DIE SCHAM

POLITIK

Masken des Eros 2

FEUER UND WASSER

Masken des Eros 3

ASCHENPUTTEL / BLIND DATE

Masken des Eros 4

MIT DIR GEHT EIN TEIL MEINER SEELE

Masken des Eros 5

DER BLEICHE MOND

Masken des Eros 8

KOPFÜBERKOPFUNTER

Masken des Eros 9

DIE BÜHNE IST FREI

Masken des Eros 10

REIGEN, DIE ALTE LEIER

Masken des Eros 11

KALTE FUSION

Masken des Eros 13

DICH HÄTTE ICH GELIEBT

 
 

Welcome, bienvenue, wie es im Cabaret heißt

Willkommen im Jahrtausend der Scham
1
Willkommen ––!
Willkommen im Jahrtausend der Scham
1
Willkommen ––!

Tausend Jahre sind kein Pappenstiel. Andererseits auch nichts Besonderes, also jetzt kein besonderes Zeitmaß, wenn es um die Scham geht. Es geht doch um die Scham? War das eine Frage oder eine – flüchtige – Vergewisserung? Die Zeit der Scham misst nach Jahrtausenden, sie steht mit der Trägheit im Bunde, das ist oft gesagt worden, aber allzu oft ist das oft Gesagte das Gedankenlose, das lose Gedachte, das sich nicht zuordnen lässt und zwischen den Zeiten vagabundiert. Zwischen den Zeiten. Die Scham, deine Scham spielt in den Ritzen der Zeit, nicht wirklich, ihre Spiele sind Schattenspiele, das Rascheln von Kleidungsstücken, das Aufblitzen und Verschwinden einer Hand … und noch einer…
Blitzen Hände auf?

Willkommen im Jahrtausend der Scham
2
Nimm diese Vorräte aus deiner Brust

›Allzu oft‹ –

In dieser Formel nistet die Scham. Allzu oft hast du versagt, allzu oft die Höhe verfehlt, die Höhe eines Gedankens, einer Entscheidung, die Höhe deiner selbst. Wann warst du das: auf der Höhe deiner selbst? Anders gefragt (denn du hast Höhepunkte erlebt): warst das dort, auf jener Höhe, die dich von weitem anstrahlt, du? Jedenfalls nestelt sie sich aus den Nebeln der Vergangenheit, streift etwas ab, streift etwas über, streift etwas in dir, schwebt mit trägem Flügelschlag an dir vorbei, Ebenen zu, die dir ewig … denn alle Scham will Ewigkeit…
Wer sagt so etwas? Wer hat so etwas gesagt? Alle Scham will, dass du vergehst, vor ihr, vor dir, vor allem und jedem, und sie will dich ewig in diesem Zustand, der doch nicht bestehen kann, nicht auf Dauer, nicht in dir, es sei denn, du gibst dich besiegt, du gibst dich auf, eine Brieftaube mit unbekanntem Empfänger, ein anderes All mit der Seele suchend, mit was denn sonst?

Willkommen im Jahrtausend der Scham
3
Die Scham öffnet ihre Pforten

Du musst sie besiegen und du kannst es nicht.

An diesem Kunststück, lass dir das gesagt sein, kommt keiner vorbei. Ginge sie nicht von selbst, ließe sie nicht von dir ab wie der Hauch einer dir sehr nah stehenden Person, in jener winzigen Abwesenheit, die du dir leistest, die sich dich leistet, der du auf keine Weise entgehst, du wärest auf ewig geliefert, du kämest nicht los von der Scham, es hängt alles von ihr ab, der wahren Königin deines Herzens, der immer verleugneten, die darüber nur lacht. Hast du sie lachen sehen? Hast du sie einmal lachen sehen? Deine lachende Scham! (Warum das Ausrufezeichen? Was hat es hier zu suchen? Streich’s weg.)

Willkommen im Jahrtausend der Scham
4
Der Bilder sind genug gewechselt

Scham und Charme – wie weit liegt das auseinander. Und dennoch, wie nah kommen die beiden einander, sobald es zur Sache geht. Wer beiden erlegen ist – also jeder –, der weiß, dass sie auf einem Holz wachsen, dass eines den Preis des anderen zahlt, wechselweise, rückstandslos. Nur das Individuum dazwischen, das arme unterprivilegierte Ichwesen empfindet den Zwiespalt, es empfindet ihn immer wieder, sobald sich eins im anderen einnistet, denn das tun sie, diese absurdeste aller Gebärden beherrschen sie beide aus dem … Grunde, möchtest du sagen, grundlos, völlig grundlos, denn in diesen Gegenden gleitet die Rede über Abgründe, die ewig unausgesprochen bleiben, ewig, soll heißen, wer hier ein Siegel bricht, der bricht ein, ist schon eingebrochen, ein Ertrinkender mehr, die eisige Oberfläche hat sich bereits über ihm geschlossen, ein umnebeltes Gehirn, das einmal ihm gehörte, verfolgt die Schatten von Leuten, die vielleicht ein Schicksal vorbeitrieb, um ihm beizustehen, ihn womöglich zu retten, aber was weiß der Ertrinkende schon von Rettung.

Willkommen im Jahrtausend der Scham
5
Willkommen im Jahrtausend der Scham

Merkwürdig, angekommen zu sein, obwohl man nie fort war, allenfalls befangen in einem Rausch, dem Rausch der Freiheit, wie die Menschen sagen, aber das ist Quatsch, denn um Freiheit ging es nie, es ging um Befreiung, und das ist etwas völlig anderes. Es war der Rausch, der vorgab, die Scham zu überwinden, diese verlässliche Größe, die in jedem von uns allen steckt und nicht daran denkt, herauszukommen und sich zu trennen … warum sollte sie sich trennen? Sie ist die Scham.

 

Nicht alles Gesponnene wird Gold

Versuch über das Sinnlose
1
Fiktives Gespräch zweier Gesichtshälften
auf dem Weg ins nahe gelegene Freibad
  • ―Ach kommen Sie, das wollen Sie jetzt nicht im Ernst –
  • ―Oder doch?
  • ―Sagen Sie, wollen Sie’s wissen?
  • ―Wenn ich’s Ihnen sage!
  • ―Es ist sinnlos. Ich sag’s nicht.
  • ―Ich will ja nicht behaupten, es wäre sinnlos, Ihnen irgendetwas –
  • ―Da geht’s schon los. Sie wissen bereits, was ich Ihnen … sagen … möchte…
  • ―Sie wissen alles! Sie bauen eine Barriere auf, da ist kein Durchkommen.
  • ―Sie feuern aus allen Rohren!
  • ―Rote Linien! Sie triefen von roten Linien!
  • ―Hat Ihnen das mal jemand gesagt? Dass Sie sich darin nicht verheddern!
  • ―Ich jedenfalls…
  • ―Sie glauben doch nicht im Ernst…?
  • ―Es ist mir ein Vergnügen.
  • ―Ein zweifelhaftes.
  • ―Nein, das habe ich so nicht gesagt.

 

Versuch über das Sinnlose
1
Fiktives Gespräch zweier Gesichtshälften
auf dem Weg ins nahe gelegene Freibad
  • ―Ach kommen Sie, das wollen Sie jetzt nicht im Ernst –
  • ―Oder doch?
  • ―Sagen Sie, wollen Sie’s wissen?
  • ―Wenn ich’s Ihnen sage!
  • ―Es ist sinnlos. Ich sag’s nicht.
  • ―Ich will ja nicht behaupten, es wäre sinnlos, Ihnen irgendetwas –
  • ―Da geht’s schon los. Sie wissen bereits, was ich Ihnen … sagen … möchte…
  • ―Sie wissen alles! Sie bauen eine Barriere auf, da ist kein Durchkommen.
  • ―Sie feuern aus allen Rohren!
  • ―Rote Linien! Sie triefen von roten Linien!
  • ―Hat Ihnen das mal jemand gesagt? Dass Sie sich darin nicht verheddern!
  • ―Ich jedenfalls…
  • ―Sie glauben doch nicht im Ernst…?
  • ―Es ist mir ein Vergnügen.
  • ―Ein zweifelhaftes.
  • ―Nein, das habe ich so nicht gesagt.

 

Die Welt, als Teufelei betrachtet, hat zwei Eigenschaften: Sie ist amoralisch und sie ist pansexuell. Eine Welt, die zwickt und zwackt, kann gar nicht anders sein. Und doch muss sie anders sein, weil die Teufelei sonst unentdeckt bliebe. Sie wäre, so betrachtet, die allermoralischste, da sie ausschließlich unter dem Aspekt der Moral betrachtet würde – die Moral wäre sozusagen die einzige Überlebende auf diesem Schlachtfeld. Sie wäre auch nicht die Moral, deren es bedürfte, um die Welt ins Lot zu bringen, denn die Welt, durch ihr Visier betrachtet, ist definitiv aus dem Lot. Recht gut beschreibt der Ausdruck ›Hypermoral‹ die Zwickmühle: die hyperventilierende Moral hat die Schlacht verlassen und beklagt aus dem konfortablen Jenseits, in das sie sich geflüchtet hat, den Zustand der Welt. Nein, eigentlich beklagt sie nicht ihn, sondern ihr eigenes Los. Die teuflische Welt ist gänzlich losgelassen. Sie ergibt, unter dem Moral-Gesichtspunkt betrachtet, keinen Sinn. Sie ist das sinnentblößte Gegenüber. Warum dann pansexuell? Lauert nicht hier der Sinn? Nun, er mag lauern bis ans Ende der Zeiten. Doch heraus kommt er nicht.

Versuch über das Sinnlose
2
Fortgesetztes Gespräch zweier Gesichtshälften
auf der Terrasse
  • ―Niemals würde ich mich so äußern. Nicht im Traum denke ich daran –
  • ―Wann sonst?
  • ―Was sagen Sie da?
  • ―Wann sonst?
  • ―Wie meinen Sie das? Heraus mit der Unterstellung!
  • ―Sie unterstellen mir das und ich soll
  • ―… schweigen? Das könnte Ihnen so passen.
  • Ich unterstelle Ihnen nichts.
  • ―Behaupten Sie, was Sie wollen.
  • ―Jaja, reden Sie nur. Reden Sie ruhig weiter. Ich höre nichts.
  • ―Nein, ich verstehe Sie gut. Ich verstehe blendend.
  • ―Nein, das hat nichts mit mir zu tun.
  • ―Das sagen Sie jetzt so dahin.

 

Versuch über das Sinnlose
2
Fortgesetztes Gespräch zweier Gesichtshälften
auf der Terrasse
  • ―Niemals würde ich mich so äußern. Nicht im Traum denke ich daran –
  • ―Wann sonst?
  • ―Was sagen Sie da?
  • ―Wann sonst?
  • ―Wie meinen Sie das? Heraus mit der Unterstellung!
  • ―Sie unterstellen mir das und ich soll
  • ―… schweigen? Das könnte Ihnen so passen.
  • Ich unterstelle Ihnen nichts.
  • ―Behaupten Sie, was Sie wollen.
  • ―Jaja, reden Sie nur. Reden Sie ruhig weiter. Ich höre nichts.
  • ―Nein, ich verstehe Sie gut. Ich verstehe blendend.
  • ―Nein, das hat nichts mit mir zu tun.
  • ―Das sagen Sie jetzt so dahin.

 

Nein, es hat wirklich nichts mit dir zu tun und jetzt geht es dahin. Geht dahin. Wohin es geht? Ist das wichtig? Es interessiert nicht. Es geht seinen Gang … in die Finsternis, wohin sonst. Unterm Aufmerksamkeitskegel hellt sich die Welt auf, das ist ganz natürlich, der Mensch strebt zum Licht. Das Licht strebt voraus. Das hören Blinde nicht gern, aber Blindheit ist eine Menschheitsmetapher und physische Blindheit ist nicht gemeint. Obwohl –! Sexuelle Blindheit schon eher. Die Welt, als asexuell betrachtet, ist allseitig ausgeleuchtet und dennoch dunkel, tief dunkel, eingetaucht in ein umfassendes Unverständnis dessen, was ist. Was ist denn? Die Frage erinnert an etwas, sie regt den Trieb und er regt sich in ihr. Etwas ist. Soviel Trieblehre muss sein. Kein Trieb – kein Scherz. Kein Scherz – kein Gesang. Der umfassende Scherz über die Welt: ein Klagegesang. In der Klage vergeht die Welt, sie vergeht noch einmal, sie vergeht schneller, sie ist Das-was-vergeht, sie steht Kopf im Bewusstsein, dem eigentlichen Organ des Vergehens. Und doch vergeht, was vergeht. Das muss doch einmal gesagt werden. Im Zeichen des Triebes vergeht die Welt. Kommt er nicht frei, so vergeht sie draußen.

Versuch über das Sinnlose
3
Cyborg, das Gespräch mit seinem Konstrukteur suchend
  • Wissen Sie, es berührt mich nicht, was Sie da sagen.
  • ―Nicht im Geringsten.
  • ―Es kommt nicht in mich hinein, falls Sie den Ausdruck verstehen.
  • ―Nichts von dem, was Sie da schwätzen, kommt in mich hinein.
  • ―Es fällt alles auf Sie zurück. Aber das wissen Sie ja…
  • ―Sie wissen das sehr gut, aber es scheint Sie ja nicht zu jucken.
  • ―Ich wäre parteiisch? Nein, ich bin nicht parteiisch.
  • ―Also gut, ich bin Partei.
  • ―Ich stehe auf der Seite der Vernunft.
  • ―Das sagt Ihnen jetzt nicht viel. Aber darin liegt schon der tiefere Konflikt.
  • ―Die Vernunft sagt mir, dass Sie…
  • ―Keine Beleidigungen!
  • Meine Vernunft sagt mir…
  • ―Wenn Sie mich jetzt unterbrechen, erfahren Sie’s nie.
  • ―Aber das wollen Sie doch.
  • ―Dumm geboren, dumm gestorben.
  • ―Nein, das habe ich nur so dahingesagt.
  • ―Das war für mich, verstehen Sie, für mich.

 

Versuch über das Sinnlose
3
Cyborg, das Gespräch mit seinem Konstrukteur suchend
  • Wissen Sie, es berührt mich nicht, was Sie da sagen.
  • ―Nicht im Geringsten.
  • ―Es kommt nicht in mich hinein, falls Sie den Ausdruck verstehen.
  • ―Nichts von dem, was Sie da schwätzen, kommt in mich hinein.
  • ―Es fällt alles auf Sie zurück. Aber das wissen Sie ja…
  • ―Sie wissen das sehr gut, aber es scheint Sie ja nicht zu jucken.
  • ―Ich wäre parteiisch? Nein, ich bin nicht parteiisch.
  • ―Also gut, ich bin Partei.
  • ―Ich stehe auf der Seite der Vernunft.
  • ―Das sagt Ihnen jetzt nicht viel. Aber darin liegt schon der tiefere Konflikt.
  • ―Die Vernunft sagt mir, dass Sie…
  • ―Keine Beleidigungen!
  • Meine Vernunft sagt mir…
  • ―Wenn Sie mich jetzt unterbrechen, erfahren Sie’s nie.
  • ―Aber das wollen Sie doch.
  • ―Dumm geboren, dumm gestorben.
  • ―Nein, das habe ich nur so dahingesagt.
  • ―Das war für mich, verstehen Sie, für mich.

 

Es berührt mich nicht, es kommt nicht in mich hinein … – Mit gewissen Sätzen beginnt, sagen wir, alles neu, während mit anderen alles beim Alten bleibt. Sätze, die mich berühren, erschaffen mich just in diesem Moment neu. Das klingt komisch, aber so ist es. Sätze, die eine fast physische Ausstrahlung haben, sie tragen die Information dieser Physis und ein bisschen mehr … ein bisschen mehr… Jedenfalls verlangt es die Konvention, die immer mehr will als Körperwelten und dieses Mehr durch Verhüllung erzeugt. Wir wissen nicht, inwieweit wir Körper sind. Andersherum gesagt: Die Körper wissen nicht, inwieweit sie alles sind. Das Wort ›Körpersprache‹ –: welch ein Unsinn. Alles ›Unkörperliche‹ ist Teil des Körpers, der sich erklärt. Kein Körper weiß, wodurch er Körper ist. Kein Körper weiß, wodurch er ›Geist‹ ist. Dafür springt das Wesen ein, der zu wissen glaubt: der Mensch. Die Macht der Abstraktion schwebt über allem, taubengleich.

Versuch über das Sinnlose
4
Philosoph Leckebusch ergrübelt sich beim Rasieren
ein Gegenüber

Sinnlos ist, was ich nicht einsehe.
Nein, so war das nicht gemeint.
Sinnlos ist dasjenige, dessen Sinn ich nicht einsehe.
›Das mag für andere sinnvoll sein‹ – eine Redensart.
Mit der ich mich salviere.
Nichts weiter.
Weiter nichts.
Sehen Sie: Ich bestimme, was Sinn hat.
Ich lasse mir da nichts vorschreiben. Allein,
interessant wäre der Gedanke schon.
Lässt sich Sinn vorschreiben? In welchem Sinn?
Er hat ja, wie man sagt, eine allgemeine Komponente.
Was nur für mich Sinn hat, welchen Sinn hätte mir das?
Nicht viel, würde ich sagen, nicht viel.
Aber was beweist das?
Es beweist, dass es sinnlos ist, sich aus der Welt herauszuschneiden.
Welchen Sinn sollte ein solcher Wunsch haben?

 

Versuch über das Sinnlose
4
Philosoph Leckebusch ergrübelt sich beim Rasieren
ein Gegenüber

Sinnlos ist, was ich nicht einsehe.
Nein, so war das nicht gemeint.
Sinnlos ist dasjenige, dessen Sinn ich nicht einsehe.
›Das mag für andere sinnvoll sein‹ – eine Redensart.
Mit der ich mich salviere.
Nichts weiter.
Weiter nichts.
Sehen Sie: Ich bestimme, was Sinn hat.
Ich lasse mir da nichts vorschreiben. Allein,
interessant wäre der Gedanke schon.
Lässt sich Sinn vorschreiben? In welchem Sinn?
Er hat ja, wie man sagt, eine allgemeine Komponente.
Was nur für mich Sinn hat, welchen Sinn hätte mir das?
Nicht viel, würde ich sagen, nicht viel.
Aber was beweist das?
Es beweist, dass es sinnlos ist, sich aus der Welt herauszuschneiden.
Welchen Sinn sollte ein solcher Wunsch haben?

 

Der Abstraktionskern ist hohl. Du weißt es nicht, aber du kannst es dir denken. Versuche nur, sie zu knacken! Was immer dich nötigt, von etwas abzusehen – deinen Finanzen, Freunden, Überzeugungen, Interessen –, es nötigt dich mit einer Gewalt, die du nicht verstehst. Manchmal nennst du sie ›Vernunft‹, aber auch dazu wirst du genötigt. Welche Macht in dir nötigt dir deine Zustimmung ab? Die Logik? Sie gerade nicht. Sie fügt das Quantum Einsicht hinzu, ohne das Nötigung nicht funktioniert. Vernunft, Unvernunft, wer soll sie unterscheiden? Die Vernünftigen sitzen auf einem Ast, die Unvernünftigen auf einem anderen. Falsch! Niemand hält sich für unvernünftig, es sei denn, um dem anderen zu beweisen, dass er der Vernünftigere ist. »Wie unvernünftig!« entscheidet der Vernünftige, also du und ich. Daran ist nichts Vernünftiges. »Sei vernünftig!« schreit die Kohorte und marschiert weiter in Richtung Abgrund. »Seid vernünftig!« schreit der Abweichler und fürchtet den Abgrund. Also entscheidet der Abgrund über Vernunft und Unvernunft. Also der Körper, der Furcht ausströmt. Wer entscheidet über den Körper? Dumme Frage. Das Gericht.

Versuch über das Sinnlose
5
Elisabeth bestreitet Leckebusch das Recht
auf eine philosophische Existenz
  • ―Wenn deine Welt sinnlos ist, dann für mich.
  • ―Das wäre schon einmal Sinn.
  • ―Die Welt hat den Sinn, nicht sinnlos zu sein.
  • ―Jedenfalls nicht ganz.
  • ―Jedenfalls für mich.
  • ―Den Zusatz streiche ich, er ist schon gestrichen. Er war sinnlos.
  • ―»Ich überlasse dir deine Welt« … was soll der Quatsch?
  • ―Meine Welt hat den Sinn, nicht ganz sinnlos zu sein.
  • ―Ist das ihr einziger?
  • ―Woher soll ich das wissen!
  • ―Was nützt es, ihr noch einen und noch einen zu unterschieben? Einer reicht völlig.

 

Versuch über das Sinnlose
5
Elisabeth bestreitet Leckebusch das Recht
auf eine philosophische Existenz
  • ―Wenn deine Welt sinnlos ist, dann für mich.
  • ―Das wäre schon einmal Sinn.
  • ―Die Welt hat den Sinn, nicht sinnlos zu sein.
  • ―Jedenfalls nicht ganz.
  • ―Jedenfalls für mich.
  • ―Den Zusatz streiche ich, er ist schon gestrichen. Er war sinnlos.
  • ―»Ich überlasse dir deine Welt« … was soll der Quatsch?
  • ―Meine Welt hat den Sinn, nicht ganz sinnlos zu sein.
  • ―Ist das ihr einziger?
  • ―Woher soll ich das wissen!
  • ―Was nützt es, ihr noch einen und noch einen zu unterschieben? Einer reicht völlig.

 

Solange es Trieb gibt, wird es auch Trieb-Lehren geben. Man nennt sie die Lehren vom richtigen Leben, einer ergänzte: »im falschen« und wurde dafür getadelt, nicht, weil er das Falsche so hervorhob, sondern weil er die Akten schließen wollte: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.« Das ist natürlich Unsinn, weil es kein falsches Leben gibt. Leben ist Leben. ›Leben im Leben‹ … das wäre die Sprache des Parasitismus, die Sprache mit falschem Zungenschlag. Doch handelt es sich um das Leben der Gemeinschaft, beginnt flugs die Ausnahme. Kann Gemeinschaft falsch sein? Aber sicher. Wie lebt es sich in Gemeinschaft? Gemeinschaftlich? Wie sonst! Ist das schlecht, ist das gut? Eine Frage von unten und oben, links und rechts, dankbar und undankbar. Doch, sicher, die beste aller Gemeinschaften hat sehr undankbare Posten zu vergeben, aus denen sich jeder heraus wünscht, der etwas auf sich hält. Sie ist und bleibt Gesellschaft und lebt von der Teilung durch Arbeit. Gemeinschaft erzeugt Glanz mittels Destillation: Wer glänzen möchte im Leben, der muss sich, durch welche geeigneten Maßnahmen auch immer, nach oben durchreichen lassen oder sich seinen eigenen Glanz erschaffen. Wie erschafft man sich seinen eigenen Glanz? Durch virtuelle Gemeinschaft. Pflege Gemeinschaft mit Heiligen und du fühlst dich heiliger. Pflege Gemeinschaft mit Künstlern, Stars, Sportlern, Helden der Forschung und du fühlst dich künstlerischer, starmäßiger, sportlicher, forschender. Pflege Gemeinschaft mit Bettlern und du fühlst dich … Achtung: hier gabelt sich der Weg und du musst dich entscheiden. Wofür entscheidest du dich? Bist du mehr das eine oder das andere? Und jetzt die Frage der Fragen: Hast du die Wahl? Oder schämst du dich schon?

Versuch über das Sinnlose
6
Das krasse Ich erklärt sich zum Herrn über die Lust

Im Grunde reicht ein Wort, um die Dinge zu klären: Welt.
Ich sage »Welt« und das alles bekommt einen Sinn.
Ich kenne ihn noch nicht, aber ich werde ihn erkunden.
Ich sage »alle Welt« und ich weiß Bescheid.
Ich sage »meine Welt« und ich verteidige, was ich habe.
Ich sage «diese Welt« und schon ahne ich eine andere.
Ich sage »Weltuntergang« und drohe allem, was ist, mit dem Ende.
Das ist überhaupt der Sinn von allem: die Drohung.
Es droht und ich drohe zurück.
Ich sage: »Welt, kusch!« und ich bin.
Ich sage »Kusch!« und bin der Größte.
Eben noch war ich nichts. Nicht einmal vorhanden war ich.
Und jetzt das.

 

Versuch über das Sinnlose
6
Das krasse Ich erklärt sich zum Herrn über die Lust

Im Grunde reicht ein Wort, um die Dinge zu klären: Welt.
Ich sage »Welt« und das alles bekommt einen Sinn.
Ich kenne ihn noch nicht, aber ich werde ihn erkunden.
Ich sage »alle Welt« und ich weiß Bescheid.
Ich sage »meine Welt« und ich verteidige, was ich habe.
Ich sage «diese Welt« und schon ahne ich eine andere.
Ich sage »Weltuntergang« und drohe allem, was ist, mit dem Ende.
Das ist überhaupt der Sinn von allem: die Drohung.
Es droht und ich drohe zurück.
Ich sage: »Welt, kusch!« und ich bin.
Ich sage »Kusch!« und bin der Größte.
Eben noch war ich nichts. Nicht einmal vorhanden war ich.
Und jetzt das.

 

Angenommen, du identifiziertest dich mit den Gescheiterten, denen, die ihr Leben hinwarfen, weil es sinnlos geworden war (sinnlos in ihrem Sinn, denn ein anderer stand ihnen nicht zur Verfügung): Welchen Sinn sollte das haben? Alle Gescheiterten sind zu viele für dich, das hältst du im Kopf nicht aus, geschweige denn in der Zeit. Mit wie vielen Gescheiterten willst du es aufnehmen? Einem? Zweien? Hundert? Hunderttausend? Einem Kontinent? Dem Kontinent der Gescheiterten? (Das wäre, immerhin, eine Klammer, welche die Gescheiterten auf eigene Faust ausschlösse, gleichsam ein zweites Mal scheitern ließe.) Jeder Gescheiterte versichert dir: Du bist nicht gescheitert. Jeder Gescheiterte versichert dir: Du bist gescheitert. Jeder Gescheiterte versichert dir: Du hast keine Wahl, also fühle dich erwählt. Erwählt wozu? Zum Aufseher? Der Gedanke erschreckt dich, er ist geschmacklos. Und schon … beginnst du sie zu taxieren: Was ist dran an ihnen? Ließen sich nicht auch aus diesem Material … Hierarchien bauen? Eine Hierarchie aus Gescheiterten, das wäre doch etwas. Und wenn sie selbst nicht wüssten, dass sie Gescheiterte sind? Das gäbe dir noch ein bisschen mehr Macht, ein bisschen mehr Deutungsmacht über sie. Wer sie auch sein mögen, sie müssen alle unter dein Joch. Du brauchst nur den Punkt ausfindig zu machen, an dem sie gescheitert sind, wie klein, unauffällig, verborgen er auch sei. Identifiziere dich beizeiten und du findest ihn heraus.
Das bist du deinem und ihrem Leben schuldig.
Auch diese Schuld will, wie jede, abgetragen sein.

Versuch über das Sinnlose
7
Am Sinnlosen wird alles Andere zuschanden.

Ein größeres Unglück ist das Zusammentreffen vieler kleiner.

 

Professor Leckebusch bringt eine Studentin ins Haus und sieht
seine Frau plötzlich in einem neuen Licht

Seelische Wunder
1
Leckebusch gerät in eine schwierige Lage

―No, she doesn’t like her.

Sie mag sie wirklich nicht, das hat Simon ganz richtig gesehen, kluger Junge, das muss man ihm lassen. Er hat’s begriffen, da muss sich Leckebusch fragen, woher, bei soviel Jugend, soviel Einsicht kommt, die schon an Innensicht grenzt: Elisabeth, die niemals Eifersüchtige, die frei, damit Leben sei, unter den Lebenden Wandelnde, zeigt deutliche Merkmale einer eifersüchtigen Zicke –

nein, so weit möchte er, ein paar seelische Kratzspuren abgerechnet, die ihm das tägliche Pensum am Schreibtisch nicht gerade erleichtern, noch nicht gehen, aber zweifellos muss etwas geschehen, und sei es nur, um das wohltemperierte Betriebsklima wieder herzustellen, dessen er bedarf, will er den Abgabetermin beim Verlag nicht platzen lassen. Man bringt, eiserne Regel, keine Studentin nach Hause, auch diese nicht. Auch diese nicht.

Nein, er gibt jetzt nicht den Professor Unrat, die junge Frau wird ihn nicht in die Lage bringen und Elisabeth auch nicht: sie schon gar nicht, es sei denn, er räumt ihr soviel seelische Macht über sich ein, dass er sich irgendwie schuldig fühlt, schuldig im weiteren Sinn, denn wo kein Delikt vorliegt, da hat Schuld schlechte Karten. Hat sie das? Wirklich? Darum geht’s nicht, würde Elisabeth antworten, würde er sie, in einem Anfall von geistiger Umnachtung, danach fragen, darum geht’s wirklich nicht, worum dann?

Eine Frau wie Elisabeth, ›strong‹, wie tall boy Simon sie bei jeder Gelegenheit nennt, übermannt Eifersucht nicht ›einfach so‹, überhaupt lässt sie sich ungern ›übermannen‹, das unter uns und auf die Faust gesprochen, andere Männer mögen das andere Erfahrungen machen, sie könnten sich da aber auch täuschen. Umso erstaunlicher die Affektlage, in die sie beide, quasi über Nacht, geraten sind, seit dieses zugeflogene Spatzenwesen ihre Wohnung als Bauer benützt, ohne Anstalten zu machen, ihr so bald zu entfleuchen. Ein Spatz im Bauer? Nun ja, Metaphern sind Glückssache, das Glück des Suchens und das Glück des Findens gehen nicht immer synchron, gelegentlich gehen sie ganz und gar unterschiedliche Wege.

Seelische Wunder
2
Zunehmende Verwunderung

―This is my paradise.

Augenscheinlich erhebt auch Simon Ansprüche, sieh an, wer hat sich da, quasi als Staatsgast, eingenistet, jedenfalls für die Sommermonate, im Winter ruft die Promenade von Haifa, auch Liz wird nicht ewig im Haus tirilieren. Das Haus, immerhin, wäre groß genug. Das Töchterchen profitiert vom Umgang mit beiden. Man sollte auch diesen Aspekt nicht ganz außer Acht lassen. Ein wenig großbürgerliches Benehmen und wahrlich allen wäre gedient. Selbst den Arbeiter- und Bauernstaat hätte er nicht verlassen wollen ohne dieses grundierende bürgerliche Gefühl, das über Peinlichkeiten, die das Geschlecht nun einmal bietet, hinwegsieht und Formen für alles bereitstellt, für alles, no doubt, young man, keep calm, young man, keep calm. Hat Simon Elisabeth aufgestachelt?

Seelische Wunder
3
Rational bleiben!

Wir haben den Mechanismus der Schuld analysiert und nichts gefunden außer ein paar Brocken Mondgestein, herausgebrochen aus dem Universum der Wünsche, funktionslose Überbleibsel eines kosmischen Dramas, jedenfalls unter Zugrundelegung der griechischen Mythologie, gegen die, im Vergleich zu anderen, sich immer noch wenig einwenden lässt. Es sei denn… Radikale Aufklärung, von Grund auf betrieben aus dem Gefühl heraus, nicht anders existieren zu können, dürfte zu anderen Ergebnissen kommen, Krafft-Ebing dort im Regal spricht eine solche Sprache, nach ihm traten andere ans Licht, ganz andere, sie haben die Welt verändert, aber die Welt hat auch sie…

Seelische Wunder
4
Leckebusch bezieht einen Standpunkt

… verändert, gewiss. Das Projekt hat Elisabeth verändert, sie reifer, blühender, zur gleichen Zeit schmäler gemacht, vielleicht ihm entfremdet – ein Fehler vielleicht, sich darauf einzulassen, vielleicht. Es ist nun einmal geschehen und jetzt sind wir alle ein ganzes Stück weiter. Der Boden hat sich verändert, womöglich verwandelt, zwischen Veränderung und Verwandlung passt kein Blatt, ein Abgrund hingegen … jederzeit. Veränderung wirkt und Verwandlung bewirkt. Dazwischen liegt oder steht oder fällt das Mysterium tremendum. Die Vorstellungen gehen dir durch und es ist niemand da, sie einzuhegen. Wäre auch lächerlich, denn hier geht’s um die Frage, den Spatz zu entsorgen oder auch nicht. Oder auch nicht.

Nein, Elisabeth. In diesem Fall geht es um mehr. Es geht um den Grund unserer Abmachung. Der Spatz hat nichts zu bedeuten, das weißt du, das weiß ich. Zu bedeuten hat, was du daraus machst. Ich weiß aber nicht, was du daraus machst. Simon ist bloß der Bote. Ich könnte ihn eigenhändig köpfen, dann wäre ich der Unhold und hätte die miesen Karten. Willst du es dahin treiben? Vielleicht genügte es, dein Simon zu sagen und mein Spatz und alles, sagen wir, käme in eine neue Fasson. Welche Fasson soll das sein? Ich werde dich nicht fragen. Darum sag’s mir jetzt, sag es gleich, denn gleich danach wird es zu spät sein. Nein, dein Honigmund mag sich nicht öffnen, er bleibt fest geschlossen, ein wenig fester sogar als sonst, das passt zur neu erworbenen Schmalheit. Sie steht dir übrigens ausgezeichnet, abgesehen davon, dass sie mich auf Distanz hält.

Wenn aber der Spatz nichts zu bedeuten hat, falls er nichts zu bedeuten hat, auch das eine schwer überprüfbare Hypothese, wofür steht er dann? Liz ist kein Kind, eine Kindfrau vielleicht, das entscheiden andere, da halte ich mich heraus, eine Frau bricht in Tränen aus und schon nimmt alles weitere seinen Lauf. So warst du natürlich nie. Deine Tränen, Elisabeth, sie trockneten schnell. Ein Strahle-Lächeln wischte sie aus dem Gesicht, du strahllächeltest, wann immer ich dein gedachte. Jetzt spreche ich schon mit dir, als wärst du mir ganz nah – ein Irrtum, verzeihlich vielleicht, aber ein Irrtum und als solcher notiert. Hin und wieder notiere ich etwas, das ist wahr. Ohne Aufzeichnungen stände die Menschheit noch immer dort, wo die Biologie sie hingestellt hat: am Anfang. Ich kann nicht im Schatten eines Lächelns leben, tut mir leid.

Seelische Wunder
5
Aufkeimender Unmut

Warum stört dich der Spatz? Das möchte ich wissen. Warum stört mich das? Davon will ich schon weniger wissen. Überhaupt will ich weniger wissen, je näher mir die Fragerei kommt. Das fällt mir, nicht zum ersten Mal übrigens, auf. Es mag in der Psyche so angelegt sein, aber der wirkliche Grund scheint mir ein logischer zu sein: Selbstaufklärung ist ausgeschlossen, das Ausgeschlossene schlechthin, weil der Einschluss das Einzuschließende einschließt, also die typische dialogische Dreierrelation bildet. So eine Dreierrelation haben wir jetzt – unsere Ehe, pardon: unsere Beziehung schließt ein, was sie ausschließt, vielmehr auszuschließen beschlossen hat, die weinende Frau, la donna in lacrime, die Frau, die getröstet sein will und jetzt auch da ist, so wie Simon übrigens, der überhaupt nicht getröstet zu werden braucht, obwohl ich manchmal denke, ganz bei Trost kann er nicht sein, so wie er dich umschwirrt.

Warum stört mich das? Es hat mich bisher nicht gestört und jetzt stört es mich. Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Vielleicht hat dich das nicht gestört und jetzt stört es dich. Mag sein, ich kenne mich in solchen Dingen nicht aus. Fest steht: du kannst nicht weinen und ich kann nicht lachen (jedenfalls hört es sich, wie du einmal moniertest, immer furchtbar gekünstelt an), da bleiben wir uns bei einiger Fairness nichts schuldig. So richtig haben mich die Tränen der jungen Dame an jenem Abend auch nicht gerührt, sie waren mir eher peinlich – das Seminar war zu Ende und ich musste den Raum abschließen, nichts lag in dem Moment näher, als das heulende Bündel einfach mitzubringen und vertrauensvoll in deine Hände zu überliefern, das Gehalse im Auto lassen wir jetzt einfach weg, erstens ging es von ihr aus und zweitens war es der bestehenden Verwirrung geschuldet – sie ist leicht verwirrt, unser Spatz, doch nicht leicht zu verwirren, versuch es nur, gleich ist sie blitzwach, und das gefällt mir an ihr.

Seelische Wunder
6
Greifbares Leid

So jedenfalls kann es nicht weitergehen. Leckebusch ächzt, es ist schon ein besonderes Ächzen, das ihm entfährt, er selbst erkennt es nicht gleich in der Verkleidung, auch besitzt er wenig Erfahrung im Umgang mit dieser unterbelichteten Kommunikationsform und hat sie in Gedanken für Unfallopfer und dergleichen reserviert: nun entfährt es ihm selbst. Gut, dass die Sekretärin schon fort ist – es wäre ihm unangenehm, sich in dieser Weise Gehör zu verschaffen. Ein Kaffee wäre jetzt, ungeachtet der vorgerückten Stunde, ganz recht, zum Glück gibt es Automaten. Draußen dunkelt es, da fängt der Tag erst an.

 

Deine Zeit = meine Zeit

Die innere Tragik des Künstlers
1

Elisabeth, den Träger ihres BHs über die Schulter streifend:

  • ―Das ist Kitty. Diese impertinente Person –

Von Homer bis Goethe nur ein Tag. Als sei dieser Tag stehengeblieben und spucke ein Bild aus: Kitty im Türrahmen, Kitty der geölte Blitz, Kitty, jäh in der Bewegung innehaltend, während ein feiner Dunst um sie aufsteigt und ihre Person umschließt. Nein, so hoch ragt die Pyramide nicht, dass Wolken das Zimmer fluten würden. Die menschliche Wolke, mit ihr in den Raum getreten, heißt Sibla. Sibla wie si, signora – du musst dir ins Gedächtnis kneifen, um nicht ›blabla‹ zu murmeln.

Das ist jetzt nicht dein Ernst.

Oder doch. Irgendwie schon. Kitty, halb ausgepackt, halb im Futteral der Beziehung stecken geblieben, die Sibla heißt, ›Sibla‹ hier, ›Sibla‹ da rufend, als sei nun einmal ohne ihn nichts zu machen (mit ihm allerdings auch nichts, das gibt ihrem Auftritt die eigene Note), hat sich, das weißt du, an Elisabeth gehängt, schwesterlich, wie das in ihren Kreisen heißt, es scheint sie kein bisschen zu befremden, die Schwesterliche an diesem Ort anzutreffen. Es scheint, nichts anderes habe sie erwartet.

Die innere Tragik des Künstlers
2

Was will dieser Sibla? Zweifellos will er etwas von dir. Er will, dass du ihm zuhörst. Er will zu Wort kommen. Nein, das geht in ihrer Anwesenheit nicht. Er zieht dich aus Kittys Gegenwart heraus, als stecktest du schon zu tief drin. Jedenfalls versucht er es, es ist an dir, die Versuche zu steuern, so dass sie ins Leere laufen. Du hast die Protokolle gelesen, du hast mehr als einmal mit den beiden gesprochen und dir ein Bild gemacht, du weißt also, was du von ihnen zu halten hast und möchtest das nicht vertiefen.

  • ―Ich möchte dich etwas fragen.
Er duzt dich.
  • ―Was denn?
  • ―Gehen wir vor die Tür. Ich glaube, die Frauen hier kommen ganz gut allein zurecht.
Die innere Tragik des Künstlers
3

Sibla, die Tür von außen zudrückend und lebhaft die Richtung bestimmend, vom letzten Urlaub in den Kordilleren dauerschwätzend, während wir die Stockwerke abfahren, beim Eintritt in die Cafeteria Themenwechsel: Wie hältst du es mit dem Künstlertum, echte Notwendigkeit oder nur Spielerei, Drückebergerei vor dem Ernst der Arbeitswelt? Wie kommt er dazu, dir diese Frage zu stellen? Bin ich Benn? Deine zögerliche Antwort verzuglos unter einem angelesenen Wust erstickend – die Gehirnforschung habe die Entstehungsregion des Kunstschaffens unwiderruflich fixiert, die chemischen Prozesse seien bekannt, es gebe den Formzwang, insbesondere auf dem Sektor der Musik. Dies alles sich überschlagend: Darüber wolle er reden. Er selbst habe, unter dem eisernen Griff eines uneinsichtigen Vaters ein Ingenieursstudium absolvierend, seine Berufung oder sagen wir, den Vorschein seiner Berufung begriffen, sie erst als soziale missverstehend, das lag in der Zeit, eine Zeitlang habe die Arbeit mit Kindern ihn glücklich gemacht. Unter reinen Triebwesen kann es nichts Böses geben. Mit Kitty sei er dann zu den Alternativen gestoßen – das war eine andere Kitty als heute –, doch die Landarbeit habe sich als Irrweg erwiesen, so dass sie beide, den ganzen Schnitt wagend, sich schließlich, wie so viele zu jener Zeit, in Indien wiedergefunden hätten, praktisch von Ersparnissen, vornehmlich Kittys, lebend, von Ort zu Ort ziehend, stets auf der Suche nach dem einzig wahren Guru, doch diese Suche sei zunehmend verblasst –: dort endlich habe, auf den bewusstseinserweiternden Wegen der Meditation, die Musik in ihn Einzug gehalten, in den Slums von Kalkutta habe er seine indische Seele entdeckt, sein Siddharta-Herz, um es blumig auszudrücken, er und Kitty hätten damit begonnen, Instrumente zu lernen, weit entfernt von der Perfektion, die er heute anstrebe, Kitty aber sei krank geworden, schwer krank, so dass sie das Land samt seinen wunderbaren Bewohnern hätten verlassen müssen, allein die Seele, die Seele und die Musik seien mitgekommen, jedenfalls soweit es ihn angehe, von Kitty lasse sich das so nicht behaupten, Kitty habe sich verändert, sie ist eine andere Person, sobald sie hier aufkreuzt, diese Kitty und die alltägliche, die er kenne und mit der er leider auskommen müsse, hätten praktisch nichts miteinander gemein.

Die innere Tragik des Künstlers
4

Was soll diese Anhäufung von halbgaren Klischees aus der Psychowelt? Was bezweckt die Langweiler-Stimme aus dem Off? Was hat das alles mit dir zu tun?

  • ―Siehst du, wir haben diesen Deal. Er sieht vor … hier zögert die Stimme eine Weile, als spiele sie mit sich selbst –: er sieht vor, dass Kitty, nachdem ich mein Erbe ins Haus gesteckt habe, eine Weile die Hauptverdienerin spielt. Ich habe ja nicht die Absicht, bis ans Ende meiner Tage zu privatisieren, ganz im Gegenteil, es ist nur so, dass ein zerrissener Tag ein verlorener Tag ist. Ich kann einfach nicht nach der Uhr komponieren, mit dem Wissen im Kopf, zwei Stunden später im Büro sitzen zu müssen und Schlösser zu konstruieren … es geht nicht, ich habe es oft genug probiert, es ist eine Qual und sonst gar nichts. Ja, es ist eine Quälerei. Ich bräuchte eine Übergangszeit, eine berufliche Auszeit, in der ich mich ganz der Musik widmen kann, ohne Nebengedanken, ohne Zeitgerüst, ohne Verpflichtungen… Wir haben ganz bewusst auf Kinder verzichtet, damit das möglich sein würde, aber es ist nicht möglich. Die Lady erhebt Ansprüche und rasiert damit meine. Alles nach dem Motto: Ick bün schon da. Der Alltag mit Kitty verschiebt meine Künstlerexistenz auf den Sankt-Nimmerleinstag. Das Beste ist: selbst hat sie gar nichts davon und wirft mir offen vor, ich wäre ein Versager. Ja, sie hat mich als Versager konstruiert. Das ist nicht zu fassen. Ihr ganzes Verhalten mir gegenüber ist nichts als ein einziger Vorwurf. Eine Falle, ja sicher, eine Falle, was sonst? Und ich stecke drin. Ich habe auszubrechen versucht, mehr als einmal, ich schaff’s nicht. Ich schaff’s einfach nicht. Vielleicht kannst du mir ja heraushelfen, ich betrachte das jetzt als Option, allein schaff’ ich es nicht. Ich lebe unheimlich gerne mit Kitty zusammen, nur damit wir uns in diesem Punkt recht verstehen, unsere Reisen sind wundervoll, nichts davon möchte ich missen. Doch zuhause… Sie ist krank, du solltest das wissen, bevor du ihr auf den Leim gehst, sie ist wirklich leidend, sie nimmt Medikamente, aber sie helfen ihr nicht, die Depression durchwabert das Haus, dabei habe ich dieses Haus … ach lassen wir das. Das wäre ein eigenes Kapitel. Darüber sprechen wir noch.
Die innere Tragik des Künstlers
5

Sibla, Sibla, warum verfolgst du mich?

Immerhin, wir haben verstanden. Natürlich willst du behilflich sein.

  • Kitty, von der Tarantel gestochen:
  • ―Redet er so? Das ist eine Schweinerei. Die Diskussion läuft zwischen uns seit Jahren. Ich bin also der Drachen, der ihn vom Komponieren abhält. Den Schuh zieh’ ich mir nicht an. Das kann er mit mir nicht machen. Wir hatten eine Abmachung, ja sicher, die sah vor, dass er die Hausarbeit übernimmt, wenn ich die Mäuse ranschaffe, und was treibt der Herr? Er zischt nach Griechenland ab, angeblich, weil er nur dort Inspiration findet. Ich kenne diese Art von Inspiration. Ach, Sie wissen das nicht? Er besitzt ein Grundstück auf Tilos, nichts als Felsen und Staub, aber Grund genug, um dort zu campen und Abends mit den Bewohnern zu feiern. Und ganz sicher nicht nur Abends. Es gibt eine Frau auf der Insel, die soll sehr schön sein. Er hat seine Auszeiten genommen, mehr als einmal, und herausgekommen ist nichts. Hat er das auch erzählt? Natürlich nicht. Ich kenne doch meinen Pappenheimer. Aber meinetwegen, wenn er Lust hat. Soll er’s probieren. Ich lege ihm keine Steine in den Weg. Ich komme immer durch und er hat ja seine Insel.

Das ging wohl ins Auge. Da sitzt es nun.

Die innere Tragik des Künstlers
6

Tilos, das Telos der alten Griechen: Wohin, wenn nicht auf die Sporaden, sollte einer wie Sibla, seinen allzu sporadischen musikalischen Einfällen nachgehend, sich wohl flüchten? Wobei von Flucht eher nicht die Rede sein kann (es sei denn, man stellt die Misslichkeit seines Zusammenlebens mit Kitty ins Zentrum seiner Entscheidungen), sondern von Zielstrebigkeit – wo das Leben am elementarsten pocht, da muss wohl auch die Kunst sich einstellen, reife Frucht am Baum der sich erfüllenden Triebe, doch in diesem Fall… Ein hoffnungsloser Fall, dieser Sibla, übrigens war das bereits dein erster Eindruck, du hast ihn nur professionell verwischt, um besser arbeiten zu können, der Umgang mit Studenten hat dich gelehrt, die elementaren Eindrücke zurückzudrängen, sie sind, wie immer man es betrachtet, im beruflichen Leben ein Störfaktor.

Also doch Flucht: vor der Unfähigkeit zu komponieren in die leere Inspiration des Südens, davor, von Kitty der Unfähigkeit geziehen zu werden (wobei sie sicher klug genug war, den direkten Vorwurf zu meiden und sich stattdessen auf allerlei unangenehme Andeutungen zu beschränken, vielleicht auch nur auf die große Sorge um sein ungenutzt bleibendes Talent), Flucht vor Kitty selbst und ihrem praktischen Sinn, der darauf bestand, er möge sich, wenn schon die Inspiration pausiere, dann doch wenigstens im Haushalt nützlich machen – vielleicht dachte sie auch, dass sich männliche Kunst und männlicher Haushalt ideal ergänzen, jedenfalls für sie, die berufstätige, gern in ihrem Beruf ›aufgehende‹ Frau. Kitty das Biest – vielleicht handelt es sich um ein bloßes eheliches Konstrukt, hervorgetrieben aus dem alltäglichsten aller Stoffe, der als Gerümpel überall herumliegt und zu jedem Schindluder taugt, der Harmlosigkeit.

Flucht schließlich – und hier bekommt die Sache dann doch einen ernsten Anstrich – vor Kittys Depression … aber nein, den Weg auf die Insel der schönen Frau scheint sie ihm verbaut zu haben, vermutlich mit Hilfe eines finanziellen Manövers. Damit kommst du ins Spiel – als möglicher Verbündeter, jedenfalls als Kommunikator oder doch eher als naiver Außenstehender, dem man schon einmal einen Bären aufbinden kann, einen gewaltigen Bären, auf dass der Außenstehende sich in Bewegung setze, um Druck auf die Dame auszuüben… Was für ein Streich! Und fast wäre er, ungeachtet Kittys Sperrfeuer, gelungen; allen Einwänden zum Trotz regt sich so etwas wie ein tiefes Mitgefühl für die im Mief des Alltags vegetierende künstlerische Seele, als habest du gerade ein Gespräch mit einem in der Gosse gelandeten Spross eines vom revolutionären Pöbel zum Teufel gejagten Königshauses geführt. So stark also ist der Zauber der Kunst, dass sogar ihre Abwesenheit die allgegenwärtige Lüge überglänzt.

Die innere Tragik des Künstlers
7
    Elisabeth lacht:
  • ―Lehre mich die Frauen kennen. Mit dem Haus hat sie ihn am Wickel. Nachdem sein Erbe aufgebraucht ist, hängt die Finanzierung an ihrem Einkommen. Du verstehst das Unrecht nicht, das ihr damit angetan wird: Sie muss arbeiten gehen. Nicht dass sie nicht arbeiten wollte, sie ist mit ganzem Herzen Berufsfrau, vor allem, wenn sie an den Abwasch zu Hause denkt und an das geopferte Kind, das in ihrem Bauch rumort wie die Wackersteine im Zarathustra … ich weiß, das klingt furchtbar sexistisch. Aber schließlich bin ich eine Frau und darf es deshalb ab und zu erwähnen. Nichts gebärdet sich aufdringlicher als so ein ungenutzter Gebärtrakt. Hast du das nicht gewusst? Komisch, die Männer haben das immer gewusst, warum spielen sie sich heute wie Jungfrauen auf? Das muss an der Nahrung liegen. Es ist nicht das Haus, es ist nicht die Finanzierung, es ist der stockende Mann, auf den ihre Albträume deuten. Sie hat eine Drohne zu Hause sitzen, die muss, auf Dauer betrachtet, entfernt werden, koste es, was es wolle. Du wirst sehen, das Haus wird sie behalten und mit Leichtigkeit finanzieren. Aber jetzt ist er dran. Sie will, dass er das Grundstück auf Tilos aufgibt – hat er dir davon erzählt? –, es ist das einzige, was von seinem Erbe übrig ist und der – vermutlich magere – Erlös muss ins Haus einfließen, verstehst du? Ins Haus. Damit hat sie ihn dann im Sack.
    Schau nicht so, als müsstest du protestieren. Gib’s zu, der Protest bliebe matt, es lohnt nicht, dass du ihn herausholst. Du wirst die Dame nicht retten. Hat sie sich schon an dich gehängt? Pass auf, das kommt als Nächstes. Schon allein, weil er dich für sich einzuspannen versucht hat und sie um keinen Preis will, dass er Verstärkung bekommt. Du wirst schon sehen. Plötzlich wirst du alles in ihren Augen besitzen, was ihrem geliebten Genie abgeht: wahre Begabung, Feuer, Durchsetzungskraft… Fängt es schon an zu prickeln? Beginnt es dir zu Kopf zu steigen? Ich sage nur: Männer. Genieße es.

 

Guidos Bericht

Pott

Nicht-Ort
von Norden
erinnert


Das Gefängnis der Kindheit ist hoch und licht.

 
Nicht-Ort
1
Der Baukran
  • ―Ich erinnere mich, erzählt Guido, dieser Baukran stand in einem Winkel des Hofs, teilweise abgedeckt, angetan mit einem schmutzigen Weiß, das sich auf den übermalten Rostpartien spannte und hier und da zu bröckeln begonnen hatte – wenn ich mit der Hand darüber hinfahre, bleibt Regennässe in meinen Fingern und diese rauhe Empfindung, gefolgt vom plötzlichen Schmerz der unvermittelt aufgerissenen Haut. Die Versuchung der Glätte, des geradezu Glitschigen, gepaart mit der Verletzungsgefahr, die jederzeit gegenwärtig ist, also nicht nur besteht, sondern die sinnliche Empfindung grundiert, scheint mir zu den hauptsächlichen Ingredienzien des kindlichen Lebens, vielleicht des Lebens überhaupt zu gehören.
Nicht-Ort
2

Der Baukran ruhte zusammengefaltet in seinem Winkel wie ein riesiges erstarrtes Insekt, das Bild mag abgegriffen wirken, aber es trifft doch das, worauf es mir hier ankommt. In gewisser Weise verleiht das Klettern auf einem solchen Objekt Flügel, man erhebt sich in die Lüfte und lässt die offenen Münder der Spielgefährten unter sich. Man könnte in sie hineinspucken, wenn man sicher wäre, dass man auch treffen würde. So kann es natürlich nicht ausbleiben, dass sich der erste schon aufmacht, um einem nachzukommen. Man reizt ihn mit höhnischen, vielleicht auch nur aufmunternden Worten, dem eigenen Weg zu folgen, man zeigt ihm, wo er sich festhalten kann, welche Richtung er einschlagen muss. Alles Dinge, die er selbst ausknobeln könnte, aber man ist ihm ja vorausgegangen und besitzt einen Vorsprung an Wissen, Schläue, Entscheidungsfreude, dem er sich unterzuordnen hat. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig.

Nicht-Ort
3

Währenddessen weiß man aus alter Erfahrung: er ist nicht so behende wie man selbst, vielleicht auch nicht so helle, nein, nicht so helle, gerade darauf beruht ja die unverbrüchliche Freundschaft, die man für ihn empfindet. Diese Freundschaft ist ein starkes Band, besonders jetzt, wo auch die anderen, unten Gebliebenen an ihm zerren. Sie sehen seine Unsicherheit, seine Angst, und verstärken sie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Auch sie höhnen also, raten ihm, wieder herunter zu kommen, scheinheilig oder unter Gelächter, unter listig absichtslosen Reden mutiert der Kran zum Inbegriff des Verbotenen, ein gewaltiges Tabu lastet auf ihm, bereit, jeden in den Abgrund zu schleudern, der sich ihm widersetzt. Man selbst, in komfortabler Stellung oben auf dem Gestänge hockend, begreift nicht ganz, was sich da abspielt, spielend überblickt man die wenigen, leicht zu meisternden Griffe, die den Kletterer von einem selbst trennen, der Sog, der von den Mündern da unten ausgeht, erfasst den Angekommenen, schon zerrinnt alle Leichtigkeit, nein, nicht alle, ein Teil bleibt, ein guter Teil, leichtschwer fühlt sich der Körper, mehr noch die Aufgabe an, die einen erwartet und wächst und wächst.

Nicht-Ort
4

Nein, nicht darum geht es, wieder Boden unter die Füße zu bekommen: nichts leichter als das. Aber dieser angststarrende, an den Rücken des Insekts angeklebte, in alle Richtungen blockierte Körper muss mit in die Tiefe, darum geht es jetzt, um nichts anderes, und so macht sich die Tiefe schwer. Ein Klotz, hängt sie an den Beinen, man muss ihr Widerstand leisten, die schwere Aufgabe erfordert den ganzen Mut, ich könnte schwören, dass ich sie noch heute empfinde, schwerer als damals, denn der Kran ist verschwunden und damit die Möglichkeit, mit der Kraft des Erwachsenen die Situation ein für allemal zu klären. Diesen Kran werde ich nicht mehr los. Ich muss den Boden gewinnen, soviel ist sicher, sicher auch, dass mir gerade das verwehrt bleibt, gerade das.

Nicht-Ort
5
  • ―Wie geht die Geschichte aus?
  • ―Wie geht sie aus? Geht sie aus? Ich sehe mich unten, auf dem Boden, inmitten der anderen, die zurückgewichen sind, als hätte ich etwas verbrochen, ich sehe den Freund oben im Gestänge, nur wenig über den eigenen Köpfen, aber unerreichbar eingeschlossen in seine Angst. Er ist Freund wie noch nie und etwas drängt aus ihm heraus, das sich nur durch das Kinderwort ›Feindschaft‹ umschreiben lässt. Er ist in diesen Momenten mein Feind, daran besteht kein Zweifel. Ich muss ihn dort herunterholen und kann es nicht, weder handgreiflich noch mit Worten, er trotzt mir auf jede erdenkliche Weise und jetzt beginnt er zu weinen, still, erbärmlich, unaufhaltsam laufen ihm die Tränen über die Backen und tropfen herunter, man müsste sie auffangen, um das Ganze ungeschehen zu machen.
Nicht-Ort
6
  • Natürlich haben ihn die Erwachsenen heruntergeholt. Man suchte, wie üblich, den Anstifter und fand ihn in mir. Mit solch einfachen Handgriffen bringt man das kindliche Universum wieder in Ordnung. Strafe ist Spannungsabbau, weißt du das nicht? Nur der Kran blieb ab sofort tabu – oder soll ich sagen: er wurde es? Ich kann mich nicht erinnern, dass der Winkel, in dem er stand, in unseren Spielen weiterhin eine Rolle spielte.
    Gerade darin spielte er sie.

 

Nicht-Ort, von Norden erinnert
Nicht-Ort, von Norden erinnert
Nicht-Ort
7
  • ―In meiner Kindheit, die von seltsamen, nicht zusammenhängenden Orten beherrscht wird, finde ich einen ähnlichen Nicht-Ort. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass die Katastrophe dort niemals stattfand, jedenfalls nicht zu meiner Zeit, sie war in die Zukunft entrückt, in eine unter möglichen Zukünften, das klingt jetzt seltsam, aber so war es wohl. Kinder besitzen die Fähigkeit, in unterschiedliche Zukünfte wie in die Falten eines Kleidungsstücks zu schlüpfen, das nicht für sie bestimmt ist, aber in ihren Spielen dringend gebraucht wird. Wir spielten in Gärten, an die sich Wiesen anschlossen, dahinter floss ein Kanal, ein großer, von Schleppkähnen befahrener Wasserweg, dessen scharf ausgestanzte Ufer mit senkrecht in den Boden gerammten Stahlplatten gesichert waren. Wie weit es dort in die Tiefe ging? Schwer zu sagen. Für uns Kinder jedenfalls ging es tief hinab, viel zu tief, um jemals wieder herauszugelangen. Es war der nasse Tod, der uns von da unten anblickte. Ich kann nicht sagen, dass uns davor graute. Natürlich waren diese Wege strikt verboten. Doch das Verbot, ohne zu seiner Übertretung förmlich anzustiften, verwandelte sich, sobald eine unsichtbare Linie überschritten war, die Landschaft selbst wandelte sich, verwandelte sich in etwas ohne feste Grenzen, man wusste nicht mehr, wo man sich aufhielt, es war gestattet und verboten, verstehst du? Man hatte nichts getan und auf einmal stand man an diesem Rand. Ein paar Meter entfernt glitten die Lastkähne vorbei, als sei das alles nicht vorhanden, als fürchteten wir uns vor nichts. Wir fürchteten uns auch nicht. Es blickte uns einfach nur an, einfach nur an.
 

Kann denn Liebe Sünde sein?

Leckebusch for beginners
1
Prolegomena zu einem (abgebrochenen) Portrait

Geh dieser verlotterten, armseligen, hochtrabenden, nichts- und allessagenden, anmaßlichen, verwirrten und zu überraschenden Klarheiten fähigen Existenz nach und du läufst Gefahr, einen Zipfel der alten Ordinarienuniversität zu erhaschen, Symbol eines kraftstrotzenden Wissenschaftsstandortes samt doppeltem Höllensturz und abschließender Schattenexistenz.

  • Inzwischen weißt du (es herauszubekommen war nicht schwer: Achte auf seine Gesten!), dass nichts Drängenderes den jungen Leckebusch in den Westen trieb als die Aussicht, vis à vis dem Weltgeist eine dieser anekdotenumwobenen Existenzen zu führen, denen einst der preußische Staatsphilosoph den Ideenmantel geschneidert hatte, um auf der Höhe der Zeit und ihrer ›Ereignisse‹ Befehle zu geben, Befehle des Geistes selbstredend, aber diese in großer Zahl und mit hinreichender, Nostalgiker würden sagen: hinreißender Bestimmtheit. Angekommen am Ziel seiner Wünsche, muss der Pfau Federn lassen. Schwer auszuloten, welche Blütenträume nicht reiften, während andere…

Elisabeth zum Beispiel. Welche Rolle mag die junge Dame aus gutem Hause mit dem sicheren Pelzgeschmack für seine akademische Karriere gespielt haben? Ob sie diskret vor Ort den einen Kontakt herstellte, der sich in den Berufungsverhandlungen zum richtigen Zeitpunkt als Joker erwies? Du weißt es nicht und du willst es nicht wissen. Auch ohne eine solche Zutat war der aufstrebende Jungphilosoph ›von drüben‹, der seine Leipziger Geschichten mit leisem, aber unüberhörbarem Tremolo zu vermarkten wusste, ein spannenderer Kandidat als seine ohne nennenswerte Vita antretenden Konkurrenten aus Ulm oder Wanne-Eickel.

  • Aus der Distanz kaum zu erahnen: die Anziehungskräfte, die zwischen Elisabeth und dem akademischen Löwen in spe mit der Attraktivität eines Buchhalters in jenen längst vergangenen Tagen spielten. (Aber vermutlich nicht entfernt so rätselhaft wie ihr heutiges Schachtelverhältnis, in dem sich die verschiedensten Verhältnisse wechselweise Kopf über Zahl durchdringen.)

Leckebusch for beginners
2

Das Rezept

Zielstrebig hat sich Leckebusch in einem Winkel des akademischen Milieus eingehaust, in dem persönliche Gefolgschaft noch etwas gilt. Wer ein Philosoph ist und wer ein Scharlatan, entscheidet nicht der wachsende Stapel von Produktionen, sondern die Anhängerschaft. Schüler verbreiten die Lehre des Meisters über die Grenzen seiner Wirkungsstätte hinaus und wirken auf sie zurück.

Wer ist Philosoph?

Neunundneunzig Prozent aller sogenannten Philosophen sind Verbreiter und Ausleger fremder Texte. Sie legen nicht Aristoteles aus oder Descartes oder Hegel oder Husserl oder Wittgenstein. Sie käuen die Klassiker-Interpretationen ihrer Kollegen in der Hoffnung wieder, ihnen hier und da eine Variante zu entlocken, auf die sie, allein auf sich gestellt, niemals gekommen wären. Die meisten dieser Varianten werden vom Betrieb zerrieben, ohne nennenswerte Spuren zu hinterlassen.

Meister wird,

wer die Chuzpe besitzt, eine autoritative Klassiker-Lesart zu verbreiten, abwegig genug, um heftige Gegenreaktionen hervorzurufen, hinreichend holzschnittartig, um auf den Wogen der Entrüstung bis in die entlegenste Rezeptionskammer geschwemmt zu werden. Dann aber – Betonung auf ›aber‹, denn darum handelt es sich letzten Endes – muss er den Mut oder die Hartleibigkeit oder die Phantasielosigkeit oder die sokratische Hässlichkeit aufbieten, den einmal eingeschlagenen Weg mit äußerster Sturheit weiter zu verfolgen, bis an die Grenzen des Zumutbaren und darüber hinaus.

Merke:

Wer sich seiner Herkunft schämt, wird vernichtet. Leckebusch schämt sich seiner Herkunft nicht, er spricht von ihr in leisen Tönen, das bewusste Tremolo inbegriffen, er kann seine Lehrer aufzählen, einen nach dem anderen, ohne rot zu werden: jeder einzelne, bekannt oder unbekannt, verkannt, verrufen, beschrieen, hat ihm seine spezielle Überlegenheit eingeflößt, ihre Gesamtheit ihn mit diesem Lehr-Leib ausgestattet, mysteriös und fruchtbar, Ost/West – eine gekonnte Abbreviatur alles dessen, wofür er steht (niemand weiß das genau).

Leckebusch for beginners
3

Du hast ihn taxiert, bewundert, verachtet, aber hineingekommen in ihn bist du nicht. Du hast dich Elisabeth genähert, erst berufsmäßig, dann berufungsmäßig, alles im Rahmen des Projekts, versteht sich, aber auch dadurch bist du Leckebusch keinen Schritt näher gekommen – dem Zahnarzt nicht, dem Verwaltungsbeamten nicht, und dem Buchhalter … schon gar nicht, geschweige denn dem Philosophendarsteller, in dem vielleicht wirklich ein kleiner Philosoph steckt. Musst du denn in ihn hineinkommen? Irgendwie schon. In diesem Spiel ist er Patriarch ohne Auftrag. Vielleicht ist ›Auftrag‹ auch nicht das richtige Wort. Wenn Patriarchsein eine Art Ausstrahlung bedeutet, dann ist Leckebusch eine Fehlbesetzung, eine wirkliche Pleite –

Leckebusch for beginners
4

Was dann? Erstens vielleicht: das hier ist kein Spiel. Ein Leckebusch spielt nicht. Alles, was er darstellt, ist er mit dem gesammelten Ernst dessen, der all das sein will, was … auf ihn zukommt. Er ist der gewichtige Mann. Leider hat die Natur ihm, rein physisch, das nötige Gewicht versagt, so dass sein Anspruch ins Leere geht – nicht ganz, nein, nicht ganz, denn ganz ins Leere geht nichts. Es antwortet ihm nur niemand. Nein, er ist nicht der Einzige, dem das geschieht. Im Grunde teilen sie alle sein Los, die Friedenwanger, Dürrobst, Blowasser, Ruffmann, Agosch, Lobbock und wie sie heißen, die Kämpfer wider die Natur ihrer Profession, hinter der sie eine andere freizulegen versuchen, die wahre Dimension der Berufung, das ›Überhaupt‹ inmitten der akademischen Selbstbehauptungsmaschine, in deren Bauch man sich gegenseitig Bedeutung attestiert, um sie sich im gleichen Akt wieder zu nehmen, denn sie ist nichts Besonderes, sie ist das, in dem alle gleich dastehen, ohne es sich eingestehen zu wollen.

Leckebusch for beginners
5

Wenn Leckebusch über die Moderne redet, dann nicht, weil er sie entdeckt oder erfunden hätte, sondern weil er als ausgesprochener Spezialist für Modernefragen gefragt wird. Da er nun einmal diesen Ruf besitzt: Laden wir ihn ein! Daraus entsteht im Laufe der Zeit ein Einladungszwang – das Moderne-Symposion, auf dem gerade er fehlte, wäre unvollständig, es fehlte ihm an Kompetenz, es wäre … sag’ wie es ist: unerheblich. Zum Glück fehlt Leckebusch selten, wenn man ihn einlädt, er müsste schon im Fieberdelirium liegen, um einmal abzusagen.

Auf seinen Terminkalender ist Verlass.

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Moderne ist schwierig

Moderne ist schwierig
dann bleib zu Hause
Wo?

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Genese eines Tumors
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E, frei geboren
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Also gut. Alles von vorn
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Sind am Zustandekommen von E auch Männer beteiligt?
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Zusammenlegen, damit eine wie die entsteht
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Ideologisch korrekt ist das nicht
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Wo ist hier?
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Aber jetzt: L, freigelassen Moderne ist schwierig
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Ein Freigekaufter
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Ist irgendwer entronnen?
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Idiotie des Privatlebens
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Ein Fall mit Fußangeln
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er Osten ist rot
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Was ist das: rübermachen?
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Einer ist angekommen
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Eine solche Erfahrung
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physisch/mental
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Katheder als Ausweg
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Nichts ist dem Ich schädlicher als die Überzeugung, der richtige Weg müsse sich auch als solcher erweisen, d.h. die endliche Möglichkeit des Scheiterns zuverlässig ausschließen
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Der ›Akephalos‹, der kopflose Dämon, der als Wiedergänger der Zauberliteratur und der Märchen die Menschen schreckt, erinnert an die Herrschaft des ›Kopfes‹, des Verstandes und der Vernunft, also an das, was den Menschen ausmacht und am Ende an die Natur verrät. In der Scheu, im Zurückscheuen, im scheuen Beiseitesehen und -stehen bekundet sich eine Verschränkung beider Bereiche, die auf die Selbstdeutung der Gattung zurückwirkt. Ein Mensch, der vor einer Tat zurückscheut, ist etwas anderes als ein Tier, das scheut, vielleicht sogar, wenn man die Begriffe genauer untersucht, etwas grundlegend anderes. Aber das Verhalten, in dem seine Scheu zum Ausdruck kommt und an dem es ablesbar wird, unterscheidet sich nicht fundamental von dem des Tieres, es weist eine Ähnlichkeit auf, die bedacht sein will. Ein Mensch, der Scham zeigt, zeigt ein Stück Natur – ›seine‹ Natur wie ›Natur überhaupt‹.

DIXIT LECKEBUSCH

 
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DIE STIMME DER VERNUNFT
MELDET SICH NACH EINIGEM
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Wo ausgeteilt wird, da wird denunziert

Anatomie der Maske: Denunzianten
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Seit die Welt besteht, hat es Denunzianten gegeben. Nichts kann einen Menschen daran hindern, hinzugehen und seinen Nachbarn anzuschwärzen, wie das Wort beziehungsreich lautet, vor allem nicht, wenn er sich dabei einen persönlichen Vorteil verspricht, außer dem Gewissen, einem außerordentlich delikaten Gebilde, das sich menschheitsgeschichtlich gesehen relativ spät und zaghaft zu Wort meldet.
Nichts?
Oh doch. Furcht vor Rache dürfte der stärkste Beweggrund sein, die schwankende Brücke zum schnellen Erfolg zu meiden. Und Rache … Nichts liegt dem zu Unrecht Angegriffenen näher, als sich zu rächen, sich rächen zu wollen, selbst wenn der Zeitpunkt der Ausführung in weiter Ferne zu liegen scheint. Rache kann warten, sie verliert nichts dadurch, dass sie sich Zeit lässt, im Gegenteil: sie gerät furchterregender durch die Zeit, die sie sich lässt, und gräbt sich unwiderruflich in die Lebensgeschichte dessen ein, der sie zu fürchten hat, sie schließlich vielleicht sogar herausfordert, um die Sache kurz zu machen.

Anatomie der Maske: Denunzianten
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Eifersucht und Rache sind durch eine Reihe von Indikatoren miteinander verbunden, die aus ihnen ein Paar machen, fast wie ein Liebespaar, das sich durch einen Ehekontrakt aneinander gebunden hat und neben den Annehmlichkeiten dieses Status auch seine lästigen Seiten kennenlernt. Elisabeth zum Beispiel: warum sollte sie sich rächen wollen? An wem? Wofür? An Liz, der etwas instabil wirkenden, dem Ehrgeiz ergebenen Studentin, dass sie den Stachel der Wollust in ihren etwas dröge geratenen Gatten eingesenkt hat? An Leckebusch, dessen Liebespraxis sie in- und auswendig gelernt hat, und die sie längst nicht mehr interessiert? Das wäre, wie sie sich selbst sagen kann, zu viel der Ehre – ja sicher, der Ehre, denn eine Ehre wäre es, von einer Person wie ihr verfolgt zu werden, die es immer abgelehnt hat, sich durch Klein- und Nickligkeiten vom vollen Genuss des Lebens, vor allem des sexuellen, abhalten zu lassen. Eine Ehre und eine Inkonsequenz … gerade darin liegt, wie sie in diesen Tagen feststellt, ein gewisser Reiz, ein fast neuer Reiz, an Zeiten in ihrem Dasein erinnernd, die vor der vollen Entfaltung der Rose liegen. Denn als Rose empfindet sie sich, daran besteht kein Zweifel, sie weiß dieser Selbstempfindung unauffällig durch die Wahl ihrer Garderobe Ausdruck zu verleihen, und die Männer … die Männer haben den Wink stets verstanden und auf ihre nicht immer formsichere Weise erwidert.

Anatomie der Maske: Denunzianten
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Eifersucht, der tückische Feuermelder, der heimlich den Brand legt, den er melden soll: man darf in ihr einen inneren Denunzianten sehen, der sein Werk ungefragt verrichtet, ohne nach den Folgen zu fragen. Ein Unheilstifter, kein Zweifel. Neid will besitzen, Eifersucht will zerstören – im Zweifelsfall, um sich Besitz zu verschaffen, aber es reicht auch die Zerstörung an sich, die Zerstörung um ihrer selbst willen. Von Eifersucht überwältigt, beginnt der Mensch sich selbst zu zerstören. Die ersten Trippelschritte auf dem einmal eingeschlagenen Weg kümmern ihn nicht. Er bemerkt sie kaum. Lange Zeit glaubt er sich zurückpfeifen zu können, wenn die Situation außer Kontrolle zu geraten droht. Das ist ein Irrtum. Der Kontrollverlust tritt sofort ein, aber er bleibt unbemerkt. Auch darauf lassen sich Karrieren bauen.
Wer Eifersucht nur im Sexuellen erkennt, der darf sich zu ihren idealen Opfern zählen (stattdessen fühlt er sich sicher).

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Erst Dürrobst, dann Friedenwanger – der eine offen, der andere hinterrücks: wo steckt die Eifersucht? Besitzen sie Gründe, das Fu-Projekt zu erdrosseln? Eher nicht, wenigstens keine persönlichen… Fachliche sowieso nicht, da es sie in ihren Fächern nichts angeht. Allenthalben spürst du den Widerstand, den sie dir eingebrockt haben. Längst ist er zum Selbstläufer geworden und bedarf ihrer Anschubkünste nicht mehr. Befriedigt sie das? Haben sie ihre Schuldigkeit getan? Aber wem waren sie etwas schuldig – und was? Offenkundig sich selbst: ihrem Ego. Was hat es verletzt, das zarte Pflänzlein, was konnte es so verletzen, dass daraufhin dieser Angriff erfolgen musste – ja, musste, denn irgendein Müssen muss doch im Spiel sein, wenn aus Spiel unversehens Ernst wird.

Hilfreich zu wissen wäre zum Beispiel, wem der Krieg, mit dem sie dich überziehen, gilt: dem Projekt oder dir als Person. Du weißt es nicht und vermutlich wirst du es niemals wissen. Der Krieg ist zum Selbstläufer geworden. Je mehr er sich ausweitet, desto unbestimmter das Ziel. Aber guter Freund: Ist das nicht fast schon eine Definition der Eifersucht?

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Eifersucht, das fressende Feuer… Falls sie im Spiel sein sollte, was konnte sie wecken? Was hat dieses Projekt, das ihnen gehören sollte, obwohl es frei darüber verfügt? Man kann Fu nicht verstehen, wenn man den Sex aus dem Projektmittelpunkt verbannt, gesitteter gesprochen, die Lustmaschine, die aller menschlichen Tätigkeit innewohnt und den Einzelnen zu Höchstleistungen treibt, von deren Möglichkeit er ohne sie keine Kenntnis besäße … aber es sind nicht die Höchstleistungen allein, welche die Aufmerksamkeit der Kollegen auf sich ziehen, es ist die asoziale Sozialität, die sich in ihr zur Schau stellt, und damit … damit … ja was denn? … der Motor, der in den sozialen Analysen der braven Kollegen fehlt, in denen es von Strukturen wimmelt, von denen keine, für sich genommen, auch nur den kleinsten Finger in Bewegung setzen würde… Und dabei stecken sie bis über beide Ohren im rüden Sexismus ihrer Generation fest, no sex no choice, ihre Tagträume wimmeln von better sex, bloß das Fach, die fachlichen Zwänge drücken ihnen die Maske aufs Gesicht, die Maske des roten Todes, den sie repräsentieren, jeder für sich und alle gemeinsam, die alles Greifbare auflösende Maske der begrifflichen Korrektheit, der Ein-Aus-Schalter, der herrschaftsfreien Diskurse und der strukturellen Hermeneutik. Nein, es ist nicht Neid, der sie bewegt, schließlich könnten sie sich jederzeit an denselben Themen bedienen, es ist Eifersucht, wirkliche blinde Eifersucht, denn du hast etwas getan … etwas getan … wovon ihnen des Teufels Großmutter beizeiten abgeraten hat: du hast den Stier bei den Hörnern gepackt und dazu fehlte ihnen der Mut, vielleicht auch noch etwas anderes, etwas Unaussprechliches, jedenfalls wenn man gestrickt ist wie sie – Statur.

Anatomie der Maske: Denunzianten
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Aber das ist krank. Die beiden sind krank!

Nein, sie sind ganz normal. Sie sind, um es mit einem Wort zu bezeichnen, das normalerweise nicht zu deinem Vokabular gehört, Normalos. Nichts scheint normaler zwischen den Menschen zu sein als blinde Eifersucht, wenn man darunter nicht die wütenden Verfolgungsszenarien versteht, die sich an in flagranti ertappten Ehepartnern entzünden, sondern das lautlose Wabern zwischen Menschen, die, rein menschlich betrachtet, einander gleichgültig sein sollten, da bloß eine berufliche Konstellation oder schlichte, auf Dauer gestellte Nachbarschaft sie verbindet. Das ganz normale Übelwollen grundiert den Umgang zwischen den Menschen, man muss ihm nur auf die Schliche kommen.
Im Alltag erscheint es verstellt.
Und der Alltag stellt sozusagen das Milieu, in dem es sich abspielt.
Vor allem anderen ist Verstellung der Alltagszwang, den anderen ein freundliches Gesicht zu zeigen. Sie ist das, was man den Kindern in zähen und ausdauernden Lektionen einimpft, denn sie ist überlebensnotwendig. Sie ist die grundlegendste aller Kulturtechniken, und zwar in einem solchen Maße, dass sie selbst noch dem Verstellungszwang unterliegt. Die perfekte Maske des Zivilisationsmenschen ist, wie jeder weiß, die zur Schau getragene Gleichgültigkeit, ein raffiniertes Kunstprodukt, nicht zu verwechseln mit dem Anblick des selbstbezogenen Mitmenschen, der sich unbeobachtet wähnt und deshalb die Maske lüftet. Ich habe es nicht nötig, Freundlichkeit zu heucheln, lautet die Maxime der ›Coolen‹. Pure Heuchelei! Soll sich der andere an mir abarbeiten!
Warum sollte er?

Anatomie der Maske: Denunzianten
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Masken! Masken!
Die Blendung des Eros

Das lautlose Wabern, so sagt es Fu, ist die versagte Lust. Was aber ist die Versagung? Sie ist eins mit der Maske. Es ist falsch zu sagen, die Maske sei ins Gesicht eingelassen (oder ruhe ihm auf). Die Maske ist das Gesicht, das menschliche Gesicht, um genau zu sein, oder das, was am Gesicht menschlich ist (wobei die Grenze zum Tier vielleicht nicht besonders scharf gezogen ist): ein Steuergerät zur Manipulation fremder Wahrnehmung. Warum Versagung? Weil es den Lustbezirk abgrenzt. Die Maske, schreibt Hanbüchl, der es wissen muss, in seinem neuesten Aufsatz, ist die vom Menschen gezogene Außengrenze der Person. Ob einer dick aufträgt oder den natürlichen Gesichtsausdruck vorzieht (eine Simulation, wie wir wissen), ist eine Frage des Geschmacks, vielleicht der Persönlichkeit, vermutlich eher der Mode oder der ›Kultur‹, auf jeden Fall aber Ausdruck einer Binnendifferenz ohne grundsätzliche Bedeutung. Entscheidend ist die Differenz zwischen Last und Lust, zwischen äußerer und innerer Beziehungsdynamik (schreibt Hanbüchl).
Das wäre natürlich reiner Fu.

›Dieses Gesicht glüht vor Lust.‹ Aha. Es ist nicht Ausdruck von Lust, es stellt sie nicht dar, es bildet sie auch nicht ab, es wird von ihr durchglüht, als habe es zufällig auf einer heißen Herdplatte gelegen, jedenfalls verarmt seine Beweglichkeit unter dem Ansturm dessen, was hinter ihm vorgeht. Lust hat kein Gesicht.

Anatomie der Maske: Denunzianten
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Okay, es ist Eifersucht. Eifersucht versteckt sich … versteckt sich … unter tausenderlei Masken … das ist so nicht richtig … sie produziert Masken am laufenden Band … sie ist nichts anderes … nichts anderes als … Gebrabbel … Lebendigkeit auf dem Grund … organische Substanz, aus der hin und wieder … Fontänen aufschießen … Geysire … dann tanzen die Masken…
Frage nicht nach dem Anlass, frage nach dem Vorwand.

Betrachte die Pyramide als anhaltenden Maskenball, als Ständige Vertretung der Masken im Raum der Wissenschaft. Nicht als ob es hier anders zuginge als anderswo, sie ist nur da.
Missmut. Gebrochener Mut. Woran gebrochen?
An der Grenze zwischen Innen und Außen.
Missmut / Missgunst: beachte die Vorsilbe.

Es sind bloß zwei unter vielen. Vergiss das nie. Sie sind die Ausnahme, die anderen die Regel. Es sind aber zufällig diese zwei. Genauso könnten es zwei andere sein (oder drei oder vier). Es hat nichts zu bedeuten, dass es just diese beiden sind. Andererseits bedeutet es alles: schließlich hast du’s mit ihnen zu tun bekommen. Der neutrale Rest geht dich nichts an.

Was schwatzt du da?

 

Friedenwanger ist eine Ratte

Friedens Wange
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Zum Zweiten

Friedenwangers denunziatorische Tat: wie jetzt durchsickert, hat seine Frau ihn hinausgeworfen (wegen Untreue, vermutlich im Dienst!). Seither teilt er sich mit seiner Geliebten, angeblich institutsnah, eine Ein-Zimmer-Wohnung, aus der er sich ›im tiefsten Grunde seines Herzens‹ hinauswünscht. Und mit einem Mal hat er, wie er seiner engen Umgebung, sprich Teuschner, gegenüber andeutet und Dowil munter weitertratscht, ein ›Männlein‹ im Ohr. Ein auf solche Weise erworbener Tinnitus erklärt vieles. Friedenwanger, der erklärte Libertäre, seiner eigenen Rede nach ›Libertinist‹ Freudscher Schule, wird der Skrupel nicht Herr, vielleicht auch nur des zehrenden Gefühls, von seiner Frau, bald ›Ex‹, gedemütigt worden zu sein, ja sicher gedemütigt, zu einem langen, sehr langen Spießrutenlauf verdammt, dessen Ende gegenwärtig nicht in Sicht ist.

Friedens Wange
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Friedenwanger ist out. Fragt sich nur, bei wem? Die Pyramide jedenfalls nimmt die Nachricht mit Gleichmut auf. Den männlichen Kollegen zaubert sie ein wissendes Lächeln, dem einen oder anderen gedrückten Mitarbeiter ein schadenfrohes Grinsen ins Gesicht. Ist das wichtig? Ist das bedeutsam? An dieser Front sind sie alle, das zeigt sich bei dieser Gelegenheit, mehr oder minder Leidende. Die Kolleginnen gehen darüber hinweg, als ginge sie das alles nichts an. Was, alles in allem, auf jeden zutrifft. Häusliche Querelen lassen die Pyramide kalt. So kalt, dass man wie eh und je seinen andeutungsreichen Reden lauscht und darüber nachdenkt, welche Aufschlüsse man dem ungewöhnlich informierten (und daher allseits als Gesprächspartner geschätzten) Kollegen zum eigenen Vorteil entlocken könnte.

Nein, Friedenwanger ist nicht irgendwer. Seit seinem gescheiterten Versuch, den Rektor zu stürzen, hat er sich zur Klatsch-, Missgünstige sagen: Desinformationszentrale der Fakultät gemausert. Dabei liegt ihm die eigentliche üble Nachrede fern. Sein Revier ist das Feld der Andeutungen, der sinistren Redensarten, der erstaunlichen Verknüpfungen gemäß dem Motto: Wer hätte das gedacht? Friedenwanger, so könnte es scheinen, lässt denken – das lässt seinen Anteil an den umherschwirrenden Gerüchten im Unscheinbaren verschwimmen. Seriös, seriöser, Friedenwanger – noch Fragen?
Friedens Wange
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Eine Scharte will er auswetzen

Schrecklichstes aller Gefühle: hinter den Erwartungen zurückbleiben. Wessen Erwartungen? Der Eltern, der Schule, der ›Ausbilder‹, der Dozenten, der Frau, der Kinder … der Vorgesetzten: ja sicher, warum sonst säßen sie da vorn, wenn sie sich nicht von Zeit zu Zeit umdrehten, um Rechenschaft zu verlangen: abrupt, überraschend, im falschen Moment, mit tödlicher Sicherheit in ein Vakuum stoßend, denn auf diesen Punkt vorbereitet ist keiner.

War Friedenwanger vorbereitet auf das, was geschehen würde, als er seine Frau auf das Terrain der Eifersucht lockte? Natürlich nicht. Genauso wenig wie sie, die eheliche Treue von Beginn ihrer Beziehung an ablehnte – als männliche Repression selbstverständlich, als Hohn auf ihr frauliches Recht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Arglos waren sie beide. Und doch brach der Vulkan just an dieser Stelle aus, ganz ohne Abstimmung. Er hatte immer schon da gelegen und seismische Messungen hätten die beiden von langer Hand warnen müssen.

Waren sie ungewarnt? Natürlich nicht. Sie waren, wenn man so will, mehr als gewarnt. Sie hatten ihre Beziehung darauf gebaut, die Warnungen in den Wind zu schlagen: die erste Generation ohne Liebesfurcht, ohne Maske, ohne Geheimnisse… Sie sind in das Geheimnis geraten wie Kinder, die von Überraschung zu Überraschung eilen und vor Entzücken in die Hände klatschen, während drei Schritte weiter der Abgrund klafft. Das Geheimnis hat sie empfangen, wie es jeden empfängt: scheinbar zurückweichend, mit offenen Armen, mit Selbstverständlichkeiten, die sich gut und vertraut anfühlen, von langer Hand vorbereitet und nunmehr abrufbar, Regalmeter voller Selbstverständlichkeiten, plötzlich abgeräumt…

Wessen Erwartungen also? Friedenwanger weiß es nicht, wird es nie wissen, so angestrengt er sich auch den Kopf zermartert. Er kennt diese Frau nicht, seine Frau, bald Ex, das fremde Wesen, das wie selbstverständlich den Platz der vertrauten eingenommen hat. Er weiß nur, dass er in ihren Augen versagt hat, Versager auf ganzer Linie, auf alle Zeit, für alle Gelegenheit. Er liest es in ihren Augen. Ach wären es nur die Augen! Die Seele liest mit, er liest es sich aus der Seele, die Botschaft, so da denn eine wäre, ist doppelt: er selbst hat sich verurteilt, doppelt verurteilt, das Urteil der Frau ist das Urteil der Welt, die gnadenlos zusieht, wie sein selbstbestimmtes Leben Schiffbruch erleidet, und ihre Schlüsse zieht.

Von ihm, dem Friedenwanger, hätte man anderes erwartet.

Ganz anderes.

Friedens Wange
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Ein Männlein

Dieses Männlein im Ohr … was bläst es ihm ein? Wovon spricht so ein Männlein den lieben langen Tag und vielleicht sogar darüber hinaus? Du lebst in Sünde. Gehe hin und tue Buße? Zweifellos meldet sich auch diese Stimme in Friedenwanger. Aber wer glaubte, ihr Sitz befinde sich im Ohr, der irrte gewaltig. Friedenwanger kennt sie wohl, die Stimme des ideologischen Feindes, er gerät in Kampflaune, sobald sie sich in ihm meldet, darin ist er geübt. Die Predigt des Männleins hingegen, diese physiologische Verirrung, klingt anders: Du bist ein Versager, sirrt es im Ohr, du bist nicht würdig der Lehren des erhabenen Fu, niemals wirst du ins Paradies der Lüste eingehen, geh hin und krepiere in der Hölle des schlechten Gewissens! So lautet die dechiffrierte Botschaft des Körpers. Doch bei dem Wort Fu richtet der alte Adam sich auf und deutet mit Fingern, schwer wie Blei, auf den Nächsten: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib.

›Du‹, das ist dann doch wohl … der andere. Jedenfalls deutet der Finger auf ihn, weg von der eigenen Person, weit weg, wir haben den ideologischen Verderber im Haus, den Menschenverderber im Gewand der Wissenschaft, fasst ihn! Tötet ihn! Aber lautlos, es schickt sich nicht, dass die Hände der Wissenschaft sich mit Blut röten.

Du bist erkannt, Friedenwanger, streng dich nicht an: dein kleiner gemeiner Wahnsinn konzentriert sich in dieser Botschaft, die keine ist, die keine sein will, nur eine Spritze voll Gift, weitergereicht an die Kollegen, auf dass einer von ihnen die Tat vollende, aber erst, wenn die Spur, die zu dir führt, verblichen ist. Denn schuldig schuldlos, das bist du, und deine Schuldlosigkeit erweist sich am Schicksal des anderen, des wahrhaft Schuldigen, dafür wirst du sorgen. So wenig es Schuld im aseptischen Treiben der Wissenschaft geben kann, so wenig kann ein Friedenwanger Schuld tragen. Er kann sie nur deponieren.

Friedens Wange
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Wenn das ausgesperrte Sündenbewusstsein wiederkehrt, wird es nicht sagen: ›Ich bin das Sündenbewusstseins. Was du tust, ist Sünde‹. Vielmehr wird es sagen: ›Ich bin dein Seismograph. Vertraue dich mir an, ich werde dir alle ideologischen Verräter verraten, denn im Aufspüren des inneren Feindes bin ich groß. Im Grunde bin ich nichts weiter als eine kleine physische Unpässlichkeit, ein lästiger, aber treuer Begleiter, der anschlägt, sobald ein unsicherer Kantonist sich blicken lässt. Warte, das muss ich dir erklären. Was ist ein unsicherer Kantonist? Ein unsicherer Kantonist ist einer, der unser aller Überzeugung auf den Prüfstand stellt. Ein Selbstdenker, ganz recht, ein ›Selbsthenker‹, wie Nietzsche zu Recht bemerkt, ein Siegfried meinethalben, je argloser seinem momentanen Geschäft in der Gruppe ergeben, umso schlimmer für ihn, umso schlimmer für die Gemeinschaft.‹

So wird es reden, das weiterhin ausgesperrte Sündenbewusstsein, das längst seine Fesseln gelöst hat und kommt und geht, wie es ihm passt, denn ihm ist jede Maske recht.

Friedens Wange
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Wäre Friedenwanger nicht Friedenwanger, das heißt ein zutiefst blamabler Mensch, dann könnte er um sich blicken und feststellen: Wir sind viele. Wir sind, um uns der Sprache der Bibel zu bedienen, die ihm so liegt, dass er sie scheut wie der Teufel das Weihwasser (er hat nebenher ein Bibelprojekt laufen, das sie umschreiben soll), ›Legion‹.
So ist es.
Friedenwanger, das ist der sündige Mensch, der sich täglich die Unschuldsbescheinigung ausstellt und dafür den Mitmenschen madig macht. Der Krieg gegen die Sünde, in den er, so gläubig wie blind, als tapferer Soldat einer besseren Welt hineinmarschierte, hat sich für ihn als eine Nummer zu groß erwiesen. Beim erstbesten Treffen hat er seine Kräfte zerstört und eine zuckende Kreatur hinterlassen, mit der er sich identifizieren darf oder nicht – es macht keinen Unterschied. Für die Kollegen – und nicht nur für sie – ist Friedenwanger, unser allseits geschätzter Friedenwanger, der mit dem Männlein im Ohr, er muss nichts weiter erläutern, denn sie wissen gerade so schon Bescheid. Sie sind verständigt.

  • An dieser Stelle wird es wirklich gefährlich für dich. Wenn alle, mehr oder weniger, Friedenwanger sind, wer ist dann Friedenwanger? Der erste rollende Stein?
    Sei gewarnt.
Friedens Wange
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Wäre Friedenwanger, so träumt er sich fort, nicht ein geachteter Wissenschaftler, dann wäre er Guerillero irgendwo im südamerikanischen Urwald, durchglüht vom Hass auf Ugly America, das Halstuch dramatisch geknüpft, mit der Waffe im Anschlag: fern jedem inneren Konflikt und durchdrungen vom Recht auf den weiblichen Körper, das die Kalaschnikow, das Instrument revolutionärer Liebe, nun einmal verleiht, weil es ihn, ganz ohne Vergewaltigungsphantasie, schmelzen lässt.

  • ―Ach was. Friedenwanger ist ein ziviler Mensch. Hat er nicht den Wehrdienst verweigert?
  • ―Na und? Er verweigert doch täglich.
  • ―Versteh ich nicht. Wie meinst du das jetzt?
  • ―Er verweigert Einsicht. Ist das nicht genug?
  • ―Du meinst, er will es partout nicht einsehen?
  • ―Das ist richtig. Er will sich aber auch nicht in die Karten blicken lassen.
  • ―Schlaues Kerlchen.
  • ―Sag ich doch.

Für eine Überraschung ist Teuschner immer gut.

 

Auf einer Veranstaltung mit Leckebusch lernt R Liz kennen
und erliegt ihrem gefühlten Charme

Liz. Mind the Gap
1

*

Da müsstest du schon durch die Finger sehen, bloß um etwas zu sehen.
Frage: Warum solltest du?
Warum eigentlich?

*

Liz, das ist: die junge Frau in Bewegung. Kein ganz neues Thema, zugegeben, ein Beitrag zum Thema Banalität des Banalen. (Dass dir das jetzt einfallen muss!)
Nein, keine Schönheit trat da auf dich zu. Hübsch herb, so ließe sich der erste Eindruck sortieren, dem bislang kein anderer folgte.
Warum eigentlich nicht?
Das liegt an der Bewegtheit.

*

Ein bewegter Körper zieht die Aufmerksamkeit des Jägers auf sich, das ist so. Dafür gibt es gute Gründe, die außerhalb des akademischen Universums liegen, aber innerhalb seiner Möglichkeiten relativ gründlich erforscht wurden.

*

Kann sein, muss nicht sein. Dieser hier zieht den Blick nicht auf, sondern an sich.
Liegt da ein Unterschied?
Aber sicher. Ein gewaltiger.
Dein Blick, jeder Blick sucht den Körper im Raum. Ist dieser Körper schön, explodiert der Blick. Er flutet gleichsam in dich zurück.
Ist das so? Ja, so kann man es sagen.
Was, wenn der Blick, von der Bewegung des Körpers angelockt, vorzeitig abgelenkt würde? Wenn er, hineingezogen in diese Allzeit-Bewegtheit, ins Trudeln geriete? Vielleicht ist Trudeln nicht das richtige Wort, vielleicht liegt darin eine Schärfe des Urteils, die revidiert werden muss, aber Flattern, Taumeln, Irrlichtern, das sind so Wörter, bei denen der Zeiger ausschlägt und meldet: Getroffen!

Liz. Mind the Gap
2

*

Ist dieser Körper, nüchtern betrachtet, stämmig?
Ja, er ist stämmig.
Ist dieser Körper, abschätzend betrachtet, grazil?
Ja, er ist grazil.
Liegt da nicht ein gewisser Widerspruch vor?
Aber sicher. Das Geheimnis der banalen Hübschheit liegt in diesem Widerspruch.
Aber es kompliziert die Dinge unnötig, hier einem Geheimnis das Wort zu reden. Spar dir den Ausdruck für Wichtigeres auf.
Was willst du von diesem Körper?
Nichts.
Warum musterst du ihn dann so genau?
Ich? Mustern? Wie kommst du denn darauf?
Weil du ihn musterst. Jedenfalls in Gedanken.
Gut, dann mustere ich ihn in Gedanken. Eigentlich fahnde ich gerade nach ihm. Was ist da zu finden? Ich finde nur einen Wirbel.

Liz. Mind the Gap
3

*

Die Frage ist doch, ob du dich mitreißen lässt. Lässt du?
Wenn du mich so fragst: nein. Ich lasse mich nicht mitreißen. Ich finde sie auch nicht hinreißend. Ehrlich gesagt: ich finde sie gar nicht.
Das musst du erläutern.
Ich fahnde nach ihr und ich finde ein Mundwerk.
Ein Mundwerk? Warum ein Mundwerk? Was ist mit dem Rest?
Nun, es gibt Augenblicke … Manchmal sehe ich wie durch einen Spalt. Dann stoße ich auf ihren Körper und pralle zurück (so wie jemand vor der Nacktheit eines anderen zurückprallt). Versteh mich jetzt nicht falsch. Ich ›erblicke‹ sie nicht ›nackt vor mir‹ oder dergleichen. Es ist nur … dieser Körper, als Körper ins Auge gefasst, wirkt auf dich so, wie ein nackter Körper – ein nackter, zufällig durch die Büsche erspähter Frauenkörper, wir verstehen uns wohl – auf dich wirken würde, würde wohlgemerkt, denn hier ist von keinerlei physischer Nacktheit die Rede, im Gegenteil, sie wirkt sehr angezogen, nicht in diesem mondänen Sinn, sondern im Alltagssinn, so als mache sie nicht viel von sich her. Andererseits –
Ja?
… liegt dem vielleicht eine Fehlwahrnehmung zu Grunde. Denn dieser alltägliche Aufzug – Jeans, Männerhemd, Camouflage-Jäckchen – wirkt auch wieder wie mit viel Bedacht ausgewählt, so als sei die Trägerin, nach dem Durchgang durch den Kleiderschrank, erneut auf ihn zurückgekommen, aber hastig, als habe ihr ein Termin das letzte Quäntchen Sorgfalt abgenommen und nun erscheine sie so, wie sie nun einmal sei und man müsse ihr das jetzt halt abnehmen.
Nimmst du es dir ab?
Dumme Frage. Würdest du…?
Stell sie, bloß in Gedanken, neben Elisabeth. Was siehst du da?
Einen Kobold neben einer Frau.
So streng?
Ist das streng? Ist das gerecht? Ist das … sexistisch? Das sind so Wörter.
Jedenfalls scheint ihr Charme zu wirken. Hast du gesehen, wie fahrig Leckebusch wirkte?
Fahrig und doch entspannt. Als ob er in der Kulisse säße und ihrer beider Spiel kontrollierte: Sind wir auch gut? Ja sicher, wir sind gut. Aber sehen das auch die anderen?

Liz. Mind the Gap
4

*

Zum Teufel mit den anderen. Du hast gesehen, was du nicht sehen solltest.
Du?
In diesem Fall bist du jedermann.
Wer denn sonst? Elisabeths ›Liebhaber‹?
Seltsame Frage. Sehr seltsame Frage. Noch sind wir alle im Projekt verbunden. Diese Liz? Undenkbar, sie einzubinden. Jedenfalls scheint es undenkbar, jetzt, in diesem Moment, der vielleicht rascher vorbeigeht, als dir lieb ist.
Ist Elisabeth Teil des Projekts? Ja und nein. Wir spielen es einander vor. Sie Regisseurin, du Arrangeur. Wo liegt der Unterschied? Vielleicht darin: du weißt, was du tust, sie weiß, was du tust. Darin liegt eine gewisse Asymmetrie. Du überwindest sie durch Beschreibung. Du versuchst, sie durch Beschreibung zu überwinden. Aber Elisabeth ist nicht die Frau, die sich beschreiben lässt.
Was lässt dich jetzt an Elisabeth denken?
Zweifellos Leckebusch.
Diese Liz wird ihren Weg machen, dessen bist du dir sicher.
Welchen Weg?
Wessen bist du dir sicher?
Das abgegriffene Ausdrucksfeld, plötzlich reaktiviert, flößt dir Unbehagen ein, nein, es verdeutlicht ein Unbehagen diesseits der Barriere, der berühmten Fu-Barriere, an der die Bewerber sich drängeln.

Asymmetrie ist der Schlüssel zur Symmetrie.
Du versuchst symmetrische Verhältnisse herzustellen.
Darin liegt der Fehler des Projekts.
Wieso Fehler? Darin besteht das Projekt.
Darüber musst du nachdenken.

Liz. Mind the Gap
5

*

Na dann –!
Ein Projekt ist ein Projekt.
Nenne es mit dem hausbackensten aller Namen: ein Vorhaben.
Du hast etwas vor und lässt andere daran teilhaben.
Klingt trivial. Worauf willst du hinaus?
Auf Trivialitäten. Fürs erste: unterscheide passive von aktiver Teilhabe. Es ist ein Unterschied, ob jemand an der Planung eines Projekts teilhat oder an seiner Ausführung.
Planung = aktive Teilhabe.
Ausführung = passive Teilhabe.
Doch damit überblendest du etwas.
Du kannst ein Projekt auf zweierlei Weise planen. Die erste umfasst die Wege der Ausführung. Dabei mag es sich um den komplizierteren Teil handeln, aber im Entscheidenden bleibt sie nachgeordnet: sie enthält keinen Zugriff auf das Projektziel. Die zweite umfasst das Projektziel in all seinen Nuancen – diese Weise der Teilhabe mag zwar nicht umfassend sein, aber sie setzt Prioritäten, während sie die Details der Planung anderen überlässt.

*


›Einen Flughafen bauen‹ kann höchst Unterschiedliches bedeuten.
Als da wäre:

  etwas bauen, was

  1. noch in keines Menschen Kopf vorhanden war,
  2. die Welt noch nicht gesehen hat,
  3. so noch nicht realisiert wurde,
  4. den lokalen Bedingungen anzupassenden Routinen gehorcht,
  5. nach festliegenden Plänen ›umgesetzt‹ wird.

Liz. Mind the Gap
6

*

Worin besteht das Fu-Projekt?
Nenne es: ›Herstellung von Symmetrie zwischen den Geschlechtern‹.
Dieses Ziel lag vor allem Anfang fest. Es ist das ›Leit-Ziel‹.
Darin ist wenig Fu.
Das Fu-Ziel lautet: Freisetzung ungebremster Produktivität durch kontrollierte Promiskuität.
(Hast du das in deinen Anträgen je so deutlich formuliert? Natürlich nicht. Diese Dinge laufen unter dem Motto: Wer will, weiß Bescheid.)

Das Leit-Ziel hat also einen Zwilling bekommen: Produktivitäts­steigerung. Auch dieser Zwilling stammt nicht von dir. Du bist der, der’s probiert. Also c.

Wie das? Es ist dein Projekt und du wärest Teilhaber erst auf der dritten Stufe? Mach dir nichts vor: selbstverständlich hast du’s gewusst. Aber du hast es verdrängt.
Verdrängt? Warum verdrängt? Dein Ehrgeiz reichte nicht höher.

Ist das wahr? Ist das wirklich wahr? Das hieße doch, dass über diese Dinge nach Ehrgeiz entschieden würde. Aber so laufen die Dinge nicht. Was sie ins Laufen bringt, was sie wirklich ins Laufen bringt, darüber zu befinden … steht dir nicht zu? Warum das denn?
Ist das eine philosophische Frage oder ist es eine Machtfrage?
Und wenn es eine Machtfrage wäre, wäre es dann keine philosophische?
Und wenn es eine philosophische wäre, wäre es dann keine politische?
Keine, die alle angeht?

*


Was ging dich, als du dein Projekt formuliertest, die Frage der allgemeinen Produktivität an? (Nicht deiner, die steht auf einem anderen Blatt.)
Nichts zweifellos. Sie gab dir die Möglichkeit, dich einzuklinken.
Also stand sie im Raum. Greifbar? Ungreifbar? Unsichtbar? Ein weißer Elefant?
Natürlich nicht. Sie stand für die Überlegenheit des ›Systems‹.
Du bist ein Soldat des Systems.
Einer aus der Schar derer, die sich ihre Mission selbsttätig suchen.
In Maßen. In bescheidenen Maßen.

Liz. Mind the Gap
7

*

Wie steht es um das Leit-Ziel?
Konkret gefragt:
Was geht dich die Geschlechtersymmetrie an?
Alles.
Diese Aussage ist brutal.
Aber korrekt.
Wenn du die Klassiker studierst und ihre Aussagen über das andere Geschlecht (und das Verhältnis der Geschlechter untereinander) nur im Ironie-Modus zu lesen imstande bist, dann geht dich das nicht bloß ›etwas‹ an. Es geht dir durch und durch.
Es ist ›gesetzt‹ (aber zur Gänze anders als die Frage der Produktivität).
Fu: der Ausnahme-Klassiker, der beide Fragen miteinander verbindet – diejenige, die dich nichts, und diejenige, die dich alles angeht.

Natürlich kannst du dich hinstellen, dir an die Brust klopfen und behaupten, du selbst seist Fu – das würde dich auf die zweite Teilhabe-Stufe befördern –, aber diese Selbstbeförderung wirst du hübsch bleiben lassen. Erstens machtest du dich lächerlich und zweitens … warum muss es immer ein ›zweitens‹ geben? Reicht es nicht, dass einer sich lächerlich macht? Aber natürlich, es gibt auch den zweiten Grund, du siehst ihn und er sieht dich –

*

Wenn Elisabeth jetzt die Nerven verliert und Leckebusch … sich verliebt (sagt man das so?) – was passiert dann?
Sie werden zu Teilhabern der Stufe a.
Bist du dir sicher?
Wie kann sich einer da sicher sein?
Und doch sieht es so aus.
Elisabeth, das ist: die Freiheit der sexuellen Entfaltung.
Leckebusch, das ist: die a-sexuelle Freiheit im Sexuellen.

Wie’s scheint, kann man sich da täuschen.

Liz. Mind the Gap
8

*

Eine kluge Studentin, das ist diese Liz, jedenfalls fändest du keinen Mann im Raum, der nicht so dächte, mancher vielleicht auch mehr, du willst keinem zu nahe treten, jeder hat seine Präferenzen, jede Präferenz hat ihr Personal fest im Griff.

 

Realität ist Stärke

Symmetrische Verhältnisse
1

Niemals hätte Leckebusch –

(Es gibt nicht viele Menschen, auf die sich diese Phrase bruchlos anwenden lässt)

… niemals hätte Leckebusch ihr Betreuungsverhältnis erotisch gedeutet, solange es sich noch in den Anfängen befand. Noch heute hegt er ›in diesem Punkt‹ Zweifel. »Da ist nichts.« Wirklich? Und wenn schon. Es wäre falsch, hier ein Fragezeichen zu setzen. Es gilt das gesprochene Wort. Das ist zwar eine Politiker-Phrase, unbrauchbar unter den Bedingungen der academia, wo so vieles ins Unreine gesprochen wird und nur die ausgereifte, schriftlich fixierte Rede den erhofften Reifegrad birgt, aber in diesem Fall … in diesem Fall… Er wird doch nicht zu weinen anfangen, der Gute? Nein, es war eine nervöse Irritation.

Symmetrische Verhältnisse
2

Du bist also Leckebuschs Vertrauter. Die Erkenntnis will verdaut sein. Alles, was im Rahmen des Projekts besprochen wird, unterliegt der Verschwiegenheitspflicht, demnach auch der Gegenstand seines Vertrauens. Dergleichen gilt – selbst für den Fall, dass sie missbraucht wird. Es steht, im Vertrauen, nicht gut um Leckebuschs Ehe und er ist gewillt, wie er sagt, die Dinge zu sehen, wie sie nun einmal liegen. Nicht dass er sich etwas vorzuwerfen hätte – er, der gereifte Mann und dieses … dieses … Mädchen, hätte er beinahe gesagt, sagt es im Beinahe-Modus, ein Lächeln huscht über seine Züge, hier geht es überhaupt nicht um Schuld.
Worum dann?
Um Elisabeths Intransigenz.

Symmetrische Verhältnisse
3

Das, lieber Leckebusch, ist eine Wendung …

Woran macht er das fest? Nein, so klein ist er nicht, dass er ins Detail ginge. Auf der anderen Seite… Er ist noch nicht so sehr ›Fu‹, dass er Elisabeths Eskapaden mit blankem Unverständnis begegnete. Sie hinzunehmen fällt schwer, aber: Wat mutt dat mutt. Elisabeth hat recht, es muss etwas geschehen. So kommt er, scheu aber unerbittlich, auf seinen Haupt-Punkt zu sprechen. Nein, er braucht dich nicht als Vertrauten. Er möchte den Spatz in deine Obhut geben, von Mann zu Mann, gewissermaßen im Rahmen des Projekts, aber dann doch wieder…

  • ―Sie verstehen meine Lage. Sie verstehen mich doch?

Welcher Mann hätte kein Verständnis für seine Lage? Wie er sich allerdings den Vorgang, pardon: den Übergang vorstellt, das steht auf einem anderen Blatt. Ehrlich gesagt, hältst du ihn nicht für besonders findig in solchen Dingen. Ehrlich gesagt, hältst du dich nicht für besonders findig in solchen Dingen.

Symmetrische Verhältnisse
4

Worin besteht es überhaupt, dieses Betreuungsverhältnis? Wer betreut hier wen? Das ist … nicht völlig ersichtlich. Mag sein, sie hat sich irgendwann an seine Fersen geheftet (»nach einem Heulkrampf im Seminar«, wie er sagt), die ›junge Frau‹ und der Professor, mag sein, er hat sie ursprünglich ›aus Mitleid‹ nach Hause gebracht, wo Elisabeth sie erst einmal unter ihre Fittiche nahm (sie hat diese zupackende Art), mag sein, das ›Vertrauen‹ zu ihm war anschließend da (wo sonst?), mag sein, daraus ›entwickelte sich‹ eine Vertrautheit ohne sexuelle Komponente (»nichts Erotisches, eher ein Vater-Tochter-Verhältnis, aber nicht wirklich«), mag sein, sie feierten wahre Orgien der Bravheit in Elisabeths Abwesenheit (aber warum?), mag sein, dass Elisabeth übergangslos ›giftig‹ wurde (»rastete ganz schön aus«), ›grundlos‹, versteht sich, das heißt ohne einen der vorgeschriebenen Gründe, mag sein, dass seither der Haussegen schief hängt (das sagt er nicht, aber es ist der Sinn seiner Worte), mag sein, dass seine Wahrnehmung da nicht trügt, mag alles sein –:

Symmetrische Verhältnisse
5

… wenn alles so ist, wie er sagt, das heißt, wenn er dir nichts vorflunkert (auch sich, aber das ist im Augenblick nicht so wichtig), dann erhebt sich die Frage – sie erhebt sich riesengroß, ein Berg, der uns beide als veritable Zwerge dastehen lässt –, warum er damit zu dir kommt, als seist gerade du der Meister aller Probleme, gerade du. Das ist nichts Persönliches (es gibt nichts Persönliches zwischen euch), es ist klar und eindeutig ein Verstoß gegen die Regeln.

 

Regel eins lautet:

Stelle dich deinem Problem, indem du dich der Erfahrung stellst, die darin liegt. Es gibt keine Instanz, die dich davon suspendiert.

Symmetrische Verhältnisse
6

Leckebusch steht am Fenster, dir zugewandt, er hat seine Spannkraft wieder gefunden und hat dich verplant. Er hat dem Regal ein Buch entnommen, er blättert darin, du kannst dir keineswegs sicher sein, dass er nicht gerade in diesem Augenblick eine Fußnote formuliert, so vollständig steht er im Raum, mit forschendem Blick, gehbereit – ihr solltet zum Abschluss kommen, das von ihm eingeplante Zeitkontingent scheint bereits aufgebraucht. Aufgebracht bist du: wenigstens aufgewühlt, denn was dir hier in aller Freundschaft begegnet, das ist der Versucher, gewillt, das Minimum an Regeln zu durchbrechen, das notwendig ist, um das Projekt am Laufen zu halten, und er verlangt von dir mit der größten Selbstverständlichkeit: ein Gleiches. Nichts fiele dir leichter, als der beiläufig angetragenen Freundschaft mit ebenso angelegentlicher Feindschaft zu begegnen. Sie ist vergiftet. Nichts weißt du genauer in diesem Augenblick, der unter dem Druck eines fremden Terminkalenders vehement vergeht.

Symmetrische Verhältnisse
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Elisabeth hält sich einen Cicisbeo. Das mag ihr gutes Recht sein, aber auch das ist gegen die Regel. Das Projekt ist kein Nebenauslauf, es verlangt, dass du eins bist mit deinen Schritten. Das steht zwar nirgendwo explizit geschrieben, aber es versteht sich, sobald man es ernst nimmt, von selbst. Was Elisabeth ernst nimmt, du hast es nie ergründet, du hast dir die Frage nie vorgelegt, jetzt holt sie dich ein. Dass sie vehement auf sexueller Selbstbestimmung besteht – Promiskuität als Lebensinhalt –, hindert sie, wie es scheint, nicht daran, mit Zähnen und Klauen, den willigen Helfer immer an ihrer Seite, ihr Revier von potentiell gefährlichen Einflüssen freizuhalten. ›Mit Zähnen und Klauen‹, ganz recht. Davon legt der geschundene Ehemann Zeugnis ab (der vielleicht nicht so unschuldig an der Entwicklung ist, und sei es nur dadurch, dass er bei alledem sich der Sonderbehandlung als williges Opfer angedient hat – mag sein, nicht gerade willig, aber, um es in ein Wort zusammenzufassen, rollenfromm.)

Symmetrische Verhältnisse
8

Troll dich, Leckebusch: was du verlangst, ist unanständig. Es vertraut auf den allgegenwärtigen Mechanismus der Korruption und zielt damit, als wäre nichts selbstverständlicher als das, auf die Projektleitung selbst. Diese Sicherheit, diese unerhörte Sicherheit verschlägt dir den Atem. Er hätte dir Elisabeth anbieten dürfen und du könntest erstaunter – und befremdeter – nicht sein. Immerhin ließe sich in diesem rein hypothetischen Fall damit argumentieren, hier wolle einer das verhasste Ehejoch abschütteln, um sich ganz dem Fu-gewollten Binden & Lösen zu widmen. Das wäre zwar ein Fauxpas – sag’s derb: eine Peinlichkeit sondergleichen –, aber immerhin, auf dem projektierten Weg läge es schon. In diesem Sinne markierte es ein, wenngleich perverses, Fortschrittsstadium. Wer weiß schon, welche Talsohlen an Hilfsbedürftigkeit durchschritten werden müssen, ehe der entfesselte Trieb seine Rechte mit aller Selbstverständlichkeit geltend zu machen imstande sein wird? Dagegen ist das, was Leckebusch hier bietet, eine Manifestation des Versagens auf ganzer Linie.

Es gehört sich nicht und es ist unerhört.

Symmetrische Verhältnisse
9

Elisabeths tall boy, ein strammer Lockenkopf mediterraner Prägung – »die zarteste Versuchung, die es je gab«, wie sie dir einmal, in Anlehnung an einen zum Sprichwort mutierten Werbespruch, mit verschmitztem Lächeln mitteilte –, fehlt in Leckebuschs Rechnung: eine klaffende Asymmetrie, denn nichts wäre einfacher gewesen als gleiche Rechte zu fordern. Versuchte er’s am Ende? Wirkt er deshalb seelisch so zerschrammt?

Cicisbeo
Symmetrische Verhältnisse
10

Generationen von Frauen haben sich das Recht auf den Hausfreund erkämpft – das steht so zwar nicht in den Geschichtsbüchern, aber es anzunehmen liegt nahe –, es gab Zeiten, da lief er als fester Bestandteil des Ehekontrakts mit und die Dame des Hauses hätte sehr erstaunt reagiert, wäre jemand, die obligaten Betschwestern ausgenommen, auf die Idee verfallen, Anstoß an ihm zu nehmen. Nun, jene Zeiten setzten mehr oder weniger stillschweigend voraus, dass der Ehemann seine Bedürfnisse außerhalb des Hauses zu befriedigen wusste. Sie stellten also eine Konzession an den Umstand dar, dass der ›Kontrakt‹ die Frau ans Haus band und ihr damit aushäusige Liebschaften erschwerte. Besser der Rivale im Haus als die Frau im Haus des Rivalen – so muss wohl die ursprüngliche Regel gelautet haben, der sich ein Leckebusch in der gleichen resignativen Unschuld beugt wie einer seiner Vorgänger im achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert. Ein System der checks and balances, kein Zweifel: es gehört wenig Phantasie dazu, sich Elisabeth mit hochgezogenen Augenbrauen vorzustellen, sollte Leckebusch es gewagt haben, tall boy ins Gespräch zu flechten – das sei nun wirklich etwas ganz anderes und stehe hier nicht zur Diskussion. Andererseits verkörpert Elisabeth, wenn irgendwer, den Typus der ›aushäusigen Frau‹. Ihr Erstaunen würde den höchstmöglichen Gipfel erklimmen, sollte Leckebusch auf den Gedanken verfallen, sie, und sei es nur für ein paar Stunden, um ihre häusliche Anwesenheit zu ersuchen:

  • ―Ich mache meine Termine selbst.

Und damit hätte sie recht.

Symmetrische Verhältnisse
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Natürlich weiß Leckebusch, rein historisch, was ein Cicisbeo ist und worum es sich dabei handelt. Ob er ihn im eigenen Hause erkennt? Eher nicht … aber er respektiert das eingetretene ungleiche Verhältnis, er akzeptiert es sogar, wenngleich nicht völlig. Irgendwie scheint es Elisabeths Persönlichkeit auf eine von ihm nicht ganz durchschaute, vielleicht undurchschaubare Weise abzurunden – gewissermaßen zu vervollständigen. Gewiss, auch der soziale und selbst der geistige Mensch besitzt einen Körper und bedarf der Gliedmaßen, das ist … das ist doch … keine Frage. Allerdings überfällt ihn, bei allem Verständnis, von Zeit zu Zeit dieses unerklärliche (und vielleicht unerklärbare) Bedürfnis nach Selbstvervollständigung, ein toller Drang, jemanden einzuschleppen, der die Symmetrie wieder herstellen könnte, weniger, um Elisabeth Paroli zu bieten – das wäre gefährlich und führte zu nichts –, sondern um ihnen beiden zu helfen, wieder Ordnung in ihre Angelegenheiten zu bringen, gewissermaßen durch Steigerung der Unordnung… So etwas soll gelegentlich funktionieren.

Symmetrische Verhältnisse
12

Mit Liz hat es eher nicht funktioniert, überhaupt nicht – eine furchtbare Sache, die sich da eingeschlichen hat. Aber die Sache mit Liz ist ohnehin eine andere. Mit den Ausschlägen auf der Küchenwaage hat sie rein gar nichts zu tun. Nie hätte er diese schutzlose Person benützt. Er hat sie in Elisabeths Obhut gegeben wie einen … Sperling mit gebrochenem Flügel, aufgelesen am Wegrand, um von Zeit zu Zeit nachzusehen, wie es ihr geht, sich sozusagen des fortschreitenden Heilungsprozesses zu vergewissern.
Doch was sagt man nicht alles so.
Offenbar lässt sich in einer Ehe alles auch anders sagen. Da liegen Vokabeln auf Abruf bereit, die er seit der Pubertät nicht mehr benützt und kaum mehr vernommen hat. Er hätte nicht angenommen, dass Gassenwörter zu Elisabeths Wortschatz gehören. Er hätte auch nicht erwartet, es würde sich so lebendig anfühlen, sollten sie dereinst zwischen ihren schwungvoll gebogenen Lippen hervorsprudeln. Leider muss er feststellen, dass diese Art drangvoller … ach was, peitschender Lebendigkeit ihn heillos überfordert. Mehr noch überfordert ihn die eingetretene, von der Herrin aller häuslichen Klassen nüchtern dosierte Kühle.

Symmetrische Verhältnisse
13

Druck und Sog
kaum hat er die Wohnung erreicht, fühlt er sich, als sei er zwischen die Backen einer Luftpumpe geraten. Theoretisch könnte er im Büro bleiben, könnte, bei wohltuend entspannter Atmosphäre, dort weiter an seinem Buch arbeiten, er hat sich schon überlegt, eine Luftmatratze hineinzuschaffen. Allein der Blick der Sekretärin, Frau Gardan (furchtbarer Name!), … Wie peinlich wäre das wohl? Zu peinlich jedenfalls, um in Betracht gezogen zu werden.

 

Nie sollt ihr so tief sinken!

Über den Unterschied zwischen einem Seitensprung und free sex
1

  • ―Janein, räuspert sich Tronka, er und Sibla haben sich, oberflächlich betrachtet, angefreundet: janein, wenn Sie da unbedingt einen Gegensatz sehen wollen… Ich für mein Teil verschwende meine Zeit auf erfreulichere Weise. Aber wenn ich Ihnen behilflich sein sollte, dann würde ich … ja wo gehen Sie denn hin … jetzt ziehen Sie nicht gleich ab…! Weg ist er.

Arroganter Affe.

  • ―Ah, da kommen Sie ja wieder, ich dachte schon… Thanks for the coffee, Sie trinken ihn schwarz? Das können Sie haben. Kommen wir zur Sache. Also Sie meinen? Sie gehen zum Metzger, kaufen sich ein Stück Fleisch, streng nach Speiseplan, im Geiste sehen Sie es lebhaft vor sich, längst ehe Sie die Theke … ich hör ja schon auf. Und jetzt stehen Sie an der Theke und während Sie die Frage beantworten, wieviel Gramm es denn sein sollen und von welchem Stück Sie es abgeschnitten haben wollen, fällt Ihr Blick gleich daneben auf etwas, das nicht auf dem Speisezettel stand, ein Geschmack füllt Ihren Mund – was liegt näher als der Wunsch: Das will ich haben? Und Sie fragen sich kaum: Warum nicht? Nein, keine Frage, Ihr involvierter Fressapparat ist in diesem Moment ein einziges: Warum nicht jetzt? Warum nicht jetzt?
  • Wie ich sehe, langweile ich Sie. Schlimmer als das: Sie halten mich für einen Dilettanten. Für Sie ist Sex etwas Großes, etwas Heiliges, etwas, was den ganzen Menschen erfasst und transformiert, meinethalben transfiguriert, so ähnlich denken Sie doch. Warum ich das meine? Weil man es Ihnen ansieht. Man vielleicht nicht, aber ich schon. Das hat noch spezielle Gründe, aber die gehören jetzt nicht hierher. Doch doch, mich interessiert die männliche Psyche, sie interessiert mich ganz ausnehmend, wenn Sie wüssten… Nein, Sie wissen nichts. Ihre Frau sagte mir, Sie hätten eine indische Seele, aber Sie wissen nichts. Ihr großer einfältiger Körper ist durchzogen von großen, einfältigen Gedanken. Machen Sie sich nichts vor. Sehen Sie, Ihre Kunst – Sie sind doch Musiker, Sie müssen doch wissen, wie man den menschlichen Organismus in Bewegung bringt, ganzheitlich, das ist wahr, aber es ist auch ein wenig verlogen, es gibt da so simple, ganz ganz simple … Knöpfe, Sie wollen doch nicht schon wieder weg?

Ungebremst geht von hier oben der Blick in die Weite, trifft sich am Horizont mit einem feinen, sehr feinen Dunst, in dem die Häuser der Stadt ohne Ende … nein, nicht verschwimmen, sich verwandeln, ihre harte Körperlichkeit ablegen und wie porös erscheinen, nein, irgendwie schuppig oder flockig, als trieben sie auf einem flachen Grund, bevor sie sich in ihn auflösen, einem fernen Nieselregen vielleicht, einem lichtgrauen Vorhang, der die Grenze zwischen Himmel und Erde, die feine, aber scharfe Kontur, die immer da ist, einfach verbirgt.

Über den Unterschied zwischen einem Seitensprung und free sex
2

Tronka lacht.

  • ―Ist er weg? Dann können wir ja reden. Nicht unbedingt Tacheles, wer will schon Tacheles reden? Aber einiges wissen wir schon. Wenn die Statistik stimmt, entstehen zwei Drittel aller sexuellen Kontakte am Arbeitsplatz. Stete Reibung, bis der Funke überspringt. Das alles unter asymmetrischen Verhältnissen – selbstredend! Worüber reden wir? Über Ausbeutung, keine Frage. Ich sage immer: sexuelle Ausbeutung ist das Thema des Jahrhunderts. Übrigens nicht weit entfernt von dem, was du hier so treibst, ich meine das jetzt nicht persönlich, janein, ich meine ganz konkret Fu. Die Wissenschaft – oder ihr Anschein, denn davon reden wir doch! – ist der größte Ausbeuter. Sie nötigt die Menschen nicht, sie zwingt die Menschen nicht, sie lässt ihnen sogar, was von allem das Wichtigste ist, freie Wahl. Pardon, aber diese Wahl ist schal. Wer sich gegen die Wissenschaft stellt … um Gottes Willen. Nichts einfacher, als die Unglücklichen, die Liebesbesessenen, die Sexmaniacs, die Neugierigen und die Ich-bin-mein-Körper-Typen an jener Schnur hinter sich herzuziehen, die da Wissenschaft heißt. Dieser Sibla zum Beispiel … der Schubiack unterwirft sich seiner Frau, sie haben zwar keine Kinder, trotzdem unterwirft er sich absolut, man könnte es sexuelle Hörigkeit nennen, doch nein, das ist es nicht. Was ist es dann? Baudelaire würde es ennui nennen, ja, es ist ennui. Er unterwirft sich aus ennui. Momentan unterwirft er sich dir, er unterwirft sich deinen kuriosen Regeln, natürlich gibt es auch dafür keinen Grund, er braucht aber einen Grund, daher die Wissenschaft. Natürlich reicht das nicht. Jetzt robbt er sich an dich heran, er wittert in dir den Verbündeten. Schlechter Sex schafft Verbündete. Janein, ich stehe dafür nicht zur Verfügung. Soll ich dir sagen, was los ist? Er kommt nicht zum Schuss. Der Künstler kommt nicht zum Schuss. All die Frauen, die in diesem herrlichen Projekt um ihn herumturteln, lassen ihn im entscheidenden Moment stehen. Einfach stehen. Während seine Frau – wie heißt sie nicht gleich? Pipi Langstrumpf? … Kitty! – einen Kerl nach dem anderen abschleppt. Aber still, ganz still… Er ahnt es, schließlich besteht darin die ganze bescheuerte Teilnahme. Mein Gott, warum geht das Selbstverständliche so schwer in die Schädel der Menschen hinein? Dabei soll er eine Insel besitzen, irgendwo im Mittelmeer, wo er seine Naturorgien feiert. Verstanden habe ich das alles nicht, janein, aber bitte. Der arme verarschte Krösus, auch ein Modell.
Über den Unterschied zwischen einem Seitensprung und free sex
3

Ist Sibla Künstler? Tronka bestreitet es vehement.

  • ―Mag schon sein, dass Künstler einen Hang zum ehelichen Unglück haben. Aber diese Kitty? – Brrr. Wäre er nur ein bisschen schwul, soll heißen, hätte er nur einen Hauch von Talent, dann würde er diese Gans im Morgengrauen verlassen, wenn das Gras noch feucht ist und die ersten Träume platzen.

Für Tronka ist der Künstler der wertvolle Mensch. Sibla ein wertvoller Mensch? Da muss er noch einmal herzhaft lachen.

  • ―Jeder Mensch ist wertvoll. Das sagt schon unser aller christliches Erbe. Ja, es ist unser aller, schau mich nicht so erstaunt an. Auch ich beuge das Knie, wenn ich vor einen Marienaltar von Veit Stoß oder eine Kreuzigung von Grünewald trete. Das ist ganz normal. Das heißt, es würde mir etwas fehlen, wenn man diese beiden oder den Zinsgroschen von Masaccio für Fälschungen erklärte. Und wenn schon! Das ganze Mittelalter ist die holdeste Fälschung, vermutlich der Menschheitsgeschichte, zumindest der uns bekannten. Aber Sibla? Da muss sich einer schon schwer verbiegen, um hier etwas zu erkennen. Ich zumindest erkenne nichts.
  • ―Er wäre der erste nicht, bei dem die Kunst im unscheinbaren Gewand erscheint. Übrigens ein grundchristlicher Gedanke, wie dir bekannt sein sollte. Dein erstauntes Gesicht verblüfft mich. Ich weiß noch nicht, ob es dir steht. Darüber muss ich nachdenken.
  • ―Janein, ich bin verblüfft. Ich sagte: christlich gesehen ist jeder Mensch wertvoll. Reden wir von der Kunst? Da greifen wir in ein anderes Regal. Und wir reden von der Musik. Es gibt auf der ganzen Welt nichts Präpotenteres als Musiker. Das ist vermutlich so, wenn einen an der Schwelle zum Erwachsensein die Welt der Töne einholt. Man muss sich fürs Leben entscheiden oder für ein Leben im Reich der Serenaden und Symphonien. Sozial gesehen sind sie schon alles, was der Rest der Menschheit sich mühsam erarbeitet, jedenfalls treten sie so auf. Die Crème de la Crème der Menschheit. Das hat seine ausgesprochen komischen Seiten, schon klar, aber wo es fehlt… Sibla … nein … nein wirklich…

Serenaden und Symphonien. Soso. Du liebst die Pyramide. Wo sonst wäre so ein Gespräch führbar?

 

Rombo is a trustworthy man

Lob der Vulva
1

Der Vulvenmaler Fabrizio Rombo hat eine Ausstellung. Nicht im Museum der Scham, wie man annehmen könnte, sondern in einem privaten Museum, das sich nicht weit davon findet: unverkennbar der futuristische Bau, errichtet in einem Jahrzehnt, in dem man, sofern der Auftraggeber finanziell gut gepolstert war, gern in Formen baute, von denen man vorwitzigerweise annahm, sie erfüllten die ästhetischen Ansprüche kommender Epochen. Die kommenden Epochen sind ausgeblieben und der Bau ragt als Zeugnis einer Zeitlosigkeit in den Himmel der Metropolen, die einerseits nie, andererseits gerade deshalb einmal an der Zeit war: ein Wagnis, zu dem sich niemals ein Geschmack bekannte, es sei denn, man missversteht die Lust, ein wenig Zukunft zu kosten, als Geschmack an der Zukunft, obzwar der Geschmack damit wenig zu schaffen hat. Dieselbe Lust herrscht im Inneren des Gebäudes, das keine ebenen Flächen kennt, sondern wie die Spirale des Guggenheim auf jedem Quadratmeter ansteigt, einem unbekannten, jedenfalls außerhalb der gebauten, irgendwann abbrechenden Linie liegenden Ziel entgegen, so dass, wer den höchsten Punkt des Innenraumes erklommen hat und sich abwärts trollt, die Empfindung mitnimmt, er habe auf dem Scheitelpunkt etwas, womöglich das Beste, unwiderruflich versäumt. Das mag stimmen oder auch nicht, es ändert nichts daran, dass ihn keine Sekunde lang das Bewusstsein verlässt, sich an einem vorgeschobenen Menschheitsposten aufzuhalten: hinter sich die Formen und Stile der auch die Gegenwart mit umfassenden Vergangenheit, vor sich eine vergangene Zukunft, eine Zeit, die niemals war und vermutlich niemals sein wird, also eine ungelebte Art Ewigkeit, falls man von irgendeiner Ewigkeit sagen könnte, sie werde gelebt. So muss einst das Grabmal des Theoderich in Ravenna auf einen antiken Menschen gewirkt haben.

Lob der Vulva
2

Dass der Kunstmaler Rombo einmal an diesem Ort ausstellen musste, lag gewissermaßen von Ewigkeit her fest. Kein Neid, eher Verwunderung! Du schlenderst die Galerie der Bilder empor und stellst fest: Vulven, wohin das Auge blickt. Beim ersten und zweiten Bild waren Zweifel möglich, fast hättest du’s nicht gemerkt, der Ermessensspielraum des Kunstbetrachters ist groß. Aber nach dem zwanzigsten und dreißigsten hat sich die Möglichkeit des Zweifels verflüchtigt wie Rauch in der Sonne. Das Lebenswerk dieses Mannes besteht, um es höflich zu sagen, aus aneinandergereihten Vulven, genauer gesagt, aus endlos mit spitzem Pinsel umspielten Varianten der Raute – stehend, liegend, sitzend, ja gewiss, hin und wieder auch sitzend, jedenfalls der Anmutung nach, um das Maximum an Gewagtheit festzuhalten, die sich auf diesen Leinwänden äußert: ›Sitzende Vulva‹. Beim Titel ist der Betrachter gefragt. Die Bilder selbst tragen Nummern, die sie bloß den Fachleuten vertrauten Serien zuweisen. Immerhin … auch du bist jetzt einer von denen, die wissen, worauf der Weltruhm dieses Mannes sich gründet, ein Auserwählter, wenn du so willst, du weißt Bescheid und das ist momentan bereits die halbe Miete. Es dürfte nicht viele Künstler geben, deren Wirken so bündig in einen Satz zusammengefasst werden könnte, einen auf allen Märkten dieser Welt verständlichen Satz, der dennoch in seiner Direktheit auf gekräuselte Stirnen trifft: Kann nicht sein. Was meinst du damit? Was wohl? Auch du, Brutus, musstest diese Reihe erst abgeschritten haben, um das Unübersehbare zu begreifen. Und darauf kommt es an. Gesehen zu werden in der alltäglichen Bilderflut: Ah, ein Rombo! Unverkennbar ein Rombo! Ein verlässlicher Pol inmitten der unsteten Kunstwelt. Ja sicher, der fehlt noch in unserer Sammlung. Sexidole gibt es in der Kunstwelt zuhauf, da muss schon ein Rombo des Weges kommen, um die Menschen an dieser Front sehen zu lehren, zweifellos ein bedeutender Lehrer der Menschheit, vor dem die Pforten der Kunsttempel sich öffnen, ja geradezu auseinanderspritzen, um es fachgerecht auszudrücken. Er hat’s gerafft!

Rombo weiß, worauf es ankommt.

Lob der Vulva
3

Du blätterst im Katalog und erstarrst.
Du hast einen Zwilling.
Soweit du zurückdenken kannst, hast du das gewollt: einen Zwilling. Nicht irgendeinen, sondern den Künstler-Zwilling, einen, mit dem du die Weltsicht teilst – der eine malend, der andere schreibend –, hier ist er. Und du? Hast nichts von ihm gewusst, so wie er garantiert nichts von dir weiß. Dabei wird es wohl bleiben.

Der Kunstmaler Fabrizio Rombo, laut Katalogauskunft auf den Tag so alt wie du, kam in dem italienischen Bergdorf zur Welt, dem alle bedeutenden Maler Italiens entstammen: erste Differenz. Als Kind, wohlgemerkt: als Kind kannte er bereits die bedeutendsten Künstler der Halbinsel und sie ihn: zweite Differenz. Seine Studien in Florenz, später in Rom – merke: der Künstler studiert nicht, er treibt Studien – konnten ihn nicht befriedigen: nur Mittelmaß können Studien befriedigen, da läge eine erste Gemeinsamkeit. Es zieht ihn, nein, er beschließt … welche Ungeheuerlichkeit mag nun kommen? – er beschließt, nach Indien zu gehen – andere fliegen oder fahren zu jener Zeit dorthin, der bedeutende Künstler in spe geht –, um die innere Weite des Subkontinents zu erfahren: das taten in jenen Jahren viele, vielleicht kreuzten sich seine Wege mit denen des streunenden Pärchens Siblas und Kitty … hier liegt sie, die Differenz, die nicht mehr weggeht, und euer beider Lebensläufe unaufhaltsam in unterschiedliche Richtungen treibt.
Ist dem so?
Wie viele musisch Begabte – Industriellensöhnchen, Unternehmertöchter – machten sich auf den Weg, um die Abgründe indischer Weisheit körperlich auszuloten und kamen ernüchtert an Leib und Seele zurück in die Landschaften, aus denen sie ausgebrochen waren, um so zu leben wie alle anderen? Wie viele kamen an Leib und Seele zerrüttet aus ihren Abenteuern zurück, um den Mantel des Schweigens darüber auszubreiten? Dieser hier kam zurück und ›Indien‹, die Erfahrung, die ihm die Sinne für die mystische Welt des Sexus öffnete, verwandelte sich in ein schmückendes Accessoire seiner Vita, vielleicht sogar in ein Sesam-öffne-dich jener Kunstwelt, in der mit hohen Summen jongliert wird: ausschließen lässt sich so etwas nicht.

An dieser Stelle klafft das Loch.

Lob der Vulva
4

Ein Mensch, der es durch ausschließliche Befassung mit einem Geschlechtsteil zu Ruhm bringt, muss in mehrfacher Hinsicht robust sein. Was hat er getan, was du nicht getan hättest?

Dasselbe, lautet die offenkundige Antwort, immer dasselbe.

Das führt unausweichlich zur Frage: Was ist dasselbe? Warum konntest (und wolltest) du es in deinem Leben nicht festhalten: dasselbe? Weil du es nie gefunden hast? Weil es dich nie gefunden hat? Weil es dich gefunden und für zu leicht befunden hat, um sich mit dir ein Leben lang abzugeben? Sei kein Narr. Du hättest ein Leben im Bann desselben nicht führen mögen. Du findest es, rein im Anschauen, boring. Der Mensch liebt Vielfalt – in Gedanken, Worten und Werken: Vielfalt.

Du liebst die reine Vielfalt, genannt Fülle.

Andererseits, hier hast du Fülle: Fülle desselben. Ein Paradox, schwer aufzulösen. Angenommen, dein Zwilling hätte Schuhe gemalt, immerfort Schuhe, nein, nicht die Bauernschuhe van Goghs, sagen wir, Schuhe mit spitzen Absätzen, weibliches Schuhwerk, der sex appeal wäre weit höher: langweilig, langweilig, langweilig … und darüber hinaus: beliebig. Dasselbe und das Beliebige sind nicht dasselbe. Sie fallen nur – mit steigender Tendenz – zusammen. Immer dasselbe ist fast schon beliebig. Warum? Es könnte auch etwas anderes sein, eine Fixierung, eine fixe Idee, ein Wahn.

Alles Beliebige, auf immerdar festgehalten, wird Wahn.

Dein Zwilling, du kannst es nicht anders ausdrücken, ist wahnsinnig. Mag sein, er ist wie du, womöglich du noch einmal. Das könnte durchaus sein, aber: er ist wahnsinnig. Nein, er schreit und tobt nicht, er äußert keine kruden Gedanken, er wirft sich keiner Zoo-Bestie zum Fraß vor – er sitzt still und behaglich in seinem Atelier und malt … nichts Besonderes, nicht dies und das, nichts, was Eingebung oder Zeitungslektüre herbeizaubern könnten, sondern das Eine. Er hat zum Einen gefunden und es lässt ihn nicht mehr los. Er ist zum Künder des Einen geworden.

Er hat genug. Und wie man sieht: es genügt.

Lob der Vulva
5

Aber, so sagt die Stimme: Dieses Eine ist nicht beliebig. Es ist anders.

Raute
Lob der Vulva
6

Dass in deiner, dass in jeder Wahrnehmung ein Loch klafft, ein Spalt oder eine Lücke, die niemals weggeht, so heftig du auch bemüht bist, sie zu schließen, stößt sich mit der Erfahrung, dass die Welt dicht ist, dass sie, um vollständig zu sein, deiner an keiner Stelle bedarf. Du darfst die Augen schließen. Aber diese Einsicht befriedigt dich nicht, im Gegenteil: es ist, als stachle sie sich an, immerfort Abhängigkeiten herzustellen, die just deinen Einsatz notwendig erscheinen lassen. In der Welt der Nöte bist du und kein anderer der Not-Wender.

Doch das ist Werktagsprosa. Das geschlossene Auge weiß es besser. Unter dem Lid entspringt die Welt der religiösen Symbole, der Lückenfüller, in denen die Differenz von Sein und Nichtsein verschwimmt. Das ist möglich, weil auch diese Differenz abstrakt ist, die Mutter aller Abstraktionen – wie du rasch bemerkst, sobald du dich über sie beugst: sie zu denken löst kein Rätsel, kein einziges. Sie schafft auch keines. Die Lücke bleibt, es scheint, als lächle sie über den Versuch, sie zu schließen, wie über die Aktivitäten eines unzufriedenen Kindes.

Ist Rombo, den sie ›il Clemente‹ nennen, auf ein Symbol gestoßen, das sein Bedürfnis – und das seiner Kunst-Klienten – so vollständig ausfüllt, dass es keines weiteren bedarf? Dieser Frage solltest du nachgehen, bevor sie dir nachschleicht und die Eifersucht ihren verderblichen Zyklus beginnt. Um keinen Preis darfst du den Eindruck stehenlassen, hier könnte einer gefunden haben, wo, deiner Auffassung nach, bloß Suche sein kann, vergebliche Suche wohlgemerkt, also eine leere Suchbewegung, vergleichbar der Fehlübersetzung eines Textes, die aber funktioniert, weil das Original sich nur verhüllt mitteilt.

Dieser hier hat, wie es scheint, gefunden – und zwar in jungen Jahren, was immer den Unterschied macht –, er hat etwas gefunden und wird offenbar nicht müde, der Welt seinen Fund vorzuweisen. Er hat gefunden, was der Welt die Sprache verschlägt, das Symbol, das jede Rede verstummen lässt, weil es die Anwesenden an etwas erinnert, worüber man (sofern man kein überdrehter Literat ist, der damit seine Brötchen verdient) nicht weiter spricht, es sei denn, es geht um ärztlichen Rat und es erscheint unumgänglich, zu diesem Behuf für kurze Zeit das kalte Oberlicht anzuschalten.

Lob der Vulva
7
Warum Symbole nicht die Welt abdecken

  • ―Janein, die Vulva ist ja sowas wie die Madonna in der Nussschale, eine Nussschalen-Madonna, vulva sacra, da hättest du schon die passende Brille aufsetzen müssen, sonst siehst du natürlich nichts. Aber wenn du dich richtig anstrengst, dann siehst du das liebe Jesulein herausspazieren, dafür gibt’s dann Extrapunkte. Janein, mich darfst du da nicht fragen, ich habe ein Herz für frommen Humbug, wenn er klasse gemalt ist. Darauf kommt es an. Was fehlt dir denn? Eine Erklärung? Welche Erklärung? Der Mann hat seine Bestimmung gefunden. Madonnenmaler = Vulvenmaler. Natürlich malt er immer dasselbe. Jeder Maler malt sein Leben lang dasselbe, ich meine dasselbe Ensemble von Klecksen und Linien. Du musst nur lange genug draufschauen, um es in all dem Gewimmel wiederzuerkennen. Vergiss das Schema von Suchen und Finden, das bringt hier gar nichts. Oder doch, natürlich, es bringt eine ganze Menge, es bringt Kohle: Nimm die Frage »Was will uns der Künstler damit sagen?« aus der Kunst heraus und sie klappt zusammen … wie ein Kartenhaus, ganz recht. Carte blanche. Der Künstler gibt allen im voraus recht. Das ist sein Betriebsgeheimnis. Deshalb diese ewigen Reibereien mit der alleinseligmachenden Kirche, die, seit es sie gibt, gern jedem ein bisschen Unrecht geben möchte (und nicht nur ein bisschen), außer ihren befugten Sprechern natürlich, das ist ihr Betriebs-… naja, ›Geheimnis‹ kann man dazu nicht sagen. Die Kirche entmündigt, die Kunst ermündigt, da hast du schon deine Vulva. Wie genau hast du hingesehen? War’s nicht doch ein Mund? La bocca. Konntest du überhaupt noch hinsehen, ich meine jetzt: genau, nachdem du wusstest, ich meine jetzt: zu wissen glaubtest, was du da siehst? Ich hätte da meine Zweifel. Aber vielleicht unterschätze ich dich. Dieses Symbol, wie du es nennst, ist vielleicht keines. Janein, ich kenne den Maler nicht, mag sein, er träumt von Symbolen, irgendwas Pansexuellem, das die Welt, ich sage mal: abdecken soll, das ist vielleicht nicht das mot juste, aber wann geht es in der Welt jemals gerecht zu? Was wir Symbol nennen, ist ohnehin nichts als Traumstoff, durch die Brille des Intellekts betrachtet, also ratlos. Die guten Leute haben da ihren Platon im Hinterkopf, der immer dann den Mythos rausholt, wenn der Verstand nicht weiter weiß. Hinter diesem ganzen Symbolgerede steckt der Mythos als überwölbendes Weltwissen. Aber das Wissen ist keine Rotonda, der man bloß eine Kuppel überzustülpen braucht, damit es nicht hinein regnet. Warum wirft alles, was wir an Wissen erarbeiten, neue Fragen auf? Ganz einfach: weil es kein Wissen gibt, das ohne Fragehorizont daherkommt. Oder, etwas förmlicher ausgedrückt: jeder Gedanke, der einmal in der Welt ist, steht sowohl für Gedachtes als auch für Ungedachtes, je nachdem, mit welcher Einstellung man ihn aufgreift. Man kann ihn zerlegen oder, wenn dir das Wort lieber ist, befragen, sonst wäre er keiner. Und bei jeder Befragung – janein, das ist so – kommt etwas heraus, sonst wäre sie keine oder sie wäre gescheitert. Was vorkommen soll. Aber sicher. Also: entweder findet sich in diesem Symbol ein Gedanke, dann gilt dasselbe für ihn wie für alle anderen. Oder es findet sich keiner, dann hat es nichts zu bedeuten … was, nebenbei, gar nicht so einfach ist. Aber unsere Helden des Geistes, für die alles nichts und nichts alles ist, haben damit natürlich keinerlei Schwierigkeit. Was das heißen soll? Aber du hast es doch selbst gesagt! Kleistere die Museen mit Vulven voll, gemalten und echten, göttlichen und weniger göttlichen, warum nicht, und es kommt nichts dabei heraus außer der Ratlosigkeit des Betrachters, der zur Scham geballten Ratlosigkeit, wenn du willst, aber das ist wieder ein anderes Kapitel.
    Geld machen lässt sich damit schon.

Dixit Tronka. Un filosofo vero.

Lob der Vulva
8
Siehe, der Gott ist nahe

Etwas hat Tronka übersehen – oder so beiläufig abgetan, dass es auf dasselbe hinausläuft: das göttliche Spiel mit der Scham. Wenn du eine Galerie emporschreitest und allmählich begreifst, welche Reihe du im Blick hast und was dich oben, ganz oben erwartet, dann kannst du es dir nicht leisten, dem inneren Erstarren und dem darauf folgenden Widerwillen nachzugeben … erstens bist du nicht allein, es herrscht ein reges Gehen und die Blicke der Kunstfreunde sind nur scheinbar unverrückbar auf die Objekte ihres Entzückens gerichtet, in Wirklichkeit nehmen sie jede, selbst die feinste Bewegung in ihrer Umgebung auf und weben sie ein in das vielgliedrige kommunikative Gespinst, ästhetisches Erlebnis genannt, dem zuliebe sie die ausgetretenen Bahnen ihres beruflichen Alltags verlassen haben, zweitens zwingt die Scham selbst dich zur Gesichtswahrung, gleichgültig, wieviel oder wie wenig du dir aus dem Urteil deiner Mitbetrachter machst, das so seltsam zwischen dem Anblick der Objekte und dem am Orte herrschenden Kollektivzwang emporwächst, dass du reihum das Knistern in den Köpfen empfindest. Und drittens – warum taucht auch hier wieder ein Drittens auf? –, drittens lockt dich ein perverses Empfinden der Schadenfreude auf dem Grund der Scham, die volle Strecke zu absolvieren, um die Schande, ganz recht, die Schande auszukosten, die darin liegt, dass diese Scharade von allen ohne Unterschied gespielt wird, so dass der Verdacht nach und nach zur Gewissheit reift, dass das, was hier gerade geschieht, in allen Museen der Welt, die sich am Wunder der Kanonbildung – der Heiligenkür, um es etwas spitzer zu formulieren – beteiligen, ganz genauso abläuft, immer und immer wieder … denn das und nichts anderes bedeutet es, oben anzukommen, dort, wo nichts mehr dazukommt, was deinem Urteil – natürlich begreifst auch du die Wichtigkeit dieses Künstlers im Weitersteigen – eine finale Rechtfertigung liefern könnte. Kein Wunder also, dass auf diesem Wandelgang Schweigen herrscht, das Schweigen der Ertappten, die gewillt sind, ihre Schande tief unten mit sich selbst auszumachen und niemals, niemals dem Impuls des Kindes aus dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern nachzugeben: »Aber das ist doch ––!«

Es würde ja auch nichts nützen, wo doch jedermann bereits verständigt ist.

Lob der Vulva
9
Semiphilie

Das Halbe lieben – das Halbfertige, Halbgare, Halbernste, Halbwerte, es zu lieben und nicht zu lieben, halb eben, weil die Bereitschaft zu lieben – zum Beispiel die Kunst, die Musik, das Theater – auf keine Objekte trifft, welche die Bereitschaft rechtfertigen könnten, heißt, die Simulation zu akzeptieren und das Simulierte für bare Münze zu nehmen. Man muss die Simulation nicht mögen, es genügt, sie hinzunehmen und an der allgemeinen Lüge teilzuhaben.

Warum so heftig? Seit wann ist Simulation Lüge? Wenn irgendwo ein Krieg ausbricht und die Meinungszunft deines Landes simuliert Entrüstung über einen der gerade noch gehätschelten Gegner, um Waffenlieferungen (und mehr) an die andere Seite zu legitimieren, ist das dann Lüge? Ist es nicht simple Interessenwahrung? Was garantiert mir, solange ich nicht mit eigenen Augen das Schlachtfeld kognosziere, dass dieser Krieg wirklich stattfindet und wirkliche Menschenleben kostet? Die Simulation. Was verrät mir, dass die Simulation Lüge sei? Die Simulation. Was sagt mir, dass die Simulation Simulation sei? Die Simulation? So leicht gerät der theoretische Mensch ins Absurde. Und was trägt Schuld daran? Die – defizitäre – Struktur des Gehirns? Ist das wahr? Ganz offensichtlich nicht. Das Gehirn ist das Gehirn und die Defizite, die wirklichen Defizite liegen in der realen Welt. Die halbierte – geviertelte, geachtelte etc. – Information lässt ein sicheres Wissen nicht zu, gleichgültig, ob du es für möglich hältst oder nicht. Die Verdoppelung, Vervierfachung, Verzwanzigfachung immer desselben, sprich der halbierten Information, dient der Verwirrung. Wirklich verwirrt sie den Menschen, weil sie seine Wahrnehmungskapazitäten aufbraucht und damit das Urteil in die Länge zieht … nein, niemand schiebt sein Urteil in einer Sache auf, die ihn angeht. Er zieht es nur in die Länge, es ist ihm nicht völlig ernst damit, es erscheint aufgesetzt, sobald es zum Ausdruck gebracht wird, und nicht weiter wichtig, solange es bloß zum inneren Gleichgewicht beiträgt. »Ich bin mir nicht sicher« heißt: ich schließe mich der gültigen Auffassung an, vornehmlich deshalb, weil Gültigkeit etwas ist, dem ich mich nicht entziehen kann, aber ich versage ihr die letzte Zustimmung. Und siehe da: niemand braucht deine letzte Zustimmung, sie ist völlig unnötig, wo es darum geht, dass etwas funktioniert. Die wahre Simulation (oder das simulierte Wahre) bist du. Du sollst dich vergessen! lautet der Imperativ der geschlossenen Informationswelt, du musst verstehen, dass dein Vorbehalt, der nicht weggeht, nichts bedeutet. Die Menschen verstehen das und gehen ihrer Wege.

›Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin‹: So lautete eine der Parolen des Aufbruchs, der deinesgleichen noch immer im Blut liegt. Was damals utopisch klang, ist eingetroffen, keiner geht hin, weil Krieg ist, außer Narren und Geschäftemachern natürlich, aber das ist ein anderes Ding. Dafür herrscht allenthalben der totale Informationskrieg – der gezielte Entzug von Informationen einerseits, die Überflutung mit Hilfe des Immergleichen und, last but not least, die permanente Verletzung des Augenscheins durch etwas, das einmal die Überlegenheit der Wissenschaft über das bloße Zeugnis der Sinne begründete: die Bereitschaft zur Kränkung nicht bloß der individuellen, stets fehlerhaften Wahrnehmung, sondern der Wahrnehmung schlechthin durch gezielte Selektion. Kopernikanische Revolutionen stehen recht selten an. Dort, wo sie auf Immerfortheit gestellt werden, herrscht der Bluff.

›Bluff‹ – die ultimative Formel für das, was dieser Rombo da treibt.

Lob der Vulva
10
Vulvomat

  • ―Ich bin Vulva, die Künstlerin, sagt Ama, sie sagt es tänzelnd, als decke sie dabei eine festliche Tafel, mit einer ihrer rauchigsten Stimmen, bloß der Hall … es ist, als würden die Laute vom großen Schweigen verschluckt, das die weiten Wände der Aula emporkriecht: Ich bin die Künstlerin, das Kunstwerk und die Kunst, ich sehe da für meine Person keinen Unterschied, genauso wie ich keinen Unterschied zwischen einer Vulva und einer Blüte zu erkennen vermag. Ja, ich betrachte mich als Blüte, aufgegangen an einem stillen Morgen, der Hibiskusblüte vergleichbar, aber eigentlich, in meinem Inneren, spüre ich mein ursprüngliches Orchidee-Sein, den samtigen Atem meines Wesens, das in der Sinnenwelt ohne Seinesgleichen ist und sich doch durch so viele Parallelen erschließt. Wenn es eine Idee gibt, die nicht bloß dem männlichen Gehirn entsprungen, sondern wirklich ist, dann die. Mag sein, diesen Maler hat etwas davon angeweht, mag sein, er besitzt genügend Empfänglichkeit, um als Mann offen zu sein für das Seiende, so etwas soll in der Natur vorkommen, dann ist ihm vielleicht eine wichtige Mittlerrolle zugewachsen, denn auch wir Frauen beginnen erst ganz allmählich, uns der Kraft unseres Geschlechts zu stellen… Tronka! Schmeißt den Kerl raus. Unverschämt!

Die letzten Worte sind geflüstert, das schallende Gelächter von den hinteren Sitzen hat die Referentin erschreckt.
Jetzt ist sie ganz Kampf.
 

Was gibt es hier zu lachen?

Das Gelächter des Herrn Tronka
1

  • What time is it?

Philosoph Kypras, auffahrend, Hand vorm Mund, halb abgedeckt die Augen: Mein Gott, wo bin ich hier gelandet? Die Aula, locker bestuhlt, brodelt sanft vor sich hin. Die Sonne Griechenlands hat mich gebräunt, wie käsig schimmert dieser Saal. Bleichgesichter, durchscheinend bis auf den Grund. Aber was ist der Grund? Irgendwie muss die Zeit ja vergehen. Vormittag, Professorenzeit. Da stehen sie, die Vielberedenden, beisammen. Es leuchten die Bildschirme, Hausfarbe dodger blue: linker Flügel, Mittelteil, rechter Flügel, harrend allen Unsinns, der gleich darauf aufflammen wird. Er kennt die Künstlerin nicht, weiß weder, wer ihr die Ehre, vor diesem hochkarätigen Gremium zu sprechen, zugeschustert hat, noch, wie sie die Chance nützen wird, ihr Anliegen vorzutragen. Ein Anliegen muss schließlich im Spiel sein. Welcome back, Ruhrstadt.

Das hier ist nicht Athen.

Sitzriese Tronka, gleich neben Elisabeth mit den Füßen scharrend, die Arme vor der Brust gekreuzt: Aal und Reuse. Elisabeth thront. Tronka schwadroniert. Ach, und da drüben: Dürrobst. Pfeifchen im Mund, wie in alten Zeiten. Raucht aber nicht. Sie haben es ihm, unter Androhung der Zwangsjacke, abgewöhnt. Wirkt kastriert, der Junge. Graues Hähnchen, aller Verantwortung bar. Du kennst ihn noch anders. Aber so geht es auch. Ach, unser Dekan. Tag, Herr Argloser. Herr Dekan – Aufgetaucht aus dem Nichts. Aber sicher doch. Dorthin wird er auch zurückkehren, sobald der Job hier seine Anwesenheit nicht mehr erfordert. Worauf du dich verlassen kannst. Elisabeth ist und bleibt ein aparte Erscheinung. Man sähe sie gern häufiger in diesen Räumen. Leckebusch, Leckebusch … nein, er ist nicht da. Hat sie geschickt. Nicht dumm. Was quasselt dieser Tronka da? Merkt er nicht…? Nein, der merkt es nie.

Kypras ist hundemüde. Der Flug. Dieses Mal hat er ihn geschafft. Man sieht’s ihm an.

Das Gelächter des Herrn Tronka
2

Tronka in heikler Mission. Das Schicksal hat ihn mit Elisabeth zusammengeführt. Gerade noch, als er sich neben sie setzte, hat er sie nicht einmal wahrgenommen. Das Malheur ist passiert. Die heiße Fu-Partnerin, jetzt und hier umgibt sie kühle Distanz. Tronka glüht. Es ist gegen die Regel. Mische nie Fu-Welt und wirkliches Leben. Das da spricht aller Absprache Hohn. Es fühlt sich an, als habe er einer maskierten Nackten das täuschende Tuch vom Gericht gerissen und darunter die Frau seines Lebens entdeckt oder vielmehr das wahre Leben der Frau an seiner Seite … der Frau des Chefs an ihrer … der Frau der Gattin … welch schrecklicher Unsinn! Leckebusch … wie lange schon ist der eitle Pfau sein Chef nicht mehr? Wie lange er selbst Pida der Unscheinbaren verfallen? Eine glatte Weile, würde er sagen, die Welt hat sich seither ziemlich gedreht. Elisabeth, die aus dem wirklichen Leben: eine alte Bekannte, eine gute Bekannte, eine ziemlich gute … eine unziemlich … gute, wenn er jetzt noch glasige Augen bekommt, dann ist alles verloren, mein Gott, mein Gott, um Himmels willen keine christliche Anwandlung, das hier fühlt sich plötzlich so … richtig an, unfassbar richtig, dieses Seite-an-Seite, Idiot. Du musst reden, Tronka, reden reden reden um jeden Preis. Kämpfe! Um jedes Wort, um jede Silbe … deine Glaubwürdigkeit hängt daran. Remind your face. Kontrollier’ dich! Was geht da vor? Eine Verwechslung, was sonst. Der sexuelle Appetit ist nicht auf Identitäten geeicht, die sonderbare Fu-Anonymität macht sich, jedenfalls der Theorie nach, diese Eigenschaft zunutze, daher ist das hier … völlig absurd. Elisabeth, Gegenüber so mancher Party-Gespräche, die Tochter, die Sèvres-Tässchen: Nicht alle Tassen im Schrank, was? Das hier also fühlt sich richtig an. Dein Gefühl sagt es und nichts sonst. Richtig.
Als ob es nur das Gefühl wäre.
Diese Frau gehört in sein Bett.
Nein, sie kommt daher, sie wickelt sich gerade heraus und ihr Lächeln sagt: Da bin ich. Es ist Wahnsinn, aber so bin ich nun mal.
Komischerweise lächelt es nur in ihm.

Das Gelächter des Herrn Tronka
3
Die doppelte Scham
La macchina verde
Das Gelächter des Herrn Tronka
4

Ist Tronka ein Automat? In vielem, ja. Ein Menschautomat. Ein Mensch, gefallen in einen Automaten, der mit ihm verfährt, wie er will (was auch nur eine Redensart ist, da der Automat über keinen Willen verfügt). Das widerspricht seinem Selbstverständnis, es widerspricht ihm eklatant. Ein Tronka kann gar nichts anderes sein als ein Stück geballter Wille, gleichsam die Faust in Aktion. Aber wieviel Denkvermögen steckt in der Faust? Dass du dich da mal nicht täuschst. Die für andere reservierte Redensart erschafft im Handumdrehen den anderen in ihm selbst. Und dieser andere, das Objekt der Beobachtung … nein, Tronka leidet an keiner Papa-Mama-Kind-Neurose, an keinem der üblichen Traumata, er hält sich für keine borderline-Persönlichkeit, die eine ihrer anfallhaften Krisen erlebt, er schämt sich ganz einfach, er schämt sich rundherum, der Scham-Anfall lässt seine Persönlichkeit schlingern gleich einem alten Lastwagen auf der Landstraße, der gerade durch ein Schlagloch rumpelt.
… aber da war doch etwas? Dies hier ist nicht die Scham der Kindheit, gleichwohl noch immer die Scham des Ertappten, ertappt durch wen? Durch sich selbst, wen sonst. Wobei ertappt? Bei nichts. Bei gar nichts. Dabei, neben Elisabeth zu sitzen und die Hände ruhig zu halten. Gern würde er mit der Hand über ihren Nacken fahren, aber diese Geste, allein diese winzige Geste, ist verboten. Sie verbietet sich von selbst. Lektion eins: Denken Sie nach, dann begreifen Sie, was es heißt: Das verbietet sich von selbst. Das Verbot, das keiner ausspricht, das unsichtbar im Raum steht, schützt die Gesellschaft vor sich selbst. Es wahrt die Trennschärfe. Es ermöglicht, worauf alle Gesellschaft beruht – das Rollenspiel. Nichts einfacher zu begreifen als das Verbot: Respekt ist die Urgestalt des Begreifens. Niemand muss ihm, Tronka, Respekt beibringen. In diesen Dingen ist er der Lehrer.
Was also will ihn die plötzliche Schamüberflutung lehren? Dass auch er, Tronka, sobald an der Grenze zum Bewusstsein Sexualia ihr Verwirrspiel treiben, bloß ein Automat wäre? Ein Irgendjemand, ein Wicht, ein Nichts? Ganz sicher nicht. Diese Lektion, wenn es denn eine sein sollte, kommt nicht an ihn heran. Es ist ja auch nicht so, dass ihn ein Schwellkörper regierte. Nein, so ist es nicht. Selbst wenn es so wäre: Was hätte er, Tronka, damit zu schaffen? Nein, seines Körpers, der, gut beschützt, keine Blickfläche bietet, schämt er sich nicht. Überhaupt (!) schämt er sich nicht vor seiner Umgebung, die ihm, ehrlich gesagt, im Moment ziemlich schnuppe ist. Er könnte jetzt aufstehen und durch die Tür dort hinausspazieren, es ginge niemanden etwas an und kein Anwesender, außer der Referentin vielleicht, würde es übel vermerken. Vor Elisabeth? Warum das denn? Schlussendlich sitzen sie beide im gleichen Boot. Sie verlangt auch nicht, dass er sich zu ihr bekennt. Eher scheint sie zu fürchten, dass sein Gebaren sie beide verraten könnte.
Wie lächerlich.

Das Gelächter des Herrn Tronka
5

Eike lässt Tronka nicht aus den Augen. Das ist Teil seines Jobs, aber etwas glitzert in seinem Blick, das nicht in seiner Aufgabe aufgeht. Der Blick des Konkurrenten ist stets erkennbar. Eike mag ein Diener des Projekts sein, aber zuallererst ist er ein Schüler Tronkas. Einer von fünf Getreuen, die, einer nach dem anderen, zu Verrätern wurden. Einer von fünf Verrätern, die an ihrer Treue nicht rütteln lassen. Auch Eike hat seine Nacht mit Elisabeth bekommen, eine, nicht mehr, als habe das Projekt sie verschluckt. Dass er sie hier serviert bekommt, Seit’ an Seit’ mit Tronka, als sei damit die Besitzfrage a priori zwischen ihnen geklärt, erzeugt eine Art kalter Weißglut in ihm, er spürt, er könnte Tronka hier und jetzt töten, die Aufgabe böte ihm, psychologisch gesprochen, keinerlei Schwierigkeit, doch ebenso wenig macht es ihm etwas aus, auf seinem Beobachtungsposten zu verharren und jede Regung Tronkas zu kontrollieren. Es scheint ihm sogar, er brauche gar nicht erst hinzuschauen, um im Bilde zu sein, so scharf hat der andere sich in seine Wahrnehmung eingegraben. Das über diese drei Personen ausgeworfene Spannungsnetz ist so stark, dass sie Funken sprühen müssten, ginge es in diesen Dingen so sinnlich zu, wie die Materialisten alter Schule stets zu wissen meinen. Gibt es auch Materialisten neuer Schule? Oh ja, die gibt es. Sie reden über Spannungen, die sich den üblichen Messungen entziehen, Zellkommunikation über spezielle Wellen, geheimnisvolle Fernwirkungen, ebenso unerforscht wie zuverlässig, das heißt statistisch signifikant messbar, den ganzen Bereich der obscuritas, als hätten sie definitiv den Jackpot des Lebens geknackt und warteten jetzt auf die Auszahlung.

Was nimmt Eike in diesen Minuten an Tronka wahr? Was immer es sein mag, es geht in ihn hinein ohne Wiederkehr. Würde er jetzt ein Wort für ihn finden wollen, es hieße ›Feind‹ und bedeutete nichts. Auch Feindschaft ist bloß ein Wort.

Das Gelächter des Herrn Tronka
6

Tronka weiß nichts vom Netz der Spannungen, das um ihn geknüpft ist, für ihn ist alles, was ihn berührt, intrinsisch: Cupido, stupido. Begehren macht dumm. Schon dass es ihn, den Beredten, verstummen lässt, zeigt, dass er das da mit sich selbst abmachen muss und mit niemandem sonst. Wovon redet die Referentin da? Worüber sie redet, ist klar, aber wovon? Diese Frau ist die Ahnungslosigkeit in Person. Ist sie eine Frau? Dumme Frage, vielleicht wäre es geschickter, sich über die Person Gedanken zu machen. Ist sie eine Person? Kein Automat? Hoppla, ihm dünkt, als habe er sie bereits gesehen. She belongs to the project, ganz sicher, sie gehört zum Projekt, deutlich erinnert er sich, wo hatte er nur die Augen? Wenn sie aber zum Projekt gehört, dann muss er seine Aussage revidieren. Anna Amalia, sagt ihm der Name etwas? Dieses verfluchte Weimar, stets kommt es quer. ›Ama‹ – ja sicher. Er braucht eine neue Brille, ganz unmetaphorisch, ganz handwerklich direkt. Die Routinen verbergen die Wirklichkeit, sie gaukeln Sichtbarkeit vor, jedoch im Entscheidenden … im Entscheidenden … im Ent… Ama, die herrliche Ama, etwas kapriziös, herrlich, ziemlich kapriziös sogar, sie redet frei, frei, wie der Herr … aber lassen wir den Herrn aus dem Spiel, ganz sicher ist es sein Spiel wie alle Schöpfung, doch für den Moment … Moment mal: Did you ever see such a touching woman, telling you she’s a goddess? Woher kennt er den Vers? It’s true, isn’t it? I am Vulva, your bloody mistress, some call me Blasphemia, it’s okay, it’s all okay.

Das Gelächter des Herrn Tronka
7

Hat Elisabeth etwas bemerkt? Entschuldige, Elisabeth, aber diese Minute gehört einer anderen. Natürlich kann sie dir nicht das Wasser reichen, welche Frau könnte das, aber im Augenblick, im Augenblick kannst du ihr nicht das Wasser reichen. Tja, so ist das im Leben. Das Leben befiehlt, ich gehorche. Gehorchte ich nicht, wo käme ich da hin? Wo kämen wir da hin? Das würde dein Köpfchen niemals verzeihen. Man wohnt nicht jeden Tag einer Parusie bei, in meinem Beruf kommt das eher selten vor. Im Zwielicht der Gedanken ist vieles möglich. Anderes hingegen bedarf der Erleuchtung. Ama, Ama, woran erinnert mich das? Es war einmal in einem finsteren finsteren Walde … ein einsames Köhlerpaar dämmerte vor sich hin, die Kröten, sie wollten nicht reichen, nicht für ein elendes Leben zu zweit, und warum … warum setzt man sich schon zusammen, wenn nicht für ein Leben zu zweit? Es wäre wohl besser, wir versuchten unser Glück einzeln, jeder für sich, sagte die Frau, welches Glück, wollte der Köhler wissen, der Meiler muss brennen, er ist weit und breit der einzige hier und wenn ich gehe… Wer spricht davon, dass du gehst, hauchte die Frau im reizendsten Negligé, der Mann, angeweht von der Fülle der Möglichkeiten, neigte sein Ohr, sein einziges Ohr, lang wie das eines Esels… Am nächsten Morgen war der Esel, pardon, der Mann, immer noch da und sie erkundigte sich, während der Kaffee durchlief, wie denn die Nacht gewesen sei und verschiedenes mehr. Der Esel, pardon, der Mann aber saß da und brütete. Drei Tage und drei Nächte lang saß er an seinem Platz und brütete, schließlich befinden wir uns im Märchen und da gelten gewisse Konventionen. Schließlich stand er auf…

Das Gelächter des Herrn Tronka
8

In Gedanken, im Fieber der Gedanken durchläuft Tronka, der keinen Museumsbesuch auslässt, die Galerie der Rhomben, jedem einzelnen gerade so viel flüchtige Aufmerksamkeit widmend, wie ein Kurzsichtiger braucht, um das Motiv einwandfrei zu identifizieren, gern würde er den Finger zur Hilfe nehmen, aber das schickt sich nicht … schickt sich nicht … da! Das Bild des Esels mit abgeknicktem Ohr, die phrygische Mütze quer darüber gehängt, beinahe hätte er es verpasst. Wundersamerweise ist der Künstler bereits zur Stelle und flötet sein ›Wunderbar! Dieses Bild, äh, war eigentlich für Sie bestimmt, ein Wunder, dass Sie es überhaupt gefunden haben. Ich gehe jetzt und entferne…‹

Da lacht Herr Tronka.

Die letzte Potenz ist die ver-letzte.

 

Die freie Liebe ist die unfreie

Aus der Fu-Schatulle
1

Allzu lange hast du an diesem Punkt geknabbert: dem Umschlag der frei eingegangenen, um nicht zu sagen: gewählten Beziehung in ein unfreies, um nicht zu sagen heuchlerisches Verhältnis, in dem beide Seiten einander belauern, um, gib’s zu, Punkte zu sammeln fürs Auseinandergehen, das vorderhand auf sich warten lässt. Das entspricht zwar den Erfahrungen langer Generationen mit der nicht mehr so christlichen, nicht mehr so unauflöslichen Einehe, genauer, der berühmten Liebesheirat. Doch vom Standpunkt der vollendeten Beziehung aus ist die Liebesheirat ein Zwitter, genauer: ein Täuschungsverhältnis von Anfang an, in dem Selbst- und Fremdtäuschung einander vertrauensvoll die Hand geben. Denn die Ehe, zumal die christliche, ist die Ehe, wie rechtlich durchlöchert sie auch sein mag, und ihr Ende ist immer teils Segen, teils Fluch, niemals ein einfaches Auseinandergehen.

Aus der Fu-Schatulle
2

Nimm die Ehe zwischen Leckebusch und Elisabeth: nichts würdest du von ihr verstehen, bemerktest du nicht den gusseisernen konventionellen Kern in alledem. Er erlaubt, was in der Beziehung die Todsünde schlechthin darstellt (denn auch sie besitzt ein christliches Innenleben): den selbstverständlichen Alltag zweier Menschen, die irgendwann eine soziale Zelle gegründet haben und wissen, dass sie die daraus erwachsene Gemeinsamkeit nicht strapazieren, aber auch nicht aufgeben dürfen, wollen sie nicht Unheil auf ihre Häupter herabbeschwören. Das Unheil mag, lebensstrategisch gesprochen, verflacht sein, aber es liegt, eine träge Schlange, leise züngelnd im Hintergrund und niemand kann es, seelisch gesprochen, daraus entfernen.

Aus der Fu-Schatulle
3

Tronka hingegen, Tronka und Pida: der Kern ihrer Ehe ist die Beziehung. Nichts kettet stärker aneinander als das Unheil, sie ausreizen zu müssen, als gäbe es nichts anderes unter der Sonne zu durchleben als gerade sie. Christlich gesprochen schweißt ein Höllenbund die beiden unerlaubterweise zusammen (so weiß es Tronkas Schwiegervater, ein Christenmensch alter Schule): Sie kommen nicht zusammen und sie kommen nicht voneinander los. Doch in diesem Fall wäre das Erlaubte das Unerlaubte. Das wirft die Frage auf, was ›erlaubt‹, was ›unerlaubt‹ in Beziehungsdingen bedeutet. Im Prinzip gilt die einfache Regel: unerlaubt ist das Eheartige. Was ist das Eheartige? Es ist frei interpretierbar. Das Eheartige ist der faulende Rest der bürgerlichen Ehe – seelisch gesprochen. Rechtlich gesprochen hingegen … entfaltet sich die Beziehung unter dem Schutz der bürgerlichen Ehe.

  • Beachte die hektische Arbeit des Gesetzgebers, die sogenannte freie Beziehung juristisch einzuhegen, also gerade das wegzubügeln, was den Aufstand gegen das ›Ehejoch‹ beflügelte!

ERSTE THESE

Wer aus äußeren Schrecken kommt, achtet die inneren gering. Er glaubt bereits, sie verstanden zu haben. Da liegt der Fehler. Schon die äußeren Schrecken entspringen dem Wahn. Es gibt kein empfundenes Außen diesseits oder jenseits der fiebrigen Kurve, die wir Bewusstsein nennen: QaS – Quell allen Schmerzes. Vom Wahn heilen: am Angebot erkennt man den Scharlatan.

 

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ZWEITE THESE

Das Totem regiert den Schmerz. Ein ferner Schrecken spiegelt den allzu nahen und lässt ihn objektivierbar erscheinen. Auch erscheint er ja bereits im Ursprung gebändigt, ein Gott in der Maske. Die Maske richtet den Gott: zu, ab, auf, hin und aus. Es sind Regungen des Schmerzes, der niemals nachlässt. Manche Kulturen räumen ihm einen erhöhten Platz ein, andere nicht. Die eine oder andere macht ihn zum Aschenputtel. Als Sargträger gebrauchen ihn alle – als Wesen ohne Identität.

 

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DRITTE THESE

Die Wut dieses Gottes ist unbeschreibbar. Nur das Lächeln der Maske lässt sie erahnen. Wer nach ihr greift, dem verdorre der Arm. Armer Arm! Erbärmliches Los dessen, der sich vergreift: ein Teil des Ganzen zu sein, das sich von ihm abwendet. Aber es ist nur das halbe. Auch er wendet sich ab. Im Vergehen geht er hinaus. Hinausgehend aber ist er der, der bleibt.

 

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VIERTE THESE

Das Bleiben, nicht greif-, nicht fassbar, wird gern materiell gedeutet, Plunder, der sich in den Museen breitmacht, perverses System der Archive und Bibliotheken, Lockstätten für Brandstifter, schmutziger Rest, an dem sich Moder und verjährter Gebrauch ein Stelldichein geben. Das Zu-Leibe-Rücken ist eine Kulturtätigkeit wie andere auch – soviel zur Kultur.

 

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FÜNFTE THESE

Das wäre also das Böse? Aber nein, es ist nur sein gemütlicher Anblick. Das radikal Böse befasst sich nicht mit dem ordinären Totschlag. Es ist radikal unterbeschäftigt und lauert auf seine Stunde. Derweil sorgt das gemütliche Böse dafür, dass es weitergeht. ›Müll‹ ist eine metaphysische Kategorie. Im Hinter-sich-Lassen die Salzsäule erahnen, das Erstarren, das nicht ausbleibt, die Entsorgung des Ich: Religion auf Distanz.

 

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SECHSTE THESE

Was liegt am Christentum, was an Religion? Die Frage stellen heißt sie verlassen. Wo Religion anliegt, erscheint sie: vom Bedürfnis überwältigt, von der Gewalt verhöhnt und vom Wissen erschlagen. Am Lager seines toten Gottes Flüche murmelnd – so stellt sich mancher Neuling der ortsfremden Obrigkeit, die leider keine Zeit findet, sich mit ihm zu befassen. Warum auch? Die Gretchenfrage, sie stellt sich nicht, weil Religion niemals aufgibt, weil ihr jede Pfütze genügt, um sich aufs Neue darin zu sammeln. Selbst der Himmel, der sich drin spiegelt, ist nur Zugabe, sie kommt, wenn’s sein muss, ohne ihn aus.

 

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SIEBENTE THESE

Dass jede kommende Religion sich an einer vorhandenen mästet, besitzt eine selten erwähnte Pointe. Die gegenwärtige Religion ist die Gegenwart der Religion, die unsichtbare Summe ihrer Verhältnisse in dieser Welt. Die kommende Religion schlingt diese Verhältnisse in sich ein, sie ist die Aktualität, betrachtet als Religion, das heißt als ein vom Schmutz der Gegenwart gereinigtes Herkommen, das sich erst in Ansätzen zeigt. Die kommende Religion ist die vergangene im Futur, bereichert um all die Kompromisse und Weiterungen, die ihr das Überleben im Heute sichern, als liege darin ihre lange Zeit vernachlässigte Pointe.

 

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ACHTE THESE

Kein Denken lässt sich beschränken. Doch seine Unbeschränktheit lässt sich nur beschränkt ertragen. Deshalb bleibt sie virtuell. In diesem Sinne sind alle Kulturleistungen nicht nur beschränkt, sondern Ausdruck von Beschränktheit. Es ist die Beschränktheit, die zur Darstellung drängt. Die Verächter der Religion sind Menschen, die für den Ausdruck ihrer Beschränktheit einen Sündenbock brauchen: Sie drücken ihn heraus aus dem Ensemble der ›anstehenden Aufgaben‹ und finden sich darin schön.

 

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NEUNTE THESE

Keine Sorge: das wird schon. Darum sollte man sich nicht allzu sehr kümmern. Der Schmerz, der erlöst werden möchte, nimmt den nächsten Flug. Wer wollte daran zweifeln? Woher also das Beharrungsvermögen? Woher das Nicht-weggehen-Wollen? Die Unsicherheit mit der Unsicherheit erklären zu wollen ist lächerlich. Der Zweifel, ob es besser wäre zu gehen, und die Gewissheit, dass es besser wäre zu gehen, sind ein und dasselbe. Ein Zweifel, der es nur zur Gewissheit, und eine Gewissheit, die es nur zum Zweifel bringt, sind Ausdruck des beschränkten – und bedrängten – Ich: Kopf oder Zahl.

 

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ZEHNTE THESE

Sich aufgeben – wohin? Sich stückweise aufgeben – warum? Um durchzukommen, vermutlich. Das aber bedeutet, dass jedes stückweise Sich-Aufgeben ein Zurücklassen ist, während der Sinn des Sich-Aufgebens vor ihm liegt. Sogar der Selbstmörder, der sich in einem Stück aufgibt, bleibt dem Stückwerk verhaftet. Er begrenzt sich von außen: er umrundet sich, er umschnürt sich, er nimmt einen Anlauf und stößt sich in die Vergangenheit. Das bedeutet es, Zukunft zu reklamieren – für sich, für wen denn sonst. Tote auf Urlaub sind Menschen, die an die Zukunft glauben wie an ihr eigenes Leben. Das Wie enthält das Problem.

 

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ELFTE THESE

Selbsttötung ist Ahnenkult, also Nachfolge. Jemand schließt die Tür, um zu folgen. Ins absolute Dunkel hinein gibt es weder Folge noch Nachfolge. Ein Zeichen ist schon vonnöten. Im Zeichen des Menschen schließt einer die Tür. Wir sehen die flächiger werdende Erwartung auf seinem Gesicht, wir hören das leise Knarren der Angeln, wir sehen den Spalt, der sich schließt, mehr nicht. Wir wissen, wir sind noch nicht Einzelne genug, um zu folgen, wir bleiben zurück. Was wir gesehen haben, ist das Zeichen eines Zeichens. Wir drehen uns um und die Substitute stehen schon bereit. Fast gerührt gehen wir an ihnen vorbei.

 

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ZWÖLFTE THESE

Die Frage nach dem Mittler endet dort, wo die Vermittlung in Frage steht. Was soll vermittelt werden, wodurch und zu welchem Ende? Zum richtigen? Ist es also das Ende, um das sich alles dreht? Ist das richtige Ende das Ende? Ist das, was jeder erreicht, das zu Erreichende? Was heißt es, auf diesem Weg verloren zu gehen? Was verliert der, der verloren geht? Auf all diese Fragen gibt es Antworten, verloren gegangene und unerreichbare. Wir kennen die Bilderbücher und ahnen ihren Sinn. Vielleicht ahnen sie etwas von uns, aber das, gerade das, ist unentscheidbar. Wir suchen den Zusammenschluss in der Differenz. Wer sie aufgibt, gibt sich auf und eilt – vorbei.

 


 
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Was geht, kommt

Liz hat einen Mann
1

Liz geht es gut, sie hat einen Mann. Wie sie das sagt:

  • ―Ich habe einen Mann.

Sie wird ihn heiraten, mit allem Pi-Pa-Po, wie sie sagt, mit Brautjungfern und selbstverständlich kirchlich:

  • ―Sonst gilt das nicht.

Sie muss ihn haben, denn:

  • ―Wozu wäre er mir sonst nütze?
  • ―Dann werden wir uns in Zukunft wohl nicht mehr so oft sehen.
  • ―Wieso das denn? Ich seh’ das nicht so. Zwischen uns ändert sich doch nichts.

Meint sie das ernst? Meint sie das wirklich ernst?

Du könntest ihren Kopf zwischen beide Hände nehmen und würdest doch nichts erfahren. Am Ende wüsstest du nicht, was du hättest erfahren wollen. Liz geht’s gut, Liz geht’s schlecht. Zwischen diesen beiden Zuständen pendelt das Leben. Hin und her, her und hin –

Ist das gut? Ist das schlecht? Es ist, wie es ist.

Liz die Sanfte, Liz die Aufgekratzte ist bipolar gestört. Alle wissen’s. Nur: wenn das eine Störung ist, wer will dann ungestört leben?

Liz hat einen Mann
2
Beruf: Gensammlerin

Wie weit wird sie es darin bringen? Vom Pirschverhalten her eine Artemis, hundertbrüstige Keuschheit, sie ruht und rastet nicht, bis zwischen ihr und dem Wild nur mehr ein Nichts steht, hinter dem sie instinktiv Schutz sucht, während sie näher kommt… Eines ist gewiss: sie wird kinderlos bleiben, kinderfreie Zone, das schuldet sie ihrer Freiheit, der Freiheit zu kommen und zu gehen, wie es ihr beliebt. Also werden all die eifrig und mit Geschick gesammelten Gene nutzlos verschwendet sein. Das erinnert an eine bekannte Definition des Schönen:

Schönheit ist Zweckmäßigkeit ohne Zweck
und ihren von kundiger Hand verfertigten Zusatz:
Auch das Schöne muss sterben
Gerade das Schöne, was sonst? Das Unschöne stirbt beim ersten Kontakt: es erleidet (›augenblicklich‹) den Augentod. Niemand hält sich mit Unschönheit auf. Wer mag das ›Sterben‹ nennen? Nein, nur das Schöne stirbt wirklich, mit allem Jammer der Seele, der nun einmal dazugehört.

Die Schönheit der Gene, vor allem wenn sie in keiner Kindersaat aufgeht, vollendet sich fern den indiskreten Blicken der anderen. Liz’ Jagd nach dem besonderen Mann, dem intelligenten Professor, dem berühmten Schriftsteller, dem sportlichen Typ, der die Zukunft auf seinen muskulösen Schultern balanciert, dem Mann ihrer Träume (im Chor der anderen) geht niemanden etwas an –

… und wenn ich dich lieb habe, was geht’s dich an!
Sie geht, das ist wahr, allem anderen vor – doch nur, weil Liz der Typ ist, weil es ihrem Naturell entspricht, weil sie der Göttin so nahe kommt. Wie nahe? Stelle sie und Elisabeth Seite an Seite, dann lächelt dich der Unterschied an.

Aber das wirst du schön bleiben lassen.

Eine Liz, dessen bist du dir sicher, wird keine Kinderlosigkeit daran hindern, die Große Mutter zu geben, wenn erst die Zeit dafür reif ist.

Alles zu seiner Zeit.

Liz hat einen Mann
3

Bevor sie hinausgeht, platziert sie noch rasch ein Bömbchen.

―Ich hab’ euern Großen Denunzianten getroffen.

Unseren Großen Denunzianten? Wer soll das sein?
Heuchlerische Replik –. Schon klar, wer da gemeint ist.
Wo hat sie ihn getroffen? Auf der Straße? Im Bett? Im Stundenhotel? Am Rande einer Tagung? Am Strand von Warnemünde?

So funktioniert Liz.

Der große Denunziant ist der Große Denunziant. Das hat sie gut gesehen.

Der große Denunziant
 

Es grünt so grün

Der Zeitschild
1
Im Kreis der Kollegen improvisiert Soziologe Argloser einen kleinen Vortrag
  • ―Eine der größten Erfindungen der Neuzeit ist das rotierende Auge. Die Antike kannte nur das feststehende Auge. Es war das Auge des Gottes, in dem sich die Welt spiegelte. Die ganze Welt, ja gewiss, ich weiß nicht, wieso Sie mich das fragen. ›Die Welt als solche‹ wäre der passendere Ausdruck, denn außerhalb, außerhalb dieser Relation macht der Ausdruck gar keinen Sinn. Nehmen Sie das Auge weg und Sie haben nichts – das Nichts, groß geschrieben wohlgemerkt, wäre so etwas wie die abstrakte Möglichkeit eines solchen … nennen wir ihn Kollaps, ein Lapsus, wenn Sie so wollen, der metaphysischen Art, denn selbstverständlich ist die Konstruktion, wenn man sich zu ihr entschließt, stabil: etwas Stabileres kann man sich, unter uns, gar nicht denken. Die Welt ist göttlich – für diesen Satz, unter anderen, hat man einen Giordano Bruno verbrannt, aber natürlich ist sie das nur im Spiegel der Vernunft. Versetzen wir das Auge in Bewegung und wir haben … was wohl … ja sicher: Revolution. Das revoltierende Auge fixiert keine Welt, es verwandelt sie in einen Prozess, einen Fluss ohne Ufer, ohne Ziel, ohne inneren Kompass, auch wenn es den ersten, die ihn befuhren, anders vorgekommen sein mag. Der bürgerlichen Revolution folgt die industrielle, der industriellen die soziale, der sozialen die permanente – eine verschlingt die andere und wird von ihrer Nachfolgerin verschlungen, doch auch dieses Bild – denken Sie bei Gelegenheit daran! – ist vorsintflutlich. In Wahrheit verhält es sich so, dass von jeder Revolution Revolutionen in alle Himmelsrichtungen, nein, in alle überhaupt denkbaren Richtungen davongehen, die sich wiederum gegenseitig durchdringen und miteinander fortreißen.
Der Zeitschild
2

Argloser räuspert sich und fährt fort.

  • ―So also wäre die Welt beschaffen, die wir bewohnen, nein, von der wir ein Teil sind, denn wir, Sie und ich, sind ganz und gar Welt, mithin ein Produkt der Erfindung, die ich Ihnen gerade beschrieben habe, denn auch diese Welt musste, wie die zuvor im Gebrauch befindliche, erst erfunden werden. Das rotierende Überbleibsel Gottes registriert alles, aber es spiegelt nichts, das wäre der gewichtigste Unterschied. Kein anderer Weg führt von diesem Dämon zur Welt zurück als die Strafe. Warum das? Strafe nennen wir das selbstverschuldete Zurückbleiben in der Zeit, eine wahrhaft höllische Perspektive für den Einzelnen wie für ganze Gemeinschaften, ganz ohne Weltgericht. Sie erinnern sich? Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben: das klingt so … so menschenfreundlich, so hoffnungsvoll, in Wahrheit umschreibt es die Perspektive des Bösen, nebenbei die einzige reelle Perspektive, die wir benennen können, während alle anderen nur Schimären darstellen, Einbildungen ohne Halt und Kraft.
    Weil aber der Mensch – Sie merken, ich retardiere, und auch das, was ich nun zu sagen habe, hat etwas mit Retardation zu tun –, weil der Mensch Muster braucht, feste Modelle, von denen sich die Mehrzahl etwas verspricht – und ich spreche wirklich von der Mehrheit, das heißt, einem IQ, der um das Mittelmaß pendelt und seinen Träger zu kaum mehr als einem konventionellen Mitschwimmen im großen Strom befähigt –, stelle ich Ihnen hier das, jedenfalls im kulturellen Westen, aktuell in Gebrauch befindliche Weltmodell vor … nichts Besonderes, wenn Sie mich fragen, das darf es auch, aus den genannten Gründen, gar nicht sein, eher ein Produkt der für kollektive Kristallisationen verantwortlichen Trägheit des Geistes – wenn Sie das dann noch Geist nennen wollen.
Der Zeitschild
3
Die Weltmaschine
La macchina verde

Sie sehen … was sehen Sie hier? Ja gewiss, einige haben es erkannt, nennen wir es eine Art Wankelmotor, ein Druckgehäuse mit einer darin rotierenden Scheibe, angetrieben durch einen doppelten Zündmechanismus, schauen Sie, da steht es: Science und Bad News, zu deutsch: politisch motivierte Forschung und Horrornachrichten. Des weiteren sehen Sie zwei Kammern: eine nach außen und eine nach innen sich öffnende, aber natürlich ist das eine durch die unbewegliche Zeichnung erzeugte Täuschung. Die kleinere, nach außen offene Kammer enthält ein besonderes Fluidum, genannt Umweltbewusstsein, das teils aus der Umgebung zuströmt, zum größeren Teil jedoch durch mittels der sich schleichend verändernden Kammerform aufgebauten Kompressionsdruck erzeugt wird. Die größere hingegen, in der die genannten Explosionen stattfinden, expandiert – sie expandiert bis zu einer Umlaufposition, an der das zweite Ventil sich öffnet und die heiße Luft der aufgestauten Erwartungen in die Umgebung entlässt. Darauf wiederholt sich, wie abzusehen, der ganze Zyklus. Diese zweite Kammer – oder Kammerphase – birgt die ökonomische Seite des so simplifizierten, aber eben für die Massen fassbaren Weltprozesses. Jeder ökologische Problemdruck, heißt das, erzeugt, einmal ins System eingespeist, neue Klassen von Gebrauchsgegenständen, im Idealfall ganzen Technologien, und somit Güter, von denen man sich eine Lösung des Problems verspricht, die aber in Wahrheit – ich sage ausdrücklich nicht: nur – eine neue Konjunktur entfachen, der, wie gesagt, über kurz oder lang die Luft ausgeht, woraufhin das Ganze sich ad libitum wiederholen lässt.

Der Zeitschild
4

S, in der ersten Reihe lümmelnd, schwenkt den Wuschelkopf, scheinbar sinnend, zur Seite –

  • ―Sagen Sie, Argloser – Sie heißen doch Argloser, oder habe ich mich gerade verhört? – ich will Ihnen nicht zu nahe treten … oder doch, ich will Ihro Arglosigkeit gerade ganz kräftig zu nahe treten: Ihr Modell gefällt mir, es hat nur, sagen wir’s akademisch, ein Loch, ein Riesenloch, wenn Sie mich fragen. Fragen Sie mich? Machen wir’s kurz. Sie behaupten also, sie stellen es so dar, als gäbe es irgendwo Leute, die pumpen Umweltbewusstsein in die Gesellschaft – die Sardinenbüchse da soll doch die Gesellschaft sein, oder täusche ich mich? –, sie pumpen und pumpen in der Erwartung, dass es sich wohin ausbreitet? Richtig! In die richtigen Kreise, die Kreise des großen Geldes, der Hochfinanz, der Investoren, denn Investieren ist wichtig, Investieren bestimmt, wohin die Reise geht. Um die Sache etwas anzuschieben, veranlassen sie zielführende Studien, soll heißen, sie kaufen Wissenschaft zu. Ich habe Sie da doch richtig verstanden, oder nicht? Ich meine, wir befinden uns hier auf dem Boden der Wissenschaft. Und da Wissenschaft wichtig ist, aber nicht alles, warten die allzuklugen Leute im Hintergrund auf den nächsten Knall. Sie lassen das ganz normale Unglück für sich arbeiten. Wie machen sie das? Richtig! Sie verbuchen es unter der Rubrik ›Umweltsünden‹ und hetzen die Schreckensmedien drauf, damit das Karussell sich so richtig dreht. Ich habe Sie doch richtig verstanden? Ich frage nur, weil ich Ihr erlauchtes Publikum nicht langweilen will. Und jetzt erklären Sie mir, wer diese ominösen Leute im Hintergrund eigentlich sind. Sie wissen doch alles, da wissen Sie sicher auch diese Kleinigkeit. Ich bin nur ein einfacher Bürger, für mich ist das keine Kleinigkeit. Wenn es diese Leute gibt, will ich ihnen vorgestellt werden. Ich will sie kennen, verstehen Sie? Und nun raus mit der Sprache.

Iris hingerissen, ganz Ohr:

  • ―Ordinärer Kerl. Aber gut!!!
Der Zeitschild
5

Sackbrenner hat die Mittel zu einer Studie Male behaviours in open and closed spaces bewilligt bekommen; sie freut sich schon wahnsinnig auf die Zusammenarbeit mit der britischen Kollegin, die sie gerade rechtzeitig ins Boot holen konnte. Unter der Hand hat sie noch ein weiteres Projekt laufen, über das sie die Fakultät erst später zu unterrichten gedenkt, um den Forschungserfolg nicht zu gefährden: Worin unterscheidet sich männliches Benehmen in Gegenwart weiblicher Konkurrenz von dem in ausschließlich männlicher Umgebung an den Tag gelegten? Exot S, den sie nicht aus den Augen lässt, kommt ihr zur Einstimmung gerade recht.

Auch juckt es sie, den Medienstar an einem Ort nüchterner Brillanz wie diesem ein bisschen … aufzumischen. Flüchtig berührt ihr Blick Iris, die treue Seele, dann strafft sie sich, um dem Dekan, den politischen Gast kalt ignorierend, eine einfache Frage zu stellen:

  • ―Wie passt das Genderdreieck in die Sardinenbüchse?
  • ―Was Sie Sardinenbüchse zu nennen belieben, werte Kollegin –
  • ―Verzeihung. Das Wort ist mir ausgebüchst. Eigentlich hat es mir ja mein Vorredner zugespielt … übrigens danke ich für die Anregung.

Da kiekst Kypras laut und vernehmlich.

  • ―Aber jetzt zu meiner Frage: Ich vermute stark, dass Sie das Dreieckssymbol mit Bedacht gewählt haben. Warum taucht es dann in Ihren Erläuterungen nicht auf? Ist da etwas Verschwiegenes im Spiel und, falls ja, warum verschweigen Sie es? Ich jedenfalls finde den Ansatz spannend.

Welchen Ansatz? S lacht ihr gönnerhaft ins Gesicht, Argloser, das Wort ›Gender‹ wie einen Zahnstocher von einem Mundwinkel zum andern befördernd, verwendet den Ausdruck ›psychoanalytische Grundierung‹, murmelt etwas von ›nicht mein Fach‹, ›Ihr Ressort‹, aber schließlich richtet er sich, der Not gehorchend, zu seiner vollen Größe auf.
Sehr groß ist er nicht, der Gute.

  • ―Also gut. Sie haben recht. In meinem Ansatz kommt der Geschlechterproblematik die Funktion des Schlüssels zu. Sie öffnet und schließt die Kammern gegeneinander ab, ganz nach Bedarf. Um diese Aufgabe zu erfüllen, muss sie in dauerhafter Bewegung sein. Sie ist, das haben Sie richtig gesehen, das eigentliche Rotationselement in diesem Modell. Ich erwähnte bereits, es handelt sich um eine Art Wankelmotor. Welche Art von Geschlechterdiskurs – ich drücke mich an dieser Stelle etwas allgemein aus, aber wir alle hier im Raum wissen, was damit heute gemeint ist –, welche Version des Geschlechterdiskurses gerade en vogue ist, das hängt von der allgemeinen konjunkturellen Lage ab, wie wir gerade wieder erfahren … aber das heißt nicht viel. Männlich, weiblich, divers. Männlich, weiblich, divers. Weiblich, divers…

Sackbrenner, vibrierend vor Ungeduld – oder ist es Zorn? – reißt ihn aus der Rotation.

  • ―Danke. Ich hab’s verstanden. Was ich nicht verstanden habe: wenn Geschlecht, genauer gesagt: Gender, denn wir reden hier vom sozialen Geschlecht, verzeihen Sie, dass ich Ihnen den Griff zwischen die Beine erlasse, wenn Gender Modesache ist, wie Ihr Modell da insinuiert – nebenbei gesprochen: allen hier ist hoffentlich klar, dass es sich dabei um einen Sexismus handelt –, wenn dementsprechend der ›Genderwahnsinn‹, wie er da draußen genannt wird, bloß der Auffrischung des virilen appetitus dient, denn daran denken Sie schließlich –

Weiter kommt sie nicht, die Ohos und Nein-so-nicht-Frau-Kollegin, sorgfältig eingefädelt, prasseln auf ihre Rede nieder, einen kurzen Moment hält sie inne, streicht sich die Haare aus dem Gesicht und will fortfahren…
… aber nein, S erhebt sich aus seinem Plastikstuhl, läuft mit raschem Gang auf sie zu, der fleischige Wauwau schnappt ihre Hand, leicht, leichter, reckt sie hoch, höher, bis endlich Kollegin Sackbrenner, ins Mark überrascht, der kaum zu ignorierenden Aufforderung Folge leistet: da steht sie, freigestellt, leicht gebogen (was ihre Porzellanfigur dezent unterstreicht), von Angesicht zu Angesicht dem Herrn mit der kratzigen Donnerstimme gegenüber, die, während er die gestresste Hand loslässt, sich fistelnd (auch das gehört zu ihren bekannten Specifica) an ein nicht vorhandenes Volk richtet.

  • ―Völker, hört die Signale! Nein, im Ernst, Frau Kollegin … – ich habe Ihren Namen vorhin nicht mitgekriegt, aber das holen wir gleich nach –, Sie haben verdient, dass man Ihnen zuhört. Ich jedenfalls höre Ihnen zu, wir Grünen sind im allgemeinen bekannt dafür, dass wir Ihnen zuhören … und nicht allein zuhören. Wir bieten Ihnen die passende Plattform, die einzige übrigens im Lande, Sie gehören zu uns, Sie sind unser treibendes Element… Ich will hier nicht Wahlkampf betreiben, aber das musste jetzt heraus. Die Wissenschaft … sehen Sie, wir sind die Partei der Wissenschaft, deshalb habe ich mir heute Zeit genommen, die Wissenschaft wird daran gemessen werden, wie weit es ihr gelingt, die Genderfrage zu lösen. Sie alle haben richtig gehört, ich sagte zu lösen … dazu gehören die richtigen theoretischen Konzepte, mit denen wir draußen in der Praxis auch etwas anfangen können. Nicht jedes Detail von dem, was ich heute hier hörte, hat mich überzeugt. Einiges schon, ich vermute mal, wir haben noch eine lange gemeinsame Wegstrecke zu bewältigen. Professora …, vor Ihnen liegt ein gewaltiges Pensum. Ich bin sicher, Sie werden es mit Bravour erledigen. Sie werden auch nicht die einzige sein, dafür werden wir mit aller Macht sorgen. Mit aller Macht, denn das ganze ist eine Machtfrage. Von allein, da hat Ihr Herr Dekan leider recht, auch wenn er es etwas verklausuliert ausdrückt, von allein bewegt sich gar nichts. Die bewegende Kraft, die hinter allem steckt, das sind wir. Auch die Zukunft braucht eine Partei. Nein, das ist keine Drohung. Wir machen Ihnen ein Angebot. Was Sie draus machen – bitte. Sie werden, jeder für sich und alle gemeinsam, sich das Richtige schon herauspfriemeln.

  • ―Bravo!

Spinnt Dürrobst? Bei ihm weiß man das nie.

Der Zeitschild
6
Teuschner spricht sich warm

Teuschner hat den Vorwärtsgang eingelegt. Man erkennt es von weitem. Der gern und oft Saumselige schiebt die Schultern nach vorn, die Monteursarme hat er ausgefahren, seine Hände, rissig und nicht ganz den Sauberkeitsvorstellungen des erlauchten Zirkels entsprechend, fahnden nach imaginärem Gerät, einem Schraubenschlüssel oder einem Zollstock vielleicht (der Innenausbau des Privatdomizils kommt voran). Die soeben erlebte Szene beschäftigt ihn tief.
Es ist nicht recht, den amtierenden Dekan auf diese Weise ins Unrecht zu setzen. Dies hier ist akademischer Grund.
Seine Stimme quietscht vernehmlich, als er sich meldet. Sie normalisiert sich rasch, doch ein Oberton bleibt vernehmbar, eine kaum merkliche Warnung an alle, die Grenzen des Diskurses zu wahren und Politschrott gefälligst dort zu lassen, wo er hingehört, auf jeden Fall: draußen. Argloser ist erleichtert.

  • ―Kollege Teuschner, Sie haben das Wort!

Teuschner dankt überschwänglich.

  • ―Ich habe gelernt! Man verständigt sich ja besser über Fachgrenzen hinweg als innerhalb des eigenen … ihr Modell, es ist schließlich ein Modell, hat mich stark beeindruckt, es ist, wie soll ich das sagen, realitätskonform. Damit will ich nicht sagen, dass es die Realität abbildet – soll es auch nicht, wenn ich Sie recht verstanden habe –, aber dass die Leute, die meisten jedenfalls, wirklich so denken, wie Sie es beschreiben, das das leuchtet mir ein, leuchtet mir seeehr ein, es entspricht voll und ganz meiner täglichen Zeitungslektüre. Unser Gast hat es gewissermaßen gerade bestätigt, er hat da einen phantastischen Auftritt hingelegt, um den ich ihn beneide, aber in meinen Augen – entschuldigen Sie, wenn ich das so unverblümt sage –, in meinen Augen bestätigt er einfach nur die Aussage des Vortrags, jedenfalls soweit ich sie verstanden habe. Kommen wir also zur Sache.

S, wieder sitzend, schnalzt mit der Zunge.

  • ―Na, dann kommen Sie mal.
Der Zeitschild
7
Teuschner kommt

Ob und wann Teuschner kommt, das ist ganz allein seine Sache. Ein schräger Blick auf S und er lehnt sich erschöpft zurück. Er meint ja nur und die Sache geht ihn eigentlich nichts an, aber da er sich nun einmal in das wirklich spannende Gespräch eingemischt hat, kann er auch gleich sagen, was er, die bessere Sachkenntnis der anwesenden Kolleginnen und Kollegen immer vorausgesetzt, von der Sache hält, nämlich:
Sex als Triebkraft der Gesellschaft zu bezeichnen, gehe offensichtlich an der Sache vorbei, wie Kollegin Sackbrenner in ihrem ausgezeichneten Redebeitrag überzeugend gezeigt habe. Der Begriff ›Mode‹, dessen Einführung in diesem Zusammenhang er als glänzend empfinde, besage schließlich nichts anderes, als dass hier ein Diktat vorliege, aber ein selbstauferlegtes, und so, als selbstauferlegter, erscheine auch der ganze Geschlechterdiskurs in einem gänzlich anderen Licht –

  • ―Ich sage ganz bewusst nicht Gender, warum? Gender, come on, Siggi, ist nur die halbe Miete, sobald es um das ganze Geschlecht geht, Du lässt da etwas Wesentliches beiseite, liebe Kollegin, von dessen Vorhandensein sich jeder leicht überzeugen kann, wohlgemerkt jederzeit, die Frage ist bloß, welche Wörter wir dafür verwenden und ob wir überhaupt darüber reden wollen. Es ist alles eine Frage der Wörter…
  • ―Zur Sache!
  • ―Kein Kolleginnenschmäh!
  • ―Was will er denn?
  • ―Was ich will? Überhaupt nichts. Ich will … also gut, ich will das mit dem Modell noch einmal erklären, das unser Dekan da an die Wand projiziert hat. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann kann es eigentlich gar kein Wirklichkeitsmodell geben, jedenfalls keines, das die Gegebenheiten nicht grundsätzlich verfälschen würde. Wenn die Evolution – die man vielleicht nicht mehr so nennen sollte –, gleichzeitig in alle Richtungen fortschreitet, dann kennen wir einfach nur permanent wechselnde Interferenzen und aus so einem – verzeihen Sie den Ausdruck! – quasi-chaotischen Stoff kann niemand ein Modell gewinnen, jedenfalls keines, das … satisfactory … zufriedenstellend genannt werden dürfte. Und das ist ja die Lage, mit der wir Geisteswissenschaftler uns permanent konfrontiert sehen: wir verfügen über keine zufriedenstellenden Modelle. Deshalb sind ja auch alle, jedenfalls auf dem Papier, Luhmannianer. Ein Modell, ein, wie ich es nenne, realitätskonformes Modell ist folglich keines, das Wirklichkeit modelliert, weil das nun einmal völlig ausgeschlossen ist. Was es wirklich modelliert, sind Meinungen. Das habe ich dem Vortrag des Dekans entnommen und dafür möchte ich ihm – ja sicher – an dieser Stelle ausdrücklich danken. Wer Meinungen modelliert, der kontrolliert sie am Ende auch. Was wir da vor uns sehen, ist ein Instrument der Meinungskontrolle, nicht mehr, nicht weniger. Ich sage das ganz wertneutral. Wenn man es von der Seite der Wirklichkeit her betrachtet, dann stellt es sich dem Fluss der wechselnden Konstellationen entgegen … wie ein Blättchen, das sich im Bach an einem Hindernis aufrichtet und jetzt ein etwas größeres Hindernis darstellt, so dass es die Umfließung sichtbar machen kann … das ist vielleicht ein etwas unbefriedigendes Bild, ich sollte das Ganze besser einen Zeitschild nennen, einen Schild, aufgerichtet im Fluss der Zeit, pardon, gegen den Fluss der Zeit, denn er reproduziert sich ja permanent selbst, jedenfalls solange uns – ich sage bewusst uns – das Geschlecht umtreibt. Und das gilt ja wohl für Männlein und Weiblein.

Schlechte Rhetorik. Sehr schlechte Rhetorik. Aber auf den Punkt.

Der Zeitschild
8
Teuschner tritt nach

Der Spott in Dürrobsts Stimme.

  • ―Soso, es treibt ihn um.

Ist es Spott? Sarkasmus? Ordinäre Häme? Ein Mix aus allem?

Zeitschild: Das Bild ist nicht schlecht. Ein Schild, angefertigt, um dem Medusenblick des theoretisch uneinholbaren Wirklichen zu widerstehen, zugleich aber auch dem Feuerodem Fafners, des Herrn der Schätze, darunter der offenen, keiner Komplexität weichenden, niemandem dienstbaren Wissenschaft –… ja gewiss, das hätte ihm einfallen können, ihm einfallen müssen, reine Qual, den Einfall aus Teuschners unberufenem Mund zu vernehmen, also muss gegengesteuert werden. Ein Gedanke geistert durch den Raum –: niemandes Gedanke, zufällig stammt er aus einem Mund, wer wird ihn fangen? Der, dem es gelingt, das Erstlingsrecht zu eliminieren, ganz recht, zu eliminieren, am besten dadurch, dass er die Stimme des anderen zum Verstummen bringt. Teuschner wankt: er ist verstimmt. Das Hohelied auf das Kollegengespräch ist krachend an der unversehens aus dem Nichts aufgetauchten Barriere gescheitert.

So funktioniert Dürrobst.

Dürrobst und Teuschner: ungleiche Gegnerschaft. Dürrobst hat Teuschner falsch eingeschätzt. Das liegt daran, dass er eine Eigenschaft Teuschners nicht kennt, die dieser vor allem im privaten Umgang pflegt. Teuschner macht es nichts aus, die Gangart zu wechseln, sprich: den Grad der Direktheit. ›Gezielte Schamdurchbrechung‹ könnte man diese Technik nennen, wenn es denn eine Technik wäre und nicht einfach seine Art zu sein. Teuschner, der schamlose Mensch. Das mag, wie alles andere hier im Raum, Fiktion sein, eines jedenfalls nicht: folgenlos.

Teuschner, einfältig lächelnd, schaut sich um, gewahrt die gesenkten Blicke, den Wuschelkopf des Herrn S, der Ungeduld signalisiert, er steht auf, geht nach vorn, stellt sich, leicht versetzt, die Demonstrationspose wahrend, vor Dürrobst, der seine Ellbogen anzieht … gleich wird das Fauchen des angegriffenen Raubtiers den Raum dominieren –

  • ―Sicher treibt es mich um. Treibt es Sie nicht um? Das müsste ich wissen. Vielmehr: Das müssten Sie wissen. Können Sie aber nicht. Warum können Sie es nicht? Weil Sie es nicht können dürfen. Nein, ich höre nicht auf, auch diese Geste gehört zum Spiel, Sie hören mir zu. Sie sind ganz Abwehr, nicht wahr? Sie wollen mich weg haben, nicht wahr? Sie wollen mich hier weg haben, nicht wahr? Warum? Weil ich im Begriff stehe, Ihrer Sexualität zu nahe zu treten? Woher wissen Sie das? Woher wollen Sie das wissen? Aber Sie wollen es doch gar nicht, Sie müssen, das ist der Punkt. Sie fordern mich heraus und ich nehme an. Wie mache ich das? Indem ich mich vor Sie hinstelle, nichts weiter. Schau an: das ist Ihnen peinlich. Warum? Weil Sie mich an exakt der Stelle getroffen haben, deren Berührung jedermann peinlich ist. Sie haben mir in den Unterleib getreten und jetzt sind Sie ganz Abwehr. So ist es doch, oder? Nein, es ist Ihnen nicht peinlich. Es ist die Bedrohung schlechthin. Ich könnte jetzt etwas über Sexualpraktiken sagen, irgendetwas, und Sie fühlten sich tödlich bloßgestellt, gleichgültig, ob was dran wäre oder nicht. Ich könnte Andeutungen über Ihren Ehealltag machen und Sie würden Hass sprühen. Hassen Sie mich? Natürlich hassen Sie mich. Warum? Habe ich etwas getan? Habe ich irgendetwas getan? Sind Sie eigentlich schwul? Dann hätten wir doch etwas, ein Thema, über das man sich im Ernst unterhalten könnte. Warum? Weil der geltende Diskurs es verlangt. Fehlanzeige? Und Sie wollen uns erzählen, dass dieses Treibrad nicht existiert? Nein, Sie wollen gar nichts sagen. Sie wollen nur stören. Ich finde das schade, aber eigentlich haben Sie uns allen hier einen Gefallen getan. Sie haben einen Spalt geöffnet auf das, was läuft. Ich danke Ihnen, Kollege.

Und stiefelt davon.
Still lächelt Sackbrenner in sich hinein.

 

Die Vergangenheit? Ein graues Nichts
mit hellen Kammern

Ausgeknipst
1
Guido, der Manenschreck
  • ―Meine Schwester, raunt Guido mit belegter Stimme, ist mit den Mormonen gegangen, noch vor ’68, mit dem die jungen Deutschen sich ein Stück Selbstbewusstsein eroberten, ich war Schüler, halb Kind, sie die Große, die Weitgereiste, immerhin hatte sie vor, in New York zu studieren, war auch schon vor Ort gewesen und musste sich meine halbgaren Fragen anhören, etwa die nach Amerikas ›Rassenproblem‹, ich las damals Herbert Marcuse, man sieht, womit ein Jüngling sich in jenen verpönten Zeiten beschäftigte. Auch ihre Antwort, wenig originell, hatte ich bereits vorher gelesen, ein fröhliches »Ach die bemerkt man nach einiger Zeit gar nicht mehr«, – gerade so stand es im Foto-Interview einer südafrikanischen Apartheids-Schriftstellerin, wir befanden uns in der Kennedy-Ära, die lose Rede über unterprivilegierte Schwarze flutschte so unbekümmert aus feuchtem Frauenmund, als ginge es um die Mode vom Vorjahr. Ich merke das nur an, weil wir mittlerweile von Vorkämpferinnen des Menschheitsglücks förmlich eingekreist sind. Ich schätze mal, heute würde ihr edles Herz nicht zögern, mir, dem Benjamin der Familie, qua Männlichkeit irgendwelche düsteren Geschichtsschulden anzuhängen, es kann nie schaden, wenn ein Mann an irgendwas schuld ist, wer soll denn sonst schuld sein? Schuld ist wichtig, ohne Schuld wäre jede allein ihres Glückes Schmied, wie es nirgends heißt. Ohnehin war dieses Land in den Augen der etwas aufgedrehten jungen Dame verflucht, jeder Hierbleiber verstrickt ohne Ende. Sie hingegen nahm die Schere und wagte den Schnitt. Jahre später dann beschloss sie, sich ihrer familiären Herkunft restlos zu entledigen, end-gült-ig, danach weiß ich nichts mehr über sie, null, zero, sie könnte auf Wolken thronen, fünf Kinder großgezogen oder das Zeitliche gesegnet haben, ich besitze davon keinerlei Kenntnis und damit können wir es gut sein lassen. Ich will mich auch gar nicht darüber beschweren, es gibt schlimmere, viel schlimmere Schicksale als den Verlust des siamesischen Zwillings, der sie für mich mal gewesen sein muss, ich meine jetzt in seelischer Hinsicht, Schwamm drüber. Den Zwilling muss ich mir wohl eingebildet haben. Man kann sich über Jahre hinweg bitter täuschen, vor allem in puncto seelischer Nähe, meine Schwester hatte, bei aller schwärmerischen Herzausschütterei, auch immer etwas Robustes in ihrem Wesen, das mich verblüffte und kränkte. Eigentlich ist die ganze Person auf einen Anekdotenvorrat zusammengeschmolzen. Lauter Geschichten, die mit ›Meine Schwester…‹ beginnen und im erzählerischen Niemandsland enden, irgendwie will mir die Pointe nicht richtig gelingen, vielleicht, weil jede eine kleine oder auch größere Kränkung enthält, offenbar empfinde das nicht nur ich so, der Effekt ist nun einmal nicht zu leugnen.
Ausgeknipst
2
Guido glaubt nicht an die Nachwelt
  • ―… Wie das mit den Mormonen ablief? Das kann ich Ihnen sagen. Zwei junge Männer, Missionare auf Deutschland-Tour, hatten bei ihr geklingelt und es ward ihnen aufgetan, sie klimperten auf dem Klavier ihrer Amerika-Sehnsucht, unser Vater bekam davon Wind und steigerte sich als Hüter ihres gefährdeten Seelenheils in einen Verantwortungsrausch, den wir beide ihm, ehrlich gesagt, nicht zugetraut hätten, es entwickelten sich heftige Diskussionen am Küchentisch, mir steckte sie unter der Decke ihr neues Heilsbuch zu, das ich mit, naja, Befremden zu lesen begann, es wollte ganz und gar nicht zu meinen Nietzsche-und-Marcuse-Lektüren passen, doch als ich’s ihr gestand, da konterte sie trocken, ich sollte dann mal die Bibel lesen, mir würden die Augen über all dem Zeug aufgehen, das da drin stünde. Die Redefigur kam mir kurios, um nicht zu sagen lachhaft vor, aber der heilige Ernst ihrer Rede verbot jegliches Lästern, sie brannte lichterloh, das Land der gusseisernen Menschenrechte und des Glaub-doch-was-du-willst-aber-glaub hatte eine Dependance in ihr eröffnet und sie glaubte, wie nur je ein Mensch an eine Sache geglaubt haben mag, die ihm gestern noch lächerlich vorkam – nun aber, in der Phase der Einstimmung, in den Gründungstagen einer Mini-Gemeinde, bestehend aus zwei jungen Männern, die fern vom Auftraggeber endlich Erfolge vorweisen wollten, und einer frustrierten jungen Frau, tritt die immer vorhandene innere Glut aus ihm heraus und lässt ihn feurig erscheinen, so dass er einerseits fast dem Erzengel gleicht, andererseits in seiner Verstocktheit geradezu Züge eines Verworfenen annimmt, folgt man der sich plötzlich verzerrenden Wahrnehmung seiner säkular befriedeten Umwelt … Vorspiel, bizarr, zu dem, was sich kurze Zeit später, ganz ohne Lichterscheinungen und göttliche Erlösungstaten, an vielen Küchentischen abspielen sollte, bei aufgeschlagener Lektüre, nun ja, jenes etwas eindimensional geratenen Marcuse, eines ›Teddy‹ genannten Frankfurter Schöngeists sowie eines gewissen Regius, der, am ehesten den Typus des älteren Mannes verkörpernd, vielleicht bloß noch als Geisel des Zeitgeists mitgeschleift wurde. Jede Revolution, auch die eingebildete, braucht ihre Opas, diese waren die einzigen nicht, ihr religiös musikalisches Gegenstück saß in Tübingen und blies heiligen Odem in die studentische Schar, auch ich … ich glaube fast, irgendwo auf meinen Regalen findet sich noch das Bändchen, das meinen Schreibstil versauen und mir eine Zeitlang die Deutschnote drücken sollte. Hätte sie nur ein bisschen gewartet, meine ungeduldige Schwester, vielleicht fände sich ihr Porträt heute in der anschwellenden Memoirenliteratur der Selbstbeweihräucherer, denen es gelingen sollte, nach dem Zeitgeist die Chefsessel der Kultur zu erobern, die in Stücke zu schlagen sie einst auszogen … sei’s drum, nun ist sie meine persönliche Ikone geworden, das Abziehbild einer Entrückten, vermisst habe ich sie, und ehrlich gesagt, ich vermisse sie noch. Was ich sagen will: in ihrem Fall erwies sich die so hinderliche Scham über ihre Herkunft aus dem geschlagenen Land als Brücke, über die sie hinüberschritt oder -ritt oder -glitt in die andere Existenz, natürlich musste bei der Gelegenheit auch der Name dran glauben und jene Jenseitswelt bekam eine Angela mehr … geschenkt, ein verspätetes ›Fräulein‹, was soll die Welt davon halten.
Ausgeknipst
3
    Guido glaubt an das verpasste Gute
  • ―Nach einem verlorenen Krieg schwärmen die Mädels aus, jedenfalls diejenigen, die nicht warten wollen, bis das zerstörte Land wieder aufgebaut sein würde, das ist ganz normal und entspricht ihrer biologischen … ich sage mal Bestimmung, die natürlich nur Anlage ist, durch tausenderlei Bestimmungen überschreibbar, auch dafür sind wahrscheinlich Anlagen zuständig, all diese Anlagen vermehren sich ja zügig bei näherem Hinschauen, ich bin sicher, die Wissenschaft wird nach und nach für alles Verlangte die passenden Gene finden, sie findet ja sonst alles, wofür sie bezahlt wird, finden Sie nicht auch? Das Leben kann eben nicht warten, auch auf die Genwissenschaft nicht, auf die schon gar nicht, das Leben ist das Leben, basta. Wäre meine Schwester zehn Jahre später … ich sage mal angetreten, hier in diesem Land, dann … aber jetzt wage ich mich weit vor, eigentlich fiel mir nur eine Kleinigkeit ein, so wie meistens, wenn ich auf meine Schwester zu sprechen komme. Es war, wenn ich mich recht erinnere, ein ganz normaler Sommertag, nicht wirklich sonnig, die Wolkenschieberei gehört mit zur Atmosphäre. Meine Schwester und ich befanden uns im Garten, das heißt eigentlich auf einem rabattenumgrenzten Kiesstück, in dessen Mitte ein Tisch stand, ich glaube mich sogar zu erinnern, dass er an diesem Tag eine Plane trug, weil man mit Regen rechnete. Wir stehen dort, vielleicht angelehnt an den Tisch, jedenfalls ins Gespräch versunken, falls meine Erinnerung in diesem Punkt korrekt funktioniert, und meine Schwester, der ich diese Gelenkigkeit nicht zugetraut hätte, springt mit einem Satz auf den Tisch, vielleicht stützt sie sich auf meine Schulter, vielleicht ergreift sie sogar meine Hand … jedenfalls steht sie plötzlich auf dem Tisch und ist durch keine Zurede zu bewegen, wieder herunterzukommen, weil … pass gut auf, weil gerade eine Maus vorbeilief, ein winziges Gartenmäuslein, das längst wieder verschwunden ist… Wie gesagt, zehn Jahre später wäre meine Schwester, ihr hypersensibles, auf Widerständigkeit geeichtes und dabei robustes Wesen vorausgesetzt, im Feminismus vielleicht eine große Nummer geworden, eine Führungsfigur (eitel, wie ich als Bruder nun einmal bin, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie es nicht weiter als bis in den Tross geschafft hätte), und ich müsste meine Worte auf die Goldwaage legen, um ihr nicht in der Öffentlichkeit zu schaden oder auch nur ihren Unwillen hervorzurufen. Sie konnte sehr unwillig werden, meine Schwester, schon als ich klein war, sie hatte eine Art, mir den Daumen umzudrehen, um mich gefügig zu machen, die ich wahrscheinlich atemberaubend genannt hätte, wäre mir die Vokabel in jenem zarten Alter bereits zur Verfügung gestanden.
Ausgeknipst
4
Guido hangelt sich durch
  • ―Von Bewusstseinsökonomie verstehe ich nichts, das wäre dann eher dein Feld, aber eines weiß ich: wir sind, jeder für sich, Arbeiter im Bewusstseinsstrom, Kobolde ohne Sinn und Respekt für das Ganze, die Ränder des Bewusstseins, unseres und der anderen, bleiben uns auf ewig unbekannt, und dennoch wird jedem Einzelnen abverlangt, er möge seine Grenzen und die der anderen kennen und respektieren – eine etwas paradoxe Leistung, nicht wahr? Dass Frauen mit den Siegern gehen, das hat ja bereits Darwinsche Qualität, darüber muss eigentlich nicht groß gehadert werden, es gehört auch nicht gerade zu den arcana des modernen Lebens. Wenn sie es tun und nicht einfach mitgeschleppt werden wie Vieh, tun sie es entschieden freiwillig, manche, wie meine Schwester, stöckeln mit etlichen Jahren Verspätung hinterdrein, weil sie ›es hier nicht mehr aushalten‹, wie das Standardargument lautet, doch eigentlich handelt es sich um kein Argument, mehr um ein Ziehen in der Brust, dem ein Flimmern in der Ferne entspricht: irgendwo dort drüben geht gerade ein Stern auf, warum nicht der deine? Sie kehrte auch noch einmal zurück, meine Schwester, im Schlepptau ihren ganz persönlichen Sieger, einen Hünen von Gestalt, Historiker mit einer leider, obwohl sie ihn stets und vorauseilend ihren ›Professor‹ nannte, noch unfertigen Promotion, ich weiß nicht, ob ihm später der Abschluss gelang oder sie nicht doch letztlich wieder auf der Verliererseite gelandet ist. Ich sehe die zwei noch wie heute von einem Spaziergang zurückkehren, sie, eher zierlich von Gestalt, ihm kaum über die Hüfte reichend, beide leicht erschöpft und voller Abscheu – oder war es Entsetzen? – über das gerade Gesehene: sie waren am Stolz unserer Öko-Fraktion, der landschaftlich eingehegten städtischen Müllkippe entlanggewandert, unwissentlich natürlich, hatten den weiträumig um das Gelände gezogenen, mit Totenkopf–Schildern behängten Zaun abgeschritten und keine Einrede brachte sie mehr von dem Gedanken ab, sie – sie beide – hätten, praktisch um die Ecke, soeben ein von gesichtslosen Nazi-Bürokraten betriebenen Konzentrationslager entdeckt: Also doch, wir wussten es immer! Wie könnt ihr das hier auch nur einen Tag aushalten? Seid ihr am Ende –? Kontaminiert, wollten sie aus gemeinsamem Munde sagen, ein feines Wort, wenn man mich fragt, ja, dieses Land ist kontaminiert, seine Menschen sind kontaminiert, seine Männer vor allem, sie sind die kontaminiertesten, sie können eigentlich nichts weiter als begütigen und daran erkennt man schon, wie es in Wirklichkeit um sie steht. Man glaubt es nicht. Ich kenne die Wirklichkeit nicht, in der meine Schwester mich mittlerweile verortet, ich nehme an, sie nimmt ihre Prise Grauen, sollte sie vor dem Einschlafen einmal an die alte Familie denken, und wälzt sich auf die andere Seite. Als Kriegskind hat sie sich ihrer Herkunft immer geschämt, ich nehme an, sie gehörte zu den durch die Rückkehr des Vaters nachhaltig Traumatisierten, davon soll es eine ganze Menge geben, auch das erklärt manches am Phänomen ’68.
 

Treibe die Peinlichkeit auf die Spitze
und sie erfüllt deine innersten Wünsche

Generationsgeflüster
1

Der Schamkern ist eine Spindel

Wolltest du etwas sagen?
  Warum nicht? Ja sicher. Aber gewiss doch.
Dann heraus mit der Sprache. Warum sagst du es nicht?
  Weil es peinlich ist.
Warum ist es dir peinlich?
  Es ist nicht dir peinlich. Es ist peinlich.
Wie kann etwas peinlich sein, was nicht dir peinlich ist?
  Das kann ich nicht sagen.
Ich? Wo kommt das her?
  Angeflogen vermutlich. Ja, ein Anflug. Von irgendwoher.
Also drehen wir uns im Kreis.
  Was du nicht sagst. Ist das nicht peinlich?

Drehe ich mich im Kreis,
komme ich nirgendwo hin.
Ist das peinlich?
Ja, das ist peinlich.

Generationsgeflüster
1

Der Schamkern ist eine Spindel

Wolltest du etwas sagen?
  Warum nicht? Ja sicher. Aber gewiss doch.
Dann heraus mit der Sprache. Warum sagst du es nicht?
  Weil es peinlich ist.
Warum ist es dir peinlich?
  Es ist nicht dir peinlich. Es ist peinlich.
Was kann peinlich sein, was nicht dir peinlich ist?
  Das kann ich nicht sagen.
Ich? Wo kommt das her.
  Angeflogen vermutlich. Ja, ein Anflug. Von irgendwoher.
Also drehen wir uns im Kreis.
  Was du nicht sagst. Ist das nicht peinlich?

Drehe ich mich im Kreis,
komme ich nirgendwo hin.
Ist das peinlich?
Ja, das ist peinlich.

Peinlich: der Anblick eines Menschen, der sich im Kreise dreht. »Wohin willst du?«, möchte die Mitwelt ihm zurufen. »Entscheide dich! Gebrauche deinen Kopf!« Der sich im Kreise drehende Mensch erscheint seiner Nachbarschaft kopflos. Ein Mensch, der nicht aufhört, sich im Kreise zu drehen … ein solcher Mensch ist offensichtlich von Sinnen. Je länger er sich dreht, desto wahnsinniger kommt er den anderen vor.

Generationsgeflüster
2

Der Mensch besitzt Scham
Gesellschaft besitzt Zukunft

Eine Gesellschaft, sich kopflos im Kreise drehend: Wie peinlich mag das wohl sein? Und doch, es gibt sie. Die närrische Gesellschaft, sie flüstert dir zu: Wart’s ab! In dreißig Jahren wirst du an meiner Statt eine andere sehen. Wird sie dir gefallen? Werde ich dir dann gefallen? Siehst du, die Vorstellung lässt du dir doch gefallen. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit, die viele Café-Besuche erlaubt. Schon ruhst Du im Leder-Fauteuil, rückst das Stühlchen, greifst nach der Zeitung (noch liegt sie aus), kontrollierst dein Handy (vornehm ausgedrückt, denn es kontrolliert dich), sparst deine Rede (mit wem solltest du reden, da du dich doch herausreden willst) und die Zeit vergeht wie im Flug. Wie im Flug? Der ist nie geflogen, der diesen Spruch erfand, jedenfalls nicht zu zivilen Zeiten. Dreißig Jahre sind wie ein Tag. Du verlässt die Zeitmaschine, gebräunt, wohl gelaunt, es ist eine andere Welt. Eine andere Welt, wohl wahr. Dann die Probe aufs Exempel: Peinlich.

 

Generationsgeflüster
2

Der Mensch besitzt Scham
Gesellschaft besitzt Zukunft

Eine Gesellschaft, sich kopflos im Kreise drehend: Wie peinlich mag das wohl sein? Und doch, es gibt sie. Die närrische Gesellschaft, sie flüstert dir zu: Wart’s ab! In dreißig Jahren wirst du an meiner statt eine andere sehen. Wird sie dir gefallen? Werde ich dir dann gefallen? Siehst du, die Vorstellung lässt du dir doch gefallen. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit, die viele Café-Besuche erlaubt. Schon ruhst Du im Leder-Fauteuil, rückst das Stühlchen, greifst nach der Zeitung (noch liegt sie aus), kontrollierst dein Handy (vornehm ausgedrückt, denn es kontrolliert dich), sparst deine Rede (mit wem solltest du reden, da du dich doch herausreden willst) und die Zeit vergeht wie im Flug. Wie im Flug? Der ist nie geflogen, der diesen Spruch erfand, jedenfalls nicht zu zivilen Zeiten. Dreißig Jahre sind wie ein Tag. Du verlässt die Zeitmaschine, gebräunt, wohl gelaunt, es ist eine andere Welt. Eine andere Welt, wohl wahr. Dann die Probe aufs Exempel: Peinlich.

 

Merken die Menschen nichts? Wollen sie nichts merken? Sind sie unfähig, etwas zu merken? Haben sie in ihrer Unfähigkeit Wurzeln geschlagen? Aber es sind doch andere, immerzu andere, durch die Schule der Unfähigen, Unfertigen, Unbeweglichen gegangen: Müssten sie nicht irgendwann die Beweglichkeit selbst sein? Nun ja, das sind sie vermutlich. Sie kreisen einfach um sich selbst, die Einzelnen wie die Gesellschaft, da existiert kein Unterschied. Oh doch, ein winziger. Das Ich schlägt Falten, Gesellschaft Wunden.

Generationsgeflüster
3

Und wenn ich mich im Kreise drehte: Was geht’s dich an?

Vorerst nichts. Gar nichts. Woher willst gerade du wissen, ob ich mich im Kreis drehe? Siehst du in mich hinein? Siehst du nicht, dass ich schon weiter bin? Weiter als ihr alle? Dass meine Pirouetten nur das Ziel verfolgen, euch zu verwirren? Dass ich nicht will, dass mir einer folgt? Dass, wer mich in meine Hintergedanken hinein verfolgt, mein Feind ist?

Nicht, dass ich Feinde bräuchte. Gesellschaft braucht Feinde, das ist wahr. Das wenigstens habe ich gelernt. Eure Gesellschaft braucht den Feind, auch das habe ich gelernt. Einen Feind, den sie in allen Verkleidungen aufzustöbern gedenkt. Er ist nicht der Klassenfeind, er ist nicht der Rassenfeind, er ist der Menschenfeind. Der Mensch des Abstands, der Mensch, der seine Verletzungen nicht zu Markte trägt, der Mensch, der lieber vor sich selbst ausspuckt, als dass er sich als Opfer bezeichnen würde. Der Mensch, der sein Brandmal nicht sieht, obwohl es ihn fast verbrennt, der Misanthrop, der den Menschen zu sehr liebt, als dass er ihm unser aller Zukunft aufbürden würde, er ist euer Feind.

Warum das so ist? Ich habe es nicht verstanden. Ich werde meine Verwunderung mit ins Grab nehmen. Vielleicht auch nicht. Ein anhaltendes Wunder ist schließlich keines. Was ist es dann?

Ein anhaltendes Wunder ist ein Ärgernis.

Generationsgeflüster
4

Kein Wunder also, wenn ihr wähnt, ich drehte mich im Kreise. Nur das Motiv bleibt, einem wie dem anderen, dunkel. Da müsste schon jemand kommen und meine Gedanken lesen. Keiner kann die Gedanken des anderen lesen. Auch das sagt sich leicht. Dabei ist es doch von allem das Leichteste, anderer Leute Gedanken zu lesen: »Ich weiß, was du denkst. Wenn du wüsstest, dass ich in dir lesen kann wie in einem Buch!« Mit diesem Paradox geht ein Mensch durchs Leben, geschlagen mit einem Wissen, das keines ist, das vielleicht ein Wissen ist, das vielleicht ein Wissen ist oder etwas anderes, eine notwendige Selbsttäuschung, ohne die sich ihm hoffnungslos verwirren würde, was jetzt als offenes Buch vor ihm liegt: seine Welt, bevölkert von jenen anderen, die er verstehen muss, will er nicht auf der Stelle treten und sich … hoffnungslos im Kreise drehen, was das Furchtbarste wäre, womit er geschlagen sein könnte, solange er – wie heißt das Wort? – noch irgendwie einsatzbereit ist.

Das Motiv, das mich im Kreis treibt, das mich immer und immer wieder in meinen Kreis zurücktreibt, gleichgültig um die Lockung, die im Fortgehen um seiner selbst liegt, ist mein Eigentum. Ich halte es von euch fern, ich halte es mit Absicht im Dunkeln, ich will nicht, dass sich ein anderer an ihm zu schaffen macht. Wenn ein anderer glaubt, in mir lesen zu können, dann vergisst er das Allerheiligste. Der eine muss es befingern, der andere es betreten, der dritte es scheu umschleichen oder umstreunen: das sind bereits drei Arten des Heiligen, die wenig miteinander gemein haben und deshalb dazu taugen, alle Arten von Missverständnissen zwischen den Menschen zu provozieren. »Ich weiß, was dir heilig ist« heißt, übersetzt: »Ich weiß, was dir heilig ist.« Ich weiß, woran du dich ausrichtest, du kannst mir nichts vormachen. Ich weiß, wie du tickst.

Da liegt der Fehler und er ist hoffnungslos.

 

Spuck’s aus!

Die goldene Matratze
1
Sound unser

The in-no-va-tion
of pe-ne-tra-tion
that’s my sen-sa-tion

Harm-less, ruth-less, relent-less, sense-less. Sibla besitzt ein Faible für die englische Sprache. Really? Eher für den Klang einzelner Wörter, das gleichmäßige Silben-Ab-Auf, eine Lautfolge wie

ba-by-get-out-of-my-sun
the train-is-wai-tin’-just-now

vorgetragen im spröd-dunklen Südstaaten-Jargon eines John Ford-Western, gerät in seinen Tagträumen zum kompositionswürdigsten Stück Sprache unter der Sonne. Schattengleich dagegen hat sich das Indo-Englische, dieses an verjährte Gewalt und Unterwerfung erinnernde Unterwerfungsidiom, auf seine Seele gelegt: die eigentümliche Strahlkraft indischer Musik, das sagt ihm das Gehör, verdankt sich der Reinigung der indischen Seele, nein, der Seele überhaupt, von den Schlacken kolonialer Überfremdung. Indien ist ein Fall für sich, man muss dort gewesen sein, um es zu begreifen, doch er bezweifelt sehr, begriffen zu haben, wie Inder ticken, auch fühlt er dunkel: als Europäer, speziell als Deutschem, steht ihm nicht zu, diesen Kontinent zu begreifen. Alles Begreifenwollen, so seine agenda nigra, erneuert den kolonialen Impuls und damit das verfluchte Herrenmenschentum, das ihm oft genug auf seiner Reise ins Innere des Mondes aus unberufenem Munde entgegenschlug. Kolonialismus ist ein Gewächs mit tiefen Wurzeln. Reiße ihn aus und er wächst ungerührt nach. Drei Takte Beethoven und du weißt Bescheid: hier tummelt sich der klanggewordene Hochmut einer Kaste von Besserverdienern, die ›Menschheit‹ sagt und den eigenen Reichtum meint – Musik des Unreinen, Bösen, Verdammenswürdigen, doch so weit will er, Sibla, persönlich nicht gehen.

Die goldene Matratze
2

Surely, we know whats’s going wrong with Europe.

Der Herr der Töne weiß nicht, wie nah er damit den Forschungen des Gelehrten Duro kommt.
Sibla weiß nichts von Duros Pyramiden-Existenz, das ist gut so, das soll so bleiben.
Die Welt des Wissens: ein Buch mit sieben Siegeln.
Schon daneben. Wissen ist nicht buchförmig.

Duro meets Sibla?

Nimmermehr. Auf welchem Planeten? Venus? Mars? Eine entfernte Möglichkeit böte Saturn: denkbar, dass sich unter der Schirmherrschaft Assons, des steinernen, notorisch von einem Anbeter-Ring umgebenen Gastes im Sonnensystem der Pyramide so etwas vielleicht arrangieren ließe. Auch dann stünde immer noch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Konjunktion zweier Hörigkeiten – weniger höflich ausgedrückt, der schicksalhaften Begegnung von Schwanz und Anglomania – im Raum.

  • Duro, der Trendsichere. Geht es ›ans Eingemachte‹, kehrt er den harten Verfechter der Postcolonial Studies hervor. Sehr zum Befremden einiger Fachkollegen übrigens, die in ihm, gewissermaßen spiegelverkehrt, den Quisling wittern: was, bittschön, hat ihre Literatur mit Kolonialismus und Herrenmenschentum à la Kipling zu tun? Wenig, verdammt wenig. Eigentlich nichts. Ein Nichts unter einem Mikroskop. Muss man das Koordinatensystems verzerren, bloß um aus einer Mücke einen Elefanten zu machen? Nein! Die werten Kollegen, sie verstehen die Chance der Chancen nicht, die hier dämmert. Silence please.

Sibla ein deutscher Provinz-Esel?
Ja und nein.
Duro ein Snob?
Nein und ja.

Die goldene Matratze
3

Kitty, jetzt oder nie:

  • ―Ja, er komponiert. Gib ihm einen Auftrag: er komponiert. Lass ihn reden, er ist scharf auf Aufträge. Was er damit macht? Ich weiß es nicht. Wie, er führt sie aus? Natürlich führt er sie aus. Es ist alles eine Frage der Zeit. Für ein Lied, ein einfaches Lied braucht er zwölf Monate. Das nennt er: produktiv sein. Und das stimmt auch. Genauso gut können zehn Jahre verstreichen, bevor du etwas zu hören bekommst. Wenn du es dann noch hören willst. Weißt du, es liegt mir fern, das zu kritisieren. Es ist nur … anstrengend.

Sibla, der Komponist am Tisch seiner Träume, dreams für die Kundschaft erbrütend: gleich wird er sich auf Zehenspitzen erheben, um den Kabelsalat zur Raison zu bringen. Ein Wetzen: das Große Gehör, auf Empfang geschaltet, verschiebt Lautsprecher – große und kleine, kreuz und quer, her und hin. Merkposten Klirrfaktor! Never forget! Etwas mehr Bass! Justierung ist alles. Das Programm, einmal eingestellt, schreibt, aber Sibla ist nicht zufrieden. Er wiegt das Haupt, kratzt sich am Kopf, lässt die Tonfolge wieder und wieder passieren: So nicht. Wie dann? Das Programm, so geduldig wie unerschöpflich, spult Varianten ab, die es gleichgültig lassen. Besäße es Bewusstsein, empfände es eine gewisse Leere. Vielleicht gähnte es dem Herrn der Töne ins Gesicht, was eine Unehrerbietigkeit darstellte und streng geahndet würde. Gut, dass Programme über kein Bewusstsein verfügen. Schon Menschen sind damit überfordert und alles in allem hat sich die Einrichtung nicht bewährt.

Was z.B. treibt Siblas Bewusstsein den lieben langen Tag? Es ist produktiv. Kitty, die ihren Beruf gern an den Nagel hängen würde, schleicht auf Zehenspitzen umher. Manchmal lässt sie etwas fallen, sie will den Plumps hören, er hebt ihr Lebensgefühl. Ein produktives Bewusstsein, auf Wochen und Monate hinaus damit beschäftigt zu verwerfen, was ihm vorgelegt wird, ist ein Tyrann. Wäre Sibla Tyrann, Kitty wäre es maulend zufrieden und ließe sich schikanieren. Ein Komponist, der sich durchsetzt, muss stark sein. Sibla ein Tyrann? Er hat bloß zu viel Bewusstsein, und das geht seine eigenen Wege. Welche das sind, ist ihr ein Rätsel, das sie nicht länger ergründen möchte. Der Rätsel sind genug geraten, wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen.

Kitty stellt sich vor, wie es ihr erginge, wenn sie Bewusstsein hätte. ›Das ist mir schon bewusst‹ gehört zu ihren stehenden Redensarten. Sibla fragt sich, während das Programm generiert, was wohl von ihrem Unterbewusstsein geblieben sein mag, dem weiblichen Underground, der so paradiesische Ausflüge erlaubte. Vielleicht wurde ein Keller draus, ein Verlies für verstockte Gefühle. Der Gedanke widert ihn an. Er schaltet ihn ab, doch das Maschinchen, es rattert weiter.

Die goldene Matratze
4

Ein Analytiker, der genügend Scharfsinn und Zeit aufbrächte, würde begreifen: Sibla komponiert Zeit. Zwar ist alle Musik Zeit (oder kostet sie, je nach Genuss), aber sein Modell funktioniert anders: Sibla gestaltet die Zeit selbst, Tempus purus, die fugitive Zeit, die man im Deutschen den Zeitfluss nennt, ohne Bett und Ufer zu kennen. Kein Wunder also, dass er große Mengen davon verbraucht. Zeit ist der wahre Stoff seiner Träume. Tief in seinem Inneren weiß er, dass er genug davon hat und schwärmt davon, sie auszugeben, während sie unerbittlich verrinnt. Gäbe es ein System der Ehrungen, das auch den stillsten Schreibtisch einschließt, Sibla wäre Held der Zeit – in Bronze, vielleicht auch in Gold, mit einem schicken kleinen Bändchen daran, dessen Sinngehalt der Erläuterung harrte. Aber während Sibla schwärmt und ihm die Zeit durch die Finger rinnt, gibt er ihr eine Form, durch die sein singuläres Leben sich im nicht weniger singulären Universum abdrückt, gewissermaßen als Hohlform seiner selbst, ein Hohl, um das herum gelebt wird, auch wenn der Anrainerkreis klein ist und keine größere Rezeption in Sicht. Sibla, seine Frau ahnt es nicht oder kaum (denn ein Spalt auf die wesentlichen Dinge des Lebens bleibt immer offen), ist der Meister des Hohls. Wie viele von seiner Sorte mag es geben? Das Geheimnis solcher Existenzen bleibt dicht, sie tragen es auf der Haut und achten streng darauf, dass es keine Löcher bekommt. Diese Achtsamkeit ist ihr Wesen, sie können und wollen nicht aus ihm heraus, denn das wäre der Untergang.

 

Akrotiamo oder Lern/mstunden des Gehörs

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
1
Leckebusch legt eine Publikation vor

Das ist nichts Besonderes, es geschieht bei ihm alle Tage. Nun, vielleicht nicht alle Tage, aber, sagen wir: der Halbjahresrhythmus gibt das Geleit. Leckebusch schwitzt seine Bücher nicht aus wie andere, bei ihm ist das Schreiben ein geordneter Nebenaspekt der Lehrtätigkeit wie zum Beispiel das Verfassen von Gutachten oder das Konzipieren von Vorlesungstexten. Leckebuschs Gutachten, in all ihrer kristallinen Kühle, sind berühmt: es sind Mikro-Traktate, aus denen eine moralische Weltordnung spricht, gegen die gehalten das Begutachtete schnell wie der gern zitierte struppige Straßenköter erscheint. Leckebusch, so ließe sich der Vorgang zusammenfassen, bringt den Gedanken Manieren bei. Wie immer, geht dabei einiges an Substanz verloren. Anderes, zum Beispiel die Relevanz, wird auf diesem Wege erst sichtbar. Leckebuschs Gutachten sind Konverter. Man steckt einen erarbeiteten Gedanken hinein und man bekommt einen relevanten Gedanken heraus.

 

Die Livree der Vernunft
Die Livree der Vernunft
Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
2
Was ist ein relevanter Gedanke?

Liebhaber des informations­theore­tischen Vokabulars könnten geneigt sein, ihn als redundant zu bezeichnen: vollgepackt mit Signalen, die an Bekanntes anknüpfen, ein kleines, die eigene Standortbestimmung erleichterndes Verweissystem, ein Who is who für bedeutsam gehaltener Vorstellungen, die einander auf frappierend selbstverständliche Weise die Klinke in die Hand drücken oder – im Gegen-Fall – sich wechselseitig die Tür aufhalten, um Zugang mit Zugang zu vergelten. Ein relevanter Gedanke verwandelt Bezüge in Beziehungen, Sachliches in Soziales, er lässt die Kraftlinien der Community aufleuchten und katapultiert seinen Urheber ins Feld mehr oder minder ertragreicher Interaktionen. Jedenfalls sollte er das, denn da sich relevante Gedanken in beliebiger Zahl erzeugen lassen, steigt die Zahl der Relevanz-Anwärter und ihrer Bedürfnisse exponentiell an, sobald ein entsprechender Markt sich erst einmal etabliert hat. Ein Könner wie Leckebusch kommt da gerade recht: seine aparte Fähigkeit, Wein in Wasser zu verwandeln, ist so gefragt, weil sie Vermittlerdienste verspricht, die gern in Anspruch genommen werden, wenn es darum geht, eigene Denkprodukte in den Markt einzuspeisen. Auch wissen­schaft­liche Ergebnisse sind darauf angewiesen, auf Märkten zu zirkulieren – auf Meinungs-, Überzeugungs-, Forschungs- und Zitat­märkten, auf denen gilt, was kursiert.

Die Livree der Vernunft

Die Livree
der Vernunft

Wie man
der Vernunft
Manieren
beibringt
(und dabei
Lakaien
gewinnt)


Pashalis Kypras
Leckebusch-Studien

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
3
Auf weiter Flur

Wenn Leckebusch ein Buch schreibt, treten die Sorgen des Alltags von ihm zurück. Mit weit geschlossenen Augen sammelt er die Geräusche der Zunft, ordnet sie, prüft sie auf ihre Tauglichkeit und bereitet sie in einer Menge kleiner Notizen auf, bis sie widerstandslos dem Dreier- oder Fünferschritt folgen, in den sich über kurz oder lang jede Gedankenmasse ergeben muss, will sie vor seinem inneren Ohr Bestand haben. Dieses innere Ohr, ein Selektionsorgan erster Güte, hört sich heraus, was... nein, nicht, was es hören will, sondern was ihm hörbar dünkt, fast wie das die Fassungskraft seines Publikums mithörende Ohr eines Komponisten, der weiß, für welche Art von Kost sein Name steht, und der darüber zu einer Art Vorkoster in eigener Sache geworden ist, ohne diesen Vorgang im mindesten zu bedauern, da er ihm im Wesen der Sache begründet zu liegen scheint. Allerdings bewegt sich das von Leckebusch betriebene Gedanken-Hören auf anderen Bahnen. Da ihm für seine professionellen Denkbewegungen neben dem bereits Gedachten immer auch die Geschichte des Denkens zur Verfügung steht, soweit sie von anderen Denkern rekonstruiert wurde, nehmen die Gedanken bei ihm automatisch eine historische Färbung an: sie werden zu Abschnitten eines Prozesses, der sich von den Vorsokratikern über Platon, Aristoteles, Leibniz, Kant, Hegel, Nietzsche in die Gegenwart und darüber hinaus spannt, vergleichbar den Gliedern einer Fahrradkette, die sich jedes Mal strafft, sobald einer in die Pedale tritt.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
4
Matrjoschka

Das Pedal-Bild will, da auch anderweitig konnotiert, weiter bedacht sein. Alles, was Leckebusch denkt (oder als Denkmasse weiterreicht), ›hat Pedal‹, es klingt bedeutend, ohne in gleichem Umfang bedeutend zu sein. Oder, da sich so etwas nicht ganz einfach behaupten lässt: neben dem, was es besagt, bedeutet es stets auch etwas, das es besagen soll, ohne die Dimension erkennen zu lassen, in der letzteres durch einfache Worte mitteilbar wäre. Dabei besteht an einfachen Worten in Leckebuschs Werken kein Mangel. Er pflegt einen guten, nicht willkürlich mit Fachausdrücken überladenen Stil, man könnte ihn unter die verständlichen Autoren rechnen, würde man nicht genötigt, immer zugleich zu viel und zu wenig heraushören, zu viel Bedeutung und zu wenig, sagen wir, Bedeutetes, so als wohne man der Eröffnung einer endlosen Folge von Fragen bei, deren identischer Kern immer lautet: ›Und was bedeutet das?‹

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
5
Akroamatikos

Leckebuschs Bücher, eine Reihe ausgedehnter Gutachten über die Klassiker der philosophischen Literatur, gelten als Kassenschlager. Entsprechend gern werden sie zitiert. Ohrwürmer für Kunden, die ein offenes Organ für dergleichen besitzen, füllen sie den Gehörgang aus, statt, wie es doch sein sollte, die Gedanken durchzuleiten, mit denen sie sich beschäftigen. Kein Wunder also, dass Leckebusch einmal dem Wesen des Sinnes nachspüren musste, der ihm so unerhörte Einnahmen beschert. Denn davon handelt sein neuer Titel: vom Nach- oder Überhören des Gehörten, in dem das Gehörte ›allererst‹ preisgibt, was als das zu Gehör Kommende bereits im ursprünglichen Akt des Hörens anwesend ist, ja ihn ›gewissermaßen‹ erst ermöglicht. Das klingt schwieriger als gedacht, schließlich sind wir alle daran gewöhnt, auch im Weghören weiterzuhören, ein guter Zuhörer weiß, dass er manches überhören muss, um seinem Gesprächspartner folgen zu können: das mag in vielen Fällen moralisch gemeint sein, aber im Allgemeinen beschreibt es doch die unentwegt filternde Tätigkeit des Gehörs, sein Passieren-Lassen der Fülle des Gehörten, seine wechselnde Aufmerksamkeit auf Geräusche, die den, der da hört, angehen könnten, während die Welt, als akustische Kulisse, unentwegt im Hintergrund weiterplätschert. Das Bindewort ›sein‹, davon gibt sich Leckebusch überzeugt, entsteht an dieser flüchtigen Grenze zwischen dem Mitgehörten und dem Gehörten, also dem vom Gehör ins Dasein gehobenen Geräusch.
Etwas ist – was war das? – es ist ›anders‹, etwas Bestimmtes, etwas ganz Bestimmtes, dem ich nur nachgehen muss, um es zu finden, ein guter Hirte, der sich nachts aufmacht, um ein verirrtes Schaf im Gelände zu finden, nachdem er ›etwas‹ gehört hat. Der gute Hirte kennt das Gelände trotz offener Grenzen und in alle Himmelsrichtungen verschwimmender Bezüge. Das hier ist seine Welt und er findet sich blind in ihr zurecht. Genauso würde er nächtens vor den unbekannten Geräuschen einer Stadt zurückzucken, denn dort ist er: in der Fremde.

Lammwork

Lammwork

frei nach
Jacopo da Ponte


 

Die kopflose Zensur ersetzt die Zensur der Kopflosen.

 
Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
6
Warum das Schaf? Warum der Hirte?

Sehr einfach: Leckebusch spart sie aus. Man versteht wenig von seiner Schreibweise, wenn man die Bilder und Wendungen nicht kennt, die er sich und seinen Lesern erspart, um zu diesen zügigen und glatten Formulierungen zu gelangen, die dem unmittelbaren Verständnis seiner Texte immer einen kleinen Widerstand entgegensetzen, so dass man als Leser ein zweites Mal ansetzen muss, um sich zu sagen: ja sicher, es steht ja alles da, aber eben nicht so, dass es einem beim ersten Lesen klar würde. Diese Eigenschaft teilen Leckebuschs Texte mit denen vieler anderer Philosophen, sie gilt gewissermaßen als Markenzeichen der Philosophie. Aber es gibt da einen Unterschied: während andere Texte einen ins Denken hineinlocken – oder es zumindest versuchen –, sperren diese ihre Leser aus, sie schneiden die Bereitschaft zum Mitdenken gewissermaßen von den Quellen ab, aus denen es sich bedienen müsste, um weiter zu kommen, so wie Leckebusch sich schreibend aus ihnen zu bedienen weiß, und wäre es nur, um die nächste Seite zu füllen.

 

Lammwork
frei nach Jacopo da Ponte
Lammwork
Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
7
Absurd!

Warum? Darauf gibt es nur eine Antwort: sie handeln von Verbotenem. »Absurd!« würde Leckebusch geschmeichelt einwerfen, »ganz absurd! Und überhaupt: es gibt keine Denkverbote in der Philosophie, es darf sie nicht geben. Das wäre Heterodoxie.« Mag sein, ›Verbot‹ ist nicht ganz das richtige Wort, niemand hindert einen Leser daran, das Umfeld eines Wortes, einer Redewendung, eines so und nicht anders vorgetragenen Gedankengangs zu recherchieren und seinem Verständnis auf diese Weise nachträglich einzuverleiben. Gehört er zur Zunft, dann versteht er ganz gut, warum Leckebusch die eine oder andere Anspielung meidet. Doch in der Regel hütet er sich, den Zusammenhang auszuplaudern. Denn das hieße, bei Strafe der Lächerlichkeit, einen Kollegen bloßstellen – ohne Not und, vor allem, ohne Beweise.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
7
Absurd!

Warum? Darauf gibt es nur eine Antwort: sie handeln von Verbotenem. »Absurd!« würde Leckebusch geschmeichelt einwerfen, »ganz absurd! Und überhaupt: es gibt keine Denkverbote in der Philosophie, es darf sie nicht geben. Das wäre Heterodoxie.« Mag sein, ›Verbot‹ ist nicht ganz das richtige Wort, niemand hindert einen Leser daran, das Umfeld eines Wortes, einer Redewendung, eines so und nicht anders vorgetragenen Gedankengangs zu recherchieren und seinem Verständnis auf diese Weise nachträglich einzuverleiben. Gehört er zur Zunft, dann versteht er ganz gut, warum Leckebusch die eine oder andere Anspielung meidet. Doch in der Regel hütet er sich, den Zusammenhang auszuplaudern. Denn das hieße, bei Strafe der Lächerlichkeit, einen Kollegen bloßstellen – ohne Not und, vor allem, ohne Beweise.

Eine ganze Literatur hat sich darauf spezialisiert, all jene Wortprägungen zu stigmatisieren, in denen Hirte und Sein, Not und Sorge, die Existenz und das Offene sich am sorglich geschaufelten Grab der ›abendländischen Metaphysik‹ zur danse macabre versammeln. Nicht um von der Metaphysik zu retten, was zu retten wäre, das ganz und gar nicht, sondern um den Prozess der Aufklärung weiter zu treiben, genauer gesagt: den unvollendeten Prozess der Moderne, einen klassischen Prozess gegen Andersdenkende, ohne Richter, ohne Verteidiger, dafür mit einer voll besetzten Anklagebank und einer stattlichen Zahl von Beisitzern, trainierten Merkern, die jeden Verfahrens-Zug registrieren und dafür Sorge tragen, dass kein Ende des Verfahrens in Sicht kommt.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
8
Verstehen Sie mich nicht falsch

Leckebusch, als Denker der Moderne, ist also gut beraten, die Vorratskammern ostentativ verschlossen zu halten, aus denen er sich heimlich bedient. Warum tut er’s dann? Leckebusch ist keiner der notorischen Ankläger, eher gehört er zu den stillen Merkern im Lande, deren Hintergedanken sich auf wundersame Weise mit ihren Vordergedanken zu mischen pflegen, so dass jeder Versuch, sie wirksam auseinander zu halten, zwangsläufig in die Irre geht. Um seine Sätze spielt ein diskreter Zug, als wüssten sie etwas, das sie verschweigen, in aller Offenheit, versteht sich, denn sie haben nichts zu verbergen: sie haben nichts zu verbergen, ganz recht, sie leiten nur durch.

Wenn Leckebusch denkt, gleicht sein Bewusstsein einem Rangierbahnhof – was hereinkommt, muss auch wieder hinaus, aber in sinnfällig veränderter Zusammenstellung, so dass der eine Gedanke verkürzt, der andere halbiert, ein dritter wundersam ergänzt den Weg in die Ferne antritt. Mit bloß kurrenten Gedanken ließe sich das schwerlich erreichen, und wenn, dann nur um den Preis der Bizarrerie, als fehle dem Verfasser die Gabe der angemessenen Wiedergabe und er kompensiere diesen Mangel durch Willkür. Dadurch, dass er Versatzstücke eines anderen, allen geläufigen, jedoch mit einem Lächerlichkeits- beziehungsweise Schrecklichkeits-Index versehenen Denkens hineinmischt, aber unterhalb der Deutlichkeitsschwelle, spannt er die Aufmerksamkeit seiner Leser, versetzt sie in eine Aufbruchstimmung, die beim Weiterlesen zu gleichen Teilen verpufft und sich beständig erneuert.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
9
Unterm Strich

Leckebusch, als Denker betrachtet, handelt nicht von Verbotenem, er handelt mit Verbotenem – unter steter Beteuerung, ein solches Verbot existiere gar nicht und alle Positionen lägen, einer fairen Auseinandersetzung jederzeit zugänglich, ›auf dem Tisch‹.
Was, nebenbei bemerkt, stimmt. Die Fraktion des stigmatisierten Vordenkers ist während all der Jahre, in denen Leckebusch umsichtig die eigene Reputation mehrt, rührig, und mehr als das: da sie die Schwachstellen ihres Meisters besser als andere kennt, hat sie stetig und umsichtig einen Großteil der Löcher gestopft, aus denen der Zeitgeist einer in Schande vergangenen Epoche tropft (manchmal auch nur das Drüsensekret des Autors).
Alles, was ›aus dieser Ecke‹ kommt, ist allgemeiner Aufmerksamkeit gewiss. Die Publikationsorte sind seriös, Pöbeleien kommen nur selten vor, die Karrieren sind ungebrochen. Dennoch... Es sind die anderen, die sich dort tummeln und durch einen gewissen Mangel an Berührungsängsten auf sich aufmerksam machen.
Dieser Mangel zeichnet sie ebenso aus wie die Stromlinie einen Leckebusch, für den sie zu den Unberührbaren zählen: während er ihre Dienste in Anspruch nimmt, möchte er am liebsten vergessen machen, dass es sie gibt. Doch das ist leichter gesagt als getan. Als redlicher Fußnotenschreiber trägt er sie dem eigenen Haupttext hinterher wie ... wie ... ein apportierendes Hündchen, das mit dem fortgeworfenen Stock im Maul seinem Herrchen nachtrottet.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
10
Cherchez le mouton

– ein unverächtliches Motto für all jene Denker der Moderne, die vorurteilslos das Vorurteil pflegen, sie, das heißt ›die Moderne‹ sei uns aufgetragen wie die Pflege eines Automobils, der man sich am besten anhand eines Lastenheftes widmet, in dem penibel verzeichnet ist, was ›geht‹ und was ›nicht geht‹, also vor allem Denken als Durchgestrichenes existiert, als Nicht-Gedanke... Solche Nicht-Gedanken existieren vermutlich in jeder Gesellschaft. Sie sind unausrottbar und dauernd in Bewegung. Für jeden, der auf die Seite der frei verfügbaren Gedanken wechselt, verschwindet ein anderer im Hexenturm. Nur vereinzelt dringen Schreie oder leise Seufzer heraus.
Welche Szenen spielen sich im Inneren ab?
Besteht Folter-Verdacht?
Schließlich werden dort keine unbedarften Gedanken zusammengezogen, sondern Kämpfer, Überzeugungstäter, Rattenfänger, Kindesentführer: gefährliches Zeug, nicht leicht zu bändigen.
Der Ausschluss vollzieht sich geräuschlos. Doch das sagt wenig darüber aus, wie es drinnen zugeht. Man weiß es nicht, denn man will es nicht wissen. Dabei wäre es ein Leichtes, sich Zutritt und Wissen zu verschaffen. Wärter gibt es, aber sie ähneln kläffenden Hunden, kein ernsthafter Mensch lässt sich von so etwas abhalten, der Richtschnur seines Wollens zu folgen.
Die Wahrheit ist: es bedarf keiner Wärter. Die Wahrheit ist: was dort geschieht, dient der Reproduktion von Gesellschaft. Auf eine scharfe, wenngleich verborgene Weise sorgt der Ausschluss dafür, dass die feinen und groben Unterschiede, deren Gesamtwirkung als Gesellschaft bezeichnet wird, nicht von der Bildfläche verschwinden. Im Einzelnen ist die Gesellschaft übermächtig. Die einfache Neugier, das lockere Interesse, schließlich das erbitterte Ringen um Anerkennung: auf all diesen Wegen stößt sie ins Innere vor und krallt sich darin fest. Leckebusch zum Beispiel ist den modischen Gepflogenheiten, an denen sich die Philosophengemeinde erkennt, bis in die letzte Faser verpflichtet.
Dagegen verstoßen, eventuell sogar aufbegehren? Nie im Leben!
Aber natürlich entgeht ihm ebenso wenig wie den klügeren Kollegen, dass, angesichts der Knappheit der ›Ressource‹ Erfindung, die Nicht-Gedanken einen unverächtlichen Vorrat an Ideen enthalten, geeignet, dem, der sich ihrer geräuschlos zu bedienen weiß, Vorteile vor der Konkurrenz zu verschaffen.
Nie würde Leckebusch, ein Meister der Geräuschlosigkeit, es bis zum Äußersten kommen lassen. Es muss schon zu ihm kommen, das Äußerste. Anders geht es nicht.

 

 

/1

Hiero, wippendes Knie, den Blick stier auf Pw gerichtet: Wir sind die wirklichen Demokraten. Vielleicht die einzigen, die die Welt hervorgebracht hat. Jawohl, die einzigen. Lach nicht. Ich weiß, was du sagen willst. Hör auf zu lachen. Ich meine bloß, wir wurden nicht in irgendwelche Luftschutz-Nächte hineingeboren. Das kannst schließlich auch du nicht bestreiten. Die ersten wirklichen Nachkriegsdeutschen sind wir.
Das ist kein Verdienst, das ist Fakt.
Wir wurden nicht zurechtgebombt wie die anderen vor uns. Wir kamen gleich ins gemachte Nest. Der Tisch war gedeckt. Die im Osten hatten einfach Pech. Wir sind die Nutznießer der Geschichte. Aber Nutznießer ist man immer nur bis zu einem gewissen Grad. Ich meine, das Leben ist mit einem noch lange nicht fertig, nur weil man an einer bequemen Stelle sitzt. Sowas kann sich ändern.
Nein, darum geht es mir nicht.
Worum dann?
Gute Frage.
In Wahrheit sind wir von den Erfahrungen der vier, fünf, sechs, sieben, acht Jahre vor uns Geborenen durch eine so ungeheuerliche Kluft getrennt, dass ich mich frage, ob wir überhaupt so etwas wie eine gemeinsame Generation mit ihnen bilden können.
Ich sehe die Sache so: Wenn sie eine Generation sind, dann sind wir keine, jedenfalls keine eigene, sondern so ein Nachklapp, ein Nachschleicher, wenn du willst, Schleicher, ja.
Das hören wir nicht so gern. Wer hört das schon gern? Niemand hört sowas gern. Aber wahr ist es doch. Es ist unsere Wahrheit. Sie hört sich beschissen an, aber man kann ihr, verdammt nochmal, versuchsweise ins Auge blicken.
… Demokraten? Wieso Demokraten? Natürlich nicht. Hat das denn jemand behauptet? Wie auch immer, ich würde ihm widersprechen. Es ist nur die Voraussetzung für das, was ich sagen möchte, wenn mich freundlicherweise mal keiner unterbricht. Also, was ich sagen will… Das ist jetzt albern, ich weiß nicht, was das soll. Ich kann auch aufhören, wenn ihr wollt.

Das klingt schon wieder trivial. Lacht ruhig, ich muss ja selbst lachen, hört mir doch mal zu. Ich weiß nicht, was daran komisch sein soll. Pw, lass die Faxen, ich finde das albern.

Also –

 

 

/2

Die Väter sind Nazis oder Anti-Nazis. In meinem Fall anti, das ist jetzt die Gnade der richtigen Geburt, da könnt ihr stänkern, solange ihr wollt. Isso.
Also.
Die Re-Education – ein Riesen-Flop. Jeder weiß das. Nur warum, das weiß nicht jeder. Eigentlich weiß es kaum jemand.
Was soll das Grinsen? Wenn du es weiß, dann sags doch, sags doch. Ich bin ganz Ohr. Weil Psyche nicht so funktioniert? Gut, das mag wahr sein, das kann ich nicht beurteilen. Ja, ich sags doch, es kann wahr sein.
Hört mir doch einmal zu.
Es kann nicht funktionieren, weil, weil … ganz einfach … weil Propaganda reziprok ist. Erst kommen die einen, dann kommen die anderen, dann wieder die einen, dann wieder die anderen. Propaganda ist eine Kippfigur, versteht ihr? Der Gegner ist in die eigene Rede einmontiert. Er kommt mit zur Sprache, er ist immer schon mit von der Partie. Der Kampf hält ihn lebendig.
Wenn einer heute aus dem Osten kommt, ich meine jetzt: abhaut und sieht, wie es hier zugeht, dann dauert es eine Weile, bis er seinen Marx wieder herausholt und sich sagt: Also doch. Oder er lässt Marx Marx sein und sagt sich: Ist doch alles Schwindel.
Man kann das Skepsis nennen oder, im Fall der Nazi-Väter, einmal-Nazi-immer-Nazi. Das ist ganz egal. Homo homini lupus. Der Wolf frisst Kreide. So will es das System. Die Kreide braucht sich auf. Und eines Tages … eines Tages … ist sie dann weg.
Damit kommen wir der Sache endlich näher. Denn genauso gilt: homo homini deus. Der Mensch will sich und anderen Gutes tun. Zunächst einmal sich, das ist schon richtig. Doch diese Grenze, die ist nicht ... nicht besonders gut gezogen.
Ist doch klar, was das heißen soll.

Meine Familie – bin das nicht ich? <br>Meine Freunde – bin das nicht ich?

Natürlich bin das nicht ich. Aber irgendwie sind sie ein Stück von mir. Sie gehören dazu.
Wenn ich mit jemandem eine Firma aufbaue und ich ziehe ihn gleich über den Tisch, dann wird das nichts mit der Firma. Also muss ich abwarten. Und während dieser Zeit bin das Ganze, die Firma und die Interessen des anderen, eben auch ich.

Also –

 

 

/3

Der Wolf frisst Kreide. Er ist gar kein richtiger Wolf mehr. Ein Engel auch nicht gerade, aber den brauchen wir hier nicht. Den lassen wir in der Schublade. Der Wolf ist kein Wolf mehr, warum? Das ist der Punkt, auf den ich hinaus will.
Weil er seine Familie nicht beschützen konnte.
Das mit dem Vaterland ist ja eine kitzlige Größe. Vaterländer bestehen sozusagen aus Siegen und Niederlagen. Da herrscht so eine Art Pulsieren, in das der Einzelne mit hineingezogen wird. Aber was ihn dabei presst oder weitet, das ist doch nicht er selbst, und wenn so einer erstmal kapiert hat, dass er sich von Verbrechern in die Scheiße hat reiten lassen … also da fällt der Abschied vom Vergangenen nicht so rasend schwer, möchte man meinen.
Es sei denn … ja, gleich … man leidet an einer Art Komplizen-Syndrom. Sowas gibt’s natürlich, die Gründe liegen ja auf der Hand. Und dann ist da ja noch Auschwitz, jetzt als Kürzel genommen.
Aber die Familie – das ist er selbst. Der Bombenkrieg, die Vergewaltigungen im Osten, die munteren Fräuleins im Westen, auch die, natürlich, darüber muss man schweigen.
Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.
Ein erfolgreicher Nachkriegssatz.
Auch darüber muss man schweigen.
Wer quatscht, stört.
Also: der Wolf ist nicht länger Wolf. Er löst sich auf, ein paar Hardcore-Typen ausgenommen, die geben dann die Bosse. Ja, richtig, in Afrika passiert sowas auch, jedenfalls zum Teil, Vietnam, Laos, Kambodscha, was weiß ich, frag doch den Scholli, der kennt sich da aus. Das passiert überall, wo sowas … geschieht.

Also –

 

 

/4

Wir sind keine Zeugen der Niederlage, wir sind ihre Kinder. Wir wurden in Freiheit geboren. Mach deine Witze, wahr ist es doch. Wir sind frei geboren, sind wir das nicht? Die Familie hat man notdürftig repariert, Betonung auf Notdurft, die Häuser stehen wieder, im Schutt dazwischen spielen wir Indianer und Cowboy, die Ratten vermutlich auch, aber die fragt ja keiner. Die Erwachsenen lesen wie die Blöden Camus, warum, fragt auch keiner. Warum? Das weiß doch jeder.
Die Ratten, erst drinnen, dann draußen, tolle Metapher, versteht jeder. Aber wie kann es sein, dass wir den Arzt, ich meine, haben wir den übersehen? Wie schön, dass wir jetzt die Geschichte aus seiner Sicht, ich meine, das baut doch auf, oder? Soviel zu den Erwachsenen.
Jetzt zu uns. Krieg, Nazis? Sowas gibt’s doch gar nicht. Wir wissen nicht, worüber sie reden, wir wissen nicht, worüber sie schweigen. Wir wissen es nicht, es hat keine Realität, es existiert nicht, es ist nichts für uns. Das meine ich. Es ist nichts für uns.

Meine Schwester ist ein Kriegskind. <br>Sie weiß etwas, was ich nicht weiß.

So geht das Spiel. Wer will so etwas spielen?
Meine Schwester gehört schon zu den Erwachsenen. Komisch, dabei ist sie ein Kind, fast wie ich. Sie war dabei. Wenn einer von uns den Mund aufmacht, gibt’s eins drauf: er weiß nicht, wovon er redet. Was weißt denn du? Selbstredend erfahren wir nichts, außer in Andeutungen, die keiner versteht.
Auf der Penne ändert sich das. Schön langsam, unter grotesken Verrenkungen. Aber den Alten kann man damit nicht kommen.
Die Schule, das sind die anderen. Was wissen denn die? Natürlich wissen sie, aber sie werden sich hüten, es auszuspucken, man selbst hütet sich doch auch. Das ist schließlich kein Stoff, den man an Kinder ›vermittelt‹, allenfalls ganz vermittelt, ganz entfernt, abgerissen, außer jedem Zusammenhang.
So sieht es aus.
Wir haben die Freiheit, wir wissen nichts. Nescio ergo sum. Das meine ich, wenn ich sage, wir sind die Kinder der Freiheit.

Also –

 

 

/5

Wir haben uns nicht gegen die Familie entschieden. Die Familie hat sich entschlossen, uns ihre Geheimnisse nicht zu verraten. Sie hat sich gegen uns entschieden. Darüber ist sie zu Grunde gegangen. Jawohl, zu Grunde. Statt der Geschichte auf den Grund zu gehen, haben wir die Erzählung anstandslos angenommen, die wir bekommen konnten. Ich sage ja nicht, dass sie falsch war. Sie war nur allgemein. Die Medien haben uns gemacht, komplett, mit Innenleben und allem, natürlich nicht vollständig, sowas gibt’s nur in der Science fiction oder in irgendwelchen Psycho-Camps der CIA, ich meine damit eher, sie haben uns in Stellung gebracht. Der Vater war entweder Widerstandskämpfer oder dabei. Also fast immer: dabei. Der eine zu groß, der andere zu klein, Held oder Arschloch, dazwischen nichts. Zu uns ist keiner nach Hause gekommen, für uns sowieso nicht. Was ich damit sagen will? Ich sage nur:

Für uns ist keiner nach Hause gekommen.

Die ›Mauer des Schweigens‹, erinnerst du dich? Natürlich erinnerst du dich, ich weiß gar nicht, was das jetzt soll. Also ich komme dir jetzt weit entgegen, ich rekonstruiere die allgemeine familiäre Situation damals, ich will jetzt nicht vergleichen, wo es nichts zu vergleichen gibt, das wäre ja … danke, du nimmst mir das Wort aus dem Mund. Verbindlichsten Dank. Sehr hilfreich. Ich kann auch abbrechen

Also –

 

 

/6

Die Geschichte ist die Geschichte. Wir sind in die Geschichte hineingeplumpst wie … wie die Sperlinge. Jeder hat sich aus ihr herausgepickt, was ihm geschmeckt hat, obwohl das Ganze überhaupt nicht geschmeckt hat.

Wir sind Ist-Demokraten, keine Soll-Demokraten.

Wir sind keine Leute, die erst überzeugt werden mussten. Ich meine jetzt: innen. Ist der Unterschied wichtig? Ich denke schon.
Verdammt, jetzt habt ihr mich durcheinander gebracht. Ich wollte etwas über die Mütter sagen:
Zwangssolidarisch.
Blödes Wort, ich weiß das selbst,
Spuck’s aus, wenn dir was besseres einfällt.
Übrigens mit beiden Seiten. Also zerrissen.
Was das jetzt wieder bedeutet?
Ich weiß es noch nicht, aber ich werd’s herausfinden.
Die Familie ist in den Müttern zu Grunde gegangen.
Wie? Das weiß keiner. Das ist ein Geheimnis.
Du solltest dich schämen. Hört auf.
Ihr solltet euch alle schämen. Apropos:
Der Väter schämt man sich öffentlich,
Der Mütter schämt man sich im Geheimen.

Jetzt ratet mal, welche Scham mächtiger ist.
Ich? Nein. Ich schäme mich nicht. Warum?

Leckt mich.

 

 

/7

Die Kinder der Freiheit: Sind sie frei? Sind wir Freie? Und wenn schon: Wären wir imstande, sie weiterzugeben? Warum frage ich das? Weil wir hochnäsig sind. Unwissend hochnäsig.
Es könnte sein … es könnte sein … was könnte sein? Dass wir unsere Freiheit längst verloren haben. Um ein Linsengericht.
Und an wen? Sie nennen sich Achtundsechziger. Wir nennen sie Achtundsechziger. Wir benehmen uns, als ob wir, kritisch gestimmt natürlich, zu ihnen gehörten, nein, als ob wir dazugehörten, obwohl wir es besser wissen sollten. Es ist aber nicht wichtig. Wir sind, mit Brecht gesprochen, das, was nachkommt: nichts Nennenswertes. Wir sind ihr nicht Nennenswertes.
Sie könnten sich auch Hundertsechziger oder falsche Fuffziger nennen. Es liefe auf dasselbe hinaus.
Tatsache ist: Wir sind nicht frei.
Wir sind gefesselt in Gedanken, Worten und Werken. Bricht einer heraus aus der Wand aus Schweigen, die ihren Auftritt umrahmt, dann stürzt er ins Leere. Jeder weiß das. Jeder richtet sich danach. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Ein Automat. Nicht einmal die Träume … sind frei. Jeder von uns wäre bereit zu schwören, dem sei nicht so. Ach was schwören: er würde die nackte Wahrheit lächelnd ins Reich der Unterstellungen verweisen. Ich fürchte, ich fürchte … wir werden die Freiheit nicht weitergeben, weil wir, weil wir nur ihren Schein genießen.
Nur ihren Schein… Ihr wisst, was das bedeutet. Der Schein der Freiheit, das ist … alles zu tun, was erlaubt ist. Fragt sich, wer hier erlaubt. Wir leben zwischen Gespenstern, die uns Erlaubnisscheine ausstellen, auf denen in allen Regenbogenfarben steht: Genieße! Wir können uns gar nicht vorstellen, dass es eine Welt außerhalb dieser Schein-Welt gibt.
Doch: Wir halten sie für die Welt der Unfreiheit und schaudern vor ihr zurück.

Wir sind die verratenen Kinder der Freiheit

Freiheit, fürchten wir, wäre Verrat.

 
 

Das Recht aufs Innenleben gilt nicht absolut

Der zerbrochne Kónsens
1
Kühe

Der Rektor blättert.
Vor und zurück. Zurück und vor.
Etwas dick geraten, das Ding. Ein Wälzer.
Er muss auch gleich ins Büro.
Warum kommen diese Schriftsteller nicht auf den Punkt?
Wer liest dieses Zeug überhaupt? Wer kann sich das heute noch leisten?
Bücher sind von gestern, orakelt Agosch. Da ist was dran.
Leckebusch legt gerade sein neues Buch vor. Du wirst ihn wohl einladen müssen. Zum Glück schreibt er keine Romane. Obwohl –
Kommschon, kommschon, kommschon. Wo bleibt die Stelle? Jetzt eine kleine Suchfunktion drüberlaufen lassen und sie wäre da. ›Atavistisch‹ nennt Dürrobst das. Recht hat er.
Seltsam, warum wildert ein Schöngeist in den Naturwissenschaften? Fällt ihm nichts Eigenes ein? Dieser Titel! Kulturelle Aneignung heißt das wohl. Appropriation unter falscher Flagge. Wie viele arglose Zeitgenossen fallen auf so einen Titel herein? Viele, wenn er der Bestsellerliste trauen darf.
Man sollte Feuilleton-Rezensenten auf exakte Stellenangaben verpflichten. Verlotterte Existenzen … wer hat das gesagt? In meiner Stellung muss ich mir sowas versagen.
Andererseits: wer liest schon hauptberuflich Romane? Muss ein ziemlich verzweifelter Job sein.
Kühe, Kühe, Kühe … kommschon … Kühe, Kühe, kommkomm, meine Zeit ist um, da wird das verfluchte Wort doch wohl … da. Nein, doch nicht. Wieder von vorn! Nein, doch eher hinten. Komische Tätigkeit, dieses Blättern. Lange kein Buch in Händen gehabt. Muss spannend sein, all das Zeug zu lesen. Hélène, Marie, Chloé. Robeeer. Und wieder Hélène. Kommt zur Sache, Kinder! Gleich … gleich…

Kühe. Da steht es. Unterstreichen, Zettel rein. Muss los.

Der zerbrochne Kónsens
2
Der wundertätige Autor

Der Rektor ist nicht der einzige.
An diesem MoMorgen blättern, von Kufstein bis Flensburg, Tausende nach einem Wort. Die MaMacht des Feuilletons bewirkt Wunder.

  • ―Er hat Kühe geschrieben.
  • Er hat Kühe geschrieben.
  • ―Er hat Kühe geschrieben.

Wunder der Intonation gibt es, an die kein Gedächtnis heranreicht. Flatus, das gesprochene Wort, ist immer auf und davon. Nur in den Gehirnen steht es: unverbrüchlich für ein paar Stunden. Dann kommt ein anderes daher und ersetzt es.

Die Tradition des Dazukaufens hat sich bewährt. Was kein heimischer Romancier hinzuschreiben wagt, das besorgen andere. Westlich des Rheins ist die Luft klarer. So müssen Übersetzer das Werk des Tabubruchs vollbringen, auf den der rebellische deutsche Schriftsteller mit der Muttermilch abonniert ist. Und wenn sie Glück haben und wenn sie Spaß haben und wenn sie gut sind und wenn das Feuilleton mitspielt, dann … genießen andere den Erfolg.

Die sexuell befreite Frau ist ein Tabu. Nicht was sie treiben, ist das Ärgernis. Was dann? Wo dann? Der Erfolgsschriftsteller hat sich umgeschaut. Man hat ihn, Gott Mammon sei es geklagt, in die touristische Küche vordringen lassen, er hat die Deckel der Töpfe gelüpft, unter denen das Leben der anderen brodelt, als bereite ein Supervulkan seinen lange angekündigten Ausbruch vor. Er hat auch ein wenig genascht, das ist wahr. Wie anders soll Monsieur Éclaireur erschmecken, was sich da zusammenbraut? Der Dichter hat einen ledernen Gaumen. Den richtigen Appetit muss einer schon mitbringen, wenn hoch über dem exotischen Ferienparadies die Landeklappen ausgefahren werden und die menschliche Fracht von Bord geht. Die Rolle des Kundschafters besitzt viele Vorteile. Das gilt insbesondere dann, wenn er gewillt ist, als Beobachter zweiten Grades an den Schreibtisch zurückzukehren.

Warum so ironisch? Führt hier ein klitzekleines Neidgefühl die Zunge spazieren? Apropos Zunge … die spitzeste aller professionellen Zungen hat sich des ›Plots‹, wie sie schreibt, angenommen und findet ihn … sahnig, Sie haben richtig gelesen, sahnig, sie wünscht eingedenk der Verlagstentakeln, die bis in die Redaktion reichen, allen ihren Leserinnen einen Intimspaß mit Kühen, braunen und gefleckten, soviel Entspannung muss sein. Da schmunzeln die zeitunglesenden Herren an ihren Frühstückstischen, schlagen ein Ei auf und freuen sich auf das Gelbe. Der Kerl hat’s geschafft. Ein Alpha-Typ, keine Frage, den Trick muss man sich merken.

  • ―Das Ding wird gekauft.

Die Frau des Rektors ist etwas abgespannt. Sie schnappt sich das Buch, kriecht unter die noch warme Bettdecke und beginnt zu lesen.

Die Augen gingen ihr über.

Der zerbrochne Kónsens
3

Es macht…
Es macht schon einen Unterschied…
Es macht den Unterschied, wie man ins Leben der anderen vordringt…
… ob mit den Mitteln des Geistes, der Beobachtung aller Fäden, die sich von dir zu diesen da spinnen und zusammen ein sympathetisches Band erzeugen, oder mit dem entschlossenen Grimm des Sammlers, der einer ersten, zweiten, dritten Enttäuschung folgt, als sei sie das Schlüsselelement aller Erkenntnis, sorgsam das verfügbare Zeitquantum überwachend, weil sich sonst die Sache nicht auszahlt … auch hier also die Sache, aber eine radikal andere: die Sache des schnellen Geldes, das sich zwischen ihn und die Menschen drängt und nur einen Effekt gelten lässt: So isses.

Wer das So isses fest im Auge behält, der kann auch von der Beobachtung leben. Schließlich will er leben, nicht anders als die Opfer seines Reptilienblicks, möglichst nicht zu knapp, denn auch hier treibt der Erfolg den Erfolg. Dafür bedarf es der Proselyten. Wenn es eine Aufgabe gibt, die der Berufsschriftsteller nicht aus dem Blick lassen darf, dann diese: sich seinen Proselyten-Anteil, genannt ›Lesergemeinde‹, aus dem Kuchen der Großen Allgemeinen Leserschaft herauszuschneiden und in Treue fest zu bedienen – usque ad infinitum.

  • ―Ach nee, der neue Cheesebecq! Den muss ich haben.

Das gute Buch  Die Große Allgemeine Leserschaft besitzt nur geringe Neigung zu belletristischen Werken. Was im beginnenden Kybrium vom alten Lesefieber übriggeblieben ist, starrt gebannt auf die unverhofft ergrünende Wüste Information. Auch sorgsam gepflegte langjährige Autor-Leser-Beziehungen wandern da leise seufzend in den säkularen Orkus. Nüchtern betrachtet stellt allein das diffuse, durch keinerlei Kirchen-Aktivitäten abzudeckende religiöse Bedürfnis der Epoche die psychischen Rest-Energien zur Verfügung, die es braucht, um sich von einem Buchdeckel zum anderen vorzuarbeiten, bei der Stange gehalten praktisch nur durch den ermüdenden Rhythmus opulenter, das Alltagsvolumen sprengender Beobachtungssätze. Wer im informationellen Überfluss lebt, erwartet vom guten Buch nichts. Voilà, da haben wir das religiöse Bedürfnis. Das Gros der rapide schrumpfenden Käuferschaft hingegen benötigt, als klassische Dreingabe, ein stilvoll verpacktes Geschenk.

Wie jede Gemeinde verlangt auch die des Berufsschriftstellers nach Erleuchtung: K verstört. Wie er verstört, erklärt sich aus dem Charakter der Rituale: nicht zu knapp, nicht zu sehr, nicht zu ungewohnt, das Gewohnte soll überwiegen, denn es garantiert den Lesespaß pur. Wie schön, sich einmal pro Jahr an der Hand nehmen zu lassen: So sehe ich das auch. Die Welt hat sich gedreht, aber auf den Autor ist Verlass. Vielleicht komme ich dieses Jahr nicht dazu, ihn zu lesen, ich habe so viel um die Ohren, es verlangt Sammlung, sich auf seine gewohnten Vorzüge einzulassen, aber das Buch … das gute Buch… Da steht es im Regal und wartet auf ruhigere Zeiten.

Der Rektor weiß von keiner Lesergemeinde. Sein Gemüt ist, was diese Dinge angeht, a blank sheet of paper. Den Ausdruck kennt er und entblößt lachend das Gebiss.

  • ―Versuchen Sie mir nicht Literatur unterzujubeln. Das kann nur schiefgehen.

Das mit den Kühen ist etwas anderes.

Der zerbrochne Kónsens
4

Iris, den Kopf am Hörer, notiert. Was sie notiert, geht nur sie und die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung etwas an, eine Stimme, die durch und durch zu gehen scheint, nicht schreiend, aber erhitzt, ja, so kann man es sagen. Die Frau des Rektors ist echauffiert, ihre Tochter hat sie bereits rebellisch gemacht, nun scheint sie die Pyramide in Wallung bringen zu wollen (… obwohl, Iris bleibt auch in dieser Situation die Ruhe selbst). Was sie sonst noch planen mag, wissen die olympischen Götter. Etwas Junonisches haftet ihrem Auftritt an, als habe sie IHN bei seinem neuesten Seitensprung in flagranti erwischt. Doch diese Sache liegt tiefer, sehr viel tiefer, sie geht an die Wurzel aller Seitensprünge. Der bekannte französische Schriftsteller (›Phrasebecque‹?) hat den Kónsens aufgekündigt und da geht er dahin. Welchen Kónsens? (Die Betonung hat sie, nach längerem Sträuben, denn sie stammt aus bildungsbürgerlichem Haus, von ihrem im Niederwalzen kleinlicher Bedenken geübten Gatten übernommen.) Natürlich den Kónsens der Geschlechter, der darin besteht … worin eigentlich? Dass Lust Lust ist und weibliche keinen Deut weniger wert als männliche, in welchen Formen sie sich auch zeigen möge. Für diese Auffassung hat sie ihr bewegtes Leben lang gekämpft und fest daran geglaubt, in IHM, dem Genossen der ruhigeren Jahre, einen Glaubenspartner gefunden zu haben, der auch zu kämpfen weiß, wenn einmal die Zeit gekommen ist und die Reaktion marschiert.

Die viehische Entdeckung gibt ihr zu denken. Alles nur Pappmaché? ›Vernuttung eines Geschlechts‹? Kühe … Vision einer von Kühen bestampften (denn von ›beherrschen‹ kann da ja wohl nicht die Rede sein) Welt. Der … Froschbeck und seine liebedienerischen Rezensentinnen sollen sich ihren Kuhmist sonstwo hinstecken, aber in ihrer Welt… Wie durchseucht ist die Pyramide eigentlich schon…?

An dieser Stelle unterbricht Iris sanft:

  • ―Meinst du, es ist sinnvoll –
  • ―Ja!
  • ―Und was soll ich schreiben?
  • ―Schreib, was du willst. Nein, schreib: Ich verlange … unverzüglich … die Entfernung dieses Machwerks aus allen … Lehrangeboten … ja natürlich … Lehrangeboten der Pyramide und die Ächtung, ja Ächtung aller Äußerungen, die darauf Bezug… Was sagst du? Zensur? Ja sicher. Du weißt doch, wie man schneidert. Die Schere im Kopf spart den Verschnitt…

Irene ist wach. Überwach. Und kein Friedensengel.
Nein, das ist sie nicht.

Der Kónsens ist zerbrochen.

Der zerbrochne Kónsens
5
Non!

Spitzenautoren wie Kneesebecq sind darauf fokussiert, der Welt ein neues ›Non!‹ zu schenken. Seit den Tagen Voltaires ist DAS NEUE NON! die Weise, sich als Autor der Menschheit, soweit sie des Lesens mächtig und willens ist, diese Fähigkeit zu betätigen, zur Kenntnis zu bringen, sich ins Menschheitsgedächtnis einzuschreiben, wie Duro das nennt. Schriftsteller haben die neue Lust ausgerufen (Non! zur Triebrepression), die neue Unlust, den alten und neuen Adam, hinter- und durcheinander, DIE FRAU (Non! zum Weib), das androgyne Zeitalter (Non! zum ›fixen‹ Geschlecht) und das Veralten der Heterosexualität (Non! zum Homme à femmes). Doch keiner hat es bisher geschafft, die Sanftheit des neuen Geschlechterideals so unverschämt zu denunzieren, dass er dem Idealbild vollkommener Verblödung damit neue Gläubige erschlossen hätte, während der Rest der Leserschaft sich feixend die Hand vor den Mund hält.

Das geht natürlich nur, weil jedes Exemplar seines Buches das androgyne Konterfei seines Autors auf dem Einband trägt.

Das Medium ist der Autor
Der Autor ist die Botschaft

Was bedeutet Knisterbecks Non!?

Schwer zu ergründen, warum der Rektor sich seiner an diesem Morgen bemächtigt. Unruhe hat ihn gepackt, ein Aufbruchsrumoren, als sollten die alten stürmischen Zeiten seines Lebens noch einmal anbrechen, als falle der unscheinbare Niederschlag vieler Jahre urplötzlich von ihm ab, doch wenn er darüber nachdenkt, dann ist es kein privater Rumor, vielmehr einer, der sich gegen den Zustand der Welt richtet, an deren Schaffung ›an vorderster Front‹ mitzuwirken er sich immer verpflichtet fühlte. Something went wrong. Sein Verhältnis zu Frauen war und ist chevaleresk. Im Laufe seines Lebens hat er ihnen so viele Türen aufgehalten, dass ihm dabei vielleicht aus dem Blick geriet, wohin diese Türen letztlich führten. Was für ihn gilt, das gilt vielleicht auch für die Frauen, die einen Tick zu eilfertig den plötzlich im Raum stehenden Einladungen Folge leisteten, verführt durch die Animationskünste der Medien, das Dauergespräch über Machos und neue Männer und Alphas – oder, je nach Kreis und ideologischer Bindung, die Abwesenheit eben dieser Themen, denn der menschliche Zirkus ist groß und unübersichtlich und die Künste der Beleuchter übertreffen alles jemals Dagewesene.

Irene hingegen wittert den Betrug. Dass der Fortschritt, das kostbarste Gut ihrer Lebensjahrzehnte, sich wie ein welkes Blatt vom Zweig lösen und langsam zu Boden trudeln könne, das, ja das … hätte sie sich nicht träumen lassen. Vor allem, dass dieser Vorgang geradewegs im Gehirnkasten ihres Gatten stattfindet, lässt die Lebensgeister aufschäumen. Iris, die Freundin, hat ihr viel über das Projekt erzählt, Starkes und weniger Starkes, doch die Bilanz ist, alles in allem positiv. Das Verhältnis der Geschlechter kommt voran. Hier, am Ende der Straße, wartet der Mülltransporter: das ist eine Provokation ohnegleichen und bedarf energischer Gegenmaßnahmen. Sie hat schon in der Buchhandlung angerufen und eine Plakataktion angekündigt, falls nicht stante pede – an dieser Stelle legt die Buchhändlerin eine kleine Hörpause ein – das Buch aus dem Schaufenster verschwindet. Jetzt lässt sie sich mit dem Direktor des Kulturzentrums verbinden – denn diese Sache geht ins Volk – und lässt sich für einen Vortrag im laufenden Trimester buchen:

Geköpfte Frauen: der neue männliche Kannibalismus

Er hat richtig gehört. Die Sache duldet keinen Aufschub.

Der zerbrochne Kónsens
6
Deduktion einer Ehe in 5 Hauptsätzen

Man kann nicht sagen, die Ehe zwischen Irene und dem Rektor sei ein Kompromiss.

Man kann alles sagen.

Kompromiss bedeutet Verzicht.

Die Ehe zwischen Irene und dem Rektor ist eine Zugewinngemeinschaft.

Für den (seinerzeit noch aufstrebenden) Rektor bedeutete Irene einen Reingewinn. Mit eiserner Disziplin deckt sie den Bereich Kultur ab, für den er von Haus aus nicht zuständig ist.

Für Irene war der (seinerzeit noch aufstrebende) Rektor ein Langzeit-Investment. Du siehst, es hat sich ausgezahlt.

Ohne Kultur kein Aufstieg, ohne Aufstieg keine Kultur, jedenfalls keine, über die zu reden sich lohnte. Irenes durch allerlei kleine Zuwendungen geschaffenes Imperium, das sich kreuz und quer durch die Ruhrstadt schlängelt, bleibt selbst für den Rektor, der nie begriffen hat, auf welcher Woge gönnerhafter Zustimmung er seit Jahren daherschwimmt, undurchschaubar. Vom Typus her ist er selbst zu spontan Gönner, als dass er sich vorstellen könnte, sein von Selbstzufriedenheit strotzendes Ego-System ruhe, wie Venedig auf seinem Unterwasser-Pfahlreich, auf der unermüdlichen Freundschaftspflege seiner Frau auf. Dreimal am Tag könnte ein falscher Freund ihm reinen Wein einschenken und die befremdliche Botschaft würde ihm auf der Stelle wieder entfallen. Am richtigen Fleck kann auch Vergesslichkeit ein innerer Wert sein.

Der Rektor hat den Wert am richtigen Fleck. Auf diesen Wert hat Irene gesetzt.

Er ist feist geworden, der Gute. Irene hingegen, die charmante Blondine, ist noch immer sehenswert, auch wenn die tägliche Verweildauer vor dem Spiegel mittlerweile episch genannt werden darf.

In ihrer Ehe ist Verzicht ein Fremdwort. Selbst auf die einzige Tochter haben sie seinerzeit nicht verzichten wollen.

Und es ward ihnen aufgetan.

Der zerbrochne Kónsens
7
Können Hexen fliegen?

Du musst durchs Sündenbewusstsein hindurch, um aufgenommen zu werden.
Sei die Charmante unter den Kämpferinnen.
Wenn ich etwas richtig mache, was geht’s die anderen an.
Wenn ich durch diese Tür gehe, dann bin ich bereit zum Verrat. Was rechtfertigt diesen Schritt? Verrat.
Rechtfertigt Verrat Verrat?
Gleiches mit Gleichem.

Irene drückt die Tür zum Paradiesgarten auf. Eine Filmgebärde.
Der Blick der Freundinnen leuchtet auf.

Cornelia Kornisch (Konni)
Galerieinhaberin
Victoria Barsch
Schriftstellerin

Don’t be an idiot. Don’t join the gang.
Blick nie zurück.

  • ―Worüber redet ihr? Über Männer? Wo ist Chico?
  • ―Chico streunt.
  • ―Ma:enner (Vic zerlegt das ›ä‹ in ›Männer‹ und lässt die Zunge über das künstlich geschaffene Hindernis hüpfen) … Ma:enner sind tabu.
  • ―Sei bitte vorsichtig. Achte auf deine Füße.

Die Schlange zu deinen Füßen. Mein Gott, wie lang ist das Teil?

  • ―Wo kommt der denn her?
  • ―Aus dem Wald, wo sonst?
  • ―Willst du ihn verheizen?
  • ―Ich will, dass man ihn bewundert. Der Kerl von BILD ist schon unterwegs. »Vier-Meter-Ast im Garten der Galerie Kornisch. ›Ich brachte ihn selbst nach Hause‹, verrät die erfahrene Inhaberin, die selbst schon mal unter die Kunstschaffenden geht.« Mehr Selbst geht nicht. Also stolper bitte nicht und setz dich her. Ich bring dir einen Kaffee.
  • ―Aber jetzt mal ernsthaft: Geht’s Willi nicht gut?
  • ―Das a:endert nichts.
  • ―Aber ich dachte, er mag…
  • ―Halt. Nicht das M-Wort, bitte. Deshalb sitzen wir schließlich beisammen.
  • ―Fast hätte ich’s vergessen. Wo bleibt denn Konni mit dem Kaffee?
  • ―Sie braut einen starken. Wie hat er’s aufgenommen?
  • ―Er weiß es noch nicht.
  • ―Du hast noch nichts gesagt?
  • ―Das will alles gut überlegt sein.
  • ―Das habe ich mir schon gedacht.
  • ―Ich brauch erst mal einen Kaffee.

Zitternd kriecht Willi aus Victorias Bluse.

Der zerbrochne Kónsens
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Flight 5-0-7. Flight 5-0-7. Passengers please proceed…

Die Schriftstellerin Barsch ist in der Pyramide keineswegs unbekannt. Zu ihr geht die anspruchsvolle Frau, um sich den ehelichen Star stechen zu lassen. Böse Zungen nennen sie ›die Engelmacherin‹. Auch auf sie trifft der Satz zu: omnia me mecum porto. (›Mein Besteck habe ich immer dabei.‹)

Die Galeristin Kornisch ist mit Duro liiert, wie das in diesem Fall heißt. Im älteren Sprachgebrauch bedeutet ›Liaison‹ eine Liebschaft, von deren kurzer Dauer alle Welt überzeugt ist, die Liebenden in der Regel eingeschlossen. In der modernen Liaison ist die kurze Dauer, auch ›Dauer überhaupt‹ genannt, dem prolongierten Heute gewichen, der Phase des verdeckten Grolls, der sich von Zeit zu Zeit explosionsartig Luft verschafft. Kornischs Motto lautet: Was ich zu sagen habe, sage ich jetzt. Daran hält sie sich eisern.

Vic weiß nicht, wo sie ansetzen soll. Keine leichte Situation für eine Wissende. Gern ließe die stadtbekannte Schwester des weltberühmten Schriftstellers für einen Moment nur die Maske fallen, die MASKE (sie hat sich angewöhnt, in ihren Schriften alle Wörter, auf denen ›ihre‹ Botschaft ruht, in VERSALIEN auszuführen) einer Führerin der Verwirrten Frauen (VF), unter deren Blick sich die verworrensten Verhältnisse glätten, bis nichts weiter an sie erinnert als ein zurückgebliebener Tropfen Herzblut, aus dem sie den Sud immerwährender Rachsucht gewinnt: nadelkopfgroß, aber hochwirksam. Auf ihrem häuslichen Spiegel steht, schwungvoll hingemalt: KUHDOKTRIXX (mit Doppel-X, um den genetischen Fakten Rechnung zu tragen). Neben der Garderobe, aufgeschlagen, ihr Buch: Die LIEBE zum MA:ANN ist HEILBAR. Die FÜLLE der VERSALIEN weist DEN WEG. Geh ihnen nach und DU findest DICH. Bist DEIN DU DU, BIST DU das BIEST.

Noch Fragen?

Vic nennt Conni DIE MARSCHALLIN. Das Ding mit Duro imponiert ihr WIDER WILLEN. Sie schreibt darüber EIN BUCH. Davon weiß Conni nichts.

Der zerbrochne Kónsens
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Die Entfesselung des Biests

An der Tür steht, mit Kugelschreiber halb ins Holz geritzt:
Lust Conni Niemand zu sein unter soviel / Koniferen
Es ist nicht das einzige Gekritzel. Darunter steht:
Rettet das Problem!
Auch eine dankbare Künstlerhand findet sich.

Conni auf Beobachtungsposten. Irene, findet sie, begeht den Fehler ihres Lebens. Doch dieser Fehler, das spürt sie, muss sein.

Irene muss das innere Biest nicht entfesseln. Ihre Wut ist ansteckend.

Was Conni verschweigt: Sie hat bereits versucht, den berühmten Autor zu buchen.

Vic bereitet einen Lichtbildervortrag vor: Die wunderbaren Kühe.
Jetzt hebt sie ab.

Vic hasst TROPEN. Die Entfesselung des Biests kann nur gelingen, wenn die Bilder schweigen. Eine Kuh ist eine Kuh ist eine Kuh und keine Metapher. Der MA:NN stiehlt das Kuhsein: das warme ruhige, beständige Beisichsein des sich selbst genügenden KO:ERPERS. Eine Kuh ist mächtiger als jeder Reiz. Das KONZEPT ›Landschaft mit lila Kühen‹ nimmt dem Kuhsein die RADIKALE WU:ERDE. LANDSCHAFT ist MA:ENNLICH. SPRENGE das Bild. SETZ DICH in die MITTE des Bildes und lass es PLATZEN.

Unauffällig mustert Irene ihre Figur.

  • ―Conni, dein Kaffee ist fabelhaft.
  • ―Schön, dass du das sagst. Ich habe da eine Quelle.
  • ―Kenne ich sie?
  • ―Du wirst sie kennenlernen.
  • ―Was macht Duro? Hat er ein Forschungssemester?
  • ―Duro forscht von früh bis spät.

Wann war ihr letztes Forschungssemester?
Ein Rektor ist doch bloß ein Verwaltungsbeamter.

  • ―Ich lach mir einen Ast.

 

Kärich verfolgt einen Gedanken und fühlt sich dabei verfolgt

Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Was, zum Teufel, ist ein Tabu?

Des Dozenten Gesichtsmuskeln, durch die Frage gespannt, eine Projektionsfläche erster Güte: was wäre, wenn er jetzt ein wenig in Wallung geriete ... oder ins Stottern ... oder ins Vordenken... Man kommt, als Student, nicht oft in die Pyramide, da will man Schauspiel, am besten pur. Der Dozent pflegt die mäandernde Rede, das wissen sie schon.

  • ―Richtig! Tabu ist zunächst, worüber man schweigt. Das Schweigen kann natürlich verschiedene Gründe haben, das Tabu wäre einer davon, einer unter vielen, aber das scheint vielleicht nur so. Gewöhnlich schweigt einer, weil er keine Antwort weiß. Warum redet dann einer, der keine Antwort weiß? Sehen Sie, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht und ich rede weiter. Getrieben von der Situation, Sie werden sagen, was soll er machen? Soll er da vorne stehen und Däumchen drehen? Die Situation verlangt, dass er seinen Job macht und also redet er weiter. Was ist daran aufregend? Das ist eine ganz alltägliche Situation. Ist Konversation höflich und wollen wir höflich sein, dann reden wir weiter. Halten wir sie für nervig, dann brechen wir ab, irgendwo, und starren aus dem Fenster. Wir blicken nicht aus dem Fenster – wir starren. Da liegt der Unterschied. Was, bitte, sähe ich, wenn ich mir jetzt einfallen ließe, aus dem Fenster zu starren? Ich bitte um eine Antwort. Was alle sehen? Gut gut, also Sie und ich. Aber ist das richtig? Kann einer von Ihnen nachvollziehen, was ich sehe, wenn ich jetzt aus dem Fenster starre? Natürlich nicht. Schließlich handelt es sich in diesem Fall nicht um Konversation, sondern um die Verweigerung eines Lehrakts. Wer kann schon ermessen, was in einem Dozenten vorgeht, der sich zu diesem äußerst wichtigen Schritt … entschließt? Entschließt er sich wirklich? Ein solcher Entschluss will bedacht sein. Das kostet Zeit. Wessen Zeit? Die Zeit dessen, der da abbricht? Aber er bricht etwas ab, vielleicht aus Überschwang, auch das soll vorkommen, vielleicht, weil er sich etwas von der Rede versprochen hat, was nicht eintrat, jedenfalls nicht bis zu diesem Zeitpunkt, und jetzt wäre es zu spät, er bricht etwas ab und zwar diese Rede, die ihn doch ausgefüllt hat, solange er redete. Er hatte also, wenn man es genau nimmt, keine Gelegenheit zu bedenken, was er da tut. Dennoch tut er es, aus einem Impuls heraus, den man zwingend nennen sollte, denn – ja?
  • ―Korrekt. Sie haben recht. Wer redet, erwartet, dass man ihm folgt. Können Sie mir folgen? Gut, dann versuchen wir den nächsten Schritt. Woher weiß ich, dass Sie mir folgen? Sie können mir folgen? Gut. Sie könnten mir also folgen. Aber folgen Sie? Sind Sie so folgsam? In Gedanken? Eine Herde Lämmer? Großer Gott, sowas nennt man doch nicht studieren. Vielleicht folgen Sie mir ganz leicht, ganz beiläufig, und machen sich währenddessen Ihre Gedanken. Das wäre möglich, es würde mich sogar freuen. Andererseits würde ich gern Ihre Gedanken lesen, während ich ganz erfüllt bin von meinen Gedanken. Warum füllen sie mich aus und Sie nicht? Was macht Sie so sicher, dass Sie meinen Gedanken folgen, während Sie die Lippen spitzen, um zu pfeifen – auf mich und das, was ich Ihnen zu sagen habe? Nein, ich weiß nicht, ob Sie mir folgen. Es ist mir, ehrlich gesagt, auch schnuppe, bis zu dem Moment –
Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Natürlich. Natürlich. Tabu ist, worüber man nicht reden darf. Worüber man nicht reden darf, darüber soll man schweigen. Oder? Soll man? Soll man nicht? Wer hat das Recht, mir die Rede zu verbieten? Andererseits: solange ich noch so denken kann, wo ist da das Tabu? Nein, es muss anders heißen. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Das ist der Satz der Epoche. Beifall! Ach bitte, geben Sie mir ein Beispiel. Los, geben Sie mir ein Beispiel! Denken Sie nicht lange nach, sonst verflüchtigt sich die ganze Materie. Schon geschehen? Das ging ganz schön schnell. Bei den Ombró zum Beispiel ist es ganz ungebührlich, die Rede auf irgendwelche Taten der Vorfahren zu bringen – eine schöne Umkehrung dessen, was man allgemein erwartet. Früher kostete, wie es so schön heißt, der Übeltäter den Dolch, heute dulden sie, dass er den Stamm verlässt, nachdem sie ihn ein wenig geritzt, also gezeichnet haben, natürlich im Dunkeln, mit Masken vor dem Gesicht.
    Sie sehen, es gibt den Fortschritt. Was lernen wir daraus? Es ist ganz willkürlich, worüber man schweigen muss. Aber es steht in niemandes Macht, es zu ändern. Wer das Schweigen bricht, tut dies auf eigene Gefahr. Falls er mit dem Leben davonkommt, kann er immerhin bezeugen: Es geht doch. Aber sein soziales Leben, seine Stellung, sein Prestige, womöglich auch sein Vermögen, sind futsch. Es ist also richtig zu sagen: Ich kann nicht. Natürlich könnte auch ich, aber meine wissenschaftliche Reputation lässt es nicht zu. Es wäre dreckige Sprache, Sie wären zu Recht empört und könnten mich denunzieren. Vielleicht würden Sie auch jubeln und in mir den Helden und Tabubrecher feiern, aber das Hochgefühl hielte nur, bis ich den Raum verließe – draußen wäre ich ein toter Mann. Sie wollen ein Beispiel? Guter Trick, aber er verfängt nicht. Aus mir bekommen Sie nichts heraus. Natürlich gibt es Kollegen, die sind große Tabubrecher – gehen Sie hin, schauen Sie sie sich an! Falls Sie es können, falls sie noch in der Lehre sind und nicht schon in Italien weilen oder in einem anderen Sonnenland, um ihre Wunden zu kühlen.
    Aber es gibt nicht nur die Ombró. Wir kennen Gesellschaften, die förmlich darauf lauern, dass einer sich verrät. Solche Gesellschaften hüten ein großes Geheimnis, vielleicht machen sie auch nur ein Geheimnis aus dem, was alle wissen, jedenfalls betrachten sie sich als etwas anderes, im Normalfall Besseres als ihre Umgebung. Das Geheimnis des Besserseins muss natürlich bewahrt bleiben, das versteht jeder. Oder nicht? Angenommen, es gibt so etwas wie einen missionarischen Drang, alle Welt soll wissen, was am eigenen System besser ist, dann wäre Verräter, wer seine Vorzüge verschweigt. Man kann also auch durch Schweigen, besser: durch Übergehen ein Geheimnis verletzen. Das festzustellen ist nicht so einfach. Sie brauchen schon ein System von Sätzen, ›System‹ jetzt in dem ganz losen Sinn eines einfachen Verbundes, dessen Gebrauch darüber entscheidet, ob Sie ein positives Glied der Gesellschaft sind oder ein Verräter. Nun denn. Für die Absonderung vorgeschriebener Sätze hält der Volksmund eine drastische Vokabel bereit, die ich Ihnen nicht groß benennen muss. Auch hier greift das Tabu. Also steckt in jedem, der einer missionarischen Gesellschaft angehört, ein Verräter. Aber natürlich braucht es Prozeduren, die ihn herauslocken. Denken Sie an die Stalinschen Schauprozesse –
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  • ―… Ich denke nicht daran. Es braucht Prozeduren, sage ich, und diese Prozeduren müssen systemkonform sein, das heißt, entweder zustimmungsfähig oder furchtbar, am besten beides. Sie müssen natürlich auch mit den Gesetzen des Landes zusammenstimmen, das ist schon klar. Aber Gesetze lassen sich ändern oder suspendieren oder umgehen oder auch nur interpretieren, da gibt es erstaunliche Beispiele. Vor allem aber muss das gewählte Verfahren greifen. Was ich darunter verstehe? Versuchen Sie, die Hälfte der Bevölkerung eines Landes hinter Gitter zu bringen und Sie werden begreifen, was ich meine.
    Andererseits brauchen Sie den real existierenden Verräter. Im Lande aller Braven erzeugen Sie keine Furcht, also keine Bravheit, also kein Anderssein, jedenfalls kein Bewusstsein davon. Bewusst anders sein, das wollen Sie doch, oder? Keine Sorge, ich meine das nicht persönlich, fühlen Sie sich angesprochen oder nicht, das ist Ihre Sache, allein, mit anderen, fühlen Sie sich frei. Und? Fühlen Sie sich angesprochen? Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere könnte man so umschreiben: Man erzeugt kein Tabu durch Gesetze. Aber: hinter jedem Gesetz steht ein Tabu. Das ist kein Animismus, das ist harte, nackte Realität. Gesetze werden gemacht, nehmen wir an: in einem ordentlichen Gesetzgebungsverfahren, sonst wären es keine ordentlichen Gesetze und darauf kommt es schließlich an. Wir alle wollen ordentliche Menschen sein, Menschen mit ordentlichen Gedanken und Überzeugungen und Taten, ja natürlich, was sonst. Schauen Sie nicht so ungläubig. Stört Sie das Wort? Nehmen wir ein anderes. Also: wir alle, wir alle ... lachen Sie nicht. Auch Ihr Lachen ist wohlsortiert, glauben Sie mir, es ist, sagen wir, geordnet. Wir kommen aus geordneten Verhältnissen, ob wir wollen oder nicht, und gehen … wohin? In geordnete Verhältnisse, wohin sonst? Ich sehe, auch dieses Wort passt Ihnen nicht, Sie wollen es partout ungeordnet. Hier: ich schreibe es hin: ungeordnet. Wie Sie sehen, ist alles noch da, nur die Vorsilbe ›un-‹ streicht es durch, etwa so:

     

    ungeordnet

     

    Sehen Sie, was hier passiert? Den einfachen Negator können Sie in der Pfeife rauchen. Er sagt Ihnen nichts, das Durchgestrichene blickt überall durch, es ist die Botschaft, nach wie vor. Dieses Durchgestrichene, das überall durchblickt, nennt man in zivilisierten Kreisen Tabu. Ich erwähne das deswegen ausdrücklich, weil die zivilisierten Kreise es vorziehen, vom Tabu zu reden, als sei es ein Charakteristikum primitiver Kreise, früher sagte man: der Primitiven, aber das ist natürlich tabu. Sie streichen also die Ordnung durch, die überall durchblickt. Ich verstehe: Sie wollen keine Ordnungsfanatiker sein, Sie sind aufgeklärt. Ordnungsfanatiker streichen das ›un-‹ durch, den Negator, sie wollen es positiv und denken dabei unentwegt ans Negative. Wundert uns das? Natürlich nicht. Aber beantworten Sie mir doch die kleine Frage: Was ist nun tabu? Die Ordnung? Oder die Unordnung? Sagen Sie bitte nicht: dem einen dies, dem andern das. Das wäre nun wirklich primitiv. Wir alle sind Ordnungsfanatiker – Sie, ich, der ganze Haufen, Sie werden keine Stecknadel darin finden. Lesen Sie die Schriften der Anarchisten und Sie wissen, was ich meine. Glasklare, perlende Prosa, ein Gedanke klüger als der andere, ein Gedanke stimmiger als der andere, der reinste Ordnungszwang, und er kehrt sich, wie immer, am Ende gegen die Realität.
    Tabu ist immer das Tabu.
    Empören Sie sich gegen den Ordnungszwang? Nur zu. Was ist denn so irrational an der Ordnung, dass es Ihr Herz empört? Die Antwort darauf ist ganz einfach: alles, was das Herz Ihnen eingibt. Das Herz ist ein beweglicher Muskel, es macht Druck. Ich sagte, das Tabu ist der Schatten, den ein Gesetz wirft, es teilt den Druck, es stanzt eine leere Fläche aus ihm heraus, es verschafft ihm ein gewisses Quantum an Geltung, ohne dass gleich die Polizei vor der Haustür steht. Haben Sie das BGB im Kopf? Ich nicht. Dafür braucht es Spezialisten und auch die müssen im Einzelfall nachschlagen. Trotzdem funktioniert das Ganze... Da war eine Wortmeldung. Sprechen Sie, ja natürlich, sprechen Sie ruhig.
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  • ―Warten Sie, ich muss Ihnen erst folgen. Sie meinen also? Nein? Nun. Ja wirklich, das ist eine gute Frage. Die unsichtbare Religion, sie ist natürlich nicht neu, sie ist ein direkter Abkömmling der unsichtbaren Hand, eine Unsichtbarkeit gibt hier sozusagen die andere. Menschen werden mit Ordnungsvorstellungen geboren und gehen an ihnen zu Grunde, so kann man es sagen, das stimmt vielleicht, aber wir können das, was daran stimmt, nicht besonders gut greifen, und Religion auf Ordnungsphantasien zu reduzieren, das ist schon, das ist schon recht... rudimentär. Eigentlich sagt es nichts anderes, als dass der Wunsch, mit den anderen halbwegs auszukommen und nicht gleich alle Verhältnisse gegen die Wand zu fahren, sehr sehr elementar sein muss, eine Trivialität also, vielleicht nicht unter Gestörten, aber das wäre ein anderes Thema, vielleicht auch nicht. Der Gestörte ist ja selbst tabu, er ist gestört und also nicht völlig belangbar, in schwereren Fällen von aller Zurechnung freigestellt. Der eine oder andere aus diesem Personenkreis hat auch ein Bewusstsein davon und nützt es aus. So etwas kommt schon einmal vor. Wenn Sie sich in einen Rollstuhl setzen, können Sie den Menschen Dinge sagen, die Sie sich sonst besser verkneifen. Da haben Sie die unsichtbare Religion. Einer redet und die anderen schweigen. Sie halten die Blicke gesenkt und schämen sich. Sie wissen also, wovon die Rede ist, sie wissen alles selbst und könnten ohne zu zögern in ihr fortfahren, aber sie ziehen es vor zu schweigen. Warum? Weil es außer der Ordnung ist. Was dieser da sagt, es kratzt die Ordnung nicht, sie muss es aushalten, sonst besäße jeder die Macht, sie kraft seines So-Seins zu zerbrechen. Denn jeder ist anders. Manchem schlägt das Gewissen allzu heftig, auch das ist eine Störung und stellt Sie frei, Dinge zu sagen und zu tun, die Sie nicht ganz überblicken, von denen Sie im Moment überzeugt sein mögen, im nächsten Moment kann sich das anders gestalten. Auch den Gewissenhaften umgibt das Schweigen als eine Art Schutzmantel und nur der Gewissenhafte ist wie der ganz Gewissenlose so frei, das Gewissen des anderen nicht zu tolerieren. Oder meinethalben, nehmen Sie einen Kotzbrocken: das gleiche Spiel, das gleiche Ergebnis, diesmal durch ein Zuwenig an Zartgefühl. Sehen Sie –
Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Richtig, vollkommen richtig. Jede Rede, die ankommt, hat doch schon etwas von einem Tabubruch. Einer spricht aus, was alle denken. Spräche er nur wie sie, wäre es nur Gerede. Nein er spricht aus, was sie nicht aussprechen können, teils, weil sie es nicht wagen würden, teils, weil sie diese ganze Gegend nur mit heruntergelassenen Jalousien durchqueren, so dass ihnen die Worte dafür fehlen, jedenfalls bis zu dem Augenblick, in dem er sie ihnen vorspricht. Haben sie also gedacht, was er spricht? Was heißt hier ›denken‹? So wie sie ihm an den Worten kleben, könnte man meinen, es seien ihre Gedanken und das sind sie in gewisser Weise ja auch, aber jetzt erst, Wort um Wort, werden es ihre Gedanken – man kann auch anders betonen, es werden jetzt ihre Gedanken, aber das kommt ungefähr aufs Gleiche heraus. Übertreibe ich? Nein, ich glaube nicht. Nehmen wir den Fall eines beliebten Politikers, eines nicht bei allen beliebten Politikers, müsste ich jetzt der Genauigkeit halber hinzusetzen, aber das versteht sich in diesem Beruf schon von selbst. Sie kennen ihn alle, sagen wir, seit Thukydides, sicherheitshalber konstruieren wir ihn scheibchenweise – er ist polemisch, witzig, schlagfertig, also ein seltenes Talent in der hiesigen Arena, aber: das allein wäre eher geeignet, ihn abzudrängen, es ist ein Außenseiter-Talent. Haben Sie schon einmal beobachtet, welchen spärlichen Umgang mit dem Wort konventionelle Machtträger pflegen? Wortschatz, Syntax, Idiomatik, Zitatwahl, alles ist scheinbar auf Kommunikation mit der breiten Masse angelegt, aber das scheint nur so, in Wahrheit entfaltet dieser Jargon seine eigentümliche Überlegenheit in der versteckten Kommunikation mit der Macht. Einer, dem die Sprache liegt, der ihr schon einmal ein Stückweit nachgeht, steht dagegen leicht im Verdacht, ein Volkstribun zu sein oder ein Schöngeist. Ersteren fürchtet man, letzterem begegnet man mit maskierter Geringschätzung – übrigens auch in Literatenkreisen, machen wir uns da nichts vor. Wir stehen hier mitten in der Tabu-Produktion, sehen wir uns um. Was sehen wir – ja?
Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Unser Thukydides-Mann, ja. Warum Mann? Schwer zu sagen, darauf kommen wir später. Vielleicht auch nicht. Es sind die emanzipierten Frauen, die ihn nach oben tragen, ja tragen, in einer Sänfte aus Wohlwollen, Ambra und Moschus, wir weilen noch immer bei den alten Griechen. Er hat es auch nötig, ein gewisser Bocksgeruch geht von ihm aus. Manch einer aus der Riege der Abgedrängten glaubt felsenfest, er habe den Bocksfuß deutlich erkannt. Aber das ist natürlich … Tinnef. Was bewegt diese Frauen? Sagen wir, er ist nicht wirklich witzig, sagen wir, seine Polemik besitzt einen Erdgeruch, sagen wir, alles bleibt ein wenig ungehobelt, aber eben nicht sehr. Sagen wir, er bedarf der salbenden Hände, sagen wir, er bedarf dieser leidend belustigten Zuneigung einer sozialen Gruppe, die ihre Zukunft noch vor sich sieht, sagen wir, er ist ein Macho, aber auf der richtigen Seite, einer, der es den anderen gibt –? Alpha-Tier, jaja. Plötzlich geistert dieses Wort durch die Arena. Das Alpha-Tier besitzt, alle wissen es, eine positive Ladung. Es ist also elektrisch geladen. Es ist nicht der kreuzbeladene Sündenbock, der stellvertretend für die Übel dieser Welt verbannt oder verbrannt wird. Es ist der Gnadenbock, das Reittier ins Offene.
    Worin besteht das Offene? Die Frage sollte Sie nachdenklich machen. Wollen wir es zustellen mit Erwartungen? Wäre es dann noch das Offene? Aber ohne Erwartungen? Wäre es dann? Das Offene ist nicht irgendetwas. Das Offene ist – kleiner Ausflug in die Welt des Monotheismus – das Gelobte Land. Was ist das Gelobte Land? Die Frage, Sie merken es, erweist sich als etwas kitzlig. Man vermehrt die Zahl seiner Gegner, wenn man sie so stellt. Man verletzt ein Schweigegebot, man verletzt die Menschen, wenn man sie so rüde angeht, man wird selbst zum Rüden. Das Land, wo Milch und Honig fließen, das wäre doch etwas. Sie bemerken die Stockung vorher und das Fließen danach, wir haben eine Schwelle passiert, wir haben sie wahrhaftig passiert und jetzt sind wir weiter. Reden wir über Milch und Honig und ihren Preis. Reden wir über die Preistreiber. Reden wir, legen wir ein bisschen heisere Stimme zu, ein bisschen Reibeisen, ein bisschen künstliche Erregung, um das Bewusstsein der Schwelle wachzuhalten, und dann reden wir übers Programm. Reden wir so darüber, dass denen, die es ausgekocht haben, Hören und Sehen vergeht. Reden wir, als seien wir wirklich ausgebufft, ausgebuffter als alle anderen, ein ganzes Stück jedenfalls, reden wir, als ob unsere Wirklichkeit gerade jetzt, in diesem Augenblick, vor der Tür steht und wir gehen jetzt hin und lassen sie herein, weil, weil… sie ohnehin nicht mehr weggeht.
    Merken Sie, wie es der anderen Seite langsam mulmig wird? Wie ihr die Kraft ausgeht? Wie sie auf eine Schwäche lauert, die sie nicht sieht? Wie sie anfängt zu stochern? Was es da wohl zu finden gibt? Ganz einfach: die Realität. Boden unter den Füßen. Tritt fassen nennt man das.
Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Ja natürlich. Ganz recht. Neinnein, das passt schon. Ich pflichte Ihnen völlig bei. Neinnein, das ist kein anderes Thema. Nacktsein ist Schwäche. Das Tabu gibt Stärke. Aber stark, wirklich stark ist, wer sich nackt zu zeigen weiß. Wer sich nackt zeigen kann, denn ganz, wie jeder Einzelne weiß, ist das nicht ins Belieben dessen gestellt, der sich vor aller Augen entblößt. So nicht. Nein, das Tabu ist nichts Psychisches. Es ist das, was sich herstellt, unter unseren Augen, wenn Sie so wollen, unter den Augen dieses vielköpfigen Wir, im Moment der Nacktheit. Jeder hat solche Momente, jeder muss sich verbergen. Ich rede, Sie schweigen. Was verbergen Sie mir? Wissen Sie’s? Nein, natürlich nicht. Warum? Weil Sie es vor sich selbst verbergen, jedenfalls, solange Sie hier als Studenten sitzen und nicht als Stifthalter oder Daumendreher oder als Spitzel oder als Obdachloser auf der Suche nach einem warmen Plätzchen. Aber auch meine Rede, machen wir uns da nichts vor, verbirgt. Die Gedanken laufen vor, neben und hinter meiner Rede, sie wählen aus, verwerfen, formen, modellieren. Aber ist das richtig? Sind das noch Gedanken? Ist nicht erst das, was in gerundeter, grammatisch korrekter Form – gehen wir mal davon aus – meine Lippen verlässt, ein Gedanke? Ein Gedanke unter Denkungeheuern. Wenn Sie mich so sitzen sähen, allein unter Ungeheuern, die pausenlos aus mir herausquellen... was würden Sie tun? Die Polizei rufen? Die Pfleger? Irgendwas würden Sie tun, im einfachsten Fall den Raum verlassen. Aber irgendeiner würde bleiben, irgendeiner bleibt immer und sieht sich das an. Das Tabu ist für die Vielen, nicht für den Einzelnen.

Nach der Pause reden wir weiter.

Der Verlust von Kansas

»――«
»――«
»Um Kopf und Kragen.«
»Das kannst du laut sagen.«
»Wovon redet ihr?«
»Lasst uns weitergehen.«

>»Um auf dieses Bild zurückzukommen –«
»Ja?«
»Es entstand nach einem Schlaganfall des Künsters.«
»Ist das wichtig?«
»Steht im Katalog.«

»Ich mag solche Darstellungen nicht.«
»Ich frage mich, was es darstellt.«
»Egal. Es ist grausam.«
»Das Bild oder die Sache?«
»Was ist die Sache, wenn es doch ein Bild ist?«

»Frag mich nicht. Irgendwas mit Sklaverei.«
»Ich verstehe Bahnhof.«
»Ich denke, er hat sein persönliches Trauma gemalt.«
»Das sieht man.«
»Wirklich?«

»In der Regel tritt Verlustangst ein, sobald der Verlust erst einmal unumstößlich geworden ist.«
»Sie wollen sagen…«
»Ja, das wollte ich.«

 
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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN
  
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Aus Träumen herauftauchend, eine Aufgabe festhaltend, die sich zum Gedanken einerseits, zum Bild andererseits verfestigt, ohne schon zu verfestigt zu erscheinen. Auch bleibt es ungewiss, ob das, was da als Aufgabe heraufdämmert, als deine Aufgabe begriffen werden soll oder als eine, deren Ausführung, durch wen auch immer, in den Raum gestellt wurde – was ihre Dringlichkeit keineswegs geringer, nur eben anonym werden ließe: diese Aufgabe knüpft sich auf unbegriffene Weise an die Zahl vierundzwanzig, genauer, an das Bild oder die vage bildhafte Vorstellung, an der das Meiste assoziiertes Gefühl bleibt, von ebenso vielen, vorerst leer blickenden Rahmen, die den Halb-, Viertel- und Nicht-mehr-Schläfer durchgeistert. Was die Aufgabe angeht, so lässt sie sich leicht formulieren, obwohl du das immer wieder hinausschiebst, vielleicht, weil es dir vorkommt, als gerate das Formulieren hier leicht auf Abwege oder decke mit kräftigen Lettern gerade das zu, was gesagt werden müsste, um dem Erträumten gerecht zu werden. Doch in Wahrheit bleibt es wie alles begründungslos.

 

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (1)
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Vierundzwanzig Bilder, lautet die Aufgabe, hätten das wechselnde Antlitz einer – dir übrigens unbekannten – Person vorzustellen, die, aus ihrem Alltagsleben herausgeholt, auf eine kurze, lange Reise in den verordneten Tod geschickt wird

 

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (2)
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der ›sie erwartet‹, wie man so sagt, mit einem jener rätselhaften Ausdrücke, die sich um diese grausigen Prozeduren gebildet haben, während es doch so ist, dass sie ihn erwartet, aber so, wie ihn Menschen erwarten, wenn sie genötigt werden, die Spanne zwischen zwei Ungewissheiten auszufüllen, ohne dass es etwas zu tun gäbe, in dem sie Vergessen fänden oder auch nur die Art von Ungewissheit, die dem Leben, dem einfachen, wirklichen Leben gemäß wäre, weil es nun einmal ist, wie es ist, selbst dann, wenn jemand unter die Räuber und Vergewaltiger fällt.

 

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Vierundzwanzigmal also das Schweißtuch der Veronika, abgenommen einem jungen, seiner Auslöschung entgegenreisenden Mädchen, dessen Traumnamen du vergessen hast, was seltsam ist, weil der Traum ihn eigens herbeischaffte, als sei da noch etwas ausgespart geblieben, das um keinen Preis ausgespart werden durfte, während das Gesicht –

 

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Warum vierundzwanzig?

 

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Ganz einfach, könntest du dir sagen: 6 x 4, das Problem des Würfels, der in die Ebene drängt. Doch so einfach lässt das Problem sich nicht aus der Welt schaffen. Warum auch. Ein Problem hat ein Recht zu existieren, etwa wie ein Mensch, ein Baum, ein Vogel, ein Rosinenhügel oder, deinethalben, ein Rosmarinstrauch. Das Problem des vierundzwanzigmal leeren Rahmens lässt sich schwer formulieren, die Frage, warum es existieren sollte, nimmt daher ungebührlichen Raum ein, eine Zeitlang kommt es dem Viertel- oder Achtelträumer so vor, als bestehe Deckungsgleichheit zwischen Problem und Frage, doch schon schiebt das Problem sich wieder nach vorn, leer, wuchtig, wenn er nicht aufpasst, erschlägt es ihn vor dem Aufwachen. Du versuchst dir die Reihe der Passionsrahmen vorzustellen, das geht wohl nicht anders als dadurch, dass du sie mit Inhalten füllst

 

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die Inhalte strömen herbei, fast könnte man sagen, sie reisen an, manche zu Fuß, manche in komfortablen

 

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Schüben

 

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diese junge Frau, zweidimensional auch sie, die sich sachte ablöst von ihrem Grund und vorbeischwebt, wirkt nicht verzweifelt, eher jenseits der Verzweiflung, besäße sie Augen, so sähe man gleich, wie es um sie steht, nun gut, sie besitzt welche und man sieht, wie es um sie steht, aber nur für den Augenblick dieses gedanklichen Zugriffs, lockert er sich, so verschwinden sie und man sieht nichts oder, besser vielleicht, seltsam wenig, denn nichts zu sehen ist nicht so einfach, das gilt für jeden Zustand, gleichgültig ob Wach- oder Schlaf- oder Traum-. Ob es etwas zu sehen gibt oder nicht, bestimmt nicht der Träumer. Er bestimmt nur die Auswahl. Bestimmt er sie? Nun, nicht wirklich, er fährt mit dem Stift hin und her, unterstreicht dies, lässt jenes dahingestellt sein, er träumt ja nicht bewusst, er gleitet.

 

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Dass er von ihr angerührt wird, ist ganz normal, es betrifft

 

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keinen von ihnen direkt, müsste er denken, doch der Gedanke ist gerade nicht auffindbar, vielleicht gelöscht, es gäbe ihn also, nur hinter Gittern

 

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einen Gedanken kann man nicht aus der Welt schaffen

 

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nein, das geht nicht, es geht wirklich nicht, der Weltknoten, der dich hervorgebracht hat, ist nicht auf bestimmte Gehirne beschränkt, er ist nicht randscharf, denkst du, nun ganz du selbst, aufrecht, ein wenig schläfrig noch, das ist der entscheidende Punkt: er sitzt in den Übergängen und jeder Versuch, ihn von außen zu fassen, lässt ihn herein. Lässt ihn herein. Vermutlich ist das der Grund für Gedankenphobien. Die Leute fürchten die Ansteckung und lassen sich allerhand einfallen, um ihr zu entgehen. Ob’s hilft, weiß nur die Zukunft. Das Wissen der Zukunft ist unbegrenzt, jedenfalls liegen seine Grenzen nicht dort, wo man sie gerade vermutet. Dennoch: du weiß schon, dass du niemals mehr wissen wirst als jetzt. Du weißt überhaupt mancherlei.

 

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Man kann sich einem Gedanken verweigern. Einem bestimmten? Ohne ihn bestimmt zu haben? Wie gründlich muss man einen Gedanken kennen, um ihn verweigern zu können? Ist ein Gedanke, den man in- und auswendig kennt, noch zu verweigern? An welcher Schwelle?

 

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Man kann den Ort unkenntlich machen, an dem er, erst einmal in der Welt, sich unweigerlich einstellen würde. Doch das gelingt nur unvollkommen. Der Gedanke wird diesen Ort weiterhin umkreisen, eine einsame Dohle, die Menschen durch ihr Gekrächze erschreckt. Die Einsamkeit der Gedanken... worin besteht sie? In der Einsamkeit, mit der bezahlt, wer sie denkt? Das wäre unwahrscheinlich, sehr unwahrscheinlich, die Menschen lieben an ihresgleichen die Einsamkeit und werden, Zaungäste, die sie sind, davon angezogen, sie bewundern die Posen und ahmen sie nach, wo sie können. Nur die Einsamen gebärden sich, als seien sie Mittelpunkt eines Pulks. Tronka zum Beispiel … Gibt es Gedankenträger? Gibt es Menschen, die man nur totschlagen müsste, um einen Gedanken … oder zerschlagen, um ihn herauszulassen? Geheimdienste etwa sind Maschinen zum Herauslassen von Gedanken, vor allem solcher, die ihr Träger ungern herauslässt. Jedenfalls muss man nachhelfen, damit die Quelle sprudelt, den Zapfen hineintreiben, irgendeinen, aber es gibt schon spezielle. Geheimdienste, heißt es, sind zynisch in ihren Methoden, die Ergebnisse sind es vermutlich auch: da liegt der Fund und er lebt, jedenfalls atmet er noch. An einem toten Gedanken ist niemandem gelegen. Sein Nutzen ist, vorsichtig gesprochen, ›begrenzt‹.

 

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
RENDEZVOUS MIT EINER OHRFEIGE
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Warum vierundzwanzig?

 

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Nie ist die Fremdheit des Geträumten so groß wie an dem Wendepunkt, an dem der Nicht-mehr-Träumer versucht, es umzumünzen in Tagesgedanken.

 

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Dieser dicht vor einem Menschen aufgerissene Tod... wie soll das gehen? Kann einer, aus der Ruhe eines vorsichtig angebrochenen Nachmittags kommend, in gewisser Weise sicher in ihr navigierend, kann so einer die, sagen wir, schreckgeweitete Muße aufbringen, sich in das Mysterium zu versenken? Offenbar nicht. Allein die Rede vom Mysterium wird, sagen wir, dem Gegenstand nicht gerecht, sagen wir, sie verfehlt ihn drastisch. Doch der Rede vom Gegenstand geht es nicht besser, sagen wir, sie objektiviert zynischerweise, was nicht objektiviert werden kann, weil die Objektivierung zweifellos selbst eine Art Hinrichtung, eine verweigerte Anteilnahme... sagen wir also, auch dieses Wort, wie die ganze Kette, ist falsch. Denn Anteilnahme, das wäre doch, als könne eine solche Erfahrung sich mitteilen, als sei sie nicht die streng verschlossene Frucht eines Lebens, das vor allem zurückweicht, was weiter lebt, als sei

 

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die Tendenz zum Schwafeln das einzig Wirkliche, das zurückbleibt.

 

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Eine Zahl hilft, sie ist ein Erzeuger. Was sie erzeugt, steht in den Sternen. Was in den Sternen steht, lächelt dich an. Was dich anlächelt, nun, das bringt dich in Fahrt. Beweise dich! Nicht jede Zahl lächelt, eine lächelnde Zahl unter so vielen gleichgültigen ist, als Fund, unwahrscheinlich genug, um zu bedeuten, ganz ohne Bedeutung, ohne weiteres. Nimm sie hin! Nimm sie! Besseres wirst du nicht finden. Andere Zahlen liegen starr und verbogen im Gelände, ausgeglüht, könnte man sagen, gekrümmt von Bränden, die deine Vorstellungskraft überfordern

 

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offenbar ging es denen, die dabei waren, nicht anders, der gebrochenen Vorstellungskraft sagt vieles nichts, anderes alles, dazwischen die Lücke, ihr eigentliches Terrain

 

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als sei, wer dabei war, auch irgendwie beteiligt gewesen, ein Teil des Brandes, ein Stück niedergebrannten Feuers, das man umschleicht, als bräche es hinterrücks wieder aus, unfähig, Rede und Antwort zu stehen, unfähig, Fragen hervorzulocken, die nicht schon die Antwort

 

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (22)
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die scharfe, apercuhafte Haut dieses Mädchens

 

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (23)
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der Gedanke, der langsam zu brennen beginnt

der Archipel

 


 
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Durch Schmerz zum Licht

Duros Appassionata
1
Eine Nacht, die nicht weggeht

Duro, der Mann im Schatten, der gern Lichtwerfer wäre, kennt die Scheinwerfer nicht, die im Dunkeln auf ihn gerichtet sind. Das liegt daran, dass er ein Mann des Scheins ist, der Lockerste von allen, den niemand sich krawattenfrei vorstellen kann, obwohl es die Wahrheit wäre, nichts als die Wahrheit, die reine Wahrheit, die nackte … nackt, lehrt Duro, können nur Körper sein, die Wahrheit geht züchtig gewandet, man kommt nicht an sie heran. Das liegt daran, dass sie für jeden, dem es gelänge, eine herbe Enttäuschung bereithielte, und zwar für jeden eine andere.

Auf diese Formel ist er stolz.

Seine Wahrheit heißt Konni. Zu ihr

schlich Duro, den Dolch im Gewande,

in stockdunkler Nacht, in der alle Bilder einer Ausstellung grau sind, selbst dann, wenn der junge Künstler, den Kopf voller eingeschlafener Energie, in einer Ecke sitzt und nicht weggehen will. Duro bemerkte ihn wohl. Doch betrachtete er den Mann im Stuhl als Teil des Mobiliars und stieg, ihn nicht weiter beachtend, über die ausgestreckten Beine hinweg. Das war ein Fehler. Er blieb nicht der einzige in dieser Nacht der Nächte.

Und fiel kein einziges Wort.

Warum auch? Konni begriff, dass es im gegebenen Fall triebhafter Unzucht besser war, die Klappe zu halten, und ahnte verschwommen den Grund. In jener Nacht –

in jener Nacht aus Geräusch

war ihr ein florilegium furens ins Bett gekrochen, ein Alien mit Armen und Beinen und einem am Überfluss gebauten, zugegeben handzahmen Glied, ein finsteres Gewimmel aus halb unterdrückten Klassikerzitaten, in denen die Wahrheit gegen die Nacktheit ankämpfte, er hätte weder ausdrücken können, auf welcher Seite er sich gerade befand, noch, welche der beiden ihn peinlicher berührte. Dennoch hatte er sich gründlich ausgedrückt in jener Nacht, so gründlich, dass Konni,

den Kopf oben

behaltend, ihn spontan in die Riege ihrer ersten Liebhaber stopfte (es existierten noch eine zweite und dritte, doch weder die eine noch die andere kam ihr für diesen Fall professoraler Fäulnis passend vor und sie entsorgte den Gedanken an sie ebenso rasch, so wie er kam).

Duros Appassionata
2
Weder allein noch mit anderen
Im Spiegel ist Duro sich unendlich ähnlich.

Der Mann, der sich in Konnis Augen spiegelt, ist ihm unendlich zuwider.

Aus dieser Daseinsspannung erwachsen die größten Fehlleistungen.

Duro ist der Mann, der kommen und gehen will, wie es ihm passt.
Das lässt sich, nach Lage der Dinge, nur bei Nacht arrangieren.
Tagsüber stehen die beiden sich fern. Zwei aufeinander gerichtete Scheinwerfer ohne Strom.
Dass Konni und Duro liiert sind, ist ein Gerücht.

Duro kennt das Gerücht nicht. Es springt ihn an und er spricht ihm ruhig ins Gesicht: ›Ich kenne dich nicht.‹
Gern wäre Duro Dompteur geworden, damals, vor aller Zeit, als er von einem Leben beim Zirkus träumte. Das Leben der Galeristin ist für ihn Zirkus.
Er ist der ideale Besucher.

In der Nacht gehört dieser Zirkus ihm.
Tagsüber stellt er die Abbuchungen auf seinem Konto unter die Rubrik ›Aufwendungen f. Kultur‹. Er fühlt sich in der Verantwortung für das kulturelle Leben der Stadt und Konni, das empfindet er con brio, ist darin ein winziges, aber unersetzliches Rad. Dazu, dass es sich dreht, möchte er das Seine beitragen.
Was ist das Seine?
Konni, das sagt ihm ein feiner weißer Strahl, dreht sich nur um sich selbst.

Bestürzt wäre er, drehte diese kleine Welt sich um ihn.

Duros Appassionata
3

Duro träumt, er wäre nicht Duro.

Das träumen viele. Duro träumt, sein Kopf, eine trockene, begehbare 360-Grad-Maske, sei eine Zuflucht für jedermann. Er träumt, er selbst wäre jedermann in diesem Kopf, dem alle erschreckenden Züge des Totenkopfs fehlen, obwohl Duro fühlt, dass das hier mit dem Tod zu tun hat, seinem vielleicht, aber nur auf ganz nebensächliche Weise, da der Tod so Vieler im Raum steht, so dass er nur einen der hinteren Ränge ergattern kann. Doch eigentlich verschwindet er spurlos in der Bewegung, die durch die Anwesenheit der Vielen erzeugt wird.

Nein, keine durchgehende Bewegung: Bewegtheit erfüllt den Raum der Vorstellung, die hier gegeben wird. Duro, gebannt, wie nur der Traum einen bannt, bemerkt die Ausgänge links und rechts, doch sie haben nichts zu bedeuten und führen nirgendwo hin. Dieser begehbare Kopf … offenkundig der seine, erfüllt von Jedermannsgedanken, hineingestellt in eine Jedermannswelt, es schmerzt nicht, er merkt, dass er keine Eigentumsrechte geltend zu machen wünscht und wundert sich, Traumwesen, das er ist, ein klein wenig über sich selbst. Diese Verwunderung … sie reicht nicht aus, um als Handlung durchzugehen, der Traum besitzt keine Handlung, nur Zonen größerer und geringerer Intensität, er schillert sozusagen in allen Farben des anonymen Ich, gleich wird Duro erwachen und dankbar, mit einem schmerzhaften Stich, sein Eigentum in Empfang nehmen, um es zu verschwenden, ja, zu verschwenden: da liegt es, ein halb zerbrochenes Gefäß, aus dem sich eine gelbliche Flüssigkeit ergießt, halb auf den Boden, halb auf…

Noch ist es nicht so weit. Was eben noch Bühne war, ward Erscheinung. Projektion, in kahler Landschaft Hof haltend könnte der Titel des Gemäldes lauten, ein unregistrierter Dalí, von keinem der Auguren erkannt, von ihm, Duro aus dem schmutzigsten Winkel der Galerie ans Licht gezogen. Wer ist Konni, dass sie den Dalí vor den Leuten versteckt und ihnen das Gewische unbekannter Leute zum Kauf anbietet? Es beruhigt Duro, dass sein überaus geräumiger Kopf Eingang in die Welt des Meisters gefunden hat und nicht auf dem Weg dorthin verworfen wurde, nur ein Banause würde da Ich, Ich! rufen, eher fehlen ihm die Worte, doch kaum gedacht, löst sich eines, der weißen Taube vergleichbar, er vernimmt das Rauschen der Schwingen:

  • ―Eleutheria!

Duros Appassionata
4

Unsympathisch, verschlagen, im Grunde ein grüner Junge mit Vaterkomplex: Vic weiß Bescheid. Nichts Neues unter der Sonne. Aufmerksam notiert Konni, wie Vic Duro Signale sendet, die er ausschlägt, seit sie einander umrunden. In ihren HASSBÜCHERN (durchnummeriert von 1 bis – aktuell – 10) läuft Duro als Mittler des Unheils durch, als einer, an dessen Händen Verrat klebt: Verrat aller Art, unspezifiziert im Grunde, bereit, alles zugrunde zu richten, was sie anfassen.

  • ―Fass mich nicht an!

Hellseherin Vic oder: Wie man sich angefasst fühlt, ohne angefasst zu sein.

Wie wahr: Duro ist süchtig nach Projekten, die, kaum beschlossen, nach Ablauf weniger Wochen zu lahmen beginnen. Die neue Galerie ist so ein Projekt. Konni, die nicht versteht, was an ihrem Low-Budget-Konzept falsch war, zappelt im Netz der Pläne. Die neu bezogene Galerie ist sündhaft teuer und Konnis Geldmangel wie immer chronisch.

  • ―Du kannst damit auskommen.
  • ―Ich kann, aber ich will nicht. Vielleicht will ich ja, aber ich kann nicht.
  • ―Ich muss gehen.

Konni regelt ihre Welt über Liebhaber. Der aktuelle Favorit liebt die Kunst, geläufig redet er, wenn die Lichter angehen und die Besucher strömen, über die großformatigen Bilder des unbekannten Künstlers, der bislang nicht aufgekreuzt ist, Lot I bis XIII, ganz ohne Honorar, aber mit Innensicht, wie Duro, der sich auffällig im Hintergrund hält, maliziös seiner Nachbarin gegenüber bemerkt. Tagsüber sitzt der Neue in der Bibliothek der Pyramide und arbeitet, solange das Fach ihn noch zu schneiden beliebt, an dem Werk, das ihn in die erste Reihe der Ethnologen katapultieren wird: The Concept of Shame. Auch der deutsche Titel steht bereits fest: Scham.

  • ―Sag mal, Duro hat doch ein Auto.
  • ―Ja sicher.
  • ―Hast du den Schlüssel?
  • ―In der Handtasche. Willst du –?
  • ―Ich muss. Meine Tochter hat morgen Geburtstag. Ich weiß nicht, wie ich sonst hinkommen soll.
  • ―Willst du ihn fragen?
  • ―Mach du das mal. Aber lass dir Zeit, bis ich weg bin. Ich hab da noch einen Vortrag…
  • ―Wann bist du zurück?
  • ―Spätestens in einer Woche. Mach dir mal keine Gedanken.

Das war einmal. Duro, untergefasst wie in Hauffs Märchen, weiß nicht mehr, wie ihm geschieht. Der BMW müsste zum TÜV, aber wo zum Teufel steckt er dort draußen? Der Bibliotheksplatz ist seit Tagen verwaist. Eine Studentin, mit der Frage nach den Grimm-Brüdern konfrontiert, notiert in der Prüfung: Sagenhafte Gestalten aus der Vorzeit.

Duros Appassionata
5
Verwickelte Verhältnisse

  • ―Unbezahlbar, ganz unbezahlbar murmelt die Galeristin und starrt auf die Rechnung in ihrer Hand. Nicht die Rechnung empört, sondern Duros zur Kontosperrung geronnene Weigerung, sie zu bezahlen.

Warum jetzt? Gerade jetzt?

Es ist stets gerade. Dieser krumme Hund…

Der BMW steht kaputt in einer der vielen Kreuz- und Querstraßen, die den Reiz dieser Stadt bedeuten. Duro zuckt mit den Achseln. Scheiße. Pjotr Antonowitsch besucht seine Ex. Eine offene Rechnung, die bezahlt werden will. Wiederkehr unbestimmt.

Es ist diese Rechnung, die das Fass explodieren lässt.

Zur Phänomenologie dieser Rechnung ist viel geschrieben worden.

Konni rauscht in die Pyramide.

Iris’ Blick leuchtet auf.

  • ―Ist sie schwanger?

 

Je später der Abend

Tronka und Blowasser empfinden Sympathie füreinander
1

Ein Kaffeeautomat ist 24 h im Dienst

  • ―Hören Sie mal … Sie Forschungsvorhabender, gehen Sie gelegentlich auch nach Hause?
  • ―Selten, außerordentlich selten. Warum sollte ich?
  • ―Die Familie hat aber nicht viel von Ihnen.
  • ―Die Familie? Die Familie? Meine Familie lebt in Brüssel, da geht’s ihr gut. Ich fliege hin, dreimal im Jahr, sooft es geht. Ja, der geht’s prächtig. Meine Schwiegermutter lebt auch dort, sie passt auf die lieben Kleinen und auf die Blumen auf, besser könnten wir’s gar nicht getroffen haben. Nein, ich kann mich nicht beklagen. Meine Lebensgefährtin…
  • ―Sie sind nicht verheiratet?
  • ―Also hören Sie mal… Sind Sie’s? Na also. Was ich Sie noch fragen wollte…
  • ―Fragen Sie.
  • ―Nein, vergessen Sie’s. Kam mir nur so in den Sinn.
  • ―Fragen Sie.
  • ―Ich sehe Sie öfters mit dieser jungen Dame. Sehr attraktiv. Ich wollte Sie gelegentlich zum Essen einladen. Ja, ich koche gern. Weniger für mich allein, aber unter Freunden … immer wieder gern. Zander – wie wär’s mit Zander?
  • ―Da wird Pida sich aber mal freuen.
  • ―Pida … Pida … Ihre Freundin? Studiert sie bei Ihnen?
  • ―Ich glaube, sie studiert mich. Mal sehen, was dabei herauskommt.
  • ―Das kenne ich. Ich frage mich manchmal … Woran erkennt sich unsereiner eigentlich?
Tronka und Blowasser empfinden Sympathie füreinander
2
  • ―Wie meinen Sie das?
  • ―Wie ich’s gesagt habe. Vergessen Sie’s. Sie haben doch auch Familie.
  • ―Wissen Sie, meine Familie … da muss ich wissen: interessiert Sie der nördliche oder der südliche Teil? Was den südlichen angeht –
  • ―Ja?
  • ―Vergessen Sie’s. Haben Sie schon einmal Ihre Wurzeln gekappt? Schwer, aber nicht unmöglich. Nein, unmöglich ist es nicht. Die Familie holt einen trotzdem ein. Also ich spreche jetzt nicht von Verwandtschaft. Ich spreche von Familie. Cousins von mir leben in Andorra. Kennen Sie Andorra? Ich meine, waren Sie schon einmal dort? Komisch, ich dachte früher immer, dort kann man gar nicht leben. Aber man irrt sich. Man irrt sich gewaltig, besonders in Bezug auf die Familie. Die Familie ist was für Notzeiten. Heutzutage ist sie praktisch unsichtbar. Aber sie holt einen ein. Sie natürlich sind fein raus.
  • ―Wieso das denn?
  • ―Mit Ihrer jungfräulichen Kleinfamilie in Brüssel haben Sie doch freie Hand. Sie können kommen und gehen, vor allem gehen, wie’s Ihnen passt. Sagen Sie jetzt nicht, Ihre Schwiegermutter, wie Sie sie nennen, sähe das anders. Sprießt ihr nicht schon der Bart? Ich meine jetzt, an den dafür vorgesehenen Stellen. Sie müssen darauf nicht antworten.
  • ―Meine Frau ist eine sehr unabhängige Person.
  • ―Das sind sie alle. Mehr oder weniger erfolgreich.
  • ―Wie meinen Sie das?
  • ―Nun, entweder Sie merken etwas oder Sie merken nichts. Wenn Sie etwas merken, können Sie es vergessen oder auch nicht. Wenn Sie nichts merken, können Sie es vermuten oder auch nicht. Wenn Sie es vermuten, können Sie der Vermutung nachgehen oder auch nicht. Sie sind nur dreimal im Jahr da, also lassen Sie’s. Wenn Sie es lassen, dann haben Sie frei. Wenn Sie frei haben, dann können Sie diese Freiheit nutzen oder auch nicht. Wenn Sie sie nutzen, dann wird aus der Vermutung rasch Gewissheit. Warum? Weil Sie Gewissheit brauchen. Sie vermuten also, dass Sie wissen, was für einen Wissenschaftler ein gewisses Problem darstellt, aber keines, das sich nicht bei gewissenhafter Prüfung bewältigen ließe, Sie vermuten mit Gewissheit, dass Sie nach Strich und Faden … nein, das vermuten Sie nicht, denn Sie sind ein aufgeklärter Mensch und das Sexualleben Ihrer Lebensgefährtin geht Sie nichts an. Schütteln Sie nicht den Kopf, es geht Sie nichts an. Hier geht es aber nicht um das Sexualleben Ihrer Gefährtin, jedenfalls nicht so, wie Sie sich das gern vorstellen … geben Sie zu, Sie stellen es sich hin und wieder vor, hin und wieder, aber alles in allem ganz gern, das entlastet … sondern um diesen Mit-Haut-und-Haaren-Besitz, den sie radikal ablehnt, sobald Sie ein gewisses Ansinnen an sie stellen… Wann haben Sie ihr den letzten Heiratsantrag gemacht?
  • ―Kennen Sie Brüssel? Sie waren mal dort, geschenkt. Hat Ihnen mal jemand Brüssel beschrieben? Brüssel ist ein imaginärer Punkt in einer imaginären Landschaft. Manche halten es ja für die europäische Hauptstadt. Meine Frau – ich nenne sie jetzt mal so – lebt dort mit ihren Freunden. Jeder, der in Brüssel lebt, lebt dort mit seinen Freunden. Man lebt dort, wie man als Europäer leben sollte: frei, abgeschottet, privilegiert und armselig.
  • ―Nun, arm –
  • ―ist ein dehnbarer Begriff, ich weiß. Ihr Lieblingsrestaurant liegt an der Chaussée Saint-Pierre. Mal davon gehört? Essen, Vorstellung, ein Blick aufs Handgelenk: Du, ich habe noch eine Verabredung. Soll ich fragen? Die Frau ist ein einziges Dienstgeheimnis, soll ich fragen? Natürlich nicht. Ich forsche gern. Aber nicht an dieser Front. Die Kinder mustern mich abschätzend, sie fragen mich, wann ich wieder fliege, weil sie gelernt haben: Konversation ist wichtig. Schließlich komme ich aus irgendeiner muffigen Provinz weit im Osten. Mutter hat gesagt – nicht weitersagen! –, dort könne man nicht leben, niemand könne dort leben, und Großmutter bringt sie ins Bett. Oder zu Freunden. Ich habe keine Freunde dort. Ich kenne diese Stadt überhaupt nicht.
Tronka und Blowasser empfinden Sympathie füreinander
3
  • ―Sagten Sie nicht, Sie wüssten nicht, wie man dort lebt?
  • ―Doch. Genau das. Sehen Sie, auch ich habe Karriere gemacht. Es ist mir eine tägliche Ehre und Freude, die Pyramide zu betreten und mich an meinen Schreibtisch zu begeben. Die Pyramide ist mein Gehäuse. Am liebsten wäre mir, man würde mich irgendwann mit den Füßen zuerst hinaustragen. Brüssel? Wer kommt schon bis Brüssel? Jesus kam nur bis Schaerbeek … Sie verstehen? Brüssel ist keine Stadt, sondern ein Prinzip. Wer so leben will, soll es tun, meinethalben, der halbe Pott ist verbrüsselt, aber anders. Ich habe ja nichts gegen Hauptstädte. Aber Brüssel ist keine. Brüssel ist eine Verschwörung gegen die Lebensart, maskiert als Lebensart. Mein Leben, als Familienmensch betrachtet, ist eine Verschwörung gegen die Familie. Nein, ich bin nicht gewillt, die Armbanduhr meiner Frau zu heiraten. Diese Armbanduhr … sie ist meine Partnerin, aber eine eisige. Sie tickt nicht richtig, aber verlässlich. Sehr verlässlich. Das ist es, was ich an ihr schätze. Überhaupt schätze ich mein Leben sehr. Schätze, das geht Ihnen ähnlich.
  • ―Ach wissen Sie… Was Sie Brüssel nennen … andere nennen es München oder Salzburg oder Mailand oder Vancouver oder Melbourne … wir streuen weit, nicht wahr? … Sie mögen es Prinzip nennen, nennen Sie es, wie Sie wollen, aber es ist etwas anderes. Es ist ein Versagen, nicht der Personen oder Institutionen, auch nicht der Regierungen, und die Kirchen, die haben schon gar nichts damit zu tun. Genau betrachtet hat niemand damit etwas zu tun. Niemand ist eine zentrale Instanz unserer postmodernen Moderne. Wussten Sie das nicht? Sobald wir miteinander über diese Dinge reden, sind wir niemand. Ich weiß nicht, wie Sie das finden, aber ich finde das auffällig. Schon mal darüber nachgedacht schwul zu sein? Einfach so, um jemand zu sein? In diesen Dingen, versteht sich, ich will Ihnen nicht Ihre Persönlichkeit absprechen. Neinneinnein, ich will Ihnen auch nicht zu nahe treten. Da sei unser tägliches Quantum de Sade vor. Mindestens. Die Autoren kennen Sie ja aus dem Effeff. Ich muss jetzt auch los. Schön, mal mit Ihnen geplaudert zu haben. Die Welt ist rund. Und: Grüßen Sie Ihre Frau. Nein, nicht direkt von mir, wir kennen uns ja nicht, da wird Ihnen schon was einfallen.
Tronka und Blowasser empfinden Sympathie füreinander
4

Zum Gehen bereit, abgewendet, dreht Tronka sich noch einmal um.

  • ―Sie haben mich nicht verstanden, stimmt’s? Nicht ganz jedenfalls, denn irgendwas versteht der Mensch immer. Dieses Niemandsein, wie ich es nannte, bezieht sich ja nicht auf die Person, also darauf, etwa keine Person zu sein, keine richtige jedenfalls, während da draußen jede Menge Prachtexemplare unserer Gattung herumlaufen … sagten Sie Alphatiere? Ja gewiss, Alphatiere, so werden sie heute genannt, gestern nannte man solche Leute Persönlichkeiten und nahm den Hut schon von weitem ab, sobald man ihrer ansichtig wurde, der Rest lässt sich schikanieren. Also, um es kurz zu machen, diesen Quatsch werden Sie von mir nicht hören.
    Ich meine, all die Leute wie Sie und ich, die es nicht gebacken bekommen, obwohl wir es eigentlich ganz gut gebacken bekommen, verglichen mit all den Leuten, die in der Therapie landen oder auf der Intensivstation oder im Kittchen – also mit denen brauchen Sie oder ich uns weiß Gott nicht zu vergleichen. Trotzdem, die Wand ist dünn, sehr dünn manchmal, darüber reden wir ein andermal, nicht jetzt. Der Abend ist lau, da tut sich was im Gehirn, das zur Niederschrift drängt.
    Nennen Sie es auch Niederschrift? Ich finde den Ausdruck, ehrlich gesagt, albern, aber er ist ehrlich, auf eine alberne Weise ehrlich. Ich mag ihn. Die Pflicht ruft! Wissen Sie, wer niemand ist? Niemand ist, wenn alle darüber wegreden, man selbst eingeschlossen, und man ist einverstanden, man ist dabei, man hat keine Probleme. Probleme haben die anderen. Man verbirgt sich auch nichts. Man bejaht einfach. So muss es sein. Man trägt die Last des Scheiterns. Man ist einfach schuld, wenn’s mal nicht klappt, also dauernd.
    Jetzt schwafeln sie wieder von unserer Schuld. Von der Zahl der Verkehrstoten bis zum Aussterben des Himalaya-Katzenbären: alles unsere Schuld. Wir sind alles, der Einzelne niemand. Wir sind schuld. Warum? Aus keinem anderen Grund als dem, dass wir immer noch nicht ausreichend wir sind. Also strengen wir uns an, spannen unsere Muskulatur, auch die der Gefühle, um wir zu sein, mehr wir, noch mehr wir – solange uns das nicht gelingt, sind wir schuldig. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass es so ein Wir nicht gibt. Die Verwandlung des Einzelnen ins Wir, das lechzt, trabt, beißt, wittert, das jeden, der ausschert, gnadenlos brandmarkt, gerade mal ein paar Jahrzehnte, nachdem die schauerlichen Reste des letzten Wir zusammengefegt und unter den strengen Blicken der restlichen Welt verscharrt wurden, wem verdanken wir die…? Ich sage es Ihnen nicht. Fragen Sie sich, Sie können sich so wie jeden anderen fragen, niemand ist da privilegiert. Fragen Sie sich und erzählen Sie mir bei Gelegenheit, was Sie herausgefunden haben. Beim Zander! Ich hab’s notiert.

Und trollt sich.

 

Sei Sand, nicht das Öl

Der Parasit
1

Was zum Beispiel macht den Studenten B angenehm? Er kommt gelegentlich in die Pyramide, er ›interessiert sich‹. Die Universität der Zukunft gibt ihm Bemerkungen ein, die andere als Zynismen abtun würden. Tronka, der ihn seit langem kennt, bemerkt etwas darin, was er nicht zu benennen wüsste, verspürte er das Bedürfnis, es zu benennen, was nicht der Fall ist. Auf seine unauffällige Art findet B sich an den Schaltern, dort, wo es ein kleines Extrapensum zu bewältigen gilt, wo eine Hilfstätigkeit winkt, eine Sonderbeziehung sich auftut. Nein, er strotzt nicht von Leistungsbereitschaft, das fiele anders auf. Er ist der Typ, der gern dabeisteht oder ‑sitzt, wenn ›etwas Vernünftiges‹ geschieht. Also wirkt er – im Gegensatz zu den Kommilitonen, die, alles in allem, nicht unvernünftig wirken – vernünftig: da liegt die Differenz. B wirkt, in aller Vernünftigkeit, unvernünftig, als treibe ihn ein geheimer Mechanismus der Selbstzerstörung oder, vorsichtiger ausgedrückt, der Selbstverhinderung an. Tronka, in der Position des Älteren-und-Erfahreneren, möchte ihn gern fragen, warum er mit Lust sich selbst im Weg steht. Aber stets überkommt ihn der Impuls dann, wenn der andere schon gegangen ist. In dessen Gegenwart scheinen sich solche Reden zu verbieten, sie wirken ungehörig, unpassend, vielleicht sogar unerhört. Studienplanung ist Bs Stärke, er hätte drei unterschiedliche Studiengänge an verschiedenen Universitäten belegen können, ohne sich zu verausgaben.

Der Parasit
2

Die Pyramide erfüllt ihn mit Scheu, vielleicht mit Abscheu, wie sie Parteigänger eines vergangenen Regimes gegenüber dem neuen Machthaber empfinden, der ihnen wider Willen imponiert und dem sie sich, vom Machtbezirk magisch angezogen, bereits andienen. Gut möglich, dass er auch das nicht bemerkt, vielleicht ist er nur auf der Hut vor sich selbst und dem harschen Urteil, das er von dort zu erwarten hätte.

Der Parasit
3

Macht und Verrat: in Bs Wortschatz liegen beide obenauf, als empfange er verschlüsselte Nachrichten von einem offiziell verschollenen U-Boot, das in fernen Weltmeeren kreuzt und zwar nur Weniges, aber immer Bedeutsames zu berichten weiß. B, ein junger Mann, auf den Tag fast so alt wie der Staat, dessen Bürger sie sind, überspringt die Hürde zur Vergangenheit spielend. Wo andere stranden, weil die Erinnerung sie einholt oder sie kompensieren müssen, dass es für sie nichts zu erinnern gibt, stößt er fast nach Belieben vor und zurück: meistens, so scheint es Tronka, mit Gewinn.

Der Parasit
4

Eike B, der klassische Fall eines Studiums aus gespaltener Motivation. Erstens: es ist undenkbar für ihn, nicht zu studieren, das Elternhaus lässt es nicht zu. Zweitens: es ist undenkbar für ihn, zielstrebig zu studieren, denn das hieße den Willen des Vaters zu erfüllen. Drittens: es ist gut denkbar, nicht zu studieren, sehr gut denkbar sogar, man muss darüber nachdenken. Viertens: es ist gut denkbar, zu studieren und danach etwas anderes zu machen, etwas ganz anderes. Das, immerhin, brächte Sinn ins Leben. Fünftens: es ist denkbar, zu studieren und nicht zu studieren, die erwartete Leistung zu verweigern und damit aufzufallen. Sechstens: es ist denkbar, aber nicht auszudenken, dass einer wie er sich der gängigen Lehre auf Gedeih und Verderb ausliefert.

Der Parasit
5

Der letzte Punkt vor allem gibt zu denken. Sollte es sein, dass dieser junge Mann etwas weiß, was seine Dozenten, weil sie’s verdrängt, vielleicht auch verschlafen haben oder aus lauter Konformismus zu lehren vergessen, nicht oder nicht mehr wissen? Vielleicht, weil es sich mit ihrer Spiegel-Lektüre nicht verträgt oder weil sie sich vor den Attacken rabiater K-Gruppen fürchten oder weil sie einst von der revolutionären Studentenschaft auf ihre Stellen gespült wurden und sich seither in Gesinnungsgewahrsam befinden? Klar und gerade kann sich das Gegen-Wissen, mit dem B punktet, nicht aussprechen. Das wäre vielleicht auch zuviel verlangt. Da es nicht gelehrt wird, nimmt es nirgends die Form des Gelehrten und Geklärten an. Abgerissen, unkoordiniert, assoziativ steigt es in seine Rede, die ansonsten sanft bleibt, mit einem leisen Krähen darin, einem gedämpften Hahnschrei, der herauswill und nicht weiß wohin.

Der Parasit
6

Nur: worin besteht dieses Gegen-Wissen? Worin kann es bestehen? Beharrt es trotzig auf älteren Wissenschaftslagen? Woher diese Informiertheit? Es kann doch nicht sein, dass ein Student etwas weiß, was seine Professoren vergessen haben. Nein, das kann nicht sein, so zu denken führt unmittelbar in die Sackgasse. Andererseits: B ist eine Leseratte, immer unterwegs im verzweigten Abwassersystem der Bibliotheken, dort, wo das Rauschen vergangener Wissensstände ans Ohr schlägt und sich auf Grund des allgemeinen Dunkels die Wahrnehmung schärft. Nicht zu vergessen das Stöbern in Antiquariaten, als exzessiver Sport betrieben: hier lagern in dichten Reihen die vierziger und fünfziger Jahre, schon die frühen Sechziger mit ihren helleren und bunteren Einbänden wirken unseriös, da zeitnah.

Der Parasit
7

Kein Zweifel: Bs so altklug wirkender Kopf beherbergt einen Antiquariatsnarren, den die Mentalität seiner Mitmenschen langweilt und der auf dem Stand zu sein sich konsequent weigert. Mit dem Vergangenen durch sein – wie stellt man das an?

Der Parasit
8

B erzählt nicht, wenn erzählen berichten heißt: er deutet an, setzt voraus, bezieht sich. Er ist die Nachricht und das ist alles andere als amüsant. Dennoch spricht er lang und gern über Amüsantes. Vielleicht amüsiert er sich, vielleicht zu Tode, weil alles so langweilig ist, vielleicht, weil der innere Reichtum ihm nichts anderes eingibt, vielleicht, weil er diesen Epochenblick besitzt, der weiß, dass er in einer Ära des billigen Vergnügens lebt, und dass er seine Zeit versäumen würde, wenn er es darauf anlegte, dem Vergnügen auszuweichen. Andererseits –

Der Parasit
9

Das Vergnügen der anderen zieht ihn zu sehr an, als dass er Spaß haben könnte, wirklichen Spaß, der nicht nach links oder rechts blickt, weil er sich unaufhaltsam entrollt. B ist ein Mann des mageren Spaßes, der wendig nach links und rechts blickt, um den der anderen nicht zu versäumen. Dennoch erstaunt, aus seinem Mund einen Satz zu hören, den man eher von Bierfahrern oder Auto-Testern erwartet hätte:

  • ―Ab geht die Post.
Der Parasit
10

Geht sie denn ab? Wirklich? Und wenn ja, wohin? Stürzt sie wie eine Lawine zu Tal, hierhin und dahin, den einen oder anderen Einzelgänger erschlagend, begrabend, mit sich fortreißend, bis sie am Dorfrand zu stehen kommt, in sinnloser Höflichkeit, da die Bewohner alle geflohen sind und nun mit einer gewissen Enttäuschung in ihre Häuser zurückkehren, wo alles an seinem Platz steht und geringschätzig auf die Eigentümer herunterblickt, die es wegen einer solchen Lappalie, aus reiner Furcht, im Stich gelassen haben?

Der Parasit
11

B sagt solche Sätze, ohne sich von der Stelle zu rühren, er wartet still ab, was geschieht, wenn die Dynamik schwillt, als vergnüge er sich am Blick in die rasenden Speichen, wenn andere aufdrehen. Er bittet sie förmlich aufzudrehen, nein, er schafft ihrem Wunsch aufzudrehen ein Ambiente, in dem er sich künstlich entfalten kann, so klein oder unvorhanden er auch gewesen sein mag. Als betrete mit ihm die Devise den Raum: Lasst zwei, vier, hundert Titanen um mich sein. Und sie schafft es im Handumdrehen. Wo eben noch Entspannung herrschte, ›Entspannung pur‹, wie die Werbesprache das nennt, trägt jeder erbittert an seinem Los und an dem der anderen, der Zeit und des Universums und nicht zuletzt, denn auch das muss gesagt werden, am Los der Mutter, dem schwersten von allen.

Der Parasit
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Nur B geht es gut, er ist mit sich im Reinen und lächelt. Leichtsein ist alles.

 

Einer verändert die Regeln
Das verändert ihn

Eike erbeutet eine Frau
1

Dieser eine ist Eike.

Eike benützt das Projekt, das ist dir seit langem klar. Er benützt es, um an Frauen heranzukommen. Konzentrierter als andere hält er sich an die Tagesregel, weil, wie er unumwunden bekennt, sie maximale Ausbeute verspricht. Keine Pflicht könnte stark genug sein, ihn vom Hereinschauen abzuhalten. Nur bei Unpässlichkeit verdrückt er sich. Ist das verwerflich? Besteht nicht – irgendwie – darin der Sinn des Projekts? Männer an Frauen, Frauen an Männer, Frauen an Frauen, Männer an Männer. Ein schöner Sinn ist das.

Somit wäre Fu, wäre das Fu-Projekt nichts weiter als eine Kontaktbörse? Dürrobst hat es früh geahnt. Nein, nichts hat er geahnt: er hat es einfach vorausgesetzt. Vorausgesetzt, er habe richtig vorausgesetzt: was wäre er, Dürrobst, weiter als ein windiger Denunziant? Und weiter. Was wäre der dem Projekt gewogene Rektor anderes als ein spezieller … Investor? (Der Gedanke würde ihn, wie du ihn kennst, nicht weiter stören, aber er stört dich.) Und was bitte, wäre die Pyramide, was wäre die Gesellschaft, speziell unter diesem Gesichtspunkt betrachtet? Eine Kontaktbörse, nichts weiter als eine Kontaktbörse.

Und wenn es die meisten Menschen so sähen: es ergibt keinen Sinn.

*
Eike erbeutet eine Frau
2

Kein Zweifel, die VeränderBar ist eine Kontaktbörse. Kein Zweifel auch: sie ist ein Instrument der Beobachtung und der Erprobung unvertrauter Verhaltensweisen, eine Experimentierstube der Gesellschaft, eine optimierte Umwelt für die neue Gesellschaft, eine Gesellschaft im Werden – so ist sie angelegt und so soll sie wirken, vorausgesetzt, die ihr zugrunde liegende Theorie hält den Zusammenstoß mit der experimentellen Wirklichkeit aus.

*

Eike erbeutet eine Frau
3

Und? Tut sie’s?

Was stört dich an Eikes Verhalten?
Es untergräbt das Projekt.
Wodurch? Durch Gesinnung.
Eikes Gesinnung ist niedrig.

Also hinge das Schicksal des Projekts von der Gesinnung seiner Teilnehmer ab? Es gäbe in diesen Dingen eine niedrige und eine hohe Gesinnung? Wo in deinen Papieren steht das? Nirgends. Warum wird es dir wichtig? Weil ein Gefühl es dir sagt. Ab wann wurde es dir wichtig? Nun … schieb das auf. Und: Ist das nicht dein Problem? Könnte es sein…?
Könnte es sein, dass du dem Projekt nicht gewachsen bist?
(Diese Frage klingt unergiebig.)

Worin zeigt sich Eikes Verhalten? Hat jemand sich beschwert?

Noch hat sich niemand beschwert. Außer vielsagenden Blicken, einem Schulterzucken hier und da hast du nichts notiert. Warum solltest du Wert auf nonverbale Signale legen, wenn doch die Sprache frei hat? Ist das angemessen? Weshalb bist du beunruhigt, wenn das, was dich beunruhigt, niemandem über die Lippen geht? Wenn es doch…
Wenn es der Rede nicht wert ist?

Eike erbeutet eine Frau
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Den Menschen niemals als Objekt, vielmehr stets als Subjekt… Der Satz prangt, was immer du anfasst, über deinen Handlungen (jedenfalls bist du dir dessen ungefähr sicher). Er steht für hohe Gesinnung. Sollte Eike ihn nicht –? Gerade Eike? Schon der Gedanke ist absurd. Andererseits: Wie behandelt man den Anderen als Subjekt? In diesen Dingen? Kant sagt: Man schließt mit ihm einen Vertrag. Den Vertrag haben alle Projektteilnehmer unterschrieben, eingeschlossen Eike.

Was macht Eike falsch? (Etwas muss er doch falsch machen, wo läge sonst das Problem?) Er sammelt Frauen. Er sammelt Geschlechtsakte. Er nummeriert seine Erfolge, penibel dokumentiert er sie in einem kleinen schwarzen Heft, du selbst hast es zu Gesicht bekommen. Die schwarzen Hefte… Eike ist süchtig.

Süchtig danach, Liebe zu machen? Wer wollte das messen, solange einer sich an die Regeln hält? Nein, Eikes Sucht gilt der Beute. Er ist ein Jäger, sein Spezialgebiet ist die nächtliche Pirsch. Der Fuchs hat sich in den Supermarkt eingeschlichen und plündert die Fleischtheke. Die aufgerissene Ware streut um ihn her, Blut rinnt ihm von den Lefzen und an geht das Licht: verblüfft stehen sie einander gegenüber, der Räuber und der Verwalter, der Dieb und der … Haltet den Dieb! Bist du der Haltet-den-Dieb? Wann hättest du dir diesen Job ausgesucht? Ein Scheiß-Job, würde Teuschner grinsen, einen Scheiß-Job hast du dir da ausgesucht, schau, dass du ihn loswirst. Recht hätte er.

Eike erbeutet eine Frau
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Was ist Gesinnung? Nun das ist … das wäre … warum fragst du dich das? Verfügst du über keine? Vermisst du an der Stelle etwas? Wie fühlt diese Stelle sich an? Feucht? Trocken? Weich? Sehr weich? Oder eher hart? Eher undurchlässig? Vermisst du nichts? Fragst du dich ratlos, woher sie kommt, die berühmte Gesinnung? Welche Gesinnung hegst du gegenüber diesem … Eike? Warum der Vorname? Was hat dir dieser Mensch angetan, dass er in deiner Vorstellung ganz und gar Vorname geworden ist?

Gesinnung, das ist … was dir in den Sinn kommt, sobald du die Augen öffnest und deine Umwelt wahrnimmst. Du könntest sie falschnehmen, was immer das bedeuten würde, aber du ziehst es vor, sie wahrzunehmen, die Wahrheit über sie aus deinen sensorischen Abenteuern herauszuziehen: So ist es. Nichts ist so. Es ist deine Gesinnung, die spricht. Sie legt dir eine Welt vor und du zeichnest sie ab: ein bürokratischer Vorgang zwischen dir und dir, ein Vertrag im Morgengrauen, dem viele, viele folgen, ohne dass ihr beide davon Aufhebens machen würdet.

Eike sieht die Welt, wie er sie sieht. Er hat einen Vertrag, in dem steht, wie sie sich anfühlt, welcher Umgang mit ihr sich empfiehlt und welchen Platz die Frauen in ihr einnehmen. Willst du seine Handlungen verstehen, musst du dich in seinen Vertrag einlesen. Er ist, anders als andere, kein offenes Skript für dich, kein Buch in deiner Sprache, schon die Zeichen kommen dir fremdartig vor, du musst dich erinnern … woran? Woran erinnert dich diese Schrift? Lag sie auch dir einmal vor? Wann lag sie dir vor? Hast du die Unterschrift verweigert? Oder ruht dieser Vertrag in den Kellern deines Bewusstseins und die Begegnung mit Eike holt ihn heraus?

Eike erbeutet eine Frau
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Real, ganz und gar real ist dieser switch – du hast, einmal aufmerksam geworden, keinerlei Mühe damit, innerhalb deines Weltrasters die untere Linie zu aktivieren. Du musst dich nicht großartig einfühlen. Es ist alles vorhanden, was du brauchst, um zu verstehen, du musst nur … umschalten. Die umschaltende Instanz nennst du Befremden. Eikes Gesinnung befremdet dich, sie befremdet andere, sie befremdet allgemein, sie ist ein Auslöser des Nachdenkens über diese Person. Was soll schon dabei herauskommen?

Eike erbeutet eine Frau
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Angenommen aber, es handelt sich beim Projekt um einen Club der edlen Gesinnungen, um einen Kreis Wohlgesonnener, zusammengekommen, um einmal mehr den befreiten Menschen aus seiner Mitte heraus zu gebären – wobei vom Gebären gerade nicht die Rede ist, da alles in der eigenen Generation spielt und spielen soll –, dann handelt es sich vielleicht – mit Eike als Augenöffner – um einen Hokuspokus und nichts weiter? Nichts weiter … so dass Eike der einzige im Kreis wäre, der sich einen realistischen Blick auf das Treiben bewahrt hätte, wie die Formel in so einem Fall lauten müsste, der einzige, und diese sehr überschaubare Welt wäre auf diese Weise: sein Eigentum? Jedenfalls hätte er weit mehr Rechte an ihr als sie an ihm. Er hätte sich etwas angeeignet, ganz recht, was die alte Eigentumsordnung, jedenfalls in der Theorie, hinter sich lassen soll, überwinden, wie es im Jargon der Progressiven heißt, das Eigentum am Geschlecht, genauer: am Geschlechtsleben des anderen, Kants Objekt des Ehevertrags, das ›Worumwillen‹ der Zivilisation. Unter all den Bemühten wäre er der Eine, der herzhaft zugreift. Das lässt Zweifel aufkommen, ob tatsächlich die anderen so lauter sind, wie sie daherkommen, solange man den Protokollen der VeränderBar traut. Keiner von ihnen ist als unbeschriebenes Blatt in das Experiment gegangen. Im Gegenteil, sie alle sind, genau betrachtet, Enttäuschte, Artisten des zweiten Anlaufs: Die Wissenschaft muss es richten, die Wissenschaft wird es richten. Sie kommen auch nicht, wie Fus ursprüngliche Klientel, aus der bürgerlichen Ehehölle mit ihrer scheinintakten Fassade und all dem Unrat dahinter: diese Welt hatten sie und ihre Vorbilder schon ein Jahrzehnt früher hinter sich gelassen. Eigentlich kennen sie sie nur noch vom Hörensagen, als mit Erinnerungsbrocken unterlegtes Schreckbild, dazu auserkoren, sie bei der Stange zu halten, sobald das eigene Elend sie übermannt. Sie alle sind auf der Suche nach dem verlorenen Geschlecht, dem eigenen und dem anderen, da wäre es schon erstaunlich, wenn sich nicht Gier einmischte, um bei sich bietender Gelegenheit überhand zu nehmen.

Eike erbeutet eine Frau
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Es gibt für diese Dinge, die du da in vornehmer Sprache notierst, rüdere Ausdrücke, weit rüdere Ausdrücke, man kann nicht sagen, sie wären ungebräuchlich, ganz und gar nicht, in Wirklichkeit sind sie die gebräuchlichen, gebräuchlicher jedenfalls als die Suada, welche die Welt der Projekte dafür bereitstellt. Du bräuchtest nur das Fenster zu öffnen und schon flögen sie herein. Du musst sie bloß zulassen und ihr Summen und Brummen erfüllt die Luft. Die Welt ist rüde und Eike, nun ja, er ist ein Rüde, in des Wortes mehrfacher Bedeutung, so etwas stößt überall auf Interesse. Dumm wäre es anzunehmen, in ihm hättest du den einzigen Tabubrecher an Bord, klug hingegen, die Tatsache des Tabubruchs zu notieren, sie bezeugt das Tabu, von dem bisher nicht die Rede war, von dem einfach nicht die Rede sein darf, wenn…

Eike erbeutet eine Frau
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Ist er ein Wurm? Der Wurm in der Parade edler Menschen, die nur das eine wollen: alles richtig zu machen? Das also wäre seine Aufgabe: dafür zu sorgen, dass auch diese Bäume nicht in den Himmel wachsen? Dass alles so bleibt, wie es ist? Ist das überhaupt eine Aufgabe? Dem Wurm kann das egal sein, er weiß von keiner Aufgabe, er lebt sein Leben, seines gegen das der anderen. Halten sie es etwa anders? Gewiss nicht. Ganz gewiss nicht.

All diese Frauen, die, es lebhaft abstreitend, auf den Besamer warten, schließlich warten sie nicht, sie sind selbst auf der Pirsch, sie sind, wie Eike, undercover unterwegs, Agentinnen eines Unterbewusstseins, das es so, wie die Freudianer es konstruierten, mit Sicherheit gar nicht gibt, was seine Wirkungsmacht, wie die eines Zaubertranks, wunderbarerweise nicht im geringsten unterminiert, ein Gaukelspiel verdrängter Gedanken, aber was besagt schon ein Kusch! Nicht viel und doch wieder alles: Es ist klug, diese Gedanken zu denken, es ist unklug, sie auszusprechen, es ist klug, zu zeigen, dass es sie gibt, es ist unklug zu zeigen, dass man sie denkt, es ist klug, sie im Modus des ›Es könnte sein‹ zu halten, es ist unklug, den Modus zu wechseln, es sei denn, die Situation überwältigt alle Beteiligten, und so weiter, und so fort… Es ist klug, das Unterbewusstsein, nein, es ist klug, eines zu besitzen, es ist Frauenklugheit, die auf den Rüden wartet, um ihm zu antworten: So nicht! Und mit dir schon gar nicht. Es sei denn… Es sei denn, du lernst es, dich zu benehmen. Dann allerdings… Was soll schon werden? Etwas Wirkliches? Etwas, das zählt? Ein Köter bist du und kommst nicht in Betracht. Zähle du nur weiter.

Eike erbeutet eine Frau
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Die Erziehung des Rüden ist eine Aufgabe, eine unter anderen, aber doch etwas Spezielles, etwas ganz Spezielles, wie die Scheidungsraten diskret andeuten, hinter denen die üblichen Beziehungsdramen lagern. Sie geht leicht schief – wie die Sprache in ihrer allgegenwärtigen Gemeinheit auszudrücken nicht unterlässt, ist das Schiefe bereits im Gang angelegt, der da praktiziert wird, um genau zu sein, in der Gangart: alle Erziehung zur Aufrichtigkeit enthält diese fundamentale Unaufrichtigkeit, dass sie dem zu Erziehenden die Aufrichtigkeit verwehren will, die seinem Typus eignet, und dabei rigoros den Zugang zu den eigenen Hintergedanken samt zugehörigen Empfindungen versperrt. Was soll schon dabei herauskommen, wenn der Engel den Teufel erzieht? Ein Engel-Teufel-Spiel, was sonst. Die Verwandlung des ›Partners‹ in eine Handpuppe, ein Spielzeug, achtlos fortzuwerfen, sobald das Spiel langweilig wurde, das heißt, wenn die Umwandlung vollzogen ist, küsst alle Teufel wach, innerhalb und außerhalb der eigenen Brust: da tanzen sie ihren Tango, werfen lüsterne Blicke, Formulare des ewig blitzenden Warum nicht wir? – die Welt ist offen, lass die Stickluft heraus, lass mich aus.

Aber das ist banal. Im Projekt gibt es keine Erziehung, stattdessen: ewigen Wechsel. Wie lange? Bis zu welcher Grenze? Der Fehler, falls es denn einer wäre, steckt im Gruppenbewusstsein. All diese Leute, die ihre Unterschrift am Eingang geleistet haben, teilen ein Geheimnis, sie bilden, und zwar vom Moment des Eintritts an, eine verschworene Gemeinschaft, noch unwissend, wer und vor allem was da auf sie zukommen wird: sie erwarten Einweisung, das unumgängliche Gewusst-wie, ohne das alle ratlos herumstünden und schließlich unverrichteter Dinge wieder nach Hause gingen. Wenn aber die Regeln in Fleisch und Blut übergingen, wenn sie die Mitspieler kennengelernt, wenn sie miteinander erst einmal durch sind, wenn die Vertrautheit wächst, dann, ja dann wachsen die Regeln der Freiheit erneut zu jenem Prokrustes-Bett zusammen, das sie alle fürchten. Das Projekt, heißt das, verwechselt den Aufbruch in die Freiheit mit der Freiheit selbst. Siehst du das jetzt richtig? Siehst du das jetzt endlich richtig? Oder ist auch das nur eine perspektivische Täuschung? Wen soll sie täuschen?

Eike, so scheint es, täuscht sie nicht. Wie immer man sein Benehmen taxiert, er kommt auf seine Kosten. Aber vielleicht liegt seine Täuschung darin, dass er am Experiment gar nicht teilnimmt, ein blinder Passagier, der zwar mit an Bord ist, aber als Unerkannter. Nun, wenn das so ist, dann ging die Sache für ihn gründlich schief. Ein Eike ist schnell erkannt. Die Frage lautet eher, ob es ihn stört.

Eike erbeutet eine Frau
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Nein, es stört ihn nicht. Das meint: es stört ihn nicht wirklich. Es stört ihn insofern, als die Tarnung, das Streben nach Unerkanntsein zum Wesen der Pirsch gehört, so wie es zum großen Jäger gehört, dass man seine Trophäen bewundert. Es stört ihn, erkannt zu werden, es stört ihn, unerkannt sein Wesen zu treiben. Darin besteht seine Störung: keineswegs ist er der Typus, der mit sich im Reinen wäre. Überdies stört er selbst: er stört dich, er stört dich sehr. Es stört dich, dass einer wie er in deinem Revier wildert.

Sei genau. Lehnst du die Person Eike B. ab? Wirklich oder gefühlt? Ehrlich gesagt: weder-noch. Du empfindest sogar – in Grenzen – Sympathie für ihn. Würdest du tiefer graben, so würdest du feststellen, dass auf dem Grunde eures – zugegeben: losen – Umgangs der perverse Wunsch, von diesem Individuum verstanden zu werden, zutage träte: warum? Weil er zu ist, nicht zugeknöpft, nicht verschlossen, aber unzugänglich im Gehäuse seiner primären Einstellungen, aus denen er sich durch nichts und niemanden herauslocken lässt – ein Spötter, der in seiner Haut mit sich allein ist und von diesem Wissen keine Sekunde abweicht.

Aber vielleicht überschätzt du ihn gerade darin. Die Art und Weise, wie er Liz umstreicht, lässt die Mär vom großen Jäger im Handumdrehen zerfallen.

Gerade damit wird er zur Gefahr für das Projekt.

Eike001
So forsch er redet, so ängstlich hört er sich zu.
So ängstlich er sich antwortet, so hochmütig hört er sich zu.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike B ist nicht einer.
Eike ist, solange er denken kann, zwei.
Ein Mann und seine Scham.
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Eike001
So forsch er sich antwortet, so ängstlich hört er sich zu.
Eikes Vaterkomplex ist legendär.

Er träumt von der geistig-moralischen Wende. 180 Grad und er ist dabei.
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Eike001
Diese schmerzt anders.

Eike001
Es ist die Mischung, die den Vater gegen ihn aufbringt.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eikes Vater: Dentist. Ein Wunder an
Präzision. Eikes Mutter: ein Abgrund an
Unbestimmtheit. Eike will genau sein.
Eike ist unbestimmt.
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Eike001

Vater und Sohn:
jeder enttäuscht vom anderen,
jeder enttäuscht von sich selbst.
Zwischen ihnen: der Abgrund.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Jeder sehnt sich danach, dass der andere ihn versteht. Beide lehnen es ab, den anderen zu verstehen. Beide sind überzeugt davon, sie hätten verstanden.
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Eike001

Mutters Groll plus Vaters Schmerz = Eikes Hass. Auf wen?
Das ist nicht so einfach.
Eike hasst den Vater.
Er hasst ihn, wie dieser sich hassen würde,
litte er nicht unter dem Groll der Mutter,
sondern trüge ihn gegen sich selbst
aus Solidarität mit der Frau
an seiner Seite.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eikes Mutter, das ist:
der lebenslange Groll gegen den Vater.
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Eike001

So kann man es sagen.
Einig worüber? Über die Welt da draußen.
Welche Welt? Eine Welt aus Geschichten.
Eike kennt die Welt aus Geschichten.

Eike001
Eike ist Tronka-Schüler.
Eike lehnt Tronka ab.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Tronka behauptet: Er kennt sie alle.
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Eike001
  • ―Welche Pointe?
  • ―Das kann ich dir verraten.
  • ―Dann verrat’s mir.
  • ―Warum? Damit du es gegen mich verwendest?
  • ―Warum sollte ich so etwas tun?
  • ―Weil es dir einen Vorteil verschafft.
  • ―Welchen Vorteil?
  • ―Ich liefere mich dir aus. Du kannst mich in die Pfanne hauen.
  • ―Ich denke nicht daran, dich in die Pfanne zu hauen.
  • ―Jetzt nicht. Dann vielleicht schon.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Jede Geschichte
hat eine Pointe.
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Eike001

Welches Gespräch?
Das Gespräch an sich.
Das Gespräch außer sich.
Das Gespräch der anderen.
Das Gespräch als Bereicherung.
Er bereichert sich an gefallenen Worten, als fielen sie ihm zu.

Eike011

Wohin fallen Worte, wenn keiner sie aufgreift?
Das sind so Fragen.
Sobald keiner hinsieht, greift Eike zu.
Er ist ein Nascher.
Er ist ein elender Nascher.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Wann fallen Worte? Wie fallen Worte?
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Eike001

Er ist misstrauisch.
Beantwortet das die Frage?
Sein Misstrauen deckt den Raum der Zuversicht ab.
Politik spielt im Raum der Zuversicht.
Demnach deckt er sie ab.

Eike001

Zum Beispiel ist er überzeugt davon, dass Gedanken gefährlich sind.
In seinem Kopf wimmelt es von gefährlichen Gedanken.
Er hortet die Überzeugungen anderer Leute,
als müsse er auf sie aufpassen.
Prost, Eike!

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike besitzt Überzeugungen.
Sein Ideal: Für jede Situation die passende Überzeugung.
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Eike001

Eike hingegen hat kein Problem damit, Hiero
oft und ausgiebig anzuschwärzen. Warum?
Ist Eike weniger Freund? Keineswegs.
Eike ist niemandes Freund.
In seinen Augen ist Hiero ein Niemand.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Seine Freunde kennen ihn gut.
Hiero zum Beispiel macht sich Gedanken.
Er macht sie sich, niemandem sonst.
Er käme sich vor wie ein Verräter,
wollte er sie herauslassen.
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Eike001
  • ―Habe Mut, dich deines Verstandes … zu … bedienen…
  • ―Welchen Verstandes? Wovon redest du da? Zeig ihn her!
    Zeig ihn mir!
  • ―Ich habe Verstand. Hast du keinen?
  • ―Ich habe Grips. Hast du Grips? Hast du wirklich Grips?
    Vielleicht hast du Grips. Mag sein, ich will das nicht untersuchen.
    Aber Verstand? Wer hat schon Verstand? Ich kenne keinen.
  • ―Das ist absurd.
  • ―Absurd wie das Leben.
  • ―Das Leben ist nicht absurd. Das Leben ist, wie es ist.
  • ―Das ist eine Tautologie.
  • ―Leben ist tautologisch.

Eike001
  • ―Ich bin nicht das Leben. Ich bin keine Tautologie.
  • ―Logisch. Was bist du dann?
  • ―Anders.
  • ―Sehr richtig. Du bist ein anderer. Einer unter anderen. Warum solltest gerade du Verstand haben, wenn alle anderen keinen haben? Angenommen, es wäre so: dann wärst gerade du anders als alle anderen.
  • ―Vielleicht bin ich das ja. Das war ein Scherz. Wie kommst du darauf, dass alle anderen keinen Verstand haben?
  • ―Wie kommst du darauf?
  • ―Ich sage doch: Habe Mut, dich deines Verstandes…

Eike001
  • ―Das sagst nicht du, das sagt Kant.
  • ―Kant ist tot. Also sage ich es.
  • ―Du plapperst es nach. Verstehst du es überhaupt? Was weißt du
    von Kants Verstand?
  • ―Kant redet von deinem Verstand.
  • ―Kant vielleicht. Du nicht.
  • ―Dein Verstand geht mich nichts an.
  • ―So ist es. Also lass ihn aus dem Spiel.
  • ―Hast du jetzt einen Verstand oder nicht?
  • ―Mein Verstand sagt mir, dass es nicht an meinem Mut liegt, wenn niemand sich seiner bedient.
  • ―An was denn dann?
  • ―An den Verhältnissen.

Eike001
  • ―Welche Verhältnisse sollen das denn sein?
  • ―Verhältnisse, unter denen du praktisch tot bist, wenn du den Mund aufmachst.
  • ―Sagt das dein Grips oder dein Verstand? Du redest doch dauernd.
  • ―Ich rede, aber was ich denke, geht niemanden etwas an.
  • ―Wer ist Niemand?
  • ―Da gerade wir miteinander reden: Du vielleicht.
  • ―Soso, ich bin also niemand? Sagt dir das dein Verstand?
  • ―Nein. Er sagt mir gar nichts, solange wir miteinander reden.
  • ―Und danach?
  • ―Danach sagt er mir: Was ich denke, geht dich nichts an.
  • ―Hältst du mich für einen Mörder?
  • ―Nein. Für einen Agenten.

Eike019
  • ―Das ist Paranoia. Glaubst du, ich spioniere dich aus?
  • ―Nein, das glaube ich nicht.
  • ―Was dann?
  • ―Ich glaube, du willst mich bekehren.
  • ―Das müsste ich wissen. Zu was?
  • ―Zu deinem Glauben.
  • ―Wieso das denn?
  • ―Du redest von Mut, aber in Wahrheit soll ich so reden wie du.
  • ―Und wie rede ich?
  • ―Wie alle anderen.
  • ―Das ist nicht wahr.
  • ―Genau das meine ich.
  • ―Das verstehe ich nicht.
  • ―Du glaubst, du würdest dich deines Verstandes bedienen und
    die anderen würden es nicht. Dabei redest du dasselbe Zeug wie alle anderen auch. Dein Verstand? Dein Verstand befiehlt dir, dich nicht zu weit von der Herde zu entfernen. Das ist dein ›Mut‹.
  • ―Und wer bist du?
  • ―Falscher Zug. Ganz falscher Zug.

Eike020

Was spricht gegen einen Roman, der »Muntepan« heißt?
Eike ist überzeugt: Dieser Roman macht ihn berühmt.
Eike will berühmt sein.
Eike ist überzeugt: Berühmtheit hat ihren Preis.
Diesen Preis will er nicht zahlen.

Eike hasst die Berühmten.
Er will vergessen werden.

Das kann er haben.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
»Muntepan« heißt der Roman,
an dem Eike schreibt,
solange nichts gegen ihn spricht.
Er schreibt langsam, denn dagegen spricht viel. Eigentlich alles.
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Eike020

Eike sagt:
Wer gegen das Vergessen angeht, der vergisst viel. Das ist ganz normal.
Man kann nicht alle Muskeln auf einmal spannen.
Ich selbst bin einer, den man vergisst.
Ich werde gewesen sein und keine Spur hinterlassen haben,
es sei denn, ich lege eine.
Ich kann das.
Aber darf ich das auch?

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike schreibt gegen das Vergessen.
Das machen viele.
Eike schreibt gegen das Vergessenwerden.
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Eike022

Würden alle Bücher schreiben, dann würde sie keiner lesen.
Würden alle Professor, dann gäbe es kein Wissen.
Würden alle Politiker, dann gäbe es nichts zu regieren.
Würden alle Priester, dann gäbe es nichts zu glauben.

Alle menschlichen Dinge hängen an diesen vier Wörtern:
Es gibt einen Unterschied.

So denkt Eike.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Das sind Eikes Fragen:
Darf ich das auch?
Darf man das?
Ist das erlaubt?
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Eike023

Wer keinen Unterschied macht, gibt es den überhaupt?
Nein, denkt Eike, den gibt es nicht.
Mache ich einen Unterschied? Nein.
Folglich gibt es mich auch nicht.
Ich bin einer der vielen, die keinen Unterschied machen.

Quod licet Jovi non licet bovi.

Eike ist Lateiner. So etwas, findet er, macht einen Unterschied.
Das, findet er, ist keine frohe Botschaft.
Eike vergisst schnell.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Wenn es einen Unterschied gibt,
dann deshalb, weil jemand ihn macht.
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Eike024

Er sagt: Ich bin keiner. Ich bin viele.
Ich will alle sein.
Ich will wie alle sein.
Ich will nicht auffallen.
Das ist meine Art aufzufallen.

(Das sagt er nicht, aber er denkt es.
Er will es nicht denken, aber es denkt sich.)

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike will der Mensch sein,
der keinen Unterschied macht.
Er sagt: Lasset die Menschen zu sich
kommen und wehret es ihnen nicht.
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Eike025

Er sagt: Ich habe nichts zu lehren.
Ich vermittle Wissen.
Wirkliches Wissen ist niemandes Wissen.
Ich will niemand sein.
Dieser oder ein anderer.

Eike026

Ich gebe wieder.
Es sind nicht meine Gedanken, die ich vermittle.
Wenn ich wiedergebe, denke ich da überhaupt?
Ich denke mir meinen Teil.
Ich stelle ihn daneben.
Aber nur in Gedanken. Sage:
Muss ich mehr dazu sagen? Ich denke nicht.
Besser die Boote verbrannt als die Zunge.

Eike027
  • ―Ich bin Eike und wer bist du?
  • ―Ich höre dir zu.
  • ―Das gefällt mir. Gefällt es dir auch?
  • ―Teils-teils. Ich höre etwas und ich höre nichts.
  • ―Drücke ich mich undeutlich aus? Das wäre ein Fehler.
  • ―Du drückst dich deutlich aus. Aber eher wie eine Zigarette.
  • ―Das verstehe ich nicht.
  • ―Du redest, als ob wir beide schon wüssten, was wir von alledem zu halten haben.
  • ―Und? Stimmt das etwa nicht?
  • ―Ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher. So wie du redest, denke ich, dass du nichts davon hältst.
  • ―Wovon? Von alledem? Das kann man so nicht sagen.
  • ―Genau. Das meinte ich. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
  • ―Genau so meinte ich das nicht. Ich weiß, was ich sage. Aber ich dränge niemandem meine Auffassungen auf.
  • ―Sicher? Das ist merkwürdig. Ich würde mir gern selbst ein Bild machen. Doch deine Rede lässt das nicht zu.
  • ―Ich suche das Einvernehmen.
  • ―Unsinn. Du setzt es voraus. Du suchst es und du setzt es voraus. Du müsstest es herstellen. So wird das nichts.

Eike028
  • ―Was wäre evident?
  • ―Alles, was mich widerlegt.
  • ―Warum das denn?
  • ―Weil es schmerzt.
  • ―Zwingend?
  • ―Nicht zwingend. Aber naheliegend.
  • ―Muss alles, was evident ist, schmerzen?
  • ―Wenn ich etwas vorbehaltlos bejahe, was passiert dann? Es überwältigt mich. Es löscht mich aus. Es macht mich gleich.
  • ―Ist das schlimm?
  • ―Nein, aber ich bin immer noch da. Das schmerzt. Es nimmt mich nicht mit.
  • ―Du willst also mitgenommen werden?
  • ―Ja, das will ich.
  • ―Wohin?
  • ―Irgendwohin. Wüsste ich das Ziel, so wäre es schon kassiert.
  • ―Dann lass dich mitnehmen.
  • ―Das geht nicht.
  • ―Alles geht.
  • ―Aber es geht schief.
  • ―Alles?
  • ―So spricht der Versucher.
  • ―Was spricht gegen den Versuch?
  • ―Ich. Meinesgleichen.
  • ―Wer ist das?
  • ―Viele.
  • ―Das käme auf den Versuch an.
  • ―Nein. Es kommt auf die Sache an.
  • ―Welche Sache?
  • ―Das wird sich herausstellen.
  • ―Irgendwann?
  • ―Genau dann.

Eike029

Eike lebt im Bann der Bilder.
Er sagt: Dieses Bild macht mich nicht an
und sucht die Schuld beim Bild.
Wer stellte es her?
Wem entzog er sich damit?

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike, ein Bild betrachtend, möchte genau das sein: Teil des Bildes.
Das betrachtete Bild lässt ihn nicht ein.
Was ist falsch: das Bild oder Eike?
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Eike030

Eike formuliert es neu:
ALLES ABWEGIGE LÄUFT.
So abwegig ist das nicht.

 
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike, gesetzestreu, träumt vom Gesetz. Ein zweiter Moses, zerschmettert er Tafeln am Fels. Aus diesem Traum gibt es kein
Erwachen. Das zerschmetterte Gesetz gilt.
 « 
  
 

Sei gelobt!

Lob des Projekts
1

Du bist das bittere Brot der Stunde, das keiner ablehnt.

Du bist der Weinberg des Herrn, in dem ich mich täglich tummle.

Du weißt, wer ich bin, du teilst dieses Wissen mit jedem, nur nicht mit mir, wofür ich dir Dank weiß.

Du weist über mich hinaus, großer Zeiger ins Nichts, zu Recht, denn diese Zukunft, auf die du dich richtest, sie ist nicht für mich und meinesgleichen, sie ist für alle, die keiner Zukunft bedürftig sind, die sie zu beziehen wünschen, als handle es sich um eine neue Wohnung und das Problem bestünde darin, das alte Mobiliar in sie hinüberzuschaffen.

Du bist der Ursprung und das Ziel meines Ehrgeizes, der mich zwingt wirklich zu sein. Ohne dich wäre ich weniger wirklich, fast nichts, träumend würde ich meine Tage verdämmern, ein Ärgernis und ein Ungeheuer, ein Wesen ohne Kontur. Du verleihst mir Schärfe.

Du hast meine Wenigkeit als Dompteur über diese Wesen gesetzt, dafür weiß ich dir mit Rührung versetzten Dank, dem der bittere Beigeschmack auf die Sprünge hilft, denn ein Dank, der den Herrn nicht spürt, ist nicht mehr als Hohn, den Weiten entgegengeworfen, als hätten sie dafür Verwendung, was aber nicht der Fall ist.

Nicht Werk, nicht Schicksal, nein, Dasein, von Tag zu Tag und hinaus über jeden Tag, diesen und jeden, der kommt: darin liegt deine Kraft und Herrlichkeit, dein einfaches Sosein, Erfahrung ohnegleichen und ein Mysterium ohne Mitte, das uns verhext.

Wie leben in einer Welt, die unentwegt die Bedingungen ihrer Existenz hervorbringt und vernichtet, gleich einem Taschenspieler, der seine Tricks durch Vorzeigen unwirksam macht und keine Sekunde lang aufhört, das Publikum damit hinters Licht zu führen? Du bist die Frage, die Antwort und das Gegebene, das sich begibt, sobald ich die Hand ausstrecke, als sei ich einer, der bewirkt.

Sei reell! Ich bitte dich, sei reell! Nichts wird von dir erwartet als das. Brücke bist du, über die ich hinüber ins Land der Erwartungen wandere, also sei reell! (Nicht um meiner Erwartungen willen, behüte, sondern um aller anderen willen, beteiligt oder nicht, denn ihre Erwartungen sind es, die den meinigen Festigkeit und ein Gesicht verleihen, so dass ich, angesichts der kommenden Katastrophe, ruhig schlafen kann, ganz als befände ich mich unterdessen auf einer Siegerstraße und nichts könnte meinen finalen Einlauf verhindern.)

Welche Zukunft zu geben bist du bereit? Du weißt, unter der Zukunft der Menschheit macht es die Wissenschaft nicht. Was sie Wahrheit nennt, unter der Vorspiegelung, ihr zu dienen, ist eine schweigsame Herrin, die mit Versprechungen lockt, welche andere in sie hineingelegt haben. Welche anderen? Andere eben, nicht diese, nicht jene, sondern immer andere, jetzt und immerdar andere. Wärest du bereit, unter ihnen zu wählen? Auf wen fiele deine Wahl?

Prometheus, endlich die Fackel in Händen, fühlt sich an den Felsen geschmiedet: herbes Los. Ein Bild, leicht aufzulösen, nicht von mir, nicht jetzt, ich will den Knoten des Daseins nicht lösen, jetzt nicht, nicht morgen. Übermorgen löst sich vielleicht, was ich nicht wissen will, ganz von allein, vibrierend in deinem Namen. Das wäre mein Triumph.

Diese Menschen … du führst sie in Versuchung, so wie du mich in Versuchung geführt hast. Wie anders könnten sie es auf den Versuch ankommen lassen? Das Andere versuchend erproben sie, wer sie sind. Sie erscheinen sich anders, der Schein ist das Reelle, das ihnen Profil verleiht. Profil vor wem? Vor was? Vor dem Unbekannten, das sie auch sind, schon in Ermanglung anderer Kandidaten.

Angenommen, du beruhtest auf falschen Prämissen – pfeif auf die Prämissen! Was wäre das für ein Projekt, das sich nicht seine eigene Wirklichkeit schüfe? Sobald die Möglichkeit aufscheint, findet sich auch der Mut, sich ihr anzuvertrauen. Irgendein Mut findet sich immer. Unter den Bedingungen des Lebens gibt es keine falschen Prämissen. Wo das Leben nicht hinreicht, existiert kein Projekt. Es zergeht aus Unfähigkeit zu vergehen, denn um zu vergehen, bräuchte es selbst ein Leben.

Nein, du bist nicht das Leben, aber du gibst ihm die Richtung auf das Gericht, das du mit dir führst wie einst die Boten der Großen Revolution die Guillotine: verhüllt, ein black cube, ruhend auf dem Vordeck des Schiffes, das sie den Ufern der neuen Welt entgegentrug.

 

Die Geschichte ist nicht die Geschichte

Hiero meditiert
1

Wenn alle mit allen ins Bett gehen, wo bleibt dann die Geschichte?
Was ist dann die Geschichte?
Ist das die Geschichte?
Ist das das Ende der Geschichte?

*

Das Ende der Geschichte ist nicht das Ende der Geschichten.
Auch umgekehrt wird ein Schuh draus: Das Ende der Geschichten ist nicht das Ende der Geschichte.
Am Anfang der Geschichte treibt das Geschlecht die Geschlechter hervor.
Alle Geschichte ist Geschlechtergeschichte.
Am Ende der Geschichte treiben die Geschlechter das Geschlecht vor sich her.

*

Ist das noch Geschichte? Ich denke nicht. Es ist etwas danach.
Was kommt nach der Geschichte? Etwas zwischen Geschichte und Nicht-Geschichte.
Die einen haben gesiegt und die anderen haben gewonnen. Oder umgekehrt.
Gesiegt haben die, die das Sagen haben.
Gewonnen haben die, die etwas zu sagen haben.
Ist das der Sinn der Geschichte? Aber das ist Un-Sinn.

*

Das Experiment überschreibt die Regel.
Wenn ich mit deiner Frau ins Bett gehe, weil das Experiment es verlangt, dann habe ich gewonnen.
Es ist dein Experiment, also habe ich gewonnen.
Es ist deine Frau, irgendwann hast du also gesiegt.
Der Sieg ist die Bedingung der Niederlage.

*

Was also hätte ich zu sagen?
Das Experiment ist auf Sand gebaut: auf Diskretion.
Ich sage nicht, was ich weiß, und du sagst nicht, was du siehst: Darauf läuft es hinaus.
Wer verlangt das? Die Frau, die zwischen uns steht.
Sie will Erfahrungen machen. Das ist verständlich.

Hiero meditiert
2
Hiero träumt

Die Zeit der Duelle ist nicht mehr.
Hat das einer durchdacht? Hat das mal einer wirklich durchdacht?
Wenn vom Geschlecht der actus purus übrig blieb, was bleibt dann? Der Mann und die Nutte.
Wenn der Mann die Nutte durchstreicht, undenkbar macht (oder den Gedanken daran nur als unbegreiflichen Unfall seiner löchrigen Natur zulassen will), wo bleibt dann die Frau?
Verschwunden.

Hat sich mein Bedürfnis gewandelt? Keineswegs.
Hat sich Leckebuschs Bedürfnis gewandelt? Keineswegs.
Konkret: Hat sich Elisabeths Bedürfnis gewandelt? Ich weiß es nicht. Leckebusch? Was weiß der schon?
Welches Bedürfnis könnte Elisabeth angewandelt haben? Das Bedürfnis, die durchgestrichene Nutte zu sein? Erwachsenen Sex zu haben?
Das führt unausweichlich zur Frage: Hatte sie vorher keinen?

Darüber kann ich nichts sagen. Mutmaßen will ich in diesem Fall nicht, das ginge mir wider die Natur. Wenn ich mich aber bescheide, dann kommen mir solche Gedanken:

  • Ist es möglich, in einer Ehe mit Leckebusch erwachsenen Sex zu haben? Offensichtlich nicht. Leckebusch mag sich für einen Aufklärer halten, aber im Bett ist er ein Versager. Woher ich das weiß? Man merkt es ihr an.

  • Wenn Elisabeth ihr gemeinsames Bett mit Leckebusch verlässt, um meines zu teilen, dann liegt das, und zwar ausschließlich, daran, dass sie bei mir findet, was sie bei ihm sucht (oder einmal gesucht hat, bevor sie es aufgab). Alles andere wäre widersinnig.

Nun gut, man kann den Sinn, der uns zusammenbringt, subjektiv nennen, schließlich ist alle Lust subjektiv, insofern ist es gerechtfertigt, so zu denken. Also: Ich finde sie begehrenswert, so wie sie mich. Was daran ist subjektiv? Es ist streng symmetrisch, also objektiv. Ich würde jedem die Fresse polieren, der sie begehrenswert findet. Ich würde jedem die Fresse polieren, der sie nicht begehrenswert findet. Natürlich nur in Gedanken, das versteht sich von selbst. Das Entscheidende ist, dass sie den Weg zu mir findet. Findet sie ihn nicht, muss ich sie durchstreichen, sie in die Null zurückverwandeln, die sie war, bevor sie meinen Appetit entfachte. Ist das subjektiv? Ist das radikal subjektiv? Es ist radikal. Es ist radikaler Sex.

Wer ist Elisabeth? Das Begehren, das mich begehrt. Liegt darin eine unzulässige Verdopplung? Nein, keineswegs. Es entspricht meinem Weltbegriff. Die Welt ist alles, was mich begehrt. Ich bin das wählende Begehren, ich weigere mich, Objekt einer Wahl zu sein. Ließe ich die Wahl zu, die mich verwirft, dann wäre ich … spuck’s aus, Hiero, spuck’s aus: Bewohner zweier Welten, also ein laufender Widerspruch, also unglücklich. In der einen begehrt, in der anderen … verworfen. Wer mich verwirft, der negiert mich. Ich kann nicht zulassen, negiert zu werden, das liegt … vollkommen außerhalb meiner Möglichkeiten.

Ich kann es nicht einmal denken, geschweige denn annehmen.

Heißt das … ja sicher, genau das heißt es. Die Instanz, welche die Trennung vollzieht, nenne ich Ich. Das Ich trennt die Welt: Alles, was ich begehre, nenne ich das andere Geschlecht. Ich bin nicht schwul, nun gut, das schränkt den Radius ein, aber egal. Es ist egal. Alles, was ich nicht begehre, ist egal. Alles, was egal ist, nenne ich: nicht wirklich. Demnach besteht meine Welt aus dem, was wirklich, und dem, was unwirklich ist.

Elisabeth ist wirklich. Momentan ist sie meine Wirklichkeit. Soll heißen, wenn ich mich auf sie konzentriere (was ich muss), dann versinkt das, was wirklich sein könnte. Das heißt natürlich, ich bin für sie maximal attraktiv. Da ist nichts, was zwischen uns stünde. Wenn sie das nicht realisiert … was dann? Nun, das ist nicht denkbar, jetzt nicht denkbar (Sex ist Gegenwart, reine Gegenwart), also auszuschließen. Genau darin liegt die Spannung, die man Erwartung nennt.

Ich nenne sie: Gewissheitsspannung.

 

Die Scham, sich ausbreitend, wechselt
Gesicht und Geruch

Vorschlag zur Güte
1
Guido, sich die Butter aufs Brot streichend, wendet sich zu Hiero:
  • ―Nein, ich bin nicht überzeugt. Gib mir Zeit, es dir zu erklären. Ach, ich sehe schon: Da gibt es nichts zu erklären. Spar’ dir deine Rede, ich seh’s dir an. Spar sie dir, habe ich gesagt, sie schmerzt mich, hast du keinen Respekt? Nein, du hast ihn nicht. Voll der Botschaft, das bist du, aber nicht voll der Gnaden. Warum auch? Du bist keine Jungfrau, du bist ein einfacher Samenspender, das reicht dir, das reicht mir, manchmal habe ich die Nase gestrichen voll. Wovon? Von deiner Gegenwart? Das könnte dir so passen. Ja, es passt dir ausgezeichnet. Da liegt sie, die Bahn der gestatteten Rede, und will nur eins: dass du sie beschreitest. Das willst du doch, oder? Gib zu, du willst es. Alles drängt sich dahin. Meine Rede dagegen, was schert sie dich? Nichts? Weniger als nichts: sie ist Vorlage, schon konsumiert, bevor sie in sich vollendet. In sich, gewiss, auch ich stehe unter dem Zwang, sagen zu müssen, was ist, auch wenn ich kein Politiker bin. Gerade deshalb. Kein Politiker sagt, was ist. Wenn’s hoch kommt, sagt einer, was an der Zeit ist, dann ist er tot oder er zieht sie hinter sich her. Ich will niemanden hinter mir herziehen. Und du? Ziehst eine Schleppe von Sätzen hinter dir her, die auszusprechen einmal richtig und notwendig war. Heute … heute machen sie Tabula rasa. Ganz recht, Tabula rasa. Du rasierst deine Umgebung, merkst du das nicht? Dein Mundwinkel zuckt, in deinen Augen lodert das Fegefeuer des Aufklärers: Hör’s dir an! Einmal musst du’s ja doch. Eine Wahrheit, die nicht an der Zeit ist: was ist das? Eine Unwahrheit? Schlimmer als das: eine kassierte Wahrheit. Eine Wahrheit für eine andere, die an der Zeit wäre. Das verstehst du nicht? Und wie ich dich verstehe!
Vorschlag zur Güte
2
Hiero, mühsam beherrscht:
  • Ist das jetzt Ironie oder was? Oder willst du zwischen uns das Tischtuch zerschneiden? Also bitte…
  • ―Geht schnell bei dir.
    (Guido, das Messer ins Marmeladenglas tauchend, nicht sicher, ob so ein Satz, laut und entschieden gesprochen, nicht den sofortigen Bruch bedeutet. Den will er nicht. Nein, den will er nicht. Jetzt nicht … und überhaupt. Es wäre Versagen.)

    *

    (Jetzt brüllen sie wieder, unisono, chormäßig, von den Hauswänden, scheinbar lautlos. Zum Schein lautlos. Zum Schein andersherum. Nazis raus. Und die blöden Nazis hocken in ihren Löchern und kommen und kommen und kommen nicht raus. Patt. Wo sie wohl stecken? Unglaublich. Ein Volk von Nazis, das sich duckt und so tut, als habe es nichts gehört. Nicht zucken, Nachbar. Du bist nicht gemeint. Noch nicht… Mit dir beschäftigen wir uns morgen. Du bist keiner? Du findest das unerhört? Warum die Aufregung? Warum so blass um die Lippen? Erwischt? Erwischt! Gezeichnet: die kollektiven Derwische.)

  • ―Sag mal, warum echauffierst du dich so? Ist doch wahr. Ist doch alles wahr. Dieses Volk ist so öde. Wenn heute ihr Führer aufkreuzte … ich will nicht schon wieder damit anfangen. Aber eigentlich … warum nicht? Wie damals, wollte ich sagen. Was hat sich denn geändert? Nichts hat sich geändert. Das Volk bleibt sich gleich. Dieses Volk bleibt sich gleich. Nur der Ausländeranteil ist gestiegen und das ist gut so. Sie können nicht mehr tun, was sie wollen. Das ist wirklich gut.
  • ―Zeige mir ein anderes.
  • ―Warum sollte ich? Warum sollte ich? Sag mir einen Grund.
  • ―Also gut. Sagen wir, du hast recht. D’accord, alles geschenkt.
  • ―Habe ich gesagt, dass ich mir was schenken lasse? Ich denke nicht dran. Du kannst dein Geschenk zurückhaben.
  • ―Ich denke nicht dran.
Vorschlag zur Güte
3

Not my way, Johnny –

Wie ein erwachsener Mensch, sexuell unreif geblieben, bei bestimmten Wörtern oder Gesten ins Zittern gerät, so gerät der Mensch der Scham, auf bestimmte Gegebenheiten angesprochen, unweigerlich in Bedrängnis: Schweiß bricht aus seinen Poren, Rost blüht aus seiner Stimme, er fühlt den Zwang zu übergehen, was eigentlich gesagt werden müsste, und herauszuschreien, was endlich gesagt werden müsste, obwohl es unendlich besser ist, es sich zu verkneifen. Der Mensch der Scham ist verkniffen. Er fühlt sich besser, als er ist. Er fühlt sich schlechter, als er es zugibt. Warum fühlt er überhaupt sich? Er sollte fühlen, was alle fühlen, aber er fühlt sich. Scham isoliert. Soll er denn fühlen? Ja, er soll. Darin besteht das Gesetz der Scham: Fühle! Fühle dich! Du sollst wissen, wie es sich anfühlt. Du sollst wissen, wie es ist, wenn man sich schuldig fühlt. Wie, du bist dir keiner Schuld bewusst? Darin liegt deine Schuld, deine unermessliche Schuld, deine Schuld ohne Ende, weil du ihr den Anfang verweigerst. Nur der Anfang gibt Hoffnung aufs Ende. Nimm ihn an! Du musst sie fühlen lernen, tief in dir, erst dann bist du ohne Schuld. Warum weigerst du dich? Was in dir weigert sich? Da ist etwas Dunkles, Unaufgelöstes in dir, das dir eingibt, dir geschehe irgendein Unrecht. Ist es nicht so? Ist dir ein Unrecht geschehen? Willst du das Unrecht, das anderen widerfuhr, so einfach aus deinem Bewusstsein verbannen? Nein, das nicht? Das verstehen wir nicht. Wer A sagt und B verweigert, ist ein Lügner. Sage nicht, du hättest es nicht gewusst. Es ist eine Lüge. Was, du hast es gewusst? Lüge. Nichts hast du gewusst, sonst könntest du dich jetzt nicht so sträuben. Was willst du denn gewusst haben? Ganz recht: Das alles lag vor deiner Zeit. Daraus also ziehst du Entlastung? Wer Entlastung braucht, wie tief steckt der in der Scheiße? Du steckst ganz schön in der Scheiße. Doch eigentlich steckt die Scheiße in dir. Hol’ sie heraus! Entledige dich ihrer. Schrei es heraus: »Scheiße!« Brüll endlich: »Raus!« Du bist der Mensch der Scham, gestern wart ihr wenige, du und deinesgleichen, heute seid ihr viele und morgen gehört euch… Siehst du, so geht das. Schon würgt dich die Scham.

Vorschlag zur Güte
4

Dürrobst

Die Deutschen leben in einer Fäkalkultur. Sie finden scheiße, was damals geschehen ist, sie haben aus der Fäkalie ein Adverb gezogen, das macht ihnen keiner nach. Jedenfalls nicht so schnell, auf dieses Alleinstellungsmerkmal legen sie Wert. Was ist deutsch? Sehr einfach: es scheiße zu finden. Nichts geht leichter als Deutschsein: Finde es scheiße und du befindest dich mittendrin. Nicht wenige bemühen dafür die heilige Dreizahl: scheiße scheiße scheiße. Sie schrecken vor nichts zurück. Darin gleichen sie ihren Vorfahren, jedenfalls denen, die vor nichts zurückschreckten. Und darum geht es schließlich: aversive Mimesis, Nachspielen im Modus des Abscheus. Da staunen Sie! Es will Ihnen nicht zu Kopf? Ich will’s Ihnen glauben. An diesem Knochen habe ich selbst lang genagt.

Nassen

Das reicht ja bis ins Psychosomatische. Meine ganze Umgebung hat es am Darm. Eine Manifestation, wenn Sie mich fragen. Der deutsche Darm stranguliert sie alle. Wenn ich das so sagen darf. Die Mitgardschlange vermutlich. Darf man das so sagen? Ich weiß es nicht. Es ist ja schon ein bisschen geschmacklos. Und irgendwie auch scheiße gegenüber den Opfern. Ich finde Schweigen manchmal richtig. Man kann nicht zu allem schweigen, das ist auch richtig, aber Sprache ist auch Macht und wer zu allem etwas zu sagen hat, der bringt sich zwanghaft in eine Machtposition, die ihm nicht zusteht. Eigentlich steht sie niemandem zu. Die Deutschen müssen lernen, dass Deutschsein nichts Besonderes bedeutet, darin besteht ihre spezielle Lektion. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen. Jedenfalls wüsste ich nicht wie. Aber vielleicht sehen Sie eine Lösung.

Ophoff

Wenn mir mein Körper nicht mehr sagt, wann ich aufhören muss, dann sollte ich Hilfe in Anspruch nehmen. So schwer ist das gar nicht. Am besten geht das, wenn alle Seiten ihren Stolz ein wenig zurückschrauben. Ich glaube, ich kann das beurteilen, weil ich schon Fälle gesehen habe, ich meine jetzt, das ging da ins Existenzielle. Da wieder herauszukommen ist gar nicht so einfach.

Dürrobst

Sie meinen: Deutschsein auf Krankenkasse?

Ophoff

So in der Art. Ich würde das jetzt nicht ironisieren. Wobei man als Kassenpatientin sich nicht so … in der idealen Position befindet, das gebe ich gerne zu. Aber nach meiner Auffassung ist das auch gar nicht nötig. Wichtig ist, dass man etwas dagegen macht, zum Beispiel auf Demos oder in Schreibprojekten, ja in Schreibprojekten, das hat eine ganz schön befreiende Wirkung. Wow. Man lernt dann auch zu seiner Schuld zu stehen.

Nassen

Du meinst Verantwortung?

Ophoff

Ich meine schon auch Schuld. Schreiben heißt ja begreifen, was man sich schuldig ist. Jeder steht in seiner Schuld, das ist ganz richtig, aber durch das Schreiben begreift man dann auch, dass alle bei allen ›in der Schuld stehen‹, ich finde das einen ganz niedlichen Ausdruck, der wirklich beschreibt, worum es geht. Wer alles scheiße findet, der hat ja kein wirkliches Verhältnis zu seiner Mitwelt. Eigentlich existiert er doch gar nicht.

Nassen

Wenn’s darum geht. Das macht die Toten auch nicht lebendig.

Argloser

Sie wollen Tote erwecken, mein junger Freund? Das nenne ich mutig. Mit wissenschaftlicher Prosa werden Sie das nicht erreichen. Sie gehören zu den Deutschen, die gern ungeschehen machen wollen, was nun einmal geschehen ist. Sehen Sie sich vor! Das ist ein Impuls, den die Scham eingibt. Sie wollen die Scheiße vom Tisch haben. Das klingt ziemlich ordinär, aber es bringt die Sache auf den Punkt. Sehen Sie sich vor: Sie sind auf der Suche nach dem Sündenbock. Haben Sie ihn erst gefunden, fühlen Sie sich auf wundersame Weise erleichtert. Und der fa-

Nassen

-schismus?

Argloser

-tale Zirkel beginnt von vorn.

Vorschlag zur Güte
5
Argloser schreibt

Die Verortung der Schuld beim politischen Gegner dient der Infantilisierung des Konflikts, in dem der Einzelne steht und den er nicht mit sich austragen möchte. Er will nicht fremde Schuld tragen, auch dann nicht, wenn sie, per Verwandtschaft, per Zugehörigkeit an ihn herangetragen wird. Frei von Makel – das will er sein, so will er zumindest scheinen, deshalb geht der Makel ihm nach, ein eingebildeter Makel erstens, weil die Einbildung ihn hegt und pflegt, bis er sie beherrscht, zweitens, weil er eingebildet macht: kein Makel ist wie dieser, der mich beherrscht, er hebt mich heraus aus der Menge der Erscheinungen, er macht mich sichtbar. Sichtbar, das will ich sein, das war mein Begehr seit jeher, jetzt bin ich’s und es soll falsch sein? Was kann daran falsch sein, dass einer wie ich sichtbar wird? Bin ich nicht singulär? Bin ich nicht zutiefst davon überzeugt, dass niemand mir das Wasser reichen kann? Zeugt nicht auch die Verruchtheit der Verwandtschaft von Erwählung? Nun gut, Erwählung ist vielleicht das falsche Wort, sagen wir: Außerordentlichkeit. Wenn ich außerordentlich bin, wer sind dann die Ordentlichen? Die Dummen, ganz recht, an denen die Verantwortung für das Geschehene klebt, ohne dass sie sich ihrer erwehren können. Wollen Sie’s denn? Oh ja, sie leiden, ohne zu leiden, sie rufen im Chor: ›Ich war’s nicht!‹ und sind es, gerade in ihrer Gesamtheit, doch. Warum sonst glichen sie ihren Väter und Müttern aufs Haar? Sie alle sind eine Brut: der Schoß, aus dem das kroch, der Schoß und das, was aus ihm kroch und wieder Schoß wurde, der sie gebar. Sie sind der ewige Spießer. Wenn ich also einen Makel trage, dann den, mit ihnen verwandt zu sein. Abkömmling von Spießern, Sohn, Enkel, Bruder, Vater von Spießern, Spießerbrut eben, aus gleichem Schoß, aber in ihm bereits rebellierend, ans Licht getreten als Rebell: Mutter war anders. Solange ich denken kann, war sie nicht imstande, sich aus der Spießer-Umklammerung zu lösen, sie selbst zu sein, aufrecht und frei, aber sie war anders. Zwischen Mutter und mir gab es immer einen starken Rapport.

Vorschlag zur Güte
6
Argloser legt nach

Der Träger der Scham verabscheut das Parteiensystem, das ihn umzingelt und ihn seiner Erwähltheit beraubt. Wohin er blickt, gewahrt er nur eine Partei: die der Spießer. PDH (Partei der Herrschenden) – so nennt er sie, so kennt er sie, denn er kennt nichts anderes. An ihr arbeitet er sich ab. Auf sie schaut er herunter, als sei’s der eigene Abgrund, aus dem ihm das Bild des ewigen Spießers entgegenblinkt. Der Träger der Scham ist männlich. Seine Freundin krault ihn: Schäme dich nicht! Du bist wunderbar. Doch praktisch findet sie seine Scham schon. Das Vergangene ist furchtbar, aber es hat seine Strafe bekommen: es ist vergangen. Ist es nicht furchtbar, immer davon reden zu müssen? Wer redet vom Unrecht, das mir geschah? Auch ich bin aus diesem Schoß gekrochen und es war kein Zuckerschlecken. Ist das nicht furchtbar? Der Furchtbare war mein Vater. Nun, wenn das so ist: Da hast du ein Unrecht, das du wieder gut machen kannst. Ich bin deine Aufgabe. Hast du das nicht gewusst? Ich werde auf dich warten, wie je eine Frau auf einen Mann wartete: aber als Aufgabe. Mein Los zu ändern, darin besteht deine Aufgabe. Eine Jahrhundert-Aufgabe. Nein, ich werde nicht warten. Wo immer du mich vermutest, werde ich schon gewesen sein. Ich bin schon weiter. Wir alle sind ein Stück weitergekommen. Findest du nicht? Siehst du, ich bin ein Stück weiter als du. Du musst nachlegen, wenn du mich erreichen willst. Du stehst mir im Weg. Den Satz kannst du dir merken. Du wirst ihn noch oft zu hören bekommen.

So redet die Freundin der Scham. Und siehe, es geschehen Zeichen und Wunder: Die Bankenwelt kracht ein und funkelt wie nie zuvor, das Privateigentum sammelt sich in den Taschen des Staates und fließt in Projekte diesseits und jenseits des Traums, jenseits der Menschheit, wie die Frommen zu tuscheln und die Progressiven ihnen bald nachzuplappern beginnen, die Welt wird ärmer und reicher, ärmer an Geist und reicher an Gelegenheiten, die Armut wächst und mit ihr die Gewissheit, ihr entrinnen zu können, die Geldsumme wächst und mit ihr die Schulden, der Reichtum wächst und mit ihm das Bewusstsein, besser zu sein als die vorausgegangene Menschheit, ausgenommen die Opfer. Nur die Quote, die einsame Quote am Horizont bleibt unerfüllt wie die Liebe, wie der Hass, wie die Gerechtigkeit, wie der lange Zorn, wie die Angst vor dem angekündigten Untergang, wie der Traum vom besseren Leben, wieviele ihn auch zu leben sich tagtäglich anschicken.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 1

A ist schuld.
B und C erinnern ihn daran.
A fühlt sich schuldig.
B und C sind zufrieden.

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Eike024

B: Du weißt –
C: Er hat’s vergessen.
B: Was denn?
C: Darüber will ich jetzt nicht reden.
B: Ich auch nicht.
C: Darüber kann man nicht einfach reden.
B (zu C): Wie hält er das aus?
A: Okay, ich war’s. Genügt euch das? Was wollt ihr?
B & C: Wir?
A: Wer sonst?
B: Ganz recht. Wer sonst.
C: Er hat es vergessen.
B: Er will es vergessen.
A: Ich habe es nicht vergessen.
C: Was denn? Dann sag’s uns.
A: Was wollt ihr hören?
B: Wir? Du fragst uns –?
C: Wir wollen nichts hören. Was könntest du uns schon sagen?
B: Worüber willst du denn reden?
C: Also gut, wenn’s dir dann besser geht.
A: Ich kann nicht.
B: Warum nicht?
A: Ich weiß nicht.
B & C: Er weiß es nicht.
B: Du hast also vergessen, was du getan hast?
A: Nein, habe ich nicht.
B: Dann sag’s doch. Los, spuck es aus.
A: Warum? Was habe ich euch getan?
C: Uns? Das fragst du uns?
B: Wir sind ganz Ohr.
A: Ich weiß nicht, was ihr wollt.
C: Wetten, du weißt es? Wetten, du weißt es?
B: So naiv kann keiner sein.
C: Vielleicht doch. Weiß man’s?
A: Ich weiß, was ihr wollt.
B: Schau an, unser kleiner Naiver.
C: Komm schon, wir haben dich trotzdem gern. Weißt du das nicht?
B: Nicht doch. Er hat’s vergessen. aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 1

A ist schuld.
B und C erinnern ihn daran.
A fühlt sich schuldig.
B und C sind zufrieden.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 2

A ist sich keiner Schuld bewusst.
B und C mokieren sich über ihn.
A empfindet Scham.
B und C sind zufrieden.

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A: Ich habe da einen Vorschlag.
B: Er hat da einen Vorschlag.
C (zu A): Ich an deiner Stelle wäre da vorsichtig.
A: Das verstehe ich nicht.
C: Das glauben wir dir sogar.
A: Was willst du damit sagen?
C: Ich? Vielleicht willst du uns etwas sagen.
B: Komm, sag’s schon.
A: Worauf wollt ihr hinaus?
C: Stell’s leiser. Wir verstehen dich ja.
B: Was nichts an der Sache ändert.
C: Was nichts an der Sache ändert.
A: Sagt mal, spinnt ihr?
B: Jetzt wird’s unappetitlich.
C: Du könntest in dich gehen.
B: Wir werfen dir ja nichts vor.
A: Dann ist ja alles in Ordnung.
B: Ist es nicht.
A: Und warum nicht?
B: Das musst du dir schon selbst sagen.
C: Das wäre das Mindeste.
A: Was ist jetzt mit meinem Vorschlag? Wollt ihr ihn hören?
C: Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
B: Du hast es vergessen, stimmt’s?
A: Ich habe nichts vergessen.
B: Du weiß es also.
A: Ich weiß alles.
B: Er weiß es.
C: Und es macht dir nichts aus?
A: Nein. Sollte es das?
B: Uns macht es aber etwas aus.
C (zu A): Was weißt du denn?
A: Keine Ahnung. Was wollt ihr denn wissen?
C: Das solltest du dir selbst sagen.
A: Sag’s mir. Ich weiß jetzt nicht, was du meinst.
C: Das solltest du aber.
A: Warum?
B: Weil es unser Verhältnis betrifft.
C: Gib dir keine Mühe. Er kapiert’s nicht.
B: Das scheint mir auch so.
C: Das war’s dann.
B: Auf diesere Basis kann man nicht arbeiten.
C: (zu A): Lass deinen Vorschlag stecken.
B: Ein andermal vielleicht.
A: Ihr könnt doch nicht…?
C: Doch. Können wir.
B: Und jetzt lass uns – aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 2

A ist sich keiner Schuld bewusst.
B und C mokieren sich über ihn.
A empfindet Scham.
B und C sind zufrieden.

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Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 3

A empfindet Scham.
B und C zweifeln dies an.
A empfindet Wut.
B und C zeigen ihre Unzufriedenheit.
A fühlt sich ausgegrenzt.

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B (zu A): Schämst du dich nicht?
A: Wie recht du hast. Ich schäme mich.
B: Wie recht habe ich denn?
A: Ich meine einfach: Du hast recht. Ja, ich schäme mich.
B: Warum eigentlich? Was hast du getan?
A: Ich stehe zu meiner Schuld.
B: Das kann jeder.
A: Das verstehe ich nicht.
B: Jeder kann behaupten, er stehe zu dem und dem. Beweise es!
A: Gern. Und wie?
C: Das finde ich jetzt schamlos.
B: Du verlangst von uns, dass wir…?
A: Ich verlange nichts.
C: Das ist auch das Mindeste. Vielleicht verlangen wir ja etwas.
A: Nur zu. Ich höre.
C: Wir verlangen … sagen wir … ein gewisses Minimum an Scham. Ist das zuviel verlangt? Ist das schamlos? Los, sag schon: Ist das schamlos?
A: Das sagt doch niemand.
B & C: Das genügt uns nicht.
A: Was dann?
B & C: Es geht nicht um uns.
A: Da habt ihr verdammt nochmal recht.
B: Willst du uns beleidigen?
C: Willst du sagen, es geht uns nichts an?
B: So einfach kommst du nicht davon.
A: Ich will nicht davonkommen. Ich wüsste nicht, warum ich davonkommen sollte.
C: Bist jetzt du das Opfer?
B: Schau, das Selbstmitleid.
C: Selbstmitleid? Der ist doch stolz drauf. Der kann gar nicht anders.
B: Der würde es wieder tun.
A: Das ist nicht wahr.
B: Leugnen kann jeder.
A: Ich leugne nichts.
B: Das kann jeder behaupten. Wenn du meinst, damit kommst du durch, hast du dich getäuscht.
A: Was soll ich deiner Meinung nach tun?
B: Das ist schon der falsche Ansatz.
A: Ich würde gern alles richtig tun und schon ist alles falsch.
C: Da hast du recht.
A: So läuft das nicht.
B: Da hast du auch recht.
C: Wieso hast eigentlich du immer recht?
B: Mir würde das zu denken geben.
B (zu C): Ihm offenbar nicht.
C: Hat doch keinen Zweck.
B: Reden wir von etwas anderem.
C: Was hast du für Pläne?
B: Weiß nicht. Wir könnten ja… aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 3

A empfindet Scham.
B und C zweifeln dies an.
A empfindet Wut.
B und C zeigen ihre Unzufriedenheit.
A fühlt sich ausgegrenzt.

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Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 4

A, B und C empfinden Scham.
A und B bringen ihre Scham zum Ausdruck.
C äußert sich zufrieden.
A und B fühlen sich gedemütigt.

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Falle 4


A: Dont’t worry.
B: Kotz dich aus.
A: Be happy. Ich bin dabei.
C: Wobei, wenn man fragen darf?
A: Stell dich nicht so.
B: Scham ist das Mindeste.
A: Ich würde sagen: Das Minimum.
C: Was soll das heißen?
A: Drunter geht nichts. Jeder von uns sollte das wissen.
B: Ich fühle mich schuldig.
A: Leugnen wäre zwecklos.
B: Es wäre unerträglich.
C: Sind hier Leugner im Raum?
B: Lauter Zerknirschte.
A: Ich würde es gern ungeschehen machen.
B: Ich auch.
A: Es ist unerträglich.
B: Das ist es.
A: Was können wir machen?
B: Es geht nicht um uns.
C: Um was dann?
B: Wir müssen uns zurücknehmen.
C: Wie soll das gehen?
A: Wir dürfen keine Ausflüchte gebrauchen.
B: Wir müssen aufrichtig sein.
A: Wir müssen den Schaden aus der Welt schaffen.
B: Wir müssen begreifen, dass der Schaden unermesslich ist.
A: Wir müssen die Schuld annehmen.
C: Ihr bereut alles?
A: Alles. Du nicht?
C: Ihr nehmt alles auf euch?
B: Rückhaltlos. Alles andere wäre das falsche Signal.
C: Eine Frage der Ehre?
A: Nein. Eine Frage der Scham.
C: Das finde ich gut. Das finde ich richtig gut.
B: Wir stehen das gemeinsam durch.
C: Das will ich hoffen.
B: Hast du Zweifel?
C: Ich vertraue euch.
B: Du vertraust uns?
C: Ihr macht das gut.
B: Ich verstehe deine Rede nicht.
C: Ich meine, ihr macht eure Sache gut.
A: Wir machen was?
C: Ich sage nur: Ihr macht das gut. Wenn euch das nicht gefällt: auch gut. Dann habe ich mich eben getäuscht.
B: So kommst du aus dieser Sache nicht raus.
C: Habe ich das gesagt? Habe ich das gesagt?
A: Klang gerade so.
C: Sucht ihr jetzt einen Sündenbock oder so?
A: Wieso das denn?
C: Ohne mich.
A: Du schließt dich aus?
C: Ich schließe nichts aus.
A: You son of a bitch. aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 4

A, B und C empfinden Scham.
A und B bringen ihre Scham zum Ausdruck.
C äußert sich zufrieden.
A und B fühlen sich gedemütigt.

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 » 
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 5

A, B und C empfinden Scham.
B und C bringen ihre Scham zum Ausdruck.
A bezweifelt Echtheit.
B und C verbergen ihre Scham.
A triumphiert.

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Falle 5


B: Kennst du das?
C: Was meinst du?
B: Man hat nichts getan und fühlt sich schuldig.
B: Man fühlt sich am Pranger.
C: Man fühlt sich ausgeliefert.
B: Man kann nichts tun.
C: Man schämt sich so sehr.
C: Man kann tun, was man will, aber es ändert nichts.
A: Was soll sich schon ändern?
B: Gute Frage. Was soll sich eigentlich ändern?
C: Zum Beispiel will ich morgens aufwachen und wieder in den Spiegel schauen können.
A: Kannst du das nicht?
C: Nein.
A: Dann kauf dir einen anderen.
C: Das ist zynisch.
A: Das ist zynisch? Du meinst, das ist zynisch? Ich will dir etwas sagen: Was ihr hier aufführt, ist zynisch. Es ist zum Fremdschämen.
B: Wieso das denn? Ich verstehe Bahnhof.
C: Dann tu’s doch.
A: Was soll ich –?
C: Schäm dich. Würde dir gut bekommen.
B: Wir sitzen alle in einem Boot. Wir stehen das gemeinsam durch.
A: Ohne mich. Ich steige aus. Ihr seid Heuchler.
B: Sind wir nicht. Wer gibt dir das Recht –?
A: Habe ich Recht oder nicht?
B: Natürlich nicht.
A: Dann beweist es.
A & B: Wir sollen was?
A: Ich sagte: Beweist es.
B: Das ist schamlos.
A: Dann beweise es.
B: Das ist irre.
A: Irre oder nicht. Bis zum Beweis des Gegenteils bleib’ ich dabei: Ihr seid Heuchler. Schämt euch!
C: Wir uns schämen? Wofür?
A: Habt ihr’s vergessen? Dann kann ich euch auch nicht helfen.
B: Wir brauchen deine Hilfe nicht.
C: Wir haben keinen Grund, uns zu schämen.
A: Schämt euch!
B & C: Unglaublich! Unerhört! Schmarotzer!
B: Schäm dich! aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 5

A, B und C empfinden Scham.
B und C bringen ihre Scham zum Ausdruck.
A bezweifelt Echtheit.
B und C verbergen ihre Scham.
A triumphiert.

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Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 6

A, B und C empfinden keine Scham.
A verlangt, dass B und C Scham bekunden.
B bekundet Scham.
C greift A an.
A und B verlangen Maßnahmen gegen C.

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Falle 6


A: Das verändert alles.
B: Wie meinst du das?
A: Das hätte nicht passieren dürfen.
C: Es ist aber passiert.
A: Du gibst es zu?
C: Ich gebe nichts zu.
A: Das ist ein Fehler.
B: Mit dem Zugeben ist es nicht getan.
C: Wie meinst du das.
A: Mir scheint, er hat es begriffen.
C: Mir scheint, du hast nichts begriffen.
A: Vielleicht mehr, als ihr denkt.
B: Bist du dir da so sicher?
A: Und woran denkst du?
B: Ich denke, dass ein radikaler Schnitt nötig ist. Man muss sich von der Vergangenheit lossagen.
A: Ihr solltet euch schämen.
B: Vielleicht hast du recht. Vielleicht geht der Weg durch die Scham. Ja, ich schäme mich. Ich schäme mich so sehr, dass ich denke, das hier ist nur ein wüster Traum.
C: Dann wach auf. Merkst du nicht, dass er mit uns spielt?
B: Ja und? Ich habe meinen Weg gefunden und ich werde ihn gehen.
A: Ich denke, du hast die richtige Einstellung.
C: Mir scheint, du hast einen Extra-Zugriff auf die Vergangenheit.
A: Ich habe meine Lektion gelernt.
C: Und worin besteht diese Lektion?
A: Komm runter. Wir sitzen alle in einem Boot.
C: Das du gerade zum Kentern bringst.
A: Das ich gerade zu steuern versuche.
C: Der große Steuermann! Mir kommen die Lachtränen. Wir sollen uns dir anvertrauen, stimmt’s?
A: Warum nicht?
B zu C: Die Scham hat eine reinigende Kraft. Du solltest dich schämen.
C: Ihr solltet euch schämen. Der Trickreiche und der Trottel. Ein schönes Paar, das ihr abgebt.
B: Das nimmst du zurück.
C: Ich denke nicht daran.
A: Das Spiel ist aus.
C: Im Gegenteil: Dein Spiel ist aus und wir alle gehen unserer Wege.
B: Damit wirst du nicht durchkommen.
A: Wir werden die Öffentlichkeit mobilisieren.
B: Wir werden dich fertigmachen.
A: Worauf du dich verlassen kannst. aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 6

A, B und C empfinden keine Scham.
A verlangt, dass B und C Scham bekunden.
B bekundet Scham.
C greift A an.
A und B verlangen Maßnahmen gegen C.

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Renate Solbach: Styx

 

»Sieh jene Kraniche in großem Bogen« –
der schwarze Fluss, der, deinem Blick entzogen,
nach Westen strömt, nimmt mit, was dir entfiel.
Wenn Leben tötet, dann geschieht es hier.

 

(1) Der tote Fluss

Abseits, vorbei /
an den Stätten der hypermodernen /
Erregung, gespeist /
vom Millionen-Abfluss der Haushalte, aus /
Industrie=Einleitungen /
ohne Ende, ausgerollt über /
die graue Steppe: das Rinnsal.
Betonfurche, halb verwittert, das klaffende V der Verlierer /
umfängt die Flut und trägt /
sie fort, nur fort, denn im Fall der Fälle /
ist Fortsein alles. Fluss ohne Ufer, Fluss ohne Wiederkehr: so /
ist es nicht. 100 Jahre Industriekultur haben den Blick /
geschärft. Entsorgung ist alles. Entsorger säumen /
den Weg, 7 Kläranlagen, 7 Perlen im schwarzen /
Strom, vollbringen den täglichen Hokuspokus: Ab- zu Brauch- /
Wasser, Wasser zu /
Wein, Mein zu Dein und alles wieder von vorn.
Wer verliert, hat /
schon gewonnen.

 
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

DIE GROSSE KLOAKE
RUHRSTADT FÜR FORTGESCHRITTENE

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Fäkalisationen 1

 

»Hat der Deutsche lange genug ›Arschloch‹ gebrüllt, bebt er vor dem Wort ›Rektum‹ zurück.«
»Quorks, Sie sind ein…«
»Vorsicht!«
»Wieso? Ist er kein Rechter?«

 

Fäkalisationen 2

 

»Was witzig ist, bestimme ich. Klugscheißer. Das mein’ ich ernst.«

 

Fäkalisationen 3

 

»Scheiß auf die Prinzipien.«
»Du sagst es.«
»So oder so, beschissen fühlt man sich immer.«
»Gezielte Regelverletzung. Fühlt sich besser an. Irgendwie.«
»Darum geht’s doch. Alles ist irgendwie.«
»Irgendwie Scheiße.«
»Scheiße mit Lust.«
»Scheiß drauf. Ich will leben.«
»Sag ich doch, Klugscheißer.«

 


Fäkalisationen 4

 

»Scheißkerle. Scheißweiber. Scheißstudium. Scheißklausur. Scheißhaus. Scheißwindeln. Scheißlektüre. Scheißfilm. Scheißabend. Scheißklamotten. Scheißarbeit. Scheißmanieren. Scheißangst. Scheißegal. Scheißfritten. Scheißfraß. Scheißbude. Scheißvermieter. Scheißbetrieb. Scheißgehalt. Scheißbetroffen. Scheißlangsam. Scheißprogramm. Scheißgeld. Scheißkälte. Scheißverkehr. Scheißsport. Scheißrendite. Scheißzinsen. Scheißhunger. Scheißbedürfnis.«
»Hör endlich mit dem Scheiß auf.«
»Warum eigentlich? Die Scheiße hört doch nie auf.«

 


Fäkalisationen 5

 

»Wenn einer Scheiße baut und sich weigert, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dann ist er ein Scheißkerl.«
»Schon Scheiße, wenn einem so ein Scheißkonzept die ganze Richtung versaut.«
»Was meinst du jetzt damit?«
»Mit der Scheißverantwortung beginnt doch die ganze Scheiße.«
»Also das find ich jetzt…«
»Scheiß auf den Kompromiss.«

 


Fäkalisationen 6

 

»Ich fühl mich sooo beschissen.«
»Dann kotz es aus.«
»Darum geht’s nicht.«

 


Fäkalisationen 7

 

»Wie beschissen ist das denn?«
»Frag mich nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil dich die Scheiße nichts angeht.«

 


Fäkalisationen 8

 

»Frag mich, wer so ’n Scheiß erfindet.«
»Das Ding issowas von Scheiße.«
»Sag ich doch.«
»Wenn uns der Scheiß um die Ohren fliegt, dann war’s das.«
»Ach nee. Und wem willst du das verklickern?«
»Das isja die Scheiße.«
»Also mach deinen Scheißjob und jammernich so beschissen rum.«

 


Fäkalisationen 9

 

»Deine Scheißgarantie kannst du dir in deinen beschissenen Scheiß-Hintern schieben. Wenn irgendeine Scheiße passiert, steckst du mit deinem Scheiß-Arsch bis zum Hals in der Scheiße.
Und das meine ich scheißernst.«

 


Fäkalisationen 9

 

»Das ist doch irre. Pack deine Scheißsachen und verschwinde aus meinem Leben.«

 


 
 

Argloser schreibt:

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
1

Systemkonformität ist die von Menschen, die nicht anecken wollen, bevorzugte Weise anzuecken. – Der Satz ist nicht so paradox, wie es auf den ersten Blick aussehen könnte, da ›anecken‹ eine bloße Metapher und daher unterschiedlich auslegbar ist. Nun wäre es immer misslich, eine Definition auf eine Metapher zu gründen, lägen in diesem Fall nicht besondere Gründe vor, die das Verfahren rechtfertigen könnten. Ich persönlich habe deren drei gefunden:

1) Ob ein Mensch konform ist (oder geht), liegt stets im Auge des Betrachters. Kein Mensch genügt sich als Betrachter seiner selbst, daher kann kein Mensch ein klares Bewusstsein des ihm eigenen Konformismus besitzen.

2) Die Konformität eines Menschen liegt in seinen Beweggründen. Wer sie nicht kennt, kann schlechterdings nichts über diesen Gegenstand aussagen. Nun ist es aber zutiefst unwahrscheinlich, dass einer über die Beweggründe eines anderen vollständig im Bilde sein könnte, selbst wenn er davon ausgeht, dass der andere ihn darüber hinreichend aufgeklärt hat. Denn er kann (a) die Möglichkeit nicht ausschließen, vom anderen getäuscht oder bewusst im Unklaren gelassen worden zu sein, und er kann (b) nicht vollständig ausschließen, dass er den anderen in dem einen oder anderen Punkt, vielleicht sogar in einem Hauptpunkt, missverstanden hat und dadurch einen wesentlichen Aspekt seines Handelns nicht überblickt.

3) Kein Mensch kann das System, dessen Teil er ist und zu dem er sich nolens volens verhalten muss, vollständig überblicken. Er kann sich also auch nicht vollständig gefügig verhalten (jedenfalls was das System im Ganzen angeht).

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
2

Vor allem der dritte Punkt ist bedeutsam, weil er die Möglichkeit eröffnet, dass einer, der sich in allen seinen Handlungen durch das Urteil seiner Umgebung leiten lässt, sich eben dadurch sowohl als Konformist als auch als Nonkonformist ausweist, ersteres deshalb, weil er seine unmittelbare Umgebung mit dem System gleichsetzt, letzteres, weil er in dieser Hinsicht empfindlich irren kann – sei es, dass er sich in einer Umgebung von Nonkonformisten bewegt, sei es, dass der Konformismus seiner Umgebung auf falschen Annahmen über das System beruht. Er dürfte also, von einer höheren Warte aus betrachtet, in jedem Fall anecken, genauso übrigens wie jemand, der danach strebt, sich dem System als solchem gegenüber konform zu verhalten, dabei jedoch die Anpassung an die unmittelbare Umgebung und ihre Überzeugungen vernachlässigt. Denn letztere ist doch stets auch Teil des Systems und daher keineswegs zu vernachlässigen.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
3

Gesetzt den Fall, er bewegt sich in einer Umgebung, die, wie er selbst, bestrebt ist, sich in allen Punkten dem System als Ganzen gegenüber konform zu verhalten, also etwa so, wie Börsenzocker sich in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Bewegungen des Marktes üben, dann bleibt doch der Umstand, dass er sich als Mensch in demselben Ausmaße gezwungen sieht, Abstriche an seinen in der Form von Überzeugungen eine gewisse Mitgegenwart erwirkenden persönlichen Prägungen vorzunehmen. Denn kein Mensch gleicht doch derjenigen Person, die er vor einer Handvoll Jahren darstellte. Ebenso gleicht kein System in einem späteren Stadium aufs Haar demjenigen, das es einmal war. In dieser Hinsicht führt der Satz ›Das System hat sich nicht geändert‹ stets mit einiger Sicherheit in die Irre.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
4

Bekanntlich besitzt jedes System eine Umwelt. Es unterliegt also, sofern es auf Selbsterhaltung angelegt ist, den Gesetzen der Anpassung. Individuelle Prägungen wiederum dienen, indem sie das Selbst repräsentieren, der Selbsterhaltung, gleichsam den Markenkern der Person. Daher können sie nicht nach Belieben ausgetauscht werden. Dennoch gibt es auch hier subkutane Entwicklungen, also Anpassungsvorgänge, die allerdings ein eigenes Zentrum und einen eigenen Entwicklungsmodus ihr eigen nennen. Man stelle sich im Gedankenexperiment vor, ein Individuum X erreiche zum Zeitpunkt t10 sein Systemkonformitätsmaximum, also weitestgehende Angepasstheit –: damit ist klar, dass es sich von diesem Zeitpunkt an, die Persönlichkeitsentwicklung eingerechnet, nur verschlechtern kann, so dass unweigerlich der Zeitpunkt t35 näherrückt, in dem als Verwendungs- respektive Verhaltensoptimum seine Ausmusterung ansteht.

Allerdings wäre hierbei vorauszusetzen, dass sich sowohl das System als auch die Persönlichkeit vom Zeitpunkt t10 an einsinnig fortbewegen (wobei es nicht auf die jeweils besondere Richtung ankommt, die beide einschlagen). Was in träge dahinplätschernden Zeitläufen durchaus vorkommen kann. Allerdings sollte man sich einer solchen Entwicklung nicht allzu sicher sein. Das Schicksal der Menschheit im Ganzen wie das des Einzelnen scheint unter dem Motto zu stehen: Etwas passiert immer. Ob es, meist im Nachhinein, sich als vorhersehbar ausweist oder zu den absolut unvorhersehbaren Singularitäten gerechnet werden muss, sollte dabei als nachrangig gelten.

Was bedeuten diese Überlegungen für das Dasein des Systemkonformen? Zunächst einmal: Das Bewusstsein, systemkonform zu handeln, sofern es im Einzelnen anzutreffen ist, greift entweder zu früh oder zu spät – zu früh, insofern die Intention der Existenz stets vorauseilt, das anvisierte Maximum daher stets noch in der Zukunft liegt, zu spät, insofern eine Sicherheit des Besitzes auf dem Feld nicht zu erreichen ist und das Vollgefühl der Angepasstheit bereits den Ansatz der Dekadenz in sich trägt. Wirklich angepasst ist daher im Glücksfall nur derjenige, der sich für unangepasst hält oder an die Konformität oder Nonkonformität seines Handelns und seiner Existenz keinerlei Gedanken verschwendet.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
5

An dieser Stelle scheint ein Seitenblick auf die Alltagsprofile von Politikern angebracht, an deren Karrieren sich vielleicht am unverhülltesten das Wechselspiel von Anpassung und Erfolg ablesen lässt. Einer, der sein Politikerdasein als reiner Systemkonformist beginnt (oder auch nur als solcher wahrgenommen wird), hat wenig Chancen, als erfolgversprechende Person in Erscheinung zu treten und damit eine der Bedingungen für den Aufstieg in höhere Positionen zu erfüllen. Der Grund liegt auf der Hand: Er würde, nach Jahren des Aufstiegs, sein Angepasstheitsmaximum bereits weit hinter sich gelassen haben. Im schlimmsten anzunehmenden Fall wäre er damit genau zu dem Zeitpunkt ›ausgebrannt‹, zu dem er in eine verantwortliche Stellung einrücken könnte. Eine Politikerkarriere auf dieser Basis dürfte also stets dem Zufall einer speziellen Konstellation geschuldet sein. Solche Zufälle gibt es zuhauf, daher ist der Anblick toter Politikerseelen in hohen und höchsten Ämtern keine Seltenheit.

Wer daraus allerdings den Schluss ziehen wollte, wirklich erfolgreiche Politiker seien durch die Bank Nonkonformisten oder verfügten zumindest über die allseits nachgefragten Ecken und Kanten, die sie befähigten, gegen die Konkurrenz zu bestehen, der hätte den vorgetragenen Sachverhalt nicht wirklich begriffen. Ein Politiker, der in ein hohes Amt befördert oder gewählt wird, hat idealiter zu diesem Zeitpunkt auch sein Angepasstheitsmaximum erreicht. Falls nicht, haben seine Förderer sich eben in ihm getäuscht und jedermann muss mit den Folgen leben. Nonkonformismus ist der Politikerkarriere nur in zwei Phasen dienlich: zu Beginn, da er ein unausgeschöpftes Entwicklungspotential verheißt, gegen Ende, da er gewöhnlich mit einem nachlassenden Willen zur Macht einhergeht und die Ablösung im Amt beziehungsweise den Übergang ins private Leben erleichtert.

Nur der vollendete Konformist will die volle Macht und nichts als sie. Dieses häufig unbeachtete Axiom wird dadurch verdunkelt, dass die pathologischen Fälle der Weltgeschichte es angeblich ebenso widerlegen wie die Beobachtung, dass der öffentlich bekundete Wille zur totalen Machtablösung sich in der Mehrheit der Fälle als Wille zum radikalen Systemwechsel geriert. Doch auch in dieser Hinsicht ist mehr Schein als Sein im Spiel.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
6

Was in der Politik ›Systemwechsel‹ heißt, beschränkt sich in der Regel auf ein, zwei Elemente innerhalb bestimmter Teilsysteme, äußerstenfalls auf deren Auswechslung in toto. Die Folgen für die Betroffenen, gelegentlich auch für die Gesamtheit der Regierten, können durchaus beträchtlich sein. Über das Ausmaß an Systemkonformität derer hingegen, die an den Stellschrauben drehen, sagt das wenig bis gar nichts aus. Es kann gerade der Wille nicht anzuecken sein, der sie zu ihrem Tun beflügelt, ganz nach dem Motto: Einer (oder eine) musste es tun. Dann wird genau diese Weise anzuecken (eine ›anstehende‹ Änderung im System durchzusetzen) zum Markenzeichen der Person, ›deren Zeit gekommen war‹, deren Handeln ›an der Zeit war‹ etc. Rückblickend, heißt das, entpuppt sich gerade eine solche Person als Inkarnation des Systems, als eine seiner Überlebens- oder Selbstheilungsfinten. Was wenig plausibel wäre, bestünde nicht eine tiefe Übereinstimmung zwischen ihren persönlichen Motiven und dem, was das System in diesem Moment ausmacht – immer vorausgesetzt, man betrachtet das System nicht als statisches, sondern als dynamisches, sich entsprechend den Erfordernissen wandelndes Gebilde.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
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Was die pathologischen Fälle angeht, so können sie der hier exponierten These eher als Belegstücke dienen. Denn nirgendwo zeigt sich das sogenannte Allgemeine der Verhältnisse deutlicher als in den sogenannten Pathologien. In ihnen erhebt sich das furchtbare Antlitz der Systemkonformität ohne Sinn und Verstand, jedenfalls in der Bedeutung, die letzterem in der zweckmäßigen und ethisch verträglichen Gestaltung der menschlichen Dinge zukommt. Der Konformist, dem es an elementarer Urteilskraft gebricht und der sich deshalb phantastischen, aber sozial abgesicherten Überzeugungen verpflichtet fühlt, ist das politische Schreckbild schlechthin. Allerdings gibt es eine spezifische Pathologie des Politischen, die stets in Betracht gezogen werden sollte, sobald sich Machtfragen in den Vordergrund drängen. Wer Politik gestalten will, dem darf das Leiden an der Politik nicht fremd sein. Er muss es tief in sich aufgenommen haben, um damit jonglieren zu können, mehr, er muss es selbst repräsentieren, um jenen Sog zu erzeugen, der ihn nach und nach mit den nötigen Parteigängern und Gefolgsleuten versorgt. In diesem Bereich scheint der Satz ›Gleiches wird durch Gleiches erzeugt‹ tatsächlich eine gewisse Berechtigung zu besitzen.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
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Was in der Politik überlebensgroß in Erscheinung tritt, das lässt sich im bürgerlichen Leben an allen Ecken und Enden beobachten. Der optimal Angepasste ist der, der von keiner Anpassung weiß. Wer sich ängstlich um Anpassung bemüht, hat zumeist das System nicht begriffen und ahmt nur einzelne Züge desselben, meist an Personen, die er bewundert, nach. Wer sich forsch als Nonkonformist in Szene setzt, handelt in den allermeisten Fällen aus dem konformistischsten aller Gründe: er will bewundert werden. Ob es ihm gelingt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem davon, ob dasjenige, was ihn von den anderen abheben soll, also zum Beispiel eine grelle Frisur oder ein Benehmen jenseits der bürgerlichen Anstandsgrenzen, einem Erfolgscode folgt und damit dem Anspruch auf Erkennbarkeit genügt, oder ob es unmittelbar der Lächerlichkeit anheimfällt, die ihm, aus einiger Distanz betrachtet, in jedem Fall eignet. In dieser Hinsicht bleibt selbst der bei seinesgleichen erfolgreiche Schein-Nonkonformist ein armer Tropf. Das hindert, wie man sah, auch in Gefahr geratene Volksparteien nicht daran, seine Dienste in Anspruch zu nehmen oder bei Gelegenheit sogar um seine Gnade zu winseln.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
9

Das Problem des Schein-Nonkonformismus ist eng mit dem der Werbung verschwistert. Wer etwas kauft, nicht, weil er es benötigt, sondern um sich von anderen zu unterscheiden, i.e. weil er es nötig hat, der kauft sich damit Nonkonformität, das heißt, er verlegt den Nonkonformismus in den Kauf selbst. Der Kaufakt als Urgeste der Waren- und Konsumgesellschaft taugt an sich weder als Ausweis von Konformismus noch von Nonkonformismus. Als sinnlose Geste, als reiner Kaufakt kann er Konformismus zum Ausdruck bringen, muss es aber nicht. Denn auch das Gegenteil ist denkbar: Kaufen als kritische Geste gibt der Sinnlosigkeit einen guten Sinn, jedenfalls nach dem Willen der Akteure. Dieser Sinn übersteigt einerseits den Kauf-Sinn, andererseits bleibt er ihm verhaftet. Wer kauft, der kauft, er mag sich dabei denken, was er will.

Wer das eine tut und das andere dabei denkt, dem attestiert die Gesellschaft gern ein gespaltenes Bewusstsein. Zu Recht: Wenn du Konsumgegner bist, dann enthalte dich gefälligst des Konsums. Wie allgemein bekannt, ist das sogar in Gesellschaften nicht so einfach, in denen es wenig zu konsumieren gibt. Wenn der Erwerb schwierig wird, sei es auf Grund eines herrschenden Mangels oder künstlicher, vom Gesetzgeber geschaffener Hindernisse, sei es vermöge eines Tabusystems, das für Enthaltsamkeit sorgen soll, steigt in der Regel seine Bedeutung, weil die Begehrlichkeit mit dem Aufwand wächst und mit dem Objekt des Begehrens auch die Mittel und Wege, an es zu gelangen, ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Unvermeidlich gerät daher, wer den Akt des Kaufens mit zusätzlicher Bedeutung auflädt, in die Falle des Fetischismus.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
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Kritikfetischist und Konsumfetischist sind aus ein und demselben Holz. Um das zu beobachten genügt es, die erweiterte Szene in Betracht zu ziehen. Beide haben Vorsorge getroffen, damit ihr Handeln nicht unbemerkt bleibt. Dafür sorgt im einen Fall die Anwesenheit eines Kamerateams, im anderen die begleitende Propaganda-Arbeit. Worin die Vorsorge im Einzelnen besteht, ist nicht so wichtig. Bedeutsam ist nur, dass es sich in allen Fällen um das Aufstellen von Spiegeln handelt, i.e. von Elementen der Selbstbetrachtung. Wenn zum Beispiel eine Gemeinschaft von Schönheitsjüngern politische Schönheit dadurch definiert, dass sie gesellschaftliche Gesten imitiert, um durch eine übertriebene Art der Zurschaustellung das System ad absurdum zu führen, dann achtet sie sorgfältig darauf, nicht selbst durch die sogenannte Botschaft aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit verdrängt zu werden. Ein Analytiker sollte folglich die Aufmerksamkeitsmaschine im Blick haben, um die begleitende Absicht oder den Zweck der Botschaft zu verstehen. Häufig fällt dabei der Exposition des eigenen Körpers eine hervorstechende Rolle zu. Gut beobachten lässt sich das bei den sogenannten ›Femen‹, den Protestiererinnen der entblößten Brust. Wer auf dem hier gefragten Feld nichts zu bieten hat, bevorzugt eher andere Formen des Protests.

Der Fetischismus verhält sich zum Konformismus wie der Witz zu der in ihm verborgenen Sachaussage. Er negiert ihn durch Nullität und bestätigt dadurch seine Unausweichlichkeit. Böte er einen gangbaren Weg, ihm zu entgehen, so verwandelte er sich auf der Stelle in ein sinn- und ernsthaftes Weltverhältnis. Fetischisten sind Konformisten. Sie haben vor der Dynamik, die jedem System eignet, die Waffen gestreckt und zelebrieren es als glorifizierte Wiederkehr des Gleichen. In ihren Augen hat nicht das System sich ihrer bemächtigt, vielmehr sie sich seiner, da ja die Form der Aneignung ganz die ihre ist. In gewisser Weise kreiert jede Systemtheorie einen Fetisch, weil sie den Tausenden oder Millionen Krabbelbewegungen wirklicher Lebewesen, die das System realiter ausmachen und weitertragen, ein Schema substituiert, dem sie die magische Fähigkeit der Selbstbewegung zuschreibt, obwohl es nur in der Theorie existiert.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
11

An dieser Stelle sei eine Unterscheidung versucht: Bloßer (reiner) Konformismus versus Systemkonformismus (Konformität). Bloßer Konformismus als die zwanghafte Weise, nicht anecken zu wollen, verhält sich zur Konformität wie das Tabu zum Katechismus. In beiden Fällen ist das eigentliche Ziel die Vermeidung des Regelbruchs. Im ersten Fall wird es durch Unsichtbarmachung des zu Meidenden, im zweiten Fall durch explizite und moralisierende Zurschaustellung angestrebt. Der wahrhaft konforme Mensch kann ohne Selbstwiderspruch den obersten Ankläger oder den Revolutionär geben und es sogar sein. Hauptsache er schleudert die Bannflüche, vor denen der bloße Konformist sich in eine Art Trance-Leben flüchtet, weil sie ihn schaudern lassen. Diese Differenz wird im Allgemeinen leicht übersehen. Das liegt daran, dass Systemkonformität, anders als bloßer Konformismus, keine allgemeine Agenda besitzt. Der Grund dafür ist eindeutig. Sie will nicht im System überleben, sondern das System gestalten. Dazu muss sie es benennen, als wäre es ein anderes. Anders ausgedrückt: Sie muss Mittel und Wege finden, eine Differenz zu erschaffen, die nur durch dieses konforme Subjekt und seine Mitstreiter beiseite geschafft werden kann. Um ein Beispiel zu geben: Lenins Oktoberrevolution ist nicht die Russische Revolution, sondern allenfalls eine Episode. In ihr vollzieht sich die Aneignung der Revolution durch das Subjekt Lenin, das sich darauf spezialisiert hat, die Differenz offenzuhalten, bis es selbst an die Spitze des Zuges tritt. Lenins Konformität ist die des Berufsrevolutionärs, der darauf angewiesen ist, dass es, auf welche Weise auch immer, zur Revolution kommt. Hat das System diesen Punkt erreicht, dann ist es seins – mit anderen Worten: dann kennt er sich aus.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
12

Es gibt einen (bloßen) Konformismus der Tat und einen des Leidens. Bei ersterem fällt es hin und wieder schwer, die Grenze zu dem zu bestimmen, was hier Konformität genannt wird. Wer in einer bestimmten Situation konform handelt oder aus bloßem Konformismus, bleibt unter den Zeitgenossen häufig strittig und bietet, privat und öffentlich, Stoff für unendliche Interpretationen. Die klassische Figur des (bloßen) Konformisten der Tat ist die des Denunzianten, der aus abstrakter Angst vor Tabuverletzung damit beginnt, selbst engste Mitmenschen der Überschreitung roter Linien zu bezichtigen und damit das vom Tabu erschaffene Loch in seiner Wahrnehmung mit mehr oder weniger erfundenen Feinden zu füllen. Als wirkliche oder eingebildete ›Fehl‹­Handlungen des anderen kann er all jene Handlungsoptionen benennen, die ihm selbst nicht zur Verfügung stehen, weil er sie sich täglich verbieten muss. Ist das Tabu ein Denktabu, dann dringt er mehr oder weniger tief in die Gedankenwelt des anderen ein, ohne den fälligen Tribut an Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen und Motivverstehen zu entrichten. Im Ernstfall genügen zwei, drei hingeworfene Sätze des anderen, und er weiß Bescheid. Worüber? Über alles. Woher? Aus dem eigenen Inneren, woher sonst! Was ist dieses Innere? Nichts anderes als der vom Tabu ummantelte Ideenraum, den er mit seinen Mitmenschen teilt.

Wenn ein Politiker, der seine Stunde – sein ›Zeitfenster‹ – gekommen sieht, den auszuschaltenden Gegner markiert, dann verhält er sich äußerlich betrachtet ganz analog, allerdings mit dem Unterschied, dass er die Optionen des anderen mehr oder weniger sorgfältig für sich selbst erwogen und verworfen hat. Folglich ist der Gegner für ihn kein Verworfener, sondern ein alter ego – ein zweites Ich, dessen praktische Bekämpfung sich logischerweise aus der einmal gefällten Entscheidung ergibt. Natürlich ist es praktisch, ihn den Konformisten, den eigenen Parteigängern oder der Meute zum Fraß vorzuwerfen, indem man ihn für verworfen erklärt, aber das ist reine Propaganda und keiner ernsthaften Betrachtung wert.

Der Konformismus des Leidens bedarf einer eigenen Untersuchung.

 

Nun denn, es ist so weit

Das falsche Beharren auf Symmetrie
1

Der Große Denunziant hat beschlossen, dem Treiben der Zunft ein Ende zu setzen, und die Treibjagd beginnt. Sie beginnt (nach bewährtem Muster, würden ein paar Veteranen des Gewerbes nicken) mit einem Artikel im Wochenblatt für das gehobene Bürgertum, manche sagen, für die gehobene Braue, doch dieser Unterschied bleibt rein theoretischer Natur, solange die Deutschlehrer des Landes aus ihm den Stoff für den nächsten Besinnungsaufsatz destillieren und deshalb in Treue fest zum Abonnentenstamm zählen.

Der Meister ist unpässlich. In seinem mit Büchern vollgestopften Büro starrt er auf den Bildschirm, auf dem Zeichenhaftes erscheint. Die Linke, zur Faust geballt, liegt auf dem Schreibtisch, lose, wie achtlos hingeworfen, während die Rechte mit bestürzender Gelenkigkeit Buchstabenreihen hämmert, angesichts derer die Welt aufhorchen wird, denn sie künden vom Lärm dieser Welt, als werde er hier, an diesem Gerät, von diesem hageren Körper erstmals vernommen und kartographiert.

Gewiss: kartographiert. So wie Leckebusch Gutachten erstellt, wann immer er in die Tasten greift, so erstellt der Große Denunziant, wann immer er sich der Sprache bedient, Karten – jede neu, jede ein bisschen anders, doch insgesamt ähneln sie einander sehr, so dass, wer einmal auf einer sich zu orientieren gelernt hat, mit Leichtigkeit sich auch auf den Folgekarten zurechtfindet: Geheimnis des ungeheuren Erfolgs, der an diesen Fingern klebt, seit sie sich zum ersten Mal herabgesenkt haben, um Gedanken auf einem Stück Papier zu fixieren, das heißt echte, patentierte Gedanken in jenen Zustand der Betäubung zu versetzen, in dem sie spielend, selbst durch unkundige Hände, von einem Untergrund auf den nächsten übertragen werden können.

Das falsche Beharren auf Symmetrie
1

Der Große Denunziant hat beschlossen, dem Treiben der Zunft ein Ende zu setzen, und die Treibjegd beginnt. Sie beginnt (nach bewährtem Muster, würden ein paar Veteranen des Gewerbes nicken) mit einem Artikel im Wochenblatt für das gehobene Bürgertum, manche sagen, für die gehobene Braue, doch dieser Unterschied bleibt rein theoretischer Natur, solange die Deutschlehrer des Landes aus ihm den Stoff für den nächsten Besinnungsaufsatz destillieren und deshalb in Treue fest zum Abonnentenstamm zählen.

Um eine Breitseite abzufeuern, muss ein Schlachtschiff Silhouette zeigen. An diesem Mittwoch im Mai sind alle an den Geschützen: von der Chefredakteurin über den Wissenschaftsredakteur und den Feuilletonchef bis hinunter zu den Laufburschen des Meinungs-Hickhacks, den Kontrolleuren der einlaufenden Leserbriefe; auch ein paar zufällig an Bord befindliche Historiker lassen den Feldstecher schweifen. Nur der Meister selbst lässt sich vertreten und erwartet das Geschützgrollen aus sicherer Entfernung von Land.

Der Meister ist unpässlich. In seinem mit Büchern vollgestopften Büro starrt er auf den Bildschirm, auf dem Zeichenhaftes erscheint. Die Linke, zur Faust geballt, liegt auf dem Schreibtisch, lose, wie achtlos hingeworfen, während die Rechte mit bestürzender Gelenkigkeit Buchstabenreihen hämmert, angesichts derer die Welt aufhorchen wird, denn sie künden vom Lärm dieser Welt, als werde er hier, an diesem Gerät, von diesem hageren Körper erstmals vernommen und kartographiert. Gewiss: kartographiert. So wie Leckebusch Gutachten erstellt, wann immer er in die Tasten greift, so erstellt der Große Denunziant, wann immer er sich der Sprache bedient, Karten – jede neu, jede ein bisschen anders, doch insgesamt ähneln sie einander sehr, so dass, wer einmal auf einer sich zu orientieren gelernt hat, mit Leichtigkeit sich auch auf den Folgekarten zurechtfindet: Geheimnis des ungeheuren Erfolgs, der an diesen Fingern klebt, seit sie sich zum ersten Mal herabgesenkt haben, um Gedanken auf einem Stück Papier zu fixieren, das heißt echte, patentierte Gedanken in jenen Zustand der Betäubung zu versetzen, in dem sie spielend, selbst durch unkundige Hände, von einem Untergrund auf den nächsten übertragen werden können.

Das falsche Beharren auf Symmetrie
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Wer ihm gegenwärtig über die Schulter blickte, könnte erstaunt ausrufen: Kenne ich! Das ist doch, das ist doch…! – »Was wird’s schon sein!« soll der Große Denunziant, die Karte faltend, bei solchen Gelegenheiten sein Gegenüber entmutigen, er verfügt über seine Geheimnisse mit serenissimushafter Grandezza, ein vorsichtig alternder Duodezfürst auf den Schlachtfeldern der Moderne, auch er der Gezeichneten einer, auch er trägt das Mal der … Erwählung, anders wäre er nicht in diese Position, sagen wir, aufgestiegen, wenngleich das Wort ›Aufstieg‹, selbst mit dem Zusatz ›kometenhaft‹ ausgestattet, seiner Bahn nicht gerecht wird, sie gewissermaßen bürgerlich denunziert, und bürgerlich … das, nun ja, gehört zu den Geheimnissen.

Das falsche Beharren auf Symmetrie
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Wer ihm gegenwärtig über die Schulter blickte, könnte erstaunt ausrufen: Kenne ich! Das ist doch, das ist doch…! – »Was wird’s schon sein!« soll der Große Denunziant, die Karte faltend, bei solchen Gelegenheiten sein Gegenüber entmutigen, er verfügt über seine Geheimnisse mit serenissimushafter Grandezza, ein vorsichtig alternder Duodezfürst auf den Schlachtfeldern der Moderne, auch er der Gezeichneten einer, auch er trägt das Mal der … Erwählung, anders wäre er nicht in diese Position, sagen wir, aufgestiegen, wenngleich das Wort ›Aufstieg‹, selbst mit dem Zusatz ›kometenhaft‹ ausgestattet, seiner Bahn nicht gerecht wird, sie gewissermaßen bürgerlich denunziert, und bürgerlich … das, nun ja, gehört zu den Geheimnissen.

Definiere den Punkt deiner maximalen Verletzlichkeit und dein Feind, dein wirklicher Feind wird ihn über kurz oder lang ins Visier nehmen. Wer daraus schließt, es komme darauf an, keine Feinde zu haben, hat die Lektion nur zur Hälfte begriffen. Die Stelle, auf der das Lindenblatt lag, ist gut für alle Feindschaft der Welt, keine ›Gegnerschaften‹, bei denen die Klingen gekreuzt und gewonnene wie verlorene Runden pünktlich, samt Punktzahl, angezeigt werden – wirkliche Feindschaft bleibt subkutan, sie nähert sich in der Maske der Freundschaft, des Ausgleichs, selbst der Versöhnung. In der Mehrzahl der Fälle allerdings bevorzugt sie die Farbe der Gleichgültigkeit, das atlantische Grau, das Wolfsgrau der U-Boote, hinter dem der nasse Tod auf seine Gelegenheit wartet, das Stumpfgrau der leichten und schweren Kreuzer, pünktlich am Horizont erscheinend, sobald die Würfel gefallen sind und die Stunde der finalen Entscheidung naht, selbst wenn die Zeit der Zerstörung den Akteuren lang werden sollte.

Das falsche Beharren auf Symmetrie
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Der Meister übt, wie andere vor und nach ihm, seinen Zauber diskret, mit jenem winzigen Zusatz an Ironie, die seinen Schriften völlig zu fehlen scheint, erst recht seinen öffentlichen Auftritten, bei denen er ein leicht gequältes Pathos bevorzugt. Wer ihn kennt, wer ihn wirklich kennt, weiß, er ist anders. Die Kunde von seinem Anderssein erfüllt die Welt, soweit sie mit ihm sympathisiert. Auf Sympathisantentum, auf kollektive Sym- und Antipathie ist seine Herrschaft gegründet. Jedes Buch, das von ihm auf den Markt kommt, beliefert Freund wie Feind: den einen mit wohlfeilen Argumenten, den anderen mit ebenso wohlfeilen Widerlegungen, die sich aus der Sache selbst ergeben, soll heißen, offensichtlich im Gedankengang bereits angelegt sind. Nicht das Argument zählt, sondern der Affekt, der sich seiner bemächtigt. Wer, wie zum Beispiel Argloser, das nicht versteht, wer die Skala der Erregungen nicht parat zu haben scheint, der kommt so wenig in Betracht, dass er das Grau der Kanonen, pardon, für ein Zeichen mangelnder Überzeugungskraft hält und sich vergebens fragt, warum die Kollegen gerade um diese Bücher soviel Aufhebens machen. Leckebusch allerdings, der Mann aus dem Osten, kennt seine Pappenheimer und geht den Schützlingen des Meisters, wann immer es sich einrichten lässt, aus dem Weg.

Das falsche Beharren auf Symmetrie
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Der Meister übt, wie andere vor und nach ihm, seinen Zauber diskret, mit jenem winzigen Zusatz an Ironie, die seinen Schriften völlig zu fehlen scheint, erst recht seinen öffentlichen Auftritten, bei denen er ein leicht gequältes Pathos bevorzugt. Wer ihn kennt, wer ihn wirklich kennt, weiß, er ist anders. Die Kunde von seinem Anderssein erfüllt die Welt, soweit sie mit ihm sympathisiert. Auf Sympathisantentum, auf kollektive Sym- und Antipathie ist seine Herrschaft gegründet. Jedes Buch, das von ihm auf den Markt kommt, beliefert Freund wie Feind: den einen mit wohlfeilen Argumenten, den anderen mit ebenso wohlfeilen Widerlegungen, die sich aus der Sache selbst ergeben, soll heißen, offensichtlich im Gedankengang bereits angelegt sind. Nicht das Argument zählt, sondern der Affekt, der sich seiner bemächtigt. Wer, wie zum Beispiel Argloser, das nicht versteht, wer die Skala der Erregungen nicht parat zu haben scheint, der kommt so wenig in Betracht, dass er das Grau der Kanonen, pardon, für ein Zeichen mangelnder Überzeugungskraft hält und sich vergebens fragt, warum die Kollegen gerade um diese Bücher soviel Aufhebens machen. Leckebusch allerdings, der Mann aus dem Osten, kennt seine Pappenheimer und geht den Schützlingen des Meisters, wann immer es sich einrichten lässt, aus dem Weg.

Genau genommen liegen 4 Kampfungetüme einander gegenüber, jedes in punkto Feuerkraft Dritten gegenüber in der Position ungezügelter, sprich: das absolute Grauen streifender Überlegenheit. Zusammen bilden sie das magische Quadrat wechselseitiger Vernichtung. Kein anderer Zweck hat sie zusammengeführt, der eine bannt sie in ihre Positionen und diktiert jede ihrer Bewegungen. In diesem Geviert macht sich eine Asymmetrie bemerkbar: die 2x2 Einheiten treffen im rechten Winkel aufeinander, was zur Folge hat, dass auf die erste Breitseite des Großen Denunzianten hin allein die vorderen Geschütztürme des Gegners zum Einsatz kommen, zu ungenau, zu tentativ, um Schaden anzurichten, wohingegen sich die verteilte Mannschaft des Großen Steuermanns präzise Salve für Salve an die andere Seite heranarbeitet, um nach kurzem Einschießen Treffer auf Treffer zu setzen – eine einseitige Demonstration, wie der Maat zum Kellner bemerkt, der Schweigen bewahrt, das rituelle Schweigen der Mituntergehenden, die nicht gemeint sind, aber bis ans Ende gebraucht werden –

Das falsche Beharren auf Symmetrie
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Liebe deine Feinde…! Der Große Denunziant kennt den Spruch aus frühen Messdiener-Zeiten. Er hat großen Eindruck auf ihn gemacht. Er seinerseits hat ein erfülltes Forscherleben darauf verwendet, verschiedene Lesarten an sich und anderen zu erproben. Eine Variante, die er eine Zeitlang bevorzugte, lautet: Liebe DEINE Feinde! Er hat sie lange vertreten, aber schließlich doch verworfen, weil die Einschränkung des Liebesgebots auf eine handverlesene Feindesschar allzu offen dessen universalen Geltungsanspruch aushebelt. Verworfen wurde auch die Variante ›Liebe deine FEINDE!‹, die exklusiv Liebe und Feindschaft miteinander verbindet, als liege in letzterer ein kostbarer Schatz, den ausschließlich Liebe zu heben imstande sei. Das mag für ein Nonnenleben taugen, aber nicht für die emanzipierte Gesellschaft. Erst die kommunikationstheoretische Auflösung war seiner Auffassung nach geeignet, Ruhe in das schwere Geschäft der Deutung zu bringen und die ersehnte Diskurshoheit in greifbare Nähe zu rücken: Lass deine Feinde reden! Nur nicht immer und überall. Bestimme du den Ort der Auseinandersetzung – einmal räumlich, das versteht sich von selbst, dann medial, durch sorgsame Scheidung legitimer von illegitimen Austragungsorganen, also solchen, die ein anständiger Mensch nicht zur Kenntnis zu nehmen braucht, schließlich ›diskurslogisch‹ – er liebt derlei Wörter, sie sind das Gleitmittel, das seine Rede zum Fließen bringt wie das für gewöhnlich eingetrocknete Blut Christi zu Brügge –, indem du die Sinngebung der Auseinandersetzung an dich ziehst: Feindschaft darf gewährt werden, sofern sie dem Ausgang des Gemeinwesens aus der selbstverschuldeten Barbarei dient, der Verdunkelung des Humanen, die sich nie und nimmer auf die Jahre der Mordbrennerei beschränken lässt, sondern als ›umgreifender‹ Horizont das Tun und Lassen der Bürger rahmt.

*
  • ―Der Große Steuermann riskiert eine Lippe zuviel, juxt Ruffmann, ungefragter Zaungast des Weltgeschehens. Lobbock, sonst zur Wortkargheit neigend, pflichtet ihm bei.
  • ―Wie meinen Sie das? ist Friedenwanger zur Stelle, auf dessen Revers ein verwischter Kaffeefleck prangt, und Lobbock trollt sich.
  • ―Nun, Feindschaft kennt keinen anderen Horizont als den der Feindschaft selbst. Wer die Dinge ›im Lichte der Feindschaft‹ sieht, hat den Horizont aus den Augen verloren, genauer, er ist ihm, wie so vieles andere, versunken, er hat nichts zu bedeuten, er ist nicht wesentlich. Wesentlich ist die Feindschaft selbst, sie gibt den Sinn und die Mittel dazu, ihn zu realisieren oder unterzugehen oder einen ehrenhaften Frieden zu schließen.
  • ―Also irrational.
  • ―Ja, um Himmels willen, was denn sonst?
  • ―Da sind wir mittlerweile doch weiter.
 

Jede Feindschaft braucht einen Feind

Killusall
1
KILLUSALL!

steht in großen roten Lettern quer aufs Pflaster gesprüht, über das der so Apostrophierte seit Jahr und Tag dem Treppchen zum Kollegienhaus entgegenschreitet, um in seinen Vorlesungen den neuesten Stand der Faschismusforschung an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben … von Jahr zu Jahr stärker verstrickt und verwoben in ein Nachdenklichkeitsmuster, das sich anfänglich kaum, mit der Zeit immer deutlicher vom Schreiben und Reden der Zeitgenossen entfernt. Hölzchen, der nach einer Vortragsreise vor einem gemischten Kollegenkreis darüber Bericht erstattet, befindet, die studentische Pflastermalerei habe in diesem Fall die Grenze des Tunlichen überschritten, aber: »Wer sich so weit vorwagt, hat das Recht auf Schonung verwirkt, er ist Freiwild aus eigenem Entschluss.«

 

Ist das so?
Wie weit muss einer sich vorwagen, um als Freiwild zu enden?
Wie studentisch gebärden Studenten sich, die ihre Professoren wie Freiwild vor sich her scheuchen?
In welcher Tradition steht denn das?
Wie eigen ist ein unermüdlich um sich selbst kreisender Hölzchen, der sich offenbar nicht für gefährdet hält?
Darüber muss gestritten werden.

Die Historiker der Pyramide sind alle versammelt und wild…
Wie heißt das Wort?
Tacheles.
Ja, sie sind wild…
wild entschlossen … Tacheles zu reden.

Killusall
2

Hölzchen fühlt sich geschmeichelt.

  • ―Killus besitzt keinen Stallgeruch. Er besitzt einen Habitus und der ist großbürgerlich. Großbürgerlich-liberal meinetwegen. Für manche ist das eine Rechtfertigung. Für mich nicht. So funktioniert Geschichtsschreibung nicht.
  • ―Wie funktioniert sie dann?
  • ―Das Fach muss wissen, woher einer kommt. Wir wollen sehen, welche Linien er auszieht. Wir wollen wissen, worauf er zielt. Und natürlich wollen wir wissen, wer seine wirklichen Gesprächspartner sind.
  • ―Und wenn einer, ich will mal sagen, zu klug für den Stall ist, aus dem er kommt? Wenn deshalb kein Stallgeruch an ihm klebt?
  • ―Das kann schon sein, das kann schon sein. Sowas soll vorkommen. Killus ist klug, ohne Zweifel. Vielleicht ist er zu klug, um noch als Historiker durchzugehen. Was ist er dann? Philosoph? Vielleicht ist er Philosoph. Das müssten dann Philosophen entscheiden. Was tut ein Philosoph bei den Historikern? Historiker lassen Dokumente sprechen, sie sprechen nicht selbst. Das klingt jetzt paradox, ich weiß. Natürlich sprechen Historiker auch, aber anders. Erst das Dokument, dann die Sache. Das Dokument ist ihre Sache.
  • ―Wenn er kein Philosoph und kein Historiker ist, was ist er dann?
  • ―Erst einmal: ein rotes Tuch. Schon scheußlich, was die Studenten mit ihm veranstalten. Aber es scheint ihn nicht zu berühren. Vermutlich erreicht es ihn nicht. Wäre er Historiker, dann ... dann würde es ihn berühren. Er würde sich der Frage stellen müssen, wo er steht, und er müsste sie beantworten. Das Niemandsland hat keine Geschichte.
  • ―Aber es ist ihr Produkt.
  • ―Das stimmt. Ein Abfallprodukt. Man wühlt nicht darin herum. (Gluckst) Es sei denn, man sucht nach was Bestimmtem.

Hölzchen bleibt bei seinem Leisten. So wird das nichts mit Tacheles.

 

Der Donner rollt

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
1
Leckebusch bewundert den Großen Denunzianten

Dass sich ihre Wege noch nicht gekreuzt haben, liegt daran, dass einer den anderen bislang zu buchen versäumt hat. Warum? Aus Scheu, aus falschem Respekt, aus Klugheit: Leckebusch ahnt, dass aus ihrer Begegnung Abneigung aufzüngeln würde. Das muss nicht sein. Der Archipel ist zwar klein, aber geräumig. Man kann sich aus dem Weg gehen, solange der Wille dazu vorhanden ist.

Steinschwafels
Double
  Leckebuschs Hauspatriarch heißt, wie jeder wissen kann, Steinschwafel. Er war’s, der Leckebusch an seine Fakultät geholt und damit all das ›verbrannt‹ hat, was unter anderen Sternen eventuell möglich gewesen wäre. Zwischen dem älteren Steinschwafel (›ein Glücksfall für das konservative Establishment‹) und dem Großen Denunzianten (›Vordenker der Bürgergesellschaft‹) herrscht ewige Fehde. Sie haben sie, in Sammelbände abgefüllt, der Welt zur Begutachtung vorgelegt und die akademische Welt studiert ihre Kontroverse mit derselben Inbrunst wie, sagen wir, die zwischen Cartesianern und Newtonianern im aufsteigenden achtzehnten Jahrhundert.

Leckebusch bewundert das üppig wachsende Œuvre des Großen Denunzianten. Spötter behaupten, es bestünde zu achtzig Prozent aus den Gedanken anderer – keine schlechte Quote angesichts der sonst üblichen Wiederkäuereien, doch schwer vereinbar mit dem Ruf des Vordenkers, der ihm nun einmal vorauseilt. Tatsache ist: es besteht weitgehend – ob zu achtzig Prozent, sei dahingestellt – aus der Wiedergabe von Wiedergaben von Gedanken, die andere dankenswerterweise vor ihm angefertigt haben, also aus Tertiärgedanken in kritischer Absicht, wodurch sich alles ändert. Der Große Denunziant hat das Perpetuum mobile der Kritik zwar nicht erfunden, aber für seine Zwecke perfektioniert. Seine Gedanken, kaum angedacht, sind kritische Gedanken, seine Referate sind kritische Referate, die Ausfälle, zu denen er neigt, sind kritische Ausfälle…

Was immer der Große Denunziant in seinem breiten akademischen Leben von sich gibt, ist Kritik. Soll heißen, es nimmt die Kritik, die ihm begegnen könnte, kritisch vorweg und unterzieht sie einer kritischen Revision. Leckebusch, seinerseits darauf trainiert, das ›Genuine‹ im fremden Text zu erkennen und, wider alle fatalen Tendenzen, seine Trotz-allem-›Legitimität‹ herauszuarbeiten, steht dem Verfahren ›nicht unkritisch‹ gegenüber. Hin und wieder stößt es ihm sauer auf. Dennoch: er wäre der Letzte, der Deutungsmaschine des anderen mangelnde Effizienz zu bescheinigen.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
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Der Dreh- und Angelpunkt

Leckebusch bewundert, zum dritten, den unerschütterlichen Ruf, den der Große Denunziant sich damit im Lauf der Jahrzehnte erworben hat. Ein verlässlicher, zumindest von der Mehrzahl der Mittler zwischen Wissenschaft und Politik für unabdingbar gehaltener Wegweiser in die Gesellschaft der Zukunft wäre auch er gern geworden. Der Große Denunziant hat ihm – und ein paar Dutzend mehr – diese Möglichkeit genommen, er hat allen, die nach ihm kamen, eine Nase gedreht, so dass ihnen nur das Nachsehen bleibt.

Er hat Mentalitätsgeschichte geschrieben.

So ein Lob ist bereits seiner grammatischen Konstruktion nach doppelsinnig, um nicht zu sagen doppelzüngig, es wird unter Kollegen nicht ohne Häme verbreitet. Im übrigen bleibt sein Sinn unklar, was immer man von der Sache halten mag. Allein es hat Gewicht: ein Mann, ohne dessen Bücher und Tagungsauftritte die Republik eine andere wäre, ist ein Brocken, zumindest das, man lebt leichter, solange er einem nicht auf die Füße fällt.

Da der ersehnte Posten nun einmal besetzt ist, muss Leckebusch sich mit der Rolle des gefühlten Zweiten begnügen. Sie leidet traditionell unter Mehrfachbesetzung und lädt zu phantastischen Rivalitäten ein. Einer dieser ewigen Zweiten ist Killus, die wandelnde Ikone der vergleichenden Faschismusforschung. Leckebusch betrachtet seinen Aufstieg mit einer Mischung aus Herablassung und Argwohn. Er wittert in ihm den verwandten Ehrgeiz, verwandte Energie, überdies eine ähnliche Weise, dem Leben aus dem Weg zu gehen und sich auf die Vorlage von Zwischenberichten aus dem Forscherdasein zu konzentrieren. Die des anderen sind ebenso adrett, ebenso nüchtern respektvoll, ebenso eloquent und ebenso schneidend geschrieben wie die eigenen. Auch sie dienen dem Zweck öffentlicher Belehrung und lassen damit die Grenzen des bloßen Fachgesprächs hinter sich. Jedes neu erscheinende Buch, jeder öffentliche Auftritt, das weiß Leckebusch, könnte den anderen auf der Skala der allgemeinen Beachtung in unerreichbare Höhen katapultieren.

KILLUSALL
Das wäre nicht gut.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
3

Umso erstaunter und ein wenig verwirrt lässt ihn ein Artikel zurück, den sein Assistent ihm ausgeschnitten auf den Schreibtisch gelegt hat, direkt neben die von der Sekretärin vorbereitete Post, mit einem schlanken Ausrufezeichen am Rande versehen: Dynamit! Kein Zweifel: durch die journalistische Fratze schimmert etwas hindurch, was ihn an sein früheres Leben erinnert. Falls nur ein Bruchteil dessen stimmt, was da steht, dann, ja dann scheint Killus mit seiner jüngsten Publikation eine jener roten Linien überschritten zu haben, jenseits derer der Große Denunziant, sagen wir, in Tätigkeit zu treten pflegt. Zwar ist von Killus in dem Artikel nur am Rande die Rede. Aber bereits das kann als Drohzeichen gelesen werden.

Zurück ins Glied!

In welches Glied? Das der Historikerzunft? Seit wann ist dafür der Große Denunziant zuständig? Zurück ins Glied der Partei? Welche Partei wäre da gemeint? Über diese Partei, die da unversehens ins Spiel kommt, hätte er gern mehr gewusst, er kennt sie nicht, kennt sie nur zu gut, allerdings hätte er gedacht, ihrem alleinseligmachenden Walten entronnen zu sein, seit sich die Pforten des libertären Westens für ihn geöffnet hatten.

Kann sich einer so täuschen?

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
4

Andererseits ist er nicht naiv. Auch Leckebusch weiß, innerhalb welcher Grenzen er sich schreibend bewegt. Es ist nur so… Es ist einfach so, dass er bisher geglaubt hat, er selbst, zusammen mit seinesgleichen, gehöre der Klasse von Personen an, welche diese Grenzen bestimmt, autonom, wenngleich nicht ohne Tuchfühlung mit der Gesellschaft und ihren Lenkungsbedürfnissen, also verantwortungsvoll und verantwortungsbewusst – bewusst, ja gewiss, wie sonst ließe das Geschäft der Kritik sich betreiben? Er, Leckebusch, zählt sich zwar nicht, wie der andere, zu den kritischen Kritikern. Aber auch sein Urteil ist nicht allein kritisch geschärft, wie die von ihm vertretene Disziplin es selbstverständlich verlangt. Auch sein Urteil dient, nicht anders als das des Großen Denunzianten – und Killus’ –, der kritischen Schärfung aller Begriffe und damit dem gesellschaftlichen Guten, dem allgemeinen Zweck, von Kant auch Endzweck genannt (den Zusatz ›der Geschichte‹ schenken wir uns, denn er versteht sich einerseits von selbst, andererseits nicht mehr als selbstverständlicher Orientierungsrahmen aller Gedanken, ›so sich mit dem vernünftigen – oder doch vernunftkonformen – Gang der Menschheit befassen‹).

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Wenn also der Große Denunziant warnend seine Stimme erhebt, dann wäre, bei Einhaltung aller Regeln, ›allemal‹ – wie der zünftige Ausdruck lautet – davon auszugehen, dass er als einer von ihnen, gleichsam als ihr Sprachrohr, das gesellschaftliche Wächteramt versieht, weil die Logik des Gemeinwesens es nun einmal von ihnen verlangt. Es im Fall der Fälle nicht zu tun wäre schließlich, das Wort dreimal gewendet und wieder zurückgeholt, passiver, vielleicht sogar, im Fall klammheimlicher Zustimmung…

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
5
Revisionismus

Da steht das Wort, umringt von allerlei anderen Wörtern, unfreundlichen und garstigen, mitten im Zeitungstext, und ist nicht mehr wegzuwischen.

Killus ein Revisionist?

Aber das ist Irrsinn, liebe Leute, merkt ihr nicht, was hier gespielt wird?

  • Öffentlich als Mitglied einer Revisionistenbande entlarvt zu werden, ist ungefähr so prickelnd wie der Genuss von Maschinenöl. Doch genügt es nicht, sich den Magen leer pumpen zu lassen. Die klebrigen Überreste des Angriffs lassen sich nicht mehr entfernen. Sie sitzen fest und früher oder später kommt es zu Metastasen der Physis bis hin zum Exitus.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
5

Da steht das Wort, umringt von allerlei anderen Wörtern, unfreundlichen und garstigen, mitten im Zeitungstext, und ist nicht mehr wegzuwischen.

REVISIONISMUS

Revisionismus

Killus ein Revisionist?

Aber das ist Irrsinn, liebe Leute, merkt ihr nicht, was hier gespielt wird?

Öffentlich als Mitglied einer Revisionistenbande entlarvt zu werden, ist ungefähr so prickelnd wie der Genuss von Maschinenöl. Doch genügt es nicht, sich den Magen leer pumpen zu lassen. Die klebrigen Überreste des Angriffs lassen sich nicht mehr entfernen. Sie sitzen fest und früher oder später kommt es zu Metastasen der Physis bis hin zum Exitus.

Immer hat Leckebusch, ost-gewitzt, diese Art des Angriffs unsäglich gefunden. Im Ostenbedeutet die Formel, dass einer es wagt, die Errungenschaften der Großen Revolution, in Ost und West, die Ergebnisse des Großen Krieges in Frage zu stellen, soll heißen, wider allen Comment an die Offenheit der sogenannten Deutschen Frage, vulgo: Teilung des Landes zu erinnern, womöglich in den Motiven der von den Siegermächten verhängten Westverschiebung des östlichen Nachbarn herumzustochern oder – horribile dictu – ›ansatzweise‹ das Leid der Bombennächte und der Vertriebenen zu thematisieren, obwohl es sich aus streng kodifizierten Gründen der nationalen Scham nicht gehört. Da keiner dergleichen wagt – jedenfalls nicht in seinen Kreisen, nicht in seiner Altersgruppe oder darunter –, handelt es sich … handelt es sich – Leckebusch spürt den beginnenden Schweiß auf der Stirn – um einen Passepartout-Vorwurf, erhoben, um gesellschaftliche Schädlinge auszusondern und auf den Mist zu befördern.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
6
Zwischenbetrachtung

Dem Großen Denunzianten ist es, zum Entzücken progressiver Kreise, gelungen, mit einem Griff in die Mottenkiste der Theorie beide Kurven zu einer zu bündeln:

Revisionist ist, wer den
Prozess der Zivilisation zurückdrehen will

Worin besteht eigentlich dieser ›Prozess der Zivilisation‹? Gute Frage. Die Auskunft des Großen Denunzianten lautet: in der langsamen, stetigen Niederringung des Feindes. Der Theoretiker des Kónsenses erteilt sie durch die Blume: die Dickleibigkeit seiner Bücher, die aus solchen Niederringungen bestehen, deutet die Lösung an (selbstverständlich durch die Kraft des überlegenen Arguments).

Wer wen?

Eine simple Frage hat der Große Denunziant übersehen: Wie zivilisiert darf sich eine Zivilisation nennen, die ganz und gar auf diese Formel gestellt wird? Leckebusch hat da seine lebensgeschichtlich unterfütterten Zweifel. Mehrfach hat er darüber bereits in der Vorlesung gesprochen. Immerhin handelt es sich um seine Heimstrecke, überdies – da lächelt der Philosoph, gern würde er unergründlich lächeln, doch diesen Vorteil hat die Maskenbildnerin Natur ihm versagt – um eine propagandistisch motivierte Begriffsvertauschung, die aufzulösen zu den simpleren, aber darum nicht minder wirkungsvollen Nebeneffekten seiner beruflichen Tätigkeit gehört.

Wovon spricht dieser Mensch?

Ginge es bei der Aufklärungsarbeit des Großen Denunzianten mit rechten Dingen zu, dann, so Leckebusch im kleinen Kreis, müsste er auf der Stelle die willkürliche Vertauschung von ›Prozess‹ und Progress beenden – dem vielfüßigen, unaufhaltsamen, leider immer wieder gewaltsam unterbrochenen und zum Leidwesen ganzer Kulturen zeitweilig richtungslosen Fortwimmeln der Zivilisation auf dem Menschheitsweg der Gesittung und, man muss es leider wohl hinzufügen, obwohl es sich eigentlich von selbst versteht, der Technik. Es ist Rosstäuscherei, die haltlos zwischen ›Naturvorgang‹ und ›Gerichtsverfahren‹ changierende Vokabel ›Prozess‹ in einer Weise mit programmatischer Bedeutung aufzuladen, die bloß geeignet ist, eine Generation verantwortungsloser, auf den Aufklärungsgang der Geschichte vertrauender Ankläger heranzuziehen. Denn:

Zivilisation und Gesittung, sie sind im Grunde eins

Regelmäßig bittet Leckebusch seine Studenten, sich diese Formel zu merken – »Da haben Sie die Idee des Fortschritts in nuce« –, nicht etwa, weil sie ihm an sich besonders wichtig erschiene, sondern weil sie die einst geliebte Floskel vom ›Sozialismus mit menschlichem Antlitz‹ ebenso abgestanden erscheinen lässt wie die vom ›Untergang des Abendlandes‹ in der, sagen wir, Konsumgesellschaft, den nur ein Abendländer beklagen kann, in dessen Gemüt sich unstatthafterweise ein geographischer Begriff und ein welthistorischer Traum miteinander verquickt haben, während die Menschen auf der Straße davon unbeeindruckt ihren wirklichen Geschäften nachgehen.

  • ―Das sind Ideen, die vor der Wirklichkeit keinen Bestand haben.

Den Vergleich hebt er sich für das gesellige Zusammensein mit den Studenten auf. Anlässlich eines solchen Abends wurde auch die Formel geboren, mit der er Friedenwanger zum Stirnrunzeln zwingt:

Revisionist ist, wer Güter durch Ideen ersetzen will

 

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
6
Zwischenbetrachtung

Dem Großen Denunzianten ist es, zum Entzücken progressiver Kreise, gelungen, mit einem Griff in die Mottenkiste der Theorie beide Kurven zu einer zu bündeln:

Revisionist ist, wer den
Prozess der Zivilisation zurückdrehen will

Worin besteht eigentlich dieser ›Prozess der Zivilisation‹? Gute Frage. Die Auskunft des Großen Denunzianten lautet: in der langsamen, stetigen Niederringung des Feindes. Der Theoretiker des Kónsenses erteilt sie durch die Blume: die Dickleibigkeit seiner Bücher, die aus solchen Niederringungen bestehen, deutet die Lösung an (selbstverständlich durch die Kraft des überlegenen Arguments).

Wer wen?

Eine simple Frage hat der Große Denunziant übersehen: Wie zivilisiert darf sich eine Zivilisation nennen, die ganz und gar auf diese Formel gestellt wird? Leckebusch hat da seine lebensgeschichtlich unterfütterten Zweifel. Mehrfach hat er darüber bereits in der Vorlesung gesprochen. Immerhin handelt es sich um seine Heimstrecke, überdies – da lächelt der Philosoph, gern würde er unergründlich lächeln, doch diesen Vorteil hat die Maskenbildnerin Natur ihm versagt – um eine propagandistisch motivierte Begriffsvertauschung, die aufzulösen zu den simpleren, aber darum nicht minder wirkungsvollen Nebeneffekten seiner beruflichen Tätigkeit gehört.

Wovon spricht dieser Mensch?

Ginge es bei der Aufklärungsarbeit des Großen Denunzianten mit rechten Dingen zu, dann, so Leckebusch im kleinen Kreis, müsste er auf der Stelle die willkürliche Vertauschung von ›Prozess‹ und Progress beenden – dem vielfüßigen, unaufhaltsamen, leider immer wieder gewaltsam unterbrochenen und zum Leidwesen ganzer Kulturen zeitweilig richtungslosen Fortwimmeln der Zivilisation auf dem Menschheitsweg der Gesittung und, man muss es leider wohl hinzufügen, obwohl es sich eigentlich von selbst versteht, der Technik. Es ist Rosstäuscherei, die haltlos zwischen ›Naturvorgang‹ und ›Gerichtsverfahren‹ changierende Vokabel ›Prozess‹ in einer Weise mit programmatischer Bedeutung aufzuladen, die bloß geeignet ist, eine Generation verantwortungsloser, auf den Aufklärungsgang der Geschichte vertrauender Ankläger heranzuziehen. Denn:

Zivilisation und Gesittung, sie sind im Grunde eins

Regelmäßig bittet Leckebusch seine Studenten, sich diese Formel zu merken – »Da haben Sie die Idee des Fortschritts in nuce« –, nicht etwa, weil sie ihm an sich besonders wichtig erschiene, sondern weil sie die einst geliebte Floskel vom ›Sozialismus mit menschlichem Antlitz‹ ebenso abgestanden erscheinen lässt wie die vom ›Untergang des Abendlandes‹ in der, sagen wir, Konsumgesellschaft, den nur ein Abendländer beklagen kann, in dessen Gemüt sich unstatthafterweise ein geographischer Begriff und ein welthistorischer Traum miteinander verquickt haben, während die Menschen auf der Straße davon unbeeindruckt ihren wirklichen Geschäften nachgehen.

  • ―Das sind Ideen, die vor der Wirklichkeit keinen Bestand haben.

Den Vergleich hebt er sich für das gesellige Zusammensein mit den Studenten auf. Anlässlich eines solchen Abends wurde auch die Formel geboren, mit der er Friedenwanger zum Stirnrunzeln zwingt:

Revisionist ist, wer Güter durch Ideen ersetzen will

 

Das klingt, wie Materialisten der linken Hand gern anmerken, entsetzlich materialistisch, ist aber erfahrungsgesättigte Wahrheit und nichts weiter. Vom ›menschlichen Antlitz‹ sprechen mit Vorliebe Apparate, die unten herum foltern und es nicht ungern sehen, wenn das Antlitz sich ein wenig verzerrt, doch nicht zu sehr, da die ›gesamtgesellschaftliche‹ Aufgabe des freiheitsliebenden Pöbels nach dem Willen seiner Oberen darin besteht, sich nichts anmerken zu lassen. Umgekehrt gilt: Wer für den Erwerb eines automobilen Einheitsmodells, vom Volksmund liebevoll ›Trabi‹ genannt, zwölf oder fünfzehn Jahre Wartezeit veranschlagt, der lebt bekanntlich im Sozialismus mit allzumenschlichem Antlitz und sollte nicht einmal im Traum daran denken, ihn zu verlassen (es sei denn, er kalkulierte einen mehrjährigen Gefängnisaufenthalt mit der Aussicht auf Freikauf durch den Klassenfeind gleich mit ein). Der Große Denunziant geht dort ein und aus, jedenfalls in Gedanken und Worten, man könnte meinen, er betreibe einen Gesichtsverleih, weil sein Gesicht auf so vielen Veranstaltungspostern prangt, auf denen Systemüberschreitung so einfach vonstatten geht wie das Umfüllen von Wasser aus einem Glas in ein anderes.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
7

Leckebusch, unwirsch, verhalten, zweifelnd, nervös, greift nach dem Diktiergerät und spricht in dem verhaltenen, leicht quietschigen Ton, den er selbst für unwürdig hält, wenn er ihn unvermittelt anfällt, weil die Sekretärin den Hörer allzu nahe an seinem Ohr aus der Hand legt, um einen neuen Auftrag entgegen zu nehmen, aufs Band:

Progress gegen Prozess auszutauschen bedeutet, der Vergangenheit (und großen Teilen der Gegenwart) den Krieg zu erklären. Wie erklärt man dem, was nun einmal vergangen und deshalb nicht mehr vorhanden ist, den Krieg? Ganz einfach, man stellt sich auf die Seite des siegreichen Prinzips. Aber das ist eine Tautologie! Wenigstens etwas in dieser Art. Denn entweder enthält sein Sieg einen zivilisatorischen Fortschritt, dann hat die Vergangenheit sich in diesem Punkte erledigt – Friede ihrer Asche! –, oder er wäre, unter dem Gesichtspunkt eines möglichen Zivilisationsgewinns betrachtet, unerheblich oder sogar schädlich, dann bliebe, immerhin, noch der Machtaspekt als solcher: Hier und heute sehen wir die Sache so.

Selbstverständlich ist Leckebusch sich darüber im klaren, dass diese rein logische Weise, an die bewusste Sache heranzugehen, gerade angesichts der bewussten Sache zum Scheitern verurteilt ist. Doch im Herzen denkt er (und steht damit nicht allein, Killus zum Beispiel, wenn er nicht irrt, sieht das ganz ähnlich), dass ein toter Feind allenfalls noch als Bettvorleger taugt und Manövern, die dazu dienen, ihn künstlich am Leben zu halten, um einen auf Dauer gestellten Kampf gegen ihn zu führen, eine moralische Unsauberkeit anhaftet, ein feiner Staub, der sich, berührt, zu verschmieren beginnt, so dass derjenige, von dem die Berührung ausgeht, sich unwillkürlich zu schämen beginnt. So etwas spricht man nicht aus, die Wahrnehmung als solche ist schambehaftet, man trägt sie mit sich herum, bei manchen scheint sie sich zu verflüchtigen, manche brechen, scheinbar anlasslos, Jahre später in Schmähungen der Personen aus, denen sie diese Erfahrung verdanken.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
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Doch natürlich gibt es, neben dem reinen Machtaspekt, noch einen zweiten, vielleicht entscheidenden – Leckebusch lässt das Diktiergerät sinken, weil er weiß, dass hier das Erfolgsmodell des Großen Denunzianten in Sicht kommt –, den der öffentlichen Moral, die ebenfalls mit Schambesetzungen arbeitet, um zu verhindern, dass die besiegten Kräfte ein weiteres Mal erstarken (oder sich auch nur zu sammeln Gelegenheit finden): die Moral bedarf des zivilisatorischen Fortschritts nicht – oder nur in geringem Maße –, weil sie an den einfachen Anstand der Menschen appelliert, der sich unabdingbar aus konservativen Beständen nährt. Anständig ist, wer weiß, was sich gehört, und danach verfährt. Anstand, das ist das fleischgewordene Regelwerk der Zivilisation, ihr eisener Bestand sozusagen, der anschlägt, wenn irgendwo ein Unrecht geschieht und eine Spur davon ins eigene Wohn- oder auch nur Hinterzimmer führt: Damit will ich nichts zu tun haben.

Und wenn doch? Dann ist es an der Zeit zu kämpfen, und sei es nur um den guten eigenen Ruf. Und wenn der gute eigene Ruf durch ein Geschehen unwiderruflich in Mitleidenschaft gezogen wurde? Wenn draußen, wenngleich in abgeschwächter Form, die Formel gilt: mitgefangen, mitgehangen? Dann kann es, religiös gesprochen, selbst für Nachgeborene bloß darum gehen, Buße zu leisten. Wird allerdings der religiöse Ausweg versperrt, etwa dadurch, dass eine progressive Weltsicht die Religion als Miturheberin des Urverbrechens vor den Richterstuhl der Vernunft zieht, dann … sitzt die Vernunft in einer selbstgebastelten Falle, weil die ›herkömmlichen Moralbegriffe‹ aufgehoben und keine anderen in Sicht sind, es sei denn solche der

Hypermoral

Vor dem Wort fürchtet sich Leckebusch. Er weiß, dass sein Gebrauch stigmatisiert. Wer sich seiner bedient, darf auf den Beifall ›gewisser Kreise‹ rechnen und damit, dass sich automatisch die Türen der feinen Gesellschaft vor ihm schließen. Die feine Gesellschaft, in der, neben den materiellen, die Glücksgüter der geistigen Welt zur Ausschüttung gelangen – das persönliche Ansehen, das einer genießt, sein Ruf in der akademischen Welt, die Prominenz des ›führenden Intellektuellen‹ –, hegt keine festen Ansichten, aber sie entscheidet darüber, welche Ansichten ›gesetzt‹ sind, ›auf dem Tisch liegen‹ oder wie die Ausdrücke heißen mögen, die den Sachverhalt umreißen, aber nicht wirklich beschreiben.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
9

An diesem Tisch sitzt der Große Denunziant und verteilt die Karten.

An diesem Tisch sitzt der Große Denunziant und verteilt die Karten.
 

Lust hat ein Nachspiel

Elisabeth und Tronka erkennen einander und werden sich spinnefeind
1

Woran denkst du?
Ach, alles Mögliche.
Das wäre?
Elisabeth/Tronka: Geht das?
Für wen?
Für dich oder für sie?
Unter dem Gesichtspunkt…
Lüge. Alles Lüge.

Merkposten
  1. Alles geht.

  2. Elisabeth/Tronka sind eingeschriebene Fu-Praktiker und nutzen den Pool für ihre Zwecke.

  3. Tronka geht bei Leckebuschs ein und aus. Das war zur Assistentenzeit so und daran hat sich nichts geändert. Einmal Assistent = immer Assistent. Das schließt die Beziehung zur Gattin des Professors ein.

  4. Wann immer Elisabeth ein Auge auf Tronka geworfen haben mag: über die Anfänge der Affäre weißt du nichts. Als möglicher Hinweis wäre zu deuten: das (fast) jedermann sichtbare Wechselbad der Behandlungen, von völliger Missachtung bis hin zu überraschenden Gunstbeweisen. Dazu zählen:

    1. Gemeinsame Kinobesuche (hin und wieder);

    2. Spaziergänge zu zweit (anfangs selten, dann häufiger), um ›den Kopf klar zu kriegen‹;

    3. die niemals endende Sorge um die Tochter: Sie beinhaltet kleine Aufträge an Tronka, deren er sich mit Eifer entledigt.
      Sein Markenzeichen: oft (und gern) schießt er in solchen Fällen über das Ziel hinaus.
      Aber die Tochter mag ihn, er darf ihr den Kopf waschen, ihr Dinge sagen, mit denen ihr Mutter ›nicht kommen dürfte‹ etc.
      Ist Tronka demnach ›brauchbar‹?
      Teils – teils.

  5. Schwierigkeit: du bist kein unbeteiligter Beobachter. Diesmal nicht. Elisabeth gehört dir.

  6. Mögliche Auflösung der Schwierigkeit: Eifersuchtsanalyse, samt allen Zweideutigkeiten, die ein solcher Versuch mit sich bringt.

     

Elisabeth und Tronka erkennen einander und werden sich spinnefeind
1
Auflösung (und neues Rätsel)

Die Auflösung der Schwierigkeit liegt in der Auflösung des Fu-Projekts.

Das Zwingende der Auflösung besteht darin, dass die Ausgangslage verschwimmt.

Worin besteht die –?

Elisabeth und Tronka erkennen einander und werden sich spinnefeind
2
Black Box (1)

Allwissend ist er nicht, der Herr Tronka. Speziell Elisabeths Eheleben bleibt ihm ein Buch mit sieben Siegeln – was ihn nicht weiter kümmert, da Ehe, wie er sagt, für alle und niemand da ist und nichts zu bedeuten hat, Betonung auf nichts, denn natürlich weiß er um die mythischen Mächte, die den Menschen heimsuchen, sobald er sich in die Fänge der Institutionen begibt, die bei Hegel und allen reaktionären Geistern, die auf ihn folgen, die natürlichen heißen:

  • ―Was an der Ehe natürlich sein soll, das müssen Sie mir schon erklären.

Nein, Naturphilosoph Starck kann es nicht. Ihm steht ein Buchstabe im Weg, der allerchristlichste von allen, das falsche c. Deshalb spricht er von naturgegebenen Ordnungen am liebsten dann, wenn er sicher sein kann, dass keiner der Kollegen ihm zuhört.

  • ―Denen fehlt die Ost-Sozialisation. Sonst wüssten sie, wovon ich rede.

Mag sein, mag nicht sein. Diese Freigekauften reden merkwürdiges Zeug.

In Tronkas Augen ist die Ehe ein juristischer Hokuspokus, eine Abmachung ohne Substanz, das Ergebnis eines Schacherns um Zugriffs- und Erbrechte, eine Art Trickbetrug, um an Geld zu gelangen, das man nicht selbst verdient hat (»In beiderlei Gestalt!«). Die Kinder? Welche Kinder? Um sie, davon ist er mehr denn je überzeugt, geht es bei alledem am allerwenigsten.
Kinder sind auch Erwachsene. Sie wissen es nur noch nicht.

  • ―Das kann man alles regeln. Dafür sind Dienstleistungsverträge da. Jawohl, Dienstleistung. Janein, das brauche ich Ihnen jetzt nicht zu erklären. Ich rate Ihnen: arbeiten Sie sich rechtzeitig in die Materie ein! Sie werden Ihr Wissen brauchen.

Tief im Herzen fühlt Tronka, seit die Affäre Pida ihn quält, in der es um Treue, Treue, nichts als Treue geht, den Spagat zwischen seinen – keineswegs zynisch gemeinten – Äußerungen und dem, was ihm von seiner Beziehung bleibt, etwas, das er in seiner Not als ›weiblich‹ deklariert, weil er es anders nicht zu fassen vermag: Pida ist weiblich. Ja was denn sonst? Gute Frage. Er könnte sie sich stellen oder auch nicht, er könnte sie mit der Phrase beantworten, die in den stillen Gedanken vieler Männer just zu seiner Zeit zu reifen beginnt: »Alles Mögliche, aber im weiblichen Deutungsraum.« Das wäre dann, alles in allem, auch die Deutung Pidas, die für ihre Handlungsweise ebenso vehement ihre Weiblichkeit reklamiert, wie sie jeden angedeuteten Versuch, sie darauf zurückzuführen (zu ›reduzieren‹), als Angriff auf sich und ihr Geschlecht zurückweist (eine Einstellung, der sie immer wieder, vor allem in leidenschaftlichen Szenen, wortreich Ausdruck verleiht). So empfindet Tronka, zurückgeworfen auf psychische Ressourcen, die ›in der Philosophie nichts zu suchen haben‹, gerade nicht: Pidas nicht weiter qualifizierbare Weiblichkeit entgrenzt sich ihm mit derselben mathematischen Konsequenz wie das auseinanderstrebende Universum, von dem einige Astrophysiker halsstarrig behaupten, es ziehe sich in Wirklichkeit zusammen. Beide Vorstellungen hält er für plausibel, jede für sich und beide gemeinsam als Teil eines unbegriffenen Zusammenhangs, den es schon aus dem Grunde geben muss, weil es ›da draußen‹ etwas gibt, mit dem man jederzeit rechnen muss.

Elisabeth, davon weiß er sich überzeugt, ist promisk wie ein Mann, ohne Hintergedanken, dem Vorgang selbst zugetan, sie lacht, nicht nur im Herzen, über ›gebundene‹, sklavisch dem Geschlecht ergebene Weiblichkeit, so wie sie Leckebusch verlacht, den schütteren Fafner, der über seinen eingebildeten Schätzen brütet und unauffällig die Ausgänge bewacht, als hätte die Bewachte nicht längst Wege nach draußen gefunden, von denen einer wie er sich nicht einmal träumen lässt, so leicht und angenehm gleitet es sich auf ihnen dahin. Leckebusch also wäre der Drache Ehe, der seine Flügel über die Frau breitet, sie zur Weiblichkeit verdammt und ihr den Zugang zu den Ressourcen der Lust abschneidet, unfähig zu begreifen, dass er ein für allemal sich damit in der Beziehung die Hörner aufsetzt, blind dafür, dass er und kein anderer das Labyrinth ausrollt, in dem seine Wünsche und sein Anspruch auf Happiness mit einer gnadenlos zu nennenden Konsequenz verloren gehen. Leckebuschs Blindheit, davon schwärmt Tronka voll seherischer Gewissheit, steht unverrückbar wie gewachsener Fels in der Lebensbrandung.

  • ―Tag, Herr Leckebusch. Ich habe da Ihnen etwas mitgebracht. Die dritte Auflage von…
  • ―Gibt es irgendwelche Anstreichungen? Das ist immer aufschlussreich.
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3

Soviel zu Tronka.

  • Das Elisabethanische Zeitalter währet nur eine (heiße) Nacht.

Die korrekte Beantwortung der Frage: ›Ist Elisabeth promisk?‹ stellt keine rednerische Aufgabe dar.

Erste Annäherung: Promiskuität setzt eine gewisse Wahllosigkeit voraus.

Detail   eine gewisse Wahllosigkeit = Abwesenheit von Stabilität bezüglich der einmal getroffenen Wahl.

Schwierigkeit: Gehört Stabilität zur Wahl? Oder beschränkt sich der Vorgang der Wahl auf den Wahlakt ohne alle Rücksicht auf das, was auf ihn folgt?

  • Versuch der Behebung dieser Schwierigkeit:
    Eine ›einmal getroffene Wahl‹ zielt ja wohl auf das Moment der Dauer. Insofern ist in der Sprache selbst die Dauer der einmal getroffenen Wahl als Merkmal gegeben.

Merke:

Bei einer Person, die nach Lust und Laune vögelt, ist dieser Aspekt ersichtlich nicht gegeben.

Frage   Ist das richtig? Nicht alles, was ›ersichtlich‹ so ist, hält einer weitergehenden Betrachtung stand.

Promiscus (lat.) = gewöhnlich, gemischt, alltäglich.

Ein Alltagsgeschöpf ist E ganz sicher nicht.

FuFu

Sind ›Lust und Laune‹, wie von E praktiziert, Fu?

Damit sind wir im Thema.

Fu, das bedeutet: die Aufhebung der Promiskuitätsschranke.

Was ist darunter zu verstehen?

Also gut:

… die Promiskuitätsschranke erhebt sich im Gehirn, genauer gesagt im Labyrinth der dem Begehren verhafteten Gedanken genau dort, wo sie alle auf einen Punkt hinzustreben scheinen (Betonung auf ›scheinen‹, denn in Wahrheit ist es ein Meer, vielgestaltiger und umfassender als das von Marken durchzogene Land), sie scheint der Scham verwandt und ist es sicher auch ein Stück weit, aber sie deutet auch auf das schiere Gegenteil, die Erwartung von Schwierigkeiten, enormen Schwierigkeiten, sorgfältig unterteilt in ethische, rechtliche und alltagspraktische, wobei die schwierigste aller Schwierigkeiten, die antizipierte Enttäuschung des Partners, ausgespart bleibt, die in diesem Fall ja wirklicher Ent-Täuschung entspricht, der weggeräumten Illusion, man selbst sei zu dem imstande, was der Psyche des Partners leider versagt bleibt, zur reinen Konzentration auf den ausgewählten Anderen, und damit dem Fortfall der sichersten Stütze der eigenen…

uswusw.

Merke:

Die Aufhebung der Promiskuitätsschranke bedeutet die Aufhebung der Partnerillusion unter den Bedingungen reiner, i.e. unvermischter Lust.

  • Sind diese Bedingungen bei E gegeben?

Antwort (absolut!): Nein.

Was macht dich da
so sicher?

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4
Die Verbündeten (1)

Nein, Freunde sind diese beiden nicht. Wie auch? Aus ihrer ›Beziehung‹ ist Leckebusch nicht zu entfernen: als Gatte, Ex-Vorgesetzter, Vorbild, Spottbild, Gegeninstanz, Ratgeber, Beziehungsinhaber, Freund, Gutachtenschreiber, Sesam-öffne-dich der Beziehungswelt ist er immerfort mit von der Partie, ein Feind für alle Fälle, der Drache Fafner, der den Schatz bewacht, halb bewusst und halb bewusstlos, und Tronka … nein, kein Siegfried verkehrt in dieser Höhle, obwohl…
… die tiefe, aus allen Poren strahlende Befriedigung, den Kabalen der Fakultät entronnen zu sein und seine Professur erbeutet zu haben, hat ihn aufgewertet, Elisabeth blickt auf ihn wie auf eine gelungene Kreation, auf die sie ein wenig stolz sein kann. Stolz wartet bekanntlich nicht, er ist schon da, wenn man beschließt, ihm die Tür zu öffnen, er ist der Wunschinhalt, der dem Wunsch vorangeht.

Von dieser Schöpfung (die er selbst ist) weiß Tronka nichts. Also weiß er auch nichts von dem Recht, das Elisabeth auf ihn besitzt. Keiner sagt es ihm, nicht einmal er selbst. Überhaupt sagt er sich selbst wenig. Er ist froh, dass ihn das Gefühl beruflicher Befriedigung über die Untiefen der Existenz hinwegträgt.

Kleiner Einwand   Wie kann einer froh darüber sein, ein Gefühl der Befriedigung zu empfinden? Liegt hier nicht eine petitio principii vor? Und trotzdem geschieht es… Im gedankengespeisten Universum der Gefühle ist immer noch Platz für eine kleine Reflexion, vielleicht sogar Reflexion der Reflexion, es muss ja nicht gleich ein Hochbau zusammenkommen, der einstürzen wird, ist seine Zeit erst einmal gekommen.

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4
Die Verbündeten (1)

Pida rumort. Man kann es nicht anders sagen, es ist eine Tatsache. Bröckchen für Bröckchen setzt sich ihr Tronkas Befriedigung in das Gefühl um, abgeschnitten zu sein: von sich, von ihren Freunden & Freuden, von allem, was Leben lebenswert macht. Sie hat begonnen, das hereinkommende Geld mit beiden Händen auszugeben, als wolle sie künstlich den Zustand der Beengtheit wieder herstellen, in dem die Erwartung einer glanzvollen Zukunft den strahlenden Mittelpunkt ihrer beider Existenz darstellte. Jedenfalls bildet sie sich das ein. Es handelt sich um eine Phantasie post eventum, eine nie dagewesene Vergangenheit, wie Tronka bei sich notiert, der sich hütet, ihr zu widersprechen, nicht, weil er ihre Gegenrede fürchtet, sondern weil es das Gebäude ihrer Beziehung augenblicklich zum Einsturz brächte … auch das eine Phantasie, allerdings eine, die ihre Nahrung aus der Zukunft bezieht, einer sehr luftigen Zukunft, die in ebendiesen Tagen eine unzerreißbare Substanz ausbildet, gleichsam aus-sintert, so dass er jetzt, pragmatisch gesprochen, einer zweifachen Zukunft entgegen lebt: einer ins Immergleiche verlängerten, von Karriere-Lichtpunkten erhellten Gegenwart und einer radikalen Disruption, einem Höllensturz ohnegleichen, an dessen Ausgang sonderbarer- und ersehnterweise Befreiung winkt.
Befreiung wovon?
Von Pida?
Aber – oh boy – das ist widersinnig. Jeden Tag kann er diese Befreiung haben, sofern ihn danach gelüstet. Wozu die Zukunft einschalten? Nun … aus keinem anderen Grund als dem, dass sie die Zukunft ist, unifarben, groß-strahlend / groß-düster, dies aber, vielfädig, vielmustrig, allseits verflochten, Gegenwart. Kann man eine Gegenwart verlassen, die sich bis an den Horizont und darüber hinaus krümmt, ohne dass irgendwo ein anderer Grund, eine andere Lebensformation sichtbar würde? Offensichtlich nicht. Andererseits wäre zu fragen, woher gerade Pida die Macht zuwächst, als realissima diese Welt mit einem Heben der Braue zu dirigieren? Sehr einfach: darin besteht ja gerade das Mysterium der Nähe, das nicht dadurch außer Kraft gesetzt wird, dass sich die andere Seite der Nähe verweigert, denn offenkundig sind daran zwei Arten der Nähe beteiligt, die Verweigerung nimmt eine davon in Anspruch, während sie die andere, abgeschnittene, schmerzhaft, als Wunde sozusagen, offenhält: Es steht in ihrer (und nur in ihrer) Macht, den Schmerz zu stillen, und zwar von einer Minute zur anderen, in jenem ›Sogleich‹, aus dem die Psyche einen Großteil ihrer täglichen Energie bezieht. Wie ein wartender Patient, der sich in der Gewissheit wiegt, ›gleich‹ dranzukommen, während Stunde um Stunde verrinnt, in denen der Arzt, nur für Momente sichtbar, in unbegreiflicher Abgeschottetheit seinen Obliegenheiten folgt, weiß sich auch Tronka, nicht anders als ein misshandelter Esel, in einer durch alle Abweisung hindurchschimmernden Gegen-Gegenwart angenommen, denn schließlich könnte auch Pida sich jederzeit umwenden und gehen, es wäre sozusagen das Natürliche, denn schließlich hat sie die Leinen gekappt, doch daran ist, wie es scheint, nicht zu denken.

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5
Die Verbündeten (2)

Elisabeths Brocken heißt Leckebusch. Keine Freiheit, die sie sich nimmt (und sie nimmt sich alle Freiheiten), kann schließlich darüber hinwegtäuschen, dass er … einfach da ist und damit etwas in ihr Leben hineinträgt, was ohne ihn nicht da wäre: fast eine Plattitüde wie das meiste, was Menschen im Leben behelligt, aber eben nur fast, um eine Haaresbreite daneben und damit, unter dämonologischem Gesichtspunkt gesehen, eine Monstrosität, ein Ausfluss des Bösen – soweit geht das nächtliche Bewusstsein bisweilen –, etwas, das auf lange Sicht in Ordnung gebracht werden muss, obwohl es selbst zweifellos die Ordnung repräsentiert, eine über jeden Zweifel erhabene Normalität, in der sie ebenso ein- und ausgeht wie die gemeinsame Tochter, die zwar instinktiv fühlt, dass zwischen den Eltern etwas nicht stimmt, es aber – dieses knistrige Unbestimmte – in ihrem persönlichen Universum auf den Status von Flausen herabgestuft hat, in denen sie gern der Mutter Beistand leisten würde, fände sie Elisabeth nicht, zumindest in bestimmten Momenten, so schrecklich kapriziös, dass an diesem Kap der guten Hoffnung immer wieder die besten Vorsätze scheiterten: schließlich ist es das Vorrecht der Jugend, kapriziös zu sein und Mutter-Tochter-Konkurrenz auf diesem Feld selten erwünscht.

Verbündet… Wer ist verbündet? Förmliche Bündnisse gibt es, oberflächliche, scheinbare, trügerische, daneben, darunter oder dahinter versteckte, von deren Existenz im Normalfall die Verbündeten selbst das Wenigste wissen, ein Hauch muss genügen, gelegentlich auch ein unguter Anhauch, denn nicht jeder Verbündete ist, als Person und überhaupt betrachtet, genehm. Pida zum Beispiel, das verraten die Protokolle, ist Elisabeth ganz und gar nicht angenehm, es wäre spannend zu sehen, ob sie Pida ins Haus lassen würde, verfiele Tronka einmal auf den abgründigen Gedanken, sie mitzubringen, was zum Glück noch niemals der Fall war –

ein garstig Weib: bloß Frauen dürfen, in einer dem Frauenaufbruch verpflichteten Gesellschaft, ohne Zögern solche Urteile fällen. Es ist nicht Elisabeths Art zu zögern, jedenfalls dann nicht, wenn es um Urteile über Menschen geht, und ihr Urteil über Pida steht fest, fester als mancher euklidische Satz, an den sie sich mühsam, wenn die Rede darauf kommt, aus der Schulzeit erinnert, wie überhaupt die von der Psyche gefällten Urteile harscher ausfallen als die rationalen Fundamente der gesicherten Welt, in der es Technikern unbenommen ist, über die Grenzen des Sonnensystems vorzustoßen, während sie bei der Wahl einer Parteivorsitzenden kollabiert. Pida, das springt Elisabeth aus der Erscheinung an, ist ver-rückt in jenem sehr einfachen, sehr plastischen Sinn, den das Wort schon andeutet: sie ist nymphoman. Weiß Tronka davon? Gelegentlich huscht ihr der Vorsatz durch den Kopf, es ihm zu sagen – er ist nun einmal ihr Vertrauter und hätte ein Recht darauf, gäbe es da nicht das Menschenrecht auf Blindheit, ein hohes Gut, das, einmal auf die Waage gelegt, alle anderen aussticht.

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6
Black Box (2)

Das ist die Pida nicht, die ich gekannt.
Das ist ein Fabeltier aus einem andern Land.

Was ist anders an Pida, nun, da sie anders ist? Elisabeth könnte es Tronka mit ein paar Sätzen erklären, sie selbst tickt durchaus nicht so, aber sie hat die andere längst durchschaut hat, und eigentlich könnte Tronka es selbst, wäre er so frei es zu wollen. Frei ist er in anderer Hinsicht. Da er, auf unauffällige Weise, Elisabeths Vertrauter geworden ist, ohne dass sie ihn je ins Vertrauen gezogen hätte, blickt er auf Leckebusch, als könnte er ihn, sollte die Situation es verlangen, jederzeit mit einem Degenstich durchbohren: Verachtung mischt sich darin mit einem Gefühl der Überlegenheit, das sich nur zum geringeren Teil aus theoretischen Dispositionen speist und keineswegs den gewaltigen Respekt mindert, der sich seit seiner Assistentenzeit eher gemehrt hat, denn erst langsam hat er die aus vielerlei Verbindungen resultierende Machtfülle des Älteren zu überblicken gelernt, gegen die gehalten er allenfalls die marginale Existenz eines Buntspechts im philosophischen Blätterwald vorweisen kann. Manchmal überrascht ihn jetzt der jungenhafte Zug, mit dem Leckebusch dergleichen Unterschiede zwischen ihnen wegzuwischen weiß. Unwillentlich fühlt er sich geehrt durch den unverstellten Zutritt, den ihm der andere zu seinen Gedankengängen gewährt, und schämt sich seiner Hintergedanken.

Elisabeth dagegen sieht den Betrogenen. Nicht, weil Pida sexuell ihrer Wege geht, sondern weil sie um ihn ein Netz aus Desinformationen gewoben hat, dessen einziger Zweck darin besteht, ihr schlechtes Gewissen vor ihm zu verbergen und ihm im Gegenzug eines zu verschaffen. Das sieht man, das fühlt man, dazu muss Tronka nicht reden, nicht mit ihr, die ohnehin wenig auf die Bekenntnisse anderer gibt. Ein Tronka hat kein schlechtes Gewissen. Er mag fehlbar sein, aber nicht ängstlich gegenüber einer Instanz, die mehr von ihm weiß, als er selbst sich eingestehen möchte. Wenn ihn dennoch Schuldgefühle durchzittern, dann deshalb, weil Pida einen Feuerring um sich geschaffen hat, der sie ebenso unzugänglich wie in den Augen Dritter begehrenswert erscheinen lässt. Ist’s möglich, die Geliebte mit den Augen des Dritten zu sehen, den man irgendwo in der Kulisse wittert? Ist’s möglich, die Augen des Dritten mit sich herumzutragen und mit ihnen die umgebende Welt zu mustern, während der eigene Blick gesenkt bleibt und sich jeden Urteils enthält? Und falls es möglich ist, auf welche Weise wäre es dann wohl möglich, das geschmacklose Doppelspiel zu beenden und die gerupfte Einheit der Person wieder herzustellen? Elisabeth empfindet den Reiz der Aufgabe.

Es kann nicht schlecht sein, dieser Pida eine kleine Lektion zu erteilen.

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Nachtgehölz
  • Verstörung, die, eine – kleine oder große – Disruption der Persönlichkeit, die bestenfalls eine Weile anhält, um dann mehr oder weniger spurlos zu verschwinden, schwierigenfalls zu einem Totalausfall der betreffenden Erinnerungsspur führt, verbunden mit Erregungselementen, die unvermutet aufbrechen können ––

So weit, so gut. Tronka ist nicht der Mann, sich durch das Abenteuer einer Nacht verstören zu lassen. Ebensowenig Elisabeth die Frau, die mit Verstörung rechnet, vor allem dann, wenn sie sie auf ihre Rechnung nehmen soll. Und doch ist gerade das…

… geschehen.

Starkes Gefühl der Unfähigkeit, das Malheur einer Nacht zu rekonstruieren, das auf das Leben zweier dir nahestehender Personen ausstrahlt. Nicht Resignation ist die Wurzel dieses Gefühls, sondern Stärke. Du fühlst dich stark, doch nicht zu stark, deine Stärke bleibt auf der sicheren Seite, sie bleibt auf der Hut vor dieser … Blutspur, die sich ins Dunkel zieht, in eine Landschaft mit Tieren, deren Anblick der Künstler dir, gnädig oder nicht, vorenthält.

Vermutung
Elisabeths jäh erwachte Neigung, hervorgegangen aus dem langsam, auf Schleichpfaden des Bewusstseins gewachsenen Impuls des Sich-Kümmerns, lief durch bis zum Äußersten, dem Versuch, Pida auszuschalten, gleich im ersten Anlauf die Verkrümmung zu beheben, unter der Tronka, ihrer Auffassung nach, seit langem leidet. Dieser Versuch, so er denn stattfand, konnte nur grandios missglücken,
weil er auf ein Krebsgeflecht traf,
weil Tronka in jener Nacht, beglückt, aber weit entfernt von jeglicher Euphorie, in den Schatten Fafners trat, des Unbesiegten, von den Göttern zum Abschuss Freigegebenen, seiner kommenden Aufgabe, die ihn hier als Unwürdigen vorfand und … brandmarkte.

Vorteil dieser Vermutung: sie achtet auf Symmetrie der Motive und schiebt Tronka alle Schuld dieser Welt zu, die Schuld des Versagers, die Schuld des Verräters, die Schuld des Defekten, der sich gegen die Erfüllung seines tiefsten Wunsches sperrt, aus Abhängigkeit, einfach krank.

*

Elisabeth geht makellos aus der Sache hervor.

 

Wo Rauch ist, ist auch Feuer

Input-Leute
1
Feuer? Wo ist Feuer?

Hurtenschwang und Liebermaus, zwei brave Historiker-Kollegen aus der Provinz, müssen die volle Wucht des ersten Angriffs auf sich nehmen. Auch wenn er mehr als Gewittergrollen daherkommt – sie wissen, auf die erste Salve wird die zweite und dritte folgen, sie sind folglich alarmiert. Vermutlich wissen sie auch, dass die Attacke nicht wirklich ihren Forschungen gilt, obwohl Eitelkeit und Ängstlichkeit geeignete Kandidaten sind, so ein Wissen unter der Decke zu halten, vor allem, wenn auf ihr in bunten, die Farben des Entrüstungsspektrums in politischer Verkürzung zusammenfassenden Lettern das Wort ›Unerhört‹ gedruckt steht. Denn es ist, nach ihrer Auffassung, als unerhörter Vorgang zu bewerten, dass man sie einer Komplizenschaft bezichtigt, die der Sache nach nun einmal nicht besteht. Und was nicht der Sache nach besteht, wie kann das im Ernst jemand behaupten, ohne in einen Selbstwiderspruch zu verfallen? Folglich muss, da jeder weiß, dass der Große Denunziant sich nie wiederspricht, es sich hier um eine Verwechslung handeln.

Input-Leute
2
Wer nicht weiss, wie ihm geschieht, wie soll der sich wehren?

Natürlich kennen sie Killus, haben auf Fachtagungen gelehrte Worte mit ihm gewechselt, Liebermaus hat sogar – »Ach Gott ja, das ist aber lange her!« – eine distanziert wohlwollende Rezension über eins seiner Bücher geschrieben –: doch in ihrer Seele, dort, wo es ernst wird, lehnen sie ihn ab, Hölzchen würde sagen, aus Gründen des fehlenden Stallgeruchs, sie selbst würden andere Wörter dafür benützen, ganz andere, bis ins Christlich-Abendländische reichende, die simple Wahrheit bliebe auch da auf der Strecke, denn Killus ist ihnen, ehrlich gesagt, einfach zu schnell, sein Verstand geht allzu rasch durch die Decke, genauer durch die ziselierte Käseglocke, unter der sie ihr Forschergeschäft betreiben.

Es stimmt ja auch: Killus denkt schnell. Sein scharfer Verstand wildert bereits unter Schlussfolgerungen zweiten und dritten Grades, während Hurtenschwang und Liebermaus, Athleten des Quellenstudiums ohne klaren Abschluss, noch mit elementaren Definitionsschwierigkeiten kämpfen. Das kränkt. Aus Kränkung erwächst Abneigung, aus Abneigung – nicht gleich, aber im Laufe der Jahre – eine Sonderform der Gefolgschaft. Gefolgschaft wider Willen: so könnte man sie nennen. Irgendwann haben Hurtenschwang und Liebermaus, jeder für sich, jeder auf seine Weise begonnen, Sätze abzusondern, die mit seltsamen Floskeln beginnen: »Killus würde jetzt sagen…«, »Ich möchte mich dem nicht anschließen, aber Killus hat uns allen gezeigt…«, »Wäre ich Killus, würde ich folgendermaßen argumentieren«, »Hat Killus nicht irgendwo geschrieben…«, »Auch ein Killus wird uns nicht in diese Sackgasse locken…« »Das alles ist zwar fachlich hochgradig anfechtbar, aber wir sollten es diskutieren…«, »Lassen wir uns doch mal versuchsweise von Killus herausfordern…«

Er hat sie herausgefordert, das ist wahr. Doch wohin? Ins Freie? In die Freiheit, weiter zu denken, als sie ursprünglich vorhatten? Als es ihnen durch Herkunft und Naturell gegeben ist? Als es für ihr geistig-moralisches Auskommen bekömmlich ist? Als es ihnen und ihrer Hörerschaft nützt? Das ist nicht so einfach, schon gar nicht zu entscheiden, denn –
hier liegt ihre große Schwäche.

Input-Leute
3
Hurtenmaus und Lieberschwang verwalten ein schweres Erbe

Nicht die Quellenlage macht ihnen zu schaffen, sondern Entscheidungsschwäche. Zu vertraut sind ihnen die politisch-kulturellen Abgründe – von den geistig-moralischen Risiken ganz zu schweigen –, die nur darauf lauern, sie zu verschlingen, gleichgültig, ob sie sich auf den Feldern der europäischen Kolonialgeschichte oder der Nationalgeschichte der Deutschen bewegen, als dass sie sich unbekümmert zu einer expliziten Lesart bekennen könnten. Ein paar Genies unter ihren Altersgenossen sind auf den naheliegenden Ausweg verfallen zu behaupten, es gebe gar keine Deutschen, habe sie nie gegeben, die ganze Nation sei, wie ihre fatale Geschichte, ein ›Konstrukt‹ des neunzehnten Jahrhunderts, das dekonstruiert gehöre, ja, de-konstruiert, als Ideologielieferant finsterer Mächte enttarnt. Sie schreiben – grenzwertig, aber erfolgreich – mit Einsichten dieses Kalibers Geschichtsgeschichte. Ihre steile These hat Eingang in die Schulbücher gefunden, die Denkfabriken der großen Parteien schleifen sie von Symposium zu Symposium, das Ausland staunt und der eine oder andere Programmgestalter der BBC fragt sich angesichts der galoppierenden Selbstabwicklung der krauts, ob in der hauseigenen WW2-Filmproduktion nicht vielleicht doch etwas schief läuft –, doch Hurtenschwang und Liebermaus betrachten sich nicht als Genies, eher als Geschichtsbetroffene, und jenen zu folgen erschiene ihnen, wie vieles andere in den ihnen vorliegenden Fachpublikationen, zu einfach. Diese Widerständigkeit hat den beiden in der Gelehrtenwelt eine bescheidene Bekanntheit eingebracht, man hält sie für seriöse Historiker alter Schule, fast könnte man sagen, für Überbleibsel einer anderen Zeit, einer Zeit in der Zeit, falls es so etwas gibt, aber auch dafür finden Historiker Lösungen.

Input-Leute
4
Warum diese beiden und und keine anderen?
  • ―Das kann ich dir sagen, nuschelt Hölzchen, der manchmal, so auch an diesem unerwartet strahlenden Morgen, zum Frühstück in der Pyramide aufkreuzt, weil, wie er es ausdrückt, ihn der Betrieb fasziniert: Hurtenschwangs Familie kommt aus Memel, Klaipeda, du verstehst, und Liebermaus ist, falls ich es richtig reproduziere, in Breslau geboren. Beide sind – richtig! – Fluchtzöglinge und diese an der Schwelle zum Leben gesammelte Erfahrung steckt ihnen in den Knochen. Sie will immer wieder heraus, aber sie kann es nicht. Ihre Deutungen der Geschichte sollte man tunlichst als mühsam zusammengebastelte Leitern betrachten, die regelmäßig in sich zusammenfallen, sobald einer sie besteigt. Sie wollen gerecht sein, aber nicht selbstgerecht, und das ist, ja sicher…
  • ―ungerecht?
  • ―Richtig. Sie sind ungerecht um einer Gerechtigkeit willen, die, das muss man einfach zugeben, unerreichbar ist. Eigentlich eine tolle Idee, den beiden das Etikett ›Revisionist‹ zu verpassen – ich hätt’s nicht gemacht, ich hätt’s als ungerecht empfunden, jeder lebt seine Skrupel, aber ich find’s toll, dass es einer mal ausspricht. Ich würde sie Strukturrevisionisten nennen. Ihr Revisionismus steckt nicht in den Thesen, sondern in der Disposition, in ihrer Art zu denken, meinetwegen zu empfinden, ja natürlich … wie? Steckt tief unter der Haut … tief unter der Haut. Wenn du mich fragst: sie empfinden diese historischen Prozesse als ein Stück Intimität, so als müssten sie immer noch ihre Familie auf der gefährlichen Irrfahrt in die Fremde beschützen und wären dazu, wie soll ich es sagen, einerseits zu jung und andererseits bereits zu alt.
  • ―Du meinst also…
  • ―Sie sind, wie so mancher, Erwachsene einer Nacht, also nie wirklich erwachsen geworden. Das findet man bei vielen Angehörigen ihrer Alters- und Herkunftsgruppe, dieses Grüblerische, das zu keinem Abschluss findet, in Verbindung mit einer erschreckenden Kraft der Aversion, die aufblitzt, sobald man ihnen zu nahe tritt.
  • ―Wer später kommt, hat keine Chance?
  • ―Hat keine Chance. Das ist alles eine Frage des präzisen Lebensalters. Zwei, drei, vier Jahre Unterschied im Erleben und da existiert keine Brücke mehr. Sie existiert einfach nicht.
  • ―Sind sie in der Zunft isoliert?
  • ―Isoliert? Kann man nicht sagen. Es liegt ein magnetischer Ring um sie, der sie schützt. So wie der Körper eine schützende Hülle um eine Wunde legt … sie repräsentieren eine Art Wundstelle der Nation, die nässt und nässt, das ist jetzt sehr unfreundlich formuliert, ich würde den Ausdruck gern zurücknehmen, darf ich das? Du verstehst mich. Andererseits: was ist Freundlichkeit? Wir sind Historiker, wir müssen verstehen, was ist, um zu verstehen, was gewesen ist.
Input-Leute
5

Hölzchen hat nichts gegen die beiden. Für ihn sind sie Leute vom anderen Ufer, Vertreter der konservativen Fraktion: »Das geht schon in Ordnung. Ich empfinde davor Respekt.« Welchen Respekt er vor ihnen empfindet, das allerdings weiß kein Mensch, es bleibt sein Geheimnis. Du lauscht seiner Stimme nach und findest sie emsig. ›Als Historiker‹ sieht er sich in der Pflicht, die Menschen nach Stämmen und Fraktionen zu sortieren, er wäre sehr erstaunt, zöge jemand diese Tätigkeit ernsthaft in Zweifel, etwa, indem er daran erinnerte, dass von der Wahrheit, selbst der historischen, ein gewisser Sog ausgeht, vor dem nicht Haltungen und Fraktionen zählen, sondern die ›vorbehaltlose‹ Bereitschaft zur Anerkennung: »Das ist banal« würde er hektisch hervorstoßen, »natürlich müssen wir Fakten anerkennen, sonst wären wir keine Historiker.« Die Flucht hinters Wir erlaubt ihm solche Manöver. »Sind wir denn Historiker?«, müsste einer zurückfragen, es müsste schon ein Historiker sein, damit der Anschlag gelänge, denn Leuten wie dir und mir ziemt es nicht, ins Allerheiligste vorzudringen und Fragen des Wir zu erörtern: An diesem kompakten Wir prallt alles ab, was Hölzchens Sicht auf die akademische Welt von innen aufmischen könnte.

 

Input-Leute
5

Hölzchen hat nichts gegen die beiden. Für ihn sind sie Leute vom anderen Ufer, Vertreter der konservativen Fraktion: »Das geht schon in Ordnung. Ich empfinde davor Respekt.« Welchen Respekt er vor ihnen empfindet, das allerdings weiß kein Mensch, es bleibt sein Geheimnis. Du lauscht seiner Stimme nach und findest sie emsig. ›Als Historiker‹ sieht er sich in der Pflicht, die Menschen nach Stämmen und Fraktionen zu sortieren, er wäre sehr erstaunt, zöge jemand diese Tätigkeit ernsthaft in Zweifel, etwa, indem er daran erinnerte, dass von der Wahrheit, selbst der historischen, ein gewisser Sog ausgeht, vor dem nicht Haltungen und Fraktionen zählen, sondern die ›vorbehaltlose‹ Bereitschaft zur Anerkennung: »Das ist banal« würde er hektisch hervorstoßen, »natürlich müssen wir Fakten anerkennen, sonst wären wir keine Historiker.« Die Flucht hinters Wir erlaubt ihm solche Manöver. »Sind wir denn Historiker?«, müsste einer zurückfragen, es müsste schon ein Historiker sein, damit der Anschlag gelänge, denn Leuten wie dir und mir ziemt es nicht, ins Allerheiligste vorzudringen und Fragen des Wir zu erörtern: An diesem kompakten Wir prallt alles ab, was Hölzchens Sicht auf die akademische Welt von innen aufmischen könnte.

Eine vage erforschte Ethnie, ein ›Völkchen‹, bewohnen seine Historiker diese Welt, erkennbar füreinander an ihren Gedanken, Worten, Einstellungen, Publikationen, zuallererst jedoch an den auf Herkunft, auf ›Stallgeruch‹ gegründeten Beziehungen, die sie unterhalten und die darüber entscheiden, wer wirklich dazugehört und in welchem Teil ihres Sonnensystems der Einzelne die ihm zugewiesenen Kreise dreht. Wie allerdings der Große Denunziant, erkennbar kein Historiker, sondern Soziologe mit großphilosophischer Attitüde, in dieses System eindringen und sich in der Rolle des Gesetzgebers, Richters und Staatsanwalts in Personalunion einnisten konnte, darüber schweigt sich Hölzchen an diesem Morgen wie an jedem anderen aus, der noch folgt. Dabei wäre dies die Frage der Fragen, denn Hölzchens System ist keineswegs, wie seine Sprache es unterstellt, autonom.

 

Nein, so ist es nicht

Viererbande
1
Nomen est Omen

Friedenwanger wiehert. Das kommt selten vor, eher liegt ihm der geschmeidige Duktus. Doch er kann, wie Insider wissen, auch laut werden, vor allem hinter verschlossenen Türen. Ungebremstes Gelächter steht sonst nicht auf seinem Programm.
Doch in diesem Fall…

  • ―Worum geht’s? will Lobbock wissen, den der Zufall vorbeiführt.
  • ―Ich dachte da gerade an etwas, grinst Friedenwanger. Den Versuch ist es allemal wert, auch wenn nichts Gescheites dabei herauskommt.

Wie immer bleibt der Drops im Mundwinkel sichtbar.

  • ―Soll vorkommen, Kollege. Hoffe, es ist nichts Schlimmes.
  • ―Wir sprachen gerade… Das ist, unverkennbar, Duros Stimme. Lobbock ignoriert ihn. Wie in Ewigkeit, so auch jetzt.
  • ―Davon gehe ich aus, Kollege, davon gehe ich aus. Das Sprechen ist die vornehmste Tätigkeit der Gattung homo sapiens. Wussten Sie das? Nein? Dann brauchen Sie’s nicht.

Der Einwurf amüsiert Friedenwanger.
Lobbock hat recht, findet er.
Duro der Fisch, schießt es ihm durch den Kopf, während die Mundwinkel sich rektifizieren. Kalt und wendig, mit Starrsinn, besser: Starrunsinn behaftet. Gleich nachher muss er es aufschreiben, man vergisst so vieles. Die besten Einfälle bleiben auf dem Flur zurück, der sie ausspucken half.

DER FLUR HAT RECHT

Das könnte glatt über der Tür seines Dienstzimmers stehen, selbstredend unsichtbar, aber erhaben genug, um ihm einen Teil der Beschwingtheit zu erhalten, die jedes Mal einen Dämpfer bekommt, sobald er den Türrahmen passiert hat und ein leeres Blatt Papier vor ihm auf dem Tisch liegt. Da greift man leicht zum Hörer, besonders an einem Tag wie heute, einem Tag ohne besondere Vorkommnisse, solange die Nahumgebung den Blick gefangen hält. Das Besondere findet draußen statt, im Universum des Betriebs, und … irgendwer muss es begehen. Duro, der Ränkeschmied ohne Fortune, hat die Neuigkeit bereits gehört und so schwatzen die beiden, als habe die Göttin des Tratsches sie persönlich zusammengeführt: einer des anderen Feind, aber in diesem Augenblick…

  • ―Göttliche Fügung. Ich nenne es göttliche Fügung. Was sonst?
  • ―Quatsch. Der Kerl gehört in die geschlossene Anstalt.
  • ―Was macht Sie so aggressiv? Ich kenne Streicher noch aus seiner liberalen Zeit. Da staunen Sie? Wussten Sie nichts davon?
  • ―Ich staune nicht. Ich weiß es einfach besser.

Was weiß Duro? Was weiß er besser? Es wäre zu bequem, ihn mit seinem eigenen Vokabular zu schlagen: Quatsch. Man muss auf der Hut sein. Was weiß ein Duro von Streicher, dem göttlichen Lutz C. Streicher (das C. unterstreicht er diskret, dahinter verbirgt sich, zum Gaudium seiner Untergebenen, des ›Teams‹, wie er sie gönnerhaft nennt, der zweite Vorname und nom de guerre Cato)? Industriehistoriker Lobbock, der öfter mit ihm telefoniert, macht sich seit langem den aufgeräumten Kopf und die sprudelnde Gedankenproduktion des Unholds zunutze. Denn als solcher wird Streicher in den liberalen Medien geführt, seit er, durch tödliche Langeweile genarrt, von einem ehrbaren Lehrstuhl für Geschichte der frühen Neuzeit in die Gedankenfabrik einer konservativ genannten Partei hinüberwechselte … nach reiflicher Überlegung vielleicht – was geschähe im Archipel nicht nach reiflicher Überlegung –, doch vor allem aus Spaß: Sollen sie sehen, wie sie damit zurechtkommen!

Viererbande
2

Da steht ein Teil von ihnen beisammen:

Friedenwanger, Duro, Lobbock, R…
Gerade kommt Argloser vorbei und Blowassers Schatten, selbst er, kreuzt das Spiel der Vormittagssonne auf der innenliegenden Wand.

Sie alle, was wissen sie schon?

Sie wissen nicht, sie repräsentieren ein Wissen – »Da ist schon ein Unterschied!« würde Tronka anmerken, der sich abseits hält und hier auch nicht gefragt wäre, eben zog er vorbei –, das Wissen fühlt sich bestens aufgehoben in ihrem Kreis, es lächelt ein wenig töricht in sich hinein, wie alle, denen geschmeichelt wird, ohne dass sie den Grund zu erkennen vermögen, aber finden, die schmeichelnde Seite habe doch recht.

Dieses Wissen steht erst am Anfang, es hat noch viel vor sich, es will Karriere machen, dafür ist es schließlich da und beugt sich den Regularien. Lutz C. Streicher steht auf der Liste des Großen Denunzianten ganz oben, das wissen alle. Die älteren wissen den Grund – oder glauben sich dunkel zu erinnern –, die jüngeren machen das bashing mit, ohne lang zu fragen, einfach, weil es sich so gehört. Denn dass es sich so gehört, steht bereits außer Frage. Man fragt nicht, wenn etwas sich so gehört, nicht innerhalb des Clubs, dem man angehört.

Clubregeln gelten unbedingt.

Warum auch nicht, würde Streicher sagen. Er ist einer der ihren, ihr Fleisch und Blut, um ihrer Sünden willen vergossen und ausgeteilt an die Himmelsrichtungen, vier an der Zahl – es könnten auch acht oder dreizehn sein, niemand wäre an dieser Stelle pingelig, denn sie ist windig wie keine und es schickt sich nicht, länger als nötig an ihr zu verweilen. Er trägt den Namen und ist der Verdammten einer, einer wie alle: unmöglich, so ein Detail zu erwähnen, aber es steht hinter ihrer Stirn, unverrückbar. Ein leichtes Zucken angesichts eines Namens kann eine Karriere auslösen, es kann bewirken, dass Türen sich öffnen und wieder schließen, ganz entsprechend dem Zufall, der zum Kalkül drängt und jedes Mal aus ihm hervorgeht, als sei nichts gewesen.

Warum das Ganze?

Streicher schrieb einst ein paar Banalitäten, die – fast – jedem anderen mangels Aufmerksamkeit durchgegangen wären, und der Große Denunziant war zur Stelle, so wie er ihn jetzt wieder aufgespießt hat, beiläufig, grundlos, aus Wiederholungszwang. Er steht als vierter auf der Liste der Angegriffenen, der Flurkonvent tagt nicht ohne Grund.

Nihil fit sine causa
Viererbande
3
Ein Flurkonvent mehr
  • ―Also das mit dem Komplott finde ich jetzt übertrieben –.

Der Einwurf stammt von Gaggauer, dem netten Gaggauer, der immer vorbeikommt, wenn keiner ihn braucht. So auch diesmal, er hat sein Pulver bereits verschossen und trollt sich. Guten Tag noch! Was soll von dem schon kommen?

  • ―Lassen Sie mich so sagen…
  • ―Welche Liste? Wovon redet der eigentlich?
  • ―Wir stehen am Anfang einer Entwicklung…
  • ―Einer? Sie sind gut.
  • ―Ich meine eine bestimmte.
  • ―Machmal denke ich auch: Es steht nicht gut um dieses Land.
  • ―Hören Sie auf! Es widert mich an, wenn ich lese…
  • ―Nicht nur Sie, nicht nur Sie!
  • ―Nanana.
  • ―Ich sage nur: Die Reaktion marschiert. Wenn wir sie nicht aufhalten, marschiert sie bis Stalingrad durch.
  • ―Sie bluffen, Friedenwanger. Sind Sie sicher? Ich meine, übertreiben Sie nicht ein bisschen?
  • ―Wir Liberalen neigen eher dazu, die Dinge einfach zu sehen.
  • ―Glauben Sie nicht, wir komplizieren sie unnötig?
  • ―Jetzt mal Butter bei die Fische: Worum geht es hier eigentlich? Was haben wir in der Hand?
  • ―Lutz plant die konservative Wende, seit ich ihn kenne. Kennen wir seine Aktivitäten? Ich nicht.
  • ―Seit diese Regierung offen reaktionäre Züge trägt –
  • ―Tut sie das?
  • ―Darüber diskutiere ich jetzt nicht.
  • ―Manchmal ist Widerstand das Gegebene.
  • ―Ich denke, wir sollten an dieser Stelle abbrechen.
  • ―Ich finde, wir kommen da jetzt nicht weiter.

Sie alle neigen dazu, die Dinge ein wenig einfach zu sehen.

Viererbande
4
Den Stab brechen

Im akademischen Alltag, wie in jedem anderen, werden Urteile ohne Richter gesprochen, in Abwesenheit des Angeklagten und fernab aller Zeugen. Auch bleibt die Anklage, ebenso wie das Strafmaß, in der Regel diffus.

Ein Narr, wer glaubte, sie existierten nicht.

Selten beruht das Urteil auf Einsicht oder Respekt vor den Tatsachen. Worauf dann? Auf der Lust am Denunzieren? Aber Denunzieren ist eine gerichtete Tätigkeit: man schwärzt jemanden bei jemandem an und hofft auf einen Vorteil für die eigene Person. Hingegen verfügt, wer den Stab bricht, über starke Gründe oder gar keine. Der Unterschied ist nicht so groß, wie man denken könnte. Auch im zweiten Fall bleiben die starken Gründe im Spiel, sie werden bloß unangreifbar, denn niemand bekommt sie zu Gesicht (schließlich existieren sie nicht). Man unterstellt sie blind, da der Mensch seine Gründe für solch ein Vorgehen haben muss.

Man verurteilt einen Menschen nicht grundlos.

Streicher? Nein danke!

Man nicht, wohl aber A und Z, sie haben damit kein Problem. Sie würden, falls nötig, es wieder tun, immer wieder, solange noch ein Rest Atem in ihnen steckt, und jedes Mal würden sie, sollte sie einer fragen, zu ihrer Rechtfertigung denselben Satz vorbringen: Man verurteilt einen Menschen nicht grundlos. Also haben sie doch ihre Gründe, sie müssen sie haben, schließlich verurteilen sie diesen Menschen, und falls gerade keine Gründe zur Hand sind, wenn jemand Auskunft begehrt, dann … dann … wiegen sie umso schwerer und es genügt ein Wiegen des Hauptes oder ein zuckender Mundwinkel, um anzudeuten: Frag lieber nicht!

*

Was bedeutet das? Es bedeutet: Meine Person gegen die des anderen. Du darfst dich entscheiden, ob du mir glauben willst oder dem anderen, und da du weder von mir noch von ihm Gründe erfahren wirst, die meine Einstellung rechtfertigen, musst du dich zwischen ihm und mir entscheiden. Ich verfüge über den Vorteil, anwesend zu sein, und zwar gerade jetzt, da du mich brauchst, weil du etwas von mir willst, und sei es die Bestätigung einer flüchtigen Sympathie. Also überlege dir deine Wahl gut. Überdies bin ich es – und nicht der andere –, der den Stab bricht, also werde ich wohl meine Gründe haben, gute Gründe, ziehst du sie in Zweifel, dann brichst du den Stab über mich. Welches Recht hättest du, über mich den Stab zu brechen? Keines, ganz recht. Kein einziges.

Also bleibt dir nichts weiter übrig, als dich auf meine Seite zu schlagen, es sei denn, du hältst dich heraus und wirst dadurch für mich kenntlich … als einer, der gerade jetzt, da ich ihn ins Vertrauen gezogen habe, da ich ihn vertrauenswürdig fand, mir sein Vertrauen entzieht. Das wäre was? Ganz recht: pure Niedertracht. Ich habe dir vertraut und du … wie erwiderst du mein Vertrauen? Du erweist dich als unwürdig. Scher dich zum Teufel! Willst du das? Willst du das wirklich? Natürlich nicht. Auch dir liegt viel daran, als vertrauenswürdige Person zu gelten, im allgemeinen und gerade jetzt, in dieser Situation, da du auf der Probe stehst. Du willst sie bestehen, koste es, was es wolle. Nun ja, wenigstens beinahe… Das reicht, um dem anderen weit entgegenzukommen, weiter jedenfalls, als es das nüchterne Urteil erlauben würde, wäre es in dieser Situation gefragt. Gefragt aber bist, wie gesagt, du.

  Wenn eine Gruppe von Menschen über einen der ihren den Stab bricht – sei es, dass sie ihn aus ihren Reihen ausschließt, sei es, dass sie von ihm verlassen wurde und nachkartet –, dann bedarf sie dafür keiner Gründe, jedenfalls außer den üblichen. Schuldig ist immer der Abtrünnige. Einer fällt vom Glauben ab und ist schon gerichtet. Woran glaubt die Gruppe? Zunächst und vor allem: an sich selbst. Wo Gruppen sich zusammentun, da herrscht bereits Gemeinschaft, und sie herrscht dort, wo sie schwer zu vertreiben ist: in den Köpfen.

Der Zweck von Gemeinschaft besteht nicht darin, Zweifel zu säen, jedenfalls nicht in Bezug auf sie selbst, sondern das schiere Gegenteil – die Gewissheit, recht zu haben, einen gangbaren Weg gefunden zu haben, womöglich den Königsweg, wer kann das wissen? Niemand vielleicht, aber die Versuchung bleibt und sie erweist sich in vielen Fällen als übermächtig.

… und führe mich nicht in Versuchung: Bedeutet das nicht, dass aus der Gemeinschaft der Gläubigen der Versucher hervorleuchtet? Aber gewiss doch. Er ist zur Stelle, wenn man ihn braucht, er leuchtet auch nicht, er liebt das Unscheinbare, er liebt das Flurgespräch: »Ich denke ja doch, dass…« Weniger lässt sich nicht auftragen. Er liebt die flüchtige Ballung, an deren Zusammensetzung sich später kaum einer erinnert. Wer hat was gesagt? Darüber müsste ich jetzt nachdenken. Wer hat es gehört? Also hören Sie, ich bin doch kein Spitzel, dass ich mir so etwas merke. Wofür halten Sie mich? Sie glauben mir nicht? Fragen Sie den und den, der war dabei, das kann ich bezeugen, der kann Ihnen vielleicht weiterhelfen. Im übrigen: ich habe doch bloß gesagt, was jeder wusste. Dazu stehe ich nach wie vor.

Viererbande
5
Ist Streicher sympathisch?

Nachdem bereits der Name gegen ihn zeugt: nein.

Über Namen redet man nicht, das Unaussprechliche verfügt über eine eigene Weise sich auszubreiten. Es bedarf der Rede nicht. Verfügte es über Bewusstsein, es würde sie fürchten, weil die Kräfte der Auflösung – ›dissimulatio‹ – in ihr so überaus wirksam sind.

Wer ist gewillt, für den Anderen immer die Hand ins Feuer zu legen? Das motorische Zusammenspiel einiger Gesichtsmuskeln entscheidet darüber, wie ein Mensch bei seinen Mitmenschen ankommt, somit über Wohl und Wehe, jedenfalls übers private Lebensglück. Denn ›rein karrierremäßig‹ darf Streicher sich über nichts beklagen. Im Gegenteil. Er ist der erste seines Geschlechts, der es zu akademischen Würden gebracht hat. Im Kreis der Familie hingegen – die mit der des Stürmer-Herausgebers außer dem Namen, wie er beteuert, nicht das Geringste verbindet – ist er ein Fremdling, dem man freundlich ins Gesicht redet, froh, ihm den Rücken kehren zu können, denn der akademische Habitus bedeutet für diese Handwerker und kleinen Angestellten Stress – jedenfalls in seiner Generation, die nächste, eine Bildungsoffensive weiter, scheut sich nicht, ihre neidgetränkte Missachtung der ›Abgehobenen‹ offen zur Schau zu tragen.

Lutz C. Streicher, soviel ist sichtbar, verwandelt die menschliche Bürde des Aufsteigers in pure Energie: die einzige Ausstrahlung, die ihm eignet.

Viererbande
5
Ist Streicher sympathisch?

Nachdem bereits der Name gegen ihn zeugt: nein.

Über Namen redet man nicht, das Unaussprechliche verfügt über eine eigene Weise sich auszubreiten. Es bedarf der Rede nicht. Verfügte es über Bewusstsein, es würde sie fürchten, weil die Kräfte der Auflösung – ›dissimulatio‹ – in ihr so überaus wirksam sind.

Auch menschlich nimmt er gegen sich ein, besonders Zartbesaitete, die ihm einen Hang zum Grobianismus attestieren, womöglich verführt durch seine Physiognomie, denn im persönlichen Umgang lässt er sich, soweit bekannt, nichts zu Schulden kommen. Soweit bekannt, soll heißen: Nobody is perfect. Doch so leicht kommt er nicht davon. Was bei anderen die Unschuldsvermutung, ist bei ihm der Verdacht des Schlimmeren, wenn nicht des Schlimmsten.
Worin es besteht?
Keine Ahnung. Ist das wichtig?

Wer ist gewillt, für den Anderen immer die Hand ins Feuer zu legen? Das motorische Zusammenspiel einiger Gesichtsmuskeln entscheidet darüber, wie ein Mensch bei seinen Mitmenschen ankommt, somit über Wohl und Wehe, jedenfalls übers private Lebensglück. Denn ›rein karrierremäßig‹ darf Streicher sich über nichts beklagen. Im Gegenteil. Er ist der erste seines Geschlechts, der es zu akademischen Würden gebracht hat. Im Kreis der Familie hingegen – die mit der des Stürmer-Herausgebers außer dem Namen, wie er beteuert, nicht das Geringste verbindet – ist er ein Fremdling, dem man freundlich ins Gesicht redet, froh, ihm den Rücken kehren zu können, denn der akademische Habitus bedeutet für diese Handwerker und kleinen Angestellten Stress – jedenfalls in seiner Generation, die nächste, eine Bildungsoffensive weiter, scheut sich nicht, ihre neidgetränkte Missachtung der ›Abgehobenen‹ offen zur Schau zu tragen.

Lutz C. Streicher, soviel ist sichtbar, verwandelt die menschliche Bürde des Aufsteigers in pure Energie: die einzige Ausstrahlung, die ihm eignet.

Viererbande
6
Dossier-Sätze, das Subalterne streifend

Lutz C.: Kettenraucher von Geblüt.

Lutz C. StreicherLutz C. Streicher
  1. Der Streich. In einer älteren Publikation hat Streicher es gewagt, ganz wie interessierte Kreise damals Vertretern seiner Zunft, falls sie up to date sein wollten, nahelegten, Geschichte ›gegen den Strich zu bürsten‹, und sich damit in die vordere Riege gespielt. Das führte zu heftigen Diskussionen und summa summarum zu einer Pattsituation, in der die eine Hälfte der Konkurrenz ihn als Fälscher ans Kreuz der Etikette nagelte (›Darf man das?‹), während die andere ihn kurzerhand zum Blender erklärte.
    Währenddessen kamen einige wenige, aber politisch einflussreiche Zeitgenossen auf ihn zu, um ihn in ihre Mitte zu nehmen.
  2. Der Grund war schlicht und einfach: in diesem Fall gaben sich die erwähnten ›interessierten Kreise‹ not amused. Das machte hellhörig. (Heutzutage würden die gleichen Kreise eisern schweigen und der ehrgeizige Junghistoriker fiele, mysteriösen Umständen geschuldet, durch den Rost des Auswahlsystems ins Bodenlose. Tempora mutantur et nos mutamur in illos. Wäre es liberaler? Wäre es weniger liberal?) Folgte man seiner Lesart, dann ›machte‹ die unter Nachkriegsschreibern beliebte These vom Sonderweg seines Landes in der Geschichte keinen Sinn. Sie löste sich, mangels geeigneter ›Startpunkte‹, einfach auf. Das war … unerhört. Es verlangte nach Sanktionen gegen den Verfasser und rief umgehend – schon damals! – den Großen Denunzianten auf den Plan.
  3. Allerdings – wie viele ›allerdings‹ benötigt eine Karriere, an der, wie bekannt, eine größere Anzahl von Menschen beteiligt ist? –, allerdings galt dessen durchdringende Stimme zu jener Zeit erst als eine unter vielen und nur wenige atmosphärisch Begabte ahnten, welch lebensbestimmende Gewalt von ihren kommenden Verdikten ausgehen würde.
  4. Vielleicht war Streicher gut beraten, als er, dem Lockruf einer parteinahen Stiftung folgend, nach kurzem pyramidalem Zwischenspiel in jener Denkfabrik verschwand, über deren Eingang, als handle es sich um Dantes Höllentor, das in den gängigen Kreisen als schamlos empfundene Etikett ›konservativ‹ prangt.

Seither publiziert er dann und wann einen ›exzellenten‹ (Tilman) Aufsatz in einem der staatstragenden, daher bei progressiven Kulturträgern verhassten Medien. Was er sonst noch treibt, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis. So etwas reizt natürlich die Phantasie.

Viererbande
7
Persönlich kennst du Streicher nicht –

hast ihn nie gesehen –
Woher die Kunde?

Merkposten:
Tilman D., Assistent bei Streicher, Studienfreund. Kombination von David-Poster + Expander, damals nicht begriffen. Mann mit dem ansteckenden Lachen. Wohin es ihn verschlagen hat? Wie sorglos du mit Freundschaften umgehst.
Neben verstreuten Zeitungslektüren hat Tilman dir eine Idee dieser Person eingegeben, mit allerlei Vagheiten behaftet, aber in den Hauptzügen sehr bestimmt konturiert: eine eitle Figur, die gern Hof hält, gewohnt, ihre Umgebung intellektuell in den Schatten zu stellen, ohne wirklich mit überragender Intelligenz gesegnet zu sein. Ein Durchsetzer im schmalen akademischen Rahmen, der keinerlei Urteil darüber erlaubt, ob derselbe Mensch auch in der weiteren Gesellschaft, also zum Beispiel in der Wirtschaft oder in der Politik seinen Mann stehen könnte.

Kurz, eine der Zwischenfiguren, bei denen Wissenschaft rasch in ›performance‹ übergeht und oft genug aufhört, Wissenschaft zu sein, bevor eine jener ›überragenden‹ Leistungen vorliegt, die den persönlichen Ruf – und die damit einhergehenden Allüren – rechtfertigen könnten.

Alles in allem…

… ist daher Lutz, wie Friedenwanger ihn aus boshafter Nahdistanz nennt, der ideale Kandidat, wenn’s darum geht, ein diskretes Netzwerk von Möchtegern-Umstürzlern aus dem Aufklärer-Hut zu zaubern.

Aha!
Geht es nach dem Großen Denunzianten, soll er nicht mehr und nicht weniger als ›die Zerstörung der geistig-moralischen Grundlagen dieses Landes‹ geplant haben. Der Ausdruck ist dem rhetorischen Arsenal des politischen Gegners entwendet, der jahrelang mit dem Willen zur ›geistig-moralischen Wende‹ an die Macht drängte, um sich, einmal angekommen, hüppefein im Zeichen geistig-moralischer Demenz auf ihr niederzulassen. Aber nachdem die Phrasen nun einmal in der Welt sind, gilt: Drunter läuft es nicht. Nicht diesmal, da der Große Denunziant aufs Ganze geht.
Zwar taugt Streicher nicht ernsthaft zum Rädelsführer. Wohl aber ist er der Typ, dessen Nennung der Verschwörung einen Hauch von Plausibilität anhängen könnte – zumindest in Kreisen, denen er als Hypertoniker erinnerlich ist und in denen sich irgendwann einmal das aus dubiosen Quellen gespeiste Bild eines konservativen Revoluzzers festgesetzt hat. Aus diesem und keinem anderen Grund dürfte er auf der vom Großen Denunzianten herausgegebenen Liste stehen.

Was geht’s den Menschen an, was der andere von ihm hält und wessen er ihn verdächtigt? Augenscheinlich nicht viel. Doch darüber weißt du zu wenig, um Einspruch erheben zu können, gesetzt selbst, es würde dich jucken.

Viererbande
8
Über Feindschaft

Gehst du zum Feind, vergiss nicht, den Hut abzunehmen, bevor er dir heruntergeschlagen wird: Benimmregel für Unterhändler zu Zeiten, in denen Politik von Männern mit Hüten zelebriert wurde.
So betrachtet, zelebriert der Große Denunziant Politik mit alten Hüten. Er fegt sie aus Regalen, von denen man kaum noch wusste, dass sie existieren. Dann ruft er »Hoppla!« und hebt sie auf. Im Aufheben, den Staub von ihnen wischend, geht er aufs…

Aber das wissen wir doch. Was wüssten wir nicht?

Das Bedürfnis des Großen Denunzianten nach Feindschaft ist unersättlich. Ein Defekt? Wenn ja, dann läge, wie stets, die Ursache in der Kindheit. Einmal im Pipi-Alter auf der falschen Seite gestanden, es ist nie mehr gutzumachen. Du hattest keine Chance, also nutze sie konsequent. Der Leitspruch Verlorener Generationen erklärt vieles, wenngleich nicht alles.

   Die Generation Aber-das-wissen-wir-doch kämpft gegen einen untergegangenen Feind. Er hielt Thingstunde in ihren aufbrechenden Herzchen, bevor er sich aus der Geschichte verabschiedete: with a bang not a whimper. Bekanntlich ist das Gemüt des kindlichen Menschen außerordentlich aufnahmefähig. Vieles geht hinein, das sich später nur schwer wieder herausklopfen lässt. Auch der Große Denunziant gibt sich zugeknöpft, kommt die Rede auf kindliche Prägungen. Legendär sein Ausspruch in kleiner Runde: Hätte es mich so gegeben, gäbe es mich heute so nicht. Das entfernt sich nicht weit vom weniger brillanten Ich war das nicht. Allerdings wahrt es den Anspruch auf die Integrität der Person durch ein dazwischengeschobenes ›so‹. Soll heißen, es war so, aber so war ich nicht. Wer sonst? Streicher vielleicht? Soso. Aber damals lebte Streicher noch gar nicht. Aha! Er also, er wäre so gewesen, hätte ihn nicht die ominöse Gnade der späten Geburt vor dem biographischen Webfehler bewahrt. Nein, meine Damen und Herren, es existiert keine Gnade der späten Geburt, es darf sie nicht geben. Ergo ist Streicher, unser Streicher, der Feind.

Denkt so ein erwachsener Mensch? Offensichtlich will Psyche es so. Sich ihrem Willen entgegenzustellen ist zwecklos. Man könnte sie eine tückische kleine Hetzerin nennen, doch damit täte man ihrem komplexen Charakter Unrecht. Es wäre auch psychefeindlich und da lugte er schon aus einem heraus, der Feind. So ist der Große Denunziant, seit er eine öffentliche Rolle spielt, auf der unendlichen Suche nach einer Welt von Feinden, die allesamt jenem temps perdu entspringen, aus dem es für ihn kein Entrinnen gibt. Wo es für ihn kein Entrinnen gibt, da soll auch kein anderer entrinnen. Alles andere wäre ja … extrem.

Viererbande
9
Streicher lacht

Die Nachricht, dass die Pyramide ihn in einem internen Papier zur persona non grata erklärt hat, ereilt Streicher auf weichem Nachmittags-Pfühl.

  • Pfühl: eines aus der wachsenden Zahl von Wörtern, welche der Duden mit zelotischem Eifer als ›veraltet‹ brandmarkt – seltsam irrlichterndes, von niemandem kontrolliertes Gebaren von Menschen, die offenbar keine Sekunde lang darüber nachdenken, was sie der Sprache mit solchen Etikettierungen antun. Die Sprache der Poesie veraltet nicht.
Er hätte noch einen Vortrag ›in Vorbereitung‹: den kann er sich dann wohl schenken. Von Zeit zu Zeit kommt er gern in die Pyramide, es juckt ihn, das Häufchen alter Kollegen wiederzusehen und ihre zwischen Vertrautheit und Bestürzung umherirrenden Gesichter zu studieren. Vor allem aber genießt er die Scheu der Jüngeren, aus deren Augen ihm das Bild des Großen Satans entgegenblinkt: So also sieht er aus, der Herr der Tiefe, von dem bekannt ist, dass er Zugang zu den höchsten Kreisen der Republik genießt.

Wer hat Recht, wer Unrecht? Der Geist steht links: Ist das so? Selbstredend hat auch Lutz C. als Linker begonnen. Die Quellenarbeit des Historikers hat ihm, wie er gern und ausufernd zu Protokoll gibt, die Augen geöffnet, doch eigentlich … eigentlich hat ihn das Rad der öffentlich inszenierten Empörung, auf das er sich unversehens gehoben fühlte, zurechtgerückt, man kann auch sagen, seinen wahren Freunden zugeführt und damit in Gehaltsklassen aufrücken lassen, von denen die beamteten Kollegen bloß träumen. Nichts arbeitet so unablässig an der herablassenden Attitüde, die ein Mensch sich gibt, wie das Geld auf seinem Konto, vor allem dann, wenn der monatliche Zufluss gesichert erscheint. Das Steigen und Sinken der Kontostände setzt sich unmittelbar in Habitus um, da kann der moralische Mensch sich ausdrücken, wie er will.

Deshalb kommt es vielen Zeitgenossen so vor, als sei rechte Arroganz die rechte, während ihr linkes Gegenstück bereits durch ihr bloßes Vorhandensein andeute, dass hier etwas nicht stimmen kann. Das Geld steht rechts: Die Ergänzung gehört zum Einmaleins der geistigen Existenz, die ganz gut weiß, was Sache ist, auch wenn sich immer wieder betuchte Schaulinke, meist aus dem Erbenpool, in die eigenen Reihen spielen.

Geld locker machen –

die einen versuchen es durch unablässige, meist verbale Lockerungsarbeit, die anderen müssen die notwendigen Unterschriften dazugeben, damit daraus etwas werden kann. Lutz, das wissen viele und schweigen darüber, verfügt, bedingt durch seine Stellung, über ›nicht unbeträchtliche‹ Mittel, dazu bestimmt, auf diskreten Wegen den akademischen Diskurs zu steuern: Tagungsgelder, Editionsmittel, Exkursionsmittel, Projektmittel, Vortragshonorare, hin und wieder gehört auch eine Zeitstelle irgendwo dazu. Nicht selten teilt er sich die Verfügung mit anderen potenten, gern ungenannt bleibenden Gebern. Auch das fördert Machtgefühl, das ihm jetzt, gerade jetzt, zupass kommt:

Wer ist denn nun draußen, die oder ich?

Da muss er herzhaft lachen, während er sich eine Zigarette anzündet. Rein phänomenologisch betrachtet handelt es sich um eine Art von ansteckendem Husten, doch ist gerade niemand im Raum, bei dem er seine ansteckende Wirkung entfalten könnte. Alles zu seiner Zeit.

Am Telefon: die Stimme aus dem Kanzleramt, vertraut, beinahe väterlich, das Mahlwerk erstaunlich genau auf den fernen Gesprächspartner eingestellt:

  • ―Fliegen Sie mit mir nach Moskau?

 

Der Appetit kommt beim Essen

Ein Damaskus zuviel
1
In diesen Tagen…

In diesen Tagen macht Hölzchen eine Wandlung durch – nicht gerade vom Saulus zum Paulus, das wäre, zumindest in diesem Fall, zu christlich gedacht. Auch braucht er die Rolle des Verfolgers nicht abzulegen, das wäre zu … voreilig, im Gegenteil: behände schlüpft er in sie hinein wie in ein bereitliegendes Mäntelchen, das höchstens an den Armen ein wenig zupft, aber sonst ganz in Ordnung ist. Lange nicht getragen: so könnte die stumme Kommunikation zwischen beiden lauten. Im Grunde sagt so ein Satz alles. Er müsste nur von allen verstanden werden. Unverstanden fühlt sich Hölzchen seit langem. Vielleicht nicht unverstanden, nicht wirklich jedenfalls, eher unbeachtet, obwohl er das vehement abstreiten würde. Wirklich wird er ja beachtet, das bringt seine Stellung mit sich, schon seine Dauerpräsenz in der Pyramide lässt etwas von der Würde ahnen, die ihm in der akademischen Welt zufließt. ›Würde‹ ist, zumindest in diesem Fall, ein seltsames Wort, vermutlich würde die Welt nicht ärmer, käme jemand auf die Idee, es aus dem Wortschatz zu streichen, ohnehin weiß keiner so genau, was es bedeutet.

HölzchenHölzchenHölzchen
Ein Damaskus zuviel
2
Hölzchens Anspruch auf Würde

… ist unermesslich –

  1. Man versteht ihn ja, jedenfalls glaubt man ihn zu verstehen, jedenfalls in der Pyramide, – und in diesem Fall ist die Pyramide die Welt. Wenn Hölzchen den Kasper gibt, dann deshalb, weil er sich, bekleidet mit seinem Amt, für unantastbar hält. Würde strahlt aus, besonders die eines akademischen Lehrers, denn sie kommt nicht von selbst, sie will erarbeitet sein: so denkt er sich das und versucht dem Sachverhalt Rechnung zu tragen, indem er, hoheitsvoll auf Distanz pochend, sie lärmend unterschreitet. Die Kollegen durchschauen das Spiel, ohne es zu durchschauen. Für sie ist er ein bunter Hund, mit dem man rechnen muss, aber nicht rechnen darf: Urheber einer Ego-Show, die zwar die akademische Würde zum Ausdruck bringt, ihr aber in Wahrheit zuwiderläuft.

… ohne Stöckchen kein Hölzchen (so sieht man Hölzchen tagtäglich mit possierlichen Sprüngen oder mit Apportieren beschäftigt):

  1. So recht weiß keiner, warum er das tut. Lobbock, auch in diesem Fall ganz der Nüchterne, mutmaßt im Hintergrund Probleme mit seiner Frau, wahrscheinlich, weil, ganz im Hintergrund natürlich, er selbst an dieser Nuss knabbert. Aber das ist ins Blaue hinein geraten, offenbar schlecht, denn die wenigen Auserwählten, die Hölzchens Frau, einer seltenen Einladung in ihr Eigenheim folgend, zu Gesicht bekommen, schwärmen von einem gütigen und überaus selbständig in einem unklaren Draußen sich bewegenden Wesen, als seien sie einer modernen Heiligen begegnet, mit der sie sich, angesichts ihres begrenzten Zeitkontingents, im noch ausstehenden Jenseits des Geschlechterfortschritts ausgiebig zu unterhalten gedenken.

Ein Hölzchen-Problem muss possierlich sein: so denken die Kollegen. Auch deshalb fällt die Frau hinter seinem Rücken als Stichwortgeber fürs erste aus.

Hölzchen
Ein Damaskus zuviel
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Hat Hölzchen Würde?
Wenn ja, warum setzt er sie dann täglich aufs Spiel?

  • ―Papperlapapp. Das hat nichts zu bedeuten.
  • ―Siehst du? Gerade das macht stutzig.

Jedenfalls ist eine Abhängigkeit vom Ehepartner nichts Ungewöhnliches. Eher das Gegenteil. Im Kreis der Kollegen wird sie natürlich unter der Decke gehalten. (Beachte die Redensart: im ›Kreis der Kollegen‹)

Das Ehemodell ist (noch immer!) an dieser wie an vielen anderen Stellen selbsterklärend: Heiraten heißt, die Fassade der Unabhängigkeit zu errichten, ohne die, ganz traditionell, der heterosexuell geprägte Mann ein von seinen Geschlechtsgenossen kalt lächelnd beiseite geschobenes Leichtgewicht bleibt. Das wissen auch die Feinde der Heteros und deshalb intervenieren sie just hier.

Hetero Hölzchen trägt seine Abhängigkeit vor. Er macht es nicht ostentativ, er trägt nicht dick auf, aber er verhält sich doch so, dass jemand, der in diesen Dingen nicht ganz abgestumpft ist, aufhorchen muss. Genau gesagt, Hölzchen benützt seine Abhängigkeit dezent aber wirksam, um bestimmten Aussagen Weihe zu geben, so als würden sie durch den Verweis sakrosankt. Zum Beispiel sagt er, um die Abschottungspolitik der Europä­ischen Gemeinschaft zu verdammen:

  • ―Ich bin Weltbürger. Das Letzte, was wir brauchen, ist eine Wagenburg. Meine Frau und ich sind uns da einig.

Natürlich wäre der Nachsatz unter wirklichen Weltbürgern, also unter Kollegen, die allesamt, als Bürger der Gelehrtenrepublik, ein Patent auf Weltbürgerschaft erworben haben, überflüssig. Gerade deshalb erfüllt er – den anderen fühlbar – gleich mehrere Funktionen.

Erstens eine informative: Aha, er hat eine Frau, er spricht mit ihr ›auf Augenhöhe‹, wie das seit einiger Zeit heißt, er verständigt sich mit ihr über diese politischen Fragen, gemeinsam vertreten sie ein hohes ethisches Ideal (schließlich dient die Wagenburg, falls es sie denn gibt, angesichts argwöhnischer und tendenziell fremdenfeindlicher Wählerschichten bloß der Wiederwahl der Politiker).

Zweitens eine performative: aus dem Umstand, dass seine Frau seine Gesinnung teilt, gewinnt Hölzchen eine innere Sicherheit, die, sagen wir, für sich selbst spricht. Genau besehen steht in solchen Gesprächen nicht die Überzeugung als solche auf dem Prüfstand, sondern das wissenschaftstheoretisch verbürgte Recht, ein Argument immer und immer wieder zu bezweifeln, sobald ein neues Argument in der Arena gesichtet wird: im Wissen um die Ansicht der ›integeren Frau‹ im Hintergrund verglüht es, einer Sternschnuppe gleich, bevor seine Kraft sich wirksam entfalten konnte.

Hölzchen
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Frauenverachtung und Frauenverehrung

wachsen, so will es ein Gemeinplatz der Psychologie, auf einem Glied. Hölzchen, der ihn Wort für Wort unterschreibt – er taucht ständig in seinen Vorlesungen auf –, kann sich persönlich nicht daran erinnern, Frauen jemals verachtet zu haben – weder einzeln noch im Rudel, weder subtil noch brutal. Dadurch erhält der Satz das Gewicht einer fernen Gewissheit, unbetastbar durch persönliche Erfahrung und ähnlich erhaben wie der zweite oder dritte Lehrsatz der Thermodynamik. Hölzchen ›weiß‹, dass Frauen auf gefühlte oder auch bloß vermutete Verachtung ihres Geschlechts ›anspringen‹, er ist da ganz auf ihrer Seite, genauer, seine Sensibilität für ›Situationen‹ läuft der seiner Partnerinnen voraus, als müsse sie das Gelände sichern, damit ihr Fuß keinen Schaden nehme. Dasselbe Verfahren, angewandt auf eine banale Überzeugung wie die, Europa dürfe sich nicht gegen die Elendszuwanderung aus dem globalen Süden abschotten, verwandelt die ›Frau an seiner Seite‹ in eine Manifestation der hohen Frau, deren Gesinnung, unendlich kostbar durch das bergende Gefäß, auch diverse Opfer verlangen darf, Opfer an Komfort und Geschmeidigkeit, mit der undeutlichen Aussicht am Ende der Schlange auf das berühmte ›sacrificium intellectus‹, die Preisgabe des Intellekts, vielmehr der Verfahrensweise des Intellekts, gemeinhin ›Kritik‹ genannt, nach dem Motto: Kritisieren Sie meine Frau und Sie wissen schon, mit wem Sie sich schlagen müssen.

Würde Hölzchen sich schlagen? In einer Gesellschaft, die auf feinste Signale zu achten gewöhnt ist, kann eine solche Frage jahrelang unbeachtet in einem Winkel liegen, weil allein die Absicht, sie zu stellen, eine unzumutbare Belastung des Arbeitsklimas bedeuten würde. Es kommt aber der Tag, an dem sie sich zwischen die Schweigenden drängt, aus keinem anderen Grund als dem, dass ihre Zeit gekommen ist und sie sich ganz einfach stellt.

Hölzchen
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Der apportierende Hölzchen, der hüpfende Hölzchen:

Figuren einer sich selbst unbekannt bleibenden Lust, sich zu schlagen, der es am rechten Gegenstand fehlt. Angenommen, einer will sich auszeichnen, aber ohne ausreichenden Grund in der Sache – sei es, dass dort gerade business as usual angesagt ist, sei es, dass seine geistige Kapazität nicht genügt, um innerhalb seines Fachs neue Forschungswege zu erschließen –, angenommen, er muss sich auszeichnen, weil sein Verhältnis zur hohen Frau es ihm zwingend nahelegt, so drängt es ihn sich zu schlagen, wissend, dass es darauf nicht ankommt. Diesen Widerspruch aufzulösen ist nicht so einfach, nicht so einfach … will sagen, auf intellektuellem Wege unmöglich. Daher nimmt es die Form von Entladungen an, kleinen täglichen ›Verpuffungen‹, um es in der Sprache der Chemiker auszudrücken – Alleinstellungshandlungen zur Gesichtswahrung.

HölzchenHölzchen

So sieht es aus.

Dass einer wie Killus, bedrängt vom radikalen Narrensaum der Studentenschaft, neben der Zunft lebt (wie sonst sollte man seine zurückhaltende Kontaktpflege charakterisieren?), beschäftigt Hölzchen nachhaltig. Mehr als alles andere fürchtet er das Zum-Fall-Werden, – hier ist der Fall gegeben und der Geschlagene erweist sich in mehr als einer Hinsicht als sein stiller Held: ein Mann der Wissenschaft, der sich schlägt, ohne sich zu schlagen, zusammengeschraubt aus Distanz und Güte, aus Schärfe und fast heiterer Gelassenheit (wobei es sich verbietet, jene Schärfe analytisch zu nennen, eher synthetisch, weil sie ›den Gegner kennt‹ und unnachgiebig in seine Richtung drängt). Er hat ihn freundlich in seinem Büro empfangen, ohne Umschweife: einer, der zur Sache kommt, ohne den Gast groß merken zu lassen, wann und wo welche Türen aufgehen und welche gerade verschlossen bleiben.

  • Wie geschmacklos, wie unsinnig, in einer solchen Atmosphäre die Schmierereien vor der Haustür ansprechen zu wollen, ›signa‹ ohne Sinn und Verstand, die ihre fatale Bedeutung erst wieder draußen, im Freien, nach vollendeter Audienz entfalten.
  • Unsinnig auch deshalb, weil ihre Anwesenheit, auf welch vertrackte Weise auch immer, spürbar ist, als hinge sie, wie der Geruch feuchter Kleidung oder eines Hundes, in der Luft.
  • Unsinnig zum Dritten, weil die bloße Tatsache des Gesprächs beide Seiten dazu nötigt, über die Zeichen fremder Feindseligkeit hinwegzusehen – eine Selbstverständlichkeit unter Kollegen, die wissen, dass diese Plage jeden von ihnen treffen kann und was von ihr zu halten ist.
Ein Damaskus zuviel
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Spürt Hölzchens Frau die Abhängigkeit, die sich da anbahnt?
Mag sein, mag nicht sein.
Welche Maßnahmen mag sie ergreifen?
Gleichgültig welche: das Schema von Spannung und Entladung ist aktiviert.

Ein Damaskus zuviel
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Wenn in den Tagen des anhebenden Massakers der Große Denunziant nach vorn geht, dann aktiviert er in den vielen Sancho Pansas, die das Land beherbergt, Hölzchen inbegriffen, ein von langer Hand implantiertes Programm. Geschlossenen Auges lösen sie sich aus ihren Verhaltungen und eilen der Schlacht entgegen, als sei das Gemetzel ihr verborgener, nun offenbar werdender Lebenszweck – eine Entladung, kaum vergleichbar den alltäglichen Inszenierungen des Psycho-Spiels, in dem zum Teufel geht, wer vom Teufel kommt, soll heißen, in dem die Stellung der Lebenspartner zueinander im Hintergrund über Grad und Art der Auffälligkeit entscheidet, die der Delinquent im Berufsleben an den Tag legt.

Delinquent

Nein,
das hier ist kein Spiel –
es ist eine Zwangsveranstaltung erster Güte: die häusliche Partner-Konstellation tritt zurück, vor ihrem Hintergrund entfaltet sich die Wunderblume der Freund-Feindschaft, des Wissens, zu welchem Haufen man gehört (dem großen) und wer nicht dazugehört, heute nicht, morgen nicht, nimmermehr – ein scharf umrandetes Wir kommt da zum Vorschein, nur noch sehr entfernt der verschwommenen Generations- und Forschergemeinschaft verwandt, der sich verpflichtet fühlt, wer sich einfach kein Leben im Abseits vorstellen kann. Eine Schmähgemeinschaft, die den Gegner im Leibe hat und daher weiß, wie er tickt, so dass sie die im Raum schwirrenden, nie ganz eindeutigen, nie ganz schlüssigen Bezichtigungen nach Bedarf und Belieben auffüllen kann. ›Nach Bedarf und Belieben‹ soll heißen: gemäß dem Wunschpotential gebundener Seelen, die es nicht nötig haben, erst in Bücher zu blicken, um zu wissen, was darin geschrieben steht und warum der Einzelne in der Pflicht steht, es mit allen Mitteln, verbal und nonverbal, zu bekämpfen.

*

Wer Hölzchens erste Beschreibung des Besuchs bei Killus noch im Ohr hat, reibt sich verwundert die Augen:

Ein Damaskus zuviel
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  • ―Wissen Sie, ich sag’s gar nicht gern, er hat sich auf eine Sache eingelassen, aus der kommt er nicht mehr heraus. Also ich find’s hoch problematisch. Natürlich merkt man es ihm physiognomisch an, ich habe da einen ganz starken Eindruck empfangen. Sagen wir so: seine Bonhommie ist weg. Das war ja immer sein Markenzeichen, dass er für sich einnehmen konnte, auch wenn seine Theorien … sagen wir, häufig das Maß des Vertretbaren überschritten. Keiner verschiebt mal eben die Koordinaten der Republik. Was er gemacht hat? Ja, was hat er gemacht? Was hat er … sagen wir so: Er bringt Dinge zusammen, die lassen sich einfach nicht zusammenbringen. Natürlich haben wir alle das Recht zu vergleichen, das bleibt uns unbenommen, darum geht’s nicht, aber die Unvergleichlichkeit muss natürlich gewahrt bleiben.
    Natürlich hat der Sozialismus auf seinem Weg unfassbare Massenverbrechen … keine Frage, darüber sind wir uns einig, darum kann es jetzt wirklich nicht gehen, Genosse Stalin, keine Frage, selbst Lenin, das ist gar keine Frage, wer meint, darum müsse es heute gehen, wo lebt der überhaupt? Nein, worum es geht, das ist doch die ganz einfache Frage: Lassen wir es zu, dass unser Bild der Epoche verwässert wird, bis alle irgendwie schuldig sind und die Urschuld – ja, ich spreche jetzt ganz bewusst so – die Urschuld liegt im Roten Oktober, weil dort alles anfängt? Kann das unser Bild der Epoche sein? Ich weiß, Solschenizyn behauptet das ja seit langem, aber wer ist Solschenizyn? Ein ehemaliger Sträfling, ein subjektiv Gezeichneter, ein verbitterter Mensch… Das ist seine Perspektive. Darf das unsere sein? Dürfen wir so reden? Ich meine: nein. Killus verlangt vom Historiker, er müsse objektiv sein. Also seien wir objektiv. Die nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen sind nicht ableitbar, sie sind singulär. Punkt, Ende aus, Schluss der Debatte.
  • ―Aber hat nicht Killus…
  • ―Ja?
  • ―Ich meine, hat nicht gerade Killus seinerzeit genau das…
  • ―Ich weiß, was Sie sagen wollen, oh ja. Ich weiß auch, was Sie damit nicht sagen wollen, oh ja. Jawohl, es gab einmal eine gemeinsame Basis, jedenfalls war das meine bisherige Annahme, ich hätte stutzig werden sollen, als ich ihn das letzte Mal besucht habe, ich weiß nicht, ob ich Ihnen das so erzählt habe, aber er nimmt die Dinge anders in den Blick.
  • ―Könnten Sie das ein bisschen … erläutern?
  • ―Das kann ich, das kann ich. Killus hat damit begonnen, sich in das historische Personal hineinzuversetzen – hineinzuversetzen, Sie verstehen, was ich da sage? Das geht nicht, damit wird er scheitern, damit ist er im Grunde bereits gescheitert. Abgesehen vom rein atmosphärisch Gespenstischen, das einer wie ich ganz stark empfindet, kollabiert natürlich unser Beweissystem. Killus konstruiert Zusammenhänge … gut, das tun wir alle, aber hier geht es ins Monströse. Man spürt die Missgeburt. Man spürt es … ja, man spürt es auch im Gespräch. Auch ich habe es gespürt.
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Argloser war es, der sich da vorwagte. Was er gehört hat, schmeckt ihm nicht. Doch er schluckt es herunter. Jedenfalls geht er still seiner Wege. Er ist kein Historiker und kennt Hölzchens Suada aus dem Effeff. Aber er liest Killus seit Jahren und, wie er meint, mit Gewinn. Es will ihm nicht einleuchten, dass Killus unter die Romanschreiber gegangen sein soll. Andererseits: was heißt schon, ›sich hineinzuversetzen‹? Das kann auch eine Versuchsanordnung bedeuten – und nicht die schlechteste, wie ihm scheint. Wie war das mit dem geschichtlichen Horizont, in dem sich alles Handeln vollzieht? Wer zieht diesen Horizont? Ist es neuerdings nicht mehr üblich, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen? Gilt auch das in bestimmten Historikerkreisen bereits als anrüchig? Aber der Große Denunziant ist kein Historiker. Er ist Soziologe wie Argloser und in deren Motiven kennt er sich aus.

Ein Damaskus zuviel
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Frage: Hast du während deiner Zeit in der Pyramide einen einzigen Wissenschaftler kennengelernt? Sicher, die Frage klingt krass, aber einmal musst du sie stellen. Einen Wissenschaftler ohne Zusatz, allein der Wahrheit, das heißt seinem Forschungsgegenstand zugewandt und verpflichtet?
Die klare Antwort ist: nein. Sie alle, die Friedenwanger, Leckebusch, Starck, Hölzchen, Tronka, Dürrobst, Wassermann pflegen ihre Obsessionen, soll heißen, ein versteckter Groll, eine geheime Lebensschwierigkeit treibt sie um, lässt sie Botschaften empfangen, die andernorts ungehört verhallen würden, hier jedoch auf einen Hallraum treffen, der sie hundert-, ja tausendfach verstärkt und ihnen, wie verzwickt auch immer, eine gemeinsame Richtung weist.
Scheinbar gibt jemand wie der Rektor mit seinen tumben, zur allgemeinen Erheiterung dienenden Ansprachen sie vor, während er doch bloß den Anwandlungen des Niemands­kollektivs Ausdruck verleiht, das in jedem von ihnen haust. Offenbar besitzt der Große Denunziant die Fähigkeit, mit diesem Niemandskollektiv unmittelbar zu kommunizieren, etwa so, wie ein Klavierspieler mit einem Konzertflügel Zwiesprache hält, den er nie vorher in seinem Leben gesehen, geschweige denn gehört hat, nur dass hier überhaupt kein direkter Kontakt vonnöten erscheint.
Damit kommst du zu der Frage (oder sie zu dir): Was machst du hier überhaupt?
 

Sei nicht dumm!

Streicher entwickelt einen revolutionären Gedanken und verwirft ihn
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[Rätsel]
Straße der Eintracht

[Auflösung]
Lässig steuert Streicher das Cabrio durch die kurze, verkehrsreiche Straße der Eintracht. Mit seinen Gedanken weilt er im Lande Irrgendwo.

Stern

Wann, denkt Streicher, wird die Elite begreifen, wie strunzeinfach die neue Linke einkassiert werden kann?
Die Massenbasis der Linken … lindgrün. Träume einer Sommernacht. Save the planet.
Die Propagandamaschine der Linken ist effizient, aber lückenhaft.
Wir können das besser.
Man müsste uns einfach nur lassen.
Einfach nur lassen.
Warum denn nicht?

Reell am konservativen Gedanken sind die Interessen.
Der Rest…? Eindämmungsprosa, containment prose … umwogt und umwoben vom Vorwurf der Reaktion … wie viele Menschen im Lande mögen uns hassen … der Sprache wegen … es gäbe sie gar nicht, sähe sich das Kapital nicht genötigt, den Attacken seiner Kritiker mit abwehrbereiter Faust entgegenzutreten.
Nötigung … Nötigung … sie existiert vielleicht nur in den eigenen Köpfen. Auf alle Fälle lohnt es, den Gedanken durchzuspielen. Angenommen, ein Automobilunternehmen würde seinen gewaltigen Werbeetat in gesellschaftliche Projekte stecken, die sich das Ende des Ölzeitalters, die Wiederkehr des Lastenfahrrads und freie Geschlechtswahl zum Ziel gesetzt hätten?
Was würde geschehen? Die Begeisterung des Publikums fände keine Grenzen. Rauschhafte Umsatzsteigerung! Rendite ohne Ende! Und eine düpierte Konkurrenz, behaftet mit dem Makel alten, ganz alten Denkens, hoffnungslos abgeschlagen, als hätte sie, wie seinerzeit der Ostblock, den Übergang zur selbsttragenden Karosserie verschlafen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Eine vorurteilslos geführte Wirtschaft, die Grenzen der politischen Geographie sprengend, wäre vielleicht weniger darauf erpicht, die notorischen Weltverbesserer an den Pranger zu stellen, als sie für sich einzunehmen. Ein Jahrhundertsatz –

Rauchen ist tödlich

ohne weiteren Zusatzstoff auf jedes einzelne Zigarettenpäckchen gedruckt, garantiert das Überleben der Tabakbranche für, sagen wir, die nächsten hundert Jahre. Hat eigentlich jemand die Lektion begriffen? Wie es aussieht…
Auch Autofahren ist tödlich. Essen ist tödlich (Hungern auch). Skifahren ist tödlich. Segelfliegen ist tödlich. Schusswaffengebrauch … halt! Hier nähern wir uns dem Ende des Paradoxons und es wird ernst. Spaß beiseite! Der Mensch liebt das in allen Dingen schlummernde Risiko. Man muss es ihm nur bewusst machen. Da liegt es nahe abzugreifen, was der Markt an Bewusstseinsdrogen enthält, gleichgültig, für wen sie bestimmt sind und welcher Feind damit nach Absicht ihrer Verkäufer markiert werden soll.
Und das wäre nur der Anfang.

[Muss weiterverfolgt werden.]

Streicher entwickelt einen revolutionären Gedanken und verwirft ihn
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Streicher kommt der Sache näher

Es gibt sie, weil es Überzeugungen gibt.
Es gibt uns, weil es Interessen gibt.

Suche den Fehler.

Nähern sich die Interessen den Überzeugungen, weichen die Überzeugungen zurück.
Absolut gilt das nicht.
Die Überzeugungen weichen zurück, aber nur bis zu einem schwer bestimmbaren Punkt. Danach nähern sie sich den Interessen asymptotisch (›… kommen in der Realität an‹).
Das alte Spiel.
Entwirf ein neues.
Sobald die Interessen die Überzeugungen übernehmen, und zwar in Bausch und Bogen, fällt der Anpassungsdruck von den Überzeugten ab und sie haben frei, zu tun und zu lassen, was sie für richtig halten.
Falsch. Das besorgen die Interessen.
Die Überzeugten benötigen eine Funktion. Sie benötigen einen Feind.
Wirf ihnen den Feind vor und sie stürzen sich in erbarmungsloser Wut auf ihn.
Sie haben nur diese Chance.
Wirf ihnen jeden vor, der dir lästig wird, und sie werden diese Drecksarbeit für dich erledigen.

Und wo bleiben wir?

Streicher entwickelt einen revolutionären Gedanken und verwirft ihn
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Drecksarbeit braucht Dreck

Tata!
Der Dreck der bereinigten Interessen ist ihr Wachpersonal von gestern. Vorneweg: die scharfen Hunde der Publizistik.
Bist du ein scharfer Hund?
Warst du ein scharfer Hund?
Hin und wieder. Das System hält das fest.
›Die bereinigten Interessen‹ … wie klingt das? Irgendwie sicher. Eine sichere Bank. Gleich daneben, im Morast dümpelnd: die bad bank der faulen Kredite … das entsorgte Glaubenssystem der Rechten. Haltbarkeitsdatum überschritten. Weggekippt wie eine Ladung fauler Nüsse.
Drecksarbeit braucht Dreck.
Und wenn die faule Rechte irgendwann recht bekäme? Wenn der Weg des reinen Profits in den Abgrund führte? Wäre sie dann die neue Linke? Oder bloß eine Weltuntergangspartei mehr? Auf alle Fälle eine Partei zuviel im System, angespien von den Rechtgläubigen aller Fraktionen, man könnte ihr eine neue Staatssicherheit auf den Hals hetzen und die braven Bürger fänden es ganz normal.
Eigentlich erschreckend, wie wenig dich der Gedanke erschreckt.
Das Spiel, wenn es denn irgendwann gespielt werden sollte, wäre ein Spiel um den Abgrund: den Abgrund in dir, in mir, in allen, im System. Ja sicher, auch das System besitzt seinen Abgrund. Man kennt ihn nicht, noch nicht, er ist verschlossen und versiegelt, aber irgendwann tut er sich auf.
Am Ende verzehrt jedes System sich selbst.
Ist das ein konservativer Gedanke?
Oder ein rechter?
Bad thought.
Lutz, du bist ein Narr.

Streicher entwickelt einen revolutionären Gedanken und verwirft ihn
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Dieser eingebildete Abgrund … was ist das überhaupt?
Eine in alle Richtungen ausgreifende Gesellschaft wäre – spuck’s aus! – richtungslos.
Wie das Universum? Wie das Universum!
Eine solche Gesellschaft ist nicht vorstellbar.
Jede Gesellschaft nimmt eine Richtung.
Eine?
Viele.
Viele, die sich zu einer vereinigen.
Diese eine gilt es zu finden.

Richtung

Im Augenblick beschäftigt dich ein anderer Gedanke.
Was ist mit all den anderen Richtungen, in die sich die Gesellschaft nicht bewegt?
Diese ungenutzten Richtungen, sind sie nicht existent? Nicht für diese Gesellschaft?
Oder werden sie brutal ausgeschlossen?
Werden sie unterdrückt?
Welche Macht ist da zugange?
Welche Ohnmacht ist da zugange?
An dieser Stelle kommt das Tabu ins Spiel.
Das Tabu ist eine sanfte und furchtbare Macht.
Eine Macht wie keine andere.
Das Tabu verschließt den Abgrund.
Der Abgrund, das sind die versagten Richtungen.

Streicher entwickelt einen revolutionären Gedanken und verwirft ihn
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Aus Streichers Kladde

Was ist Scham? Verhaltenssteuerung unter Primaten.
Was ist das Tabu? Die vergesellschaftete Scham.
Die Gesellschaft nimmt den natürlichen Gesellschaftsimpuls in ihre Regie. Das nennt man Kultur.
Pack schämt sich, Pack verträgt sich: das gilt dann nicht mehr.
Wer das Tabu verletzt, der ist draußen.
Je schamfreier die Gesellschaft, desto weiter – und mächtiger – spannt sich das Tabu.
Bild: das Tabu als stählerne Kuppel über dem schamfreien Raum. Sie schließt seinen Horizont und sichert ihn ab.
Der schamfreie Mensch ist der Mensch, der sich weigert, Tier zu sein.
Schamfreiheit ist der Mehrzahl der Menschen unerreichbar. Doch die Natur gestattet Ausnahmen. Erkläre die Ausnahme zur Regel und du treibst alle anderen in die Lüge.
Lebenslüge Nummer eins: den natürlichen Menschen Lügen zu strafen.
Die Schamfreiheit der Vielen ist der Tod der schambasierten Moral. Das überantwortet sie dem Tabu und denen, die darüber frei verfügen: den wirklich Schamfreien, i.e. den Schamlosen.
Schamlosigkeit ist eine Bizarrerie der Natur.
Unter der Kuppel sind die Schamlosen Führer. Sie weisen den Weg.
Das nackte Interesse ist schamlos.

Streicher ist klug.

Streicher entwickelt einen revolutionären Gedanken und verwirft ihn
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Ein Mann der Scham

Nacktheit empfindet Streicher als unanständig. Die Gesellschaft, die auszog sich auszuziehen, hat ihn seit jeher befremdet. In seinen polemischen Schriften hat er für diesen Komplex das Schmähwort ›Freizeit‹ reserviert, den populären Zwilling der Freiheit –

Die Vorstellung überfüllter Strände – ein Gräuel. Selbst die ärztliche Aufforderung sich freizumachen stößt, wenngleich er es nie zugeben würde, auf eine nur schwer zu überwindende Barriere. Nachgeben? Hart bleiben? Natürlich gibt er nach. Anderes lässt der ständige Begleiter Krebsangst nicht zu. Der tiefe Zusammenhang zwischen Nacktheit und Tod lässt Streicher nicht ruhen, seit er sich zum ersten Mal vor einer Frau entblößte, um Liebe zu machen, und dabei das prickelnde Empfinden, im falschen Film zu sitzen, verspürte, der sich dann doch irgendwie als der richtige erwies. Jedenfalls galt das, solange er lief, um irgendwann abrupt zu enden.

Liebe machen aus Angst vor dem Tod: das macht Sinn, es besitzt eine biologische Stimmigkeit, gegen die sich schwer ankommen lässt, es sei denn, der Übertritt in die nackte Existenz ist mit allen Zeichen des Todes drapiert und lässt für das, was kommt, nur das Bild der Höllenfahrt zu. Doch so verklemmt ist Streicher nun wieder nicht, um den Weg orthodoxen Horrors bis ans Ende zu gehen. Die Mechanik des Lebens verdient Respekt. Auch das heißt konservativ sein. Zum Weibe gehen, eine gutsherrliche Formel, kein Zweifel, dennoch passt sie zu diesem Teil seiner Existenz wie … wie … zum Teufel mit allen Vergleichen, das hier ist singulär.

Singulär … das erinnert ihn an etwas.

 

Kein Ort nirgends

Lost between the Hemispheres
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Die Erfindung des Feindes

Hirn
Hirn
Hirn
Hirn
Hirn

Hirn
Hirn
Hirn
Hirn
Hirn

Hirn
Hirn
Hirn
Hirn
Hirn

Hirn
Hirn
Hirn
Hirn
Hirn

Hirn
Hirn
Hirn
Hirn
Hirn

Hirn
Hirn
Hirn
Hirn
Hirn

Hirn
Hirn
Hirn
Hirn
Hirn

Hirn
Hirn
Hirn
Hirn
Hirn

Hirn
Hirn
Hirn
Hirn
Hirn

Die Erfindung des Feindes ist beschlossen

KILLUSALL
Hirn
Lost between the Hemispheres
2
Die reiche Fracht des Bewusstseins

Binse
Binse
Binse
Binse
Binse

Binse
Binse

Binse

Binse

Binse

Binse
Binse
Binse
Binse
Binse

Lost between the Hemispheres
3
Die Hälften passen nicht

Zahnrad

Geburt der Venus

La seria
La seria
La seria
La seria
La seria

La seria
 

Sparsamkeit der Mittel
ist das Kennzeichen des überlegenen Geistes

Wie man eine Republik zerstört
1

Blowasser, der Mann ohne Rückgrat, hat in diesen Frühsommertagen Konjunktur. Zusammen mit Nassen, der endlich erwachsen werden muss, hat er einen Projektantrag laufen und man merkt es seiner Geschäftigkeit an. Ein einsamer Mensch, der sich nicht beklagen darf, so sehr haben die Umstände ihn gebettet. Doch wie er sich dreht und wendet, liegt er falsch. Auch mit Nassen liegt er falsch. Sie haben sich angefreundet, weil der Zweck die Mittel heiligt und beide sich auf der Suche nach einem Partner befanden: da genügt ein Gespräch in der Mensa und der Funke springt über. In der Pyramide ist Sympathie ein Gefahrgut, sie schwappt leicht über den Rand und verseucht das Gelände. Auch du findest die beiden sympathisch, wenngleich auf unterschiedliche Weise. Was dir gefällt: der Hunger, den beide ausstrahlen, das Bedürfnis nach mehr – allerdings musst du, bei einigem Nachdenken, zugeben, dass das Bedürfnis nach mehr Wissen darin, rein quantitativ, nur einen verschwindenden Teil ausmacht, gelöst und genährt vom alles beherrschenden Bedürfnis nach Status, also nach Würde.

  • Würde, engl. ›dignity‹, die Werthaltigkeit des Menschen, etwas, das jedem Menschen qua Menschsein zukommen, zumindest, folgt man der kulturellen Regel, zugebilligt werden sollte: wie kommt es, dass das Verlangen nach mehr davon in bestimmten Menschen zu einer verzehrenden Leidenschaft anwächst?

  • ―Die Frage ist jetzt nicht dein Ernst.
  • ―Und wie!
Wie man eine Republik zerstört
1

Blowasser, der Mann ohne Rückgrat, hat in diesen Frühsommertagen Konjunktur. Zusammen mit Nassen, der endlich erwachsen werden muss, hat er einen Projektantrag laufen und man merkt es seiner Geschäftigkeit an. Ein einsamer Mensch, der sich nicht beklagen darf, so sehr haben die Umstände ihn gebettet. Doch wie er sich dreht und wendet, liegt er falsch. Auch mit Nassen liegt er falsch. Sie haben sich angefreundet, weil der Zweck die Mittel heiligt und beide sich auf der Suche nach einem Partner befanden: da genügt ein Gespräch in der Mensa und der Funke springt über. In der Pyramide ist Sympathie ein Gefahrgut, sie schwappt leicht über den Rand und verseucht das Gelände. Auch du findest die beiden sympathisch, wenngleich auf unterschiedliche Weise. Was dir gefällt: der Hunger, den beide ausstrahlen, das Bedürfnis nach mehr – allerdings musst du, bei einigem Nachdenken, zugeben, dass das Bedürfnis nach mehr Wissen darin, rein quantitativ, nur einen verschwindenden Teil ausmacht, gelöst und genährt vom alles beherrschenden Bedürfnis nach Status, also nach Würde.

  • Würde, engl. ›dignity‹, die Werthaltigkeit des Menschen, etwas, das jedem Menschen qua Menschsein zukommen, zumindest, folgt man der kulturellen Regel, zugebilligt werden sollte: wie kommt es, dass das Verlangen nach mehr davon in bestimmten Menschen zu einer verzehrenden Leidenschaft anwächst?

Das Verlangen nach mehr Würde setzt, wie jedes Verlangen, einen Mangel voraus. Wer sich unwürdig fühlt, mag sich darin wohlfühlen, aber wer sich ein bisschen würdig fühlt, den verlangt es, diesen unwürdigen Zustand zu beenden und mit wirklicher Würde aufzutrumpfen. Ist mehr Würde wirkliche Würde? Bläst das Verlangen nach ihr nicht automatisch die Unwürdigkeit auf, die tief gefühlte, den Ausgang des Begehrens? Könnte sein, könnte sein. Vermutlich ist es so.

Wie man eine Republik zerstört
2

Wie strahlt einer wie Blowasser, ein rundlicher Mensch, der nie aus dem Anzug zu kommen scheint, das Verlangen nach Würde aus?
Fürs erste: er gibt sich würdevoll, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Das Vorbild Friedenwanger, obzwar negativ ›konnotiert‹, schimmert überall durch, vermutlich weil er, als falscher Platzhirsch, zwanghaft zum Vorbild nicht taugt.

  • Zum Beispiel bevorzugen beide die gleiche Bewegungsart: schnell sein, wenn die Kollegen bedächtig an einem Strang ziehen (was selten vorkommt, aber konzediert werden muss, weil es ihrem Selbstverständnis entspricht), den Schritt verlangsamen, sobald Eile angesagt ist. So stellt sich frei, wer sich für höhere Aufgaben qualifiziert sieht. Doch jeder Schritt kann ins Abseits führen.
  • Eine weitere Marotte: die Vier-Augen-Herzlichkeit, die beide gern ausstrahlen, gleichgültig, was der Gesprächspartner davon halten mag. Auch sie wird leicht zur Geste zuviel, zur Verbindlichkeit ohne inneres Maß, als säße einem das herzige Brüderlein gegenüber, das genauestens weiß, dass man ihm nur schwer den Wunsch abschlagen kann, sein marodes Konto aufzufüllen, weil es gerade nach Kanada fliegen möchte, der Teufel weiß warum. Offensichtlich rangiert hier der Wunsch, den anderen für alle Fälle bereits im Kasten zu haben, an erster Stelle. Gleich dahinter … das bleibt, vorerst, ein Geheimnis.
  • Die seltsame Fähigkeit, fertige Urteile auszustrahlen, ohne sie abgeben zu müssen. (Darin liegt ohnehin eines der vielen Betriebsgeheimnisse, ohne die der akademische Alltag rasch zur Billigveranstaltung absinken würde.)
Wie man eine Republik zerstört
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Blowassers Anwesenheit strafft die Kollegen. Sie müssen zeigen, was in ihnen steckt, peinlich darauf bedacht, seinem prüfenden Auge standzuhalten, das zur gleichen Zeit etwa auf der Fensterbank liegt, weil dort ein Staubfaden unter der Einwirkung eines Sonnenstrahls aufglimmt.

  • Dass er sich mit Nassen zusammengetan hat, besitzt einen einfachen Grund: Nassen läuft. In ihm glüht der Wunsch sich zu beweisen. So wirkt er als eine Art Aushängeschild des Projekts, ohne dass Blowasser Druck aufbauen oder die Außendarstellung selbst in die Hand nehmen müsste.

Blowasser braucht den Herold. Nachwuchs-Nassen hingegen benötigt den erwählten Meister, um sich an der verletzenden ›inhärenten‹ Ungleichheit der Partner abzuarbeiten. Beide brauchen das Projekt, um mehr zu sein. Mehr als was? Mehr als wer? Das ist die Frage … die das Paar (›Pärchen‹?) an seine Umgebung richtet.

Nach=Rücker / Vor=Rücker
Rücker

(In jedem Vorrücker steckt ein Nachrücker. Raupe und Schmetterling. Beide wissen nichts übereinander und alles. Wie er steckt, der Heros zwanghafter Nachfolge, zwanghafter Verweigerung, zwanghaft verweigerter, zwanghaft zelebrierter Übereinstimmung, verrät fast alles über den Fortgang der Wissenschaft.)

Wie man eine Republik zerstört
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Wer aber, sag mir…

In der Fakultät verfügt Blowasser, anders als Friedenwanger, über kein ›Standing‹ (vermutlich, weil er ein paar Jahre jünger ist und ihm kein 68er Ruf vorausgeht. Fast alle Bälleverteiler im mühsam entzifferten akademischen Ränkespiel kommen aus dieser Personengruppe. Sie steht in engem Kontakt zur Politik und wird von den Medien auf Grund irgendwelcher assoziativer Kurzschlüsse mit gesellschaftlicher Sichtbarkeit versorgt). Positive Kehrseite: kaum jemand ist bisher mit Blowasser ›durch‹. Er gilt als charmanter Kollege – ›reizend‹, ›angenehm‹ – mit einer himmelweit offenen Zukunft und jedermann wünscht ihm, der offenen Zukunft sei Dank, nur das Beste.

Wer das Beste will, braucht den Kontakt zu den Besten. Wer sind die Besten? Blowasser, der sich die Frage bisweilen beim Rasieren vorlegt, weiß es definitiv nicht. Genau aus diesem Grunde vertraut er der sozialen Auslese und pirscht sich an jeden heran, der es einmal, soll heißen für immer in die Medien geschafft hat – natürlich nicht in irgendwelche, sondern in die so genannten Leitmedien, denen die Aufgabe obliegt, der abgeschlagenen Konkurrenz Maßstäbe und Sprachregelungen an die Hand zu geben, so dass man in diesen Kreisen bereits anfängt, ihn hinter vorgehaltener Hand den ›Pirscher‹ zu nennen.

Davon weiß die Pyramide noch nichts. Die Regel vom Propheten, der im eigenen Lande nichts gilt, erlaubt auch die Umkehrung – hier gilt einmal einer und die Umgebung liegt wieder daneben. Von solchen Verkennungen lebt die Gelehrtenrepublik. Will sagen, sie lebt gut davon, solange ihr die Talente nicht ausgehen und die Kommunikationshürden nach innen und außen ein anmutiges Kletterarsenal abgeben, auf dem jeder erproben kann, was an ihm ist.

Wie man eine Republik zerstört
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Wer aber, sag mir…

In der Fakultät verfügt Blowasser, anders als Friedenwanger, über kein ›Standing‹ (vermutlich, weil er ein paar Jahre jünger ist und ihm kein 68er Ruf vorausgeht. Fast alle Bälleverteiler im mühsam entzifferten akademischen Ränkespiel kommen aus dieser Personengruppe. Sie steht in engem Kontakt zur Politik und wird von den Medien auf Grund irgendwelcher assoziativer Kurzschlüsse mit gesellschaftlicher Sichtbarkeit versorgt). Positive Kehrseite: kaum jemand ist bisher mit Blowasser ›durch‹. Er gilt als charmanter Kollege – ›reizend‹, ›angenehm‹ – mit einer himmelweit offenen Zukunft und jedermann wünscht ihm, der offenen Zukunft sei Dank, nur das Beste.

Der Philosoph Steinschwafel, der große Steinschwafel, nach dem Geheimnis einer Karriere gefragt, die ihn so hoch hinaufgetragen hat, dass ihn die Zeitungen am Ende seines langen Wirkens als einen der großen Denker des Jahrhunderts feiern, soll irgendwann kurz und kryptisch geantwortet haben: »Nur die Besten.« Offenbar wollte er damit, den Vorteil des Greisen nutzend, andeuten, er habe sich von Anfang an nur mit den Besten abgegeben. Was voraussetzt, dass einer wie er stets weiß, wo die Besten sich gerade aufhalten und wie man sie ansprechen muss. Nicht jeder ist so beschlagen.

Wer das Beste will, braucht den Kontakt zu den Besten. Wer sind die Besten? Blowasser, der sich die Frage bisweilen beim Rasieren vorlegt, weiß es definitiv nicht. Genau aus diesem Grunde vertraut er der sozialen Auslese und pirscht sich an jeden heran, der es einmal, soll heißen für immer in die Medien geschafft hat – natürlich nicht in irgendwelche, sondern in die so genannten Leitmedien, denen die Aufgabe obliegt, der abgeschlagenen Konkurrenz Maßstäbe und Sprachregelungen an die Hand zu geben, so dass man in diesen Kreisen bereits anfängt, ihn hinter vorgehaltener Hand den ›Pirscher‹ zu nennen.

Davon weiß die Pyramide noch nichts. Die Regel vom Propheten, der im eigenen Lande nichts gilt, kennt auch die Umkehrung: hier gilt einer und seine Umgebung liegt wieder daneben. Von solchen Verkennungen lebt die Gelehrtenrepublik. Will sagen, sie lebt gut davon, solange ihr die Talente nicht ausgehen und die Kommunikationshürden nach innen und außen ein anmutiges Kletterarsenal abgeben, auf dem jeder erproben kann, was an ihm ist.

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Die Republik der Geister

ist eine Fiktion, die der Gelehrten eine gelehrte Fiktion. Das zu behaupten braucht nicht viel Humor, es liegt, wo sonst, in der Sache begründet. Gedanken benötigen, um sich zu entfalten, freien Verkehr. Verkehr hingegen braucht Regeln, um frei zu fließen. Der Alltag ist durchsetzt von solchen je nach Denkart als klein oder groß empfundenen Paradoxien, die durch Training zwar nicht aus der Welt geschafft, aber praktisch aufgelöst werden können. Freiheit in der Bewegung ist keine natürliche Mitgift, sondern das Ergebnis unablässiger Übung. Wer, aus Unkenntnis oder Trotz oder anarchischem Übermut, die Regeln in Frage stellt, behindert, bis auf weiteres, den Verkehr. Wer sie nicht in Frage stellt, der behindert (na was wohl?) die freie Entfaltung – jedenfalls bis auf weiteres.

Die Fiktion besteht darin, die Regeln so zu behandeln, als seien sie Luft, und sie dabei so zu respektieren, als seien sie gewachsener Fels, Basis aller Bewegung. Die gelehrte Fiktion besteht darin, zu behaupten, die Einhaltung der Regeln sei rational (nein: das Rationale). Rational ist, was aus sich selbst gilt.

(Im Alltag entspricht der Respekt, den man ihnen zollt, dem des Wärters, der einen Löwenkäfig betritt: angstdurchsetzt und angstfrei in einem. Das geht eine Zeitlang gut, doch irgendwann versagen die Nerven und das Unheil nimmt seinen Lauf.)

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(Die Republik der Geister besteht aus Köpfen, die Gelehrtenrepublik aus Vor- und Nachrückern. Der Geist will Beachtung, der Gelehrte will Schüler. Besser noch: er will Adepten. Die Kunst des Gelehrten bedarf der Stille: die eine Hälfte entfällt aufs Training, um fit zu bleiben, die andere auf Einweisung. Vor- und Nachrücker sind nicht getrennt zu betrachten, zusammen bilden die kleinste Einheit des Betriebs. Wer vor-, wer nachrückt, entscheidet das Los. In den Gremien wird gewürfelt, die Macht gehört dem, der die meisten Würfe bekommt. Der Vorrücker hat noch einen Wurf frei, der Nachrücker verfolgt das Spiel mit bebendem Blick. Er weiß, sein Lebensglück hängt daran.)

Nein, Zerstörer sind Blowasser / Nassen nicht. Weder allein noch zusammen. Wenn sie zerstören, dann nur, was zerstört werden will, was allerorten bereits zerfällt; dass es durch ihr Zutun zerfällt, bezeugt bereits seine äußerste Fragilität. Auch die Republik der Geister zerfällt aus Mangel an Geistern. Die Gelehrtenrepublik, die so bestandsicher daherkommt, solange das allgemeine Bildungswesen ihr immer neue Mitglieder zuführt, sie unterliegt im Inneren einem Turnus, der aus Gelehrten im Lauf der Zeit Mitläufer werden lässt und aus Mitläufern Büchsenspanner, ungeachtet der Tatsache, dass säkulare Wissenschaft angesichts ihres Waffenarsenals ohne diese Spezies auskommen sollte. Blowasser und Nassen wissen nicht, dass sie ihr angehören, sie wissen nicht, wie strikt ihre Welt von der des Geistes geschieden ist, sie halten die Geistlosigkeit, die sie versprühen, für Geist, sie halten das Schicksal ihrer kleinen Welt in Händen und sich für groß.

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(Die Republik der Geister besteht aus Köpfen, die Gelehrtenrepublik aus Vor- und Nachrückern. Der Geist will Beachtung, der Gelehrte will Schüler. Besser noch: er will Adepten. Die Kunst des Gelehrten bedarf der Stille: die eine Hälfte entfällt aufs Training, um fit zu bleiben, die andere auf Einweisung. Vor- und Nachrücker sind nicht getrennt zu betrachten, zusammen bilden die kleinste Einheit des Betriebs. Wer vor-, wer nachrückt, entscheidet das Los. In den Gremien wird gewürfelt, die Macht gehört dem, der die meisten Würfe bekommt. Der Vorrücker hat noch einen Wurf frei, der Nachrücker verfolgt das Spiel mit bebendem Blick. Er weiß, sein Lebensglück hängt daran.)

Nachhaltig blockiert die Illusion der Alterslosigkeit das Drei-Generationen-Modell der Gesellschaft, das, solange keine Ideologie sich einmischt, wechselseitigen Respekt verbürgt … mehr oder weniger. (Zwischen Vor- und Nachrücker herrscht kein Respekt, sondern Windstille. Stehen Entscheidungen an, kommt Sturm auf. Auch diese Metapher ist schief. Zwischen Vor- und Nachrückern herrscht die blanke Erwartung. Von Zeit zu Zeit geht sie in gespannte über und löst damit Krämpfe aus.)

Nein, Zerstörer sind Blowasser / Nassen nicht. Weder allein noch zusammen. Wenn sie zerstören, dann nur, was zerstört werden will, was allerorten bereits zerfällt; dass es durch ihr Zutun zerfällt, bezeugt bereits seine äußerste Fragilität. Auch die Republik der Geister zerfällt aus Mangel an Geistern. Die Gelehrtenrepublik, die so bestandsicher daherkommt, solange das allgemeine Bildungswesen ihr immer neue Mitglieder zuführt, sie unterliegt im Inneren einem Turnus, der aus Gelehrten im Lauf der Zeit Mitläufer werden lässt und aus Mitläufern Büchsenspanner, ungeachtet der Tatsache, dass säkulare Wissenschaft angesichts ihres Waffenarsenals ohne diese Spezies auskommen sollte. Blowasser und Nassen wissen nicht, dass sie ihr angehören, sie wissen nicht, wie strikt ihre Welt von der des Geistes geschieden ist, sie halten die Geistlosigkeit, die sie versprühen, für Geist, sie halten das Schicksal ihrer kleinen Welt in Händen und sich für groß.

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Und glaubte kein einziges Wort

Krämpfe? Welche Krämpfe? Krämpfe der Existenz. Krämpfe der fiebrigen, Krämpfe der enttäuschten Erwartung. Krämpfe des So-und-anders-Seins, Kollisionen des Vor- und Nachrückertums in ein und derselben Person, in Intrigen und Gemeinheiten endend, denen die Wissenschaft (das geheiligte Attachiertsein an die Mutter aller Erkenntnis und aller Karrieren) als Sternenmantel dient. Nassen und Blowasser wissen noch nicht… Was wissen sie noch nicht? Dass zwischen ihnen bald Todfeindschaft herrschen wird? Aber wer sagt denn, sie wären miteinander befreundet? Wer sagt denn, sie wären einander zugetan? Gleichgültig sind sie sich jedenfalls nicht. Zu persönlich wäre das Band, das sie zusammenhält, um so etwas zuzulassen, zu unpersönlich, als dass ihm mit Freundschaft gedient wäre. Es wäre, als Band, unerheblich. Aber unzerreißbar, solange der ausstehende Erfolg des gemeinsamen Projekts es rechtfertigt.

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Wie zerstört man eine Republik?

Was ist, sagt Blowasser, dieser Kill– ?
Das Wort bleibt ihm zwischen den Lippen hängen. Argloser beobachtet ihn scharf.
Blowasser übt den kill switch. Die ultimative Form, Schweigen zu verhängen, während der andere fortredet. Doch niemand spricht. Nolens volens bewegt sein Mund sich weiter.

Nassen kommt ihm zu Hilfe.

  • ―Was wohl? Ein Haufen … merde, ich kann’s nicht aussprechen. Solche Leute zerstören die Community. Man muss ihnen Einhalt gebieten. Wir müssen ihnen Einhalt gebieten. Ich weiß nicht wie, aber einer müsste das organisieren. Geschlossen den Raum verlassen, wann immer er auftritt: das wäre doch eine Geste. Noch besser wäre, ihn einfach nicht mehr einzuladen. Nirgends. Das lässt sich erreichen. Druck aufbauen, immer und überall. Darüber sollten wir nachdenken.
  • ―Du denkst zu schnell. Viel zu schnell. Wir sind zu schwach, um den sehr geschätzten Kollegen Killus aufzuhalten.
  • ―Ist er das? Ich kann mich ja mal umhören.

Und er hört sich um. Wo immer sich die Gelegenheit bietet: Nassen hört sich um. Bis irgendwann die ganze Fakultät weiß: da ist einer, der hört sich um. Wer hört sich um? Keine Ahnung. Eine Nebenfigur wie Nassen, unterhalb der Sichtbarkeit angesiedelt, genießt den Leidensvorteil, nicht beachtet zu werden.

Argloser, der das Spiel durchschaut, beobachtet Nassen. Sieh an, die Ratte, geht es ihm durch den Kopf. Bloß ›in der Sache‹ weiß er nichts beizutragen. Das schwächt seine Position und bannt ihn auf den Beobachterposten.

Einmal Argloser, immer argloser.

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Eine Republik zerstören

nichts geht leichter als das. Man nehme an… – ach was, man nehme die üblichen Ingredienzien, Feuer, Wasser, Luft, ein wenig Erde dazwischen, feuchte, warme Muttererde, das erhöht den Dampfgehalt der Luft, die wir alle atmen, und das ist gut für die Sache. Die Frage bleibt immer, wer zündelt, aber sie bleibt, alles in allem, unerheblich, ein Zundelfrieder findet sich immer. Auch Wassermann darf da nicht fehlen. No water, no fun. Selbstverständlich wäre kein Nassen der Welt in der Lage, die Republik der Gelehrten zu sprengen. Wer ist Nassen? Ein Nichts. Ein Nichts zuviel. Kein bloßes Nichts, ein Nichts zuviel. Die Botschaft muss von außen kommen und sie muss absolut sein.

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Wassermann betritt den Raum

Wäre Hölzchen nicht Hölzchen – denn er ist nicht zwingend Hölzchen, und keineswegs immer –, so wäre er Wassermann. Soll heißen, er wäre der, für den seine Universität ihn hielt, als sie ihn einkaufte, und für den er sich selbst hält, jedenfalls in Momenten äußerster geistiger Klarheit.

Wassermann kommt, wann immer die Zunft nach ihm verlangt, als habe er nur auf diesen Termin gewartet: prompt – er hat viele Termine –, er liefert ab, was sie von ihm erwartet, und verschwindet wieder in den Nebeln einer Existenz, die unter Kollegen als unergründlich gilt, weil er Fragen nach seinem Befinden, seinen Plänen oder gar seiner Einstellung zu Abwesenden konstant mit einem Lächeln beantwortet, dessen opake Verbindlichkeit sein Gegenüber über die Plumpheit grübeln lässt, zu der es sich gerade hat hinreißen lassen – ein Effekt übrigens, der bei Nassen nicht ankommt, was beim stets wachsamen Blowasser Zweifel an seiner akademischen Zukunft sät.

Blowasser bewundert Wassermann maßlos. Es würde ihn nicht erstaunen, erführe er hier und jetzt, dass dieser sperrig-geschmeidige Mensch mit den klobigen Händen in einigen Monaten seine eigene Fernsehsendung moderieren darf. Noch befindet er sich im Gespräch mit Hölzchen, der selbst in der Pyramide Gaststatus genießt, aber, aus welchem Grunde auch immer, sich ›durchaus‹ als ebenso eitler wie innerlich bewegter Gastgeber fühlend, keinen Zentimeter von seiner Seite weicht. Wassermann hat das neue Buch des Kollegen Killus, dessen Erscheinen der Große Denunziant mit seinen unerschöpflichen Machtmitteln bis zum letzten Tag zu verhindern versuchte, bereits gelesen und möchte, wie er andeutet, gleich nachher, in seinem Vortrag, darüber einiges anmerken. Hölzchen, innerlich leicht beunruhigt, versichert ihm strahlend, nichts anderes werde an diesem etwas diesigen Nachmittag von ihm erwartet, »denn diese Dinge müssen besprochen werden, wir kommen darum nicht herum«.

Wassermann lächelt – ein wenig mechanisch, wie es Hölzchen vorkommt, der froh ist, dass kein Dritter Zeuge seiner Bemerkung wurde –, er hat unter den sich versammelnden Hörern einen alten Freund, den Industriehistoriker Lobbock entdeckt und zieht sich mit ihm, den Kopf gesenkt und leicht zur Seite gedreht, in eine der hinteren Sitzreihen zurück. Mechanisch fahren seine Hände über die Seiten eines Notizhefts, das aufgeschlagen vor ihm liegt, und Hölzchen … Hölzchen möchte brennend gern in diesen Aufzeichnungen lesen, besser: gelesen haben, was alle gleich erwartet, denn im Grunde seines Herzens ist er ein ängstlicher Mensch und ›diese Dinge‹ treiben ihn, wie er das ausdrücken würde, um. Immerhin ist neben dem Dekan, wie er zu seiner Verwunderung feststellt, auch der Rektor erschienen und hält, die Hände jovial in die Hosentaschen vergraben und unauffällig die Nähe des Fensters ansteuernd, gewichtig im Hintergrund Hof.

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  • ―Das ist stark ––!

Wer so redet, in Anwesenheit Starcks, des Philosophen, der durch die Reihen der Plaudernden pflügt, als wolle er sie zwingen, ihm ein paar ironische Gedanken nachzuwerfen, der muss wissen, welchen Kraftschluss er damit herstellt:

  • ―Wer Starck ist, junger Mann, das bestimme ich.
  • ―Nicht ganz. Selbststimmung in allen Ehren, aber wer stark ist, bestimmt die Hackordnung.

Nassen, ungewohnt schlagfertig, überdenkt die Kühnheit, von der er gerade noch nicht wusste, dass sie in ihm steckt und heraus will.

  • ―Wer Starck ist, bestimmt die Hackordnung? Das ist stark. Aber ich bin Starck, also bestimme ich die Hackordnung. Oder wollen Sie mir meine Identität abspenstig machen? Was denken Sie – wird Wassermann heute zur Sache kommen?
  • ―Welche Sache meinen Sie?
  • ―Nun, ich meine: die Sache. Es gibt in diesem Augenblick nur die eine Sache: Killus oder non-Killus. Wer dazu nichts zu sagen hat, der hat nichts zu sagen. Haben Sie etwas zu sagen?
  • ―Also ich bin jetzt nicht so in der Materie…
  • ―Kommen Sie, junger Mann, diese Materie geht uns alle an. Es ist nicht erlaubt, dazu keine Meinung zu haben. Ich sehe es Ihnen an der Nasenspitze an, dass Sie eine haben. Also: Heraus damit! Sie bekommen sonst ernste Schwierigkeiten…
  • ―Sie meinen das nicht im Ernst.
  • ―Was ich im Ernst meine… Ich habe Ihnen da eine ernste Frage gestellt, ich denke, das sollte genügen. Unter uns Pastorentöchtern: dort, wo ich herkomme, hätten Sie sich bereits um Kopf und Kragen geredet. Abseits der Parteilinie…
  • ―Aber was wäre die Parteilinie?
  • ―Das herauszubekommen, vermute ich, sind wir hier.
  • ―Ich weiß von keiner Parteilinie. Ich finde, dass Killus stinkt.
  • ―Nana –

Starck … er bricht ab, nein, er verstummt, sein Blick sucht jene innere Ferne auf, die jeder Mensch kennt, aber nur einige aus eigener Anschauung.

Argloser betrachtet ihn von der Seite.

Wie man eine Republik zerstört
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Tronka, das sieht man selten, steht mit Friedenwanger zusammen und pflegt das Gespräch.

  • ―Sie glauben wirklich, wir bekommen heute etwas geboten? Ich meine, was verleitet Sie zu dieser Annahme?
  • ―Denken Sie doch mal logisch: Wassermann ist nun einmal Experte für Grenzfragen. Das sind wir alle, jeder auf seine Weise, aber ihm haben wir haben diese Aufgabe hingeschoben, im Grunde laden wir ihn nur ein, damit er sich hier den Mund verbrennt. Sagen Sie’s nicht weiter, man spricht nicht öffentlich über Betriebsgeheimnisse. Natürlich weiß Wassermann, was wir von ihm erwarten. Er hat eine feine Antenne für diese innerakademischen Belange, leider nicht fein genug, um auch Außenwirkung entfalten zu können. Das hat Vorteile, natürlich hat das Vorteile. Wenn wir mit ihm streiten, dann bleibt das unter uns, soll heißen, in der Community, da kann man schon einmal deutlicher werden. Sie werden doch auch gern deutlicher. Ich will Ihnen da jetzt nichts unterstellen –
  • ―Wissen Sie: man unterstellt mir so vieles… Sagen Sie, wo kaufen Sie Ihre Hemden? Mir fällt immer auf, wie frisch Sie aussehen, ja frisch, ich führe das auf Ihre spezielle Art von Hemden zurück. Ich habe das ja alles nicht gelesen, aber wenn dieser Killus behauptet … was behauptet er eigentlich? Janein, ich habe das nicht verstanden. Also angenommen, er behauptet, niemand könne sich seine Gegner aussuchen, selbst ihr Führer nicht, dieses ganze Verbrecherpack sei da irgendwie hineingeraten… Sie verstehen mich recht? Ich weiß nicht, auf welchem Stand des Moralisierens die Republik gerade angekommen ist, aber jeder Verbrecher gerät irgendwo irgendwie hinein. Wie denn sonst? Deshalb sollte niemand für seinen Schlamassel die anderen verantwortlich machen. Vor allem nicht ganz spezielle andere. Nirgendwo steht geschrieben, dass die gerade da hineingeraten mussten. Darum geht’s doch, oder nicht? Sagen Sie mir, worum es geht. Worum geht es Ihnen dabei?
  • ―Ich habe mit Killus nichts zu schaffen. Er mit mir übrigens auch nicht. Wir sind einander immer aus dem Weg gegangen. Im Grunde halte ich ihn für eine Erfindung der Presse, aber erzählen Sie das keinem weiter.

Dieser Hund, denkt Friedenwanger, er hält sein Pulver trocken. Das macht nichts, ich werde ihm auf die Schliche kommen. Tronka ist notorisch unzuverlässig und dies hier ist die Zeit der Entscheidung. Aber sein Antifaschismus ist echt, ich weiß das von Nassen. Langsam wird er brauchbar, der junge Mann.

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Auch Leckebusch hat es sich, trotz fehlender Einladung, nicht nehmen lassen, der Veranstaltung beizuwohnen. Tatsächlich hat er etwas von einer Erscheinung, wie er da mit hängenden Schultern am Fenster steht und auf den von Stop&Go-Verkehr umschlossenen Park hinunterstarrt, als winke ihm von dort ein Stück unbewältigter Vergangenheit zu. Seit Elisabeth eine Stelle in der Pyramide angenommen hat, wirkt das Band zwischen ihnen in der Öffentlichkeit überdehnt. Peu à peu hat die Republik der Wörter die beiden zu Konkurrenten umgeschmiedet (ein etwas martialisches Wort, denn wie nicht anders zu erwarten, bewegt sich Elisabeth mit der Geschmeidigkeit eines Panthers inmitten ihrer neuen Kollegenschar), wenngleich der Professor und die Mitarbeiterin unterschiedliche Fächer repräsentieren.

  • ―Ist Romanistik ein Fach?

Belustigt, mit einem Gran Empörung in Blick und Stimme, hat er sie angeblinzelt, als sie ihn von ihrer neuen Lebensaufgabe in Kenntnis setzte. Elisabeth, an schneidende Ironie von seiner Seite gewöhnt, war überrascht und fast ein bisschen enttäuscht. Hatte sie in letzter Zeit irgendein Toleranzedikt übersehen, das ihn zur Mäßigung zwang? Mag sein! Sie kam nicht darauf und geht ihm seither unauffällig aus dem Weg, wobei sie mit einer sie selbst überraschenden Genugtuung die verstohlenen, bisweilen zu Fragezeichen sich krümmenden Blicke sammelt, die auf sie zu werfen er überhaupt nicht zu unterdrücken gedenkt.

  • ―Ist das wichtig?

Auch heute gleitet ihr apartes Hellgrau zwischen den gravitätischen Anzugträgern, als habe sie es darauf abgesehen, ungesehen gesehen zu werden – ein Kunststück, das umso schwerer wiegt, als sie nach wie vor die vibrierende Aufmerksamkeit der ›alten Säcke‹ auf sich zieht, von denen einige ihren ehelichen Weg von Anbeginn säumten: Dassler, der in diesem Ambiente natürlich fehlt (nie würde er zur Causa Killus ein Sterbenswort sagen, geschweige denn einer Veranstaltung beiwohnen, in der sie zur Verhandlung ansteht), aber Elisabeth jedesmal, wenn sie sich begegnen, eine seraphische Überhöflichkeit entgegenbringt, die sie schamlos genießt, Friedenwanger, das ›Stück Scheiße‹, als das ihn ein jüngerer Kollege ihr gegenüber vor einiger Zeit im Bett bezeichnete, Lobbock, das röchelnde Walross, Ruffmann und Rosshammer, unzertrennliche Schwätzer, bei denen der Charme nicht für beide gereicht hat, so dass sie irgendwann beschlossen haben, ihn abwechselnd aufzutragen, Reinmeier (»Reinmeier ist süß«), Hölzchen-auf-Stöckchen-Hölzchen, Phallobst Dürrobst und all die anderen.

  • ―Wir sprechen uns später. Kommen Sie in mein Büro!

  • Elisabeth, in welcher Funktion auch immer sie antritt, ist eine Königin. Nur das Dynastische liegt ihr nicht so, vorerst lässt sie es nicht an sich heran.

 

Dafür wird er bezahlen

Wassermann unterhält die Arena
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Wassermann spricht

  • ―Soll ich –?

Wie man eine Republik zerst- … Aber das wissen Sie ja schon.

Sie werden sich – verzeihen Sie, wenn ich Sie so direkt adressiere … überaus geschätzte Kolleginnen und Kollegen… Sie werden sich gefragt haben – natürlich haben Sie sich gefragt, geben Sie’s zu, ich sehe es Ihnen an der Nasenspitze an, Kollege Reinmeier, Sie müssen es sich gefragt haben – aber was nur?

Was, zum Teufel, so müssen Sie sich gefragt haben, drängt den Wassermann, uns eine Wasserstandsmeldung wie diese ins Haus zu schicken, ungefragt, unerbeten: Will er womöglich eine Anleitung liefern? Will er eine Erklärung abliefern für etwas, was gerade unter unseren Augen geschieht, während wir doch denken, es geschieht gerade etwas anderes? Oder will er uns etwas Historisches erzählen, schließlich ist er Historiker, und Historiker … lieben nun mal Historisches, es fällt schließlich in ihr Genre, und die Zerstörung einer … Republik, nun, da muss man in der Geschichte nicht lange suchen, nein, wirklich nicht lange… Apropos suchen: ›Suchen Sie nicht‹, hat mir mein alter Lehrer Prostitsch einmal gesagt, ›finden Sie lieber, das geht angenehmer und dann findet man dabei auch immer ein Stück von sich selbst‹.

Ein Stück von sich selbst.

Sehen Sie: die Geschichte, die ich Ihnen heute erzählen möchte, sie enthält vielleicht mehr von mir… Warum ich Ihnen das sage? Sehen Sie, Sie und ich, auch das wäre eine Geschichte, die einmal erzählt werden will. Einstweilen ist es eine Konstellation. Sie wissen schon, was eine Konstellation ist. Eine Konstellation … was ist eine Konstellation? Verzeihung, da fällt mir die Geschichte von diesem Austauschschüler in Amerika ein – wir schicken Schüler nach Amerika, damit sie sich austauschen, ganz recht –, dem Austauschschüler, der eines Nachts – oder am späten Abend, ich mache es nicht so dramatisch – in eine offene Garage eindringt, eine offene, gut ausgeleuchtete Garage, in der vielleicht ein Auto herumsteht, vielleicht auch nicht, die Zeitungen bleiben da ungenau, jedenfalls treibt ihn der Durst und eine Flasche Coca Cola sticht ihm ins Auge, nichts natürlicher also für einen Halbwüchsigen, als diesem Drang nachzugeben, ihm nachzugehen, ja nachzugehen, und der Hausbesitzer erschießt ihn, denn er hält ihn für einen Einbrecher, er erschießt ihn einfach… Dabei ist es doch bloß ein Junge, der Durst hat, nicht die Spur von einem Einbrecher, nicht die allergeringste Spur…

Das, sehen Sie, ist eine Konstellation.

Es ist sogar, genau genommen, unsere Konstellation, nur dass noch nicht feststeht, wer am Ende dieses Abends erschossen in der Garage liegt. Ich möchte Sie nicht verunsichern, nein, das möchte ich nicht, jedenfalls täte es mir leid, falls das geschähe, aber Sie und ich, wir müssen schon auch verstehen, wie es um uns steht. Wir befinden uns in einem fremden Haus, aber wir wissen es nicht. Wir realisieren es nicht. Denn es ist unser Haus, unser gemeinsames Haus, auf das wir getrennte Eigentumsrechte erheben, teils aus Erwerbs-, teils aus Bedarfsgründen, so jedenfalls steht es in unseren Verträgen, wir müssen sie nur von Zeit zu Zeit studieren. Richtig studiert, ist kein Konflikt so tragisch wie der zwischen dem Garagenbesitzer und dem jungen Mann, der Lust auf eine Cola hat und sie sich dort holt, wo er sie nicht zu Unrecht vermutet, wo er sie immer holt, wenn er sich zu Hause weiß. Und wo wäre ein junger Mensch aus Düsseldorf mehr zu Hause als in einer lauen Sommernacht in L.A.? Wir müssen unsere Verträge studieren und tun’s nicht. Warum? Weil wir die Schrift verloren haben.

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Wir haben die Schrift verloren. Unsere Verträge sind null und nichtig, denn wir können sie nicht mehr lesen. Einer dieser Verträge – auf die anderen komme ich noch – besagt, dass wir nicht zusehen dürfen, bei Schaden für unsere moralische Gesundheit – dass wir nicht zusehen dürfen … Sie erinnern sich?

Das alles ist nicht so lange her. Wir haben in diesem festen Gefüge aus Sätzen gelebt, es wäre nicht nötig gewesen, sie zu Ende zu sprechen. Sie hatten in unser aller Leben die Führung übernommen, sie sprachen sich selbst zu Ende, wann immer wir dazu ansetzten, sie zu vollenden. Ich bemerke eine gewisse Bewegung in Ihren Reihen. In der Tat, der Satz, den zu formulieren ich gerade ansetze, den zu formulieren ich gerade angesetzt habe … ich werde ihn nicht zu Ende sprechen … es scheint mir unsinnig, ja kontraproduktiv, ihn zu Ende zu sprechen. Dieser Satz sät Unfriede. Darin besteht heute seine einzige Funktion. Wobei ich das Heute nicht zu eng fassen möchte, es handelt sich um ein moralisches Heute, dessen Grenzen sich nicht so leicht nachzeichnen lassen. ›Einmut zu Zwietracht‹: die Frage ist, ob wir uns das leisten können, ob wir uns das leisten wollen auf lange Sicht, womöglich bereits auf kurze.

Es fällt schwer, deutlich zu werden in einer Welt aus … ich suche noch nach dem Wort und sage einstweilen: aus Über-Deutlichkeiten. Über-deutlich ist, was keine Chance hat, gedeutet zu werden, anständig gedeutet zu werden nach den uns auferlegten Regeln des Verstehens, die über die Jahrhunderte entwickelt wurden, um zu verstehen, was geschrieben steht. Sie verstehen die Formel, ich verstehe sie, wir alle verstehen ganz gut, was damit gemeint ist, wir meinen zu verstehen, was damit gemeint ist, wir meinen zu verstehen … damit beginnt die Misere, eine Misere, denn es gibt noch andere. Deshalb schalte ich jetzt einen Gang zurück, verlasse das Wir, den Wir-Modus, um es genauer zu sagen, und verwandle mich, verkehrstechnisch gesprochen, in einen Fußgänger. Das Areal eines Fußgängers, Sie wissen es, ist begrenzt. Erwarten Sie daher nicht zu viel von mir. Die Nacht ist lau und eine Garage … nein, ich schnüffle nicht gern in den Habseligkeiten anderer. Ich schnüffle nicht. Wenn mir eine Tätigkeit von Herzen zuwider ist, dann Schnüffelei.

Ich denke, auch das musste einmal gesagt werden.

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Sie erwarten von mir … was? Dass ich über ein Buch referiere, von dem Sie annehmen, dass ich es gelesen habe, weil ich das kess behaupte? Ich bin mir aber nicht sicher, dass wir beide, also Sie und ich, darunter ganz genau dasselbe verstehen. Das Buch, das der Kollege Killus da vorgelegt hat, ist ein zukunftsweisendes Buch. Ich bin mir nicht sicher, ob ich in diese Zukunft marschieren und ob ich in ihr ankommen wollte. Infolgedessen habe ich unterwegs Marschpausen eingelegt und habe nachgedacht. Natürlich hat Killus das Recht zu schreiben, was er will, so wie ich das Recht habe, darüber zu denken, wie ich will. Es stehen so abartig viele Natürlichkeiten im Raum, wenn ich in diesem Buch lese, dass ich mir denke: Warum hat er das eigentlich geschrieben? Natürlich markiert der Rote Oktober den Beginn einer Welle von Gewalt­tätigkeiten – in Wahrheit nicht einer, sondern immer neuer, immer mächtigerer Wellen. Aber ist er deshalb die Mutter aller Grausamkeiten des Jahrhunderts? Das will mir noch nicht in den Kopf. Natürlich haben die Kämpfer aus dem Baltikum, sofern sie nicht direkt mit der reinen Lehre infiziert wurden, ihre Untergangsängste nach Berlin und nach München getragen und in destruktive Energie umgewandelt … aber was heißt das schon? Hat die antibürgerliche Enthemmung nicht auch im Osten bereits viel früher eingesetzt, in den Schlachten bei Gródek, wo der arme Sanitäter Trakl den Verstand verlor, bei Tarnopol oder Riga oder wo-auch-immer, und liegt nicht auch hier eine der Ursachen für den über Leichen gehenden Männlichkeits­kult? Eine gewisse Sehnsucht nach militärischer Ordnung lag überall in der Luft und Lenins Kommandosystem orientierte sich gleichfalls daran. Das alles ist der Welt nicht so unbekannt, wie Kollege Killus uns da suggerieren möchte. Natürlich steht der Weimarer Geist links, zum Teil scharf links, das zu wissen bedarf es keiner übermäßigen Verstehens-Anstrengung. So what? Natürlich nehmen da Vernichtungsphantasien Fahrt auf, die dann auch in die Vernichtung der europäischen Juden münden. Aber liegt gerade hier der einzig wahre Ursprung des totalen Grauens? Wie gesagt, das will mir nicht in den Kopf, und ehrlich gesprochen, ich sehe den Grund auch nicht ein. Kein Mensch verlangt von einem Gerichtspsychiater, sich in die Gedankengänge des Delinquenten zu versetzen. Es genügt, wenn er sie benennt. Alles andere wäre denn doch verstörend. Killus mutet mir etwas zu, wofür mein Historikerhirn nicht geschaffen ist. Tut mir leid, wenn ich aus einer Lektüre aussteige, die von mir verlangt, ich solle genau dies – oder doch zumindest etwas in dieser Art – leisten.

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So. Damit habe ich gesagt, was Sie hören wollten. Betrachten Sie, was jetzt kommt, als eine Art Postscriptum im Morgengrauen. Ich habe eingangs gesagt, wir seien der Schrift nicht mehr mächtig, sie stehe uns nicht mehr so zur Verfügung, wie sie es sein müsste, und darauf wünsche ich doch noch einmal … sagen wir: einzugehen. Sagen wir also, ein Historiker, ein respektiertes Mitglied der Zunft, kein Newcomer, sondern einer, dem intensiv zuzuhören wir bereits über Jahrzehnte gelernt haben, schreibt ein Buch: dann ist das zunächst einmal ein Fachereignis. Jedenfalls lautet so die Regel. Ein paar von den Spezialisten beugen sich darüber und klären die auf Anhieb weniger mit der Thematik Befassten darüber auf, was ihrer Auffassung nach davon zu halten sei. Sie können sich täuschen, sie dürfen sich auch täuschen, jedenfalls der eine oder andere von ihnen, das gehört zum Verfahren, das wächst sich aus. Es gibt in diesem Fall, und darauf will ich hinaus, ein fachliches Prius. Was will ich sagen … die Kriterien liegen bereit. Sie liegen nicht so bereit, dass nur einer von uns zu kommen und den Daumen zu senken bräuchte, denn diese Geste ließe es, wie soll ich das jetzt ausdrücken, am gehörigen Respekt fehlen … ja, es gibt einen Respekt, der in der Sache wurzelt, der ganz mit ihr verwoben ist, der zurückblickt auf die erbrachte Leistung und den gemeinsamen Weg noch einmal durchläuft, jedenfalls in Gedanken, in verkürzter Form, wir alle sind endlich, aber doch gemeinsam. Wir leben, das soll der Titel meines Vortrags andeuten, in einer Republik, früher sagte man: der Geister, das schenken wir uns meistens, ich möchte eins draufsetzen und sage: der freien Geister, nicht der Freigeister, das hätte dann wieder einen anderen Klang und entspräche auch nicht der Wahrheit. Die Wissenschaftsgemeinde – mich persönlich stört dieses plumpe Wort – ist keine Gemeinde mit Gebetbuch und Orgelgesang, sondern eine Republik mit Regeln und Rechten für den Einzelnen, ich setze die Rechte in diesem Fall an die zweite Stelle, denn sie müssen erworben werden, mühsam erworben… und zwar durch Beachtung der Regeln, wie alle wissen, die diesen Prozess durchgemacht haben. Die Schrift … sehen Sie, es ist die Schrift, die uns die Regeln an die Hand gibt.

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Was ich sagen will … Öffentlichkeit ist wichtig. Ich meine jetzt nicht die Öffentlichkeit der hier Versammelten, die pars pro toto für die Community stehen, ich spreche jetzt nicht über die Community, sondern über das, was man einmal bürgerliche Öffentlichkeit nannte und in dem sicher auch heute noch an der einen oder anderen Ecke ein Stück bürgerlicher Anständigkeit aufblitzt – aber in der Hauptsache ist es doch die Öffentlichkeit der Berufsschreiber, deren Aufgabe darin besteht, den Politzirkus auszuleuchten. Es sind Beleuchter, ja sicher, ein ehrenwerter Beruf, wenn Sie mich fragen, ohne sie wären wir alle dümmer – strunzdumm, was den Zustand der Republik angeht (und ich meine jetzt die große, das verfasste Gemeinwesen, in dem wir alle unser Auskommen als homines politici finden), aber es sind eben doch nur Beleuchter, soll heißen, die Scheinwerfer, die sie in Anschlag bringen, haben sich andere ausgedacht … und nicht nur ausgedacht, weiß Gott nicht. Es ist eine alte Frage: Woher kommen die Instrumente? Sie werden angeschafft. Ersparen Sie mir die Details, aber: sie werden angeschafft. Und mitunter müssen sie lange halten. Das ist einfach so. Wer also wissen will, was in unserem Fach vorgeht, der sollte nicht die Beleuchter fragen, er kann es, aber er sollte es tunlichst vermeiden, es sei denn, ihn interessieren die Scheinwerfer.

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Dann aber – Sie merken, ich taste mich langsam voran, es ist unübersichtliches Gelände, in dem ich mich da bewege, glitschiges Gelände, jedenfalls nach meinem Empfinden –, dann aber … ich meine, dann erhebt sich doch, sobald einer von uns, keiner vom Fach, aber immerhin ein Kollege, in dieses Medium geht, um, aus seiner Sicht, einen Übelstand anzuzeigen, dann erhebt sich die ganz einfache Frage: Was sind seine Instrumente? Bringt er sie mit oder bedient er sich eines der unter der Kuppel montierten Scheinwerfer? Nochmals: Das ist die Frage, die sich mir angesichts seines Auftritts stellt. Reden wir offen. Es geht nicht um Reputation, es geht um Macht. Dann aber erhebt sich die nächste Frage: Wessen Macht? Welche Macht kommt hier ins Spiel? Wir müssen uns dieser Frage stellen, sonst sind wir bereits verloren. Sehen Sie, ich habe bisher das Thema des Buches ausgespart, das uns soviel Kummer bereitet, es handelt von einem Bürgerkrieg, den wir bisher nur in Teilausschnitten zur Kenntnis genommen haben, keinem Weltbürgerkrieg, wie einige ihn heute wahrzunehmen meinen, vielmehr von einem historisch abgeschlossenen … Vorgang, Großereignis, epochalen Ereignis meinetwegen, das mit der Oktoberrevolution in Russland beginnt und mit der Zerschlagung der letzten faschistischen Inseln in Europa endet, wobei man wiederum argumentieren könnte, es dauere bis heute an… Dieser staatenübergreifende Bürgerkrieg, so argumentiert Killus und ich kann ihm darin ein Stück weit folgen, ist erst dann komplett, will sagen, er kann erst voll entbrennen, wenn sich eine zweite Bürgerkriegspartei konstituiert hat, die sich der ersten, dem in Russland siegreichen und Europa bedrohenden Bolschewismus, entgegenstellt, und das ist, soweit kennen wir das Szenario alle, der Faschismus. Es ist nicht der bürgerliche Staat – aus einer Fülle von Gründen, die hier zu erörtern ich unterlasse –, der bloß als Austragungsort in Betracht kommt und von beiden Seiten solange destruiert wird, bis er in sich zusammenfällt und die Bestien freilässt.

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Um auf die ›Untaten‹ der Regime zurückzukommen – ein merkwürdiges Wort, das daran erinnert, wie positiv einmal Taten vermerkt wurden –, so folgen sie, immer nach Killus, der Logik des Bürgerkrieges, sprich: der Verähnlichung der Gegner in einer Brutalisierungsspirale. Das eigentlich Spannende seines Buches besteht darin, den Leser spürbar nachvollziehen zu lassen, wie aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft der Faschismus erwächst … als eine Partei, die, im Gegensatz zum Bürgertum, die Herausforderung der Revolution aufnimmt: das ist wirklich streckenweise atemberaubend und so noch nicht – Entschuldigung, aber auch das gehört zum Bild –, so noch nicht beschrieben worden. Bezeichnenderweise setzt hier dann der Widerstand ein. Wir alle kennen die Schlacht, die in den Zeitungen tobt, und die Empörung, hinter der in diesem Fall vielleicht mehr steckt als ein ehrenwerter moralischer Affekt, hat es vor allem auf die allerdings sehr griffige Formel abgesehen, der bolschewistische Klassenmord sei – als Schreckbild und Urbild – dem nationalsozialistischen Rassenmord vorausgegangen und habe ihn, sagen wir, motiviert. Darum geht es. Es klingt ein bisschen seltsam, wenn unbedarftere Zeitgenossen sich darüber verbreiten, Killus wolle die Schuld am Holocaust den Kommunisten, nein, das ist nicht richtig, dem Kommunismus in die Schuhe schieben, die Schuld, wo es doch gerade sein Anlie-… Wenn dem so wäre, dann stünde jeder Historiker, der das Zustandekommen von Gräueln beschreibt, im Verdacht, sie dem jeweiligen Feind in die Schuhe schieben zu wollen. Das Gegenteil ist der Fall … das Gegenteil ist der … Fall. Gerade darin besteht ja das Skandalon. Worin es besteht, worin es im Einzelnen besteht, das muss, das muss uns… Aber wir haben die Schrift vergessen, sie steht uns nicht mehr ZUR VERFÜGUNG. Deshalb breche ich ab. Ich breche ab.

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Breche ich ab? Darf ich abbrechen? Sie merken, im Moment versuche ich das zu praktizieren, von dem ich behaupte, es sei uns verloren gegangen, und lasse mir von der Schrift die Regel geben. Und diese Schrift, sie sagt, sie sagt es wirklich, ja, es ist möglich, es MUSS MÖGLICH SEIN, in anderen Begriffen als dem der Schuld über dieses Ereignis, dieses … Unerträgliche zu … ich sage jetzt nicht ›reden‹, ich sage ausdrücklich ›schreiben‹, denn es steht nun einmal da, es steht geschrieben: ja, es ist möglich, vom Schreckbild zum Urbild überzugehen, es ist menschenmöglich, und diese Menschen, sie hätten GENAU DIES getan, ohne dass jetzt an dieser Stelle die Psychologie einsetzen würde, die so fatal wirken kann. Die Psychologie, ich bitte die anwesenden Vertreter, mich zu entschuldigen, die Psychologie hat etwas Entschuldigendes, wenn sie sich dieser Dinge annimmt. Es graut uns an dieser Stelle vor ihr, es ist nicht gut, wenn sie sich da herumtreibt, obwohl sie vieles aufklären hilft. Nein, WIR wollen nicht, dass sie sich hier nützlich macht, denn dieser Nutzen ist zweifelhaft, höchst zweifelhaft, wenn nicht eindeutig zweideutig. Vielleicht spreche ich auch nur für mich, dann verbuchen Sie’s bitte unter dem Merkposten ›Idiosynkratisches‹. Aber ich glaube das nicht, ich will es nicht glauben.

Und deswegen stehe ich hier vorn.

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Eigentlich, verehrte Anwesende, entwickelt Killus in diesem Buch eine Kulturtheorie. Vielleicht irre ich mich, wenn ich ›Killus‹ sage, ich sollte mich lieber ganz ans Buch halten, sola scriptura. Das Buch zählt. Aber diese Umwidmung eines Schreckbildes in ein Urbild, denken Sie an den Schild der Minerva, ist eigentlich ein Grundvorgang der Kultur, nicht einer, das ist das tief Erschreckende, sondern aller Kultur. Dann hätte also Adorno Recht behalten mit der Bemerkung, die uns alle einmal verstört hat, im Grunde, in ihrem Grunde, sei alle Kultur Barbarei. Vielleicht bin ich ein bisschen langsam von Begriff, das mag sein, aber manchmal kann das ein Vorteil sein, ich will das nicht abstreiten.

Ich bin erschrocken, als ich das las. Ich weiß nicht, wie Killus darüber denkt, es scheint mir ganz überflüssig zu sein, so zu fragen, das Geschriebene nötigt uns, so zu denken, es nötigt uns, wenn wir unser Fach beherrschen, wenn wir unser Fach beherrschen wollen, und das geht weit über alle ›Objektivität‹ hinaus, die der Autor so beredt vom Fach einfordert. Die Objektivität ist bekanntlich ein alter Hut, wir sind nun mal nicht objektiv, kein Mensch ist objektiv, und jenseits des Menschen verirrt sich höchstens ein Dichter. Nein, mit Objektivität erklärt sich das alles nicht. Mit Objektivität führt man die Menschen hinters Licht. Das ist so.

Wie stehe ich jetzt da? Mir ist, als hätte ich in Schleim gebadet. Nein, das ist keine Referenz an Herrn Zirkuleit, der zum Glück nicht da ist, ich leide an keinem Männlichkeitstrauma, ich wünsche auch nicht geheilt zu werden (obwohl das Syndrom sich dadurch natürlich verschärfen ließe), ich denke weiter und stelle die Frage: Gibt es ein Leben nach der Kultur? Ich sage ausdrücklich nicht: nach der Barbarei, das wäre nach dem, was wir gerade erfahren hätten, eine unzulässige Verharmlosung, weil sie die Kultur als Ausweg erscheinen ließe, was sie nicht ist, was sie ersichtlich … nicht leisten kann.

Was kommt nach der Kultur? Was kann nach ihr noch kommen? Wenn uns vor ihr graut, weil sie uns zwingt, uns schuldig zu fühlen, dann fühlen wir uns auch schuldig, wenn wir sie verneinen oder, noch perfider gedacht: verleugnen. Denn Kulturverleugner waren ja jene da.

Sie halten das Terrain besetzt, wenn Sie verstehen.

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So, jetzt höre ich auf, um Ihr Verständnis zu werben, weil ich selbst von jetzt an eigentlich nichts mehr verstehe – vielleicht war auch schon mein bisheriges Verstehen bloß eine Simulation. Niemand sollte sich da allzu sicher sein.

Wir können aus dem Bild der Welt, das wir in uns tragen, nichts herausbrechen. Wir können es auch nicht willkürlich schönen, denn sobald wir das machen wollen, haben wir es bereits getan und wir tragen zwei Bilder in uns. Das wäre, nach allem, was wir wissen, gar nicht gut. Trotzdem ist es gerade das, was wir praktisch zu jeder Zeit tun. Dieses Paradox hat mir bisher noch niemand erklärt. Jemand muss kein Massenmörder sein, um in den Sog eines Vernichtungsgeschehens zu geraten, das über alle Grenzen strahlt. Jemand kann weiterhin Gedichte schreiben, Pamphlete verfassen, in einem Nebensatz die Vernichtung – ja: Vernichtung – des Bürgertums fordern, als sei das eine Lappalie, die weder mich noch meinen Bankdirektor etwas angeht, und im Kämmerchen an einer Übersetzung von Prousts À la recherche du temps perdu basteln, um dem sensibleren Ich ein wenig Auslauf zu verschaffen. Man kann das alles, die Schwierigkeiten dabei sind nicht größer als anderswo. Aber man kann auch anders.

Man kann ganz anders.

Was aber auf diesem Weg verlorengeht, ist die Rechtfertigung. Es soll ja immer noch Mitmenschen geben, die das unter Lenin einsetzende Morden mitsamt seinen späteren grausigen Höhepunkten für gerechtfertigt halten, weil in ihren Gehirnen die Schaffung einer neuen Welt nun einmal höher rangiert als ein paar Millionen Menschenleben. All das läuft unter uns herum. Und seien wir ehrlich – bis zu dem Punkt, an dem es schmerzt: in dem Betreff sind viele von uns gebrannte Kinder. Und jetzt sehen wir, was die feindliche Entgegensetzung bewirkt.

Sie setzt das Gewaltmem frei.

Gewaltmeme sind, viele wissen das, diese Bilder erlittener oder erlebter Gewalt, die sich jedem einbrennen, der einmal mit ihnen in Kontakt kam. Das Schlimmste daran ist: auch die Sprache wird kontaminiert. Die Sprache ist ja, wem sag’ ichs, das unerlässliche Organ des Denkens und damit, ich lasse den Ausdruck mal stehen, der Vernunft. Einmal kontaminiert, wird sie unerreichbar für die Einrede der Vernunft. Auch sie funktioniert dann, als handle es sich um ein Bild, das nicht weggeht. An dieser Vorstellung laboriere ich. Ich stelle mir vor, wie diese Vorstellungen in Einzelnen platzen und wie diese Einzelnen sich formieren, sich eine … rigide soziale Struktur geben, während sie in den Anderen nebenan das Umgekehrte bewirken: die stumme Vereinzelung, die Not des atomisierten Individuums, dem von ideologisch sattelfesten Kritikern dann zu allem Überfluss das Narrenkostüm ›bürgerlich‹ umgehängt wird. Und damit komme ich nicht zurecht. Die Vorstellung überschreitet das Denkgewohnte, jedenfalls das, was ich mir für gewöhnlich zumute…

 

Das teilen wir

Alle Schlechtigkeit der Welt
1
So also sieht sie aus,

die Redlichkeit vor dem Feind. Wassermann, sich ihm todesmutig entgegenwerfend, fühlt sich künstlich gebremst und landet, wie so viele vor und nach ihm, beim Verwirrspiel, dem Glücksspiel der Verlierer. Wen will er verwirren? Sich selbst: zuallererst sich selbst. Nein, er will sein Auditorium nicht verwirren, die Argloser, Blowasser, Hölzchen, Lobbock, Ruffmann, Starck, Reinmeier, Tronka, Friedenwanger, sie alle, die ihm eine Fahrkarte spendiert haben, um ihnen über die bewusste Klippe zu helfen, die Sagbarkeitsklippe –

… denn eine unerklärliche Sprachlosigkeit hat sich ihrer bemächtigt, sie sind in der Sache gefordert und können und können sich nicht zu ihr äußern. Die elende Sache … vielmehr das Elend der ›sachlichen Ausein­andersetzung‹, während draußen, in der ›breiten Öffentlichkeit‹ der vier, fünf ›führenden‹ Kommentatoren des Geistesgeschehens, des gestrengen Wächterrats der nation of shame & culture, der Orkan tobt und den fruchtbaren Küstenstreifen, auf dem sie ihre Gurken ziehen, zu verwüsten droht, das Elend der erforderlichen und also geforderten Auseinandersetzung überfordert sie, es steht ihnen, als Überforderung, ins Gesicht geschrieben, und sie ducken sich weg…

Warum? Was geht vor hinter diesen Stirnen? Frage sie! Gerade noch auskunftsbereite, auskunftssüchtige Individuen und jetzt … lebende Sprechautomaten, ewig die gleichen Sätze widerkäuend, du musst nur den Schalter finden und … drücken. Mehr ist nicht vonnöten. Aber vielleicht übertreibst du. Jeder Mensch hat ein Recht auf eine einfache, redliche Meinung, hinter der nichts weiter zu stecken braucht als ein kleiner Explosivkörper, ein Knall-Köpfchen, das sie heraustreibt. Ein kleines helles Knall-Köpfchen, das wird es sein.

Alle Schlechtigkeit der Welt
2

Wassermann, priesterlicher Gemeinde-Dompteur in unalltäglicher Lage, hat sich der Aufgabe mit Bravour … entledigt. Applaus! Dieser extreme Spannungsaufbau – Applaus! Der Trick mit der sich entziehenden Schrift – Chapeau! Das ethische Dilemma, die Qual der Sprachwahl – fein ziseliert und heruntergebrochen auf ein Auditorium, das daran gewöhnt ist, geistferne Differenzierungen auf die Spitze zu treiben. Wo warst du, Adam? Nun, ich war hier… Warten Sie, ich kann Ihnen die Stelle gleich zeigen, lassen Sie mich … nun, ich finde jetzt nicht, lassen Sie uns später darüber… Warum, lieber Wassermann, können Sie uns nicht in klaren und deutlichen Worten mitteilen: Tut mir leid, über den Menschen mit Namen Killus ist ein Bann verhängt worden, ein furchtbarer Bann, den zu brechen eine gewisse Portion Furchtlosigkeit erfordern würde, die ich leider nicht aufzubringen vermag… Ich kann nicht vorurteilslos über dieses Buch reden. Warum das so ist? Keine Ahnung. Es ist verhängt. Ehrlich gesagt, ich konnte es nicht einmal vorurteilslos lesen. Wenn ich es überhaupt lesen konnte, dann mit diesem Mix aus Abscheu und Faszination durch das Böse, also gewissermaßen durch die Finger. Man ist nicht Historiker, wenn man durch die Finger liest. Man ist nicht einmal Wissenschaftler, man mutiert zum Luftikus im eigenen Haus, man kann auch keine Gründe dafür beibringen, denn das würde voraussetzen, dass einer zwischen dem, was da steht, und dem, was er herausliest, einen Unterschied zu konstatieren imstande wäre – woher? Mit welchen Mitteln? Mit den einfachsten natürlich … aber der Bann ist stärker.
Reden wir über den Bann.
Wir? Welches Wir fühlt sich da angesprochen?
Rundheraus geantwortet: Keines.

Alle Schlechtigkeit der Welt
3

Hölzchen –

Alle Schlechtigkeit der Welt
3

Hölzchen, dem Vortrag lauschend: ein Nägel kauender, auf seinem Stuhl umherrutschender Herr mittleren Alters, zwischen den Modi ›erstarrter‹ und ›unsteter Blick‹ wechselnd – ein-, zweimal drehte er sich sogar in voller Breite um, als gelte es, das ganze Kollegen-Rund summarisch ins Auge zu fassen –, im Großen und Ganzen jedoch den Eindruck erweckend, als lausche er angespannt, allerdings nicht auf das Gesagte, sondern … auf Schwingungen in einem bestimmten Frequenzbereich, in dem die Vortragsstimme, neben der ersten, eine zweite Botschaft versendet, die der Merker in ihm eifrig mitzuschreiben sich müht –: aber halt, das stimmt nicht, eher hört er, als müsse er das, was da auf ihn eindringt, passieren lassen, überhören, was ihm nur unvollständig gelingt oder, sagen wir, unter inneren Windungen… Vielleicht trügt auch dieser Eindruck und er verhält sich wie jemand, der Verantwortung für das gerade Vorgetragene trägt und auszuloten versucht, ob er sie übernehmen darf: dann allerdings, dann darf er froh sein, dass seine Gattin, die das Verhalten nur allzu gut dechiffrieren könnte, augenblicklich nicht an seiner Seite weilt, denn wie der Volksmund sagt, Aufträge sind zu verkraften, Verachtung von höherer Stelle kaum.

Gleich hinter ihm sitzt Frau Leckebusch und es geht ihr: gut.

 

Die Realität hat ein Loch

Magazine Boy
1

Leckebusch, sich des Schuhwerks entledigend, schielt hinüber zu Elisabeth, die auf der Anrichte klappert. Eigentlich eine prachtvolle Frau, geht es ihm durch den Kopf –
ein Fremdgedanke, ein Fremdkörper, ein Ball, mit dem er jetzt spielen könnte, so wie er, als einstiges Mitglied einer Jugendmannschaft, spielen gelernt hat: annehmen, dribbeln, abgeben, – so denken Männer über Frauen, so sehen sie gelegentlich selbst die eigene an, das soll vorkommen, das soll –

Als Mann unter Männern fühlt er sich, seit er denken kann, fehl am Platz, fehl auf dem Platz, wenn er an seine kurze Fußballer-Karriere zurückdenkt, nicht ›krass fehl‹, so dass es sich jemals gelohnt hätte, psychologischen Rat einzuholen, eher leise schwingt da, kaum hörbar, eine Saite in ihm, die diesen Mannschaftsrummel, hinter dem noch anderes, ganz anderes steht, der Ablehnung preisgibt –

preisgibt, ja, das ist das richtige Wort. Auch jener Fremdgedanke verfällt, kaum gedacht, der Preisgabe: ein Dumpfprodukt, der männlichen Kollektivkehle entspringend, das sich pünktlich zu Wort meldet, sobald … Not am Mann ist. Es wäre schon spannend zu beobachten, ob eine distinguierte Frau wie Elisabeth darauf anspringt; vermutlich spränge sie darauf an, sie wäre, für diesen Augenblick, wie jede Frau, so wie er, ihm Raum gebend, für einen Augenblick jeder Mann wäre, schöbe sich nicht augenblicklich ein Vorhang über die Szene, so dass er, sich lose als Teil dieses fremden Kollektiv-Ichs gewahrend, einem Schattenboxer ähnlich sieht, um kein obszöneres Wort zu benützen.

Gibt es das: alle Frauen, alle Männer – oder, noch umstandsloser: Frauen, Männer? Natürlich nicht. Es handelt sich um Pseudokollektive, Dutzend-Schöpfungen der plattesten, phantasielosesten Einbildung. Eigentlich stehen sie wie Dampfpfeifen aus der menschlichen Rede heraus, denn darin besteht ihre Aufgabe: Dampf abzulassen, wenn der Druck im Kessel steigt, gleichgültig, aus welchem Grund. Eine prachtvolle Frau ist eine prachtvolle Frau: ein Schema, das sich aus der Wirklichkeit schält und eine Welt der Verwandlungen mit sich führt, der anonymen Begierden und ihrer fratzenhaften Erfüllung, der in der Wirklichkeit so wenig entspricht, dass einer von ihr kaum mehr zurückbehält als eine einsame Socke, gegen das Licht gehalten: Komik.

Magazine Boy
2

  • ―Eigentlich schade um den Wassermann. Hätte ihn für klüger gehalten. Liefert sich seinen Feinden aus – und wofür? Man muss das anders anpacken.
  • ―Der Wassermann ist ein Narr. Noch mehr solcher Reden und niemand wird ihn mehr einladen.
  • ―Ein Narr? Du hältst ihn wirklich für einen Narren?
  • ―Du hast doch gesehen, wie sie auf ihn reagiert haben.
  • ―Aber ein Narr? Sagtest du wirklich Narr?

Leckebusch ist indigniert. Wenn schon Wassermann, wie dann er? Wie Wassermann den Pranger auf die Bühne geschleppt, vor aller Augen aufgebaut und sich daran präsentiert hat, um sich, nach allen Seiten sichernd, gleich wieder von ihm zu lösen, das hat ihm, praktisch vom ersten Satz an, ein unangenehmes Gefühl verursacht, ein Wehen, ein Ziehen, einen Einfluss von Erinnerungsmaterial, das peinlich entsorgt zu haben zu seinen Stabilisatoren zählt; andernfalls wüsste er überhaupt nicht, wie er die Stunden am Katheder durchstehen sollte: unauffällig die Reihen des Auditoriums mit Blicken durchstreifend, unablässig auf der Suche nach Zuträgern der ›Firma‹, wie der Jargon der mental Ausgestiegenen die wuchernde Krake nennt, die drüben jedes gesellschaftliche Leben erstickt – eine Phrase, gewiss, in der aber doch das Wahre mitschwingt, dass du daran langsam, aber sicher erstickst: du, der Einzelne, das denkende Wesen, das nichts so begehrlich einsaugt wie die Luft der Freiheit, das herrliche Odium des offenen, durch nichts zu ersetzenden Wortes auf der Spur des Geistes, der weht, wann er will –, ein Wort, das bei den Kollegen ein unterdrücktes Grinsen erzeugt, mit dem er leben kann, gut leben kann, blendend, solange nur die Sache besteht, Bestand hat, denn darum geht es zuallerletzt: Bestand.
Mehr Luft!
Dass sie einmal knapp werden sollte…!
Wenn Wassermann ein Narr ist, was ist dann er? Ein Schelm. Du sollst dich nicht vergleichen.

Magazine Boy
3
Schulterzucken

  • ―Weißt du, Leckebusch, ich habe ein Faible für Leute, die andere verprellen. Ich habe nichts gegen deinen Wassermann. Er ist halt ein Mann. Auf mich wirkt er wie einer, der sich unter die Dusche verkrochen hat und jetzt den Strahl auf jeden richtet, der ihm zu nahe kommt. Soll er machen! Dann soll er auch mit den Konsequenzen leben.
  • ―Ich habe ihn eingeladen.
  • ―Du hast was? Da will ich doch erst noch gefragt werden. Dann lade ihn mal schön wieder aus. Daraus wird nichts.
  • ―Das geht nicht.
  • ―Oh doch, das geht.

Die Unnahbare. Die Göttin. Das Idol. Die Angepasste, die ihre Krallen ausfährt.

Magazine Boy
3
Schulterzucken

  • ―Weißt du, Leckebusch, ich habe ein Faible für Leute, die andere verprellen. Ich habe nichts gegen deinen Wassermann. Er ist halt ein Mann. Auf mich wirkt er wie einer, der sich unter die Dusche verkrochen hat und jetzt den Strahl auf jeden richtet, der ihm zu nahe kommt. Soll er machen! Dann soll er auch mit den Konsequenzen leben.
  • ―Ich habe ihn eingeladen.
  • ―Du hast was? Da will ich doch erst noch gefragt werden. Dann lade ihn mal schön wieder aus. Daraus wird nichts.
  • ―Das geht nicht.
  • ―Oh doch, das geht.

Die Unnahbare. Die Göttin. Das Idol. Die Angepasste, die ihre Krallen ausfährt.

Jäh, die Rolle: da ist sie und der andere füllt sie aus. Wie hätte Leckebusch, neben Wassermann tretend, das Thema Killus angepackt? Er ist kein Fachhistoriker, aber im Entscheidenden hat Elisabeth recht: Darum geht’s nicht. Das Überhaupt hätte, sich erhebend, die wesentlichen Sätze hinzufügen müssen: auf die Gefahr hin, nach Mitternacht vor verschlossener Haustür zu nächtigen. Wäre diese Gefahr real? Elisabeth der Zensor? Was weiß Elisabeth ––? Hier knirscht es, das Gebiss, es knirscht vernehmlich, Leckebusch weiß nicht, wie weit so ein Geräusch trägt, er will es nicht wissen. Soll es hinaus.

Magazine Boy
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Schlüsselangst

Um eine solide Schlüsselangst auszubilden, braucht einer

  1. eine gewisse Grund-Vergesslichkeit als frei vagabundierenden Panikauslöser,
  2. gesteigertes Verantwortungsgefühl für alles und jedes, allzeit bereit und imstande, in nebulöse Schuldgefühle zu diffundieren,
  3. ein verstärktes Bedürfnis, das Bergende zu gewinnen,
  4. als ständigen Begleiter die Unruhe: ›Sie sind hinter dir her‹,
  5. latente Dauerangst vor dem Unpassenden: ›So geht das nicht‹, ›Damit kommst du nicht durch‹ und dergleichen mehr.

Man nennt das ein Dispositiv. Das Dispositiv des Philosophen Leckebusch, sein Selbstauftrag lautet: Kämpfe gegen deine fünf Begleiter, indem du sie akzeptierst. Wie akzeptiert man das Bewusstsein eigener Unzulänglichkeit? Nun, das kommt auf die Form der Akzeptanz an. Eine Person wie Leckebusch, durchdrungen vom Bewusstsein der eigenen Würde, nicht zu reden von der Wichtigkeit, mit der sie meistens, wie auch in seinem Fall, verwechselt wird, bevorzugt die Form der objektivierenden Nichtidentifikation: Den kenne ich gut. Der soll ich sein? Wer sagt das? Wer wagt es, mir das ins Gesicht zu sagen?

Dafür gibt es einen Kandidaten: die Ehefrau, Dritten gegenüber unter Aufsetzung eines ehrlichen, die Wichtigkeit des Gesagten für mich und die Welt dick unterstreichenden Gesichtsausdrucks als ›meine Partnerin‹ tituliert. Warum ist das wichtig? Haben sie einen deal miteinander? Welcher deal zum Beispiel fesselt Leckebusch an Elisabeth? Was wollen die beiden miteinander? Eine Bank ausrauben? Eine gründen? Beides wäre, heute wie damals, in ihrer gesellschaftlichen Position nicht sonderlich empfehlenswert, auch wenn solche Fälle es immer wieder in die Schlagzeilen schaffen. Ausschließen lässt sich im Leben nichts, selbst für den entlegenen Fall, dass nur Narren es in Erwägung zögen.

Der deal, der die beiden verbindet, ist nicht so leicht auszumachen. Vielleicht dieser: einander (und, paarweise auftrumpfend, gegenüber jedem Dritten, der es wagen würde, der Sache näherzutreten) vergessen zu machen, was mit einem nicht stimmt: Elisabeths Nymphomanie etwa oder Leckebuschs unziemliche Ängstlichkeit als eine Quelle von Fehlern, wie sie typischerweise entstehen, wenn jemand etwas ihm möglicherweise Peinliches um jeden Preis vermeiden möchte. Natürlich hat die kluge Elisabeth diesen Zug an ihm vom ersten Moment an registriert. Aus irgendeinem Grund könnte sie davon gerührt worden sein, vielleicht, weil dieser handsame Streber sein Leiden gar so persönlich nahm, unfähig, dem einfachsten Realismus eine Stätte in seinem Herzen zu geben, der ihm sagen musste, dass dies das gewöhnlichste Leiden von allen ist und nur Psychopathen sich davon ausnehmen, obwohl bei ihnen der Haufen dessen, was sie zu verbergen trachten, sich am höchsten türmt. Leckebusch wiederum, mit seinem distanzierten Verhältnis zur Sexualität, die ihm stets als eine fremde Sache dazwischenkommt, wenn er gerade im Begriff steht, eines der Welträtsel zu knacken, die seine Vorgänger ihm absichtsvoll auf den Weg gestreut haben (denn einmal muss doch der Messias kommen und mit ihm der Paraklet, der alle Wunden des Denkens schließt), wäre, schon auf Grund des Sinnlosigkeitsverdachtes, habituell völlig unfähig, den exklusiven ›Besitz der Geschlechtseigenschaften‹ einer Frau für sich zu reklamieren. Es hätte ihn also nichts gekostet –

  • Ehefrau ist, wer alles vom anderen weiß, aber nur zu Zeiten, und dann wohldosiert, davon Gebrauch macht. Öffnet sie ihre Schleusen ungebremst, dann … dann … ist es vorbei mit der Partnerschafts-Herrlichkeit und das Wettrennen nach dem Ausgang hat begonnen. Über welche Distanz wird es gehen? Zu diesem Zeitpunkt weiß das noch keiner.

Magazine Boy
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Es ist leichter, den Schlüssel zum Universum in Händen zu halten, als den zum eigenen Haushalt sicher verwahrt zu wissen. Darin besteht, juvenil gesprochen, die Quintessenz dieses Gesprächs, dessen Verlauf Leckebusch doch überrascht hat, wenngleich nicht zu sehr: immer hat er gewusst, dass aus dieser Ecke einmal etwas kommen würde, dass die Freiheit der Bewegung in den privaten Verästelungen, denen sie ihre Unbeschwertheit verdankt, geborgt war, eine Lizenz auf Zeit, die nun abläuft. Die klassische Paarung von Schönheit und Geist kann nicht anders, sie scheitert daran, dass die Schönheit auch in geistigen Belangen schön sein will und der Geist in physicis zumindest nicht hässlich genannt werden mag, sondern auch dort mit geistigem Auge betrachtet zu werden wünscht. Zweifellos gehört es zur erweiterten Physik des Geistes, einen geschätzten Kollegen zu sich nach Hause einzuladen, wann immer ihm der Sinn danach steht. Bei diesem hier war es, nach dem Auftritt im Großen Hörsaal, angesichts der unübersehbaren Reaktion der versammelten Fakultät zwingend geboten und Elisabeth weiß das. Was sie da treibt, untergräbt seine Statur, vom zweifelzernagten Selbstbild ganz zu schweigen. Es nimmt die Zusage zurück, mit der sie ihn einst geködert hat. Kann er das zulassen? Offenbar nicht. Muss er es zulassen? Offenbar. Wenn er es aber zulassen muss: Was folgt daraus? Philosophisch gesprochen: Kann er zulassen, dass eine Sendung wie die seinige im Räderwerk der privaten Beziehung zermahlen wird? Eigentlich nicht. Dennoch ist er Zeuge dessen, dass dieser Prozess gerade begonnen hat. Und es ist nicht das Zeugesein, das dem Vorgang seine verhängnisvolle Dimension verleiht. Wie immer er es dreht, er ist Täter in diesem Spiel, Mittäter zumindest, samt Güterabwägung und allem, was zum Tätersein dazugehört, das Bewusstsein der Schuld inklusive.

Kann es sein, dass die durch die Feuilletons der Republik tourende Causa Killus gerade seine Ehe mordet? Ein bisschen unwirklich ist das schon, überaus unwirklich, um ehrlich zu sein, so unwirklich, dass er noch immer nicht weiß, ob bei ihm nun der Groschen gefallen ist oder irgendwo klemmt und es der Nacharbeit bedarf, um das kostbare Stück aus seiner Zwangslage zu befreien. Er möchte sich an die Stirn tippen, aber er fürchtet, Elisabeth könnte das vollends in den falschen Hals bekommen, und was dann geschieht –

Heute, beschließt Leckebusch, ist genug geschehen.

 

Das Tronka-Dilemma (TrD) nimmt
Fahrt auf

Ein Geschlecht aus Luft materialisiert sich
1
Wer nicht schweigen kann, muss reden

  • ―Siehst du (zischt Tronka und gleicht einem lecken Heizrohr, aus dem Dampf entströmt), du behandelst diesen Menschen als deinesgleichen und es geschieht etwas, mit dem du nicht gerechnet hast: er behandelt dich, als seist du Luft.
    Vielleicht bist du Luft, vielleicht ist es dir bisher nicht aufgefallen, aber von dieser, gerade von dieser Person möchtest du es nicht erfahren.
    Du erfährst es aber und musst dich dieser Erfahrung stellen. Wie stellt man sich einer Erfahrung, die einen annulliert?
    Ganz einfach: man stellt sich neben sie. Wie stellt man sich neben eine Erfahrung?
    Man spaltet sie ab. Das klingt kompliziert, aber es geht ganz einfach, zum Beispiel durch Negation: Nein, das meint sie nicht so.
    Sie meint es aber so und irgendwann sickert die Information durch. Was dann? Ganz einfach: Nein, das … das bin nicht ich. Sie mag mich zwar meinen, aber der Platz, auf den sie deutet, ist leer. Ich jedenfalls halte mich dort nicht auf. Die Sache betrifft mich nicht.
    Sie betrifft dich aber und irgendwann sickert auch diese Information durch. Was dann?
  • ―Sag mal (Blowasser ist damit beschäftigt, die Blumen zu gießen, eine Arbeit, die er der Sekretärin abgenommen hat, weil es ihm unangenehm ist, sie dabei zu beobachten): wen meinst du eigentlich? Ich meine, gibt es diese Person oder redest du jetzt ins Blaue?
  • ―Es ist eine Frau.
  • ―Dann, sagt Blowasser, dann... Er kommt nicht weiter, weil er ein wenig Wasser verschüttet hat und das Taschentuch ziehen muss.
  • ―Daraus folgt gar nichts. Auf dieser Stufe der Überlegung spielt das Geschlecht keine Rolle.
  • ―Ja dann...

Blowasser ist mit dem Gießen fertig. Er bleibt aber der Blumenpracht zugewandt.

  • ―Wir könnten heute Abend essen gehen. Hast du Zeit?
Ein Geschlecht aus Luft materialisiert sich
2
Je später der Abend

  • ―Du meinst also... Du meinst also, du nimmst sie als deinesgleichen und bist enttäuscht. Will sagen, du behandelst diese Frau nach dem strikten Gleichheitsgebot und sie ist enttäuscht. Sagtest du etwas in dieser Art?
  • ―Etwas in dieser Art. Sehr entfernt. Wie kommst du darauf?
  • ―Nur so. Also ist es irgendeine Frau. Irgendeine Person. Hast du sie gekränkt?
  • ―Ich? Das müsste ich wissen.
  • ―Musst du? Mit welcher Person musst du wissen? Der abgespaltenen oder der ersten?
  • ―Willkommen im Psycho-Märchen.
  • ―Natürlich hast du sie gekränkt. Natürlich weißt du es nicht. Aber sie weiß es und du weißt es auch.
  • ―Also sei nicht enttäuscht –
  • ―Komm schon. Mit welcher Sache? Du steckst da so tief drin, ich seh’s an deinen Ohren.
  • ―Jeder steckt irgendwo drin. Die Frage ist doch, ober er rauskommen will.
  • ―Willst du denn rauskommen?
  • ―Ich? Nein.
  • Wie willst du dann rauskommen?
  • ―Ich sagte doch: nein. Janein, das trifft den Sachverhalt nicht. Ganz und gar nicht. Nein, das trifft ihn nicht. Die Sache ist komplexer.
  • ―Nichtlineare Systeme. Keiner kommt ungeschoren davon.

 

  • ―Ach du Scheiße. Er hängt drin.

Blowasser blowassert.

 
blowassern: unklar reden unklar denken, unklar handeln. Wie unklar? Nach Blowasser-Art. Blowasser verfügt über Momente geistiger Klarheit, in denen seine Gedanken messerhell blitzen. Dann macht er dicht.
Ein Geschlecht aus Luft materialisiert sich
3
Wiedumir

Tronka hat da etwas gesagt.
Er sagt: diese Frau behandelt mich wie Luft.
Er sagt es nicht so, aber er meint es so.
Wie behandelt man Luft?
Niemand behandelt Luft. Luft ist da oder sie ist nicht da. Nimm sie weg und es ist aus mit dir.
Also nimm dich weg.
Aber das ist flapsig gesagt.
Redet man so mit einem Freund?
Das kommt auf die Freundschaft an.
Inwiefern ist Blowasser Tronkas Freund?
Sie haben sich angefreundet – so, wie die Pyramide das zulässt.
Blowasser hat sich aufs Erraten spezialisiert. Da er Menschen berufsbedingt nur ausschnitt- und abschnittweise zu Gesicht bekommt, liest er Dinge in sie hinein, die er nicht wissen kann. Zum Beispiel war er sich eben noch sicher, über Tronkas sexuelle Orientierung im Bilde zu sein. Jetzt ist er schwankend geworden.
Leiden? An einer Frau? Das klingt ... befriedigend.

 

Das schwarze Licht

Der Diskursabgrund und die Angst, rechts zu sein
1

Blowasser wandert. Von Fenster zu Fenster. Hebt den Blick, aber blickt nicht hinaus. Sucht das Licht, aber es stört. Etwas stört. Es hat das Volumen einer Fliege, mag sein, ihre Unruhe, mag sein, ihr Gewicht. Aber es ist keine Fliege. Es rumort in ihm. Was ihn stört? Er weiß es nicht. Er hat gut geschlafen, er hat gut gegessen und jetzt das. Die Brüsseler Tochter, auf der Durchreise zum neuen Studienort kurz bei ihm abgestiegen, hat ihn beim Frühstück gefragt, was man Killus vorwirft und er hat’s ihr erklärt. Keine große Sache. Nori ist so zauberhaft … nebenbei ein kluges Mädchen und die Welt der Wissenschaft ist noch weit. Lieber hätte Blowi gesehen, sie würde etwas Handfestes studieren, aber ihre Entscheidung nötigt ihm vollsten Respekt ab und mit Tronka, dem hiesigen Kollegen von der Philosophie, versteht er sich blendend.

Killus die Fliege. Blowasser versteht Killus. Blowasser versteht, was er getan hat. Killus ist weiter gegangen. Hat einen Schritt vor den andern gesetzt, konsequent, überzeugt, zweifelnd, ohne stehen zu bleiben, kurzfristig vielleicht, um Luft zu holen, das steht jedem frei, aber ein Buch geht aus dem anderen hervor wie … aus dem anderen. Killus ist l’homme qui marche. Blowi hat Giacomettis Bronzefigur bewundert – Fondation Vojéra, Paris 14 –, zwar nur ein Abguss, aber die dürre Gestalt tigert durch sein Gehirn, wann immer er nach einer Metapher für den Wissenschaftler sucht, der sich eines einfachen Problems annimmt und nach jeder Lösung, die er findet, stoisch dem Fragenfächer folgt, der sich aus ihr ergibt, bis … dieses ›bis‹ gab es bisher nicht, nicht in dieser Bewegung ad ultimum, solange das Herz mitmacht oder Freund Alzheimer nicht die Fäden aufnimmt, um sie unauffällig ins Nichts zu entsorgen. Killus’ ›bis‹-Register hört sich so an: bis das Auto vor der Haustür abgefackelt wird, bis der privat eher scheue Forscher mit Schrammen an Kinn und Schläfe von einem abendlichen Lokalbesuch nach Hause zurückkehrt, bis die prominenten Duzfreunde in tiefes Schweigen versinken und der Strom der Einladungen zum nächsten Symposium versiegt, bis die beliebten Talk-Moderatoren im Kreis ihrer Gäste sich seiner ›umstrittenen‹ Persönlichkeit annehmen, bis sein hageres Konterfei, eingelegt in ein subtiles Balkengeflecht, auf der Titelseite eines Nachrichtenmagazin erscheint, ganz als sei er bereits gelyncht oder als handle es sich um eine Aufforderung… Will er das? Soll so ein Blowasser enden?

Die Frage bedarf keiner Antwort.

Blowasser hat das Bibliotheksexemplar des fatalen Buches, das den Absturz bewirkt hat, auf dem Schreibtisch liegen, es liegt dort seit geraumer Zeit, er müsste das Leihdatum nachsehen, aber ihm kommt es so vor, als liege es dort seit Jahren. Ein paar Kollegen, an Renommee ihm weit voraus, haben es kritisch in allerlei Zeitschriften besprochen, sich in Interviewform darüber verbreitet und Bedenken gestäubt, als entströme ihm ein Schwefelgeruch. Doch das Buch, dieses Buch, das einzige Exemplar, über das die Pyramide verfügt, liegt auf Blowassers Schreibtisch, eingestaubt, gleichwohl noch erkennbar, er müsste es einmal wieder zur Hand nehmen.

Niemand, weder Kollege noch Student, hat während all der Zeit danach verlangt. Auch kein Nassen.

Der Diskursabgrund und die Angst, rechts zu sein
2

Das Buch: Blowasser hat es gelesen. Gründlich gelesen, Seite um Seite, keineswegs bloß kursorisch, wie die aneignende Lektüre wissenschaftlicher Werke es eigentlich gebietet. Das war ein Fehler. Einlullen hat er sich lassen vom Rhythmus der Sätze, ist den geschliffenen Perioden mit Wohlgefallen gefolgt, wusste gleich, das hier ist eine Summe und zugleich die Spitze eines Pfeils, gerichtet auf das black hole des Jahrhunderts und damit aller Geschichtswissenschaft, das absolut Unerklärliche, alle nachgeschobenen Erklärungen in sich Aufsaugende und zum Verschwinden Bringende: Killus will es erklären, er will diese Arbeit, die nun einmal getan werden muss, zum Abschluss bringen. Der Holocaust, in den Forschungsanfängen noch als ›Endlösung der Judenfrage‹ oder, angesichts des Unaussprechlichen, als grenzenlos absurde, des präzisierenden Genitivs unbedürftige ›Endlösung‹ gegenwärtig, ist das Zentrum seiner Lebensanstrengung, jeder niedergeschriebene Satz hat ihn ein Stückchen näher an diesen Gegenstand herangetrieben und nun…

Was nun…?

Lässt sich ein Buch, das von aller Welt verdammt wird, vorurteilsfrei lesen? Natürlich nicht. Keine Lektüre entgeht dem Vorurteil; wenn sich mehrere kreuzen – hier das Vorurteil zugunsten des Verfassers und das durch den Großen Denunzianten in die Welt gebrachte –, dann blitzt es kräftig und die Welt setzt sich durch: ›nicht vergleichbar‹, die einst von Killus, wem sonst, theoretisch unterfütterte Standardformel für die fabrikmäßige Ermordung der Juden Europas, hat sich als Schlinge um seinen Hals gelegt und keine Macht der Welt kann sie dort wieder entfernen, schon gar kein gelehrtes Kopfschütteln in einem privaten Wolkenkuckucksheim. Dazu ist sie durch allzu viele Köpfe gewandert und hat dort Spuren hinterlassen, Spuren der Aufgebrachtheit und des Abscheus, des aufgebrochenen Leides und des unauslöschlichen, auf geringste erinnerungspolitische Abweichungen achtenden Argwohns, als dass diese Sache gerade in Blowassers Kopf zurechtgerückt werden könnte, obwohl er begriffen hat, dass wie so oft, wenn sich politischer Wille in den Gang der Wissenschaft mischt, hier ein täuschender Gebrauch vorliegt, der sich ›sehr wohl‹ mit guten Argumenten entkräften ließe. Denn das hat ihn die Lektüre gelehrt: ein Killus ›setzt‹ nichts ›gleich‹, schon gar nicht ›einfach‹, er stellt Zusammenhänge her, er konstruiert Affinitäten und Kausalitäten, er unterscheidet sich darin um kein Gran von seinen Vorgängern und Konkurrenten, mit einer gewaltigen Ausnahme –

Der Diskursabgrund und die Angst, rechts zu sein
3

Aber wo liegt die Ausnahme? Blowasser wankt, wenn er auf dieses Gleis gerät, die Weiche rumpelt gewaltig, Wissenssteine, eingebettet in den Verdauungstrakt, geben knirschend Laut, vage bedeutend, dass hier eine Mauer aufgezogen wurde, eine Brandmauer in den Köpfen, die so davor nicht existierte … ein whitewashing des sozialistischen Erbes ist da in Gang gekommen, das sich nicht an den Fakten genügt, sondern den hässlichen Zwilling direkt aus den Weiten des Weltall auf die Erde gefallen wissen möchte, selbst unvergleichbar in seinen Bezügen, die reine Gestalt des Bösen, aus den weggeworfenen Denkschatullen des vergangenen Jahrhunderts eine bizarre Welt im Ungeist errichtend, die direkt zu den Höllenfeuern von Auschwitz und Majdanek geleitet, einen NS ganz ohne S … war das gestern so Stand der Forschung? Benommen schüttelt Blowasser den Kopf, er fühlt sich nahe der Lösung, doch die Mauer, die Brandmauer hält, sie hält, was sie verspricht, weil, so suggeriert es ein Springteufel, der gleich wieder verschwunden ist, sie verspricht, was sie hält.

Der Diskursabgrund und die Angst, rechts zu sein
4

Blowasseeer!… – er brüsselt ein bissel herum, macht sich fremd, als ginge es gleich vom Acker. Was soll das: ›fremd machen‹? Was will uns der Ausdruck sagen? Blowasser wühlt im Schlamm. Blowassowitz, Blowatschow, Blowater, Blowanz die Wanze, Blofanz… Irgendwo im Kopf sitzt der beißfaule Intellekt und hört sich das an. Beide Füße im Wasser, das monotone Klatschen der Tücher im Ohr: Wo bin ich? Wo hinein bin ich da geraten? Das hier, zwischen den Ohren, ist eine Sache des Ortes. An einem anderen Ort zu einer anderen Zeit … undenkbar. Nicht mit ihm. Be-dräng-nis, das ist das Wort.

Nichts Persönliches, aber: von Ohr zu Ohr.

Wenn ich zwischen den Ohren ein Zelt aufschlage und es baut sich Druck auf, es bläst gewaltig hinein, wo sitze ich dann? Im Freien? Weit gefehlt. Es wäre besser, ich säße im Freien.

Aber das lässt sich fürs erste nicht machen.

Unfrei: Was ist das?
Befangen: Was ist das?
Unter Druck: Was ist das?

Was ist das, was mich unter Druck hält? Ein Gedanke? Ein Gedanke wäre machtvoll genug…?

Das ist kein Gedanke.

Was dann?

Etwas zwischen den Ohren.

Ich-bin-kein-Schisser. Really?

Neben ihm, dreihundert Kilometer weiter, schreibt der Große Denunziant in seiner Zelle:

Wider die rechte Republik

Ein Aufruf

Seit dieses Land über eine schwarz-gelbe – in Wahrheit: schwarzbraune – Regierung verfügt, erlebt es ein präzedenzloses kulturelles Rollback. Dass seine Bewohner davon im Alltag so wenig bemerken, zeigt in Wahrheit nur, wieweit der Prozess bereits gediehen ist. Es wäre auch falsch, hier einen linearen Prozess im Sinne eines Fortschreitens konstatieren zu wollen. Stattdessen darf wohl, mit einigen Vorbehalten, konstatiert werden: das Land kehrt zu seinen Ausgangspositionen zurück. Das ist bitter für die leidenschaftlichen Gralshüter des Fortschritts, deren es draußen im Lande – und an den Universitäten – nicht wenige gibt; es entspricht jedoch der Aufgabe der progressiven Intelligenz, Regressionstendenzen, wo immer sie sich blicken lassen, schonungslos offenzulegen und sich nicht von öffentlichen Bekundungen einer wohlfeilen Liberalität einlullen zu lassen, die in der Sache nichts weiter darstellt als die Propaganda-Verpackung eines auf Repressionskurs befindlichen Systems.

Zu diesem Kurs zählt, dass die akademische Geschichtsschreibung hierzulande, ohnehin mehrheitlich ein konservativer Block, zusehends in den Bann von Kräften gerät, die ein weiteres Mal in der Geschichte den Bruch mit den Traditionen der Aufklärung vorantreiben und so das Land aus dem westlichen Wertegefüge herauslösen wollen. Der deutsche Sonderweg, der endgültig verlassen schien, feiert in den Schriften der Killus, Hurtenschwang, Liebermaus, Streicher fröhliche Urstände. Diesem Befund gilt es sich zu stellen. Unter dem Deckmantel der Restitution einer objektivistischen, dem eurozentrischen Prussianismus Rankes verpflichteten Geschichtsschreibung greifen die Handlanger der Reaktion zu ihrem bewährtesten Mittel: der Diffamierung der emanzipatorischen Kräfte als Wegbereiter und williger Helfer des historischen Stalinismus und seiner ›beispiellosen Verbrechen‹. Die Verhöhnung der Opfer, in diesen Texten allgegenwärtig, ist dabei nur eine Seite der Medaille – eine weitere wäre darin zu konstatieren, dass hier dem Weltverbrechen des Holocausts ein weiteres Mal widerfährt, was bisher unter dem Siegel der äußersten Rechten außerhalb der sittlich erlaubten Diskurse an Unsäglichem fabriziert wurde, diesmal allerdings aus der Mitte der Gesellschaft und ihrer akademischen Wortführer heraus, offenkundig im Vertrauen darauf, Gehör zu finden und Menschen zu instrumentalisieren, die seitens der technokratischen Intelligenz gern als Leistungsträger der Wirtschaft und damit im weiteren Sinn auch der bürgerlichen Society stilisiert werden.

Das Bestürzende der Lage besteht darin, dass hier, zum ersten Mal in der kurzen Geschichte des Landes nach dem Kulturbruch, eine Regierung, von der nach sorgfältiger Analyse angenommen werden muss, dass sie sich des konservativen Mäntelchens bedient, um ihre revisionistischen Ziele zu verschleiern, und akademisch-theoretischer Revisionismus im Gewand der ›neuen‹ Geschichtsschreibung in einer Zangenbewegung zusammenwirken, um, nennen wir die Sache bei ihrem wirklichen Namen, den Weltkrieg gegen das sozialistische Lager in Szene zu setzen, von dem aggressive Nato-Strategen im Verein mit den Falken des US-militärisch-industriellen Komplexes offenbar zu träumen nie aufgehört haben. Ein solcher Krieg kann nach Lage der Dinge nur als Krieg gegen die Menschheit geführt werden; daher handelt es sich um ein Gebot elementarer Menschlichkeit, den Schleier jeglicher Schein-Objektivität zu zerreißen und mit allen öffentlich verfügbaren Mitteln zu sagen, was ist. Objektivität, die verfügt, statt den Bann zu lösen, unter dem alles historische Geschehen steht, dient, abgesehen von einem falsch verstandenen, fetischhaft zelebrierten Wissenschaftsethos, der Unterdrückung der Gattung Mensch, sie zählt zu den Instrumenten des Todes und muss daher bereits im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb zerbrochen werden.

 
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
DER GROSSE DENUNZIANT VERHÄNGT EINEN BANN
(= Zeitgeschichtliche Dokumente XII)

Der Diskursabgrund und die Angst, rechts zu sein
6

Was hätte Blowasser dieser Suada, gesetzt, sie geriete ihm im Moment ihres Entstehens unter die Augen, entgegenzusetzen? Nichts. Weniger als nichts: sein Widerstand, falls er sich irgendwo regte, verwandelte sich nach den ersten Sätzen … nein, nicht in Zustimmung, soweit geht der Bonus des Großen Denunzianten nicht, auch nicht in gesunde Skepsis, selbst das nicht, vielmehr…

… in etwas, sagen wir (hol’ ruhig das imaginierte Wir zur Hilfe, das hier ist zu groß für eine Person), in etwas Unpersönliches, das ihn anfällt, ein Zwischending von Mensch und Tier, ein organisches Beben… Es gibt keine richtigen, ebenso wirk- wie behutsamen Wörter für das, was in diesem Augenblick in ihm vorginge und seine Verwandlung in ein fliehendes Tier bewirkte –

… ein vor dem Machtanspruch dieser Sprache fliehendes Tier, das seinen Herrn fand, den Verfolger ohne Wenn und Aber, dem entkommen zu wollen von Aberwitz zeugt; nicht, dass die Fluchtbewegung darum weniger reell genannt werden müsste, aber sie dient bloß der Ermattung des Lebenstriebs, der Vorbereitung der Kapitulation vor dem Unausweichlichen, dem organischen Schauspiel der in Etappen sich vollziehenden Kapitulation…

… die nie vollständig ausfällt, da das Tier nicht den ganzen Menschen füllt, in dem immer Raum bleibt für den unerklärlichen Widerspruch, Sklave eines als kritisches Bewusstsein getarnten Wahnsystems zu sein und sein intellektueller Widerpart, Austragungsort einer subkutanen Gegnerschaft, die bei ihren Bocksprüngen von niemandem erwischt werden möchte, von keinem Kollegen, keinem Angehörigen des Milieus, in dem ein Blowasser sich bewegt, wenn er nicht im Dienst ist, auch nicht von sich selbst, denn ein Blowasser

… darf um keinen Preis mit jener Kloake in Verbindung gebracht werden, die da heißt: rechtes Denken, rechte Gesinnung, reaktionäre Bestrebungen, vor allem letztere, denn was im Menschen, der einen akademischen Ehrgeiz in sich trägt, wäre nicht in irgendeiner Weise Bestrebung? Welcher Denkimpuls betriebe nicht die Revision irgendeines Dogmas? Welcher neue, noch unverbrauchte Gedanke, der aufblitzt, wäre in seinen Konsequenzen ausreichend überschaubar, um die Hand dafür ins Feuer legen zu können, dass kein Fädchen, kein Stäubchen von einer tückischen Seele mit dem da in Verbindung gebracht werden könnte? Gerade das treibt den Preis in die Höhe.

Die Wahrheit, die reine, zutiefst verfängliche Wahrheit ist, dass ein nicht kontaminiertes Denken nichts weiter darstellt als eine Chimaira, ein trügerisches Fabelwesen, wie ihm Tronka in jener unvergesslichen Nacht wortreich auseinandergesetzt hat, dass jeder Gedanke ein Übergang ist, eine Brücke auf dem Weg in unübersichtliches Gelände, und dass es daher besser, jedenfalls sicherer ist zu parieren, als sich dem Risiko auszuliefern, auf freier Wildbahn gehetzt und zur Strecke gebracht zu werden, denn der Große Denunziant steckt in vielen, er hat sich ihrer Reflexe bemächtigt und erzeugt nach Belieben … Schuld.

Schuld aber, tief vergrabene, polymorph-perverse, anlasslos aktivierbare Schuld, das sieht Blowasser ganz illusionsfrei, macht lenkbar.

Der Diskursabgrund und die Angst, rechts zu sein
7
  • ―Das, lacht Tronka sein gewinnendstes Lachen, sind die Geschäfte der Angst. Natürlich handelt der Große Denunziant mit der Angst. Womit denn sonst. Janein, das hätte ich dir gleich sagen können. In diesem Fall sogar mit einer gewissen Berechtigung, denn diese völkisch-atavistisch-reaktionäre Brut ist das Aller-, das Hinterletzte, das uns passieren kann. Natürlich ist Killus ein Liberaler. Ehrlich gesagt, ich habe mich immer gefragt, warum er für diese Irren die Kirschen aus dem Feuer holt. Denn zu retten, zu retten ist da nichts. Warum macht er sich die Hände schmutzig? Man muss wohl ein irrer Liberaler sein, um in so eine Falle zu laufen.
  • ―Da hast du recht.
  • ―Natürlich hab’ ich recht. – Und er legt die Hand an die Wange, als liege darin eine Bestätigung des Gesagten.

Da schweigt Blowasser. Nicht allein das, sein ganzer Körper ist bemüht, Bejahung zu zeigen, nicht in diese Falle zu laufen, von der ihm nur undeutliche Kunde geworden ist und von der er instinktiv annimmt, sie würde auch in seinem Fall zuschnappen, könnte er sich entschließen, den Ring des Schweigens zu durchbrechen und die simple Frage zu stellen, auf die irgendwo die ganze Sache hinausläuft – wenn nicht heute, dann morgen, wenn nicht morgen, dann übermorgen, wenn nicht übermorgen, dann zu irgendeiner anderen Zeit: Und wenn Killus doch Recht hätte?

Sieh da, er hätte, würde er sich an ihr versuchen, in Tronka einen Seelenverwandten gefunden. Die einzige Überlegung, die Tronka bewegt, falls er, selten genug, dem Komplex Killus einen Bruchteil seiner kostbaren Aufmerksamkeit widmet, lautet: Können seine allzu hochmütigen Gegner ihn widerlegen? Wie ist Killus zu widerlegen? Alles, was der Große Denunziant in dieser Angelegenheit geschrieben hat, ist Krepp – sorgsam geriffelt und pathetisch verklausuliert, aber in seiner Machart leicht zu durchschauen, akademische Wegwerfware, nüchtern berechnet auf die leichtgläubigen Gemüter der Journaille, die noch seinen hinfälligsten Produktionen eine perverse Aufmerksamkeit widmet, die, würde sie den wirklichen Fortschritten der Wissenschaft folgen, eine andere Bevölkerung zur Folge hätte, mit der in mehr als einer Hinsicht zu rechnen wäre, während sie so immer nur eine leicht auszurechnende Größe auf dem Schachbrett der Mächtigen bildet. Dennoch imponiert ihm der Große Denunziant, imponiert auch ihm sein ausgebreitetes Wissen, imponiert ihm der ungeheure Fleiß, mit dem er seine unermüdlichen Lektüren in immer neue Publikationen zu gießen weiß, und natürlich imponiert ihm das Prestige, dieses Ding an sich der akademischen Welt, das hier einen aus der Reihe seiner Lieblinge gefunden hat, von denen es nimmer lässt.

Doch Blowasser bleibt stumm und so verläuft sich die Welle im Wohnzimmer der Empfindungen, das zwar den Sturm im Wasserglas zulässt, aber nicht die heroische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Epoche, der düster im Hintergrund aller Positionierungen steht und, eingewickelt in den ungeheuren Phrasenreichtum seiner Ausleger, schweigt.

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8
  • ―Etwas hast du vergessen, flirrt Asche-Aigner, die Nachwuchs-Frau mit dem klimprigen Ohne-mich-Blick. Ist dir eigentlich der misogyne Zug bei Lichtenberg aufgefallen, speziell, wenn er über die Chodowiecki-Kupfer redet? Die ganze Geschichte der europäischen Kunst ist doch ein Holocaust an den Frauen. Wir brauchen gar nicht darüber zu rechten, du brauchst auch nicht weiter ›Schau mal!‹ rufen. Gerade darum geht’s ja, nur darum: die Erziehung des männlichen Blicks, und die Frauen schauen hold errötend zur Seite. Naja, wer will, kann das Erziehung nennen, aber bitte, damit wären wir bei der Erziehung. Dieser Killus sagt, er will niemanden erziehen, nur Fakten, Fakten, Fakten. Sieht ja nicht so gut aus mit ihm. Frau weg, Auto kaputt, Vorlesungsboykott, meine Fresse, wenn das kein Skandal ist. Langsam kann hier jeder wieder quatschen, worauf er lustig ist. Nein, ich will’s gar nicht wissen, ich will nichts wissen, ich seh’s deinem Blick an, dass du wieder zwanghaft relativieren musst. Nein? Wirklich nicht? Ehrenwort? Diesmal voll und ganz auf der Seite der Guten? Ich will’s mal glauben. Aus dem Neurosenalter sind wir ja langsam raus. Was liegt das Buch hier herum? Ab in die Tonne! Aber nicht in die Biotonne, das vergiftet ja einen vollen Acker.
    Siehst du, Blowi, ich weiß nicht, was deine Frau mit dir anstellt, aber diese Fahrten nach Brüssel bekommen dir nicht. Du bist zu häufig weg, du bekommst die Hälfte nicht mit. Es hat hier eine Killus-Konferenz gegeben, gleich nebenan, in deiner Abwesenheit. Du darfst ruhig ein bisschen staunen. Nassen war da, hat er dir nichts erzählt? Du bist völlig blank? Dann solltest du dem mal nachgehen. Nein, ich war nicht dort, mit Revisionisten befasse ich mich nicht, sie widern mich an, ich mag mit dem Zeug nichts zu tun haben. Aber ich habe etwas gehört. Ich habe gehört, sie wollen die Befassung mit diesem Buch verbieten. Sie wollen nicht, dass jemand in seinen Veranstaltungen darüber spricht. Verbot, Verbot, du weißt genau, was ich meine. Es gehört sich einfach nicht, es kommt zum Eklat, sobald einer dagegen verstößt. Sie haben auch Studenten dazugeholt. Seltsam, seltsam, dass dich keiner ins Bild setzen wollte. Vielleicht haben sie gedacht, du hättest den ganzen Aufmarsch hinter ihrem Rücken inszeniert und wolltest fein im Hintergrund bleiben. Wäre doch möglich, oder? Soso, du weißt also nichts.
    Sag mal, du verarschst mich doch nicht? Dann kontaktier mal Nassen.
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9

Eine Konferenz über Killus? Hier, gleich nebenan? Ohne ihn? Da muss Blowasser doch mächtig schlucken. Hat er nicht neulich gestreut, er wolle im nächsten Semester zu Killus eine Vorlesung aufnehmen, weil »da mal jemand ran muss und es langsam Zeit wird«? Weil »einmal in diese Angelegenheit Klarheit kommen muss«? Wem eigentlich? Nassen? No. Friedenwanger? Könnte sein. Dürrobst? Eher unwahrscheinlich. Den hätte er behalten.

Annabell? Zur Tür hinaus, er hat es kaum bemerkt. In ihrem Beisein, so seine Empfindung, kommt er eher wenig zu Wort. Aber sie hinterlässt das Gefühl, er habe zu viel gesagt.

Wie löchrig ist Friedenwanger? Sehr. Mehr noch: er setzt seine Indiskretionen gezielt. Friedenwanger ist ein Kretin. So etwas sagt einem keiner ins Gesicht, es wird übermittelt. Wozu gibt es Dritte? Friedenwanger ist ein Kretin.

Friedenwanger war’s. Sein Intimfeind von altersher.

 

Jede Gedankenkonjunktur erzeugt Schrott

Teuschner täuscht sie alle
1

Friedenwanger ein Kretin?

  • ―Mag sein, damit kann ich jetzt nichts anfangen.

Du solltest eine Liste der Themen anfertigen, mit denen Teuschner ›jetzt nichts anfangen‹ kann. Sie würde Erstaunliches zutage fördern. Du hättest bereits vor Jahren damit anfangen sollen. Jetzt ist es fast zu spät. Mag sein, Teuschner ist ein Kretin, es sprechen gute Gründe dafür, es so zu sehen. Aber er verfügt über ein erstaunlich waches Urteil – sowohl, ›was die Kollegenschaft angeht‹, um es etwas unscharf zu formulieren, als auch über die gesellschaftlichen Themen, deren aktuellen Stand er täglich seiner Standardzeitung entnimmt.

  • ―Nimm mich!

Nimm Teuschner: Es laufen viele Nimmichs auf diesen Fluren herum, worin besteht die Einzigartigkeit gerade Teuschners? Worin die Einzigartigkeit dieses elenden Täuschers? Worin gründet die Einzigartigkeit dieser Stätte? Die Einzigartigkeit einer Stadt, eines Landes, eines Ereignisses, einer Ereignisfolge, eines Gewitters?

Einzigartigkeit ist keine Eigenschaft, sie ist eine Lizenz.

Die Einzigartigkeit Teuschners besteht darin, einzigartig zu sein. Jeder weitere Bestimmungsversuch prallt an ihm ab. Ein Teuschner kann tun und lassen, was ihm beliebt, es hindert ihn keiner daran, und sollte es einer jemals versuchen, so würde er rasch merken: Das ist nicht so einfach.

Einzigartig ist die Fähigkeit, trotz schwerster Bedenken weiterzumachen. Insofern ist jeder Mensch einzigartig. Es muss jedoch etwas hinzukommen: die Leichtigkeit des Gelingens. Der menschliche Handlungsimpuls erlahmt, nach einer kurzen Phase des Aufbäumens, sobald das umgebende Element klumpt. Solange die Moral stimmt, ist die Welt in Ordnung, schlägt der Handelnde gegen sie aus, wird sie zur undurchdringlichen Masse.

Teuschners Welt ist ›in Ordnung‹.

Teuschner täuscht sie alle
2

  • ―Damit kann ich leben.

Wer mit der Moral kein Problem hat, muss deshalb kein Immoralist sein. Teuschner zum Beispiel (warum fällt dir immer wieder dieser Stümper ein?) ist ein begeisterter Interpret des kategorischen Imperativs. Er findet, Kant sei nicht ›zu rigoros‹ in seinen Anwendungen, also zum Beispiel dem absoluten Lügenverbot, sondern erliege einem Selbstmissverständnis, denn:

  • ―Lüge und Unwahrheit sind nicht dasselbe. Lügen ist eine Kommunikationsstrategie, der eine reale Sicht auf die Gesellschaft zugrunde liegt, es handelt sich um eine soziale Institution, um genau zu sein. Wer ihre Manöver nicht kennt und nicht ansatzweise beherrscht, der braucht praktisch nicht den Mund aufzumachen. Es gibt Meister und Stümper des Lügens, gewöhnlich werden nur die Stümper Lügner genannt, aber das ist eine bloße Konvention. Übrigens kennen alle die Ausnahme von der Regel: die großen Lügner werden Dichter geheißen, sie gestalten Wirklichkeit, allerdings nicht die Wirklichkeit, dazu verwenden wir Staatsmänner – und ‑frauen natürlich –, die andere Spezies großer Lügner, die allerdings nicht so genannt werden dürfen, damit das Dekorum gewahrt bleibt. Das Dekorum ist enorm wichtig, weil es die Wirkungsbedingung enthält; keine Wirkung ohne Dekorum, sie würde sich quasi selbst aufheben.

Teuschner lügt also, wenn er den Mund aufmacht, er hat kein Problem mit der Wahrheit, er hat kein Problem mit der Lüge, bloß als großer Lügner will er nicht gelten, das lehnt er ab. Er will einfach durchkommen, denn:

  • ―Es ist ein Irrtum, dass der Weg des geringsten Widerstandes den geringsten Widerstand generiert. Irgendwann bezahlst du die aufgelaufenen Rechnungen. Besser ist es, die Leute sagen von dir, das darf doch nicht wahr sein, dann legst du immer noch etwas drauf, damit es wirklich nicht wahr sein darf. Diese Wirklichkeit musst sich jeder selbst schaffen, dann steigen die Chancen, auch wirklich damit durchzukommen.

Warum erzählt er das? Warum erzählt er dir das? Seine Frau sitzt am Tisch, sie schaut ihn an, ihr Gesicht ist so ausdruckslos, dass du weißt: diese Suada kennt sie, damit ist sie durch. Er erzählt es dir, weil er keinerlei Selbstverhältnis besitzt. Er könnte von sich in der dritten Person reden, er würde es nicht einmal merken.

Teuschner täuscht sie alle
3

Teuschner blickt man nicht ins Gesicht. Man schaut ihm über die Schulter. Was sieht man da? Nun, zum einen eine no-problem-Welt, eine Welt, in der sich jeder Knoten mit Leichtigkeit löst, man muss lernen, auf seine Schnürsenkel aufzupassen, sonst steht man bald barfuß da und er lacht einen an:

  • ―Fehlt was?

Nein, es fehlt nichts. Was sollte schon fehlen?

Zum anderen: eine dünne Welt, überzeichnet in den Konturen, scharfgestellt und stark vereinfacht, aber nicht unplausibel, nein, ganz und gar nicht unplausibel, im Gegenteil: eine plausible Welt, einer mag davon halten, was er will.

In einer solchen Welt kann niemand leben. Sie wurde auch nicht dafür geschaffen. Sie dient einzig dem Zweck, Teuschner das Überleben zu sichern. Sie ist sein Gegenüber. Trittst du in sein Blickfeld, nimmt sie dich auf, wirst du Teil dieses Gegenübers. Du wirst Teil einer selbsterklärenden Welt. Wie geht das? Erstens: das Zeitgefühl kommt dir abhanden, stattdessen wächst das Bedürfnis, rasch auf die Uhr zu sehen. Einmal muss das hier doch ein Ende haben. Aber wann?

Zweitens: du verstehst dein Problem nicht. Hattest du eines? Sicher? Man lässt sich nicht ins Haus eines Kollegen einladen, weil man ein Problem verfolgt. Man folgt der Einladung, weil man neugierig ist: Was mag er bezwecken? Ein neues Projekt? Das hätte, nach allem, was du bereits über seine Projekte weißt, etwas Erheiterndes, geradezu Rührendes … alles, nur das nicht. Was dann? Will er dir imponieren? Wahrscheinlich findet er, so ein gastliches Haus brauche Gäste, vielleicht findet seine Gattin das auch, und zufällig fiel die Wahl auf dich.

So sitzt ihr zwei da, bis unter die Arme in eure Sessel versunken – die Hausfrau hat sich inzwischen davongemacht –, und pflegt, na was wohl: Konversation. Aber diesmal hat Teuschner sich viel vorgenommen, er laviert, er macht Umwege, er kurvt herum und plötzlich, urplötzlich, kommt er auf den Punkt.

  • ―Killus.

Teuschner täuscht sie alle
4

Da sitzt dieser Kretin und hat eine Meinung zu Killus. Offenbar reizt ihn die Nähe zur Gefahr. Jedenfalls reitet ihn das Bedürfnis, sich irgendjemandem gegenüber zu ›outen‹ und dieser jemand darfst, nach Lage der Dinge, du sein. Vermutlich hält er dich für unbedenklich genug, um die Kontrolle zu behalten, die ›Lufthoheit über das Gesagte‹, wie die pressegewandten Kollegen das auszudrücken pflegen. Aber aus irgendeinem Grund muss er dich doch für durchlässig halten, für ›semipermeabel‹, es sei denn, er bevorzugt, zumindest in diesem Fall, einen toten Briefkasten. Du weißt nicht, welche Variante dich mehr ärgern soll, und kommst ihm daher versuchsweise auf halbem Weg entgegen.

  • ―Du kennst den Beschluss?
  • ―Du meinst das private Meinungsbild?
  • ―Naja, etwas mehr war’s schon. Nennen wir’s eine kollegiale Übereinkunft.
  • ―Einen veritablen Angriff auf die Freiheit der Lehre.
  • ―Finde ich nicht. Wir wollen nicht gleich prinzipiell werden. Die Freiheit der Lehre verträgt schon einen kräftigen Knuff. Aber darüber wollte ich, ehrlich gesagt, nicht streiten.

Will er streiten? Willst du streiten? Was gibt es da zu streiten?

  • ―Damit das klar ist: Killus ist ein Idiot.

Hast du das bezweifelt? Was sollte er sonst sein, betrachtet mit dem Auge dieses Forschungsapathikers, dem der Ruf des schlafenden Riesentalents vorausgeht – »leider hört man so wenig von ihm« –, des Tricksers und Täuschers, des hässlichen Schwans, der in jeder Pfütze zu gründeln gelernt hat, des notorischen Unter-den-Tisch-Fallenlassers?

Jede Confessio beginnt mit einer Klarstellung.

Jeder Bekennende spricht in erster Linie von sich.

Teuschner täuscht sie alle
5

Wie lange kennst du Killus? Sehr lange. Er gehört in die Reihe derer, die deine Welt bebildert haben, eine alterslose Figur. Jedenfalls kannst du dich nicht daran erinnern, je über sein biologisches Alter spekuliert zu haben – so sehr sprach aus ihm die Epoche, in die du ungefragt hineingewachsen bist. Wäre der Ausdruck nicht mit Geringschätzung behaftet, du würdest beteuern, ein Gutteil seiner Forschungen zum Faschismus tapezierte die Wände deiner Mit-Existenz als denkender Zeitgenosse. Jetzt noch fällt es dir schwer zu denken: hoppla, er lebt doch, irgendwer, einer wie du und ich, lehrt irgendwo, ein paar Kilometer entfernt, unter diesem Namen … das ist eigentlich unvorstellbar.

Ganz anders Teuschner, fachfremd wie du: ihn beschäftigt der Kerl hinter den Büchern, Aufstieg und Fall des Severin K., auch wenn er sich darüber seltsam illusionäre Vorstellungen macht, denn er vertraut vollständig dem Gerücht.

Das Killus-Gerücht: eine unfromme Legende, gewoben aus Spekulationen über ein Familienvermögen, das Unabhängigkeit im Materiellen verbürgt, stille Grundlage der ›Tendenz zum Sonderweg‹ – ein Zunft-Scherz, der seine Herkunft aus Boshaftigkeit und Unvermögen nur lose verbirgt –, aus wilden Kombinationen, betreffend ein dichtes Netzwerk sensibler Freundschaften, die den krassen Außenseiter in einem anderen Licht zeigen sollen, weidlich hinausposaunt vom Großen Denunzianten samt Anhang, und schließlich –

  • ―Der Mann ist kein Historiker. Er ist Hermeneut. Mein Fach hätte ihn mit offenen Armen aufgenommen. Warum erzählt er uns diese Geschichten? Schon sein Beharren auf Objektivität macht ihn suspekt. Kein ernsthafter Historiker ist Ranke-Schüler, ich meine, wer so denkt, dessen Nase steckt tief in der phantastischen Literatur, das ist Borges, die moderne Geschichtsschreibung gibt das einfach nicht her. Diese Gockel werden ihn niemals brauchen können. Für die ist das Laientheater.

Teuschner, der Unbrauchbare, ist besessen von der fixen Idee des Gebrauchtwerdens. Eine Handvoll weiterer meldet sich pünktlich, sobald er in Fahrt gerät. Das Umsortieren von Kollegen in Fächer seines Gutdünkens nimmt darin einen der vorderen Plätze ein. Und selbstverständlich sieht er außerhalb seiner Disziplin überall Hermeneuten am Werk. Aus psychologischer Sicht ist das verständlich, da er seit Jahren aus unerfindlichen Gründen seinen Anteil an der hermeneutischen Literatur verweigert. Gerissen wie irgendein Gauner spielt er die Komödie der Suche nach einer neuen Auslegungspraxis, die, seiner bescheidenen, aber starrsinnig festgehaltenen Auffassung nach, noch kaum in Umrissen existiert: unterwegs nach verkappten Hermeneuten jenseits der Fachgrenzen, die es anders machen, anders als die geballte Kollegenschaft, die von ihm Beiträge erwartet.

  • ―Sie nennen ihn einen Philosophen.
  • ―Ach was. Philosoph ist bei denen jeder, der etwas auf dem Kasten hat. Und was wären die besseren Philosophen anderes als Hermeneuten? Hegel war Hermeneut, Kierkegaard war Hermeneut – ein lausiger, wenn man mich fragt –, Nietzsche sowieso, Heidegger sowieso. Und Steinschwafel … Steinschwafel hat es vorgemacht, wir sind bei ihm in die Schule gegangen, aber das ist, alles in allem, ziemlich lange her. Killus hat ein bisschen Heidegger studiert, das macht ihn doch nicht zum Philosophen. Es macht ihn zum Außenseiter in einer Zunft, die jeden Gedanken dreimal totschlägt, bevor sie ihn ausweidet.

Teuschner täuscht sie alle
6

Teuschner windet sich weiter. Und ein zweites Mal dreht er das Gespräch, um auf den Punkt zu kommen, eine Pointe, die er sich in seinen stillen Stunden überlegt hat und als deren Empfänger, vielleicht auch nur Testperson, er dich auserkoren hat – gewiss, es kommt nicht oft vor, dass er einen Pyramidenbewohner in sein üppig wucherndes Heim einlädt, um die Weltlage zu besprechen. Es platzt ein wenig unvermittelt aus ihm heraus, sein Babyface bekommt in diesem Augenblick etwas Versonnenes, so sehr ist ihm damit ernst.

  Unter den Graden des Ernstes ist der versonnene vielleicht nicht der spannendste, aber derjenige, der den Anderen am ehesten an der Entstehung eines Gedankens, weitab vom Kampf um Anerkennung oder Durchsetzung, teilhaben lässt.

Was der Wassermann da ausgeführt habe –: bei allem Respekt vor dem Kollegen, das sei doch Unsinn gewesen, »der übliche Unsinn«, verwässert und mit Scheinproblemen überlastet, ohne »Killus’ Ansatz auch nur ansatzweise« gerecht zu werden. Dieser Ansatz, ja, über den müsse man reden, wenn es schon sonst niemand tue … aus durchsichtigen Gründen übrigens, die zu thematisieren sich eigentlich nicht lohne, weil die Positionen der Beteiligten seit Ewigkeiten bekannt seien … das eingeschliffene Ideologen-Spiel … womit er, dies nebenbei, nichts gegen den Großen Denunzianten gesagt haben wolle, dessen Aussagen, wie von ihm nicht anders zu erwarten, auf einem klaren Wertefundament stünden. Nur komme es in diesem Fall eben auf die Differenz an, den kleinen Unterschied, der dem großen gelegentlich durchaus den Garaus zu machen in der Lage sei… Killus’ Ansatz, um einmal Tacheles zu reden, bestehe einfach nicht darin, das Vernichtungsprogramm der Nazis zu erklären, auch nicht, es verstehen zu wollen, weder objektiv noch, horribile dictu, affirmativ, was »ja ganz absurd« klänge und überhaupt keinen Sinn ergäbe … das zu behaupten sei schlicht und einfach unterkomplex … was Killus vorschwebe, sei vielmehr ganz offensichtlich, das Verstehen zu erklären: ein quasi transzendentales Unterfangen, insofern stimme das mit dem Philosophen ja, aber so zu reden sei unerheblich, es sei sogar unwissenschaftlich, da es das schlichte Faktum ausklammere, dass es im Grunde immer um transzendentale Fragen gehe, sobald der Mechanismus der Verständigung, menschlicher wie vormenschlicher, und damit des sozialen Handelns tiefenberührt sei, was bei größeren Eruptionen des Zusammenlebens allemal vorausgesetzt werden könne –

  • ―Ich rede natürlich von Krieg, Revolution, Wirtschaftscrash und dergleichen.

Alles, was dann zu passieren pflege, sei ja in der Regel hinreichend gut, meist könne man sagen: blendend erforscht, dafür sorge schon die Sensationsgier der Menschen und ihr verständliches Bedürfnis, Schuld zu verorten, aber eben nicht in den Bereich hinein, an dem Killus in seinem speziellen Fall gelegen gewesen sei, einfach deshalb, weil sich das Geschehen zu diesem einsamen Grad an Ungeheuerlichkeit erhoben habe, der auch die Suche nach dem Grund in eine ganz andere Dimension verschiebe –

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  • ―Was ich sagen will: ein Tiefenereignis wie der Erste Weltkrieg, genauer, das Frontereignis des Ersten Weltkriegs mit einem Resultat, das alles Erlittene, alle durchstandenen Kämpfe zu Makulatur werden lässt, will nicht einfach mit den üblichen Mitteln verstanden oder verarbeitet werden. Das wäre eine ganz verkürzte Sicht der Dinge. Es löst einen Verstehensmechanismus aus, den man ruhig biologisch nennen kann, jedenfalls bleibt er dem Zugriff, dem modifizierenden Zugriff des Verstandes weitgehend verzogen. Nein, das ist so nicht ganz richtig, er spannt den Verstand, also die Suche nach Gründen und erzählbaren Abläufen für sich ein, aber auf einer ganz oberflächlichen Ebene … darunter läuft ein Prozess ab, ja, ein Prozess, aber dieser Prozess ähnelt einer Fixierung, er erzeugt eine Fixierung, die auf eine gewaltsame Lösung drängt… Ist das Spekulation? Nein, es ist Hermeneutik, eine Art Tiefenhermeneutik – alle Welt denkt bei diesem Wort an Freud, aber Freud hat weder die Hermeneutik noch die Tiefe für sich gepachtet, vergiss Freud. Wenn der siegreiche Feind hinter dem Horizont verschwindet – das ist nicht ganz der Fall, er bleibt ja erhalten, aber in abstrakter Form, also in Form von Gebietsabtretungen, Reparationsforderungen, Schuldzuweisungen, militärischen Auflagen und so weiter –, dann tritt etwas ins Bewusstsein, das Hobbes’ Bild des Leviathan, des Tiers aus der Tiefe, eigentlich ganz gut umschreibt, also nicht die trotz Niederlage und Revolution weiterexistierende Staatsmaschine, sondern das archaische Muster des Staates, der ja in erster Linie Sicherheit verspricht… Wie sagte ich? Er tritt ins Bewusstsein, aber nicht als freundliches Erinnerungszeichen, sondern als verletzte … bloß ›Instanz‹ zu sagen wäre zu wenig … als verletzte Majestät, als unbedingt zu bewahrendes und nach Rache verlangendes Totem.
    So weit, so gut.
    Woran entzünden sich Rachegelüste am einfachsten? Genau: am bereits besiegten und am Ende durch die Gunst der Umstände dennoch siegreichen Gegner. Als Staat ist das revolutionäre Russland besiegt, aber nicht als Revolution. Das historisch kontingente Kriegsgeschehen setzt Lenins unwahrscheinliche Chance frei und er nutzt sie, sagen wir, perfekt. Anders im revolutionären Berlin, wo mit pathetischer Geste bloß ein paar administrative Hebel umgelegt werden, nachdem der Kaiser abgerauscht ist, aber eben doch nicht so sehr anders, dass nicht die revolutionäre Bedrohung bliebe… Die deutsche Oktoberrevolution spukt, als ausgebliebene, weiter in den Köpfen. Das ist ja tausendmal beschrieben worden. Alles, was Killus im Detail auflistet, die Ordnungsbesessenheit der Revolutionsfeinde, ihre Fixierung auf die Grausamkeiten der Revolutionäre – bei völliger Ausblendung der Grausamkeit in den eigenen Reihen –, ihr wachsendes revolutionäres Selbstbewusstsein, das nun selbst einen neuen Staat fordert, aber einen, der den ältesten Versprechungen des Staates endlich Genüge leisten soll, ist einerseits als Reaktion verständlich, aber dieses Verständnis hinkt, es hinkt in der Tat, wenn es nicht die in den Erschütterungen aufscheinende Präsenz des Leviathan in Rechnung stellt, die eben höher anzusetzen ist als alle Vernunft – höher oder tiefer, das gibt sich nichts –, die formende, bewusstseinsverzerrende Gewalt einer mentalen Tiefeninstanz, die im eingeregelten Staat sozusagen auf Eis gelegt ist. Es ist ja kein Wunder, dass Schmitt in diesen Jahren so besessen ist von Hobbes’ etwas nüchtern geratener Konstruktion des Leviathan und dass er damit zum Star-Theoretiker der Rechten wird, während die Nationalsozialisten gar nicht so viel mit ihm anfangen können … wie sollten sie auch? Er nimmt ihnen ja mit seinen juristischen Formeln die Butter vom Brot. So lange der NS revolutionär bleibt, so lange bleiben die Rachegelüste des Leviathan in ihm lebendig. Das soll ja, mit dem existierenden Staat als Beute, zwischendurch etwas nachgelassen haben, nicht im Sinne der Humanität, sondern im Sinne der Verrechtlichung des Unrechts, siehe Nürnberg ’35, aber im Krieg, im Krieg ist der Fanatismus wieder gefragt, und zwar über jedes bisherige Maß hinaus: er wird schließlich zum Instrument der Kriegsführung. Das ist ja der Sinn des totalen Krieges.

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Er ist ein wenig durcheinandergeraten mit all seinen Jas, der Gute; immerhin wollte er dir etwas anderes erklären, jedenfalls kam es dir zwischenzeitlich so vor. Er scheint es selbst zu bemerken, er räuspert sich, wie in solchen Fällen üblich, und wendet sich ab.

  • ―Ja?
  • ―Ja sicher.

Er scheint den Faden wieder gefunden zu haben. Den roten Faden, denn ein anderer käme hier nicht in Betracht.

  • ―Wie kommen wir vom roten Terror zum Holocaust? Wie kommt Killus vom einen zum anderen? Wenn ich die Kollegen im Hause anhöre, dann erhalte ich immer dieselbe Antwort: gar nicht. Killus phantasiert. Mehr noch: er erschafft einen Sündenbock. Wenn ich mir aber die Literatur der Zeit anschaue – und auf die bezieht sich Killus ja, jedenfalls am Rande –, dann sehe ich: der Sündenbock ist schon da. Bedient einer, der den Sündenbock diagnostiziert, den Sündenbockmechanismus? Das zu behaupten wäre ja absurd. Mir geht es aber nicht um den Sündenbock – und ich nehme einfach an: Killus ebenso wenig –, jedenfalls nicht primär. Worum es geht, ist der Leviathan als metapsychologische Größe, als Bewusstseinsmacht. Worin besteht diese Macht? Man kann sich da, je nach Gesellschaftstypus, verschiedene Antworten denken. Die nächstliegende hieße für mich: Zersetzungsangst. Das leuchtet ein, wenn ich den Zusammenhalt der Gruppe als letzte Überlebensgarantie für den Einzelnen betrachte. Wir dürfen ja nicht vergessen, wie sehr das Fronterlebnis die Generation, die da aktiv ist, geprägt hat: also diese Kameradschaftssache mit allem, was dazugehört. Oder denken wir an die revolutionäre Solidarität: gleiche Ziele, gleiche Mittel. Das Ziel ist die Vernichtung des Gegners, das Mittel der Kampf mit der Waffe und, im Inneren des Feindes, Zersetzung. Dieses Schema kennen beide Seiten. Nimmt man die nicht erwiesene, aber sozusagen tief empfundene Zersetzung des gemeinen Wesens, das Wort im Sinn des achtzehnten Jahrhunderts gebraucht, und die phantasiegetriebene Suche nach dem Schuldigen hinzu, also dem Sündenbock im klassischen Sinn, dann stehen wir da, wo Killus auch stand. Er macht sich ja alle Mühe, zum tausendsten Mal zusammenzutragen, warum fatalerweise gerade diese Bevölkerungsgruppe als Sündenbock einmal mehr ins Visier geriet.
  • ―Originell ist das nicht.
  • ―Nein, originell ist das nicht. Das würde auch Killus nicht behaupten. Aber ›Zersetzungsangst‹ ist am Ende auch nur ein Wort – ein Versuch, das Irrationale zu deklarieren. Es geht ja nicht um Angst, es geht um dieses ›Steh!‹ im Bewusstsein, die Verpflichtung auf die Gemeinschaft, die da plötzlich aufbricht. Alle Gesellschaften, die wir kennen, legen diese Verpflichtung auf ihre Weise aus, indem sie alle möglichen Heroismen und Pflichten darauf bauen, sie erklären sie auch mit den Notwendigkeiten des Überlebens, aber sie verstehen sie nicht. Der wahre Leviathan ist der gelebte. Angenommen, er bricht im Bewusstsein auf, dann produziert er seine eigene Logik der Gefahrenauslegung, eine Paralogik, wenn du so willst, eine irre Logik, wie sie Killus beschreibt, also muss man das Irre daran verstehen, den Mechanismus eines Verstehens, das eigentlich keines ist, sondern eine Unterstellungssequenz, die fatalerweise auf sofortiges Handeln drängt. Wenn dann Leute kommen, in denen dieser Mechanismus wütet und die sagen, wir wissen, wie’s geht, dann…
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  • ―Und du meinst, Killus…
  • ―Ich meine gar nichts. Im Grunde ist es mir wurscht, was Killus meint, dieser Mensch lässt mich kalt. Soll er dem roten Terror zum Opfer fallen, er hat ihn sich selbst auf den Hals gezogen, also muss er auch damit fertigwerden. Das ist doch spannend, oder? Mal sehen, was am Ende aus ihm herausbricht.
  • ―Eine Frage noch. Wenn dieser Leviathan, der, mehr unterseeischer Vulkan als Meerungeheuer, aufbricht und seine Deutung der Verhältnisse, sozusagen als eine Art flüssiges Magma, auswirft, so dass sie, endlich erkaltet, als ein Ausdruck blanken Irrsinns erscheint – so jedenfalls meine ich dich verstanden zu haben –, was wäre dann die treibende Kraft hinter dem Magma? Irgendetwas Transzendentales muss es da nach deiner Ankündigung doch geben.
  • ―Zeit. Du kennst den Ausdruck: Die Zeit drängt. Hätten wir alle Zeit der Welt, um unsere Probleme auszudiskutieren, dann gäbe es diese Probleme nicht. Die Zeit drängt immer. Extremzeiten sind Zeiten, in denen die Zeit extrem drängt. Deshalb schlagen Gesellschaften auch umso extremer aus, je komplexer sie werden: Komplexität ist Zeitverdichtung durch Vermehrung der Faktoren, die gleichzeitig mit im Spiel sind. Und Staatszerrüttung, hervorgerufen durch Krieg, Niederlage, Revolution, Wirtschaftskrise, Ressourcenverknappung und mangelhafte Lenkungskompetenz, ist ein hyperkomplexes Geschehen. Aber erzähl’s niemandem weiter, es glaubt dir ohnehin keiner.
 

Der Teuschner-Effekt

Liebe deine Panik!
1

So also redet Teuschner. Redet er so vor Studenten? Das zu wissen wäre nicht schlecht. Es würde erlauben, den Teuschner-Effekt dorthin zu verfolgen, wo er die nächste Generation prägt, falls ›prägen‹ das dafür angemessene Wort ist. Teuschner

  1. diskutiert, ohne zu diskutieren,
  2. redet manisch, aber in der Haltung äußerster Offenheit,
  3. stellt ungedeckte Thesen in den Raum, als enthielten sie die Lösung des von den Kollegen angezettelten Durcheinanders.

Ist das alles? Nein. Teuschner

  1. hintergeht seine Kollegen, denen er nach dem Munde redet, wann immer er ihnen begegnet,
  2. träumt von einer Rolle im Betrieb, die er nicht hat, und macht ihn genau aus diesem Grunde vor sich selbst verächtlich,
  3. hält dich offenbar für einen Verächter des Betriebs, dem er gefahrlos anvertrauen kann, wie er wirklich denkt.

Was du nicht weißt:

  • Wie denkt Teuschner wirklich?
  • Wie viele Vertraute genehmigt er sich?
  • Vertraut er seinen Vertrauten?
  • Hat er dir eine Rolle in einem Spiel zugedacht, das du nicht kennst? (Es könnte zum Beispiel sein, dass er dich irgendwann vor Zeugen auf eure Unterredung anspricht, als wäret ihr euch hinter dem Rücken der anderen in dieser Sache einig geworden, und dich damit kompromittiert.)

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All diese Überlegungen durchlaufen dein Gehirn wie der Blitz. Das Aufschreiben verzerrt sie, es bringt eine falsche Art der Verdeutlichung hinein. Was bezweckst du damit, dass du sie verschriftlichst? Vor wem glaubst du dich von Teuschner distanzieren zu müssen? Vor dir? Vor anderen? Vor bestimmten anderen? Welcher geheime Beichtspiegel wird da jäh in dir wirksam?

Liebe deine Panik!
2
Zwischenfrage: Sind deine Kollegen ›links‹?

Sie stehen im Bann des Großen Denunzianten, das ist wahr. Aber das beantwortet nicht die Frage. Du könntest einen von ihnen fragen, egal wen, und er würde dir lachend antworten:

  • ―Was ist links? Weißt du’s? Erklär’s mir!

Du könntest einen von ihnen fragen, ob er sich für ›eher rechts‹ halte, und er würde dich als einen potentiellen Denunzianten betrachten.

  • ―Rechte? Sind das die Typen mit den Springerstiefeln? Oder meinst du Killus und seine Bande?

Immerhin auffällig: die Asymmetrie der Antworten.

Liebe deine Panik!
3
Was besagt die Asymmetrie?

Denke an ein Koordinatensystem, das in einem bestimmten Bereich eine Verzerrung aufweist: die Linien führen nicht gerade durch ihn hindurch, sondern sind, wie die Gitterstangen eines demolierten Gefängnisfensters, auseinander gebogen. Es scheint Gewalt im Spiel zu sein, eine Gewalt, die durch dieses System hindurchgegangen ist wie der Ausbruchsversuch eines Häftlings. Die Koordinaten stimmen nicht mehr, sie haben ihre Bedeutung verloren, aber nicht ganz, nicht vollständig: sie winken eine zweite Art der Orientierung herbei, ein Denken in Kurven, in Ausbuchtungen, in Ausflüchten, um der Sprache ein wenig Leine zu geben, denn hier haben wir die Region eines Geschehens, welches stärker ist als … vielleicht nicht alle, aber immerhin die Art von Vernunft, die für die Erstellung des Koordinatensystems verantwortlich zeichnet und von der Überzeugung geleitet wurde, dass mit ihm die Erfassung eines Phänomens (oder Phänomenbereichs) gelungen sei.

Sicher hat das politische Koordinatensystem, in dem deine Kollegen sich bewegen, im Laufe von zirka zweihundert Jahren Erstellungs- und Auslegungshistorie noch nie zu den zuverlässigsten gehört. Eine Zuverlässigkeit, die sich an der Sitzverteilung der nationalen Parlamente orientiert, kann naturgemäß nicht höher sein als die des parlamentarischen Systems sein. Sie orientiert sich (hübsches Wortspiel, nicht wahr?) an seinen Höhen und Tiefen, am Schlingerkurs der Nationen, um es nüchtern zu formulieren, denn Trunkenheit ist das gemeinsame Erkennungszeichen all dieser Staatsschiffe, die auf dem Ozean der Massenerregungen kreuzen.

Die Anomalie allerdings, von der hier die Rede ist, hat einen anderen Kern. Sie zeugt von einem dauerhaften Defekt – einem Defekt nicht des politischen Systems selbst, sondern seiner Repräsentation in den Köpfen einiger seiner Bewohner.

Liebe deine Panik!
4

Wer sind diese speziellen Bewohner?

Sie verteilen sich auf

  • den gremienbeherrschenden Teil der Professorenschaft und seinen personellen Nachwuchs,
  • die ›Leitmedien‹, denen sie ihre politische Orientierung entnehmen (und von Fall zu Fall anvertrauen),
  • den Teil der Politiker, die, zumindest an der ideologischen Front, eifrig im Verbund mit den Leitmedien operieren.

Wo, in dieser Aufzählung, bleibt die Bevölkerung? Das Volk, der große Lümmel, der wählt, wie er will. Er folgt, mehr oder weniger scheuklappenbrav, den Lockungen der Propaganda. Aber er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Darin liegt das Unsägliche.

Nachwuchsmann Eike, offenbar poetisch begabt, hat dir einmal ein Manuskript ausgehändigt, es muss unter deinen Papieren liegen, hier ist es.

 
Das Unsägliche hat viele Gesichter
aber es bleibt gesichtslos
Das Unsägliche hat viele Gesichter
aber es bleibt
gesichtslos

non-paper

Sagen wir (das Kollektiv der Wir-Sagenden oder Sagend Wir-Seiend­en), einer der Honoratioren des Landes, sagen wir, der Präsident einer Institution XYZ, nein, sagen wir, eines Parlamentes, ja, sagen wir Parlament, Parlament ist gut…: Parlament ist sehr gut, da gibt es Feierstunden, da gibt es Gedenkstunden, da müssen Worte gefunden, beiseite gelegt, erneut hervorgeholt und in Würde gesprochen werden … das alles, sagen wir, gehört zum parlamentarischen Betrieb. Es fällt an, es muss gestaltet werden, weil es auf der Agenda steht, weil der kalendarische Brauch es heraufbeschwört –

… sagen wir also – was ließe sich zu diesem Fall nicht alles herausholen, was gesagt werden müsste, obgleich es wahrscheinlich, denn Wissen wäre unwahrscheinlich, für immer ungesagt bleiben muss? –, sagen wir also, besagter, in Rede-Angelegenheiten alles andere als unbedarfter Präsident, hielte eine Rede aus Anlass … aus Anlass … hier geraten wir bereits ins Stocken. Warum? Weil der Anlass so heikel ist, dass die rechtmäßigen, in allen in Betracht kommenden Lagen zuverlässig auf ihre Richtigkeit getesteten und für gut befundenen … Wörter bisher nicht zur Verfügung gestellt werden konnten, der Wortfindungsprozess sich also fortwährend im Fluss befindet. Sagen wir ganz einfach, der Parlamentspräsident habe irgendwann aus gegebenem Anlass, aus welchem Impuls heraus auch immer, sich entschlossen, die Worthülsen seiner Redendrechsler über Bord zu werfen und…

… nein, so kann diese Geschichte nicht erzählt werden. So nicht und anders auch nicht, weil sie die Geschichte des Landes in sich trägt, die wahre Geschichte dieses Landes, eine, die in jeder seiner Geschichten mitschwingt. Sie lässt sich auch nicht von diesem Land abstrahieren, sie ist seine Geschichte, sie ist unsere Geschichte, sie ist unser aller Geschichte, die Geschichte unseres historischen und moralischen Versagens, unabding‑, unabdingbar mit uns verbunden, mag jeder einzelne aus unseren Reihen wo-auch-immer das Licht der Welt erblickt haben, lang-lange nach jener finsteren Zeit. Dieses Verhältnis ist substantiell, es ist uns eingeschweißt, dem Wir-Kollektiv, als dessen Mundstück jener Repräsentant…

… nein, daran werden wir uns nicht die Zunge verbrennen, jetzt nicht und überhaupt. Dabei läuft sie doch bereits heiß an… Was soll’s, der Vorgang füllt die Zeitungen, da sollte auch uns ein wenig Reflexion… Sagten wir Reflexion? Sagten wir Reflexion? Also gut. Der Parlamentspräsident will, aus feierlichem Gedenk-Anlass, eine reflektierte Rede halten, eine Art Seminar-Ansprache urbi et orbi, er hält sich für einen religiösen Menschen, einen Kenner der Subtexte, er meint zu wissen, wie Menschen denken, er meint erläutern zu können, wie es zugehen kann, dass ganz allmählich ein Denk-Unheil von den Menschen Besitz ergreift und sie den machtgestützten Verführern als leichte Beute zuführt, Opfer einer Täterwerdung, Schrittchen für Schrittchen, Schritt für Schritt, Marschtritt für Marschtritt, Salve für Salve, Güterwaggon für Güterwaggon –

… vergaßen wir etwas? Überschlagen wir den Vorgang, gehen wir zurück in die Anfänge, nehmen wir ihn auseinander…: nichts. Nichts, woraus sich dem Redner ein Strick drehen ließe. Allein die Geschichte, die nicht erzählt werden kann, obwohl sie immer und immer wieder erzählt werden muss, sie holt den Erzählenden ein, sie holt ihn erbarmungslos ein, so wie, sagen wir, der Sekundenzeiger auf jener Schau-Uhr den Minutenzeiger immer und immer wieder überrundet. Sie holt jeden ein. Warum also nicht einen Präsidenten? Warum nicht diesen Präsidenten? Sie kann gar nicht anders. Sie muss ihn überrunden, so wie sie jeden überrundet, zu dieser oder jener Zeit, denn Zeit ist immer. Zeit ist immer –

… nein, nicht das Blitzlicht-Gelichter auf den Rängen, nicht die allzeit sprungbereite Empörer-Phalanx der Redaktionsstuben: in Augenblicken wie diesem tritt die absolute Gesellschaft in ihre Rechte ein und verlangt Opfer … ein Karriereopfer hier, ein Menschenopfer da … natürlich nicht die abstrakte, sondern das theoretisch schwer zu greifende Schmiermittel zwischen den Menschen, die Substanz, die sie gleiten macht, aber nicht, ohne ihnen den Preis dafür abzuverlangen, nicht ohne… Er hätte reden sollen, ohne zu reden, der Parlamentspräsident, er hätte seinen weit geöffneten Mund fest verschlossen halten sollen, er hätte, hätte … das Sagbare besser kalkulieren sollen, das ihn nach oben getragen hat und ihn jetzt stürzt. Aber das sind Worte.

Die Gesellschaft holt sich ihre Opfer, wie sie sie immer geholt hat, sie wieder-holt sich, am deutlichsten in ihren antagonistischen Momenten, die nichts, aber auch gar nichts miteinander verbindet, vielleicht, weil gerade da nur das Opfer hilft. Nicht, dass die Verbindung am Ende wirklich abreißt. Es gibt keine a