiten strömen zu lassen. Elisabeth hat für jeden ein funkelndes Wort, einmal silberhell, gleich daneben dunkel-verschwörerisch oder beiläufig-verstehend. Jedesmal scheint es dasselbe zu sein und auf wundersame Weise den Weg zurück in die Tasche zu finden. Man möchte unauffällig drauf beißen, um seine Echtheit zu prüfen. Bis auf ein, zwei Wortführer stehen die jungen Leute stumm beieinander. Beginnt die Wolke sich aufzulösen, reden alle auf einmal, der Bann ist gebrochen, der Schreibtisch hat sie wieder.
Elisabeth ist: eine attraktive Frau.

*

Elisabeth besitzt die Macht träumen zu lassen. Das ist nicht mehr dieselbe Macht, der Leckebusch einst erlag. Doch geträumt haben muss auch er. Keiner, ihn eingeschlossen, wird je wissen wovon – so weit reicht die Phantasie der Mitmenschen nicht. Der Kern einer Person ist nur mittelbar einzusehen. Je nach Betrachterwunsch saugt er sich mit Ansichten voll, deren vermutlich einzige Aufgabe darin besteht, ihn sichtbar zu machen. Das hat seinen Preis. Das Kontrastmittel verfälscht die eigentümliche Färbung des untersuchten Organs. Man kann auch sagen: Es löscht sie aus.
Was der Mensch ›Verständnis‹ nennt, annihiliert den Kern der Person. Nicht ganz: Es zeigt, wie er funktioniert. Darauf kommt es schließlich an – zu wissen, wie einer funktioniert. Ein Schatten dieses Wissens fällt auf die Person zurück. Arme Person, fast erschlagen von den Ansichten anderer Leute, wie kann sie sich wehren? Sie übernimmt, was ihr in den Kram passt. Oder was sie am stärksten berührt/lädiert. Oder...
Der Kern, der wahre Kern, bleibt ›bildbar‹.
Leckebusch, ihr Leckebusch ist: der attrahierte Mann.

Hoher Besuch
3

Wovon träumt ein Mann in Gegenwart einer schönen Frau? Dumme Frage: gar nicht. Seine Sinne sind okkupiert, überbelegt, wenn du so willst, kein Traum schlüpft hindurch, der ganze Mann will sich zeigen und wenn er nicht dreist ist, dann eben blöde, etwas muss schließlich wirken. Was die Leute Traum nennen und zu scheuchen versuchen, wann immer sie seine Spur zu lesen glauben, ist die Anwesenheit der Abwesenden, das Knistern der Sinne, die langsam entspannen, bevor sie ihre Tätigkeit im Dienste des Wirklichen wieder aufzunehmen imstande sind. Wohin ist sie entschlüpft? Das Wort ›gegangen‹, prosaisch, wie es nun einmal ist, enthüllt seinen doppelten Boden – soso, es enthält auch den Nachgang, davon ist sonst eher selten die Rede.
In der Pyramide wird nicht geträumt. Was dann? Es wird gearbeitet. Wie wird gearbeitet? Wissenschaftlich.

  • ―Woran arbeiten Sie? fragt Leckebusch Dürrobsts Assistenten, der bereitwillig Auskunft gibt, weil er eine Gelegenheit wittert, an seinem Profil zu arbeiten.
  • ―Woran arbeiten Sie gerade? fragt Leckebusch Friedenwanger, den die Neugier herbeitrieb.

Der Unterschied springt ins Auge.

Hoher Besuch
4

Der Professor besitzt ein Profil, er arbeitet daran, es in Bereichen glänzen zu lassen, in denen es bislang nicht oder kaum gesichtet wurde. Die Studenten, profillos, am unteren Ende der Skala angesiedelt, sind gehalten, ›Arbeiten zu schreiben‹, die außer den Korrektoren niemand zu Gesicht bekommt. Wieder anders das nichtwissenschaftliche Personal, das Schreibarbeiten ›erledigt‹, so als stünden sie Schlange und warteten darauf, geköpft zu werden oder einem anderen archaischen Brauch zum Opfer zu fallen. Die Klangfarbe, die das Wort ›Arbeit‹ annehmen kann, variiert beträchtlich – nicht, weil die Inhalte variieren – das auch –, sondern weil die Stellung in der Hierarchie sie vorschreibt.
Auch Leckebusch arbeitet. Damit sind nicht die Vorlesungen gemeint, diese wiederkehrenden Ausflüge in die Welt derer, die später einmal seinen Platz einnehmen werden. Auch die Begehung der Pyramide fällt nicht in diese Rubrik. Seine Arbeit ist von außen nicht einsehbar. Es bedarf besonderer Vorkehrungen – eines Symposiums, eines Beitrags für eine renommierte Fachzeitschrift –, um sie sichtbar zu machen, also weiterer Arbeiten, die in Elisabeth, so nah sie ihm steht, die Frage keimen lassen, was er in seiner übrigen Zeit wohl treibt.
Er ›denkt‹ – nun gut, umgeben von Büchern denkt es sich leicht, es ist kaum zu vermeiden. Aber Denken ist keine Arbeit. Jedermann denkt. Es ist schwer abzustellen, das Denken, erstaunlich, dass manche Menschen dafür bezahlt werden und in Ämter aufsteigen, in denen sie andere für sich denken lassen können, ohne selbst damit aufhören zu müssen, um ... sagen wir zu arbeiten, also auf vorbereiteten Meetings von Mitarbeitern verfasste Reden zu halten, zu debattieren, sich beraten zu lassen, Entscheidungen zu treffen und anschließend in die Sauna zu verschwinden, das freie Wochenende zu genießen, in den Urlaub zu fahren, sich eventuell an einer Regatta zu beteiligen wie andere Verantwortungsträger auch.
Leckebusch auf einer Regatta? Elisabeth muss lächeln, sie sieht ihren Gatten im Overall, gischtüberströmt, das Überhaupt schütteln: der Wind überhaupt, die Strömung überhaupt, das An-Sich der Etappen, das Für-Sich des erhofften Triumphs, eine suadeske Szene, verweht, undenkbar, aber ein Erwachen wäre es doch. Erwachen woraus? Schläft er so tief? So fest? So dauerhaft im Bann der Vernunft, die keiner zu Gesicht bekommt, es sei denn, man nähme die pure Unvernunft dafür, das perpendikulare Dasein, das seine Umkehrtpunkte zu Sensationen hochjazzt.

Hoher Besuch
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Nein, so denkt sie nicht, noch nicht, es handelt sich mehr um das unablässige Gemurmel eines anonymen Begleiters, der ihr in den Ohren liegt, als habe er ihr etwas zu sagen, wolle aber, warum auch immer, seine Identität nicht preisgeben. Wer weiß, in wessen Auftrag er unterwegs ist? Sie weiß es nicht, will es nicht wissen ... nun, sie weiß schon, das Wissen perlt an ihr ab, sie lässst es nicht zu. Immerhin arbeitet auch sie, jedenfalls dann und wann, und kennt die Bedürfnisse, die mit dieser Form, sich in der Welt zu positionieren, auf einen zukommen: gerade an dieser Erfahrung gemessen verhält sich Leckebusch merkwürdig, unwürdig fast, jedenfalls nicht familiengerecht und beinahe schon ... asozial, auch wenn dieses Wort in seinen und ihren Kreisen keinen Mitteilungswert besitzt und um jeden Preis vermieden werden sollte, obschon es in den Köpfen spukt. Schon dass ihre Kreise sich nirgends zusammenschließen – wobei sie selbstverständlich ein Ereignis wie den Pyramidenbesuch nicht auslässt und ihre Rolle zu genießen weiß –, deutet auf ein gewisses Dilemma hin. Aber natürlich kennt sie seine Kollegen und hat sich ihr Urteil über sie längst gebildet. Dagegen kennt er ihr außerhäusliches Umfeld schlecht, er begegnet ihm mit Humor und einem unverwüstlichen Überlegenheitsgefühl, das sie sich gern zu eigen macht und über das sie sich ärgert, weil etwas davon auf sie selbst und ihre Tätigkeit abfärbt, vor allem aber, weil es nun einmal ihre Arbeitswelt ist, in der sie sich Anerkennung holt, obwohl sie, als attraktive und distinguierte Frau, es nicht zwingend nötig hätte. Oder doch?
Anerkennung ist eine verzwickte Sache. Dass sie einem nachgetragen wird, bedeutet nicht, dass man sie sich nicht auch holen müsste. Das ist so eine der Paradoxien, an denen sich einer jahraus jahrein abarbeitet, ohne dass es zu einer wirklich befriedigenden Lösung käme.

Hoher Besuch
6
Was zu klären bliebe
  1. Wie hat Leckebusch E damals gesehen?
  2. Was hat er in ihr gesehen?
  3. In welcher Umgebung hat er sie kennengelernt?
  4. Etwas in einem Menschen sehen: Was heißt das?
  5. Zum Beispiel Augenfarbe: Die meisten Menschen besitzen neben ihrer eigentlichen Augenfarbe eine gefühlte.
  6. Elisabeths gefühlte Augenfarbe: grün (in Wirklichkeit ist sie grau).
  7. ›In Wirklichkeit‹: nüchtern betrachtet. Bist du berauscht?
  8. Das Augenpaar, das dich verfolgt.
  9. Die Farbe, die ›haften‹ bleibt.
  10. Den ›Typ‹ sehen. Was heißt das? Vorerst: nicht viel sehen.
  11. Was lenkt dich ab?
  12. Anders gefragt: Was schirmt sie ab?
  13. Ihre ›Präsenz‹. Was sonst.
  14. Wirkung der Präsenz: sie lässt kostbar erscheinen.
  15. ›Kostbar‹ – ist das das richtige Wort? Vielleicht im Sinne von ›kosten‹: du ›nimmst davon‹, du ›führst es dir zu‹, vielleicht nicht im Wortsinn, aber die Sinne sind schneller als du, sie sind dir voraus, du bist bereits involviert, ohne involviert zu sein. Dann: du inhalierst zu viel, zu schnell, zu nachhaltig, zu ... was auch immer.
  16. Hat Leckebusch E als kostbar empfunden?
  17. Das ist ein anderer Strang.
  18. Hat Leckebusch E bewundert? Oder war er anfangs ›nur‹ verwundert?
  19. Hat E seinen Besitztrieb geweckt? Hat sie von ihm Besitz ergriffen?
  20. Besteht da ein Unterschied?
  21. War Leckebusch ergriffen? Wollte er mit E schlafen? Mit einem Augenpaar, das haften blieb? Mit einem Anblick, der sich entzieht? Mit einer Präsenz?
  22. Wie geht das: mit einer Präsenz schlafen wollen?

E – eine Person, die niemand ›besitzt‹ (›veralteter Ausdruck‹).
Woher weißt du das?
Sie strahlt es aus.
Was noch?
Frag sie doch selbst.

Hoher Besuch
7

Die Fallhöhe … die Fallhöhe zwischen der Achtung, die Leckebusch, sagen wir, in der Pyramide entgegen getragen, und derjenigen, die ihm Elisabeth, sagen wir, nicht verweigert, aber auf irgendeine Weise … ironisiert wird (wobei sie sich keiner Ironie bewusst ist, jeden Gedanken daran vermutlich auch ablehnen würde), ist beträchtlich, auch wenn er dabei … sagen wir … ausgesprochen weich fällt. Nein, es ist kein Nadelkissen, das ihn erwartet, wenn er in ihre Arme zurückkehrt, es ist nur so … dass von Rückkehr, sagen wir … nicht eigentlich die Rede sein kann, seit sich ihrer beider Haushalt normalisiert und mit einer reizenden Tochter geschmückt hat, und dass die Stiche, die ihm der eine oder andere familiäre Auftritt versetzt, nach Kompensation verlangen.
Leckebusch fühlt sich taxiert. Das allein unterschiede ihn nicht von seinen Mitmenschen, es sei denn, man nähme die graduelle Abstufung als Maßstab: dann stünde Leckebusch auf der Skala ziemlich weit oben. Nein, es ist nicht das Gefühl, degradiert oder sogar beleidigt zu werden durch die Aufmerksamkeit, die ihm entgegenschlägt. Eher handelt es sich eine positive Erwartung: zu schwach, um unangenehm fordernd zu werden, zu stark, um vollkommen habitualisiert, soll heißen, ihm ins professorale Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Eher verstärkt sie sich unauffällig mit der Zeit, lässt ihn zerstreut und unzufrieden erscheinen und verlangt nach Kompensation, also mehr Aufmerksamkeit.
Dabei kann er sich über mangelnde Aufmerksamkeit nun wirklich nicht beklagen. Wo immer er geht und steht, umspült sie ihn wie die gemächliche Strömung einer erstaunlich breit geratenen Furt, die zu durchqueren er irgendwann angetreten ist: soviel Beachtung sollte einem wie ihm nur zum Guten ausschlagen. Er kann sich aber nicht verhehlen, dass die Aufmerksamkeit, in deren Mitte er steht, eher skeptische Züge trägt. Es ist seine Art, die Skepsis hervorruft: Was ist das für einer?

Hoher Besuch
8

Nein, er kann nichts dafür. Was sollte er denn dafür können? Die Skepsis kommt vor dem Fall, sie ruft, was immer er von ihr zu halten beschließt: Ick bün schon da. Seine Herkulesaufgabe, gleichgültig, auf welcher Bühne er auf- oder antritt, lautet: Widerlege mich! Darin also bestünde sein kleines Betriebsgeheimnis: Leckebusch ist ein Widerleger, vollkommen durchtrainiert, vollkommen orientiert über das Arsenal seiner Möglichkeiten, den ersten Eindruck, den seine Person vermittelt, zurechtzurücken und zu überzeugen.
Wie kann eine nicht auf Anhieb überzeugende Person überzeugen? Auf den ersten Blick: gar nicht. Dieser erste Blick ist geschenkt. Leckebusch hat gelernt, ihn zu übergehen. Nichts anderes signalisiert der gesenkte oder starr auf den Neuling gerichtete … Blick: er gilt nicht. Auf den zweiten: durch Überzeugungsarbeit. Leckebusch ist ein unterkühlt wirkender, in Wirklichkeit ständig zwischen Heiß und Kalt wechselnder Überzeugungsarbeiter, einer, der weiß oder zu wissen glaubt, was man von ihm erwartet und der bereit ist, es zu leisten, koste es, was es wolle.
»Alles vergebens!« Auf diesen Zuruf ist er gefasst, und sollte er einmal laut werden, er träfe ihn tief. Zu Recht, denn als zutiefst nicht überzeugende Person stünde auch einer wie er auf der gesellschaftlichen Leiter nicht dort, wo man ihn findet und wo er sich, nicht zu Unrecht, vermutet. Es ist ja nicht so, dass er nicht überzeugte, im Gegenteil – viele lassen sich gern von ihm überzeugen, gerade das verlangen sie ihm ab. Die Skepsis bleibt, sie wandert mit, sie grundiert, sie empfängt, geleitet, ernennt, bereitet, besichtigt, betreut, aber sie bleibt leise, verhalten, neutral, selbst-skeptisch, wenn man so will. Es ergeht dir mit ihm wie mit einem, der geht, als habe er soeben das Gehen gelernt und führe es dir jetzt vor, als fordere er dich, da er nun über diese Fähigkeit verfügt, auf, es ihm gleichzutun.

Dabei kennt er dich kaum.

Hoher Besuch
9
Leckebusch: Anwalt der Klassiker

Brauchen sie einen? Brauchen sie ihn?
Die Frage ist durchgestrichen, verboten, obwohl eine Antwort leicht fiele: sie finanzieren ihn. Nicht direkt, schließlich sind sie tot und stehen wohlverwahrt in den Bücherschränken der gelehrten Welt. Aber diese Welt unterscheidet sich so grundlegend von der da draußen, dass seine Tätigkeit unabweisbar erscheint. Als bezahlter Agent regelt er ihren Verkehr mit der Umwelt.
Elisabeth, fürs Kathederverhältnis zur Wirklichkeit eine Spur zu attraktive Erbin eines Kaufmannsvermögens, kennt seinen Stil und findet, dass Leckebusch, alles in allem, seine Sache gut macht, auch wenn sie nicht alles versteht. Die unentwegte Verstehensbewegung des Matadors erinnert sie an die legendäre Ozeanfahrt der Kon-Tiki, unternommen zu keinem anderen Zweck als um zu beweisen, dass es möglich sei, mit einer Nussschale anzukommen, während links und rechts die Dampfschiffe vorbeirauschen.
Irgendwie, soviel spürt sie, hat das mit ihr zu tun. Aber was? Die Frage lächelt sie weg, sie strahlt ihren Banknachbarn an, der darüber den Vortrag vergisst, ein-, zweimal dreht sie sich um, den Effekt auf die Zuhörerschaft zu studieren, und findet stets aufmerksame Gesichter. Leckebusch, der Mann ihrer Wahl: wenn es einer Bestätigung bedurfte, hier ist sie. Was noch?

Elisabeth leuchtet.

 

Wie Forschung geht

Kommt Zeit, kommt Rat
1
Dekan Dürrobst untergräbt seine Stellung

Vorlage:

  1. Ein Gründungsrat ist ein Gremium (›Zusammenlauf‹) von Menschen, deren Rat gefragt ist, wann immer guter Rat teuer wird. Das ist nicht der Fall. Guter Rat ist, wie jeder andere, billig. Wäre es anders, er wäre nicht gut.
  2. Niemand, der seiner Sache sicher ist, bedarf der Ratschläge von Leuten, die ihm, gleichgültig aus welchen Gründen, ›beigegeben‹ werden. Wenn er aus ihnen lernt, dann deshalb, weil sie etwas darüber verraten, wie Menschen denken.
  3. Nicht der Rat wird gebraucht, sondern der Geber. Er spricht nicht aus, was er von der Sache denkt, sondern er kalkuliert: Was muss ich sagen, um meinen Einfluss zu maximieren? Auch in dieser Hinsicht ist guter Rat teuer.
  4. Einfluss worauf? Auf die Entscheidung? Das wäre ein punktuelles Maximum. Das wirkliche Maximum erreicht ein Ratgeber, wenn es ihm gelingt, sich unverzichtbar zu machen. ›Unverzichtbar‹ heißt: dieser schlaue Hund, dieser erfahrene Zeitgenosse kennt die Untiefen, er kennt die Praxis und er kennt die Verpackung.

Zwei Typen von Unverzichtbaren:

  1. der redliche: für seine Auffassungen bekannt, wird er hinzugezogen, damit diese vertreten sind und mit den immer gleichen Reizwörtern ›Wirkung machen‹,
  2. der kreative: er beherrscht das Spiel der Verpackungen und wird benötigt, um ›belastbare Formeln zu finden‹.

*

Anmerkung (mündlich, auf Zuruf):

  • ―Kollege Leckebusch tendiert zur ersten Gruppe, doch er hat das Maximum noch nicht erreicht. Wie wir wissen, lässt ihn der verzeihliche Wunsch, als kreativ zu gelten, gelegentlich unstet erscheinen: ein möglicher Kippkandidat. Ich kann Sie leider beruhigen. Auch so einer wird gebraucht.

Dürrobst kann Leckebusch nicht ausstehen.

Kommt Zeit, kommt Rat
2
Dürrobst juxt

  • ―Niemand, sage ich, und weiß doch, dass viele Leute, die ihrer Sache ganz sicher sind, aufgrund dieser Sicherheit in höchster Gefahr schweben, sich oder ihrer Umgebung bleibenden Schaden zuzufügen. Das liegt teils an der Sicherheit selbst, die selbst dann trügerisch bleibt, wenn sie einen sicheren Hafen ansteuert, teils an den Verwüstungen, die sie in Köpfen anrichtet, von denen sie Besitz ergriffen hat. Sicher ist nur der Tod, und vor dem Tod steht der Beirat. Das gilt auch und vor allem dann, wenn es sich um einen gesellschaftlichen Körper handelt, eine Körperschaft, deren unzeitiges Ableben unbedingt durch eine Reihe kluger Vorsichts­maß­nahmen verhindert werden muss. Eine junge Universität scheint in dieser Hinsicht größeren Gefahren ausgesetzt zu sein als ein junger Mensch. Jedenfalls versäumen es die Gründer selten, ihr die Expertise mehr oder weniger erfolgreicher Zeitgenossen beizugeben, so dass sie in dieser Hinsicht wechselweise wie ein großes Baby oder ein rückfallgefährdeter jugendlicher Straftäter erscheint, obwohl die Wissenschaftler, die dort ihrem Beruf nachgehen, ohne Zweifel dieselben Qualifikationen durchlaufen haben wie das Beratungspersonal und man sich ohnehin im nächsten Monat auf irgendeiner Tagung trifft. Nein, man will sie mit ihren Problemen nicht allein lassen, man möchte, neben dem Rat, auch gern das Seine beisteuern (oder herausholen), schon um zu verhindern, dass da ein Konkurrent oder ein Gebilde unkontrolliert heranwächst, das allzu selbstbewusst der Reißbrettform entstrebt. Und die drinnen sträuben sich schon deshalb nicht, weil jeder Auswärtige ein potenzieller Hebel ist, der den eigenen Einfluss vergrößert…
    Kollege Duro, ich höre. Sie teilen meine Auffassung nicht? Davon ging ich aus.

Schön sagt er das.
Meint er das ernst?
Aber wenn er das ernst meint, dann … dann…

Kommt Zeit, kommt Rat
3

Dürrobst redet viel, aber anschließend packt er seine Sachen und geht nach Hause. Im Fall der Pyramide folgt der Gründungsrat einer klaren Weisung: Er soll helfen, sie stärker in der Gesellschaft zu verankern. Der Komparativ ohne Widerlager dient dazu, ›Druck zu machen‹, ›sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen‹, ›den Wandel zu wollen‹ (eine gewendete alte Philosophenformel, die dem Einzelnen nahelegt, sich nicht zu sehr gegen den Gang der Dinge aufzulehnen, also cool zu bleiben).

Ist das alles? Sicher nicht.
Dahinter steht: ein gesellschaftlicher Auftrag.
Wer erteilt solche Aufträge?
Die Gesellschaft?
Sicher nicht.
Nicht dass sie es ablehnte, Aufträge zu erteilen – sie kann es nicht.
Sie ist keine Instanz.

Genau genommen handelt es sich nicht um einen Auftrag, sondern um eine Aufgabe. Sie besteht darin, zwei politische Antipoden unauffällig miteinander zu verschmelzen, die über ein Jahrzehnt die Agenda bestimmten: die Gralshüter des ›gesamtgesellschaftlichen Fortschritts‹ und die marktsicheren Kämpfer wider den sozioökonomischen Staatsdirigismus.
Auch diese Aufgabe musste einmal in Angriff genommen werden.

Der Entschluss dazu reift in einzelnen Köpfen. Er ist auch nicht ›allgemein vermittelbar‹. Dazu sind die ideologischen Vorbehalte zu groß (Scheuklappeneffekt). Wie dann? ›Greift‹ sich eine Machtinstanz den Gedanken, weil er mehr Macht (oder Machterweiterung oder -erhalt) verheißt?

Die Berührung, falls es sie gibt, in welchen Zirkeln findet sie statt?
Du würdest den Weg dahin nicht finden. Warum? Was schließt dich aus, bevor du den Entschluss fassen kannst, ihn gehen zu wollen – oder auch nicht?
Dabei bist du auf gutem Weg. Das muss doch einmal gesagt werden.

Was schließt sich aus? In dir? Von außen betrachtet?
Mit und ohne Blick auf sie?

Kommt Zeit, kommt Rat
4

Unabdingbar: der Sinn für unauffällig das Groteske streifende Effekte.

Bewundernswert: die stoische Ruhe, mit der Kollege Dürrobst sich der Phraseologie eines Firmensprechers bedient, der vor der Presse einen drohenden oder bereits eingetretenen Börsenabsturz herunterspielt –

  • ―Wir wären schon weiter, wenn... –

Meist verwendet er dabei den kleinen Zusatz, der den Worten einen völlig anderen Sinn verleiht:

  • ―Wir wären ja schon weiter...

Ja natürlich, es bleibt immer viel zu tun und man wäre stets weiter, wenn das Liegengebliebene nicht einen so großen Raum beanspruchte und die Routine nicht darauf beharrte, einen großen Bogen darum zu machen, um ... ja was denn? Um weiterzukommen, was denn sonst.

Auch Professoren wollen weiterkommen – mit der Arbeit an ihrem neuen Buch, an irgendeinem Forschungsprojekt –, sie wollen sogar, wie andere Leute auch, vorankommen oder avancieren, wie das mortifizierte Wort für Strebertum in den höheren Rängen lautet. Da stört der gesellschaftliche Fortschritt ungemein, es sei denn, er lässt sich unauffällig ins persönliche Fortkommen einbetten, so dass organisch eins das andere beflügelt. Gerade diese Pappenheimer stoßen bei den Kollegen auf mit Bewunderung untermischte Abneigung. Sie trägt dazu bei, dass der umworbene Fortschritt letztlich auch dort ein Windei bleibt, wo er ausgetüftelt wurde, bevor er als bürokratischer Bumerang auf alle Beteiligten zurückfällt.

  • ―Wir haben viel geschafft. Jetzt geht es darum, mehr zu erreichen.
 

Dasein heißt Wegsein

Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip
1
Schafft zwei, drei, viele Teuschners.

Ein Ego muss Kanten aufweisen: mindestens drei. Das ist, als Minimum, im Raum nicht leicht zu realisieren, es sei denn, man ruft die Krümmung zur Hilfe, die selten im Leben ausbleibt. Ein gekrümmtes Ego? Das Ego ist gerade: geradeso, geradeheraus, geradewegs, geradehin, geradeaus, sonst wäre es keines, es sei denn...

Psst!

Teuschner, O-Ton:

  • ―Ich bin so froh, im Kreise der Kollegen sprechen zu können, ich schließe mich meinem Vorredner ohne Abstriche an. Was soll ich sagen? Ich bin völlig einverstanden. Ich möchte nur noch einmal auf den Punkt zurückkommen, den Sie angesprochen haben und der mir ein Hauptpunkt zu sein scheint. Sie dürfen mich jetzt nicht falsch verstehen, ich möchte Sie gar nicht kritisieren, es hat mir, es hat uns sehr gut getan, wie Sie das gesagt haben, im Grunde haben Sie natürlich recht. Sie haben die Sache wirklich auf den Punkt gebracht, das war alles sehr erhellend für mich. Ich weiß nur nicht, ob ich Sie in allen Punkten richtig verstanden habe. Sie wissen über diese Dinge natürlich sehr viel besser Bescheid als ich, das unterstelle ich, das ist sicher auch so, daran gibt es gar keinen Zweifel. Ich will auch nichts bezweifeln, Sie dürfen mich da nicht missverstehen, ich will nur ein wenig Ordnung in meine Gedanken bringen, ganz kurz, das verspreche ich Ihnen... Ich bin schon fertig. Was ich meine, ist, ich zitiere Sie jetzt mal mit meinen – zugegeben: unfertigen – Worten... Wie gesagt, ich will Ihnen gar nicht widersprechen, am liebsten wäre mir, wir würden die Sache jetzt so stehen lassen, es ist auch schon ein bisschen spät geworden, ich denke, Sie haben das Wesentliche gesagt. So sehe ich das. Mein Einwand bezog sich auch mehr auf das Argument des Kollegen Schmidt, aber der ist ja heute nicht da, also vergessen wir’s.
Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip
2

Dass es ihn gibt, dass es ihn wirklich gibt, einen wie ihn, dass er lebt, isst, träumt, schreibt, redet, arbeitet, den täglichen Verrichtungen nachgeht, seine Frau beschläft: das ist das eigentliche Wunder, das Teuschner bietet, und du bist froh, ihm begegnet zu sein. Dein Wissen um den Menschen wäre ärmer ohne ihn. Du könntest dich fragen, wie gerade du ihm begegnen konntest, welche Möglichkeiten vom Schicksal ausgeschöpft, welche ausgeschlagen werden mussten, um diese Begegnung Realität werden zu lassen, den Kontakt herzustellen, den Draht zum Glühen zu bringen … welchen Draht? Verfügst du über diesen Draht? Verfügt irgendjemand über diesen Draht? Teuschner besitzt ihn, kein Zweifel, er wedelt damit vor deiner Nase herum, gleich durchströmt dich das Freundschaftswunder samt Voltzahl, Watt, Ampere, Impedanz, alles da, alles messbar, alles verbürgt, alles gemessen … seit du ihn kennst, besitzt die Pyramide in dir einen Anker, sie holt dich heran, wenn es ihr passt, und entlässt dich in die unendlichen Weiten deines Bewusstseins, stets eingedenk deiner Mittel und Fähigkeiten, um sie zur gegebenen Zeit zu nützen. Denn Teuschner … Teuschner ist ein gewaltiger Schnorrer, nur das Wort ist verboten, durchgestrichen, ganz und gar unangebracht, Friedenwanger würde dich aufmerksam mustern, solltest du es gebrauchen, als entdeckte er plötzlich einen Zug an dir, der ihm bisher entgangen ist, und du müsstest dich schämen, schämen bis auf den Grund, vielleicht auch ein bisschen darunter, denn unter dem Grund, da beginnt das Leben und Friedenwanger ist sein Prophet. Vielleicht benützt er Teuschner, mag sein, sehr wahrscheinlich, da er jeden benützt, aber dass er sich zu Teuschners Herold gemacht hat, darüber besteht kein Zweifel.

Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip
3

Akademisches Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip: ›Ich bin schon weg. Solange ich da bin, bin ich unbedingt Ihrer Meinung. Ich lasse mich darin durch keinerlei Einflüsterungen beirren. Ja, man könnte es meine Form der Unbeirrbarkeit nennen. Meine Zustimmung hat für die, die mich kennen, etwas Panzerartiges, sie folgt ihnen durch dick und dünn, aber sie hat, wie soll ich das sagen, sie hat nichts zu bedeuten. Verstehen Sie mich nicht falsch, das kollegiale Gespräch bedeutet mir viel, ich wüsste nicht, wie ich Wissenschaft anders verstehen sollte. Ich lerne viel aus diesen Gesprächen. Friedenwanger zum Beispiel... ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Friedenwanger weiß, was für unser Institut gut ist. Ich folge Friedenwanger, ja und? Wo liegt der Fehler? Ich sehe keinen Fehler. Ich kann mich zurücknehmen, das bietet gar keine Schwierigkeit. Ich nehme mich gern zurück, wenn es der Sache dient. Ich verstehe den Ehrgeiz anderer Leute nicht. Friedenwanger ist ein bedeutender Mann, die meisten Kollegen sehen das ganz genau so. Als Privatmann ist er mir ungeheuer sympathisch. Ich kenne auch seine Frau. Wir verstehen uns gut. Wo liegt das Problem? Natürlich weiß ich, dass er nicht immer recht hat, das wäre ja sonst naiv, ich will gar nicht, dass er immer recht hat, man muss auch einmal daneben liegen, sonst läuft man leicht in Schwierigkeiten, deren man nicht mehr Herr wird. Wissenschaft, das ist: Gruppenfoto mit Kollegen. Übrigens, die Sonnenbrille, die Sie da tragen, ist süperb. Darf ich fragen, wo Sie sie gekauft haben?‹

Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip
4

Verstehen? Kannst du ihn verstehen? Kann ihn einer verstehen?

► Teuschner hat einen Pakt mit Duro geschmiedet, dem listigen, verschlagenen, naiv-überlegenen Duro, und er trickst ihn aus, wie es ihm beliebt. Zusammen geben sie eines der in ihrem Fach überaus beliebten Handbücher heraus: Duro hart sich dem Verlag gegenüber für die Unternehmung verbürgt, aber Teuschner liefert nicht … kann nicht, will nicht, denkt gar nicht daran zu liefern, wie er, darauf angesprochen, nach einer Überwindungspause im kleinen Kreise erläutert, da er Duro inzwischen für einen Ideologen hält und nicht gewillt ist, dessen Schimären, wie er sich ausdrückt, seinen guten Namen zu opfern. Währenddessen überzieht der Verlag Duro mit Drohungen, ihm das Projekt zu entziehen … eine Katastrophe, eine wirkliche Katastrophe für das Werk seines Geistes und seiner Hände…

► Teuschner, selig ein Stück Rohrzucker in seinem heimlich mitgebrachten First-Flush-Darjeeling verrührend, hat vor Jahren an einem fast ereignislosen Mensa-Tag dem Allround-Dynamiker Hölzchen die Teilhabe an einem Forschungsvorhaben abgeluchst: sein Name wird in allen einschlägigen Dokumenten aufgeführt, auch auf dem Abschluss­bericht wird er prangen und, da Hölzchen mit guten Kontakten ins journalistische Milieu gesegnet ist, höchstwahrscheinlich auf diese Weise den Weg in die breite Öffentlichkeit finden, vielleicht sogar einen politischen Beiklang erhalten. Allerdings hat der Pfiffikus, seitdem die Sache eingefädelt wurde, stets Mittel und Wege gefunden, sich dem nach Aussprache dürstenden, vorlagenhungrigen Hölzchen zu entziehen, wann immer dieser die Pyramide mit seiner quirligen Gegenwart beehrte: unerwartet großspurig eingeladen und mit der Aussicht auf ein umfassendes Strategiegespräch geködert, doch unerklärlicherweise…

► Unerklärlicherweise magst du diesen Teuschner, der dir höchstens einmal die Tür aufgehalten hat, als verwandle seine Anwesenheit die Pyramide in einen vertrauten Ort: unerklärlicherweise, denn aus jedem eurer Gespräche gehst du mit einem kleinen Stich im Herzen davon – man könnte ihn den Kuss des Nichtstuers nennen, vorausgesetzt, man weiß, was man damit tut. Nichtstun ist ein schillernder Ausdruck, er deckt die verschiedensten Geisteshaltungen, seine eingeschlossen, die von Emsigkeit brummt, aber doch nur wie ein sehr seltenes, sehr ungewohntes Insekt, dem mit dieser oberflächlichen Zuordnung ein kaum wiedergutzumachendes Unrecht geschieht. Teuschners Nichtstun ist Perfektion. In ihm schwirren Projekte, angesichts derer die seiner geschätzten Mitstreiter wie schlafwandlerische Aktivitäten von Holzköpfen erscheinen: staunenswert in ihrer gespenstischen Akrobatik, aber nicht wert, dass ein vernünftiger Mensch sich weiter mit ihnen abgibt als bis zur Tür, durch die der Kollege sich doch einmal entfernen muss, nachdem er mit ihnen sich brüsten durfte.

Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip
5

Wie nennst du einen Menschen, der es schafft, Menschen, die einander in herzlicher Abneigung begegnen, freundschaftliche Empfindungen einzugeben – dir und Friedenwanger, Hölzchen und Tronka (auch er ein willfähriges, wenngleich minderes Opfer): aller Welt Freund? Falsch. Teuschner ist niemandes Freund. Er ist auch niemand, mit dem einer, nüchtern betrachtet, befreundet sein möchte. So wie eine bestimmte Raumtemperatur in großen Gebäuden Feueralarm auslöst und die Sprinkleranlage in Gang setzt, so löst auch die Person Teuschner, nein, das biologische Etwas Teuschner Freundschaftsempfindungen aus, ohne dass er als Subjekt an diesem Vorgang beteiligt wäre, vermutlich, ohne ihn überhaupt zu realisieren.

  • ―Freundschaft? Was ist das? Schlafen Sie noch mal drüber, dann werden Sie sehen, was daraus wird. Was soll schon draus werden? Ich kann es Ihnen sagen: ein Haufen Verdruss. Aber da müssen Sie jetzt durch. Schade im Grunde.

Ein stilles Ungeheuer: so kannst du ihn nennen. Was gewinnst du damit? Distanz? Warum siezt du ihn überhaupt? Weil er dich siezt? Weil ihr euch immer gesiezt habt? Weil seine Gegenwart jede Distanz unterschreitet und deshalb nach Abstand verlangt? Nun gut, das mag heute als Erklärung durchgehen. Es erklärt aber nicht die Lethargie, mit der dieser Mensch dich impft. Keine physische, keine geistige – eine, die du ›moralisch‹ nennen könntest, in dem Sinn, in dem Sportler diesen Ausdruck verwenden … ein Bann eher, der sich über etwas legt, was in dir brodelt, aber durch eine verdeckte Intervention der Lächerlichkeit preisgegeben wird (und wirklich trägt der Ausdruck unter ›Geistigen‹ den Makel des Lächerlichen): deinen Leistungswillen.

Ist Teuschner das? Ein geistiger Mensch? Die Frage will sorgfältig erwogen sein. Immerhin fühlt sich, was du dein geistiges Potential nennen könntest, in seinem Freundschaftsambiente gut an, ganz so, als sei ihm hier ein Bett bereitet, in dem es sich strecken und zu seiner ursprünglichen Proportion zurückfinden könnte, während die Dürrobst und Friedenwangers, die Tronkas und Duros ihm Nadelkissen unterschieben. Kann es sein, dass gerade hier die große Korruption lauert? Dass die Seele an Schwindsucht leidet, während der Geist, befreit von der Last des mit Vorurteilen geschwängerten Wollens, die Leichtigkeit des Hierseins genießt? Aber dann, aber dann … wäre Teuschner, er ganz allein und für sich, stellvertretend für alle anderen, der Geist der Pyramide.

Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip
6

Nein: die Pyramide ist nicht für Teuschner erfunden worden. Das macht aber nichts, denn er hat sich eingefunden, still, heimlich, kraft einer alten Verbindung, man kann auch sagen Verbindlichkeit, die unauffällig eingelöst wurde, als es Zeit wurde, und jetzt ist er da. Ganz für sich allein hat Teuschner die Pyramide neu erfunden. Damit kommt er ihrer Idee näher als irgendeiner seiner Kollegen. Wenn er sie trotzdem verfehlt, dann deshalb, weil er Verhalten als Verfehlung konstruiert. Unter Kollegen, das müsste er, klug wie er ist, eigentlich wissen, gibt es keine Verfehlungen, allenfalls Versäumnisse, die durch die langsame, stetige Akkumulation von Verfehlungen zustandekommen.

Stattdessen hält er die Konstruktion der Pyramide für verfehlt.

  • ―Wir brauchen einen Ort, an dem unsereins ungestört buddeln kann. Was die Verwaltung da sagt, ist Märchenstunde. Die Politik braucht das.

›Die Politik braucht das‹ –: Ist sie nicht putzig, die Politik, mit ihrer Erfolgsversessenheit und ihrem wahnhaften Festhalten an obsoleten Gesell­schaftszielen? Nicht ganz, denn unterhalb der Handlungsebene spricht sie ihm aus dem Herzen. Und das ist nur obenhin gesagt, denn in Wirklichkeit … in Wirklichkeit ist Teuschner ganz Herz, rhythmisch zuckender Muskel, nicht unähnlich einer Molluske, vollgetankt mit dem Gewässer, in dem sie schwimmt und das sie durchströmt – ein Fall für Malakologen.

Das große Wir, er hält es unverwandt fest. Seine helle, singende Stimme ruft es herbei. Das Wir, bereits in der Tür, stockt, bleibt stehen, dreht sich um: ihm gilt das als Bestätigung, dass er sich auf der richtigen Bahn befindet, ein feines, bittendes Lächeln soll den Ermüdungseffekt bremsen, ohne Not, denn seine Rede ermüdet nicht, sie befremdet. Kaum einer kann sich ihr entziehen. Ihr jungenhafter Charme, ihr ohne Not werbender Gestus, ihr von keinerlei Skrupeln durchkreuzter Selbst­erniedrigungskurs, die ausufernde Sparsamkeit der Gedanken­führung, die Pointen-Springerei, die lächelnde Schamlosigkeit, das alles findet ein Publikum, es besitzt Unterhaltungswert.

Teuschner, der unterhaltsame Langweiler.

Minimum oder: Das Teuschner-Prinzip
7
Fragebogen, persönlich

Wie viele Teuschner verträgt eine Institution, ohne zu zerfallen?
Im Prinzip: beliebig viele.

Nächste Frage: wie viel von diesem Prinzip verträgt eine Institution, ohne ihren Zweck einzubüßen?
Das ist schwer zu beurteilen, es sei denn, der Zweck wäre unwandelbar ein und derselbe.

Wieviel Zweck verträgt eine Institution?

Wieviel Abweichung vom Zweck ist unumgänglich, damit eine Institution sich ›mit Leben füllt‹?

Wieviel Abweichung vom Zweck ist nötig, damit eine Institution ›auf Dauer‹ überlebt?

Wieviel Abweichung vom Zweck ist ›tolerabel‹?

Wieviel Abweichung vom Zweck verträgt eine Institution?

  • eher weniger □□□□□ eher mehr

Wie erginge es dir, wärest du bereit und willens, Teuschners Verhalten zu kopieren?

Im Prinzip: vermutlich schlecht.
Realiter: vermutlich auch.

  • schlechter □□□□□ besser
 

Ein Phlegma kommt selten allein

Apophthegmata
1

  • ―Im Grunde, sinniert Teuschner, leiden alle unter der Verkürzung der Zeit. Wer keine Zeit hat, der begeht Fehler. Die Fehler multiplizieren sich und bilden eine unübersteigbare Wand. Die Leute müssen aber, einmal im Gelände, hinüber, koste es, was es wolle. Man könnte jedem einzeln, für sich, den Rat geben, umzukehren. Aber leider lässt die moderne Zeit gerade das nicht zu. Die moderne Zeit, wir wissen es, ist pfeilförmig, sie mäandert nicht wie die Traumzeit unserer biologischen Vorfahren, über die Freund Dolittle so possierlich zu räsonieren weiß. Sie bildet auch keine Schlieren im unwegsamen Gelände, die man Entspannungskurven nennen könnte. Sie stürzt nach vorn und bringt alle ins Unglück. Die Pyramide zum Beispiel … ich will nicht behaupten, dass sie falsch konstruiert ist. Sie ist dazu konzipiert worden, Fehler zu begehen. Die Zeit, so wie sie hier herrscht, ist eine Zeit der Affekte. In diesem Bau treten sich alle gegenseitig auf die Füße. Diese ungeheure Verkürzung der Wege … du verstehst, was ich damit sagen will. Heute morgen war ich beim Rektor, nichts Besonderes, ich mag nicht darüber reden, er wollte, dass ich die Fakultät … nein, ich will wirklich nicht darüber reden, im Grunde wollte er bloß, dass ich der Fakultät in den Rücken falle, aber ich habe Friedenwanger schon informiert. Es ist ja nicht so, dass wir die dritte Stelle nicht brauchen könnten. Immerhin hat man sie uns bereits vor langer Zeit zugesagt, und Dürrobst … Dürrobst ist ein Arschloch. Ich will nicht, dass man sie jetzt der Fakultät aus den Rippen schneidet. Friedenwanger ist informiert, dass Dürrobst unserem Fach ans Leder will. Er wird mit Brettschneider reden und Brettschneider mit Argloser, von dem man weiß, dass er mehr weiß, als er zu erkennen gibt. Was dann geschieht, weiß keiner. Argloser redet nicht viel, aber er ist mit Agosch befreundet. Das sagt jetzt nicht viel, aber Agosch und Dürrobst sind einander spinnefeind. Ich glaube, Agosch bereitet eine Intrige größeren Ausmaßes vor. Frag mich nicht, worum es da geht. Ich kann es dir nicht sagen. Im Grunde könnte man Friedenwanger fragen, aber ich werde es nicht tun. Wir halten uns da besser raus…

Ein Wasserfall, dieser Mann. Es ist seine Art, der vorwärts stürzenden Zeit entgegenzuwirken.

  • ―Da misch ich mich nicht ein.
 

Klasse ist klasse

Vernetztsein ist alles
1
Die Akte Dürrobst

Zahlreich sind sie nicht gerade, die Fachartikel des Pädagogen Dürrobst. Aber in den nimmermüden Kreisen, die in der Praxis endlich vorankommen wollen, werden sie zu Preisen gehandelt, die, so flachst die halbe Fakultät, weit oberhalb der Gestehungskosten liegen. Auch hier macht sich das Unbestimmtheitsvirus bemerkbar: Soll, was Dürrobst da hinlegt, als unseriös oder vorbildlich gelten? So wenig wie Geltung lässt Nichtgeltung sich befehlen; also kann nichts ihn aufhalten. Dürrobst entspricht komischerweise dem, was ein Dichter einmal den Phänotyp der Stunde genannt hat – ein Rätsel für alle, die Tag für Tag gehalten sind, mit ihm Umgang zu pflegen, wahrscheinlich auch für seine Frau, die keiner je zu Gesicht bekam, was, immerhin, einen Strich in sein Porträt einfügt, das an dieser Stelle sonst leer bleiben würde. Draußen in der Welt laufen Studenten in T-Shirts herum, auf denen Dürrobsts grob rasiertes Antlitz prangt, selbstverständlich mit Pfeife. Ein Rätsel ist Reinentsprungenes summt Klassenfeind Argloser, der seinen Hölderlin im modischen Rucksack bei sich führt. Zu mehr lässt auch er sich nicht herab. Aber dass Dürrobst ein Entsprungener sei, dieser Eindruck hat Zeit, sich in den Gehirnen festzusetzen: ein Mem, vielfältig einsetzbar, wenngleich im Alltag gebändigt. Bleibt die Frage, woraus das Rätsel Dürrobst entspringt –
… aber vielleicht ist gerade das nicht das Rätsel, sondern die Lösung, denn entsprungen, wirklich entsprungen in des Wortes zweifacher Bedeutung, ist Dürrobst dem Dilemma seiner Generation, einer nicht stattgehabten Revolution verpflichtet zu sein und dem Anarcho-Karrierismus der ›spätkapitalistischen‹ Epoche genügen zu müssen. Er spricht nicht gern über die alten Zeiten, stattdessen repräsentiert er sie in seinem Habitus, angefangen beim kantigen Faltenwurf der Stirn bis hin zu der Art und Weise, wie er seine überraschend weich geformten Hände bewegt: staksig-herausfordernd, durch das Bewusstsein der Gegenmacht gebändigt, Abkömmling eines hager gewordenen Geistes, der es gelernt hat, Löcher in die Gegenwart zu schneiden und sie mit Einfällen zu füllen, deren gemeinsamer Nenner darin besteht, dass die Welt, falls sie sich ihrer annehmen sollte, nicht umhinkäme, ein anderes, perfekteres Aussehen zu gewinnen: Revolutionspastillen für Verständigte, vor allem im jugendlichen Alter, und Karriereansporn für Angepasste, die dem Mysterium des Erfolgs hinterherträumen.

Vernetztsein ist alles
2
Das kybride Klassenzimmer

Es gibt also, nüchtern betrachtet, zwei Dürrobst, die kaum mehr als eine vage äußerliche Ähnlichkeit miteinander verbindet: den Fakultäts­grantler und -moserer, den Geschichts­exkursianer und Geschichten-Aufwärmer auf der einen, und den smarten Bilderbuchwissenschaftler mit dem Expresszugang zu den richtigen Intuitionen in der leicht zerbeulten Jackentasche auf der anderen Seite, dessen Fans bei Fach­tagungen zum Thema Schule morgen Schlange stehen, wann immer sein Name auf der Teilnehmerliste auftaucht und begründete Aussicht besteht, dass er für eine Podiumsdiskussion auf die Bühne klettert oder gar ein Vortrags­manuskript aus dem stets von willigen Assistenten­händen bereitgelegten sandfarbenen Täschchen zieht, das, neben der Pfeife, mit seiner Person zu einer Art Markenzeichen verschmolzen ist. Dennoch handelt es sich zweifellos um ein und denselben Rebellen, einmal in den schweren, vom lichten Ambiente der Pyramide aufgehellten Erdfarben des Fakultätsrats gemalt, das andere Mal als Schwarzweiß-Icon aus der Hand eines kundigen Industriedesigners an den Szenehimmel geworfen – Figur eines kryptischen Aufbegehrens, das sich seinen Ruf hart erarbeitet hat und ihn mit sicherer Hand Gassi führt.

Dürrobst bahnbrechende Konzepte, wo immer man ihnen begegnet, setzen auf technologischen Fortschritt. Das mit beweglichen Wänden, elektronischer Tafel, Fernsehern, gemeinschaftlich zu bedienenden Taschenrechnern, individuellem Computer­zugang für unsere lieben Kleinen und allerlei digitalem Schnickschnack ausgerüstete Klassenzimmer, ein unauffällig verstaubendes Modell, gleichsam das Ur-Ei der Kreativität, steht, frei zur Begaffung, in einem mit allerlei futuristischem Beiwerk ausstaffierten Raum seines Instituts, Kollegen aus anderen Erdteilen geben einander die Klinke in die Hand, man trifft sie im Aufzug, den einen oder anderen offenbar weniger technik-affinen Zeitgenossen auch im üblicherweise leergefegten, von Frauen ohnehin peinlich gemiedenen Treppen­haus, dessen Zu- und Ausgänge nur Eingeweihte überblicken.

  • ―Führen Sie mich zu Professor Dürrobst! Er erwartet mich. Und wie heißen Sie?
  • ―Nicht von Belang. Woher kennen Sie ihn?
  • Jeder kennt Professor Dürrobst. Er ist ein bedeutender Mensch.
Vernetztsein ist alles
3
Das Maß des Prototyps ist das technisch Machbare

Dürrobsts Wissenschaft ähnelt seinem Klassenzimmer. Er baut ein, er baut aus, er baut um: auf offener Bühne, denn daraus besteht das Stück. Er selbst ist Stückeschreiber, Regisseur, Dramaturg, Beleuchter, Hauptdarsteller in einer Person.

  • ―Warum nicht in einem?
  • ―Weil es dann eng würde.
  • ―Eng ist es ohnehin.

Wer spricht so? Niemand. Es ist Flachs, gesponnen zwischen Tür und Angel, im Aufstehen oder Niedersetzen, zwischen zwei Händedrücken, Ausdruck kollegialer Ohnmacht im Angesicht einer Lichtgestalt, die den Trottelverdacht wie eine Schleppe hinter sich herzieht.

Dürrobst versteht sein Klassenzimmer als ›Angebot an die Community, das sie nicht ausschlagen kann.‹
Warum sollte sie?
Besser: Warum sollte sie nicht?
Vielleicht deshalb: Weil hinter dem Angebot ein Befehl steht. Oder: ein Imperativ. Oder: eine Hoffnung.

Vermutlich letztere.
Hingeschrieben erweist sich: das wäre entschieden zu wenig.
Eine Forderung? Aber sicher. Wer fordert? Alle. Aber: wer ist alle?
Also doch: Imperativ. Kein privater, also ein gesellschaftlicher.
Die älteste Wunde der Menschheit zu schließen, genannt Ungleichheit – hier und jetzt.
Einer tritt vor und sagt, wie es geht.

Wie es ginge, ginge es nach ihm.

Vernetztsein ist alles
4
Das Maß des technisch Machbaren ist die Gerechtigkeit

Dürrobsts Wissenschaft ist binär. Sie schaltet sich aus, solange das Fernziel aller Erziehung, das ›selbstbestimmte Miteinander‹, nur als schmaler Streifen am Horizont erkennbar ist, sie schaltet sich ein, sobald das Erkennungsmotiv des Hier und Jetzt ertönt. Dürrobst will seinen Beitrag zur Lösung des Menschheitsproblems jetzt leisten, alles andere lässt ihn kalt. Das zur Dauerschwellung angewachsene Gefühl, vor dem Durchbruch zu stehen, hat einen Dienstleistungs-Golem geschaffen, es beseelt ihn, es verleiht ihm die Kraft, selbst einen Schlaganfall wegzustecken, als handle es sich um eine missgünstige Rezension aus dem rechtskonservativen Lager.

Kleine Anfrage: Worin besteht dieser Beitrag?

Auskunft, umgehend (anonymisiert):

  1. Der Beitrag besteht in der Bereitstellung von Tools, vielen kleinen und großen digitalen Helfern mit dem Ziel, der Utopie durch praxisorientierte Lösungen ›in die Schuhe zu helfen‹. Dürrobsts von den Fans immer aufs Neue beklatschtes Motto: Auch das Fliegen musste einmal erfunden werden. Jedenfalls hilft es nicht, mit den Armen zu rudern. Unklar, ob Dürrobst für die Übernahme der Programmierervokabel (›Tools‹) in den Pädagogen-Jargon verantwortlich zeichnet – was er im Hause bescheiden verneint – oder ob sie spontan, durch Simultanzeugung, an verschiedenen Orten den Weg in die einschlägigen Publikationen fand.
  2. Jedes neu angedachte Tool wird von Dürrobsts Mitarbeitern so lange beäugt und gewendet, bis es sich einfügt in das Arsenal der Mittel, die Chancengleichheit der Lerner durch ›Inklusion‹ herstellen sollen, dem Mantra der nach Gruppen selektierenden Gesellschaft ohne Herkommen und ohne Klassen.
  3. Jetzt schlägt Dürrobsts Stunde. Er stellt nicht vor, er setzt voraus, dass alle bereits wissen, was kommt, aber aus Faulheit, Bequemlichkeit und Mangel an Verantwortung ihr Pulver trocken halten. Er, das winzige, abgehängte, ersetzbare, wieselwache, mit dem Blick für den entscheidenden Kniff gesegnete Menschen­wesen, springt in die Bresche. Er drängt: das Drängen ist die Grundform seiner fachlichen Rede. Nicht, dass er in die offene politische Arena drängte. An dieser Schranke verhält er sich auffällig still.

Dort übernehmen andere.

Vernetztsein ist alles
5
Die Hoffnung stirbt zuletzt

  • ―Natoll, scherzt Tronka, das wissen wir jetzt, aber worauf wollen Sie hinaus? Das ist doch ein völlig leeres Modell, jeder dahergelaufene Ideologe kann da hineinschreiben, was er will.

Worauf läuft das hinaus? Anders als Tronka, der beziehungslose Philosoph, ist Dürrobst wirklich. Er ist es wirklich und er ist wirklich es, du solltest es groß schreiben: ES, das Eingetragene System, das dem eingebildeten, das Tronka in seinem Kopf herumträgt und das er, koste es, was es wolle, aus sich heraussetzen möchte, mühelos den Rang abläuft, wann immer die beiden die Klingen kreuzen. Warum? Aus keinem anderen Grund als dem, dass es wirklich ist. Dürrobst, wo immer er aufkreuzt, ist verständigt: jeder kennt ihn, jeder versteht ihn, jeder versteht seine Intention, auch wenn sie, wie Tronka andeutet, leer sein sollte. Gibt es das überhaupt, eine leere Intention?

  • ―Janein, das sehen Sie jetzt verkehrt. Nehmen Sie die Brille ab, putzen Sie sie, und setzen Sie sie andersherum wieder auf! Sehen Sie: Mit den Intentionen ist das so wie mit den Spiegeleiern. Haben Sie schon mal ein Spiegelei gebraten? Man muss das heute fragen, auch diese Kulturtechnik geht verloren, wenn man nicht aufpasst. Schlagen Sie es auf und da sehen Sie gleich den weißen Rand – viel Eiweiß, viel Protein, das bedeutet vielen viel –, aber das Gelbe vom Ei, das rundet sich akkurat, das wölbt sich auf, das darf nicht zerlaufen, denn sonst gibt es Ihnen einen Stich und Sie würden das Ganze am liebsten gleich in den Abfall entsorgen. Gelingen – Misslingen, das ist das Gelbe vom Ei, darum geht es.
  • ―Zeigen Sie mir, was Dürrobst falsch macht, und ich spendiere Ihnen eine Flasche Chateau Morgue.
  • ―Wollen Sie mich vergiften? Aber ich sag’s Ihnen so. Dürrobsts Klassenzimmer mit allem pädagogischen Brimborium drumherum ist nichts weiter als Design, will sagen, es weckt Sehnsüchte, die zum Kauf anstacheln, und die, wenn sie benutzt werden, zu nichts zerrinnen. Warum? Weil es das Verlangen nach Zukunft ist, das er verkauft. Sehen Sie, diese 68er haben einen Haufen Hoffnungen geweckt und wecken sie fleißig weiter, ohne sich einen Dreck darum zu scheren, was davon überhaupt verwirklicht werden kann. Sie verkaufen Zukunft pur, jedenfalls so hochprozentig, dass jeder, der daran nippt, Gefahr läuft, sich zu vergiften. Eine gerechte Welt, was soll das sein? Sie sagen: eine Welt, in der es gerecht zugeht. Zeigen Sie mir eine Welt, in der es gerecht zugeht. In einer solchen Welt geht nichts. Zugehen heißt: Die Waage schwankt, sie neigt sich, sie neigt sich heftig, sie schwankt zurück, das Spiel geht hin und her… Packen Sie das ein, für Zweifünfzig! Darfs nicht mehr sein? Nein, heute nicht, Sie sind mir zu teuer. Ich kann mir das nicht leisten. Vielleicht morgen. Jeder Marktfritze versteht mehr von der Zukunft als Dürrobst mitsamt seinen munteren Adepten. Aber es sei ihm gegönnt.
  • ―Ach! Sie glauben an den Markt? Das hätte ich jetzt nicht…
  • ―Da staunen Sie. Sehen Sie zu, dass der Markt an Sie glaubt, um den Rest machen Sie sich mal keine Sorgen. Meinen Sie, der Markt verschwindet, wenn Sie ihn nicht mehr so nennen? Dann sind Sie bei Dürrobst richtig. Fahren Sie Schiffschaukel, viel Spaß. Willkommen im Politbüro. Aber auch da müssen Sie erstmal reinkommen. Sie meinen, das sei kein Markt?

Das ist schwach. Richtig schwach.

  • ―Dann liegt Dürrobst doch richtig. Alle glauben an ihn.

 

Die Andersheit des Anderen
ist das Fremde

Ruffmanns Erzählungen
1

Dürrobst arbeitet viel mit dem Sozialphilosophen Ruffmann zusammen. Du spürst die vibrierende Vertrautheit zwischen den beiden, wann immer Dürrobst einen von Ruffmanns Auftritten in der Pyramide moderiert. Dabei gehört Ruffmann zu den Eingeborenen des akademischen Archipels, die Technik nur durch den Schleier ausgedehnter und ziemlich haarsträubender Begriffsoperationen wahrnehmen können. Nicht im Traum glaubt er daran, dass sich Exklusion durch verstärkten Rechnereinsatz beseitigen lässt. Wohl aber glaubt er mit allen Fasern seiner Bücherseele an den Traum, den Traum an sich, den schillernden Südseetraum, in dem Sexualität, Virtuosität, Virtualität, Banalität und Machtphantasien miteinander verschmelzen, um gemeinsam die Supernova zu gebären, ein Zwischending zwischen Übermensch, Überding und energetischem Humbug, dem es obliegt, das irreduzible Phänomen des Todes ein für allemal aus den Katalogen des aufgeklärten Bewusstseins zu tilgen. Die geheimen Schwingungen einer Revolution, die nicht stattfand, haben sich bei ihm in wundersame Schwankungen des Selbst übertragen. Lade einen Ruffmann ein und du bekommst zwei.

Ruffmanns Erzählungen
2

Ist das gut, ist das schlecht? Es könnte ja, unter dem Gesichtspunkt sparsamer Haushaltsführung, eine feine Sache sein, vorausgesetzt, die beiden ließen sich auch nur annähernd unter einen Hut bekommen. Was du siehst: Dürrobst, mit beiden befreundet und vernetzt, profitiert von Ruffmann (1), dem Bühnen-Zauberer, und subventioniert dafür Ruffmann (2), den Buffet-Zauderer, dem es nicht gelingen will, soziale Duftmarken zu setzen und sie gerade dadurch setzt. Ruffmanns Bühnen-Ego fischt die Schwingungen der ferngerückten Revolution aus einem nur ihm allein zugänglichen Äther und stattet sie mit einem Kopf aus, einem imposanten Köpfchen, das wieder verschwindet, sobald der Vortragende sich unters akademische Volk mischt.

  • ―Wann erscheint eigentlich Ihr Buch?
  • ―Von welchem Buch reden Sie? Ich weiß nicht, wovon Sie reden.
  • ―Aber Sie sprachen gerade…
  • ―Ich habe in meinem Leben viele Bücher geschrieben. Welches kennen Sie denn?
  • ―Ja dann … Grüß dich, Walter. Ich komm gleich. Der Rotwein ist annehmbar. Meine Verdauung…

Denk nach: Wo hast du so etwas schon erlebt?
Die Erinnerung ist da. Doch sie will sich nicht heben.

Ruffmanns Erzählungen
3

Was einer wie Ruffmann denkt, ist nie ganz wichtig, aber auch nie ganz unwichtig. Mancher Skeptiker, der aus seinen Ausführungen nur dummes Zeug heraushört, wäre besser beraten, ihm zuzuhören und das Gehörte anschließend mit Bordmitteln durchzudeklinieren – beispielsweise den Angriff auf die Vernunft, vorgetragen mit einem erstaunlichen Aufwand an logischen Figuren und auf der Grundlage eines enormen Lektürespiegels, der durch jede einzelne seiner Erwägungen hindurchscheint, so dass sie dem beschlagenen Zuhörer im Wortsinn ›faden-scheinig‹ vorkommen muss, als ein nirgends beginnendes und nirgends endendes Gewebe von Zweideutigkeiten und Anspielungen, hinter denen eine verborgene Angst ihr Unwesen treibt.
Wäre es möglich, so scheint sie zu sagen, dass unser nobilitiertes Verstehen, unser durch Ausbildungen, Berufungen, Stellengeschiebe und Tagungsauftritte gewonnenes verbales Verhaltensprofil, weit davon entfernt, die Klassiker aufzuschlüsseln oder den Text der Kultur zu entziffern, eher dem von Radprofis gleicht, die bergauf, bergab dem Hinterrad des Vordermanns folgen, gleichermaßen bedroht vom Sturz durch Unachtsamkeit und die Erkenntnis, dass die eingefahrenen Titel und die vielerlei Gelegenheiten sich auszuzeichnen nichts weiter als Weisen sind, sich das Eingeständnis der entsetzlichen Monotonie des eigenen Tuns vom Leib zu halten?
Nun ist Monotonie eine merkwürdige Sache – relativ, wenn man auf die Vielzahl äußerst monotoner Berufe blickt, mit denen die Wirtschaft den Einzelnen in den Stand setzt, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und, wenn es an der Zeit ist, ein hübsches Sümmchen zu hinterlassen oder auch nicht –, beunruhigend angesichts der Möglichkeit, dass noch nichts geschehen ist, was den Aufbruch rechtfertigen würde, der in jeder denkerischen Gebärde steckt und das eigentlich an die Mit- und Nachwelt zu Vermittelnde darstellt. Nichts, was Ruffmann als Resultat seines nimmermüden Denkens vorträgt, ist wirklich neu. Die Studen­ten, mit ihrem untrüglichen Instinkt für Pose und Antipose, wissen das, sobald sie das erste Seminar bei ihm absolviert haben, nicht etwa, weil sie bereits wüssten, was alles vorliegt, sondern weil sie den Typus durchschauen, der ihnen seine Lektürefinessen aufnötigt.

Ruffmanns Erzählungen
4

Dem steht seine Überzeugung gegenüber, in der Philosophie des Sozialen, anders als allgemein angenommen, sei noch alles offen: alles wohlgemerkt (dabei hebt er die hohle Hand), weshalb er hier und da an den Stellschrauben der gängigen Theorien dreht und den einen oder anderen Schalter umlegt, um dadurch Kippeffekte zu erzielen wie zum Beispiel den, dass er das vielberufene Programmwort Den Anderen denken zum ›Skandalon‹ stilisiert, da Andersheit nur innerhalb ein und desselben Systems möglich sei. Der Fremde sei gerade kein Anderer, sondern ganz und gar fremd und insofern undenkbar.

Ruffmanns Erzählungen
5

Ruffmanns Trick (der Trick des Philosophen, der weiß, wo es langgeht) ist die Zweiteilung. Das beginnt mit dem einfachen Handwerkszeug des interpretierenden Denkens, dem »einerseits-andererseits«, dem »Baudrillard sieht hier... übersieht aber«, »wer an dieser Stelle nicht überzeugt ist, dem sei empfohlen...«, »Kant weiß ganz genau, aber er kann nicht zugeben...«, »folgen wir Sokrates-Plato auf diesem Pfad, so sehen wir uns unvermittelt allein gelassen...«, es steigert sich in Wendungen nach dem Muster »wie wir noch sehen werden, werde ich aber der Auffassung sein« (ja, wir werden sehen, falls wir Ihnen folgen werden, eigentlich gefolgt haben werden – oder doch einfach sind?) und es zeigt sich dem, der zu lesen (oder zu hören) versteht, im gleitenden Unter­schied zwischen einer interessierten und einer uninteressierten Lektüre, vorgetragen in Worten, die säuselnd daherkommen und nichts außer Anerkennung zu atmen scheinen. Dennoch ziehen sie eine klare Grenze zwischen dem, was in Betracht kommt und dem, was nicht in Betracht kommt, mag es noch so gewichtig auftreten und sich in die klügsten Gedanken kleiden.

Wichtig sind Platon und die Idealisten, wichtig ist ›der ganze Kant‹ mit seiner Transzendentalisten-Gefolgschaft, wichtig der angelsächsische Empirismus samt sprachanalytischem Wurmfortsatz und manches andere mehr.

Aber sie kommen nicht in Betracht.

 

Ruffmanns Erzählungen
4

Du hast ihn gesehen –

im Hof des Teatro Olimpico, neben ein paar Nymphenresten und einem ihm zur Gänze unähnlichen Sokrates – nicht den realen Ruffmann (den sowieso), sondern sein in Stein gehauenes Urbild, den Ruffmann ›avant la lettre‹, wie er selbst das ausdrücken würde, weil er davon überzeugt ist, dass erst die Schriftform den Dingen Kontur und eine gewissen inneren Halt verleiht, der also, genauer untersucht, weder innen noch Halt ist, sondern eine Form des Befremdens, das sich im Weiterschreiben beruhigt, jedoch weiterhin ein leises Beben in den Buchstabenreihen unterhält.
Angenommen, ihr – du, Ruffmann und Dürrobst – wäret selbdritt die Steinreihen entlang geschlendert:
»Was haben wir denn da?« hätte Ruffmann vermutlich, leicht verwundert ob des ihm unversehens vorgehaltenen Spiegels, zu Dürrobst hinübergesprochen, und sich selbst geantwortet: »Einen aus der Klasse der Faunartigen, ein Individuum, zweifellos, sehr beredt, denn es spricht Lateinisch, doch in welchem Medium? Im Medium des Steins, an dem sorgfältig alles weg­gehauen wurde, was nicht als sprachtauglich gilt. Die Frage ist, ob es noch immer gilt. Ein heutiger Künstler würde mit Sicherheit mehr weghauen, aber wäre das dann noch Latein?«
Und Dürrobst, dessen sprachliche Gewandtheit mit der des Kollegen mitnichten mithalten kann, obwohl er sich viel auf sie einbildet, hätte geantwortet: »Das ist das Schöne am Stein: er braucht keinen Native Speaker. Ein klassisches Beispiel für messbare Barrierefreiheit. Was soll’s? Wir sind besser.«

Ruffmanns Erzählungen
7

Was in Betracht kommt…
…ist die Frucht gewisser Denkverläufe, die eher Duftstrecken gleichen als der ›Arbeit des Begriffs‹, obwohl gerade diese Arbeit in ihnen ›vorgeführt‹ wird, als handle es sich um Schaltvorgänge im Inneren eines Maserati, der jenseits aller profanen, den Durchschnittsfahrer gängelnden Geschwindigkeits­begrenzungen einsam dem Ziel entgegenzieht.

  • ―Fremdheit hebt sich auf, sobald der / die Fremde den gemeinsamen Raum betritt: mit eigentümlich unerheblichen Sätzen wie diesem fährt Ruffmann Erfolge ein, die Dürrobst brennend interessieren, weil er hier den eigentlichen Schlüssel zur Problematik der Selbstbestimmung wittert.
  • ―Wie kann es sein, dass ich meine Sexualität selbst bestimme, wenn ich sie als ›anders‹ empfinde? Sollte ich sie nicht eher als fremd empfinden? Bedarf ich dazu des Fremden? Gruppentheoretisch gesehen, steht der Fremde jenseits der Exklusion: um ausgeschlossen zu werden, müsste er bereits erkannt sein. Meine – mir selbst fremde – Sexualität und der Fremde korrespondieren also miteinander, sie senden auf einer Wellenlänge. Der Fremde existiert jenseits von In- und Exklusion, er ist das Ferment der Veränderungen, die unaufhaltsam ins Haus stehen. Das muss bedacht werden.

Da sitzen sie, ein wenig abseits der übrigen Kollegenschaft, der eine alle drei Minuten sein Pfeifchen anzündend, der andere im gleichen Rhythmus seine angebrannte Zigarette in den Aschenbecher stopfend, und sinnieren einer Sexualität nach, die ihnen mit jedem Wort sowohl konkreter als auch ferngerückter erscheint, bis hinter der Wolke aus Fremdheit der Schimmer eines vertrauten Gedankens auftaucht:

  • ―Darüber müsste man weiter nachdenken.

Ruffmanns Erzählungen
8

Ist Ruffmann ein Häuptling?
Er will es sein, soviel ist klar. Aber wirkt er auch so? Er wirkt wie einer, der sich seiner Wirkung nicht gewiss ist und deshalb nachlegt – also eitel.
Ruffmann ist eitel. Aber das bedeutet nichts.

Bedenke:
Das Drama der erst vertauschten, dann rollenden Köpfe, das vor aller Augen abläuft (wie Regen an der gläsernen Pyramiden-Haut).
Zwei Köpfe in einem.
Ein Kopf in zweifacher Ausfertigung.
Ein Kopf, in dem der andere nach vorn drängt, wenn der erste dran ist.
Der Kopf eines Häuptlings, den keiner braucht.

Wie lässt sich das erklären?
Einfacher wohl, als du denkst. Also schalte das Denken ab, lehne dich zurück, schließe die Augen, schau dem Treiben zu. Nun gut, einfach ist das auch nicht. Aber es geht.

Wie du siehst:
Dieser Mann ist kein Hochstapler. Er will gern hoch hinaus und unwillkürlich stapelt er tief. Seine Thesen, auf den Kern reduziert, wirken einfach und klar. Sein Vortrag hingegen wirkt wie von Skepsis zerfressen. Dahinter steckt eine Geschichte. Sie will heraus, aber die Haut des Philosophen gibt sie nicht frei.

Zug um Zug:
Die Revolution, die nicht stattfand, hat seine Züge demoliert. Dieser Mann will, als Veränderer, einer sein, der die Veränderer ändert: als Enthusiast Skeptiker, als Skeptiker Enthusiast. Vormittags Philosoph, nachmittags Feigling.

Darüber hinaus, nächster Zug:
Einer, der mit den Frauen geht. Das erklärt sich von selbst, aber es birgt ein Problem. Ein lästiger Zeitgenosse, mit und ohne Fragezeichen. Wie schreibt sich das? Fast von selbst, fast von selbst. Es schreibt sich ein.

Ruffmanns Erzählungen
9

Zu sagen, Ruffmann sei ein häufig gesehener Gast in der Pyramide, wäre zwar richtig, würde aber nicht entfernt den labyrinthischen Bezieh­ungen gerecht, die er in sie hinein unterhält. Nicht allein Dürrobst bedient sich, wann immer es sein muss, der von ihm mit prompter Verlässlichkeit gelieferten Denkfiguren sowie, sagen wir, eines gewissen vermittelnden Talents, das er unter der Tarnung des philosophischen Biedermanns auszuspielen weiß, sobald geschmeidige Prinzipientreue angesagt ist. Dem einen oder anderen Fach hat die leicht schleppende Rede des Philosophen bereits aus der Verlegenheit geholfen, seine weitere Pyramiden-Existenz angesichts der ›gemeinsam anzugehenden Zukunfts­aufgaben‹ rechtfertigen zu müssen – eine nervenaufreibende, stets aufs Neue drohende Aufgabe, da die Haushaltsmittel knapp sind und die Verteilungskämpfe zunehmen.

Die Geisteswissenschaften registrieren es dankbar. Sie ›stehen auf dem Prüfstand‹, sie sind gehalten, ihre ideologisch unbotmäßigen Teile abzustreifen und sich ›neu zu definieren‹: wie, das ist ihnen einerseits selbst überlassen, andererseits irgendwie aufgegeben – was daraus ersichtlich wird, dass keineswegs jeder ihrer Vorschläge grünes Licht erhält, so dass die Murmel, nachdem sie lange gekreist ist, am Ende doch in das vorgesehene Loch fällt.

In dieser historischen Phase kommt Ruffmann die Rolle des Katechon zu, des Aufhalters, dessen, dem auf wundersame Weise, was fällt, an den Händen klebt – zur Zufriedenheit aller Betroffenen, die sich gar nicht erklären können, wie das zugeht. Ruffmann selbst verkündet am Schluss seines Vortrags, in eine launige Nietzsche-Parodie verpackt, sein kleines Geheimnis:

Ja ich weiß, wovon ich spreche.
Wenn ich mir den Kopf zerbreche,
mir die Haare raufe, meine
Ohren mir verstopfe, beide
Augen auf den Boden richte:
schlicht erfinde, wo ich schlichte –
Schlichter bin ich sicherlich.

 

Ruffmanns Erzählungen
10

Einsam wirkt Ruffmann nicht. Vermutlich langweilt er sich nicht einmal, wenn er zum tausendsten Mal ›seinen‹ Derrida zu Rate zieht, wenn er ›seine‹ Deleuze, Guattari, Baudrillard, Serres, Chemenez mit glänzendem, rotweinsüchtigem, gelegentlich auch bierfeuchtem Blick umfängt. Obwohl … zu manchen Zeiten deutet er an, dass Bollenreiter, der verrufene, einst von alliierten Zensoren aus dem Verkehr gezogene Bollenreiter, immer wichtiger für ihn werde, »nicht der frühe, den alle kennen, sondern der späte, den niemand liest«. So ist der Skandal, der im Denken des Anderen steckt – die Verkennung des Fremden als Fremden –, nicht einfach ein Skandal, sondern ein ›Skandalon‹ wie die Erscheinung Christi im Feld der Messiasgläubigen, ein Ärgernis, das zum Eckstein wird, weil gerade aus dem Verkennen die Struktur hervorsticht, ›sub specie derer‹ das Erkennen bestimmbar wird als ›das, was es wäre‹.

So schreibt Ruffmann und so redet er auch, jedenfalls näherungsweise, sobald er die Bewohner der Pyramide ins Gebet nimmt, um ihnen die eine oder andere unangenehme Neuerung durch ein gleisnerisches Gewoge eine Zeitlang vom Hals zu schaffen.

 

Spieglein, Spieglein an der Wand

La bellezza del corpo
1

Quel tetto esorbitante –

Hiero, diese Ratte, kennt Ruffmann. Er kennt ihn nicht bloß, sondern er mag ihn nicht (um das Mindeste zu sagen), er vibriert vor Abneigung, als er auf ihn zu sprechen kommt, ein Zug, der dir neu ist. Sollte etwas am Sklaventum dieses jungen Mannes nicht in Ordnung sein? Sklaventum ist niemals in Ordnung, insofern: passé. Oder nicht? Er hält Ruffmann für schwul, jemand hat es ihm gesteckt (in seine Sprache übersetzt: das weiß dort, d.i. an seinem Institut, jeder), unklar, welche Rolle das für ihn spielt (wie es scheint, eine mächtige), er bezeichnet ihn als Blender, als Null, philosophische Lusche, einen Anachoreten des Nonsens, es scheint, als müsse er alle Kraftausdrücke, die sonst ungenutzt in den Ecken seines weiträumigen Karrieretraums herumliegen, im Verlauf einer einzigen Attacke verballern, noch dazu einer, für die es keinen Grund gibt, da ihm Ruffmann bisher kein Härchen gekrümmt hat. Es sei denn … es gilt viele Es sei denn zu berücksichtigen, nähert man sich diesem Hieronymus ohne Gehäus, der Momentaufnahme einer Nacktschnecke beim Überqueren der Straße, stets in Gefahr, überfahren zu werden – sie nennen ihn, in seltsamer Verkürzung (Verken­nung?), ›Hiero‹ – als manifestiere sich in ihm eine Kraft, die irgendwo vom Weltzusammenhang berücksichtigt werden müsse, sofern es dort draußen auch nur annähernd mit rechten Dingen zugeht, was nicht sicher, aber auch nicht überzeugend zu widerlegen ist.

La bellezza del corpo
2

Was missfällt Tronkas Hilfskraft an Ruffmann? Dass er dort steht, wo er selbst gern stehen würde? Denkbar wäre es. Und es würde tief blicken lassen, vor allem bezüglich des Preises, den er für dieses Ziel zu entrichten bereit ist. Die Art, in der dieser junge Mann Tronka die Schleppe nachträgt, lässt den Tatbestand der Selbstverstümmelung, akut oder virtuell, in den Bereich des Möglichen treten:
Kann es sein, dass er Ruffmann für etwas hasst, was er an sich selbst kennt, aber unterdrückt? Dieses Etwas…
… könnte es, abseits aller Konkurrenz der philosophischen Schulen, etwas sein, was sich im Körperlichen manifestiert?
(Achtung Falle: damit willst du nicht etwa sagen, Hiero sei ›homosexuell veranlagt‹ und verpasse gerade sein Coming out. Hiero ist non-homosexuell, seine homosexuelle Komponente, falls sie existieren sollte, ist ausgeschaltet, ein toter Fisch, treibend in einem Graben des Schweigens, ein Bespringer des Weiblichen, wann immer es sich darbietet, ein eitler Hetero… Warum so aggressiv? Weil du ihn gesehen hast. Es läuft alles aufs Sehen hinaus.)
Ruffmanns Haupt, nicht so durchziseliert wie das des vom Fernsehen getesteten und als allzu filigran fallengelassenen Philosophen Dassler, aber von antiker, eine provenzalische Herkunft denkbar erscheinen lassender Grandezza – recht, also im Spiegel des Selbst betrachtet, was wäre es anderes als die ideale Folie für das Selbstbild eines im Studententum steckengebliebenen Doktoranden, von dessen Arbeit bereits gemunkelt wird, sie übertreffe an Dichte und Umfang manche am Institut entstehende Habilitationsschrift, hinter der die Wonnen des ›Rufs‹ winken? Schon das Munkeln an sich ist gefährlich, es deutet auf kaum mehr behebbare Asynchronien in einem kaum begonnenen Lebenslauf.
Dieser Hiero, auch du weißt es, ist ein Fall für sich.

La bellezza del corpo
3

Der Philosoph und der Doktorand… Wo sollten sie einander begegnen, wenn nicht im Spiegel des Doktoranden? Du kennst den jungen Mann nicht, nicht gut genug jedenfalls, um zu beurteilen, was in seinem Inneren vorgeht. Aber beinahe unaufhaltsam zieht es dich vor seinen Spiegel, dorthin, wo seine Gesichtszüge, kraftvoll, doch ein wenig derb von Natur, durchlässig werden, semi-transparent, so dass die dahinter liegenden Modelle erscheinen können, eins nach dem anderen, eins ums andere, eins gegen das andere, drängelnd, schubsend, ruckelnd, doch schließlich klärt sich die Fläche und das Bild nimmt ruhige, fast majestätische Züge an.
Nimm mich, sagt das Modell (es handelt sich um Modell C, eigentlich C-12, aber das ist hier vernachlässigbar). Du wirst kein anderes finden, mit mir kannst du dich ohne weiteres messen, du verlierst nichts, es sei denn, du wirst es, oh Wunder, in mir wiederfinden, gesteigert vielleicht, ganz sicher gesteigert, ein wenig formvollendeter hier und dort, ins Edle gehoben … glatt könnte es passieren, dass deine Züge zu fließen und wir ganz natürlich zu verschmelzen beginnen, deine Züge und meine, dein Spiegel-Ego und ich, die Maske des Erfolgreichen. Das könnte schon passieren.
Doch während wir noch darüber sinnieren, geschieht etwas Neues. Nennen wir es den Prozess der unvermeidlichen Abstoßung. Ich verstehe ja, dass dein Gesicht, dieses gewachsene Ensemble, sich dagegen wehrt, kassiert zu werden – darauf läuft es schließlich hinaus, sollte auch der eine oder andere Fetzen des Originals erhalten bleiben –, natürlich wäre das nur natürlich, keine Frage – ich verstehe und respektiere, was sich da regt, dabei geht gerade der Respekt vor mir verloren, es fehlte nicht viel und du spucktest mir … aber halt, das wäre ja dein Gesicht, das du da anspucken müsstest. Deshalb wird aus der Spuckerei nichts.
Daraus wird nichts, sage ich dir, und ich weiß, wovon ich spreche, schließlich bin ich die Speisekarte all der Höhen und Tiefen, die du soeben durchwanderst, nur dass in meinem Fall … wie soll ich es sagen? … höhere Umstände walteten, eine leichte Häufung von, wie soll ich es ausdrücken, Zufälligkeiten, etwas, was dir schon länger abgeht, so dass dich diese Abwesenheit langsam zu zeichnen beginnt… Sieh es an, dein Gesicht! Es ist nicht gut, mit einer Arbeit promovieren zu wollen, die den Häuptling verrät, schließlich bist du keiner und es kommt dir folglich nicht zu, wie einer zu schreiben. Hier, dein Gesicht: zu fleischig, wenn du verstehst, was ich meine, zu wenig durchgearbeitet, aber gleichzeitig zu stark, zu heftig, wenn du verstehst, was ich meine, das fleischgewordene Ressentiment gegen mich, das ruhige, genarbte, gekerbte Antlitz des unausbleiblichen Erfolges.

La bellezza del corpo
4

So spricht Modell C-12, einer der munteren unter den sprechenden Köpfen, die den Spiegel bevölkern – unter allen offenbar gerade derjenige, auf den sich der Hass des Adepten entlädt, der Hass und der Frust und das beklemmende Gefühl der Fremdheit in einem System, das bis in die feinsten Verästelungen hinein auf Verständigtsein beruht. Zweifellos hängt das an der einfachen Art, in der Ruffmann da ist, sobald er die Pyramide betritt, während der kleine Hieronymus, wie es ihm vorkommt, einfach nicht da ist, sooft und solange er in ihr ein und ausgeht. Diese Welt ist nicht für Helden gemacht, sie bietet keine Lebensläufe für Helden an, ein Hero out of the Box, der das Schicksal zwingen möchte, weil er den großen Denker in sich fühlt, kann nichts weiter als unglücklich werden. Ruffmann beansprucht keine Sekunde, ein großer Denker zu sein. Dennoch sonnt er sich in der Pose, nein, in der Rolle des großen Denkers, sooft sie ihm angetragen wird. Er weiß: wenn die Pyramide ihn ruft, dann braucht sie ihn auch. Entsprechend vertraut er darauf, dass, wann immer er sich einfindet, auch die Staffage stimmt. Das strafft seinen Gang, lässt die Schultern breiter, das Haupt höher erscheinen, ganz so, als habe ein Strahl der Sonne Homers ihn getroffen und Zeus selbst ihm das zum Anlass passende Aussehen verordnet:

Zu den rühmlichen Bundesgenossen
Ging er mit lautem Gejauchz, und allen den Männern erschien er
Strahlend im Waffengewand des hochgemuten Peliden.

Hiero wiederum starrt bloß auf den Unterschied. Er kennt den Alltags-Ruffmann und fällt angesichts der Inszenierung jedesmal aufs Neue aus allen Wolken:

  • ―Das darf doch nicht wahr sein.

Natürlich darf es das.

La bellezza del corpo
5

Ob Ruffmann Hiero kennt? Es heißt, auf einer von Leckebuschs Garden Parties hätten sie die Klingen gekreuzt – das mag sein, das kann sein. Es bedeutet nicht, dass Ruffmann weiß, wer der junge Mann ist, der es gewagt hat, sich mit ihm zu messen. Er wird ihn aber im Fall der Fälle im Gedächtnis behalten haben und, sollten sich ihre Bahnen ein weiteres Mal kreuzen, mit der Zuverlässigkeit eines Uhrwerks dafür sorgen, dass der junge, irgendwann nicht mehr so junge Mann keinen Stich bekommt. Name und Statur, verbunden mit einer Rest-Emotion im Gedächtnis eines Mächtigen – mehr braucht es nicht, um eine Karriere zu vernichten, es sei denn, die Macht des Mächtigen bricht sich irgendwo an der eines potenten Gegenspielers.
Sicher wäre eine Ahnung von solchen Zusammenhängen in Hieros dumpfes Ressentiment eingegangen, vorausgesetzt, die Geschichte hätte sich tatsächlich zugetragen. Eine Ahnung, mehr nicht, unterspült und beiseitegeschoben durch das Unbetroffensein des Angehörigen der Nachfolge-Generation, der sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, die hitzige Männer-Konkurrenz, die in ihm tobt, könnte ihr tückisches Widerspiel im Bewusstsein des Erfolgreichen besitzen. Stattdessen strafft und reckt sich sein Körper. Das weniger edle, weniger durchgeistigte Haupt löst sich aus der Umklammerung durch das ältere und Kraft durchströmt Hiero, wilde, ungeduldige Kraft, ihresgleichen im Spiegel suchend und nicht findend, nicht finden könnend, weil alles, was sich dort finden ließe, als bloßer Bewusstseinsspuk verblassen muss vor dem physischen Gesetz der Generation, das alles weitere sich zu unterwerfen weiß.

La bellezza del corpo
6

Woher der Hass? Welche geheimnisvolle Instanz, vermittelt durch flüchtige Bilder, die nichts zu bedeuten haben, bindet den Jüngeren an den Älteren, der seiner Wege geht, ohne den Schatten zu wissen oder auch nur zu ahnen, der ihm nachhuscht, sich vor ihm in den Winkeln und Schatten des Riesenbaus verbirgt und ihn keine Sekunde lang aus Auge und Gehör entlässt, solange der Besuch andauert, bis sein Schritt im weitläufigen Foyer verhallt? Kein Zweifel, das klingt nach einer waschechten Fixierung, ein zufällig befreundeter Therapeut dürfte an dieser Stelle sein Haupt zu wiegen beginnen, ein Meer aus wachsamen Häuptern könnte in strudelnde Bewegung geraten … und wirklich hätte Ruffmann im unreifen, noch unausgefüllten sozialen Imaginarium des Jünglings nichts zu suchen, erregte nicht gerade das Abziehbild dieser disponiblen Persönlichkeit ein frühreifes Wissen von den allzu engen, die mythische Vorstellung einer Gummizelle nicht wirklich abstreifenden Grenzen geistigen Abenteu­rertums unter den allgegenwärtigen Bedingungen von Effizienz und Autorität.

 

Zwischenbilanz im Nadelöhr

Annäherung an einen Entschluss
1

Tja..................

Es geht darum sich zu behaupten, oder?

Wer sich behauptet, kann alles behaupten..................

.................. von sich sowieso und von allem anderen auch, jedenfalls eine Zeitlang, bis die anderen der Sache überdrüssig werden und ihre Behauptungen gegen einen kehren..................

.................. so ähnlich jedenfalls, denn es ist schon erstaunlich, was ihnen alles auffällt, sobald der Einzelne erst einmal seinen Kredit verbraucht hat.

Nie ohne meinen Kredit.

Pflege deinen Kredit.
Annäherung an einen Entschluss
2
Nachtgedanken. Die Pflege der Wissenschaft
gebiert die Wissenschaft der Pflege

Erstens
In der Wissenschaft ... sind alle Nullen oder Einser, das heißt Projekte­macher. Das ist normal. Das System ist darauf angelegt, aus den Einsern Gewinn zu ziehen und sie daher, wo immer es geht, zu begünstigen, auch für den Fall, dass, quantitativ betrachtet, die Nullen in der Überzahl sind.

Zweitens
Allein die krasse Null (T0 = Teuschner) könnte dem System gefährlich werden. Doch damit ist nicht zu rechnen. Krasse Nullen sind Einzel­fälle. Solange das so bleibt, wirkt das Ganze überzeugungsfähig und, vor allem, über­zeugungs­willig.

Drittens
Die Pyramide jedenfalls, sieht man einmal davon ab, dass auch sie als ein Projekt im Raum steht, das vorangebracht werden will, ist kein Einzelfall. Nur der Gruppenzwang ist höher als erwartet. Das wirkt sich aus und schafft Projektraum.

Schreib das auf.

(Im Dunkeln reflektiert ihre spiegelnde Haut das Licht der Sterne, als strebe sie ihnen zu oder als sei sie bereits unter sie versetzt. Du umkreist sie an den Abenden, an denen dir dein Beruf nachgeht. Du suchst eine Aufgabe, die dich nicht ausfüllt, dies aber mit Haut und Haar. Die ›Erschaffung des Sozialen‹ ist keine kleine Sache, fast zu groß für eine experimentierende Seele in einem Gewimmel, in dem die Zahl der Projekte in die Tausende geht. Was du brauchst, ist ein Markenzeichen, unter dem sich Mittel beziehen und vertretbare Ergebnisse in die Welt setzen lassen.)

Ergebnisse?

... Ergebnisse eben, keine Mutmaßungen oder unbeweisbaren Spekula­tio­nen, keine Philosophie à la Ruffmann, die zwischen den Welten chargiert, eher etwas, das sich sehen lassen kann. Handfeste Ergebnisse, belast-, verwertbar, für was auch immer. Am besten solche, deren Verwertbarkeit offen an ihrer Stirn angeschlagen steht, die also unmittelbar in die Ver­wertung übergehen, die Schwelle vielleicht bereits im Entstehen über­schreiten und die Gesellschaft verändern, während sie noch Laborcharakter besitzen.

Das wäre doch etwas.

Annäherung an einen Entschluss
3
Positionspapier
Worin wir uns einig sind

(1) Alle bisherigen Menschheitsbewegungen sind daran gescheitert, dass sie irgendwann die Massenbasis verloren oder – was wohl der häufigere Fall gewesen sein dürfte – erst gar nicht gewannen, die sie benötigt hätten, um die Veränderungen ins Werk zu setzen, von denen ihre Anhänger träumten.

(2) Es existiert nur eine Macht, welche das Leben der Menschen kontinuierlich – kontinuierlich! – verändert, ohne sich durch Mehrheitsverhältnisse aufhalten zu lassen.

(3) Diese Macht ist die Technik.

(4) Je umfassender Grundlagenwissenschaft und Technik miteinander verschmelzen, desto effektiver lassen sich die allgemeinen Lebens­verhältnisse modellieren (und schlussendlich auch gestalten).

(5) Alle Forschung und Lehre ist gesellschaftliche Praxis. (Gemeinplatz, der Vollständigkeit halber aufgeführt.)

(6) Alles Grundlagenwissen ist sozial. Will man wirkliche Ände­rungen durchsetzen, die das wirkliche Überleben der Gattung erfordert, wird es sich als unumgänglich erweisen, Wissenschaft mit aller Konsequenz und in all ihren Verästelungen als Sozialtechnologie zu interpretieren (Rückwirkungen auf die Förderpraxis inbegriffen).

(7) Voraussetzung: Die Wissenschaft von der Gesellschaft macht vor keiner Disziplin und vor keinem Sachverhalt Halt. SoWi ist Vorschaltdisziplin.

(8) Dieser bereits gut in den Köpfen der ›Entscheider‹ verankerte Gedanke lässt heute Entwicklungen als durchführbar erscheinen, die jenseits des Vorstellungsvermögens der Normalbevölkerung liegen. Dem ist an allen Fronten nachzugehen.

(9) Hier liegt die Massenbasis der Zukunft. Es bedarf keiner anderen. (Leben als Ausfluss von Wissenschaft. Diese Bemerkung kann als verstörend gestrichen werden.)

 

*

  • ―Hast du das geschrieben?
  • ―Ja.
  • ―Schämst du dich nicht?
  • ―Nein.
  • ―Warum nicht?
  • ―Weil es keinen Zweck hat, Wirklichkeit mit Scham zu begegnen.

 

(Aufgeschnappt. Könnte von dir sein.)

Annäherung an einen Entschluss
4
Sozialtechnologie
(Meditation)

Sie mögen das Wort nicht, es ist ›verbrannt‹. Wie viele verbrannte Wörter gibt es in der Sprache der Ruffmanns, Friedenwangers, Dürrobsts? Fünfzig? Hundert? Zweihundert? Vergeblich die Mühe, sie zählen zu wollen: sie sind einmal dies, einmal das. Auch ›verbrannte‹ Wörter gehören zum Sprachschatz der Genormten; nur im Mund des Gegners zerfallen sie zu Asche. Dieses aber gehört zu den wenigen, deren Schwärze zu flimmern beginnt, sobald sich das Augenmerk darauf richtet. Du solltest ein Wörterbuch anlegen, Titel: Feindwörter.

Dabei gebrauchen sie es dauernd. Im Umgang mit den Studenten lassen sie es wie ›Massenmanipulation‹ klingen und deuten mit spitzem Finger auf die Steuerinstrumente der ›liberalen Ordnung‹ (sc. Unordnung): angefangen bei den theoriegetränkten Wattebäuschchen, mit deren Hilfe die Informationsindustrie, also Fernsehen, Radio, Kino, Zeitungen, therapeutische Einrichtungen, Schulen, Kindergärten usf., die zur Operation vorgesehenen Organe betäubt, über die Mittel der Durch­führung, also die Bereitstellung von materiellen und psychologischen ›Überbrückungshilfen‹ bei Massenentlassungen, mehr oder weniger zielführende Schulung zur Erhöhung der beruflichen Mobilität, ›Anreize‹ zur Beeinflussung des Konsumverhaltens, der Partnerwahl, der Stimmabgabe, des Fahrverhaltens, des Immobilienerwerbs... Schluss­endlich den Sozialstaat selbst, an dessen Ambivalenzen die Geister sich scheiden.

Der Sozialstaat, eine erfahrungsgesättigte Konstruktion wie der ›tiefe Staat‹ der Geheimdienste, die ›Bürgerrepublik‹ der Gesinnungs­demokraten oder die ›Intellektuellenrepublik‹ der Eingebildeten: ein Ideenfänger, dessen Realitätsgehalt sich an den Staatsausgaben für Wohl- und Talfahrt der ›sozial Schwächeren‹ bemisst. In ihm liegen, wie auf einen Kehrichthaufen zusammengeschoben, die Überreste all dessen beisammen, was früher einmal soziale Revolution hieß und ... wie war gleich das Wort? ... Emanzipation der Massen.

Runterquatschen, bis es einem gehört – oder zumindest aufs Wort folgt –. Auch das ist schließlich: Sozialtechnologie, eine der ältesten überhaupt, Bewusstseinstechnik vom Feinsten, eine urtümliche Form der Aneignung, als Wissenschaft getarnt...

Warum so böse? Denkst du nicht gerade so? Wie auch anders? Wie anders?

Annäherung an einen Entschluss
5
Sei's drum. Du brauchst ein Projekt

Dein Projekt, falls du dich darauf einlässt, sollte beides umfassen: eine Interpretation der Vergangenheit und die Versorgung der Gegenwart mit ... Zukunftsstoff, also dem Zeug, das ihr am sinnigsten eingeht. (Dieselben Leute – i. e. Wissenschaftler, als ›Leute‹ betrachtet –, die den nächstliegenden Tendenzen mit Scheuklappen begegnen, lieben Zukunftsstoff, von einer Handvoll Vordenker angeliefert und überall dort verbaut, wo man die Wichtigkeit der eigenen Vorhaben herausstreichen möchte.)

Was hast du vor? Willst du in die Klasse der Vordenker eintreten?

Sicher nicht.
Warum nicht? Was daran wäre ehrenrührig?
Nichts. Es ist eine Ehre.
Was also spricht...
Dagegen? Nichts.
Eigentlich nichts.

Vordenker: ein Mensch, der vorausdenkt. Also jeder.
Ein Mensch, der anderen vorausdenkt. Da liegt der Unterschied.
Ist er schneller? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Vielleicht ist er langsamer als andere.

Wie das?
Wer schneller als andere denkt, kommt vielleicht schneller ans Ziel. Fragt sich nur, an welches. Ist es denn auch das Ziel der anderen? Falls ja: Was haben sie davon, dass du schon da bist? Wie lange brauchen sie, um nachzukommen? Vielleicht biegen sie vorher ab und du hast das Nachsehen? Falls nein: Was nützt es, sein eigenes Ziel erreicht zu haben, wenn es, außer deinem, niemandes Ziel ist? Sozial gesprochen, also mit Blick auf die anderen?
Nicht viel.

Ein Führer der Unentschlossenen muss langsam sein, denn er muss einsammeln, er muss stark sein, denn er muss Widerspruch aushalten, er muss kriegerisch sein, denn er muss Feindschaft gestalten, er muss versöhnlich sein, denn er muss Fünfe gerade sein lassen, sobald es die Sache erfordert, er muss unversöhnlich sein, denn er muss jeden ausschließen, der sich der Sache in den Weg stellt oder ihr aus Versehen in die Quere kommt.

Kannst du das?
Nein.

Annäherung an einen Entschluss
6
Ein Experimentier-Set, genannt Fu

Ein unvollendeter Denker, einer, dem die Geschichte etwas schuldig blieb – einen Beweis der Richtigkeit seiner Thesen, der Machbarkeit seiner Vorschläge –, so ein Denker, ausgebuddelt aus dem Schutt des Gewesenen und nach langem Nachdenken für das Projekt ausgewählt, ist für vielerlei gut:

  1. Er verfügt über einen Namen.
  2. Er liefert Vorgaben.
  3. Er reizt das Verstehenwollen.
  4. Er schafft Deutungsprobleme.
  5. Er bringt seine Anhänger mit.
  6. Er provoziert Stellungnahmen.
  7. Er lenkt die Gegner auf Abwege.
  8. Er lässt Träumer träumen.
  9. Er öffnet Augen.
  10. Er öffnet Geldquellen.
  11. Er erschließt Kontexte.
  12. Er beschäftigt Mitarbeiter.
  13. Er erlaubt Metastasenbildung.
  14. Er motiviert Jünger.
  15. Er stimuliert die Eitelkeit von Komparsen.
  16. Er erzeugt Kraftfelder.
  17. Er bringt die Phantasie an die Hebel der Macht.
  18. Er befördert den Glauben an die Machbarkeit von Geschichten.
  19. Er lässt Interpretationsräume wachsen.

Annäherung an einen Entschluss

Das alles: fu (fast umsonst).

Charles-le-Fou

Wie lange muss einer ausharren,
bis die Welt sich seiner erinnert

oder Teile seiner unermesslichen
Arbeit zur Kenntnis nimmt

dazu bestimmt, die Leiden der Menschheit
ein für allemal zu beenden – und zwar
aus einem Punkt.

Starr blickt die Nachwelt ins Licht dieser kalten Sonne
die niemandem schien. Nur ein paar Erleuchtete
die ihrer nicht bedurften, fanden es nützlich,
ihren Witz daran zu üben. So retteten sie ein Werk
über die Zeiten, dessen schwierigerer Teil lange Zeit
dazu verurteilt schien nicht zur Ausführung zu gelangen.

Revolution
zwecklose öffentliche Erregung,
in deren Folge einige Köpfe rollen und einige
radikale Beschlüsse gefällt werden, während die wirklich wichtigen
Entscheidungen, von denen das alltägliche Wohlergehen der Menschen abhängt,
verborgen fortbestehen oder sogar durch solche ersetzt werden,
die den öffentlich verkündeten Grundsätzen Hohn sprechen.

Unzufrieden mit dem Ergebnis der Großen Revolution,
machte sich Fu auf den Weg, die Gesellschaft von
innen her zu verändern. Während die Klassiker
schwiegen, mischte sich seine Stimme mit der
des Weltalls und für einen Moment
wurden sie eins.

Wir sind das All.

 

Unter den Brücken
lässt sich gut spielen

Fu Fu Fu

Charles-le-Fou.
Ein Bourgeois.

Fu Fu Fu

Ein Revolutionär.
Eine Figur aus dem Lesebuch.

Fu Fu Fu

Wer schneller lebt, altert langsamer.
Das liegt am Altern.

Fu Fu Fu

Ist Charles-le-Fou gut?
Ist das wichtig?

Fu Fu Fu

Charles-le-Fou hat die Große Revolution erlebt.
Allein das macht aus ihm eine große Nummer.

Fu Fu Fu

Die moralfrei gesehene Welt ist nicht zum Aushalten.
Das Haifischbecken ist nicht die Welt, sondern ihr
Albtraum. Was nun?

Fu Fu Fu

 

 

 

Kluger Kopf dieser Charles-le-Fou

Kluger Kopf dieser Charles-le-Fou

Nicht klug genug
um in die Reihe der Klassiker
Aufnahme zu erhalten

Ein Phantast
Ein Hochstapler
Ein Realist

Die entscheidende Entdeckung
des Herrn Charles-le-Fou
ist die Lust

Wahnsinn
Die Lust also verdanken wir ihm
Danke Charles-le-Fou
Unentdeckt
vagabundiert sie
durch die Jahrtausende
Nun naht der Entdecker
Ein Herr im Frack

Den Zylinder legt er
bei seinen Entdeckungen ab

Wie kann so einer
die Lust entdecken?

Charles-le-Fou sagt
Charles-le-Fou sagt
Charles-le-Fou sagt

Ja
Ja
Ja

Charles-le-Fou sagt jeder Mensch
besitzt eine Leidenschaft
einen Drang einen Furor
der ihn beherrscht

So ist es
Dieser Mann weiß
wovon er spricht
Wir sind geneigt
ihn anzuhören

Charles-le-Fou sagt A zum Beispiel
verfügt über einen leidenschaftlichen
Erwerbstrieb
Ihn befriedigen bedeutet Lust
Ihn nicht befriedigen bedeutet Unlust

Tolle Entdeckung
Schon klar

Gerade nicht

Was dann?

Charles-le-Fou sagt B zum Beispiel
verfügt über einen leidenschaftlichen
Trieb nach Erkenntnis
Ihn befriedigen bedeutet Lust
Ihn nicht befriedigen bedeutet

tiefe männliche Unlust
Das klingt überzeugend
bleibt aber unbefriedigend

Tiefe männliche Lust
Das wirkt überzeugend
Lust ist eine Produktivkraft

bricht sich Bahn
sehr überzeugend
kollektiv produktiv
sehr witzig
an den merkwürdigsten Stellen
sehr merkwürdig
tiefer als gedacht
gut ausgedacht
willkommen im Seichten

Warum so spöttisch?
Was ist das Haar in der Suppe?
Sex?

Lust bleibt Lust Wer
das bestreitet
ist ein Heuchler und
Lustfeind
Alles Leben geht vom Körper aus
Die Kultur des Todes
hat uns lange genug beherrscht
Nicht ich lebe
mein Körper lebt mich

Bravo
das war schon
ein bisschen
Charles-le-Fou
ziemlich viel sogar
zwar nicht der ganze
aber Charles-le-Fou ganz

Das war alles?
Der ganze Aufwand
für die Katz-im-Sack
sehr männlich

Allerdings
um da hinzukommen
wäre es nötig den ganzen
Charles-le-Fou zu verstehen

Na dann los
heraus mit dem ganzen
Charles-le-Fou

Also gut fangen wir an
Triebbefriedigung ist Lust
Nichtbefriedigung Unlust
So einfach ist das
So einfach wäre das
Jetzt kommt die Moral
die Lust an der Unlust die Lust
an der gebremsten Lust die Lust
daran die Lust
auszubremsen

Der ganz normale Frust

Der ganz normale Frust

Was sagt Charles-le-Fou?

Charles-le-Fou sagt...

Ja...?

Charles-le-Fou sagt...

Ja was denn?

Das ist das Komische
Charles-le-Fou sagt...

Heraus damit

Charles-le-Fou sagt ... eigentlich gar nichts
Lust ist Lust und sonst gar nichts
Es gibt keine Lust erster oder
zweiter oder dritter Ordnung
Nur Lust

Keinen Sex?

Wir reden hier
von der Moral
Die Moral existiert und
sie existiert nicht sie ist die Lüge
Keiner empfindet Lust dabei sie
zu praktizieren deshalb

praktiziert sie auch keiner
Klare Weltsicht
ohne Heuchelei
lebt es sich besser

Das sehen wir auch so
Das wäre auch so
schreibt Charles-le-Fou wenn

wenn

die Moral nicht existierte
Die Moral sagt Lust ist schlecht
also ist Lust schlecht
Die Moral sagt dieser Trieb
ist schlecht also ist er schlecht
Die Moral ist der große Schlechtmacher
sie beherrscht die Welt
sie richtet sie
zugrunde

Das verstehen wir nicht

Das versteht keiner
Dass Moral Macht hat
wie kann das sein wo doch
alle Macht von den Trieben ausgeht?
Das sind so Widersprüche im Text

Wieso Widersprüche?
Was ist falsch daran
wenn es ist wie es ist?

Die schaffende Kraft
hinter den Verhältnissen
ist das Begehren
Wer begehrt will Lust
Wer Lust will pfeift auf die Moral
er zerbricht die Verhältnisse
er schafft sie
jeden Tag neu

Sagt Charles-le-Fou

Sagt Charles-le-Fou
Er sagt noch etwas
Die Intellektuellen haben die Welt

nur verschieden interpretiert
Das sagt Charles-le-Fou?
Kluges Kerlchen
Wie geht’s denn weiter?
»Es kömmt drauf an –«?

Vorsicht
Lacht nicht zu früh
Die Pointe kommt noch
Die Intellektuellen haben die Welt
verschieden interpretiert
Es kommt aber darauf an
sie gleich zu interpretieren

Was soll denn das

Erst wenn der Trieb
die Welt interpretiert
kommt sie zum Vorschein

Das ist ja putzig
Sie hält sich also versteckt

Nein, das ist nicht putzig
Es ist ein Elend
Es ist ein Verbrechen
Es ist das Elend
Es ist das Verbrechen
Es ist der Hunger und es ist die Schande
Es ist alles was zwischen dem Menschen
und dem Menschen steht
Es ist alles was verhindert
dass der Mensch zu sich selbst kommt

Sagt Charles-le-Fou

So ungefähr

Dann ist er ein Klassiker

Nur wenn wir ihn anwenden

Sagt Charles-le-Fou

 

 

Fu Fu Fu

GESANG DER FEURIGEN

 

Und es waren Menschen unterwegs
Und sie fragten sich wo führt das hin
Keine Leistung nur ein großes Loch
das sie Zukunft nennen ohne Sinn
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou

Wer ein Tor ist, das bestimmt nur er
Wer hindurchgeht tut es nur für sich
Wer hindurchging findet nicht zurück
Wer zurückbleibt, den bestraft der nächste

Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou

Wo ein Rätsel ist suchen wir nach Lösungen
Wo ein Widerstand ist schließen wir uns an
Wo ein Übel ist schaffen wir es ab
Wo ein Abgrund klafft bauen wir goldene Brücken

Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou

Wenn ich froh bin muss ich lachen
Wenn ich lachen muss muss ich weinen
Wenn ich weinen muss geht es mir schlecht
Wenn es mir schlecht geht, muss ich aufstehen

Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou

Warum zögerst du wo du es eilig hast
Warum probierst du alles nur nicht was möglich ist
Warum siehst du dich um wenn du vorwärts gehst
Warum begehrst du statt dich begehren zu lassen

Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou
Charles-le-FouCharles-le-FouCharles-le-Fou

 

 

DREI FUS
Eine Affäre

 

Seid ihr glücklich?
Wir sind glücklich.

Fu 1

AUTOSITUATIONIST

Kein Spiel könnte gigantischer sein als das Glücksspiel. Das Spiel um das Glück ist keine olympische Disziplin. Stattdessen: ein zähes Ringen um das Nötigste. Denn das Nötigste ist nicht das, was nötig ist, um den nächsten

Tag zu
überstehen
oder das nächste Jahr,
sondern das, was jetzt am Leben
erhält, jetzt und jetzt und jetzt
jede Sekunde des Lebens.
Das Leben selbst
hängt am Le
ben.

 

Fu 2

PHILOKRAT

Es verlangt der Mensch das volle Glück und da ein jeder über die Mittel verfügt es sich zu verschaffen, aber nicht ein jeder über den Plan und das Ziel und die Zeit, scheint es notwendiger denn je zu sein, dass diejenigen, welche den Plan und das Ziel und die Zeit ihr 
eigen
 nennen und darüber hinaus genügend Mittel, um die sinn=los vergeudeten Mittel der Vielen zu substituieren, sich zusammenschließen in einem Weltrat, um den Mächtigen Rat zu geben, den sie nicht ablehnen können, es sei denn sie lehnten die Macht selbst ab, was nach Lage der Dinge ganz unmöglich erscheint.

 

Fu 3

ANARCHOINDIVIDUALIST

Wenn die Aufgabe darin besteht, die Macht zu streuen, dann kann es nicht unsere Aufgabe sein, sie in wenige Hände zu legen, nicht um der Aufgabe willen, erst recht nicht, um / das Ziel / zu erreichen.
Denn das Gesetz
der Masse
gilt ewig.
Wer sich nicht beugen
will, tut gut daran, weg zu gehen,
ein Freier, doch nicht auf Freiersfüßen.

 

AUTOSITUATIONIST

Ich schlage den Regierenden draußen im Lande ein Experiment vor: Man verpflichte die Menschen, drei Monate lang ihre Häuser und Wohnungen nicht zu verlassen, es sei denn um der dringendsten Notdurft willen. Man gebe ihnen drei Monate Zeit, sich auf die wesentlichen Bedürfnisse zu besinnen.

PHILOKRAT

Was soll das bringen?

AUTOSITUATIONIST

Ich erkläre ihnen, wie das Ergebnis lauten wird: HARMONIE.

PHILOKRAT

Lassen Sie mich das in meine Sprache übersetzen. Sie glauben also –

AUTOSITUATIONIST

Ich glaube nichts, mein Lieber. Darin besteht ja der Trick: nichts zu glauben. Alles, was Sie tun müssen, ist hinsehen: was geschieht, geschieht. Was geschehen muss, das geschieht mit großer Macht.

PHILOKRAT

Dem lässt sich nachhelfen. Machen Sie sich nichts vor. Wir müssen den Übergang organisieren. Und wenn ich organisieren sage, dann meine ich organisieren.

ANARCHOINDIVIDUALIST

Was wollen Sie damit sagen?

PHILOKRAT

Alles, was ich gesagt habe.

Fu Fu Fu

PHILOKRAT

Wir lassen das Militär auf den Straßen patrouillieren und schicken die Polizei in die Häuser, damit sie die getroffenen Maßnahmen überwacht. Das hilft zwar nicht ihrem Ansehen, aber es festigt die Autorität. Wir zwingen die Menschen, einen Mindest­abstand voneinander einzuhalten und ihre Gesichter zu verhüllen. Wir verbieten, dass Freunde sich gegenseitig besuchen. Wir verbieten den Aufenthalt Dritter in den Familien. Wir schließen Hotels und Gaststätten, wir schließen die Vergnügungsbetriebe, wir lassen die Kunstwerke in den Museen einander selbst betrachten, wir legen den Friseuren das Handwerk. Wir verbieten Beerdigungen im Kreis der Familie und verfügen die Volksbestattung in Massen­gräbern.

ANARCHOINDIVIDUALIST

Tun Sie das. Ich garantiere Ihnen: nach Ablauf der drei Monate ist die Regierung, die so ein Experiment wagt, am Ende. Die Menschen werden begreifen, wie unerträglich in Wahrheit die Einmischung der Regierenden in ihre Angelegenheiten ist und dass sie beendigt werden muss. Sie werden begreifen, dass jede Art von Organisation beseitigt gehört, weil sie Macht produziert.

AUTOSITUATIONIST

Die Menschen werden beginnen, sich selbst nach den ewigen Gesetzen der HARMONIE zu organisieren. Sie werden die ersten Schritte automatisch gehen, so wie sie aus der Natur der Tätigkeiten und der Affekte entspringen. Mit der Zeit werden die Aufgaben komplizierter. Dann bedarf es der Intervention des analytischen Verstandes.

PHILOKRAT

Die Masse verfügt über keinen analytischen Verstand. Sie wird sich wie eine Herde blökender Schafe aneinander drängen, solange sie ohne Anleitung bleibt.

Fu Fu Fu

AUTOSITUATIONIST

Glauben Sie nicht, Sie gehen zu weit? Ich behaupte: diese Masse gibt es überhaupt nicht. Das, was Sie Masse nennen, liegt im Auge des Betrachters.

PHILOKRAT

Man geht nie zu weit, solange man ein Ziel verfolgt. Das Ziel liegt vielleicht in weiter Ferne, aber solange man geht, ist es ganz nah.

ANARCHOINDIVIDUALIST

Menschen wie Sie verfolgen ein einziges Ziel: die Macht. Sie beginnen als Kritiker des Systems und enden als seine Sklaven. Das System, das sie ändern wollen, erweist sich als stärker und überwältigt sie. Am Ende der Großen Transformation stehen, wie schon am Beginn, diese Drei: Arbeit, Mangel, Zwang.

AUTOSITUATIONIST

Die Große Transformation findet statt, sobald das System, das wir kennen, am Ende ist. Das System befindet sich aktuell in der Krise. Alles, was heute geschieht, dient der Selbsterhaltung des Systems. Alles, was in der Harmonie geschieht, dient der Selbstent­faltung des Menschen.

ANARCHOINDIVIDUALIST

Sie müssen die Regierenden gewinnen und Sie können sie nicht gewinnen. Sie müssen die Lust entfesseln und sie legen der Lust Fesseln an. Sie tun dies nicht aus Eigennutz, sondern aus Zwang. Alle Gewalt, die vom Volk ausgeht, schlägt auf das Volk zurück.

AUTOSITUATIONIST

Die Regierenden sind eine Abstraktion und jede Abstraktion verhindert DIE HARMONIE. Man muss die Abstraktion beseitigen und aus den Regierenden Menschen machen. Der Schlüssel zur Utopie liegt im Geschlecht.

Fu Fu Fu

PHILOKRAT

Man muss die Geschlechterfrage überall obenan stellen. Man muss die Geschlechter gegeneinander isolieren: so lernen sie das System zu verachten. Die Große Transformation macht sich die Energie zunutze, die vom Geschlecht ausgeht, bis dass es heißt: Alle Gewalt geht vom Geschlecht aus. Haben wir das erreicht, können wir daran gehen, die volle Erfüllung zu implantieren. Wir verhalten uns dabei nicht anders als jeder x-beliebige Zahnarzt. Wir schaffen die Lücke, um sie zu füllen.

AUTOSITUATIONIST

Das ist nicht der Weg. Der Weg von der Zivilisation zur HARMONIE geht über die Erfüllung. Der erfüllte Mensch kennt kein Zurück. Wenn es ihm unmöglich ist, sie sich zu nehmen, dann muss man sie ihm geben: am besten mit einem Schlag. Die Devise heißt: Geben durch Nehmen. Die Lücke gibt es nicht. Es darf sie nicht geben. Es existiert keine Lücke.

PHILOKRAT

Der Irrtum liegt im Geschlecht. Das wahre Geschlecht ist ein Irrtum. Das wahre Geschlecht ist allen Irrtums Anfang, sein A und Ω. Alle Aufklärung dient der Auf­klärung des Geschlechts über seine Beliebigkeit. Alle Aufklärung des Geschlechts über seine Beliebigkeit dient der Autonomie des Einzelnen. Alle Autonomie des Einzelnen dient der HARMONIE. Die HARMONIE ist alles.

ANARCHOINDIVIDUALIST

Werte Doppelgänger! Ich verabschiede mich von Ihrem Vorhaben und wünsche Ihnen den krachenden Misserfolg, den Sie verdienen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich stehe auf Ihrer Seite.

Fu Fu Fu

SURPLUS

Das Theater unter den Brücken, sub-
ventioniert wie fast alles hier:
simulatio/dissimulatio
Bühne für Niemande
betretend den Raum der Illusionen
der platzenden Seifenblasen
perfekt ausgeleuchtet.
Gegeben wird
DAS STÜCK.
Wovon, werden Sie fragen.
Da haben Sie Ihre Antwort:
Ein Stück Welt, ein Stück Unwelt
das macht schon die Differanz.

Auch die Hinterwelt will befragt sein.
Bloß ihre Antworten taugen nichts.
DAS STÜCK
so nicht
so nicht entworfen, es sei denn
in der nacktschwarzen Phantasie
eines auf Streife geschickten Polizisten
mit tödlicher Agenda
etwas aus Ton-Scherben: so nicht
Marke Unverblümt: so nicht
DAS STÜCK
Verstehen Sie uns recht?
Nun, Sie verstehen nicht, was es heißt
eine Nacht Fu zu sein, nichts als Fu
oder, damit es sich besser einprägt: FU.
Ciao, grazie, merci, good bye.

Fu 2 Fu 1 Fu 3

DIE REGIE VERABSCHIEDET SICH MIT EINEM HANDKUSS

Glaubt nicht, dass ihr reif seid.
Glaubt nicht, dass ihr fertig seid.
Glaubt nicht, dass ihr davonkommen werdet.
Was immer ihr von den Klassikern gelernt habt, vergesst es.
Unser Spiel lehrt euch ein anderes Wissen.
Ihr habt heute Abend einen kleinen
Einblick in die Gedankenwelt
eines Herrn namens Fu
erhalten. Aber wer
ist überhaupt
Fu?
Verfügt er
über ein Gesicht?
Verfügt er
über zwei, drei Gesichter?
Verfügt er
über zehn, hundert, tausend Gesichter?
Wer sagt euch, dass Fu ein Mann sei?
Wer sagt euch, dass Fu ein Mensch sei?
Wir aber sagen euch: Fu ist alle Klassiker
die ihr an diesem Ort zu Gesicht bekommt.
Nicht alle werden an diesem Ort und zu dieser Zeit gespielt
hier nicht und dort nicht und überhaupt nicht
nicht alle werden die Proben bestehen
nicht alle die Schwelle zum Glück passieren:
Gut für ihre Zeit, aber nicht gut genug
für unsere Zwecke. Oder findet ihr
unsere Zwecke nicht gut genug?
Das bringt uns auf heikle Gedanken.
Wer sagt uns, dass ihr gut genug seid?
Wer sagt uns, wir sollten auf euch vertrauen?
Wer sagt euch, ihr selbst solltet auf euch vertrauen?
Wer sagt denn, dass gerade ihr die Schwelle passieren werdet?
Wo Gewinn ist, da ist Verlust.
Wo ein Übergang ist, da ist auch Untergang.
Es gibt keine Garantie.
Glaubt nicht, dass ihr gut seid.
Hofft nicht, dass ihr noch einmal gespielt werdet.
Wer seid ihr überhaupt?

Fu 2 Fu 1 Fu 3
 

Entschluss
Lunte der Einsicht
gelegt an ein Verlangen

Zunder
 

Ein Blitz, aus heiterem Himmel zwischen den Brücken alle Grazie und San Niccolò auf den Arno niedergehend, zündet in einem Touristen, der auf der Suche nach einem Parkplatz im Schritttempo durch die Via dei Renai rollt. Das entspricht der Lage des Suchenden, der bereits gefunden hat, aber beim Versuch, sich das Gefundene anzueignen, sich ein ums andere Mal versteigt oder verhebt oder verdenkt. Der Blitz ist soeben ›herniedergefahren‹, als der Reisende ihn erblickt, was nicht richtig ist, da er ihn zwar – durch eine Akazienreihe hindurch, die den Vorgang furchtbarer und unwirklicher erschei­nen lässt –, wie das Wissen um die physikalischen Abläufe es befiehlt, als niedergefahren betrachtet, aber – aufgrund der winzigen Zeitversetzung, deren es bedurfte, um seine Wahrnehmung anspringen zu lassen – doch eher erblühen sieht, soll heißen, als ein von unten nach oben, aus der verkehrsbedingt vorrangigen Waagrechten in den hellgrau getupften Frühlings­himmel geschleudertes Riesengespinst in sich fortträgt.
Nie hat der Reisende davon gehört, dass Blitze erblühen, er wird diese Wendung nur in seinen geheimen Aufzeichnungen verwenden, aber umso mehr prägt sie sich seinem Gedankenfluss ein. Die Erkenntnis – was immer so genannt wird – bedient sich des physiologischen Eindrucks. Aber sie hält sich nicht lange bei ihm auf, sie kehrt ihn sogar um und produziert ihre eigenen Bilder, die sich an die Stelle des Gesehenen setzen und munter ihr Recht behaupten, obwohl sie fadenscheinig bleiben und der mächtige erste Eindruck wie ein Vulkan in ihnen weiter brodelt.

Das ist nichts Besonderes.

 

Manchmal geschieht etwas
dann ist es geschehen

Der Verstand betritt den Marktplatz der Ideen
1

Nichts frappiert den aufmerksamen Menschen mehr als die Differenz zwischen der elementaren Wahrnehmung sozialer Akte und den sich immerfort, wie Spielkarten, neu und anders mischenden Bildern, die sie – ›im Gedächtnis‹, wie es heißt, eingespannt in allerlei aktuelle Bezüge – von ihnen davontragen. Jeder – oder doch fast jeder – Mensch verfügt über ein Gedächtnis. Aber diese Rede ist ungenau. Sein Gedächtnis verfügt über ihn, einmal so, einmal so, je nachdem, wie es gerade das Vergangene in ihm stellt. Es stellt gern um, das Gedächtnis, es liebt die Veränderung, die unauffällig schleichende wie die plötzliche, radikale. Aber gestern hast du das so erzählt –! – Habe ich das? Da täuschst du dich. Aber wie dem auch sei: So war’s! Das ist ganz normal, es schmerzt bloß, dergleichen auch an sich selbst zu konstatieren. Es gibt einen Stich… Warum? Weil es dem Selbstbild schadet? Eher, weil es die Befriedigung aussetzt, mit welcher der Einzelne es beim Mitmenschen konstatiert: Gestern so, heute so. Das nervt bekanntlich, aber es schmeichelt auch, weil der Konstatierende in diesem Augenblick als Fels in der Brandung dasteht, unerschütterlich, gegen jede Fehlwahrnehmung gewappnet, ein Erzieher zur Wahrheit: Erinnere dich gefälligst richtig! Bei mir kommst du damit nicht durch. Und gleich liegt die Wahrheit des Anderen, die Wahrheit der Gesellschaft obenauf. Was nicht vor meinem Gedächtnis besteht, das kann nicht wahr sein. Gerade du solltest dich daran halten.

Der Verstand betritt den Marktplatz der Ideen
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Der du in Gesellschaft lebst: vergiss keinen Augenblick das dichte Hypothesengeflecht, in dem du dich mit all deiner Kraft, mit all deiner Geschicklichkeit, mit all deinen Vermögen bewegst. Lieber vertraust du, bereits auf Annahmen balancierend, die jeden Augenblick in sich zusammenstürzen können, praktisch blind der elastischen Kraft einer Liane, um dich von einer Einsicht in die andere hinüberzuschwingen, als dass du auch nur einen Augenblick in Erwägung zögest, dich auf den nackten Boden der Konfrontation herabzulassen, auf dem der Mensch unmittelbar gegen den Menschen steht und nur die Schärfe der Einzel­wahrnehmung zählt. Der gesellschaftliche Mensch ist nie von den Bäumen auf die verheißungsvoll drohend unter ihm klaffende Erde hinuntergeklettert, um sein Glück oder Unglück in der Savanne zu suchen. Das klingt paradox, aber es ist die reine Wahrheit. Er trägt den Dschungel mit sich überallhin. Die Frage ist nicht, warum er das tut, sondern wie er damit zurechtkommt: das Warum ist ihr praktisch eingeschrieben und ohne Schärfeverlust nicht herauszulösen. Wer glaubt, die hypothetische Existenz des Menschen mit einer hieb- und stichfesten Hypothese erklären zu können, besitzt entweder keine Ahnung von Hieb- und Stichwaffen, oder er glaubt ein bisschen viel für diesen Job. Woraus folgt: Nicht anders als der Mensch des Alltags verhält sich der wissenschaftliche Mensch, der eines Tages anfängt, sich für die alltäglichen Hypothesengeflechte zu erwärmen und ihre Muster zu studieren.

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Das hat seinen Grund. Was, wenn nicht die Form der Hypothese, sollte ihn bei seinen Wahrnehmungen leiten? Betrachte die Sprache: sie gibt einfach nichts anderes her. Wo ein Wort das andere gibt, bliebe einer rasch auf einem Haufen Wörter sitzen, der nicht früh lernte, sich selbst auf eine lebenslange Reise zu schicken, um sie an immer neuen Orten auszugeben und zu empfangen. Was sollte er auf seinem Wortstuhl denn anfangen? Hier, die Lehne, solide, ein gutes Stück. Du darfst dich zurücklehnen, du darfst die Arme auflegen, die Beine baumeln lassen oder auch nicht. Mehr kommt dabei nicht herum. Was soll denn herumkommen? Nein, die Wörter gehen hin und her, sie kommen und gehen, sie kommen herein und niemand blickt ihnen nach, gehen sie wieder davon. Sie kommen und gehen, soweit und solange du kommst und gehst. Du probierst ihren Wert und, sieh da, es klappt! Du probierst ein zweites Mal und, sieh da: es klappt wunderbar. Du glaubst ihren Wert zu kennen, du beharrst auf ihrem Wert und es zeigt sich: ein Reinfall sondergleichen. Wundert es dich? Nicht im geringsten. Und wie die Wörter, so die Gedanken.

Wohin die Reise geht? Keiner weiß es. Keiner, außer den Frommen, begehrt es zu wissen. Wer zu wissen begehrt, spricht über den Tod, als sei er mit ihm intim. Ist das reell? Es ist der Versuch, die Bilder wegzulassen. Doch die Bilder scheren sich nicht darum. Lege eine Mulde an und sie sammeln sich dort. Niemals dieselben und nie anders.

Totsein: eine zwingende Hypothese.
Den Beweis erbringst du nie.

Der Beweis bist du.

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Dennoch bleiben die unverbundenen, kraftvoll ungeordneten Wahr­neh­mungen haften. Sie begleiten dich dein Leben lang, sie schütteln nur müde den Kopf, sobald du sie zu sortieren versuchst, sie treten unvermutet, wenn ein Unglück eintritt oder das Alter seine Kreise zieht, nach vorn – gewöhnlich nur für Momente, aber mit einem gewaltigen Nachhall, einem akustischen Getöse, das in deinem Inneren abläuft, von dem so gut wie nichts nach außen dringt, es sei denn in vertrauten Gesprächen, aus denen beide Parteien mit angestrengten Gesichtern und leerem Kopf zu ihren gewohnten Verrichtungen zurückgehen.

Ein Blitzbaum über dem Arno in Florentiner Kulisse, zusammengeschlossen mit der blitzartig aufgeschossenen Idee, die Richtung umzukehren, ist ein guter Kandidat für dieses Archiv.

Was Umkehr im Einzelnen heißt, das wird sich weisen, es erscheint, angesichts der Fülle des Materials, unbegrenzt auslegungsfähig. Zum Beispiel wäre es denkbar, gesellschaftlichen Wandel zum Inhalt eines Experiments zu machen, das keinen anderen Eigensinn besäße als den, allen Beteiligten das Bewusstsein zu geben, sie nähmen an einem unvergleichlichen Unternehmen teil, in dem Möglichkeiten getestet werden, anders zu leben, als die Gesellschaft es ihnen in ihrer bestehenden Form nahelegt, radikal anders sogar, aber ohne die unvermeidlichen gruppendynamischen Klippen, an denen aus ihrer Umgebung herausstechende alternative Landkommunen mit derselben Selbstverständlichkeit scheitern wie die erbarmungswürdigen Käfig-Insassen einer Peepshow an den ausrechenbaren Tücken der Schaufenster-Existenz.

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Auch ein solches Bewusstsein wäre, genau genommen, nichts Beson­deres. In gewisser Weise wäre es das Bewusstsein, Zeitgenosse zu sein, ein weiteres Mal, jedoch in Spiegelschrift und damit für die Umgebung nicht ohne weiteres lesbar, es sei denn, sie ließe sich durch eine Lektüre bannen, in der das Leichte, künstlich erschwert, mit fremden Gewichten spielt.

Der Unterschied eines solchen Bewusstseins gegenüber dem normalen Bewusstsein läge in der Selbstauszeichnung und ihren Folgen: es trüge in gewisser Weise die Wundmale der Gesellschaft, um sich von ihnen bestätigen zu lassen, dass es einzigartig sei, einzigartig in seinem Tun und in dessen Folgen für sich selbst und für die Gesellschaft. Denn dass die Gesellschaft, die ganze Gesellschaft an diesem Experiment teilhat, dafür bürgt in diesem Fall nicht die schnellfingrige Aufmerksamkeit eines massenhungrigen Mediums, sondern der langsame oder schnelle, in jedem Fall unwiderstehliche Sog, den die Wissenschaft auf die Mitwelt ausübt: hier werden die Erkenntnisse und Irrtümer bereitgestellt, die zusammen­genommen mit den unterschiedlichen, teils gefährlichen, teils skurrilen Formen, in denen sie verarbeitet werden, das gesellschaftliche Bewusstsein formen.

So wie man Vögel, die gerade geschlüpft sind, markiert, um ihre Wanderrouten zu erforschen, so lassen sich auch die Wege der Menschen studieren, sobald die Wissenschaft sie einmal markiert hat. Liegt der Markierung allerdings ein Vertrag zugrunde – wie dies unter gesitteten Parteien der Fall sein sollte –, dann kehrt sich die Aufmerksamkeit um und ihre Ergebnisse erscheinen in Spiegelschrift, als Menetekel, als fatale Drohung, deren Sinn sich erst ›mit der Zeit‹ erschließt.
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Nicht das Experi­ment verändert die Welt,
sondern das Bewusstsein zu experi­mentieren.

Auch dieser Satz ist nur zum Teil richtig. Vor die Veränderung der Welt ist das veränderte Bewusstsein gesetzt. Es fordert seinen Tribut wie jener Jogger, der im entscheidenden Moment den Zeigefinger hebt, um die Richtung anzuweisen, in die der Läufer-Pulk, aus alter Gewohnheit oder einem Mangel an Alternativen, im nächsten Augenblick ohnehin einschwenken würde, zur großen Freude des unauf­fälligen Beobachters, der diese kleine, am Rande der Pyramide aufgefangene Szene unverzüglich notiert.

 

Das Bewusstsein ist nicht die Lösung
Es ist die Unbekannte

Es sind Maschinen. Wussten Sie das nicht?
6
Bewusstseinsschaffende

Dürrobst (sich räkelnd, im Traum): Die Veränderung des Bewusstseins ist eine erzieherische Aufgabe.

Friedenwanger (räuspert sich): Die Veränderung des Bewusstseins ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Dürrobst (spuckt bedächtig einen Kirschkern aus dem geöffneten Fenster): Die Aufgabe des Bewusstseins ist die Veränderung der Gesell­schaft.

Friedenwanger (beugt sich hastig vor, um seine Schuhspitzen zu polieren): Die Gesellschaft ist eine Tatsache und als solche dem Bewusstsein aufgegeben. Je rascher es sich seiner Aufgabe entledigt, desto rascher kommt es zur Sache, das heißt zur Veränderung der Verhältnisse.

Dürrobst (entschwebt in einen imaginären Himmel und erscheint im Kostüm des Erzengels): Einspruch! Das Bewusstsein muss passen und den Verhältnissen freien Lauf lassen. Die Gesellschaft verändert sich und das Bewusstsein muss sich verändern. Die Verhältnisse, das heißt wir müssen das Bewusstsein verändern. Das ist übrigens kein Imperativ, sondern ein den Verhältnissen innewohnender Zwang.

Friedenwanger (entnimmt einem Kästchen, in dieser Reihe, Hammer und Sichel, legt die Sichel zurück und entnimmt dem Kästchen einen Zirkel, legt ihn zurück und holt einen Schlüssel heraus, probiert ihn und legt ihn wieder zurück, zückt eine Spritze und lässt einen Blutstropfen fallen, packt sie ins Kästchen, kramt eine Weile und bringt schließlich ein Püppchen zum Vorschein): Die Verhältnisse in den Wissenschaften müssen sich ändern, damit die Gesellschaft nachkommt. Warum? Die Wissenschaften besitzen die Definitionshoheit über die Gesellschaft und sind sich ihrer Aufgabe bewusst.

Dürrobst (legt den Finger bedeutungsvoll an die Nase): Ist das, was Be­wusstsein formt, Bewusstsein?

Friedenwanger (schwingt den Hammer und zertrümmert das Püppchen): In einem ersten Schritt: ja. Es ist ein Bewusstsein zweiter Stufe, Bewusstsein von Bewusstsein, ein Ort der Verständigung über das, was Bewusstsein allenfalls zu leisten vermag und leisten soll. Letzteres ist wichtig, weil Bewusstsein eine Art Imperativ-Formular darstellt: Tu das, tu jenes, tu das nicht, tu jenes nicht! Daraus folgen im Grunde alle weiteren Formen des Bewusstseins: Hast du getan, was dir aufgetragen war? Hast du es gut getan? Hast du deinen Auftrag verstanden? Kannst du verantworten, was geschah? Hast du versagt? Bist du schuld? Was hast du getan? Schande über dich!

Dürrobst (indigniert, lässt seine Spielzeugeisenbahn kreisen): Wäre das, was Bewusstsein formt, Bewusstsein, dann müsste es darüber ein formendes Bewusstsein dritter und vierter Stufe geben, das Auskunft darüber zu geben imstande wäre, was das Bewusstsein auf seiner jeweiligen Stufe leistet, und immer so weiter. Man könnte die Auskunft auch weglassen, dann gäbe es keinerlei seiner selbst bewusstes Bewusstsein und damit auch kein Bewusstsein.

Friedenwanger (hebt drohend den Hammer gegen ihn): Das ist Idealismus.

Dürrobst (übersieht ein Signal, der Zug entgleist): Was immer es sein mag, wir kommen um die harte Feststellung nicht herum, dass eine Wissenschaft, die sich bewusst ihrer Aufgabe stellt, zu sich selbst in Widerspruch gerät und daher letztlich an ihrer Aufgabe scheitert.

Friedenwanger (greift nach dem Käsebrot und weint bitterlich): Das ist Defätismus.

 

Es sind Maschinen
Lehrmaterialien sind das Salz der Pyramide

Angenommen, Maschine A wirkt auf Maschine B und ändert zu einem Zeitpunkt, sagen wir t1, ihr Verhalten, so verändert auch Maschine B ihr Verhalten. Sie verändert es nicht etwa, weil A ihr seinen Willen aufzwingt, sondern weil A das Umfeld verändert hat, mit dem B zurechtkommen muss. Das veränderte Verhalten von A erzeugt also bei B ein Verhalten, mit dem A vielleicht gerechnet hat, vielleicht auch nicht.

Angenommen, Maschine A grenzt an die Maschinen B, C und D, C und D verändern also ebenfalls ihr Verhalten und wirken zusammen mit B auf A zurück, so ist das Verhalten von A vielleicht nach kürzester Zeit, sagen wir zum Zeitpunkt t2, für jemanden, der die Zusammenhänge nicht durchschaut, kaum oder gar nicht wiederzuerkennen.

Aus einem Gesellschaftsreformer mit besten Absichten wird irgendwann vielleicht ein Tyrann, aus einer Clique religiöser Eiferer ein pragmatisches Regime, aus einer Vorzeigedemokratie eine Oligarchie, eine Militärdiktatur mutiert zum religiösen Erziehungsprojekt. Alles ist modellierbar. Eine gewisse Rechnerkapazität genügt, um Bescheid zu wissen.
Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es anders aus.
Das hängt damit zusammen, dass wir als gesichertes Wissen nur durchgehen lassen, was wir in natura vor uns haben: im Grunde eine schlimme Konvention, die viel Unheil verursacht hat und weiter verursachen wird.

Sagen wir jetzt, B, C und D grenzen ebenfalls aneinander, wirken also – je nach Phase – unterschiedlich aufeinander ein, so können Sie sich das für einen Laienverstand dabei entstehende Durcheinander lebhaft vorstellen. Die Leute reden dann von Schicksal oder von den unberechenbaren Zufällen des Lebens, in dem alles anders zu kommen pflegt, als man denkt. Wie Sie bemerken, handelt es sich aber um ein nur scheinbares Durcheinander, das von einem kühlen Programmierer in vergleichsweise wenigen Schritten aufgelöst werden kann.

Verzagen Sie nicht, wenn Ihnen für eine signifikante Veränderung, die Sie in der Gesellschaft wahrnehmen, unterschiedliche Erklärungen angeboten werden. Sie alle können falsch oder richtig sein. Aber unabhängig davon wäre es gut möglich, dass sie das Problem verfehlen, weil sie nur eine Relation berücksichtigen, und auch die meist nur in einer Richtung. Wir stehen hier vor einem Phänomen, das einige Leute das Ende der großen Erzählungen nennen, la fin des grands récits. Damit meinen sie den Verlust an umfassenden Weltentwürfen. Aber es ist schon klar, dass damit nur der Verlust an Glaubwürdigkeit gemeint sein kann. Er beruht auf der Einsicht, dass wir, also die in diesem Fall üblichen Verdächtigen, es notwendig immer mit konkurrierenden Entwürfen zu tun haben werden. Betroffen sind also nur die Anhänger der einen alleinseligmachenden Lehre, also ungefähr dieselben Leute, die heute herumlaufen und die Postmoderne verkünden, weil sie irgendetwas glauben müssen.

Ziehen wir jetzt einen äußeren Kranz von Maschinen um den inneren Zirkel, der zwar nicht in direktem Kontakt mit A steht, aber über B, C und D mit ihm kommuniziert, so sehen wir, dass die Komplexität der zwischen t1 und t2 eintretenden Veränderungen beträchtlich zunimmt. Das wäre also der Normfall. Nehmen wir aber an, in D oder F passiert ein Unfall, etwas Unvorhergesehenes, das die Funktionsweise von D oder F beeinträchtigt oder lähmt oder einfach signifikant verändert, dann stellt sich eine erste Ahnung ein, wie komplex diese Vorgänge, alles in allem, in der Realität abzulaufen pflegen.

Ein solcher rhythmisch wiederkehrender Unfall ist die Mode. Von Gesinnungsmoden z.B. weiß man, dass sie binnen kurzem jede gesicherte Planung über den Haufen werfen können. Dabei ist Kleidermode durchaus prognostizierbar. Schließlich muss sie geplant, entworfen, vorbereitet und unter die Leute gebracht werden. Man könnte auch sagen: Mode ist das, was kommt, weil hinter den Kulissen jemand dafür sorgt, dass es kommt. Aber jeder weiß: diese Gleichung geht nicht auf. Mode ist eine Erfolgsstory.

Erfolgreiche Mode lässt sich, außer von Gurus natürlich, nicht prognostizieren.
Sie schlägt ein wie der Blitz. Sie verändert die Leitfähigkeit der Gesellschaft, jedenfalls für eine gewisse Dauer, und sie verschwindet, als habe es sie nie gegeben. Sie verschwindet, so drücke ich es aus, in den Unfällen, die sie auslöst. Und zwar fast spurlos. Ablesen lässt sich das an den seltsam irrlichternden Bekleidungsgebräuchen, in welche die Intuition der Massen die Anregungen der Modemacher umzusetzen pflegt. Aber natürlich auch an den Gesinnungswracks, die den Gang der Gesellschaft säumen.

Maschinen müssen nicht über Eigenintelligenz verfügen, um ihr Verhalten zu ändern. A, B bis N können so programmiert sein, dass eine Veränderung k zwingend eintritt, sobald p. Ein solches Verhalten ist vorhersehbar, es bleibt – in den bereits angedeuteten Grenzen – überraschungsfrei. Betrachten wir jetzt den anderen Fall. Sobald überraschende Verhaltensänderungen eintreten, handelt es sich entweder um Störungen, also Beeinträchtigungen des Systems, oder um Lernvorgänge. Maschinen lassen sich so programmieren, dass sie innerhalb einer bestimmten Bandbreite lernfähig sind, also Entscheidungen fällen (und sich anschließend merken), die so nicht in ihrem Basiscode festgeschrieben sind.
Man nennt das, Sie wissen es: Künstliche Intelligenz (KI).

Und ich merke an: Über den Begriff der natürlichen Intelligenz ist in der Literatur (von den Medien zu schweigen) viel spekuliert worden. Die hier vorgeschlagene Definition muss nicht stimmen, sie muss bloß (in einem bestimmten Rahmen) funktionieren.

An dieser Stelle nehmen wir eine methodische Vereinfachung vor. Wir setzen die Differenz von künstlicher Intelligenz (KI) und natürlicher Intelligenz (NI) = 0. Das heißt: Wir machen ab jetzt keinen Unterschied zwischen einer Maschine und dem Träger eines, sagen wir, menschlichen Gehirns. Der operationale Begriff des Lernens, den wir auf diese Weise gewinnen, erlaubt, jedenfalls im Grundsatz, die lückenlose Konstruktion des sozialen Feldes. Das Modell beschreibt Gesellschaft nicht im herkömmlichen Sinn als Mechanismus, sondern als eine Menge, respektive Teilmenge, lernfähiger Maschinen. In einem solchen Rahmen ist Lernfähigkeit keine mystische Eigenschaft immer nur eingeschränkt durchschaubarer Subjekte, sondern eine programmierbare Eigenschaft.

Wie viele Maschinen ergeben eine komplexe Gesellschaft? Was ist eine komplexe Gesellschaft? Kann man sie nachbauen? Wo? Im Labor? Mit ›ausgesuchtem Material‹? Wo bekommt man es her? Wie bringt man es unter? Wie ›instruiert‹ man es? Wie sieht der Aktionsrahmen aus? Gibt es überhaupt einen? Wenn ja, wer oder was gibt ihn vor?

Nehmen wir das Modell der öffentlich-privaten Versuchsanstalt Fernsehen. Je medienaffiner die Akteure vor der Kamera auftreten, desto deutlicher tritt der Charakter der Versuchsanordnung hervor. Das entspricht der wissenschaftlichen Maxime der Komplexitätsreduktion. Die Simulation von Gesellschaft erzeugt eine Gesellschaft von Simulanten. Dadurch wird erreicht, dass ein verhältnismäßig überschaubarer Kreis von Akteuren alle Funktionen darstellt, die in einer Gesellschaft zu vergeben sind.

Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Simulation von Offenheit zu. Es überrascht immer wieder zu erfahren, dass auch Offenheit simuliert werden kann. Dabei ist gerade diese Fähigkeit sozialer Akteure von stupender Wichtigkeit. Denn nur offene Gesellschaften sind Gesellschaften im engeren Sinn, d.h. nicht Verbünde mit einem fixen Gruppenverhalten, das sich aus ihrem exklusiven Daseinszweck und der sich daraus ergebenden Konkurrenz zu anderen Gruppen herleiten lässt. Nur wer erfolgreich Offenheit zu simulieren versteht, kann darauf hoffen, die Simulationsspur zu verwischen und ein realistisches Bild von Gesellschaft zu übermitteln.

Antwort:

Nein. Die Außengrenzen dessen, was wir meinen, wenn wir uns der Bezeichnung Mensch bedienen, stimmen nicht mit denen sozialer Einheiten (Maschinen) überein. An einer sozialen Einheit (Maschine) können mehrere, unter Umständen sehr viele Menschen beteiligt sein, umgekehrt besteht ein Mensch, wissenschaftlich gesehen, aus vielen und vielerlei Maschinen. Das ist alles eine Frage der Zweckmäßigkeit. Wenn Sie ein großes Bild von, sagen wir, ca. 2 x 3 Metern rahmen wollen, brauchen Sie einen großen Rahmen. Aber er muss auch passen. Es nützt nichts, wenn Sie einen mit 1,8 x 5 Metern kaufen. Für ein kleines Bild benötigen Sie einen kleinen Rahmen. Und auch der muss passen. Sie können natürlich aufs Bild verzichten und den Rahmen aufhängen (haha!), das ist immer möglich.

Antwort:

Als erste Evolution bezeichnen wir die biologische, als zweite die kulturelle, als dritte die informationelle. Verglichen mit den beiden ersten hat die dritte gerade einmal begonnen. Betrachten wir allerdings die Geschwindigkeiten, mit denen sie ablaufen, so stoßen wir auf ein Paradox. Die älteste, als die längste, aber auch langsamste, liefert die instabilsten, die jüngste, unvergleichlich rasantere, die stabilsten Ergebnisse. Woran liegt das? Offenbar durchlaufen die Ergebnisse langsamer Entwicklungen einen härteren Realitätstest als diejenigen schnell ablaufender Prozesse. Das kann an verschiedenen Ursachen liegen. Es ist z.B. möglich, dass sich letztere, praktisch zeitgleich, bei geringerer Verweildauer eine funktional angemessene Umwelt schaffen. Instabilität bedeutet auch Flexibilität.

Anschaulich zeigt sich der zuletzt genannte Effekt im Straßenverkehr. Schnellere Autos benötigen schnellere Pisten mit größeren Kurvenradien, bestimmten Neigungswinkeln, effektiver Drainage etc. Und diese Straßen werden gebaut. Sie sind Teil des Systems Auto – Straße, also werden sie gebaut, mit riesigen Summen unterhalten und selbstverständlich auch genützt. Nicht nur das: sie verändern die Definition dessen, was als Straße gelten darf und nun spezielle Standards zu erfüllen hat, an die vordem gar nicht zu denken war. Im Ergebnis fällt die Ereignishäufigkeit pro gemessener Strecke ab, während sie pro Zeiteinheit zunächst ansteigt und dann sinkt.

In ähnlicher Weise steigt in fortgeschrittenen Gesellschaften der Bedarf an psychologischer und psychotherapeutischer Flankierung, da sie nur funktionieren, solange eine hinreichende Zahl von entsprechend trainierten und – im vorgegebenen Rahmen! – rational agierenden Mitgliedern zur Verfügung steht. Generell gilt: Je mehr Ausfälle eine Gesellschaft zulässt, desto robuster ist sie und desto zurückgebliebener wirkt sie auf einen modernen Betrachter. Allerdings steigt mit wachsenden Ansprüchen an das Verhalten der Gesellschaftsglieder die Zahl potenzieller Ausfälle. Die Lösung dieses Problems liegt in der Popularkultur, die mit einem Minimum kultureller Regeln auskommt, so dass der Fokus aller allein auf dem Erfolg liegt.

Gib’s auf!

 

Merkst du eigentlich,
was hier gespielt wird?

Gib’s auf!
1

Fu und du. Du und Fu. Fu-Fu und dudu und FuFu und duFu und Fududu: Wird dir nicht bang bei dem Gedanken, deinem Leben auf diese Weise Füllung zu geben? Dir ist bang, weil dir längst bei dem Gedanken bang wurde, dein Herz, dieses schlagende Herz über die Hürde zu werfen und einer zu werden, nicht eins, sondern einer, falls dieses Wortspiel dir etwas sagt. Denn, ehrlich gesprochen, platzt es doch nur aus dir heraus, auf einem Knall reitend, einem Untergeräusch, an dem jeder vernünftige Übergang, jeder Gedanke, der diese Bezeichnung verdient, zuschanden wird:

… du bist also drauf und dran, dir eine Forscherpersönlichkeit zuzulegen, eine auswärtige, wie das Wortspiel mühelos nahelegt. Denn die echte, die in Wahrheit gemeinte Forscherpersönlichkeit ist stets auswärtig. Sie wird zugezogen, wenn ein Problem im Raum steht und einer Lösung zugeführt werden muss, und sie kehrt, sobald das Problem mit ihrer Hilfe gelöst oder in einen anderen Aggregatzustand überführt werden konnte, an ihre angestammte Forschungsstätte hinter den sieben Bergen zurück, so dass jedermann sicher gehen kann, sie dort im Bedarfsfall auch anzutreffen. All die namhaften Kollegen gleich nebenan, mit ihren auswärts geprägten Profilen – man könnte meinen, sie hingen, wie die Fledermäuse, kopfüber mit schlaffen Flügeln von den Decken ihres heimischen Mausoleums, wer genau hinsieht, der registriert das leise Zucken ihrer Muskulatur, bezeugend, dass sie jederzeit, auf den geringsten Anruf hin, davonstürzen können… Denn dort draußen erst sind sie’s wirklich.

Nun, wie es aussieht, musst du die Forscherpersönlichkeit erst an, gewissermaßen aus dir selbst gewinnen, dieser seltsamsten aller Ressour­cen, und das ist eine Aufgabe, an der schon andere… ganz andere… Doch gesetzt den Fall, das immer mögliche Scheitern bleibt ausgeblendet (schließlich bleibst du ein geschätzter Kollege, auch wenn du dich wider Erwarten unter die Nullen einreihen solltest), gesetzt, dir gelingt die Verpuppung und nach ein, zwei Jahren Basisarbeit kriecht aus der Hülle des Projekts der Schmetterling mit den getupften Flügeln, von dem alle Welt behaupten wird, es handle sich um deine Person, während du selbst dir da nie ganz sicher sein und stets aufs Neue wirst nachschießen müssen. Gesetzt den Fall…

Gib’s auf!
2

Eine Extrawurst, wie? Was sagt dir die extrafette Aufschrift WURST MÜLLER auf dem Lieferwagen, der da gerade vorbeibraust? Dass da einer mit seiner ›Bestimmung‹ seinen Frieden gemacht hat? Das hieße aber, Herrn (oder Frau) Müller gewaltig zu unterschätzen: seinen (ihren) Stolz auf das Erreichte, die Wichtigkeit seiner (ihrer) Person, das Erfolggewohnte seines (ihres) Auftritts, dieses Durch-dick-und-dünn-Gegangen-sein, dieses Angekommensein in einer erfüllten Gegenwart (denn was bedeutet Erfüllung anderes als genug Arbeit haben?), das auf den Punkt Gebrachte der ›je eigenen‹ Existenz? Gut, auch Grenzwertiges läuft beiher, die IMMOBILIEN DIETRICH, BRILLEN STECHER (knapp am AUGEN STECHER vorbeigeschrammt), HOLZ SPECHT, OBST ÄPPLE, SPORT RAMMLER & Co, an denen der Spruch ›Nomen est Omen‹ auf etwas perfide Art sein Werk verrichtet zu haben scheint, aber im Großen und Ganzen, im Großen… Groß muss gedacht sein, was Bestand haben will, innere Größe ist gut und schön, aber wahre Größe liegt im Beruf, sonst nirgends, die Aufrichtung der Person ähnelt so frappant der Gründung eines Unternehmens, dass der sicherste Weg dorthin nun einmal … die Gründung eines Unternehmens ist.

Das erinnert … woran nicht gleich?

UTOPIE BARTOSZ, LUXMAN SYSTEME, DISKURS FOULE, DEKO DERRIE, TRANSZENDENTALISMUS BIRNBAUM, HERME­NEUTIK STEIN­SCHWAFEL, IDEALISMUS DASS­LER, MO­DERNE LECKEBUSCH, LÜGEN STARCK – sie haben, ja gewiss, sie alle haben es getan: ihr Herz über die Hürde geworfen, sie sind vorangestürmt, vielleicht auch nur -gegangen oder -geschritten oder geschlurft, haben eingestrichen, was zu holen war, sind Marken geworden, Wegmarken der einen, immerfort sich umwälzenden Wissenschaft, abrufbare Experten ihrer selbst, die sich in den nächsten Zug oder Flieger setzen, sobald irgendwo Bedarf an ihrer Gegenwart aufkommt. Dieser Bedarf… Worin besteht so ein Bedarf? Angenommen, nur einmal angenommen, einer von ihnen entstiege dem Flieger, müde des gestrigen Geplappers, und entfaltete vor einer verblüfften Zuhörer­schaft eine ganz neue Gedankenreihe, sperrig, wenig oder gar nicht kompatibel mit dem Sortiment, für das sein Name nun einmal steht, vorbei an allen Qualitätskontrollen, weil, nun weil er es sich in der Zwischenzeit so überlegt hat –: die Ratlosigkeit und der verhaltene Unmut der Gastgeber wären alles in allem vorhersehbar.

Ungeschützt reden, ungeschützt denken: Kunst oder Torheit? Wenn aber Torheit, bestünde die erste Torheit nicht in der Firmengründung selbst, in der Anschaffung der akademischen Maschinen, die, nach ersten tastenden Versuchen, immerfort Ergebnisse ausspucken, Anwen­dungen des einen, hundertfach variierten Grundeinfalls, zu dem sich womöglich ein kleiner zweiter zu gesellen wagt, doch dann ist Schluss, schon der Verlässlichkeit halber?

Keine Frage.

Gib’s auf!
3

Da ist etwas, das du wissen musst.
Du musst diesen Knoten in dir lösen.
Tut das weh? Nein, es tut nicht weh. Es tut nichts. Es ist nur wie … eine Mauer in deinem Inneren, die durchbrochen werden muss, aber nicht durchbrochen werden kann, ohne dass etwas einstürzt, dessen Erhalt dir am Herzen liegt. Als müsstest du dich zwischen dir und dir entscheiden und beide Male ist von dir nicht die Rede. Zum Beispiel … zum Teufel mit den Beispielen. Durchaus begreifen könntest du dich, würdest du auf die ›Fresse des Arrivierten‹ Verzicht leisten wollen. Auch wäre von Verzicht dabei nicht weiter die Rede. Nur das nicht, um keinen Preis! Ein Blick der erstbesten Frau könnte dich vernichten. Das Wort, dieses Wort hat sich gleich bei der ersten Lektüre eingebrannt, um nichts in der Welt mehr aus dem Innenfutter der Psyche zu entfernen.

Andererseits: Heuchelei wäre es, tätest du so, als ließen dich die Auftritte der smarten Boys unberührt … die Edelglatze des Macht-Spezialisten neben der schmissigen Allwetterfrisur des stets gebräunten Weber-Statthalters, der den ›Beruf des Wissenschaftlers‹ vor sich herträgt, als hätte der Geist des Verblichenen ihn persönlich damit beauftragt, damit Objektivität sei (und nicht nur das Gezerre der Fleischerhunde, von denen jeder den besten Brocken für sich herausschlagen will) – sie reißen an deinem Inneren, du bist schon Beute, es sei denn, du trittst ihrem Anspruch entgegen…

Anspruch gegen Anspruch, gerade so lautet der Auftrag, den du nicht formuliert hast und dem du dich, wenn du ehrlich bist, nicht entziehen kannst. Du betrachtest ihre Aufführung und sie ist gekonnt. Du betrachtest sie ein zweites Mal und sie ist billig. Du betrachtest sie ein drittes Mal und sie deklassiert dich, weil sie den Grund einnimmt, auf dem du zu stehen wünschst. »Was willst du hier«, scheint sie zu sagen, »dies ist unser Spiel, es ist unser Spielgrund, du hast hier nichts zu melden, es sei denn, du nimmst es mit uns auf. Versuch’s! Es wird dir schlecht bekommen, aber versuch’s!«

Das und nichts anderes ist das Arriviertsein, vor dem dir graut. Warum graut dir davor? Weil diese vom Wissen nur das nicht Wissenswerte zurückbehielten, das Merkbare, das jeden für sich und alle für jeden bemerkenswert aussehen lässt, bloß um vom nächsten Merkbaren verschlungen zu werden. Dieses Merkbare, es scheint dir wenig zu sein, eine bequeme Übung, leicht zu behalten. Doch darum geht’s nicht. Worum dann? Es geht um Namen. Es geht um Anstelligkeit – als liege in allem Gesagten ein Ungesagtes, das noch heraus müsse, damit die Boys unangefochten das Spiel beherrschen. Wie immer du es drehst: um ins Spiel zu kommen, hast du Zulieferdienste zu leisten, nicht mehr, nicht weniger. Sie nennen es ›Anschlussfähigkeit‹. Schließe dich an – an was auch immer! Du bist kein Zulieferer? Du bist kein Lieferant? Nun … dann bist du geliefert. Eine Null, ein Nobody, einer, der nicht in Betracht kommt. Gefällt dir das? Nein? Pech gehabt. Pech für dich, alter Knabe.

Gib’s auf!
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Typologie der Merker

Blitzmerker

Besitzt den Vorteil, Bescheid zu wissen, sobald der erste Beifall erklungen ist. Die Fähigkeit, sich in einen fremden Text einzusprechen, der kaum erklungen ist, erweckt immer wieder Erstaunen. Zweifellos besitzt sie eine erotische Komponente. Welcher Eros mag dabei im Spiel sein? Schwer zu sagen. Intelligenz erscheint unter vielen Formen.

Aufmerker

Reagiert nicht auf jeden Input. Verfügt über die Fähigkeit, aus einer Vielzahl von Impulsen blitzartig diejenigen herauszufiltern, die sich zu Herausforderungen auswachsen könnten. Insofern sind Aufmerker die klassischen Gefahrenwächter der Scientific Community. Doch das beschreibt ihren Aufgabenbereich nur unvollkommen. In Wirklichkeit sind sie die geborenen Diener kommender Herren. Nicht, als ob sie ihnen von Anfang an gewogen wären. Aufmerker sind selten gewogen. Sie wissen, wann es sich ziemt, in den Servilitätsmodus zu wechseln. Bis es soweit ist, fungieren sie als Immunabwehr des akademischen Körpers. Wem es nicht gelingt, ihren Ring zu durchbrechen, dessen Aussichten auf eine solide wissenschaftliche Karriere sollten als eher bescheiden angesetzt werden.

Anmerker

Der Anmerker merkt an, was es anzumerken gibt, nicht mehr, nicht weniger. Manchen gilt er deshalb als spröder Typ – ein Fehler, wie sich bei näherer Bekanntschaft ergibt. Der Anmerker braucht den Vorteil der inneren Linie, um sich entfalten zu können. Was soll, so sein Kalkül, eine Theorie schon anderes sein als ein Bündel von Fehlern? Was soll eine neue Theorie schon sein als ein Bündel noch unerkannter Fehler? Was also tun? Er greift sich eine Behauptung heraus und setzt ein Fragezeichen dahinter. So ein Fragezeichen signalisiert, dass die betreffende Behauptung Fragen aufwirft. Was sonst könnte es bedeuten? Das Fragezeichen setzt die behauptende Seite unter Druck: schon beginnt sie zu rechtfertigen, was sich, im Zusammenhang belassen, von selbst ergibt. Sie rechtfertigt es außer der Reihe, das heißt, sie improvisiert eine zweite, auf Willkür beruhende Reihe und rechtfertigt damit – ganz recht! – das Fragezeichen. So gräbt sich der Anmerker immer tiefer in einen Text hinein. Überall dort, wo ihm das nicht recht gelingen will, dichtet er Zusammenhänge und Verwandtschaften hinzu, die den anderen in Verlegenheit bringen: Hat er etwa gerade daran nicht gedacht? Wer soll ihm das abnehmen? Und falls man es ihm abnimmt: Welches Licht wirft das auf seine Theorie? So oder so, der Anmerker triumphiert. Er hat es dem anderen (und allen anderen) gezeigt, zwar weiß er nicht den Weg, aber seine Warnung, einen Irrweg zu beschreiten, liegt allen im Ohr.

Vormerker

Hervorstechende Eigenschaft: Witterung für das Kommende bei – fast – vollständiger Abwesenheit des Machtsinns. Ewig von der eigenen Institution enttäuschter Begleiter der weltweiten wissenschaftlichen Prozesse. Man könnte ihn einen Talent-Scout nennen, doch seinem komplizierten Innenleben würde das nicht gerecht. Der Vormerker setzt sich selbst stets oben auf die Liste der avancierten Stichwortgeber. Dann streicht er sich durch und trägt sich an zweiter Stelle wieder ein: unter heftiger Hindeutung auf den Erstplatzierten, als handle es sich bei ihm um seinen persönlichen Schützling. Arrangiert fürs Leben gern Kongresse. Ansonsten leidet er psychisch unter der Flut alltäglicher Verrichtungen, die das berufliche Leben so mit sich bringt.

Frontmerker

Der klassische Wissenschaftsheld: wo immer er auftaucht, überwiegt der dem avancierten Stand der Forschung eingelagerte Problemdruck, der nach Lösungen giert. Der Frontmerker will nur das Eine: dass es weitergeht. Stillstand, an welcher Front auch immer, ist ihm ein Gräuel. Am liebsten schriebe er noch seinen Konkurrenten die Skripte, so sehr langweilen ihn ihre ritualisierten Auftritte. Das aber ist ausgeschlossen, es wäre gegen die Regel. Deshalb erscheint er stets ungeduldig, um nicht zu sagen unwirsch. Denn er neigt, anders als man es ihm nachsagt, nicht zu Sarkasmen.

Trossmerker

Gegenspieler des Frontmerkers: stets darauf bedacht, die Hauptauf­fassung seiner Disziplin zu vertreten, die herrschende Forschungs­meinung, kurz und gut das, was gilt. Was gilt, was gilt nicht? Dieser Lieschen-Müller-Frage aller Fragen hat er sein Leben geweiht. Sie verleiht ihm seine spezielle, auf Würde gebürstete Ausstrahlung, täglich vorm Spiegel kontrolliert und selten abgeschaltet, es sei denn, ein Würdigerer schiebt ihn in den Schatten, dorthin, wo seine Opfer sich tummeln und ihn feixend für die Dauer der Verfinsterung als einen der Ihren in Empfang nehmen, selbstredend herablassend, denn Ausstrahlung ohne Ausstrahlung ist nichts weiter als die Aura der Dummheit.

Abmerker

Stimmenimitator. Merkt sich, was ankommt, und hat es drauf, sobald es auf ihn ankommt. Da er sich völlig auf die performance konzentriert und Wert auf ein angenehmes Äußeres legt, meist erfolgreicher als das Original, vor allem in den Bereichen, in denen wissenschaftliche ›Expertise‹ gefragt ist: sei es die Politikberatung, sei es die sogenannte Öffentlichkeit der Medien, vor allem des Fernsehens mit seinen Kurz­auftritten und Talk-Runden, die dem Buchstaben der Wissen­schaft ebenso entgegenstehen wie dem Geist insgesamt.

Quermerker

Jede Wissenschaft besitzt ihre illegitimen Bereiche, im Dunkeln unter Zuhilfenahme von Taschenlampen zu betreten, die bloß die allernächste Umgebung erhellen und bedrohlich zuckende Schatten an die Wände zeichnen. Warum das so ist? Wo geforscht wird, da fallen Schranken, und wo Schranken fallen, da werden hastig neue errichtet. Denn Schrankenlosigkeit ist aller Auflösung Anfang und damit der Feind aller Wissenschaft. Die alle Gewissheiten auflösende und Hypo­thesen auf Zeit an ihre Stelle setzende Wissen­schaft präsentiert sich der Gesellschaft und damit sich selbst als Hort aller Gewissheit. Unter den Tisch fällt, was nicht ins Panorama der Gewissheiten passen will. Manchem, der als Kollege dabeisitzt, kommt die Tafel durchsichtig vor und er gerät ins Sinnieren.

Wer sich aufgibt,
der bekommt seinen Lohn

 

Tronka erklärt R die Wirkungen seines Handelns/Nichthandelns
und dass es keinen Unterschied macht

Wer sich aufgibt, der bekommt seinen Lohn
1
Renate Solbach: Selbstaufgabe ©Renate_Solbach

Tronka

Wer sich aufgibt, der bekommt seinen Lohn
2
Renate Solbach: Selbstaufgabe ©Renate_Solbach

R

Wer sich aufgibt, der bekommt seinen Lohn
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Renate Solbach: Selbstaufgabe ©Renate_Solbach

Tronka

Wer sich aufgibt, der bekommt seinen Lohn
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Renate Solbach: Selbstaufgabe ©Renate_Solbach

R

Wer sich aufgibt, der bekommt seinen Lohn
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Renate Solbach: Selbstaufgabe ©Renate_Solbach

Tronka

Fortgesetzte Heimsuchung
durch das Projekt

 

Der Klärungsprozess dauert an

Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
1
Tronkas Stimme im Ohr:

Du brauchst ein Vorhaben, du braucht dein Vorhaben, du brauchst es so sicher wie ... reden wir nicht vom täglichen Brot, reden wir nicht vom Amen in der Kirche, das hier steht auf einem anderen Blatt. Aber ein klein wenig dasselbe ist es schon, da beißt die Maus kein’ Faden...
Warum tut sie das? Vielmehr: warum tut sie’s nicht? Hat sie Gründe? Wenn ja, welche? Du kennst keine Maus, rein persönlich, kannst daher keine fragen. Menschen könntest du fragen. Ob sie dir Rede und Antwort stünden, das steht ... auf einem anderen Blatt. Besser wäre es, du könntest sie zum Mitmachen bewegen.
Mitmachen?
Ja bei was denn? Was du da vorhast, es zielt ein bisschen zu sehr aufs private Leben. Da schmeckt das Wort vom Mitmachen ... anders. Nun, ein wenig zielt jede Rede aufs Leben, die vom Mitmachen sowieso. Wer sich nichts vornimmt, den … sagen wir … verlässt es auf der Stelle. Eine Weile trudelt er noch, das kann sogar, wie jede unkontrollierte Bewegung, Illusionen erzeugen und Lustgefühle hervorrufen.
Aufschlag.
Noch ist nichts entschieden. Alles liegt in deiner Hand. Woher diese Empfindung, zu sehr aufs Private zu zielen? In wessen Privatsphäre greift es ein? In deine? Darüber entscheidest du. In die der Mitmacher? Das kommt darauf an. Jeder entscheidet souverän, ob er einsteigt, wie er einsteigt, wie intensiv er einsteigt. Das Projekt, wie du es planst, steigt auf verschiedenen Ebenen. (Wichtig! Festhalten!) Jeder Proband wählt seine Ebene selbst. Es steht ihm frei, zwischen den Ebenen zu wechseln, wann immer es ihm nötig zu sein scheint. Jeder genießt die völlige Freiheit auszusteigen, wann immer es ihm passt. Das ist wichtig, das ist ganz entscheidend: Keine Nötigung. Kein Psychoterror. Andererseits: Wer sein Privatleben für ein Experiment zur Verfügung stellt, lebt der privat? Will er das: ein privates Leben? Vielleicht verlangt es ihn – insgeheim oder brennend – nach etwas anderem. So denken viele, die nicht darüber nachdenken, dass sie ihr Privatleben drangeben, um ein anderes Leben zu ergattern. Finden sie ein neues? Kann man ein Privatleben zerstören und ganz nebenbei ein anderes finden? Welche Art Fund mag das sein? Und erneut: Verzicht aufs private Leben: Gibt es das? Ist so etwas überhaupt denkbar? Ist es machbar? Ist es lebbar? Da steht es, als Frage, und blickt dich an. Du wirst ihr nachgehen müssen. Das Projekt wird ihr nachgehen müssen. Alles zu seiner Zeit.

Halt’s fest. Halt alles fest. Da steht es: aufgeschrieben für alle Zeit. (Nur die Schrift verblasst, sie schwindet schon, im Hinschreiben schwindet sie. Daran änderst du nichts und sie nicht, das geschieht einfach so, wie das Meiste.) Wenn aber all diese Zweifel bleiben (bis das Projekt sie, so oder so, zerstreut): Woraus entspringt dann der Wunsch nach Veränderung? Darin steckt eine andere Frage: Welche Menschen zieht ein solches Projekt an?

*

Das Projekt, dein Projekt, richtet sich an alle: alle, die guten Willens sind. Sollte darin ein Widerspruch liegen: Halte ihn aus.

Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
2
Noch ist nichts entschieden

Wäre alles entschieden, wo läge der Unterschied? So wie die Dinge liegen, handelt es sich um ein Ertasten: Was ist möglich? Was wäre machbar? Was umsetzbar? Fus Menschheitsexperiment im Reagenzglas … darauf läuft es hinaus. Alles weitere ist verhandelbar. Es geht also darum … es geht also darum – seltsame Phrase, schwirrt wie ein Bienenstock – hineinzukommen, genau darum und um nichts anderes. Alles weitere muss sich finden.
Und hier, gerade hier, beginnt die Scheu. Nicht dass du dein Projekt als privat betrachtest – du empfindest Scheu, es anzumelden. Du fürchtest den Moment, in dem es abgelehnt werden könnte: ›zu privat‹. Du fürchtest die Ablehnung. Das ist der Punkt.
Warum? Ist dein Selbstbewusstsein so schwach? Ist es so unausgebildet?
Ist es überhaupt eine Frage des Selbstbewusstseins?
Das mögen andere entscheiden.
Nein, dein Selbstbewusstsein tut nichts zur Sache. Der Blitz, der das Projekt zündete, er hat dein Inneres in Brand gesetzt. Betrachte dieses Bild. Willst du deine Umgebung in Brand setzen? Nicht wirklich. Ließe sie sich in Brand setzen? Wohl kaum. Was also riskierst du? Sie werden den Brand bemerken und ihn löschen wollen.
Sie werden ihn löschen wollen, nicht weil sie begriffen haben, was da brennt, sondern weil der Löschinstinkt es ihnen befiehlt. Du weißt es, denn er ist auch in dir wirksam. Schon arbeitest du ihnen entgegen.
Dabei ist es nur ein Bild.
Ein altes Bild. Ein mächtiges Bild. Ein Suchbild.
Ein Bild auf der Suche nach seinem Sujet.

 

Das Bild der Lage
verändert die Lage
Landschaft mit Sturz des Ikarus
Landschaft mit Sturz des Ikarus

Der zensierte Ikarus
Landschaft läuft


Du blickst, aus erhöhter Position, auf eine Bucht hinaus, die sich, im Licht der aufgehenden Sonne, am Horizont zum offenen Meer hin erweitert. Im Mittelgrund siehst du ein Handelsschiff unter geblähten Segeln, ein zweites, umringt von Booten, steuert den Hafen an, währenddessen am unteren rechten Bildrand der einsame Angler die Angelschnur auswirft. Im Vordergrund, nun, im steinigen Vordergrund pflügt ein Bauer sein winziges, dem Steilhang abgetrotztes Stück Acker.

Wo ist das Motiv? Wer suchet, der findet, was, oberflächlich betrachtet, von Ikarus blieb: ein einsam die Wasserfläche durchschneidendes Bein, die Stelle anzeigend, an welcher der Kühnling versank.

Ikarus, das ist: der Untergehende. Auf diesem Bild lastet ein schweres Tabu. Der Zugang ist FORBIDDEN.


 

Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
3
Zwischenstopp

Lass Fu fallen, vergiss ihn, vergrabe ihn tief in den Schubladen deines Bewusstseins – was dann? Die einfachste Lösung heißt mitmachen. Wer nichts Besseres vorhat, macht mit. Er will dabei sein, er ist bereit. Die Moderne zum Beispiel, Leckebuschs Steckenpferd, wäre so ein Etikett, unter dem mancherlei durchgeht. Daran sind viele beteiligt, sehr viele, praktisch alle, die Moderne nimmt alle mit. Sehr praktisch. Nicht jeder versteht das, nicht einmal in den Zentren des Weltgeschehens, dort, wo die Akteure ein und aus gehen, die das Projekt steuern: Wirtschaftsbosse, Wissenschaftsplaner, Intellektuelle, professionelle Weltausleger... Politiker? Steuern Politiker die Moderne? Das müsste die Welt wissen. Andererseits: Wer, wenn nicht sie?
Wie steht es um die Juristen? Ein Unterfangen, an dem keine Juristen beteiligt wären, müsste erst noch erfunden werden. Aber heißt Beteiligtsein Steuern? Ganz sicher nicht.
Ganz sicher?
Beteiligt sind alle. Jeder frisch erblühte Konzern, jeder abgewirtschaftete Bauernhof, jede menschenzerbrechende Mine, jedes einzelne Produkt, jede Fertigungstechnik, jeder Bedarf, jeder Beruf, jede Berufswahl, jeder ausgelassene, verbotene, niedergeknüppelte, erfolgreiche Streik, jeder Protest, jeder Aufruhr, jedes Gemetzel, jede Praxis, jede Gesetzesänderung, jede Abtreibung, jede geschlossene, gescheiterte, geschiedene, verweigerte Ehe, jede Arbeitsbedingung, jede Arbeitslosigkeit, jede Gehaltschwankung, jeder Urlaub ›in fernen Regionen‹, jede Art von Konsum, jede Fernsehsendung, jedes Gemeindeleben, jeder Glaubensabfall, jede Bekehrung, jede Schulgründung, jeder Lehrplan, jedes Forschungsergebnis, jedes Forschungsvorhaben, jedes Arbeitspapier, jedes Symposium, jedes Flugblatt, nicht zu vergessen die klassischen Kandidaten Sex, Drogen, Repression, Terror – sie alle... Sie alle?
Doch doch, sie sind dabei.
Masse steuert.

Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
4
Wer steuert die Masse?

Der Prozess.
Wer steuert den Prozess?
Er selbst.
Ganz sicher?
Was heißt schon sicher.

*

Gelenkte/ungelenkte Prozesse. Wozu gehört die Moderne?

*

Die Moderne und ihr Schatten.
Kein gelenkter Prozess, der nicht ungelenkte auslöste, durchkreuzte, verstärkte, verwandelte.
Et vice versa.

*

Welchem Zweck dient die Moderne? Wem dient die Moderne?

Wäre es angesichts der Unsicherheit, die eine solche Frage hervorruft, nicht zweckmäßig, man überließe die Moderne sich selbst und ihren Tendenzen?

Ein Ausweg wäre es, sicher.

Aber: wäre sie dann noch die stolze, selbstsichere, unwiderstehliche, alles integrierende Unvollendete, der Liebling aller Dirigenten und Möchtegerne?

*

Sicher nicht.

Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
5
Die Moderne ist tot

Ein Spötter hat es gesagt, schön beiläufig, um die Pointe nicht zu gefährden. Die Verspotteten plappern es nach. Das stört die Kollegen, die gern zu Hause an vorderster Front kämpfen. Ein Taschentuch! Rotz und Wasser, die richtige Mischung, darauf kommt es an. Sicher? Worauf kommt es an? Wer weiß, worauf’s ankommt, der hat... die Nase vorn. Er hat das Sagen.

*

Das ist schon sagenhaft: zu wissen, worauf es ankommt. Es bedeutet Macht, zumindest, bleiben wir auf dem Teppich, Machtgefühl, aber so ein Gefühl erbricht sich ganz von allein, es sucht seinen Weg. Moderne heißt: wissen, worauf es in Zukunft ankommt. Ein Manager zum Beispiel kann gar nicht anders, er muss es wissen oder er ist weg vom Fenster. Ein Bereichsleiter ist bereits zur Moderne verdammt. So sieht es aus. Ein Professor desgleichen, sonst hört keiner ihm zu.

*

Nebenher: Es sind Tote, die sich diese Geschichte ausgedacht haben. Moderne wird aus Gräbern heraus gesteuert. Jeder kennt solche Toten, nicht persönlich, man ist im Leben keinem begegnet, was schade ist, denn die Berichte über ihr Erdenwallen füllen Regalmeter in den öffentlichen Bibliotheken, erstaunlich eigentlich, da die Zahlen der von ihnen vollgeschriebenen Seiten eher auf beschauliche Lebensläufe tippen lassen. So gesehen ist die Moderne tot, seit die Lebenden denken können. Beides gehört sogar, der Schluss ergibt sich dunkel, aber zwingend, zusammen.

*

Fu zum Beispiel ist ein Moderner. Der Tod hat seine Einfälle ineins geschmolzen: da stehen sie, eine Parade von Schriften, die darauf warten, erblättert zu werden. Warum erblättert? Geben sie etwas preis? Etwas Kostbares? Einen Schatz fürs Leben? Eine Sicht der Dinge, die es licht, hoch und geräumig erscheinen lässt?

*

Keineswegs. Vielleicht. Naja.

Fortgesetzte Heimsuchung durch das Projekt
6
Ergo –

Nicht du willst mitmachen. Es will mitmachen. Dein Projekt, es ist schon dabei. Es schwebt dir vor, aber es ist schon dabei.
Was besagt das?
Es besagt, die Würfel, so oder so, sind gefallen.
Fu-Projekt, das ist: die Wiedergewinnung eines alten Gedankens.
Fu-Projekt, das ist: die Wiederbelebung einer verjährten Konzeption.
Fu-Projekt, das ist: der kontrollierte Versuch, die Revolution der Lust in die Hände derer zu legen, die sie empfinden sollen.

Kann ein solches Projekt scheitern?
Keine Frage, es kann.
Es muss scheitern können, damit es gelingen kann.

»Ich stelle mir diese Krankheit vor wie einen großen, dunklen Verlauf, an dessen Ende das Licht angeht und alle erstaunt zur Kenntnis nehmen, an welcher Stelle im Raum sie sich befinden.«

Von einer Krankheit ist nirgends die Rede.
Woran ist Fu zugrunde gegangen?

Und wäre er elend zugrunde gegangen – es wäre keine Botschaft, die einen von uns betrifft. Was wir ins Leben zurückholen, sind seine Gedanken, nicht seine Abschweifungen. Wir wagen einen Versuch: vorsichtig, Schritt für Schritt, von Lektüren unterbrochen und gegengelesen, einen Marsch in den Dschungel mit leichtem Gepäck und allem Gepäck der Welt, bei offener Bibliothek, umzingelt von Therapeuten. Die Pyramide ist unser Aktionsraum, die kurzen Wege zum Wissen sind unser Markenzeichen.

Wer sind wir? Eine kleine, handverlesene Truppe, bereit, das Elend der falschen Intimität hinter sich zu lassen und eine Gleichheit zu praktizieren, die schwer zu erlangen ist: Gleichheit von Wünschen, Begehrungen, Erfüllungen, Partnern, Lebensweisen, Beschreibungen, Zuständen, Beziehungen. Wer will, kann zwischendurch nach Hause gehen, wer nicht will, desgleichen. Wir nehmen das Nichtwollen ernst, wer es braucht, darf darin den Motor erblicken, der das Projekt antreibt.

*

Planet des Nichtwollens, die Pyramide als Basis.

Die reine Anstelligkeit und ihre Freuden

 

Auch ein Teuschner redet Tacheles
(hin und wieder)

Die reine Anstelligkeit und ihre Freuden
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Die reine Anstelligkeit und ihre Freuden
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(Eine Marotte von Teuschner: so zu tun, als spreche er nicht allein druckreif, sondern als sei alles, was er so von sich gibt, bereits auf dem Weg zum Druck oder als zitiere er gerade aus seiner jüngsten Veröffentlichung. Auch eine Art, Druck zu machen – hat er nun oder hat er nicht? Bist du dir ganz sicher, dass du seine letzte Publikation kennst? Keiner kann sich da sicher sein. Die letzte, an die alle Welt sich erinnert, liegt Jahre zurück – kluger Ansatz, vielversprechend –, was seither gekommen sein mag, liegt hinter einer Tarnwand, undurchdringlich, rätselhaft: es kann doch nicht wahr sein, dass seither nichts von ihm kam, vielleicht dass gerade jetzt … letzte Woche… Wenn Teuschner Zeit zum Nachdenken findet, dann über diesen einen Punkt: die Verschriftlichung der Rede, um nicht zu sagen der Welt. Verschriftlichung ist das mysterium mundi. Was zwischen dem Menschen und einem Stück Papier vorgeht – mit dem Bildschirm fremdelt er, was in der Pyramide immer wieder zu komischen Auftritten führt –, das ist … schwer zu sagen, und solange er da keine definitiven Antworten vorweisen kann, hält er sich eben, jedenfalls in schriftlicher Hinsicht, zurück.)

Die reine Anstelligkeit und ihre Freuden
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Er ist schon in Ordnung, der Teuschner, wenn man ihn kennt. Irgendetwas ist nicht in Ordnung mit ihm. Das merkt jeder, der ihn in der Pyramide zu beobachten Gelegenheit findet. Zuhause, in seinem Heim, ist er ein anderer Mensch. Ein Besucher könnte versucht sein zu meinen, er zöge die akademische Existenz aus, als handle es sich um ein paar Stiefel. Vorsicht! Man weiß nie, was kommt, man weiß auch nie, wie und aus welcher Ecke es kommt. Zwischen seiner Frau und ihm stimmt etwas nicht. Sie spielt eine Rolle, sie spielt sie gut, jedenfalls sehr bestimmt, vielleicht zu bestimmt, so als wolle sie damit etwas sagen … etwas wie »An mir liegt’s nicht«… Aber nein, gerade das will sie nicht, um keinen Preis, denn das hieße ja… Erst spät entdeckt der Mitmensch gewisse Geheimnisse, die nicht für ihn bestimmt sind. Der forschende Blick, von einem zum andern schweifend, findet nichts, woran er sich knüpfen könnte. Er will auch nicht aufdringlich wirken. Es späht sich nicht gut, liegt erst einmal Freundschaft in der Luft, und Teuschner, jungenhaft unverkrampft, ist der gute Freund – ehrlich gesagt, du weißt gar nicht, wie du zu der Ehre kommst, sie ist da wie das Du, das dir so selbstverständlich sonst nicht von den Lippen geht. Mit aller Welt ist Teuschner per du, warum nicht mit dir? Die geduzte Welt geht unter seinem Schädeldach ein und aus. Es ist etwas Lichtes um sie, wie du es aus der Realität nicht kennst. Ein heller Kopf, dieser Teuschner, zu hell vielleicht, eine Spur zu … schwerelos, die Dinge glätten und klären sich, als hätten sie nie etwas anderes vorgehabt.

Die reine Anstelligkeit und ihre Freuden
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(Hier kommt Teuschners Frau ins Spiel, eine dürre aschblonde Person, die den Erfolg, einen wirklichen Professor ihr eigen zu nennen, etwas ostentativ vor sich herträgt: ganz fraugewordene Erleichterung darüber, dass, nach Jahren ahnbarer Stockung, die Klippe endlich genommen wurde, die Bestallung des Mannes, die professorale Verwandlung, die aus jeder Marotte einen respektablen Charakterzug hervorgehen lässt, vor allem aus der, nicht verfügbar zu sein, wenn es am nötigsten wäre –)

(Keinen Misserfolg mehr zuzulassen, nie mehr, unter keinen Umständen – Agnes’ Credo tritt scharf, hart ins Profil … für einen zuckenden Moment, dann beugt sie sich mit bewundernswerter Huld über den Gast, metaphorisch gesprochen, denn physisch rührt sie im Kochtopf, bereit, dem Gast eine weitere Kelle von ihrem exzellenten Eintopf auf den Teller zu wuchten, was dieser mit dankbar erschöpfter Geste abwehrt. So kommt man dann doch ins Gespräch, ein langes, sehr langes, unterbrochen nur durch das Klingeln des Postboten und die Ankunft des Handwerkers, der gerade die Fassade repariert.)

Die reine Anstelligkeit und ihre Freuden
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Zum Abschluss doch noch ein Teuschner:

Gespräch beim Rektor

 

Einer muss donnern, damit die Zeit stillsteht

Gespräch beim Rektor
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Rektor

Gespräch beim Rektor
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Rektor

Gespräch beim Rektor
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Rektor

Was der Sozialismus falsch macht

 

Einlassungen des Kollegen Wassermann!
Aufzuheben für alle Zeit!

Was der Sozialismus falsch macht
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Ich muss in meinen Papieren kramen, entschuldigen Sie diese Unsitte, ah, da ist das Manuskript, ich muss es nur noch ein wenig ordnen... Ich habe den Vortrag zuerst auf Englisch gehalten, deshalb der Titel. »Two Modes of Friendship«: Was soll das heißen? Warten Sie, hier ... ich ziehe die Stelle vor, weil sie ... sie wirft ein so bezeichnendes Licht auf, wie soll ich sagen, die äußeren Umstände, unter denen sich in der heutigen Landschaft... Lachen Sie nicht, ich finde mich schon zurecht, es braucht nur einige Zeit ... also in der heutigen Landschaft, will sagen – ich sehe, Kollege Dürrobst lacht, lachen Sie ruhig ... Sie wissen, was kommt? Ich habe Ihren Aufsatz gelesen, ich komme darauf zurück, aber: guter Hinweis! Wissen Sie, ich lese Ihre Sachen immer mit Gewinn, das muss ich sagen ... das muss ich sagen ... hier. Was mich bewegt, was – das unterstelle ich einmal – uns alle bewegt, das ist doch eigentlich die Frage – Sie lachen wieder, aber das ist es doch! Sie haben recht, Kollegin Ziehausen, Sie haben ja so recht. Wie recht Sie haben, das ist mir erst klargeworden, als ich das Problem der doppelten Analysis einer erneuten Prüfung unterzogen habe – es war unser Thema auf dem letzten Kongress, Sie erinnern sich, und ich muss sagen, ich bin immer wieder beeindruckt – geistig beeindruckt – durch die Art, wie Sie die Dinge auf den Punkt bringen können: da liegt Musik in der Luft. Sie sagten damals, so weit ich mich erinnere, Sie hätten so eine Idee, wie man es machen könne, gleichzeitig die Luft anzuhalten und zu atmen ... so haben Sie es gesagt, der Ausdruck ist mir haften geblieben, ich kannte ihn noch nicht und fand ihn sehr sehr treffend. Wir leben ja nun, das ist allgemein bekannt, im Westen, und das ist keine Ortsbeschreibung – keine reine Ortsbeschreibung, will das sagen –, sondern eine Beschreibung von Positionen, ohne dass man allgemein sagen könnte, wie diese Positionen in Wirklichkeit aussehen. Wir bemühen uns sehr, die Wirklichkeit in den Blick zu nehmen, hüben und drüben, aber etwas trübt diesen Blick, etwas trübt ihn, und daran scheitern alle überwölbenden Modelle. Es gibt diese Position, die sagt, was soll uns die Wirklichkeit, Wirklichkeit ist Konstruktion und Konstruktionen sind nun einmal dafür gemacht, dass sie miteinander konkurrieren. Ich habe diese Position eine Zeitlang geteilt, man kann damit viel erklären. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, da meldet sich der alte aristotelische Gleichklang zurück und verlangt gebieterisch Auskunft darüber, auf welcher Grundlage wir uns streiten. Als radikaler Konstruktivist lehne ich die Wirklichkeit ab und schon habe ich sie an Bord. Wir haben die wirklichkeitsstiftende Kraft der Ablehnung krass unterschätzt. Ich lehne den Ansatz der anderen Seite ja nicht ab, weil er anders ist, sondern weil ich ihn für falsch halte. Ich halte ihn für falsch, weil er mir nicht passt, so kann man es sagen.

Was der Sozialismus falsch macht
2

Aber nicht alles, was mir nicht passt, halte ich für falsch. Manches akzeptiere ich. Wir akzeptieren ja auch die andere Seite, alles andere wäre Wahnsinn, wir wollen sie ja verstehen. Wir stehen damit auch nicht am Anfang, inzwischen sind wir ziemlich weit gekommen mit dem Verstehen, wir haben begriffen, dass es einen gemeinsame Aufgabe gibt, manche würden sagen, einen gemeinsamen Kampf, darüber müsste man reden – und dann bricht es plötzlich ab. Warum bricht es ab? Diese Frage habe ich mir gestellt. Sie sehen auf der Schautafel – Könnte jemand mal das Licht ausschalten? Man bekommt sonst leicht Kopfschmerzen – Danke – Sie sehen hier einen Balken, den Balken im Auge des Betrachters, haha, eine richtige Barriere. Wir verstehen, was damit gemeint ist. Das Verständnis – unser Verständnis, ihr Verständnis – muss diese Barriere überwinden, es muss über sie hinwegsetzen wie, sagen wir, ein Turnierpferd über ein Hindernis, das man ihm in den Weg gestellt hat, dieses ganz und gar widersinnige Hindernis, das den Laufrhythmus unterbricht. Warum ich dieses Bild gewählt habe? Es enthält, denke ich, ganz schön ein Element, das uns weiterhilft. Wer sich mit Pferden beschäftigt, der weiß, dass dieser abgenötigte Sprung gegen die Pferdenatur geht, contra naturam, wie die Lateiner sagen. Er ist eine Zumutung. Genauer: Er ist ein Panik-Auslöser. Eine ähnliche Panik verspürt jeder, der den Eisernen Vorhang zum ersten Mal überquert, realiter oder in Gedanken, mal kräftig, mal schwach, und etwas davon bleibt haften, sooft sich der Vorgang auch wiederholt. Sie ist sogar erforderlich, um – siehe Pferd – die zur Überwindung der Barriere notwendige Kraft zu entwickeln. Unser Augenmerk konzentriert sich daher auf die Frage: Wie lässt sich ein seitliches Ausbrechen verhindern? Die Antwort kennt jeder: durch Dressur. Ich will jetzt nicht auf alle Details eingehen, die zur ideologischen Abrichtung beitragen – Experten sitzen im Raum –, ich will nur einen Punkt herausheben, der mir wichtig erscheint. Dressur, so haben wir es gelernt, ersetzt die Fülle natürlicher Bewegungsreflexe durch künstlich schematisierte Abläufe. Diese werden so lange eingeübt, bis sie selbst reflexartig funktionieren. Konzentrieren wir uns auf die Fertigung von Gedanken: Was ist ein Reflex? Eine Reizantwort, sagt der Duden, reizendes Wort, aber das bringt uns auch nicht weiter. Ein Reflex – ich bitte Sie, hören Sie mir genau zu –, ein Gedankenreflex ist das Gegenteil einer methodischen Operation. Die methodische Operation sagt: x = x oder x = y. Das mag sogar richtig sein, jedenfalls verbreitet es das Gefühl der Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen, aber der Reflex – tut mir leid, das so sagen zu müssen –, der Reflex ist schon weiter. Er hat sich der Lücken zwischen den Termen bemächtigt und ist schon weiter. Bei x fällt ihm Tante Julie ein und bei y der Sommerabend, an dem ihm seine Brieftasche abhanden kam, er macht kein Gewese darum, er spricht nichts davon aus, aber er ist schon weiter, bei neuen Verbindungen, falschen und richtigen, solchen, die weiterführen, und solchen, die auf den Holzpfad locken.

Was der Sozialismus falsch macht
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Was geschieht? Jedesmal, wenn wir uns der Systemgrenze nähern, wiederholen wir mechanisch: x = x oder x = y. Damit schaffen wir vielleicht den Sprung. Aber was ist damit erreicht? Nehmen wir den Fall x = x, also Steinzeit: Kapitalismus = Kapitalismus, Sozialismus = Sozialismus. Aus. Punkt. Das haben wir lange genug gehabt, dahin will keiner zurück. Aber lehrreich ist es doch. Denn es heißt: Wer den Sozialismus verstehen will, der muss den Sozialismus verstehen und nichts weiter. Alles, was im Sozialismus geschieht, ist Sozialismus. Nichts weiter. Falls, wie man diesseits des Zauns annahm, der Sozialismus die falsche Gesellschaftsordnung ist, dann ist alles falsch, was in ihm geschieht. Punkt. Aus. Falls, wie man jenseits des Zauns annahm, der Sozialismus die richtige Gesellschaftsordnung ist, dann ist alles richtig, was in ihm geschieht. Punkt. Aus. Das galt natürlich immer nur für die Hardliner auf beiden Seiten. Nehmen wir stattdessen den Fall x = y, also Tauwetter: Kapitalismus = Reich der Freiheit, Sozialismus = Reich der Gleichheit. Das ist natürlich Karikatur, aber für den Demonstrations­zweck reicht es vollkommen aus. Man hat etwas, woran man die andere Seite messen kann, ohne sie an der eigenen messen zu müssen. Wenn man also von drüben hört, das Reich der Gleichheit wird kommen, nur Ketzer glauben, es müsse schon da sein, dann spitzt man die Ohren: Läuft hier etwas falsch? Wie läuft es überhaupt? In welche Richtung läuft es? Läuft es Richtung Gleichheit? Oder läuft etwas aus dem Ruder? Das haben wir lange diskutiert, immer brav gebettet auf unsere bürgerlichen Freiheiten, die in dieser Diskussion Gefahr liefen, unsichtbar zu werden, weil es nichts brachte, sie ins Gespräch zu integrieren. Warum? Weil es dann gleich auseinander fiel. Es sollte aber nicht auseinander fallen, denn dann hätten wir wieder von vorn beginnen müssen. So geht Verstehen, sobald es sich Systemgrenzen nähert. Wir wollten verstehen, also verstanden wir. Was wir verstanden, gefiel uns oder gefiel uns nicht. Was uns gefiel, was uns daran einleuchtete, veränderte unsere Welt: Wir – vorsichtig gesprochen: einige von uns – wollten es auch haben. Wir begannen also das eigene System an der Frage zu messen: Läuft es Richtung Gleichheit? Wenn nicht, was können wir tun? Und die drüben spitzten die Ohren.

Was der Sozialismus falsch macht
4

An dieser Stelle, meine Damen und Herren, beginnt der Hütchenspieler in mir zu frohlocken. Denn was damals ablief, das war ein Hütchenspiel: Die Zahl der Sozialismen auf dem Brett nahm stetig zu, ebenso die Zahl der Strategien, ihn zu erreichen. Der wahre Sozialismus blieb unter den geschickten Bewegungen der Spieler verborgen, wer wollte, durfte ihn auf eigene Faust und Rechnung erraten. Natürlich war da nichts zu erraten. Denn, seien wir ehrlich: Der wahre Sozialismus ist eine in den Raum geschobene Hypothese ohne Deckung, und je fanatischer sich die Suche nach ihm gestaltet, desto seltsamer muss der Gegenseite, die immer mit im Spiel war, aber nicht mitspielen konnte, die Sache vorkommen. Ich weiß nicht, ob sie diesen Nachhilfeunterricht nötig hatte, aber die Verwandlung einer unter ungeheuren Menschenopfern erkauften Realität in ein Gewimmel aufregender, leider nicht realitätsfester Strategeme musste, wie wir heute sehen, einmal Folgen zeitigen. Nein, es war nicht der Samisdat, es war nicht die Lust auf Freiheit, erst recht kein überwältigendes Theorie-Angebot des Westens, es war die Einsicht in die Vergeblichkeit des Wartens auf die Geschichte, die den Stein ins Rollen brachte. Es war das Hütchenspiel. Dank Gorbatschow ist der Eiserne Vorhang so löchrig geworden wie der Verstand. Der Sozialismus hat seinen Ernst eingebüßt, seinen furchtbaren, durch Blutzeugenschaft zementierten Ernst, ich will nicht sagen, er hat sich lächerlich gemacht, aber etwas in der Art ist geschehen. Betrachten wir die Sache von der anderen Seite der Barriere aus. Anders als im Westen blieb x = y dort immer, vorsichtig formuliert, untersagt. Das war der Sinn der friedlichen Koexistenz: Ihr behaltet eure Dissidenten und wir behalten unsere unter dem Daumen. Unter der Herrschaft von x = x ist kein Hütchenspiel zu erwarten. Erwartbar ist etwas anderes. Das Vibrieren, das einsetzt, sobald sich einer der Grenze nähert, macht sich schlagartig Luft, sobald sie einmal passiert ist. Zu diesem Thema kennen wir die ergötzlichsten Schilderungen – ja, ich weiß, Kollege Argloser, Sie sind ein großer Romanleser, wir tauschen uns gleich noch aus! – Die Signatur des geistigen Grenzübertritts ist das Gelächter. Im Gelächter aber steckt die Empfindung, entronnen zu sein, blitzartig und vielleicht nur für die Dauer eines Blitzes, aber innerhalb dieses Raumes: unbedingt.

Was der Sozialismus falsch macht
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Nun ist keiner entronnen, wir wissen es, nur weil ein Gelächter ihn schüttelt. Gleich darauf setzt etwas anderes ein: Vorsicht. Cave! Sieh dich nicht um. Falls doch: Lass es so aussehen, als habe es nichts zu bedeuten. Sei absichtslos. Geh deiner Wege. Was immer geschieht, lass es geschehen. Die Barriere, wir merken es, schlägt zurück. Eben war sie noch Grenze, schon trumpft sie auf – als Verfassung. Nicht als irgendeine, nein, als deine. Nein, nicht als innere, das Wort kannst du streichen. Die innere Verfassung, wenn es denn eine gibt, streicht sie aus. Sie ist wirklich, denn sie enthält die Erfahrung der Grenze. Sie ist unwirklich, denn sie verweigert die Grenze. Sie macht dich stumm, sie macht dich beredt. Sie macht dich brauchbar. Sie macht dich unbrauchbar. Sie versetzt dich in den Wartestand: Geht es immer so weiter oder geht es anders? Wenn es anders geht, warum nicht ich? Wenn es nicht anders geht, warum dann dort? Warum denn dort, wenn nicht hier? Du beginnst zu begreifen: Was wäre, wenn? Ein Tohuwabohu. Reden wir über das Hier. Reden wir so, dass uns keiner versteht. Reden wir so, dass uns keiner versteht. Reden wir so, dass sie uns freilassen müssen – und sei es nur, weil sie uns fälschlicherweise verhaftet haben. Fälschlicherweise – darauf kommt es an. Wer fälschlicherweise verhaftet wurde, der ist verwarnt. Aber: wer fälschlicherweise verhaftet, der auch. Wer fälschlicherweise verdächtigt wurde, der steht im Verdacht. Aber: wer fälschlicherweise verdächtigt, der auch. Wie oft lässt sich dieses Spiel spielen? Beliebig oft? Wahrscheinlich. Beliebig lange? Unwahrscheinlich. Wo sich nichts ändert, herrscht Erosion. Sie herrscht immer, aber hier herrscht sie unumschränkt: absolut. Lass sie nicht herrschen, lass sie arbeiten. Arbeite mit ihr: Hand in Hand. Arbeite an ihr: Gib ihr eine Aufgabe und sie wird es dir danken. Womit? Mit verdoppeltem Einsatz. Irgendwann implodiert das Regime. Wie sieht das aus? An diesem Punkt stehen wir. Ich denke, wir sollten aufmerksame Zuschauer sein. So ein Schauspiel sieht man nicht oft.

Was der Sozialismus falsch macht
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Wir sitzen hier so friedlich zusammen, das muss doch einen Grund haben? Ich könnte Sie zum Beispiel bitten, das Fenster zu öffnen – es ist ein bisschen stickig geworden – und einer von Ihnen würde ohne Anzeichen von Widerstand aufstehen und meinem Wunsch nachkommen. Kein Anwesender würde darin eine symbolische Handlung vermuten wollen. So geht es zu in einem funktionierenden Gemeinwesen. Die Universität ist eine alte Einrichtung, manche ihrer Gebräuche haben Jahrhunderte überlebt, als seien sie vergangen wie der bewusste Flügelschlag. Ich will das nicht idolisieren. Wir alle kennen die Parole vom Muff unter den Talaren, der eine oder andere von uns hat sie mitskandiert, als die Zeit reif dafür war. Wir haben diese Institution gereizt bis aufs Blut, und heute können wir sagen: Es ist ihr gut bekommen. Heute sitzen wir hier und parlieren über die stürmischen Zeiten, als hätten wir uns nie etwas anderes erhofft als einen belebenden Hauch. Was ich sagen will: Kein Regime erodiert, weil man es reizt. Es ist genau umgekehrt: wo Erosion herrscht – ich sage: herrscht –, wird alles, was geschieht, zum Systemreiz. Der gute Pastor Brüsewitz – aha, jetzt regt sich also doch Widerstand –, der unglückliche Pastor Brüsewitz aus Zeitz hat sich nicht verbrannt, weil er die Absicht hatte, damit Feuer ans Staatsgebäude der DDR zu legen, sondern weil er wusste, dass seine Tat das Regime überleben würde. Damit meine ich kein Gedenkritual, das jederzeit abgestellt werden kann, sondern Überleben: Dieses Regime stirbt und dasjenige, in dem ich stehe, wird leben. Jedes – jetzt müsste ich natürlich sagen: jedes weltliche – Regime scheitert letztlich an der Barriere, an der es sich genötigt glaubt, darauf zu beharren, dass x = x.

Was der Sozialismus falsch macht
7

Ich habe mir gedacht, ich schalte, um die Dinge voranzutreiben, an dieser Stelle ein Gedicht ein, das vor Jahren in der Sowjetunion entstand und hier im Westen veröffentlicht wurde. Ich weiß, hierzulande gilt das Lesen von Gedichten als nahezu unanständig – die Gründe müssen wir jetzt nicht diskutieren –, ich weiß auch nicht, ob es sich wirklich um ein Gedicht handelt, dazu ist mein Russisch zu schlecht, aber ich habe eine in meinen Ohren ganz passable Aufnahme gefunden, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.
Wie geht das gleich noch mal? Ah –

Was der Sozialismus falsch macht
8

Was soll man davon halten? Es riecht ein bisschen nach Alkohol, wenigstens ist das mein subjektiver Eindruck, das wäre dann immerhin authentisch. Lassen wir die Frage dahingestellt sein, ob es sich um ein realistisches Gedicht handelt. Ich kann seine Aussagen nicht überprüfen. Sehen wir genauer hin, so stellen wir fest: Das ist gar nicht nötig. Das Gedicht trifft eine Reihe von Feststellungen, die einander mehr oder minder strikt widersprechen. Scheinbar beschreibt es damit das ›Kollektiv‹ – nehmen wir einmal an, damit sei das sowjetische Volk gemeint. Dies vorausgeschickt, benennt es eine Reihe von Einstellungen – offenbar ausgebildet, um in einem bestimmten System zu leben, vielleicht auch: um zu überleben, vielleicht sogar: um es zu überleben, selbst wenn der Schluss dem vehement widerspricht. Jede dieser Einstellungen lässt sich als paradox bezeichnen, zusammen bilden sie ein dichtes Gewebe von Paradoxien, einen Friedhof der Eigenschaften, dazu angelegt, sich vor jeder kurz zu bekreuzigen und weiterzugehen, natürlich ohne jede religiöse Emphase. Diese Eigenschaften, wären sie nicht paradoxal gebunden, sondern dürften sozusagen das Spektrum denkbarer Charaktere auffächern, könnten tatsächlich für das stehen, was einer meint, wenn er allgemein vom ›Volk‹ redet. Die vom Gedicht aufgeworfene Frage könnte demnach lauten: Woher die paradoxale Straffung? Oder, um das Bild vom Fächer beizubehalten: Welche Kraft schiebt den Fächer zusammen, um etwas daraus zu formen, das eher einem Stock gleicht? Wir kennen die üblichen Antworten, ich erspare sie uns daher. Nicht ersparen kann ich Ihnen den Rückgang auf das bereits Ausgeführte. Ich sprach von Erosion und ihren Implikationen. Was wir hier sehen, ist der Versuch, ein erodiertes System als System, als einen Mechanismus der Selbsterhaltung zu beschreiben. Dieser Versuch besitzt – ich hoffe, Sie stimmen meiner Einschätzung zu – eine gewisse poetische Kraft, aber er kann uns, als äußere Betrachter, natürlich nicht überzeugen. Warum? Er beschreibt eine Symbiose aus einem Leben, das keines ist, und einem System ohne weiteren Daseinszweck ohne den seiner Selbsterhaltung. Wir verstehen aber, da es sich um eine echte, tief gehende Symbiose zu handeln scheint, wie schwierig es sein wird, sie zu beenden. Das ist der Gestus, den das Gedicht seinen Lesern vorführt: Macht euch nichts vor! So oder so, es ist euer Leben! Keiner wird davonkommen.

Was der Sozialismus falsch macht
9

Ich komme zum Schluss. Was der Sozialismus falsch macht – ich nehme einmal an, Sie erinnern sich noch an meine Ausgangsfrage –, ist nicht etwa das, was der Kapitalismus richtig macht. Es ist auch nichts, was der richtige Sozialismus richtig machen könnte. Es ist sozusagen nichts dergleichen. Es ist diese paradoxe Verbindung aus Nichts und Allem, aus der, wenn sie einmal hergestellt wurde, kein Entrinnen möglich scheint, es sei denn, in Gestalt einer Katastrophe. Der Sozialismus ist eine Lesart der Geschichte: diskutierenswert, solange sie eine unter anderen bleibt, bewundernswert dort, wo sie Veränderungen anstößt, die das Los der Ärmsten verbessern, aber allem Misstrauen dieser Welt zu überantworten, wo sie durchgesetzt werden soll. Nein, ich spreche nicht vom Gulag. Ich spreche vom Alltag. Wessen Alltag? Vom Alltag der Leute. Damit meine ich weder Die Unten noch Die Oben, weder die Nomenklatura noch ihre Untertanen. Das Ganze ist ein Aggregatzustand, das, was entsteht, wenn Privates, Öffentliches, Privates, Dienstliches, Hierarchisches, Egalitäres, Anonymes, Intimes im Wechselverhältnis in Erscheinung tritt, der menschliche Dauerkarneval sozusagen, bei dem der eine nicht mehr aus dem Lachen herauskommt, während der andere zusammengekauert in der Ecke sitzt und sich die Tränen aus den Augen wischt. Der Alltag ist die Achillesferse der verordneten Praxis. Er saugt alles auf, was die Planer ihm zumuten, so wie er jedes Unglück, jeden Betriebsunfall, jede Katastrophe, jede Verordnung, jeden Geschichtssprung resorbiert. Ernährungswissenschaftler verstehen, was passiert, sobald die Resorptionsfähigkeit eines Systems einmal an ihre Grenzen stößt. Das System stellt sich, bei voller Vitalität, quasi tot. Es nimmt auf, ohne aufzunehmen. Oder es nimmt auf, aber die Wirkungen kehren sich um. Oder es nimmt auf, die Effekte stimmen mit den Erwartungen überein, aber irgendwo, tief im System, bereitet der Rückschlag sich vor. Solange dergleichen geschieht, befinden wir uns in der Experimentierphase. Ist das System eingeregelt, sind auch die Effekte nicht länger voneinander zu lösen. Die Wirkung ist dann immer und überall gleich. Und sie lässt sich, wie gehört, nur noch durch Paradoxien beschreiben. In der Sprache der Leute lautet das so: So gut wie ihr hätte ich es auch gern. Bleibt mir vom Leib.

Was der Sozialismus falsch macht
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»Ich könnte mir einen Kapitalismus vorstellen, der wie der hier beschriebene Sozialismus funktioniert, einen forcierten Kapitalismus sozusagen, der die privaten Entfaltungsräume aufsaugt und eine glänzende Utopie aus ihnen verfertigt, die von allen geglaubt – und vor allem gelebt – werden muss. So etwas ist ohne weiteres möglich. Ein solcher Kapitalismus könnte sich zum Beispiel das Mäntelchen des Sozialismus umwerfen und verkünden, er sei der wahre Sozialismus, das Ei des Kolumbus, das Ende der Geschichte in jenem strengen Sinn, den ihm Hegel und sein Gefolgsmann Marx verliehen haben. Das ist ohne weiteres möglich. Wir sind die Guten. Warum denn nicht? Wir sind die Guten und das Ende der Welt ist nahe. So nahe wie unsere Bomben. Vergesst sie nie!
Ja sicher, wir leben auch das. Warum denn nicht? Lebbar ist alles.
Jetzt muss ich doch noch schnell ... ach da! Gut, das musste ich doch ... Vielen Dank!«

Nightcab. Inversionen

 

Der Schlaf der Vernunft
lässt den Sehnerv zucken

Nightcab
1

Stell dir einen Garten der Lüste vor, der völlig leer wäre. Völlig bedeutet: vollständig bis auf die Planken und Bretter der leeren, unbeleuchteten (oder, sagen wir: äußerst schwach beleuchteten) Bühne, ohne die nun einmal nichts geht. Was erscheint? Ein Körper. Zunächst: ein dunkler, sich schwach gegen den Hintergrund abhebender, anfangs kaum bemerkter, Neugier erregender, bewegungsloser, dann von steigender Unrast erfüllter Menschenkörper zweifelhaften Geschlechts, dessen Gegenwart die Zuschauer vom ersten Moment an ausfüllt. Woran liegt das? Er seinerseits scheint erfüllt zu sein von einer unbestimmten Zuschauer-Gegenwart: seine sparsamen Gesten, sein Verweilen, seine zögernden Schritte, seine Stellungswechsel, weit hergeholt, als handle es sich um Erinnerungs-Gänge, wirken berechnet auf diese Schwärze aus Augen, ›Zuschauerraum‹ genannt, von der du nicht sagen könntest, da, in der und der Reihe, kein Zweifel, das bin ich. Das Ich, abgedunkelt, ist aus dem Spiel – weitgehend. Es harrt der Dinge, die da kommen werden. Seltsames Harren – als ob jemand sagen wollte: »die Bühne harrt«. Sie knarrt aber bloß in ihren Fugen, sie fügt die Hohlheit des Raumes zur Situation hinzu, seine Akustik, vor allem seine buchstäblich alles umfassende, alles einsaugende Leere, inmitten derer diese Person ihrer Tätigkeit nachgeht, ersichtlich damit befasst, Gegenwart herzustellen, einfache, dichte, gedanklich abstinente Gegenwart. Sie ist so erfolgreich darin, dass du sie zu vergessen beginnst. Währenddessen lässt du kein Auge von ihr, als handle es sich um die Schlange des Paradieses, deren Einflüsterungen du jetzt nach und nach erliegst, so dass der plötzliche Biss, fast als wäre es der deinige, dich nicht sonderlich überrascht.

Nightcab
2

Nein, dieser Körper ist deiner nicht, wie eine rasch gefasste Hypothese dir vorgaukelt. Von ihm geschieden, vagabundiert er durch den Raum, eine Kometenspur hinter sich lassend, genannt Aufmerksamkeit: kein feindlicher Eindringling, eher etwas, das sich aus dir gelöst hat – wie immer das zugegangen sein mag –, und jetzt vorhanden ist wie nichts sonst, geschieden von allem anderen: geschieden, nicht unterschieden, denn dazu müsstest du Unterscheidungen treffen, von deren Falschheit, aus welchen Gründen auch immer, du überzeugt bist. Nicht das Falsche stört dich daran (allem Falschen ist auch Wahres untergemischt), sondern die Aggressivität, mit dem sie den Faden abschneiden, der dich an den Körper dort bindet. Ehrlich gesagt, du hörst bereits auf ihn zu betrachten, während der Blick ihn nicht loslässt, er gibt nicht länger die Idee eines Körpers ein, ohne deshalb, was doch naheläge, Psyche zu werden. Eher hält dich ein Keins-von-beiden beschäftigt, jedenfalls füllt es dich mit einer dir gerade noch weitgehend fremden Unruhe aus. Es füllt dich aus. Widersinnig käme es dir vor zu sagen, ›sie erfüllt dich‹ – die Unruhe und das, was du naheliegenderweise als ›Erfüllung‹ bezeichnen würdest, scheinen dir an den entgegengesetzten Polen einer unbekannten Skala angesiedelt zu sein. Du bist lang genug auf der Welt, um zu wissen, dass es nur einer Wortauswechslung bedarf, um das Unbekannte in Bekanntes zu überführen. Setze an die Stelle von ›Unruhe‹ einen der Ausdrücke ›Wunsch‹, ›Begehren‹, ›Begierde‹ oder ›Verlangen‹, und das Eigentümliche der Situation, vielleicht ihr Zauber, vielleicht weniger, vielleicht mehr als ein Zauber – eine ›momentane Okkupation‹ – verschwindet, ist schon verschwunden.

Nightcab
3

Es verschwindet, um Platz zu machen: warum? Wer – oder was – heißt es Platz zu machen, der Standardsituation zu weichen, sich willenlos einer Allerweltskonstellation zu ergeben, einer weiteren Unruhe, die das Ziel kennt (oder zu kennen glaubt), während die erstere nicht einmal weiß, dass ein Ziel vorhanden ist? Vielleicht heißt es, sich den Realitäten zu beugen – vielleicht. Dennoch bleibt dir der Verdacht, dass sie gebeugt werden, soll heißen, dass du das, was dich die augenblickliche Unruhe erfahren lässt, niemals erkunden wirst, sobald du dich erst einmal auf den Weg der brutalen Interpretation begeben hast. Die Wahrheit ist: du begehrst diese Person nicht, die sich da zwischen dich und den Vorhang schiebt, hinter dem die wirkliche Welt beginnt. Die Wahrheit ist: die wirkliche Welt ist versunken, während diese Person deine Aufmerksamkeit gefangen hält. Die Wahrheit ist, dass die gefangene Aufmerksamkeit nur als Strohmann einsitzt: es ist dein Abwesendsein, das sich auf diese Weise mit Inhalt füllt. Du kannst diesen Inhalt ›Elisabeth‹ nennen, denn zweifellos ist jene Person dort mit ihr identisch – soweit hier überhaupt Identität gefragt ist –, du kannst es auch lassen. Es stört nicht. Du könntest dir einen anderen Namen ausdenken, auch er bliebe haften, ohne die Unruhe in eine merklich andere Richtung zu lenken. Vielleicht doch? Du kannst nicht beliebig lange in dieser gestaltlosen Unruhe verharren, ohne dass sie sich mit wechelnden Vorstellungen anreicherte, je nachdem welchen Namen du in den Ring geworfen hast. Nenne es ›Hauch‹, nenne es ›Aura‹, nenne es wie du willst – diese halb materialisierten Empfindungen fragen nicht lange danach, ob und wie du sie zuordnen möchtest. Sie gehen unter die Haut. Was treiben sie dort? Nie darfst du sie befragen.

Nightcab
4

›Diese Person geht mir unter die Haut.‹ Sagt man so? Warum nicht? Alles kann man sagen und sagt es vermutlich auch. Doch man entrichtet einen Preis, sobald man das Stimmchen missachtet, das da warnt: So funktioniert das nicht. Es wäre nicht angebracht, die Floskel mit dem eigenen Ich zu verrechnen. Sie ist darauf berechnet, im Fluge verwendet zu werden, im Vorbeiflug an einem fremden Gestirn, dessen Existenz zur Erforschung ausgeschrieben wurde, ohne weiter nach dem Verhältnis von Aufwand und Ertrag zu fragen, wenn man davon absieht, dass jeder wissenschaftliche Ertrag kostbar ist und seine eigene Wertskala mitbringt. Eine Romanformel. Wie viele dieser Formeln besitzt sie einen Doppelgänger im wirklichen Leben, dazu bestimmt, das hochgestimmte oder verträumte Forscher-Ich ›auf den Teppich zu holen‹: eine Person, die mir aufstößt.

Nightcab
5

Die Gegenläufigkeit der Bilder macht nachdenklich. Das alles sollte eins sein? Nicht wirklich. Es ist eineinhalb: eine Bedeutung und eine halbe dazu. So sieht sie aus, die individuelle Verrechnung. Was wirklich unter die Haut geht, geht nicht heraus. Rede du, was du willst. Die unter der Haut schlummernde Person bleibt in jedem Fall unerwähnt. Seltsamer Schlummer: kaum ist die Luft rein, kommt Bewegung auf.

Nightcab
6

Das Schmähbedürfnis, schräg in den Raum gestellt wie ein Wintertag, ein Verräter: Verrat an wem? An einer Person, die du nicht kennst? Willst du sie herbeireden? An dir? Willst du das: auffallen? Wem willst du auffallen? Eine leicht zu dekodierende Botschaft, nicht mehr, nicht weniger, eine Flaschenpost, hineingeworfen in den überschaubaren Ozean der Kommunikation, dessen unwissender Teil du bist. Nein, ein Magnet: Da ist einer, der dich nicht mag. Der soziale Code ist bereits geschäftig, die geschwätzige Botschaft, gut verborgen vor deinen Augen und Ohren, ist unterwegs. Du hingegen beharrst auf Kontrolle: Kein Tratsch! Warum nicht? Er hat die Reise begonnen, er wird sie vollenden. Er braucht dich nicht, er kann dich nicht brauchen. Du würdest alles verderben. Besser, er weiß Bescheid an deiner statt. Du tust gut daran, dich mit Wichtigerem zu beschäftigen. Geh an die Arbeit! Sie geht gut voran – Fu, Fu und nochmals Fu. Der schreckliche Vereinfacher – so nennst du ihn, amüsiert, nicht abgestoßen, blasiert – bahnt sich seinen Weg quer durch die Welt deiner Gedanken. Stößt er sie um? Er richtet sie aus. Sind sie noch dieselben? Keineswegs. Sind sie noch vorhanden? Auch das: ungewiss. Weder vorhanden noch ganz verschwunden, in den Hintergrund verschoben, ein Chor krächzender Stimmen, ein Krähen-Chor: Nimm dich in Acht! Wovor? Vor dem Neuen. Der Neue weiß, was er tut – du nicht. Unbedarft, wie du bist, hast du den Riegel zurückgeschoben, die eindringende Nachluft belebt den Geist, ein Insekt hat den Raum geentert, ein Nachtfalter, der wieder und wieder gegen die Lampe brummt.

Nightcab
7

Auch das: Botschaft. Der Bote, ein dürres Männchen am Rande deines Gesichtsfeldes, er existiert kaum. Dein Spott – aus Quellen sprudelnd, die du nicht preisgibst – muss ihn erst erschaffen. Die Schmähsucht hat ein Opfer gefunden. Es behagt ihr, vermutlich, weil es rein ist: es hat mit der Sache nichts zu tun. Es weiß nichts von ihr, es kann nichts von ihr wissen, es steht außerhalb jedes Kausalnexus, es wehrt sich nicht, es rührt sich nicht einmal, es wäre kaum tot zu nennen, denn du erschaffst es gerade erst aus Fragmenten einer entfernten Vergangenheit. Erschaffen aus Schmähungen, so geht es aus deinem Innenleben hervor. Erschaffen aus Behauptungen, die du belegen willst: jede von ihnen, je kühner, desto besser, wirft dich weiter hinaus. Dein Innenleben bleibt unberührt, es tut nichts zur Sache, es sei denn als pure, vorwärtstreibende Energie. Unberührt heißt: du fasst es nicht an. Das wiederum heißt: es geht dich nichts an. Hast du es ›ausgeblendet‹? Gegenfrage: Könntest du es ›einblenden‹, wenn du nur wolltest? Nein, das könntest du nicht. ›Es geht dich nichts an‹ heißt: es geht dich nichts an. Es wäre verschwendete Energie, dich darum zu bemühen. Es bemüht sich um dich. Diese Hilfe solltest du dankbar zur Kenntnis nehmen, ohne den Kraftfluss zu unterbrechen. Nie darfst du sie befragen.

Nightcab
8

Ist Vergangenheit schmähbar? Was immer du über sie an Vektiven ausschüttest, es ritzt sie kaum. Du erbaust dir eine Vergangenheit, angestiftet durch Gegenwarts-Schmäh, und sie existiert als Vergangenheit. Die Gegenwart, in der sie angeblich existierte, sie ist auf immer verschwunden, niemand, auch du nicht, dringt in sie ein. Dein Projekt, sagst du hin und wieder, ist eine Zeitmaschine. Das stimmt sogar. Sie bringt dich überall hin. Wer war Fu? Kein Problem: ich kenne ihn, denn ich kenne mich. Kenne ich mich? Ich kenne doch Fu, also kenne ich mich. Nichts ist gegenwärtiger als die Vergangenheit, die dir Ausdehnung gibt. Nimm sie weg und du fällst in dich zusammen: ein Punkt, ein Bewusstseins-Punkt ohne Bewusstsein, denn Bewusstsein verlangt Ausdehnung. Ich bin mir dessen bewusst: wessen? Darüber lässt sich reden. ›Ich bin mir bewusst‹, zusatzlos: Unsinn. Aber: in der Unruhe ist der Zusatz gestrichen, er will nicht benannt werden, er hat Wesen (so wie man sagt, etwas hat Dichte, Konsistenz etc.) und will nicht, dass darüber etwas verlautet. Im Grunde bist du in dieser Sache neutral. Du hättest nichts dagegen, Elisabeth zu begehren. Zeit hättest du und Gelegenheiten ließen sich finden. Du könntest verstehen, wenn du sie begehrtest. Nur wie gesagt: dieses Begehren existiert nicht, weder unter noch über der Haut. Was du begehrst, ist Erfolg. Das Projekt verheißt Erfolg, also wirfst du dich hinein. Du wirfst dich hinein, als gäbe es nichts anderes, als sei das Spektrum der Möglichkeiten erloschen bis auf diese eine.
Alles oder nichts.

Nightcab
9

Wirfst du dich hinein?
Ein konventionelles Bild, das abschreckt.
Warum verwendest du es dann?
Weil es korrekt ist. Du wechselst das Element, du wechselst die Bewegungsart, du wechselst, in mehr als einem Sinn, dein Gesicht, du wechselst, ein paar Nebensächlichkeiten ausgenommen, alles, was deine Person ausmacht, selbst die Wohnung erscheint dir nicht mehr in ähnlicher Weise deinen Bedürfnissen angemessen wie vor ein paar Monaten – du solltest sie wechseln. Den größten Wechsel verzeichnet das Bedürfnis wahrgenommen zu werden. Bisher eher schwach ausgeprägt, jetzt riesengroß – es geht um die Sache. Die anderen sollen sehen, wer da geht: der Träger eines Projekts. »Ich auch«, möchtest du ihnen zurufen, »nehmt mich ernst.« Nehmen sie dich ernst? Sie nehmen dich, wie du bist, aber nehmen sie dich auch wahr? Daran musst du arbeiten, so wie an allem, was dich, soll heißen deine Stellung, betrifft. Du hast deine Stellung gewechselt, ein Ringer, der einen neuen Griff probiert, mit unabsehbaren Folgen, die abgearbeitet werden wollen, eine nach der anderen, alle miteinander, alle zusammen, obwohl das unmöglich ist. Die Deckung – oder was du dafür hieltest – ist geplatzt, du bewegst dich frei, ein Neugeborenes, ohne Sinn für die Gefährdungen, die diese Existenz mit sich bringt, schon in Lernprozesse verwickelt, die seinen Horizont um ein Vielfaches überragen.
Unbewusst, falls das gilt: Du misst dich bereits an Fu.

Nichts ist ungeheurer als der Mensch

 

Hat er das gesagt?
Hat er das wirklich gesagt?

Nichts ist ungeheurer als der Mensch
1

 

Nichts ist ungeheurer als der Mensch
2
Nichts ist ungeheurer als der Mensch
3
Nichts ist ungeheurer als der Mensch
4
Nichts ist ungeheurer als der Mensch
5

Ahme dich frei

 

Das Projekt ist genehmigt
Die Gedanken sind frei

Ahme dich frei
1
Regel

Gegen dich ist, wer nicht für dich ist. Dafür ist zunächst einmal niemand, auch wenn einige dem Projekt freundlich gegenüberstehen, sagen wir eher: aufgeschlossen, schließlich wurde es bewilligt – es fließen die Gelder, es wogen die Felder –, am Verhalten der Kollegen (das, unter uns, säuisch genannt zu werden verdient) wird sich dadurch so schnell nichts ändern. (Damit sich etwas ändert, schlägt Fu das abendliche Gespräch vor, den zwanglosen Konvent aller, die am Projekt... beteiligt sind. Da liegt der Hase im Pfeffer. Man muss schon beteiligt sein, um sich werben zu lassen. Nichts weist die Pyramide trickreicher ab als die informellen Zusammenkünfte, die sie unablässig in ihren Hochglanz-Broschüren propagiert. Eins ihrer fundamentalen Gesetze lautet: Sei vergemeinschaftet. Geh deiner Wege.)

Nein, Fu ist weder theoretisch noch praktisch ein Vorbild, wenn es gilt, dir den Weg zu bahnen. Dennoch hat er sich seinen Weg gebahnt. Der Beweis bist du. Nur den Beweis, dass du’s bist, bist du dir noch schuldig. Listig wie irgendein Klassiker hat er die Beweislast an dich weitergegeben. Beweise, was da steht, und du bist gerettet. Im anderen Fall bist du der Versager und er … sucht sich ein weiteres Opfer. So sieht es aus.
 
Ahme dich frei
2
Fu, schrecklicher
Narr, die Menschheit mit Vorschlägen überschwemmend, wie sie ihre Angelegenheiten dauerhaft besser ordnen und so mit einem Schlag den Unannehmlichkeiten entgehen könnte, die sich einer schlampigen Haushaltsführung verdanken, gegründet auf Verlogen­heit, Heuchelei, Raffsucht, Ehrabschneidung, Missbrauch, Misogynie, Zinswirtschaft, Preis‑ und Kriegs­treiberei und ähnlich barba­rische Praktiken der Ungleich­behandlung – um nur die wichtigsten Merkmale der bisherigen Praxis aufzuzählen,
Narr, die Hälfte des Lebens darauf wartend, dass mit dem Glocken­schlag zwölf ein im übrigen belangloser Gast durch die Tür tritt und nach einer kurzen, für die Annalen der Menschheit bestimmten Plauderei mit dem Satz »Sie haben mich überzeugt!« das nötige Startkapital auf den Tisch blättert, ohne das die Gesellschaftsform der Zukunft ewig dazu verdammt bleibt, im Denken einiger Auserwählter eine wesentlich künftige Dämmer-Existenz zu führen,
Narr, überzeugt, die Natur selbst, die ganze Natur werde großzügig mitspielen, sollte die Menschheit endlich die Schwelle zur allgemeinen Harmonie überschreiten, das Nordeis abtauen, die Antarktis ergrünen, das Raubpack dieser Welt sich in sanftes Katzenvolk verwandeln, das Weltmeer in Limonade – auf den Lofoten werde man Ananas züchten und aus Islands Geysiren Wohnungen heizen, obwohl die allgemeine Erwärmung eigentlich dergleichen überflüssig machen sollte, doch Utopien, gerade solche, die der Realismus diktiert, sind nun einmal nicht konsistent,
Narr, im Glauben fest, die Große Harmonie lasse sich in Zahlen- und Affektreihen beschreiben, die zusammen einen Reigen ergäben, einen Reigen des Menschlichen, eingefügt in einen Kosmos aus rosa Wolken, dessen Strahlen noch dem letzten Individuum den Hintern der Freuden wärmen und ihm eine erfüllte Existenz bescheren, als handle es sich um einen leeren Behälter, bereit, mit dem Stoff abgefüllt zu werden, nach dem alle gieren,
Narr, träumend von der Versöhnung von Mensch und Kosmos, als genüge es, die Wirtschaft auf kleine, überschaubare Produktions­einheiten umzustellen und wie auf einem mittelalterlichen Bauernhof alles, was kreucht, fleucht, produziert und konsumiert, unter einem Dach (oder einem Dachgeviert) zu versammeln – schon seien der Mensch und seine Umwelt eins und jeder Distanzierungswunsch, geschweige denn Widerstand, Unsinn,
Narr, der die vierte Gewalt des Menschseins – Hunger, Schmerz, Krankheit, Tod – in ein Grund-Folge-Verhältnis verschiebt und ineins mit dem universalen Grund – der verachteten Zivilisation – zum Verschwinden bringt: selbstverständlich in der Zukunft, in alle Zukunft, sofern … sofern nur die Gegenwart sich entschließt, folgsam die Ratschläge des Meisters zur Ausführung zu bringen, das, was ansteht, um es ewig-banal zu formulieren, denn alles, was ansteht, kann warten, solange die Maßnahmen erst in der Morgenröte ihrer Wirksamkeit stehen und der Verschärfung bedürfen,
Narr, Magier, Scharlatan, Virtuose des Nicht-, des Noch-nicht- und Immer-noch-nicht-seins, die ernste Frage der allen Verhält­nissen inhärenten Gewalt auf der Spitze eines Sophismus balancierend, als koste es ihn ein Fingerschnipsen, immer und überall die Macht zum Endkampf herauszufordern, die finstere Realität des Negativen, als stünde Erlösung unmittelbar bevor, ein für allemal zum Schweigen zu bringen, auf dass bloß noch die trüben, niemals ganz weichenden Schatten der Vergangenheit von ihr künden werden,
Narr, alle Vergangenheit in Gerümpel verwandelnd, Abhub immerwährender Genesis, die noch viel mit UNS vorhat, der neuen, der nächsten, der übernächsten Generation, ganz nach Belieben und gemäß den wechselnden Plänen erwählter Träger eines fröhlichen Wissens und einer fröhlichen Wirklichkeit, ewig unbelangbar bleibender Herren im Reich des Gewusst-wie, der Gitarren-Griffe ins Gemüt ekstatisch hüpfender Zeitgenossen und der unerledigten Hausauf­gaben im Vorfeld einer sich wundersamerweise entziehenden Revolte der ganzen Natur – denn drunter gilt nichts,
Narr, schließlich, der sexuellen Befreiung, der Entfesselung des Triebes, der aller bisherigen Menschheit als der gefährlichste galt und unvermittelt als Garant der Glückseligkeit im Paradies der Lampenputzer zu strahlen beginnt, als regele in seinem sanft durchdringenden Schein, was immer zu regeln misslang, sich nunmehr von selbst und bedürfe keiner weiteren Korrektur,
Narr, unerforschlich, unausschöpflich, Anstifter aller unabgegoltenen Donquijoterien, Prediger der notorisch Unterbelichteten, heimlicher Leuchtturm der autonomen Wissensgesellschaft im Aufbruch ins Nirgendwo, blühende Landschaften jenseits des Gewohnten, jenseits der Sicherheiten, jenseits des Jenseits: aber gewiss … gewiss…
 
Ahme dich frei
3

(Gestehe: Fu gehört in die Klasse der skurrilen Denker. Es macht Spaß, ihn zu lesen. Das Auge des amüsierwilligen Lesers ist immer unterwegs auf der Suche nach dem nächsten absonderlichen Einfall, der die Lektüre rechtfertigt. Es tastet jede Seite im voraus ab, denn der zeitverschlingende Fortgang der Zeilen scheint einer Buchhalter-Mentalität großen Stils entsprungen und muss mit Geduld und Spucke er-ar-bei-tet werden. Wie aller Spaß ist auch dieser löchrig. Fu will nicht unterhalten. Er will belehren und zwar rigoros – als habe er die Leser-Faxen dicke und sei nicht gewillt, sie länger hinzunehmen. Das erheitert den Leser und er zahlt es ihm heim.)

 
Ahme dich frei
4

(Wie er es heimzahlt, das liegt im Grunde bei jedem Einzelnen. Du könntest, gleich dem Gros der Kollegen, Fu widerlegen, Satz für Satz, Gedanke für Gedanke, Buch für Buch, soweit Bücher sich überhaupt widerlegen lassen. Es ist nur so, dass die ganze Widerlegerei nichts bringt. Sie kann auch nichts bringen, denn sie ist schon geleistet: positiv gesprochen durch das, was manche den Gang der Kultur nennen, also die namenlose Anstrengung vieler, sehr vieler Gehirne, die das Wissen seit Fus Tagen respektive Nächten ein gewaltiges Stück weiter geschleppt haben, negativ gesprochen durch eine Folge von Menschheits­katastrophen, in denen die Untergegangenen und die Überlebenden vom Menschen mehr zu sehen bekamen, als der Lektüre eines harmlosen Zukunftsplaners am Rande des revolutionären Eozäns zuträglich ist.)

 
Ahme dich frei
5

(Bedenke: Fu gehört zu den Gescheiterten. Warum? Weil er Vorschläge auf den Tisch legte. Das verzeiht die Zunft nie. Ein Denker, der konkret wird, ist kein Denker mehr, er ist ein Ratgeber. Was geschieht mit Ratgebern? Man schlägt ihren Rat in den Wind oder schustert ihnen die Verantwortung für gescheiterte Unternehmungen zu: Wir haben ihm vertraut und jetzt das.
Alle Versuche, den Fu-Plan, buchstabengetreu oder leicht abgewandelt, ins Werk zu setzen, sind gescheitert. Warum eigentlich? Weil er verrückt ist – verschoben gegenüber dem Gang der Dinge, den laufenden Geschäften, den sexuellen Praktiken, den politischen Imperativen, der immer angespannten Ressourcenlage. Er ist Gerede, heiße Luft einer untergegangenen Epoche, also erkaltet, also nicht mehr wahrnehmbar, also verschwunden.
Daher wird das, was du, versehen mit dem Segen der Institution, zu unternehmen gedenkst, nichts weiter als eine surreale Lektüre – eine mit Handpuppen, geeignet, eine hergewehte Phantasie zu bevölkern und deinen Ehrgeiz zu befriedigen, dich an den utopischen Vorräten eines Vulkans, genannt die unabgegoltenen Potentiale der Vergangenheit, zu bedienen. Warum? Weil es chic ist. Weil es der Verwandlung der Gesellschaft in ein Freiluftlabor Vorschub leistet. Weil es gefragt ist.)

Da nähert sich Kärich, der Philosophendarsteller, der es, literarisch gesehen, mehr mit den amerikanischen Epikern hält, und du lässt ihn abblitzen.

 
Ahme dich frei
6

Niemandsgesten. Der Wunsch, niemand zu sein, wandert als Wunsch mit, in der Masse unterzugehen. Niemand will niemand sein. Wenn aber die Masse, erlöst, alles ist, dann, ja dann … dann darf sie alles sein, was das werte Selbst zu sein sich verkneifen muss, weil es nicht gefragt ist. Fu, das ist: das nicht gefragte Selbst. Das Selbst, groß geschrieben … darin liegt bereits der Fehler: das ›selbst‹ ist ein Identifikator, der jeden Zweifel ausschließen soll. Du da! – Ich? Wirklich ich? Ich selbst? – So funktioniert das. Das Selbst identifiziert sich selbst, soll heißen, es vollzieht die Identifikation durch den anderen nach und bestätigt sie staunend. Es bietet sich nicht an, tunlichst nicht, denn dieses Angebot wird nicht angenommen: Na sicher. Wer denn sonst? Jetzt hab’ dich nicht so. – Das selbstwerte Selbst selbstet – so könnte man Fus unverdrossene Schriftstellerei bezeichnen –, es exzelliert darin, sich in jedem Satz, den es absondert, rein zu erhalten, als Absonderung, die eine Forderung an die Gemeinschaft enthält: die gegenwärtige und die kommende, die verworfene und die entworfene. In dieser Forderung will es ganz sein, ganz zusammengefasst und ganz offen, Abschluss und Übergang, ein Sprung ins Ungewisse, als sei es die Gewissheit selbst.

(Als sei es die Gewissheit selbst… Du weitest meine Eitelkeit, Fu, hast du das gewollt? Ich lerne an dir, was ich niemals sein wollte. Ich ahme dich nach, jedenfalls in Gedanken, meist Hintergedanken, denn das Klima der Pyramide rät dazu, sie zu unterdrücken, ich ahme dich nach und das Selbst rührt sich, als sei es das meine. Verstehst du das? Dein Selbst rührt sich in mir. Es erregt meinen Widerwillen, aber es rührt sich. Es rührt sich, als sei es kein anderes. Es reizt mich zum Widerspruch, aber der Reiz siegt über den Widerspruch. Der Reiz besiegt den Groll.)

 
Ahme dich frei
7

Wenn ich also – und ich meine ich, nicht der ewige Dialogpartner, der Bauchredner eines enttäuschten Welthungers –, wenn ich dich, Fu, zu neuem Leben erwecke, in ein Unternehmen aus Fleisch und Blut zurück- oder besser vorwärtsverwandle, dann ahme ich dich einerseits nach, andererseits gebe ich mir ein Selbst, nicht als sei es das meine, sondern als sei ich es, der zu seinem Selbst findet: eine etwas verwickelte, aber nicht allzu verwickelte Angelegenheit, leicht beiseitezuschieben, aber deshalb doch nicht ganz unwichtig, nicht ganz … vielmehr, wie alles, was das Selbst unmittelbar angeht, von einer verzehrenden Wichtigkeit, die nur dadurch in Frage gestellt wird, dass alles Nachdenken darüber in die Benommenheit führt, die sich nur abschütteln, aber nicht in Gedanken auflösen lässt. Was viel, vielleicht das Meiste über das Selbst verrät, das sich da zu Wort meldet. Es ist, alles in allem, eine tyrannische Instanz – sie will wahrgenommen, aber nicht ins Auge gefasst werden.

(Dieses Buch, an dem Tronka sitzt, der Philosoph, wie er im Buche steht: auch in ihm ist dieser Wille zum Selbst greifbar, in dem das Selbst sich, wenngleich verschwommen, zu Wort meldet, bloß um sich gleich wieder zu verleugnen, allerdings nicht dadurch, dass er sich hinter irgendeinem Fu verkriecht, sondern dadurch, dass er die Urgeste der Philosophen nachahmt, das Setzen des Anfangs im Denken, das Denken der Voraussetzungslosigkeit, als sei sie das, was in jedem Gedanken anwesend und also vorausgesetzt ist: auch das ein verwirrender, aber nicht allzu verwickelter Gedanke, der ihn im übrigen zu deinem Antipoden bestimmt. Im Gegensatz zu dir, der du offen nachahmst, muss er die Nachahmung, die in seinem Vorgehen steckt, leugnen, leugnen um jeden Preis, denn sonst … wäre er der Philosoph nicht, der zu sein den einzigen Inhalt seiner Nachahmung bildet. Aber das nur nebenbei.)

 
Ahme dich frei
8

Puh, schüttle dich … Eigentlich ist die Aufgabe einfach: du willst ein Mensch sein, nicht irgendeiner, nicht Hinz und Kunz, auch kein ausgefallener, es reizt dich nicht, aus der Reihe zu tanzen, denn du erkennst dich nicht in der Reihe, jedenfalls nicht in dieser, allenfalls in einer anderen, selbstgewählten … dann schon lieber ein lebendiges Ding, ein Ding, das denkt, redet, schreibt, Verhältnisse eingeht, aber nicht wirklich, nicht richtig, weil das Denken, Reden, Schreiben über alles andere weggeht, es aufreißt und hinter sich herzieht wie die Hülle um ein Paket, das in deine Verwahrung gegeben wurde und du, du willst, nach Jahr und Tag, endlich wissen, was sich darin befindet. Nun gut, du bist kein Ding, du bist etwas anderes. Aber so ganz anders auch wieder nicht. Dein Denken, Reden, Schreiben bleibt flach, es ritzt kaum die Oberfläche (und wenn schon!) – es verwandelt alles in Oberfläche, das ist der springende Punkt. Diese Fu-Geschichte, von der du dir etwas versprichst, sie kommt dir bedeutsam, um nicht zu sagen bedeutend vor. Aber kaum geht es ans Bedeuten, würdest du dir am liebsten den Mund verbieten, so falsch erscheint dir deine eigene Rede.

(Dass einer das ganze menschliche Leben um die Sexualität herum gruppiert, ist erst einmal nichts sooo Besonderes, es ist, beiseite gesprochen, etwas ziemlich Gewöhnliches. Einerseits hat es, in seiner kaltschnäuzigen Geradlinigkeit, etwas Nuttiges, unanständig Praktisches, andererseits eine theoretische Unbedingtheit, die frappiert: dass Gesellschaft nichts weiter wäre als die Form, in der Sexualität gelebt wird. Ganz recht: darin steckt ein Angriff auf fast sämtliche theoretischen Verpackungen, in denen das richtige, das gute, das wirkliche Leben herumgereicht wird, aber ein Angriff von innen, als sei es das Oberflächlichste von allem. ›Was soll schon dran sein?‹ – diese primitivste aller Attitüden, sich den theoretischen Horizonten der Existenz zu nähern, die Herangehensweise von Tätowierten, sie schmerzt und du willst diesen Schmerz bekämpfen, indem du ihn verinnerlichst, und um ihn zu verinnerlichen, erfindest du dir dieses Projekt.)

 
Ahme dich frei
9

Nebenbei: du erntest Verwirrung, wann immer du Fu zückst – deinen Fu, denn jeder trägt einen anderen im Kopf spazieren. Bei diesem Thema ist nun einmal keine Eindeutigkeit zu erzielen. »Fu? Wen meinen Sie –? Ach den… War das nicht? Vergesellschaftung der Lust? Das große ABC? Wie soll das gehen? Wäre es da nicht besser, erst einmal kleine Brötchen zu backen?« »Ja, ich verstehe … nicht ganz, zugegeben, die ganze Materie ist etwas kompliziert, zu sehr Triebökonomie, sollte nicht für den Anfang eine kleine Reich-Studie…« »Nein? Schade. Und wie denkst du dir das gemeinsame Wirtschaften? Womit wollt ihr beginnen? Ich schlage vor: mit der Cafeteria. Frohes Schaffen!« So klingt der Spott von Versehrten. Sie legen ihre Lebens­geschichten hinein, all die auf Eis gelegten Illusionen, eine peinliche Beschlagenheit geistert durch den Raum, der du besser nicht auf den Zahn fühlen solltest.

(Worin besteht der Fu-Plan? Alle Welt glaubt ihn zu kennen. Kennst du ihn auch? Vielleicht, vielleicht nicht. Diese Frage lässt du ›gezielt‹ offen. Der Grund ist einfach (und ›zureichend‹): Es liegt dir fern, dich an der Gründung einer Test-Kommune zu versuchen. Ein Vorhaben wäre das zweifellos auch, aber es ginge weit an deinem fachlichen Horizont vorbei. Außerdem wäre es, wie seine illustren Vorgänger, zum Scheitern verurteilt. Dein Projekt bestünde also darin, seinen Weg in den Konkurs zu protokollieren. Woher du diese Gewissheit nimmst? Ganz einfach: du teilst den Glauben nicht, der sich hinter der Staubfänger-Formel vom alternativen Wirtschaften sammelt. Glaubst du etwa, es gebe zum Bestehenden keine Alternative? Auch das: keineswegs. Auch dieser Glaube findet in dir keine Resonanz: relative Gewissheit = Beobachtung minus Glauben.)

 

Supernova. Zweiter Gang ins Museum

 

Finde dein All

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
1

Wenn, so lautet die Theorie, die letzten Reserven eines Sterns, sagen wir, der G-Klasse, so weit aufgebraucht sind, dass ihr Kern kollabiert, entsteht eine Supernova, ein Ereignis mehr denn ein Körper, ein fortwirkendes … vor allem in den Gemütern von Hobby-Astronomen, die sich partout etwas darunter vorstellen wollen, obgleich auch sie irgendwo wissen, dass angesichts solcher Ereignisdimensionen das menschliche Vorstellungsvermögen aus den Fugen gerät. Man wird aber fragen dürfen, aus welchen Abgründen der Seele die bei dieser Gelegenheit produzierten Bilder stammen. Es gibt keine Vorstellung außerhalb des kulturellen Erfahrungsraums. Religionswissenschaftler, die sich mit den Erscheinungsformen des Göttlichen befassen, wissen das. Auch die Thanatos-Forschung kennt die Rede von Licht-Portalen und Wächterfiguren aus Nahtod-Erzählungen und weiß dabei wohl, dass solche Berichte, je nachdem, aus welcher Kultur sie kommen, kräftig voneinander abweichen können. Allerdings fallen sie nicht so radikal auseinander, dass der Gedanke der einen Kultur, in der letztlich alle wurzeln, darüber verloren ginge – zur stummen Verzweiflung aller Relativisten und Ursprungsgegner, die gern behaupten, mit diesem Gedanken ›nichts anfangen‹ zu können, während sie ihn mit auffälliger Unduldsamkeit verfolgen.

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
2

Eine Supernova besichtigen heißt, im Gedächtnis des Weltalls zurückzureisen. Ihren ›Lebenszyklus‹ beobachten heißt, der Inszenierung einer phantastischen Verkürzung von Weltzeit auf den Leim zu gehen. Das ist so und es kann gar nicht anders sein. Alle außermenschlichen Verhältnisse sind Simulationen. Sie sind allein durch – und als – Simulationen zugänglich. Zu ihnen zählen, was gern außer Acht gelassen wird, auch die Berechnungen der Astronomen. Das Weltall ist nicht das All. Es ist das Menschen-All. Von Menschen ersonnen, wird es mit ihnen vergehen. Man darf also annehmen, dass bei seiner Entstehung menschliche Bedürfnisse im Spiel waren (und weiterhin sind), zum Beispiel das Ordnungsbedürfnis, eng verschwistert dem Verlangen nach Unterwerfung, der Wunsch, dem Schaudern angesichts des Gesichts- und Gestaltlosen ein fassbares Gegenüber zu verschaffen, die überaus seltsame und doch so verständliche, meist als theoretisch abgetane Neugier, hinter das Geheimnis der Zeit zu kommen, die vom perpendikularen Sternen-Kosmos bis zur Relativitätstheorie Erfüllung gesucht, bis auf einen unerklärlichen Rest auch stets gefunden hat, und dergleichen mehr.

Wobei das All, als Welt-All, längst nicht mehr die Rolle des idealen Gegenübers einnimmt, für die es einmal so prädestiniert erschien. Langsam, stetig verschmilzt es mit unserer Welt, wird einer ihrer Aspekte – eine ungeheure Verkehrung aller Verhältnisse, der die meisten Menschen die Aufmerksamkeit verweigern. Warum auch nicht? Es geht sie nichts an, solange kein publikumstauglicher Raumverkehr den Betrieb aufgenommen hat und ihresgleichen in den erdnahen oder -ferneren Raum pumpt. Wird es erst soweit sein, dann werden sie Prospekte wälzen und nach Schnäppchen-Preisen hechten. Doch zuvor muss der Glitzeradel, muss die Börsen&Titten-Prominenz ihre Premium-Runden drehen. Anders kommt Gier nicht in Gang. Gier ist kein menschliches Attribut, eher ein unmenschliches. Sie will hervorgelockt werden – entweder durch die Aussicht auf Reichtum pur oder durch kosmetisch präparierte Zwischenträger, die demonstrieren, wie Reichtum lebt.
Supernova. Zweiter Gang ins Museum
3

Wie lebt Reichtum?
Abgeschottet.
Wie lebt gelebter Reichtum?
Intensiv.
Was heißt intensiv leben?
Leben im Auge der Kamera, scheinbar flüchtig, dann wieder Auge-in-Auge, strahlend, in seligem Wechsel –
... zeigen, wie Geld mit Geld sich paart, abgeschottet gegen die Rest-Welt, aber umzingelt, eingekreist durch die Blicke (und das Geheul) der ›Fans‹, von Massenmedien erzeugter und bewirtschafteter Teil-Massen, deren Lebensform ebenso unwahrscheinlich anmutet wie die der Umbrandeten selbst.

Was ist unwahrscheinlich daran?
Beide sind ›virtuell‹. Schalte die Kameras aus, unterbrich die Sendung und sie erlöschen.
Aber unwahrscheinlich?
Auch virtuelle Lebensformen, einmal projektiert, sind wahrscheinlich.
Unwahrscheinlich ist etwas, mit dessen Auftreten nicht wirklich, also innerhalb einer gewissen statistischen Bandbreite, gerechnet werden sollte.
Diese Bandbreite misst sich an der Erfahrung.

*

Wessen Erfahrung?
Wer spricht hier?
Wessen Befremden tritt da zutage?

*

Unwahrscheinlich ist, was im Beobachter Befremden hervorruft.

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
4
Zwischen-Notiz

Was qualifiziert dich zum Beobachter?
Methode? Beruf? Stellung?
Gehalt? Herkunft? Intelligenz?
Ein ›religiös‹ motivierter Rest-Glaube (Glaube an die Vernunft etc.)?

Keine Frage: Alle Instanzen werden mobilisiert.
Frage: Wodurch?

Quellen des Befremdens I falsche Theorie, ungenaue Beobachtung, ungenaue Anwendung der Theorie, Eruption des Neuen (›Emergenz‹).
Quellen des Befremdens II Unerfahrenheit, Theorieabstinenz, Distanzveränderung (Unter-, Überschreitung der ›gebotenen‹ Entfernung), Einstellungsänderung – zum Beispiel durch Bekehrungs- oder Alterungsprozesse, Moral (Entrüstung).
Supernova. Zweiter Gang ins Museum
5

Du gehst durchs Museum. Alle Gegenstände, auf die dein Blick fällt, vom präparierten Mammutkiefer bis zum Meteoritensplitter von Attendorn, sind ›museal‹.
Alle? Natürlich nicht. Dein Blick, sorgsamer Unterscheider, trennt im Voraus alles, was zum Museum gehört, von dem, was ins Museum gehört.
Nichts fällt leichter als diese Unterscheidung. Die Differenz ist selbsterklärend.
Die Supernova gehört ins Museum, denn sie ist ein ›Objekt‹. Besichtige mich! Warum solltest du? Weil dich die Neugier hertrieb.
Genauso gehört sie zum Museum, denn sie ist eine ›Simulation‹.

*

Der Realismus sagt: So geht es da draußen zu.
Der Psychismus sagt: So geht es in deinesgleichen zu.
Die Skepsis sagt: So arbeitet deine Vorstellung. Sie übernimmt ein Modell und arbeitet sich daran ab.

*

Ein Museum, groß und stabil genug, um eine Supernova aufzunehmen, wäre ein Ort der Schrecken (mehr als das: es wäre kein Menschen-Ort).
Die Simulation hingegen ist handlich und sie ist kurz. Spektakulär für den, der etwas davon versteht. Entsprechend verläuft sich die Neugier der Besuchermassen in den gewohnten Bahnen. Nicht die Supernova an sich lockt sie hervor, sondern die Technik der Simulation.
Anders ausgedrückt: der Spieltrieb. Du drückst einen Knopf und etwas Buntes, von dem man dir sagt, es existiere dort draußen, setzt sich vor deinen Augen in Bewegung, es schwillt an, wechselt Farbe und Form, durchläuft eine Serie bizarrer Metamorphosen – ein Feuerwerk, das dich kalt lässt, dessen Sinn sich dir nicht erschließt, das deine Sinne mit einer Gewalt infiziert, gegen die deine ganze Existenz sich auflehnt: Sie oder du, etwas Drittes scheint nirgendwo denkbar.

Ein Prozess, über Wochen ausgedehnt, in den Weiten des Alls aufgenommen, also Vergangenheit, schrumpft zur Demonstration, die dich leicht irritiert zurücklässt. Was du da siehst, ist anschaulich, aktuell, erlebbar, nachvollziehbar, einsehbar. Natürlich hat niemand jemals diesen Prozess gesehen, weder inner- noch außerhalb irgendeines Museums. Er ist nichts weiter als Theorie, ein Agglomerat von Formeln, für Laien nicht lesbar, ein postulierter Vorgang, mit Messdaten unterlegt.

Hier, in der Museumswelt, gewinnt das Postulat Wirklichkeit. Du siehst, was du siehst, und eine ruhige, vertrauenswürdige Stimme erläutert es dir. Nichts spricht dagegen, dass diese bewegten Bilder aus echten Aufnahmen stammen … und echte Aufnahmen, das ist die-Wirklichkeit-selbst, nicht wahr? Das Getriebe der Welt, in dem das Universum einen kleinen, aber radikalen Platz einnimmt, vergleichbar dem Abfluss einer Wanne: Einer zieht den Stöpsel und dein Programm, so ausgeklügelt es war, so wohltuend es sich anließ, rauscht durch das Loch. Wohin? Hinaus? Wohinaus? Was ist draußen?

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
6

Bevor du nach Antworten greifst, möchtest du die Frage bewahren ... ein, zwei Minuten nur, eine ganze Ewigkeit, für die rasende Dauer einer Spaltung, die dich in zwei Richtungen auseinandertreibt. Du willst nicht gespalten, du willst eins sein. Der Wille, du spürst es, hilft der Spaltung, er ist auf ihrer Seite, er ist Komplize. Lass ihn aus. Gleich wirst du ihn brauchen.

Nicht gespalten sein wollen, ist das Widerstreben? Wenn ja, dann ein passives: die Empfindung, zerrissen zu werden, aber noch immer eins zu sein, zusammenzuhalten und auseinanderzugehen, plus der Wunsch, diese Empfindung möge vorübergehen: kein Wunsch, eher eine Erwartung ohne Hoffnung, ein vegetatives Erstauntsein.

Du weißt schon warum. Was andere ›Universum‹ nennen, das heißt auf der Klaviatur deiner Wörter: Grenze. Auch die Supernova, deren ›Ausarbeitung‹ du den Astrophysikern überlässt, heißt für dich Grenze. Grenze bedeutet: Wäre das Welt, dann wäre sie nicht die deine, wäre es die Welt, dann verschwände deine darin, ohne dass du mit ihr verschwändest, und sei es nur um des einen Gedankens willen, der diese Welt denkt. Wer behauptet, beide zusammenzudenken, deine Welt und diese da, der besitzt nur einen schwachen Begriff des Denkens.

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
7

Es scheint, du redest vom menschlichen All. Aber dieser Ausdruck löst eine Unruhe aus, vielleicht ist er selbst bereits Ausdruck einer Unruhe, die in den Vorstellungen nistet: Was, wenn jene Modelle, diese ausgeklügelten Antworten auf etwas, das keine Frage ist, nicht einmal der Versuch einer Frage, eher die definitive … definitive Weigerung, die Sphinx zu geben, diese menschlichste aller unmenschlichen Formationen – was, wenn jene Modelle, in ihrem Zusammenhang betrachtet, eins sind, ein einziges, sagen wir: Rätsel, dessen Auflösung sie zu liefern behaupten? Ein seltsamer Gedanke wäre das, unklar wie nur irgendeiner, der dir zur Vorsicht rät, der nicht zu rasch enthüllt oder, vielleicht: besser, entwickelt zu werden wünscht, sofern Gedanken das Wünschen nicht längst vor der Zeit verlernt haben, in der sie vor den Ochsenkarren der reinen Theorie gespannt wurden, die so rein nicht ist, so rein nicht ist…
Heute lässt du ihn unausgewickelt, es ist weder Tag noch Gelegenheit, ihm an die Innereien zu gehen, dazu ist das Gesehene noch zu frisch und du selbst alles andere als Herr der Lage. Aber etwas färbt ab, etwas von diesem konstruierten Jenseits der Erfahrungswelt färbt ab, verfärbt die vor dir liegende Aufgabe, lässt sie, je nachdem, kenntlicher und unkenntlicher erscheinen, als sie dies dürfte, lässt sie flackern… Vielleicht vollzieht sich gerade das, was dort draußen, in Formeln und Modelle gefasst, die äußerste Weite bedeutet, im unzugänglichen Kernbereich dessen, was wir, mangels besserer Begriffe, Kultur nennen und das vielleicht nichts weiter ist als das vom Denken über die Welt gelegte Gespinst (›Denken‹ einmal nicht als Abstraktion gefasst, sondern als besagte Einheit, die aber, als reale, vielleicht über das bloße Denken ebenso hinaus ist wie der reale Staat über die Gesetze, denen er seine Statur verdankt).

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
8

Die schwächste Art der Verknüpfung ist die Addition: es gibt das eine und es gibt das andere, also gibt es beides, soll heißen, beides ist ›in der Welt‹. So tritt der Museumsbesucher neben die Simulation – ein Objekt neben das andere.

Nein, antwortet der Addierer, so nicht. Was hier simuliert wird, dort draußen ist es wirklich. Dort draußen? Es gibt ein Fenster? Wer vom Fenster redet, sollte die Wand nicht vergessen, kein Fenster ohne Wand. Kein Draußen ohne ein Drinnen. Kein Drinnen ohne Welt: eine Welt im Kleinen, eine kleine Welt im Unterschied zur großen, in der die Großen zurechtkommen müssen. Wer sind die Großen des Universums? Sterne? Sternhaufen? SN 2006gy? Schwarze Löcher? Wer kommt da womit zurecht?
Supernova. Zweiter Gang ins Museum
9

Die Großen des Universums, sie treten verhüllt auf, ummantelt von einer Neugier, die keinen Blick auf sie durchkommen lässt. Es sei denn … er begnügt sich mit dem Auffangen von subatomaren Botschaften, mit Strahlungsteilchen, mit Blau- und Rotverschiebungen oder dergleichen, also mit dem Einfachen, das, in Anbetracht des dafür aufzubringenden Rüstzeugs, schwer zu bestimmen bleibt. Die Großen des Universums können nicht anders als ›dort draußen‹ bestimmt werden. Nimm ihnen den Raum-Aspekt und sie verschwinden. Gib ihnen den Menschen-Aspekt zurück und du erntest Hohn. Was, bitte, wäre dran an den menschlichen Dingen, das sich nicht im Handumdrehen erklären ließe?
Das ist nicht böse gemeint, sondern resignativ: der Mensch kommt, aufs Universum gerechnet, nicht in Betracht. Das ist die Botschaft der letzten Wissenschaft vom Ganzen, die blieb. Entsprechend lautet die letzte menschliche Frage ans Universum: Wo dort draußen lauert die Intelligenz, der sich die unsrige bedingungslos unterwirft, weil sie ihr gegenüber nicht in Betracht kommt? Die Frage ist offen, sie muss einfach geklärt werden, und wenn die Menschheit ihre letzten Reserven darüber verschleudert. Sieben Milliarden Einsamkeit warten darauf, erkannt zu werden. Dahinter steckt das Bedürfnis, mit dem fraglos Anderen zu kommunizieren, endlich zur Frage zu werden, nach Möglichkeit eine, die wirkliche Antworten ausspuckt.
So jedenfalls lautet eine Vermutung. Man wird doch fragen dürfen, spuckt Dürrobst dazwischen, aber wer ist schon Dürrobst? Einer, dessen Intelligenz nicht ganz ausreichte, um eine naturwissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Einer, der sich seither bemüht, vornehmlich im privaten Gespräch, die Welt der Menschen ›mit den Augen eines Naturwissenschaftlers‹ zu betrachten. Zumindest behauptet er das. Dürrobst … Dürrobst behauptet mancherlei, das schon deshalb nicht in Betracht kommt, weil er nicht in Betracht kommt.

Das ist zwar ein argumentum ad personam, aber trotzdem schlagend.

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
10

Wer lange genug Beziehungen studiert hat, will sie am Ende auch haben. Das ist normal. Eine? Irrtum. Warum nur eine? Warum nicht alle? Du kennst sie alle, du kennst die Grundlagen, die Metamorphosen, die Tricks. Zuletzt hängt alles miteinander zusammen und will gelebt werden.
Wer lange genug ins All gestarrt hat, der will es endlich befahren. Das Bewusstsein, ›ein Staubkorn am Rande einer unbedeutenden Galaxie‹ zu bewohnen, genügt ihm nicht, es sagt ihm von Tag zu Tag weniger, es sei denn eines: Brich auf!
Wer lange genug auf die Gesellschaft gestarrt hat, der will sie endlich gestalten. Stattdessen erfährt er, was jeder erfährt: ihre Bewegung. Im Reich der Deutungen ist er frei, doch kaum verhält er sich, verhält es sich so mit ihm, als komme er nicht in Betracht.
Was ist der erdnahe Raum gegen die Weiten des Alls? Was bedeutet die Militarisierung des Weltraums gegen den Weltraum? Was bedeutet die Marsmission neben SN 2006gy? Zweifellos etwas. Doch dieses Etwas bewegt sich verdächtig nahe dem Nichts.
Es bleibt diesseits der Grenze.
Was ist das Experiment gegen die Gesellschaft? Nichts. Bewegt es sie? Nicht mehr, nicht weniger als jede beliebige Welle im Irgendwo. Es bringt sie voran, aber nicht wirklich.
Die Einlösung des Wunsches ist eine Art Zeiger, der unentwegt auf etwas deutet, das jenseits der Grenze möglich wäre. ›Die Grenzen verschieben sich.‹ Das klingt hoffnungsvoll, obwohl es auch deprimiert. Warum der Plural? Weil, nun, weil die Grenze nirgends fassbar wird.
Die Grenzen des theoretisch Machbaren bedeuten nicht dasselbe wie die Grenze zum All. Im Grunde bedeuten auch sie nichts. Sie zeigen nur an, wo mehr getan werden könnte, wenn es gelänge, die Grenzen der erfinderischen Phantasie ein weiteres Stück hinauszuschieben.
Die Akteure des Alls sind nicht-menschlich. Deshalb die ›realistische Hoffnung‹, ›dort draußen‹ Leben zu finden.

Etwas wie uns.
Entfernt ähnlich.

Supernova. Zweiter Gang ins Museum
11

In jeder Wissenschaft lauert ein ›All‹. Vielmehr: in jeder Wissenschaft finden sich hinreichend viele Ehrgeizige, die es belauern. Und nicht die schlechtesten. So werden aus Logikern ›Kybernetiker‹, aus Kybernetikern Projektierer, aus Projektierern Phantasten, aus Phantasten Hasardeure, aus Hasardeuren – hier gähnt das Loch, das alle durchschreiten, und das sich niemandem offenbart.

Finde dein All.

Klammer

Ein Monster in jeder Beziehung

 

Aus den Fu-Papieren

Ein Monster in jeder Beziehung
1
… angenommen, es gäbe zwei Fu

(ausgeschlossen ist das nicht, man könnte gewisse Eigentümlichkeiten des Œuvres so deuten), sagen wir, es käme ihnen entgegen, so hätte man unter der Kappe ein und desselben Namens unterschiedliche Persönlichkeiten am Werk, Vater und Sohn etwa… Die Kunstgeschichte kennt solche Konstellationen, warum nicht auch die Geschichte der Theorien? Es müssen nicht Vater und Sohn sein, andere Konstellationen sind denkbar, ganz andere, Onkel und Neffe etwa, oder Mann und Frau, wobei die Frau, schließlich befinden wir uns im tiefsten neunzehnten Jahrhundert, auf den Ausweis ihrer geistigen Eigenexistenz verzichtete … eine brisante Entdeckung, ließe sie sich verifizieren… Warum übrigens zwei Fu? Warum nicht drei oder vier? Ganze Heerscharen Fu lassen sich aus den Texten extrahieren, einem etwas zu groß, etwas zu vielfältig geratenen ›Corpus‹… Geradezu naiv wäre es anzunehmen, ein Mensch allein hätte die zahllosen Widersprüche und Brüche zu verantworten, die dem Leser aufgetan werden, sobald er ernsthaft die Schwelle zum Dunkelraum überschreitet, statt sich gleich am Eingang mit einer handlichen Sammlung von Auswahlsätzen und einer kurzen Zusammenfassung zufrieden zu geben…

Ein Monster in jeder Beziehung
2

… mit der Zufriedenheit ist es vorbei, legt einer die kandierten Lesefrüchte zur Seite und wendet sich den Innereien der Texte zu:

wirre Systemanläufe, den Wahnwitz zahlloser Verfasser bezeugend, zentrumslos auseinander treibende Darlegungen, Argumente schließlich, die sich zwar mühelos in Klassen und Unterklassen einteilen, aber nicht auf einen Nenner bringen lassen, so dass du sagen könntest, Fu behaupte das oder das und argumentiere folgendermaßen – alles in allem: keine leichte Kost.

Fu Ich-bin-der-den-du-willst, soviel steht fest, behauptet alles Mögliche. Es fiele fast leichter herauszufinden, was er nicht behauptet, denn eine solche Aufgabe könnte auf eine relativ schlichte Weise, etwa durch Ausstreichen, gelöst werden, vorausgesetzt, einer wüsste, wonach er suchte, und wäre im Ausstreichen von Gedanken geübt.
Ein Monster in jeder Beziehung
3
Denkt Fu?

Er trifft Feststellungen. Andere schlagen Nägel in die Wand, doch die Nägel, sprich: Wörter, die er benützt, begnügen sich nicht damit, eine Stelle im Universum des Gedachten zu markieren. Sie beginnen zu wandern, du triffst sie hier und da, an den unterschiedlichsten Stellen, in Zusammenhängen, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemein haben, und es lässt sich nicht einmal behaupten, sie bedeuteten jedesmal etwas anderes (womit sich leicht zurecht kommen ließe).

Sie bedeuten aber weder dasselbe noch etwas anderes. Sie haben die Position gewechselt, gedankenkarg, falls man das so sagen kann, scheinbar trieb sie ein Gelüst und da stehen sie für eine Weile, eine kleine Weile, bevor eine neue Lage sie reizt.
Ein Monster in jeder Beziehung
4
Festgestellt

wirkt in Fus Texten nichts. Zum Beispiel – es handelt sich vielleicht um kein Beispiel, jedenfalls kein gutes, womöglich ist es der Abgrund, der sich in der Lektüre öffnet, um sich nicht mehr zu schließen – kommt das Wort ›Ökonomie‹ in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen vor. Verständlicherweise taucht es dort auf, wo es Fu um den Warenkomplex geht, also um Herstellung, Vertrieb, Werbung, Bezahlmodi etc. Von dort wandert es unauffällig in den Bereich der Motivationen hinüber. Irgendwann merkt vermutlich auch der letzte Leser, dass der ganze Text, insbesondere die Darstellung der Gefühlswelt, von ökonomischen Anspielungen wimmelt.

(Mit Tronka über den Fall geredet. Warum immer wieder Tronka? Es kommt nichts dabei heraus als dieses Lachen … es klingt nicht souverän, es klingt nicht überheblich, es klingt … wie eine Scheibe, an der deine Wörter abprallen gleich flüggen Spatzenjungen, uneingedenk des gemeinsamen Ursprungs. Tronkas Welt ist versiegelt wie deine möglicherweise auch, möglicherweise die aller anderen in diesem Bau, in dem der Kontakt sich immer und immer wieder als Spiegelreflex erweist. Du erfährst nicht, wo der andere steht, wozu er im Ernstfall stünde, an welcher Stelle er denkt und wo er bloß, eingedenk der angesammelten Vorräte, Denken passieren lässt: Fu ist ein Frühsozialist, sagt dieses Lachen, ein komischer Knochen, aber ein Sozialist, was willst du mehr, natürlich denkt so einer durch und durch ökonomisch, durch und durch, denk mal darüber nach.)

Ein Monster in jeder Beziehung
5
*

Der Ausdruck ›Gefühlshaushalt‹ ist jedem geläufig, also denkst du dir nicht gleich etwas dabei. Du bist bereits eingewickelt, wenn du erste Härten bemerkst, unterschwellig zunächst, dann aufmerksam. Gern hättest du gewusst, an welcher Stelle die schleichende Rede eingesetzt hat. Aber – zu spät. Die ökonomische Rhetorik ist stärker als der Interpret. Früher oder später scheitert jeder Versuch, sie aus einem Gedanken herauszuhalten. Der Interpret, ohnehin eine Maske, ohnehin in der Schuld des Autors, käme sich furchtbar naiv vor, wollte er ihr das Recht bestreiten, jetzt und hier, in dieser ohnehin zwielichtigen Zone mitzumischen.

*
Ein Monster in jeder Beziehung
6
*

Gern wüsste der Interpret, welcher Begriff von Ökonomie Fu berechtigt, so mühelos zwischen den Bereichen zu wechseln. Er findet aber keinen. Verlegen versucht er es auf Griechisch: oikos, das Haus, die Hausgemeinschaft, kleinste Wirtschaftszelle und lange Zeit Muster allen Wirtschaftens, bevor der Kapitalismus es aufbricht und seine Angehörigen in alle Winde zerstreut. Im Zentrum der Hausgemeinschaft, in der Höhle des Löwen, regiert, umlagert von den Seinen, von Frauen, Kindern, Gesinde, der Patriarch. Sich beugen, das Haupt neigen und Neigung empfinden, gar Zuneigung – ist das dasselbe? Vielleicht nicht ganz, aber ein wenig, ein klein wenig, dann aber, bei wachsender Vertrautheit mit dem Gedanken, ein wenig mehr, sehr viel mehr, grundsätzlich mehr: der verschüttete Ursprung aller Gefühle, hier öffnet er sich.

*
Ein Monster in jeder Beziehung
7

Gefühl ―

ein dumpfes, dabei gut verankertes Wissen um Abhängigkeit, gepaart mit schmeichlerischen Gebärden, vorausgesetzt, für letztere bleibt genügend Zeit und es läuft nicht alles aufs Parieren hinaus, hopp hopp, marsch marsch.

Ein Monster in jeder Beziehung
8

Nimm dir Zeit.

Vielleicht ist auch dieser Einfall es wert, dass du ihn verfolgst. Es ist nicht dein Gedanke, es ist kein Fu-Gedanke, es ist irgendetwas dazwischen, ein Interpreten-Einfall. Interpret, der du bist, spinnst du den Faden weiter. Du denkst ans Stockholm-Syndrom, an die paradoxen Bande, die zwischen Entführern und ihren Opfern entstehen, sobald genug Zeit dafür bleibt. Zuneigung, echte Zuneigung für den, der das eigene Leben bedroht, der es ›in der Hand hat‹, wie der bedrohliche Ausdruck lautet, Vertrauen, am Ende so etwas wie Liebe, warum nicht Liebe? Es wäre die erste nicht.

Ein Monster in jeder Beziehung
9

Doch, es wäre die erste.

Geächtet, eines freien Menschen unwürdig, therapiebedürftig, so rasch wie möglich aus den Eingeweiden der Psyche zu entfernen, soll bleibender Schaden verhindert werden.

***

Auch die Oikoswirtschaft, wenngleich in manchen Winkeln des Planeten noch in Gebrauch, ist geächtet.

*

Entführung eine Form der Ökonomie?
Eine Tauschaktion, sicher, eine, die fast immer misslingt, aber doch keine, in der Vertrauen gegen Vertrauen steht! Vertrauen gewinnen heißt in diesem Fall bloß: Täuschen, was das Zeug hält.

*

Das Gefühl – eine Selbst-Täuschung? Entstanden aus dem Wunsch, den anderen zu täuschen? Nein? Aus dem nackten Lebenswillen, dem kein anderer Ausweg bleibt und der deshalb nach nichts fragt?

*

Gefühl, jeder weiß das, lässt sich erzeugen. Es gibt wahre Künstler darin, geboren, sich und anderen das Leben schwer zu machen. Oder leicht. Oder schwer.

*

Gefühl zeigen hieße also, sich und anderen Kredit geben um des Lebens willen, erst sich, dann anderen, erst anderen, dann sich, je nachdem, je nach den Umständen, vielleicht auch, ihn vorzutäuschen, die Usancen sind da, anders vielleicht als im Geschäftsleben, fließend.

Ein Monster in jeder Beziehung
10

Ich habe kein Gefühl mehr für dich, lispelt die Gattin, die beschlossen hat, sich scheiden zu lassen. Ihre Stimme klingt honigsanft, als sammle sich darin ein letzter verbliebener Gefühlsrest. Das kann natürlich an erhöhten Ausgaben andernorts liegen, die das Lager vor der Zeit geleert haben. Aber vielleicht stimmt das nicht und der Gefühlsvorrat ist, warum auch immer, einfach erschöpft. Scheidungszeiten sind Hochzeiten der Gefühle. Da sollte es klug sein, eine kleine Reserve für spätere Gelegenheiten anzulegen und mit dem Übrigen hauszuhalten. Unter Kredit-Gesichtspunkten lässt sich das gut verstehen. Erschöpft ist der Kredit, wenn die verbliebenen Mittel gerade noch ausreichen, das Unternehmen in einem geordneten Verfahren zu liquidieren.

Fu, Sie haben ja sooo Recht.

Ein Monster in jeder Beziehung
11

So reden die Menschen, so reden sie unentwegt, und so handeln sie auch. Aber fühlen sie so? Ökonomie ist nicht einfach ein Wort, es ist ein Schicksalswort, dem sich viele beugen, auch wenn ihnen dabei unheimlich zumute wird. Berechnend ist jeder zu Zeiten. Aber rechenhaft? ›Das hättest du dir doch ausrechnen können‹, die typische Phrase danach. Was soll das bedeuten? Hätte er – oder sie – oder nicht? Solange ich für dich etwas übrig habe, rechne ich nicht, erst wenn ich nichts mehr erübrigen kann, wendet sich das Blatt. Mag sein, mag nicht sein. Erst einmal sind das Redensarten und gleich um die nächste Ecke behauptet jemand, den anderen satt zu haben. Sein Bedarf ist also gestillt und es besteht kein Grund für ihn, weitere Ausgaben zu tätigen. Oder doch? Ein billiges Angebot ist kein gutes – nicht in diesen Gefilden. Überdruss reimt sich auf Überfluss. Er reimt sich auch auf Genuss, das macht die Sache kompliziert. Sei kein Hasenfuß, stell dich nicht so an. Steh dir nicht im Weg, den Weg ins Freie hat noch keiner gefunden. Die Ökonomie der Gefühle, falls es sie wirklich gäbe, wäre polyfluid, ohne verlässlichen Richtungssinn. Wer rechnet, täuscht sich, hat sich schon getäuscht, so wie er den anderen täuscht, der auf ihn rechnet oder zählt oder, zäheste aller Entgleisungen, baut.

Da also liegt der Trick.

Ein Monster in jeder Beziehung
12

Genau besehen, baut Fu darauf, dass sich über Gefühle alles behaupten lässt. Gefühl, das nicht zur Sprache gebracht werden kann, muss erst noch erfunden werden. Eine Sprache, die ihre Werte in Gefühlen anlegt, hat frei. Mühelos folgt sie jedem Verdacht. Fu ist stark im Verdächtigen, man könnte ihn den Großen Verdächtiger nennen. Seine Rede fließt, wann immer er Verhältnisse beschreibt, die er zu durchschauen glaubt. »In mir habt ihr einen, der nicht in Waren‑, sondern in Verdachtwerten spekuliert.«

Fu ist Wortspekulant durch und durch. Ist das gut? Ist das schlecht? Es ist eine Eigenschaft wie das Hellsehen, man konstatiert sie, aber Zutrauen fasst man nicht. Nein, man fasst es nicht.

Schattengeflüster

Ein Monster in jeder Beziehung
13

Angenommen also...

  • ―Eine Farce!

... es gäbe, was sich nicht ausschließen lässt, zwei oder drei oder fünf Fu, so handelte es sich, alles in allem, um eine verschwiegene Bruderschaft von Börsianern, die auf Wortkonjunkturen setzen und dabei gelegentlich Kopf und Kragen riskieren. Ein pfiffiges Volk, bereit, jeden zu übervorteilen, der sich ihm vertrauensvoll andient. Täuscher über den Tod hinaus, auch den der Zeit, die sie trug;

… es gäbe hier, in diesem Bau, den einen oder anderen Fu, müsstest du ihn nicht aufstöbern und deinem Projekt einverleiben, auf Gedeih und Verderb, weil es sich so gehört?

Nein, das kann nicht sein. Es fehlt der Nimbus. Fu hat sich seine Aura erworben, Fu1, Fu2, Fu3 ebenso wie Fu4 und Fu5 … Es handelt sich, alles in allem, um auratische Wesen, man muss in diesen Regionen mit Gottesanbeterinnen rechnen, die allem, was ihrem Idol zu nahe tritt, den Garaus machen.

Woher die Aura? Was versetzt einen trockenen Gedankenleser unter die Fixsterne einer inbrünstig hoffenden Menschengemeinde? Was unterscheidet Fu von einem x-beliebigen Pyramidenbewohner, der sich seine Reputation redlich erarbeitet hat? Offenbar vor allem der Umstand, dass er kein Pyramidenbewohner ist. Er ist unser, aber er ist keiner von uns. Wer diesen Knoten zu lösen vermag, der vermag auch anderes, zum Beispiel ›die Evangelien neu zu lesen‹ oder Marxens Meditationen über den Fetischcharakter der Ware von ihren logischen Unzulänglichkeiten zu befreien, ohne dass sie darüber zu Staub zerfallen, im Gegenteil … und wenn schon zu Staub, dann eben zu Goldstaub. Darin jedenfalls sind einige Pyramidiers Meister.

(Fu ein Frühsozialist? Das hätten sie gern. Fu bringt seine eigenen Leute mit, ein spezieller Fall von Schwarmintelligenz, ausgedehnt über Räume und Zeiten, Meister der eristischen Verstellung, der Faszination ohne Ende, ein Buddha, der immer neue Inkorporationszyklen durchläuft, einer, bei dem kein Auge trocken bleibt. Das nur nebenbei.)

Schlafen Steine fest?

Akuter Ausbruch von Fumania

Schlafen Steine fest?
1
Fu-Zirkus
Fou-femme. Urheber: ©us

Eine Sammlung von Fu-Steinen (statues-menhirs de fou), je nach Material glatt ausgewaschen oder porös und pockennarbig, aber mit klar erkennbarer Zeichnung, zeigt man Touristen im archäologischen Museum von Cavenac-au-brac, wenn sie zum Abschluss ihres Urlaubs in den erholsamen Weiten des Aveyron noch ein paar Stunden totschlagen müssen, bevor sie das Taxi zum Flieger besteigen, der sie zurück nach Paris bringt. Die wenigsten von ihnen wissen – oder begehren zu wissen –, dass unter Leuten vom Fach diese Sammlung als ›einzigartig‹ gilt. Der Ruf ist nicht der eher bescheidenen Zahl der ausgestellten Objekte geschuldet, sondern ihrer handwerklichen Qualität. Ein Stein, der hier Aufnahme findet, hat gewisse Laien nicht leicht beschreibbare Prozeduren durchlaufen, einem Nachwuchssportler vergleichbar, der in die nationale Sportförderung aufgenommen werden will, um sein Land bei internationalen Großereignissen zu repräsentieren. Ereignisse vergleichbarer Dimension werden im Fu-Bereich eher selten registriert. Aber es gibt sie. »Be carefou« lautet das Motto, unter dem sich die internationale Gemeinde der Fu-Stein-Jünger jährlich in einer anderen Weltmetropole versammelt. »Be carefou« steht auf den Einladungen, die an einen ausgesuchten Kreis Interessierter ergehen, »Be carefou« – einigermaßen pikant – auf den Kärtchen, mit deren Hilfe sich Kongressteilnehmer einander zu erkennen geben. »Be carefou« prangt über den internen Berichten und auf den Einbänden der Kongressakten, die Mitglieder der Société internationale libF zum ermäßigten Preis zugesandt bekommen.

Könnten Steine lächeln, hier wäre es an der Zeit.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht grinsen sie seit Jahrtausenden in sich hinein.
Wer könnte dich begleiten? Elisabeth? Wer sonst?

Schlafen Steine fest?
2
Grabungsfieber

Was ist eine Tagung, verglichen mit dem sorgsamen, kontrollierten, hypothesengesteuerten Abtragen von Sedimenten, Schicht um Schicht, einer um die andere, umsichtig, vorsichtig, vorausschauend, im Dunkeln tappend, Bodenproben entnehmend, vergleichend, protokollierend, voller Erwartung, wenn die Kuppen der ersten Kopfpartien sich aus der sandigen oder lehmigen Umgebung herausheben, für einige Augenblicke kaum mehr als ein bisschen Glätte, die gleich danach Oberfläche, Struktur, Kontur bekommt, wenn aus Kuppen in der Dämmerung Köpfe einer Drachensaat werden, hingeschüttet in Reihen, mit charakteristischen, auf eine sumpfige Stelle oder ein urgeschichtliches Ereignis deutenden Ausfällen, wenn die steinerne Fu-Garde, aufrecht in Reih und Glied, schließlich das Feld beherrscht? Nicht viel, obgleich sie dem Gros der anwesenden Kollegen das Meiste bedeutet. Hier, unter Gleichgesinnten, dürfen sie mit Ergebnissen glänzen, hinter denen die wirklichen Sensationen des Entdeckens, Erahnens, Ertastens, Freilegens, sich dem entzückten, forschenden, sinnenden Blick Erschließens verschwinden. Wissenschaft lebt von Resultaten. Wie sie gewonnen werden, bleibt ein Geheimnis, das die Erkunder mit sich und den von ihnen angefertigten Protokollen teilen. Manche drehen Videos. Das sorgt für Unterhaltung und liefert künftigen kulturgeschichtlichen Forschungen ... Stoff.

Schlafen Steine fest?
3
Betrachte den Betrachter
Ich. Urheber: ©us

Übertrieben ausgeprägtes Neurocranium, dazu eine reliefartig angedeutete Augen­partie, eine Stiftnase, zwei Armbögen mit gekreuzten Händen – nicht viel, um einen ersten Eindruck zu gewinnen, wer Fu war und womit wir rechnen müssen, wenn wir die DNA seiner Botschaften zu neuem Leben erwecken. Betrachte den Betrachter, der das Auge nicht davon lassen kann! Alles geht ihm ein, die verwitterte Oberfläche des Blocks, die zugleich an Kindheitsspielzeug und verflossene Geometriestunden erinnernde Kegelform, die scheinbar hilflos hängenden, an Kinder­zeichnungen gemahnenden Ärmchen, der augenlose, schattenerzeugte Blick, über allem der kapuzenartige, unwillkürlich Erinnerungen an Ku-Klux-Klan-Fotos heraufbeschwörende und der Figur alles anheimelnd Lustige austreibende Schädel: ein Magier, frühes Glied einer kulturumspannenden Geheimgesellschaft, einer Jahrtausende überspannenden, immer wieder abgeschmetterten Weltverschwörung? Einmal entdeckt und des Entdeckens wird kein Ende. Wie viele Fus hat die Menschheit hervorgetrieben? Gibt ein Fu den anderen? Eint sie alle eine übertriebene Ausbildung der höheren Gehirnfunktionen?

Schlafen Steine fest?
4
Selbstkorrektur, mehrfach

Lächerlich. Eine Schädelanomalie bedeutet gar nichts, allenfalls nichts Gutes für das darunterliegende Gehirn. Auch eine Gehirnanomalie bedeutet nichts, es sei denn nichts Gutes. Intelligenz – darauf zielt offensichtlich die Frage – ist wesentlich unauffällig, ebenso angepasst wie selbständig, eher überangepasst, weil sie ihren Stoff aus allen Vorgaben saugt. Die symbolisch überhöhte Stirn, die abgerundete Schädelkapuze steht nicht für etwas – zum Beispiel Intelligenz –, das man unter Menschen alle Tage antrifft. Sie bezeichnet das Haupt der Familie, den Chef des Clans, das Gehirn der Sippe, den Abgott (sagt u.a. Zaferlin, Memories Bd. 2, S 388f.).

Wem gehört die Welt?

Ohne das Gesagte in Frage stellen zu wollen, erhebst du doch Bedenken. Diese Häufung von Funktionen, wie sie für eine wenig ausdifferenzierte Gesellschaft typisch sein soll, verdrängt die im einfachsten Führungsanspruch angelegten Spannungen zwischen Wissen und Herrschaft, Wissen und Wissen, Wissen­können und Wissenwollen, Wissenwollen und Herrschenwollen – Spannungen und Spannungs­momente, die, bildnerisch gesprochen, über lange Strecken der Menschheitsgeschichte nur Herrschafts-Fratzen zulassen, Stein gewordene Zeichen einer fratzenhaften, von allen Seiten bedrängten und angefeindeten Dominanz. Eine dieser Fratzen, die Fu-Fratze, weist voraus in eine Welt, die keine Unordnung kennt.

So jedenfalls liest du ihre Züge: sie stehen für den Aufbruch, den großen Treck, die Erbeutung des wirklichen Lebens, die erheischte Nachfolge in allen Schattierungen außer denen, die nur das Individuum kennt, wenn es, abseits des großen Begehrens, seiner Wege zu gehen weiß.

Schlafen Steine fest?
5
Mehr davon
FUFU. Urheber: ©us

Suche einen Fu und du findest ihn. Du findest ihn, wo du willst. Die Menschheit bringt seinesgleichen hervor wie Links­händer und Taubenzüchter. Zwischen Fu und Fu bestehen, je nach Zeit und Umgebung, bedeutende Unterschiede. Doch im Kern ... im Kern ... immer ist es dieser berüchtigte Kern, den alle guten Glaubens für sich beanspruchen. Bist du guten Glaubens? Wenn nicht, welcher schlechte Glaube stünde dir zur Verfügung? Miserabler Gläubiger, der du bist – gewährst jedem Fu-Double, das an deine Tür klopft, Kredit, um ihn gleich darauf, nach vollzogener Lektüre, wieder zu entziehen. Armer Fuzzi! Wo bleibt der Kern? Ein Wanderkern, das wird es sein. Am Ende regieren Empfindungen: dieses Ziehen links, in der Herzgegend, deutet es nicht an, dass etwas im Busch...? Das Begehren, mehr zu erfahren, mehr von diesem Stoff zugeführt zu bekommen, schon flammt es auf.

Die Flamme klein halten: alte Buschregel.

Schlafen Steine fest?
6
Risiko

Die Geste heißt: Land voraus!
Zeiten, Verhältnisse, Menschenformationen, Glücksfigurationen, das alles liegt, zum Greifen nah, vor euch. Greift zu!
Wer immer ihr seid, diese Botschaft richtet sich unterschiedslos an alle.
Wer immer ihr seid, es macht keinen Unterschied.
Was immer ihr wünscht, es soll geschehen.
Was immer geschehen soll, es ist im Wesentlichen geschehen, sobald ihr es wollt.
Das Ziel heißt Umkehr.
Das Ziel ist der Übergang von einem psychischen Zustand der Welt zu einem anderen.
Die Welt ist Psyche.
Was nicht Ausdruck der Psyche ist, ist nicht wirklich.
Psyche ist nicht innen. Psyche ist dazwischen.
Deine Welt gestalten heißt: dazwischengehen.

So zu denken birgt ein gewisses Risiko.

Wer handelt riskant?
Ein Radfahrer, der auf die Autobahn einbiegt? Sicher.
Ein Büroangestellter, der seinen Chef anschreit? Sicher.
Ein Tüftler, der sein Vermögen an eine Maschine verschwendet, die wahrscheinlich nicht funktionieren wird? Sicher.
Ein Broker, der seinen Beruf ernst nimmt? Sicher.
Ein Wissenschaftler, der sich außerhalb der Forschergemeinde stellt, weil er seiner Sache sicher ist? Sicher?

Schlafen Steine fest?
7
Diagramm

Zeichne ein Diagramm. Wie sähe es aus? Etwa so: eine Pyramide abnehmender Sicherheit, an deren Spitze ›mit hoher Wahrscheinlichkeit‹ nicht etwa der innerwissenschaftliche Konflikt stünde, der irgendwann mit wissenschaftlichen Mitteln zu Grabe getragen wird, sondern ... was? – Nenne es: den einsamen Entwurf einer ›wissenschaftlich fundierten‹ Zukunftsgesellschaft.

Sicher daran wäre gar nichts. Wie ist das möglich? Ist unvernünftig, wer die Konsequenzen aus dem zieht, was schon jetzt – in seinem schon immer vergehenden Heute – im Prinzip möglich wäre? Ist vernünftig, wer einen radikalen Einstellungswandel predigt, der die Menschen all dessen beraubt, in dem sie sich irrtümlich zu Hause wissen?

Irrtümlich: darauf kommt es an. Die Leute leben in ihrer Welt nicht ›versehentlich‹. Sie wurden hineingeboren, hineingewachsen, hineinerzogen, hineingelockt, hineingedrängt, hineingebogen, hineingedrückt, hineingeformt. Sie hängen an ihr, was immer sie sich erträumen mögen, mit allen Fasern und Schläuchen der Gewöhnung und der Gesittung: wenn da ein Irrtum hineinflatterte, dann wurde er tausendmal ausgesogen – was blieb davon? Eine vertrocknete, zerbröckelte, im Rinnstein verfallende Schale, ein organisches Stück Verwesung, nicht wert, dass sich einer danach bückt.

Das Vernünftige zu denken ist vernünftig. Das Vernünftige zu wollen ist unvernünftig. Das Unvernünftige zu wollen ist unvernünftig. Das Unvernünftige zu denken ist vernünftig. Vernunft pur, gepaart mit Unvernunft pur: welchen Personentyp braucht es, um diese innige Verbindung zweier Maßlosigkeiten darzustellen?

+++

Anzunehmen wäre: dieser Personentyp existiert, er existiert ›seit jeher‹ (alles andere klänge extrem unglaubwürdig), er ergreift das Wort, wo immer Menschen (rudimentär!) zwischen Vernunft und Unvernunft zu unterscheiden beginnen, er bringt sein Wissen ins Spiel, sobald in einer Gesellschaft Wissen zirkuliert.

Schlafen Steine fest?
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Erkennungszeichen
Erkennungszeichen. Aufnahme: ©Renate Solbach 2019

Pyramide mit abgeschnittener, das heißt von interessierter Seite zu ergänzender Spitze, sinnfrei und deutungsoffen. Eindringlicher kann kein physisches Erkennungszeichen den Typus dessen zeichnen, der den Plan zu einer Zukunftsgesellschaft in sich trägt, einer Ordnung der Gesellschaft, die möglicherweise einmal kommen wird, möglicherweise auch nicht, deren Chancen, je nach Berechnungsweise, zwischen neunundneunzig und einem Prozent streuen und deren ›Vision‹ von der weit überwiegenden Zahl der Zeitgenossen nicht nur abgelehnt, sondern ridikülisiert wird, weil nichts lächerlicher wirkt als die Ausgeburten einer träumenden Vernunft.

Eifernde Sprecher

Erklär mir nichts (aber das mit Nachdruck)

Eifernde Sprecher
1
Den Fremden denken. Worte des Vorsitzenden Dürrobst
1 Dürrobst x 6 = 1 Runde Befremden

Dürrobst

Wenn die Toten erwachen, stellen sie fest: Sie sprechen unterschiedliche Sprachen. Das Sprachproblem beiseitegesetzt, müssten sie rasch erkennen: Sie sprechen von unterschiedlichen Dingen. Angenommen, sie könnten auch darüber zu irgendeiner Form der Verständigung finden, würde es spannend.

Dürrobst

Wer bist du? Woher kommst du? Was hast du geleistet? In wessen Schuld stehst du? Wann bist du schuldig geworden? Jede Frage setzt viel voraus, je mehr davon kenntlich wird, desto schwerer fällt es, auf sie zu antworten.

Dürrobst

Wer bist du? In unserem Kulturkreis wird diese Frage damit beantwortet, dass einer seinen Namen nennt. Namenlos ist der Fremde (i.e. die fremde Person, vielleicht hat sie ihren Namen genannt, aber er bestätigt nur ihre Herkunft aus der Fremde, er ›ist hier nicht bekannt‹, niemand kann ihn behalten, er ist rein akustischer Natur), will sie bleiben, so muss sie sich einen Namen erwerben.

Dürrobst

Wie erwirbt man sich einen Namen? Durch Arbeit, Reichtum, eine schreckliche (oder glorreiche) Tat: das sind vertraute, aber doch nicht universell gültige Weisen der Auszeichnung. Sie setzen eine Gesellschaftsordnung voraus, in der gewisse Wertvorstellungen zirkulieren, ohne die eine Person im strengen Sinn nicht existiert. Unter einem anderen Wertefirmament müsste einer zum Beispiel geduldig die Reihe der Väter oder Mütter zurückspulen, bis im Auge des Gesprächspartners – des Anderen, wie wir ihn nennen wollen – das Erkennen aufblitzt, notfalls also bis zu Kudur dem Schrecklichen oder bis auf Adam und Eva. Wenn das nicht hilft, sind andere Götter gefragt, fremde Götter, und dann wirds bekanntlich gefährlich.

Dürrobst

Warum wird es gefährlich? Weil Götter eifersüchtig sind. Weil es ihnen nicht passt, wenn sich Abkömmlinge der Konkurrenz unter ihre Nachkommenschaft mischen. Weil sie streitsüchtig sind und es ihnen gefällt, sich in den Kriegen ihrer Anhänger zu verewigen. Weil sie rachsüchtig sind und jeden bis ans Ende seiner Tage verfolgen, der es wagt, ihre Botschaften zu relativieren. Weil sie keineswegs blind und taub sind für die Vorzüge des Fremden. Ganz im Gegenteil: sie stechen ihnen ins Auge. Das schmeckt bereits nach Begehrlichkeit, nach dem Wunsch als Vater des Gedankens, nach Schwindel und Aneignung fremden Gutes und so weiter. Fremd sein heißt auf der Hut sein müssen. Wir merken auch: man fährt immer besser, wenn man sich ein wenig Bewusstsein der eigenen Fremdheit zu erhalten versteht.

Dürrobst

So sieht es aus, solange die Frage, wer einer ist, keinen anderen Inhalt besitzt als die, woher einer kommt. Ich sage Inhalt, ich sage nicht Bedeutung, denn damit verließen wir den festen Boden der Untersuchung und lieferten uns den Logikern aus. Das möchte ich, für meinen Teil jedenfalls, verhüten.

Eifernde Sprecher
2
Gedanken beim Zuhören
Die Seligen sind nicht selig. Sie hören Nonsens.

Warum redet er so? Was haben seine Zuhörer verbrochen, um sich von ihm über Kinkerlitzchen belehren zu lassen? Über Dinge, die jeder seinen Studenten im Schlaf erzählen könnte, mit allen Vorder-, Nach- und Hintergedanken? Warum unterbrechen sie ihn nicht? Warum lassen sie ihn gewähren? Sitzen in Reih und Glied und hören zu. Nasen umtanzt vom Sonnenlicht. Genießen sie’s? Langweilen sie sich tödlich? Zu erkennen geben sie’s nicht. Geben sie etwas zu erkennen? Friedenwanger, den wachen Blick umschattet von spöttischer Schwermut: alles gespielt. Ziehausen oder die leise Unruhe im Raum ... sie wendet den Kopf leicht zur Seite, spielt mit dem Uhrband, zupft am Blusenkragen, alles dezent, alles unterhalb des Aufmerksamkeitspegels, alles registriert, aber das wäre auch sonst der Fall, schließlich weilt sie als einzige Kollegin im Raum. Ihr – weitgehend weiblicher – Nachwuchs verteilt sich an den hinteren Wänden. Er wird nach vorne durchwandern. Aber das braucht Zeit.
Zeit: das ist es. Sie verbrauchen Zeit. Lassen sie passieren und verbrauchen sie doch – wie irgendeinen Rohstoff, den man in eine Fertigungsanlage füllt. Der industrielle Prozess ›Wissenschaft‹ enthält solche Inseln wechselseitiger Belehrung, in denen die Eigentätigkeit ruht. Nicht ganz, die unauffällige Zeitmessung geht mit. Der Referent hat das Wort. Nicht so stürmisch, Kollege, lassen Sie sich Zeit. Alle Zeit, die Sie brauchen. Wie lange brauchen Sie noch? Machen Sie ruhig. Zur Sache! Zieht sich ein bisschen, was will er uns sagen? Er wird überziehen, er überzieht jedes Mal. Letztes Mal war’s schlimmer. Richtig übel. Lass dir Zeit. Wir wollen alles hören. Er will doch nicht sagen...? Das sagt er immer. Er ist in der Schleife. Holt ihn jemand heraus? So also macht er das. Nicht schlecht. Aber trivial. Muss ich mir merken. Könnte schlimmer sein. Aber gefährlich wird er dir nicht.

Eifernde Sprecher
3
Wer den Fremden liebt, gewinnt Zeit (sagt Dürrobst)

Dürrobst fährt in seinen Ausführungen fort

Wir haben eine Kultur der Fremde, aber wir haben keine Kultur des Fremden. Der Fremde ist uns fremd. Er ist uns dermaßen fremd, dass wir ihm mit ausgeklügelten Messmethoden zu Leibe rücken. Europa vermisst seine Fremden, ganz recht. Wir wüssten sonst gar nicht, was wir mit ihnen anfangen sollten. Oder doch? Wie dem auch sei, am Ende lauern Plünderung, Vergewaltigung, Mord oder Eingliederung. Aber vorher muss gemessen werden.

Was messen wir, wenn wir messen? Zum Beispiel sein Geschlecht. Sie werden lachen, aber das Vermessen der fremden Geschlechtsteile begleitet die Geschichte der überseeischen Eroberungen. Es ist ein Zwang. Erst muss an dieser Stelle Klarheit geschaffen werden, dann sehen wir weiter. Und wie sie Klarheit schufen. Aus den Archiven erfahren wir alles. Form, Farbe, Umfang, Gewicht, Abnormitäten, Verbreitung von Abnormitäten, Verstümmelungen, Krankheiten, einfach alles. Der orbis sexualis ist nichts weiter als die Phantasmagorie eines Roboters.

Wie gesagt, es herrscht ein Erfassungszwang, ein Zwang zur Inventarisierung, wie er nur dem Tabu entspringt. Das sexuelle Tabu ist außer Kraft gesetzt, sobald wir des Fremden ansichtig werden. Ist das ein Mensch? Ja und nein. Wäre er ein Mensch, so wäre er unseresgleichen. Wäre er kein Mensch, so wäre er nicht unseresgleichen. Wir wollen uns aber Zeit lassen, um diese Frage zu untersuchen. Wir verschaffen uns riesige Vorteile, indem wir uns Zeit lassen – viel Zeit, zuviel Zeit für den armen Fremden, der seiner Plünderung beiwohnt, als ginge ihn das alles nicht länger etwas an.

Das Tabu ist dann am wirksamsten, wenn wir es außer Kraft setzen. Wir bilden uns ein, wir legten unsere Vorurteile ab, aber wir achten nicht darauf, an welcher Stelle wir sie ablegen. Wir glauben uns von einer Bürde zu befreien, vielleicht befreien wir uns auch wirklich, jedenfalls machen wir uns frei. Wir glauben, was wir sagen. Ein wichtiger Schritt, wenn mich einer fragt. Nicht immer glauben wir, was wir sagen. Rede geht vor, sie erkundet das Gelände, besetzt es hier und da, lässt sich auf Plänkeleien ein. Der Glaube versetzt uns in Raserei.

Können wir die Zeit unterbrechen? Natürlich nicht. Können wir im Aufschub leben? Natürlich können wir das, jedenfalls nach gängiger Überzeugung, sooft und solange wir wollen. Wir müssen uns nur dazu entschließen. Was wir nicht können: das Leben der anderen anhalten, solange wir im Aufschub leben. Wir können es nicht anhalten und wir können es nicht aufhalten. Wenn wir uns also durch Aufschub Vorteile verschaffen, einseitige wohlgemerkt, zum Beispiel dadurch, dass wir uns noch nicht entschließen können, den anderen als Menschen wahrzunehmen, weil wir dazu erst ein paar Messungen durchführen müssen, dann geschieht auf der anderen Seite etwas, was zur gegebenen Zeit auf uns zurückschlagen wird.

Jeder Aufschub enthält bereits in sich den kommenden Rückschlag. Je länger er anhält, desto genauer weiß das der Aufschiebende auch, vielmehr, da auch das dem Aufschub unterliegt, fürchtet er, was da kommt, und versucht es – nun, was? – hinauszuschieben, zunächst um fast jeden Preis, schließlich um jeden Preis. Er liebt seinen Untergang mehr als die Menschen, deren Gemeinschaft ihn davor bewahren könnte. Er müsste es nur wollen und davor bewahrt ihn der Aufschub. Er bewahrt ihn, er schenkt ihm ein Gefühl der Sicherheit, weil er sich, eingemauert in seinen Aufschub, überlegen vorkommt, und er kann diese Überlegenheit nicht mehr ablegen, auch wenn sie ihn auf Dauer ruiniert.

Eifernde Sprecher
4
Die verschwendete Zeit plagt ihre Nutznießer
Die Gedanken sind frei.
Unbekannt: ihre Verteilung im Raum.
Eifernde Sprecher
5
Von Dürrobst lernen heißt … nicht viel
Haben Sie Feuer? Mir ist kalt.

Im Kopftheater liegen alle Gedanken bloß. Nur die Gelenke sind bandagiert, niemand soll das Geheimnis der Übergänge ergründen. Dazu sind sie zu sehr sie selbst, der Wille, sie selbst zu sein, belebt sie ungemein. Wenn jeder einen Gedanken hat und sie legen zusammen, was ergibt das? Kopfsalat. Ein blumiges Wort für eine gewöhnliche Sache. Mein Gedanke kommt immer zu kurz – woher kommt das? Aus der Sache? Das hätten die anderen gern. Es kommt vom Gerangel. Können Gedanken miteinander rangeln? Das hättest du gern gewusst. Ja, sagen Machttheoretiker, es geht stets um das eine. Dominanz. Ein dominanter Gedanke ist einer, der viele Vorteile bietet: einem viele oder vielen einen. Dass Denken Aufschub bedeutet, leuchtet vielen ein, die es gern auf die lange Bank schieben. Ein solcher Gedanke betritt die Bühne als Versucher: jeder kennt ihn, jeder ist ihm schon einmal erlegen, jeder widerstrebt, jeder möchte ihn gerne meistern.

Das gibt fast unbegrenzt Macht.

Sexualität lebt vom Aufschub. Sexualität ohne Aufschub wäre ›eindeutig‹. Der erste Gedanke, der sich ›dazwischenschiebt‹, zieht den ganzen Rattenschwanz hinter sich her. Dürrobst hat das begriffen. Er lässt sich Zeit. Er geht Umwege, um zu ergründen, was genau zwischen Wunsch und Erfüllung passiert. Geht es nicht noch genauer? Es geht immer noch genauer. Das steigert den Wunsch und hilft der Begierde. Dem fatalen Stau ein Ende machen, wer wollte das nicht? In immer neuen Schleifen und Schlieren ›denkt‹ D. ›das Fremde‹ und sorgt damit für Unruhe in den Köpfen – nach dem Rezept, dass Befremdliches stets für Unruhe sorgt. Er redet sich in Rage, jedes Wort, das er spricht, jeder Halbsatz, den er hinzufügt, zögert die Eingewöhnung des Fremden hinaus. Dürrobst genießt die Früchte des Aufschubs, indem er ihn verhöhnt. Der denunzierte Aufschub bemächtigt sich der Köpfe der Zuhörer und entfesselt die Konkurrenz. Was will er den anderen sagen? Das ist nicht wichtig. Wichtig ist: die Position, aus der er spricht. Überlegenheit zählt.

Frage: Welche sexuelle Praxis spricht aus einem, der so spricht?

Requiem für einen Walfisch
Dossier

Gibt es eine Causa Dürrobst?
Wenn ja, worin könnte sie bestehen?

Requiem für einen Walfisch
1
Propaganda (1)

Die Sexualität des Kollegen Dürrobst ist weitgehend unerforscht.
Das liegt an mancherlei, teils an unzureichenden Ressourcen, teils am Desinteresse der Forschergemeinschaft, teils daran, dass er, anders als Rivale Friedenwanger, keinerlei Aufhebens von ihr macht.

Hat er Frau? Hat er Kinder?
Das Personaldezernat weiß Bescheid.
Besondere Neigungen? Auffälligkeiten?
Fehlanzeige.
Wie weit streuen seine Gene? Streuen sie überhaupt?
Darüber ist nichts bekannt.

Keiner hebt die wissende Braue, nirgends stockt eine Rede, sobald sie diese Dinge berührt. Der Mann ist clean. Wie kann das sein? Kann das sein?

Über allem: Darf das sein?

Requiem für einen Walfisch
1a
Propaganda (2)

Dürrobsts Unerforschtheit ist ein latentes Ärgernis. Sie verleiht ihm die Aura des Unerforschlichen, der nur die Hand zu heben braucht, um Aufmerksamkeit zu erzwingen. Der Undurchdringliche besitzt Autorität, also Verfügungs­gewalt, also Macht. Auch ein Schlaganfall kann nichts daran ändern. Eher steigert er seine Unnahbarkeit ebenso, wie er, auf der subjektiven Seite, sein herrisches Gebaren verstärkt. Zwischen dir und ihm: eine Strecke Schweigen. Er wartet, du wartest auch. Ein kleines Lauern steckt darin: Wann – und wie – kommt der andere heraus?

Er kommt nicht heraus. Stattdessen spielt er dir die Komödie des Aus-dem-Häuschen-Seins vor. Unerhört ist, wenn man ihm folgt, was sich in den unzugänglichen Zonen wirklicher Macht, jenseits der eingebildeten akademischen, zuträgt.

Requiem für einen Walfisch
1b
Propaganda (3)

Unbrauchbar ist das alles, dass du erschüttert zurückweichst.

(Dass du an Dürrobst abprallst: Gerade das macht ihn dir verdächtig.)

Ein Dürrobst kommt nicht von ungefähr (sic!) und schon gar nicht allein.

Requiem für einen Walfisch
2
Phalanx

Die Forschergemeinde benötigt, wie jede Gemeinde, einen festen Grund. Ohne einen Anflug dessen, was frühere Zeiten ›wissenschaftliche Weltanschauung‹ nannten, kommt sie nicht aus. Momente der guten alten Aufklärung samt ihren rationalistischen und materialistischen Obsessionen mischen sich darin mit solchen einer weitgehenden Abgeklärtheit, die um die ›Bruchstellen‹ von Aufklärung weiß – vielmehr: von den Abgöttern einer anhaltenden Gegenwart über sie ins Bild gesetzt wurde und sich darum halbwegs immun glaubt gegen die Zumutungen für den Intellekt, die von älteren Bildungswelten ausgehen und draußen in der Gesellschaft noch immer ihre Opfer finden. Wie jede Weltanschauung ist auch diese nicht ›statisch‹. Sie passt sich den Gegebenheiten der Zeit ebenso an wie den speziellen Bedürfnissen ihrer Träger. Üblicherweise geschieht das über Namen, vornehmlich solche, die mit den Bildungserlebnissen einer Generation von Zahnärzten, Bildungspolitikern, Philologen und Sozialwissenschaftlern eine feste Verbindung eingegangen sind. Man kennt sich, man versteht sich, man kommt aus einerlei Erfahrung. Wem sie abgeht, dem fehlt die Befruchtungsapparatur, die jeden Gedanken spontan mit seinem ›historischen Ort‹ zu schwängern erlaubt.

Requiem für einen Walfisch
3
Signal

D und die Pfeife: ein Paar. Eine Symbiose, die unter aller Augen ihre Spur zieht. Tief eingegraben, nahezu perfekt, ein Werkzeug der Tiefe, in der die Machtarbeit sich vollzieht.

Terminus: Machtarbeit = Arbeit an der Macht.

Das kann durchaus die eigene sein. Jeder Machtgebrauch ist ›eigen‹ und arbeitet einer Person – oder einem Personenkartell – zu. Aber ›personalisiert‹ ist sie deswegen nicht. Die Machtfigur im Hintergrund ist der Nuckler, das an der Pfeife hängende Wesen, dessen Klammergriff die Pfeife umspannt, der leicht vorgebeugte, zur Seite geneigte, geschäftig Wissen vortäuschende Schädel, das Spiel mit dem Feuer, der zwischen Partner und Pfeifenkopf streunende Wanderblick – eine perfekte Figur, passend zu jeder Art von Missbrauchsgeschichte, mit deren Hilfe eine enthemmte Ex-Gattin ihren Anteil an seinem Einkommen vor Gericht zu erstreiten unterwegs ist (doch Dürrobst lässt nichts heraus, kein Sterbenswörtchen, das hier bleibt reine Spekulation): kann es sein, dass der Missbrauch, ein gefügiger Herold, der Macht vorangeht und sie ausruft, am hellen Mittag, so dass die Szene, in der solche Ehegeschichten kursieren, bereits im Bilde ist, während die Arena, ein Tal der Ahnungslosen, von kommenden Verführungen träumt?

Anders ausgedrückt: Dürrobst – ein schlimmer Finger?

*

Das alles ist: Projektion.

Requiem für einen Walfisch
4
Agenda

Die wahre Arbeit an der Macht vollzieht sich im Geiste.
In wessen Geiste?
Das lässt sich sagen: im Geist der Welt.

Korrekturbedürftig ist die Rede vom Weltgeist insofern, als Dürrobst sie bei entsprechenden Gelegenheiten mit leicht erhobener Hand und einer Miene abwehrt, als habe er in einem früheren Stadium seines Daseins alle bei seiner Nennung vorgesehenen Kämpfe durchlebt und sich mit sich selbst auf einen ›progressiv‹ materialistischen, im anderen auf einen vorsichtig religiös gefärbten Pragmatismus geeinigt.

Allein steht er damit nicht. Die allwöchentlich zum Gemeinschafts­dienst rufende Glocke, ›fachlicher Alltag‹ genannt, in deren Schatten Dekan Dürrobst seine Tage verbringt, erklärt eine gewisse Taubheit gegenüber Fragestellungen, die ein paar Türen weiter für theoretische Gemetzel sorgen. Als guter Trittbrettfahrer weiß er, an welchen Stellen man aufspringt und woran man sich am besten hält. Was den Weltgeist angeht, von dem er mancherlei zu wissen glaubt, so ist schon klar, dass er, irgendwie von Preußen ausgehend, das neunzehnte Jahrhundert beherrscht haben und in den Gasschwaden von Ypern, Vorboten einer mächtigeren Katastrophe, schmählich verreckt sein muss. Andererseits braucht Dürrobst ihn als zwar reaktionäre, aber nach wie vor ideologisch aktive Chiffre, die seinesgleichen, bei Strafe des kulturellen Analphabetismus, nicht kommentarlos den Gegenmächten des Kapitals überlassen darf. Die im Tagungszirkus aufgeschnappte Formel, sprachlich befremdend, aber hinreichend suggestiv, lautet: ›Verweltung‹. Wo Geist war, soll Welt sein. Wo Welt ist, soll Welt werden. Nur so bekommt das Opfer des Leviathan einen guten Sinn.
Sinn – da ist Dürrobst mit Friedenwanger ganz einer Meinung –, Sinn muss sein.

Requiem für einen Walfisch
5
Jede Community bedarf eines Mythos

Der große Leviathan ist totgesagt.
Weiter beredet: sein großer Kadaver.
Der Schatten der Meere: von den Bildflächen verschwunden, als habe seinesgleichen sie niemals durchkreuzt.
Das Tier der Tiefe, das alles bewegende, ist abgetaucht.
Die Stunde der Taucher mit leeren Händen. Eine Hand wäscht die andere. Eine Hand wäscht sie alle.
Der Schmutz an den Händen der großen Denker. Ein Debakel.
Für wen?
Die Toten kümmert ihr Totsein nicht.
Wen dann? Frag nicht, lies. Lies alles. Lies weiter.
Ausgelesen ist nichts. Ausgelesen ist alles.
Die Liebhaber des Schattens üben sich in Verzicht.
Jeden Tag eine Stunde. Mehr gilt als unfein. Warum?
Der große Verzicht und der große Schatten sind eins.
Uneins zeigt sich die Sekte der Schattenlosen.
Tonina Debakulata, Nachwuchsseherin, verknotet die losen Hände.
Geste zwecklosen Widerstands, im Feuer des Argumentierens nach wie vor gut zu gebrauchen.
Schweigen, ein Schal für die Rede, vorsorglich, hütend, besänftigend, wohlerzogen, durchdringend, schal, eine leere Hülse.
Der schwache Mensch: woher die Erleuchtung?
Aus großer Trauer: wohin?
Trauer, niemals gestillt, Fahrschein nirgendwohin, gültig fürs erste: die Gegenwart denken. Was denn sonst? Denkt Gegenwart nicht? Wird sie erdacht? Fällt sie, erdacht, in sich –. Wohin? Auf guten Grund? Auf üblen? Ins Bodenlose, ins Unerdachte, ins Überwundene?
Überwunden ist, was sich jährt. Im Gedenken wird Überlegenheit hörbar. Abgetan das Beredete, unabgegolten das bescholtene Erbe, dem die Abgeltung auf dem Fuß folgt.
Im Raketenschatten ist Welt, was sich regt. Der leise Gedanke, Seelenhauch, Laut nach innen, Missverständnis, leicht zu beheben, ein Miss-Verhältnis. Die Welt gehört dem, der nach ihr greift. Sie gehört jedem. Sei hörig dem, dem alles gehört. Greif zu.
Ein weites Feld: die Verhältnisse. Erforsche sie wohl, die Schatten des Schattens. Fischbrut, quecksibrig, schwärmend, leicht zu ergreifen, ein Schlag auf die Stirn…
… tötet viele. Zuckende Leiber. Sind wie sie sind. Schneide sie auf. Was willst du finden? Was willst du finden? Beschreibe es. So, nun ist es gefunden. Genießt du den Fund? Genießt du ihn? Leg ihn weg. Leg ihn beiseite. Frei bist du nur im Finden, halten kannst du ihn nicht. Warum? Er hält dich umklammert.
Der große Schatten ist fort. Du sollst ihm nicht folgen. Fort geht es von allein, dir geht es ums Bleiben. Alles dreht sich ums Bleiben. Was nicht bleibt, das verwirrt. Verwirrtsein hilft, aber nicht sehr.

Requiem für einen Walfisch
6
Proskriptionen oder: Aus diesem Fluss steigen alle

Du kannst den Weg nicht finden? Gut, der Weg findet dich. Du bist auf gutem Wege. Klopfe an eine Tür und dir wird aufgetan. Nichts Menschliches entgeht deinem Zugriff. Zerlege es. Das Besteck? Du beherrschst es, es beherrscht dich, es wird auch dich zerlegen, doch erst musst du gut sein. Ein guter Zerleger schafft etwas weg. Mehr als andere, doch zusammen schaffen sie mehr. Zerlegt wird, was in Betracht kommt. Zerleger ist, wer in Betracht kommen will. Ein guter Zerleger glaubt, in Betracht zu kommen, und seine Umgebung spielt mit. Ein guter Zerleger hält sein Besteck sauber: er weiß, es gehört ihm nicht. Er besitzt keine Lizenz, es zu verändern. Stattdessen verändert es ihn – mit jedem Einsatz ein bisschen mehr. Ein großer Einsatz, an dem sich viele beteiligen, macht sichtbar. Ein Streichholz flammt auf und erlischt. Asche zu Asche.

Requiem für einen Walfisch
7
the way you destructed my home

If it looks like mass murder and it is one it’s a desaster.

 

 

Wage nicht, diesen Satz zu verstehen.

Requiem für einen Walfisch
8
Wir ändern die Welt

Nichts in der Welt, in der du dich bewegst, ist dir fremd. Fremd ist dir die Bewegung. Sie ist dir vertraut und sie ist dir fremd. Du kannst nicht sagen, wann und wo sie beginnt, du kannst nicht sagen, wen sie umfasst, wie viele es sind, was genau sie wollen, welche Interessen sie leiten, wer sie steuert, ob jemand sie steuert, wohin die Reise geht, falls da jemand reist. Eine Bewegung der Vielen? Nein. Nicht wirklich. Eher eine in vielen: wir, die Macht.
Wir sind die Macht, zu ändern, was nicht bleiben kann, wie es ist.
We can change the world to make things better. That’s what we believe.
Nenne es: einen starken Glauben.
Ein Glaube, der keine Berge versetzt (dafür reichen Bulldozer), sondern Grenzen.
Wer glaubt an Grenzen?
Grenzen sind nicht da, um geglaubt, sondern um respektiert werden.
»Nichtanerkennung bedeutet Krieg.«

Another war to end all wars. Let’s talk about deconstruction.
Im Menschenzoo existiert nur eine Grenze. Diesseits: Freiheit. Jenseits: Unfreiheit. Die hinter den Absperrungen wohnen, was haben sie getan, um nicht an der großen Party, Life genannt, teilzunehmen? Wir schulden ihnen eine Erklärung, wir schulden ihnen unsere Anstrengung, ihr Los zu wenden.
Sind wir bereit?

This is our world. Let’s stick together. Whatever they did or did not, we must look after them. What is a conflict? A conflict is always black and white. Don't stay on the wrong side. Don’t do that. It’s a bad thing.

Requiem für einen Walfisch
9
Der Drehpunkt

Sing, unsterbliche Seele. Was singt sie da?
Im Zweifel: dummes Zeug. Wozu wäre der Zweifel sonst gut?
Im Krieg gegen die Seele ist alles erlaubt, selbst der Zweifel.
Der Zweifel entsteht in der Seele, als Argwohn.
Das vegetative Bewusstsein – nenne es Bewusstheit, nenne es Seele – befindet sich in der Welt, wie immer es sich befindet. Wo befindest du dich? Kein Zweifel: in der Welt. Woran zweifelst du? An deiner Welt, als wäre sie nicht die rechte. Die rechte Welt will erschlossen werden – durch Zweifel.
Die rechte Welt ist die falsche. Woran erkennst du das?
Kein Zweifel: das falsche Bewusstsein ist in ihr zu Hause. Im Haus des falschen Bewusstseins ist alles falsch. Das kann nicht anders sein. Warum sonst hielte es sich für unzerstörbar?
Zerstöre das falsche Bewusstsein und du zerstörst eine Welt.
Die ganze Geschichte: das Ende der Geschichte oder die Geschichte ganz.
Wo Geschichte war, soll Welt sein.
Nicht deine Welt: die Welt aller. Die purgierte, auf Dauerbefriedigung gestellte Seele, sie lebt bereits in einer anderen Welt. Sie ist angekommen und kann sich kaum erinnern woher. Sie will es auch nicht. Ihr graut vor dem, was war.

Was wird schon gewesen sein?

Requiem für einen Walfisch
10
Kein Kind von Traurigkeit

Was verrät uns die Pfeife im Munde von D? Er ist unser, was sonst. Er ist keiner von uns, er ist unser. Er möchte dazugehören, doch wie Moses das Rote Meer, so teilt Dürrobst die Wogen des Wir, um trockenen Fußes hindurchzuschreiten, wo er allzu gern schwimmen möchte. Er nennt genügend historisches Bewusstsein sein eigen, um die Teilung der Welt in Vorher und Nachher als Bluff zu durchschauen. Er weiß, es sind Komödianten, die sich dieses rhetorischen Kniffs bedienen. Gern wäre er einer der ihren, aber ihre Gesichter ziehen blank, sobald er sich ihnen nähert. So wie er dasteht, den Pfeifenarm über der Brust verschränkt, ist er der Unziemlichen einer. Er besitzt ein zu geringes historisches Bewusstsein, um sich nicht als Kind des Danach zu verorten: nach den Leistungen, nach der Katastrophe, nach der Geschichte. Ausweg der Ausweglosen: Politikschelte. Wann jemals hat man soviel Unfähigkeit in den Räumen der Macht gesehen? Wann jemals hat man soviel Unwissenheit in Positionen gesehen, in denen Bescheidwissen angesagt wäre? Wann jemals wäre die öffentliche Moral so am Boden gelegen? Nicht dass seine Moral einer öffentlichen Überprüfung standhielte. Seine Moral kommt nicht in Betracht. Seine Moral verdankt sich der Niederlage. Sie sinnt auf Rache. Das Sexsurrogat im Gesicht, es verrät den Hinweisgeber vom Dienst. Was immer er zur Anzeige bringt, er weiß es aus sich. Auch reicht es so gut wie nie zu einer wirklichen Anzeige: über Vier-, über Sechs-Augen-Gespräche geht es selten hinaus. Was er, das ›Desaster‹ auf den Lippen, betreibt, ist Gesprächshygiene, die aus der Jackentasche lugende Pfeifenputzer-Batterie ihr trotzig bereitgehaltenes Symbol.

Aufstieg im Affenkäfig? Das wäre ja –

Lehre vom WIR

Dein Untergang gehört dir

Lehre vom WIR
1
WIR

Sag niemals Wir. Streich’ dieses Wort durch, sobald du seiner ansichtig wirst. Nicht immer lässt es sich vermeiden, doch in achtzig Prozent aller Fälle erkennst du die Überdehnung. ›Wir wissen noch nicht, wie wir in diesem Fall abstimmen werden‹: du vielleicht nicht, aber kannst du dich für deinen Nachbarn verbürgen? Natürlich nicht, denn du verbürgst dich nicht einmal für dich selbst. Du weißt, wie du abstimmen würdest, nur das pompöse Wir weiß es nicht. Wann bist du Wir? Du weißt, wie du abstimmen wirst, das pompöse Wir erlaubt es dir, nicht darüber zu reden. Wir lassen uns Zeit. Wir sind viele. Wie viele? Das weiß kein Mensch. Selbst eine geschlossene Gruppe, zum Beispiel der Fakultätsrat, dem Dürrobst vorsitzt, besitzt kein Wir. Die Pyramide? Nicht die Spur. Wir Wissenschaftler – eine Zumutung für den Einzelnen, der etwas entdeckt hat und es zur Anzeige bringt: gleich wird das Rudel sich darauf stürzen und nur die Knochen zurücklassen, die Befriedigung, ein paar Minuten, ein paar Tage ›im Mittelpunkt‹ gestanden zu haben, den Verdruss, der daraus erwächst, das unbestimmte Gefühl, einer Illusion aufgesessen zu sein, genannt ›Mittelpunkt‹, erzeugt durch periphere und flüchtige Aufmerksamkeiten, angereichert mit unterschiedlichem Weltstoff, kaum vergleichbar, kaum vereinbar mit dem ihnen entgegenschlagenden Begehren, vernommen zu werden, vernommen: du verstehst, dass hinter jedem Wir eine Stimme arbeitet, die vernommen sein will, in den seltensten, eigentlich auszuschließenden Fällen die deine. Jedes durchgestrichene Wir weist diese Stimme zurück, macht die Luft atembarer, in der du dich bewegst, führt dich dir zu. Halt’ das fest.

Lehre vom WIR
2
WIR

Die Stimme hinter dem Wir, die sich durch deine Atemkanäle zwängt und deine Stimmbänder traktiert, kommt aus einem Jenseits, dessen Natur du niemals ergründen wirst. Das weißt du, weil du es weißt. Die Stimme, sie liefert das Wissen mit, sie zwingt dich, ›ich‹ zu sagen, als sei es das Natürlichste auf der Welt, doch wenn du nur ein wenig in dich hineinhorchst, dann merkst du, dass der Zwang von keinem Ich ausgeht. Es ist eine Zone der Ruhe um den verhüllten Punkt, den du suchst, wenn du Ich sagst, und diese Ruhe, sie wird gestört, sobald das Sagen beginnt, und diese Störung, diese tiefe Störung, ist vielleicht der Quellgrund aller Wir-Sagerei. Die Stimme wächst am Widerstand und wechselt vom Ich- ins Wir-Register: hier findet sie alle Kraft, die sie benötigt, um weiterzukommen, denn weiterkommen, das ist ihr unmittelbarster Wunsch und ihr tiefstes Begehr.

Lehre vom WIR
3
WIR

Das Wir ist das Zweite, das sich überall als Erstes aufspielt, wo mit dem Ich kein Durchkommen möglich scheint. Der Schein entsteht in dir selbst, sobald sich irgendwo eine Stimme erhebt. Es muss nicht die deinige sein, es genügt, dass irgendeine Stimme den Raum entert (entert?), den dein Gehör bestreicht. Eine Tierstimme: Warum nicht? Sprache verstärkt, sie verlangt nach Antwort auch dort, wo du nicht verstehst, selbst dort, wo du offenkundig nicht gemeint bist. Belauschen, belauscht werden: Warum gilt das überall unter Menschen als ungehörig – selbst dort, wo man es als notwendig ansieht? Nur offene Feindschaft setzt diese Empfindung außer Kraft.
Warum? Bin ich jedermanns Freund? Bin ich wir, ehe ich mich dessen versehe? Ein Gefangener unseres biologischen Erbes? Der kulturellen Evolution? Des kommenden Weltbundes? Offenbar nicht. Wenn Sprache mein Eigenstes ist, so ist sie zugleich das Fremde in mir. Man hat mich sprechen gelehrt und nun spreche ich: ein Automat. Was immer ich mitteilen möchte, die Stimme überspricht es. Sie spricht es aus und sie überspricht es. In meinem Sprechen liegt etwas, das mich verwirrt. Ich verhasple mich, wann immer ich daran denke. Meine Stimme gehört dem anderen. Ein geneigtes Ohr, eine gesenkte Braue, ein geschürztes Lippenpaar und sie überschlägt sich, sie ist zu Diensten, sie wechselt ins Wir-Fach.

Lehre vom WIR
4
WIR

Du magst diese Stimme. Sie spricht zu dir, sie schmeichelt dir ab, dein Feind. Sie kommt von weither, sie ist dir zugedacht, der Sprecher kennt dich nicht, er wird dich nie kennenlernen, deine Person ist ihm gleichgültig und wird es immer bleiben. Nur diese Stimme weiß von keiner Distanz, sie geht in dir auf, eine Supernova, um als weißer Zwerg in deinem Gedächtnis fortzuvegetieren. Noch ist es nicht so weit, sie durchglüht dein Inneres, du weißt nicht, wohin du dich flüchten sollst, du bist ihr hörig. Die Stimme fragt nicht nach deiner Zustimmung, sie lässt dich zustimmen. Sie veranlasst deine Zustimmung. Du kannst sie verweigern, du kannst dich verweigern, aber das kostet Zeit. Diese Zeit hast du nicht. Du hättest diese Zeit, aber du hast sie nicht. Die Stimme ist hinter dir her, sie verfolgt dich, wie du ganz richtig sagst, sie ist überall. Überall bist auch du, flüchtig, ein fliehendes, stolperndes, hastendes Wild. Der Strahl dieser Stimme trifft dich: da ist kein sicherer Ort. Wirst du verglühen? Nein, es ist eine Stimme. Nicht die Stimme Dürrobsts oder Friedenwangers oder Leckebuschs oder Elisabeths (auch wenn letztere dir gefährlich naherückt): ihr Radius reicht nicht aus, um dich bestreichen. Die Stimme, die du meinst, scheint keinen Radius zu kennen, sie ist planetarisch, du drehst einen Knopf und sie füllt dein Gehirn.

Lehre vom WIR
5
WIR

Entgegen der landläufigen Ansicht ist das Wir gedächtnislos. Zum Glück eilt ihm das öffentliche Bewusstsein zur Hilfe. Dort zirkulieren Bilder, die so viel plastischer das Gewesene illustrieren als deine Erinnerungen, dass es nur eines Entschlusses bedarf, in ihnen das vorrangige Gedächtnis der Generation zu erblicken: gleichmäßig abrufbar, stets verfügbar (jedenfalls dann, wenn einer bibliographieren gelernt hat und Zutritt zu den Orten besitzt, an denen sie verwahrt werden) und, dies vor allem: unendlich interpretierbar. Die Interpretierbarkeit macht sie kostbar. Keiner weiß, wer diese Bilder aufgenommen hat, keiner, außer dem verborgenen Fotografen, stand just an der gleichen Stelle, als sie aufgenommen wurden, in keinem Kopf machte es exakt zu dem Zeitpunkt »Klick«, um gerade dieses Bild ›in alle Ewigkeit‹ zu verwahren, niemand, auch nicht der Aufnehmende, dringt nachträglich in die Logik der Vorgänge ein, die zu exakt dieser Aufnahme geführt haben, und selbst wenn es gelänge, erwiese sich das Gefundene als völlig unerheblich vor der Geschichte.

Vor welcher Geschichte?

Lehre vom WIR
6
WIR

Es scheint so, als gebe es zwei Wir: ein kompaktes und ein löchriges. Friedenwangers Wir ist kompakt: eine straffe, kühl geformte, mit einem Blick überschaubare Sache, geländegängig und jederzeit startklar, fern allen Waberungen des Alltagsbewusstseins, das kaum um ein Fortkommen weiß, ein Prestige-Wir, das dem Ich überall zur Hand geht, wo es nötig erscheint – sei es, um einen Widerstand zu brechen, sei es, um eine Durststrecke zu überwinden, sei es, um sich ein Wüstenduell mit einem ähnlich gestrickten Konkurrenten zu liefern, denn überall, wo Friedenwangers Ehrgeiz sich meldet, meldet sich Wüste. Dürrobsts Wir hingegen ist löchrig, sperrig, kaum transportabel, ein abgestürzter, irreparabler Feuerdrachen, kaum geeignet, den hinter der Pfeife aufsteigenden Zug der Gedanken zu bändigen, und daher allzeit zur Häme bereit, von der das Ich, müde und erschöpft, wie es sich zeigt, sobald das Wir die Zügel schleifen lässt, kaum etwas zu wissen scheint, so künstlich, so aufgesetzt wirkt es auf den Betrachter, der nicht dahinterkommt, welche energetischen Vorgänge hier im Spiel sind.

Lehre vom WIR
7
WIR

Aber was ist die Geschichte? Die Beschriftung der Bilder?
Wer hat da formuliert?
Die Begleittexte?
Wer sind die Verfasser? In welchen Archiven haben sie geschnüffelt, welche Erinnerungen, welche Wert­entscheidungen, welche Auslese-, welche Auslegungsakte, welche Denk- und Schreibverbote, welche mechanischen Übernahmen haben diese Texte hervorgetrieben?
Das sind keine Geheimnisse. Im Einzelfall könnntest du nachforschen, in vielen Fällen weißt du als informierter Zeitgenosse Bescheid oder das Gedächtnis gaukelt dir vor, du seist im Bilde. Das Geheimnis entsteht durch Überfülle. Die Bilderflut, unbezähmbar, unberechenbar, nicht klassifizierbar, spottet jeden Subjekts.
›Subjekt ist, was im Joch geht.‹ Das ist Spott genug und es ist die Wahrheit. Es ist nicht seine Wahrheit, es ist die Wahrheit über das Subjekt.
Eine schöne Wahrheit haben wir da.

Lehre vom WIR
8
WIR

In welchem Joch geht das Subjekt Friedenwanger?
Im Joch seiner Generation. Die Generation bestimmt sein Gedächtnis, sie verdoppelt sich in ihm, sagt: Wir sind deine Generation. Ob im Seminar, im Bus oder in der U-Bahn: die Generation ist immer da. Sie leitet seine Unterscheidungen an, stellt sie überscharf, gibt ihnen Transparenz, die sie ›von Haus aus‹ nicht besitzen, lässt sie ›wehrhaft‹ erscheinen.
Was scheint da durch? Ein klitzekleines Ressentiment? Ein großes? Ein übergroßes, von keinem Einzelnen zu verantworten?
Ist es gerechtfertigt? Komische Frage: es lässt rechtfertigen.
Wenn es ›die‹ sagt, dann meint es: Wir gegen die anderen. Wer sind die anderen? Die, mit denen es keine Gemeinsamkeit gibt. Oder doch? Oder nicht? Oder doch? Sie sind nicht im Wir, aber sie sind ein Teil von ihm. Wie ist das möglich?
Friedenwanger, soviel steht fest, hat ›kein Problem‹, sich mit einem von ›denen‹ zu verständigen. Wenn es sein muss, spreche ich auch mit dem Teufel. Muss das sein? Mit wem er auch spricht (und er spricht mit vielen), der Teufel scheint nicht dabei zu sein. Das Ressentiment, es ist ›volatil‹, es teilt und vereint sich quecksilbrig, es weicht aus, es scheut keinen Umweg, wenn es gilt, ein Ziel zu erreichen, es redet, je nach Gesellschaft, die Dinge hin und her, hin und zurück, in schwindelnde Höhen und ebensolche Abgründe:

Groß ist die Diana von Ephesus.

Buchstabiere das aus.

Lehre vom WIR
9
WIR

Voilà, das Gedächtnis der Generation ist ein Hubschrauber, der über einem Trümmerfeld kreist: laut, monoton, ein vom flappenden Rotor erschaffenes Trugbild, das in den Sinnen der Einzelnen eine Art Überwirklichkeit beansprucht und wirklich eingeräumt bekommt. Dürrobst und Friedenwanger, in methodischer Abstraktion geübte Wissenschaftler, haben gelernt, ihre persönlichen Erinnerungen als ›Appendix‹ zu betrachten, als Anhang, der den Haupttext nur unwesentlich berührt, aber jenes Plus an gefühlsmäßiger Bindung transportiert, das ihnen eine Art Selbstableitung aus der allgemeinen Geschichte ermöglicht. Das erinnerungslose Wir geht ihnen dabei zur Hand: stolz wie eine Hundemarke trägt es die Redeweisen mit sich herum, an denen die Generation sich erkennt. Was immer einer parat haben muss, um dazuzugehören, sie haben es parat und wenn ihnen einmal ein Detail entglitten ist, so bringt es die Routine des akademischen Lehrers mit sich, dass sie es mühelos schöpfen, sobald es ihnen abverlangt wird. Ganz recht: als Wissenschaftler gehören sie zu den ›Schöpfern‹ ihrer Generation. Die Generation, das ist ja nicht die Gesamtheit aller innerhalb einer gewissen Zeitspanne Geborenen – schon Landesgrenzen und Passzugehörigkeiten verunklaren das Bild und von einer ›Weltgeneration‹ ist selten die Rede –: auch hier herrscht Selektion. Zur Generation gehört, wer in das herrschende Wahrnehmungsschema passt.

An diesem Schema wird, was sonst, gearbeitet.

Lehre vom WIR
10

Bleibt der Haupttext: der Text aller.
Er vermittelt sich als autonome Information, mittels Osmose.

Raumordnungen

Unvermeidbar: das Mittagskartell

Raumordnungen
1

Mensa

Mittags marschieren die Lehrstühle geschlossen gegeneinander auf. Dürrobst zum Beispiel lässt keine Gelegenheit verstreichen, seinem Mitarbeiterstab vorzusitzen. Die Tische sind in Längsreihen aufgestellt, der Blick dessen, der die Stirnseite einnimmt, kann ungehindert schweifen: über die Kollegen Argloser und Reinmeier samt Anhang hinweg bis zu Friedenwanger am anderen Ende der Tafel.
Ihm zugewandt:

Sie wetteifern miteinander, die professorale Aufmerksamkeit durch kleine Berichte aus der Küchenzone des Instituts zu erregen.

Die restlichen Teilnehmer der Runde schlagen die Augen nieder oder führen separate Gespräche.

Ophoff und Dowil sind durch eine verzweigte Abneigung einander ›verbunden‹ und ›zugetan‹, wie die Sprache genüsslich festhält.

Raumordnungen
2

Mensa (2)

Beide ›schreiben‹ noch an ihrer Doktorarbeit, ein bildlicher Zustand, dessen Abbruch mit dem Vertragsende dräut. Insgeheim sehnen es beide herbei, weniger, weil sie der Pyramide gern den Rücken zukehrten, sondern weil sie darauf setzen, dass dann die Lebensgeister erwachen und ›gekämpft‹ werden kann.

Raumordnungen
3

Mensa (3)

  1. Nassen, neu, den Doktortitel frisch im Gepäck, betrachtet das Treiben der beiden, als schaue er durch ein Brennglas darauf herab. Er argwöhnt, sie müssten in einer Stichflamme auflodern, sofern er nur lang genug den Blick auf sie heftete. Da er diesbezüglich keine Absichten hegt, meidet er den Kontakt, wann immer es tunlich erscheint. Ophoff und Dowil finden ihn strange, eine sexuelle Perversion trauen sie ihm jederzeit zu, das erzeugt Gesprächsstoff, nur nicht am Mittagstisch.

Dürrobst schweigt, er gibt sich den Anschein bewegter Gedanklichkeit, während er bedächtig sein Hühnchen mit Reis in sich hineinschaufelt, er wüsste gern, was Argloser, mit dem kein vertrauliches Gespräch gelingen will, bei Tisch so redselig macht, aber dessen Geplauder verliert sich im allgemeinen Gemurmel.

Einer für alle, alle für einen.

Raumordnungen
4

Argloser

Argloser, der Listenreiche, gibt sich im Kollegenkreis gern zerstreut, uninformiert, manche sagen auch: vertrottelt, der Ruf eines Intriganten geht ihm voran, ohne dass ein Vorfall bekannt geworden wäre, der diese Zuschreibung rechtfertigte. Nichtsdestoweniger gehört er zu den Häupt­lingen seines Fachs, ohne die in der Fakultät nichts geht. Seine scheinbar aus Zerstreuung hervorgegangenen Zurufe sind kalkuliert, sie treffen den Punkt und stoßen fast immer eine Diskussion an, die zur Lösung der anstehenden Aufgabe führt, auch wenn sie dem einen oder anderen zunächst abwegig scheinen. Manche von ihnen verraten, wenigstens im nachhinein, gründliches Aktenstudium, andere verraten gar nichts.

Hier, in der Mensa, ist er in seinem Element. Er teilt aus, der Habichtskopf assistiert ihm dabei.
Ein Hühnerhabicht, ganz ohne Zweifel.

Raumordnungen
5

Argloser (2)

»Argloser nie!« hat mancher in seinen Unterlagen oder im Hinterkopf notiert, das bezieht sich auf die Besetzung des Dekans- und einiger anderer Posten, von denen aus man geführt werden möchte, ohne allzu sichtbar an Kompetenz einzubüßen. Wenn Arglosers Spiel beginnt, schwindet Dürr­obst der Boden unter den Füßen, sein Gehirn verwandelt sich in eine prall mit Luft gefüllte Schweinsblase, er lehnt sich zurück und schweigt, bis die Gefahr vorüber ist, dass jemand hineinsticht und sie zum Platzen bringt. In seinen Tagträumen ist Argloser eine Ratte, aufgetaucht aus einem Kanalloch, in dem sie die entscheidenden Jahre der Prägung ihrer beider Generation unbeeindruckt überlebte: hellhäutig, wendig, samtschnäuzig, mit einer Reihe blitzender Zähne bewaffnet, die alles in winzige Stücke zerreißen, was nach Überzeugungen aussieht, um sie gegen jeden zu kehren, der noch an ihnen hängt.

Raumordnungen
6

Argloser (3)

Niemals würde Argloser widersprechen, er pflegt nur, gleich Dürrobst in seinen guten Momenten, zu erinnern. Kann man durch Dürrobsts Interventionen hindurch die Bodenlosigkeit des Verrats besichtigen, so bei Argloser die gnadenlose Beschränktheit der Beteiligten, ihre unterentwickelte Fähigkeit, aus sich heraus zu erkennen, was obenauf liegt. Und das Erstaunliche: niemand nimmt es ihm krumm. Solange er spricht, bleiben aller Augen niedergeschlagen, angestrengt versucht jeder als erster zu ergründen, worauf er diesmal hinauswill, um, falls möglich, den Zeit- in einen Punktvorteil zu verwandeln. Treffer!

Raumordnungen
7

Netze

Ein Pyramidenbewohner ist gut vernetzt. Im Schnitt drei Stunden pro Tag verbringt er telefonierend, in Stoßzeiten fünf. Zwei Drittel des Kontaktaufkommens bleiben, grob gerechnet, im Haus. Sie dienen dem Überleben unter Bedingungen, deren Schärfe auf Vagheit beruht. Zwischen den Telefonaten trifft man sich zur Gremienarbeit, zu Antrittsvorlesungen, Gastvorträgen, Kolloquien, Verabschiedungen... man trifft sich, vertagt sich, verabredet sich, spielt die Melodie des »Man müsste...« in allen Tonlagen, und dann – ist man weg. Das restliche Drittel – wo geht es hin? Das bleibt ein Geheimnis. Was einer denkt, was einer sagt, was einer tut – das sind schon drei.

Raumordnungen
8

Gemeinschaft

Der Philosoph Starck hat dem Wegsein unter dem Titel Gemeinschaft oder Gesellschaft? einen kleinen Aufsatz gewidmet, in dem er wortreich auseinanderlegt, dass Gesellschaft in der Möglichkeit gründet, jederzeit auseinandergehen zu können, nach Belieben fort zu sein und wieder zu kommen, während Gemeinschaft Verrat darin wittert und selbst den Auftrag, in die Ferne zu gehen, mit Überwachungsmaßnahmen flankiert. Wir sind eine starke Gemeinschaft. Aber Starck gehört nicht wirklich zur Pyramide, er ist ein überaus gern beschäftiger Gastdozent, den man zu Kolloquien bittet und um Beiträge zur schriftlichen Lehre angeht, außerdem kommt er aus dem Osten, wo dem Weggehen eine besondere Note eignet.

Raumordnungen
9
Untenoben

Was Starck als Gesellschaft preist, das enthüllt sich dem forschenden Blick, wenigstens in diesem Fall, als die Kehrseite der allseits gepriesenen Gemeinschaft, die ihre Tentakel in sämtliche Lebensbereiche senkt – auch den privaten. Die Pyramide, diese so leicht und durchsichtig himmelwärts strebende Konstruktion, lastet schwer auf dem durch ihren Grundriss markierten, von Kreuz- und Querstollen unterminierten Untergrund, dessen hauptsächliche Bedeutung darin besteht, die komplizierte und doch wieder einfache Symmetrie in die Bedeutungs­losigkeit zu entlassen, in der sich droben alle miteinander verbunden wissen. Weggehen heißt, die Pyramide täglich zum Einsturz zu bringen, wissend, dass sie sich jederzeit wieder zusammenfügt, als sei nichts gewesen, so wie sich manche Physiker die reale Welt als ein Diskontinuum punktuell stabiler Verhältnisse denken, also als eine Ordnung, die sich in winzigen Zeitsprüngen aus dem stets aufs Neue sich durchsetzenden Tohuwabohu zurückgewinnt.

Raumordnungen
10
Tohuwabohu
Raumordnungen
10
Tohuwabohu (2)

Nassen, das ist: das Tohuwabohu noch einmal, austapeziert mit den Ängsten und Träumen eines frisch gebackenen Wissenschaftlers, der seine Zeit für gekommen hält und feststellt, dass diese Zeit nirgends anliegt. Dürrobst, mit dem er sich gern unterhält, kommt ihm vor, als habe ein Fragezeichen Fischgestalt angenommen und schwimme nun orientierungslos im mythischen Weltmeer, okeanos. Dieses Meer, soviel versteht er, flutet innen, er vernimmt sein Rauschen, Tinnitus genannt, es signalisiert Stress, doch eigentlich signalisiert es nichts, nichts Bedeutendes jedenfalls, vielleicht die Abwesenheit von etwas Bedeu­tendem, das wäre doch, immerhin, ein Ansatz. Ein Sprungbrett für einen Sprung, den er niemals ausführen wird. Denn das hieße: sich zeigen, die Wahrnehmung der Mitwelt füttern, Widerspruch ernten, Feindschaften erzeugen – lauter Dinge, die ihm ›absolut fremd‹ vorkommen und mit denen er ›im Augenblick‹ nichts anfangen kann. Dieser Augenblick, wie lange dauert er? Ist es die Spanne zwischen zwei Wimpernschlägen? Das müssten monumentale Schläge sein, vergleichbar den Schlägen einer Kirchturmuhr, zwischen denen die musikalische Idee eines Säkulums schwingt. Im Augenblick lebt er, er lebt vor sich hin, er lebt auf Verdacht, er lebt sein Leben, das sich entzieht, er lebt den Entzug. Wurde ihm etwas entzogen? Entzieht er sich? Soviel Bestimmtheit, das zu entscheiden, muss sein. Er spürt es, und der Zwang sich zu entziehen ist stärker. Woher der Zwang? Warum Zwang? Wie – Zwang? Ein Zwang käme irgendwoher und das hier kommt von nirgendwo her. Und doch: all diese Negativismen sagen ihm nichts. Im Grunde sieht er die Dinge positiv, er ist nur noch nicht in der Lage, sie anzusteuern. Eine stille Freude keimt in ihm bei dem Gedanken, sie irgendwann zu erreichen: Inseln der Seligkeit, Orte geheimer Genüsse, verbotene Bezirke all dessen, was guttut.

Der Flurkonvent, flüchtige Ballung, tagt

Merke: Das Netz murrt, aber es reißt nicht

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Von Dürrobst lernen heißt siegen lernen

Der Dekan missbraucht seine Amtsgewalt
Niemand ist da, der ihn bremst

Von Dürrobst lernen heißt siegen lernen
1
Mitschrift

............ exakt, was sind Gruppen? Niemand darf bei derlei Wörtern, die so harmlos gebraucht werden wie … wie ... Schlagsahne, glauben, sie seien gleich­bedeutend mit jenen kleinen Wortmünzen, die draußen, außerhalb der Pyramide, als kurrentes Zahlungsmittel die Informations-Differenzen zwischen den Menschen auszugleichen helfen ... es sind Zauberwörter ... der Philosoph Rorty ... hat den Ausdruck in seinen Kreisen populär gemacht, man hört ihn gelegentlich, jedenfalls wenn man unter sich ist und einer sich kritisch über den Wissenschafts­betrieb äußert............

Ceci n’est pas une pipe
Von Dürrobst lernen heißt siegen lernen
2
Mitschrift (2)

Das mächtigste aller Zauberwörter ist die Gruppe, die universelle Funktions-Einheit der Gesellschaft: wer dazugehört, erhält Zugang zu Ressourcen wie Kompetenz, Besitz, Wohlstand, Sex, medizinische und kulturelle Versorgung, wer nicht dazugehört, erhält ... nichts. Zwischen den Gruppen ist der Zugang, wie jeder weiß, höchst unterschiedlich geregelt, innerhalb der Gruppe auch. Wäre es anders, so verschwände die Dynamik zwischen den Gruppen und ihren Gliedern und es herrschte die Logik des Campo santo............

Ceci n’est pas une pipe
Von Dürrobst lernen heißt siegen lernen
3
Mitschrift (3)

............ ›Exklusionsmechanismen‹ (ein weiteres Zauberwort) bestimmen das Verhältnis der Gruppen untereinander. Um sie auszuhebeln, hält sich die neuere Pädagogik an zwei Erwartungsmuster, auf die sie das emanzi­pierte Individuum gründet: den ›befriedigenden‹ Beruf und die ›selbst­bestimmte‹, nicht durch traditionelle Moralvorstellungen diskredi­tierte sexuelle Praxis. Zusammen ergeben sie, wie die ineinandergerührten Elemente eines Zwei-Komponenten-Klebers, den machtvollen Stoff, der überall, wo er zum Einsatz kommt, das persönliche Fortkommen unausweichlich mit dem gesellschaftlichen Fortschritt koppelt.

Ceci n’est pas une pipe
Von Dürrobst lernen heißt siegen lernen
4
Mitschrift (4)

Sprechen wir über Bewusstsein. Was ist Bewusstsein? Wir nennen es einen Agenten, sagen wir, des biologischen Seins, sagen wir, des gesellschaftlichen Seins, sagen wir, der gesellschaftlichen Arrangements, die getroffen werden, um die Probleme des Zusammenlebens Vieler so zu lösen, dass das biologische Sein nicht allzu sehr darunter leidet... Es ist der Ort, an dem ›Freude‹ entsteht, ›Verantwortung‹, ›Neugier‹, lauter soziale Impulse, verkleidet als ›Individuum‹, ›Person‹, ›Subjekt‹, Figuren der Vereinzelung, die theoretisch verneint und in der Praxis mit den passenden Inhalten angefüttert werden müssen, wollen wir zu einer befriedigenden Auflösung der Steuerungsprozesse in der Gesellschaft kommen............

Ceci n’est pas une pipe
Von Dürrobst lernen heißt siegen lernen
5
Undisziplinierte Nachschrift

Das alte, vielgeschmähte liberale Dogma vom Vorrang des Einzelnen, hier findet es seine unvermutete, strikt am kollektiven Gleichheits­grundsatz orientierte Einlösung: als habe der Buddhismus auf seine alten Tage beschlossen, das Mahayana unter das Zeichen des Kreuzes zu stellen, oder als habe der Papst nach reiflicher Überlegung die muslimische Umma zum Zweck der Beendigung einer über ein Jahrtausend währenden Rechts­unsicherheit endlich der katholischen Jurisdiktion unterstellt. In einem Punkt führen solche Vergleiche in die Irre. In ihnen liegt das Bizarre des Vorgangs obenauf. Dürrobsts Konzept hingegen besticht durch die ihm innewohnende hohe Selbstverständlichkeit: natürlich, so kann es gehen, so muss es gehen – wie denn sonst?

 

Warum mischt sich an dieser Stelle Ironie in die innere Stimme?

Von Dürrobst lernen heißt siegen lernen
6
Undisziplinierte Nachschrift (2)

Die Mehrzahl der Fachkollegen teilt diesen Glauben – es ist ein Glaube wie irgendeiner aus der Kiste der hyperprotestantischen Erregungen –, auch wenn sie ihm nicht alle so entschieden Ausdruck verleiht. Er ist, genau genommen, nichts Besonderes, vielleicht nur der Bodensatz einer histori­schen Konstellation oder das in die Jahre gekommene Bekenntnis zu einer Auffassung der menschlichen Dinge, von der im Alltag nicht viel zu spüren ist, was nicht bedeutet, dass sie nicht hier und da in ihm herumspukt, nur eben hier und da, und sei es als das berühmte schlechte Gewissen einer Linken, die einmal antrat, das christliche Sünden­bewusstsein in die selbstgewirkte Hölle zu entsorgen, als deren Vorbewusstsein es auf Erden vagabundiert.

Von Dürrobst lernen heißt siegen lernen
7
Quellwörter –

vollgesogen mit dem Ressentiment von Jahrzehnten, wirren Lektionen eines Jahrhunderts, das unverdaulich in den Mägen seiner Noch-Bewohner fault, mit überbordenden Wünschen, das große Schisma so oder so in eine Vergangenheit zu entlassen, die niemals wiederkehrt, mit dem Bedürfnis ins theoretische Abseits Verschlagener, endlich selbst einmal in die Speichen des großen Rades einzugreifen, überdies mit dem Hochmut von Personen, die sich über die Geschichte der Menschheit beugen, als handle es sich um eine Sträflingsbiographie, der jetzt die Hilfsmittel des offenen Vollzugs, flankiert durch die Hilfsmittel einer entstaubten Psychiatrie, eine neue Wendung geben sollen, in trautem Zusammenwirken mit den edlen, wenngleich ein wenig einfältigen Vorstellungen, die der Kultur des Todes, von der Literaturgläubige die Vorwelt besessen glauben, eine Kultur des Lebens entgegensetzen, ›biologieverlogen und moralverschwitzt‹, im Visier der Mächte und ihrer globalen Zerstörungskapazitäten, vermutlich nur ein anderer Ausdruck derselben Besessenheit, die in Raketensilos, in nach geheimen Plänen in den Weltmeeren zirkulierenden U-Booten und ihren über Land zockelnden Gegenstücken, in den von langer Hand eingestellten Zielkoordinaten konkurrierender Vernichtungsmaschinen und im rastlosen Krieg der Geheimdienste das Gebot der Stunde zelebriert, um, wie sie sagt, unser aller Leben zu schützen.

Musste mal gesagt werden.

Von Dürrobst lernen heißt siegen lernen
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Andererseits –

woher die Wut auf das Bewusstsein? Woher diese sich gelegentlich zu wirklichem Hass steigernde Abneigung gegen eine so einfache, plane, bewegliche, verwickelte, auf keinerlei Weise, den Tod einmal beiseite gesetzt, wegzulassende Mitgift? Das wäre noch zu ergründen. Mag sein, das Wort ist zu stark oder zu schwach. Mitgift, was ist das? Eine Gabe? Bewusstsein als Gabe zu bezeichnen, verrät schon eine milde Form der Demenz. Zwanglos-zwanghaft verlangt das Wort nach dem Geber. Gott, Natur, Evolution. Der metaphysische Dreischritt. Wie redet einer davon, was er ist? Bin ich ein Geschenk? Geschenk an wen? An mich? An andere? Ein Geschenk an Geschenke? So freigiebig müsste man sein. Und so karg, aufs Ende gesehen.

Von Dürrobst lernen heißt siegen lernen
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Alle Macht den Machern –

Heilsmaschinen...

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Stichwort: Wut

Was du ›Wut auf das Bewusstsein‹ nennst, lässt sich nicht wirklich klären, ein Ausdruck gibt hier den anderen. Was dumpf in anderen arbeitet, wird dumpf empfunden, es erzeugt die Empfindung der Dumpfheit. Es erklären heißt, zum Schema der Gedankenlosigkeit greifen, das immer passt, weil es wohl kaum einen herrschenden Gedanken gibt, dessen Träger nicht ›gedankenlos‹ genannt werden könnte. Genau besehen, das heißt aus der Perspektive derer, die nicht zur herrschenden Ideenfamilie gehören, heißt Gedankenherrschaft nichts anderes als Gedankenlosigkeit. Ins Dunkel der Nichtbeachtung gestoßen zu werden, trifft einen Gedanken ebenso tief wie einen Menschen. Nein, er leidet nicht, jedenfalls nicht psychisch, das bleibt dem Wesen aus Fleisch und Blut vorbehalten, in dem er sich realisiert. Sagen wir, er leidet auf andere Weise, etwa wie ein Stuhl oder eine Tapete unter einem Stoß oder dem täglichen unauffälligen Verschleiß leidet: er wird unansehnlich. Die Leute verstehen das gut, viel zu gut, möchte man meinen, weil es zeigt, dass Gedanken für sie wenig anders funktionieren als Stühle oder Tapeten. Man entsorgt sie und kauft sich andere, wenn einem der Sinn danach ist. Grundsätzlich sollte man Stuhl- und Tapetengedanken auseinander halten. Tapetengedanken kann man zur Not an der Wand lassen und, ein gewisses Basisgeschick vorausgesetzt, überkleben: im schlimmsten Fall wellen sie sich und schlagen Falten.

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Das Denken folgt der Sprache

Wohin? Hinaus ins Offene? Weit gefehlt: ins Soziale. Dieser Käfig steht bereit, seit es Menschen gibt. Was immer das heißen mag. Die Ursprünge des Sozialen finden sich in der Primatenhorde: teil Jäger, teils Gejagte. ›Sprache ist Jagdzauber, Kampfruf, Urrähhhh aus tiefen Kehlen.‹ Sie schreien sich das Denken heraus wie einen neuartigen Auswurf. Da, da ist es: genau hinsehen, es wird jetzt häufiger kommen, die neue Schreitechnik lässt es erscheinen, fast nach Belieben. Wozu es brauchen? Das ist nicht die Frage. Der, bei dem es erscheint, soll, wenn schon nicht führen, so doch die Richtung angeben. Woher dieser Gedanke? Ein Zweitgedanke? Ein Erstgedanke? Ein Gedanke vor allem Denken? Um Himmels willen nein. Das Soziale braucht kein Denken. Es ist das Denken, aber anders, primär.

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Zum Teufel, was ist daran zu verstehen?

Offenbar nichts. Ein Denken wellt sich, schlägt Falten. Der Grund: ein älteres liegt darunter, dem der Kleister Beine macht, so dass es mit ins Laufen kommt. Das neue deckt das alte, aber nicht ganz. Es lässt sich hierhin und dorthin straffen, fast nach Belieben, aber es passt nicht. Passt nicht wirklich, obschon es doch passen sollte ... ausgewählt, wie es ist, zurechtgeschnitten, wie es ist, verklebt, wie es ist. Nein, es passt nicht wirklich. Stuhlgedanken haben es da besser. Man wechselt sie aus, rigoros, um sich auf ihnen auszustrecken, die alten, hinderlich, wie sie wären, haben da nichts mehr zu suchen. Manchmal findet man sie auf den Gedankenkippen, die morschen Beine nach oben gestreckt, aber meist sind sie nur geknickt oder, untersucht man sie genauer, noch ganz passabel und nützlich, fänden sie nur einen Abnehmer.

Kärich, der Physikersohn, verweigert
sich dem Lockruf der Pyramide

 

Merkwürdig, eigentlich wäre er für sie prädestiniert

Kärich, der Physikersohn, verweigert sich dem Lockruf der Pyramide
 

KÄRICH

Auf dem Höhepunkt der Kochkunst erscheint das Rohe. Nein, lass mich erklären. Natürlich schmerzt es, wenn einer wie du sein Können an Dreck verschwendet. Das da ist, positiv gesprochen, Dreck. Widersprich mir nicht, wir sind uns da einig. Diese Bücher tragen das Mal vorsätzlicher Unwissenheit. Übrigens gehören auch Narren zum Nachlass, was denn sonst. Ich sehe nur, dass du die feine Linie zu ignorieren gewillt bist, die sie von denen trennt, die ernsthaft in Betracht kommen. Wie alle Interpreten! Interpretation ist die Kunst, systematisch die Grenze zur Narretei zu verwischen. Damit wirst du dich nicht zufrieden geben. Schon klar, was du willst: ihn umsetzen, wie das schöne Wort heißt, ihm ein zweites Leben verpassen, die zweite Chance, Schmerz geben, Schmerz empfangen. Mach dich nicht selbst zum Narren. Oder doch? Wie ich sehe, wirst du dich nicht aufhalten lassen. Nicht von mir. Also meinethalben. Fang an. Wenn du mich brauchst, lass es mich wissen. Um eins klarzustellen: ich mache nicht mit.

Tronka stiefelt in die Nacht hinaus
und kehrt als Bettler verkleidet zurück

Soviel Raum muss sein

Tronka stiefelt in die Nacht hinaus und kehrt als Bettler verkleidet zurück
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Nicht im Traum, beharrt Tronka, nicht im Traum denke er daran, sich dem Projekt anzuschließen. Warum? Nichts leichter zu erklären als das – und nichts vergeblicher, wirfst du ein, der du nicht auf Erklärungen aus bist, sondern auf Taten –: so ist es, bekräftigt Tronka, sein Lächeln fällt durch die Brille wie der feine Schein einer Wintersonne durch ein Glasfenster, in dem die Kälte nistet und das Beschlagensein, so ist es, er könnte auch sagen, so soll es sein, aber warum? Das Spiel der Tasten ist weiblich, er hat viel geschrieben in dieser Nacht, die Finger, sie beugen sich dem Verlangen nach Ruhe, und nicht nur sie. Wir sprechen nicht über Anstrengung, lieber Freund, wenn es uns dabei gut geht, warum sollten wir dieses Fass gerade jetzt –? Aber ihr sprecht nicht über Fässer, ihr sprecht über Inhalte, und da äußert sich Tronka, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, über Stock und Stein, über kurz oder lang, warum nicht, des Philosophen Ruhm ist die Rede.

Tronka stiefelt in die Nacht hinaus und kehrt als Bettler verkleidet zurück
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Tronka

Sie sind meschugge, mein Freund. Nein, nicht so ein bisschen, so obenhin, damit könnte man auskommen, ich sowieso, machen Sie sich da mal keine Gedanken. Was Ihren Geisteszustand angeht, mein Lieber, so sollten Sie ihn in naher Zukunft nicht überprüfen lassen. Fürchten Sie die Resultate! Janein, ich bin sehr für Resultate, aber in diesem Fall würde ich, aus reiner Freundschaft, abraten. Nein, wirklich, ich würde abraten. Was Sie da vorhaben, überschreitet Ihre gedanklichen Kapazitäten, eigentlich geht es mich nichts an, aber es wird Sie auch physisch in den Ruin treiben, psychisch sowieso, machen Sie sich da mal nichts vor. Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht? Ihre entfesselte Phantasie hat Ihnen einen Streich gespielt, sowas kommt vor. Dass Ihre Hochschulleitung mitspielt, das wundert mich, ehrlich gesagt – ich weiß nicht, was die sich davon versprechen. Nein, erklären Sie’s nicht, ich habe das alles verstanden, es wundert mich nur. Gewöhnlich werden solche Entscheidungen doch nach sehr rationalen Gesichtspunkten getroffen. Ob es uns gefällt oder nicht, das tut nichts zur Sache. In diesem Fall sowieso nicht, weil die Entscheidung gefallen ist. Also fangen Sie an. Ohne mich! Nein, mich können Sie damit nicht ködern, ich bleibe hübsch außen und sehe mir den Ruin an.

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Tronka

Was haben Sie überhaupt vor? Wenn Sie die Arbeitsmoral der Bevölkerung heben wollen, lesen Sie Ihre Kollegen und bedienen Sie sich. Ich bin sicher, die Arbeitspsychologen können Ihnen ein paar Tipps geben. Sie können auch in die Betriebe gehen und Fragebögen verteilen. Das alles wird längst gemacht, Sie können sich Zeit lassen. Die Frauen befreien? Ach du liebes bisschen. Versuchen Sie, eine Frau zu fesseln, Sie werden Ihr blaues Wunder erleben. Die einzige Fessel wären Sie selbst, und so, wie Sie sich anstellen... ich weiß nicht.

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Tronka

Die Lust? Warum wollen Sie die Lust befreien, sehen Sie irgendwo einen Käfig? Im Ernst, das wäre das dümmste Befreiungsprojekt, das mir je untergekommen ist, und mir ist viel untergekommen, glauben Sie mir. Sie wollen sie von den Daumenschrauben befreien, die man ihr überall anlegt? Aber sie ist das scheueste Wild, das wir kennen, die Folterwerkzeuge können sie ruhig in der Rumpelkammer Ihrer Phantasie vergessen, wo sie auch herstammen. Sie haben sie übrigens nie verlassen, wussten Sie das? Sie wollen das Ressentiment bekämpfen, das ist gut, das ist sehr gut, fangen Sie an! Aber an der richtigen Stelle, wenn ich bitten darf. Nein, wir sprechen nicht über Fächer, wir sprechen über Kontinente, da verschieben sich die Maßstäbe etwas. Sie wollen den Frauen Lust auf die Lust machen, das ist eine alte männliche Vorstellung, nur zu! Es gibt Tonnen von Literatur dazu, das meiste unbrauchbar, den Rest können Sie vergessen. Und nicht nur Vorstellung, weiß Gott! Welchen Umsatz wollen Sie hier steigern? Sie sind kein Ökonom, ich verstehe. Oder doch?

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Tronka

Sie wollen den Frauen Lust machen, sehr schön. Aber Lust worauf? Der appetitus rerum novarum ist alt. Ehrlich gesagt, außerhalb der katholischen Kirche kenne ich niemanden, der ihn verweigern würde. Ein paar Philosophieverteiler vielleicht, da gebe ich Ihnen recht. Unter uns: sehen Sie einen Punkt, an dem La Chiesa sich ihm verweigert hätte? Ich kann Ihnen da ein paar derbe Stücke aus der italienischen Literatur empfehlen. Kennen Sie Poggio? Ich weiß, ich nehme die Sache nicht ernst, übrigens bin ich nicht so brennend daran interessiert wie Sie, aber wenn Sie eine Literatur des weiblichen Unterleibs in die Welt rufen, alles aus berufener weiblicher Hand, das versteht sich, Leib und Wort, Wort und Leib, dann verspreche ich Ihnen, dass Sie selbst der erste sein werden, der diese Lektüre zum Teufel wünscht. Warum? Weil sie leer und fad sein wird, ent-täuschend, das gebe ich Ihnen sogar schriftlich, lehre mich einer die Frauen. Nein, das begründe ich jetzt nicht, das müssen Sie selbst herausfinden. Ich weiß, es geht Ihnen nicht um Literatur, aber Literatur ist nun einmal der Gradmesser der Intelligenz in einer Gesellschaft. Bon. Sie wollen die Frauen befreien, das wollten schon viele. Zu Recht übrigens, juristisch ist das Thema inzwischen abgehakt, wie Sie wohl wissen, und die Gewerkschaften holen raus, was ökonomisch drin ist – hoffentlich, sonst soll sie der Teufel holen. Völlig unsexy das Ganze. Sie verlangen den freien Sex, den verlangen viele, die den Kragen nicht voll kriegen können, falls sie nicht gerade abserviert werden, dann klingen sie keusch wie Pastor Schibalski. Ein bisschen peinlich, finden Sie nicht? Wir hatten ja diese wundervollen Kommunen, ein paar soll es noch hier und da in der Landschaft geben, die Graswirtschaft blüht, wenn ich mich mal so ausdrücken darf, meinen Sie nicht auch, dass Sie ein bisschen spät dran sind, um an dieser Front noch Grundlegendes zu bewegen?

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Tronka