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DIE PYRAMIDE

DAS FU-PROJEKT

DIE SCHAM

DER EXCESS

Der Spalt
1
Archipel

Der Spalt, in einen ungesteuerten Fluss von Gedanken eingelassen: eine Reihe von gleichzeitig, als drehe einer an den Lamellen einer Jalousie, sich öffnenden Schlitzen lässt die Gedanken aufleuchten, bevor sie auseinanderbrechen, zerbröckeln, zerkrümeln und nach und nach aus dem ausscheiden, was du wie andere vor dir und neben dir ›Wachbewusstsein‹ nennst.

 
Der Spalt
2
Archipel

Erster Eindruck: sie leuchten auf und verschwinden. Zweiter Eindruck: sie klammern sich – um das Bild der Jalousie weiterzuführen – an die Lamellen und werden durch eine Kraft weggedreht, die eine Zeitlang mit sich verhandeln lässt, aber letzten Endes siegt. Angenommen also, es sind Gedanken – und es sollten doch Gedanken sein, zwingend auseinander hervorgehende Gedanken mit starken Anteilen von Wirklichkeit, so wie sie im Erwachen zergehen –, dann bezeichnet das als Aufleuchten empfundene Sich-Zusammendrängen den Augenblick, in dem sie zerfallen und zerfallend in ein Feuerwerk münden – also, um es drastisch auszudrücken, sinnlos verpulvert werden.

 
 
Der Spalt
3
Archipel

Die Figuren des Feuerwerks verblassen rasch und entschwinden – scheinbar spurlos. Aber nur: scheinbar. In einem leeren, noch unbestimmten Sinn bleiben sie weiter anwesend – bleiben für diesen Tag, vielleicht nur für seine ersten Minuten oder Stunden, jedenfalls lang genug, um dem Erwachenden eine Art innerer Orientierung zu geben, die durch die kraftvoll nach vorn drängende Ordnung des Raumes und der darin befindlichen Dinge rasch zurückgedrängt, doch nicht völlig beseitigt wird.
 

Sie bedeuten nichts. Sie geben Bedeutung.

 
 
 
 
 
 
Locus conclusus
1
Archipel

Loch.
Hohlraum, verschlossener, unzugänglicher, verborgener, unvermutet zutage tretender, als störend, als widerwärtig wahrgenommener oder empfundener Nicht-Ort. Bresche. Instrument der Neugier, Blickfang. Möglicher, erweiterbarer, künftiger oder nur scheinbarer, Illusionen nährender Weg ins Freie, Ausblick auf was auch immer, leere Stelle, schwarze, versiegelte, von irisierendem Glanz überspielte Fläche mit fächerförmig auseinanderlaufenden Rändern, randlos also, aber nicht unbegrenzt, schwebender, tief eingegrabener Fleck ohne Tiefe. So stellt es sich dar, ohne dass du wüsstest, was sich so darstellt, ob es sich darstellt oder ob es sich nicht doch um etwas handelt, das einfach abwesend ist, wenn es so etwas geben sollte.

 
 
 
Locus conclusus
2
Archipel

Immer hast du gewusst, dass es das gibt, mehr als einmal hast du den Versuch unternommen, es zu beschreiben, aber ebenso oft hast du ihn unwirsch abgebrochen. Es ist eher klein, von unbestimmter Größe, es erweckt nicht den Eindruck, tief zu sein, eher flach, schwarz, mit einem flimmernden Rand, der überall auseinander strebt und nirgends in sich zurückläuft, es ruft Befremden hervor, gebremst durch die Überlegung, dass diese schwarze oder gleichsam schwarze Fläche nicht wirklich existiert, nicht in dieser Form und vielleicht überhaupt nicht – eine Halluzination. Dazu könnte stimmen, dass es nur gelegentlich vor das innere Auge tritt, ohne dass du zu sagen vermagst, wann es das erste Mal geschah.

 
 
 
Locus conclusus
3
Archipel

Du ›besitzt‹ eine Vorstellung. Sie ist blass und sie bedarf der Auffrischung. Was du gesehen hast, möchtest du wiedersehen. Nicht immer, nicht jederzeit. In seltenen Momenten scheint es dringlich zu sein. Doch es gelingt nicht auf Zuruf. Das innere Auge folgt seinen eigenen Regeln. Es öffnet sich selten. Ist es immer da? Schwer zu sagen. Ist es überhaupt ›da‹? Komische Frage: wo wäre es sonst? Was wäre es sonst? Ein bloßes ›Bild‹? Eine Redefigur, erfunden, um darüber hinwegzuhelfen, dass keiner so genau weiß, wovon er da redet? Ein Auge zuviel? Ein Ärgernis für alle, die da glauben zu sehen? Ein vorgestelltes Auge, das etwas Vorgestelltes sieht oder zu sehen vorgibt (schließlich ist es das Auge)?

›Glauben zu sehen‹: Ende der Vorstellung.
Wenn das so einfach wäre.

 
 
 
Locus conclusus
4
Archipel

Ein Loch, sagst du, es macht sich bemerkbar (die Sache mit dem Auge legst du vorerst beiseite), kein wirkliches Loch, sagst du, kein Riss in einem Gewebe, der neue Oberflächen hervorbringt, keine Vertiefung, nichts ›Materielles‹. Woher weißt du das? Nichts davon ist gewiss. Materie muss nicht greifbar sein. Greifbar ist der geringste Teil der Welt. Der Rest bleibt ›ungreifbar‹ – unbegreiflich all denen, die nicht verständigt sind. Das hier unterbricht die Vorstellungsreihe, die dein Sehen begleitet, anreichert, gliedert, belebt, verständigt – eine zweite Oberfläche unter der ersten, der gestaltbaren Oberfläche der Dinge, eine Fläche ohne Volumen, in das sich eindringen ließe. Ein Loch im Bewusstsein also, kein ›Filmriss‹, eher ›Teil des Films‹.

Einsicht ist ein Vorgang, der scheitern kann.

 
 
 
Locus conclusus
5
Archipel

Einsicht lässt es nicht zu. Es entzieht sich. Wem entzieht es sich? Dir? Doch wohl nicht. Ist es vorhanden? Schon, ja, vielleicht. Wer weiß? Ein Gegenstand, auf den du jederzeit zurückkommen kannst? Offenbar nicht. Offenbart es sich also (von Zeit zu Zeit)? Offenbar nicht. Was dann? Es bleibt, was es ist: rätselhaft, ohne Rätsel zu sein. Irgendwann, auf einem langen Gang, bist du ihm begegnet und seither verfolgt es dich. Ja, es verfolgt dich. Wie lange besteht es schon? Bestand es schon immer? Entstand es irgendwann, von dir unbemerkt, in einem Winkel deines Bewusstseins? Ein seltsames Bewusstsein attestierst du dir da.

Als wäre es eine Jacke, die früher oder später ein Loch bekommt.

 
 
 
Locus conclusus
6
Archipel

Umschlossen vom Fluss, unzugänglich, als liege es außerhalb, zugänglich, als liege es innerhalb des Bewusstseins, selbsterhaltend inmitten der beständigen Unruhe, lose Pupille, vibrierend, als sei es im Nu verschwunden, als banne nur eine schnell vergehende Aufmerksamkeit es an diesen Ort: aber welchen? Eine Hohnfigur – so kommt es dir vor. Wer höhnt, wer (oder was) wird verhöhnt? Das ist nicht ermittelbar. Diese Figur wurde nicht erdacht, sie denkt nicht, aber sie saugt am Denken. Saugt sie es aus? Ja, in gewisser Weise: ja. Entzieht es dem Leben? Dem ›wirklichen‹ –? So wird es sein. Zu welchem ›Ende‹? Was endet, verlangsamt, verdünnt sich, sobald sie ihre Kraft ausspielt? Was beginnt, verstetigt, verstärkt sich? Was hält sich abseits, bleibt unbetroffen, macht weiter, geht weiter, als habe sich nichts...

Aber das ist doch...? Warum drehst du dich nicht einfach um?
»Ich könnte es, ohne Zweifel. Doch dann ... nein, ich kann es nicht.«

 
 
 
Locus conclusus
7
Archipel

Was du ›Loch‹ nennst, du könntest es ebenso ›Verdickung‹ oder ›Knoten‹ nennen. Das sind nur Wörter, sie tun nichts zur Sache. Eine Vorstellung hat sich gebildet, von Zeit zu Zeit wird sie vorstellig, ohne dass du dich darum bemühst. Fällt dir nichts auf? Nein. Oder doch, halt, da es ungefragt wiederkommt: Hast du womöglich die Frage vergessen, die es in die Wirklichkeit rief? Mag sein, mag nicht sein. War da eine Frage? Wenn ja, worum ging es dir – damals? Kein Zweifel, noch immer ruht die Ausgangsfrage abgedunkelt in dir, kräftig genug, um von Zeit zu Zeit die Vorstellung aufzurufen, die dich beschäftigt und, gib’s zu, ein wenig beunruhigt. So rasch geht man sich auf den Leim. »Suche die Frage, die dir entfallen ist!« Eine Falle, kein Zweifel, mit Krallen auf allen Seiten.

Weiter kommt, wer zurückgeht, soll heißen: Eine Tasche leert die andere.

 
 
 
Locus conclusus
8
Archipel

Jede Frage, richtig gestellt, kann tödlich sein. Du hast sie weggeschafft, um dich zu retten? Das wäre möglich. Folge der Möglichkeit! Alles fügt sich, als sei es seit jeher wirksam gewesen. Sei wirksam! Folge der Eingebung! Dass hier eine Untat geschah, tief innen, wo die Blicke sparsamer werden, steht bereits außer Frage. Sie muss fruchtbar gewesen sein, denn die Erinnerung findet nichts dabei, einmal diese, einmal jene Spur zu legen und so an Stelle der einen, absolut verlässlichen Vergangenheit eine Vielzahl unterschiedlicher, vielleicht nur unterschiedlich gefärbter Vergangenheiten aufscheinen zu lassen, in denen das Loch, das möglicherweise eine Schwärze ist oder eine dunkle Fläche, eine Verdickung oder ein Knoten, immer neue Umgebungen dekoriert, ohne von seiner flimmernden Konturlosigkeit etwas einzubüßen. Das ist zweifellos eine Leistung. Manche würden sie schöpferisch nennen.

Du nennst sie: die verzweifelte Spur.

 
 
 
Locus conclusus
9
Archipel

Du kannst die Tür in zwei Richtungen passieren. Welche Richtung du nimmst, steht dir frei. Doch halt! Auf welcher Seite befindest du dich? Da ist etwas, das deine Wahl beschränkt. Immer befindest du dich auf einer Seite, auf dieser, auf jener, wie es dir beliebt, du kannst bleiben, du kannst wechseln, dorthin, wo der Pfeffer wächst, aber willst du das? Willst du das wirklich? Gut, du willst auf die andere Seite. Gesagt, getan. Ist sie darum die deine? Und wenn sie es wäre – wo bliebe die Freiheit? Wann also ist sie die deine? Vor dem Wechsel? Danach? Geh durch diese Tür und du bist ein anderer. Also komm mir nicht zurück.
»Ist das wahr? Was, wenn ich zurückkäme? Bliebe ich dann ein anderer? Würde ich dann ein anderer? Was bliebe von dem anderen, der ich drüben gewesen wäre? Und wenn ich drüben bliebe, gefangen: Hätte ich nicht die Freiheit zurückzukehren?«

›Sich die Freiheit nehmen‹ –: Sprache schmerzt.

#Bw

Be-wusst-sein. Was soll das sein? ›Sei dir bewusst!‹ – oder ›deiner‹? ›Ich bin mir bewusst, dass es x gibt.‹ ›Ich bin mir bewusst, es gibt X.‹ Die Weltverdoppelung im Bewusstsein, nein, durch das Bewusstsein (denn nicht im Bewusstsein erscheint sie doppelt) stört das denkende Bewusstsein (gibt es ein anderes?) und es beschließt – bei seinem Renommee –, falsch zu sein, ein Täuschungsapparat für den Organismus, also: sich von seinen Leistungen zu distanzieren. Von was? Diese ›Leistungen‹ lassen sich in einer zusammenfassen: Be-wusst-sein, das Mitgewusste, das sich Mitwissende, sich Bewissende. Es ist ihm gleich, sich als ›richtiges‹ oder ›falsches‹ mitlaufen zu lassen: immer ist es richtig und falsch, in einem Aufwasch.

#Auftritt

Warum überhaupt ›Bewusstsein‹? Warum nicht ›Schaltung‹? Oder: ›Alles Theater!‹ Das Gehirn eine Bretterbude, in der die Gedanken ›auftreten‹? Gedanken treten doch auf, oder nicht? Jedenfalls sagt man so. Sie kommen aus der Kulisse, in der sie geduldig auf ihren Auftritt gewartet haben. Aber es tritt auch anderes auf, z.B. Ereignisse. Das klingt ein wenig, als wollte man sagen: ›Auftritt X hat seinen Auftritt.‹ Offenbar handelt es sich um einen alten Bekannten – falls nicht, dann ab jetzt. Wer unterscheidet so stark? Offenbar nur ein Denken, das seiner sicher ist, also ›Wissenschaft‹. Von etwas Wissenschaft haben, festes, methodisch ›gesichertes‹ Wissen, das und nichts anderes heißt: bewusst sein.

Alles Theater?

#Ärgernis

Warum überhaupt ›Bewusstsein‹? Warum nicht ›Schaltung‹? Oder: ›Alles Theater! Was wäre das Bewusstsein, wenn nicht die Gedanken? Ihre Summe? Ihre momentane Summe? Gedanken kommen und gehen. Lässt sich das sagen? Sie stiefeln doch nicht herum, als hätten sie jederzeit festen Grund unter den Sporen. Aber irgendeine Art von ›Umgebung‹ besitzen sie schon. Etwas bleibt. Es bleibt nicht wirklich, eher: es ist dieses Kommen und Gehen, genauer, es existiert in diesem Kommen und Gehen, es trägt dafür Sorge, dass es nicht abreißt. Scheitert es an seiner Aufgabe, sagt man: dieses Bewusstsein zerfällt. In was? In Gedanken? Keineswegs. Diese Gedanken sind keine mehr. Sie sind ein Ärgernis.

#Reiz

Ausgeschlossen, ein Wissen einfach mit sich herumzutragen und abzusondern, wenn es an der Zeit ist. Oder vielmehr: im An-der-Zeit-Sein steckt das Problem. Welche Instanz entscheidet, was an der Zeit ist? Der Reiz? Das wäre in der Tat ›einfach‹. In diesem ›Fach‹ ist alles denkbar. Doch daran liegt’s: nichts ist an der Zeit, solange alles denkbar ist. Wenn nichts an der Zeit ist, dann eben: nichts. Denken braucht Anlässe, Sensationen, Situationen, wo nichts los ist, verliert es Grund, Folge, Zusammenhang, sich selbst, alles, und es gewinnt: nichts. Der Reiz wäre also der Übergang vom Nichts zum Etwas: aber dieser Übergang liegt im Denken, im Nachdenken, um genau zu sein, und damit im Nachhinein.

 
 
 
 
 
 
Der Tag beginnt
1
Archipel

Viele Leute würden das, was sich einstellt, sobald sie die Augen aufschlagen, ein Stück Wirklichkeit nennen: strahlend, handlich, rund, ungefüge, bedrohlich oder nur hingebuckelt gleich einer Schildkröte oder einer Katze, die zu schnurren beginnt. Besser notiert das Wort ›Ausschnitt‹, worum es geht: das Flirren der Ränder lockt die Wahrnehmung, an der (vorerst) so wenig Wahres ist, dass es die Rede nicht lohnt. Du liebst das Spiel der Lamellen oder betrachtest es mit kalter Aufmerksamkeit. Mehr noch liegt es dir, das Verschiebbare daran zu notieren. Was du siehst oder nicht siehst, was du empfindest oder nicht empfindest, es kommt annähernd auf dasselbe heraus. Es ist beliebig... – nicht deswegen, weil es dir frei stünde, die Umge­bung zu wechseln, eher schon, weil die Summe der Umge­bungen, die du dir zuführen könntest, auch nicht annähernd ankommt gegen die unabsehbare Flut möglicher Umgebungen, denen es niemals gelingen wird, deine zu werden. Obwohl es zweifellos Umgebungen sind, von vielen wahrgenommen, vielleicht auch nicht, zukünftige womöglich oder unentdeckte, niemals in einem einzelnen Bewusstsein realisiert und nie zu realisieren.

 
 
 
Der Tag beginnt
2
Archipel

Aber dieser Gedanke, der dich momentan besticht, ist bereits zu sehr Gedanke, zu konstruiert, um wirklich zu treffen. Wenig an dem, was dich umgibt, ist ›beliebig‹, es sei denn, du beschränkst dich aufs Konstatieren. Auch dann weißt du: Etwas stimmt nicht. Was fast beliebig ist, ist bereits nicht mehr beliebig, es ist zweideutig, beliebig-nicht beliebig, ganz wie du selbst, nur ganz anders, denn es bleibt die andere Seite, so sehr sie dich auch durchströmt. Nicht im Traum beschränkt sie sich darauf, ›Umgebung‹ zu sein. Die Mühe, sie darauf festzunageln, kannst du dir schenken. Sie wäre wie erbracht so kassiert. Diese Art und Weise der unschlüssig flutenden Gegenwart, da zu sein, hat, jedenfalls dir gegenüber, etwas Nachlässiges, als müsse sie zu verstehen geben, dass sie dir Sand in die Augen streut, einfach durch ihre Anwesenheit, ohne jede Absicht zu verletzen oder zu täuschen, überhaupt ohne jede Absicht, aber deshalb nicht minder merklich.

 
 
 
Der Tag beginnt
3
Archipel

Bewegst du dich, so verändert sich der Sinn der Wirklichkeitsrede. Bewegung, selbst die kleinste, verlangt dir Orientierung ab. Du stellst dir vor, wo du dich befindest, in welchen so und so dimensionierten, so und so gegliederten Raum hinein sich dein physisches Ich erstreckt. Du musst also festhalten, was gerade noch Gegenüber war, das Bild aus dem Rahmen lösen, es auflösen, in eine gedachte Anordnung überführen, die Szene in den Blick nehmen, am besten ganz, mit einem Blick. Dieser Blick entscheidet, wie es weitergeht. Bezüge öffnen sich in Raum und Zeit, was gerade noch bewegliche Vorstellung war, schwingt sich auf und lässt die Maske fallen: jetzt ist sie Ordnung, die dich bestimmt. »Sieh hin, sieh doch einfach hin!«

 
 
 
Der Tag beginnt
4
Archipel

Zu spät. Dein Sehen ist jetzt anders unterwegs, es weiß (ja, es weiß!), mutmaßt, bildet Hypothesen, führt Eindrücke zusammen. Es hat sich von der Betrachtung gelöst und spielt mit. Die zur Ordnung geronnene Vorstellung gibt Gedanken ein, Hintergedanken, Zusatzgedanken, Gedanken zweiter und dritter Ordnung, geeignet, eine Situation aufzufächern, Motivationen zuzulassen und zu blockieren, dein Anwesendsein zu vervielfachen und in wirkliche Gegenwart zu überführen ... obwohl ... obwohl sie doch auch wieder das Anwesendsein durchlöchern, mit einer, nein vielen Abwesenheiten durchsetzen, sich kreuzenden, sich überlagernden, die sich gegenseitig bedrängen und hier und da zusammenlegen, damit eine mächtig züngelnde Flamme entstehen kann, in der so manches verbrennt, was hätte wichtig werden können – in einer anderen Welt, in einem anderen, minimal-differenten Raum-Zeit-Gefüge.

 
 
 
Der Tag beginnt
5
Archipel

Was da verbrennt, ist vielleicht ein Haus, ein Haus mit Garten, mit Katzen oder Hunden, Klinkerbau womöglich oder ein weißes Panoptikum mit Säulenportal, wie sie zur Überraschung auf Transparenz der Form eingeschworener Zeitgenossen mancherorts emporsteigen, oder, wahrscheinlicher, Gerümpel, das wie Zunder aufgeht, aber unausgetragene Kostbarkeiten enthält, für deren Vollendung keine Zeit zur Verfügung stand, ganz zu schweigen von den Mitteln. Was geht’s dich an. Du bist anders unterwegs. Gibst zu, dass es hier und jetzt nicht in dich eindringt. »Weder Täter noch Opfer. Noch befangen in den Spielen des Bewusstseins.« Wie viele vor, neben und nach dir bist du erleichtert, dass ›deine Situation sich anders gestaltet.‹ Aber auch das: ein wenig bedrückt und nachdenklich, sofern Nachdenklichkeit an Stellen entstehen kann, an denen Wirklichkeit sich verweigert. Sie kann, sie kann es wirklich.
Es ist eines der Geheimnisse, mit denen sie sich umgibt.
Es ist nicht ungefährlich, es ihr entreißen zu wollen. Überdies tückisch.

 
 
 
Der Tag beginnt
6
Archipel

Differieren, ›auseinander tragen‹: die Daseinsbürde in unterschiedliche Richtungen tragen. Besser wäre es, sie gar nicht zu schultern, am besten, sie an Ort und Stelle auseinander-zu-tragen, etwa so, wie in öffentlichen Parks der Wind oder die Elstern oder im Schutz der Dunkelheit operierende Schattenwesen den Inhalt überquellender Abfalleimer aus­einander­tragen. Eine Idee nur, der nichts weiter entspricht als das Raunen des Meeres in seinen Muscheln, von der Brandung ununterbrochen übertönt. Man kann es annehmen, aber nicht vernehmen, was man doch müsste, wollte man sich ernsthaft mit ihm befassen.

 
 
 
Ein philosophischer Einakter
 
Das eingebildete Ich und sein Anderer
 

 

I
Nimm an, es stünde dir frei, dich als Sache zu verstehen, die sich wiegen, taxieren, ausstellen und verkaufen lässt. Oder als Werkzeug, das einer in die Hand nimmt, um einen Effekt zu erzielen, zum Beispiel ein Zimmer zu tapezieren oder eine Regelwidrigkeit zu begehen, je nachdem, wie ihm zumute ist und was gerade von ihm verlangt wird. Wäre das schlimm? Vielleicht. Ja sicher, das wäre schlimm. Aber es wäre, auf eine kaum aufzulösende Weise, das Gegebene. Das Gegebene selbst oder dein gegebenes Selbst —

 

II
Gerade so entstehen, für einen Tag oder ein paar Stunden, Anfänge, aus denen sich – vielleicht – etwas Unabsehbares ergibt. Wirf eine Maschine an und du bist schon ein anderer. »Eine Liege, schüchtern, erwacht in der Sonne.« Jeder Anfang kommt aus einer Situation, er schlüpft, poetisch gesprochen, wie der Schmetterling aus der Raupe: er verwandelt sie, aber er nimmt sie nicht mit, er lässt sie hinter sich – so wie sich selbst. Der Schmetterling regt seine Flügel. Doch ehe er aufflattern kann, verblasst er, vergeht in dem bisschen Licht, das ihn umströmt —

 

III
Fang an! Aber wie? Wie kann beginnen, was längst begann? Wie kann, in diesem Jetzt und in diesem Hier, beginnen, was nicht von langer Hand vorbereitet, was nie zuvor da war? Du fängst an, einmal, zweimal, du misst die Distanz, du rufst Tag und Stunde herbei, du stellst den Wecker, du schreist sie an. Sie sollen vollbringen, was mit ihnen begann, den Anfang, der sich nicht einstellen will, um keinen Preis. Und sie ziehen vorbei, stumm, teilnahms-, gesichtslos. Ein Gesicht... das ist es doch, was du erwartest. Ein Gesicht, dir zugewandt, flüsternd, ein Zwiegespräch, das dich einsaugt, das dich beginnen lässt —

 

IV
Das erste Mal... Die Menschen legen großen Wert darauf, zu erfahren, wann etwas zum ersten Mal eintritt, sie halten sich für berechtigt, aus diesem Umstand Schlüsse zu ziehen, vermutlich, weil sie das Verfahren vom Arztbesuch her kennen. Wer will, kann die Erinnerung ans erste Mal aus den Eingeweiden des Gedächtnisses herauskitzeln. Sie meldet sich dann wie die hochfliegende Hand eines Schülers, der einen tief empfundenen Moment lang den Drang verspürt zu rufen: »Ich habs!« Wobei, was er so fest zu haben glaubt, in eine Reihe von Mutmaßungen zerbröckelt, falls er nur wirklich aufgerufen wird. Eine Vorstellung, die mit der Serie bricht, muss sich aus deren Vorräten maskieren.

 

V
Es ist so: das Geheimnis des Anfangs besteht darin, dass es ihn nicht gibt. Etwas am Anfang vermeidet, was es doch gibt oder geben sollte: den vollen Anfang, den Anfang ohne Gewusst-wie, das immer nur einen Moment lang gestaut wird, um sich anschließend umso hemmungsloser zu ergießen. Das liegt an der Situation, die niemals nichts bedeutet und deshalb nur hergibt, was sich prompt oder nach schwierigen Anläufen herstellt. Du bist in den Anfang hinein gelaufen wie... wie... ein Kind in eine Kreuzung. Von allen Seiten: Gefahr. Wie ihr entkommen? Das ist keine Frage, sondern: Erstarrung. Alles, was längst begann, stürzt auf dich ein. Und seltsam, es rast vorbei.
Du hast keinen Anteil an dem, was geschieht.
Du hast keinen Anteil an dem, was nicht geschieht.
Du hast keinen Anteil an dem, was geschehen müsste.
Du musst einen Schnitt machen.

 

VI
Nicht der Anfang ist das Problem: das scheint bloß so. Nur: einfangen lässt er sich kaum. Ist er ein Neubeginn? Er sollte es sein. Ist er es auch? Verfängliche Frage: nichts am Anfang ist neu. Oder: was neu ist am Anfang, sagt dem Anfänger nichts, weshalb er es glatt überschlägt. Er fängt an, das genügt. Sich anfangen: ausgeschlossen. Mit sich etwas anfangen: das kommt der Sache schon näher. Notiere Zeit, Ort, Zeichen. Sei zur Stelle. Vergiss die Zeichen nicht. Vergiss den Anstecker nicht, der dich kenntlich macht. Und dann: Tu irgendetwas. Bring dich ein. Leiste deinen Beitrag. Vor allem: Sei empfänglich. Empfinde tief das Wort: ›Aufbruch‹. Atme sie ein, die tiefe Befriedigung, Teil einer Menge zu sein. Bei alledem: Hüte dich.

 

VII
Die in den Lamellen des erwachenden Bewusstseins verfranzten Figuren ergeben noch keine Situation, sie bewirken den Anfang nicht. Doch sie mischen ihm die Enttäuschung bei, kein Anfang zu sein. Ein jeder Anfang, signalisieren sie, ist beliebig: »Mach, was du willst!« Für den Erwachenden ist die Welt noch in Ordnung. Weit gefehlt! Sie ist die Unordnung selbst. Sie wartet darauf, geordnet zu werden. Wartet sie? Keineswegs. Resigniert angesichts dessen, was kommt, wartet das frische Bewusstsein. Was kommt, ist die Situation, unausweichlich, unerbittlich fordernd, nichtsdestoweniger ... ein Danach, eine Rückkehr aus verstreuten Anfängen, aus allerlei Richtungen —

 

VIII
»Mach, was du willst!« bedeutet: ›Mach, dass du fortkommst!‹ Nur wer fortkommt, genießt das Leben, die reife Frucht des verlässlichen Heute. Wer fortkommt, verschwindet, um in seinem anderen wieder zum Vorschein zu kommen und erneut zu verschwinden. Er wirft den anderen aus – als Anker, Tentakel, Widerhaken: er selbst ist Anker, Tentakel, Widerhaken, er wirft sich fort, um ein Anderer zu sein, um als ein anderer aufzutauchen, um sich im anderen zu ›materialisieren‹, formbar und geformt. Nur so gelingt ein Selbst, singulär und auf der Suche nach einem zweiten, das ihm Einhalt gebietet und damit: die Verschmelzung —

 

IX
Verschmelzung ist möglich, ja sie ist erlaubt. Vor allem, sie ist schon vollzogen. Sie ist das Gegebene. Die Suche und ihr Ergebnis: sie sind eins. Der reale Andere – eine Projektion, ein Schemen auf der Leinwand des ausgeworfenen anderen, ein Gegen-Wurf, dem es an Festigkeit gebricht, sobald das Selbst ins Wanken gerät, weil die Spannung nachlässt oder das verträgliche Maß übersteigt. Erst im zweiten Selbst erhebt sich das erste und gewinnt ... was? Statur.

 

X
Die Figuren des Erwachens, sie bleiben, sie gehen nicht weg, sie gehen beiseite, vielleicht aus dem Weg, um nicht überrollt zu werden, aber überzeugend ist dieses Bild nicht. Gleichgültig, was du beginnst, sie wissen sich darin einzunisten. Der Tag bleibt Tag, ein Tag, um deutlicher zu werden, einer von vielen, das ist wahr, aber auch dieser Tag, der kommt und zu Ende geht, der ein Gesicht trägt, ein übersehenes, mag sein, ja natürlich, ein Übergesicht, das sich in allen Gesichtern malt, das aus Fratzen Gesichter zaubert. Alles ist – auch, irgendwie – Anfang.

 

XI
Wenn alles Anfang ist, was wäre dann die Hölle? Ein Leben ohne Anfang, ohne Tag-Bewusstsein, ohne Sonnenaufgang und -untergang, ein Leben in vollkommener Isolation und damit ohne die Möglichkeit, sich zu entwerfen, ein Leben im Bewusstsein, nicht zu leben, auch dies ein Teil des Bewusstseins, in dem ein Tag dem anderen gleicht, Kette ins Unabsehbare, Schrecken des Wirklichen, steigerungsfähig, durch Vernichtungsphantasien geisternd und sie positiv aufladend – etwas, das nie ganz weggeht, denn: der Entwerter tickt.

 

XII
Wer die Hölle versteht, der versteht das Leben. Muss man es denn verstehen? Was sonst, wenn nicht das Leben? Man versteht Gesetze, wie man das Leben versteht, als Wiederholung, als Wieder- und Wieder-Heraufholen von Abgelegtem, als eine Art von Erinnerung, trocken, hart und präzise, aber auch weich und schwimmend, mit einem Unbestimmtheits-Horizont, der ›Interpretation‹ ermöglicht. Was wären die Gesetze ohne ihre Interpretationen? Sie wären – sag’s ruhig –: sie wären einerlei.

 

XIII
Es sind die Regeln, die das Einerlei verträglich gestalten. Sie gestalten es – damit ist alles gesagt. Wer sich an etwas halten muss, der steht fast schon auf der sicheren Seite, vorausgesetzt, er darf es sich so auslegen, dass er dabei gewinnt. ›Gewinn‹ nennen wir alles, was Spielräume schafft, was den Tag neu erschafft: ein großer Gewinn lässt ihn groß und stark erscheinen. Umso betrüblicher, dass er dahinsinkt wie andere auch. Da gibt die Regel Trost. Sie ist das Geländer, an dem der andere hinausspaziert, wenn die Zeichen auf Ernüchterung stehen (und Schlimmerem).

 

XIV
Kein Gesetz ohne Ausnahme, das eben bedeutet: es ist gesetzt. Die Ausnahme als der Andere des Gesetzes folgt den Regeln des Entwurfs. Sie formuliert ein mögliches Gesetz als Grund für die Geltung des vorhandenen. So folgt das Selbst seinem Anderen wie das Auge der Hand: es nimmt sich heraus. Was es sich herausnimmt, das ist fast schon beliebig. Nur der Selbstbezug zählt. Ich ist alles, was der andere darf. Solange der andere alles darf, ist Ich alles. Das zählt nicht. Der andere begrenzt das Ich, weil das Ich ihn begrenzt. Wer sich zuviel herausnimmt, kann es auch lassen. Wie soll er es tragen?

 

XV
Du siehst den anderen, das Ich dahinter siehst du nicht. Deine Schwierigkeit: er ist nie ganz der andere des fremden, dir verschlossenen Ich, du gibst immer von deinem anderen zu. Und seltsam: dein anderer wächst und gedeiht bei diesem Spiel, du wirfst kühner und genauer, wenn du für den anderen des anderen wirfst. Nie bist du so dicht bei ihm wie dort, wo jeder Wurf zählt. Nie bist du so sichtbar wie in solchen Momenten. Sie nennen sie ›selbstvergessen‹, aber das stimmt nicht: das scheinbar vergessene Selbst bleibt nicht zurück, es expandiert. Ein Anderes, das alle anderen mitnähme – das erst wäre das Selbst, das zu bewahren sich lohnte. Doch was heißt hier Lohn?

 

 
 
 
 
Von der Verhaltung
1

Kein Ding, einmal abgestellt, gleicht dem, was es vorher war. Das endet im Abfall, im plötzlichen Sturz aus der Sichtlinie, dem man nachblicken kann oder nicht. Gewöhnlich lässt du es. Die Zigarettenasche auf deinem Anzug betrachtest du wie einen unerklärlichen Anflug, einen Besucher aus einer anderen Galaxie. Unmöglich, Kontakt zu ihm herzustellen, es sei denn, du schnippst ihn in eine andere Ecke des Universums. In einem Asche-Universum wäre auch das eine sinnlose Geste. Sie käme von draußen, Ausfluss einer Macht, die sich nicht erklären kann, weil sie diesem Universum nicht angehört, obwohl sie hineinwirkt. Was wie Allmacht aussehen könnte, atmet Hilflosigkeit. Wer sich nicht erklären kann oder will, um seinen Anteil an Unbeteiligtsein zu retten, der mag von Vitalität strotzen oder mit übernatürlichen Kräften begabt sein, hier und jetzt geht er damit unter. Besser, er lässt seine Kräfte dort, wo sie hingehören: in der Verhaltung.

 

 
 
Von der Verhaltung
2

Verhalten leben, verhalten agieren, verhalten reagieren. Verhalten dem, was mit einem geschieht, nachdenken, es eher fort- als herbeidenken, weil es so durchsichtig ist. Das hilft zwar nicht immer, aber es ergibt sich von selbst, nach und nach wie der Aufschub, der daraus hervorgeht. Allerdings bringt er ein anfangs unbeabsichtigtes Element herein. Das ist der Gedanke an eine zeitferne Explosion der Verhältnisse. Ein Ungedanke zunächst oder ein Minimalgedanke, ein Notanker, ein Haltegriff, der sich anbietet, obwohl nicht ganz klar wird, woran er befestigt ist und welchen Rückhalt er im Ungewissen besitzt. Auch Explosionen müssen reifen. So wächst unter, aus, neben, über, inmitten der durch Verhaltung erzeugten Verhältnisse ein anderes Leben, schattenhaft, schemenhaft, zeitverdoppelnd.

 
 
Von der Verhaltung
3

Denn es ist klar: der Vergeudung von Zeit hier, ihrem langsamen, zähen Fluss, muss ein Sparguthaben auf der anderen Seite entspre­chen, ein Zeitschatz, dem kein Carpe diem etwas anzuhaben vermag. Und das ist wenig gesagt. In Wirklichkeit verhält es sich doch so, dass jede Art von Zeitmanagement, also etwa die nüchterne Überlegung, einen Lebensabschnitt zu verpassen, weil andere, auf ihre Weise zwingende Kräfte ihn verbrauchen, das System zusammenfallen lässt. Welches System? Das System Individuum. Es fällt in sich zusammen und: mit der anderen Seite, die plötzlich zum Konkurrenten um das knappe Gut Lebenszeit wurde und immer gewinnt.

 
 
Von der Verhaltung
4

Nein, da bist du dir sicher: Lebenszeit ist kein Gut, keine ›Ressource‹, um die zu balgen sich lohnt. Ein Wesen, das jeden Morgen die Augen aufschlägt und jeden Abend mit anderen Gedanken zu Bett geht, um sie unwillkürlich gegen wieder andere einzutauschen, an die es sich am nächsten Morgen beim besten Willen nicht mehr erinnern wird, auch wenn es gelegentlich anderen und sogar sich selbst gegenüber diesen Eindruck zu erwecken versucht, sollte gegen die Versuchung immun sein, zu glauben, es sei fähig, etwas zu versäumen. Es bleibt ja auch nicht bei der Versuchung: das Versäumnis selbst kriecht über den Hügel herauf, in dessen Rücken es sich lange verbirgt, es erscheint flach, sobald es den Scheitelpunkt erreicht hat, um sich von Moment zu Moment fürchterlicher zu erheben, bis es das ganze Leben überragt und –

 
 
 
 
 
 
Urknall
 

 

I

Das Problem des Anfangs besteht darin, auf ihn zurückzukommen. Wer jeden Augenblick als einen Anfang ansieht, dem ist jeder Anblick auch ein Beginn. Der unterbrechende Wimpernschlag löscht das Bild und lässt es neu erstehen: von Augenblick zu Augenblick. Das ist sogar physikalisch korrekt, wenngleich der Weg vom Auge zum Bild weiter ist, als das Bewusstsein es wahrhaben will.

 

II

Das Bewusstsein überspielt den Augenblick mühelos. Einem, der ihm sagt: »Hier, dieser Moment, schau: jetzt ist er vorbei, unwiderruflich«, ist es noch nicht begegnet. Es würde ihn auch für einen Scharlatan halten, der es darauf anlegt, sein Gegenüber zu unterbrechen, es unsicher werden zu lassen oder, falls es den Trick schon kennt, seine unbedingte Zustimmung zu etwas zu ergattern, dem keiner leichten Herzens zustimmt. Das Ganze bleibt ein Trick. Etwas im Überrumpelten weiß es besser, weiß, dass die Gewissheit schal bleibt, weil sie eine Unterbrechung festhält, die sich nicht festhalten lässt, weil sie als Unterbrechung nicht in Erscheinung tritt, eher als vorwärts treibender Taktschlag.

 

III

Das Leben kennt vielerlei Taktschläge, ohne die es binnen kurzem den Dienst quittierte. Das Leben kennt sie, soll heißen: dem, der lebt, sind sie geläufig. Sie bereiten keinerlei Schwierigkeit, solange er sie genießt, um sie zu vergessen, schon vergessen zu haben, radikal vergessen zu haben: aufschwimmen können sie von alleine. Verloren ist, wer in sie einzutauchen versucht, um das Leben dort aufzusuchen, wo es zu Hause zu sein scheint.

 

IV

›Bloß leben‹ kann jeder und keiner. Wer es auf den Versuch ankommen lässt, dem nötigt er eine enorme Anstrengung ab. Nichts weiter zu sein ist nichts weiter als ein Konzept. Am Anfang fällt es leicht, ihm zu folgen. Noch winkt es wie eine Art Erlösung, doch schon versagen die Mittel und das, was sonst von allein geht, kommt aus dem Tritt. Ein Konzept will durchgesetzt werden: ›Folgsamkeit‹ heißt das Übel, wo es nichts zu befolgen gibt. ›Folge dem Weg‹ – das bedeutet auch und zunächst: ›Bedecke deine Blöße!‹ Etwas an ihm zwingt das Bewusstsein, es sich selbst zu überlassen, damit es zurecht kommt.

 

V

So scheint, so wird, so muss es sein. Erinnere dich: der Anlässe gibt es viele. Du erinnerst dich nicht? Nun, es sind wohl zu viele, die meisten davon mikroskopisch klein, die bedacht sein wollen. Wollen sie überhaupt bedacht sein? Nein, offensichtlich nicht. Sie wollen, wie jeder tüchtige Arbeiter, in Ruhe gelassen werden. Überall, wo gearbeitet wird, findet sich dieses Moment der Selbstüberlassenheit: ein arbeitendes Bewusstsein findet den Weg allein. ›Störe mich nicht!‹ steht auf seiner Bürotür, ein gestörtes Bewusstsein kommt seiner Arbeit nicht länger nach. Und worin besteht diese Arbeit? Sagen wir, ohne weiter zu überlegen: sie besteht darin, Störungen zu ›verarbeiten‹. Welch ein Widerspruch! Aber ein wirklicher?

 

VI

Auch was von allein geht, verfügt über ein Selbst. Es liegt weder im Bewusstsein noch außerhalb. Es ist weder es selbst noch ein anderes: ein Schatten-Selbst, das sich auflöst, sobald es genötigt wird, für sich zu zeugen. Man könnte es, versuchsweise, ›Anfang‹ nennen. Warum denn nicht? ›Fang an!‹ Schon geht es dahin. Oder es geht nichts. Der Appell anzufangen und der, den Anfang zu denken, verheddern sich und blockieren einander. ›Fang an!‹ heißt in Wahrheit: ›Fahr fort!‹ Einem Impuls zu folgen, der schon da ist, den Leitfaden auszuwickeln, der darin liegt, und ihn tatsächlich zu benützen, das sind Stadien eines wirklichen Anfangs, eines Marathons gegen die Trägheit, jedenfalls scheint es dem Trägen so. Trägheit, das wäre: dein krankes Selbst.

 

VII

Was nie begann, das kommt an kein Ende. Auch das Leben macht da keine Ausnahme. Für manchen war und ist das eine frohe Botschaft. »Ich habe noch gar nicht gelebt, warum sollte ich sterben?« Aber ohne Anfang zu sein und nicht gelebt zu haben – das sind zwei Paar Stiefel. Den Anfanglosen verlangt es nach einem Anfang und sei es der Anfang vom Ende. Es verlangt ihn, damit ist alles gesagt. Der Anfang verdeckt das Ende, das in ihm steckt. Das weiß der Anfanglose und hütet sich. Zu gut gehütet: wer nicht zu sterben weiß, der stirbt stückweise hinter dem eigenen Rücken, hinter dem Rücken der Familie, hinter dem Rücken der Freunde, hinter dem Rücken eines vagabundierenden Bewusstseins, das immer Bescheid weiß. Er stirbt aus einem Mangel an Selbst. Oder, da ein solcher Mangel schwer vorstellbar, an der Flüchtigkeit seiner Anfänge.

 

VIII

Ein lebendiger Gedanke verfügt über Anfang und Ende. Er ergreift das Bewusstsein und verlässt es im Ungewissen darüber, woher er kam und wohin er geht. Diese Ungewissheit ist Unruhe, eine Art Spannung, die zwischen den Gedanken herrscht. Bewusstsein ist Ungewissheit, die Gewissheiten produziert, um sie zu verwerfen. Gewiss, dieser Gedanke hier leuchtet ein, man kann ihn denken, das heißt mit Gewissheit aufblasen, bis er platzt. Wie war nicht gleich der Gedanke? Warte, ich wiederhole ihn, ich hole ihn zurück, aber... ist es derselbe? Ist es wirklich ganz derselbe? Etwas fehlt, es fehlt die geplatzte Gewissheit, also fehlt etwas am Gedanken und ich ergänze es: durch einen Zweifel, eine Nebengewissheit, welche die fehlende Hauptgewissheit ›in Frage‹ stellt, ins Licht des Zweifels, in einen Zusammenhang, der mir ›nicht bewusst‹ war, als jener Gedanke in mir zur Gewissheit reifte. Also: ist es derselbe? Warum sollte es derselbe sein? Weil er nach Wiederholung verlangt? Warum? Weil er ein Gedanke ist? Was ist ein Gedanke? Ein vertrocknetes Stück Gewissheit, an dem du lange zu kauen hast?

 

IX

Umkreise diesen Gedanken.
Versuch ihn zu wenden.
Wende dich ab.

 

X

›Alles ist immer‹, ›Es gibt kein erstes Mal‹ – Sätze, die nach dem Widerspruch rufen: ›Nichts ist immer!‹, ›Es gibt immer ein erstes Mal!‹ – Unfug des Denkens, Freiheiten, die es sich nimmt, um sie stehenden Fußes zurückzunehmen, Gesten, deren Welthaftigkeit sich daran erkennen lässt, dass sie Streit provozieren: Streit ›um nichts‹, soll heißen um kein Gut, das wegzuschleppen sich lohnte, also Streit pur, aus Lust, aus Verzweiflung, aus dem tief sitzenden Wunsch heraus, zu wenden, was ist, weil es so geworden ist, so und nicht anders, wo es doch bitter nötig wäre, das Anderssein. So setzt du in dem Ausdruck ›kein erstes Mal‹ einen dicken Strich unter das ›ein‹, wodurch das Wort plötzlich eine Art Kainsmal trägt. Ein trübes Wortspiel, das dich daran erinnert: so leicht kommst du nicht davon.

 

 
 
 
 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
1

Be-wusst-sein. Was soll das sein? ›Sei dir bewusst!‹ – oder doch: ›deiner‹? ›Ich bin mir der Tatsache (des Umstands etc.) bewusst, dass x.‹ ›Ich bin mir bewusst, es gibt x.‹ ›Es gibt x.‹ Wo liegt der Unterschied? Gibt es einen Unterschied? Die Weltverdopplung im Bewusstsein, nein, durch das Bewusstsein (denn nicht im Bewusstsein erscheint sie doppelt) stört das denkende Bewusstsein (gibt es ein anderes?). Es beschließt daher, um des Renommés willen, falsch zu sein, ein bloßer Täuschungsapparat für den Organismus, also: sich zu distanzieren von etwas, das gewisse Fachleute seine Leistungen nennen. Von was? Diese ›Leistungen‹ ‒ ein Schusterwort, merkst du den ›Leisten‹ darin? ‒ kannst du in eine einfache Wortfolge fassen: Be-wusst-sein, das Mitgewusste, das sich Mitwissende, sich Be-Wissende. Es ist ihm gleich, sich als ›richtiges‹ oder ›falsches‹ mitlaufen zu lassen: immer ist es gleichermaßen richtig und falsch, in einem Aufwasch.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
2

(Warum überhaupt ›Bewusstsein‹? Warum nicht einfach ›Schaltung‹? Manch einer schaltet spät, mancher gar nicht. Wohl wahr. Oder gleich: ›Alles Theater!‹ Das freut Theatergänger. Das Gehirn eine Bretterbude, in der die Gedanken ›auftreten‹? Sie treten doch auf, oder? Jedenfalls sagt man so. Einzeln kommen sie aus der Kulisse, in der sie geduldig auf ihren Auftritt gewartet haben. Aber es tritt auch anderes auf, z.B. Ereignisse. Das klingt dann ein wenig, als wollte man sagen: ›Auftritt X hat seinen Auftritt.‹ Wie’s scheint, handelt es sich um einen alten Bekannten – wenn nicht, dann mit Sicherheit ab sofort. Da liegt der Unterschied. Wer unterscheidet so stark? Offenkundig ein Denken, das seiner sicher ist, also ›Wissenschaft‹. Von etwas Wissenschaft haben, festes, methodisch ›gesichertes‹ Wissen, das also und nichts anderes heißt: Bewusstsein haben. Sollen die anderen bleiben, wo sie wollen.)

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
3

Alles Theater! Was wäre Bewusstsein, wenn nicht die Gedanken? Alle Gedanken – aber auch ihre Summe? Ihre momentane Summe? Wer addiert? Wer schließt die Liste? Wer sammelt die Gedanken eines Tages? Ein Woche? Eines Jahres? Und welche davon ergeben ein Bewusstsein? Ein zweites? Ein drittes? Gedanken kommen und gehen, sie sind deswegen noch keine Einzelgänger, sie kommen stets im Verbund. Lässt sich das sagen? Lässt sich das wirklich sagen? Sie stiefeln doch nicht herum, als hätten sie überall festen Grund unter den Sporen. Andererseits: irgendeine Art von ›Umgebung‹ besitzen sie schon. Etwas bleibt immer. Es bleibt nicht wirklich, eher: es ist dieses Kommen und Gehen, genauer, es liegt in diesem Kommen und Gehen, es scheint dafür Sorge zu tragen, dass es nicht abreißt. Scheitert es an seiner Aufgabe, sagt man: ein Bewusstsein zerfällt. In was? In Gedanken? Keineswegs. Solche Gedanken sind keine mehr. Sie sind ein Ärgernis.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
4

Ausgeschlossen: ein Wissen ›blind‹ mit sich herumzutragen und abzusondern, wenn es an der Zeit ist. Entweder du weißt etwas oder du weißt es nicht. Hier gilt der Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Alle Halb-, Viertel- und Vierundzwanzigstel-Gedanken sind doch immer: Gedanken. Vollständig ist ein Gedanke dann, wenn alle Fragen geklärt sind, also nie. Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Du kannst blind sein gegen einen ›naheliegenden‹ Gedanken, du kannst taub sein gegen einen Gedanken, der nicht deiner Verfassung entspricht. Im An-der-Zeit-Sein steckt das Problem. Welche Instanz entscheidet, was an der Zeit ist? Der Reiz? Das wäre nun wirklich einfach. In einem ›Fach‹ wie diesem ist alles denkbar. Doch daran liegt’s: nichts ist an der Zeit, solange alles nur denkbar ist. Wenn nichts an der Zeit ist, dann eben: nichts. Denken, wie jede andere Tätigkeit, braucht Anlässe, Sensationen, Situationen. Wo nichts los ist, verliert es Grund, Folge, Einheit, Zusammenhang, sich selbst, alles, und es gewinnt: nichts. Das ist doch etwas.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
5

Der Reiz also bewirkte den Übergang von ›nichts‹ zu ›etwas‹. Du hast dir nichts gedacht, gut, an dieser Stelle, und nun denkst du dir etwas, hier, an gleicher Stelle, auch gut. Du bist also zurückgekommen. Der Übergang liegt im Denken, im Nachdenken, um genau zu sein, und damit im Nachhinein. Dass du dir nichts gedacht hast, das hast du nicht gewusst. Hättest du’s wissen können? Niemals. Ein Gedanke, der dich erfüllt, ein Wissen, das du besitzt: das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Dennoch schreit der erfüllende Gedanke: »Du weißt«, nein, »Ich weiß«, denn ihm wird alles zum Ich. Alles? Nein, ganz und gar nicht, ein Zipfel bleibt und in ihm, gut verborgen, liegt der Anfang der Resignation. Sie ›breitet sich aus‹, das hat nichts vom Ungestüm der Erfüllung, aber es meint auch keine Entleerung. Der Gedanke bleibt ja, er stößt nur an seine Grenzen, er fügt sich ein (oder auch nicht). In der Enttäuschung steckt der Gewinn. Doch nicht jeder holt ihn, geblendet vom Rausch, heraus.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
6

Suche nicht den Rausch, suche nicht die Erfüllung, suche den Erfüllungsgehilfen und du wirst fündig. Kein Rausch kommt von ungefähr, auch nicht in Gedanken. Um dich zu erfüllen, braucht jeder Gedanke, vom billigsten bis zum teuersten, starke Verbündete ‒ in dir, außer dir, hier wie dort. Das Bedürfnis, seicht oder tief, gibt den Türöffner. Doch mach dir nichts vor, es lässt nichts herein, was nicht schon drin wäre. Er muss bereits da sein, der Gedanke, der dich erfüllen soll, unauffällig, wie sonst, er muss deine Temperatur besitzen, dein Temperament, deinen Grad an Torheit. Er darf nichts Abstoßendes für dich haben. Oder doch? Steckt hier der Helfer? Etwas leise Abstoßendes, Auslöser eines Missbehagens, das dich lange veranlasst, ihm keine Beachtung zu schenken... Keine Beachtung ‒ da liegt der Schlüssel.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
7

Dass Gedanken in der Welt sind, wird dich immer mit Staunen erfüllen. Gewiss, es ist selbstverständlich, auch deine Gedanken sind Jedermannsgedanken. Jeder kann sie denken oder könnte es, vorausgesetzt, er befände sich in einer Lage, die der deinen – aufs Tüpfelchen! – gleicht. Die Art von Existenz, die sie führen, sobald sie in der Welt sind, ist eine andere, sie beruht nicht auf dem Gedachtwerden, sondern auf Handreichungen: an erster Stelle der Fixation auf einem ›Träger‹, an zweiter der Vervielfältigung ‒ der ›identischen Reduplikation‹ ‒, an dritter der kontrollierten Verbreitung oder ›Redistribution‹, an vierter... ‒ hoppla, wen haben wir denn da? Den Konsum? Das ist nicht so einfach. A steckt sich an einem Gedanken an, B steckt ihn sich an. Wo liegt der Unterschied? Im Grad der ›Absorption‹?

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
8

Ein verbreiteter Gedanke ... er ist dir geläufig oder auch nicht. Das kommt auf die Schnittmenge an: Bewegst du dich in Kreisen, in denen er heimisch ist? ›In der Welt‹ ist ein Gedanke, falls du von ihm gehört hast: in deiner Welt, welcher sonst? Eine andere kennst du nicht. Wann und wie hast du von ihm gehört? Du weißt es nicht. Ein Gedanke eben, einer unter anderen, einer mit anderen, einer gegen andere. Von diesem hier erfährst du und es brennt in dir: davon hättest du nichts gewusst, während alle Welt...? Welche Blamage! Der dort brennt in dir fort: mit ihm stellst du dich gegen die Welt! Warum? Weil er dich, vor aller Welt, zu einem macht, dessen Meinung zählt. Wie wurde er Meinung? Deine Meinung, wohlgemerkt, nicht die des anderen, der ihn dir zusteckte.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
9

Kennst du das Land, in dem die Überzeugungen blühen? Man nennt es Gesellschaft. Überzeugt sein heißt: den Kopf dazu haben, ein Kopf sein. Was ist das: ein Kopf? Ein anerkannter ... ja was? Pfeif auf die Anerkennung. Niemand ist vor sich selbst überzeugt. Wer überzeugt ist, will überzeugen. Wer keine Überzeugungen hat, der gibt sich überzeugt ‒ warum? Er will etwas gelten. Deine Meinung kannst du für dich behalten, deine Überzeugung gehört der Welt, sie will artikuliert sein, sie will Eindruck machen, sie will Druck ausüben, sie will etwas bewirken, denn hinter deiner Überzeugung steckst du, ein Taschenspieler, der auf die Mienen der anderen achtet, der es genießt, wenn der eine oder andere unter ihnen verstummt und den Raum verlässt.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
10

Wären deine Meinungen und deine Überzeugungen deckungsgleich, so wärest du naiv und die Menschen wendeten sich von dir ab. Nein, so naiv bist du nicht. Selbst wenn du es wolltest: so naiv kannst du nicht sein. Warum? Weil du ein Kind der Gesellschaft bist ‒ ihr Erzeugnis. ›Meine Meinung geht niemanden etwas an. Wenn ich sie preisgebe ‒ und ich gebe sie ununterbrochen preis ‒, dann um nicht übergangen zu werden: um zu zählen. Falls sie gefällt ‒ gut, so gefalle ich. Falls sie nicht gefällt ‒ auch gut, so habe ich doch gezeigt, was in mir steckt.‹ ›Du drückst das ganz gut aus, wir haben dich alle verstanden.‹ ›Er hat eine Meinung, aber er kann sie nicht ausdrücken.‹ Eine Meinung zum Ausdruck bringen, einen Gedanken äußern, als sei er der eigene ‒ so soll es sein. Vielleicht eigne ich ihn mir an, während ich ihn zum Ausdruck bringe. Das ist möglich, es ist sogar wahrscheinlich, aber es zeigt, was alles in mir steckt: dies und noch viel mehr.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
11

Wer mit seiner Überzeugung hinter den Berg hält, der spielt ein doppeltes Spiel: das klingt nicht gut, das klingt verwerflich, selbst dort, wo es der Not geschuldet ist. Was wäre nicht der Not geschuldet? Gesetz, Sitte, Anstand ‒ alles fällt dahin, wenn diese Begründung greift. Dennoch handeln alle notgedrungen ‒ der eine mehr, der andere weniger. Da trifft es sich gut, dass auch Überzeugungen wanken. Einer festen Überzeugung sein ‒ wer wollte es nicht? Wie fest...? Wer sind die Überzeugtesten? Schauspieler der Überzeugung? Oder Leute, deren Überzeugung nie auf die Probe gestellt wird? Wer immer sich überzeugt gibt, er spielt eine Rolle. Er spielt sie gut, er spielt sie eigenwillig, er spielt sie mit Hingabe, er spielt sie brillant, aber er spielt sie. Und wer sich nicht überzeugt gibt? Nun, er zweifelt öffentlich, er spielt den Zweifler.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
12

So gesehen, sind alle Heuchler und Schwadroneure. Sind sie es wirklich? Bist du...? Nun, was denn? Eine Ausnahme? Warum nimmst du dich aus? Du nimmst dich nicht ganz aus, du zögerst. Warum? Weil es zu hart klingt? Oder aus gutem Grund? Der wäre? Du kommst auf den Gedanken zurück: wo, zwischen Meinung und Überzeugung, denkst du? Dass du denkst, daran besteht kein Zweifel, es fällt dir schwer, nicht zu denken, selbst dort, wo deine Meinung gefragt ist, selbst auf die Gefahr hin, die Frager zu langweilen. Es soll vorkommen, dass du in solchen Situationen angestrengter als sonst denkst, du wirkst nicht gut, du wirkst wie ertappt, aber du kannst es nicht ändern. Du willst es nicht ändern, denn es heißt für dich: Meinungen sind Gedanken, auf die man zurückkommt. Überzeugungen sind wenige Gedanken, auf die man immer zurückkommt. Wer wenig denkt, der meint, wovon er überzeugt ist, und er ist überzeugt von dem, was er meint. Wer mehr und intensiver denkt, für den treten Meinung und Überzeugung auseinander: seine Meinung ist ›mehr privat‹. Soll heißen: ›Ich stehe nicht für sie ein‹. Warum ist sie dann Meinung? Weil es meine Gedanken sind, die ich ausplaudere. Es sind meine Gedanken, weil sie mir durch den Kopf gehen. Woher sie kommen, wohin sie gehen ‒ wer fragt danach?

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
13

Im Ernst: Wer fragt danach, woher deine Gedanken stammen? Deine sind es, weil du sie denkst, nicht etwa, weil du sie dir ausgedacht oder ›angeeignet‹ hast. ›Ich habe mir diesen Gedanken erarbeitet und nun gehört er mir‹ ‒ welch ein Unsinn. ›Ich kenne diesen Gedanken‹ heißt, ich bin irgendwann mit ihm in Kontakt gekommen. Musste ich ihn deshalb auch denken? Kann man mit einem Gedanken in Kontakt gekommen sein, ohne ihn, wie unzureichend auch immer, gedacht zu haben? War er dann, für die Dauer dieses Vorgangs, dein Gedanke? Und jetzt, da du ihn erinnerst, wäre er wieder ‒ dein Gedanke? ›Ich habe mir das schon gedacht‹: Wie konnte ich! Verfügen wir beide über dieselbe Quelle? Aber nein: Wir haben, jeder auf seine Weise, über dasselbe nachgedacht. Wie konntest du dann dasselbe denken? War es wirklich dasselbe? Und: ist es jetzt, in der Erinnerung, dasselbe wie damals, als du es vorgeblich dachtest? Oder enthält deine Rede nur eine Konzession, um rascher voranzukommen (oder dem anderen den Weg abzuschneiden)?

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
14

Der gleiche Gedanke, einmal von dir, einmal von dem da gedacht ‒ zwei Gedanken mit identischem Inhalt? Oder doch ein Gedanke in verschiedenen Köpfen? In zwei, in hundert, in tausend Köpfen? Ein Gedanke in tausend Köpfen: ist das noch ein Gedanke? Oder ist erst das: ein Gedanke? Ist das, was du denkst, Gedanke? Woher weißt du, dass es sich um Gedanken handelt? Hast du sie befragt? Vielleicht, vielleicht nicht. Jedenfalls nicht: in jedem Fall. Was dir durch den Kopf geht, ist deine Sache, soll heißen: du lehnst die Verantwortung dafür ab. Warum? Weil du sie nicht tragen kannst? Weil du sie nicht tragen willst? Weil andere dafür verantwortlich sind? Weil es nicht deine Gedanken sind, sondern Allerwelts-Gedanken, angeflogen von irgendwoher, Gedankensplitter, Gedankenmüll, Gedankenunrat? Heißt Gedanken hegen: in Unrat stochern?

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
15

Wenn der Kontakt den Gedanken erzeugt, dann erzeugt Gedankenkontakt Gedankengedanken: Gedanken über Gedanken, Gedanken aus Gedanken, Mitgedanken, Nebengedanken, Hintergedanken, erwünschte, verbotene, verfemte Gedanken, Gedankenmoden ‒ das Angesagte, das Ausgesperrte, das Tabu, die Parole, den Wahngedanken, die Assoziation, die Interpretation und das aus den Reden anderer erbaute Gedenken. Es liegt am Kontakt. Ein Gedanke berührt dich: schon ist es geschehen. Du sagst: »Das berührt mich nicht« ‒ schon ist es geschehen. Du wirst diesen Gedanken so lange ›wälzen‹, bis er dir passt, bis er, handlich geworden, als Meinung passiert ‒ oder größeres, als Überzeugung, als Baustein einer Gesinnung, die dich zum Mitläufer stempelt oder zum Außenseiter, der auch mitläuft, auf seine Weise, wie er denkt, aber es gibt viele Weisen, die zusammen ein Muster ergeben, eins, das du nie zu Gesicht bekommst, es sei denn, du erreichst das Alter, in dem sich die Haftkräfte lockern und das, worin du warst, im Kaleidoskop erscheint.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
16

›X nur zu denken, ist schon Verrat.‹ Willkommen im Land der Verräter. ›Ein Gedanke, der alle beseelt‹ ‒ welcher sollte das sein? Der ›gebetsmühlenartig wiederholte‹? der ›abgedroschene‹? Und welche Seele wird da verschenkt? Die des Gemeinwesens? Die der Bewegung? Die des Bewegtseins, von was auch immer? Wer in der Bewegung erstarrt, hat der keine Gedanken? Hat er die falschen? Woher hat er sie? Woher kommen die falschen Gedanken? Von den richtigen? Wer die falschen Schlüsse zieht, hat die richtigen nicht gefunden. Vielleicht lagen sie obenauf und er schob sie zur Seite ‒ um zu finden, warum denn sonst? Um diesen Fund beneidest du ihn. Nimmst du ihn ab? Ist er dann dein Fund? Nein, du lässt ihn liegen. Da liegt er, ein Brocken ‒ in dir, wo sonst? Du wirst ihn schon abtragen, Stückchen für Stückchen, wirst ihn dir einverleiben, aber nicht in der vorgefundenen Form, stattdessen zerrieben, als Niemandsstoff, als namenlosen Gesinnungspartikel, als gemeinfreies Etwas, das du gesonnen bist zuzulassen, als sei es das deine.

 
 
 
 
 
 
Distichon
 

Vielleicht genügt es ja, eine Fingerkuppe ins Wasser zu tauchen und ›kalt‹ zu sagen oder ›warm‹ oder ›heiß‹ oder ›kochend‹, um Abstand zu wahren. Diese kleinen Manöver addieren sich leicht zu einer probierenden Existenz, was immer das heißen mag. Die Probe, die rasch zur Kostprobe wird, umspielt die Grenze von Drinnen und Draußen, von Beteiligt- und Unbeteiligtsein, von Affiziert- und Nichtaffiziertsein, sie stellt ein affiziertes Nichtaffiziertsein her, das dem Affen Zucker gibt, ihm aber nicht die Hand reicht. Aber was heißt schon, ›sie stellt es her‹: mit einem Mal steht es da, dann ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal und so fort, und diese sich addierenden, vorwärts und rückwärts aufblitzenden Male sind es, die sich die Hände reichen, zumindest unter der Hand, hinter dem Rücken der Person, die man gern die handelnde nennt, weil sie die Dinge in die Hand nimmt, um sie hierhin und dahin zu stellen, nicht ohne sie zu verändern. Nimm den Dingen die Temperatur und sie starren dich verständnislos an: Was hast du getan? Ja was wohl? Du weißt es nicht, denn du willst es nicht wissen. Du weißt es wirklich nicht, denn die Probierexistenz lässt es nicht zu.

›Wirklich‹ weißt du es nicht, ›unwirklich‹ schon.

 
 
 
 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
1

Funktionale Differenzierung: ein Witz. Wo immer man hinsieht, erzeugen Aufgaben Hierarchien, werden auf der Stelle umgemünzt in Selbstwertgefühl, Gruppenegoismen, Lebensweisen, Konsumverhalten, Kultur. Ist die Aufgabe lösbar? Wird sie gelöst? Das wird sich zeigen. Oder auch nicht. Oder auch nicht. Es kommt auf die Art der Aufgabe an: Größe, Vertracktheit, verfügbare Mittel. Und Zeit. Jede Aufgabe öffnet ein Fenster in die Zukunft. Kleines Fenster, wenig Zukunft. Ein kleines Fenster hält Hierarchien flach oder macht sie frenetisch: Nimm, was sich bietet. Ein weites Fenster fächert sie auf, gibt ihr Weite und Höhe, lässt hier ein Treppchen entstehen und dort ein Podestchen mit der Aussicht auf viel Zukunft und angemessene Beute. Zeitangaben – zehn, zwanzig, hundert, tausend Jahre – werden dankend angenommen, erwecken andererseits Misstrauen. Besser, man reklamiert die ganze Zukunft für sich: rund, voll, blühend, Tendenz gegen unendlich. Funktion folgt Form.

 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
2

Die ganze Zukunft – so wird es sein. Eine Zukunft, die hier und heute beginnt, eine Zukunft, bei der jeder mitmachen kann und die sich jedem mitteilt, sobald er den Schritt getan hat, der ›Unterwerfung‹ heißen kann oder ›Befreiung‹, Hauptsache, jemand nimmt ihm die Binde von den Augen oder es fällt ihm wie Schuppen... wohin? – eine solche Zukunft enthält etwas anderes als die Lösung einer Aufgabe. Sie bündelt die Zeit, die sich jemand in die Hände spielt, um sie auf eine Aufgabe zu verwenden, die vielleicht gar keine ist, sondern ein Phantom, ein Abrakadabra, eine Grenzvorstellung ohne jede Aussicht auf Verwirklichung, eine verrückte Idee, eine Verschiebung oder ein harmloses Anliegen, das sich bei ernsthaftem Bedarf durch ein paar Handgriffe befriedigen ließe. Aber die Dinge so zu sehen, das wäre: kleines Fenster. Was stattdessen geschieht, im weiten Fenster, die Reklamation der Zukunft, ist Verschwendung: in kleinem Stil, solange die Bewegung noch läufig ist und ihr Anspruch auf Gestaltung der Verhältnisse lächerlich klingt, in großem, sobald sich ihr Machtanspruch dehnt und aufzurichten beginnt, sobald sie die Medien tränkt, den Staat erobert, die Exekutive, die Legislative, die Bürokratie, die Schulen, die Wohnzimmer infiziert, die Kindergärten.

Was ist das: Verschwendung?

 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
3

Angenommen, wirkliche Hierarchie begönne jenseits funktionaler Differenzierung, dann wäre sie so etwas wie ein Umwerter der wirklichen Dinge und ihr wirklicher Konkurrent. Also gibt es einen Markt der Wirklichkeiten, auf dem sich jeder die für ihn passende aussucht? Wohl eher nicht. Warum? Offensichtlich, weil sie dann keine mehr wären. ›Wirklichkeit‹ bedeutet nichts, sobald ich mir eine aussuchen darf. ›Wieviel Wirklichkeit soll es denn sein? Ah, von dieser da? Wir haben heute eine neue im Angebot. Sehen Sie mal…‹ Wäre Hierarchie Lüge, so lägen die Dinge einfach. Manche sehen in ihr die ›Mutter aller Lügen‹: Sinnlose Schmeichelei und Ausdruck einer sich selbst aufhebenden Entscheidung. Denn was ist Lüge? Offensichtlich eine verworfene Aussage über die Wirklichkeit. Hierarchie mag alles mögliche sein, aber mit Sicherheit keine Aussage. Sie ist die Sache selbst. Betrachte sie als falsch: dann ist sie es immer und nie. Solange sie existiert, existiert, als ihr ständiger Begleiter, auch dieses ›immer und nie‹. Du musst dich zu ihr verhalten und kannst es nicht, es sei denn existenziell. ›Ich erkenne dich an und – großartig! – jetzt erkenne ich auch.‹

 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
4

Wirkliche Hierarchie, nüchtern betrachtet, entspringt aus dem Verlangen nach einer handelnden, planenden, vorausblickenden Person oder Personengruppe, die mehr vermag als die verlangende: als Projektionsverhältnis zwischen Personen. Also aus einer vertrackten Urteilsabstinenz, die das Urteil einschließt, dass es anders nicht weitergehen kann, so aber wohl. Der Grund von Hierarchie ist eine als Schmerz erlebte Entzweiung im Selbst: Verzweiflung. Hin- und hergerissen zu sein ist kein gutes Gefühl, umso besser, dass es sich leicht beseitigen lässt. ›Gib’s auf!‹ Wofür? Für ein ›ansprechendes‹ Design. Was verlangst du mehr? ›Diese Menschen erscheinen mir sicher in ihrem Handeln. Was will ich mehr? Ich borge mir etwas von ihrer Sicherheit. Wird sie darum weniger? Sicher nicht.‹ Oder doch? Wann wird eine Bewegung, die nüchtern begann, frenetisch? Warum? Je mehr sie wächst, desto mehr deinesgleichen hat sie sich einverleibt. Es wäre seltsam, teilte sich ihre Urteilslosigkeit denen ›oben‹ nicht mit. Ein Urteil, das aus Urteilslosigkeit stammt, ist frenetisch. Das nützt dem Design, aber es schadet ihm auch. ›Stellt den Clown an die Spitze! Er wird es machen.‹ Wundersame Fügung: er steht schon dort.

 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
5

Wie steht es um die kleinen, als ›informell‹ bezeichneten Hierarchien, die ein Dritter nicht einmal kennen, geschweige denn ›zur Kenntnis nehmen‹ muss? Sie sind das Salz der Erde, sie bewegen Menschen zu den erstaunlichsten Leistungen, sie erzeugen ein Hochgefühl, das sich in Phrasen äußert wie: ›ich bin angekommen‹, ›da finde ich mich wieder‹, ›davon profitiere ich enorm‹, ›das gibt mir Sicherheit‹, ›damit kann ich leben‹. Von solchen Vertikalverhältnissen lässt sich wenig mehr sagen als: sie sind ›in Gebrauch‹. Von keiner offiziellen Instanz abgesegnet, von keinem Zeitgeist mit Rausch-Stoff ausgestattet – … Stopp! Vielleicht doch? Sind nicht, genau besehen, sie die wirksamsten Katalysatoren des Zeitgeists? Richten sich – letzten Endes – nicht alle nach ein und derselben Nadel? Manche hängen noch dran, wenn der Wind sich gedreht hat. Sie waren, meist aus eher belanglosen Gründen – Gesicht, Lächeln, Gestenrepertoire –, Vorbilder oder Verführer, als ihre Sache die Sache aller war, das Erfolgsmodell hat sie unkorrigierbar in Form gebracht, die Form wird zusammen mit ihnen zerfallen, dem einen oder anderen beschert sie die größte Wirkung erst im Zerfall. Also doch: Korrektiv?

 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
6

Gib’s zu, du hast dergleichen gekannt, du warst nicht unempfänglich, du warst, um das Mindeste zu sagen, weit offen für ihren … Zauber, du hast dich ihm leichter anbequemt als der Skala des ›gesellschaftlichen Erfolgs‹. Noch heute erliegst du der alten Lockung, auch wenn du sie ironisierst, du wüsstest doch nicht einmal, ob du ihr entkommen wolltest. Da –! Die Tür steht klafterweit auf, also geh hindurch… Warum hältst du dich an den Türöffner? Nicht er ist das Problem, nicht er die Lösung deiner Probleme. Geh hindurch, wenn’s sein muss, durchquere ihn, warum denn nicht? Es geht nicht? Was für ein seltsames ›es‹ meldet sich da im Sprechen? Also gut, die Sprache täuscht etwas vor, wechsle die Sprache, such dir eine passende aus, das wirst du doch wohl noch hinbekommen. Es geht dir nach? Wo? Wie? Und vor allem… nein, nicht noch einmal. Das hatten wir schon.

 
 
 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
1

Dieses Auge, mit seinen vertrauten Apparaturen, Linse, Iris, Netzhaut, Aderhaut, Hornhaut, Pupille, mit vorderer und hinterer Augenkammer, Glaskörper, Lederhaut, Ziliarkörper ist ein Prachtstück: voll funktionstüchtig, wie die Mediziner versichern, eine komplexe Einheit voller Feinheiten, Schärfen und brillanter Einzellösungen, in jahrzehntelangem Einsatz erprobt, aber – es fehlt der Anschluss. Dort, wo der Sehnerv unter dem Gerät seinen Einsatz verrichtet, befindet sich nichts oder weniger als nichts, ein Restelement, nicht der Rede wert, gerade groß genug, um den Verdacht eines von Anfang an gegebenen Defekts abzuweisen, denn die Spuren der Zerstörung sind unübersehbar. Das Auge erkennt, was es erkennen soll oder erkennen sollte, wäre nur der Sehnerv intakt. Es erkennt aber nichts, weil die Verbindung ins Sehzentrum, dorthin, wo die Bilder zusammengesetzt werden und ihre Reise durch die gedeutete Welt beginnen, unterbrochen wurde. Von welcher Instanz?

 
 
 
Auge ohne Anschluss
2

Das zu berichten ist ein langer Weg, eine verwickelte Suche, ein langsames Spurenlesen wo? Hier von Dunkel zu reden, verbietet sich praktisch von selbst, auch stellt sich die Frage, welches Dunkel gemeint sein könnte, denn das Dunkel, in dem das Auge lebt, aus der Distanz beäugt von vielen Augen, die registrieren, dass mit ihm nichts stimmt, ist nicht so dunkel, wie es der Theorie nach sein sollte. Doch selbst diese Aussage läuft bereits etwas aus dem Ruder, denn die Theorie ist ja nichts Stabiles, nichts ›Festes‹, um ein Wort aus dem menschlichen Beziehungswesen zu benützen, das im Betroffenen schmerzliche Assoziationen auslöst. Sie ist fluide, quecksilbrig, scheinstabil, immer kurz davor, die einmal gefundene Gestalt zu verlassen und in andere hinüberzugleiten. In der Theorie ist das Dunkel dunkel, ein Feld der Erhellungen, die heute so, morgen so ausfallen können, ein mixtum compositum aus vergangenen und künftigen Erhellungen und dem, was darin immerfort bestehen bleibt, also das Dunkel.

 
 
 
Auge ohne Anschluss
3

Ein Auge, das alles sieht, aber unfähig ist, seine Informationen weiter zu leiten, weil der Kommunikationsstrang in einem chemischen Vorgang totgelegt wurde, der keine Umkehr gestattet, sieht, ohne zu sehen, aber es ist nicht tot. Es bleibt ein Bestandteil des lebendigen Organismus, es funktioniert als Glied dieses Organismus, es sieht nichts, aber das ausgezeichnet. Also liefert es weiter Informationen, wenngleich nebensächlicher Art, an seine organische Umgebung. Es empfängt auch Signale aus ihr – selbstverständlich, selbst die Verbindung zum Sehzentrum ist nicht vollständig abgerissen. Das Auge verrichtet seine Aufgabe, es dreht und wendet sich in jede erwünschte Richtung, es hat keine Mühe damit, sich auszurichten und, der begleitende Sprachsinn kommt auf die Vokabel zurück, zu sehen, was das Zentrum ihm aufträgt. Aber was es sieht, bleibt dunkel. Nein, es bleibt nicht dunkel, es wird vom Dunkel verschluckt.

 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
4

Das Dunkel wird vom Zentrum produziert, ganz allein vom Zentrum, das keine Signale empfängt, wo es sie erwartet, und das in seiner Erwartung gleichsam erstarrt ist, eine Salzsäule der Information, unfähig, zu begreifen, unfähig, die neue Situation, die so neu nicht ist, zu analysieren und auszusteuern. Nein, ganz so ist es nicht. Es hat gelernt, mit dem verminderten und, selbstverständlich, einseitigen Informationsfluss zurecht zu kommen, den das verbliebene gesunde Auge produziert. Es hat gelernt, mehr schlecht als recht, damit zurechtzukommen. Zurechtkommen bedeutet, dass alle Funktionen bedient werden, nur das Lebensgefühl leidet, was nicht so schlimm zu sein scheint, denn es leidet immer. Jedenfalls scheint es so. Das Lebensgefühl, sonst sehr beredt, schweigt darüber.

 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
5

Ein Auge zuviel vielleicht. »Auch du?« wird mancher ironisch fragen, mancher verkneift es sich auch, als ob er bereits wüsste, dass die Bemerkung in dir keinen Widerhall findet. Das ist schade, so ein Wortspiel verändert die Welt. »Wirklich?« wird ein Unbedarfter fragen und selbstverständlich ist er im Recht: seine Welt war zu keiner Sekunde in Gefahr, und da er sie bereitwillig mit jedermann teilt, ist sie Jedermanns Welt, der kleinste gemeinsame Nenner und ungeheuer komplex –: ein Ungeheuer an Komplexität, ein Ungeheuer auch ohne Komplexität, aber das steht auf einem anderen Blatt, das vielleicht noch geschrieben gehört, ein ›Desiderat‹ in der schnell verblassenden Sprache, unter deren Umhüllung die Wissenschaft langsam, sehr langsam herangereift ist und die sie gerade jetzt abstreift.

 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
6

In diesem langen Jetzt, das perspektivisch beweglich in den Köpfen der Beteiligten hängt, wandelt sich das Gesicht der Welt. Etwas tritt zurück, etwas tritt vor, es ist nicht mehr der erhoffte scharfe Schnitt, der das Gegenwärtige vom Vergangenen trennt, aber eine Art Umschlag, wie er jeder langen Welle am Ende bevorsteht, wenn sie in seichtes Gewässer einläuft. Der Getroffene hütet sich, die Jedermannswelt gering zu schätzen, auch er entnimmt ihr seine Erregungen, ohne sich groß dafür zu genieren, doch das Auge ohne Anschluss lässt sie flach erscheinen, flacher jedenfalls, als es den Potenzen entspricht, die er in sich ausmacht, flacher auch als manches, das ihn aus der Vergangenheit anspricht.

 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
7

Dieses Plastischwerden vergangener Dinge oder ›Konstellationen‹ – durch ein Wort, einen Satz, ein Bild am Ende einer langen Aneignungskette hervorgetreten – steht in schroffem Gegensatz zu der Empfindung, taub zu bleiben gegen ihren öffentlich kommunizierten Sinn, ›taub‹ verstanden in der moralischen Bedeutung des Wortes, also unbewegt und unbeweglich, abwartend vielleicht, aber nicht wirklich überzeugt, irgendeine Einstimmung könnte sich über kurz oder lang noch daraus ergeben. Die Distanz ist einfach zu groß. Doch in guten Stunden beseelt dich die Überzeugung, es liege an dir, die plastische Kette soweit ›herauszuarbeiten‹, dass sich ganz von selbst das Verhältnis der Mitwelt zu diesen Dingen verändern werde.

 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
8

Das ist Illusion, wie du wohl weißt, auch während der guten Stunden, auf deren Grund das Wissen um die unauslotbar sich fortwälzende Gleichgültigkeit der Gegenwart gegen derlei Impulse sich nur sachte regt wie ein schlafender Hofhund, dessen Schwanz im Staub von einer Seite zur andern wandert.

 

Die Gleichgültigkeit des Heute gegen sich selbst.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Soziales Prisma
1
 

Baustelle

Ein guter
Beobachter spricht nicht.

Ausgehoben die Grube, abgestützt die bis auf den letzten Ziegel freigelegten Grundmauern der umliegenden Häuser, Sand deckt die wellige Tiefe, auf der gerade noch Bulldozer kurvten. Zwei Rohre, eins schwarz, eins grau, ragen senkrecht aus der Fläche. Ein Moment der Stille, der Verlassenheit vielleicht, bevor die Betonmischer anrücken. Die Verlassenheit sagt: Alles liegt bereit. Alles, das meint: die Stelle, an der die Stiefel der Bauarbeiter knirschen werden, bis der fertige Bau ihre Anwesenheit überflüssig, nein, eher lästig und unerwünscht werden lässt. Soweit sind wir noch nicht. Keiner von denen, die hier das Sagen haben, lässt sich blicken. Man soll deshalb nicht denken, ihre Blicke seien abgezogen und der Grund sich selbst überlassen. Sie liegen auf Plänen, Kostenberechnungen und Bereitstellungsangeboten, sie tasten in den umgebenden Raum und kehren mit Vorurteilen beladen zu etwas zurück, das es, außer in den sie steuernden Gedanken, nicht gibt. Auch die Umgebung sieht, was hier geschieht, sie sieht, dass etwas geschieht, vereinzelte Anwohner haben, als Betroffene, Einsicht in die Pläne genommen und blicken mit Neugier oder Häme oder Besorgnis auf das, was kommt: menschliche Radarstationen, die sehen können, was man nicht sieht, was nicht zu sehen ist, weil der Nebel Zeit darauf liegt. Ach was Zeit, sagt der eine oder andere, hier ist kein Platz für das, was die sich ausgedacht haben. Hat ihnen das niemand gesagt? Ich könnte es ihnen sagen, die Wahrheit ist, dass mich niemand fragt. Und wenn schon? Es wird ihre Pleite sein und sie werden damit zurecht kommen müssen. Auch an Pleiten lässt sich verdienen, an solchen, die in der Zukunft liegen, allemal. So ein Bau unterliegt seinen eigenen Gesetzen. Was daraus wird, weiß kein Mensch. »Ich habe da keine Baustelle, mein Haus ist vorerst intakt, wenn etwas abrutscht, zahlt die Versicherung.« Nein, er hat keine Baustelle, jedenfalls nicht hier, wo sein Eigentum endet und das anderer Leute beginnt, von denen er den einen oder anderen Namen kennt, ohne dass ihm klar wäre, wo die Geldgeber sitzen und wessen Hoffnungen, Pläne und künftige Investitionen mit im Spiel sind. Er kennt nicht das wahre Ausmaß der Sache. Und das ist gut so. Vielleicht könnte er nicht mehr ruhig schlafen oder er nähme das Angebot, sein Eigentum wegzugeben, jetzt bereits an und zöge davon. Wohin? In die Zukunft natürlich.

 
 
 
 
 
Soziales Prisma
2
 

Zollfahndung

Er sammelt
Eindrücke.

Konterbande, ein Wort, das an Gebirgsgegenden denken lässt und ans lustige Pfeifen der Kugeln, wenn sich Fuchs und Hase auf felsigem Waldpfad begegnen. Weit gefehlt. Nur die Tageszeit stimmt, die Stunde der frühen Erhebung, des verpassten Gebets, bevor die Straße erwacht. Die Kontrolleure, sie schlafen nicht, schattenhaft erheben sie sich mit den Kontrollierten und sinken mit ihnen zu Bett, nicht wirklich, sondern nur, um neben oder in denen aufzuwachen, die gerade die Augen aufschlagen und, süchtig nach ein wenig Tag, die Rolläden vorsichtig anheben. Richtig, draußen rollt der Verkehr, er muss rollen, wenn das Ziel erreicht werden soll, die Versorgung aller mit allem, was das Leben benötigt, um mehr zu sein als es selbst, ein bisschen mehr von allem, eine dünne Schicht zwischen dem Ich und dem Mangel. Das Ich fürchtet den Mangel, es sorgt sich, es könne in ihm verschwinden wie die Prinzessin im Putz. Nein, nicht in der Furcht des Herrn verbringt es seine Tage, sondern durchdrungen von der Furcht, in die Mangel genommen zu werden oder Mangel zu leiden. Diese Furcht treibt es um. Sie schlägt aus ihm heraus, so dass es gelegentlich in Raserei verfällt und um sich schlägt in Worten und Werken. Nichts ist dann wie zuvor. Eigentlich erstaunlich, wo sich doch nichts geändert hat. Verändert hat sich die Furcht des Herrn. Nein, sie ist nicht verschwunden, sie tritt jetzt als Mangel zutage, der befriedigt werden will. Seltsames Wort für den Frieden, der da kommen soll. Seltsamer noch die Befriedigung, die von ihm ausgeht, vor aller Befriedigung, ein Stück Befriedung im Aufruhr. Das Denken setzt aus und die Bedürfnisse schweigen für einen Moment, bevor sie losstürmen, Losgelassene, die ihr Glück noch nicht fassen können.

 
 
 
 
 
Soziales Prisma
3
 

Gruppenaufnahme

Er lässt sprechen.

Aufgenommen wird in Gruppen. »Wir sind nicht einer, wir sind viele.« Ein großes Wort, zu groß für einen, der sein Glück nicht zu fassen vermag. Das ist auch nicht nötig. Es wäre sogar erstaunlich, gelänge es einmal, weil da nichts Fassbares bleibt, nichts, was sich fassen ließe, am Haarschopf zum Beispiel oder am Hemdknopf. Bleibt die Aufnahme in die Gruppe, das Ritual der Rituale, der Ur-Akt. Die Sprache stellt solche Ausdrücke zur Verfügung, um ihre grenzenlose Verachtung zu bekunden, und die Menschen nehmen sie dankbar an. Grenzenlos sind sie selbst, da sehen sie kein Problem. Wer das Maß aller Dinge ist, geht über jede Grenze. Das Maß aller Dinge aber ist die Gruppe. Wer setzt das fest? Sie selbst, wer sonst. Warum nennen wir, was sich festsetzt, Gruppe? Weil alle Posten in ihr vergeben sind. Weil sie es ist, die Posten vergibt, sobald sie vakant werden. Weil alle in ihr vorkommen, einzeln, unverwechselbar, aber zuströmend und Abschied nehmend, wenn es an der Zeit ist. Weil... sie keine Ansammlung ist, sondern eine Macht. Die Gruppierung von Menschen erzeugt Macht. Doppelte Macht, nach innen wie nach außen. Macht, etwas durchzusetzen. Ein Einzelner, der als Gegen-Macht aufträte, würde mit einem Schlag unsichtbar. Wäre er klug, beließe er es dabei. Aber er ist nicht klug, er kann es nicht sein. Er ist verletzt: die Gruppe hat ihn nicht aufgenommen oder sie hat ihn ausgestoßen. Also? Er ist ihr verfallen, auch wenn es ihm nicht gefällt. Seine Macht erwächst aus dem Schaden, den er ihr zufügen kann. Will er es denn? Er weiß es nicht, aber es wäre die Überschreitung. Wenn es das Ziel der Gruppe ist, Grenzen zu überschreiten, dann heißt ihr schaden sein ›Ecce Homo‹ herausschreien: auch hier ein Mensch. Fort mit dem ›auch‹. Hier ist ein Mensch. Fragt sich nur welcher. Auch er ist viele. Viele in einem. Gelingt es ihm, sie zu mobilisieren, dann ist er die Gruppe noch einmal, ihr schattenhafter Begleiter, ihr Doppelgänger, ihr Stellvertreter an Örtern, an die sie nicht hinreicht, die ihr unzugänglich oder unbekannt bleiben. Solche Örter existieren, kein Zweifel, das Gruppenbewusstsein speit sie aus, denn es will alles, aber nicht auf einmal. Es speit sie aus, sage ich, sein Speichel klebt an ihnen, sie sind hoch kontaminiert. An ausgespieenen Örtern herrscht kein Mangel, eher Überfluss. Ein Überfluss an Mangel macht sich an ihnen bemerkbar, ein überflüssiger Mangel und ein nicht-flüssiger Überfluss, ein Überfluss ohne Bewegung, ohne die Möglichkeit abzufließen, in welches Bett der Genüsse auch immer.

 
 
 
 
 
Soziales Prisma
4
 

Szenenfoto

Er notiert.

Die Szene, blind, verwaschen, kaum zu erkennen: alles, was vorgeht. Was vorgeht, kommt aus diesem Nebel hervor, der keine Auskünfte gibt, es sei denn, man bescheidet sich mit dem Nachhall der Stimme, die sie verlangt. Die Stimme ist gut sortiert, sie hat ein Tiefenregister, das alle verständigt, sie kennt die Obertöne, bei denen die Hunde die Ohren spitzen, während der Rest der Familie nichts bemerkt, abgerechnet das merkwürdige Verhalten der Hunde. Vor allem kennt sie die volle Breite der Verständigung. Ihre Breitseiten sind bekannt, um nicht zu sagen gerühmt. Auf dem Foto ist sie nicht gut zu sehen, genauer gesagt, sie kommt darin nicht vor. Wie auch? Die tönende Postkarte wurde noch nicht erfunden, sie lauert im Abgrund der Zeit, deren Verständnis heute nicht weiter reicht als die stumme Gebärde. Ein Bild, auf dem nichts zu erkennen ist, will durchmustert werden, Quadrat für Quadrat, vielleicht, dass es doch etwas preisgibt. Was von einem Apparat aufgenommen wurde, muss irgendwo sein, es kann doch nicht auf Dauer verschwunden sein, vor allem nicht in sich selbst. Die Vergangenheit kann nie Vergangenheit werden, schließlich ist sie es schon. Zeit, die sich von der Gegenwart trennt und davongeht, hat kein Ziel. Ohne Ziel keine Entfernung, nur die zwischen sich und sich. Also entfernt sich das Vergangene in sich selbst. Wer es fassen will, muss die Distanz überbrücken, die es in sich selbst aufgerichtet hat. Das aber heißt: im Nebel stochern, im Nebel lungern, mit aufgedrehten Sinnen. Die Schwaden, die das Vergangene erzeugt, sind nicht nur für das einzelne Gehirn bestimmt, das sich mit mehr oder weniger Einsatz zu erinnern versucht. Sie durchwabern die Fliege an der Wand zusammen mit dem Verfolger, der, über den Schreibtisch gebeugt, auf sie lauert. Von ihnen erfüllt greifen sie aufeinander zu, entgehen oder verfehlen einander. A propos Fliege. Keiner kennt sie, keiner will sie kennen. Bloß zu nahe kommen darf sie dir nicht. Aber wer darf das schon. Der Verfolger bist du: wohnhaft in der Vergangenheit. Deine Gegenwart durchschneidet die Szene, in der, gut sichtbar, das kaum Erkennbare brodelt: »Seht her, nichts zu erkennen! Bitte behaltet das.«

 
 
 
 
 
Soziales Prisma
5
 

Streuwinkel

Er hält mit.

Das Reptil, stundenlang in flirrender Hitze ein Opfer belauernd, verfehlt sein Ziel knapp. Schuld daran ist der Streuwinkel. Nicht, dass es ihn nicht kennen würde, nicht, dass es auf ihn nicht eingestellt wäre. Darum geht es nicht. Nicht eingestellt ist es auf die Schwankungen, denen er unterliegt. Bedürfte es der Hilfe der Wissenschaft, um zu überleben, dann müsste es eine Wissenschaft von den Schwankungen sein, denen optische Täuschungen ausgesetzt sind. Sie bilden eine echte Gefahr, vielleicht die einzige, mit der die Täuschungen rechnen müssen, wenn sie sich einen festen Platz in der Wahrnehmung erobert haben. Täuschung funktioniert nicht eo ipso, sondern nur in einem Fluidum, auf das Verlass ist, aber nicht zu sehr. Wer sich verlässt, der wird verlassen. Wer sich nicht verlässt, kommt vor lauter Maßnahmen nicht aus sich heraus. Das ist für den Einzelnen gesagt, in der Gesellschaft kehrt es sich um. Die Gesellschaft kennt das Glück der Maßnahme, die für sich selbst bürgt. Der Streuwinkel, als moralische Anstalt betrachtet, als Theater der Verfehlungen, folgt, die Auguren wissen es, den Gesetzen der Ablenkung, die für jedes Medium extra bestimmt werden müssen. So bewegt sich das Phänomen in engen praktischen, aber weiten theoretischen Grenzen. Manches, was dem bloßen Auge eng beieinander liegt, erweist sich als unvergleichlich, anderes, als gleichartig beschrieben, macht in der Praxis einen gewaltigen Unterschied – in der Praxis, also einen geringen, alles entscheidenden. Ein knapp verfehltes Ziel bleibt ein verfehltes, selbst wenn die Leistung des Schützen als bewundernswert gilt. Ein knapp verfehltes Lebensziel – nicht auszudenken, unauslotbar das Ganze, der reine Horror. Da bleibt es besser, keines zu haben, locker zu bleiben und mitzustreuen. Streut, meine Lieben, streut, was das Zeug hält! Bleibt unerreichbar! Der Rest wird sich finden. Und fände er sich nicht, so fände sich ein anderer, immer ein anderer. So darbt man sich reich. Das ist, aufs Universum der Ablenkungen hochgerechnet, nur konsequent und letzten Endes nicht übel.

 
 
Erwartung eines Duells
 
 
Erwartung eines Duells: Ansage
1

Nicht dass sich jemand angesagt hätte: so nicht.
Es ist auch nicht so, als ob du eine Fehde vom Zaun gebrochen hättest oder ›drauf und dran‹ wärest, eine Unbedachtheit zu begehen.
Dein Schreibtisch ist aufgeräumt.
Deine persönlichen Verhältnisse oder das, was du dafür hältst, gestalten sich ruhig, eher zu ruhig.
Selbst die Turbulenzen, die du neuerdings darin findest, strahlen eine gewisse Ruhe, um nicht zu sagen Unterkühltheit aus. Du hast dich unter Kontrolle.
Etwas ist aus dem Ruder gelaufen.
Ein Wolf ist in die Herde gebrochen, ein Schaf liegt im Blut. Zeit zu handeln.
Irgendwo fällt eine Entscheidung, allein das erweckt Neugier.
Das Element unterläuft jede Entscheidung.
Der Wolf, eine Fressmaschine, die aus dem Dunkeln kommt – Metapher, weder gut noch schlecht, weder angemessen noch unangemessen.
Eine Zeit-Metapher: Zeit, das Seinige zusammenzuhalten.
Beobachten, Schlüsse ziehen, bereit sein.

 
 
Erwartung eines Duells: Gewalt
2

Niemand duelliert sich willkürlich.
Das wäre ja Gefuchtel.
Mit schlimmen Folgen vielleicht, aber: Gefuchtel.
Staatliche Willkür zum Beispiel kann Widerstand rechtfertigen, vorausgesetzt, er bedient sich rechtlicher Mittel.
Auch der Inhaber des Gewaltmonopols muss sich an Abmachungen halten.
Alles andere wäre Willkür.
Gegen Willkür helfen keine Abmachungen.
Umstritten ist, wo Gewalt beginnt.
Man ist sensibler gegen Gewalt, die vom anderen ausgeht.
Irgendwie ist sie spürbarer, das muss an der Gewalt liegen.
Die unwillkürlichen Regungen der Gewalt bezeugen die Gewalt des Unwillkürlichen.
Seine Willkür ist dem Handelnden unwillkürlich
Die der anderen empfindet er tief.
Sie wühlt ihn auf, sie erregt sein Rechts- und Rachegefühl.

 
 
Erwartung eines Duells: Herrschaft
3
›Alle Gewalt geht vom Volke aus‹: dieser umfassendste Satz, in den Staatssockel eingemeißelt, erlaubt die allgemeine Prügelei nur in eng umgrenzten Ausnahmefällen.
Eigentlich schließt er sie aus.
Alle Gewalt, die vom Volke ausgeht, tritt ihm als Staat gegenüber, um es in Schach zu halten.
Wahre Gewalt, die den Staat zu verschlingen droht, geht vom Volke aus, virtualiter, und wird: Staat.
Alle Gewalt beginnt mit Sprüchen.
Gegen Sprüche sind die Herrschenden machtlos.
Es sei denn, sie sprechen sie nach, aus Bequemlichkeit oder aus Furcht, irgendwann auch aus Überzeugung.
Was ist Überzeugung?
Rede, in die der Herrschaftswunsch einschießt.
Ist er schon da, umso besser: Rede folgt nach.
Dann beginnt eine Zeit der Okkupation.

 
 
Erwartung eines Duells: Krawall
4

›Einer muss den Kopf hinhalten‹.
Einer, wer ist einer?
Mit dem Kopf ist es nicht getan.
Mit einem Kopf ist es nicht getan.
Ein Notstand, der auf sich hält, beginnt im Kopf und geht in die Beine.
Wer zwischen seinesgleichen zu laufen beginnt, fragt nach den Gründen nicht.
Er begehrt auf.
Im Aufbegehren liegt das Begehren obenauf.
Viele meinen, es dort zu fassen.
Ein zeitverschobener, des Gegners beraubter Widerstand zum Beispiel lässt sich kaum aufhalten.
Er ist schön, er glänzt in der Sonne, Tauperlen spielen um seine Muskeln, er zeigt den Menschen in seiner inneren Größe.
Äußerlich vermummt, um jede Rest-Unbill für sich auszuschließen.
Man müsste von Sinnen sein, sich damit zu duellieren.
Das Volk? Das Volk ist sich selbst eine fremde Macht.

 
 
Erwartung eines Duells: Nebelwerfer
5

In Wortnebeln watend, kämpfst du gegen Ungeheuer, die kein anderer sieht.
Wer deine Ungeheuer nicht sieht, kann der dein Anderer sein?
Vieles ist ungeheuer. Die Bereitschaft dagegen aufzustehen wird durch die schiere Möglichkeit niedergehalten, ›nichts weiter‹ zu sehen.
Das Nichtsweiter schiebt sich zwischen den, dessen Auge glimmt, und den Schrei der Qual.
Alles geschieht zweimal, jedesmal unerwartet.
Nichts leichter abzulenken als eine gut postierte Erwartung.
Reden wir über das zweite Mal.
Hysterie höhlt es aus, zehn, zwanzig, hundert Mal, ohne Not.
Du suchst nach Widerstand in dem allen und er bedeutet: nichts.
Ein unbedeutender Widerstand. Was daran wäre bedeutend?
Wogegen du dich wendest, es bleibt unbedeutend, solange du immer gleich weit von dem entfernt bleibst, was den Widerstand rechtfertigen könnte.
Unbedeutend für wen?
Es ist der Schmerz, der krakeelt.

 
 
Erwartung eines Duells: Rache
6

Du willst dich rächen? Mit welchen Mitteln? In welcher Sache?
An wem?
Was geschehen ist, liegt dahinten.
Du willst es hervorholen? Nur zu!
Was kommt da ans Licht? Eine Motte? Ja, eine Motte.
Um einer Motte willen willst du dich rächen?
Nein, es ist keine Motte.
Solange ein Name im Raum steht, ist es keine Motte.
Was dann? Was ist es dann?
Ein Name, du sagtest es schon.
Um eines Namens willen wärest du zu allem bereit.
Hinter dem Namen versteckt sich: der Feind.
Ist das richtig? Nicht ganz.
Ein Name ist es, der dich in Raserei versetzt. Im Namen steckt der Feind. Im Namen des Feindes bist du bereit. Das klingt ja, als stecktest du selbst...?
Lösche den Namen und du löscht diesen Brand.

 
 
Erwartung eines Duells: Konflikt
7

Kannst du das nicht – einfach vergessen?
Vergiss den Namen, das fällt nicht schwer.
Dich hat die Person gestreift, die ihn trägt – na und?
Bietet der Planet nicht Raum für euch zwei?
Du willst eine kleine Rache, eine Rache, die ritzt, nicht vernichtet?
Wie verächtlich.
Ein Name, ein Wort erniedrigt dich, zwingt dich in die Froschperspektive, stört.
Vergiss den Störer.
Vergebung? Wofür? Für das da? Du kannst nicht vergeben, mach dir da nichts vor, du wüsstest nicht, was, für Vergebung bist du nicht zuständig.
Du bist verwundet? Das kann passieren. Du willst deine Wunde rächen? Das ist absurd. Du willst sie päppeln? Das klingt verständlich.
Nach getaner Rache: ist sie dann groß und stark? Wie groß? Wie stark? Bist dann du die Wunde?
Kannst du dann endlich, endlich sagen: Seht her, ich bin eine Wunde – so eine saht ihr noch nie?

 
 
Erwartung eines Duells: Konflikt
8

Ein Konflikt, der bereits in der Welt ist, bedeutet viel. Er schafft Bedeutung. Ein Grund, weshalb die Richtung, die sich ›Konfliktforschung‹ nennt und an Strategien zur Beseitigung von Konflikten arbeitet, kaum mehr zu bieten weiß als einen Fleisch und Papier gewordenen Euphemismus. Jeder Gang ins Café, jedes belauschte Zufallsgespräch kann das bestätigen. Das Denken und Reden der Menschen kreist um Konflikte. Aus ihnen holt es den Stoff, den es braucht, um zu überleben, um Morgen für Morgen das Geschäft der Auferstehung zu betreiben, heimlich und offen, als Rückkehr.
Du leugnest deine Konflikte nicht, im Gegenteil. Du dringst darauf, ihren ›gesellschaftlichen Kern‹ offenzulegen.
Kommt Aggression auf, lässt du sie in der Schwebe.
Sie schöpfen dich nicht aus.
Du kannst nur verlieren. Also lerne, mit dem Verlieren zu leben. Auch mit Verlierern? Sie geben zu denken, das ist wahr. Doch auch diese suchen den Konflikt: ärgerlich, schwer zu umgehen.
Nenne dich: einen Konflikt-Tester.

 
 
Erwartung eines Duells: Angriff
9

Nie auszuschließen: die Bereitschaft zum Angriff.
Auch du könntest dich in dieser Rolle verstehen.
Aber es müsste aus dir herausbrechen, spontan, aus parteiischer Leidenschaft, aus Sucht nach Entzweiung.
Entschlossen alle Bedenken beiseitesetzend.
Warum nicht das langsame, kalte, im Licht fahler Überlegungen glimmende strategische Spiel, das den Gegner aussucht, umzirkelt, schwächt, aussaugt und entsorgt, ohne ihm je zu verstehen zu geben, dass er ›der Gegner‹ ist?
Du könntest es spielen, gewiss, es läge dir näher als der archaische Kampfrausch.
Aber: liegt es auch nah genug?
Liegt es dir nah genug?
Wahr ist: Dir fehlt der Impuls.
Bist du kein Mensch?
Ein anderer muss spielen, damit deine Aufmerksamkeit anspringt.
Sicher? Wie lange?

 
 
Erwartung eines Duells: Auseinandersetzung
10

Das Auseinander setzen: käme es sonst nicht, alles in allem, zusammen?
Was, wenn es bliebe, was es vor aller Auseinandersetzung war – eine Verzweigung, ein Sich-voneinander-gelöst-Haben, ein Auseinandersein?
Erst das gesetzte Auseinander zwingt zum Kampf.
Worin also besteht die Setzung?
Erstens: was auseinander ist, soll ganz auseinandergehen, vorwärts und rückwärts, es soll sich trennen.
Warum? Ist die Angst zu verkümmern so groß?
Zweitens: Was auseinandergeht, beansprucht es nicht denselben Raum?
Jeder will, dass der andere geht.
Warum? Ist das hier das Paradies?
Weshalb sind sie dann auseinander?
Auseinander sind sie, weil es sie dazu trieb. Jetzt treibt es sie gegeneinander: letzte Form des Miteinander. Allbewohner, die ihren Platz erst noch finden müssen. Warum der Wunsch zu verletzen? Macht die Schwächung des anderen stark? Macht sie gleich stark?

 
 
Erwartung eines Duells: Gleich und Gleich
11

Du willst gleichziehen ‒ ist es das?
Das misslingt gründlich. Der Rausch, den anderen zu vernichten, ist dein erster Feind und er besiegt dich im Handumdrehen.
Was lähmt deine Gedanken, was pervertiert deinen Wunsch, was drängt sich in dein Gefühl?
Was schiebt sich da zwischen dich und dich?
Seit wann gibt es dich doppelt?
Seit sich der andere von dir löste?
Nahm er dich mit? Wohin?
Erst die Setzung, der Riss gibt dich dir wieder.
Dafür bist du mit dir auseinander. Wo in diesem Handstreich steckt der andere? Nahmst du ihn nicht mit? Verbirgst du sein Double? Wo verbirgt es sich? Du musst es loswerden, koste es, was es wolle.
Das leuchtet ein. Aber es enthält eine Schwierigkeit. Du musst dich verstümmeln. Anders geht es nicht.
Davon darfst du nichts wissen. Anders geht es nicht.

 
 
Erwartung eines Duells: Hetze
12

Während du diese Sätze schreibst: an wen denkst du? Ist es wichtig? Ist es unwichtig? Du darfst diese Fragen nicht auf die leichte Schulter nehmen. Angenommen, du sagst, es sei unwichtig – das allein kann ihm ein Gewicht verleihen, das du nicht überschaust. Nimmst du es wichtig? Weniger vielleicht, als du denkst. Mag sein, diese Gesichter, die dich unwillkürlich umzittern, sobald du nachzudenken beginnst, lösen sich erst im Gespräch auf... Die Sache, um die es geht, bedarf keiner Gesichter. Wozu dann das Gegenüber? Etwas stimmt hier nicht. Und du? Denkst nicht darüber nach. Warum? Weil es dich ablenkt. Das gesichtslose Duell, geformt aus Erwartung, aus leerer Erwartung, wo erwartet es dich? Erwartet es dich? Woraus fließt deine Erwartung? Aus nichts? Keineswegs. Woraus dann? Aus Erfahrung? Wieviele Kämpfe hast du bestanden, um zu sein, der du bist? Welchen deiner Gegner hattest du frei gewählt? Gewählt als Gegner? Diese Menschen... Was wollten sie von dir? Wollten sie überhaupt –? Trieb es euch gegeneinander? Auch das schon: Duell-Erwartung? Erwarte dir nicht zuviel, ein Duell wird deine Probleme nicht lösen.
Auch diese Erwartung ist leer, das teilt sie mit jeder Erwartung.

 
 
Erwartung eines Duells: Kämpfer
13

Die leere Erwartung zieht diese Gesichter an.
Im Tabernakel des Wunsches, bereit zu sein, stellt sie sich dar.
Vielleicht schwant dir, der Schlag habe dich längst getroffen und was du bebend spürst, ist keine Vorahnung, sondern ein Nachzittern, das nach Revanche verlangt.
Verlangst du Revanche, um dich zu beruhigen?
Um das Zittern zu bändigen, das dich unaufhörlich durchläuft?
Was, wenn es ein Teil deines Lebens ist?
Der Teil, der nicht weggeht?
Stempelt dich das zum Kämpfer?
Was ist das: ein Kämpfer?
Einer, der angreift, immer und immer wieder, weil er sich nichts anderes weiß? Einer, den man besser zu Fall bringt?
Du bist kein Kämpfer, allenfalls wider Willen, wider besseres Wissen, wider alle Vernunft: das sind viele ›wider‹, vielleicht schon zuviel, künstliche Hürden, die fallen, sobald die innere Jagd beginnt.

 
 
Erwartung eines Duells: Gorgo
14

Das Duell, das mit der Geschwindigkeit des Weltalls (was geschähe nicht ›mit der Geschwindigkeit des Weltalls‹?) auf dich zurast, hat kein Gesicht, es sei denn das der Gorgo, das jederzeit überall aufgehen kann, knospengleich, obwohl der Vergleich hinkt. Vermutlich handelt es sich um eine Ballung: wo entspannte Lineamente einen Weltzustand anzeigen, in dem kein Schicksal sich zeigt, dem mit Scheu zu begegnen wäre, es sei denn mit dieser diffusen Weltscheu, die nicht weggeht, auch wenn du dir nichts sehnlicher wünschst, aus nichts heraus also, umschlängelt von Nichtigkeiten, tritt die Verdichtung ein... – irgendwo im Wahrnehmungsfeld schieben sich Züge in-, durch-, übereinander, verzerrt von einer Kraft, die noch zögert, in Erscheinung zu treten, einen Moment jedenfalls, bevor der Krater sich öffnet.
So könnte es gehen. Die Chancen stehen gut.
Es ist das Unerwartete, das dich erwartet.
Alles andere wäre ›putzig‹.
Dein Empfinden signalisiert, es wäre beleidigt, sollte es anders kommen.
Entwicklungen, in denen bereits andere das Sagen haben, lehnst du ab.