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DER EINZIGE

Der Spalt
1
Archipel

Der Spalt, in einen ungesteuerten Fluss von Gedanken eingelassen: eine Reihe von gleichzeitig, als drehe einer an den Lamellen einer Jalousie, sich öffnenden Schlitzen lässt die Gedanken aufleuchten, bevor sie auseinanderbrechen, zerbröckeln, zerkrümeln und nach und nach aus dem ausscheiden, was du wie andere vor dir und neben dir ›Wachbewusstsein‹ nennst.

 
Der Spalt
2
Archipel

Erster Eindruck: sie leuchten auf und verschwinden. Zweiter Eindruck: sie klammern sich, um das Bild der Jalousie weiterzuführen, an die Lamellen und werden durch eine Kraft weggedreht, die eine Zeitlang mit sich verhandeln lässt, aber letzten Endes siegt. Angenommen also, es sind Gedanken – und Gedanken sollten es sein, zwingend auseinander hervorgehende Gedanken mit starken Anteilen von Wirklichkeit, so wie sie im Erwachen zergehen –, dann bezeichnet das als Aufleuchten empfundene Sich-Zusammen­drängen den Augenblick, in dem sie zerfallen und zerfallend in ein Feuerwerk münden, also, um es drastisch auszudrücken, sinnlos verpulvert werden.

 
 
Der Spalt
3
Archipel

Die Figuren des Feuerwerks verblassen rasch und entschwinden … scheinbar spurlos. Aber nur: scheinbar. In einem leeren, noch unbestimmten Sinn bleiben sie weiter anwesend, bleiben für diesen Tag, vielleicht nur für seine ersten Minuten oder Stunden, jedenfalls lang genug, um dem Erwachenden eine Art innerer Orientierung zu geben, die durch die kraftvoll nach vorn drängende Ordnung des Raumes und der darin befindlichen Dinge rasch zurückgedrängt, doch nicht völlig beseitigt wird.
Sie bedeuten nichts. Mit ihnen zieht Bedeutung ein.

 
 
 
 
 
 
Locus conclusus
1
Archipel

Loch. Hohlraum, verschlossener, unzugänglicher, verborgener, unvermutet zutage tretender, als störend, als widerwärtig wahrgenommener oder empfundener Nicht-Ort. Bresche. Instrument der Neugier, Blickfang. Möglicher, erweiterbarer, künftiger oder scheinbarer, Illusionen nährender Weg ins Freie, Ausblick auf was auch immer, leere Stelle, schwarze, versiegelte, glanzüberspielte Fläche mit fächerförmig auseinanderlaufenden Rändern, randlos also, aber nicht unbegrenzt, schwebender Fleck in der Landschaft. Es liegt dir vor Augen, es entzieht sich der Betrachtung und fordert sie heraus, es stellt sich dar, ohne dass du wüsstest, was sich so darstellt, ob es sich darstellt oder ob es sich nicht doch um etwas handelt, das einfach abwest, falls so etwas möglich sein sollte.

 
 
 
Locus conclusus
2
Archipel

Bewusstseinskrater. Immer hast du gewusst, dass es das gibt, mehr als einmal hast du den Versuch unternommen, es zu beschreiben, aber ebenso oft hast du ihn unwirsch abgebrochen. Er ist eher klein, von unbestimmter Größe, er erweckt wirklich nicht den Eindruck, tief zu sein, eher flach, schwarz, mit einem flimmernden Rand, der überall auseinander strebt und nirgends in sich zurückläuft, er ruft Befremden hervor, gebremst durch die Überlegung, dass diese schwarze oder gleichsam schwarze Fläche nicht wirklich existiert, nicht in dieser Form und vielleicht überhaupt nicht. Es könnte eine Halluzination sein. Dazu könnte stimmen, dass es nur gelegentlich vor das innere Auge tritt, ohne dass du zu sagen vermagst, wann es das erste Mal geschah. Andererseits: Was taugt eine Hypothese, die eine wirkliche Unwirklichkeit zum Verschwinden bringt, indem sie ein Wort davorsetzt? Was bedeutet der Drang, die Öffnung mit einem Wort zu versiegeln?

 
 
 
Locus conclusus
3
Archipel

Du ›besitzt‹ eine Vorstellung. Komischer Besitz. Er kommt mit, er ist überall dabei, aber er verblasst und bedarf der Auffrischung. Was immer du gesehen hast, in welches blinde Loch auch immer du gestarrt haben magst, du möchtest es wiedersehen. Nicht immer, nicht jederzeit. In gewissen Momenten scheint das Begehren dringlich zu werden. Doch auf Zuruf gelingt hier nichts. Das innere Auge folgt seinen eigenen Regeln. Es öffnet sich selten. Ist es immer da? Schwer zu sagen. Ist es überhaupt ›da‹? Komische Frage: wo wäre es sonst? Was wäre es sonst? Ein bloßes ›Bild‹? Eine Redefigur, erfunden, um darüber hinwegzuhelfen, dass keiner so genau weiß, wovon er redet, sobald er zu reden beginnt? Ein Auge zuviel? Ein Ärgernis für alle, die da glauben einfach zu sehen und sehen zu lassen? Ein vorgestelltes Auge, das eine Vorstellung gibt (schließlich ist es das Auge)?

 

(›Glauben zu sehen‹: Wenn das so einfach wäre.)

 
 
 
Locus conclusus
4
Archipel

Ein Loch, sagst du, es macht sich bemerkbar (die Sache mit dem Auge legst du vorerst beiseite), kein wirkliches Loch, sagst du, kein Riss in einem Gewebe, der neue Oberflächen hervorbringt, keine Vertiefung, nichts ›Materielles‹. Woher weißt du das alles? Nichts von dem, was du vorbringst, ist gewiss. Nichts von dem, was du sagst, ist greifbar. Greifbar ist der geringste Teil der Welt. Der Rest bleibt ›ungreifbar‹. Das hier unterbricht die Vorstellungsreihe, die dein Sehen begleitet, anreichert, gliedert, belebt, verständigt – eine zweite Oberfläche unter der ersten, der gestaltbaren Oberfläche der Dinge, eine Fläche ohne Volumen, in das sich eindringen ließe. Ein Loch im Bewusstsein also, kein ›Filmriss‹, eher ›Teil des Films‹.

 
 
 
Locus conclusus
5
Archipel

Einsicht? Wird nicht gewährt. Es entzieht sich. Wem entzieht es sich? Dir? Bist du dir sicher? Doch wohl nicht. Mit dir hat das alles nichts zu schaffen. Jedenfalls kommt es so bei dir an. Ist es überhaupt vorhanden? Schon, ja, vielleicht. Vielleicht auch nicht (die ›Halluzination‹ spukt in deinem Hinterkopf). Wer weiß so etwas? Ist es ein Gegenstand? Etwas, auf das du jederzeit zurückkommen kannst? Offenbar nicht. Offenbart es sich also (von Zeit zu Zeit)? Offenbar nicht. Es fehlt die Eröffnung. Was dann? Es bleibt, was es ist: rätselhaft, ohne Rätsel zu sein. Irgendwann, auf einem langen inneren Gang, bist du ihm begegnet und seither verfolgt es dich. Ja, es verfolgt dich. Wie lange besteht es schon? Bestand es schon immer? Entstand es irgendwann, von dir unbemerkt, in einem Winkel deines Bewusstseins? Ein seltsames Bewusstsein attestierst du dir da.
Als wäre es eine Jacke, die früher oder später ein Loch bekommt.

 
 
 
Locus conclusus
6
Archipel

Umschlossen vom Fluss, unzugänglich, als liege es außerhalb, zugänglich, als liege es innerhalb des Bewusstseins, selbsterhaltend inmitten der beständigen Unruhe, lose Pupille, vibrierend, als sei es im Nu verschwunden, als banne nur eine schnell vergehende Aufmerksamkeit es an diesen Ort: aber welchen? Eine Hohnfigur – so (und dann wieder anders) kommt es dir vor. Wer höhnt, wer (oder was) wird verhöhnt? Das scheint ›nicht ermittelbar‹. Diese Figur wurde nicht erdacht. Sie denkt nicht, aber sie saugt am Denken. Saugt sie es aus? Ja, in gewisser Weise: ja. Entzieht es dem Leben? Dem ›wirklichen‹ –? So wird es sein. Zu welchem ›Ende‹? Was endet, verlangsamt, verdünnt sich, sobald sie ihre Kraft ausspielt? Was beginnt, verstetigt, verstärkt sich? Was hält sich abseits, bleibt unbetroffen, macht weiter, geht weiter, als habe sich nichts...
Aber das ist doch...? Warum drehst du dich nicht einfach um?
»Ich könnte es, ohne Zweifel. Doch dann ... nein, ich kann es nicht.«

 
 
 
Locus conclusus
7
Archipel

Was du ›Loch‹ nennst … du könntest es ebenso ›Verdickung‹ oder ›Knoten‹ nennen: Das sind bloß Wörter, sie tun nichts zur Sache. Nenne es Sache, nenne es Vorstellung … warum nicht Vorstellung? Was spricht gegen Vorstellung? Dass du dir nichts vorstellst? Dass es sich dir vorstellt? Oder, je nach Vorstellung, gerade nicht vorstellt? Dass es sich in der Vorstellung zeigt? Sagen wir: Eine Vorstellung hat sich gebildet. Von Zeit zu Zeit wird sie vorstellig, ohne dass du dich um sie bemühtest. Fällt dir nichts auf? Nein. Oder doch, halt, da sie ungefragt wiederkommt: Die Frage bleibt. Welche Frage? Nun, die Frage, die sie in die Wirklichkeit ruft. Muss sie gerufen werden? Aber sicher. Gäbe es nicht irgendwo einen Mangel an Wirklichkeit, wie und wo sollte sie sich zeigen? Nun gut. Muss es unbedingt eine Frage sein, die sie ruft? Das ist selbstredend so. Der Mangel, im Bewusstsein angekommen, wird zur Frage: Was fehlt? Da immer alles Mögliche fehlt, sollte sie lauten: Was fehlt noch? Was fehlt noch immer?
Es ist der Mangel, der die Frage formt, ihr Farbe verleiht und Gewicht. Diese Frage hast du vergessen. Sie ist nicht verschwunden, noch immer ruht sie abgedunkelt in dir, kräftig genug, um von Zeit zu Zeit die Vorstellung aufzurufen, die dich beschäftigt und, gib’s zu, ein wenig beunruhigt. So rasch geht man sich auf den Leim: »Suche die Frage, die dir entfallen ist!« Eine Falle, kein Zweifel, mit Krallen auf allen Seiten.
Weiter kommt, wer zurückgeht, soll heißen:
Eine Tasche leert die andere.

 
 
 
Locus conclusus
8
Archipel

Wenn aber die Frage verschwunden ist, ohne verschwunden zu sein, dann ist die Vorstellung, so wie sie sich zeigt, ein Erinnerungszeichen: eine Mahnung daran, dass die Frage noch immer existiert und es wert ist, sich mit ihr zu befassen. Was könnte sie so ins Abseits gedrängt haben? Eine Gefahr, die von ihr ausgeht? Jede Frage, richtig gestellt und unnachsichtig verfolgt, kann tödlich sein. Du hättest sie also weggeschafft, um dich zu retten? Möglich wäre es. Folge der Möglichkeit! Alles fügt sich, als sei es seit jeher wirksam gewesen. Sei wirksam! Folge der Eingebung! Die Eingebung sucht keinen Grund, warum auch immer: Sie sucht die Tat. Am Anfang war die Tat. Dass hier eine Untat geschah, tief innen, wo die Blicke sparsamer werden, steht bereits außer Frage. Fruchtbar muss sie gewesen sein, denn die Erinnerung findet nichts dabei, einmal diese, einmal jene Spur zu legen und so an Stelle der einen, absolut verlässlichen Vergangenheit eine Vielzahl unterschiedlicher, vielleicht nur unterschiedlich gefärbter Vergangenheiten aufscheinen zu lassen, in denen das Loch, das möglicherweise eine Schwärze ist oder eine dunkle Fläche, eine Verdickung oder ein Knoten, immer neue Umgebungen dekoriert, ohne von seiner flimmernden Konturlosigkeit etwas einzubüßen. Das ist zweifellos eine Leistung. Manche würden sie schöpferisch nennen.
Du nennst sie: die verzweifelte Spur.

 
 
 
Locus conclusus
9
Archipel

Du gehst der Frage nach. Wo führt sie hin? Was erfährst du über sie, während sie dich führt? Spricht sie mit dir? Worüber spricht sie mit dir? Über den Mangel, der dir durch sie bewusst wird? Besser wäre, sie führte dich schweigend an den Ort der Tat. Doch das würde voraussetzen, dass sie ihn auf irgendeine Weise enthält. Das ist seltsam, denn sie ist, alles in allem, leer. Bekanntlich lautet die Frage: Was fehlt? – Und? Was fehlt? Du weißt es nicht… Welche Untat kann sich so tief in dich eingegraben haben, dass alles sie verdeckt? Sagen wir: eine Niemandstat. Niemand hat dir angetan, was dir angetan wurde. Wurde dir etwas angetan? Bist nicht du am Ende der Täter? Nein? Warum? Das müsstest du wissen? Warum solltest gerade du das wissen? Frage das Opfer! Bist du das Opfer? Du kennst die Tat nicht und willst Opfer sein? Auf welchen Verdacht hin? Was fehlt dir denn? Wenn du nicht wissen kannst, was dir fehlt oder was dir zugefügt wurde, wie willst du dann Opfer sein? Andererseits: Nenne dich Täter und es fehlt die Tat. Die Verwandlung einer Frage in einen Verdacht erschafft keine Tat. Also doch Opfer? Du betrittst die Täter-Opfer-Welt und sie ist leer. Die Leere täuscht: Diese Welt ist dicht. Die Täter-Opfer-Relation duldet keine Leere, sie duldet keine anderen Götter. Wer nicht für sie ist, der ist gegen sie. Wen sie nicht ausschließt, den schließt sie ein. Die Tat ist Vorwand: Suche den Täter! Suche das Opfer!
Mysterium der Schuld: die lückenlose Beziehung (dichte Relation).

 
 
 
Locus conclusus
10
Archipel

Die Welt zwischen Täter und Opfer (du bist keines von beiden) ist dicht. Wie kommst du in sie hinein? Antwort: auf keine Weise, es sei denn, du bist schon in ihr. Wie kann jemand in etwas sein und auf Dauer von ihm getrennt? Das ist die Frage hinter der Frage, die dich zu führen scheint. Ein Modell dafür wäre dein Körper. Steckst du in ihm? Dann komm doch heraus! Du bist schon draußen? Du bist ganz bei… was auch immer? Dann geh doch in ihn hinein! Siehst du, das kannst du nicht. Wie immer du in ihm bist, du bist draußen. Wie draußen du immer bist, du steckst in ihm. Wäre also die Schuldwelt, deine Schuldwelt, so etwas wie dein sozialer Körper? Aber sie steckt in dir drin, du bekommst sie kaum vors Bewusstsein. Sie ist es, die herauskommen müsste. Wo, bitte, geschieht dergleichen? Sie müsste dich begreifen und du sie. Nichts davon ist der Fall. Nein, sie ist nicht der soziale Körper. Sie ist nur mit ihm verständigt. Worüber sind die beiden verständigt? Über dich. Wie verständigen sie sich? Ganz einfach: über deinen Kopf hinweg… Der Ort der Schuld ist die Horizontale. Probiere den aufrechten Gang und sie weicht. Nein, warte… Das ist nur eine Phantasie. Eine Machtphantasie, machtlos wie irgendeine. Niemand steht gegen die Schuld auf, es sei denn, er wäre bereit, sich von ihr erdrücken zu lassen. Bist du bereit? Wo Täter- und Opferrolle vergeben sind, steigt die Schuld ins Unermessliche. Warum? Sie ist niemandes Schuld, also allgemein.

 
 
 
Locus conclusus
11
Archipel

Zwei Räume: Du kannst die Tür zwischen ihnen in zwei Richtungen passieren. Welche Richtung du nimmst, steht dir frei. Doch halt! Auf welcher Seite befindest du dich? Da ist etwas, das deine Wahl beschränkt. Immer befindest du dich auf einer Seite, auf dieser, auf jener, wie es dir beliebt, du kannst bleiben, du kannst wechseln, dorthin, wo der Pfeffer wächst, aber willst du das? Willst du das wirklich? Gut, du willst auf die andere Seite. Gesagt, getan. Ist sie darum die deine? Und wenn sie es wäre – wo bliebe die Freiheit? Wann also ist sie die deine? Vor dem Wechsel? Danach? Geh durch die Tür und du bist ein anderer. Also komm mir nicht zurück.
»Ist das wahr? Was, wenn ich zurückkäme? Bliebe ich dann ein anderer? Würde ich dann ein anderer? Was bliebe von dem anderen, der ich drüben gewesen wäre? Und wenn ich drüben bliebe, gefangen: Hätte ich nicht die Freiheit zurückzukehren?«
›Sich die Freiheit nehmen‹ –

 

Sprache schmerzt.

 
 
 
Locus conclusus
12
Archipel

Die Welt der Schuld und der junge Morgen: Wofür entscheidest du dich? Wofür würdest du dich entscheiden? Könntest du dich entscheiden? Die Entscheidung ist gefallen, so oder so. Du lebst und du wirst gelebt. Für welche Seite auch immer du dich entscheiden möchtest, die andere holt dich zurück. Aber: Ist die Schuldwelt denn eine Welt? Darf man das: einen geschlossenen Raum voller Ungeziefer eine Welt nennen? Einen geschlossenen Raum, der nicht so geschlossen ist, dass er dich nicht einfinge, während er dich radikal aussperrt? Der vielleicht nur durchs Aussperren Sinn gewinnt? Du weißt: ›Welt‹ ist ein Werbewort. ›Die Welt der Dreigroschenromane: Herein!‹ Schon bist du drin. Eine Welt voller unbeglichener und nicht zu begleichender Schulden: Herein! Da blüht sie auf –

 
 
 
Locus conclusus
13
Archipel

Du erwachst und das Unbehagen ist da. Nicht gleich, du erhältst einen Vorlauf. Zeit genug, dich zu strecken und einzusetzen… Ganz recht, erst musst du ›einsetzen‹, um da zu sein, um wirklich da zu sein: ein Komfort, genannt Leben. Aber bevor du ganz da bist, erwacht der Begleiter und blickt dich aus totem Auge an, blicklos, wie es sich für seinesgleichen gehört. Nein, es gehört sich nicht, ihn auf der Tagesreise zurückzulassen. Es würde nichts nützen. Es nützt nichts zu sagen, du bist und er ist nichts. Es nützt dir nichts. Denn, um ehrlich zu sein, du fändest immer jemanden, der dir versicherte: Da ist nichts.
Das weiß du selbst ganz gut.

 

Nur das böse Wissen lässt sich nicht abspeisen.

 
 
 
 
 
 
Der Tag beginnt
1
Archipel

Viele Leute würden das, was sich einstellt, sobald sie die Augen aufschlagen, ein Stück Wirklichkeit nennen: strahlend, handlich, rund, ungefüge, bedrohlich oder nur hingebuckelt gleich einer Schildkröte oder einer Katze, die zu schnurren beginnt. Besser notiert das Wort ›Ausschnitt‹, worum es geht: das Flirren der Ränder lockt die Wahrnehmung, an der (vorerst) so wenig Wahres ist, dass es die Rede nicht lohnt. Du liebst das Spiel der Lamellen oder betrachtest es mit kalter Aufmerksamkeit. Mehr noch liegt es dir, das Verschiebbare daran zu notieren. Was du siehst oder nicht siehst, was du empfindest oder nicht empfindest, es kommt annähernd auf dasselbe heraus. Es ist beliebig... – nicht deswegen, weil es dir frei stünde, die Umge­bung zu wechseln, eher schon, weil die Summe der Umge­bungen, die du dir zuführen könntest, auch nicht annähernd ankommt gegen die unabsehbare Flut möglicher Umgebungen, denen es niemals gelingen wird, deine zu werden. Obwohl es zweifellos Umgebungen sind, von vielen wahrgenommen, vielleicht auch nicht, zukünftige womöglich oder unentdeckte, niemals in einem einzelnen Bewusstsein realisiert und nie zu realisieren.

 
 
 
Der Tag beginnt
2
Archipel

Aber dieser Gedanke, der dich momentan besticht, ist bereits zu sehr Gedanke, zu konstruiert, um wirklich zu treffen. Wenig an dem, was dich umgibt, ist ›beliebig‹, es sei denn, du beschränkst dich aufs Konstatieren. Auch dann weißt du: Etwas stimmt nicht. Was fast beliebig ist, ist bereits nicht mehr beliebig, es ist zweideutig, beliebig-nicht beliebig, ganz wie du selbst, nur ganz anders, denn es bleibt die andere Seite, so sehr sie dich auch durchströmt. Nicht im Traum beschränkt sie sich darauf, ›Umgebung‹ zu sein. Die Mühe, sie darauf festzunageln, kannst du dir schenken. Sie wäre wie erbracht so kassiert. Diese Art und Weise der unschlüssig flutenden Gegenwart, da zu sein, hat, jedenfalls dir gegenüber, etwas Nachlässiges, als müsse sie zu verstehen geben, dass sie dir Sand in die Augen streut, einfach durch ihre Anwesenheit, ohne jede Absicht zu verletzen oder zu täuschen, überhaupt ohne jede Absicht, aber deshalb nicht minder merklich.

 
 
 
Der Tag beginnt
3
Archipel

Bewegst du dich, so verändert sich der Sinn der Wirklichkeitsrede. Bewegung, selbst die kleinste, verlangt dir Orientierung ab. Du stellst dir vor, wo du dich befindest, in welchen so und so dimensionierten, so und so gegliederten Raum hinein sich dein physisches Ich erstreckt. Du musst also festhalten, was gerade noch Gegenüber war, das Bild aus dem Rahmen lösen, es auflösen, in eine gedachte Anordnung überführen, die Szene in den Blick nehmen, am besten ganz, mit einem Blick. Dieser Blick entscheidet, wie es weitergeht. Bezüge öffnen sich in Raum und Zeit, was gerade noch bewegliche Vorstellung war, schwingt sich auf und lässt die Maske fallen: jetzt ist sie Ordnung, die dich bestimmt. »Sieh hin, sieh doch einfach hin!«

 
 
 
Der Tag beginnt
4
Archipel

Zu spät. Dein Sehen ist jetzt anders unterwegs, es weiß (ja, es weiß!), mutmaßt, bildet Hypothesen, führt Eindrücke zusammen. Es hat sich von der Betrachtung gelöst und spielt mit. Die zur Ordnung geronnene Vorstellung gibt Gedanken ein, Hintergedanken, Zusatzgedanken, Gedanken zweiter und dritter Ordnung, geeignet, eine Situation aufzufächern, Motivationen zuzulassen und zu blockieren, dein Anwesendsein zu vervielfachen und in wirkliche Gegenwart zu überführen ... obwohl ... obwohl sie doch auch wieder das Anwesendsein durchlöchern, mit einer, nein vielen Abwesenheiten durchsetzen, sich kreuzenden, sich überlagernden, die sich gegenseitig bedrängen und hier und da zusammenlegen, damit eine mächtig züngelnde Flamme entstehen kann, in der so manches verbrennt, was hätte wichtig werden können – in einer anderen Welt, in einem anderen, minimal-differenten Raum-Zeit-Gefüge.

 
 
 
Der Tag beginnt
5
Archipel

Was da verbrennt, ist vielleicht ein Haus, ein Haus mit Garten, mit Katz und Hund, Klinkerbau möglicherweise. Doch jetzt, gerade jetzt ersteht vor deinem inneren Auge ein Mausoleum der nicht gelebten Familie, ein weißes Panoptikum mit Säulenportal, vom Chefarzt der Landschaft spendiert, hoch über den Niederungen des homo oeconomicus, in denen er seinem wenig Zeit fürs Privatleben übriglassenden Beruf nachgeht, flankiert von architektonischem Gerümpel, das wie Zunder aufgeht, aber unausgetragene Kostbarkeiten enthält, deren Vollendung es an verfügbarer Zeit gebricht, ganz zu schweigen von Mitteln. Was geht’s dich an. Du bist anders unterwegs. Gibst zu, dass es hier und jetzt nicht in dich eindringt.
Weder Täter noch Opfer. Noch befangen in den Spielen des Bewusstseins.
Wie viele vor, neben und nach dir bist du erleichtert, dass ›deine Situation sich anders gestaltet.‹ Anders als –? Aber auch das: ein wenig bedrückt und nachdenklich, sofern Nachdenklichkeit an Stellen entstehen kann, an denen Wirklichkeit sich verweigert. Sie kann, sie kann es wirklich.
Es ist eines der Geheimnisse, mit denen sie sich umgibt.
Es ist nicht ungefährlich, es ihr entreißen zu wollen. Überdies tückisch.

 
 
 
Der Tag beginnt
6
Archipel

Differieren, ›auseinander tragen‹: die Daseinsbürde in unterschiedliche Richtungen tragen. Besser wäre es, sie gar nicht zu schultern, am besten, sie an Ort und Stelle auseinander-zu-tragen, etwa so, wie in öffentlichen Parks der Wind oder die Elstern oder im Schutz der Dunkelheit operierende Schattenwesen den Inhalt überquellender Abfalleimer aus­einander­tragen. Eine Idee nur, der nichts weiter entspricht als das Raunen des Meeres in seinen Muscheln, von der Brandung ununterbrochen übertönt. Man kann es annehmen, aber nicht vernehmen, was man doch müsste, wollte man sich ernsthaft mit ihm befassen.

 
 
 
Der Tag beginnt
7
Archipel

Das Auseinandergetragene, was geht’s dich an? Viel. Wie viel, das wird sich zeigen. Wird es das wirklich? Es bleibt erhalten und das bedeutet dir viel. Es säumt deine Tag-Existenz. Ein Tag, der nicht anders möglich wäre, wäre kein Tag. Nicht die abstrakte Möglichkeit entscheidet darüber, sondern das begleitende Bewusstsein, auch anders zu können, nein, auch anders zu sein. Nennst du es wirklich Begleiter? Das bleibt dir unbenommen. Es ist nur so… Gibt es Erinnerung an ein Ungelebtes? Das ungelebte Leben wäre demnach … dein Begleiter? Besser gesagt: Das Leben des Ungelebten? Welches Leben eignet dem Ungelebten? Du stellst den Gedanken scharf und er verschwindet. Du nimmst ihm die Schärfe und er tritt hervor. Du nimmst ihm die Schärfe … wie geht das? Wie soll das gehen?

 
 
 
Der Tag beginnt
8
Archipel

Du nennst es ungelebt. Du nennst es ›das Ungelebte‹. Das Bewusstsein, erwachend, sagt: Es ist das Leben selbst. In welcher Sprache? Nun ja: in der Sprache des Bewusstseins. Diese Sprache (falls der Ausdruck erlaubt ist) ist nicht ›distinkt‹. Was du gerade unscharfes Denken nanntest (so oder so ähnlich hast du dich ausgedrückt), ist vielleicht nur das: sprechendes Bewusstsein. Das Bewusstsein spricht dich ein, es ›bringt‹ dich ›ins Spiel‹ – vielleicht stimmt dieser Ausdruck nirgendwo so wie hier –, denn was du ›Leben‹ nennst, das bist du im Stadium der … Unschuld. Nein, nicht ›im Stadium‹. In der Fülle dessen, ›was du sein kannst‹? Nein, eher nicht. Eher in der Fülle dessen, aus dem du dich herausschälst, ohne dass es je ganz gelänge. Stimmt das? Gelingt es ›teilweise‹? Auch das: eher nicht. Nichts gelingt dir. Mit einem Mal bist du, als legte ein Schalter sich um, präsent, eingespannt in die Koordinaten der Gegenwart, und du gehst deinen Weg.
Es ist die Jetztspannung, die dich auf Kurs bringt, sobald sie anliegt.

 
 
 
Der Tag beginnt
9
Archipel

Sprache der Unschuld: wenn du sie suchst, du findest sie hier. Der Raum geht der Zeit voraus, jedenfalls im Bewusstsein, als Raum-Sinn, und welchen Sinn hätte er sonst? Im Zwischenreich des ›Da‹, ohne dazusein, ohne ganz dazusein, findest du dich schuldlos, und wäre da nicht das Loch ohne Tiefe, jener locus conclusus, wer weiß, ob du dich zur Zeit bequemtest. Die Schuld ist eine der Interpretationen der Zeit. Eine mögliche, wie dir scheint, eine unter mehreren, doch du fällst immer wieder auf sie herein. Warum? Weil sie dir unheimlich ist. Wie die Murmel dem tiefsten Punkt ihrer Unterlage entgegentrudelt, so scheint im erwachenden Bewusstsein, tanzend und ungewiss, der tiefste Punkt auf, der dich mit Spannung auflädt. Warum? Weil es nur so dein Bewusstsein wird? Weil es dich braucht, um sich zu entfalten? Muss es das? Muss es sich ›entfalten‹?
Du warst gestern und heute bist du der Welt etwas schuldig.
So sieht es aus.

 
 
 
Ein philosophischer Einakter
 
Das eingebildete Ich und sein Anderer
 

 

I
Nimm an, es stünde dir frei, dich als Sache zu verstehen, die sich wiegen, taxieren, ausstellen und verkaufen lässt. Oder als Werkzeug, das einer in die Hand nimmt, um einen Effekt zu erzielen, zum Beispiel ein Zimmer zu tapezieren oder eine Regelwidrigkeit zu begehen, je nachdem, wie ihm zumute ist und was gerade von ihm verlangt wird. Wäre das schlimm? Vielleicht. Ja sicher, das wäre schlimm. Aber es wäre, auf eine kaum aufzulösende Weise, das Gegebene. Das Gegebene selbst oder dein gegebenes Selbst —

 

II
Gerade so entstehen, für einen Tag oder ein paar Stunden, Anfänge, aus denen sich – vielleicht – etwas Unabsehbares ergibt. Wirf eine Maschine an, gleich bist du ein anderer. »Eine Liege, schüchtern, erwacht in der Sonne.« Was du Anfang nennst, gleicht der Inbetriebnahme einer Maschine. Die ersten Schritte … was sind sie anderes als ein flüchtiges Blättern im Alphabet der Möglichkeiten? Der Schmetterling regt seine Flügel. Doch ehe er aufflattern kann, verblasst er, vergeht in dem bisschen Licht, das ihn umströmt —

 

III
Fang an! Aber wie? Du bist doch da. Auch was du anfangen sollst, ist schon da. Wie lautet der Auftrag? »Geh!« Ist das ein Auftrag? Nein. »Trage diesen Haufen von A nach B!« Bist du ein Haufen? Nein? Dennoch setzt du dich in Bewegung. Der Anfang ist gesetzt. Aber das ist nicht der Anfang. Es ist die Ausführung. Um einen Anfang zu setzen, musst du bereits unterwegs sein. Wie kann, in diesem Jetzt und in diesem Hier, beginnen, was nicht, von langer Hand vorbereitet, da ist? Du musst bereit sein. Es muss bereit sein. Woher die Bereitschaft? Du fängst an, einmal, zweimal, du misst die Distanz, du rufst Tag und Stunde herbei, du stellst den Wecker, du schreist sie an. Sie sollen vollbringen, was mit ihnen begann, den Anfang, der sich nicht einstellen will, um keinen Preis. Und sie ziehen vorbei, stumm, teilnahms-, gesichtslos. Ein Gesicht... das ist es doch, was du erwartest. Ein Gesicht, dir zugewandt, flüsternd, ein Zwiegespräch, das dich einsaugt, das dich beginnen lässt —

 

IV
Das erste Mal...: Die Menschen legen großen Wert darauf, zu erfahren, wann etwas zum ersten Mal geschieht. Sie halten sich für berechtigt, aus diesem Umstand Schlüsse zu ziehen (vermutlich, weil sie das vom Arztbesuch her kennen). Wer mag, darf sein erstes Mal aus den Eingeweiden des Gedächtnisses herauskitzeln. Dann meldet sie sich wie die hochfliegende Hand eines Schülers, der einen tief empfundenen Moment lang den Drang verspürt zu rufen: »Ich habs!« (Wobei, was er so fest zu haben glaubt, in eine Reihe von Mutmaßungen zerbröckelt, sobald man ihn aufruft. Warum ist das so? Bricht etwas mit der Serie, muss es sich aus den Vorräten maskieren. Der absolute Anfang besitzt kein Gesicht.)

 

V
Es ist so: Das Geheimnis des Anfangs besteht darin, dass es ihn nicht gibt. Etwas im Anfang verweigert, was es doch gibt oder geben sollte: den vollen Anfang, den Anfang ohne Gewusst-wie. Das Gewusst-wie ist bereits da. Es wurde nur einen Moment lang gestaut, um sich anschließend umso hemmungsloser zu ergießen. Dennoch… Hier liegt hier das Reich der Entdeckungen. Jede Entdeckung ein neuer Griff ins Gewese, also ein Anfang. Apropos: Was hast du entdeckt? Nichts. Du bist in den Anfang hineingelaufen wie ... wie ... ein Kind in eine Kreuzung. Von allen Seiten: Gefahr. (Wie ihr entrinnen? Das kommt nicht als Frage, sondern als Erstarrung.) Alles, was längst begann, stürzt auf dich ein. Und seltsam, es rast vorbei.
Du hast keinen Anteil an dem, was geschieht.
Du hast keinen Anteil an dem, was nicht geschieht.
Du hast keinen Anteil an dem, was geschehen müsste.
Du musst einen Schnitt machen.

 

VI
Nicht der Anfang ist das Problem … auch wenn es so scheint. Bloß einfangen lässt er sich kaum. Nichts am Anfang ist neu. Oder: Was neu ist am Anfang, sagt dem Anfänger nichts. Weshalb er es glatt überschlägt. Er fängt an, das genügt. Sich anfangen: ausgeschlossen. Mit sich etwas anfangen: das kommt der Sache schon näher. Notiere Zeit, Ort, Zeichen. Sei zur Stelle. Vergiss die Zeichen nicht. Vergiss den Anstecker nicht, der dich kenntlich macht. Und dann: Tu irgendetwas. Bring dich ein. Leiste deinen Beitrag. Vor allem: Sei empfänglich. Empfinde tief das Wort: ›Aufbruch‹. Atme sie ein, die tiefe Befriedigung, Teil einer Menge zu sein. Bei alledem: Hüte dich. Aller Anfang ist schwer, sagen die Leute. Aha, die Leute. Sie sind schon da. Und wie sie da sind.

 

VII
Die in den Lamellen des erwachenden Bewusstseins verfranzten Figuren ergeben keine Situation. Nichts ergibt sich aus ihnen, nicht einmal … ein Anfang. Gerade gut genug sind sie, ihm die Enttäuschung beizumischen, kein Anfang zu sein. Ein jeder Anfang, signalisieren sie, ist beliebig: »Mach, was du willst! Tu, was du nicht lassen kannst!« Einer erwacht und die Welt ist in Ordnung. Schön wäre das. Weit gefehlt! Sie ist die Unordnung selbst, darauf wartend, geordnet zu werden. Wartet sie wirklich? Keineswegs. Resigniert angesichts dessen, was kommt, gerät das frische Bewusstsein ins Warten. Was kommt, ist die Situation, unausweichlich, unerbittlich fordernd, nichtsdestoweniger ... ein Danach, eine Rückkehr aus verstreuten Anfängen, aus allerlei Richtungen –

 

VIII
Mach, was du willst! Das bedeutet: ›Mach, dass du fortkommst!‹ Wer fortkommt, genießt das Leben, die reife Frucht des verlässlichen Heute. Wer fortkommt, verschwindet, um in seinem Anderen wieder zum Vorschein zu kommen und erneut zu verschwinden. Er wirft den Anderen aus – als Anker, Tentakel, Widerhaken: Er selbst ist Anker, Tentakel, Widerhaken. Er wirft sich fort, um ein anderer zu sein, um als ein anderer aufzutauchen, um sich im Anderen zu ›materialisieren‹, formbar und geformt. Nur so gelingt ein Selbst, singulär und auf der Suche nach einem zweiten, das ihm Einhalt gebietet und damit: die Verschmelzung –

 

IX
Verschmelzung ist möglich. Ja sie ist erlaubt. Vor allem: Sie ist schon vollzogen. Sie ist das Gegebene. Die Suche und ihr Ergebnis sind eins. Der reale Andere kommt da gerade recht, er kommt als Projektion, als Schemen auf der Leinwand des ausgeworfenen Anderen, ein Gegen-Wurf. Sobald das Selbst ins Wanken gerät, weil die Spannung nachlässt oder das verträgliche Maß übersteigt, wankt auch der reale Andere: Geh hinaus! Schließ die Tür! Doch er geht nicht. Er denkt nicht daran. Wer weiß schon, woran er denkt? An dieser Frage erkennst du das fremde Selbst. Erst im zweiten Selbst erhebt sich das erste und gewinnt ... was? Statur.

 

X
Die Figuren des Erwachens, sie bleiben, sie gehen nicht weg, sie gehen beiseite, vielleicht aus dem Weg, um nicht überrollt zu werden, aber überzeugend ist dieses Bild nicht. Gleichgültig, was du beginnst, sie wissen sich darin einzunisten. Der Tag bleibt Tag, ein Tag, um deutlicher zu werden, einer von vielen, das ist wahr, aber auch dieser Tag, der kommt und zu Ende geht, der ein Gesicht trägt, ein übersehenes, mag sein, ja natürlich, ein Übergesicht, das sich in allen Gesichtern malt, das aus Fratzen Gesichter zaubert. Alles ist – auch, irgendwie – Anfang.

 

XI
Wenn alles Anfang ist, was wäre dann Hölle? Leben ohne Anfang, ohne Tag-Bewusstsein, ohne Sonnenaufgang und -untergang, Leben in völliger Isolation und damit ohne Möglichkeit, sich zu entwerfen, Leben im Bewusstsein, nicht zu leben, verschachtelter Teil eines Bewusstseins, in dem ein Tag dem anderen gleicht, Kette ins Unabsehbare, Schrecken des Wirklichen, steigerungsfähig, durch Vernichtungsphantasien geisternd und sie positiv aufladend – etwas, das nie ganz weggeht, denn: Der Entwerter tickt.

 

XII
Wer die Hölle versteht, der versteht das Leben. Muss man es denn verstehen? Was sonst, wenn nicht das Leben? Man versteht Gesetze, wie man das Leben versteht – als Wiederholung, als Wieder- und Wieder-Heraufholen von Abgelegtem, als eine Art von Erinnerung, trocken, hart und präzise, aber auch weich und schwimmend, mit einem Unbestimmtheits-Horizont, der ›Interpretation‹ ermöglicht. Was wären die Gesetze ohne ihre Interpretationen? Sie wären – sag’s ruhig –: sie wären einerlei.

 

XIII
Vergiss nicht: Es sind die Regeln. Ihre Aufgabe? Das Einerlei verträglich gestalten. Gestalten, das ist das Wort. Nicht: Du kannst, du darfst dich an etwas halten, sondern: Du musst. Fast steht, wer sich an etwas halten muss, schon auf der sicheren Seite, vorausgesetzt, dass er dabei gewinnt. ›Gewinn‹ nennt sich alles, was Spielräume schafft und damit den Tag neu. Ein großer Gewinn lässt dich groß und stark erscheinen. Umso betrüblicher, dass auch er dahinsinkt wie andere vor und nach ihm. Gerade da kommt die Regel recht. Sie spendet Trost. Sie ist das Geländer, an dem so ein Tag hinausspaziert, sobald die Zeichen erst auf Ernüchterung stehen.

 

XIV
Kein Gesetz ohne Ausnahme. Das eben bedeutet ›gesetzt sein‹. Die Ausnahme als das Andere des Gesetzes postuliert ein höheres Gesetz, das die Geltung des vorhandenen aufhebt: Übertrumpfungsspirale ad infinitum. So folgt das Selbst dem Anderen wie das Auge der Hand. Es nimmt sich heraus. Was es sich herausnimmt, ist fast schon beliebig. Nur der Selbstbezug zählt. Ich ist alles, was der Andere darf. Solange der Andere alles darf, ist Ich alles. Es zählt nur nicht. Der Andere setzt dem Ich Grenzen. Nein, er ist das Ich, als Grenze gedacht. Wer sich zuviel herausnimmt, der kann’s auch lassen. Wie soll er es tragen?

 

XV
Du siehst den anderen Anderen, das Ich dahinter siehst du nicht. Deine Schwierigkeit: Er ist nie ganz der Andere des fremden, dir verschlossenen Ich. Von deinem Anderen gibst du immer dazu. Und seltsam: Dein Anderer wächst und gedeiht bei diesem Spiel. Du wirfst kühner und genauer, wenn du für den Anderen des Anderen wirfst. Nie bist du so dicht bei ihm wie dort, wo jeder Wurf zählt. Nie bist du so sichtbar wie in solchen Momenten. Sie nennen sie ›selbstvergessen‹, aber das stimmt nicht. Das scheinbar vergessene Selbst bleibt nicht zurück, es expandiert. Ein Anderes, das alle anderen mitnähme: Das erst wäre das Selbst, das zu bewahren sich lohnte. Doch was, bitte, heißt hier Lohn?

 

 
 
 
 
Von der Verhaltung
1
Archipel

Bist du’s? Ja sicher. Was sagt dir, dass du es nicht sein könntest? Ein Gefühl? Und wenn schon. Ein Gefühl. Das Gefühl sagt: »Das soll ich sein? Warum sollte ich? Vielleicht sollte ich, doch der Grund bleibt verschleiert.« Auch das Gefühl bleibt verschleiert. »Ich bin mir nicht deutlich. Genau gesagt: Je deutlicher ich agiere, desto weniger sage ich mir. Nein, das ist zu genau. Nicht das Sagen ist das Problem. Es ist die Form, in die ich mich handelnd begebe.« Du magst diese Form nicht, du merkst, dass dir darin etwas abgeht. Die Selbstliebe leidet unter ihr. Lieber wäre es dir, die Sache wäre abgetan und vorbei. Im Geschehenen ungeschehen: Das klingt wie ›im Felde unbesiegt‹. Komisch vielleicht, seltsam auf jeden Fall, du kennst Leute, denen schwillt der Hals, wenn sie ›so etwas‹ hören. Ein geschwollener Hals: kein schöner Anblick. Nie bist du mehr: Du.

 

 
 
Von der Verhaltung
2
Archipel

Bevorzugte Perspektive: das Danachsein. Was gebraucht, was verbraucht, was abgetan ist, was ist es dann? Kein Ding, abgetan, gleicht dem, was es vorher war. Dem Aufgebrauchten ist der Weg vorgezeichnet: der Sturz aus der Sichtlinie, in den Abfall, ins Nachher. Einer wie du mag ihm nachblicken oder oder nicht: Es blickt zurück. Nicht viel, ein bisschen, es ist, als habe es sich zuguterletzt zum Schielen entschlossen, nachdem es lange mit seinem Stolz gekämpft hat … ein wenig zu lange, denn nun ist es zu spät. Vielleicht ist ihm jetzt, da die Wirren des Abschieds abklangen, nach Schielen zumute … das mag gut sein. Es ist das Rest-Verhältnis, das schielt. Jedenfalls kommt es dir so vor. Allein dass es vorkommt, dass es sich klammheimlich in den Vordergrund stiehlt, beschert dir das unabdingbare Gut: Distanz.

 

 
 
Von der Verhaltung
3
Archipel

Die Zigarettenasche auf deinem Anzug: unerklärlicher Anflug, Besucher aus einer anderen Galaxie. Unmöglich, Kontakt zu ihm herzustellen, es sei denn, du schnippst ihn in eine andere Ecke des Universums. Versuch’s. Dein Ausflug ins Asche-Universum: sinnlose Geste, Ausfluss einer Macht, die sich nicht erklärt. Was wie Allmacht aussehen könnte, atmet Hilflosigkeit. Macht, die sich nicht erklärt… Als käme es aufs Erklären an und nicht aufs Bekennen. Doch Hand aufs Herz: Was bekennt ein Bekennerschreiben? Außer der Täterschaft nichts, was nicht alle, die’s angeht, bereits langweilen würde. Ganz recht, es kommt aufs Erklären an, nicht aufs Bekennen. Wer sich nicht erklären kann oder will, der mag von Vitalität strotzen oder mit übernatürlichen Kräften begabt sein –: hier und jetzt geht er unter. Besser, er lässt seine Kräfte dort, wo sie hingehören, in der Verhaltung.

 

 
 
Von der Verhaltung
4
Archipel

Verhalten leben, verhalten agieren, verhalten reagieren. Nachdenken dem, was dir geschieht. Es eher fort- als herbeidenken, weil es so durchsichtig ist. Das hilft zwar nicht immer, aber es ergibt sich von selbst, nach und nach. Im Nach-und-Nach steckt keine Absicht, und wenn sie darin steckte, käme sie nicht heraus. Alles kommt, als stecke nirgends Absicht dahinter, als diene es nur der Verwunderung. Was kommt als nächstes? Was kommt noch…? Die Entgrenzung der Nähe führt zur Entgrenzung all dessen, was sich ›zunächst‹ so und so verhält: zur Explosion der Verhältnisse. Du fasst es nicht. Ein Ungedanke, besser: ein Minimalgedanke, ein Notanker, ein Haltegriff, der sich anbietet, obwohl nicht ganz klar wird, woran er befestigt ist und welchen Rückhalt er im Ungewissen besitzt. Auch Explosionen reifen. Unter, aus, neben, über, inmitten der durch Verhaltung erzeugten Verhältnisse wächst ein anderes Leben, schattenhaft, schemenhaft, zeitverdoppelnd.

 
 
Von der Verhaltung
5
Archipel

Denn eines ist klar: der Vergeudung von Zeit hier, ihrem langsamen, zähen Fluss, muss ein Sparguthaben auf der anderen Seite entspre­chen, ein Zeitschatz, dem kein ›Carpe diem‹ etwas anzuhaben vermag. Muss, müsste, sollte, vielleicht – diese Reihe, wem wäre sie nicht geläufig? Was nichts daran ändert, dass sie sich weiterhin regen Gebrauchs erfreut. In Wirklichkeit verhält es sich doch so, dass jede Art von Zeitmanagement in eigener Sache, also bereits die rechenhafte Überzeugung, einen Lebensabschnitt zu verpassen, weil andere, auf ihre Weise zwingende Kräfte ihn verbrauchen, das System auf mittlere Sicht kollabieren lässt. Welches System? Das System ›Person‹. Es fällt in sich zusammen und: mit der anderen Seite, die plötzlich zum Konkurrenten um das knappe Gut Lebenszeit wird und, wie es scheint, immer gewinnt.

 
 
Von der Verhaltung
6
Archipel

Nein, da bist du dir sicher: Lebenszeit ist kein Gut, keine ›Ressource‹, um die zu balgen sich lohnt. Ein Wesen, das jeden Morgen die Augen aufschlägt und jeden Abend mit anderen Gedanken zu Bett geht, um sie unwillkürlich gegen wieder andere einzutauschen, an die es sich am nächsten Morgen beim besten Willen nicht mehr erinnern wird, auch wenn es gelegentlich seinen Mitwesen und sogar sich selbst gegenüber diesen Eindruck zu erwecken versucht, sollte gegen die Versuchung immun sein zu glauben, es sei fähig, etwas zu versäumen. Stattdessen bleibt es nicht bei der Versuchung. Das Versäumnis kriecht über den Hügel herauf, in dessen Rücken es sich lange verbirgt, es erscheint flach, sobald es den Scheitelpunkt übersteigt, um sich von Moment zu Moment fürchterlicher zu erheben, bis es das ganze Leben überragt und –

 
 
Von der Verhaltung
7
Archipel

Stehenbleiben, wo noch niemand stehenblieb: inniger Wunsch aller, die etwas Neues zu zeigen wünschen. Aber was, wenn es dort nichts zu zeigen gäbe? Wenn ihrem Eifer ein Gähnen antwortete? Die Angst existiert und sie überwiegt praktisch immer. Also trottet man weiter im Pulk der anderen und reckt sich, um den Finger höher zu heben als sie. Muss man denn zeigen? Muss einer anzeigen, was es zu sehen gibt? Natürlich nicht. Es gibt immer zu sehen. Heuchler nennen es das verborgene Leben und einen Schatz, zu dem nur Bescheidenheit verhilft. Dabei verschweigen sie eine Schwierigkeit: Wer sich bescheidet, der hat schon resigniert, er lebt in der Welt der Resignierten, er sieht mit ihren Augen, er sieht, was die Nicht-Resignierten auch sehen, aber nicht sehen wollen. Er fährt ihren Horizont ab, doch er erweitert ihn nicht. Darum bleibt seine ›Erkenntnis‹ schal. Es lohnt nicht, den Finger unten zu halten, solange es in ihm zuckt.

 
 
 
 
 
 
Urknall
 

 

I

Noch einmal, zum dritten: Das Problem des Anfangs besteht darin, auf ihn zurückzukommen. Wer jeden Augenblick als Anfang ansieht, dem ist jeder Anblick auch ein Beginn. Der unterbrechende Wimpernschlag löscht das Bild und lässt es ›aufs Neue‹ erstehen: von Augenblick zu Augenblick, von Äon zu Äon. Das ist sogar physikalisch korrekt, wenngleich der Weg vom Auge zum Bild weiter ist, als das Bewusstsein es wahrhaben will.

 

II

Das Bewusstsein überspielt den Augenblick mühelos. Einem, der ihm sagt: »Hier, dieser Moment, schau: jetzt ist er vorbei, unwiderruflich«, ist es noch nicht begegnet. Es würde ihn auch für einen Scharlatan halten, der es darauf anlegt, sein Gegenüber zu unterbrechen, es unsicher werden zu lassen oder, falls es den Trick schon kennt, seine unbedingte Zustimmung zu etwas zu ergattern, dem keiner leichten Herzens zustimmt. Das Ganze bleibt ein Trick. Etwas im Überrumpelten weiß es besser, weiß, dass die Gewissheit schal bleibt, weil sie eine Unterbrechung festhält, die sich nicht festhalten lässt, weil sie als Unterbrechung nicht in Erscheinung tritt, eher als vorwärts treibender Taktschlag.

 

III

Das Leben kennt vielerlei Taktschläge, ohne die es binnen kurzem den Dienst quittierte. Das Leben kennt sie, soll heißen: dem, der lebt, sind sie geläufig. Sie bereiten keinerlei Schwierigkeit, solange er sie genießt, um sie zu vergessen, schon vergessen zu haben, radikal vergessen zu haben: aufschwimmen können sie von alleine. Verloren ist, wer in sie einzutauchen versucht, um das Leben dort aufzusuchen, wo es zu Hause zu sein scheint.

 

IV

›Bloß leben‹ kann jeder und keiner. Wer es auf den Versuch ankommen lässt, dem nötigt er eine enorme Anstrengung ab. Nichts weiter sein ist nichts weiter als… ein Konzept. Am Anfang fällt es leicht, ihm zu folgen. Noch winkt es wie eine Art Erlösung. Doch schon versagen die Mittel und das, was sonst von allein geht, kommt aus dem Tritt. Ein Konzept will durchgesetzt werden: ›Folgsamkeit‹ heißt das Übel, wo es nichts zu befolgen gibt. ›Folge dem Weg‹ – das bedeutet auch und zunächst: ›Bedecke deine Blöße!‹ Etwas an sich zwingt das Bewusstsein, es – sich? – sich selbst zu überlassen, damit es zurecht kommt.

 

V

So scheint, so wird, so muss es sein. Erinnere dich! An Anlässen herrscht kein Mangel. Nein? Du erinnerst dich nicht? Nun, dann werden es wohl allzu viele sein, die bedacht sein wollen, die meisten davon mikroskopisch klein. Wollen sie bedacht sein? Das nun auch wieder nicht. Höchstens wollen sie, wie jeder tüchtige Arbeiter, in Ruhe gelassen werden. Wo immer gearbeitet wird, zeigt sich dieses Moment der Selbstüberlassenheit: Ein Bewusstsein, das arbeitet, findet den Weg allein. ›Störe mich nicht!‹ steht auf seiner Bürotür. Störe es und es kommt seiner Arbeit nicht länger nach. Sie läuft ihm davon. Und worin besteht diese Arbeit? Sagen wir, ohne weiter zu überlegen: Sie besteht darin, Störungen zu verarbeiten. Welch ein Widerspruch! Aber ein wirklicher? Eher nicht.

 

VI

Auch was von allein geht, verfügt über ein Selbst. Es liegt weder im Bewusstsein noch außerhalb. Es ist weder es selbst noch ein anderes: ein Schatten-Selbst, das sich auflöst, sobald es genötigt wird, für sich zu zeugen. Man könnte es, versuchsweise, ›Anfang‹ nennen. Warum denn nicht? »Fang an!« Schon geht es dahin. Oder es geht nichts, der Appell anzufangen und der, den Anfang zu denken, verheddern sich und blockieren einander. ›Fang an!‹ heißt in Wahrheit: ›Fahr fort!‹ Einem Impuls zu folgen, der schon da ist, den Leitfaden auszuwickeln, der darin liegt, und ihn tatsächlich zu benützen, das sind Stadien eines wirklichen Anfangs, eines Marathons gegen die Trägheit, jedenfalls scheint es dem Trägen so. Trägheit, das wäre: dein krankes Selbst.

 

VII

Was nie begann, das findet zu keinem Ende. Das Leben macht da keine Ausnahme. Für Hänflinge war und ist das fast so etwas wie eine frohe Botschaft. »Ich habe noch gar nicht gelebt, warum sollte ich sterben – gerade jetzt?« Aber ohne Anfang zu sein und nicht gelebt zu haben, das sind zwei Paar Stiefel. Gerade den Anfanglosen verlangt es nach einem Anfang und sei es der Anfang vom Ende. Es verlangt ihn, damit ist alles gesagt. Gerade ihm wird der Anfang zur Passion. Ein guter Anfang verdeckt das Ende, das in ihm steckt. Das weiß der Anfanglose und hütet sich. Zu gut gehütet: Wer nicht zu enden weiß, der endet stückweise hinter dem eigenen Rücken, hinter dem Rücken der Familie, hinter dem Rücken der Freunde, hinter dem Rücken eines vagabundierenden Bewusstseins, das gleich Bescheid weiß. Er stirbt, gib’s zu, aus einem Mangel an Selbst. Oder, da ein solcher Mangel schwer vorstellbar, an der penetranten Flüchtigkeit seiner Anfänge.

 

VIII

Ein lebendiger Gedanke verfügt über Anfang und Ende. Er ergreift das Bewusstsein und verlässt es im Ungewissen darüber, woher er kam und wohin er geht. Diese Ungewissheit ist Unruhe, erzeugt durch Spannung, wie sie nun einmal zwischen Gedanken herrscht. Bewusstsein ist Ungewissheit, die Gewissheiten produziert, um sie zu verwerfen. Gewiss, dieser Gedanke hier leuchtet ein, man kann ihn denken, das heißt mit Gewissheit aufblasen, bis er platzt. Wie war nicht gleich der Gedanke? Warte, ich wiederhole ihn, ich hole ihn zurück, aber... ist er derselbe? Ist er wirklich ganz derselbe? Etwas fehlt, es fehlt die geplatzte Gewissheit, also fehlt etwas am Gedanken und ich ergänze es. Wodurch? Durch einen Zweifel, eine Nebengewissheit, welche die fehlende Hauptgewissheit ›in Frage‹ stellt, ins Licht des Zweifels, in einen Zusammenhang, der mir ›nicht bewusst‹ war, als jener Gedanke in mir zur Gewissheit reifte. Also: Ist er derselbe? Warum sollte er derselbe sein? Weil er nach Wiederholung verlangt? Warum? Weil er ein Gedanke ist? Was ist ein Gedanke? Ein vertrocknetes Stück Gewissheit, an dem du lange zu kauen hast?

 

IX

Umkreise diesen Gedanken.
Versuch ihn zu wenden.
Wende dich ab.

 

X

›Alles ist immer.‹ ›Es gibt kein erstes Mal.‹ Sätze, die nach dem Widerspruch rufen: ›Nichts ist immer!‹ ›Es gibt immer ein erstes Mal!‹ Unfug des Denkens, Freiheiten, die es sich nimmt, um sie stehenden Fußes zurückzunehmen, Gesten, deren Welthaftigkeit sich daran erkennen lässt, dass sie Streit provozieren: Streit ›um nichts‹, soll heißen: um kein Gut, das wegzuschleppen sich lohnte, also Streit pur, aus Lust, aus Verzweiflung, aus dem tief sitzenden Wunsch heraus, zu wenden, was ist, weil es so geworden ist, so und nicht anders, wo es doch bitter nötig wäre, das Anderssein. So setzt du in dem Ausdruck ›kein erstes Mal‹ einen dicken Strich unter das ›ein‹, wodurch das Wort plötzlich eine Art Kainsmal trägt. Ein trübes Wortspiel, das dich daran erinnert: So leicht kommst du nicht davon.

 

 
 
 
 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
1
Archipel

Be-wusst-sein. Was soll das sein? ›Sei dir bewusst!‹ – oder ›deiner‹? ›Ich bin mir bewusst, dass es x gibt.‹ ›Ich bin mir bewusst, es gibt X.‹ Die Weltverdoppelung im Bewusstsein, nein, durch das Bewusstsein (denn nicht im Bewusstsein erscheint sie doppelt) stört das denkende Bewusstsein (gibt es ein anderes?). Es beschließt also – bei seinem Renommee –, falsch zu sein, ein Täuschungsapparat für den Organismus, also: sich von seinen Leistungen zu distanzieren. Leistungen? Warum Leistungen? Was zum Teufel ›leistet‹ Bewusstsein? Fällt das Festhalten (Konstatieren) von Bewusstseinsleistungen unter die Leistungen des Bewusstseins? »Halt’s fest!« Wem ist da was ›bewusst‹? Aber wenn Bewusstsein Täuschung ist, wenn es buchstäblich nichts leistet außer der Vorspiegelung, dieses Nichts sei auch etwas, wenn seine Leistung darin besteht sich vorzutäuschen und dem, was nichts von sich weiß, ein angenehmes Bewusstsein zu verschaffen, dann leistet die bewusstlose Welt sich mit ihm einen Spaß und die Welt der Leistungen fällt in sich zusammen. »Ich bin mir bewusst, was Y leistet«: Ich verstehe, wie Y funktioniert. Warum verstehe ich es? Weil ich einen Begriff davon habe, was eine Funktion ist. Was heißt: ›einen Begriff haben‹? Es heißt: ein Bewusstsein von … haben. Also: Bewusst-sein.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
2
Archipel

(Warum überhaupt ›Bewusstsein‹? Warum nicht ›Schaltung‹? Mancher schaltet spät, mancher gar nicht. Oder gleich: ›Alles Theater!‹ Das Gehirn eine Bretterbude, in der die Gedanken ›auftreten‹? Gedanken ›treten auf‹. Nicht wahr? Sie kommen aus der Kulisse, in der sie geduldig auf ihren Auftritt gewartet haben. Auftritt auch anderes, z.B. Ereignisse. Das klingt jetzt ein wenig, als wollte man sagen: ›Auftritt X hat seinen Auftritt.‹ Also Schaltung. Schaltung erzeugt Bewusstsein. Frage: Wie erzeugt Schaltung Bewusstsein? Antwort: Schaltung erzeugt Bewusstsein. Und immer so fort. ›Wir‹ gehen mal kurz aus dem Bewusstsein heraus und sehen nach, was auf der anderen Seite passiert. Dann gehen wir wieder ins Bewusstsein hinein und schauen, wie es dort ankommt. Wie ›schauen‹ wir? Nun, wir befragen es. Kann man Bewusstsein befragen? Natürlich nicht. Du kannst Person X befragen, aber nicht das Bewusstsein. Das ist schon ein Unterschied. Wir klemmen zwei Drähte zusammen und es entsteht: Bewusstsein. So einfach ist das. Wieso ›entsteht‹? Also sind es nicht die Drähte? Nein! Was immer sie ›fließen‹ lassen, sie sind es nicht. Aber lag nicht da die Frage? Wohin diffundiert die Frage, sobald die Antwort sich meldet? Selbst wenn es in ›unserer‹ Macht stünde, es ›entstehen‹ zu lassen: welche ›Mächte‹ müsste diese ›Macht‹ bewegen? ›Entstehen‹ nicht all diese Mächte im Bewusstsein? Wo, wenn nicht dort? Ist ›Entstehen‹ keine Vorstellung? Gibt es eine Vorstellung ohne Bühne? Gibt es Gedachtes außerhalb des Denkens? Gibt es Gedachtes ohne Gedanken? Gibt es also Gedachtes dort, wo es kein Gedachtes gibt? Was für ein Theater.)

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
3
Archipel

Alles Theater! Was wäre Bewusstsein, wenn nicht Gedanken? Alle Gedanken – aber auch ihre Summe? Ihre ›momentane‹ Summe? Wer addiert hier? Wer schließt die Liste? Wer sammelt sie, die Gedanken? Wie lange? Der ›Moment‹ beschränkt sich nicht auf den Moment. Was ist er dann? Ein Tag? Eine Woche? Ein Jahr? Wie viele, welche davon ergeben ein Bewusstsein? Ein zweites? Ein drittes? Wie viele Bewusstseine stecken in einem Bewusstsein? Was trennt sie voneinander? Oder ist schon alles eins? Gedanken kommen und gehen. Doch sie sind keine Einzelgänger. Sie kommen stets im Verbund. (Lässt sich das sagen? Lässt sich das wirklich sagen? Sie stiefeln doch nicht herum, als hätten sie überall festen Grund unter den Sporen. Andererseits: irgendeine Art von ›Umgebung‹ besitzen sie alle. Etwas von ihnen bleibt, wenn sie abtreten: ein Faden, ein Gewebe, ein Untergrund, eine Färbung. Es bleibt nicht wirklich, eher: Es ist dieses Kommen und Gehen, genauer, es liegt in diesem Kommen und Gehen, es scheint dafür Sorge zu tragen, dass es nicht abreißt. Scheitert es an seiner Aufgabe, sagt man: Ein Bewusstsein zerfällt. In was? In Gedanken? Keineswegs. Solche Gedanken sind keine mehr. Sie sind ein Ärgernis.)

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
4
Archipel

Ausgeschlossen, ein Wissen einfach mit sich herumzutragen und genau dann abzusondern, wenn es an der Zeit ist. Oder vielmehr: im An-der-Zeit-Sein steckt das Problem. Welche Instanz entscheidet, was an der Zeit ist? Der Reiz? Das wäre in der Tat ›einfach‹. In diesem ›Fach‹ ist alles denkbar. Doch daran liegt’s: nichts ist an der Zeit, solange alles denkbar ist. Wenn nichts an der Zeit ist, dann eben nichts. Denken braucht Anlässe, Sensationen, Situationen. Wo nichts los ist, verliert es Grund, Folge, Zusammenhang, sich selbst, alles, und es gewinnt: nichts. Der Reiz bewirkt also den Übergang vom Nichts zum Etwas: Aber dieser Übergang liegt im Denken, im Nachdenken, um genau zu sein, und damit im Nachhinein. Was an der Zeit ist, entscheidet das Nachhinein. Daraus folgt: Alles ist an der Zeit, solange noch Zeit ist. Alles oder nichts. Nichts ist wirklich an der Zeit außer dem Erfolg. An der Zeit sein heißt: erfolgreich sein, sich durchsetzen. Vielleicht auch nur: folgenreich sein. Verschwindet darum, was keinen Erfolg hat? Versickert es, wie manche meinen? Welcher Grund nimmt es auf? Was geschieht ›im Untergrund‹? Die unterirdischen Adern, die keiner sieht, es sei denn, er grübe nach: Sind sie weniger wichtig als der Fluss, der sich gewichtig ins Tal wälzt? Sind sie weniger real? Sie sind namenlos, das ist wahr. Sie täuschen die Welt über sich selbst, jedenfalls das, was sich für die Welt hält. Was ist alle Welt gegen die Welt? Ein Bruchteil? Nein, ein Rinnsal. Was folgt daraus? Es gibt kein Wissen, das nicht an der Zeit wäre. Die Welt ist kein Bus, der einige Passagiere mitnimmt und andere nicht. Gibt es eine Bewegung, so gibt es alle.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
5
Archipel

Bewusstsein ist: Bewusstsein von allem. Wer ›etwas‹ sagt, spricht schon von allem. Wer etwas bemerkt, dem zeigt sich alles anders: als alles andere. Es geht, heißt das, im neuen ›Alles‹ auf. Das ist dumm, aber nicht zu ändern. Es ist klug, denn es ist die Grundlage aller Klugheit. Das Detail, das alles andere in einem anderen Licht erscheinen lässt, ist die Frucht der Klugheit. Klug ist, wer rechtzeitig bemerkt und die ›richtigen‹ Schlüsse zieht. Die richtigen Schlüsse zieht, wer rechtzeitig in Betracht zieht, was alles sich ändert, wenn an einer Stelle sich etwas ändert. Denn nichts tritt ins Bewusstsein, es sei denn an einer Stelle, also eingebettet in anderes. Von ihm erhält es seine Bedeutung: ›Da ist dein Platz!‹ Wo Platz ist, da ist Perspektive, wo Perspektive ist, da herrscht Alternative, wo Alternative herrscht, da löst sich das Ganze vom Hintergrund und wird Konzept: Klug ist, wer das Ganze im Auge behält. Man könnte auch sagen: Klug ist, wer sich (über das Ganze) täuschen kann. Wer unklug ist, kann sich nicht täuschen, er ist schon getäuscht und laboriert von Täuschung zu Täuschung. Für ihn ändert sich nichts, der Teil ist ihm alles.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
6
Archipel

Bist du klug? Die Frage hast du dir nie gestellt. Jetzt, plötzlich, ist sie an der Zeit. Ist dir bewusst, was Leben in der Pyramide bedeutet? Was sie mit deinem Denken macht? Was sie aus deinem Denken macht? Das sind schon zwei Dinge: Sie wird dein Denken verändern (vielleicht tat sie es bereits) und sie wird es verwerten. Wenn die Pyramide an der Zeit ist, dann bist du es auch. Wenn sie Erfolg hat, wirst du ihn auch haben. Wenn sie untergeht, wirst du auch untergehen – es sei denn, du machst dich rechtzeitig aus dem Staub. Auch das weißt du: Dein Denken, wie jedes andere, ist an der Zeit, solange du deine Zeit nicht vertrödelst. Und selbst dein Trödeln, es bliebe Teil dieser Zeit. Du kannst Teil eines Systems sein, du kannst ein System bedienen und dennoch nicht in ihm aufgehen. Das System ist nicht du und du bist nicht das System. Das System ist nicht das Ganze und du bist im Ganzen. Das Ganze ist nicht im System, aber es ist in dir. Das System ist bewusstlos und du bist es nicht. Hättest du bloß Erfolg – vorausgesetzt, die Pyramide wird ein Erfolg –, wärest du bloß ein Teil des Systems. Preise den Misserfolg, preise ihn im voraus, denn er attestiert dir: ›Hier ist ein Mensch.‹ Du wirst nicht wissen, ob du klug bist, und niemand wird es dir sagen können. Darin besteht deine Klugheit. Jedenfalls muss es dir soweit genügen.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
7
Archipel

Suche nicht den Rausch, suche nicht die Erfüllung, suche den Erfüllungsgehilfen und du wirst fündig. Kein Rausch kommt von ungefähr, auch nicht kein Gedankenrausch. Um dich zu erfüllen, braucht jeder Gedanke, vom billigsten bis zum teuersten, starke Verbündete ‒ in dir, außer dir, hier wie dort. Das Bedürfnis, seicht oder tief, gibt den Türöffner. Doch mach dir nichts vor, es lässt nichts herein, was nicht schon drin wäre. Er muss bereits da sein, der Gedanke, der dich erfüllen soll, unauffällig, wie sonst, er muss deine Temperatur besitzen, dein Temperament, deinen Grad an Torheit. Er darf nichts Abstoßendes für dich haben. Oder doch? Steckt hier der Helfer? Etwas leise Abstoßendes, Auslöser eines Missbehagens, das dich lange veranlasst, ihm keine Beachtung zu schenken... Keine Beachtung ‒ da liegt der Schlüssel zur Sensation: Der Groschen ist gefallen, halleluja. Für einen Gedanken lange gebraucht zu haben, stattet ihn mit Bedeutsamkeit aus, gibt ihm eine innere Würde, gegen die nichts Äußeres ankommt. Er ist Beute. Vielleicht bist du etwas langsam von Begriff? Umso besser für dich. Deine Gedanken sind kostbarer als die anderer Leute.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
8
Archipel

Dass Gedanken ›in der Welt‹ sind, dieser Gedanke wird dich immer mit Staunen erfüllen. Sie laufen ja nicht auf der Straße herum. Schon ihre Druck- oder Textgestalt verwandelt sie in etwas radikal Anderes. Dabei gibt es nichts, was selbstverständlicher wäre. Deine Gedanken sind, wie alle, Jedermannsgedanken. Jedem steht es frei, sie denken oder stünde es, vorausgesetzt, er befände sich in einer Lage, die der deinen – aufs Tüpfelchen! – gleicht. Was immer von Anderen gedacht und mitgeteilt wird, es wirkt vertraut. Diesen Gedanken habe ich nicht gedacht? Woher wüsste ich das, hätte ich ihn nicht gerade in diesem Moment gedacht? Er erschien mir neu… War er es deshalb auch? Vielleicht hat er dich in diesem Moment nur geblendet. Den Rest besorgt, nimmermüde, wie sie nun einmal ist, die Eitelkeit: »Recht betrachtet, sagt mir das nicht viel Neues.« – Wie dem auch sei, der Gedanke, wichtig oder unwichtig, ist nun einmal in der Welt. Er lagert, auf Abruf verfügbar, in den Arsenalen des Bewusstseins; unwichtig, wem es gehört. Und er kommt herum. Dafür sorgen schon die üblichen Handreichungen, als da sind: an erster Stelle die Fixation auf dem ›Datenträger‹, die Schrift, an zweiter die ›identische Reduplikation‹ – Vervielfältigung ‒, an dritter die kontrollierte Verbreitung oder ›Redis­tribution‹, an vierter... ‒ hoppla, wen haben wir denn da? Den Konsum? Das ist nicht so einfach. A steckt sich an einem Gedanken an, B steckt ihn sich an. Wo liegt der Unterschied? Im Grad der ›Absorption‹? Das leuchtet ein.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
9
Archipel

Ein verbreiteter Gedanke ... aber ist er auch dir geläufig? Immer wieder kommt dir so ein ›verbreiteter Gedanke‹ unter, ein Gedanke mit Index, hinter dem die stumme Frage lauert: Warum kanntest du mich nicht? Warum hat es so lange gedauert, bis sich unsere Wege kreuzten? Siehe, ich bin Gemeingut – also bist du ignorant. Ich bin da – bist du es auch? Das kommt auf die Schnittmenge an: Bewegst du dich in Kreisen, in denen er heimisch ist? Falls nicht, bist du fein heraus. Andernfalls hast du ein Problem. Wie willst du es lösen? Oder willst du nur parieren? Wie pariert man den Vorwurf der Ignoranz? Am besten durch Ignoranz: ›In der Welt‹ ist ein Gedanke, sofern du von ihm gehört hast – in deiner Welt, welcher sonst? Eine andere kennst du nicht, kannst du nicht kennen, willst du nicht kennen. Wann und wie hast du von ihm gehört? Du weißt es nicht. Ein Gedanke eben, einer unter anderen, einer mit anderen, einer gegen andere einer wie andere. Was du brauchst, ist ein dickes Fell. Von diesem hier erfährst du und es brennt in dir: davon hättest du nichts gewusst, während alle Welt...? Welche Blamage! Der dort brennt in dir fort: mit ihm stellst du dich gegen die Welt! Warum? Weil er dich, vor aller Welt, zu einem macht, dessen Meinung zählt. Wie wurde ein simpler Gedanke Meinung? Deine Meinung, wohlgemerkt, nicht die des anderen, der ihn dir zusteckte. Darüber solltest du nachdenken.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
10
Archipel

Kennst du das Land, in dem die Überzeugungen blühen? Man nennt es Gesellschaft. Überzeugt sein heißt: den Kopf dazu haben, ein Kopf sein. Was ist das: ein Kopf? Ein anerkannter... Pfeif auf die Anerkennung. Vor sich selbst ist keiner überzeugt. Überzeugungen sind für die anderen da. Wer überzeugt ist, will überzeugen. Man hat Überzeugungen oder man hat sie nicht. Wer einsieht, dass es gefährlich ist, keine Überzeugungen zu haben, der gibt sich gern überzeugt. Warum? Er will etwas gelten. Deine Meinung kannst du für dich behalten, deine Überzeugung gehört der Welt. Sie will artikuliert sein, sie will Eindruck machen, sie will Druck ausüben, sie will etwas bewirken und du sollst ihr dazu verhelfen. Es ist deine Pflicht, ihr zu helfen, zu keinem anderen Zweck ist sie die deine. Seid ihr verheiratet? Habt ihr Kinder? Woher kennt ihr euch überhaupt? Ach Gott, ja. Wichtig ist das nicht. Sie kann nicht anders, sie drängt in die Mitte. Vielleicht kokettiert sie damit, radikal zu sein – auch dann will sie im Mittelpunkt stehen. Wie dem auch sei, hinter deiner Überzeugung steckst du, ein Taschenspieler, der auf die Mienen der anderen achtet, der es genießt, wenn der eine oder andere unter ihnen verstummt und den Raum verlässt.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
11
Archipel

Wären deine Meinungen und deine Überzeugungen deckungsgleich, so wärest du naiv und die Menschen wendeten sich von dir ab. Nein, so naiv willst du nicht sein. So naiv bist du nicht. Selbst wenn du es wolltest: So naiv kannst du nicht sein. Du bist ein Kämpfer? Dann kämpfe für deine Überzeugung! Irgendeine Meinung dazu wirst du schon haben. Nichtsdestoweniger ist sie dir wichtig und du willst, dass andere sie zu Kenntnis nehmen. Spürst du die leise Enttäuschung, sobald jemand beschließt, sie zu teilen? »Meine Meinung geht niemanden etwas an. Wenn ich sie preisgebe ‒ und ich gebe sie ununterbrochen preis –, dann um nicht übergangen zu werden: um zu zählen. Falls sie gefällt ‒ gut, so gefalle ich. Falls sie nicht gefällt ‒ auch gut, so habe ich doch gezeigt, was in mir steckt.« »Du drückst das ganz gut aus, wir haben dich alle verstanden.« Etwas gelten und zählen wollen, verdankt sich ganz unterschiedlichen Impulsen. Du willst nicht aus der Gesellschaft herausfallen und du willst es doch – das heißt es, etwas gelten und zählen zu wollen. »Er hat eine Meinung, aber er kann sie nicht ausdrücken.« Bemerkst du das Loch, das du damit in die Gesellschaft schlägst? »Aber sicher. Darum geht’s doch.« Und jetzt die Befriedigung: Dieses Loch macht dich beredt. Eine Meinung zum Ausdruck bringen, einen Gedanken äußern, als sei er der eigene ‒ so soll es sein. »Vielleicht eigne ich ihn mir an, während ich ihn zum Ausdruck bringe. Das ist möglich, es ist sogar wahrscheinlich, aber es zeigt, was alles in mir steckt: dies und noch viel mehr.«

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
12
Archipel

Wer mit seiner Überzeugung hinter den Berg hält, der spielt ein doppeltes Spiel. Das klingt nicht gut, das klingt verwerflich, selbst dort, wo es der Not geschuldet ist. Nicht zu erkennen geben, wo du stehst, das verunsichert die Leute, sie wissen nicht, was sie von dir halten sollen, sie wenden sich von dir ab oder fürchten dich, wenn du in der Position bist, sie das Fürchten zu lehren. Dabei fürchtest du sie. Welchen Grund gäbe es für dich sonst? Die Not, die liebe Not … was wäre nicht der Not geschuldet? Gesetz, Sitte, Anstand ‒ alles fällt dahin, wenn diese Begründung greift. Doch welcher Grund überhaupt sollte dich bewegen, zu dieser (oder einer anderen) Überzeugung zu stehen? Eine Art Geßlerhut, steht sie in der Landschaft herum und fordert den Kotau. Wehe, er wird ihr verweigert: Die Böcke zur Rechten, Die Ziegen zur Linken! Die Ziegen, sie riechen, Die Böcke, sie stinken. Am Ende grüßen alle, der Not gehorchend ‒ der eine mehr, der andere weniger. Da trifft sich die Botschaft gut, dass auch Überzeugungen wanken. Einer festen Überzeugung sein ‒ wer wollte es nicht? Wie fest darf’s denn sein? Wer sind die Überzeugtesten von allen? Schauspieler der Überzeugung? Leute, die das Leben selbst überzeugt hat? Und sei es mit Hilfe von Elektroschocks? Oder doch eher Leute, deren Überzeugung nie auf die Probe gestellt wurde? Wer immer sich überzeugt gibt, er spielt eine Rolle. Er spielt sie gut, er spielt sie eigenwillig, er spielt sie mit Hingabe. Er spielt sie brillant, aber er spielt sie. Und wer sich nicht überzeugt gibt? Nun, er zweifelt öffentlich, er spielt den Zweifler. Eine Art Überzeugung auch das.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
13
Archipel

So gesehen, wären alle Heuchler und Schwadroneure. Sind sie es wirklich? Und was wärest du? Nun, was denn? Die Ausnahme von der Regel? Warum? Du nimmst dich nicht ganz aus, du zögerst. Warum? Weil es ›zu hart‹ klingt? Oder aus gutem Grund? Der wäre? Was wäre ein guter Grund neben dem billigen? Dass du es besser weißt? Na komm schon! Was könntest du besser wissen? Dass irgendwo, zwischen Überzeugung und Meinen, das Denken spielt, ohne in ihnen aufzugehen? – Du denkst doch… Aber sicher. Kein Zweifel, immer wieder, wenn die Dinge kritisch zu stehen beginnen, wirfst du dieses Pfund in die Waagschale. Es fällt dir schwer, nicht zu denken, selbst dort, wo deine Meinung gefragt ist, selbst auf die Gefahr hin, die Frager zu langweilen. Es soll sogar vorkommen, dass du in solchen Situationen angestrengter denkst als üblicherweise: Du wirkst nicht gut, du wirkst wie ertappt, jedenfalls kommt es dir so vor. Nur ändern kannst es du nicht. Hand aufs Herz: Du willst es auch gar nicht ändern. Denkend entsinnst du dich deiner Gedanken. Und sie steigen herauf aus der Tiefe des Bewusstseins: Meinungen sind Gedanken, auf die man gern zurückkommt. Überzeugungen sind Gedanken, auf die man unter Druck zurückkommt. Wer wenig denkt, der meint, wovon er überzeugt ist, und er ist überzeugt von dem, was er meint. Wer mehr und intensiver denkt, für den treten Meinung und Überzeugung auseinander. Seine Meinung ist ›mehr privat‹. Soll heißen: »Ich stehe nicht für sie ein.« Warum ist sie dann Meinung? Weil es deine Gedanken sind, die du da ausplauderst. Es sind deine Gedanken, weil sie dir gerade jetzt durch den Kopf gehen, wo du sie brauchst. Woher sie kommen, wohin sie gehen ‒ wer fragt danach?

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
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Archipel

Im Ernst: Wer fragt danach, woher deine Gedanken stammen? Deine Gedanken … das klingt bombastisch; dabei sind sie es nur deshalb, weil du sie zufällig in diesem Augenblick denkst, nicht etwa, weil du selbst sie dir ausgedacht hättest. »Ich habe mir diesen Gedanken erarbeitet und nun gehört er mir« –: welch ein Unsinn! Man hat vielleicht das Gefühl, einen Gedanken erarbeitet zu haben – was kann der Gedanke dafür? Nun arbeitet der Gedanke weiter: Gehörst ihm jetzt du? Hat er dich erarbeitet? Er ist vielleicht keine Person, er ist kein Angeber, er ist ein Übergang. – »Ich kenne diesen Gedanken« heißt: Irgendwann bist du mit ihm in Kontakt gekommen. Musstest du ihn deshalb gleich denken? Was hättest du sonst mit ihm anstellen können? Weiterreichen, am besten ungeöffnet? Kann man mit einem Gedanken in Kontakt kommen sein, ohne ihn, wie unzureichend auch immer, zu denken? War er dann, für die Dauer des Vorgangs, dein Gedanke? Und jetzt, da du ihn erinnerst, wäre er erneut dein Gedanke? »Ich habe mir so etwas schon gedacht«: Etwas in dieser Art! Aber derselbe? Oder: Ein und derselbe Gedanke, einmal von dir, einmal von dem da gedacht ‒ wären das zwei Gedanken mit identischem Inhalt? Oder wäre es ein Gedanke in verschiedenen Köpfen? Auch in zwanzig, in hundert, in tausend Köpfen? Ein Gedanke in tausend Köpfen: Ist das noch ein Gedanke? Oder ist erst das ein Gedanke? Ist das, was du erdenkst, bereits ein Gedanke? Woher weißt du, dass es sich um einen Gedanken handelt? Hast du ihn befragt? Vielleicht, vielleicht nicht. Jedenfalls nicht in jedem Fall.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
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Archipel

Was dir durch den Kopf geht, ist deine Sache. Merkwürdigerweise heißt das: Du lehnst die Verantwortung dafür ab. Du willst nicht zur Rechenschaft gezogen werden, nur weil es in dir denkt. Warum? Weil du die Verantwortung nicht zu tragen imstande bist. Weil du sie nicht tragen willst. Weil du andere verantwortlich machst. Weil es nicht deine Gedanken sind, sondern Allerwelts-Gedanken, angeflogen von irgendwoher, Gedankensplitter, Gedankenmüll, Gedankenunrat. Heißt Gedanken hegen: in Unrat stochern? Dieser Kopf ist dein Kopf (und du hast nur einen). Warum so heikel mit seinen Hervorbringungen? Ein Außenstehender könnte den Eindruck gewinnen, du magst ihn nicht. Großer Irrtum! Was in dir denkt, es will anonym bleiben. Einfachste Weise, dich zum Lügner zu machen: ein Tagebuch führen. Übernimm die Verantwortung und die Gedankenwelt, die in dir lebt, ist schon verschwunden. Es tauchen auf: gezinkte Gedanken, Pseudo-Gedanken, Tagebuch-Gedanken. Da stehen sie, geben mit sich an und rücken nicht von der Stelle. Warum auch? Schließlich hast du dich zu ihnen bekannt. Es sind unbestellte Bekenntnisse auf der Suche nach Liebhabern. Sie lassen etwas sehen, was so nicht existiert. Oder sie sollen festhalten um jeden Preis. Aber der Preis ist hoch. Wenn das Strömen der Gedanken zur Obsession wird, die gebrochen werden soll, ist der Zweite, der Aufpasser, bereits installiert.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
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Archipel

Entweder alles ist Gedanke, was im Bewusstsein sich bildet, also auch Angedachtes (›Gedankenfetzen‹), abgerissene Vorstellungen (›Assoziationen‹), Gefühlsmomente (›Gefühlsgedanken‹), – oder alles, was es ›von außen‹ okkupiert: also Texte, Bilder, Text-Bild-Kombinationen, Melodien, Ton-Bild-Text-Sequenzen, körperhaft wirksame Stimulanzien. Tertium non datur. Im ersten Fall sind sie autonom, im zweiten autark: entweder ›verdanken‹ sie sich dem Grad ihrer Bewusstheit oder sie folgen den Regeln sozialer Distribution (Meme). Das Ganze fußt auf schwankenden Begriffen, aber es muss ausgefochten werden. Kein Zweifel, dass Kontakt Gedanken – oder ihre Bildung – ›befördert‹. Zweideutig bleibt auch dieses Wort (mitsamt der Vorstellung, die es aufruft). Die Frage ist, ob er sie verteilt oder macht. Im ersten Fall sind sie immer, im zweiten nie dieselben (nur in unterschiedlichen Köpfen). Wenn der Kontakt den Gedanken ›veranlasst‹, dann veranlasst Gedankenkontakt zwangsläufig Gedankengedanken: Gedanken über Gedanken, Gedanken aus Gedanken, Mitgedanken, Nebengedanken, Hintergedanken, erwünschte, verbotene, verfemte, leichtfertige Gedanken, Modegedanken ‒ das Angesagte, das Ausgesperrte, das Tabu, die Parole, den Wahn, die Assoziation, die Interpretation und das aus den Reden anderer erbaute ›Gedenken‹. Es entsteht in dir, aber es entsteht durch Kontakt. Etwas (ein ›vergegenständlichter‹ Gedanke?) berührt dich und du setzt dich in Bewegung. Du sagst: »Das berührt mich nicht« ‒ schon ist es um dich geschehen. Etwas in dir wird so lange ›Gedanken wälzen‹, bis ›die Sache passt‹, bis ein Gedanke, handlich geworden, als Meinung passiert ‒ oder als Überzeugung, als Anhängsel einer kurrenten Gesinnung, die dich zum Mitläufer stempelt oder zum Außenseiter, der, auf seine Weise, wie er glaubt, ebenfalls mitläuft, aber viele Weisen des Außenseitertums ergeben zusammen ein Muster, eins, das du nie zu Gesicht bekommst, es sei denn, du erreichst das Alter, in dem sich die Haftkräfte lockern und das, worin du zu Hause warst, im Kaleidoskop erscheint.

 
 
 
Der Dämon der Ansteckung
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Archipel

Warum ist die Differenz wichtig? Weil sie bestimmt, wer du bist: Träger oder Getragener, Esel oder Reiter. »X nur zu denken, ist schon Verrat.« Willkommen im Land der Verräter. »Ein Gedanke, der alle beseelt« ‒ welcher, bitte, sollte das sein? Der ›gebetsmühlenartig wiederholte‹? der ›abgedroschene‹? Der ›verlogene‹? Und welche Seele wird da verschenkt? Die des Gemeinwesens? Die einer Bewegung? Die des Bewegtseins, von was auch immer? (Nebengedanke: Wer in der Bewegung erstarrt, hat der keine Gedanken? Hat er die falschen? Woher hat er sie? Woher kommen die falschen Gedanken? Von den richtigen?) Wie viele Seelen stehen im Angebot, damit du Seele hast? Sollst du ›seellos‹ nennen, wer sich im Kaufhaus verirrte oder einmal die falschen Schlüsse zog? Wer falsche Schlüsse zieht, hat die richtigen vielleicht nicht gefunden. Vielleicht lagen sie obenauf und er schob sie zur Seite ‒ um etwas zu finden, warum denn sonst? Gib’s zu: Um diesen Fund beneidest du ihn bereits im Geheimen. Wärst du bereit, ihn abzunehmen? Wäre er dann dein Fund? Nein, du lässt ihn liegen. Da liegt er, ein Brocken ‒ in dir, wo sonst? Du wirst ihn schon abtragen, Stückchen für Stückchen, wirst ihn dir einverleiben, aber nicht in der vorgefundenen Form, stattdessen zerrieben, als Niemandsstoff, als namenlosen Gesinnungspartikel, als gemeinfreies Etwas, das du gesonnen bist zuzulassen, als sei es das deine. Die Mem-Theorie des Bewusstseins ist totalitär. Sie funktioniert – wie alles Totalitäre. Jedenfalls eine Zeitlang.

 
 
 
 
 
 
Distichon
 
Archipel

Vielleicht genügt es ja, eine Fingerkuppe ins Wasser zu tauchen und ›kalt‹ zu sagen oder ›warm‹ oder ›heiß‹ oder ›kochend‹, um Abstand zu wahren. Diese kleinen Manöver addieren sich leicht zu einer probierenden Existenz, was immer das heißen mag. Die Probe, die rasch zur Kostprobe wird, umspielt die Grenze von Drinnen und Draußen, von Beteiligt- und Unbeteiligtsein, von Affiziert- und Nichtaffiziertsein, sie stellt ein affiziertes Nichtaffiziertsein her, das dem Affen Zucker gibt, ihm aber nicht die Hand reicht. Aber was heißt schon, ›sie stellt es her‹: mit einem Mal steht es da, dann ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal und so fort, und diese sich addierenden, vorwärts und rückwärts aufblitzenden Male sind es, die sich die Hände reichen, zumindest unter der Hand, hinter dem Rücken der Person, die man gern die handelnde nennt, weil sie die Dinge in die Hand nimmt, um sie hierhin und dahin zu stellen, nicht ohne sie zu verändern. Nimm den Dingen die Temperatur und sie starren dich verständnislos an: Was hast du getan? Ja was wohl? Du weißt es nicht, denn du willst es nicht wissen. Du weißt es wirklich nicht, denn die Probierexistenz lässt es nicht zu.

›Wirklich‹ weißt du es nicht, ›unwirklich‹ schon.

 
 
 
 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
1
Archipel

Funktionale Differenzierung: ein Witz. Ober vielmehr: wieviel Naivität darf es sein? Nein, daraus ergibt sich keine Gesellschaft. Wo immer man hinsieht, erzeugen Aufgaben Hierarchien, werden auf der Stelle umgemünzt in Selbstwertgefühl, Gruppenegoismen, Lebensweisen, Konsumverhalten, Kultur. Ist die Aufgabe lösbar? Dann wird sie gelöst. Oder auch nicht. Als ob es darauf ankäme! Auf den Zuschnitt kommt es an, auf Größe, verfügbare Mittel, Vertracktheit. Vor allem auf die verfügbare Zeit: Jede Aufgabe öffnet ein Fenster in die Zukunft. Kleines Fenster, wenig Zukunft. Ein kleines Fenster hält Hierarchien flach und versetzt die angesprochene Klientel in einen frenetischen Rausch: Nimm, was sich bietet. Ein weites Fenster fächert sie auf, gibt der sozialen Ambition Weite und Höhe, lässt hier ein Treppchen entstehen und dort ein Podestchen mit der Aussicht auf viel Zukunft und angemessene Beute. Zeitangaben – zehn, zwanzig, hundert, tausend Jahre – werden dankend angenommen, erwecken andererseits Misstrauen. Besser, man reklamiert die ganze Zukunft für sich: rund, voll, blühend, Tendenz gegen unendlich.

Funktion folgt Form.

 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
2
Archipel

Die ganze Zukunft … eine, die hier und heute beginnt, eine Zukunft, bei der jeder mitmachen kann und die sich jedem bereitwillig öffnet, sobald er den Schritt getan hat, der ›Unterwerfung‹ heißen kann oder ›Befreiung‹, Hauptsache, jemand nimmt dem Alltagsmenschen die Binde von den Augen oder es fällt ihm wie Schuppen ... wohin? – Eine Zukunft dieses Formats verspricht mehr und anderes als die Lösung der Aufgabe, zu deren ›Bewältigung‹ man sie auffährt. Sie bündelt Zeit. Zeit, die sich jemand in die Hände spielt, um sie auf die Aufgabe zu verwenden, die vielleicht gar keine ist, sondern ein Phantom, ein Abrakadabra, eine Grenzvorstellung ohne jede Aussicht auf Verwirklichung, eine verrückte Idee, eine Verschiebung oder ein harmloses Anliegen, das sich bei ernsthaftem Bedarf durch ein paar Handgriffe befriedigen ließe. Aber die Dinge so zu sehen, das wäre: kleines Fenster. Stattdessen, im weiten Fenster: die Reklamation der Zukunft. Der ›Hauptinhalt‹ heißt Verschwendung: in kleinem Stil, solange die Bewegung noch läufig ist und ihr Anspruch auf Gestaltung der Verhältnisse lächerlich klingt, in großem, sobald sich ihr Machtanspruch dehnt und aufzurichten beginnt, sobald sie die Medien tränkt, den Staat erobert, die Exekutive, die Legislative, die Bürokratie, die Schulen, die Wohnzimmer infiziert, die Kindergärten.

Was ist das: Verschwendung?

 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
3
Archipel

Sicher, es gibt sie, die Anhänger ›echter‹ Hierarchie jenseits von Zeit und Raum. Angenommen, ihr Phantom existierte, dann wäre es so etwas wie ein Umwerter der wirklichen Dinge und ihr wirklicher Konkurrent. Gibt es das? Kann es das geben? Ist ein Markt der Wirklichkeiten denkbar, auf dem sich jeder die für ihn passende aussucht? Wohl eher nicht. Warum? Offensichtlich, weil sie dann keine mehr wären. ›Wirklichkeit‹ ist obsolet, sobald ich mir eine aussuchen darf. »Wieviel Wirklichkeit soll es denn sein? Ah, von dieser da? Wir haben heute eine neue im Angebot. Schauen Sie mal…« Wäre Hierarchie hingegen bloß Betrug, so lägen die Dinge einfach. Bekanntlich erkennen viele in ihr die ›Mutter aller Lügen‹: den verwerflichen Ausdruck einer sich selbst aufhebenden Entscheidung. Denn was ist Lüge? Offensichtlich eine verworfene Aussage, eine Aussage wider besseres Wissen, in diesem Fall die Mär vom höheren Menschen. – Nein, so ist es nicht. Hierarchie mag alles mögliche sein, aber sie ist mit Sicherheit keine Aussage. Hierarchie bleibt Hierarchie. Sie ist ›die Sache selbst‹. Du darfst es als falsch betrachten, dass es sie gibt, dann ist sie es immer und nie. Solange sie existiert, existiert, als ihr ständiger Begleiter, auch dieses ›immer und nie‹. Du musst dich zu ihr verhalten und kannst es nicht – es sei denn existenziell: »Ich erkenne dich an und – großartig! – jetzt erkenne ich auch, warum es dich gibt.«

 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
4
Archipel

Betrachtet man die Sachlage nüchtern, dann entspringt Hierarchie aus dem Verlangen nach einer handelnden, planenden, vorausblickenden Person oder Personengruppe: Sie soll es machen. Was soll sie machen? Nun ja … alles, was ansteht. Wichtig ist nur, dass sie mehr vermag als die verlangende Partei, die bereit ist, Autorität zu übertragen. Wer vermag das zu entscheiden? Am Ende niemand. Keine Talentprobe fällt so zwingend aus, dass sie Gewissheit in den Bereichen schaffen könnte, in denen sie vonnöten wäre. Hierarchie, im Kern betrachtet, ist ein Projektionsverhältnis, hervorgegangen aus einer verschachtelten Urteilsabstinenz, die das Urteil einschließt, dass es anders nicht weitergehen kann, so aber wohl. Anders ausgedrückt: Der Grund von Hierarchie ist eine als Schmerz erlebte Entzweiung im Selbst – Verzweiflung. Hin- und hergerissen zu sein ist kein gutes Gefühl, umso weniger, wenn es sich leicht beseitigen lässt. »Gib’s auf!« Was? Es selbst machen zu wollen, die Dinge laufen zu lassen. Wofür? Das ist die Frage. Sagen wir: für ein ansprechendes Design. Sprich nicht so verächtlich darüber. »Diese Menschen erscheinen mir sicher in ihrem Handeln. Was will ich mehr? Ich borge mir etwas von ihrer Sicherheit.« So weit, so nüchtern. Wie weit trägt Nüchternheit? Nicht sehr weit. Weiter trägt die Bewegung. Wann wird eine Bewegung, die nüchtern begann, frenetisch? Warum? Je mehr sie wächst, desto mehr von deinesgleichen hat sie sich einverleibt. Es wäre doch seltsam, teilte sich etwas von eurer Urteilslosigkeit denen ›oben‹ nicht mit. Ein festes Urteil, aus Urteilslosigkeit stammend, ist bereits frenetisch. »Stellt den Clown an die Spitze! Er wird es machen.« Wundersame Fügung: er steht schon dort.

 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
5
Archipel

Wie steht es um die kleinen, als ›informell‹ bezeichneten Hierarchien, die ein Dritter nicht einmal kennt, geschweige denn ›zur Kenntnis nehmen‹ muss? Sie sind das Salz der Erde, sie bewegen Menschen zu den erstaunlichsten Leistungen, sie erzeugen ein Hochgefühl, das sich in Phrasen äußert wie: »Ich bin angekommen«, »Da finde ich mich wieder«, »Davon profitiere ich enorm«, »Das gibt mir Sicherheit«, »Damit kann ich leben«. Von solchen Vertikalverhältnissen lässt sich wenig mehr sagen als: sie sind ›im Gebrauch‹. Von keiner offiziellen Instanz abgesegnet, von keinem Zeitgeist mit Rausch-Stoff ausgestattet – … Stopp! Vielleicht doch? Sind nicht, genau besehen, sie die wirksamsten Katalysatoren des Zeitgeists? Richten sich – letzten Endes – nicht alle nach ein und derselben Nadel? Manche hängen noch dran, wenn der Wind sich gedreht hat. Diese ›führenden Persönlichkeiten‹ waren, meist aus eher belanglosen Gründen – Gesicht, Lächeln, Gestenrepertoire –, Vorbilder oder Verführer, als ihre Sache die Sache aller war, das Erfolgsmodell hat sie unkorrigierbar in Form gebracht, die Form wird zusammen mit ihnen zerfallen, dem einen oder anderen beschert sie die größte Wirkung erst im Zerfall. Was von ihren Leistungen auf die Nachwelt gelangt, weiß keiner, es bleibt dem Prinzip Zufall überlassen und den wechselnden Konjunkturen. Worum geht es, mein Kind? Darum, dass alle gestorben sind.

 
 
 
Seid wachsam und wehret euch
6
Archipel

Gib’s zu, du hast ihresgleichen gekannt, du warst nicht unempfänglich, du warst, um das Mindeste zu sagen, weit offen für ihren … Zauber. Du hast dich ihm leichter anbequemt als der Skala des gesellschaftlichen Erfolgs. Noch heute erliegst du der alten Lockung, selbst wenn du sie ironisierst. Du wüsstest doch nicht einmal, ob du ihr entkommen wolltest. Da –! Die Tür steht klafterweit auf, also geh hindurch… Warum hältst du dich an den Türsteher? Nicht er ist das Problem, nicht er die Lösung deiner Probleme. Geh weiter, wenn’s sein muss, durchquere ihn, warum denn nicht? Es geht nicht? Was für ein seltsames ›es‹ meldet sich da im Sprechen? Also gut, die Sprache täuscht an dieser Stelle etwas vor, wechsle die Sprache, such dir eine passende aus, das wirst du doch wohl noch hinbekommen. Es geht dir nach? Wo? Wie? Und vor allem… nein, nicht noch einmal. Das hatten wir schon. Du bist verhext. Du beneidest die Nüchternen, du hältst dich im Großen und Ganzen für einen von ihnen, aber tauschen möchtest du nicht, es sei denn, du teiltest mit ihnen ihre verborgene Schwäche. Hierarchie ist das Salz des Lebens. Wer hat das gesagt? Annulliere diesen Satz! Annulliere ihn auf der Stelle! Willkommen im Klub.

 
 
 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
1
Archipel

Dieses Auge, mit seinen vertrauten Apparaturen, Linse, Iris, Netzhaut, Aderhaut, Hornhaut, Pupille, mit vorderer und hinterer Augenkammer, Glaskörper, Lederhaut, Ziliarkörper ist ein Prachtstück: voll funktionstüchtig, wie die Mediziner versichern, eine komplexe Einheit voller Feinheiten, Schärfen und brillanter Einzellösungen, in jahrzehntelangem Einsatz erprobt, aber – es fehlt der Anschluss. Dort, wo der Sehnerv unter dem Gerät seinen Einsatz verrichtet, befindet sich nichts oder weniger als nichts, ein Restelement, nicht der Rede wert, gerade groß genug, um den Verdacht eines von Anfang an gegebenen Defekts abzuweisen, denn die Spuren der Zerstörung sind unübersehbar. Das Auge erkennt, was es erkennen soll oder erkennen sollte, wäre nur der Sehnerv intakt. Es erkennt aber nichts, weil die Verbindung ins Sehzentrum, dorthin, wo die Bilder zusammengesetzt werden und ihre Reise durch die gedeutete Welt beginnen, unterbrochen wurde. Von welcher Instanz?

 
 
 
Auge ohne Anschluss
2
Archipel

Das zu berichten ist ein langer Weg, eine verwickelte Suche, ein langsames Spurenlesen wo? Hier von Dunkel zu reden, verbietet sich praktisch von selbst, auch stellt sich die Frage, welches Dunkel gemeint sein könnte, denn das Dunkel, in dem das Auge lebt, aus der Distanz beäugt von vielen Augen, die registrieren, dass mit ihm nichts stimmt, ist nicht so dunkel, wie es der Theorie nach sein sollte. Doch selbst diese Aussage läuft bereits etwas aus dem Ruder, denn die Theorie ist ja nichts Stabiles, nichts ›Festes‹, um ein Wort aus dem menschlichen Beziehungswesen zu benützen, das im Betroffenen schmerzliche Assoziationen auslöst. Sie ist fluide, quecksilbrig, scheinstabil, immer kurz davor, die einmal gefundene Gestalt zu verlassen und in andere hinüberzugleiten. In der Theorie ist das Dunkel dunkel, ein Feld der Erhellungen, die heute so, morgen so ausfallen können, ein mixtum compositum aus vergangenen und künftigen Erhellungen und dem, was darin immerfort bestehen bleibt, also das Dunkel.

 
 
 
Auge ohne Anschluss
3
Archipel

Ein Auge, das alles sieht, aber unfähig ist, seine Informationen weiter zu leiten, weil der Kommunikationsstrang in einem chemischen Vorgang totgelegt wurde, der keine Umkehr gestattet, sieht, ohne zu sehen, aber es ist nicht tot. Es bleibt ein Bestandteil des lebendigen Organismus, es funktioniert als Glied dieses Organismus, es sieht nichts, aber das ausgezeichnet. Also liefert es weiter Informationen, wenngleich nebensächlicher Art, an seine organische Umgebung. Es empfängt auch Signale aus ihr – selbstverständlich, selbst die Verbindung zum Sehzentrum ist nicht vollständig abgerissen. Das Auge verrichtet seine Aufgabe, es dreht und wendet sich in jede erwünschte Richtung, es hat keine Mühe damit, sich auszurichten und, der begleitende Sprachsinn kommt auf die Vokabel zurück, zu sehen, was das Zentrum ihm aufträgt. Aber was es sieht, bleibt dunkel. Nein, es bleibt nicht dunkel, es wird vom Dunkel verschluckt.

 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
4
Archipel

Das Dunkel wird vom Zentrum produziert, ganz allein vom Zentrum, das keine Signale empfängt, wo es sie erwartet, und das in seiner Erwartung gleichsam erstarrt ist, eine Salzsäule der Information, unfähig, zu begreifen, unfähig, die neue Situation, die so neu nicht ist, zu analysieren und auszusteuern. Nein, ganz so ist es nicht. Es hat gelernt, mit dem verminderten und, selbstverständlich, einseitigen Informationsfluss zurecht zu kommen, den das verbliebene gesunde Auge produziert. Es hat gelernt, mehr schlecht als recht, damit zurechtzukommen. Zurechtkommen bedeutet, dass alle Funktionen bedient werden, nur das Lebensgefühl leidet, was nicht so schlimm zu sein scheint, denn es leidet immer. Jedenfalls scheint es so. Das Lebensgefühl, sonst sehr beredt, schweigt darüber.

 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
5
Archipel

Ein Auge zuviel vielleicht. »Auch du?« wird mancher ironisch fragen, mancher verkneift es sich auch, als ob er bereits wüsste, dass die Bemerkung in dir keinen Widerhall findet. Das ist schade, so ein Wortspiel verändert die Welt. »Wirklich?« wird ein Unbedarfter fragen und selbstverständlich ist er im Recht: seine Welt war zu keiner Sekunde in Gefahr, und da er sie bereitwillig mit jedermann teilt, ist sie Jedermanns Welt, der kleinste gemeinsame Nenner und ungeheuer komplex –: ein Ungeheuer an Komplexität, ein Ungeheuer auch ohne Komplexität, aber das steht auf einem anderen Blatt, das vielleicht noch geschrieben gehört, ein ›Desiderat‹ in der schnell verblassenden Sprache, unter deren Umhüllung die Wissenschaft langsam, sehr langsam herangereift ist und die sie gerade jetzt abstreift.

 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
6
Archipel

In diesem langen Jetzt, das perspektivisch beweglich in den Köpfen der Beteiligten hängt, wandelt sich das Gesicht der Welt. Etwas tritt zurück, etwas tritt vor, es ist nicht mehr der erhoffte scharfe Schnitt, der das Gegenwärtige vom Vergangenen trennt, aber eine Art Umschlag, wie er jeder langen Welle am Ende bevorsteht, wenn sie in seichtes Gewässer einläuft. Der Getroffene hütet sich, die Jedermannswelt gering zu schätzen, auch er entnimmt ihr seine Erregungen, ohne sich groß dafür zu genieren, doch das Auge ohne Anschluss lässt sie flach erscheinen, flacher jedenfalls, als es den Potenzen entspricht, die er in sich ausmacht, flacher auch als manches, das ihn aus der Vergangenheit anspricht.

 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
7
Archipel

Dieses Plastischwerden vergangener Dinge oder ›Konstellationen‹ – durch ein Wort, einen Satz, ein Bild am Ende einer langen Aneignungskette hervorgetreten – steht in schroffem Gegensatz zu der Empfindung, taub zu bleiben gegen ihren öffentlich kommunizierten Sinn, ›taub‹ verstanden in der moralischen Bedeutung des Wortes, also unbewegt und unbeweglich, abwartend vielleicht, aber nicht wirklich überzeugt, irgendeine Einstimmung könnte sich über kurz oder lang noch daraus ergeben. Die Distanz ist einfach zu groß. Doch in guten Stunden beseelt dich die Überzeugung, es liege an dir, die plastische Kette soweit ›herauszuarbeiten‹, dass sich ganz von selbst das Verhältnis der Mitwelt zu diesen Dingen verändern werde.

 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
8
Archipel

Das ist Illusion, wie du wohl weißt, auch während der guten Stunden, auf deren Grund das Wissen um die unauslotbar sich fortwälzende Gleichgültigkeit der Gegenwart gegen derlei Impulse sich nur sachte regt wie ein schlafender Hofhund, dessen Schwanz im Staub von einer Seite zur andern wandert.

 

 
 
 
 
Auge ohne Anschluss
9
Archipel

Die Gleichgültigkeit des Heute gegen sich selbst.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Soziales Prisma
1
 

Baustelle

Ein guter
Beobachter spricht nicht.
Ausgehoben die Grube, abgestützt die bis auf den letzten Ziegel freigelegten Grundmauern der umliegenden Häuser, Sand deckt die wellige Tiefe, auf der gerade noch Bulldozer kurvten. Zwei Rohre, eins schwarz, eins grau, ragen senkrecht aus der Fläche. Ein Moment der Stille, der Verlassenheit vielleicht, bevor die Betonmischer anrücken. Die Verlassenheit sagt: Alles liegt bereit. Alles, das meint: die Stelle, an der die Stiefel der Bauarbeiter knirschen werden, bis der fertige Bau ihre Anwesenheit überflüssig, nein, eher lästig und unerwünscht werden lässt. Soweit sind wir noch nicht. Keiner von denen, die hier das Sagen haben, lässt sich blicken. Man soll deshalb nicht denken, ihre Blicke seien abgezogen und der Grund sich selbst überlassen. Sie liegen auf Plänen, Kostenberechnungen und Bereitstellungsangeboten, sie tasten in den umgebenden Raum und kehren mit Vorurteilen beladen zu etwas zurück, das es, außer in den sie steuernden Gedanken, nicht gibt. Auch die Umgebung sieht, was hier geschieht, sie sieht, dass etwas geschieht, vereinzelte Anwohner haben, als Betroffene, Einsicht in die Pläne genommen und blicken mit Neugier oder Häme oder Besorgnis auf das, was kommt: menschliche Radarstationen, die sehen können, was man nicht sieht, was nicht zu sehen ist, weil der Nebel Zeit darauf liegt. Ach was Zeit, sagt der eine oder andere, hier ist kein Platz für das, was die sich ausgedacht haben. Hat ihnen das niemand gesagt? Ich könnte es ihnen sagen, die Wahrheit ist, dass mich niemand fragt. Und wenn schon? Es wird ihre Pleite sein und sie werden damit zurecht kommen müssen. Auch an Pleiten lässt sich verdienen, an solchen, die in der Zukunft liegen, allemal. So ein Bau unterliegt seinen eigenen Gesetzen. Was daraus wird, weiß kein Mensch. »Ich habe da keine Baustelle, mein Haus ist vorerst intakt, wenn etwas abrutscht, zahlt die Versicherung.« Nein, er hat keine Baustelle, jedenfalls nicht hier, wo sein Eigentum endet und das anderer Leute beginnt, von denen er den einen oder anderen Namen kennt, ohne dass ihm klar wäre, wo die Geldgeber sitzen und wessen Hoffnungen, Pläne und künftige Investitionen mit im Spiel sind. Er kennt nicht das wahre Ausmaß der Sache. Und das ist gut so. Vielleicht könnte er nicht mehr ruhig schlafen oder er nähme das Angebot, sein Eigentum wegzugeben, jetzt bereits an und zöge davon. Wohin? In die Zukunft natürlich.

 
 
 
 
 
Soziales Prisma
2
 

Zollfahndung

Ein guter
Beobachter sammelt
Eindrücke.

Konterbande, ein Wort, das an Gebirgsgegenden denken lässt und ans lustige Pfeifen der Kugeln, wenn sich Fuchs und Hase auf felsigem Waldpfad begegnen. Weit gefehlt. Nur die Tageszeit stimmt, die Stunde der frühen Erhebung, des verpassten Gebets, bevor die Straße erwacht. Die Kontrolleure, sie schlafen nicht, schattenhaft erheben sie sich mit den Kontrollierten und sinken mit ihnen zu Bett, nicht wirklich, sondern nur, um neben oder in denen aufzuwachen, die gerade die Augen aufschlagen und, süchtig nach ein wenig Tag, die Rolläden vorsichtig anheben. Richtig, draußen rollt der Verkehr, er muss rollen, wenn das Ziel erreicht werden soll, die Versorgung aller mit allem, was das Leben benötigt, um mehr zu sein als es selbst, ein bisschen mehr von allem, eine dünne Schicht zwischen dem Ich und dem Mangel. Das Ich fürchtet den Mangel, es sorgt sich, es könne in ihm verschwinden wie die Prinzessin im Putz. Nein, nicht in der Furcht des Herrn verbringt es seine Tage, sondern durchdrungen von der Furcht, in die Mangel genommen zu werden oder Mangel zu leiden. Diese Furcht treibt es um. Sie schlägt aus ihm heraus, so dass es gelegentlich in Raserei verfällt und um sich schlägt in Worten und Werken. Nichts ist dann wie zuvor. Eigentlich erstaunlich, wo sich doch nichts geändert hat. Verändert hat sich die Furcht des Herrn. Nein, sie ist nicht verschwunden, sie tritt jetzt als Mangel zutage, der befriedigt werden will. Seltsames Wort für den Frieden, der da kommen soll. Seltsamer noch die Befriedigung, die von ihm ausgeht, vor aller Befriedigung, ein Stück Befriedung im Aufruhr. Das Denken setzt aus und die Bedürfnisse schweigen für einen Moment, bevor sie losstürmen, Losgelassene, die ihr Glück noch nicht fassen können.

 
 
 
 
 
Soziales Prisma
3
 

Gruppenaufnahme

Ein guter
Beobachter lässt sprechen.

Aufgenommen wird in Gruppen. »Wir sind nicht einer, wir sind viele.« Ein großes Wort, zu groß für einen, der sein Glück nicht zu fassen vermag. Das ist auch nicht nötig. Es wäre sogar erstaunlich, gelänge es einmal, weil da nichts Fassbares bleibt, nichts, was sich fassen ließe, am Haarschopf zum Beispiel oder am Hemdknopf. Bleibt die Aufnahme in die Gruppe, das Ritual der Rituale, der Ur-Akt. Die Sprache stellt solche Ausdrücke zur Verfügung, um ihre grenzenlose Verachtung zu bekunden, und die Menschen nehmen sie dankbar an. Grenzenlos sind sie selbst, da sehen sie kein Problem. Wer das Maß aller Dinge ist, geht über jede Grenze. Das Maß aller Dinge aber ist die Gruppe. Wer setzt das fest? Sie selbst, wer sonst. Warum nennen wir, was sich festsetzt, Gruppe? Weil alle Posten in ihr vergeben sind. Weil alle in ihr vorkommen, einzeln, unverwechselbar, aber zuströmend und Abschied nehmend, wenn es an der Zeit ist. Weil... sie keine Ansammlung ist, sondern eine Macht. Ein Einzelner, der als Gegen-Macht aufträte, würde mit einem Schlag unsichtbar. Wäre er klug, beließe er es dabei. Aber er, wie der Zufall so spielt, ist nicht klug, er kann es nicht sein. Er ist verletzt: die Gruppe hat ihn nicht aufgenommen oder sie hat ihn ausgestoßen. Also? Er ist ihr verfallen, auch wenn es ihm nicht gefällt. Seine Macht erwächst aus dem Schaden, den er ihr zufügen kann. Will er es denn? Er weiß es nicht, aber es wäre die Überschreitung. Wenn es das Ziel der Gruppe ist, Grenzen zu überschreiten, dann heißt ihr schaden zu wollen, sein ›Ecce Homo‹ herauszuschreien: »Auch hier ein Mensch.« Fort mit dem ›auch‹! Hier ist ein Mensch. Fragt sich nur welcher. Auch er ist viele. Gelingt es ihm, seine Vielen zu mobilisieren, dann ist er die Gruppe noch einmal, ihr schattenhafter Begleiter, ihr Doppelgänger, ihr Stellvertreter an verwunschenen Örtern. Solche Örter existieren, kein Zweifel, das Gruppenbewusstsein speit sie heraus, denn es will alles, aber nicht auf einmal. Es speit sie aus, sage ich, sein Speichel klebt an ihnen, sie sind hoch kontaminiert. An ausgespieenen Örtern herrscht kein Mangel, eher Überfluss. Ein Überfluss an Mangel macht sich an ihnen bemerkbar, ein überflüssiger Mangel und ein nicht-flüssiger Überfluss ohne die Möglichkeit abzufließen, in welches Bett der Genüsse auch immer.

 
 
 
 
 
Soziales Prisma
4
 

Szenenfoto

Ein guter
Beobachter notiert.

Die Szene, blind, verwaschen, kaum zu erkennen: alles, was vorgeht. Was vorgeht, kommt aus diesem Nebel hervor, der keine Auskünfte gibt, es sei denn, man bescheidet sich mit dem Nachhall der Stimme, die sie verlangt. Die Stimme ist gut sortiert, sie hat ein Tiefenregister, das alle verständigt, sie kennt die Obertöne, bei denen die Hunde die Ohren spitzen, während der Rest der Familie nichts bemerkt, abgerechnet das merkwürdige Verhalten der Hunde. Vor allem kennt sie die volle Breite der Verständigung. Ihre Breitseiten sind bekannt, um nicht zu sagen gerühmt. Auf dem Foto ist sie nicht gut zu sehen, genauer gesagt, sie kommt darin nicht vor. Wie auch? Die tönende Postkarte wurde noch nicht erfunden, sie lauert im Abgrund der Zeit, deren Verständnis heute nicht weiter reicht als die stumme Gebärde. Ein Bild, auf dem nichts zu erkennen ist, will durchmustert werden, Quadrat für Quadrat, vielleicht, dass es doch etwas preisgibt. Was von einem Apparat aufgenommen wurde, muss irgendwo sein, es kann doch nicht auf Dauer verschwunden sein, vor allem nicht in sich selbst. Die Vergangenheit kann nie Vergangenheit werden, schließlich ist sie es schon. Zeit, die sich von der Gegenwart trennt und davongeht, hat kein Ziel. Ohne Ziel keine Entfernung, nur die zwischen sich und sich. Also entfernt sich das Vergangene in sich selbst. Wer es fassen will, muss die Distanz überbrücken, die es in sich selbst aufgerichtet hat. Das aber heißt: im Nebel stochern, im Nebel lungern, mit aufgedrehten Sinnen. Die Schwaden, die das Vergangene erzeugt, sind nicht nur für das einzelne Gehirn bestimmt, das sich mit mehr oder weniger Einsatz zu erinnern versucht. Sie durchwabern die Fliege an der Wand zusammen mit dem Verfolger, der, über den Schreibtisch gebeugt, auf sie lauert. Von ihnen erfüllt greifen sie aufeinander zu, entgehen oder verfehlen einander. A propos Fliege. Keiner kennt sie, keiner will sie kennen. Bloß zu nahe kommen darf sie dir nicht. Aber wer darf das schon. Der Verfolger bist du: wohnhaft in der Vergangenheit. Deine Gegenwart durchschneidet die Szene, in der, gut sichtbar, das kaum Erkennbare brodelt: »Seht her, nichts zu erkennen! Bitte behaltet das.«

 
 
 
 
 
Soziales Prisma
5
 

Streuwinkel

Ein guter
Beobachter hält mit.

Das Reptil, stundenlang in flirrender Hitze ein Opfer belauernd, verfehlt sein Ziel knapp. Schuld daran ist der Streuwinkel. Nicht, dass es ihn nicht kennen würde, nicht, dass es auf ihn nicht eingestellt wäre. Darum geht es nicht. Nicht eingestellt ist es auf die Schwankungen, denen er unterliegt. Bedürfte es der Hilfe der Wissenschaft, um zu überleben, dann müsste es eine Wissenschaft von den Schwankungen sein, denen optische Täuschungen ausgesetzt sind. Sie bilden eine echte Gefahr, vielleicht die einzige, mit der die Täuschungen rechnen müssen, wenn sie sich einen festen Platz in der Wahrnehmung erobert haben. Täuschung funktioniert nicht eo ipso, sondern nur in einem Fluidum, auf das Verlass ist, aber nicht zu sehr. Wer sich verlässt, der wird verlassen. Wer sich nicht verlässt, kommt vor lauter Maßnahmen nicht aus sich heraus. Das ist für den Einzelnen gesagt, in der Gesellschaft kehrt es sich um. Die Gesellschaft kennt das Glück der Maßnahme, die für sich selbst bürgt. Der Streuwinkel, als moralische Anstalt betrachtet, als Theater der Verfehlungen, folgt, die Auguren wissen es, den Gesetzen der Ablenkung, die für jedes Medium extra bestimmt werden müssen. So bewegt sich das Phänomen in engen praktischen, aber weiten theoretischen Grenzen. Manches, was dem bloßen Auge eng beieinander liegt, erweist sich als unvergleichlich, anderes, als gleichartig beschrieben, macht in der Praxis einen gewaltigen Unterschied – in der Praxis, also einen geringen, alles entscheidenden. Ein knapp verfehltes Ziel bleibt ein verfehltes, selbst wenn die Leistung des Schützen als bewundernswert gilt. Ein knapp verfehltes Lebensziel – nicht auszudenken, unauslotbar das Ganze, der reine Horror. Da bleibt es besser, keines zu haben, locker zu bleiben und mitzustreuen. Streut, meine Lieben, streut, was das Zeug hält! Bleibt unerreichbar! Der Rest wird sich finden. Und fände er sich nicht, so fände sich ein anderer, immer ein anderer. So darbt man sich reich. Das ist, aufs Universum der Ablenkungen hochgerechnet, nur konsequent und letzten Endes nicht übel.

 
 
Erwartung eines Duells
 
 
Erwartung eines Duells: Ansage
1

Du zündest dir eine Zigarette an und genießt den Tod.
Nicht dass sich einer angesagt hätte: so nicht.
Es ist auch nicht so, als ob du eine Fehde vom Zaun gebrochen hättest oder drauf und dran wärest, eine Unbedachtheit zu begehen.
Dein Schreibtisch ist aufgeräumt.
Deine persönlichen Verhältnisse (oder das, was du dafür hältst) gestalten sich ruhig. Selbst die Turbulenzen, die du neuerdings darin findest, strahlen eine gewisse Kühle, um nicht zu sagen Unterkühltheit aus. Du hast dich unter Kontrolle.
So weit, so gut. So weit, so ungut.
Etwas ist aus dem Ruder gelaufen.
Ein Wolf ist in die Herde gebrochen, ein Schaf liegt im Blut (X).
Die Welt verändert sich Schlag auf Schlag.
Element (X) unterläuft jede Entscheidung.
Fressmaschine, aus Abgründen aufsteigend: archaische Metapher, weder gut noch schlecht, weder angemessen noch unangemessen.
Eine Zeit-Metapher.
Zeit, das Seinige zusammenzuhalten.
Beobachten, Schlüsse ziehen, bereit sein.

 
 
Erwartung eines Duells: Gewalt
2

Niemand duelliert sich willkürlich.
Das wäre ja Gefuchtel.
Mit schlimmen Folgen vielleicht, aber Gefuchtel.
Die kollektive Psyche lehnt das Duell ab. Sie verlangt Widerstand.
Bei diesem Wort wird auch der Staat hellhörig. Es ist ›kontaminiert‹.
Willkür zum Beispiel kann Widerstand rechtfertigen.
Was wäre willkürlicher als Gedankenkontrolle?
Was wäre unwillkürlicher als der Verdacht der Gedankenkontrolle?
Was wäre unwillkürlicher als ein kontrollierter Gedanke?
Was wäre willkürlicher als ein kontrollierter Gedanke?
Zwischenfrage: Was ist Willkür?
Man ist sensibler gegen Gewalt, die von anderen ausgeht.
Irgendwie ist sie spürbarer, das muss an der Gewalt liegen.
Die unwillkürlichen Regungen der Gewalt bezeugen die Gewalt des Unwillkürlichen.
Dem Handelnden ist seine Willkür unwillkürlich.
Die der anderen empfindet er tief.
Sie wühlt ihn auf, sie erregt sein Rechts- und Rachegefühl.

 
 
Erwartung eines Duells: Herrschaft
3

Auf dem Staatssockel steht: ›Alle Gewalt geht vom Volke aus.‹
Alle Gewalt, die vom Volke ausgeht, tritt ihm als Staat gegenüber.
Alle Gewalt beginnt mit Sprüchen.
Gegen Sprüche sind die Herrschenden machtlos.
Sprüche: Tod aller Überzeugung.
Was aber sind … Über-Zeugungen?
Sprüche, in die der Herrschaftswunsch einschießt.
Da hilft nur Ent-Eignung.
Das ist gar nicht so einfach. Ein guter Spruch spricht sich fort. Er ist fort-da. Verscheuche ihn und er kehrt zurück wie die Fliege zur Stulle.
Auf dem enteigneten Spruch liegt ein Tabu. So oder so markiert es den Sprecher.
Der enteignete Spruch: lächerlich, ein Ferment der Wut.
Die Wut ist der Gegenpol des Duells.
Die Wut schließt alle Welt ein, das Duell schließt sie aus.
Wer Wörter monopolisiert, der zerstört auch Menschen. Darin liegt der Sinn des Duells und keiner holt ihn heraus.
»Gehe hin und tue desgleichen«: eine Ungeheuerlichkeit.
Ein Mensch, der wartet, und ein Mensch, der erwartet, begegnen einander wie zwei Spinnen auf fremdem Netz.

 
 
Erwartung eines Duells: Krawall
4

»Einer muss den Kopf hinhalten«.
Einer, wer ist einer?
Mit dem Kopf ist es nicht getan.
Mit einem Kopf ist es nicht getan.
Im Aufbegehren liegt das Begehren obenauf. Viele meinen, es dort zu fassen.
Ein zeitverschobener, des Gegners beraubter Widerstand zum Beispiel lässt sich kaum aufhalten. Er ist schön, er glänzt in der Sonne, Tauperlen spielen um seine Muskeln, er zeigt den Menschen in seiner inneren Größe. Vermutlich zeigt er sich deshalb so gern vermummt.
Jeder verschobene Feind ist gegriffen. Soll heißen, jeder verschobene Feind ist ein Sündenbock. Fragt sich nur, für wessen Sünden? Die Sünde, keine Held gewesen zu sein, in einer Zeit vor dieser Zeit? Muss das gesühnt werden? Oder bereut? Oder gleich gerächt?
Selbsthass trägt viele Gesichter. Selbstgerechtigkeit ist das feistete.
Zukunftsscheu reklamiert Zukunft. Versuche nur, die Gegenwart wegzuprügeln: solche Gründe findet das Grundlose immer.
Abgrund Gegenwart: Wer sich in ihr verliert, gewahrt seine Fratze als Feind.
Man müsste von Sinnen sein, sich damit zu duellieren.
Das Volk? Das Volk ist sich selbst eine fremde Macht.

 
 
Erwartung eines Duells: Nebelwerfer
5

Alles geschieht zweimal, jedesmal unerwartet.
Nichts ist leichter abzulenken als eine gut postierte Erwartung.
Reden wir über das zweite Mal. Hysterie höhlt es aus, zehn, zwanzig, hundert Mal, ohne Not.
Du suchst den Widerstand im Widerstand und du findest: nichts.
Ein Widerstand, der nichts weiter zu sagen weiß als ›Ich bin der Widerstand und verlange dafür Respekt‹: Was wäre so bedeutend daran?
Warum sich mit Unbedeutendem herumschlagen? Weil es ›das Leben‹ ist? Weil es dein Leben ist? Weil es ausreicht, das Leben zu drangsalieren?
Wogegen du auch aufstehst, deine Pose bleibt unbedeutend, solange ihr beide gleich weit von dem entfernt bleibt, was den Widerstand rechtfertigen könnte.
Die Farce, die berühmte Farce, hier liegt ihre Wurzel. Kämpfe ›im Angesicht der Geschichte‹ und die Geschichte lacht sich ins Fäustchen.
Ist, was nichts bedeutet, deswegen unbedeutend? Anders gefragt: Ist die Bedeutung fixiert, was besagt dann das Leben? Außer natürlich: Es geht vorbei?
Das Schicksal ›zieht sich zusammen‹. Eben noch allgemein, weiß man nicht, wann und wo es niedergeht.
Das Hohle gibt den Ton.
Unbedeutend für wen?
Es ist der Schmerz, der krakeelt.

 
 
Erwartung eines Duells: Rache
6

Du willst dich rächen? In welcher Sache?
Mit welchen Mitteln? An wem?
Was geschehen ist, liegt dahinten.
Du willst es hervorholen? Nur zu!
Was kommt da ans Licht? Eine Motte? Ja, eine Motte.
Um einer Motte willen willst du dich rächen?
Nein, es ist keine Motte.
Es trägt einen Namen.
Solange ein Name im Raum steht, ist es keine Motte.
Was dann? Was ist es dann?
Ein Name, ich sagte es schon.
Um eines Namens willen wärest du zu allem bereit?
Hinter dem Namen versteckt sich der Feind.
Ist das richtig? Ist es recht, so zu denken?
Und wenn es nicht recht wäre, so wäre es doch wahr. Und wenn es nicht wahr wäre, so wäre es doch wirklich. Und wenn es nicht wirklich wäre –
Ein Name ist es, der dich in Raserei versetzt. Im Namen steckt der Feind. Im Namen des Feindes bist du bereit. Das klingt ja, als stecktest du selbst...? Lösche den Namen und du löscht diesen Brand.

 
 
Erwartung eines Duells: Wunde
7

Nein, der Gedanke an Rache liegt dir nicht so fern.
Er ist der shooting-star unter den Affekten.
Er bringt sich in Erinnerung, wann immer das Vergessen ihn streift.
Vergiss den Namen, das fällt nicht schwer.
Dich hat die Person beeinträchtigt, die ihn trägt – na und?
Bietet der Planet nicht Raum für euch zwei?
Du willst eine kleine Rache, eine Rache, die ritzt, nicht vernichtet?
Wie verächtlich.
Ein Name, ein Wort erniedrigt dich, zwingt dich in die Froschperspektive, stört.
Vergiss den Störer.
Vergebung? Wofür? Für das da?
Du kannst nicht vergeben, mach dir da nichts vor, du wüsstest nicht, was.
Für Vergebung bist du nicht zuständig.
Jemand hat dich verwundet? Das kann passieren.
Du willst eine Wunde rächen? Das ist absurd.
Du willst sie päppeln? Das klingt nicht weniger absurd, aber verständlicher.
Nach getaner Rache: Ist sie dann groß und stark? Wie groß? Wie stark? Bist dann du die Wunde? Kannst du dann endlich, endlich sagen: »Seht her, ich bin eine Wunde? So eine saht ihr noch nie!«
Und dafür reibst du dich auf? Ist das die Wunde?

 
 
Erwartung eines Duells: Konflikt
8

Das Denken und Reden der Menschen kreist um Konflikte.
Aus ihnen holt es den Stoff, den es braucht, um zu überleben, um Morgen für Morgen das Geschäft der Auferstehung zu betreiben, heimlich und offen, als Rückkehr.
Du lebst in Konflikten, solange du denken kannst. Was wäre dein Denken ohne sie? Eine Vibration? Ein langer, sanfter Traum? Erwachen ohne Ende?
Du leugnest keinen deiner Konflikte, im Gegenteil. Du dringst darauf, ihren ›gesellschaftlichen Kern‹ offenzulegen. Sie ›privat‹ zu verstehen, wäre Feigheit.
Kommt Aggression auf, belässt du sie in der Schwebe. Den schwebenden Konflikt nennst du: eine Konfiguration.
Bist du ein homo theoreticus?
Dazu fehlt dir das abgewetzte Gemüt. Oder das feurige.
Andererseits… Die Wege der Theorie sind unerforschlich. So kam sie eines Tages zu dir und du nahmst sie auf. Frage nie, ob es ihr wohl ergeht. Sie wäre noch selbigen Tages verschwunden.
Was dir zum Konflikt fehlt:
erstens: die Hitze
zweitens: die Kälte
drittens: die Kante
viertens: die Fläche.
Etwas fehlt auf der Liste: der Mangel an Ironie.
Wo du ihn antriffst, wirst du böse.

 
 
Erwartung eines Duells: Angriff
9

Gesockelt, aus einem Guss: bereit zum Angriff.
Auch du könntest dich in dieser Rolle verstehen.
Alles, was recht ist.
Aber es müsste aus dir herausbrechen, spontan, aus parteiischer Leidenschaft, aus Sucht nach Entzweiung.
Entschlossen alle Bedenken beiseitesetzend: entflammt.
Warum nicht das langsame, kalte, im Licht fahler Überlegungen glimmende strategische Spiel, das den Gegner aussucht, umzirkelt, schwächt, aussaugt und entsorgt, ohne ihm je zu verstehen zu geben, dass er ›der Gegner‹ ist?
Du könntest es spielen … gewiss.
Es läge dir näher als der archaische Kampfrausch.
Aber liegt es auch nah genug?
Liegt es dir nah genug?
Das ist der springende Punkt.
Es liegt dir fern.

 
 
Erwartung eines Duells: Auseinandersetzung
10

Was sind das für Vögel? Saßen beisammen und nun sitzen sie auseinander. Ein kleiner Familienzank und schon benötigen sie viel Raum zwischen sich. Sie könnten auseinanderfliegen, sich hinter dem nächsten Schornstein verstecken, aber nein, so weit will keiner gehen. Was wollen sie dann? Sich im Auge behalten.
Seltsame Vögel: Sie teilen die Aussicht und schon sind sie auseinander. Bekam jeder die Hälfte? War es nicht mehr dieselbe?
Wenn das ein Scherz ist, dann ein trauriger: Geteilte Ansichten gehen wie nichts auseinander. Da ist nichts, was sie weiter beisammen hielte. »Mach’s gut«, könnte eine Hälfte zur andern sagen, »vergiss mich nicht ganz.«
»Ich bin ganz deiner Auffassung.« Da rückt man doch gleich auseinander.
Was Auseinandersetzung so schwer macht, ist das Intime daran: Kein Außenstehender kann ganz ermessen, worum es geht.
Eine Auseinandersetzung vergisst man nicht. Sie gehört zu den Tricks, die das Gedächtnis anwendet, um nicht ausgebootet zu werden. Du durftest vergessen, worum es ging, nur dass es eng herging, das grub sich ein.
»Damit habe ich mich auseinandergesetzt« heißt soviel wie: »Bleib mir damit vom Hals.« Das ist, wie immer, die halbe Wahrheit. Die andere steckt drinnen und irgendwann kommt sie heraus.
Vom Auseinanderreißen, Lektion eins: Sei absurd.

 
 
Erwartung eines Duells: Gleich und Gleich
11

Nun also willst du gleichziehen. Mit wem? Mit dem anderen, den du im Blick hast. Er soll dir nichts voraushaben dürfen. Doch dazu … müsstest du erst vernichten, was an ihm anders ist.
Vernichten, grässliches Wort. Erstaunlicherweise haben die zartesten Gemüter danach gegriffen, sobald der Gleichheitsrausch sie übermannte.
In diesen Dingen wächst Aufmerksamkeit spät.
Besser spät als nie.
Der Rausch zu vernichten ist dein erster Feind und er besiegt dich im Handumdrehen. Nichts an dir steht ihm entgegen außer dem, der du bist und den der Rausch dir verhext.
Was lähmt deine Gedanken, was pervertiert deinen Wunsch, was drängt sich in dein Gefühl?
Du kannst es nicht anders benennen als: das Nämliche.
Wie viele Sätze du schreibst und es bleibt das Nämliche? Du weißt es nicht, willst es nicht wissen.
Wer du bist? Kein anderer. Also nicht sichtbar.
Dabei drängt es dich doch, sichtbar zu sein: durch Gleichheit? Das musst du dir abschminken.
Es gibt nur zwei Gleichrichter: das Gesetz und die Kultur.
Stelle sie scharf und du erhältst: Scharfrichter.
Was dich angeht: Wen geht’s etwas an?
Davon kannst du nichts wissen.

 
 
Erwartung eines Duells: Gesichter
12

Während du all diese Sätze schriebst: An wen dachtest du da?
Ist das wichtig?
Du darfst diese Frage nicht auf die leichte Schulter nehmen. Angenommen, du behauptest, es sei unwichtig: Wie ernst nimmst du, was du da sagst? Weniger vielleicht, als du denkst. Diese Gesichter, die dich unwillkürlich umzittern, sobald du zu grübeln beginnst, willst du sie loswerden? Oder was sonst?
Die Sache, um die es hier geht, bedarf ihrer nicht.
Wozu also dienen sie dir?
Etwas stimmt hier nicht.
Und du? Denkst darüber nicht nach.
Warum? Weil du denkst, dass es dich ablenkt?
Mag sein, dass du Recht hast. Das Duell, gesichtslos, geformt aus Erwartung, wo erwartet es dich? Am Ausgang der Schlucht? Wer sagt, dass diese Schlucht einen Ausgang besitzt? Angenommen, sie besitzt keinen (außer dem Ende): Was dann?
Hast du Feinde? Verfolgen sie dich? Du zögerst? Du schweigst? Du weißt nicht…? Sie verfolgen dich innen. Was willst du? Gerechtigkeit?
Was ließ diese Menschen feindselig werden? Was wollten sie von dir? Was ließ sie wollen? Wollten sie überhaupt –?
Was trieb euch gegeneinander?
Auch da schon: Duell-Erwartung?
Erwarte dir nicht zu viel. Eins mehr wird deine Probleme nicht lösen.

 
 
Erwartung eines Duells: Kämpfer
13

Jene Gesichter … was zieht sie an?
Die leere Erwartung füllt sich mit ihnen, das ist ganz normal.
Vielleicht schwant dir, der Schlag habe dich längst getroffen und was du bebend spürst, ist keine Vorahnung, sondern ein Nachzittern, das nach Revanche verlangt.
Verlangst du vielleicht Revanche, um dich zu beruhigen?
Um das Zittern zu bändigen, das dich unaufhörlich durchläuft?
Was, wenn es Teil deines Lebens ist?
Der Teil, der nicht weggeht?
Bestimmte er dich zum Kämpfer?
Was ist das: ein Kämpfer?
Einer, der angreift, immer und immer wieder, weil er sich nichts anderes weiß?
Ein Theaterkasper, der auf Pappkameraden zielt?
Keins von beiden, auch nichts dazwischen.
Du bist kein Kämpfer, allenfalls wider Willen, wider besseres Wissen, wider alle Vernunft. Das sind viele ›wider‹, vielleicht schon zuviel, künstliche Hürden, die fallen, sobald die innere Jagd beginnt.

 
 
Erwartung eines Duells: Gorgo
14

Das Duell, das mit der Geschwindigkeit des Weltalls (was geschähe nicht ›mit der Geschwindigkeit des Weltalls‹?) auf dich zurast, hat kein Gesicht, es sei denn das der Gorgo, das jederzeit überall aufgehen kann, knospengleich, obwohl der Vergleich hinkt.
Vermutlich handelt es sich um eine Ballung: wo entspannte Lineamente einen Weltzustand anzeigen, in dem kein Schicksal sich zeigt, dem mit Scheu zu begegnen wäre, es sei denn mit dieser diffusen Weltscheu, die nicht weggeht, auch wenn du dir nichts sehnlicher wünschst, aus nichts heraus also, umschlängelt von Nichtigkeiten, tritt die Verdichtung ein... – irgendwo im Wahrnehmungsfeld schieben sich Züge in-, durch-, übereinander, verzerrt von einer Kraft, die noch zögert, in Erscheinung zu treten, einen Moment jedenfalls, bevor der Krater sich öffnet.
So könnte es gehen. Die Chancen stehen gut.
Es ist das Unerwartete, das dich erwartet.
Alles andere wäre putzig.
Dein Empfinden signalisiert, es wäre beleidigt, sollte es anders kommen.
Imperativ (1): Sei nicht putzig.
Imperativ (2): Sei bestimmt.
Imperativ (3): Sei hartnäckig.
Imperativ (4): Bring’s zu Ende. Darin besteht schließlich die Kunst.