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DIE PYRAMIDE

DAS FU-PROJEKT

»  DIE SCHAM  «

DER EXCESS

 

Museum der Scham

Masken des Eros 2

FEUER UND WASSER

Masken des Eros 3

ASCHENPUTTEL / BLIND DATE

Masken des Eros 4

MIT DIR GEHT EIN TEIL MEINER SEELE

Masken des Eros 5

DER BLEICHE MOND

Masken des Eros 8

KOPFÜBERKOPFUNTER

Masken des Eros 9

DIE BÜHNE IST FREI

Masken des Eros 10

REIGEN, DIE ALTE LEIER

Masken des Eros 11

KALTE FUSION

Masken des Eros 13

DICH HÄTTE ICH GELIEBT

 

Professor Leckebusch sieht seine Frau plötzlich
in einem neuen Licht

Seelische Wunder
1

―No, she doesn’t like her.

Sie mag sie wirklich nicht, das hat Simon ganz richtig gesehen, kluger Junge, das muss man ihm lassen. Er hat’s begriffen, da muss sich Leckebusch fragen, woher, bei soviel Jugend, soviel Einsicht kommt, die schon an Innensicht grenzt: Elisabeth, die niemals Eifersüchtige, die frei, damit Leben sei, unter den Lebenden Wandelnde, zeigt deutliche Merkmale einer eifersüchtigen Zicke –

nein, so weit möchte er, ein paar seelische Kratzspuren abgerechnet, die ihm das tägliche Pensum am Schreibtisch nicht gerade erleichtern, noch nicht gehen, aber zweifellos muss etwas geschehen, und sei es nur, um das wohltemperierte Betriebsklima wieder herzustellen, dessen er bedarf, will er den Abgabetermin beim Verlag nicht platzen lassen. Man bringt, eiserne Regel, keine Studentin nach Hause, auch diese nicht. Auch diese nicht.

Nein, er gibt jetzt nicht den Professor Unrat, die junge Frau wird ihn nicht in die Lage bringen und Elisabeth auch nicht: sie schon gar nicht, es sei denn, er räumt ihr soviel seelische Macht über sich ein, dass er sich irgendwie schuldig fühlt, schuldig im weiteren Sinn, denn wo kein Delikt vorliegt, da hat Schuld schlechte Karten. Hat sie das? Wirklich? Darum geht’s nicht, würde Elisabeth antworten, würde er sie, in einem Anfall von geistiger Umnachtung, danach fragen, darum geht’s wirklich nicht, worum dann?

Eine Frau wie Elisabeth, ›strong‹, wie young boy Simon sie bei jeder Gelegenheit nennt, übermannt Eifersucht nicht ›einfach so‹, überhaupt lässt sie sich ungern ›übermannen‹, das unter uns und auf die Faust gesprochen, andere Männer mögen das andere Erfahrungen machen, sie könnten sich da aber auch täuschen. Umso erstaunlicher die Affektlage, in die sie beide, quasi über Nacht, geraten sind, seit dieses zugeflogene Spatzenwesen ihre Wohnung als Bauer benützt, ohne Anstalten zu machen, ihr so bald zu entfleuchen. Ein Spatz im Bauer? Nun ja, Metaphern sind Glückssache, das Glück des Suchens und das Glück des Findens gehen nicht immer synchron, gelegentlich gehen sie ganz und gar unterschiedliche Wege.

Seelische Wunder
2

―This is my paradise.

Augenscheinlich erhebt auch Simon Ansprüche, sieh an, wer hat sich da, quasi als Staatsgast, eingenistet, jedenfalls für die Sommermonate, im Winter ruft die Promenade von Haifa, auch Liz wird nicht ewig im Haus tirilieren. Das Haus, immerhin, wäre groß genug. Das Töchterchen profitiert vom Umgang mit beiden. Man sollte auch diesen Aspekt nicht ganz außer Acht lassen. Ein wenig großbürgerliches Benehmen und wahrlich allen wäre gedient. Selbst den Arbeiter- und Bauernstaat hätte er nicht verlassen wollen ohne dieses grundierende bürgerliche Gefühl, das über Peinlichkeiten, die das Geschlecht nun einmal bietet, hinwegsieht und Formen für alles bereitstellt, für alles, no doubt, young man, keep calm, young man, keep calm. Hat Simon Elisabeth aufgestachelt?

Seelische Wunder
3

Wir haben den Mechanismus der Schuld analysiert und nichts gefunden außer ein paar Brocken Mondgestein, herausgebrochen aus dem Universum der Wünsche, funktionslose Überbleibsel eines kosmischen Dramas, jedenfalls unter Zugrundelegung der griechischen Mythologie, gegen die, im Vergleich zu anderen, sich immer noch wenig einwenden lässt. Es sei denn… Radikale Aufklärung, von Grund auf betrieben aus dem Gefühl heraus, nicht anders existieren zu können, dürfte zu anderen Ergebnissen kommen, Krafft-Ebing dort im Regal spricht eine solche Sprache, nach ihm traten andere ans Licht, ganz andere, sie haben die Welt verändert, aber die Welt hat auch sie…

Seelische Wunder
4

… verändert, gewiss, das Projekt hat Elisabeth verändert, sie reifer, blühender, zur gleichen Zeit schmäler gemacht, vielleicht ihm entfremdet – ein Fehler vielleicht, sich darauf einzulassen, vielleicht. Es ist nun einmal geschehen und jetzt sind wir alle ein ganzes Stück weiter. Der Boden hat sich verändert, womöglich verwandelt, zwischen Veränderung und Verwandlung passt kein Blatt, ein Abgrund hingegen … jederzeit, Veränderung wirkt und Verwandlung bewirkt, dazwischen liegt oder steht oder fällt das Mysterium tremendum, die Vorstellungen gehen dir durch und es ist niemand da, sie einzuhegen. Wäre auch lächerlich, denn hier geht’s um die Frage, den Spatz zu entsorgen oder auch nicht, oder auch nicht.

Nein, Elisabeth. In diesem Fall geht es um mehr. Es geht um den Grund unserer Abmachung. Der Spatz hat nichts zu bedeuten, das weißt du, das weiß ich, zu bedeuten hat, was du daraus machst. Ich weiß aber nicht, was du daraus machst. Simon ist bloß der Bote. Ich könnte ihn eigenhändig köpfen, dann wäre ich der Unhold und hätte die miesen Karten. Willst du es dahin treiben? Vielleicht genügte es, dein Simon zu sagen und mein Spatz und alles, sagen wir, käme in eine neue Fasson. Welche Fasson soll das sein? Ich werde dich nicht fragen, darum sag’s mir jetzt, sag es gleich, denn gleich danach wird es zu spät sein. Nein, dein Honigmund mag sich nicht öffnen, er bleibt fest geschlossen, ein wenig fester sogar als sonst, das passt zur neu erworbenen Schmalheit, sie steht dir übrigens ausgezeichnet, abgesehen davon, dass sie mich auf Distanz hält.

Wenn aber der Spatz nichts zu bedeuten hat, falls er nichts zu bedeuten hat, auch das eine schwer überprüfbare Hypothese, wofür steht er dann? Liz ist kein Kind, eine Kindfrau vielleicht, das entscheiden andere, da halte ich mich heraus, eine Frau bricht in Tränen aus und schon nimmt alles weitere seinen Lauf. So warst du natürlich nie. Deine Tränen, Elisabeth, sie trockneten schnell, ein Strahle-Lächeln wischte sie aus dem Gesicht, du strahllächeltest, wann immer ich dein gedachte. Jetzt spreche ich schon mit dir, als wärst du mir ganz nah – ein Irrtum, verzeihlich vielleicht, aber ein Irrtum und als solcher notiert. Hin und wieder notiere ich etwas, das ist wahr. Ohne Aufzeichnungen stände die Menschheit noch immer dort, wo die Biologie sie hingestellt hat: am Anfang. Ich kann nicht im Schatten eines Lächelns leben, tut mir leid.

Seelische Wunder
5

Warum stört dich der Spatz? Das möchte ich wissen. Warum stört mich das? Davon will ich schon weniger wissen. Überhaupt will ich weniger wissen, je näher mir die Fragerei kommt. Das fällt mir, nicht zum ersten Mal übrigens, auf. Es mag in der Psyche so angelegt sein, aber der wirkliche Grund scheint mir ein logischer zu sein: Selbstaufklärung ist ausgeschlossen, das Ausgeschlossene schlechthin, weil der Einschluss das Einzuschließende einschließt, also die typische dialogische Dreierrelation bildet. So eine Dreierrelation haben wir jetzt – unsere Ehe, pardon: unsere Beziehung schließt ein, was sie ausschließt, vielmehr auszuschließen beschlossen hat, die weinende Frau, la donna in lacrime, die Frau, die getröstet sein will und jetzt auch da ist, so wie Simon übrigens, der überhaupt nicht getröstet zu werden braucht, obwohl ich manchmal denke, ganz bei Trost kann er nicht sein, so wie er dich umschwirrt.

Warum stört mich das? Es hat mich bisher nicht gestört und jetzt stört es mich. Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Vielleicht hat dich das nicht gestört und jetzt stört es dich. Mag sein, ich kenne mich in solchen Dingen nicht aus. Fest steht: du kannst nicht weinen und ich kann nicht lachen (jedenfalls hört es sich, wie du einmal moniertest, immer furchtbar gekünstelt an), da bleiben wir uns bei einiger Fairness nichts schuldig. So richtig haben mich die Tränen der jungen Dame an jenem Abend auch nicht gerührt, sie waren mir eher peinlich – das Seminar war zu Ende und ich musste den Raum abschließen, nichts lag in dem Moment näher, als das heulende Bündel einfach mitzubringen und vertrauensvoll in deine Hände zu überliefern, das Gehalse im Auto lassen wir jetzt einfach weg, erstens ging es von ihr aus und zweitens war es der bestehenden Verwirrung geschuldet – sie ist leicht verwirrt, unser Spatz, doch nicht leicht zu verwirren, versuch es nur, gleich ist sie blitzwach, und das gefällt mir an ihr.

Seelische Wunder
6

So jedenfalls kann es nicht weitergehen. Leckebusch ächzt, es ist schon ein besonderes Ächzen, das ihm entfährt, er selbst erkennt es nicht gleich in der Verkleidung, auch besitzt er wenig Erfahrung im Umgang mit dieser unterbelichteten Kommunikationsform und hat sie in Gedanken für Unfallopfer und dergleichen reserviert: nun entfährt es ihm selbst. Gut, dass die Sekretärin schon fort ist – es wäre ihm unangenehm, sich in dieser Weise Gehör zu verschaffen. Ein Kaffee wäre jetzt, ungeachtet der vorgerückten Stunde, ganz recht, zum Glück gibt es Automaten. Draußen dunkelt es, da fängt der Tag erst an.

 

Guidos Bericht

Pott

Nicht-Ort
von Norden
erinnert


 
Nicht-Ort
1

―Ich erinnere mich, erzählt Guido, dieser Baukran stand in einem Winkel des Hofs, teilweise abgedeckt, angetan mit einem schmutzigen Weiß, das sich auf den übermalten Rostpartien spannte und hier und da zu bröckeln begonnen hatte – wenn ich mit der Hand darüber hinfahre, bleibt Regennässe in meinen Fingern und diese rauhe Empfindung, gefolgt vom plötzlichen Schmerz der unvermittelt aufgerissenen Haut. Die Versuchung der Glätte, des geradezu Glitschigen, gepaart mit der Verletzungsgefahr, die jederzeit gegenwärtig ist, also nicht nur besteht, sondern die sinnliche Empfindung grundiert, scheint mir zu den hauptsächlichen Ingredienzien des kindlichen Lebens, vielleicht des Lebens überhaupt zu gehören.

Nicht-Ort
2

Der Baukran ruhte zusammengefaltet in seinem Winkel wie ein riesiges erstarrtes Insekt, das Bild mag abgegriffen wirken, aber es trifft doch das, worauf es mir hier ankommt. In gewisser Weise verleiht das Klettern auf einem solchen Objekt Flügel, man erhebt sich in die Lüfte und lässt die offenen Münder der Spielgefährten unter sich. Man könnte in sie hineinspucken, wenn man sicher wäre, dass man auch treffen würde. So kann es natürlich nicht ausbleiben, dass sich der erste schon aufmacht, um einem nachzukommen. Man reizt ihn mit höhnischen, vielleicht auch nur aufmunternden Worten, dem eigenen Weg zu folgen, man zeigt ihm, wo er sich festhalten kann, welche Richtung er einschlagen muss. Alles Dinge, die er selbst ausknobeln könnte, aber man ist ihm ja vorausgegangen und besitzt einen Vorsprung an Wissen, Schläue, Entscheidungsfreude, dem er sich unterzuordnen hat. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig.

Nicht-Ort
3

Währenddessen weiß man aus alter Erfahrung: er ist nicht so behende wie man selbst, vielleicht auch nicht so helle, nein, nicht so helle, gerade darauf beruht ja die unverbrüchliche Freundschaft, die man für ihn empfindet. Diese Freundschaft ist ein starkes Band, besonders jetzt, wo auch die anderen, unten Gebliebenen an ihm zerren. Sie sehen seine Unsicherheit, seine Angst, und verstärken sie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Auch sie höhnen also, raten ihm, wieder herunter zu kommen, scheinheilig oder unter Gelächter, unter listig absichtslosen Reden mutiert der Kran zum Inbegriff des Verbotenen, ein gewaltiges Tabu lastet auf ihm, bereit, jeden in den Abgrund zu schleudern, der sich ihm widersetzt. Man selbst, in komfortabler Stellung oben auf dem Gestänge hockend, begreift nicht ganz, was sich da abspielt, spielend überblickt man die wenigen, leicht zu meisternden Griffe, die den Kletterer von einem selbst trennen, der Sog, der von den Mündern da unten ausgeht, erfasst den Angekommenen, schon zerrinnt alle Leichtigkeit, nein, nicht alle, ein Teil bleibt, ein guter Teil, leichtschwer fühlt sich der Körper, mehr noch die Aufgabe an, die einen erwartet und wächst und wächst.

Nicht-Ort
4

Nein, nicht darum geht es, wieder Boden unter die Füße zu bekommen: nichts leichter als das. Aber dieser angststarrende, an den Rücken des Insekts angeklebte, in alle Richtungen blockierte Körper muss mit in die Tiefe, darum geht es jetzt, um nichts anderes, und so macht sich die Tiefe schwer. Ein Klotz, hängt sie an den Beinen, man muss ihr Widerstand leisten, die schwere Aufgabe erfordert den ganzen Mut, ich könnte schwören, dass ich sie noch heute empfinde, schwerer als damals, denn der Kran ist verschwunden und damit die Möglichkeit, mit der Kraft des Erwachsenen die Situation ein für allemal zu klären. Diesen Kran werde ich nicht mehr los. Ich muss den Boden gewinnen, soviel ist sicher, sicher auch, dass mir gerade das verwehrt bleibt, gerade das.

Nicht-Ort
5
  • ―Wie geht die Geschichte aus?
  • ―Wie geht sie aus? Geht sie aus? Ich sehe mich unten, auf dem Boden, inmitten der anderen, die zurückgewichen sind, als hätte ich etwas verbrochen, ich sehe den Freund oben im Gestänge, nur wenig über den eigenen Köpfen, aber unerreichbar eingeschlossen in seine Angst. Er ist Freund wie noch nie und etwas drängt aus ihm heraus, das sich nur durch das Kinderwort ›Feindschaft‹ umschreiben lässt. Er ist in diesen Momenten mein Feind, daran besteht kein Zweifel. Ich muss ihn dort herunterholen und kann es nicht, weder handgreiflich noch mit Worten, er trotzt mir auf jede erdenkliche Weise und jetzt beginnt er zu weinen, still, erbärmlich, unaufhaltsam laufen ihm die Tränen über die Backen und tropfen herunter, man müsste sie auffangen, um das Ganze ungeschehen zu machen.
Nicht-Ort
6
  • Natürlich haben ihn die Erwachsenen heruntergeholt. Man suchte, wie üblich, den Anstifter und fand ihn in mir. Mit solch einfachen Handgriffen bringt man das kindliche Universum wieder in Ordnung. Strafe ist Spannungsabbau, wissen Sie das nicht? Nur der Kran blieb ab sofort tabu – oder soll ich sagen: er wurde es? Ich kann mich nicht erinnern, dass der Winkel, in dem er stand, in unseren Spielen weiterhin eine Rolle spielte. Gerade darin spielte er sie.
Nicht-Ort
7
  • ―In meiner Kindheit, die von seltsamen, nicht zusammenhängenden Orten beherrscht wird, finde ich einen ähnlichen Nicht-Ort. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass die Katastrophe dort niemals stattfand, jedenfalls nicht zu meiner Zeit, sie war in die Zukunft entrückt, in eine unter möglichen Zukünften, das klingt jetzt seltsam, aber so war es wohl. Kinder besitzen die Fähigkeit, in unterschiedliche Zukünfte wie in die Falten eines Kleidungsstücks zu schlüpfen, das nicht für sie bestimmt ist, aber in ihren Spielen dringend gebraucht wird. Wir spielten in Gärten, an die sich Wiesen anschlossen, dahinter floss ein Kanal, ein großer, von Schleppkähnen befahrener Wasserweg, dessen scharf ausgestanzte Ufer mit senkrecht in den Boden gerammten Stahlplatten gesichert waren. Wie weit es dort in die Tiefe ging? Schwer zu sagen. Für uns Kinder jedenfalls ging es tief hinab, viel zu tief, um jemals wieder herauszugelangen. Es war der nasse Tod, der uns von da unten anblickte. Ich kann nicht sagen, dass uns davor graute. Natürlich waren diese Wege strikt verboten. Doch das Verbot, ohne zu seiner Übertretung förmlich anzustiften, verwandelte sich, sobald eine unsichtbare Linie überschritten war, die Landschaft selbst wandelte sich, verwandelte sich in etwas ohne feste Grenzen, man wusste nicht mehr, wo man sich aufhielt, es war gestattet und verboten, verstehen Sie? Man hatte nichts getan und auf einmal stand man an diesem Rand. Ein paar Meter entfernt glitten die Lastkähne vorbei, als sei das alles nicht vorhanden, als fürchteten wir uns vor nichts. Wir fürchteten uns auch nicht – es blickte uns einfach nur an, einfach nur an.

 

 

 

Es lebe die Latrine!
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
BEI LECKEBUSCH STUDIEREN
HEISST SEINE ZEIT
IN WORTE FASSEN
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KLAUSURZONE

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Moderne ist schwierig

Moderne ist schwierig
dann bleib zu Hause
Wo?

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Genese eines Tumors
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SEXUELLER ENGPASS /
SUCHT LEICHTE BEUTE /
AM FALSCHEN ORT /
EIN SPRACHSPIEL

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E, frei geboren
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Also gut. Alles von vorn
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Sind am Zustandekommen von E auch Männer beteiligt?
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Zusammenlegen, damit eine wie die entsteht
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Ideologisch korrekt ist das nicht
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Wo ist hier?
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VERJÄHRTE REPUBLIKFLUCHT ERREGT /
DIE GEMÜTER WEST UND FÜHRT /
ZUR REFLEXION AUF DEN /
EIGENEN STANDORT

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Aber jetzt: L, freigelassen Moderne ist schwierig
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Ein Freigekaufter
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Ist irgendwer entronnen?
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Idiotie des Privatlebens
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Ein Fall mit Fußangeln
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er Osten ist rot
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Was ist das: rübermachen?
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Einer ist angekommen
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WISSENSCHAFT WEIST DER /
ANGESTAUTEN ERREGUNG /
DIE BAHN UND ÖFFNET /
DEN WEG INS FREIE

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Eine solche Erfahrung
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physisch/mental
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Katheder als Ausweg
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Nichts ist dem Ich schädlicher als die Überzeugung, der richtige Weg müsse sich auch als solcher erweisen, d.h. die endliche Möglichkeit des Scheiterns zuverlässig ausschließen
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Der ›Akephalos‹, der kopflose Dämon, der als Wiedergänger der Zauberliteratur und der Märchen die Menschen schreckt, erinnert an die Herrschaft des ›Kopfes‹, des Verstandes und der Vernunft, also an das, was den Menschen ausmacht und am Ende an die Natur verrät. In der Scheu, im Zurückscheuen, im scheuen Beiseitesehen und -stehen bekundet sich eine Verschränkung beider Bereiche, die auf die Selbstdeutung der Gattung zurückwirkt. Ein Mensch, der vor einer Tat zurückscheut, ist etwas anderes als ein Tier, das scheut, vielleicht sogar, wenn man die Begriffe genauer untersucht, etwas grundlegend anderes. Aber das Verhalten, in dem seine Scheu zum Ausdruck kommt und an dem es ablesbar wird, unterscheidet sich nicht fundamental von dem des Tieres, es weist eine Ähnlichkeit auf, die bedacht sein will. Ein Mensch, der Scham zeigt, zeigt ein Stück Natur – ›seine‹ Natur wie ›Natur überhaupt‹.

DIXIT LECKEBUSCH

 
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DIE STIMME DER VERNUNFT
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Auf einer Veranstaltung mit Leckebusch lernt R Liz kennen
und erliegt ihrem gefühlten Charme

Liz. Mind the Gap
1

Liz? Da müsstest du schon durch die Finger sehen, bloß um etwas zu sehen.
Frage: Warum solltest du?
Warum eigentlich?
Liz, das ist: die junge Frau in Bewegung. Kein ganz neues Thema, zugegeben, ein Beitrag zum Thema Banalität des Banalen. (Dass dir das jetzt einfallen muss!)
Nein, keine Schönheit trat da auf dich zu. Hübsch herb, so ließe sich der erste Eindruck sortieren, dem bislang kein anderer folgte.
Warum eigentlich nicht?
Das liegt an der Bewegtheit.

*

Ein bewegter Körper zieht die Aufmerksamkeit des Jäger auf sich, auch des Gejagten, das ist so, dafür gibt es gute Gründe, die außerhalb des akademischen Universums liegen, aber innerhalb seiner Möglichkeiten relativ gründlich erforscht wurden.

*

Kann sein, muss nicht sein. Dieser hier zieht den Blick nicht auf, sondern an sich.
Liegt da ein Unterschied?
Aber sicher. Ein gewaltiger.
Dein Blick, jeder Blick sucht den Körper im Raum. Ist dieser Körper schön, explodiert der Blick. Er flutet gleichsam in dich zurück.
Ist das so? Ja, so kann man es sagen.
Was, wenn der Blick, von der Bewegung des Körpers angelockt, vorzeitig abgelenkt würde? Wenn er, hineingezogen in diese Allzeit-Bewegtheit, ins Trudeln geriete? Vielleicht ist Trudeln nicht das richtige Wort, vielleicht liegt darin eine Schärfe des Urteils, die revidiert werden muss, aber Flattern, Taumeln, Irrlichtern, das sind so Wörter, bei denen der Zeiger ausschlägt und meldet: Getroffen!

Liz. Mind the Gap
2

*

Ist dieser Körper, nüchtern betrachtet, stämmig? Ja, er ist stämmig.
Ist dieser Körper, abschätzig betrachtet, grazil? Ja, er ist grazil.
Liegt da nicht ein gewisser Widerspruch vor? Aber sicher. Das Geheimnis der banalen Hübschheit liegt in diesem Widerspruch. Aber es kompliziert die Dinge unnötig, hier einem Geheimnis das Wort zu reden. Spar dir den Ausdruck für Wichtigeres auf.
Was willst du von diesem Körper?
Nichts.
Warum musterst du ihn dann so genau?
Ich? Mustern? Wie kommst du denn darauf?
Weil du ihn musterst. Jedenfalls in Gedanken.
Gut, dann mustere ich ihn in Gedanken. Eigentlich fahnde ich gerade nach ihm. Ich entdecke aber nur einen Wirbel.

Liz. Mind the Gap
3

*

Die Frage ist doch, ob du dich mitreißen lässt. Lässt du?
Wenn du mich so fragst: nein. Ich lasse mich nicht mitreißen. Ich finde sie auch nicht hinreißend. Ehrlich gesagt: ich finde sie gar nicht.
Das musst du erläutern.
Ich fahnde nach ihr und ich finde ein Mundwerk.
Ein Mundwerk? Warum ein Mundwerk? Was ist mit dem Rest der Person?
Manchmal blicke ich wie durch einen Spalt, dann stoße ich auf ihren Körper und pralle zurück, so wie jemand vor der Nacktheit eines anderen zurückprallt. Nein, versteh mich nicht falsch, ich ›erblicke‹ sie nicht ›nackt vor mir‹ oder wie einige das beschreiben. Es ist nur … dieser Körper, als Körper ins Auge gefasst, wirkt auf dich so, wie ein nackter Körper – ein nackter, zufällig durch die Büsche erspähter Frauenkörper, wir verstehen uns wohl – auf dich wirken würde, würde wohlgemerkt, denn hier ist von keinerlei physischer Nacktheit die Rede, im Gegenteil, sie wirkt sehr angezogen, nicht in diesem mondänen Sinn, sondern im Alltagssinn, so als mache sie nicht viel von sicher her. Andererseits –

Liz. Mind the Gap
4

Ja?
… liegt dem vielleicht eine Fehlwahrnehmung zu Grunde, denn dieser alltägliche Aufzug – Jeans, Männerhemd, Camouflage-Jäckchen – wirkt auch wieder wie mit viel Bedacht ausgewählt, so als sei die Trägerin, nach dem Durchgang durch den Kleiderschrank, erneut auf ihn zurückgekommen, aber hastig, als habe ihr ein Termin das letzte Quäntchen Sorgfalt abgenommen und nun erscheine sie so, wie sie nun einmal sei und man müsse ihr das jetzt halt abnehmen.
Nimmst du es dir ab?
Dumme Frage. Würdest du…?
Stell sie, bloß in Gedanken, neben Elisabeth. Was siehst du da?
Einen Kobold neben einer Frau.
So streng?
Ist das streng? Ist das gerecht? Ist das … sexistisch? Das sind so Wörter…
Jedenfalls scheint ihr Charme zu wirken. Hast du gesehen, wie fahrig Leckebusch wirkte?
Fahrig und doch entspannt. Als ob er noch einmal in der Kulisse säße und ihrer beider Spiel kontrollierte: Sind wir auch gut? Doch, wir sind gut. Aber sehen das auch die anderen?

*

Eine kluge Studentin, das ist sie, jedenfalls findest du keinen Mann im Raum, der nicht so dächte, mancher vielleicht auch mehr, du willst keinem zu nahe treten, jeder hat seine Präferenzen, jede Präferenz hat ihr Personal fest im Griff.

ERSTE THESE

Wer aus äußeren Schrecken kommt, achtet die inneren gering. Er glaubt bereits, sie verstanden zu haben. Da liegt der Fehler. Schon die äußeren Schrecken entspringen dem Wahn. Es gibt kein empfundenes Außen diesseits oder jenseits der fiebrigen Kurve, die wir Bewusstsein nennen: QaS – Quell allen Schmerzes. Vom Wahn heilen: am Angebot erkennt man den Scharlatan.

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ZWEITE THESE

Das Totem regiert den Schmerz. Ein ferner Schrecken spiegelt den allzu nahen und lässt ihn objektivierbar erscheinen. Auch erscheint er ja bereits im Ursprung gebändigt, ein Gott in der Maske. Die Maske richtet den Gott: zu, ab, auf, hin und aus. Es sind Regungen des Schmerzes, der niemals nachlässt. Manche Kulturen räumen ihm einen erhöhten Platz ein, andere nicht. Die eine oder andere macht ihn zum Aschenputtel. Als Sargträger gebrauchen ihn alle – als Wesen ohne Identität.

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DRITTE THESE

Die Wut dieses Gottes ist unbeschreibbar. Nur das Lächeln der Maske lässt sie erahnen. Wer nach ihr greift, dem verdorre der Arm. Armer Arm! Erbärmliches Los dessen, der sich vergreift: ein Teil des Ganzen zu sein, das sich von ihm abwendet. Aber es ist nur das halbe. Auch er wendet sich ab. Im Vergehen geht er hinaus. Hinausgehend aber ist er der, der bleibt.

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VIERTE THESE

Das Bleiben, nicht greif-, nicht fassbar, wird gern materiell gedeutet, Plunder, der sich in den Museen breitmacht, perverses System der Archive und Bibliotheken, Lockstätten für Brandstifter, schmutziger Rest, an dem sich Moder und verjährter Gebrauch ein Stelldichein geben. Das Zu-Leibe-Rücken ist eine Kulturtätigkeit wie andere auch – soviel zur Kultur.

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FÜNFTE THESE

Das wäre also das Böse? Aber nein, es ist nur sein gemütlicher Anblick. Das radikal Böse befasst sich nicht mit dem ordinären Totschlag. Es ist radikal unterbeschäftigt und lauert auf seine Stunde. Derweil sorgt das gemütliche Böse dafür, dass es weitergeht. ›Müll‹ ist eine metaphysische Kategorie. Im Hinter-sich-Lassen die Salzsäule erahnen, das Erstarren, das nicht ausbleibt, die Entsorgung des Ich: Religion auf Distanz.

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SECHSTE THESE

Was liegt am Christentum, was an Religion? Die Frage stellen heißt sie verlassen. Wo Religion anliegt, erscheint sie: vom Bedürfnis überwältigt, von der Gewalt verhöhnt und vom Wissen erschlagen. Am Lager seines toten Gottes Flüche murmelnd – so stellt sich mancher Neuling der ortsfremden Obrigkeit, die leider keine Zeit findet, sich mit ihm zu befassen. Warum auch? Die Gretchenfrage, sie stellt sich nicht, weil Religion niemals aufgibt, weil ihr jede Pfütze genügt, um sich aufs Neue darin zu sammeln. Selbst der Himmel, der sich drin spiegelt, ist nur Zugabe, sie kommt, wenn’s sein muss, ohne ihn aus.

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SIEBENTE THESE

Dass jede kommende Religion sich an einer vorhandenen mästet, besitzt eine selten erwähnte Pointe. Die gegenwärtige Religion ist die Gegenwart der Religion, die unsichtbare Summe ihrer Verhältnisse in dieser Welt. Die kommende Religion schlingt diese Verhältnisse in sich ein, sie ist die Aktualität, betrachtet als Religion, das heißt als ein vom Schmutz der Gegenwart gereinigtes Herkommen, das sich erst in Ansätzen zeigt. Die kommende Religion ist die vergangene im Futur, bereichert um all die Kompromisse und Weiterungen, die ihr das Überleben im Heute sichern, als liege darin ihre lange Zeit vernachlässigte Pointe.

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ACHTE THESE

Kein Denken lässt sich beschränken. Doch seine Unbeschränktheit lässt sich nur beschränkt ertragen. Deshalb bleibt sie virtuell. In diesem Sinne sind alle Kulturleistungen nicht nur beschränkt, sondern Ausdruck von Beschränktheit. Es ist die Beschränktheit, die zur Darstellung drängt. Die Verächter der Religion sind Menschen, die für den Ausdruck ihrer Beschränktheit einen Sündenbock brauchen: Sie drücken ihn heraus aus dem Ensemble der ›anstehenden Aufgaben‹ und finden sich darin schön.

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NEUNTE THESE

Keine Sorge: das wird schon. Darum sollte man sich nicht allzu sehr kümmern. Der Schmerz, der erlöst werden möchte, nimmt den nächsten Flug. Wer wollte daran zweifeln? Woher also das Beharrungsvermögen? Woher das Nicht-weggehen-Wollen? Die Unsicherheit mit der Unsicherheit erklären zu wollen ist lächerlich. Der Zweifel, ob es besser wäre zu gehen, und die Gewissheit, dass es besser wäre zu gehen, sind ein und dasselbe. Ein Zweifel, der es nur zur Gewissheit, und eine Gewissheit, die es nur zum Zweifel bringt, sind Ausdruck des beschränkten – und bedrängten – Ich: Kopf oder Zahl.

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ZEHNTE THESE

Sich aufgeben – wohin? Sich stückweise aufgeben – warum? Um durchzukommen, vermutlich. Das aber bedeutet, dass jedes stückweise Sich-Aufgeben ein Zurücklassen ist, während der Sinn des Sich-Aufgebens vor ihm liegt. Sogar der Selbstmörder, der sich in einem Stück aufgibt, bleibt dem Stückwerk verhaftet. Er begrenzt sich von außen: er umrundet sich, er umschnürt sich, er nimmt einen Anlauf und stößt sich in die Vergangenheit. Das bedeutet es, Zukunft zu reklamieren – für sich, für wen denn sonst. Tote auf Urlaub sind Menschen, die an die Zukunft glauben wie an ihr eigenes Leben. Das Wie enthält das Problem.

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ELFTE THESE

Selbsttötung ist Ahnenkult, also Nachfolge. Jemand schließt die Tür, um zu folgen. Ins absolute Dunkel hinein gibt es weder Folge noch Nachfolge. Ein Zeichen ist schon vonnöten. Im Zeichen des Menschen schließt einer die Tür. Wir sehen die flächiger werdende Erwartung auf seinem Gesicht, wir hören das leise Knarren der Angeln, wir sehen den Spalt, der sich schließt, mehr nicht. Wir wissen, wir sind noch nicht Einzelne genug, um zu folgen, wir bleiben zurück. Was wir gesehen haben, ist das Zeichen eines Zeichens. Wir drehen uns um und die Substitute stehen schon bereit. Fast gerührt gehen wir an ihnen vorbei.

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ZWÖLFTE THESE

Die Frage nach dem Mittler endet dort, wo die Vermittlung in Frage steht. Was soll vermittelt werden, wodurch und zu welchem Ende? Zum richtigen? Ist es also das Ende, um das sich alles dreht? Ist das richtige Ende das Ende? Ist das, was jeder erreicht, das zu Erreichende? Was heißt es, auf diesem Weg verloren zu gehen? Was verliert der, der verloren geht? Auf all diese Fragen gibt es Antworten, verloren gegangene und unerreichbare. Wir kennen die Bilderbücher und ahnen ihren Sinn. Vielleicht ahnen sie etwas von uns, aber das, gerade das, ist unentscheidbar. Wir suchen den Zusammenschluss in der Differenz. Wer sie aufgibt, gibt sich auf und eilt – vorbei.

 
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Akrotiamo oder Lern/mstunden des Gehörs

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
1

Leckebusch legt eine weitere Publikation vor. Das ist nichts Besonderes, es geschieht bei ihm alle Tage. Nun, vielleicht nicht alle Tage, aber, sagen wir: der Halbjahresrhythmus gibt das Geleit. Leckebusch schwitzt seine Bücher nicht aus wie andere, bei ihm ist das Schreiben ein geordneter Nebenaspekt der Lehrtätigkeit wie zum Beispiel das Verfassen von Gutachten oder das Konzipieren von Vorlesungstexten. Leckebuschs Gutachten, in all ihrer kristallinen Kühle, sind berühmt: es sind Mikro-Traktate, aus denen eine moralische Weltordnung spricht, gegen die gehalten das Begutachtete schnell wie der gern zitierte struppige Straßenköter erscheint. Leckebusch, so ließe sich der Vorgang zusammenfassen, bringt den Gedanken Manieren bei. Wie immer, geht dabei einiges an Substanz verloren. Anderes, zum Beispiel die Relevanz, wird auf diesem Wege erst sichtbar. Leckebuschs Gutachten sind Konverter. Man steckt einen erarbeiteten Gedanken hinein und man bekommt einen relevanten Gedanken heraus.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
2

Was ist ein relevanter Gedanke? Liebhaber des informations­theore­tischen Vokabulars könnten geneigt sein, ihn als redundant zu bezeichnen: vollgepackt mit Signalen, die an Bekanntes anknüpfen, ein kleines, die eigene Standortbestimmung erleichterndes Verweissystem, ein Who is who für bedeutsam gehaltener Vorstellungen, die einander auf frappierend selbstverständliche Weise die Klinke in die Hand drücken oder – im Gegen-Fall – sich wechselseitig die Tür aufhalten, um Zugang mit Zugang zu vergelten. Ein relevanter Gedanke verwandelt Bezüge in Beziehungen, Sachliches in Soziales, er lässt die Kraftlinien der Community aufleuchten und katapultiert seinen Urheber ins Feld mehr oder minder ertragreicher Interaktionen. Jedenfalls sollte er das, denn da sich relevante Gedanken in beliebiger Zahl erzeugen lassen, steigt die Zahl der Relevanz-Anwärter und ihrer Bedürfnisse exponentiell an, sobald ein entsprechender Markt sich erst einmal etabliert hat. Ein Könner wie Leckebusch kommt da gerade recht: seine aparte Fähigkeit, Wein in Wasser zu verwandeln, ist so gefragt, weil sie Vermittlerdienste verspricht, die gern in Anspruch genommen werden, wenn es darum geht, eigene Denkprodukte in den Markt einzuspeisen. Auch wissen­schaft­liche Ergebnisse sind darauf angewiesen, auf Märkten zu zirkulieren – auf Meinungs-, Überzeugungs-, Forschungs- und Zitat­märkten, auf denen gilt, was kursiert.

 

Diskursfiguren 1

Die Livree der Vernunft


 
Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
3

Wenn Leckebusch ein Buch schreibt, treten die Sorgen des Alltags von ihm zurück. Mit weit geschlossenen Augen sammelt er die Geräusche der Zunft, ordnet sie, prüft sie auf ihre Tauglichkeit und bereitet sie in einer Menge kleiner Notizen auf, bis sie widerstandslos dem Dreier- oder Fünferschritt folgen, in den sich über kurz oder lang jede Gedankenmasse ergeben muss, will sie vor seinem inneren Ohr Bestand haben. Dieses innere Ohr, ein Selektionsorgan erster Güte, hört sich heraus, was... nein, nicht, was es hören will, sondern was ihm hörbar dünkt, fast wie das die Fassungskraft seines Publikums mithörende Ohr eines Komponisten, der weiß, für welche Art von Kost sein Name steht, und der darüber zu einer Art Vorkoster in eigener Sache geworden ist, ohne diesen Vorgang im mindesten zu bedauern, da er ihm im Wesen der Sache begründet zu liegen scheint. Allerdings bewegt sich das von Leckebusch betriebene Gedanken-Hören auf anderen Bahnen. Da ihm für seine professionellen Denkbewegungen neben dem bereits Gedachten immer auch die Geschichte des Denkens zur Verfügung steht, soweit sie von anderen Denkern rekonstruiert wurde, nehmen die Gedanken bei ihm automatisch eine historische Färbung an: sie werden zu Abschnitten eines Prozesses, der sich von den Vorsokratikern über Platon, Aristoteles, Leibniz, Kant, Hegel, Nietzsche in die Gegenwart und darüber hinaus spannt, vergleichbar den Gliedern einer Fahrradkette, die sich jedes Mal strafft, sobald einer in die Pedale tritt.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Das Pedal-Bild will, da auch anderweitig konnotiert, weiter bedacht sein. Alles, was Leckebusch denkt (oder als Denkmasse weiterreicht), ›hat Pedal‹, es klingt bedeutend, ohne in gleichem Umfang bedeutend zu sein. Oder, da sich so etwas nicht ganz einfach behaupten lässt: neben dem, was es besagt, bedeutet es stets auch etwas, das es besagen soll, ohne die Dimension erkennen zu lassen, in der letzteres durch einfache Worte mitteilbar wäre. Dabei besteht an einfachen Worten in Leckebuschs Werken kein Mangel. Er pflegt einen guten, nicht willkürlich mit Fachausdrücken überladenen Stil, man könnte ihn unter die verständlichen Autoren rechnen, würde man nicht genötigt, immer zugleich zu viel und zu wenig heraushören, zu viel Bedeutung und zu wenig, sagen wir, Bedeutetes, so als wohne man der Eröffnung einer endlosen Folge von Fragen bei, deren identischer Kern immer lautet: ›Und was bedeutet das?‹

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Leckebuschs Bücher, eine Reihe ausgedehnter Gutachten über die Klassiker der philosophischen Literatur, gelten als Kassenschlager. Entsprechend gern werden sie zitiert. Ohrwürmer für Kunden, die ein offenes Organ für dergleichen besitzen, füllen sie den Gehörgang aus, statt, wie es doch sein sollte, die Gedanken durchzuleiten, mit denen sie sich beschäftigen. Kein Wunder also, dass Leckebusch einmal dem Wesen des Sinnes nachspüren musste, der ihm so unerhörte Einnahmen beschert. Denn davon handelt sein neuer Titel: vom Nach- oder Überhören des Gehörten, in dem das Gehörte ›allererst‹ preisgibt, was als das zu Gehör Kommende bereits im ursprünglichen Akt des Hörens anwesend ist, ja ihn ›gewissermaßen‹ erst ermöglicht. Das klingt schwieriger als gedacht, schließlich sind wir alle daran gewöhnt, auch im Weghören weiterzuhören, ein guter Zuhörer weiß, dass er manches überhören muss, um seinem Gesprächspartner folgen zu können: das mag in vielen Fällen moralisch gemeint sein, aber im Allgemeinen beschreibt es doch die unentwegt filternde Tätigkeit des Gehörs, sein Passieren-Lassen der Fülle des Gehörten, seine wechselnde Aufmerksamkeit auf Geräusche, die den, der da hört, angehen könnten, während die Welt, als akustische Kulisse, unentwegt im Hintergrund weiterplätschert. Das Bindewort ›sein‹, davon gibt sich Leckebusch überzeugt, entsteht an dieser flüchtigen Grenze zwischen dem Mitgehörten und dem Gehörten, also dem vom Gehör ins Dasein gehobenen Geräusch.
Etwas ist – was war das? – es ist ›anders‹, etwas Bestimmtes, etwas ganz Bestimmtes, dem ich nur nachgehen muss, um es zu finden, ein guter Hirte, der sich nachts aufmacht, um ein verirrtes Schaf im Gelände zu finden, nachdem er ›etwas‹ gehört hat. Der gute Hirte kennt das Gelände trotz offener Grenzen und in alle Himmelsrichtungen verschwimmender Bezüge. Das hier ist seine Welt und er findet sich blind in ihr zurecht. Genauso würde er nächtens vor den unbekannten Geräuschen einer Stadt zurückzucken, denn dort ist er: in der Fremde.

 

Lammwork

Lammwork

frei nach
Jacopo da Ponte


 
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Warum das Schaf? Warum der Hirte? Sehr einfach: Leckebusch spart sie aus. Man versteht wenig von seiner Schreibweise, wenn man die Bilder und Wendungen nicht kennt, die er sich und seinen Lesern erspart, um zu diesen zügigen und glatten Formulierungen zu gelangen, die dem unmittelbaren Verständnis seiner Texte immer einen kleinen Widerstand entgegensetzen, so dass man als Leser ein zweites Mal ansetzen muss, um sich zu sagen: ja sicher, es steht ja alles da, aber eben nicht so, dass es einem beim ersten Lesen klar würde. Diese Eigenschaft teilen Leckebuschs Texte mit denen vieler anderer Philosophen, sie gilt gewissermaßen als Markenzeichen der Philosophie. Aber es gibt da einen Unterschied: während andere Texte einen ins Denken hineinlocken – oder es zumindest versuchen –, sperren diese ihre Leser aus, sie schneiden die Bereitschaft zum Mitdenken gewissermaßen von den Quellen ab, aus denen es sich bedienen müsste, um weiter zu kommen, so wie Leckebusch sich schreibend aus ihnen zu bedienen weiß, und wäre es nur, um die nächste Seite zu füllen.

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Warum? Darauf gibt es nur eine Antwort: sie handeln von Verbotenem. »Absurd!« würde Leckebusch geschmeichelt einwerfen, »ganz absurd! Und überhaupt: es gibt keine Denkverbote in der Philosophie, es darf sie nicht geben. Das wäre Heterodoxie.« Mag sein, ›Verbot‹ ist nicht ganz das richtige Wort, niemand hindert einen Leser daran, das Umfeld eines Wortes, einer Redewendung, eines so und nicht anders vorgetragenen Gedankengangs zu recherchieren und seinem Verständnis auf diese Weise nachträglich einzuverleiben. Gehört er zur Zunft, dann versteht er ganz gut, warum Leckebusch die eine oder andere Anspielung meidet. Doch in der Regel hütet er sich, den Zusammenhang auszuplaudern. Denn das hieße, bei Strafe der Lächerlichkeit, einen Kollegen bloßstellen – ohne Not und, vor allem, ohne Beweise.

Beispiel: der ausgesparte Hirte – eine ganze Literatur hat sich darauf spezialisiert, all jene Wortprägungen zu stigmatisieren, in denen Hirte und Sein, Not und Sorge, die Existenz und das Offene sich am sorglich geschaufelten Grab der ›abendländischen Metaphysik‹ zur danse macabre versammeln. Nicht um von der Metaphysik zu retten, was zu retten wäre, das ganz und gar nicht, sondern um den Prozess der Aufklärung weiter zu treiben, genauer gesagt: den unvollendeten Prozess der Moderne, einen klassischen Prozess gegen Andersdenkende, ohne Richter, ohne Verteidiger, dafür mit einer voll besetzten Anklagebank und einer stattlichen Zahl von Beisitzern, trainierten Merkern, die jeden Verfahrens-Zug registrieren und dafür Sorge tragen, dass kein Ende des Verfahrens in Sicht kommt.
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Leckebusch, als Denker der Moderne, ist also gut beraten, die Vorratskammern ostentativ verschlossen zu halten, aus denen er sich heimlich bedient. Warum tut er’s dann? Leckebusch ist keiner der notorischen Ankläger, eher gehört er zu den stillen Merkern im Lande, deren Hintergedanken sich auf wundersame Weise mit ihren Vordergedanken zu mischen pflegen, so dass jeder Versuch, sie wirksam auseinander zu halten, zwangsläufig in die Irre geht. Um seine Sätze spielt ein diskreter Zug, als wüssten sie etwas, das sie verschweigen, in aller Offenheit, versteht sich, denn sie haben nichts zu verbergen: sie haben nichts zu verbergen, ganz recht, sie leiten nur durch.
Wenn Leckebusch denkt, gleicht sein Bewusstsein einem Rangierbahnhof – was hereinkommt, muss auch wieder hinaus, aber in sinnfällig veränderter Zusammenstellung, so dass der eine Gedanke verkürzt, der andere halbiert, ein dritter wundersam ergänzt den Weg in die Ferne antritt. Mit bloß kurrenten Gedanken ließe sich das schwerlich erreichen, und wenn, dann nur um den Preis der Bizarrerie, als fehle dem Verfasser die Gabe der angemessenen Wiedergabe und er kompensiere diesen Mangel durch Willkür. Dadurch, dass er Versatzstücke eines anderen, allen geläufigen, jedoch mit einem Lächerlichkeits- beziehungsweise Schrecklichkeits-Index versehenen Denkens hineinmischt, aber unterhalb der Deutlichkeitsschwelle, spannt er die Aufmerksamkeit seiner Leser, versetzt sie in eine Aufbruchstimmung, die beim Weiterlesen zu gleichen Teilen verpufft und sich beständig erneuert.

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Leckebusch, als Denker betrachtet, handelt nicht von Verbotenem, er handelt mit Verbotenem – unter steter Beteuerung, ein solches Verbot existiere gar nicht und alle Positionen lägen, einer fairen Auseinandersetzung jederzeit zugänglich, ›auf dem Tisch‹.
Was, nebenbei bemerkt, stimmt. Die Fraktion des stigmatisierten Vordenkers ist während all der Jahre, in denen Leckebusch umsichtig die eigene Reputation mehrt, rührig, und mehr als das: da sie die Schwachstellen ihres Meisters besser als andere kennt, hat sie stetig und umsichtig einen Großteil der Löcher gestopft, aus denen der Zeitgeist einer in Schande vergangenen Epoche tropft (manchmal auch nur das Drüsensekret des Autors).
Alles, was ›aus dieser Ecke‹ kommt, ist allgemeiner Aufmerksamkeit gewiss. Die Publikationsorte sind seriös, Pöbeleien kommen nur selten vor, die Karrieren sind ungebrochen. Dennoch... Es sind die anderen, die sich dort tummeln und durch einen gewissen Mangel an Berührungsängsten auf sich aufmerksam machen.
Dieser Mangel zeichnet sie ebenso aus wie die Stromlinie einen Leckebusch, für den sie zu den Unberührbaren zählen: während er ihre Dienste in Anspruch nimmt, möchte er am liebsten vergessen machen, dass es sie gibt. Doch das ist leichter gesagt als getan. Als redlicher Fußnotenschreiber trägt er sie dem eigenen Haupttext hinterher wie ... wie ... ein apportierendes Hündchen, das mit dem fortgeworfenen Stock im Maul seinem Herrchen nachtrottet.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Cherchez le mouton: ein unverächtliches Motto für all jene Denker der Moderne, die vorurteilslos das Vorurteil pflegen, sie, das heißt ›die Moderne‹ sei uns aufgetragen wie die Pflege eines Automobils, der man sich am besten anhand eines Lastenheftes widmet, in dem penibel verzeichnet ist, was ›geht‹ und was ›nicht geht‹, also vor allem Denken als Durchgestrichenes existiert, als Nicht-Gedanke... Solche Nicht-Gedanken existieren vermutlich in jeder Gesellschaft. Sie sind unausrottbar und dauernd in Bewegung. Für jeden, der auf die Seite der frei verfügbaren Gedanken wechselt, verschwindet ein anderer im Hexenturm. Nur vereinzelt dringen Schreie oder leise Seufzer heraus.
Welche Szenen spielen sich im Inneren ab?
Besteht Folter-Verdacht?
Schließlich werden dort keine unbedarften Gedanken zusammengezogen, sondern Kämpfer, Überzeugungstäter, Rattenfänger, Kindesentführer: gefährliches Zeug, nicht leicht zu bändigen.
Der Ausschluss vollzieht sich geräuschlos. Doch das sagt wenig darüber aus, wie es drinnen zugeht. Man weiß es nicht, denn man will es nicht wissen. Dabei wäre es ein Leichtes, sich Zutritt und Wissen zu verschaffen. Wärter gibt es, aber sie ähneln kläffenden Hunden, kein ernsthafter Mensch lässt sich von so etwas abhalten, der Richtschnur seines Wollens zu folgen.
Die Wahrheit ist: es bedarf keiner Wärter. Die Wahrheit ist: was dort geschieht, dient der Reproduktion von Gesellschaft. Auf eine scharfe, wenngleich verborgene Weise sorgt der Ausschluss dafür, dass die feinen und groben Unterschiede, deren Gesamtwirkung als Gesellschaft bezeichnet wird, nicht von der Bildfläche verschwinden. Im Einzelnen ist die Gesellschaft übermächtig. Die einfache Neugier, das lockere Interesse, schließlich das erbitterte Ringen um Anerkennung: auf all diesen Wegen stößt sie ins Innere vor und krallt sich darin fest. Leckebusch zum Beispiel ist den modischen Gepflogenheiten, an denen sich die Philosophengemeinde erkennt, bis in die letzte Faser verpflichtet.
Dagegen verstoßen, eventuell sogar aufbegehren? Nie im Leben!
Aber natürlich entgeht ihm ebenso wenig wie den klügeren Kollegen, dass, angesichts der Knappheit der ›Ressource‹ Erfindung, die Nicht-Gedanken einen unverächtlichen Vorrat an Ideen enthalten, geeignet, dem, der sich ihrer geräuschlos zu bedienen weiß, Vorteile vor der Konkurrenz zu verschaffen.
Nie würde Leckebusch, ein Meister der Geräuschlosigkeit, es bis zum Äußersten kommen lassen. Es muss schon zu ihm kommen, das Äußerste. Anders geht es nicht.

 

 

EIN BRECHREIZ
NAMENS VERGANGENHEIT
ÜBERKOMMT HIERO
SPONTAN
UNTER FREUNDEN

 

 

Wir sind die wirklichen Demokraten, sagt Hiero, vielleicht die einzigen, die die Welt hervorgebracht hat, jawohl die einzigen. So sieht es aus. Ich weiß, was du sagen willst. Das klingt schon wieder so... – reich mir das Wort! – übertrieben, aber das ist es nicht, was ich meine. Wir wurden nicht in irgendwelche Luftschutz-Nächte hineingeboren, das ist kein Verdienst, sondern ein Fakt. Wir wurden nicht zurechtgebombt wie die Jahrgänge vor uns, wir mussten die Sache nicht selbst in die Hand nehmen, sie war sozusagen fertig, wann immer wir – ich will jetzt nicht sagen: am Tisch saßen, das klingt so konsumistisch, das meine ich nicht. Nutznießer, das waren wir, in gewisser Weise, so etwas ist man immer nur in gewisser Weise, ich meine, das Leben ist mit einem noch lange nicht fertig, nur weil man an einer bequemen Stelle sitzt. Sowas kann sich ändern. Nein, darum geht es mir nicht. Worum dann? Gute Frage.
In Wahrheit sind wir von den Erfahrungen derer, die vier, fünf, sechs, sieben, acht Jahre vor uns geboren wurden, durch eine so ungeheuerliche Kluft getrennt, dass ich mich frage, ob wir mit ihnen überhaupt eine Generation bilden können. Denn darum geht es doch. Ich sehe die Sache so: Wenn sie eine Generation sind, dann sind wir keine, jedenfalls keine eigene, sondern so ein Nachklapp, eine Nachgeburt, Nachschleicher, wenn du willst, ja Schleicher, sagen wir doch, wie’s ist. Das hören sie nicht so gern, wer hört das schon gern, niemand hört das gern, aber es ist doch wahr. Es ist unsere Wahrheit, sie hört sich beschissen an, aber man kann ihr doch einmal versuchsweise ins Auge blicken.
Nein, deshalb sind wir noch keine Demokraten. Hat das jemand behauptet? Wie auch immer, ich würde ihm widersprechen. Es ist nur die Voraussetzung für das, was ich sagen will, wenn man mich freundlicherweise einmal nicht dauernd unterbricht. Also, was ich sagen will… Das ist jetzt albern, ich weiß nicht, was das soll. Ich kann auch aufhören, wenn ihr wollt. Wir sind Demokraten, weil man uns dazu gemacht hat. Das klingt schon wieder trivial, lacht ruhig, ich muss ja selbst lachen, hört mir doch mal zu. Ich weiß nicht, was daran komisch sein soll. Pw, lass die Faxen, ich finde das albern.

 

 

Die Väter sind Nazis oder Anti-Nazis, in meinem Fall Anti, das ist jetzt die Gnade der richtigen Geburt, da könnt ihr stänkern, aber das ist so. Also. Die Re-Education ist ein Riesenflop, das weiß jeder, nur warum, das weiß nicht jeder, eigentlich kaum jemand. Wenn du es weiß, dann sags doch, sags doch. Was meinst du? Weil Psyche nicht so funktioniert? Gut, das mag wahr sein, das kann ich nicht beurteilen. Ja, ich sags doch, es kann wahr sein. Hört mir doch einmal zu. Es kann nicht funktionieren, weil, weil... Propaganda so funktioniert. Erst kommen die einen, dann kommen die anderen, dann wieder die einen, dann wieder die anderen. Propaganda ist eine Kippfigur, versteht ihr? Der Gegner ist schon einmontiert, er kommt mit zur Sprache, er ist schon da.
Wenn einer heute aus dem Osten kommt, ich meine jetzt: abhaut, und das hier sieht, dann sagt er sich: Also doch. Man kann das Skepsis nennen oder einmal-Nazi-immer-Nazi, das ist ganz egal, der Wolf frisst Kreide, so ist das System, homo homini lupus. Aber: homo homini deus, der Mensch will sich und anderen Gutes tun, zunächst einmal sich, das ist schon richtig. Doch diese Grenze ist nicht ... nicht besonders gut gezogen. Ist doch klar, was das heißen soll: meine Familie – bin das nicht ich? Meine Freunde – bin das nicht ich? Natürlich bin das nicht ich, aber es sind doch meine Freunde, sie gehören zu mir. Wenn ich mit jemandem eine Firma aufbaue und ich ziehe ihn gleich über den Tisch, dann wird das nichts mit der Firma, wenigstens muss ich abwarten und während dieser Zeit bin das eben auch ich.

 

 

Der Wolf frisst Kreide. Er ist gar kein richtiger Wolf mehr, ein Engel auch nicht gerade, aber den brauchen wir hier nicht, den lassen wir in der Schublade. Der Wolf ist kein Wolf mehr, warum? Da ist der Punkt, auf den ich hinaus will: weil er seine Familie nicht beschützen konnte. Das mit dem Vaterland ist ja eine kitzlige Größe, Vaterländer bestehen sozusagen aus Siegen und Niederlagen. Da herrscht so eine Art Pulsieren, in das der Einzelne mit hineingezogen wird, aber was ihn presst oder weitet, das ist doch nicht er selbst, und wenn man erstmal kapiert hat, dass man von Verbrechern... also da fällt der Abschied vom Vergangenen nicht so rasend schwer, möchte man meinen, es sei denn, man leidet an einer Art Komplizen-Syndrom, sowas gibt’s natürlich, die Gründe liegen ja auf der Hand. Aber die Familie – das ist er selbst. Der Bombenkrieg, die Vergewaltigungen im Osten, die munteren Fräuleins im Westen, auch die, natürlich: darüber muss man schweigen. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Ein erfolgreicher Nachkriegssatz. Darüber muss man schweigen. Wer quatscht, stört. Also: der Wolf ist nicht länger Wolf, er löst sich auf, Einzelne ausgenommen, die geben dann die Bosse. Ja, richtig, in Afrika passiert sowas auch, jedenfalls zum Teil, Vietnam, Laos, Kambodscha, was weiß ich, frag doch den Scholli, der kennt sich da aus. Das passiert überall, wo sowas… geschieht.

 

 

Wir sind keine Zeugen der Niederlage, wir sind ihre Kinder. Wir wurden in Freiheit geboren. Mach deine Witze, wahr ist es doch. Wir sind frei geboren, sind wir das nicht? Die Familie hat man notdürftig repariert, Betonung auf Notdurft, die Häuser stehen wieder, im Schutt dazwischen spielen wir Indianer und Cowboy, die Ratten vermutlich auch, aber die fragt ja keiner. Die Erwachsenen lesen wie die Blöden Camus, warum, fragt auch keiner. Warum? Das weiß doch jeder. Die Ratten, erst drinnen, dann draußen, tolle Metapher, versteht jeder, aber wie kann es sein, dass wir den Arzt, ich meine, haben wir den übersehen? Wie schön, dass wir jetzt die Geschichte aus seiner Sicht, ich meine, das baut doch auf, oder? Soviel zu den Erwachsenen. Jetzt zu uns. Krieg, Nazis? Sowas gibt’s doch gar nicht. Wir wissen nicht, worüber sie reden, wir wissen nicht, worüber sie schweigen. Wir wissen es nicht, es hat keine Realität, es existiert nicht, es ist nichts für uns. Das meine ich. Es ist nichts für uns.
Meine Schwester ist ein Kriegskind, sie weiß etwas, was ich nicht weiß.
So geht das Spiel. Frage: Wer will es spielen? Meine Schwester gehört schon zu den Erwachsenen, komisch, dabei ist sie ein Kind, fast wie ich. Sie ist dabei gewesen. Wenn einer von uns den Mund aufmacht, gibt’s eins drauf: er weiß nicht, wovon er redet. Was weißt denn du? Selbstredend erfahren wir nichts, außer in Andeutungen, die keiner versteht. Auf der Penne ändert sich das, schön langsam, unter grotesken Verrenkungen, den Alten kann man damit nicht kommen. Die Schule, das sind die anderen. Was wissen denn die? Natürlich wissen sie, aber sie werden sich hüten, es auszuspucken, man selbst hütet sich doch auch. Das ist schließlich kein Stoff, den man an Kinder ›vermittelt‹, allenfalls ganz vermittelt, ganz entfernt, abgerissen, außer jedem Zusammenhang. So sieht es aus. Wir haben die Freiheit, wir wissen nichts. Nescio ergo sum. Das meine ich, wenn ich sage, wir sind die Kinder der Freiheit.

 

 

Wir haben uns nicht gegen die Familie entschieden. Die Familie hat sich entschlossen, uns ihre Geheimnisse nicht zu verraten. Sie hat sich gegen uns entschieden. Darüber ist sie zu Grunde gegangen. Jawohl, zu Grunde. Statt der Geschichte auf den Grund zu gehen, haben wir die Erzählung anstandslos angenommen, die wir bekommen konnten. Ich sage ja nicht, dass sie falsch war. Sie war nur allgemein. Die Medien haben uns gemacht, komplett, mit Innenleben und allem, natürlich nicht vollständig, sowas gibt’s nur in der Science fiction oder in den Psycho-Camps der CIA, ich meine damit eher, sie haben uns in Stellung gebracht. Der Vater war entweder Widerstandskämpfer oder dabei. Also fast immer: dabei. Der eine zu groß, der andere zu klein, Held oder Arschloch, dazwischen nichts. Zu uns ist keiner nach Hause gekommen, für uns sowieso nicht. Was ich damit sagen will? Ich sage nur:

FÜR UNS IST KEINER NACH HAUSE GEKOMMEN.

Die ›Mauer des Schweigens‹, erinnerst du dich? Natürlich erinnerst du dich, ich weiß gar nicht, was das jetzt soll. Also ich komme dir jetzt weit entgegen, ich rekonstruiere die allgemeine familiäre Situation damals, ich will jetzt nicht vergleichen, wo es nichts zu vergleichen gibt, das wäre ja … danke, du nimmst mir das Wort aus dem Mund. Verbindlichsten Dank. Sehr hilfreich. Ich kann auch abbrechen

 

 

Die Geschichte ist die Geschichte. Wir sind in die Geschichte hineingeplumpst wie … wie die Sperlinge, jeder hat sich aus ihr herausgepickt, was ihm geschmeckt hat, obwohl das Ganze uns überhaupt nicht geschmeckt hat.

Wir sind Ist-Demokraten, keine Soll-Demokraten.

Wir sind keine Leute, die erst überzeugt werden mussten. Ich meine jetzt: innen. Ist der Unterschied wichtig? Ich denke schon.
Verdammt, jetzt habt ihr mich durcheinander gebracht. Ich wollte etwas über die Mütter sagen: zwangssolidarisch. Blödes Wort, ich weiß das selbst, spuck es aus, wenn dir ein besseres einfällt. Übrigens mit beiden Seiten. Also zerrissen. Was das jetzt wieder bedeutet? Ich weiß es noch nicht, aber ich werde es herausfinden. Die Familie ist in den Müttern zu Grunde gegangen. Wie? Das weiß keiner. Das ist ein Geheimnis. Du solltest dich schämen. Hört auf. Ihr solltet euch alle schämen. Apropos: der Väter schämt man sich öffentlich, der Mütter im Geheimen. Jetzt ratet mal, welche Scham mächtiger ist. Ich? Nein. Ich schäme mich nicht.

Leckt mich.
 
 

Kärich verfolgt einen Gedanken und fühlt sich dabei verfolgt

Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Was, zum Teufel, ist ein Tabu?

Des Dozenten Gesichtsmuskeln, durch die Frage gespannt, eine Projektionsfläche erster Güte: was wäre, wenn er jetzt ein wenig in Wallung geriete ... oder ins Stottern ... oder ins Vordenken... Man kommt, als Student, nicht oft in die Pyramide, da will man Schauspiel, am besten pur. Der Dozent pflegt die mäandernde Rede, das wissen sie schon.

  • ―Richtig! Tabu ist zunächst, worüber man schweigt. Das Schweigen kann natürlich verschiedene Gründe haben, das Tabu wäre einer davon, einer unter vielen, aber das scheint vielleicht nur so. Gewöhnlich schweigt einer, weil er keine Antwort weiß. Warum redet dann einer, der keine Antwort weiß? Sehen Sie, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht und ich rede weiter. Getrieben von der Situation, Sie werden sagen, was soll er machen? Soll er da vorne stehen und Däumchen drehen? Die Situation verlangt, dass er seinen Job macht und also redet er weiter. Was ist daran aufregend? Das ist eine ganz alltägliche Situation. Ist Konversation höflich und wollen wir höflich sein, dann reden wir weiter. Halten wir sie für nervig, dann brechen wir ab, irgendwo, und starren aus dem Fenster. Wir blicken nicht aus dem Fenster – wir starren. Da liegt der Unterschied. Was, bitte, sähe ich, wenn ich mir jetzt einfallen ließe, aus dem Fenster zu starren? Ich bitte um eine Antwort. Was alle sehen? Gut gut, also Sie und ich. Aber ist das richtig? Kann einer von Ihnen nachvollziehen, was ich sehe, wenn ich jetzt aus dem Fenster starre? Natürlich nicht. Schließlich handelt es sich in diesem Fall nicht um Konversation, sondern um die Verweigerung eines Lehrakts. Wer kann schon ermessen, was in einem Dozenten vorgeht, der sich zu diesem äußerst wichtigen Schritt … entschließt? Entschließt er sich wirklich? Ein solcher Entschluss will bedacht sein. Das kostet Zeit. Wessen Zeit? Die Zeit dessen, der da abbricht? Aber er bricht etwas ab, vielleicht aus Überschwang, auch das soll vorkommen, vielleicht, weil er sich etwas von der Rede versprochen hat, was nicht eintrat, jedenfalls nicht bis zu diesem Zeitpunkt, und jetzt wäre es zu spät, er bricht etwas ab und zwar diese Rede, die ihn doch ausgefüllt hat, solange er redete. Er hatte also, wenn man es genau nimmt, keine Gelegenheit zu bedenken, was er da tut. Dennoch tut er es, aus einem Impuls heraus, den man zwingend nennen sollte, denn – ja?
  • ―Korrekt. Sie haben recht. Wer redet, erwartet, dass man ihm folgt. Können Sie mir folgen? Gut, dann versuchen wir den nächsten Schritt. Woher weiß ich, dass Sie mir folgen? Sie können mir folgen? Gut Sie könnten mir also folgen. Aber folgen Sie? Sind Sie so folgsam? In Gedanken? Eine Herde Lämmer? Großer Gott, sowas nennt man doch nicht studieren. Vielleicht folgen Sie mir ganz leicht, ganz beiläufig, und machen sich währenddessen Ihre Gedanken. Das wäre möglich, es würde mich sogar freuen. Andererseits würde ich gern Ihre Gedanken lesen, während ich ganz erfüllt bin von meinen Gedanken. Warum füllen sie mich aus und Sie nicht? Was macht Sie so sicher, dass Sie meinen Gedanken folgen, während Sie die Lippen spitzen, um zu pfeifen – auf mich und das, was ich Ihnen zu sagen habe? Nein, ich weiß nicht, ob Sie mir folgen. Es ist mir, ehrlich gesagt, auch schnuppe, bis zu dem Moment –
Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Natürlich. Natürlich. Tabu ist, worüber man nicht reden darf. Worüber man nicht reden darf, darüber soll man schweigen. Oder? Soll man? Soll man nicht? Wer hat das Recht, mir die Rede zu verbieten? Andererseits: solange ich noch so denken kann, wo ist da das Tabu? Nein, es muss anders heißen. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Das ist der Satz der Epoche. Beifall! Ach bitte, geben Sie mir ein Beispiel. Los, geben Sie mir ein Beispiel! Denken Sie nicht lange nach, sonst verflüchtigt sich die ganze Materie. Schon geschehen? Das ging ganz schön schnell. Bei den Ombró zum Beispiel ist es ganz ungebührlich, die Rede auf irgendwelche Taten der Vorfahren zu bringen – eine schöne Umkehrung dessen, was man allgemein erwartet. Früher kostete, wie es so schön heißt, der Übeltäter den Dolch, heute dulden sie, dass er den Stamm verlässt, nachdem sie ihn ein wenig geritzt, also gezeichnet haben, natürlich im Dunkeln, mit Masken vor dem Gesicht.
    Sie sehen, es gibt den Fortschritt. Was lernen wir daraus? Es ist ganz willkürlich, worüber man schweigen muss. Aber es steht in niemandes Macht, es zu ändern. Wer das Schweigen bricht, tut dies auf eigene Gefahr. Falls er mit dem Leben davonkommt, kann er immerhin bezeugen: Es geht doch. Aber sein soziales Leben, seine Stellung, sein Prestige, womöglich auch sein Vermögen, sind futsch. Es ist also richtig zu sagen: Ich kann nicht. Natürlich könnte auch ich, aber meine wissenschaftliche Reputation lässt es nicht zu. Es wäre dreckige Sprache, Sie wären zu Recht empört und könnten mich denunzieren. Vielleicht würden Sie auch jubeln und in mir den Helden und Tabubrecher feiern, aber das Hochgefühl hielte nur, bis ich den Raum verließe – draußen wäre ich ein toter Mann. Sie wollen ein Beispiel? Guter Trick, aber er verfängt nicht. Aus mir bekommen Sie nichts heraus. Natürlich gibt es Kollegen, die sind große Tabubrecher – gehen Sie hin, schauen Sie sie sich an! Falls Sie es können, falls sie noch in der Lehre sind und nicht schon in Italien weilen oder in einem anderen Sonnenland, um ihre Wunden zu kühlen.
    Aber es gibt nicht nur die Ombró. Wir kennen Gesellschaften, die förmlich darauf lauern, dass einer sich verrät. Solche Gesellschaften hüten ein großes Geheimnis, vielleicht machen sie auch nur ein Geheimnis aus dem, was alle wissen, jedenfalls betrachten sie sich als etwas anderes, im Normalfall Besseres als ihre Umgebung. Das Geheimnis des Besserseins muss natürlich bewahrt bleiben, das versteht jeder. Oder nicht? Angenommen, es gibt so etwas wie einen missionarischen Drang, alle Welt soll wissen, was am eigenen System besser ist, dann wäre Verräter, wer seine Vorzüge verschweigt. Man kann also auch durch Schweigen, besser: durch Übergehen ein Geheimnis verletzen. Das festzustellen ist nicht so einfach. Sie brauchen schon ein System von Sätzen, ›System‹ jetzt in dem ganz losen Sinn eines einfachen Verbundes, dessen Gebrauch darüber entscheidet, ob Sie ein positives Glied der Gesellschaft sind oder ein Verräter. Nun denn. Für die Absonderung vorgeschriebener Sätze hält der Volksmund eine drastische Vokabel bereit, die ich Ihnen nicht groß benennen muss. Auch hier greift das Tabu. Also steckt in jedem, der einer missionarischen Gesellschaft angehört, ein Verräter. Aber natürlich braucht es Prozeduren, die ihn herauslocken. Denken Sie an die Stalinschen Schauprozesse –
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  • ―Ich denke nicht daran. Es braucht Prozeduren, sage ich, und diese Prozeduren müssen systemkonform sein, das heißt, entweder zustimmungsfähig oder furchtbar, am besten beides. Sie müssen natürlich auch mit den Gesetzen des Landes zusammenstimmen, das ist schon klar. Aber Gesetze lassen sich ändern oder suspendieren oder umgehen oder auch nur interpretieren, da gibt es erstaunliche Beispiele. Vor allem aber muss das gewählte Verfahren greifen. Was ich darunter verstehe? Versuchen Sie, die Hälfte der Bevölkerung eines Landes hinter Gitter zu bringen und Sie werden begreifen, was ich meine.
    Andererseits brauchen Sie den real existierenden Verräter. Im Lande aller Braven erzeugen Sie keine Furcht, also keine Bravheit, also kein Anderssein, jedenfalls kein Bewusstsein davon. Bewusst anders sein, das wollen Sie doch, oder? Keine Sorge, ich meine das nicht persönlich, fühlen Sie sich angesprochen oder nicht, das ist Ihre Sache, allein, mit anderen, fühlen Sie sich frei. Und? Fühlen Sie sich angesprochen? Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere könnte man so umschreiben: Man erzeugt kein Tabu durch Gesetze. Aber: hinter jedem Gesetz steht ein Tabu. Das ist kein Animismus, das ist harte, nackte Realität. Gesetze werden gemacht, nehmen wir an: in einem ordentlichen Gesetzgebungsverfahren, sonst wären es keine ordentlichen Gesetze und darauf kommt es schließlich an. Wir alle wollen ordentliche Menschen sein, Menschen mit ordentlichen Gedanken und Überzeugungen und Taten, ja natürlich, was sonst. Schauen Sie nicht so ungläubig. Stört Sie das Wort? Nehmen wir ein anderes. Also: wir alle, wir alle ... lachen Sie nicht. Auch Ihr Lachen ist wohlsortiert, glauben Sie mir, es ist, sagen wir, geordnet. Wir kommen aus geordneten Verhältnissen, ob wir wollen oder nicht, und gehen … wohin? In geordnete Verhältnisse, wohin sonst? Ich sehe, auch dieses Wort passt Ihnen nicht, Sie wollen es partout ungeordnet. Hier: ich schreibe es hin: ungeordnet. Wie Sie sehen, ist alles noch da, nur die Vorsilbe ›un-‹ streicht es durch, etwa so:

     

    ungeordnet

     

    Sehen Sie, was hier passiert? Den einfachen Negator können Sie in der Pfeife rauchen. Er sagt Ihnen nichts, das Durchgestrichene blickt überall durch, es ist die Botschaft, nach wie vor. Dieses Durchgestrichene, das überall durchblickt, nennt man in zivilisierten Kreisen Tabu. Ich erwähne das deswegen ausdrücklich, weil die zivilisierten Kreise es vorziehen, vom Tabu zu reden, als sei es ein Charakteristikum primitiver Kreise, früher sagte man: der Primitiven, aber das ist natürlich tabu. Sie streichen also die Ordnung durch, die überall durchblickt. Ich verstehe: Sie wollen keine Ordnungsfanatiker sein, Sie sind aufgeklärt. Ordnungsfanatiker streichen das ›un-‹ durch, den Negator, sie wollen es positiv und denken dabei unentwegt ans Negative. Wundert uns das? Natürlich nicht. Aber beantworten Sie mir doch die kleine Frage: Was ist nun tabu? Die Ordnung? Oder die Unordnung? Sagen Sie bitte nicht: dem einen dies, dem andern das. Das wäre nun wirklich primitiv. Wir alle sind Ordnungsfanatiker – Sie, ich, der ganze Haufen, Sie werden keine Stecknadel darin finden. Lesen Sie die Schriften der Anarchisten und Sie wissen, was ich meine. Glasklare, perlende Prosa, ein Gedanke klüger als der andere, ein Gedanke stimmiger als der andere, der reinste Ordnungszwang, und er kehrt sich, wie immer, am Ende gegen die Realität.
    Tabu ist immer das Tabu.
    Empören Sie sich gegen den Ordnungszwang? Nur zu. Was ist denn so irrational an der Ordnung, dass es Ihr Herz empört? Die Antwort darauf ist ganz einfach: alles, was das Herz Ihnen eingibt. Das Herz ist ein beweglicher Muskel, es macht Druck. Ich sagte, das Tabu ist der Schatten, den ein Gesetz wirft, es teilt den Druck, es stanzt eine leere Fläche aus ihm heraus, es verschafft ihm ein gewisses Quantum an Geltung, ohne dass gleich die Polizei vor der Haustür steht. Haben Sie das BGB im Kopf? Ich nicht. Dafür braucht es Spezialisten und auch die müssen im Einzelfall nachschlagen. Trotzdem funktioniert das Ganze... Da war eine Wortmeldung. Sprechen Sie, ja natürlich, sprechen Sie ruhig.
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  • ―Warten Sie, ich muss Ihnen erst folgen. Sie meinen also? Nein? Nun. Ja wirklich, das ist eine gute Frage. Die unsichtbare Religion, sie ist natürlich nicht neu, sie ist ein direkter Abkömmling der unsichtbaren Hand, eine Unsichtbarkeit gibt hier sozusagen die andere. Menschen werden mit Ordnungsvorstellungen geboren und gehen an ihnen zu Grunde, so kann man es sagen, das stimmt vielleicht, aber wir können das, was daran stimmt, nicht besonders gut greifen, und Religion auf Ordnungsphantasien zu reduzieren, das ist schon, das ist schon recht... rudimentär. Eigentlich sagt es nichts anderes, als dass der Wunsch, mit den anderen halbwegs auszukommen und nicht gleich alle Verhältnisse gegen die Wand zu fahren, sehr sehr elementar sein muss, eine Trivialität also, vielleicht nicht unter Gestörten, aber das wäre ein anderes Thema, vielleicht auch nicht. Der Gestörte ist ja selbst tabu, er ist gestört und also nicht völlig belangbar, in schwereren Fällen von aller Zurechnung freigestellt. Der eine oder andere aus diesem Personenkreis hat auch ein Bewusstsein davon und nützt es aus. So etwas kommt schon einmal vor. Wenn Sie sich in einen Rollstuhl setzen, können Sie den Menschen Dinge sagen, die Sie sich sonst besser verkneifen. Da haben Sie die unsichtbare Religion. Einer redet und die anderen schweigen. Sie halten die Blicke gesenkt und schämen sich. Sie wissen also, wovon die Rede ist, sie wissen alles selbst und könnten ohne zu zögern in ihr fortfahren, aber sie ziehen es vor zu schweigen. Warum? Weil es außer der Ordnung ist. Was dieser da sagt, es kratzt die Ordnung nicht, sie muss es aushalten, sonst besäße jeder die Macht, sie kraft seines So-Seins zu zerbrechen. Denn jeder ist anders. Manchem schlägt das Gewissen allzu heftig, auch das ist eine Störung und stellt Sie frei, Dinge zu sagen und zu tun, die Sie nicht ganz überblicken, von denen Sie im Moment überzeugt sein mögen, im nächsten Moment kann sich das anders gestalten. Auch den Gewissenhaften umgibt das Schweigen als eine Art Schutzmantel und nur der Gewissenhafte ist wie der ganz Gewissenlose so frei, das Gewissen des anderen nicht zu tolerieren. Oder meinethalben, nehmen Sie einen Kotzbrocken: das gleiche Spiel, das gleiche Ergebnis, diesmal durch ein Zuwenig an Zartgefühl. Sehen Sie –
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  • ―Richtig, vollkommen richtig. Jede Rede, die ankommt, hat doch schon etwas von einem Tabubruch. Einer spricht aus, was alle denken. Spräche er nur wie sie, wäre es nur Gerede. Nein er spricht aus, was sie nicht aussprechen können, teils, weil sie es nicht wagen würden, teils, weil sie diese ganze Gegend nur mit heruntergelassenen Jalousien durchqueren, so dass ihnen die Worte dafür fehlen, jedenfalls bis zu dem Augenblick, in dem er sie ihnen vorspricht. Haben sie also gedacht, was er spricht? Was heißt hier ›denken‹? So wie sie ihm an den Worten kleben, könnte man meinen, es seien ihre Gedanken und das sind sie in gewisser Weise ja auch, aber jetzt erst, Wort um Wort, werden es ihre Gedanken – man kann auch anders betonen, es werden jetzt ihre Gedanken, aber das kommt ungefähr aufs Gleiche heraus. Übertreibe ich? Nein, ich glaube nicht. Nehmen wir den Fall eines beliebten Politikers, eines nicht bei allen beliebten Politikers, müsste ich jetzt der Genauigkeit halber hinzusetzen, aber das versteht sich in diesem Beruf schon von selbst. Sie kennen ihn alle, sagen wir, seit Thukydides, sicherheitshalber konstruieren wir ihn scheibchenweise – er ist polemisch, witzig, schlagfertig, also ein seltenes Talent in der hiesigen Arena, aber: das allein wäre eher geeignet, ihn abzudrängen, es ist ein Außenseiter-Talent. Haben Sie schon einmal beobachtet, welchen spärlichen Umgang mit dem Wort konventionelle Machtträger pflegen? Wortschatz, Syntax, Idiomatik, Zitatwahl, alles ist scheinbar auf Kommunikation mit der breiten Masse angelegt, aber das scheint nur so, in Wahrheit entfaltet dieser Jargon seine eigentümliche Überlegenheit in der versteckten Kommunikation mit der Macht. Einer, dem die Sprache liegt, der ihr schon einmal ein Stückweit nachgeht, steht dagegen leicht im Verdacht, ein Volkstribun zu sein oder ein Schöngeist. Ersteren fürchtet man, letzterem begegnet man mit maskierter Geringschätzung – übrigens auch in Literatenkreisen, machen wir uns da nichts vor. Wir stehen hier mitten in der Tabu-Produktion, sehen wir uns um. Was sehen wir – ja?
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  • ―Unser Thukydides-Mann, ja. Warum Mann? Schwer zu sagen, darauf kommen wir später. Vielleicht auch nicht. Es sind die emanzipierten Frauen, die ihn nach oben tragen, ja tragen, in einer Sänfte aus Wohlwollen, Ambra und Moschus, wir weilen noch immer bei den alten Griechen. Er hat es auch nötig, ein gewisser Bocksgeruch geht von ihm aus. Manch einer aus der Riege der Abgedrängten glaubt felsenfest, er habe den Bocksfuß deutlich erkannt. Aber das ist natürlich … Tinnef. Was bewegt diese Frauen? Sagen wir, er ist nicht wirklich witzig, sagen wir, seine Polemik besitzt einen Erdgeruch, sagen wir, alles bleibt ein wenig ungehobelt, aber eben nicht sehr. Sagen wir, er bedarf der salbenden Hände, sagen wir, er bedarf dieser leidend belustigten Zuneigung einer sozialen Gruppe, die ihre Zukunft noch vor sich sieht, sagen wir, er ist ein Macho, aber auf der richtigen Seite, einer, der es den anderen gibt –? Alpha-Tier, jaja. Plötzlich geistert dieses Wort durch die Arena. Das Alpha-Tier besitzt, alle wissen es, eine positive Ladung. Es ist also elektrisch geladen. Es ist nicht der kreuzbeladene Sündenbock, der stellvertretend für die Übel dieser Welt verbannt oder verbrannt wird. Es ist der Gnadenbock, das Reittier ins Offene.
    Worin besteht das Offene? Die Frage sollte Sie nachdenklich machen. Wollen wir es zustellen mit Erwartungen? Wäre es dann noch das Offene? Aber ohne Erwartungen? Wäre es dann? Das Offene ist nicht irgendetwas. Das Offene ist – kleiner Ausflug in die Welt des Monotheismus – das Gelobte Land. Was ist das Gelobte Land? Die Frage, Sie merken es, erweist sich als etwas kitzlig. Man vermehrt die Zahl seiner Gegner, wenn man sie so stellt. Man verletzt ein Schweigegebot, man verletzt die Menschen, wenn man sie so rüde angeht, man wird selbst zum Rüden. Das Land, wo Milch und Honig fließen, das wäre doch etwas. Sie bemerken die Stockung vorher und das Fließen danach, wir haben eine Schwelle passiert, wir haben sie wahrhaftig passiert und jetzt sind wir weiter. Reden wir über Milch und Honig und ihren Preis. Reden wir über die Preistreiber. Reden wir, legen wir ein bisschen heisere Stimme zu, ein bisschen Reibeisen, ein bisschen künstliche Erregung, um das Bewusstsein der Schwelle wachzuhalten, und dann reden wir übers Programm. Reden wir so darüber, dass denen, die es ausgekocht haben, Hören und Sehen vergeht. Reden wir, als seien wir wirklich ausgebufft, ausgebuffter als alle anderen, ein ganzes Stück jedenfalls, reden wir, als ob unsere Wirklichkeit gerade jetzt, in diesem Augenblick, vor der Tür steht und wir gehen jetzt hin und lassen sie herein, weil, weil… sie ohnehin nicht mehr weggeht.
    Merken Sie, wie es der anderen Seite langsam mulmig wird? Wie ihr die Kraft ausgeht? Wie sie auf eine Schwäche lauert, die sie nicht sieht? Wie sie anfängt zu stochern? Was es da wohl zu finden gibt? Ganz einfach: die Realität. Boden unter den Füßen. Tritt fassen nennt man das.
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  • ―Ja natürlich. Ganz recht. Neinnein, das passt schon. Ich pflichte Ihnen völlig bei. Neinnein, das ist kein anderes Thema. Nacktsein ist Schwäche. Das Tabu gibt Stärke. Aber stark, wirklich stark ist, wer sich nackt zu zeigen weiß. Wer sich nackt zeigen kann, denn ganz, wie jeder Einzelne weiß, ist das nicht ins Belieben dessen gestellt, der sich vor aller Augen entblößt. So nicht. Nein, das Tabu ist nichts Psychisches. Es ist das, was sich herstellt, unter unseren Augen, wenn Sie so wollen, unter den Augen dieses vielköpfigen Wir, im Moment der Nacktheit. Jeder hat solche Momente, jeder muss sich verbergen. Ich rede, Sie schweigen. Was verbergen Sie mir? Wissen Sie’s? Nein, natürlich nicht. Warum? Weil Sie es vor sich selbst verbergen, jedenfalls, solange Sie hier als Studenten sitzen und nicht als Stifthalter oder Daumendreher oder als Spitzel oder als Obdachloser auf der Suche nach einem warmen Plätzchen. Aber auch meine Rede, machen wir uns da nichts vor, verbirgt. Die Gedanken laufen vor, neben und hinter meiner Rede, sie wählen aus, verwerfen, formen, modellieren. Aber ist das richtig? Sind das noch Gedanken? Ist nicht erst das, was in gerundeter, grammatisch korrekter Form – gehen wir mal davon aus – meine Lippen verlässt, ein Gedanke? Ein Gedanke unter Denkungeheuern. Wenn Sie mich so sitzen sähen, allein unter Ungeheuern, die pausenlos aus mir herausquellen... was würden Sie tun? Die Polizei rufen? Die Pfleger? Irgendwas würden Sie tun, im einfachsten Fall den Raum verlassen. Aber irgendeiner würde bleiben, irgendeiner bleibt immer und sieht sich das an. Das Tabu ist für die Vielen, nicht für den Einzelnen.

Nach der Pause reden wir weiter.

Der Verlust von Kansas

»――«
»――«
»Um Kopf und Kragen.«
»Das kannst du laut sagen.«
»Wovon redet ihr?«
»Lasst uns weitergehen.«

>»Um auf dieses Bild zurückzukommen –«
»Ja?«
»Es entstand nach einem Schlaganfall des Künsters.«
»Ist das wichtig?«
»Steht im Katalog.«

»Ich mag solche Darstellungen nicht.«
»Ich frage mich, was es darstellt.«
»Egal. Es ist grausam.«
»Das Bild oder die Sache?«
»Was ist die Sache, wenn es doch ein Bild ist?«

»Frag mich nicht. Irgendwas mit Sklaverei.«
»Ich verstehe Bahnhof.«
»Ich denke, er hat sein persönliches Trauma gemalt.«
»Das sieht man.«
»Wirklich?«

»In der Regel tritt Verlustangst ein, sobald der Verlust erst einmal unumstößlich geworden ist.«
»Sie wollen sagen…«
»Ja, das wollte ich.«

 

 

KANN MAN EIN LAND OHRFEIGEN?
MAN KANN.

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN
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Aus Träumen herauftauchend, eine Aufgabe festhaltend, die sich zum Gedanken einerseits, zum Bild andererseits verfestigt, ohne schon zu verfestigt zu erscheinen. Auch bleibt es ungewiss, ob das, was da als Aufgabe heraufdämmert, als deine Aufgabe begriffen werden soll oder als eine, deren Ausführung, durch wen auch immer, in den Raum gestellt wurde – was ihre Dringlichkeit keineswegs geringer, nur eben anonym werden ließe: diese Aufgabe knüpft sich auf unbegriffene Weise an die Zahl vierundzwanzig, genauer, an das Bild oder die vage bildhafte Vorstellung, an der das Meiste assoziiertes Gefühl bleibt, von ebenso vielen, vorerst leer blickenden Rahmen, die den Halb-, Viertel- und Nicht-mehr-Schläfer durchgeistert. Was die Aufgabe angeht, so lässt sie sich leicht formulieren, obwohl du das immer wieder hinausschiebst, vielleicht, weil es dir vorkommt, als gerate das Formulieren hier leicht auf Abwege oder decke mit kräftigen Lettern gerade das zu, was gesagt werden müsste, um dem Erträumten gerecht zu werden. Doch in Wahrheit bleibt es wie alles begründungslos.

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (1)
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Vierundzwanzig Bilder, lautet die Aufgabe, hätten das wechselnde Antlitz einer – dir übrigens unbekannten – Person vorzustellen, die, aus ihrem Alltagsleben herausgeholt, auf eine kurze, lange Reise in den verordneten Tod geschickt wird

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (2)
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der ›sie erwartet‹, wie man so sagt, mit einem jener rätselhaften Ausdrücke, die sich um diese grausigen Prozeduren gebildet haben, während es doch so ist, dass sie ihn erwartet, aber so, wie ihn Menschen erwarten, wenn sie genötigt werden, die Spanne zwischen zwei Ungewissheiten auszufüllen, ohne dass es etwas zu tun gäbe, in dem sie Vergessen fänden oder auch nur die Art von Ungewissheit, die dem Leben, dem einfachen, wirklichen Leben gemäß wäre, weil es nun einmal ist, wie es ist, selbst dann, wenn jemand unter die Räuber und Vergewaltiger fällt.

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (3)
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Vierundzwanzigmal also das Schweißtuch der Veronika, abgenommen einem jungen, seiner Auslöschung entgegenreisenden Mädchen, dessen Traumnamen du vergessen hast, was seltsam ist, weil der Traum ihn eigens herbeischaffte, als sei da noch etwas ausgespart geblieben, das um keinen Preis ausgespart werden durfte, während das Gesicht –

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (4)
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Warum vierundzwanzig?

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (5)
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Ganz einfach, könntest du dir sagen: 6 x 4, das Problem des Würfels, der in die Ebene drängt. Doch so einfach lässt das Problem sich nicht aus der Welt schaffen. Warum auch. Ein Problem hat ein Recht zu existieren, etwa wie ein Mensch, ein Baum, ein Vogel, ein Rosinenhügel oder, deinethalben, ein Rosmarinstrauch. Das Problem des vierundzwanzigmal leeren Rahmens lässt sich schwer formulieren, die Frage, warum es existieren sollte, nimmt daher ungebührlichen Raum ein, eine Zeitlang kommt es dem Viertel- oder Achtelträumer so vor, als bestehe Deckungsgleichheit zwischen Problem und Frage, doch schon schiebt das Problem sich wieder nach vorn, leer, wuchtig, wenn er nicht aufpasst, erschlägt es ihn vor dem Aufwachen. Du versuchst dir die Reihe der Passionsrahmen vorzustellen, das geht wohl nicht anders als dadurch, dass du sie mit Inhalten füllst

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die Inhalte strömen herbei, fast könnte man sagen, sie reisen an, manche zu Fuß, manche in komfortablen

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Schüben

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diese junge Frau, zweidimensional auch sie, die sich sachte ablöst von ihrem Grund und vorbeischwebt, wirkt nicht verzweifelt, eher jenseits der Verzweiflung, besäße sie Augen, so sähe man gleich, wie es um sie steht, nun gut, sie besitzt welche und man sieht, wie es um sie steht, aber nur für den Augenblick dieses gedanklichen Zugriffs, lockert er sich, so verschwinden sie und man sieht nichts oder, besser vielleicht, seltsam wenig, denn nichts zu sehen ist nicht so einfach, das gilt für jeden Zustand, gleichgültig ob Wach- oder Schlaf- oder Traum-. Ob es etwas zu sehen gibt oder nicht, bestimmt nicht der Träumer. Er bestimmt nur die Auswahl. Bestimmt er sie? Nun, nicht wirklich, er fährt mit dem Stift hin und her, unterstreicht dies, lässt jenes dahingestellt sein, er träumt ja nicht bewusst, er gleitet.

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Dass er von ihr angerührt wird, ist ganz normal, es betrifft

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (10)
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keinen von ihnen direkt, müsste er denken, doch der Gedanke ist gerade nicht auffindbar, vielleicht gelöscht, es gäbe ihn also, nur hinter Gittern

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einen Gedanken kann man nicht aus der Welt schaffen

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nein, das geht nicht, es geht wirklich nicht, der Weltknoten, der dich hervorgebracht hat, ist nicht auf bestimmte Gehirne beschränkt, er ist nicht randscharf, denkst du, nun ganz du selbst, aufrecht, ein wenig schläfrig noch, das ist der entscheidende Punkt: er sitzt in den Übergängen und jeder Versuch, ihn von außen zu fassen, lässt ihn herein. Lässt ihn herein. Vermutlich ist das der Grund für Gedankenphobien. Die Leute fürchten die Ansteckung und lassen sich allerhand einfallen, um ihr zu entgehen. Ob’s hilft, weiß nur die Zukunft. Das Wissen der Zukunft ist unbegrenzt, jedenfalls liegen seine Grenzen nicht dort, wo man sie gerade vermutet. Dennoch: du weiß schon, dass du niemals mehr wissen wirst als jetzt. Du weißt überhaupt mancherlei.

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Man kann sich einem Gedanken verweigern. Einem bestimmten? Ohne ihn bestimmt zu haben? Wie gründlich muss man einen Gedanken kennen, um ihn verweigern zu können? Ist ein Gedanke, den man in- und auswendig kennt, noch zu verweigern? An welcher Schwelle?

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Man kann den Ort unkenntlich machen, an dem er, erst einmal in der Welt, sich unweigerlich einstellen würde. Doch das gelingt nur unvollkommen. Der Gedanke wird diesen Ort weiterhin umkreisen, eine einsame Dohle, die Menschen durch ihr Gekrächze erschreckt. Die Einsamkeit der Gedanken... worin besteht sie? In der Einsamkeit, mit der bezahlt, wer sie denkt? Das wäre unwahrscheinlich, sehr unwahrscheinlich, die Menschen lieben an ihresgleichen die Einsamkeit und werden, Zaungäste, die sie sind, davon angezogen, sie bewundern die Posen und ahmen sie nach, wo sie können. Nur die Einsamen gebärden sich, als seien sie Mittelpunkt eines Pulks. Tronka zum Beispiel … Gibt es Gedankenträger? Gibt es Menschen, die man nur totschlagen müsste, um einen Gedanken … oder zerschlagen, um ihn herauszulassen? Geheimdienste etwa sind Maschinen zum Herauslassen von Gedanken, vor allem solcher, die ihr Träger ungern herauslässt. Jedenfalls muss man nachhelfen, damit die Quelle sprudelt, den Zapfen hineintreiben, irgendeinen, aber es gibt schon spezielle. Geheimdienste, heißt es, sind zynisch in ihren Methoden, die Ergebnisse sind es vermutlich auch: da liegt der Fund und er lebt, jedenfalls atmet er noch. An einem toten Gedanken ist niemandem gelegen. Sein Nutzen ist, vorsichtig gesprochen, ›begrenzt‹.

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Warum vierundzwanzig?

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Nie ist die Fremdheit des Geträumten so groß wie an dem Wendepunkt, an dem der Nicht-mehr-Träumer versucht, es umzumünzen in Tagesgedanken.

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Dieser dicht vor einem Menschen aufgerissene Tod... wie soll das gehen? Kann einer, aus der Ruhe eines vorsichtig angebrochenen Nachmittags kommend, in gewisser Weise sicher in ihr navigierend, kann so einer die, sagen wir, schreckgeweitete Muße aufbringen, sich in das Mysterium zu versenken? Offenbar nicht. Allein die Rede vom Mysterium wird, sagen wir, dem Gegenstand nicht gerecht, sagen wir, sie verfehlt ihn drastisch. Doch der Rede vom Gegenstand geht es nicht besser, sagen wir, sie objektiviert zynischerweise, was nicht objektiviert werden kann, weil die Objektivierung zweifellos selbst eine Art Hinrichtung, eine verweigerte Anteilnahme... sagen wir also, auch dieses Wort, wie die ganze Kette, ist falsch. Denn Anteilnahme, das wäre doch, als könne eine solche Erfahrung sich mitteilen, als sei sie nicht die streng verschlossene Frucht eines Lebens, das vor allem zurückweicht, was weiter lebt, als sei

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die Tendenz zum Schwafeln das einzig Wirkliche, das zurückbleibt.

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Eine Zahl hilft, sie ist ein Erzeuger. Was sie erzeugt, steht in den Sternen. Was in den Sternen steht, lächelt dich an. Was dich anlächelt, nun, das bringt dich in Fahrt. Beweise dich! Nicht jede Zahl lächelt, eine lächelnde Zahl unter so vielen gleichgültigen ist, als Fund, unwahrscheinlich genug, um zu bedeuten, ganz ohne Bedeutung, ohne weiteres. Nimm sie hin! Nimm sie! Besseres wirst du nicht finden. Andere Zahlen liegen starr und verbogen im Gelände, ausgeglüht, könnte man sagen, gekrümmt von Bränden, die deine Vorstellungskraft überfordern

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offenbar ging es denen, die dabei waren, nicht anders, der gebrochenen Vorstellungskraft sagt vieles nichts, anderes alles, dazwischen die Lücke, ihr eigentliches Terrain

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (21)
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als sei, wer dabei war, auch irgendwie beteiligt gewesen, ein Teil des Brandes, ein Stück niedergebrannten Feuers, das man umschleicht, als bräche es hinterrücks wieder aus, unfähig, Rede und Antwort zu stehen, unfähig, Fragen hervorzulocken, die nicht schon die Antwort

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (22)
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die scharfe, apercuhafte Haut dieses Mädchens

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (23)
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der Gedanke, der langsam zu brennen beginnt

der Archipel

 
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Je später der Abend

Tronka und Blowasser empfinden Sympathie füreinander
1

Ein Kaffeeautomat ist 24 h im Dienst

  • ―Hören Sie mal … Sie Forschungsvorhabender, gehen Sie gelegentlich auch nach Hause?
  • ―Selten, außerordentlich selten. Warum sollte ich?
  • ―Die Familie hat aber nicht viel von Ihnen.
  • ―Die Familie? Die Familie? Meine Familie lebt in Brüssel, da geht’s ihr gut. Ich fliege hin, dreimal im Jahr, sooft es geht. Ja, der geht’s prächtig. Meine Schwiegermutter lebt auch dort, sie passt auf die lieben Kleinen und auf die Blumen auf, besser könnten wir’s gar nicht getroffen haben. Nein, ich kann mich nicht beklagen. Meine Lebensgefährtin…
  • ―Sie sind nicht verheiratet?
  • ―Also hören Sie mal… Sind Sie’s? Na also. Was ich Sie noch fragen wollte…
  • ―Fragen Sie.
  • ―Nein, vergessen Sie’s. Kam mir nur so in den Sinn.
  • ―Fragen Sie.
  • ―Ich sehe Sie öfters mit dieser jungen Dame. Sehr attraktiv. Ich wollte Sie gelegentlich zum Essen einladen. Ja, ich koche gern. Weniger für mich allein, aber unter Freunden … immer wieder gern. Zander – wie wär’s mit Zander?
  • ―Da wird Pida sich aber mal freuen.
  • ―Pida … Pida … Ihre Freundin? Studiert sie bei Ihnen?
  • ―Ich glaube, sie studiert mich. Mal sehen, was dabei herauskommt.
  • ―Das kenne ich. Ich frage mich manchmal … Woran erkennt sich unsereiner eigentlich?
Tronka und Blowasser empfinden Sympathie füreinander
2
  • ―Wie meinen Sie das?
  • ―Wie ich’s gesagt habe. Vergessen Sie’s. Sie haben doch auch Familie.
  • ―Wissen Sie, meine Familie … da muss ich wissen: interessiert Sie der nördliche oder der südliche Teil? Was den südlichen angeht –
  • ―Ja?
  • ―Vergessen Sie’s. Haben Sie schon einmal Ihre Wurzeln gekappt? Schwer, aber nicht unmöglich. Nein, unmöglich ist es nicht. Die Familie holt einen trotzdem ein. Also ich spreche jetzt nicht von Verwandtschaft. Ich spreche von Familie. Cousins von mir leben in Andorra. Kennen Sie Andorra? Ich meine, waren Sie schon einmal dort? Komisch, ich dachte früher immer, dort kann man gar nicht leben. Aber man irrt sich. Man irrt sich gewaltig, besonders in Bezug auf die Familie. Die Familie ist was für Notzeiten. Heutzutage ist sie praktisch unsichtbar. Aber sie holt einen ein. Sie natürlich sind fein raus.
  • ―Wieso das denn?
  • ―Mit Ihrer jungfräulichen Kleinfamilie in Brüssel haben Sie doch freie Hand. Sie können kommen und gehen, vor allem gehen, wie’s Ihnen passt. Sagen Sie jetzt nicht, Ihre Schwiegermutter, wie Sie sie nennen, sähe das anders. Sprießt ihr nicht schon der Bart? Ich meine jetzt, an den dafür vorgesehenen Stellen. Sie müssen darauf nicht antworten.
  • ―Meine Frau ist eine sehr unabhängige Person.
  • ―Das sind sie alle. Mehr oder weniger erfolgreich.
  • ―Wie meinen Sie das?
  • ―Nun, entweder Sie merken etwas oder Sie merken nichts. Wenn Sie etwas merken, können Sie es vergessen oder auch nicht. Wenn Sie nichts merken, können Sie es vermuten oder auch nicht. Wenn Sie es vermuten, können Sie der Vermutung nachgehen oder auch nicht. Sie sind nur dreimal im Jahr da, also lassen Sie’s. Wenn Sie es lassen, dann haben Sie frei. Wenn Sie frei haben, dann können Sie diese Freiheit nutzen oder auch nicht. Wenn Sie sie nutzen, dann wird aus der Vermutung rasch Gewissheit. Warum? Weil Sie Gewissheit brauchen. Sie vermuten also, dass Sie wissen, was für einen Wissenschaftler ein gewisses Problem darstellt, aber keines, das sich nicht bei gewissenhafter Prüfung bewältigen ließe, Sie vermuten mit Gewissheit, dass Sie nach Strich und Faden … nein, das vermuten Sie nicht, denn Sie sind ein aufgeklärter Mensch und das Sexualleben Ihrer Lebensgefährtin geht Sie nichts an. Schütteln Sie nicht den Kopf, es geht Sie nichts an. Hier geht es aber nicht um das Sexualleben Ihrer Gefährtin, jedenfalls nicht so, wie Sie sich das gern vorstellen … geben Sie zu, Sie stellen es sich hin und wieder vor, hin und wieder, aber alles in allem ganz gern, das entlastet … sondern um diesen Mit-Haut-und-Haaren-Besitz, den sie radikal ablehnt, sobald Sie ein gewisses Ansinnen an sie stellen… Wann haben Sie ihr den letzten Heiratsantrag gemacht?
  • ―Kennen Sie Brüssel? Sie waren mal dort, geschenkt. Hat Ihnen mal jemand Brüssel beschrieben? Brüssel ist ein imaginärer Punkt in einer imaginären Landschaft. Manche halten es ja für die europäische Hauptstadt. Meine Frau – ich nenne sie jetzt mal so – lebt dort mit ihren Freunden. Jeder, der in Brüssel lebt, lebt dort mit seinen Freunden. Man lebt dort, wie man als Europäer leben sollte: frei, abgeschottet, privilegiert und armselig.
  • ―Nun, arm –
  • ―ist ein dehnbarer Begriff, ich weiß. Ihr Lieblingsrestaurant liegt an der Chaussée Saint-Pierre. Mal davon gehört? Essen, Vorstellung, ein Blick aufs Handgelenk: Du, ich habe noch eine Verabredung. Soll ich fragen? Die Frau ist ein einziges Dienstgeheimnis, soll ich fragen? Natürlich nicht. Ich forsche gern. Aber nicht an dieser Front. Die Kinder mustern mich abschätzend, sie fragen mich, wann ich wieder fliege, weil sie gelernt haben: Konversation ist wichtig. Schließlich komme ich aus irgendeiner muffigen Provinz weit im Osten. Mutter hat gesagt – nicht weitersagen! –, dort könne man nicht leben, niemand könne dort leben, und Großmutter bringt sie ins Bett. Oder zu Freunden. Ich habe keine Freunde dort. Ich kenne diese Stadt überhaupt nicht.
Tronka und Blowasser empfinden Sympathie füreinander
3
  • ―Sagten Sie nicht, Sie wüssten nicht, wie man dort lebt?
  • ―Doch. Genau das. Sehen Sie, auch ich habe Karriere gemacht. Es ist mir eine tägliche Ehre und Freude, die Pyramide zu betreten und mich an meinen Schreibtisch zu begeben. Die Pyramide ist mein Gehäuse. Am liebsten wäre mir, man würde mich irgendwann mit den Füßen zuerst hinaustragen. Brüssel? Wer kommt schon bis Brüssel? Jesus kam nur bis Schaerbeek … Sie verstehen? Brüssel ist keine Stadt, sondern ein Prinzip. Wer so leben will, soll es tun, meinethalben, der halbe Pott ist verbrüsselt, aber anders. Ich habe ja nichts gegen Hauptstädte. Aber Brüssel ist keine. Brüssel ist eine Verschwörung gegen die Lebensart, maskiert als Lebensart. Mein Leben, als Familienmensch betrachtet, ist eine Verschwörung gegen die Familie. Nein, ich bin nicht gewillt, die Armbanduhr meiner Frau zu heiraten. Diese Armbanduhr … sie ist meine Partnerin, aber eine eisige. Sie tickt nicht richtig, aber verlässlich. Sehr verlässlich. Das ist es, was ich an ihr schätze. Überhaupt schätze ich mein Leben sehr. Schätze, das geht Ihnen ähnlich.
  • ―Ach wissen Sie… Was Sie Brüssel nennen … andere nennen es München oder Salzburg oder Mailand oder Vancouver oder Melbourne … wir streuen weit, nicht wahr? … Sie mögen es Prinzip nennen, nennen Sie es, wie Sie wollen, aber es ist etwas anderes. Es ist ein Versagen, nicht der Personen oder Institutionen, auch nicht der Regierungen, und die Kirchen, die haben schon gar nichts damit zu tun. Genau betrachtet hat niemand damit etwas zu tun. Niemand ist eine zentrale Instanz unserer postmodernen Moderne. Wussten Sie das nicht? Sobald wir miteinander über diese Dinge reden, sind wir niemand. Ich weiß nicht, wie Sie das finden, aber ich finde das auffällig. Schon mal darüber nachgedacht schwul zu sein? Einfach so, um jemand zu sein? In diesen Dingen, versteht sich, ich will Ihnen nicht Ihre Persönlichkeit absprechen. Neinneinnein, ich will Ihnen auch nicht zu nahe treten. Da sei unser tägliches Quantum de Sade vor. Mindestens. Die Autoren kennen Sie ja aus dem Effeff. Ich muss jetzt auch los. Schön, mal mit Ihnen geplaudert zu haben. Die Welt ist rund. Und: Grüßen Sie Ihre Frau. Nein, nicht direkt von mir, wir kennen uns ja nicht, da wird Ihnen schon was einfallen.
Tronka und Blowasser empfinden Sympathie füreinander
4

Zum Gehen bereit, abgewendet, dreht Tronka sich noch einmal um.

  • ―Sie haben mich nicht verstanden, stimmt’s? Nicht ganz jedenfalls, denn irgendwas versteht der Mensch immer. Dieses Niemandsein, wie ich es nannte, bezieht sich ja nicht auf die Person, also darauf, etwa keine Person zu sein, keine richtige jedenfalls, während da draußen jede Menge Prachtexemplare unserer Gattung herumlaufen … sagten Sie Alphatiere? Ja gewiss, Alphatiere, so werden sie heute genannt, gestern nannte man solche Leute Persönlichkeiten und nahm den Hut schon von weitem ab, sobald man ihrer ansichtig wurde, der Rest lässt sich schikanieren. Also, um es kurz zu machen, diesen Quatsch werden Sie von mir nicht hören. Ich meine, all die Leute wie Sie und ich, die es nicht gebacken bekommen, obwohl wir es eigentlich ganz gut gebacken bekommen, verglichen mit all den Leuten, die in der Therapie landen oder auf der Intensivstation oder im Kittchen – also mit denen brauchen Sie oder ich uns weiß Gott nicht zu vergleichen. Trotzdem, die Wand ist dünn, sehr dünn manchmal, darüber reden wir ein andermal, nicht jetzt. Der Abend ist lau, da tut sich was im Gehirn, das zur Niederschrift drängt. Nennen Sie es auch Niederschrift? Ich finde den Ausdruck, ehrlich gesagt, albern, aber er ist ehrlich, auf eine alberne Weise ehrlich. Ich mag ihn. Die Pflicht ruft! Wissen Sie, wer niemand ist? Niemand ist, wenn alle darüber wegreden, man selbst eingeschlossen, und man ist einverstanden, man ist dabei, man hat keine Probleme. Probleme haben die anderen. Man verbirgt sich auch nichts. Man bejaht einfach. So muss es sein. Man trägt die Last des Scheiterns. Man ist einfach schuld, wenn’s mal nicht klappt, also dauernd. Jetzt schwafeln sie wieder von unserer Schuld. Von der Zahl der Verkehrstoten bis zum Aussterben des Himalaya-Katzenbären: alles unsere Schuld. Wir sind alles, der Einzelne niemand. Wir sind schuld. Warum? Aus keinem anderen Grund als dem, dass wir immer noch nicht ausreichend wir sind. Also strengen wir uns an, spannen unsere Muskulatur, auch die der Gefühle, um wir zu sein, mehr wir, noch mehr wir – solange uns das nicht gelingt, sind wir schuldig. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass es so ein Wir nicht gibt. Die Verwandlung des Einzelnen ins Wir, das lechzt, trabt, beißt, wittert, das jeden, der ausschert, gnadenlos brandmarkt, gerade mal ein paar Jahrzehnte, nachdem die schauerlichen Reste des letzten Wir zusammengefegt und unter den strengen Blicken der restlichen Welt verscharrt wurden, wem verdanken wir die…? Ich sage es Ihnen nicht. Fragen Sie sich, Sie können sich so wie jeden anderen fragen, niemand ist da privilegiert. Fragen Sie sich und erzählen Sie mir bei Gelegenheit, was Sie herausgefunden haben. Beim Zander! Ich hab’s notiert.

Und trollt sich.

 

Eike B

Der Parasit
1

Was zum Beispiel macht den Studenten B angenehm? Er kommt gelegentlich in die Pyramide, er ›interessiert sich‹. Die Universität der Zukunft gibt ihm Bemerkungen ein, die andere als Zynismen abtun würden. Tronka, der ihn seit langem kennt, bemerkt etwas darin, was er nicht zu benennen wüsste, verspürte er das Bedürfnis, es zu benennen, was nicht der Fall ist. Auf seine unauffällige Art findet B sich an den Schaltern, dort, wo es ein kleines Extrapensum zu bewältigen gilt, wo eine Hilfstätigkeit winkt, eine Sonderbeziehung sich auftut. Nein, er strotzt nicht von Leistungsbereitschaft, das fiele anders auf. Er ist der Typ, der gern dabeisteht oder ‑sitzt, wenn ›etwas Vernünftiges‹ geschieht. Also wirkt er – im Gegensatz zu den Kommilitonen, die, alles in allem, nicht unvernünftig wirken – vernünftig: da liegt die Differenz. B wirkt, in aller Vernünftigkeit, unvernünftig, als treibe ihn ein geheimer Mechanismus der Selbstzerstörung oder, vorsichtiger ausgedrückt, der Selbstverhinderung an. Tronka, in der Position des Älteren-und-Erfahreneren, möchte ihn gern fragen, warum er mit Lust sich selbst im Weg steht. Aber stets überkommt ihn der Impuls dann, wenn der andere schon gegangen ist. In dessen Gegenwart scheinen sich solche Reden zu verbieten, sie wirken ungehörig, unpassend, vielleicht sogar unerhört. Studienplanung ist Bs Stärke, er hätte drei unterschiedliche Studiengänge an verschiedenen Universitäten belegen können, ohne sich zu verausgaben.

Der Parasit
2

Die Pyramide erfüllt ihn mit Scheu, vielleicht mit Abscheu, wie sie Parteigänger eines vergangenen Regimes gegenüber dem neuen Machthaber empfinden, der ihnen wider Willen imponiert und dem sie sich, vom Machtbezirk magisch angezogen, bereits andienen. Gut möglich, dass er auch das nicht bemerkt, vielleicht ist er nur auf der Hut vor sich selbst und dem harschen Urteil, das er von dort zu erwarten hätte.

Der Parasit
3

Macht und Verrat: in Bs Wortschatz liegen beide obenauf, als empfange er verschlüsselte Nachrichten von einem offiziell verschollenen U-Boot, das in fernen Weltmeeren kreuzt und zwar nur Weniges, aber immer Bedeutsames zu berichten weiß. B, ein junger Mann, auf den Tag fast so alt wie der Staat, dessen Bürger sie sind, überspringt die Hürde zur Vergangenheit spielend. Wo andere stranden, weil die Erinnerung sie einholt oder sie kompensieren müssen, dass es für sie nichts zu erinnern gibt, stößt er fast nach Belieben vor und zurück: meistens, so scheint es Tronka, mit Gewinn.

Der Parasit
4

Eike B, der klassische Fall eines Studiums aus gespaltener Motivation. Erstens: es ist undenkbar für ihn, nicht zu studieren, das Elternhaus lässt es nicht zu. Zweitens: es ist undenkbar für ihn, zielstrebig zu studieren, denn das hieße den Willen des Vaters zu erfüllen. Drittens: es ist gut denkbar, nicht zu studieren, sehr gut denkbar sogar, man muss darüber nachdenken. Viertens: es ist gut denkbar, zu studieren und danach etwas anderes zu machen, etwas ganz anderes. Das, immerhin, brächte Sinn ins Leben. Fünftens: es ist denkbar, zu studieren und nicht zu studieren, die erwartete Leistung zu verweigern und damit aufzufallen. Sechstens: es ist denkbar, aber nicht auszudenken, dass einer wie er sich der gängigen Lehre auf Gedeih und Verderb ausliefert.

Der Parasit
5

Der letzte Punkt vor allem gibt zu denken. Sollte es sein, dass dieser junge Mann etwas weiß, was seine Dozenten, weil sie’s verdrängt, vielleicht auch verschlafen haben oder aus lauter Konformismus zu lehren vergessen, nicht oder nicht mehr wissen? Vielleicht, weil es sich mit ihrer Spiegel-Lektüre nicht verträgt oder weil sie sich vor den Attacken rabiater K-Gruppen fürchten oder weil sie einst von der revolutionären Studentenschaft auf ihre Stellen gespült wurden und sich seither in Gesinnungsgewahrsam befinden? Klar und gerade kann sich das Gegen-Wissen, mit dem B punktet, nicht aussprechen. Das wäre vielleicht auch zuviel verlangt. Da es nicht gelehrt wird, nimmt es nirgends die Form des Gelehrten und Geklärten an. Abgerissen, unkoordiniert, assoziativ steigt es in seine Rede, die ansonsten sanft bleibt, mit einem leisen Krähen darin, einem gedämpften Hahnschrei, der herauswill und nicht weiß wohin.

Der Parasit
6

Nur: worin besteht dieses Gegen-Wissen? Worin kann es bestehen? Beharrt es trotzig auf älteren Wissenschaftslagen? Woher diese Informiertheit? Es kann doch nicht sein, dass ein Student etwas weiß, was seine Professoren vergessen haben. Nein, das kann nicht sein, so zu denken führt unmittelbar in die Sackgasse. Andererseits: B ist eine Leseratte, immer unterwegs im verzweigten Abwassersystem der Bibliotheken, dort, wo das Rauschen vergangener Wissensstände ans Ohr schlägt und sich auf Grund des allgemeinen Dunkels die Wahrnehmung schärft. Nicht zu vergessen das Stöbern in Antiquariaten, als exzessiver Sport betrieben: hier lagern in dichten Reihen die vierziger und fünfziger Jahre, schon die frühen Sechziger mit ihren helleren und bunteren Einbänden wirken unseriös, da zeitnah.

Der Parasit
7

Kein Zweifel: Bs so altklug wirkender Kopf beherbergt einen Antiquariatsnarren, den die Mentalität seiner Mitmenschen langweilt und der auf dem Stand zu sein sich konsequent weigert. Mit dem Vergangenen durch sein – wie stellt man das an?

Der Parasit
8

B erzählt nicht, wenn erzählen berichten heißt: er deutet an, setzt voraus, bezieht sich. Er ist die Nachricht und das ist alles andere als amüsant. Dennoch spricht er lang und gern über Amüsantes. Vielleicht amüsiert er sich, vielleicht zu Tode, weil alles so langweilig ist, vielleicht, weil der innere Reichtum ihm nichts anderes eingibt, vielleicht, weil er diesen Epochenblick besitzt, der weiß, dass er in einer Ära des billigen Vergnügens lebt, und dass er seine Zeit versäumen würde, wenn er es darauf anlegte, dem Vergnügen auszuweichen. Andererseits –

Der Parasit
9

Das Vergnügen der anderen zieht ihn zu sehr an, als dass er Spaß haben könnte, wirklichen Spaß, der nicht nach links oder rechts blickt, weil er sich unaufhaltsam entrollt. B ist ein Mann des mageren Spaßes, der wendig nach links und rechts blickt, um den der anderen nicht zu versäumen. Dennoch erstaunt, aus seinem Mund einen Satz zu hören, den man eher von Bierfahrern oder Auto-Testern erwartet hätte:

  • ―Ab geht die Post.
Der Parasit
10

Geht sie denn ab? Wirklich? Und wenn ja, wohin? Stürzt sie wie eine Lawine zu Tal, hierhin und dahin, den einen oder anderen Einzelgänger erschlagend, begrabend, mit sich fortreißend, bis sie am Dorfrand zu stehen kommt, in sinnloser Höflichkeit, da die Bewohner alle geflohen sind und nun mit einer gewissen Enttäuschung in ihre Häuser zurückkehren, wo alles an seinem Platz steht und geringschätzig auf die Eigentümer herunterblickt, die es wegen einer solchen Lappalie, aus reiner Furcht, im Stich gelassen haben?

Der Parasit
11

B sagt solche Sätze, ohne sich von der Stelle zu rühren, er wartet still ab, was geschieht, wenn die Dynamik schwillt, als vergnüge er sich am Blick in die rasenden Speichen, wenn andere aufdrehen. Er bittet sie förmlich aufzudrehen, nein, er schafft ihrem Wunsch aufzudrehen ein Ambiente, in dem er sich künstlich entfalten kann, so klein oder unvorhanden er auch gewesen sein mag. Als betrete mit ihm die Devise den Raum: Lasst zwei, vier, hundert Titanen um mich sein. Und sie schafft es im Handumdrehen. Wo eben noch Entspannung herrschte, ›Entspannung pur‹, wie die Werbesprache das nennt, trägt jeder erbittert an seinem Los und an dem der anderen, der Zeit und des Universums und nicht zuletzt, denn auch das muss gesagt werden, am Los der Mutter, dem schwersten von allen.

Der Parasit
12

Nur B geht es gut, er ist mit sich im Reinen und lächelt. Leichtsein ist alles.

 

 

DIE WELT IST VOLLER GESETZE /
EINES MEHR SCHADET NICHT /
EINE GELTUNG MEHR /
IST EIN ABWEG WENIGER

Eike001
So forsch er redet, so ängstlich hört er sich zu.
So ängstlich er sich antwortet, so hochmütig hört er sich zu.
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike B ist nicht einer.
Eike ist, solange er denken kann, zwei.
Ein Mann und seine Scham.
 « 
 » 
Eike001
So forsch er sich antwortet, so ängstlich hört er sich zu.
Eikes Vaterkomplex ist legendär.
Er träumt von der geistig-moralischen Wende. 180 Grad und er ist dabei.
 « 
 » 
Eike001
Diese schmerzt anders.
Eike001
Es ist die Mischung, die den Vater gegen ihn aufbringt.
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eikes Vater: Dentist. Ein Wunder an
Präzision. Eikes Mutter: ein Abgrund an
Unbestimmtheit. Eike will genau sein.
Eike ist unbestimmt.
 « 
 » 
Eike001

Vater und Sohn:
jeder enttäuscht vom anderen,
jeder enttäuscht von sich selbst.
Zwischen ihnen: der Abgrund.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Jeder sehnt sich danach, dass der andere ihn versteht. Beide lehnen es ab, den anderen zu verstehen. Beide sind überzeugt davon, sie hätten verstanden.
 « 
 » 
Eike001

Mutters Groll plus Vaters Schmerz = Eikes Hass. Auf wen?
Das ist nicht so einfach.
Eike hasst den Vater.
Er hasst ihn, wie dieser sich hassen würde,
litte er nicht unter dem Groll der Mutter,
sondern trüge ihn gegen sich selbst
aus Solidarität mit der Frau
an seiner Seite.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eikes Mutter, das ist:
der lebenslange Groll gegen den Vater.
 « 
 » 
Eike001

So kann man es sagen.
Einig worüber? Über die Welt da draußen.
Welche Welt? Eine Welt aus Geschichten.
Eike kennt die Welt aus Geschichten.

Eike001
Eike ist Tronka-Schüler.
Eike lehnt Tronka ab.
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Tronka behauptet: Er kennt sie alle.
 « 
 » 
Eike001
  • ―Welche Pointe?
  • ―Das kann ich dir verraten.
  • ―Dann verrat’s mir.
  • ―Warum? Damit du es gegen mich verwendest?
  • ―Warum sollte ich so etwas tun?
  • ―Weil es dir einen Vorteil verschafft.
  • ―Welchen Vorteil?
  • ―Ich liefere mich dir aus. Du kannst mich in die Pfanne hauen.
  • ―Ich denke nicht daran, dich in die Pfanne zu hauen.
  • ―Jetzt nicht. Dann vielleicht schon.
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Jede Geschichte
hat eine Pointe.
 « 
 » 

 

WER DAS SCHWEIGEN BEHERRSCHT /
KONTROLLIERT DEN RAUM /
WER DEN RAUM KONTROLLIERT /
BEHERRSCHT DIE SICHTWEISEN

 

Eike001

Welches Gespräch?
Das Gespräch an sich.
Das Gespräch außer sich.
Das Gespräch der anderen.
Das Gespräch als Bereicherung.
Er bereichert sich an gefallenen Worten, als fielen sie ihm zu.

Eike011

Wohin fallen Worte, wenn keiner sie aufgreift?
Das sind so Fragen.
Sobald keiner hinsieht, greift Eike zu.
Er ist ein Nascher.
Er ist ein elender Nascher.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Wann fallen Worte? Wie fallen Worte?
 « 
 » 
Eike001

Er ist misstrauisch.
Beantwortet das die Frage?
Sein Misstrauen deckt den Raum der Zuversicht ab.
Politik spielt im Raum der Zuversicht.
Demnach deckt er sie ab.

Eike001

Zum Beispiel ist er überzeugt davon, dass Gedanken gefährlich sind.
In seinem Kopf wimmelt es von gefährlichen Gedanken.
Er hortet die Überzeugungen anderer Leute,
als müsse er auf sie aufpassen.
Prost, Eike!

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike besitzt Überzeugungen.
Sein Ideal: Für jede Situation die passende Überzeugung.
 « 
 » 
Eike001

Eike hingegen hat kein Problem damit, Hiero
oft und ausgiebig anzuschwärzen. Warum?
Ist Eike weniger Freund? Keineswegs.
Eike ist niemandes Freund.
In seinen Augen ist Hiero ein Niemand.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Seine Freunde kennen ihn gut.
Hiero zum Beispiel macht sich Gedanken.
Er macht sie sich, niemandem sonst.
Er käme sich vor wie ein Verräter,
wollte er sie herauslassen.
 « 
 » 
Eike001
  • ―Habe Mut, dich deines Verstandes … zu … bedienen…
  • ―Welchen Verstandes? Wovon redest du da? Zeig ihn her!
    Zeig ihn mir!
  • ―Ich habe Verstand. Hast du keinen?
  • ―Ich habe Grips. Hast du Grips? Hast du wirklich Grips?
    Vielleicht hast du Grips. Mag sein, ich will das nicht untersuchen.
    Aber Verstand? Wer hat schon Verstand? Ich kenne keinen.
  • ―Das ist absurd.
  • ―Absurd wie das Leben.
  • ―Das Leben ist nicht absurd. Das Leben ist, wie es ist.
  • ―Das ist eine Tautologie.
  • ―Leben ist tautologisch.
Eike001
  • ―Ich bin nicht das Leben. Ich bin keine Tautologie.
  • ―Logisch. Was bist du dann?
  • ―Anders.
  • ―Sehr richtig. Du bist ein anderer. Einer unter anderen. Warum solltest gerade du Verstand haben, wenn alle anderen keinen haben? Angenommen, es wäre so: dann wärst gerade du anders als alle anderen.
  • ―Vielleicht bin ich das ja. Das war ein Scherz. Wie kommst du darauf, dass alle anderen keinen Verstand haben?
  • ―Wie kommst du darauf?
  • ―Ich sage doch: Habe Mut, dich deines Verstandes…
Eike001
  • ―Das sagst nicht du, das sagt Kant.
  • ―Kant ist tot. Also sage ich es.
  • ―Du plapperst es nach. Verstehst du es überhaupt? Was weißt du
    von Kants Verstand?
  • ―Kant redet von deinem Verstand.
  • ―Kant vielleicht. Du nicht.
  • ―Dein Verstand geht mich nichts an.
  • ―So ist es. Also lass ihn aus dem Spiel.
  • ―Hast du jetzt einen Verstand oder nicht?
  • ―Mein Verstand sagt mir, dass es nicht an meinem Mut liegt, wenn niemand sich seiner bedient.
  • ―An was denn dann?
  • ―An den Verhältnissen.
Eike001
  • ―Welche Verhältnisse sollen das denn sein?
  • ―Verhältnisse, unter denen du praktisch tot bist, wenn du den Mund aufmachst.
  • ―Sagt das dein Grips oder dein Verstand? Du redest doch dauernd.
  • ―Ich rede, aber was ich denke, geht niemanden etwas an.
  • ―Wer ist Niemand?
  • ―Da gerade wir miteinander reden: Du vielleicht.
  • ―Soso, ich bin also niemand? Sagt dir das dein Verstand?
  • ―Nein. Er sagt mir gar nichts, solange wir miteinander reden.
  • ―Und danach?
  • ―Danach sagt er mir: Was ich denke, geht dich nichts an.
  • ―Hältst du mich für einen Mörder?
  • ―Nein. Für einen Agenten.
Eike019
  • ―Das ist Paranoia. Glaubst du, ich spioniere dich aus?
  • ―Nein, das glaube ich nicht.
  • ―Was dann?
  • ―Ich glaube, du willst mich bekehren.
  • ―Das müsste ich wissen. Zu was?
  • ―Zu deinem Glauben.
  • ―Wieso das denn?
  • ―Du redest von Mut, aber in Wahrheit soll ich so reden wie du.
  • ―Und wie rede ich?
  • ―Wie alle anderen.
  • ―Das ist nicht wahr.
  • ―Genau das meine ich.
  • ―Das verstehe ich nicht.
  • ―Du glaubst, du würdest dich deines Verstandes bedienen und
    die anderen würden es nicht. Dabei redest du dasselbe Zeug wie alle anderen auch. Dein Verstand? Dein Verstand befiehlt dir, dich nicht zu weit von der Herde zu entfernen. Das ist dein ›Mut‹.
  • ―Und wer bist du?
  • ―Falscher Zug. Ganz falscher Zug.
Eike020

Was spricht gegen einen Roman, der »Muntepan« heißt?
Eike ist überzeugt: Dieser Roman macht ihn berühmt.
Eike will berühmt sein.
Eike ist überzeugt: Berühmtheit hat ihren Preis.
Diesen Preis will er nicht zahlen.

Eike hasst die Berühmten.
Er will vergessen werden.

Das kann er haben.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
»Muntepan« heißt der Roman,
an dem Eike schreibt,
solange nichts gegen ihn spricht.
Er schreibt langsam, denn dagegen spricht viel. Eigentlich alles.
 « 
 » 
Eike020

Eike sagt:
Wer gegen das Vergessen angeht, der vergisst viel. Das ist ganz normal.
Man kann nicht alle Muskeln auf einmal spannen.
Ich selbst bin einer, den man vergisst.
Ich werde gewesen sein und keine Spur hinterlassen haben,
es sei denn, ich lege eine.
Ich kann das.
Aber darf ich das auch?

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike schreibt gegen das Vergessen.
Das machen viele.
Eike schreibt gegen das Vergessenwerden.
 « 
 » 
Eike022

Würden alle Bücher schreiben, dann würde sie keiner lesen.
Würden alle Professor, dann gäbe es kein Wissen.
Würden alle Politiker, dann gäbe es nichts zu regieren.
Würden alle Priester, dann gäbe es nichts zu glauben.

Alle menschlichen Dinge hängen an diesen vier Wörtern:
Es gibt einen Unterschied.

So denkt Eike.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Das sind Eikes Fragen:
Darf ich das auch?
Darf man das?
Ist das erlaubt?
 « 
 » 
Eike023

Wer keinen Unterschied macht, gibt es den überhaupt?
Nein, denkt Eike, den gibt es nicht.
Mache ich einen Unterschied? Nein.
Folglich gibt es mich auch nicht.
Ich bin einer der vielen, die keinen Unterschied machen.

Quod licet Jovi non licet bovi.

Eike ist Lateiner. So etwas, findet er, macht einen Unterschied.
Das, findet er, ist keine frohe Botschaft.
Eike vergisst schnell.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Wenn es einen Unterschied gibt,
dann deshalb, weil jemand ihn macht.
 « 
 » 

 

 

DER KAMPF DER ERNIEDRIGTEN /
BEDARF DES ERHÖHTEN /
DER SICH SELBST ERNIEDRIGT

Eike024

Er sagt: Ich bin keiner. Ich bin viele.
Ich will alle sein.
Ich will wie alle sein.
Ich will nicht auffallen.
Das ist meine Art aufzufallen.

(Das sagt er nicht, aber er denkt es.
Er will es nicht denken, aber es denkt sich.)

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike will der Mensch sein,
der keinen Unterschied macht.
Er sagt: Lasset die Menschen zu sich
kommen und wehret es ihnen nicht.
 « 
 » 
Eike025

Er sagt: Ich habe nichts zu lehren.
Ich vermittle Wissen.
Wirkliches Wissen ist niemandes Wissen.
Ich will niemand sein.
Dieser oder ein anderer.

Eike026

Ich gebe wieder.
Es sind nicht meine Gedanken, die ich vermittle.
Wenn ich wiedergebe, denke ich da überhaupt?
Ich denke mir meinen Teil.
Ich stelle ihn daneben.
Aber nur in Gedanken. Sage:
Muss ich mehr dazu sagen? Ich denke nicht.
Besser die Boote verbrannt als die Zunge.

Eike027
  • ―Ich bin Eike und wer bist du?
  • ―Ich höre dir zu.
  • ―Das gefällt mir. Gefällt es dir auch?
  • ―Teils-teils. Ich höre etwas und ich höre nichts.
  • ―Drücke ich mich undeutlich aus? Das wäre ein Fehler.
  • ―Du drückst dich deutlich aus. Aber eher wie eine Zigarette.
  • ―Das verstehe ich nicht.
  • ―Du redest, als ob wir beide schon wüssten, was wir von alledem zu halten haben.
  • ―Und? Stimmt das etwa nicht?
  • ―Ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher. So wie du redest, denke ich, dass du nichts davon hältst.
  • ―Wovon? Von alledem? Das kann man so nicht sagen.
  • ―Genau. Das meinte ich. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
  • ―Genau so meinte ich das nicht. Ich weiß, was ich sage. Aber ich dränge niemandem meine Auffassungen auf.
  • ―Sicher? Das ist merkwürdig. Ich würde mir gern selbst ein Bild machen. Doch deine Rede lässt das nicht zu.
  • ―Ich suche das Einvernehmen.
  • ―Unsinn. Du setzt es voraus. Du suchst es und du setzt es voraus. Du müsstest es herstellen. So wird das nichts.
Eike028
  • ―Was wäre evident?
  • ―Alles, was mich widerlegt.
  • ―Warum das denn?
  • ―Weil es schmerzt.
  • ―Zwingend?
  • ―Nicht zwingend. Aber naheliegend.
  • ―Muss alles, was evident ist, schmerzen?
  • ―Wenn ich etwas vorbehaltlos bejahe, was passiert dann? Es überwältigt mich. Es löscht mich aus. Es macht mich gleich.
  • ―Ist das schlimm?
  • ―Nein, aber ich bin immer noch da. Das schmerzt. Es nimmt mich nicht mit.
  • ―Du willst also mitgenommen werden?
  • ―Ja, das will ich.
  • ―Wohin?
  • ―Irgendwohin. Wüsste ich das Ziel, so wäre es schon kassiert.
  • ―Dann lass dich mitnehmen.
  • ―Das geht nicht.
  • ―Alles geht.
  • ―Aber es geht schief.
  • ―Alles?
  • ―So spricht der Versucher.
  • ―Was spricht gegen den Versuch?
  • ―Ich. Meinesgleichen.
  • ―Wer ist das?
  • ―Viele.
  • ―Das käme auf den Versuch an.
  • ―Nein. Es kommt auf die Sache an.
  • ―Welche Sache?
  • ―Das wird sich herausstellen.
  • ―Irgendwann?
  • ―Genau dann.
Eike029

Eike lebt im Bann der Bilder.
Er sagt: Dieses Bild macht mich nicht an
und sucht die Schuld beim Bild.
Wer stellte es her?
Wem entzog er sich damit?

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike, ein Bild betrachtend, möchte genau das sein: Teil des Bildes.
Das betrachtete Bild lässt ihn nicht ein.
Was ist falsch: das Bild oder Eike?
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Eike030

Eike formuliert es neu:
ALLES ABWEGIGE LÄUFT.
So abwegig ist das nicht.

 
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike, gesetzestreu, träumt vom Gesetz. Ein zweiter Moses, zerschmettert er Tafeln am Fels. Aus diesem Traum gibt es kein
Erwachen. Das zerschmetterte Gesetz gilt.
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Die Scham, sich ausbreitend, wechselt
Gesicht und Geruch

Vorschlag zur Güte
1

Guido, sich die Butter aufs Brot streichend, wendet sich zu Hiero:

  • ―Nein, ich bin nicht überzeugt. Gib mir Zeit, es dir zu erklären. Ach, ich sehe schon: Da gibt es nichts zu erklären. Spar’ dir deine Rede, ich seh’s dir an. Spar sie dir, habe ich gesagt, sie schmerzt mich, hast du keinen Respekt? Nein, du hast ihn nicht. Voll der Botschaft, das bist du, aber nicht voll der Gnaden. Warum auch? Du bist keine Jungfrau, du bist ein einfacher Samenspender, das reicht dir, das reicht mir, manchmal habe ich die Nase gestrichen voll. Wovon? Von deiner Gegenwart? Das könnte dir so passen. Ja, es passt dir ausgezeichnet. Da liegt sie, die Bahn der gestatteten Rede, und will nur eins: dass du sie beschreitest. Das willst du doch, oder? Gib zu, du willst es. Alles drängt sich dahin. Meine Rede dagegen, was schert sie dich? Nichts? Weniger als nichts: sie ist Vorlage, schon konsumiert, bevor sie in sich vollendet. In sich, gewiss, auch ich stehe unter dem Zwang, sagen zu müssen, was ist, auch wenn ich kein Politiker bin. Gerade deshalb. Kein Politiker sagt, was ist. Wenn’s hoch kommt, sagt einer, was an der Zeit ist, dann ist er tot oder er zieht sie hinter sich her. Ich will niemanden hinter mir herziehen. Und du? Ziehst eine Schleppe von Sätzen hinter dir her, die auszusprechen einmal richtig und notwendig war. Heute … heute machen sie Tabula rasa. Ganz recht, Tabula rasa. Du rasierst deine Umgebung, merkst du das nicht? Dein Mundwinkel zuckt, in deinen Augen lodert das Fegefeuer des Aufklärers: Hör’s dir an! Einmal musst du’s ja doch. Eine Wahrheit, die nicht an der Zeit ist: was ist das? Eine Unwahrheit? Schlimmer als das: eine kassierte Wahrheit. Eine Wahrheit für eine andere, die an der Zeit wäre. Das verstehst du nicht? Und wie ich dich verstehe!
Vorschlag zur Güte
2

Hiero, mühsam beherrscht:

  • Ist das jetzt Ironie oder was? Oder willst du zwischen uns das Tischtuch zerschneiden? Also bitte…
  • ―Geht schnell bei dir.
    (Guido, das Messer ins Marmeladenglas tauchend, nicht sicher, ob so ein Satz, laut und entschieden gesprochen, nicht den sofortigen Bruch bedeutet. Den will er nicht. Nein, den will er nicht. Jetzt nicht … und überhaupt. Es wäre Versagen.)
    Jetzt brüllen sie wieder. Unisono, im Chor, von den Hauswänden, scheinbar lautlos. Zum Schein lautlos. Zum Schein andersherum. Nazis raus. Und die blöden Nazis hocken in ihren Löchern und kommen und kommen und kommen nicht raus. Patt. Wo sie wohl stecken? Unglaublich. Ein Volk von Nazis, das sich duckt und so tut, als habe es nichts gehört. Nicht zucken, Nachbar. Du bist nicht gemeint. Noch nicht… Mit dir beschäftigen wir uns morgen. Du bist keiner? Du findest das unerhört? Warum die Aufregung? Warum so blass um die Lippen? Erwischt? Erwischt! Die kollektiven Derwische…
  • ―Sag mal, warum echauffierst du dich so? Ist doch wahr. Ist doch alles wahr. Dieses Volk ist so öde. Wenn heute ihr Führer aufkreuzte … ich will nicht schon wieder damit anfangen. Aber eigentlich … warum nicht? Wie damals, wollte ich sagen. Was hat sich denn geändert? Nichts hat sich geändert. Das Volk bleibt sich gleich. Dieses Volk bleibt sich gleich. Nur der Ausländeranteil ist gestiegen und das ist gut so. Sie können nicht mehr tun, was sie wollen. Das ist wirklich gut.
  • ―Zeige mir ein anderes.
  • ―Warum sollte ich? Warum sollte ich? Sag mir einen Grund.
  • ―Also gut. Sagen wir, du hast recht. D’accord, alles geschenkt.
  • ―Habe ich gesagt, dass ich mir was schenken lasse? Ich denke nicht dran. Du kannst dein Geschenk zurückhaben.
  • ―Ich denke nicht dran.
Vorschlag zur Güte
3

Not my way, Johnny –

Wie ein erwachsener Mensch, sexuell unreif geblieben, bei bestimmten Wörtern oder Gesten ins Zittern gerät, so gerät der Mensch der Scham, auf bestimmte Gegebenheiten angesprochen, unweigerlich in Bedrängnis: Schweiß bricht aus seinen Poren, Rost blüht aus seiner Stimme, er fühlt den Zwang zu übergehen, was eigentlich gesagt werden müsste, und herauszuschreien, was endlich gesagt werden müsste, obwohl es unendlich besser ist, es sich zu verkneifen. Der Mensch der Scham ist verkniffen. Er fühlt sich besser, als er ist. Er fühlt sich schlechter, als er es zugibt. Warum fühlt er überhaupt sich? Er sollte fühlen, was alle fühlen, aber er fühlt sich. Scham isoliert. Soll er denn fühlen? Ja, er soll. Darin besteht das Gesetz der Scham: Fühle! Fühle dich! Du sollst wissen, wie es sich anfühlt. Du sollst wissen, wie es ist, wenn man sich schuldig fühlt. Wie, du bist dir keiner Schuld bewusst? Darin liegt deine Schuld, deine unermessliche Schuld, deine Schuld ohne Ende, weil du ihr den Anfang verweigerst. Nur der Anfang gibt Hoffnung aufs Ende. Nimm ihn an! Du musst sie fühlen lernen, tief in dir, erst dann bist du ohne Schuld. Warum weigerst du dich? Was in dir weigert sich? Da ist etwas Dunkles, Unaufgelöstes in dir, das dir eingibt, dir geschehe irgendein Unrecht. Ist es nicht so? Ist dir ein Unrecht geschehen? Willst du das Unrecht, das anderen widerfuhr, so einfach aus deinem Bewusstsein verbannen? Nein, das nicht? Das verstehen wir nicht. Wer A sagt und B verweigert, ist ein Lügner. Sage nicht, du hättest es nicht gewusst. Es ist eine Lüge. Was, du hast es gewusst? Lüge. Nichts hast du gewusst, sonst könntest du dich jetzt nicht so sträuben. Was willst du denn gewusst haben? Ganz recht: Das alles lag vor deiner Zeit. Daraus also ziehst du Entlastung? Wer Entlastung braucht, wie tief steckt der in der Scheiße? Du steckst ganz schön in der Scheiße. Doch eigentlich steckt die Scheiße in dir. Hol’ sie heraus! Entledige dich ihrer. Schrei es heraus: »Scheiße!« Brüll endlich: »Raus!« Du bist der Mensch der Scham, gestern wart ihr wenige, du und deinesgleichen, heute seid ihr viele und morgen gehört euch… Siehst du, so geht das. Schon würgt dich die Scham.

Vorschlag zur Güte
4
Dürrobst

Die Deutschen leben in einer Fäkalkultur. Sie finden scheiße, was damals geschehen ist, sie haben aus der Fäkalie ein Adverb gezogen, das macht ihnen keiner nach. Jedenfalls nicht so schnell, auf dieses Alleinstellungsmerkmal legen sie Wert. Was ist deutsch? Sehr einfach: es scheiße zu finden. Nichts geht leichter als Deutschsein: Finde es scheiße und du befindest dich mittendrin. Nicht wenige bemühen dafür die heilige Dreizahl: scheiße scheiße scheiße. Sie schrecken vor nichts zurück. Darin gleichen sie ihren Vorfahren, jedenfalls denen, die vor nichts zurückschreckten. Und darum geht es schließlich: aversive Mimesis, Nachspielen im Modus des Abscheus. Da staunen Sie! Es will Ihnen nicht zu Kopf? Ich will’s Ihnen glauben. An diesem Knochen habe ich selbst lang genagt.

Nassen

Das reicht ja bis ins Psychosomatische. Meine ganze Umgebung hat es am Darm. Eine Manifestation, wenn Sie mich fragen. Der deutsche Darm stranguliert sie alle. Wenn ich das so sagen darf. Die Mitgardschlange vermutlich. Darf man das so sagen? Ich weiß es nicht. Es ist ja schon ein bisschen geschmacklos. Und irgendwie auch scheiße gegenüber den Opfern. Ich finde Schweigen manchmal richtig. Man kann nicht zu allem schweigen, das ist auch richtig, aber Sprache ist auch Macht und wer zu allem etwas zu sagen hat, der bringt sich zwanghaft in eine Machtposition, die ihm nicht zusteht. Eigentlich steht sie niemandem zu. Die Deutschen müssen lernen, dass Deutschsein nichts Besonderes bedeutet, darin besteht ihre spezielle Lektion. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen. Jedenfalls wüsste ich nicht wie. Aber vielleicht sehen Sie eine Lösung.

Ophoff

Wenn mir mein Körper nicht mehr sagt, wann ich aufhören muss, dann sollte ich Hilfe in Anspruch nehmen. So schwer ist das gar nicht. Am besten geht das, wenn alle Seiten ihren Stolz ein wenig zurückschrauben. Ich glaube, ich kann das beurteilen, weil ich schon Fälle gesehen habe, ich meine jetzt, das ging da ins Existenzielle. Da wieder herauszukommen ist gar nicht so einfach.

Dürrobst

Sie meinen: Deutschsein auf Krankenkasse?

Ophoff

So in der Art. Ich würde das jetzt nicht ironisieren. Wobei man als Kassenpatientin sich nicht so … in der idealen Position befindet, das gebe ich gerne zu. Aber nach meiner Auffassung ist das auch gar nicht nötig. Wichtig ist, dass man etwas dagegen macht, zum Beispiel auf Demos oder in Schreibprojekten, ja in Schreibprojekten, das hat eine ganz schön befreiende Wirkung. Wow. Man lernt dann auch zu seiner Schuld zu stehen.

Nassen

Du meinst Verantwortung?

Ophoff

Ich meine schon auch Schuld. Schreiben heißt ja begreifen, was man sich schuldig ist. Jeder steht in seiner Schuld, das ist ganz richtig, aber durch das Schreiben begreift man dann auch, dass alle bei allen ›in der Schuld stehen‹, ich finde das einen ganz niedlichen Ausdruck, der wirklich beschreibt, worum es geht. Wer alles scheiße findet, der hat ja kein wirkliches Verhältnis zu seiner Mitwelt. Eigentlich existiert er doch gar nicht.

Nassen

Wenn’s darum geht. Das macht die Toten auch nicht lebendig.

Argloser

Sie wollen Tote erwecken, mein junger Freund? Das nenne ich mutig. Mit wissenschaftlicher Prosa werden Sie das nicht erreichen. Sie gehören zu den Deutschen, die gern ungeschehen machen wollen, was nun einmal geschehen ist. Sehen Sie sich vor! Das ist ein Impuls, den die Scham eingibt. Sie wollen die Scheiße vom Tisch haben. Das klingt ziemlich ordinär, aber es bringt die Sache auf den Punkt. Sehen Sie sich vor: Sie sind auf der Suche nach dem Sündenbock. Haben Sie ihn erst gefunden, fühlen Sie sich auf wundersame Weise erleichtert. Und der fa-

Nassen

-schismus?

Argloser

-tale Zirkel beginnt von vorn.

Vorschlag zur Güte
5
Argloser schreibt

Die Verortung der Schuld beim politischen Gegner dient der Infantilisierung des Konflikts, in dem der Einzelne steht und den er nicht mit sich austragen möchte. Er will nicht fremde Schuld tragen, auch dann nicht, wenn sie, per Verwandtschaft, per Zugehörigkeit an ihn herangetragen wird. Frei von Makel – das will er sein, so will er zumindest scheinen, deshalb geht der Makel ihm nach, ein eingebildeter Makel erstens, weil die Einbildung ihn hegt und pflegt, bis er sie beherrscht, zweitens, weil er eingebildet macht: kein Makel ist wie dieser, der mich beherrscht, er hebt mich heraus aus der Menge der Erscheinungen, er macht mich sichtbar. Sichtbar, das will ich sein, das war mein Begehr seit jeher, jetzt bin ich’s und es soll falsch sein? Was kann daran falsch sein, dass einer wie ich sichtbar wird? Bin ich nicht singulär? Bin ich nicht zutiefst davon überzeugt, dass niemand mir das Wasser reichen kann? Zeugt nicht auch die Verruchtheit der Verwandtschaft von Erwählung? Nun gut, Erwählung ist vielleicht das falsche Wort, sagen wir: Außerordentlichkeit. Wenn ich außerordentlich bin, wer sind dann die Ordentlichen? Die Dummen, ganz recht, an denen die Verantwortung für das Geschehene klebt, ohne dass sie sich ihrer erwehren können. Wollen Sie’s denn? Oh ja, sie leiden, ohne zu leiden, sie rufen im Chor: ›Ich war’s nicht!‹ und sind es, gerade in ihrer Gesamtheit, doch. Warum sonst glichen sie ihren Väter und Müttern aufs Haar? Sie alle sind eine Brut: der Schoß, aus dem das kroch, der Schoß und das, was aus ihm kroch und wieder Schoß wurde, der sie gebar. Sie sind der ewige Spießer. Wenn ich also einen Makel trage, dann den, mit ihnen verwandt zu sein. Abkömmling von Spießern, Sohn, Enkel, Bruder, Vater von Spießern, Spießerbrut eben, aus gleichem Schoß, aber in ihm bereits rebellierend, ans Licht getreten als Rebell: Mutter war anders. Solange ich denken kann, war sie nicht imstande, sich aus der Spießer-Umklammerung zu lösen, sie selbst zu sein, aufrecht und frei, aber sie war anders. Zwischen Mutter und mir gab es immer einen starken Rapport.

Vorschlag zur Güte
6
Argloser legt nach

Der Träger der Scham verabscheut das Parteiensystem, das ihn umzingelt und ihn seiner Erwähltheit beraubt. Wohin er blickt, gewahrt er nur eine Partei: die der Spießer. PDH (Partei der Herrschenden) – so nennt er sie, so kennt er sie, denn er kennt nichts anderes. An ihr arbeitet er sich ab. Auf sie schaut er herunter, als sei’s der eigene Abgrund, aus dem ihm das Bild des ewigen Spießers entgegenblinkt. Der Träger der Scham ist männlich. Seine Freundin krault ihn: Schäme dich nicht! Du bist wunderbar. Doch praktisch findet sie seine Scham schon. Das Vergangene ist furchtbar, aber es hat seine Strafe bekommen: es ist vergangen. Ist es nicht furchtbar, immer davon reden zu müssen? Wer redet vom Unrecht, das mir geschah? Auch ich bin aus diesem Schoß gekrochen und es war kein Zuckerschlecken. Ist das nicht furchtbar? Der Furchtbare war mein Vater. Nun, wenn das so ist: Da hast du ein Unrecht, das du wieder gut machen kannst. Ich bin deine Aufgabe. Hast du das nicht gewusst? Ich werde auf dich warten, wie je eine Frau auf einen Mann wartete: aber als Aufgabe. Mein Los zu ändern, darin besteht deine Aufgabe. Eine Jahrhundert-Aufgabe. Nein, ich werde nicht warten. Wo immer du mich vermutest, werde ich schon gewesen sein. Ich bin schon weiter. Wir alle sind ein Stück weitergekommen. Findest du nicht? Siehst du, ich bin ein Stück weiter als du. Du musst nachlegen, wenn du mich erreichen willst. Du stehst mir im Weg. Den Satz kannst du dir merken. Du wirst ihn noch oft zu hören bekommen.

So redet die Freundin der Scham. Und siehe, es geschehen Zeichen und Wunder: Die Bankenwelt kracht ein und funkelt wie nie zuvor, das Privateigentum sammelt sich in den Taschen des Staates und fließt in Projekte diesseits und jenseits des Traums, jenseits der Menschheit, wie die Frommen zu tuscheln und die Progressiven ihnen bald nachzuplappern beginnen, die Welt wird ärmer und reicher, ärmer an Geist und reicher an Gelegenheiten, die Armut wächst und mit ihr die Gewissheit, ihr entrinnen zu können, die Geldsumme wächst und mit ihr die Schulden, der Reichtum wächst und mit ihm das Bewusstsein, besser zu sein als die vorausgegangene Menschheit, ausgenommen die Opfer. Nur die Quote, die einsame Quote am Horizont bleibt unerfüllt wie die Liebe, wie der Hass, wie die Gerechtigkeit, wie der lange Zorn, wie die Angst vor dem angekündigten Untergang, wie der Traum vom besseren Leben, wieviele ihn auch zu leben sich tagtäglich anschicken.

 

 

VERFESTIGUNG EINER SCHAM
IN SECHS SCHRITTEN
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 1

A ist schuld.
B und C erinnern ihn daran.
A fühlt sich schuldig.
B und C sind zufrieden.

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Eike024

B: Du weißt –
C: Er hat’s vergessen.
B: Was denn?
C: Darüber will ich jetzt nicht reden.
B: Ich auch nicht.
C: Darüber kann man nicht einfach reden.
B (zu C): Wie hält er das aus?
A: Okay, ich war’s. Genügt euch das? Was wollt ihr?
B & C: Wir?
A: Wer sonst?
B: Ganz recht. Wer sonst.
C: Er hat es vergessen.
B: Er will es vergessen.
A: Ich habe es nicht vergessen.
C: Was denn? Dann sag’s uns.
A: Was wollt ihr hören?
B: Wir? Du fragst uns –?
C: Wir wollen nichts hören. Was könntest du uns schon sagen?
B: Worüber willst du denn reden?
C: Also gut, wenn’s dir dann besser geht.
A: Ich kann nicht.
B: Warum nicht?
A: Ich weiß nicht.
B & C: Er weiß es nicht.
B: Du hast also vergessen, was du getan hast?
A: Nein, habe ich nicht.
B: Dann sag’s doch. Los, spuck es aus.
A: Warum? Was habe ich euch getan?
C: Uns? Das fragst du uns?
B: Wir sind ganz Ohr.
A: Ich weiß nicht, was ihr wollt.
C: Wetten, du weißt es? Wetten, du weißt es?
B: So naiv kann keiner sein.
C: Vielleicht doch. Weiß man’s?
A: Ich weiß, was ihr wollt.
B: Schau an, unser kleiner Naiver.
C: Komm schon, wir haben dich trotzdem gern. Weißt du das nicht?
B: Nicht doch. Er hat’s vergessen. aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 1

A ist schuld.
B und C erinnern ihn daran.
A fühlt sich schuldig.
B und C sind zufrieden.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 2

A ist sich keiner Schuld bewusst.
B und C mokieren sich über ihn.
A empfindet Scham.
B und C sind zufrieden.

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Eike024

A: Ich habe da einen Vorschlag.
B: Er hat da einen Vorschlag.
C (zu A): Ich an deiner Stelle wäre da vorsichtig.
A: Das verstehe ich nicht.
C: Das glauben wir dir sogar.
A: Was willst du damit sagen?
C: Ich? Vielleicht willst du uns etwas sagen.
B: Komm, sag’s schon.
A: Worauf wollt ihr hinaus?
C: Stell’s leiser. Wir verstehen dich ja.
B: Was nichts an der Sache ändert.
C: Was nichts an der Sache ändert.
A: Sagt mal, spinnt ihr?
B: Jetzt wird’s unappetitlich.
C: Du könntest in dich gehen.
B: Wir werfen dir ja nichts vor.
A: Dann ist ja alles in Ordnung.
B: Ist es nicht.
A: Und warum nicht?
B: Das musst du dir schon selbst sagen.
C: Das wäre das Mindeste.
A: Was ist jetzt mit meinem Vorschlag? Wollt ihr ihn hören?
C: Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
B: Du hast es vergessen, stimmt’s?
A: Ich habe nichts vergessen.
B: Du weiß es also.
A: Ich weiß alles.
B: Er weiß es.
C: Und es macht dir nichts aus?
A: Nein. Sollte es das?
B: Uns macht es aber etwas aus.
C (zu A): Was weißt du denn?
A: Keine Ahnung. Was wollt ihr denn wissen?
C: Das solltest du dir selbst sagen.
A: Sag’s mir. Ich weiß jetzt nicht, was du meinst.
C: Das solltest du aber.
A: Warum?
B: Weil es unser Verhältnis betrifft.
C: Gib dir keine Mühe. Er kapiert’s nicht.
B: Das scheint mir auch so.
C: Das war’s dann.
B: Auf diesere Basis kann man nicht arbeiten.
C: (zu A): Lass deinen Vorschlag stecken.
B: Ein andermal vielleicht.
A: Ihr könnt doch nicht…?
C: Doch. Können wir.
B: Und jetzt lass uns – aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 2

A ist sich keiner Schuld bewusst.
B und C mokieren sich über ihn.
A empfindet Scham.
B und C sind zufrieden.

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Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 3

A empfindet Scham.
B und C zweifeln dies an.
A empfindet Wut.
B und C zeigen ihre Unzufriedenheit.
A fühlt sich ausgegrenzt.

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Eike024

B (zu A): Schämst du dich nicht?
A: Wie recht du hast. Ich schäme mich.
B: Wie recht habe ich denn?
A: Ich meine einfach: Du hast recht. Ja, ich schäme mich.
B: Warum eigentlich? Was hast du getan?
A: Ich stehe zu meiner Schuld.
B: Das kann jeder.
A: Das verstehe ich nicht.
B: Jeder kann behaupten, er stehe zu dem und dem. Beweise es!
A: Gern. Und wie?
C: Das finde ich jetzt schamlos.
B: Du verlangst von uns, dass wir…?
A: Ich verlange nichts.
C: Das ist auch das Mindeste. Vielleicht verlangen wir ja etwas.
A: Nur zu. Ich höre.
C: Wir verlangen … sagen wir … ein gewisses Minimum an Scham. Ist das zuviel verlangt? Ist das schamlos? Los, sag schon: Ist das schamlos?
A: Das sagt doch niemand.
B & C: Das genügt uns nicht.
A: Was dann?
B & C: Es geht nicht um uns.
A: Da habt ihr verdammt nochmal recht.
B: Willst du uns beleidigen?
C: Willst du sagen, es geht uns nichts an?
B: So einfach kommst du nicht davon.
A: Ich will nicht davonkommen. Ich wüsste nicht, warum ich davonkommen sollte.
C: Bist jetzt du das Opfer?
B: Schau, das Selbstmitleid.
C: Selbstmitleid? Der ist doch stolz drauf. Der kann gar nicht anders.
B: Der würde es wieder tun.
A: Das ist nicht wahr.
B: Leugnen kann jeder.
A: Ich leugne nichts.
B: Das kann jeder behaupten. Wenn du meinst, damit kommst du durch, hast du dich getäuscht.
A: Was soll ich deiner Meinung nach tun?
B: Das ist schon der falsche Ansatz.
A: Ich würde gern alles richtig tun und schon ist alles falsch.
C: Da hast du recht.
A: So läuft das nicht.
B: Da hast du auch recht.
C: Wieso hast eigentlich du immer recht?
B: Mir würde das zu denken geben.
B (zu C): Ihm offenbar nicht.
C: Hat doch keinen Zweck.
B: Reden wir von etwas anderem.
C: Was hast du für Pläne?
B: Weiß nicht. Wir könnten ja… aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 3

A empfindet Scham.
B und C zweifeln dies an.
A empfindet Wut.
B und C zeigen ihre Unzufriedenheit.
A fühlt sich ausgegrenzt.

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Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 4

A, B und C empfinden Scham.
A und B bringen ihre Scham zum Ausdruck.
C äußert sich zufrieden.
A und B fühlen sich gedemütigt.

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Falle 4


A: Dont’t worry.
B: Kotz dich aus.
A: Be happy. Ich bin dabei.
C: Wobei, wenn man fragen darf?
A: Stell dich nicht so.
B: Scham ist das Mindeste.
A: Ich würde sagen: Das Minimum.
C: Was soll das heißen?
A: Drunter geht nichts. Jeder von uns sollte das wissen.
B: Ich fühle mich schuldig.
A: Leugnen wäre zwecklos.
B: Es wäre unerträglich.
C: Sind hier Leugner im Raum?
B: Lauter Zerknirschte.
A: Ich würde es gern ungeschehen machen.
B: Ich auch.
A: Es ist unerträglich.
B: Das ist es.
A: Was können wir machen?
B: Es geht nicht um uns.
C: Um was dann?
B: Wir müssen uns zurücknehmen.
C: Wie soll das gehen?
A: Wir dürfen keine Ausflüchte gebrauchen.
B: Wir müssen aufrichtig sein.
A: Wir müssen den Schaden aus der Welt schaffen.
B: Wir müssen begreifen, dass der Schaden unermesslich ist.
A: Wir müssen die Schuld annehmen.
C: Ihr bereut alles?
A: Alles. Du nicht?
C: Ihr nehmt alles auf euch?
B: Rückhaltlos. Alles andere wäre das falsche Signal.
C: Eine Frage der Ehre?
A: Nein. Eine Frage der Scham.
C: Das finde ich gut. Das finde ich richtig gut.
B: Wir stehen das gemeinsam durch.
C: Das will ich hoffen.
B: Hast du Zweifel?
C: Ich vertraue euch.
B: Du vertraust uns?
C: Ihr macht das gut.
B: Ich verstehe deine Rede nicht.
C: Ich meine, ihr macht eure Sache gut.
A: Wir machen was?
C: Ich sage nur: Ihr macht das gut. Wenn euch das nicht gefällt: auch gut. Dann habe ich mich eben getäuscht.
B: So kommst du aus dieser Sache nicht raus.
C: Habe ich das gesagt? Habe ich das gesagt?
A: Klang gerade so.
C: Sucht ihr jetzt einen Sündenbock oder so?
A: Wieso das denn?
C: Ohne mich.
A: Du schließt dich aus?
C: Ich schließe nichts aus.
A: You son of a bitch. aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 4

A, B und C empfinden Scham.
A und B bringen ihre Scham zum Ausdruck.
C äußert sich zufrieden.
A und B fühlen sich gedemütigt.

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Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 5

A, B und C empfinden Scham.
B und C bringen ihre Scham zum Ausdruck.
A bezweifelt Echtheit.
B und C verbergen ihre Scham.
A triumphiert.

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Falle 5


B: Kennst du das?
C: Was meinst du?
B: Man hat nichts getan und fühlt sich schuldig.
B: Man fühlt sich am Pranger.
C: Man fühlt sich ausgeliefert.
B: Man kann nichts tun.
C: Man schämt sich so sehr.
C: Man kann tun, was man will, aber es ändert nichts.
A: Was soll sich schon ändern?
B: Gute Frage. Was soll sich eigentlich ändern?
C: Zum Beispiel will ich morgens aufwachen und wieder in den Spiegel schauen können.
A: Kannst du das nicht?
C: Nein.
A: Dann kauf dir einen anderen.
C: Das ist zynisch.
A: Das ist zynisch? Du meinst, das ist zynisch? Ich will dir etwas sagen: Was ihr hier aufführt, ist zynisch. Es ist zum Fremdschämen.
B: Wieso das denn? Ich verstehe Bahnhof.
C: Dann tu’s doch.
A: Was soll ich –?
C: Schäm dich. Würde dir gut bekommen.
B: Wir sitzen alle in einem Boot. Wir stehen das gemeinsam durch.
A: Ohne mich. Ich steige aus. Ihr seid Heuchler.
B: Sind wir nicht. Wer gibt dir das Recht –?
A: Habe ich Recht oder nicht?
B: Natürlich nicht.
A: Dann beweist es.
A & B: Wir sollen was?
A: Ich sagte: Beweist es.
B: Das ist schamlos.
A: Dann beweise es.
B: Das ist irre.
A: Irre oder nicht. Bis zum Beweis des Gegenteils bleib’ ich dabei: Ihr seid Heuchler. Schämt euch!
C: Wir uns schämen? Wofür?
A: Habt ihr’s vergessen? Dann kann ich euch auch nicht helfen.
B: Wir brauchen deine Hilfe nicht.
C: Wir haben keinen Grund, uns zu schämen.
A: Schämt euch!
B & C: Unglaublich! Unerhört! Schmarotzer!
B: Schäm dich! aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 5

A, B und C empfinden Scham.
B und C bringen ihre Scham zum Ausdruck.
A bezweifelt Echtheit.
B und C verbergen ihre Scham.
A triumphiert.

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Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 6

A, B und C empfinden keine Scham.
A verlangt, dass B und C Scham bekunden.
B bekundet Scham.
C greift A an.
A und B verlangen Maßnahmen gegen C.

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 » 
Falle 6


A: Das verändert alles.
B: Wie meinst du das?
A: Das hätte nicht passieren dürfen.
C: Es ist aber passiert.
A: Du gibst es zu?
C: Ich gebe nichts zu.
A: Das ist ein Fehler.
B: Mit dem Zugeben ist es nicht getan.
C: Wie meinst du das.
A: Mir scheint, er hat es begriffen.
C: Mir scheint, du hast nichts begriffen.
A: Vielleicht mehr, als ihr denkt.
B: Bist du dir da so sicher?
A: Und woran denkst du?
B: Ich denke, dass ein radikaler Schnitt nötig ist. Man muss sich von der Vergangenheit lossagen.
A: Ihr solltet euch schämen.
B: Vielleicht hast du recht. Vielleicht geht der Weg durch die Scham. Ja, ich schäme mich. Ich schäme mich so sehr, dass ich denke, das hier ist nur ein wüster Traum.
C: Dann wach auf. Merkst du nicht, dass er mit uns spielt?
B: Ja und? Ich habe meinen Weg gefunden und ich werde ihn gehen.
A: Ich denke, du hast die richtige Einstellung.
C: Mir scheint, du hast einen Extra-Zugriff auf die Vergangenheit.
A: Ich habe meine Lektion gelernt.
C: Und worin besteht diese Lektion?
A: Komm runter. Wir sitzen alle in einem Boot.
C: Das du gerade zum Kentern bringst.
A: Das ich gerade zu steuern versuche.
C: Der große Steuermann! Mir kommen die Lachtränen. Wir sollen uns dir anvertrauen, stimmt’s?
A: Warum nicht?
B zu C: Die Scham hat eine reinigende Kraft. Du solltest dich schämen.
C: Ihr solltet euch schämen. Der Trickreiche und der Trottel. Ein schönes Paar, das ihr abgebt.
B: Das nimmst du zurück.
C: Ich denke nicht daran.
A: Das Spiel ist aus.
C: Im Gegenteil: Dein Spiel ist aus und wir alle gehen unserer Wege.
B: Damit wirst du nicht durchkommen.
A: Wir werden die Öffentlichkeit mobilisieren.
B: Wir werden dich fertigmachen.
A: Worauf du dich verlassen kannst. aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 6

A, B und C empfinden keine Scham.
A verlangt, dass B und C Scham bekunden.
B bekundet Scham.
C greift A an.
A und B verlangen Maßnahmen gegen C.

 « 
 » 
Renate Solbach: Styx

 

»Sieh jene Kraniche in großem Bogen« –
der schwarze Fluss, der, deinem Blick entzogen,
nach Westen strömt, nimmt mit, was dir entfiel.
Wenn Leben tötet, dann geschieht es hier.

 

(1) Der tote Fluss

Abseits, vorbei /
an den Stätten der hypermodernen /
Erregung, gespeist /
vom Millionen-Abfluss der Haushalte, aus /
Industrie=Einleitungen /
ohne Ende, ausgerollt über /
die graue Steppe: das Rinnsal.
Betonfurche, halb verwittert, das klaffende V der Verlierer /
umfängt die Flut und trägt /
sie fort, nur fort, denn im Fall der Fälle /
ist Fortsein alles. Fluss ohne Ufer, Fluss ohne Wiederkehr: so /
ist es nicht. 100 Jahre Industriekultur haben den Blick /
geschärft. Entsorgung ist alles. Entsorger säumen /
den Weg, 7 Kläranlagen, 7 Perlen im schwarzen /
Strom, vollbringen den täglichen Hokuspokus: Ab- zu Brauch- /
Wasser, Wasser zu /
Wein, Mein zu Dein und alles wieder von vorn.
Wer verliert, hat /
schon gewonnen.

 
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

DIE GROSSE KLOAKE
RUHRSTADT FÜR FORTGESCHRITTENE

 « 
 » 
Fäkalisationen 1

 

»Hat der Deutsche lange genug ›Arschloch‹ gebrüllt, bebt er vor dem Wort ›Rektum‹ zurück.«
»Quorks, Sie sind ein…«
»Vorsicht!«
»Wieso? Ist er kein Rechter?«

Fäkalisationen 2

 

»Was witzig ist, bestimme ich. Klugscheißer. Das mein’ ich ernst.«

 

Argloser schreibt:

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
1

Systemkonformität ist die von Menschen, die nicht anecken wollen, bevorzugte Weise anzuecken. – Der Satz ist nicht so paradox, wie es auf den ersten Blick aussehen könnte, da ›anecken‹ eine bloße Metapher und daher unterschiedlich auslegbar ist. Nun wäre es immer misslich, eine Definition auf eine Metapher zu gründen, lägen in diesem Fall nicht besondere Gründe vor, die das Verfahren rechtfertigen könnten. Ich persönlich habe deren drei gefunden:

1) Ob ein Mensch konform ist (oder geht), liegt stets im Auge des Betrachters. Kein Mensch genügt sich als Betrachter seiner selbst, daher kann kein Mensch ein klares Bewusstsein des ihm eigenen Konformismus besitzen.

2) Die Konformität eines Menschen liegt in seinen Beweggründen. Wer sie nicht kennt, kann schlechterdings nichts über diesen Gegenstand aussagen. Nun ist es aber zutiefst unwahrscheinlich, dass einer über die Beweggründe eines anderen vollständig im Bilde sein könnte, selbst wenn er davon ausgeht, dass der andere ihn darüber hinreichend aufgeklärt hat. Denn er kann (a) die Möglichkeit nicht ausschließen, vom anderen getäuscht oder bewusst im Unklaren gelassen worden zu sein, und er kann (b) nicht vollständig ausschließen, dass er den anderen in dem einen oder anderen Punkt, vielleicht sogar in einem Hauptpunkt, missverstanden hat und dadurch einen wesentlichen Aspekt seines Handelns nicht überblickt.

3) Kein Mensch kann das System, dessen Teil er ist und zu dem er sich nolens volens verhalten muss, vollständig überblicken. Er kann sich also auch nicht vollständig gefügig verhalten (jedenfalls was das System im Ganzen angeht).

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
2

Vor allem der dritte Punkt ist bedeutsam, weil er die Möglichkeit eröffnet, dass einer, der sich in allen seinen Handlungen durch das Urteil seiner Umgebung leiten lässt, sich eben dadurch sowohl als Konformist als auch als Nonkonformist ausweist, ersteres deshalb, weil er seine unmittelbare Umgebung mit dem System gleichsetzt, letzteres, weil er in dieser Hinsicht empfindlich irren kann – sei es, dass er sich in einer Umgebung von Nonkonformisten bewegt, sei es, dass der Konformismus seiner Umgebung auf falschen Annahmen über das System beruht. Er dürfte also, von einer höheren Warte aus betrachtet, in jedem Fall anecken, genauso übrigens wie jemand, der danach strebt, sich dem System als solchem gegenüber konform zu verhalten, dabei jedoch die Anpassung an die unmittelbare Umgebung und ihre Überzeugungen vernachlässigt. Denn letztere ist doch stets auch Teil des Systems und daher keineswegs zu vernachlässigen.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
3

Gesetzt den Fall, er bewegt sich in einer Umgebung, die, wie er selbst, bestrebt ist, sich in allen Punkten dem System als Ganzen gegenüber konform zu verhalten, also etwa so, wie Börsenzocker sich in vorauseilendem Gehorsam gegenüber den Bewegungen des Marktes üben, dann bleibt doch der Umstand, dass er sich als Mensch in demselben Ausmaße gezwungen sieht, Abstriche an seinen in der Form von Überzeugungen eine gewisse Mitgegenwart erwirkenden persönlichen Prägungen vorzunehmen. Denn kein Mensch gleicht doch derjenigen Person, die er vor einer Handvoll Jahren darstellte. Ebenso gleicht kein System in einem späteren Stadium aufs Haar demjenigen, das es einmal war. In dieser Hinsicht führt der Satz ›Das System hat sich nicht geändert‹ stets mit einiger Sicherheit in die Irre.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
4

Bekanntlich besitzt jedes System eine Umwelt. Es unterliegt also, sofern es auf Selbsterhaltung angelegt ist, den Gesetzen der Anpassung. Individuelle Prägungen wiederum dienen, indem sie das Selbst repräsentieren, der Selbsterhaltung, gleichsam den Markenkern der Person. Daher können sie nicht nach Belieben ausgetauscht werden. Dennoch gibt es auch hier subkutane Entwicklungen, also Anpassungsvorgänge, die allerdings ein eigenes Zentrum und einen eigenen Entwicklungsmodus ihr eigen nennen. Man stelle sich im Gedankenexperiment vor, ein Individuum X erreiche zum Zeitpunkt t10 sein Systemkonformitätsmaximum, also weitestgehende Angepasstheit –: damit ist klar, dass es sich von diesem Zeitpunkt an, die Persönlichkeitsentwicklung eingerechnet, nur verschlechtern kann, so dass unweigerlich der Zeitpunkt t35 näherrückt, in dem als Verwendungs- respektive Verhaltensoptimum seine Ausmusterung ansteht.

Allerdings wäre hierbei vorauszusetzen, dass sich sowohl das System als auch die Persönlichkeit vom Zeitpunkt t10 an einsinnig fortbewegen (wobei es nicht auf die jeweils besondere Richtung ankommt, die beide einschlagen). Was in träge dahinplätschernden Zeitläufen durchaus vorkommen kann. Allerdings sollte man sich einer solchen Entwicklung nicht allzu sicher sein. Das Schicksal der Menschheit im Ganzen wie das des Einzelnen scheint unter dem Motto zu stehen: Etwas passiert immer. Ob es, meist im Nachhinein, sich als vorhersehbar ausweist oder zu den absolut unvorhersehbaren Singularitäten gerechnet werden muss, sollte dabei als nachrangig gelten.

Was bedeuten diese Überlegungen für das Dasein des Systemkonformen? Zunächst einmal: Das Bewusstsein, systemkonform zu handeln, sofern es im Einzelnen anzutreffen ist, greift entweder zu früh oder zu spät – zu früh, insofern die Intention der Existenz stets vorauseilt, das anvisierte Maximum daher stets noch in der Zukunft liegt, zu spät, insofern eine Sicherheit des Besitzes auf dem Feld nicht zu erreichen ist und das Vollgefühl der Angepasstheit bereits den Ansatz der Dekadenz in sich trägt. Wirklich angepasst ist daher im Glücksfall nur derjenige, der sich für unangepasst hält oder an die Konformität oder Nonkonformität seines Handelns und seiner Existenz keinerlei Gedanken verschwendet.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
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An dieser Stelle scheint ein Seitenblick auf die Alltagsprofile von Politikern angebracht, an deren Karrieren sich vielleicht am unverhülltesten das Wechselspiel von Anpassung und Erfolg ablesen lässt. Einer, der sein Politikerdasein als reiner Systemkonformist beginnt (oder auch nur als solcher wahrgenommen wird), hat wenig Chancen, als erfolgversprechende Person in Erscheinung zu treten und damit eine der Bedingungen für den Aufstieg in höhere Positionen zu erfüllen. Der Grund liegt auf der Hand: Er würde, nach Jahren des Aufstiegs, sein Angepasstheitsmaximum bereits weit hinter sich gelassen haben. Im schlimmsten anzunehmenden Fall wäre er damit genau zu dem Zeitpunkt ›ausgebrannt‹, zu dem er in eine verantwortliche Stellung einrücken könnte. Eine Politikerkarriere auf dieser Basis dürfte also stets dem Zufall einer speziellen Konstellation geschuldet sein. Solche Zufälle gibt es zuhauf, daher ist der Anblick toter Politikerseelen in hohen und höchsten Ämtern keine Seltenheit.

Wer daraus allerdings den Schluss ziehen wollte, wirklich erfolgreiche Politiker seien durch die Bank Nonkonformisten oder verfügten zumindest über die allseits nachgefragten Ecken und Kanten, die sie befähigten, gegen die Konkurrenz zu bestehen, der hätte den vorgetragenen Sachverhalt nicht wirklich begriffen. Ein Politiker, der in ein hohes Amt befördert oder gewählt wird, hat idealiter zu diesem Zeitpunkt auch sein Angepasstheitsmaximum erreicht. Falls nicht, haben seine Förderer sich eben in ihm getäuscht und jedermann muss mit den Folgen leben. Nonkonformismus ist der Politikerkarriere nur in zwei Phasen dienlich: zu Beginn, da er ein unausgeschöpftes Entwicklungspotential verheißt, gegen Ende, da er gewöhnlich mit einem nachlassenden Willen zur Macht einhergeht und die Ablösung im Amt beziehungsweise den Übergang ins private Leben erleichtert.

Nur der vollendete Konformist will die volle Macht und nichts als sie. Dieses häufig unbeachtete Axiom wird dadurch verdunkelt, dass die pathologischen Fälle der Weltgeschichte es angeblich ebenso widerlegen wie die Beobachtung, dass der öffentlich bekundete Wille zur totalen Machtablösung sich in der Mehrheit der Fälle als Wille zum radikalen Systemwechsel geriert. Doch auch in dieser Hinsicht ist mehr Schein als Sein im Spiel.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
6

Was in der Politik ›Systemwechsel‹ heißt, beschränkt sich in der Regel auf ein, zwei Elemente innerhalb bestimmter Teilsysteme, äußerstenfalls auf deren Auswechslung in toto. Die Folgen für die Betroffenen, gelegentlich auch für die Gesamtheit der Regierten, können durchaus beträchtlich sein. Über das Ausmaß an Systemkonformität derer hingegen, die an den Stellschrauben drehen, sagt das wenig bis gar nichts aus. Es kann gerade der Wille nicht anzuecken sein, der sie zu ihrem Tun beflügelt, ganz nach dem Motto: Einer (oder eine) musste es tun. Dann wird genau diese Weise anzuecken (eine ›anstehende‹ Änderung im System durchzusetzen) zum Markenzeichen der Person, ›deren Zeit gekommen war‹, deren Handeln ›an der Zeit war‹ etc. Rückblickend, heißt das, entpuppt sich gerade eine solche Person als Inkarnation des Systems, als eine seiner Überlebens- oder Selbstheilungsfinten. Was wenig plausibel wäre, bestünde nicht eine tiefe Übereinstimmung zwischen ihren persönlichen Motiven und dem, was das System in diesem Moment ausmacht – immer vorausgesetzt, man betrachtet das System nicht als statisches, sondern als dynamisches, sich entsprechend den Erfordernissen wandelndes Gebilde.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
7

Was die pathologischen Fälle angeht, so können sie der hier exponierten These eher als Belegstücke dienen. Denn nirgendwo zeigt sich das sogenannte Allgemeine der Verhältnisse deutlicher als in den sogenannten Pathologien. In ihnen erhebt sich das furchtbare Antlitz der Systemkonformität ohne Sinn und Verstand, jedenfalls in der Bedeutung, die letzterem in der zweckmäßigen und ethisch verträglichen Gestaltung der menschlichen Dinge zukommt. Der Konformist, dem es an elementarer Urteilskraft gebricht und der sich deshalb phantastischen, aber sozial abgesicherten Überzeugungen verpflichtet fühlt, ist das politische Schreckbild schlechthin. Allerdings gibt es eine spezifische Pathologie des Politischen, die stets in Betracht gezogen werden sollte, sobald sich Machtfragen in den Vordergrund drängen. Wer Politik gestalten will, dem darf das Leiden an der Politik nicht fremd sein. Er muss es tief in sich aufgenommen haben, um damit jonglieren zu können, mehr, er muss es selbst repräsentieren, um jenen Sog zu erzeugen, der ihn nach und nach mit den nötigen Parteigängern und Gefolgsleuten versorgt. In diesem Bereich scheint der Satz ›Gleiches wird durch Gleiches erzeugt‹ tatsächlich eine gewisse Berechtigung zu besitzen.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
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Was in der Politik überlebensgroß in Erscheinung tritt, das lässt sich im bürgerlichen Leben an allen Ecken und Enden beobachten. Der optimal Angepasste ist der, der von keiner Anpassung weiß. Wer sich ängstlich um Anpassung bemüht, hat zumeist das System nicht begriffen und ahmt nur einzelne Züge desselben, meist an Personen, die er bewundert, nach. Wer sich forsch als Nonkonformist in Szene setzt, handelt in den allermeisten Fällen aus dem konformistischsten aller Gründe: er will bewundert werden. Ob es ihm gelingt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem davon, ob dasjenige, was ihn von den anderen abheben soll, also zum Beispiel eine grelle Frisur oder ein Benehmen jenseits der bürgerlichen Anstandsgrenzen, einem Erfolgscode folgt und damit dem Anspruch auf Erkennbarkeit genügt, oder ob es unmittelbar der Lächerlichkeit anheimfällt, die ihm, aus einiger Distanz betrachtet, in jedem Fall eignet. In dieser Hinsicht bleibt selbst der bei seinesgleichen erfolgreiche Schein-Nonkonformist ein armer Tropf. Das hindert, wie man sah, auch in Gefahr geratene Volksparteien nicht daran, seine Dienste in Anspruch zu nehmen oder bei Gelegenheit sogar um seine Gnade zu winseln.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
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Das Problem des Schein-Nonkonformismus ist eng mit dem der Werbung verschwistert. Wer etwas kauft, nicht, weil er es benötigt, sondern um sich von anderen zu unterscheiden, i.e. weil er es nötig hat, der kauft sich damit Nonkonformität, das heißt, er verlegt den Nonkonformismus in den Kauf selbst. Der Kaufakt als Urgeste der Waren- und Konsumgesellschaft taugt an sich weder als Ausweis von Konformismus noch von Nonkonformismus. Als sinnlose Geste, als reiner Kaufakt kann er Konformismus zum Ausdruck bringen, muss es aber nicht. Denn auch das Gegenteil ist denkbar: Kaufen als kritische Geste gibt der Sinnlosigkeit einen guten Sinn, jedenfalls nach dem Willen der Akteure. Dieser Sinn übersteigt einerseits den Kauf-Sinn, andererseits bleibt er ihm verhaftet. Wer kauft, der kauft, er mag sich dabei denken, was er will.

Wer das eine tut und das andere dabei denkt, dem attestiert die Gesellschaft gern ein gespaltenes Bewusstsein. Zu Recht: Wenn du Konsumgegner bist, dann enthalte dich gefälligst des Konsums. Wie allgemein bekannt, ist das sogar in Gesellschaften nicht so einfach, in denen es wenig zu konsumieren gibt. Wenn der Erwerb schwierig wird, sei es auf Grund eines herrschenden Mangels oder künstlicher, vom Gesetzgeber geschaffener Hindernisse, sei es vermöge eines Tabusystems, das für Enthaltsamkeit sorgen soll, steigt in der Regel seine Bedeutung, weil die Begehrlichkeit mit dem Aufwand wächst und mit dem Objekt des Begehrens auch die Mittel und Wege, an es zu gelangen, ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Unvermeidlich gerät daher, wer den Akt des Kaufens mit zusätzlicher Bedeutung auflädt, in die Falle des Fetischismus.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
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Kritikfetischist und Konsumfetischist sind aus ein und demselben Holz. Um das zu beobachten genügt es, die erweiterte Szene in Betracht zu ziehen. Beide haben Vorsorge getroffen, damit ihr Handeln nicht unbemerkt bleibt. Dafür sorgt im einen Fall die Anwesenheit eines Kamerateams, im anderen die begleitende Propaganda-Arbeit. Worin die Vorsorge im Einzelnen besteht, ist nicht so wichtig. Bedeutsam ist nur, dass es sich in allen Fällen um das Aufstellen von Spiegeln handelt, i.e. von Elementen der Selbstbetrachtung. Wenn zum Beispiel eine Gemeinschaft von Schönheitsjüngern politische Schönheit dadurch definiert, dass sie gesellschaftliche Gesten imitiert, um durch eine übertriebene Art der Zurschaustellung das System ad absurdum zu führen, dann achtet sie sorgfältig darauf, nicht selbst durch die sogenannte Botschaft aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit verdrängt zu werden. Ein Analytiker sollte folglich die Aufmerksamkeitsmaschine im Blick haben, um die begleitende Absicht oder den Zweck der Botschaft zu verstehen. Häufig fällt dabei der Exposition des eigenen Körpers eine hervorstechende Rolle zu. Gut beobachten lässt sich das bei den sogenannten ›Femen‹, den Protestiererinnen der entblößten Brust. Wer auf dem hier gefragten Feld nichts zu bieten hat, bevorzugt eher andere Formen des Protests.

Der Fetischismus verhält sich zum Konformismus wie der Witz zu der in ihm verborgenen Sachaussage. Er negiert ihn durch Nullität und bestätigt dadurch seine Unausweichlichkeit. Böte er einen gangbaren Weg, ihm zu entgehen, so verwandelte er sich auf der Stelle in ein sinn- und ernsthaftes Weltverhältnis. Fetischisten sind Konformisten. Sie haben vor der Dynamik, die jedem System eignet, die Waffen gestreckt und zelebrieren es als glorifizierte Wiederkehr des Gleichen. In ihren Augen hat nicht das System sich ihrer bemächtigt, vielmehr sie sich seiner, da ja die Form der Aneignung ganz die ihre ist. In gewisser Weise kreiert jede Systemtheorie einen Fetisch, weil sie den Tausenden oder Millionen Krabbelbewegungen wirklicher Lebewesen, die das System realiter ausmachen und weitertragen, ein Schema substituiert, dem sie die magische Fähigkeit der Selbstbewegung zuschreibt, obwohl es nur in der Theorie existiert.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
11

An dieser Stelle sei eine Unterscheidung versucht: Bloßer (reiner) Konformismus versus Systemkonformismus (Konformität). Bloßer Konformismus als die zwanghafte Weise, nicht anecken zu wollen, verhält sich zur Konformität wie das Tabu zum Katechismus. In beiden Fällen ist das eigentliche Ziel die Vermeidung des Regelbruchs. Im ersten Fall wird es durch Unsichtbarmachung des zu Meidenden, im zweiten Fall durch explizite und moralisierende Zurschaustellung angestrebt. Der wahrhaft konforme Mensch kann ohne Selbstwiderspruch den obersten Ankläger oder den Revolutionär geben und es sogar sein. Hauptsache er schleudert die Bannflüche, vor denen der bloße Konformist sich in eine Art Trance-Leben flüchtet, weil sie ihn schaudern lassen. Diese Differenz wird im Allgemeinen leicht übersehen. Das liegt daran, dass Systemkonformität, anders als bloßer Konformismus, keine allgemeine Agenda besitzt. Der Grund dafür ist eindeutig. Sie will nicht im System überleben, sondern das System gestalten. Dazu muss sie es benennen, als wäre es ein anderes. Anders ausgedrückt: Sie muss Mittel und Wege finden, eine Differenz zu erschaffen, die nur durch dieses konforme Subjekt und seine Mitstreiter beiseite geschafft werden kann. Um ein Beispiel zu geben: Lenins Oktoberrevolution ist nicht die Russische Revolution, sondern allenfalls eine Episode. In ihr vollzieht sich die Aneignung der Revolution durch das Subjekt Lenin, das sich darauf spezialisiert hat, die Differenz offenzuhalten, bis es selbst an die Spitze des Zuges tritt. Lenins Konformität ist die des Berufsrevolutionärs, der darauf angewiesen ist, dass es, auf welche Weise auch immer, zur Revolution kommt. Hat das System diesen Punkt erreicht, dann ist es seins – mit anderen Worten: dann kennt er sich aus.

Conformista. Was heißt und zu welchem Ende ist man systemkonform?
12

Es gibt einen (bloßen) Konformismus der Tat und einen des Leidens. Bei ersterem fällt es hin und wieder schwer, die Grenze zu dem zu bestimmen, was hier Konformität genannt wird. Wer in einer bestimmten Situation konform handelt oder aus bloßem Konformismus, bleibt unter den Zeitgenossen häufig strittig und bietet, privat und öffentlich, Stoff für unendliche Interpretationen. Die klassische Figur des (bloßen) Konformisten der Tat ist die des Denunzianten, der aus abstrakter Angst vor Tabuverletzung damit beginnt, selbst engste Mitmenschen der Überschreitung roter Linien zu bezichtigen und damit das vom Tabu erschaffene Loch in seiner Wahrnehmung mit mehr oder weniger erfundenen Feinden zu füllen. Als wirkliche oder eingebildete ›Fehl‹­Handlungen des anderen kann er all jene Handlungsoptionen benennen, die ihm selbst nicht zur Verfügung stehen, weil er sie sich täglich verbieten muss. Ist das Tabu ein Denktabu, dann dringt er mehr oder weniger tief in die Gedankenwelt des anderen ein, ohne den fälligen Tribut an Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen und Motivverstehen zu entrichten. Im Ernstfall genügen zwei, drei hingeworfene Sätze des anderen, und er weiß Bescheid. Worüber? Über alles. Woher? Aus dem eigenen Inneren, woher sonst! Was ist dieses Innere? Nichts anderes als der vom Tabu ummantelte Ideenraum, den er mit seinen Mitmenschen teilt.

Wenn ein Politiker, der seine Stunde – sein ›Zeitfenster‹ – gekommen sieht, den auszuschaltenden Gegner markiert, dann verhält er sich äußerlich betrachtet ganz analog, allerdings mit dem Unterschied, dass er die Optionen des anderen mehr oder weniger sorgfältig für sich selbst erwogen und verworfen hat. Folglich ist der Gegner für ihn kein Verworfener, sondern ein alter ego – ein zweites Ich, dessen praktische Bekämpfung sich logischerweise aus der einmal gefällten Entscheidung ergibt. Natürlich ist es praktisch, ihn den Konformisten, den eigenen Parteigängern oder der Meute zum Fraß vorzuwerfen, indem man ihn für verworfen erklärt, aber das ist reine Propaganda und keiner ernsthaften Betrachtung wert.

Der Konformismus des Leidens bedarf einer eigenen Untersuchung.

 

Nun denn, es ist so weit

Das falsche Beharren auf Symmetrie
1

Der Große Denunziant hat beschlossen, dem Treiben ein Ende zu setzen, und das Treiben beginnt. Es beginnt (nach bewährtem Muster, würden ein paar Veteranen des Gewerbes nicken) mit einem Artikel im Wochenblatt für das gehobene Bürgertum, manche sagen, für die gehobene Braue, doch dieser Unterschied bleibt rein theoretischer Natur, solange die Deutschlehrer des Landes aus ihm den Stoff für den nächsten Besinnungsaufsatz destillieren und deshalb in Treue fest zum Abonnentenstamm zählen.

Der Meister ist unpässlich. In seinem mit Büchern vollgestopften Büro starrt er auf den Bildschirm, auf dem Zeichenhaftes erscheint. Die Linke, zur Faust geballt, liegt auf dem Schreibtisch, lose, wie achtlos hingeworfen, während die Rechte mit bestürzender Gelenkigkeit Buchstabenreihen hämmert, angesichts derer die Welt aufhorchen wird, denn sie künden vom Lärm dieser Welt, als werde er hier, an diesem Gerät, von diesem hageren Körper erstmals vernommen und kartographiert. Gewiss: kartographiert. So wie Leckebusch Gutachten erstellt, wann immer er in die Tasten greift, so zeichnet der Große Denunziant, wann immer er sich der Sprache bedient, Karten – jede neu, jede ein bisschen anders, doch insgesamt ähneln sie einander sehr, so dass, wer einmal auf einer sich zu orientieren gelernt hat, mit Leichtigkeit sich auch auf den Folgekarten zurechtfindet: Geheimnis des ungeheuren Erfolgs, der an diesen Fingern klebt, seit sie sich zum ersten Mal herabgesenkt haben, um Gedanken auf einem Stück Papier zu fixieren, das heißt echte, patentierte Gedanken in jenen Zustand der Betäubung zu versetzen, in dem sie spielend, selbst durch unkundige Hände, von einem Untergrund auf den nächsten übertragen werden können.

Das falsche Beharren auf Symmetrie
1

Der Große Denunziant hat beschlossen, dem Treiben ein Ende zu setzen, und das Treiben beginnt. Es beginnt (nach bewährtem Muster, würden ein paar Veteranen des Gewerbes nicken) mit einem Artikel im Wochenblatt für das gehobene Bürgertum, manche sagen, für die gehobene Braue, doch dieser Unterschied bleibt rein theoretischer Natur, solange die Deutschlehrer des Landes aus ihm den Stoff für den nächsten Besinnungsaufsatz destillieren und deshalb in Treue fest zum Abonnentenstamm zählen.

Um eine Breitseite abzufeuern, muss ein Schlachtschiff Silhouette zeigen. An diesem Mittwoch im Mai sind alle an den Geschützen: von der Chefredakteurin über den Wissenschaftsredakteur und den Feuilletonchef bis hinunter zu den Laufburschen des Meinungs-Hickhacks, den Kontrolleuren der einlaufenden Leserbriefe; auch ein paar zufällig an Bord befindliche Historiker lassen den Feldstecher schweifen. Nur der Meister selbst lässt sich vertreten und erwartet das Geschützgrollen aus sicherer Entfernung von Land.

Der Meister ist unpässlich. In seinem mit Büchern vollgestopften Büro starrt er auf den Bildschirm, auf dem Zeichenhaftes erscheint. Die Linke, zur Faust geballt, liegt auf dem Schreibtisch, lose, wie achtlos hingeworfen, während die Rechte mit bestürzender Gelenkigkeit Buchstabenreihen hämmert, angesichts derer die Welt aufhorchen wird, denn sie künden vom Lärm dieser Welt, als werde er hier, an diesem Gerät, von diesem hageren Körper erstmals vernommen und kartographiert. Gewiss: kartographiert. So wie Leckebusch Gutachten erstellt, wann immer er in die Tasten greift, so zeichnet der Große Denunziant, wann immer er sich der Sprache bedient, Karten – jede neu, jede ein bisschen anders, doch insgesamt ähneln sie einander sehr, so dass, wer einmal auf einer sich zu orientieren gelernt hat, mit Leichtigkeit sich auch auf den Folgekarten zurechtfindet: Geheimnis des ungeheuren Erfolgs, der an diesen Fingern klebt, seit sie sich zum ersten Mal herabgesenkt haben, um Gedanken auf einem Stück Papier zu fixieren, das heißt echte, patentierte Gedanken in jenen Zustand der Betäubung zu versetzen, in dem sie spielend, selbst durch unkundige Hände, von einem Untergrund auf den nächsten übertragen werden können.

Das falsche Beharren auf Symmetrie
2

Wer ihm gegenwärtig über die Schulter blickte, könnte erstaunt ausrufen: Kenne ich! Das ist doch, das ist doch…! – »Was wird’s schon sein!« soll der Große Denunziant, die Karte faltend, bei solchen Gelegenheiten sein Gegenüber entmutigen, er verfügt über seine Geheimnisse mit serenissimushafter Grandezza, ein vorsichtig alternder Duodezfürst auf den Schlachtfeldern der Moderne, auch er der Gezeichneten einer, auch er trägt das Mal der … Erwählung, anders wäre er nicht in diese Position, sagen wir, aufgestiegen, wenngleich das Wort ›Aufstieg‹, selbst mit dem Zusatz ›kometenhaft‹ ausgestattet, seiner Bahn nicht gerecht wird, sie gewissermaßen bürgerlich denunziert, und bürgerlich … das, nun ja, gehört zu den Geheimnissen.

Das falsche Beharren auf Symmetrie
2

Wer ihm gegenwärtig über die Schulter blickte, könnte erstaunt ausrufen: Kenne ich! Das ist doch, das ist doch…! – »Was wird’s schon sein!« soll der Große Denunziant, die Karte faltend, bei solchen Gelegenheiten sein Gegenüber entmutigen, er verfügt über seine Geheimnisse mit serenissimushafter Grandezza, ein vorsichtig alternder Duodezfürst auf den Schlachtfeldern der Moderne, auch er der Gezeichneten einer, auch er trägt das Mal der … Erwählung, anders wäre er nicht in diese Position, sagen wir, aufgestiegen, wenngleich das Wort ›Aufstieg‹, selbst mit dem Zusatz ›kometenhaft‹ ausgestattet, seiner Bahn nicht gerecht wird, sie gewissermaßen bürgerlich denunziert, und bürgerlich … das, nun ja, gehört zu den Geheimnissen.

Definiere den Punkt deiner maximalen Verletzlichkeit und dein Feind, dein wirklicher Feind wird ihn über kurz oder lang ins Visier nehmen. Wer daraus schließt, es komme darauf an, keine Feinde zu haben, hat die Lektion nur zur Hälfte begriffen. Die Stelle, auf der das Lindenblatt lag, ist gut für alle Feindschaft der Welt, keine ›Gegnerschaften‹, bei denen die Klingen gekreuzt und gewonnene wie verlorene Runden pünktlich, samt Punktzahl, angezeigt werden – wirkliche Feindschaft bleibt subkutan, sie nähert sich in der Maske der Freundschaft, des Ausgleichs, selbst der Versöhnung. In der Mehrzahl der Fälle allerdings bevorzugt sie die Farbe der Gleichgültigkeit, das atlantische Grau, das Wolfsgrau der U-Boote, hinter dem der nasse Tod auf seine Gelegenheit wartet, das Stumpfgrau der leichten und schweren Kreuzer, pünktlich am Horizont erscheinend, sobald die Würfel gefallen sind und die Stunde der finalen Entscheidung naht, selbst wenn die Zeit der Zerstörung den Akteuren lang werden sollte.

Das falsche Beharren auf Symmetrie
3

Der Meister übt, wie andere vor und nach ihm, seinen Zauber diskret, mit jenem winzigen Zusatz an Ironie, die seinen Schriften völlig zu fehlen scheint, erst recht seinen öffentlichen Auftritten, bei denen er ein leicht gequältes Pathos bevorzugt. Wer ihn kennt, wer ihn wirklich kennt, weiß, er ist anders. Die Kunde von seinem Anderssein erfüllt die Welt, soweit sie mit ihm sympathisiert. Auf Sympathisantentum, auf kollektive Sym- und Antipathie ist seine Herrschaft gegründet. Jedes Buch, das von ihm auf den Markt kommt, beliefert Freund wie Feind: den einen mit wohlfeilen Argumenten, den anderen mit ebenso wohlfeilen Widerlegungen, die sich aus der Sache selbst ergeben, soll heißen, offensichtlich im Gedankengang bereits angelegt sind. Nicht das Argument zählt, sondern der Affekt, der sich seiner bemächtigt. Wer, wie zum Beispiel Argloser, das nicht versteht, wer die Skala der Erregungen nicht parat zu haben scheint, der kommt so wenig in Betracht, dass er das Grau der Kanonen, pardon, für ein Zeichen mangelnder Überzeugungskraft hält und sich vergebens fragt, warum die Kollegen gerade um diese Bücher soviel Aufhebens machen. Leckebusch allerdings, der Mann aus dem Osten, kennt seine Pappenheimer und geht den Schützlingen des Meisters, wann immer es sich einrichten lässt, aus dem Weg.

Das falsche Beharren auf Symmetrie
3

Der Meister übt, wie andere vor und nach ihm, seinen Zauber diskret, mit jenem winzigen Zusatz an Ironie, die seinen Schriften völlig zu fehlen scheint, erst recht seinen öffentlichen Auftritten, bei denen er ein leicht gequältes Pathos bevorzugt. Wer ihn kennt, wer ihn wirklich kennt, weiß, er ist anders. Die Kunde von seinem Anderssein erfüllt die Welt, soweit sie mit ihm sympathisiert. Auf Sympathisantentum, auf kollektive Sym- und Antipathie ist seine Herrschaft gegründet. Jedes Buch, das von ihm auf den Markt kommt, beliefert Freund wie Feind: den einen mit wohlfeilen Argumenten, den anderen mit ebenso wohlfeilen Widerlegungen, die sich aus der Sache selbst ergeben, soll heißen, offensichtlich im Gedankengang bereits angelegt sind. Nicht das Argument zählt, sondern der Affekt, der sich seiner bemächtigt. Wer, wie zum Beispiel Argloser, das nicht versteht, wer die Skala der Erregungen nicht parat zu haben scheint, der kommt so wenig in Betracht, dass er das Grau der Kanonen, pardon, für ein Zeichen mangelnder Überzeugungskraft hält und sich vergebens fragt, warum die Kollegen gerade um diese Bücher soviel Aufhebens machen. Leckebusch allerdings, der Mann aus dem Osten, kennt seine Pappenheimer und geht den Schützlingen des Meisters, wann immer es sich einrichten lässt, aus dem Weg.

Genau genommen liegen 4 Kampfungetüme einander gegenüber, jedes in punkto Feuerkraft Dritten gegenüber in der Position ungezügelter, sprich: das absolute Grauen streifender Überlegenheit. Zusammen bilden sie das magische Quadrat wechselseitiger Vernichtung. Kein anderer Zweck hat sie zusammengeführt, der eine bannt sie in ihre Positionen und diktiert jede ihrer Bewegungen. In diesem Geviert macht sich eine Asymmetrie bemerkbar: die 2x2 Einheiten treffen im rechten Winkel aufeinander, was zur Folge hat, dass auf die erste Breitseite des Großen Denunzianten hin allein die vorderen Geschütztürme des Gegners zum Einsatz kommen, zu ungenau, zu tentativ, um Schaden anzurichten, wohingegen sich die verteilte Mannschaft des Großen Steuermanns präzise Salve für Salve an die andere Seite heranarbeitet, um nach kurzem Einschießen Treffer auf Treffer zu setzen – eine einseitige Demonstration, wie der Maat zum Kellner bemerkt, der Schweigen bewahrt, das rituelle Schweigen der Mituntergehenden, die nicht gemeint sind, aber bis ans Ende gebraucht werden –

Das falsche Beharren auf Symmetrie
4

Liebe deine Feinde…! Der Große Denunziant kennt den Spruch aus frühen Messdiener-Zeiten. Er hat großen Eindruck auf ihn gemacht. Er seinerseits hat ein erfülltes Forscherleben darauf verwendet, verschiedene Lesarten an sich und anderen zu erproben. Eine Variante, die er eine Zeitlang bevorzugte, lautet: Liebe DEINE Feinde! Er hat sie lange vertreten, aber schließlich doch verworfen, weil die Einschränkung des Liebesgebots auf eine handverlesene Feindesschar allzu offen dessen universalen Geltungsanspruch aushebelt. Verworfen wurde auch die Variante ›Liebe deine FEINDE!‹, die exklusiv Liebe und Feindschaft miteinander verbindet, als liege in letzterer ein kostbarer Schatz, den ausschließlich Liebe zu heben imstande sei. Das mag für ein Nonnenleben taugen, aber nicht für die emanzipierte Gesellschaft. Erst die kommunikationstheoretische Auflösung war seiner Auffassung nach geeignet, Ruhe in das schwere Geschäft der Deutung zu bringen und die ersehnte Diskurshoheit in greifbare Nähe zu rücken: Lass deine Feinde reden! Nur nicht immer und überall. Bestimme du den Ort der Auseinandersetzung – einmal räumlich, das versteht sich von selbst, dann medial, durch sorgsame Scheidung legitimer von illegitimen Austragungsorganen, also solchen, die ein anständiger Mensch nicht zur Kenntnis zu nehmen braucht, schließlich ›diskurslogisch‹ – er liebt derlei Wörter, sie sind das Gleitmittel, das seine Rede zum Fließen bringt wie das für gewöhnlich eingetrocknete Blut Christi zu Brügge –, indem du die Sinngebung der Auseinandersetzung an dich ziehst: Feindschaft darf gewährt werden, sofern sie dem Ausgang des Gemeinwesens aus der selbstverschuldeten Barbarei dient, der Verdunkelung des Humanen, die sich nie und nimmer auf die Jahre der Mordbrennerei beschränken lässt, sondern als ›umgreifender‹ Horizont das Tun und Lassen der Bürger rahmt.

*
  • ―Der Große Steuermann riskiert eine Lippe zuviel, juxt Ruffmann, ungefragter Zaungast des Weltgeschehens. Lobbock, sonst zur Wortkargheit neigend, pflichtet ihm bei.
  • ―Wie meinen Sie das? ist Friedenwanger zur Stelle, auf dessen Revers ein verwischter Kaffeefleck prangt, und Lobbock trollt sich.
  • ―Nun, Feindschaft kennt keinen anderen Horizont als den der Feindschaft selbst. Wer die Dinge ›im Lichte der Feindschaft‹ sieht, hat den Horizont aus den Augen verloren, genauer, er ist ihm, wie so vieles andere, versunken, er hat nichts zu bedeuten, er ist nicht wesentlich. Wesentlich ist die Feindschaft selbst, sie gibt den Sinn und die Mittel dazu, ihn zu realisieren oder unterzugehen oder einen ehrenhaften Frieden zu schließen.
  • ―Also irrational.
  • ―Ja, um Himmels willen, was denn sonst?
  • ―Da sind wir mittlerweile doch weiter.
 

Jede Feindschaft braucht einen Feind

Killusall
1

»Killusall!« steht in großen roten Lettern quer über das Pflaster gesprüht, über das der so Apostrophierte seit Jahr und Tag dem Treppchen zum Kollegienhaus entgegenschreitet, um in seinen Vorlesungen den neuesten Stand der Forschung zum Faschismus an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben, von Jahr zu Jahr stärker verstrickt und verwoben in ein Nachdenklichkeitsmuster, das sich anfänglich kaum, mit der Zeit immer deutlicher vom Schreiben und Reden der Zeitgenossen entfernt. Hölzchen, der nach einer Vortragsreise darüber Bericht erstattet, befindet, die studentische Pflastermalerei habe in diesem Fall die Grenze des Tunlichen überschritten, aber: »Wer sich so weit vorwagt, hat das Recht auf Schonung verwirkt, er ist Freiwild aus eigenem Entschluss.«

*

Ist das so?
Wie weit muss einer sich vorwagen, um als Freiwild zu enden?
Wie studentisch gebärden Studenten sich, die ihre Professoren wie Freiwild vor sich her scheuchen?
In welcher Tradition steht denn das?
Wie eigen ist ein unermüdlich um sich selbst kreisender Hölzchen, der sich offenbar nicht für gefährdet hält?
Darüber muss gestritten werden.

Die Historiker der Pyramide sind alle versammelt und wild…
Wie heißt das Wort?
Tacheles.
Ja, sie sind wild…
wild entschlossen … Tacheles zu reden.

Killusall
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Hölzchen fühlt sich geschmeichelt.

  • ―Killus besitzt keinen Stallgeruch. Er besitzt einen Habitus und der ist großbürgerlich. Großbürgerlich-liberal meinetwegen. Für manche ist das eine Rechtfertigung. Für mich nicht. So funktioniert Geschichtsschreibung nicht.
  • ―Wie funktioniert sie dann?
  • ―Das Fach muss wissen, woher einer kommt. Wir wollen sehen, welche Linien er auszieht. Wir wollen wissen, worauf er zielt. Und natürlich wollen wir wissen, wer seine wirklichen Gesprächspartner sind.
  • ―Und wenn einer, ich will mal sagen, zu klug für den Stall ist, aus dem er kommt? Wenn deshalb kein Stallgeruch an ihm klebt?
  • ―Das kann schon sein, das kann schon sein. Sowas soll vorkommen. Killus ist klug, ohne Zweifel. Vielleicht ist er zu klug, um noch als Historiker durchzugehen. Was ist er dann? Philosoph? Vielleicht ist er Philosoph. Das müssten dann Philosophen entscheiden. Was tut ein Philosoph bei den Historikern? Historiker lassen Dokumente sprechen, sie sprechen nicht selbst. Das klingt jetzt paradox, ich weiß. Natürlich sprechen Historiker auch, aber anders. Erst das Dokument, dann die Sache. Das Dokument ist ihre Sache.
  • ―Wenn er kein Philosoph und kein Historiker ist, was ist er dann?
  • ―Erst einmal: ein rotes Tuch. Schon scheußlich, was die Studenten mit ihm veranstalten. Aber es scheint ihn nicht zu berühren. Vermutlich erreicht es ihn nicht. Wäre er Historiker, dann ... dann würde es ihn berühren. Er würde sich der Frage stellen müssen, wo er steht, und er müsste sie beantworten. Das Niemandsland hat keine Geschichte.
  • ―Aber es ist ihr Produkt.
  • ―Das stimmt. Ein Abfallprodukt. Man wühlt nicht darin herum.

Hölzchen bleibt bei seinem Leisten. So wird das nichts mit Tacheles.

 

Der Donner rollt

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
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Leckebusch, der sich geschmeidig ins linksliberale Milieu seiner Klasse eingeklinkt hat, bewundert den Großen Denunzianten. Dass sich ihre Wege noch nicht gekreuzt haben, liegt daran, dass einer den anderen bislang zu buchen versäumt hat. Warum? Aus Scheu, aus falschem Respekt, aus Klugheit: Leckebusch ahnt, dass aus ihrer Begegnung Abneigung aufzüngeln würde. Das muss nicht sein. Die akademische Welt ist zwar klein, aber geräumig. Man kann sich aus dem Weg gehen, solange der Wille dazu vorhanden ist. Leckebuschs Patriarch heißt, wie jeder wissen kann, Steinschwafel. Er hat ihn ›geholt‹ und damit einen Teil dessen verbrannt, was unter anderen Sternen möglich gewesen wäre. Zwischen dem älteren Steinschwafel (›ein Glücksfall für das konservative Establishment‹) und dem Großen Denunzianten (›Vordenker der Bürgergesellschaft‹) herrscht ewige Fehde. Sie haben sie, in Sammelbände abgefüllt, der Welt zur Begutachtung vorgelegt und die akademische Welt studiert ihre Kontroverse mit derselben Inbrunst wie, sagen wir, die zwischen Cartesianern und Newtonianern im aufsteigenden achtzehnten Jahrhundert.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
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Leckebusch bewundert das üppig wachsende Œuvre des Großen Denunzianten. Spötter behaupten, es bestünde zu achtzig Prozent aus den Gedanken anderer – keine schlechte Quote angesichts der sonst üblichen Wiederkäuereien, doch schwer vereinbar mit dem Ruf des Vordenkers, der ihm nun einmal vorauseilt. Tatsache ist: es besteht weitgehend – ob zu achtzig Prozent, sei dahingestellt – aus der Wiedergabe von Wiedergaben von Gedanken, die andere dankenswerterweise vor ihm angefertigt haben, also aus Tertiärgedanken in kritischer Absicht, wodurch sich alles ändert. Der Große Denunziant hat das Perpetuum mobile der Kritik zwar nicht erfunden, aber für seine Zwecke perfektioniert. Seine Gedanken, kaum angedacht, sind kritische Gedanken, seine Referate sind kritische Referate, die Ausfälle, zu denen er neigt, sind kritische Ausfälle… Was immer er in seinem breiten akademischen Leben von sich gibt, ist Kritik, soll heißen, es nimmt die Kritik, die ihm begegnen könnte, kritisch vorweg und unterzieht sie einer kritischen Revision. Leckebusch, seinerseits darauf trainiert, das ›Genuine‹ im fremden Text zu erkennen und, wider alle fatalen Tendenzen, seine ›Legitimität‹ herauszuarbeiten, steht dem Verfahren ›nicht unkritisch‹ gegenüber. Hin und wieder stößt es ihm sauer auf. Aber er wäre der Letzte, der Deutungsmaschine des anderen mangelnde Effizienz zu bescheinigen.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
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Leckebusch bewundert, zum dritten, den unerschütterlichen Ruf, den der Große Denunziant sich damit im Lauf der Jahrzehnte erworben hat. Ein verlässlicher, zumindest von der Mehrzahl der Mittler zwischen Wissenschaft und Politik für unabdingbar gehaltener Wegweiser in die Gesellschaft der Zukunft wäre auch er gern geworden. Der andere hat ihm – und ein paar Dutzend mehr – diese Möglichkeit genommen, er hat allen, die nach ihm kamen, eine Nase gedreht, so dass ihnen nur das Nachsehen bleibt. Er hat Mentalitätsgeschichte geschrieben: so ein Lob ist bereits seiner grammatischen Konstruktion nach doppelsinnig, um nicht zu sagen doppelzüngig, es wird unter Kollegen nicht ohne Häme verbreitet. Im übrigen bleibt sein Sinn unklar, was immer man von der Sache halten mag. Allein es hat Gewicht: ein Mann, ohne dessen Bücher und Tagungsauftritte die Republik eine andere wäre, ist ein Brocken, zumindest das, man lebt leichter, solange er einem nicht auf die Füße fällt.

Da der ersehnte Posten nun einmal besetzt ist, muss Leckebusch sich mit der Rolle des gefühlten Zweiten begnügen. Sie leidet traditionell unter Mehrfachbesetzung und lädt zu phantastischen Rivalitäten ein. Einer dieser ewigen Zweiten ist Killus, die wandelnde Ikone der vergleichenden Faschismusforschung. Leckebusch betrachtet seinen Aufstieg mit einer Mischung aus Herablassung und Argwohn. Er wittert in ihm den verwandten Ehrgeiz, verwandte Energie, überdies eine ähnliche Weise, dem Leben aus dem Weg zu gehen und sich auf die Vorlage von Zwischenberichten aus dem Forscherdasein zu konzentrieren. Die des anderen sind ebenso adrett, ebenso nüchtern respektvoll, ebenso eloquent und ebenso schneidend geschrieben wie die eigenen. Auch sie dienen dem Zweck öffentlicher Belehrung und lassen damit die Grenzen des bloßen Fachgesprächs hinter sich. Jedes neu erscheinende Buch, jeder öffentliche Auftritt, das weiß Leckebusch, könnte den anderen auf der Skala der allgemeinen Beachtung in unerreichbare Höhen katapultieren. Das wäre nicht gut.

Umso erstaunter und ein wenig verwirrt lässt ihn ein Artikel zurück, den sein Assistent ihm ausgeschnitten auf den Schreibtisch gelegt hat, direkt neben die von der Sekretärin vorbereitete Post, mit einem unsichtbaren Ausrufezeichen versehen: Dynamit! Kein Zweifel: durch die journalistische Fratze schimmert etwas hindurch, was ihn an sein früheres Leben erinnert. Falls nur ein Bruchteil dessen stimmt, was da steht, dann, ja dann scheint Killus mit seiner jüngsten Publikation eine jener roten Linien überschritten zu haben, jenseits derer der Große Denunziant, sagen wir, in Tätigkeit zu treten pflegt. Zwar ist von Killus in dem Artikel nur am Rande die Rede. Aber bereits das kann als Drohzeichen gelesen werden: Zurück ins Glied! In welches Glied? Das der Historikerzunft? Seit wann ist der Große Denunziant dafür zuständig? Zurück ins Glied der Partei? Welche Partei ist da gemeint? Über die Partei, die da unversehens ins Spiel kommt, hätte er gern mehr gewusst, er kennt sie nicht, kennt sie nur zu gut, er hätte gedacht, ihrem alleinseligmachenden Walten entronnen zu sein, seit sich die Pforten des Westens für ihn geöffnet hatten. Kann man sich so täuschen?

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Andererseits ist er nicht naiv. Auch Leckebusch weiß, innerhalb welcher Grenzen er sich schreibend bewegt. Es ist nur so… Es ist einfach so, dass er bisher geglaubt hat, er selbst, zusammen mit seinesgleichen, gehöre der Klasse von Personen an, welche diese Grenzen bestimmt, autonom, wenngleich nicht ohne Tuchfühlung mit der Gesellschaft und ihren Lenkungsbedürfnissen, also verantwortungsvoll und verantwortungsbewusst – bewusst, ja gewiss, wie sonst ließe das Geschäft der Kritik sich betreiben? Er, Leckebusch, zählt sich zwar nicht, wie der andere, zu den kritischen Kritikern. Aber auch sein Urteil ist nicht allein kritisch geschärft, wie die von ihm vertretene Disziplin es selbstverständlich verlangt. Auch sein Urteil dient, nicht anders als das des Großen Denunzianten – und Killus’ –, der kritischen Schärfung aller Begriffe und damit dem gesellschaftlichen Guten, dem allgemeinen Zweck, von Kant auch Endzweck genannt (den Zusatz ›der Geschichte‹ schenken wir uns, denn er versteht sich einerseits von selbst, andererseits nicht mehr als selbstverständlicher Orientierungsrahmen aller Gedanken, ›so sich mit dem vernünftigen – oder doch vernunftkonformen – Gang der Menschheit befassen‹). Wenn also der Große Denunziant warnend seine Stimme erhebt, dann wäre, bei Einhaltung aller Regeln, ›allemal‹ – wie der zünftige Ausdruck lautet – davon auszugehen, dass er als einer von ihnen, gleichsam als ihr Sprachrohr, das gesellschaftliche Wächteramt versieht, weil die Logik des Gemeinwesens es nun einmal von ihnen verlangt. Es im Fall der Fälle nicht zu tun wäre schließlich, das Wort dreimal gewendet und wieder zurückgeholt, passiver, vielleicht sogar, im Fall klammheimlicher Zustimmung, Revisionismus.

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Da steht das Wort, umringt von allerlei anderen Wörtern, unfreundlichen und garstigen, mitten im Zeitungstext, und ist nicht mehr wegzuwischen.

REVISIONISMUS

Killus ein Revisionist? Aber das ist Irrsinn, liebe Leute, merkt ihr nicht, was hier gespielt wird? Öffentlich als Mitglied einer Revisionistenbande entlarvt zu werden, ist ungefähr so prickelnd wie der Genuss von Maschinenöl. Doch genügt es nicht, sich den Magen leer pumpen zu lassen. Die klebrigen Überreste des Angriffs lassen sich nicht mehr entfernen. Sie sitzen fest und früher oder später kommt es zu Metastasen der Physis bis hin zum Exitus. Leckebusch, ost-gewitzt, hat diese Art des Angriffs immer ›unsäglich‹ gefunden: im Osten bedeutet die Formel, dass einer es wagt, die Errungenschaften der Großen Revolution, in Ost und West, die Ergebnisse des Großen Krieges in Frage zu stellen, soll heißen, wider allen Comment an die Offenheit der sogenannten Deutschen Frage, vulgo: Teilung des Landes zu erinnern, womöglich in den Motiven der von den Siegermächten verhängten Westverschiebung des östlichen Nachbarn herumzustochern oder – horribile dictu – ›ansatzweise‹ das Leid der Bombennächte und der Vertriebenen zu thematisieren, obwohl es sich aus streng kodifizierten Gründen der nationalen Scham nicht gehört. Da keiner dergleichen wagt – jedenfalls nicht in seinen Kreisen, nicht in seiner Altersgruppe oder darunter –, handelt es sich … handelt es sich – Leckebusch spürt den beginnenden Schweiß auf der Stirn – um einen Passepartout-Vorwurf, erhoben, um gesellschaftliche Schädlinge auszusondern und auf den Mist zu befördern.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
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Dem Großen Denunzianten ist es, zum Entzücken progressiver Kreise, gelungen, mit einem Griff in die Mottenkiste der Theorie die beiden Kurven zu einer zu bündeln:

Revisionist ist, wer den Prozess der Zivilisation zurückdrehen will.

Worin besteht, ehrlich gefragt, dieser ›Prozess der Zivilisation‹?

Leckebusch hat darüber in der Vorlesung bereits mehrfach gesprochen. Immerhin handelt es sich um seine Heimstrecke, überdies – da lächelt der Philosoph – um eine propagandistische Begriffsvertauschung, die aufzulösen zu den einfachen, aber darum nicht minder wirkungsvollen Nebeneffekten seiner beruflichen Tätigkeit gehört. Denn worum es geht, worum es wirklich ginge, ginge es dabei reell zu, wäre nichts anderes als der ›Progress‹ der Zivilisation, ihr unaufhaltsames, wenngleich immer wieder gewaltsam unterbrochenes und zum Leidwesen ganzer Staaten und Kulturen zurückgedrehtes Fortschreiten auf dem Weg der Gesittung, denn Zivilisation und Gesittung, sie sind im Grunde eins.

Leckebusch bittet seine Studenten regelmäßig, sich diese Formel zu merken – »Da haben Sie die Idee des Fortschritts in nuce« –, nicht etwa, weil sie ihm an sich besonders wichtig erscheint, sondern weil sie die einst geliebte, seit dem Prager Einmarsch verhasste Floskel vom ›Sozialismus mit menschlichem Antlitz‹ ebenso abgestanden erscheinen lässt wie … wie, sagen wir, die bürokratische Formel vom ›benzingetriebenen Selbstfahrmobil‹, deren überschäumender Gebrauch neben der banalen technischen Information bloß den Verdacht schürt, dass man sich in einer durch eklatanten Mangel an derlei Gerät ausgezeichneten Gesellschaft bewegt.

Vom ›menschlichen Antlitz‹ spricht mit Vorliebe, wer unten herum foltert und es gern sieht, wenn es sich ein wenig verzerrt, doch nicht allzu sehr, weil die ›gesamtgesellschaftliche‹ Aufgabe darin besteht, sich nichts anmerken zu lassen. Umgekehrt gilt: Wer für den Erwerb des automobilen Einheitsmodells, vom Volksmund liebevoll ›Trabi‹ genannt, zwölf oder fünfzehn Jahre Wartezeit veranschlagt, der lebt bekanntlich im Sozialismus mit menschlichem Antlitz und sollte nicht einmal im Traum daran denken, ihn zu verlassen (es sei denn, er kalkulierte einen mehrjährigen Gefängnisaufenthalt mit der Aussicht auf Freikauf durch den Klassenfeind gleich mit ein). Der Große Denunziant geht dort ein und aus, jedenfalls in Gedanken und Worten, man könnte meinen, er betreibe einen Gesichtsverleih, weil sein Gesicht auf so vielen Veranstaltungspostern prangt, auf denen Systemüberschreitung so einfach vonstatten geht wie das Umfüllen von Wasser aus einem Glas in ein anderes.

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Leckebusch, unwirsch, verhalten, zweifelnd, nervös, greift nach dem Diktiergerät und spricht in dem verhaltenen, leicht quietschigen Ton, den er selbst für unwürdig hält, wenn er ihn unvermittelt anfällt, weil die Sekretärin den Hörer allzu nahe an seinem Ohr aus der Hand legt, um einen neuen Auftrag entgegen zu nehmen, aufs Band:

Progress gegen Prozess auszutauschen, bedeutet, der Vergangenheit (und großen Teilen der Gegenwart) den Krieg zu erklären. Wie erklärt man dem, was nun einmal vergangen und deshalb nicht mehr vorhanden ist, den Krieg? Ganz einfach, man stellt sich auf die Seite des siegreichen Prinzips. Aber das ist eine Tautologie! Wenigstens etwas in dieser Art. Denn entweder enthält sein Sieg einen zivilisatorischen Fortschritt, dann hat die Vergangenheit sich in diesem Punkte erledigt – Friede ihrer Asche! –, oder er wäre, unter dem Gesichtspunkt eines möglichen Zivilisationsgewinns betrachtet, unerheblich oder sogar schädlich, dann bliebe, immerhin, noch der Machtaspekt als solcher: Hier und heute sehen wir die Sache so.

Natürlich ist Leckebusch sich darüber im Klaren, dass diese rein logische Weise, an die bewusste Sache heranzugehen, gerade angesichts der bewussten Sache zum Scheitern verurteilt ist. Doch im Herzen denkt er (und steht damit nicht allein, Killus zum Beispiel, wenn er nicht irrt, sieht das ganz ähnlich), dass ein toter Feind allenfalls noch als Bettvorleger taugt und Manövern, die dazu dienen, ihn künstlich am Leben zu halten, um einen auf Dauer gestellten Kampf gegen ihn zu führen, eine moralische Unsauberkeit anhaftet, ein feiner Staub, der sich, berührt, zu verschmieren beginnt, so dass derjenige, von dem die Berührung ausgeht, sich unwillkürlich zu schämen beginnt. So etwas spricht man nicht aus, die Wahrnehmung als solche ist schambehaftet, man trägt sie mit sich herum, bei manchen scheint sie sich zu verflüchtigen, manche brechen, scheinbar anlasslos, Jahre später in Schmähungen der Personen aus, denen sie diese Erfahrung verdanken.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
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Doch natürlich gibt es, neben dem reinen Machtaspekt, noch einen zweiten, vielleicht entscheidenden – Leckebusch lässt das Diktiergerät sinken, weil er weiß, dass hier das Erfolgsmodell des Großen Denunzianten in Sicht kommt –, den der öffentlichen Moral, die ebenfalls mit Schambesetzungen arbeitet, um zu verhindern, dass die besiegten Kräfte ein weiteres Mal erstarken (oder sich auch nur zu sammeln Gelegenheit finden): die Moral bedarf des zivilisatorischen Fortschritts nicht – oder nur in geringem Maße –, weil sie an den einfachen Anstand der Menschen appelliert, der sich unabdingbar aus konservativen Beständen nährt. Anständig ist, wer weiß, was sich gehört, und danach verfährt. Anstand, das ist das fleischgewordene Regelwerk der Zivilisation, ihr eisener Bestand sozusagen, der anschlägt, wenn irgendwo ein Unrecht geschieht und eine Spur davon ins eigene Wohn- oder auch nur Hinterzimmer führt: Damit will ich nichts zu tun haben. Und wenn doch? Dann ist es an der Zeit zu kämpfen, und sei es nur um den eigenen guten Ruf. Und wenn der eigene Ruf durch ein Geschehen unwiderruflich in Mitleidenschaft gezogen wurde? Wenn draußen, wenngleich in abgeschwächter Form, die Formel gilt: mitgefangen, mitgehangen? Dann kann es, religiös gesprochen, selbst für Nachgeborene bloß darum gehen, Buße zu leisten. Wird allerdings der religiöse Ausweg versperrt, etwa dadurch, dass eine progressive Weltsicht die Religion als Miturheberin des Urverbrechens vor den Richterstuhl der Vernunft zieht, dann … sitzt die Vernunft in einer selbstgebastelten Falle, weil die ›herkömmlichen Moralbegriffe‹ aufgehoben und keine anderen in Sicht sind, es sei denn solche der ›Hypermoral‹, wie die konservative Kampfvokabel in diesem Zusammenhang lautet. Vor dem Wort fürchtet sich Leckebusch, er weiß, dass sein Gebrauch stigmatisiert. Wer sich seiner bedient, darf auf den Beifall ›gewisser Kreise‹ rechnen und damit, dass sich automatisch die Türen der feinen Gesellschaft vor ihm schließen. Die feine Gesellschaft, in der, neben den materiellen, die Glücksgüter der geistigen Welt zur Ausschüttung gelangen – das persönliche Ansehen, das einer genießt, sein Ruf in der akademischen Welt, die Prominenz des ›führenden Intellektuellen‹ –, hegt keine festen Ansichten, aber sie entscheidet darüber, welche Ansichten ›gesetzt‹ sind, ›auf dem Tisch liegen‹ oder wie die Ausdrücke heißen mögen, die den Sachverhalt umreißen, aber nicht wirklich beschreiben.

Leckebusch liest die Zeitung und ist empört
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An diesem Tisch sitzt der Große Denunziant und verteilt die Karten.

 

Wo Rauch ist, ist auch Feuer

Input-Leute
1

Hurtenschwang und Liebermaus, zwei brave Historiker-Kollegen aus der Provinz, müssen die volle Wucht des ersten Angriffs auf sich nehmen. Auch wenn er mehr als Gewittergrollen daherkommt – sie wissen, auf die erste Salve wird die zweite und dritte folgen, sie sind folglich alarmiert. Vermutlich wissen sie auch, dass nicht sie gemeint sind, obwohl Eitelkeit und Ängstlichkeit geeignete Kandidaten sind, so ein Wissen unter der Decke zu halten, auf der in bunten, die Farben des Spektrums in politischer Verkürzung zusammenfassenden Lettern das Wort ›Unerhört‹ gedruckt steht, denn es ist, nach ihrer Auffassung, als unerhörter Vorgang zu bewerten, dass man sie einer Komplizenschaft bezichtigt, die der Sache nach nun einmal nicht besteht. Natürlich kennen sie Killus, haben auf verflossenen Fachtagungen gelehrte Worte mit ihm gewechselt, Liebermaus hat sogar vor Zeiten eine distanziert wohlwollende Rezension über eines seiner Bücher geschrieben –: doch in ihrer Seele, dort, wo es ernst wird, lehnen beide ihn ab, Hölzchen würde sagen, aus Gründen des fehlenden Stallgeruchs, sie selbst würden andere Wörter dafür benützen, ganz andere, bis ins Christlich-Abendländische reichende, die simple Wahrheit bliebe auch da auf der Strecke, denn Killus ist ihnen, ehrlich gesagt, einfach zu schnell, sein Verstand geht allzu rasch durch die Decke, genauer durch die ziselierte Käseglocke, unter der sie ihr Forschergeschäft betreiben.

Input-Leute
2

Es stimmt ja auch: er denkt schnell, dieser Killus. Sein Verstand ist scharf und wildert bereits unter Schlussfolgerungen zweiten und dritten Grades, während sie noch mit elementaren Definitionsschwierigkeiten kämpfen. Das kränkt. Aus Kränkung erwächst Abneigung, aus Abneigung – nicht gleich, aber im Laufe der Jahre – eine Sonderform der Gefolgschaft. Gefolgschaft wider Willen: so könnte man sie nennen. Irgendwann haben Hurtenschwang und Liebermaus, jeder für sich, jeder auf seine Weise begonnen, Sätze abzusondern, die mit seltsamen Floskeln beginnen: »Killus würde jetzt sagen…«, »Ich möchte mich dem nicht anschließen, aber Killus hat uns allen gezeigt…«, »Wäre ich Killus, würde ich folgendermaßen argumentieren«, »Hat Killus nicht irgendwo geschrieben…«, »Auch ein Killus wird uns nicht in diese Sackgasse locken…« »Das alles ist zwar fachlich hochgradig anfechtbar, aber wir sollten es diskutieren…«, »Lassen wir uns doch mal versuchsweise von Killus herausfordern…«

Er hat sie herausgefordert, das ist wahr. Doch wohin? Ins Freie? In die Freiheit, weiter zu denken, als sie ursprünglich vorhatten? Als es ihnen durch Herkunft und Naturell gegeben ist? Als es für ihr geistig-moralisches Auskommen bekömmlich ist? Als es ihnen und ihrer Hörerschaft nützt?

 

HurtenschwangLiebermaus
Input-Leute
3

Das ist nicht so einfach, schon gar nicht zu entscheiden, denn hier liegt ihre große Schwäche. Nicht die Quellenlage macht ihnen zu schaffen, sondern Entscheidungsschwäche. Zu vertraut sind ihnen die politisch-kulturellen Abgründe – von den geistig-moralischen Risiken ganz zu schweigen –, die nur darauf lauern, sie zu verschlingen, gleichgültig, ob sie sich auf den Feldern der europäischen Kolonialgeschichte oder der Nationalgeschichte der Deutschen bewegen, als dass sie sich unbekümmert zu einer Lesart bekennen könnten. Ein paar Genies unter den Altersgenossen sind auf den naheliegenden Ausweg verfallen zu behaupten, es gebe gar keine Deutschen, habe sie nie gegeben, die ganze Nation sei, wie ihre fatale Geschichte, ein ›Konstrukt‹ des neunzehnten Jahrhunderts, das dekonstruiert gehöre, ja, de-konstruiert, als Ideologielieferant finsterer Mächte enttarnt – sie schreiben, in voller Absicht, mit Einsichten dieses Kalibers, grenzwertig, aber ertragreich, Geschichtsgeschichte. Ihre Auffassungen haben Eingang in die Schulbücher gefunden, die think tanks der einschlägigen Parteien schleifen sie von Symposium zu Symposium, das befreundete Ausland staunt und mancher skrupulöse BBC-Programmgestalter fragt sich angesichts der galoppierenden Selbstauflösung der eben noch gefürchteten Germans, ob in der hauseigenen Weltkriegs-II-Produktion vielleicht doch etwas falsch läuft –, doch Hurtenschwang und Liebermaus betrachten sich nicht als Genies, eher als Geschichtsbetroffene, und jenen zu folgen erschiene ihnen, wie vieles andere in den ihnen vorliegenden Fachpublikationen, zu einfach. Diese Widerständigkeit hat den beiden in der Gelehrtenwelt eine bescheidene Bekanntheit eingebracht, man hält sie für seriöse Historiker alter Schule, fast könnte man sagen, für Überbleibsel einer anderen Zeit – fragt sich nur welcher.

Input-Leute
4
  • ―Das kann ich dir sagen, nuschelt Hölzchen, der manchmal, so auch an diesem unerwartet strahlenden Morgen, zum Frühstück in der Pyramide aufkreuzt, weil, wie er es ausdrückt, ihn der Betrieb fasziniert: Hurtenschwangs Familie kommt aus Memel, Klaipeda, du verstehst, und Liebermaus ist, falls ich es richtig reproduziere, in Breslau geboren. Beide sind – richtig! – Fluchtzöglinge und diese an der Schwelle zum Leben gesammelte Erfahrung steckt ihnen in den Knochen. Sie will immer wieder heraus, aber sie kann es nicht. Ihre Deutungen der Geschichte sollte man tunlichst als mühsam zusammengebastelte Leitern betrachten, die regelmäßig in sich zusammenfallen, sobald einer sie besteigt. Sie wollen gerecht sein, aber nicht selbstgerecht, und das ist, ja sicher…
  • ―ungerecht?
  • ―Richtig. Sie sind ungerecht um einer Gerechtigkeit willen, die, das muss man einfach zugeben, unerreichbar ist. Eigentlich eine tolle Idee, den beiden das Etikett ›Revisionist‹ zu verpassen – ich hätt’s nicht gemacht, ich hätt’s als ungerecht empfunden, jeder lebt seine Skrupel, aber ich find’s toll, dass es einer mal ausspricht. Ich würde sie Strukturrevisionisten nennen. Ihr Revisionismus steckt nicht in den Thesen, sondern in der Disposition, in ihrer Art zu denken, meinetwegen zu empfinden, ja natürlich … wie? Steckt tief unter der Haut … tief unter der Haut. Wenn du mich fragst: sie empfinden diese historischen Prozesse als ein Stück Intimität, so als müssten sie immer noch ihre Familie auf der gefährlichen Irrfahrt in die Fremde beschützen und wären dazu, wie soll ich es sagen, einerseits zu jung und andererseits bereits zu alt.
  • ―Du meinst also…
  • ―Sie sind, wie so mancher, Erwachsene einer Nacht, also nie wirklich erwachsen geworden. Das findet man bei vielen Angehörigen ihrer Alters- und Herkunftsgruppe, dieses Grüblerische, das zu keinem Abschluss findet, in Verbindung mit einer erschreckenden Kraft der Aversion, die aufblitzt, sobald man ihnen zu nahe tritt.
  • ―Wer später kommt, hat keine Chance?
  • ―Hat keine Chance. Das ist alles eine Frage des präzisen Lebensalters. Zwei, drei, vier Jahre Unterschied im Erleben, und da existiert keine Brücke. Sie existiert einfach nicht.
  • ―Sind sie in der Zunft isoliert?
  • ―Isoliert? Kann man nicht sagen. Es liegt ein magnetischer Ring um sie, der sie schützt. So wie der Körper eine schützende Hülle um eine Wunde legt … sie repräsentieren eine Art Wundstelle der Nation, die nässt und nässt, das ist jetzt sehr unfreundlich formuliert, ich würde den Ausdruck gern zurücknehmen, darf ich das? Du verstehst mich. Andererseits: was ist Freundlichkeit? Wir sind Historiker, wir müssen verstehen, was ist, um zu verstehen, was gewesen ist.
Input-Leute
5

Hölzchen hat nichts gegen die beiden. Für ihn sind sie Leute vom anderen Ufer, Vertreter der konservativen Fraktion: »Das geht schon in Ordnung. Ich empfinde davor Respekt.« Welchen Respekt er vor ihnen empfindet, das allerdings weiß kein Mensch, es bleibt sein Geheimnis. Du lauscht seiner Stimme nach und findest sie emsig. ›Als Historiker‹ sieht er sich in der Pflicht, die Menschen nach Stämmen und Fraktionen zu sortieren, er wäre sehr erstaunt, zöge jemand diese Tätigkeit ernsthaft in Zweifel, etwa, indem er daran erinnerte, dass von der Wahrheit, selbst der historischen, ein gewisser Sog ausgeht, vor dem nicht Haltungen und Fraktionen zählen, sondern die ›vorbehaltlose‹ Bereitschaft zur Anerkennung: »Das ist banal« würde er hektisch hervorstoßen, »natürlich müssen wir Fakten anerkennen, sonst wären wir keine Historiker.« Die Flucht hinters Wir erlaubt ihm solche Manöver. »Sind wir denn Historiker?«, müsste einer zurückfragen, es müsste schon ein Historiker sein, damit der Anschlag gelänge, denn Leuten wie dir und mir ziemt es nicht, ins Allerheiligste vorzudringen und Fragen des Wir zu erörtern: An diesem kompakten Wir prallt alles ab, was Hölzchens Sicht auf die akademische Welt von innen aufmischen könnte.

Eine vage erforschte Ethnie, ein ›Völkchen‹, bewohnen seine Historiker diese Welt, erkennbar füreinander an ihren Gedanken, Worten, Einstellungen, Publikationen, zuallererst jedoch an den auf Herkunft, auf ›Stallgeruch‹ gegründeten Beziehungen, die sie unterhalten und die darüber entscheiden, wer wirklich dazugehört und in welchem Teil ihres Sonnensystems der Einzelne die ihm zugewiesenen Kreise dreht. Wie allerdings der Große Denunziant, erkennbar kein Historiker, sondern Soziologe mit großphilosophischer Attitüde, in dieses System eindringen und sich in der Rolle des Gesetzgebers, Richters und Staatsanwalts in Personalunion einnisten konnte, darüber schweigt sich Hölzchen an diesem Morgen wie an jedem anderen aus, der noch folgt. Dabei wäre dies die Frage der Fragen, denn Hölzchens System ist keineswegs, wie seine Sprache es unterstellt, autonom.
 

Nein, so ist es nicht

Viererbande
1

Friedenwanger wiehert. Das kommt selten vor, eher liegt ihm der geschmeidige Duktus, doch er kann, wie Insider wissen, auch laut werden, vor allem hinter verschlossenen Türen. Ungebremstes Gelächter steht sonst nicht auf seinem Programm, doch in diesem Fall…

  • ―Worum geht’s? will Lobbock wissen, den der Zufall vorbeiführt.
  • ―Ich dachte da gerade an etwas, grinst Friedenwanger. Den Versuch ist es allemal wert, auch wenn nichts Gescheites dabei herauskommt, wie immer bleibt der Drops im Mundwinkel sichtbar.
  • ―Soll vorkommen, Kollege. Hoffe, es ist nichts Schlimmes.
  • ―Wir sprachen gerade… Das ist, unverkennbar, Duros Stimme. Lobbock ignoriert ihn, wie in Ewigkeit, so auch jetzt.
  • ―Davon gehe ich aus, Kollege, davon gehe ich aus. Das Sprechen ist die vornehmste Tätigkeit der Gattung homo sapiens. Wussten Sie das? Nein? Dann brauchen Sie’s nicht.

Der Einwurf amüsiert Friedenwanger. Lobbock hat recht, findet er. Duro der Fisch, kalt und wendig, mit Starrsinn, besser: Starrunsinn behaftet – das schießt ihm durch den Kopf, während die Mundwinkel sich rektifizieren. Gleich nachher muss er es aufschreiben, man vergisst so vieles. Die besten Einfälle bleiben auf dem Flur zurück, der sie ausspucken half. ›Der Flur hat recht‹: das könnte glatt über der Tür seines Dienstzimmers stehen, selbstredend unsichtbar, aber erhaben genug, um ihm einen Teil der Beschwingtheit zu erhalten, die jedes Mal einen Dämpfer bekommt, sobald er den Türrahmen passiert hat und ein leeres Blatt Papier vor ihm auf dem Tisch liegt. Da greift es sich leicht zum Hörer, besonders an einem Tag wie heute, keinem besonderen Tag, solange nur die Nahumgebung im Blick liegt, denn das Besondere findet draußen statt, im Universum des Betriebs, und es muss begangen werden. Duro, der Ränkeschmied ohne Fortune, hat bereits davon gehört und so schwatzen die beiden, als habe die Göttin des Tratsches sie persönlich zusammengeführt, einer des anderen Feind, aber in diesem Augenblick…

  • ―Göttliche Fügung. Ich nenne es göttliche Fügung. Was sonst?
  • ―Quatsch. Der Kerl gehört in die geschlossene Anstalt.
  • ―Was macht Sie so aggressiv? Ich kenne Streicher noch aus seiner liberalen Zeit. Da staunen Sie? Wussten Sie nichts davon?
  • ―Ich staune nicht. Ich weiß es einfach besser.

Was weiß Duro? Was weiß er besser? Es wäre bequem, ihn mit seinem eigenen Vokabular zu schlagen: Quatsch. Industriehistoriker Lobbock, der öfter mit Streicher, dem göttlichen Lutz C. Streicher, telefoniert (das C. unterstreicht er diskret, dahinter verbirgt sich, zum Gaudium seiner Untergebenen, des ›Teams‹, wie er sie gönnerhaft nennt, der zweite Vorname und nom de guerre Cato) – Lobbock macht sich seit langem den aufgeräumten Kopf und die sprudelnde Gedankenproduktion des Unholds zunutze, denn als solcher wird Streicher in den liberalen Medien geführt, seit er, durch tödliche Langeweile genarrt, von einem ehrbaren Lehrstuhl für Geschichte der frühen Neuzeit in die Gedankenfabrik einer konservativ genannten Partei hinüberwechselte – nach reiflicher Überlegung vielleicht, doch vor allem aus Spaß: Sollen sie sehen, wie sie damit zurechtkommen! Sie? Da steht ein Teil von ihnen beisammen: Friedenwanger, Duro, Lobbock, R, gerade kommt Argloser vorbei und Blowassers Schatten, selbst er, kreuzt das Spiel der Vormittagssonne auf der innenliegenden Wand.

Viererbande
2

Sie alle, was wissen sie schon? Sie wissen nicht, sie repräsentieren ein Wissen – »Da ist schon ein Unterschied!« würde Tronka anmerken, der sich abseits hält und hier auch nicht gefragt wäre, eben zog er vorbei –, das Wissen fühlt sich bestens aufgehoben in ihrem Kreis, es lächelt ein wenig töricht in sich hinein, wie alle, denen geschmeichelt wird, ohne dass sie den Grund zu erkennen vermögen, aber finden, die schmeichelnde Seite habe doch recht. Dieses Wissen steht erst am Anfang, es hat noch viel vor sich, es will Karriere machen, dafür ist es schließlich da und beugt sich den Regularien. Lutz C. Streicher steht auf der Liste des Großen Denunzianten ganz oben, das wissen alle. Die älteren wissen den Grund – oder glauben sich dunkel zu erinnern –, die jüngeren machen das bashing mit, ohne lang zu fragen, einfach, weil es sich so gehört. Denn dass es sich so gehört, steht bereits außer Frage, man fragt nicht, wenn etwas sich so gehört, nicht innerhalb des Clubs, dem man angehört. Clubregeln gelten unbedingt.

Warum denn nicht, würde Streicher sagen, er ist einer der ihren, ihr Fleisch und Blut, um ihrer Sünden willen vergossen und ausgeteilt an die Himmelsrichtungen, vier an der Zahl, es könnten auch acht oder dreizehn sein, niemand wäre an der Stelle pingelig, denn sie ist windig wie keine und es schickt sich nicht, länger als nötig an ihr zu verweilen. Er trägt den Namen und ist der Verdammten einer, einer wie alle, unmöglich, das zu erwähnen, aber es steht hinter ihrer Stirn, unverrückbar. Ein leichtes Zucken angesichts eines Namens kann eine Karriere auslösen, es kann bewirken, dass Türen sich öffnen und wieder schließen, ganz entsprechend dem Zufall, der zum Kalkül drängt und jedes Mal aus ihm hervorgeht, als sei nichts gewesen. Streicher schrieb einst ein paar Banalitäten, die – fast – jedem anderen mangels Aufmerksamkeit durchgegangen wären, und der Große Denunziant war zur Stelle, so wie er ihn jetzt wieder aufgespießt hat, beiläufig, grundlos, aus Wiederholungszwang, er steht als vierter auf der Liste der Angegriffenen, der Flurkonvent tagt nicht ohne Grund.

Viererbande
3

  • ―Also das mit dem Komplott finde ich jetzt übertrieben –. Der Einwurf stammt von Gaggauer, dem netten Gaggauer, der immer vorbeikommt, wenn keiner ihn braucht. So diesmal, er hat sein Pulver auch schon verschossen und trollt sich, nachdem keiner sich rührt. Guten Tag noch! Was soll schon kommen?
  • ―Lassen Sie mich so sagen…
  • ―Welche Liste? Wovon redet der eigentlich?
  • ―Wir stehen am Anfang einer Entwicklung…
  • ―Einer? Sie sind gut.
  • ―Ich meine eine bestimmte.
  • ―Es steht nicht gut um dieses Land.
  • ―Es widert mich an, wenn ich lese…
  • ―Nicht nur Sie, nicht nur Sie!
  • ―Nanana.
  • ―Die Reaktion marschiert.
  • ―Aber Friedenwanger. Sind Sie sicher? Ich meine, übertreiben Sie nicht ein bisschen?
  • ―Wir Liberalen neigen dazu, die Dinge etwas zu einfach zu sehen.
  • ―Glauben Sie nicht, wir komplizieren sie unnötig?
  • ―Die Sache ist doch ganz einfach.
  • ―Jetzt mal Butter bei die Fische: Worum geht es hier eigentlich? Was haben wir in der Hand?
  • ―Ach du Ahnungsloser. Lutz plant die konservative Wende, seit ich ihn kenne. Kennen wir seine Aktivitäten? Wir kennen sie nicht. Seit diese Regierung offen reaktionäre Züge trägt –
  • ―Tut sie das?
  • ―Darüber diskutiere ich jetzt nicht.
  • ―Manchmal ist Widerstand das Gegebene. Womit ich nicht meine…
  • ―Ich denke, wir sollten an dieser Stelle abbrechen.
  • ―Ich finde, wir kommen da jetzt nicht weiter.

Sie neigen dazu, die Dinge ein wenig einfach zu sehen.

Viererbande
4

Den Stab brechen

Im Alltag, im akademischen wie in jedem anderen, werden Urteile ohne Richter gesprochen, in Abwesenheit des Angeklagten und fernab aller Zeugen. Auch bleibt die Anklage, ebenso wie das Strafmaß, in der Regel unklar. Sie fußen selten auf Einsicht oder Respekt vor den Tatsachen. Worauf dann? Auf der Lust am Denunzieren? Aber Denunzieren ist eine gerichtete Tätigkeit: man schwärzt jemanden bei jemandem an und hofft auf einen Vorteil für die eigene Person. Wer den Stab bricht, verfügt über starke Gründe oder gar keine. In letzterem Fall bleiben die starken Gründe erhalten, sie werden vollends unangreifbar, denn niemand bekommt sie zu Gesicht, schließlich existieren sie nicht. Sie werden aber blind unterstellt, da ein Mensch seine Gründe haben muss, einen solchen Schritt zu gehen. Man verurteilt einen Menschen nicht grundlos. Man nicht, wohl aber A und Z, sie haben damit kein Problem, sie würden, falls nötig, es wieder tun, immer wieder, solange noch ein Rest Atem in ihnen steckt, und jedes Mal würden sie, sollte sie einer fragen, zu ihrer Rechtfertigung den Satz vorbringen: Man verurteilt einen Menschen nicht grundlos. Also haben sie doch ihre Gründe, sie müssen sie haben, schließlich verurteilen sie diesen Menschen, und falls sie gerade nicht zur Hand sind, wenn nach ihnen gefragt wird, dann wiegen sie umso schwerer und es genügt ein Wiegen des Hauptes oder ein zuckender Mundwinkel, um anzudeuten: Frag lieber nicht!

Was bedeutet das? Es bedeutet: ihre Person gegen die des anderen. Du darfst dich entscheiden, ob du mir glauben willst oder dem anderen, und da du weder von mir noch von ihm Gründe erfahren wirst, die meine Einstellung rechtfertigen, musst du dich zwischen ihm und mir entscheiden: ich verfüge über den Vorteil, anwesend zu sein, gerade jetzt, da du mich brauchst, da du etwas von mir willst, und sei es die Bestätigung einer flüchtigen Sympathie, also überlege dir deine Wahl gut. Auch bin ich es – und nicht der andere –, der den Stab bricht, also werde ich wohl meine Gründe haben, gute Gründe, ziehst du sie in Zweifel, dann brichst du den Stab über mich. Welches Recht hättest du, den Stab über mich zu brechen? Keines, ganz recht. Kein einziges. Also bleibt dir nichts weiter übrig, als dich auf meine Seite zu schlagen, es sei denn, du hältst dich heraus und wirst dadurch selbst für mich kenntlich … als einer, der mir sein Vertrauen entzieht, gerade jetzt, da ich ihn ins Vertrauen gezogen habe, weil ich ihn für vertrauenswürdig befand. Ich habe dir vertraut und du … wie erwiderst du mein Vertrauen? Du erweist dich als unwürdig – scher dich zum Teufel! Willst du das? Willst du das wirklich? Natürlich nicht, dir liegt viel daran, als vertrauenswürdige Person zu gelten, im allgemeinen und gerade jetzt, in dieser Situation, da du auf der Probe stehst, denn das stehst du: du willst sie bestehen, koste es, was es wolle. Nun ja, wenigstens beinahe … das reicht, um dem anderen weit entgegenzukommen, weiter jedenfalls, als es das nüchterne Urteil erlauben würde, wäre es in dieser Situation gefragt. Gefragt aber bist du.

Wenn eine Gruppe von Menschen über einen der ihren den Stab bricht – sei es, dass sie ihn aus ihren Reihen ausschließt, sei es, dass sie von ihm verlassen wurde und nachkartet –, dann bedarf sie dafür keiner Gründe, jedenfalls außer den üblichen: schuldig ist immer der Abtrünnige. Einer fällt vom Glauben ab und ist schon gerichtet. Woran glaubt die Gruppe? Zunächst und vor allem: an sich selbst. Wo Gruppen sich zusammentun, da herrscht bereits Gemeinschaft, und sie herrscht dort, wo sie schwer zu vertreiben ist: in den Köpfen. Der Zweck von Gemeinschaft besteht nicht darin, Zweifel zu säen, jedenfalls nicht in Bezug auf sie selbst, sondern das Gegenteil – die Gewissheit, recht zu haben, einen gangbaren Weg gefunden zu haben, womöglich den Königsweg, wer kann das wissen? Niemand vielleicht, aber die Versuchung bleibt übermächtig. Und führe mich nicht in Versuchung: bedeutet das nicht, dass aus der Gemeinschaft der Gläubigen der Versucher hervorleuchtet? Aber gewiss doch, er ist stets zur Stelle, er leuchtet auch nicht, er liebt das Unscheinbare, er liebt das Flurgespräch: »Ich denke ja doch, dass…« Weniger lässt sich nicht auftragen. Er liebt die flüchtige Ballung, an deren Zusammensetzung sich später kaum einer erinnert. Wer hat was gesagt? Darüber müsste ich nachdenken. Wer hat es gehört? Also hören Sie, ich bin doch kein Spitzel, der sich so etwas merkt. Wofür halten Sie mich? Sie glauben mir nicht? Fragen Sie den und den, der war dabei, das kann ich bezeugen, der kann Ihnen vielleicht weiterhelfen. Im übrigen: ich habe doch bloß gesagt, was jeder wusste. Dazu stehe ich nach wie vor.

Viererbande
5

Ist Streicher sympathisch? Zunächst einmal nicht, nachdem bereits der Name gegen ihn zeugt. Darüber redet man nicht, das Unaussprechliche verfügt über eine eigene Art sich auszubreiten, es bedarf keiner Rede. Verfügte es über Bewusstsein, es würde sie fürchten, weil die Kräfte der Auflösung – ›dissimulatio‹ – in ihr so überaus wirksam sind.

Auch menschlich nimmt er gegen sich ein, besonders Zartbesaitete, die ihm einen Hang zum Grobianismus attestieren, womöglich verführt durch seine Physiognomie, denn im persönlichen Umgang lässt er sich, soweit bekannt, nichts zu Schulden kommen. Soweit bekannt, soll heißen: Nobody is perfect.

Wer ist gewillt, für den Anderen immer die Hand ins Feuer zu legen? Das motorische Zusammenspiel einiger weniger Gesichtsmuskeln entscheidet darüber, wie ein Mensch bei seinen Mitmenschen ankommt, und damit über sein Wohl und Wehe, jedenfalls über sein privates Lebensglück, denn ›rein karrierremäßig‹ darf Streicher sich über nichts beklagen. Im Gegenteil: er ist der erste seines Geschlechts, der es zu akademischen Würden gebracht hat. In der Familie – die mit der des unseligen Stürmer-Herausgebers außer dem Namen nicht das Geringste verbindet – ein Fremdling, dem man freundlich ins Gesicht redet (während man froh ist, ihm den Rücken kehren zu können, denn der akademische Habitus bedeutet für diese Handwerker und kleinen Angestellten Stress – jedenfalls in seiner Generation, die nächste, eine Bildungsoffensive weiter, scheut sich nicht, ihre neidgetränkte Missachtung der ›Abgehobenen‹ offen zur Schau zu tragen), verwandelt er die menschliche Bürde des Aufsteigers in pure Energie: die einzige Ausstrahlung, die ihm eignet.

Viererbande
6

Dossier-Sätze

In einer älteren Publikation hat er es gewagt, Geschichte ›gegen den Strich zu bürsten‹, ganz wie es ein paar Jahre lang von Vertretern seiner Zunft erwartet wurde, falls sie up to date sein wollten, und sich damit in die vordere Riege gespielt. Das bot zu heftigen Diskussionen Anlass und führte zu dem Ergebnis, dass die eine Hälfte der Konkurrenz ihn als Fälscher ans Kreuz nagelte und die andere ihn zum Blender erklärte. Währenddessen kamen einige wenige, aber politisch einflussreiche Zeitgenossen auf ihn zu, um ihn in ihre Mitte zu nehmen.

Der Grund war und ist simpel: nach seiner Methode gelesen, ergab die unter Nachkriegsschreibern beliebte These vom ›Sonderweg‹ seines Landes in der Geschichte keinen Sinn. Sie löste sich mangels geeigneter ›Startpunkte‹ einfach auf – ein unerhörter Vorgang, der nach Sanktionen gegen den Verfasser verlangte und umgehend – schon damals! – den Großen Denunzianten auf den Plan rief.

Allerdings – wie viele ›allerdings‹ benötigt eine Karriere, an der eine Mehrzahl von Menschen beteiligt ist? – galt dessen Stimme damals erst als eine unter vielen und nur wenige atmosphärisch Begabte ahnten, welch lebensbestimmende Gewalt von dieser Konstellation ausgehen würde.

Vielleicht war Streicher ja gut beraten, als er wenig später, dem Lockruf einer parteinahen Stiftung folgend, umstandslos in jener Denkfabrik verschwand, über deren Eingang, für viele allzu schamlos, das Etikett ›konservativ‹ prangt. Seither publiziert er dann und wann in staatstragenden, bei progressiven Kulturträgern verhassten Medien. Was er sonst noch treibt, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis. So etwas reizt die Phantasie.

Viererbande
7

Persönlich kennst du Streicher nicht, hast ihn nie gesehen. Woher kennst du ihn dann? Dein Gewährsmann ist Tilman D, ein Studienfreund, der eine Zeitlang bei ihm Assistent war. Tilman hat dir, zusammen mit verstreuten Zeitungslektüren, eine Idee dieser Person eingegeben, mit allerlei Vagheiten behaftet, aber sehr bestimmt konturiert: eine eitle Person, die gern Hof hält, die daran gewöhnt ist, ihre Umgebung intellektuell zu überragen, ohne wirklich mit überragender Intelligenz gesegnet zu sein, ein Durchsetzer im schmalen akademischen Rahmen, der keinerlei Urteil darüber erlaubt, ob derselbe Mensch auch in der weiteren Gesellschaft, also zum Beispiel in der Wirtschaft oder in der Politik seinen Mann stehen könnte, kurz, eine der Zwischenfiguren, bei denen Wissenschaft rasch in ›performance‹ übergeht und oft genug aufhört, Wissenschaft zu sein, bevor eine jener großen wissenschaftlichen Leistungen vorliegt, die ihren Ruf – und ihre Allüren – rechtfertigen würden. Lutz, wie ihn Friedenwanger aus boshafter Nahdistanz nennt, ist daher, alles in allem, der ideale Aspirant, wenn es darum geht, ein verschwiegenes Netzwerk von Möchtegern-Umstürzlern aus dem Hut zu zaubern, das nicht weniger geplant haben soll als ›die Zerstörung der geistig-moralischen Grundlagen dieses Landes‹. Denn drunter geht’s nicht, nicht diesmal, da der Große Denunziant im Begriff steht, aufs Ganze zu gehen. Nein, zum Anführer taugt Streicher nicht, wohl aber ist er der Typ, dessen Nennung der angeblichen Verschwörung einen Anflug von Glaubwürdigkeit verpassen kann, jedenfalls in Kreisen, denen er als Hyperaktivist erinnerlich ist oder in denen sich dieses Bild von ihm, aus welchen Quellen auch immer gespeist, einmal festgesetzt hat. Gerade deshalb liegt der Verdacht nahe, dass er aus diesem und keinem anderen Grund auf der vom Großen Denunzianten herausgegebenen Liste steht: Was geht’s den Menschen an, was der andere von ihm hält und wessen er ihn verdächtigt? Augenscheinlich nichts. Doch auch darüber weißt du entschieden zu wenig, um Einspruch erheben zu können, selbst wenn es dich juckte.

 

Der Appetit kommt beim Essen

Ein Damaskus zuviel
1

In diesen Tagen…

In diesen Tagen macht Hölzchen eine Wandlung durch – nicht gerade vom Saulus zum Paulus, das wäre, wenigstens in dem Fall, zu christlich gedacht. Auch braucht er die Rolle des Verfolgers nicht erst abzulegen, das wäre zu … voreilig, im Gegenteil: er schlüpft behände in sie hinein wie in ein bereitliegendes Mäntelchen, das höchstens an den Armen ein wenig zupft, aber sonst ganz in Ordnung ist. Lange nicht getragen: so könnte die stumme Kommunikation zwischen beiden lauten. Im Grunde sagt so ein Satz alles. Er müsste nur von allen verstanden werden. Unverstanden fühlt sich Hölzchen seit langem. Vielleicht nicht unverstanden, nicht wirklich jedenfalls, eher unbeachtet, obwohl er das vehement abstreiten würde, und wirklich wird er ja beachtet, das bringt seine Stellung mit sich, schon seine Dauerpräsenz in der Pyramide lässt etwas von der Würde ahnen, die ihm in der akademischen Welt zufließt. Würde ist, wenigstens in so einem Fall, ein seltsames Wort, vermutlich würde die Welt nicht ärmer, käme jemand auf die Idee, es aus dem Wortschatz zu streichen, denn so genau weiß ohnehin keiner, was es bedeutet.

Ein Damaskus zuviel
2

Hölzchens Anspruch auf Würde

  1. Man versteht ihn ja, jedenfalls glaubt man ihn zu verstehen, jedenfalls in der Pyramide und in diesem Fall ist die Pyramide die Welt. Wenn Hölzchen den Kasper gibt, dann deshalb, weil er sich, bekleidet mit seinem Amt, für unnahbar hält. Würde strahlt aus, und die eines akademischen Lehrers besonders, denn sie kommt nicht von selbst, sie will erarbeitet werden: so denkt er sich das. In paradoxer Umkehr versucht er den Sachverhalt bei den Kollegen zur Geltung zu bringen, indem er gleichzeitig hoheitsvoll auf Distanz pocht und sie lärmend unterschreitet. Die Kollegen durchschauen das Spiel, ohne es zu durchschauen, für sie ist er ein bunter Hund, mit dem man rechnen muss, aber nicht rechnen darf: Autor einer Ego-Show, die zwar die akademische Würde zum Ausdruck bringt, ihr aber in Wahrheit zuwiderläuft.

Kein Hölzchen ohne sein Stöckchen: so sieht man Hölzchen tagtäglich mit possierlichen Sprüngen oder mit Apportieren beschäftigt.

  1. So recht weiß keiner, warum er das tut. Lobbock, auch in diesem Fall ganz der Nüchterne, mutmaßt im Hintergrund Probleme mit seiner Frau, wahrscheinlich, weil er selbst – ganz im Hintergrund natürlich – an dieser Nuss knabbert. Aber das ist geraten, offenbar schlecht, denn die wenigen Auserwählten, die sie, einer seltenen Einladung in Hölzchens Eigenheim folgend, zu Gesicht bekommen haben, schwärmen von ihrem gütigen und überaus selbständig in einem unklaren Draußen sich bewegenden Wesen, als seien sie einer modernen Heiligen mit verständlicherweise begrenztem Zeitkontingent begegnet, mit der sie sich in einem kommenden Jenseits des Geschlechterfortschritts noch ausgiebig zu unterhalten gedächten.

Ein Hölzchen-Problem muss, wie seine Aufführung, possierlich sein: so denken die Kollegen und deshalb fällt die Frau in seinem Rücken als Stichwort fürs erste aus.

Ein Damaskus zuviel
3

Stimmt das?

Eine leise vorgetragene Abhängigkeit von ihr macht dich stutzig. Die Abhängigkeit vom Ehepartner ist nichts Ungewöhnliches, eher das Gegenteil. Doch in den meisten Fällen wird sie, jedenfalls im Kollegenkreis, verborgen gehalten.

Warum das so ist? Ganz einfach: weil sie hilft, die Fassade der Unabhängigkeit zu errichten, ohne die, ganz traditionell, der heterosexuell geprägte Mann nur ein halber ist, ein Leichtgewicht, über das seine Geschlechtsgenossen kalt lächelnd hinweggehen.

Dieser hier trägt seine Abhängigkeit vor. Er trägt nicht auf, er macht es nicht ostentativ, aber so, dass einer, der in diesen Dingen nicht abgestumpft ist, aufhorchen muss. Er benützt sie, dezent aber wirksam, um bestimmten Aussagen Weihe zu geben, als würden sie durch den Verweis sakrosankt.

Zum Beispiel sagt er, um die Abschottungspolitik der Europäischen Union zu verdammen: »Ich bin Weltbürger. Das Letzte, was wir brauchen, ist eine Wagenburg. Meine Frau und ich sind uns da einig.«

Unter Weltbürgern – seine Kollegen gehören, jedenfalls der gefühlten Überzeugung nach, allesamt dieser Spezies an – wäre der Nachsatz, unter bloßen Bedeutungsgesichtspunkten, überflüssig. Dennoch erfüllt er – den anderen fühlbar – mehrere Funktionen.

  • Erstens eine informative: Aha, er hat eine Frau, er spricht mit ihr ›auf Augenhöhe‹, wie das seit einiger Zeit heißt, er verständigt sich mit ihr in politicis, gemeinsam vertreten sie ein hohes ethisches Ideal (schließlich dient die Wagenburg der Politiker, falls es sie denn gibt, ihrer Wiederwahl angesichts argwöhnischer und tendenziell fremdenfeindlicher Wählerschichten).
  • Zweitens eine performative: last but not least gewinnt Hölzchen aus dem Umstand, dass seine Frau diese und keine andere Gesinnung mit ihm teilt, eine innere Sicherheit, die jeden weiteren Einwand an dieser Stelle überflüssig werden lässt. Es ist ja nicht das Überzeugtsein, das hier auf dem Prüfstand steht, sondern das wissenschaftstheoretisch verbürgte Recht, ein Argument immer und immer wieder zu bezweifeln, sobald ein neues Argument in der Arena gesichtet wird: im Wissen um die Ansicht der integeren Frau im Hintergrund verglüht es, einer Sternschnuppe gleich, bevor seine Kraft sich wirksam entfalten konnte.

Ein Damaskus zuviel
4

Frauenverachtung und Frauenverehrung, so will es ein Gemeinplatz der Psychologie, wachsen auf einem Glied. Hölzchen, der diesen Satz Wort für Wort unterschreibt – es handelt sich um ein ständig wiederkehrendes Thema in seinen Vorlesungen –, kann sich persönlich nicht daran erinnern, ›Frauen‹ jemals verachtet zu haben – weder einzeln noch im Rudel, weder subtil noch brutal. Gerade dadurch erhält der Satz das Gewicht einer fernen Gewissheit, unbetastbar durch persönliche Erfahrung und damit ähnlich erhaben wie der zweite oder dritte Lehrsatz der Thermodynamik. Hölzchen ›weiß‹, dass Frauen auf gefühlte oder auch bloß vermutete Verachtung ihres Geschlechts ›anspringen‹, er ist da ganz auf ihrer Seite, genauer, seine Sensibilität für ›Situationen‹ läuft der seiner Partnerinnen voraus, als müsse sie das Gelände sichern, damit ihr Fuß keinen Schaden nehme. Dasselbe Verfahren, angewandt auf eine banale Überzeugung wie die, Europa dürfe sich nicht gegen die Elendszuwanderung aus dem globalen Süden abschotten, verwandelt die ›Frau an seiner Seite‹ in eine Manifestation der hohen Frau, deren Gesinnung, unendlich kostbar durch das bergende Gefäß, auch diverse Opfer verlangen darf, Opfer an Komfort und Geschmeidigkeit, mit der undeutlichen Aussicht am Ende der Schlange auf das berühmte ›sacrificium intellectus‹, die Preisgabe des Intellekts, vielmehr der Verfahrensweise des Intellekts, gemeinhin ›Kritik‹ genannt, nach dem Motto: Kritisieren Sie meine Frau und Sie wissen, mit wem Sie sich schlagen müssen.

Würde Hölzchen sich schlagen? In einer Gesellschaft, die auf feinste Signale zu achten gewöhnt ist, kann eine solche Frage jahrelang unbeachtet in einem Winkel liegen, weil allein die Absicht, sie zu stellen, eine unzumutbare Belastung des Arbeitsklimas bedeuten würde. Es kommt aber der Tag, an dem sie sich zwischen die Schweigenden drängt, aus keinem anderen Grund als dem, dass ihre Zeit gekommen ist und sie sich ganz einfach stellt.
Ein Damaskus zuviel
5

Der apportierende Hölzchen, der hüpfende Hölzchen: Figuren einer sich selbst unbekannt bleibenden Lust, sich zu schlagen, der es am rechten Gegenstand fehlt. Angenommen, einer will sich auszeichnen, aber ohne ausreichenden Grund in der Sache – sei es, dass dort gerade business as usual angesagt ist, sei es, dass seine geistige Kapazität nicht genügt, um innerhalb seines Fachs neue Forschungswege zu erschließen –, angenommen, er muss sich auszeichnen, weil sein Verhältnis zur hohen Frau es ihm zwingend nahelegt, so drängt es ihn sich zu schlagen, wissend, dass es darauf nicht ankommt. Diesen Widerspruch aufzulösen ist nicht so einfach, nicht so einfach … will sagen, auf intellektuellem Wege unmöglich. Daher nimmt es die Form von Entladungen an, kleinen täglichen ›Verpuffungen‹, um es in der Sprache der Chemiker auszudrücken, Alleinstellungshandlungen zur Gesichtswahrung.

So sieht es aus.

Dass einer wie Killus, bedrängt vom radikalen Narrensaum der Studentenschaft, neben der Zunft lebt, beschäftigt ihn nachhaltig. Der Fall, vor dem Hölzchen sich fürchtet – mehr als alles andere fürchtet er das Zum-Fall-Werden –, ist in mehr als einer Hinsicht sein stiller Held: der Mann der Wissenschaft, der sich schlägt, ohne sich zu schlagen, zusammengeschraubt aus Distanz und Güte, aus Schärfe und fast heiterer Gelassenheit (wobei es sich verbietet, jene Schärfe analytisch zu nennen, eher synthetisch, weil sie ›den Gegner kennt‹ und unnachgiebig in seine Richtung drängt). Er hat ihn freundlich in seinem Büro empfangen, ohne Umschweife: einer, der zur Sache kommt, ohne den Gast groß merken zu lassen, wann und wo welche Türen aufgehen und welche gerade verschlossen bleiben.

*

Unsinnig, in einer solchen Atmosphäre auf die Schmierereien vor der Haustür zu sprechen zu kommen, ›signa‹ ohne Sinn und Verstand, die ihre fatale Bedeutung erst wieder draußen, im Freien, nach vollendeter Audienz entfalten.

*

Unsinnig auch deshalb, weil ihre Anwesenheit, auf welch vertrackte Weise auch immer, spürbar ist, als hinge sie, wie der Geruch feuchter Kleidung oder eines Hundes, in der Luft.

*

Unsinnig zum Dritten, weil die bloße Tatsache des Gesprächs ihn dazu nötigt, über die Zeichen fremder Feindseligkeit hinwegzusehen – eine Selbstverständlichkeit unter Kollegen, die wissen, dass diese Plage jeden von ihnen treffen kann und was von ihr zu halten ist.

Ein Damaskus zuviel
6

Spürt Hölzchens Frau die Abhängigkeit, die sich da anbahnt?
Mag sein, mag nicht sein.
Welche Maßnahmen mag sie ergreifen?
Gleichgültig welche: das Schema von Spannung und Entladung ist aktiviert.

Ein Damaskus zuviel
7

Wenn in den Tagen des anhebenden Massakers der Große Denunziant nach vorn geht, dann aktiviert er in den vielen Sancho Pansas, die das Land beherbergt, Hölzchen inbegriffen, ein von langer Hand implantiertes Programm. Geschlossenen Auges lösen sie sich aus ihren Verhaltungen und eilen der Schlacht entgegen, als sei das Gemetzel ihr verborgener, nun offenbar werdender Lebenszweck – eine Entladung, kaum vergleichbar den alltäglichen Inszenierungen des Psycho-Spiels, in dem zum Teufel geht, wer vom Teufel kommt, soll heißen, in dem die Stellung der Lebenspartner zueinander im Hintergrund über Grad und Art der Auffälligkeit entscheidet, die der Delinquent im Berufsleben an den Tag legt.

  • Das hier ist kein Spiel, es ist eine Zwangsveranstaltung erster Güte: die Partner-Konstellation tritt zurück, vor ihrem Hintergrund entfaltet sich die Wunderblume der Freund-Feindschaft, des Wissens, zu welchem Haufen man gehört (dem großen) und wer nicht dazugehört, heute nicht, morgen nicht, nimmermehr – ein scharf umrandetes Wir kommt da zum Vorschein, allenfalls entfernt verwandt der verschwommenen Generations- und Forschergemeinschaft, der sich einer verpflichtet fühlt, weil er sich keine Abseitsstellung vorstellen kann, ein Schmäh-Wir, das den Gegner intus hat und aus von langer Hand angehäuften Beständen weiß, wie er tickt, so dass es die im Raum schwirrenden, nie ganz eindeutigen, nie ganz schlüssigen Bezichtigungen nach Belieben auffüllen kann; nach Belieben, soll heißen, gemäß den Bedürfnissen einer gebundenen Seele, die nicht erst in Bücher blicken muss, um zu wissen, was darin geschrieben steht und warum man es mit allen Mitteln, verbal und nonverbal, bekämpfen muss.
Ein Damaskus zuviel
8

Wer Hölzchens erste Beschreibung des Besuchs bei Killus noch im Ohr hat, reibt sich verwundert die Augen:

  • ―Wissen Sie, ich sag’s gar nicht gern, er hat sich auf eine Sache eingelassen, aus der kommt er nicht mehr heraus. Also ich find’s hoch problematisch. Natürlich merkt man es ihm physiognomisch an, ich habe da einen ganz starken Eindruck empfangen. Sagen wir so: seine Bonhommie ist weg. Das war ja immer sein Markenzeichen, dass er für sich einnehmen konnte, auch wenn seine Theorien … sagen wir, häufig das Maß des Vertretbaren überschritten. Keiner verschiebt mal eben die Koordinaten der Republik. Was er gemacht hat? Ja, was hat er gemacht? Was hat er … sagen wir so: Er bringt Dinge zusammen, die lassen sich einfach nicht zusammenbringen. Natürlich haben wir alle das Recht zu vergleichen, das bleibt uns unbenommen, darum geht’s nicht, aber die Unvergleichlichkeit muss natürlich gewahrt bleiben.
    Natürlich hat der Sozialismus auf seinem Weg unfassbare Massenverbrechen … keine Frage, darüber sind wir uns einig, darum kann es jetzt wirklich nicht gehen, Genosse Stalin, keine Frage, selbst Lenin, das ist gar keine Frage, wer meint, darum müsse es heute gehen, wo lebt der überhaupt? Nein, worum es geht, das ist doch die ganz einfache Frage: Lassen wir es zu, dass unser Bild der Epoche verwässert wird, bis alle irgendwie schuldig sind und die Urschuld – ja, ich spreche jetzt ganz bewusst so – die Urschuld liegt im Roten Oktober, weil dort alles anfängt? Kann das unser Bild der Epoche sein? Ich weiß, Solschenizyn behauptet das ja seit langem, aber wer ist Solschenizyn? Ein ehemaliger Sträfling, ein subjektiv Gezeichneter, ein verbitterter Mensch… Das ist seine Perspektive. Darf das unsere sein? Dürfen wir so reden? Ich meine: nein. Killus verlangt vom Historiker, er müsse objektiv sein. Also seien wir objektiv. Die nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen sind nicht ableitbar, sie sind singulär. Punkt, Ende aus, Schluss der Debatte.
  • ―Aber hat nicht Killus…
  • ―Ja?
  • ―Ich meine, hat nicht gerade Killus seinerzeit genau das…
  • ―Ich weiß, was Sie sagen wollen, oh ja. Ich weiß auch, was Sie damit nicht sagen wollen, oh ja. Jawohl, es gab einmal eine gemeinsame Basis, jedenfalls war das meine bisherige Annahme, ich hätte stutzig werden sollen, als ich ihn das letzte Mal besucht habe, ich weiß nicht, ob ich Ihnen das so erzählt habe, aber er nimmt die Dinge anders in den Blick.
  • ―Könnten Sie das ein bisschen … erläutern?
  • ―Das kann ich, das kann ich. Killus hat damit begonnen, sich in das historische Personal hineinzuversetzen – hineinzuversetzen, Sie verstehen, was ich da sage? Das geht nicht, damit wird er scheitern, damit ist er im Grunde bereits gescheitert. Abgesehen vom rein atmosphärisch Gespenstischen, das einer wie ich ganz stark empfindet, kollabiert natürlich unser Beweissystem. Killus konstruiert Zusammenhänge … gut, das tun wir alle, aber hier geht es ins Monströse. Man spürt die Missgeburt. Man spürt es … ja, man spürt es auch im Gespräch. Auch ich habe es gespürt.
Ein Damaskus zuviel
9

Argloser war es, der sich da vorwagte. Was er gehört hat, schmeckt ihm nicht, doch er schluckt es herunter. Jedenfalls geht er still seiner Wege. Er ist kein Historiker und kennt Hölzchens Suada aus dem Effeff. Aber er liest Killus seit Jahren und, wie er meint, mit Gewinn. Es will ihm nicht einleuchten, dass Killus unter die Romanschreiber gegangen sein soll. Andererseits: was heißt schon, ›sich hineinzuversetzen‹? Das kann auch eine Versuchsanordnung bedeuten – und nicht die schlechteste, wie ihm scheint. Wie war das mit dem geschichtlichen Horizont, in dem sich alles Handeln vollzieht? Wer zieht diesen Horizont? Ist es neuerdings nicht mehr üblich, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen? Gilt das in bestimmten Historikerkreisen bereits als anrüchig? Aber der Große Denunziant ist kein Historiker. Er ist Soziologe wie Argloser und in seinen Motiven kennt letzterer sich aus.

 

Sparsamkeit der Mittel
ist das Kennzeichen des überlegenen Geistes

Wie man eine Republik zerstört
1

Wie mans nimmt

Blowasser, ein Mann ohne Rückgrat, hat in diesen Frühsommertagen Konjunktur. Zusammen mit Nassen, der endlich erwachsen werden muss, hat er einen Projektantrag laufen und man merkt es seiner Geschäftigkeit an. Ein einsamer Mensch, der sich nicht beklagen darf, so sehr haben die Umstände ihn gebettet. Doch wie er sich dreht und wendet, liegt er falsch. Auch mit Nassen liegt er falsch. Sie haben sich angefreundet, weil der Zweck die Mittel heiligt und beide sich auf der Suche nach einem Partner befanden: da genügt ein Gespräch in der Mensa und der Funke springt über. In der Pyramide ist Sympathie ein Gefahrgut, sie schwappt leicht über den Rand und verseucht das Gelände. Auch du findest die beiden sympathisch, wenngleich auf unterschiedliche Weise. Was dir gefällt: der Hunger, den beide ausstrahlen, das Bedürfnis nach mehr – allerdings musst du, bei einigem Nachdenken, zugeben, dass das Bedürfnis nach mehr Wissen darin, rein quantitativ, nur einen verschwindenden Teil ausmacht, gelöst und genährt vom alles beherrschenden Bedürfnis nach Status, also nach Würde.

Wie strahlt einer wie Blowasser, ein rundlicher Mensch, der nie aus dem Anzug zu kommen scheint, das Verlangen nach Würde aus? Fürs erste gibt er sich würdevoll, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Das Vorbild Friedenwanger, obzwar negativ ›konnotiert‹, schimmert überall durch, vermutlich weil er, als falscher Platzhirsch, zwanghaft zum Vorbild nicht taugt.

  • Zum Beispiel bevorzugen beide die gleiche Bewegungsart: Sie sind schnell, wenn die Kollegen bedächtig an einem Strang ziehen (was selten vorkommt, aber konzediert werden muss, weil es ihrem Selbstverständnis entspricht), und sie verlangsamen den Schritt, sobald Eile angesagt ist. So stellt sich frei, wer sich für höhere Aufgaben qualifiziert sieht. Doch jeder Schritt kann ins Abseits führen.
  • Eine andere Marotte: die Vier-Augen-Herzlichkeit, die beide gern ausstrahlen, gleichgültig, was der Gesprächspartner davon halten mag. Auch sie wird leicht zur Geste zuviel, zur Verbindlichkeit ohne inneres Maß, als säße einem das herzige Brüderlein gegenüber, das genauestens weiß, dass man ihm nur schwer den Wunsch abschlagen kann, sein marodes Konto aufzufüllen, weil es gerade nach Kanada fliegen möchte, der Teufel weiß warum. Offensichtlich rangiert hier der Wunsch, den anderen für alle Fälle bereits im Kasten zu haben, an erster Stelle. Gleich dahinter … das bleibt, vorerst, ein Geheimnis.
  • Die seltsame Fähigkeit, fertige Urteile auszustrahlen, ohne sie abgeben zu müssen: darin liegt ohnehin eines der vielen Betriebsgeheimnisse, ohne die der akademische Alltag rasch zur Billigveranstaltung absinken würde. Blowassers Anwesenheit strafft die Kollegen. Sie müssen zeigen, was in ihnen steckt, immer darauf bedacht, seinem prüfenden Auge standzuhalten, das zur gleichen Zeit etwa auf der Fensterbank liegt, weil dort ein Staubfaden unter der Einwirkung eines Sonnenstrahls aufglimmt.
Wie man eine Republik zerstört
2

Wie mans nimmt

Anders als Friedenwanger verfügt Blowasser in der Fakultät über kein ›Standing‹, vermutlich bloß deshalb, weil er ein paar Jahre jünger ist und ihm die Erfahrung der Revolte abgeht, die Friedenwangers mythischer Berufung vorausliegt. Die Kehrseite: Kaum jemand ist mit ihm ›durch‹. Er gilt als charmanter Kollege – ›reizend‹ – mit einer himmelweit offenen Zukunft und jedermann wünscht ihm, der offenen Zukunft sei Dank, nur das Beste.

Wie man eine Republik zerstört
3

Wie mans nimmt

 

ABC – Beinchen in die Höh’

Atlantiden
1
Agilität

Honigmelone, als Nachtisch gereicht, warum gereicht?

Hängengeblieben am Wort, als sei es ein rostiger Nagel.

The answer, my friend, the answer. Please, give me an answer.

Zwingburg, sonnengereift, in den Abendhimmel gezeichnet, so –

Wer zwingt, wer wird gezwungen?

Zita, sie drückt den Ausknopf, aus.

Zita, hundertjährig (gefühlt), Diva im Garten, als Apfelgebäck.

Zu Tisch!

Atlantiden
2
Bestehen, das

Die mythische Nummer ist wählbar.

Alles, was bestehen will, muss unter die Sonne. Hinaus.

Apropos Bar, dort steht sie im Schatten. Unterm Gezweig.

(Hier kommt ein Gast ins Gehege, der geheime Wunsch dieser Landschaft, geformt zu sein, geformt zu werden, Gestalt anzunehmen –:
Ja hat sie denn keine?)

Gast ohne Landschaft vs. Landschaft, gastfrei:
Oase des Gähnens, Oase des Wohlbefindens, Strich an der Wand,
Schattenstrich, weiter, weiter ins Schattenmeer krabbelnd.

Ich bestehe darauf.

Spiegelmeer draußen, wo’s blinkt und schimmert:
Die große Scheu. Wovor?
Vor dem großen Aufbruch?

Steck den Finger hinein.

Wer zieht ihn heraus?

Nein, nicht ins Meer, Dummchen. Sieh her.

Wende den Blick. Was siehst du?

Sternchen * : Blinkend.

Noch eins * : Statisch.

Stern erster Ordnung: *****

 

Was ansteht:
Randgestein, flüchtig beachtet, blühend im Mehr der Kakteen.

Atlantiden
3
Chemie

Unter Sternen bei Nacht.

Das Unaufhörliche, das auf die Nerven geht.

Nimm eine Kuhhaut, zerschneide sie, zerschneide sie heute, zerschneide sie heut diese Nacht.
So feine Schnitte sah die Welt nie.

Etwas Besseres als den Tod

Raschle den Sack. Rattle the snake.

Dreigestirn, eng beieinander. Mütterlich, schwesterlich, väterlich.
Schöner war Anbetung nie.

Da, im Schatten, steht schon der Achtgeber.
Jetzt tritt er hervor.

Dienernd, liebedienernd, das Komma im Freundlichtun. Fremdtun. Freundlichtun. Ortskenntnis inbegriffen, lange gereift, ohne Stil.

Freund oder Feind?
Warum diese Frage jetzt?

Einer mehr am Tisch, einer weniger, einmal dieser, einmal jener, darauf kommt es nicht an.

Der überflüssige Mann: der am wenigsten flüssige.
Darum steht er herum.
Gilt nichts und geht nicht weg.

Komm auf den Punkt.

Der Punkt ist der –

Atlantiden
4
Druschba

Einer kommt nach.
Mit raschem, hellem Schritt, glöckchenhell, ein Rascheln im Kies.
Kies erstickt jeden Laut.
Kies ist vor-laut.

Eine Wunde im Kies. Blutet sich aus. Welcher Heiler ist hier gefragt? Keiner vermutlich.
Keiner werfe des anderen Stein. Warum auch?

Kein Stein bleibt auf dem anderen. Ein Schritt treibt sie auseinander.

Kies, eben.

Atlantiden
5
Enge

Jenseits des Gartens
Jenseits der Büsche
Jenseits der Bäume, der kunstvoll im Gelände verteilten Steine
Jenseits der Werke aus Kunst, Schweiß und Tränen der Eifersucht
Jenseits des magischen Zirkels, der heilenden Kräfte, der spirituellen Worte

In dieser Enge geboren –
Aufgewachsen am Strand, am Meer –

Wo kommt ihr Brüder denn her?

Vergiss die Schwestern nicht.

Die Schwestern sind auf und davon.

Dem Rad in die Speichen
Die Faust in der Tasche
Ein Gesicht, das lächelt
Was wollt ihr mehr?

Atlantiden
6
Fremde, die

Fremdsein, ein Privileg.
Das schreibt sich von selbst.

Diktier’s uns.

Mein Traum. Ich denke nicht dran.
Komm schon. Später diktieren wir dir.

Versprochen.

Atlantiden
7
Gärtner, der

Sie, a Schwob? Was hält Sie hier auf der Insel, Mergentheimer?

No name, please.

Das war ernsthaft gefragt, du wolltest es wissen (jetzt nicht mehr):

Was hält den Namenlosen, den Mann von überall, lachhafteste aller Figuren, deren Instagram-Fotos Legion, dream boy, und fuhr in die Säue, Partner aller Partnerinnen, Ex aller Ex, Kuschler aller Kuschlerinnen, Erster auf Ubu, als sie die Strände freigaben, Berufspendler, als er noch etwas galt, eingetragener Organspender, Pol-zu-Pol-Wanderer, Hüttenkenner, Nerven-Durchtrenner, Traum aller Halsabschneider, urlaubsgereift:

Das Klima.

Welches Klima?

Da lacht der Mann mit der Schere.

Ick bün allhier.

Und bückt sich.

Atlantiden
8
Hieroglyphe

Gast und Gastin erproben das Gelände.

  • ―Die Idee der Gerechtigkeit, Kennzeichen aller Hochkulturen, entwickelt sich früh. Im Alten Reich der Ägypter… Ich finde das spannend.
  • ―Wonach schreit Unrecht, wenn es erst schreit? Genau. Unrecht geht Recht voraus.
  • ―Wie das? Muss nicht das Recht gesetzt sein, damit Unrecht erkannt werden kann?
  • ―Etwas ist älter als die Dichotomie Recht/Unrecht: das Wohltun. Du tust mir wohl. Warum machst du nicht weiter? Der Mensch ist dem Menschen angenehm.
  • ―Warum merkt man so wenig davon?
  • ―Ganz einfach: Der Unangenehme macht sich stärker bemerkbar als der Angenehme. Der Unangenehme leert und besetzt den Raum. Er überspannt ihn.
    Nimm diesen Garten: ein Raum der Begegnungen. Der Blick, der zum Meer hinabsinkt und weiter bis an den Horizont: ein Netz, das gehoben sein will. Probier’s! Der große Fang bleibt leer.
    Stufen, in Landschaft gegraben, damit Kultur sei: Welch ein Irrtum. Wandelgang, der separiert und vereint. Zeilen, in Fels gekratzt: von links nach rechts, von rechts nach links. Arbeitet ab, soweit die Erwerbung reicht. Methodik des Irrens. Der Mensch denkt, der Pfad lenkt. Oder umgekehrt.
  • ―Garten ist Syntax.
  • ―Was ist Syntax? Ein Not-Wender. Wo die Not an größten –… Kein Wort zählt, wo nur das Wort zählt. Diese Riesenkaktee, Teil der Landschaft, in der ihresgleichen wächst: Ist sie das? Ihresgleichen? Wodurch? Das Fleisch ist Wort geworden und bezieht sich auf seinesgleichen. Fremdkörper in der Landschaft, terrestrisches Element, das nach Zusammenhang giert.
  • ―Ich finde die Anlage grandios. Ich meine das Ensemble, das Ganze, so detailreich, so … gelungen. Ja, gelungen. Doch doch, ich meine das so. Es hat mich überzeugt.
  • ―Zu glauben, am Ende der Zeile ließe die Not sich wenden.
  • ―Irrglaube. Na sicher. Wissen wir doch. Der Wahn eines Irrenden, dessen Gang sich beruhigt, solange der Blick ihm vorausläuft und seine Spur im Gelände findet, den gebahnten Weg.

Atlantiden
9
Irritation

Bildung ist Unbildung plus Bildung.
Das Herz der Bildung verharrt in Unbildung.
Unbildung, die sich auflädt wie die Hexe im Märchen und ruft:
Lauf!

 

Obenauf sein. Die magische Verzerrung.

Atlantiden
10
Kultur

Landschaft als Waage: ein Bild der Gerechtigkeit.

Ergehe sie: hin und her, her und hin.

Das Pendel neu erfinden: Wie aufregend! Kehr um! Rasch, bevor sie sich endgültig neigt (und kippt). Nicht zu rasch, nein, das engt ein und verödet die Pfade.

Einer läuft mit. Er lässt dich den Gang vergessen. Wie angenehm. Es läuft gut. Läuft’s nicht gut? Eine Zeitlang läuft’s gut. Das nennt man: die Zeit vergessen. Nehmen Sie diese Aussicht, nehmen Sie jene. Treten Sie vor, es macht mir nichts aus zurückzubleiben. Wahrlich, ich habe genug gesehen.

Vergessene Zeit wiegt doppelt. Da, da liegt der Brocken.
Dahinter, gleich dahinter beginnt der Abfall.
Also retour.

Diese Person ist mir unangenehm.

Gerade wusst’ ich’s noch nicht, jetzt weiß ich’s. Sie versetzt mich in Unruhe. Sie treibt meinen Schweiß. Ich kalkuliere den Weg, die Zahl der Schritte, das Unausweichliche. Ich kalkuliere und komme zu keinem Ende. Ich kann das Ende nicht finden. Mein Argwohn: es triebe mich nur weiter hinein. Sie ist mein Käfig, ich möchte heraus. In diesem Gehege ist mir nichts teuer. Die Druse, geheimnisvoll glimmend, ein Versäumnis. Das Becken, von Papyrus umsäumt, Oase des Grauens. Lachhaft der Einfall, sich gerade hier niederzulassen, die Füße ins Wasser zu strecken und in trautem Gespräch konstruktive Gedanken zu pflegen.

Ich hat nur einen Gedanken und den hält es zurück.

Strahl.

Atlantiden
11
Lebenssaft

Bewundere die Kälte, die feuchte Kälte der Nacht, die morgens zurückbleibt, sobald du dich erhebst und die erste Mauer passierst: ein paar Treppenstufen und du bist diese Landschaft, du selbst bist sie, von allen Seiten blickt sie in dich hinein, du weißt nicht, was sie da findet, denn du bist blind, selbstblind, hingegeben, ein rollender Stein, der erschrocken liegenbleibt. Der schmale begangene Grat ist nicht der deine, er nimmt dich weg, du bist nicht gefragt. Dieser Morgen, er ist zu stark für dich. Seine Gabe an dich: das Abseits. Sei, der du bist, abseits von allem. Es tritt zurück, dein Landschafts-Bild, aber es gibt dich nicht frei, es drängt dich, törichte Wege zu gehen, dahin und dorthin, ›denn bleiben ist nirgends‹. Bleib doch. Sei, der du bist, inmitten von allem. Aber inmitten von allem bist du abgeschnitten von allem. Es sind die Ränder, die du ergehen willst. Es ist dir wichtig, früher auf den Beinen zu sein als die anderen. Und schon strebst du den gemeinsamen Orten zu. Der Impuls ist verdeckt, er geht Umwege, er täuscht dich, du täuschst dich, du täuschst ihn über deine Folgsamkeit, du folgst ihm ohne zu folgen, du überlässt dich dem Garten, der dich den Orten zuträgt, zu nichts anderem wurde er angelegt, kein Schritt soll verloren sein, das Abseits selbst … es hält sich abseits, aber es wendet sich, es wendet sich in sich selbst, es kann dich nicht halten und du bist da.

Atlantiden
12
Mergentheimer

Angenommen, dieses Ich wäre leer, eine leere Stelle, nicht wegzukriegen, mit Signifikanten behängt, weil es schamlos wäre, Leere mit Leere zu vergelten: Wer wäre dann er?

Das Wesen, das aus jeder Pore quillt.

Ein Mensch, fremd durch Vertrautheit, fremd durch Vertraulichkeit, fremd durch Nähe ohne Distanz, dein Gespräch mit der Landschaft, als ob sie spräche: Will sie das?

Nein, sie will es nicht. Der Garten spricht mit ihr, er spricht an deiner Stelle, er spricht ohne Unterlass, sobald er verstummt, verschwindet die Differenz.

Mergentheimer, das ist die Rede von dem, was ansteht: Es gibt viel zu tun. Mergentheimer, das ist der Schweiß, den es kostet, die Differenz zu erhalten. Auf dieser Basis versteht ihr euch, das ist wichtig. Nicht zu wichtig, denn du gehst, er bleibt, er arbeitet, du genießt, du arbeitest, er genießt, sein Genuss bleibt dir fremd, dein Genusswille erhält ihm den Arbeitsplatz.

Atlantiden
13
Notwehr

Au pair, junge Aushilfsdame, die Griffe ungelenk, aber unendlich willig, mit dieser Zaghaftigkeit, die keinen Fehler begehen will und dadurch bewirkt, dass der Gast ihr mit Freuden die Arbeit abnimmt, ein Geben und Nehmen unter dem prüfenden Blick der Verwalterin. Ausgesetzt von behutsamer Hand in den Park der Bedürfnisse, aus denen hin und wieder ein Strahl des Begehrens zuckt. Darf ich –? Aber gern. Nur zu. Bedienen Sie sich. Nein, warten Sie, hier. Wenn Sie möchten, kann ich… Der Rest kommt später. Nein, ich bin neu hier, aber ich fühle mich sehr sehr wohl. Doch, ich fühle mich sicher. Man umsorgt mich sehr. Und die Gäste sind … Brot und Zucker? Dort drüben… Nein, hier. Auf dem Teide, sagten Sie? Davon merkt man nichts. Ja, ich habe davon gehört. Ich hatte noch keine Zeit, hinaufzu-… Heute nachmittag, glaube ich, wenn Sie alle unterwegs sind. Ein wenig aufregend ist das schon, klar, ist ja noch neu. Merkt man das? Ich muss jetzt…

Atlantiden
14
Oktopus I

Weiß sie es? Weiß sie es nicht? Sie weiß es. Die Augen, müde, verraten es: Sie weiß alles. Die Herrin des Blütenmeers, übermüdet, führt ihre Gäste vor, Wem? Sich? Ihnen selbst? Sie führt sie vor, das ist der Fakt. Selten haben sie sich so unwohl gefühlt.

Atlantiden
15
Oktopus II

Der Schöpfer, gewiss. Abwesend weilt er im Paradies. Was geschieht, geschieht. Lauscht man der Herrin, geschieht, was geschieht, in seinem Namen, unter seiner fernen, doch darum nicht weniger strengen Aufsicht. So stark, so direkt? Genau so. Das verwirrt die Sprecher, gewohnt, den Namen nicht zu erwähnen, es sei denn zu Studienzwecken. Die Worte, die sie spricht, die Brauen, die sie bewegt, die Gedanken, die echte Emotion, die aus ihr, inszeniert und vehement, hervorbricht, sie bezeugen: all das ist Nachlass. Und jene sehen: eine nachgelassene Frau im nachgelassenen Park eines toten Gottes, auferstanden im Weibe, umringt von Monumenten einer verjährten, zur Botschaft geronnenen Idee, dozierend am Fuße der goldenen Treppe ins Nirgendwo. »So war es gedacht, so ist es geworden, soviel kostet es mich, es zu erhalten und fortzuführen, so lebt es sich hier, so soll es sein.«

Atlantiden
16
Panik

Aber gewiss, wispern die versammelten Geister. Sie suchen das Vakuum und finden es besetzt. Sie suchen den Ausgang und finden ihn verriegelt. Sie suchen ihr Vakuum und ein anderes tut sich auf. Wie kann das sein? Ein forderndes Erbe –?

Verfehlte Trauerarbeit, das wird es sein.

  • ―Haben Sie jemals professionelle Hilfe in Anspruch genommen?
  • ―Wie meinen Sie das?
  • ―Nun, Ihr Mann ist tot… Wie lange ist das schon her…?
  • ―Sie meinen, ich gehöre zu den Frauen, die zuviel trauern?
  • ―Nun, das müssen Sie selbst…
  • ―Sie sind meine Gäste. Wollen Sie mich beleidigen?
  • ―Das liegt uns fern. Aber wenn eine von uns…
  • ―Bitte beenden Sie das Gespräch. Sofort. Ich bitte mich zu entschuldigen. Es bleibt viel zu tun.

Und hinaus.

Sie alle sind Diener. Auch ihr Gott ist fern, auch er bleibt den Blicken entzogen, auch er ist Nachlass, auch sie bewegen sich in abgesteckten Bezirken, aber nicht so. Inside the ambitious god: ein Turngerüst für Übungsaufgaben mit Freikletterbereich für die Geschickteren.

Ein jeder verrichte sein Werk.

Zu wissen, dass einen die Arbeit erwartet: dunkle Sicherheit, nicht herauszufallen.

Atlantiden
17
Partialdemenz

Kaktus I dämmert am Fuße der goldenen Treppe, Morgentau liegt auf den Stufen des Ruhms, wahlweise Stufen der Weisheit genannt, Kaktus II empfängt den Helden, der sie emporklimmt und nun alles weiß, so dass ihm nichts anderes übrigbleibt, als wieder hinunterzusteigen. Ein dummes Gefühl, eine Taubheit des Herzens bemächtigt sich seiner, hinter den Hacken die Sprüche, die ihm, flüchtig erinnert, jetzt abgeschmackt vorkommen, als sei diese Leiter eine Parabel, nach oben offen, aber als niemals zu realisierender böser Witz. Er bleibt stehen und sieht: gleich nebenan, hoch über dem Land, drei aus Lavagestein gemauerte Schlote. Sie zwingen den Blick empor, er weiß nicht, was ihn dort oben erwartet, es ist aber Kunst. Kunst vor Kulisse. Vor dem Meer ist jede Kunst filigran. Nicht perfekt sein, sei nicht perfekt. Das Imperfekte ist das Perfekte. Aus dem Vergangenen geht der Stoß in die Zukunft. Tritt beiseite, dann darfst du bewundern. Ein größerer Geist als deiner führt die Regie. Er bewegt Steine und dich bewegen Zweifel. Da liegt der Unterschied. Gern würdest du ihn vergessen und dich im Freien ergehen.

Im Zweifel für die Freiheit!

Atlantiden
18
Quarantäne

Am Ende des Gangs liegt der Glasperlen-Vorhang. Tritt hinein und dich umgibt ein schimmernder Wasserfall. Du darfst dich setzen. Da ist auch ein Tisch mit Würfeln. Erkennst du das Spiel? Niemand spielt es, es ist eine An-Spielung. Du schielst auf den Tisch, unsichtbare Hände bewegen den Würfel, du denkst an die hilfreichen Hände, die ihn täglich polieren und wieder zurücklegen. Sie sind die wahren Hände im Spiel, unsichtbar wie die anderen, in anderen Spielen zuhause, klappernd in einem Traum, der nicht der ihre ist, aber ein Auskommen bietet. Kommst du ihm aus? Der Wunsch, den Vorhang zu zerteilen und zu verschwinden, ist übermächtig, der Traum auch. Zerstreut nimmst du den Würfel und legst ihn erschreckt zurück. Es ist der Würfel Rühr-mich-nicht-an, sein Wesen Gekreisch. Du hörst die nahen Stimmen der anderen und fühlst dich sicher. Sicher wovor? Hierher kommt keiner. Was lässt dich so sicher sein? Dieser Ort ist ein Einfall. Wer verspürt den Wunsch, sich in einen Einfall zu setzen? Du stellst dir vor, du kennst die Person, die ihn einst hatte. Nicht der Einfall, die Ausführung stört dich, der ungebrochene Wille, der keinen Aufwand scheut. Aufwand wofür? Nein, sicher bist du hier nicht. Der Zufallswille hat auch dich aufgespießt und hierhergesetzt: Es funktioniert! Käme die Herrin des Geheges vorbei, sie striche den Vorhang beiseite und lächelte freundlich: »Das ist wunderbar! So war es gedacht.«

Atlantiden
19
Reichtum

Verborgener Schlüssel, der überall schließt. Wirklich ist das Geschaffene, unter dem das Größere, Ungeschaffene unruhige Nächte bereitet. Auf Vernissagen träumte Atlantis, die Zweimalgeborene, zweimal untergegangene, den Traum ihrer Wiederkehr. An den Wänden des Dokumentationszentrum träumt sie sich fort. Ein sich selbst träumender Traum? Traum ohne Träumer? Viele Träumer hatten ihn schon, die meisten wurden vergessen, auch dieser hier wird vergessen werden, gleich im Hinausgehen. Er wurde schon oft vergessen. Atlantis vergisst seine Träumer. Umso freundlicher kann es zu seinen Neulingen sein. »Gründe deine Stadt, die Stadt der Träume, die erträumte Stadt, die Stadt auf dem Hügel. Nur wertvolle Menschen sollen sie bewohnen. Jeder Mensch ist wertvoll, ganz recht, aber diese hier sollen sein wie pures Gold: fruchtbar mit jedem Atemzug, kreativ bis in die Fingerspitzen, ein Volk von Malern, Musikern, Filmemachern und Bücherschreibern, von Schauspielern, Clowns und Komödianten. Selbst die Füße der Erlesenen, leicht den Boden berührend, werden sich regen, als seien sie Gäste auf ewig und geistvoll in jeder Hinsicht. Eine Welt aus Geist – hier sei Speise und Trank, ein Kissen zur Nacht und klares Wasser am Morgen, unter Bögen und Kuppeln, oben die Sterne und unten das Meer.«

So träumt das Geld und klatscht in die Hände. Und es erscheinen die Abgreifer, die Antimoralisten, die Gierigen, die Illusionisten, die Klammen, die Klammernden, die Klettersüchtigen, die Klitorisgläubigen, die Klugscheißer, die Plänemacher, die Schatztaucher, die Schwätzer, die Trägen, die Trickser, die Utopisten, die Zeichenleser, die Zweitgesichtler, sie erbitten sich einen kleinen Vorschuss, nur diesen, sehr schön sei dieses Projekt und sie kämen wieder, wenn es erst soweit sei. Das Geld aber träumt weiter und wünscht, dass es mehr sei, denn es kommt, wie das Wünschen selbst, an kein Ende. Und es will sie doch alle befriedigen, die ungemessenen Wünsche.

Atlantiden
20
Seraphim

»Du wirst es nicht glauben«, schrieb der wenig gelesene arabische Autor Ibn Uraq an einen verlorenen Adressaten, »an dieser Stelle endet das Mitwissen und es beginnt das Hören auf eine Stimme, die spricht, als sei sie befugt, Dinge auf eine Weise zu sagen, die keinen Widerspruch duldet.«

Das Hören auf diese Stimme fällt schwer. Es ist kaum erklärbaren atmosphärischen Störungen ausgeliefert. Auch scheint das Gehör sich gegen den Dauereinsatz zu sträuben. Die unbefugte Frage »Was hat er gesagt?« begleitet den ruhigen Fluss der gesprochenen Sätze, als sei sie ihr Ungesagtes.

  • ―Wann werden wir diesen wunderbaren Vortrag zu lesen bekommen?
  • ―Es ist nur eine Kompilation aus Aufsätzen, die ich vor langer Zeit publizierte.
  • ―Aber es wäre schön, sie in dieser Form nachlesen zu können. Es ist doch immer etwas Neues dabei.

Das wäre schön.

Wenn die Schönheit den Raum verlässt, hinterlegt sie den Schlüssel beim Pförtner. Die Hitze, ein Tiger, umstreicht das Tor zur verweigerten Weisheit, bewacht von Nashorn, Schakal, Elefant, Kamel, Schildkröte, Schlange, Fisch, Kaktus, und beschirmt den Verfall.

Atlantiden
21
Tollhaus

Im Raum der Täuschungen steht die Erinnerung kopf.

»Betrachte mich wohl, ich bin, was du sahst und schon im Sehen vergaßest. Hier hänge ich gerahmt und blicke dich an. Ich wäre dir gestern begegnet, hinge ich nicht hier, seit mich deine Vor-Gängerin fand. Du kennst sie nicht? Das ist nicht wichtig. Du wusstest nicht, dass sie hier vor dir lang ging? Jetzt weiß du es.

Nein, ich bin nicht bloß Stein, wie du vielleicht denkst. Ich bin Geformtes. Wind und Wellen haben mir zugesetzt. Ich bin ihr Produkt. Ich bin Ausdruck. Ein Fuß, nackt, hat mich berührt, eine Hand, dunkel, kam auf mich zu. Ich wurde erlesen, das muss es sein. Eigentlich bin ich Auswurf. Durch mich redet der Planet, durch mich redet das Sonnensystem, die Milchstraße, das ganze Universum, was noch?

Weiß nicht.

Das ist alles so lange her. Ich verlange ein Forscherteam. Erkennst du mich, so erkenne ich dich. Starrst du mich an, so starre ich zurück. Wie du mir, so ich dir. Nimmst du mir übel, dass mein Anblick dir deine Zeit stiehlt, so nehme ich dir übel, dass du dich über mein Dasein erhebst. Gehst du gleichgültig an mir vorbei, so wisse: deine Borniertheit steht hier verzeichnet.

Verlässt du diesen Raum, so nimm als Botschaft mit: Alles ist wichtig. Nur das zählt. Du wirst mich vergessen, aber nicht, dass du mich gesehen hast. Du wirst mich ergrübeln wollen und es wird dir nicht gelingen. Höflichkeit hat dich hergeführt, Gesittung lässt dich verweilen, Ratlosigkeit wird dich begleiten bis ans Ende deiner Tage.«

So sprach der Stein.

Atlantiden
22
Unterholz

Als die Kultur auf die Insel kam, stolperte sie und trat aus Versehen auf einen Ast. Sie malte ihn blau an und ernannte ihn zu einem Symbol. Da liegt er, ein fauler Zeiger, ein »Psst!« in der Landschaft, die seither verwundert schweigt. Wie hätte sie wissen sollen, dass es nichts zu sagen gibt? Solche Dinge müssen erfunden werden. Die Besucher kommen und gehen, alle müssen sie hier vorbei. Blau, warum nicht, denkt es in ihnen, es denkt nicht wirklich, es rührt sich nur schwach, denn sie müssen weiter, geführt oder ungeführt.

Atlantiden
23
Verwechslungsgefahr

»Man soll mich nicht verwechseln!« So reden sie alle, am besten mit einem »Wisse!« vorneweg, dabei wechseln sie munter Position und Ausdruck. Ohne Verwechslungsgefahr wäre das Leben fad, es ginge in einem Sturz zu Tal oder in die Höhe. Verwechslung ist das Salz des Lebens. »Was ich meinte, war…« Ganz recht, es war, ich bin, ich artikuliere den Unterschied und lege ihn dir zur Last. Einer des anderen Last: gerade darin liegt die Verwechslung. »Verwechselt euch!« Mit dieser Aufforderung begänne ein anderer Tag. Verwechselt wird immer der Andere, damit er es bleibt. »Ich dachte, Sie dächten so…« Ganz recht, du wirst morgen so denken wie gestern, gleichgültig, was hier gesprochen wurde, das Gesprochene murmelt, ein künstlicher Bach, neben euch her, eure Pausen sind seine Chance, stärker zu rauschen.

Atlantiden
24
Wegsein

Sie sind schon weg. Ihre Körper wandeln umher und haben Bedürfnisse. Aber sie sind schon weg.
Ihre Reden tragen den Schimmer vollzogener Abschiede, auf die niemand zurückkommen wird.
Sie zelebrieren, was zählt: Intaktsein.

Atlantiden
25
Xenos

Der Fremde geht, das Fremde bleibt. Die bestürzende Einsicht lässt die Wege einsam erscheinen, die aufgehende, beschirmende, niedergehende Sonne wird zum Begleiter der Melancholie. »So früh auf heute morgen?« »Ich suchte etwas, aber ich konnte es nicht finden.« »Was wars denn?« »Ach, nichts, das jetzt wichtig wäre.« Das Wort ›jetzt‹ verrät den Stand der Dinge. Es kratzt am Bedürfnis festzuhalten, was verging, ohne verschwunden zu sein. »Sie hier?« könnte jeder zum Frühstück fragen, »ich wähnte Sie weit.« »Ach ja?« wäre die Antwort, »der Flug ist gebucht, sonst hielte mich nichts. Eigentlich wäre jetzt Zeit, die Wunder des Ortes zu genießen. Vielleicht das nächste Mal. Kommende Woche habe ich eine Tagung in Montreal. Wohin gehen Sie?« Der stumme Vorbeimarsch der Steine verweigert die letzte Schlacht. Noch sind die Wege gesäumt, das Wachmal Zum kosmischen Aufbruch gleich neben dem Eingang streckt seine rostigen Windmühlenarme einem extragalaktischen Don Quijote entgegen, der, nie gesichtet, die Herzen erfüllt: mit Erwartung und Scham.

Atlantiden
26
Ygdrasil

Im Innern des Baumes, den du nicht siehst, eine Kammer. Du hörst das Gesprochene, du schmeckst das Gegessene, du sitzt auf hartem Holz. Einer fehlt. Einer fehlt immer, nicht, weil er sich verspätet, sondern weil er es für gut befindet, sich dem Zwang zu entziehen, der vom Gutsein ausgeht. »Bin ich nicht gut?« spricht das Kleid zur Rechten und bewundert das Kleid zu seiner Rechten. Et vice versa. Rechts davon, also dir gegenüber, die Leerstelle, Ort der Erwartung. Weiter wandert der Blick: Cave canem! Aufgetragen das Haupt des Täufers, Lukull genannt, man hat ihm die Zunge entfernt, den einstigen Leckerbissen, aus Pietät. Willkommen im Hause Lilliput. Käme ein Vogel vorbei und pickte dich weg, sie säßen eine Spur befreiter auf ihren Brettern und sprächen vom letzten Jahr.

Atlantiden
27
Zeitsprung

»Hat er hier nicht recht, der Brecht?«

Die Frage, schwer von der Hand zu weisen, schlüssig bis ins letzte Satz-Glied, bewegt den Vopo am Straßenrand, in fremdem Bücherwerk blätternd. Vopo? Von welchem Abschnitt der Menschheitsgeschichte ist hier die Rede? Wie ging sie aus? An wen ging sie? Geht sie weiter? An wen geht sie? Woran geht sie vorbei? Worum geht es dabei? Wovon wird einem schlecht, wenn es einem gut geht?

Nein, hier hat er nicht recht, der Brecht.

Not in my back yard.

Aber das weiß alle Welt.

Who’s that guy?

Dichter M* besucht die P**
und verbirgt seine Enttäuschung***
in der Westentasche****
* Müller, kein Zusatz
** Pyramide, Paradieshölle, Parasitenkapsel, Pionierwerkstatt, Protzhalle etc.
*** Ent-Täuschung, Erkenntnis, Einsicht
**** Westen = Klassenfeind; Tasche = Korruption, Zersetzung

 

 

WENN DIE ZEITEN SICH ÄNDERN, TRAGEN
DIE DICHTER TRAUER. EIN DURABLES GESCHÄFTSMODELL
IM NIE ENDENDEN SPIEL UM DIE MACHT

Dichter M
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

liest im Hauptsaal der Pyramide

 « 
 » 

 

Das Ufo, das der sehend blinde Raum
mir vor die Füße spuckt, als hätt den Rotz
er länger nicht zu halten sich vermocht
enthält jetzt mich, den sonst nichts halten kann.
Dies bleiche Ding und ich sind heute eins.
Ich kenn mich aus. Ich kenn mich aus. Die Phrase würd
ich jedem in die Gurgel dreschen, der
mich aufzuhalten wagte, jetzt, im Gang.
Ich würd, im Dunkeln selbst, zwischen zwei
Schneidbrennern hindurch das Ziel verfolgen,
als sei’s ein Köter, der mich narrt.
Man hat sie bis ins Kleinste mir beschrieben
und bis in die intimste Innerei
liegt sie jetzt frei. Wenn nie zuvor
an einem solchen Ort ich stand,
dann steh ich jetzt, hier stehend, so,
wie ich schon immer stand, als stünd
mir alles noch bevor, bis in den Schwanz.
Hier bin ich: Herr.
Wem’s passt, dem bin ich’s gleich. Wem nicht
dem lass ich Zeit, denn ich komm wieder.
Der Herr des Hauses: Das bin ich. Die Kraft
die mich durchschlägt, als schlüge sie eins tot,
stammt nicht aus mir. Woher sie stammt?
Das weiß, wer’s wissen will, wer nicht
der weiß schon mehr und braucht es nicht zu wissen.
Wenn ich jetzt sag: Der Sozialismus
ist pleite, lächeln sie
in sich hinein, als wüssten sie
was das bedeutet. Darin gleichen sie
ganz ihren Vettern von der Spree.
Sie wissen nichts, sie denken ökonomisch.
Ich bin die Pleite und sie stellt mich frei.
So freigestellt, bin ich der Feind,
den sie nicht fürchten können, weil
er ihnen nichts sagt, nur was nötig wäre
und was es kostet. Das verstehen sie.
Ich bin hier, um zu reden.
Daher werde ich reden.
Ich bin hier, um zu schweigen.
Daher werde ich schweigen.
Ich bin hier, um den Offenbarungseid abzulegen.
Sie werden mir gerührt zuhören
sie werden Beifall klatschen, sich in der Pflicht fühlen
die Signatur des Untergangs bewundern.
Das Geheimnis des Überlegenen ist: Überlegenheit.
Genosse Schreiber schreiben Sie das auf.

Das ist von mir.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

strotzt vor Allmacht und trifft das Rechte

 « 
 » 

 

Sei das Messer, das den Laib durchschneidet
nicht der Fresser, der an Durchfall leidet
Sei der Laib / zerbrich das Messer
Sei Schnitt / sei Bruch / sei zerbrochen
Der Dichter, Gottes Chamäleon, ist als Chamäleon Gott
Das ist leicht gesagt, aber schwer ausgeführt
Gott ist eine Schimäre
Der Dichter ist eine Schimäre
Das Land ist eine Schimäre
Dieses Land ist eine Schimäre
Vom Menschheitsfluch durchschnitten, an den Rändern blutig
Mit einem Kranz von Speichel um die Schläfen
Reiß ihm die Zunge aus: Das dankt dir stumm
Zerschlag die Beine ihm: Nichts geht mehr
Zertrümmre ihm das Jochbein: Den Gestank der Sippschaft
wird es nicht los.

So sieht es aus.

Schreiben Sie das, Genosse.
Rechnen wir mit dem bürgerlichen Publikum
solang es mit uns rechnet
Hat es sich ausgerechnet
wohin die Reise geht, erübrigt sich der Rest
Hier, schreiben Sie
So vieles wäre auszuprobieren
durchzuprobieren
um eine Ahnung, die Spur einer Ahnung
nur zu erhalten, womit man ankäme
wie man ankäme
wie man durchkäme

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

bringt einen leeren Saal zum Tosen

 « 
 » 

 

Lasst fahrn was gestern
Sicherheit hieß heut
heißt die Parole: ohne Sicherheit
leben, denn Leben und Sicherheit
sind geschieden für eine Weltsekunde,
die nicht vorbeigehen will, tickend
in jedermanns Brüsten.
Was heute not tut damit einer
wie ich ein Leben führt wie jeder
Einer und Jeder, Sie versteh’n den Witz
nimmt Maß und Nicht-Maß, Sie versteh’n mich weiter
an dem was nötig ist damit die Le’hm
der andern, Sie versteh’n mich immer noch
damit die Leben aller anderen
sich endlich gleichen können wie ein Ei
dem andern Ei.
Ein Ei dem andern. Darauf steh ich
und läuft der Dotter mir zu Füßen weg.
Doch doch, so läuft das
Subjektiv gilt das in gleichem Maße wie es objektiv gilt
Vielleicht sogar mehr.
Kann mir einer folgen?
Ich bitte darum, mir nicht zu folgen
Verstehen Sie mich nicht falsch
Verstehen Sie was falsch läuft
Verstehen Sie die Fälschung

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

hält einen Moment inne um nachzudenken

 « 
 » 

 

Hätt ich ein Messer, tät ich ihm
den Reifen melken, bis kein Tropfen Bluts
den Apparat beseelte, der uns schändet.
Wer mich einsperrt, den sperr ich aus.
Doch hat, wie man mir glaubhaft zugesichert
Gefahr niemals bestanden, die uns nicht
geschirmt hätt auch

Ist das von mir?

Anders gefragt: Ist das von mir?
Und anders diesmal: Ist das von mir?
Kann, was von mir, mich fremd
anstarrn, als sei’s erbrochen, fremde Kost?
Als sei’s, verjagt, mir auf den Schoß gekrochen?
Als sei’s erbettelt, kurz vorm Steinerweichen?
Als habe Leichengift sich selbst entleibt?
Hier bricht die Sprache aus, das bleiche Vieh
unwissend, wo es hinstürzt,
und wie zurück, denn: Dorthin
Oh mein Geliebter! muss das Huhn
das goldne Eier legt, noch vor
dem Frühstück

Das Dilemma ist das Dilemma
Keiner ist da es zu beseitigen
Keiner da es zu erklären
Keiner rechnet vor was es kostet
es zu beseitigen oder zu erklärn
oder die Beseitigung zu erklärn
oder die Erklärung zu beseitigen

Dabei weiß alle Welt ––

Was will die Welt schon wissen, was ihr nicht
ins Fleisch gebrannt, ins Hirn getreten, ins
Gedärm gestoßen wurd, was hat die Welt
seit sie aufbrach, dem Wissen abgehandelt
das ihr das Wasser abgräbt, das die Luft
verknappt, das Licht enterbt, aus
Staub den Fraß formt, den
sie schlucken soll?

Unwissend schreitet die Plebs
auf Wogen der Empörung
sie kann das Wasser nicht,
sie will den Wanst nicht halten
unwillig schreit sie im Licht
der Erkenntnis
egal welcher ––

Pause

Ein bourgeoises Schwein bleibt ein bourgeoises Schwein
Ein proletarisches Schwein bleibt ein proletarisches Schwein –
den Schimpf auf Schimpf getürmt, und Hass auf Hass
bleibt Schwein, was frisst und sich Gedanken macht
was frisst gedankenlos sich durch bis Delos
Wüsst ich, vor Troja, nicht, was mich berennt
Was mir zu schlachten Menelaus befahl?
Blieb Schwein nicht Schwein, was blieb
vom Aufbau den der Abriss schirmt
mit hohler Birne, blieb
vom Massenwahn
Mastabbruch wird mit Freiheitsentzug nicht unter zwölf
Jahren geahndet das interessiert
keine Sau warum zwölf?
Das les, als Frage, wer im Knast
die Dreizehn vollmacht statt die eigne Hose

Quotensau Dichter
lieber lass ich mich Schreiber nennen
Nennt mich so
ganz ohne Zusatz
rein wie der Jüngste Tag

Korrektur

Wenn Hochmut heiß auf Hochmut folgt, so wisst:
Das Fell, das euch juckt, müsste noch gefunden
doch darf gewalkt es werden, prophylaktisch

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

wählt seine Worte mit Vorbedacht

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Nichts fasziniert den Menschen der Freiheit so wie die Diktatur
Nichts fasziniert die Menschen der Diktatur so wie die Freiheit
Die Diktatur ist die Sehnsucht nach der Freiheit, also schön
Der Mensch der Freiheit liebt das Schöne, also die Diktatur.
Er kann sie sich nur nicht vorstellen

An dieser Klippe werdet ihr scheitern
Wer seid ihr anzunehmen
die Aufmerksamkeit auf das, was zu sagen
ihr euch im feigen Herzen erkühnt
hielte ewig?

Baut nicht auf Ewigkeiten: Ewig steht
der Bau

 

... An jenem Tag sähn
alle blass aus, hüben und drüben
aber Hand aufs Herz, Freunde: wir
hätten die vollen Terminkalender und ihr
das Nachsehen

Man hält die Organe der Diktatur für mächtiger
sie verbreiten mehr Furcht, also sind sie allgegenwärtig
Allgegenwärtig ist die Furcht

Chiua-Pe zum Beispiel
die Geliebte
ein Gefäß der Furcht: schmächtig, zerbrechlich
eine Actrice ohne Fehl
aber steigerungsfähig, lässt überall
den Weltstoff durchschimmern
das kostbare Nass
das alle einseift

Sobald die Umstände es nahelegen, verwandelt sie sich in ein Triebknäuel, das aus jedem Verkehr, elastisch bis zur Prägnanz, hervorkriecht, als sei nichts geschehen

Gelobt sei die Furcht, die alle einseift

Der ehernen Letter M zum Beispiel sieht kaum einer an, dass sie nach unten klammert
mit einem oben offenen Mund
der saugt und saugt

 
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

erntet Applaus und erfüllt die Bitte des Publikums um eine Zugabe

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DIE LOGIK DER BEGEGNUNGEN
IST MIT UNSICHERHEITEN BELASTET

 

Die Spitzen zweier Systeme, wie sie unterschiedlicher nicht sein können
gehen aufeinander zu und durchbohren einander im Halbdunkel
Kunst / Politik: die alte Paarung

keep secret!

 

Wenn der proletarische Schriftsteller M sich am Rande einer akademischen Veranstaltung mit dem bürgerlichen Politiker S verabredet dann ist das einerseits geheim
andererseits ein allseits bekannter Umstand. Es dient
dem Beweis dass M ein Leben wie jeder andere führt.
Oder: dass M kein Leben wie jeder andere führt.
Oder: dass einer wie er es sich leisten kann über
die Stränge zu schlagen gesetzt es dient dem Beweis

keep secret!

 

Dichter M, nicht das erste Mal im Westen, beseelt ein Maskengefühl:
Was, wenn die Genossin Maskenbildnerin jetzt eingreifen könnte
… hier … oder da … oder so … oder so … in ihrer gelenkigen
Art die allzeit zur Stelle ist wenn ein Gedanke
den Mimen durchzuckt: so könnte es gehen

keep secret!

 

Politiker S, ein antibürgerlicher Rebell, kein Spross des Bürgertums, stattdessen
einer dem es bereitwillig Platz macht weil es das Interesse gebietet
Die Kinder des Bürgertums nutzen die Zeit die dem Dränger abgeht
Seine Seele spricht und sie spricht laut. Ankommen will sie
wo jene denen das Bett längst bereitet wurde
anzukommen sich fürchten

keep secret!

 

M der das Spiel durchschaut
ein durchgestrichener Bürger
vollgesogen bis in den Hals mit
dem Vokabular der Entlarvung
gibt den entlarvten Entlarver

keep secret!

 

Romulus Remus
an den Zitzen der Wölfin
hängend in scharfem Trab
Reden ist nicht Schweigen befindet M
Also schweigt er während sie miteinander reden
Hofft der andere möge reden solange das Schweigen dauert

keep secret!

 

 

S/M: GEDANKENMÄNNER IN MÄNNERGEDANKEN

 
S

Blass sieht er aus, der M.
Die West-Paparazzi haben ihn wund geschossen.
Es ist alles aus ihm heraus­gelaufen, was Farbe hatte.
Sieht so die Farbe aus, die übrigbleibt, wenn die Illusionen zerstoben sind?

Übrig bleibt immer.

Er ist schön.
Ich würde ihn gern in Kleidern sehen.
Aber ich will nicht, dass er sich vorkommt, als stünde er auf der Bühne.
Man soll diese Differenzen nicht verwischen, das mindert die Lust des Augenblicks und gibt einen schalen Geschmack auf die Zukunft.

Jede Gelegenheit kennt ihre Art von Verstellung.
Man soll ihr die Arbeit nicht abnehmen.
Die Logik des Gemüsegartens schlägt die Logik des Marktes.
So sieht es aus.

Angenommen, er entblößte jetzt seinen Arsch und ich
unterhielte mich mit ihm weiter.

Ich liebe den Augenblick des Hervortretens.
Alles, was danach kommt, ist Arbeit.

Du bist ein tüchtiger Arbeiter, nicht der tüchtigste, aber es reicht.
Du willst und kannst die Faulheit der Natur nicht verleugnen.
Sie ist Programm.

Sei kein Schwein, sei ein faules Schwein.
Besser mit dem Arsch als am Arsch vorbei.
Was du mit dem Arsch machen kannst, das soll kein anderes Organ für dich verrichten.

Mein Gott, sind wir wirklich solche Ärsche geworden?
Käme jetzt einer und schriebe unsere Geschichte, wie stünde ich da?
Scheiß auf die Geschichte!
Wenn dir einer sagt, das ist dein Schwanz und dort drüben spaziert der Arsch, in den er gehört, was dann?
Dann verlangt es dich nach einer blockübergreifenden Existenz.
Dann willst du eins sein mit dem auf der anderen Seite.
Koste es, was es wolle.
Das ist ganz natürlich, das wollen wir festhalten.

Diese Blöcke fesseln die Spießer, darin besteht ihre Aufgabe.
Auf beiden Seiten.
Aber die Ost-Spießer sind die schlimmsten.
Ihnen fehlt die Bewegungsfreiheit.
Denen im Westen fehlt der Grips.
Das ist nun wieder eine Gemeinsamkeit.
Darauf lässt sich anstoßen.

Der Genosse Dramatiker hat wahrscheinlich ein Organ
mehr als vorgesehen. Anders ausgedrückt: ein Organ
hat ihn vorgesehen. Darauf gründet sich seine Beweglichkeit.
Ich würde seine Beweglichkeit gern erkunden. Mit allem Drum und Dran.
Andererseits: es ist besser, nicht zuviel zu wissen.
Das hilft beim Abstreiten.

Wir sitzen in einem Boot, also rudern wir.
Eins links, eins links...
Geht doch!

Und wieder von vorn.


M

Dort, wo ich herkomme, geht einer mit der proletarischen Einbildung ins Bett und wacht neben der Volksmacht auf. Ich bin nicht das Volk, ich schreibe über die Macht. Ich schreibe über nichts anderes. Wenn ich mit einer Frau ins Bett gehe, geht das den Schreiber nichts an. Es gibt das Vorher, es gibt das Nachher. Dazwischen, was soll das sein? Was soll das sein? Anders gefragt: was ist das, was mir an den Schwanz geht? Kenne ich es? Muss ich es kennen? Ja, ich glaube schon. Ich vermute es. Mein Überleben hängt dran, also vermute ich es. Aber ich belasse es im Geheimnis. Geheimnisse schreibe ich auf, so wie andere sagen: ›Ich breche sie auf.‹ Sind alle Irrtümer erbrochen, wird es so sein, dass mir nichts mehr einfällt. Das wäre dann das Glück.

keep secret!

 

 

IM HINAUSGEHEN HAT S, GANZ POLITIKER, NOCH EIN PROBLEM.
GENOSSE M KANN ES NICHT LÖSEN.

 

Die Farbe Rot. Wir haben an sie geglaubt.
Jetzt glauben andere
an unserer statt. Daran
muss man sich erst gewöhnen.

 

keep secret!

Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Aus dem Nachlass
des Dichters
M (unveröffentlicht)

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke eins

Was nun, Genosse Bürger? Sage mir, wo dein Schwanz steckt, und ich verpass dir den Rest als Zugabe. Nein, du bist sowas von im Visier, da staunt der Genosse. Wahrscheinlich tut es ihm leid, nicht an deiner Stelle zu sitzen. Nach seinen Maßstäben bist du fertig. Was kümmerts dich? Diese Unbekümmertheit ist tödlich, das muss unsereins lernen. Vom Sieger lernen heißt siegen lernen. Ihr hier habt doch längst gesiegt. Es sagt euch nur keiner. Und das ist gut so.

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke zwei

Das Problem sind nicht wir. Das Problem sind sie selbst. Das Problem ist, dass sie kein Problem mit uns haben. Aber das ist ihr Problem. Sobald ich rede, bediene ich ihren Klatschreflex. Das ist tödlich, aber den Klatsch zu Hause kenne ich schon.

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke drei

Scheiß auf die Prinzipien. Ohne Faust kommst du in diesem Land nicht durch. Am besten ballst du sie in der Tasche. Der da trägt sie im Gesicht, da ist nichts zu machen. Der Anarcho ist ein bisschen zum Boss geboren, er musste erst Blut lecken, wie jeder, der nach oben will. Für den Anarcho ist die vertikale Bewegung das Gegebene. Er erkennt nichts über sich an. Ich könnte ihm den kompletten dialektischen Materialismus herunterbeten und fände mich am Fuße der Pyramide wieder, über mir Pharao in seiner Pracht und völlig unzugänglich. Wenn das Vaterland dich nicht ruft, dann lernst du siegen auf eigene Faust.

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke vier

Jeder trägt so seine Verletzungen. Mehr schlecht als recht. Wir müssen Trauer tragen, damit sie uns trägt.

 

 

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Hintergedanke fünf

Wenn ich jetzt mit einer West-Tusse im Bett läge, dann hieße das, Geschlecht kennt kein System oder so ähnlich. Dabei erkennt es jedes System und beutet es aus bis zur … bis zur Kenntlichkeit. Geschlecht ist System. Das muss ich aufschreiben, das ist von mir.

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke sechs

Man muss gut sein, wenn man sich...
Diese Bühnenwörter sind für das Publikum, nicht für mich. Die ganze Gier ist für das Publikum, nicht für mich. Man soll mich nicht verwechseln. Selbstverständlich soll man mich verwechseln. Darauf beruht das Spiel, und zwar auf beiden Seiten. Wenn ich mich in die Arbeit stürze, will ich nicht unten aufschlagen wie irgendein Idiot. Ich will diesen Job erledigen, bevor man mich erledigt. Das ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Job ist der andere. Hiob, Figur eines Sonderlings. Ein bisschen fett um die Taille, das hebt die Lust.

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke sieben

Wenn ich im Westen bliebe, könnte ich den Osten betrachten, als läge die volle Zukunft noch vor ihm. Das wäre schön, schön schrecklich, entsetzlich langweilig, denn ich bliebe damit ja im Osten und sähe mir von der Westseite zu. Im Osten liegt die Zukunft, die volle Zukunft und nichts als die Zukunft. Diese Zukunft liegt hinter uns. Dort liegt sie gut. Der Osten hat die Zukunft vergeigt. Das ist seine Schuld. Seine große, seine große, seine übergroße Schuld. Vor dieser Schuld soll man nicht weglaufen.

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