DIE SCHAM
Nicht-Ort
1

– Ich erinnere mich, erzählt Guido, dieser Baukran stand in einem Winkel des Hofs, teilweise abgedeckt, angetan mit einem schmutzigen Weiß, das sich auf den übermalten Rostpartien spannte und hier und da zu bröckeln begonnen hatte – wenn ich mit der Hand darüber hinfahre, bleibt Regennässe in meinen Fingern und diese rauhe Empfindung, gefolgt vom plötzlichen Schmerz der unvermittelt aufgerissenen Haut. Die Versuchung der Glätte, des geradezu Glitschigen, gepaart mit der Verletzungsgefahr, die jederzeit gegenwärtig ist, also nicht nur besteht, sondern die sinnliche Empfindung grundiert, scheint mir zu den hauptsächlichen Ingredienzien des kindlichen Lebens, vielleicht des Lebens überhaupt zu gehören.

Nicht-Ort
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Der Baukran ruhte zusammengefaltet in seinem Winkel wie ein riesiges erstarrtes Insekt, das Bild mag abgegriffen wirken, aber es trifft doch das, worauf es mir hier ankommt. In gewisser Weise verleiht das Klettern auf einem solchen Objekt Flügel, man erhebt sich in die Lüfte und lässt die offenen Münder der Spielgefährten unter sich. Man könnte in sie hineinspucken, wenn man sicher wäre, dass man auch treffen würde. So kann es natürlich nicht ausbleiben, dass sich der erste schon aufmacht, um einem nachzukommen. Man reizt ihn mit höhnischen, vielleicht auch nur aufmunternden Worten, dem eigenen Weg zu folgen, man zeigt ihm, wo er sich festhalten kann, welche Richtung er einschlagen muss. Alles Dinge, die er selbst ausknobeln könnte, aber man ist ihm ja vorausgegangen und besitzt einen Vorsprung an Wissen, Schläue, Entscheidungsfreude, dem er sich unterzuordnen hat. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig.

Nicht-Ort
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Währenddessen weiß man aus alter Erfahrung: er ist nicht so behende wie man selbst, vielleicht auch nicht so helle, nein, nicht so helle, gerade darauf beruht ja die unverbrüchliche Freundschaft, die man für ihn empfindet. Diese Freundschaft ist ein starkes Band, besonders jetzt, wo auch die anderen, unten Gebliebenen an ihm zerren. Sie sehen seine Unsicherheit, seine Angst, und verstärken sie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Auch sie höhnen also, raten ihm, wieder herunter zu kommen, scheinheilig oder unter Gelächter, unter listig absichtslosen Reden mutiert der Kran zum Inbegriff des Verbotenen, ein gewaltiges Tabu lastet auf ihm, bereit, jeden in den Abgrund zu schleudern, der sich ihm widersetzt. Man selbst, in komfortabler Stellung oben auf dem Gestänge hockend, begreift nicht ganz, was sich da abspielt, spielend überblickt man die wenigen, leicht zu meisternden Griffe, die den Kletterer von einem selbst trennen, der Sog, der von den Mündern da unten ausgeht, erfasst den Angekommenen, schon zerrinnt alle Leichtigkeit, nein, nicht alle, ein Teil bleibt, ein guter Teil, leichtschwer fühlt sich der Körper, mehr noch die Aufgabe an, die einen erwartet und wächst und wächst.

Nicht-Ort
4

Nein, nicht darum geht es, wieder Boden unter die Füße zu bekommen: nichts leichter als das. Aber dieser angststarrende, an den Rücken des Insekts angeklebte, in alle Richtungen blockierte Körper muss mit in die Tiefe, darum geht es jetzt, um nichts anderes, und so macht sich die Tiefe schwer. Ein Klotz, hängt sie an den Beinen, man muss ihr Widerstand leisten, die schwere Aufgabe erfordert den ganzen Mut, ich könnte schwören, dass ich sie noch heute empfinde, schwerer als damals, denn der Kran ist verschwunden und damit die Möglichkeit, mit der Kraft des Erwachsenen die Situation ein für allemal zu klären. Diesen Kran werde ich nicht mehr los. Ich muss den Boden gewinnen, soviel ist sicher, sicher auch, dass mir gerade das verwehrt bleibt, gerade das.

Nicht-Ort
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  • ―Wie geht die Geschichte aus?
  • ―Wie geht sie aus? Geht sie aus? Ich sehe mich unten, auf dem Boden, inmitten der anderen, die zurückgewichen sind, als hätte ich etwas verbrochen, ich sehe den Freund oben im Gestänge, nur wenig über den eigenen Köpfen, aber unerreichbar eingeschlossen in seine Angst. Er ist Freund wie noch nie und etwas drängt aus ihm heraus, das sich nur durch das Kinderwort ›Feindschaft‹ umschreiben lässt. Er ist in diesen Momenten mein Feind, daran besteht kein Zweifel. Ich muss ihn dort herunterholen und kann es nicht, weder handgreiflich noch mit Worten, er trotzt mir auf jede erdenkliche Weise und jetzt beginnt er zu weinen, still, erbärmlich, unaufhaltsam laufen ihm die Tränen über die Backen und tropfen herunter, man müsste sie auffangen, um das Ganze ungeschehen zu machen.
Nicht-Ort
6
  • Natürlich haben ihn die Erwachsenen heruntergeholt. Man suchte, wie üblich, den Anstifter und fand ihn in mir. Mit solch einfachen Handgriffen bringt man das kindliche Universum wieder in Ordnung. Strafe ist Spannungsabbau, wissen Sie das nicht? Nur der Kran blieb ab sofort tabu – oder soll ich sagen: er wurde es? Ich kann mich nicht erinnern, dass der Winkel, in dem er stand, in unseren Spielen weiterhin eine Rolle spielte. Gerade darin spielte er sie.
Nicht-Ort
7
  • ―In meiner Kindheit, die von seltsamen, nicht zusammenhängenden Orten beherrscht wird, finde ich einen ähnlichen Nicht-Ort. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass die Katastrophe dort niemals stattfand, jedenfalls nicht zu meiner Zeit, sie war in die Zukunft entrückt, in eine unter möglichen Zukünften, das klingt jetzt seltsam, aber so war es wohl. Kinder besitzen die Fähigkeit, in unterschiedliche Zukünfte wie in die Falten eines Kleidungsstücks zu schlüpfen, das nicht für sie bestimmt ist, aber in ihren Spielen dringend gebraucht wird. Wir spielten in Gärten, an die sich Wiesen anschlossen, dahinter floss ein Kanal, ein großer, von Schleppkähnen befahrener Wasserweg, dessen scharf ausgestanzte Ufer mit senkrecht in den Boden gerammten Stahlplatten gesichert waren. Wie weit es dort in die Tiefe ging? Schwer zu sagen. Für uns Kinder jedenfalls ging es tief hinab, viel zu tief, um jemals wieder herauszugelangen. Es war der nasse Tod, der uns von da unten anblickte. Ich kann nicht sagen, dass uns davor graute. Natürlich waren diese Wege strikt verboten. Doch das Verbot, ohne zu seiner Übertretung förmlich anzustiften, verwandelte sich, sobald eine unsichtbare Linie überschritten war, die Landschaft selbst wandelte sich, verwandelte sich in etwas ohne feste Grenzen, man wusste nicht mehr, wo man sich aufhielt, es war gestattet und verboten, verstehen Sie? Man hatte nichts getan und auf einmal stand man an diesem Rand. Ein paar Meter entfernt glitten die Lastkähne vorbei, als sei das alles nicht vorhanden, als fürchteten wir uns vor nichts. Wir fürchteten uns auch nicht – es blickte uns einfach nur an, einfach nur an.

DIE KINDER DES KAPITÄN LECKEBUSCH

Es lebe die Latrine!
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ZEITZONE

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Moderne ist schwierig

Moderne ist schwierig
dann bleib zu Hause
Wo?

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Genese eines Tumors
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SEXUELLER ENGPASS

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E, frei geboren
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Also gut. Alles von vorn
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Sind am Zustandekommen von E auch Männer beteiligt?
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Zusammenlegen, damit eine wie die entsteht
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Ideologisch korrekt ist das nicht
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Wo ist hier?
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WEST MEETS EAST

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Aber jetzt: L, freigelassen Moderne ist schwierig
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Ein Freigekaufter
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Ist irgendwer entronnen?
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Idiotie des Privatlebens
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Ein Fall mit Fußangeln
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er Osten ist rot
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Was ist das: rübermachen?
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Einer ist angekommen
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WISSEN
SCHAFFT

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Eine solche Erfahrung
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physisch/mental
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Katheder als Ausweg
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Nichts ist dem Ich schädlicher als die Überzeugung, der richtige Weg müsse sich auch als solcher erweisen, d.h. die endliche Möglichkeit des Scheiterns zuverlässig ausschließen
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Der ›Akephalos‹, der kopflose Dämon, der als Wiedergänger der Zauberliteratur und der Märchen die Menschen schreckt, erinnert an die Herrschaft des ›Kopfes‹, des Verstandes und der Vernunft, also an das, was den Menschen ausmacht und am Ende an die Natur verrät. In der Scheu, im Zurückscheuen, im scheuen Beiseitesehen und -stehen bekundet sich eine Verschränkung beider Bereiche, die auf die Selbstdeutung der Gattung zurückwirkt. Ein Mensch, der vor einer Tat zurückscheut, ist etwas anderes als ein Tier, das scheut, vielleicht sogar, wenn man die Begriffe genauer untersucht, etwas grundlegend anderes. Aber das Verhalten, in dem seine Scheu zum Ausdruck kommt und an dem es ablesbar wird, unterscheidet sich nicht fundamental von dem des Tieres, es weist eine Ähnlichkeit auf, die bedacht sein will. Ein Mensch, der Scham zeigt, zeigt ein Stück Natur – ›seine‹ Natur wie ›Natur überhaupt‹.

DIXIT LECKEBUSCH

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Thesen-Anschlag oder:
Scham erzeugt Scham

ERSTE THESE

Wer aus äußeren Schrecken kommt, achtet die inneren gering. Er glaubt bereits, sie verstanden zu haben. Da liegt der Fehler. Schon die äußeren Schrecken entspringen dem Wahn. Es gibt kein empfundenes Außen diesseits oder jenseits der fiebrigen Kurve, die wir Bewusstsein nennen: QaS – Quell allen Schmerzes. Vom Wahn heilen: am Angebot erkennt man den Scharlatan.

ZWEITE THESE

Das Totem regiert den Schmerz. Ein ferner Schrecken spiegelt den allzu nahen und lässt ihn objektivierbar erscheinen. Auch erscheint er ja bereits im Ursprung gebändigt, ein Gott in der Maske. Die Maske richtet den Gott: zu, ab, auf, hin und aus. Es sind Regungen des Schmerzes, der niemals nachlässt. Manche Kulturen räumen ihm einen erhöhten Platz ein, andere nicht. Die eine oder andere macht ihn zum Aschenputtel. Als Sargträger gebrauchen ihn alle – als Wesen ohne Identität.

DRITTE THESE

Die Wut dieses Gottes ist unbeschreibbar. Nur das Lächeln der Maske lässt sie erahnen. Wer nach ihr greift, dem verdorre der Arm. Armer Arm! Erbärmliches Los dessen, der sich vergreift: ein Teil des Ganzen zu sein, das sich von ihm abwendet. Aber es ist nur das halbe. Auch er wendet sich ab. Im Vergehen geht er hinaus. Hinausgehend aber ist er der, der bleibt.

VIERTE THESE

Das Bleiben, nicht greif-, nicht fassbar, wird gern materiell gedeutet, Plunder, der sich in den Museen breitmacht, perverses System der Archive und Bibliotheken, Lockstätten für Brandstifter, schmutziger Rest, an dem sich Moder und verjährter Gebrauch ein Stelldichein geben. Das Zu-Leibe-Rücken ist eine Kulturtätigkeit wie andere auch – soviel zur Kultur.

FÜNFTE THESE

Das wäre also das Böse? Aber nein, es ist nur sein gemütlicher Anblick. Das radikal Böse befasst sich nicht mit dem ordinären Totschlag. Es ist radikal unterbeschäftigt und lauert auf seine Stunde. Derweil sorgt das gemütliche Böse dafür, dass es weitergeht. ›Müll‹ ist eine metaphysische Kategorie. Im Hinter-sich-Lassen die Salzsäule erahnen, das Erstarren, das nicht ausbleibt, die Entsorgung des Ich: Religion auf Distanz.

SECHSTE THESE

Was liegt am Christentum, was an Religion? Die Frage stellen heißt sie verlassen. Wo Religion anliegt, erscheint sie: vom Bedürfnis überwältigt, von der Gewalt verhöhnt und vom Wissen erschlagen. Am Lager seines toten Gottes Flüche murmelnd – so stellt sich mancher Neuling der ortsfremden Obrigkeit, die leider keine Zeit findet, sich mit ihm zu befassen. Warum auch? Die Gretchenfrage, sie stellt sich nicht, weil Religion niemals aufgibt, weil ihr jede Pfütze genügt, um sich aufs Neue darin zu sammeln. Selbst der Himmel, der sich drin spiegelt, ist nur Zugabe, sie kommt, wenn’s sein muss, ohne ihn aus.

SIEBENTE THESE

Dass jede kommende Religion sich an einer vorhandenen mästet, besitzt eine selten erwähnte Pointe. Die gegenwärtige Religion ist die Gegenwart der Religion, die unsichtbare Summe ihrer Verhältnisse in dieser Welt. Die kommende Religion schlingt diese Verhältnisse in sich ein, sie ist die Aktualität, betrachtet als Religion, das heißt als ein vom Schmutz der Gegenwart gereinigtes Herkommen, das sich erst in Ansätzen zeigt. Die kommende Religion ist die vergangene im Futur, bereichert um all die Kompromisse und Weiterungen, die ihr das Überleben im Heute sichern, als liege darin ihre lange Zeit vernachlässigte Pointe.

ACHTE THESE

Kein Denken lässt sich beschränken. Doch seine Unbeschränktheit lässt sich nur beschränkt ertragen. Deshalb bleibt sie virtuell. In diesem Sinne sind alle Kulturleistungen nicht nur beschränkt, sondern Ausdruck von Beschränktheit. Es ist die Beschränktheit, die zur Darstellung drängt. Die Verächter der Religion sind Menschen, die für den Ausdruck ihrer Beschränktheit einen Sündenbock brauchen: Sie drücken ihn heraus aus dem Ensemble der ›anstehenden Aufgaben‹ und finden sich darin schön.

NEUNTE THESE

Keine Sorge: das wird schon. Darum sollte man sich nicht allzu sehr kümmern. Der Schmerz, der erlöst werden möchte, nimmt den nächsten Flug. Wer wollte daran zweifeln? Woher also das Beharrungsvermögen? Woher das Nicht-weggehen-Wollen? Die Unsicherheit mit der Unsicherheit erklären zu wollen ist lächerlich. Der Zweifel, ob es besser wäre zu gehen, und die Gewissheit, dass es besser wäre zu gehen, sind ein und dasselbe. Ein Zweifel, der es nur zur Gewissheit, und eine Gewissheit, die es nur zum Zweifel bringt, sind Ausdruck des beschränkten – und bedrängten – Ich: Kopf oder Zahl.

ZEHNTE THESE

Sich aufgeben – wohin? Sich stückweise aufgeben – warum? Um durchzukommen, vermutlich. Das aber bedeutet, dass jedes stückweise Sich-Aufgeben ein Zurücklassen ist, während der Sinn des Sich-Aufgebens vor ihm liegt. Sogar der Selbstmörder, der sich in einem Stück aufgibt, bleibt dem Stückwerk verhaftet. Er begrenzt sich von außen: er umrundet sich, er umschnürt sich, er nimmt einen Anlauf und stößt sich in die Vergangenheit. Das bedeutet es, Zukunft zu reklamieren – für sich, für wen denn sonst. Tote auf Urlaub sind Menschen, die an die Zukunft glauben wie an ihr eigenes Leben. Das Wie enthält das Problem.

ELFTE THESE

Selbsttötung ist Ahnenkult, also Nachfolge. Jemand schließt die Tür, um zu folgen. Ins absolute Dunkel hinein gibt es weder Folge noch Nachfolge. Ein Zeichen ist schon vonnöten. Im Zeichen des Menschen schließt einer die Tür. Wir sehen die flächiger werdende Erwartung auf seinem Gesicht, wir hören das leise Knarren der Angeln, wir sehen den Spalt, der sich schließt, mehr nicht. Wir wissen, wir sind noch nicht Einzelne genug, um zu folgen, wir bleiben zurück. Was wir gesehen haben, ist das Zeichen eines Zeichens. Wir drehen uns um und die Substitute stehen schon bereit. Fast gerührt gehen wir an ihnen vorbei.

ZWÖLFTE THESE

Die Frage nach dem Mittler endet dort, wo die Vermittlung in Frage steht. Was soll vermittelt werden, wodurch und zu welchem Ende? Zum richtigen? Ist es also das Ende, um das sich alles dreht? Ist das richtige Ende das Ende? Ist das, was jeder erreicht, das zu Erreichende? Was heißt es, auf diesem Weg verloren zu gehen? Was verliert der, der verloren geht? Auf all diese Fragen gibt es Antworten, verloren gegangene und unerreichbare. Wir kennen die Bilderbücher und ahnen ihren Sinn. Vielleicht ahnen sie etwas von uns, aber das, gerade das, ist unentscheidbar. Wir suchen den Zusammenschluss in der Differenz. Wer sie aufgibt, gibt sich auf und eilt – vorbei.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu

Akrotiamo oder Lern/mstunden des Gehörs

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Leckebusch legt eine weitere Publikation vor. Das ist nichts Besonderes, es geschieht bei ihm alle Tage. Nun, vielleicht nicht alle Tage, aber, sagen wir: der Halbjahresrhythmus gibt das Geleit. Leckebusch schwitzt seine Bücher nicht aus wie andere, bei ihm ist das Schreiben ein geordneter Nebenaspekt der Lehrtätigkeit wie zum Beispiel das Verfassen von Gutachten oder das Konzipieren von Vorlesungstexten. Leckebuschs Gutachten, in all ihrer kristallinen Kühle, sind berühmt: es sind Mikro-Traktate, aus denen eine moralische Weltordnung spricht, gegen die gehalten das Begutachtete schnell wie der gern zitierte struppige Straßenköter erscheint. Leckebusch, so ließe sich der Vorgang zusammenfassen, bringt den Gedanken Manieren bei. Wie immer, geht dabei einiges an Substanz verloren. Anderes, zum Beispiel die Relevanz, wird auf diesem Wege erst sichtbar. Leckebuschs Gutachten sind Konverter. Man steckt einen erarbeiteten Gedanken hinein und man bekommt einen relevanten Gedanken heraus.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Was ist ein relevanter Gedanke? Liebhaber des informations­theore­tischen Vokabulars könnten geneigt sein, ihn als redundant zu bezeichnen: vollgepackt mit Signalen, die an Bekanntes anknüpfen, ein kleines, die eigene Standortbestimmung erleichterndes Verweissystem, ein Who is who für bedeutsam gehaltener Vorstellungen, die einander auf frappierend selbstverständliche Weise die Klinke in die Hand drücken oder – im Gegen-Fall – sich wechselseitig die Tür aufhalten, um Zugang mit Zugang zu vergelten. Ein relevanter Gedanke verwandelt Bezüge in Beziehungen, Sachliches in Soziales, er lässt die Kraftlinien der Community aufleuchten und katapultiert seinen Urheber ins Feld mehr oder minder ertragreicher Interaktionen. Jedenfalls sollte er das, denn da sich relevante Gedanken in beliebiger Zahl erzeugen lassen, steigt die Zahl der Relevanz-Anwärter und ihrer Bedürfnisse exponentiell an, sobald ein entsprechender Markt sich erst einmal etabliert hat. Ein Könner wie Leckebusch kommt da gerade recht: seine aparte Fähigkeit, Wein in Wasser zu verwandeln, ist so gefragt, weil sie Vermittlerdienste verspricht, die gern in Anspruch genommen werden, wenn es darum geht, eigene Denkprodukte in den Markt einzuspeisen. Auch wissen­schaft­liche Ergebnisse sind darauf angewiesen, auf Märkten zu zirkulieren – auf Meinungs-, Überzeugungs-, Forschungs- und Zitat­märkten, auf denen gilt, was kursiert.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Wenn Leckebusch ein Buch schreibt, treten die Sorgen des Alltags von ihm zurück. Mit weit geschlossenen Augen sammelt er die Geräusche der Zunft, ordnet sie, prüft sie auf ihre Tauglichkeit und bereitet sie in einer Menge kleiner Notizen auf, bis sie widerstandslos dem Dreier- oder Fünferschritt folgen, in den sich über kurz oder lang jede Gedankenmasse ergeben muss, will sie vor seinem inneren Ohr Bestand haben. Dieses innere Ohr, ein Selektionsorgan erster Güte, hört sich heraus, was... nein, nicht, was es hören will, sondern was ihm hörbar dünkt, fast wie das die Fassungskraft seines Publikums mithörende Ohr eines Komponisten, der weiß, für welche Art von Kost sein Name steht, und der darüber zu einer Art Vorkoster in eigener Sache geworden ist, ohne diesen Vorgang im mindesten zu bedauern, da er ihm im Wesen der Sache begründet zu liegen scheint. Allerdings bewegt sich das von Leckebusch betriebene Gedanken-Hören auf anderen Bahnen. Da ihm für seine professionellen Denkbewegungen neben dem bereits Gedachten immer auch die Geschichte des Denkens zur Verfügung steht, soweit sie von anderen Denkern rekonstruiert wurde, nehmen die Gedanken bei ihm automatisch eine historische Färbung an: sie werden zu Abschnitten eines Prozesses, der sich von den Vorsokratikern über Platon, Aristoteles, Leibniz, Kant, Hegel, Nietzsche in die Gegenwart und darüber hinaus spannt, vergleichbar den Gliedern einer Fahrradkette, die sich jedes Mal strafft, sobald einer in die Pedale tritt.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Das Pedal-Bild will, da auch anderweitig konnotiert, weiter bedacht sein. Alles, was Leckebusch denkt (oder als Denkmasse weiterreicht), ›hat Pedal‹, es klingt bedeutend, ohne in gleichem Umfang bedeutend zu sein. Oder, da sich so etwas nicht ganz einfach behaupten lässt: neben dem, was es besagt, bedeutet es stets auch etwas, das es besagen soll, ohne die Dimension erkennen zu lassen, in der letzteres durch einfache Worte mitteilbar wäre. Dabei besteht an einfachen Worten in Leckebuschs Werken kein Mangel. Er pflegt einen guten, nicht willkürlich mit Fachausdrücken überladenen Stil, man könnte ihn unter die verständlichen Autoren rechnen, würde man nicht genötigt, immer zugleich zu viel und zu wenig heraushören, zu viel Bedeutung und zu wenig, sagen wir, Bedeutetes, so als wohne man der Eröffnung einer endlosen Folge von Fragen bei, deren identischer Kern immer lautet: ›Und was bedeutet das?‹

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Leckebuschs Bücher, eine Reihe ausgedehnter Gutachten über die Klassiker der philosophischen Literatur, gelten als Kassenschlager. Entsprechend gern werden sie zitiert. Ohrwürmer für Kunden, die ein offenes Organ für dergleichen besitzen, füllen sie den Gehörgang aus, statt, wie es doch sein sollte, die Gedanken durchzuleiten, mit denen sie sich beschäftigen. Kein Wunder also, dass Leckebusch einmal dem Wesen des Sinnes nachspüren musste, der ihm so unerhörte Einnahmen beschert. Denn davon handelt sein neuer Titel: vom Nach- oder Überhören des Gehörten, in dem das Gehörte ›allererst‹ preisgibt, was als das zu Gehör Kommende bereits im ursprünglichen Akt des Hörens anwesend ist, ja ihn ›gewissermaßen‹ erst ermöglicht. Das klingt schwieriger als gedacht, schließlich sind wir alle daran gewöhnt, auch im Weghören weiterzuhören, ein guter Zuhörer weiß, dass er manches überhören muss, um seinem Gesprächspartner folgen zu können: das mag in vielen Fällen moralisch gemeint sein, aber im Allgemeinen beschreibt es doch die unentwegt filternde Tätigkeit des Gehörs, sein Passieren-Lassen der Fülle des Gehörten, seine wechselnde Aufmerksamkeit auf Geräusche, die den, der da hört, angehen könnten, während die Welt, als akustische Kulisse, unentwegt im Hintergrund weiterplätschert. Das Bindewort ›sein‹, davon gibt sich Leckebusch überzeugt, entsteht an dieser flüchtigen Grenze zwischen dem Mitgehörten und dem Gehörten, also dem vom Gehör ins Dasein gehobenen Geräusch.
Etwas ist – was war das? – es ist ›anders‹, etwas Bestimmtes, etwas ganz Bestimmtes, dem ich nur nachgehen muss, um es zu finden, ein guter Hirte, der sich nachts aufmacht, um ein verirrtes Schaf im Gelände zu finden, nachdem er ›etwas‹ gehört hat. Der gute Hirte kennt das Gelände trotz offener Grenzen und in alle Himmelsrichtungen verschwimmender Bezüge. Das hier ist seine Welt und er findet sich blind in ihr zurecht. Genauso würde er nächtens vor den unbekannten Geräuschen einer Stadt zurückzucken, denn dort ist er: in der Fremde.

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Warum das Schaf? Warum der Hirte? Sehr einfach: Leckebusch spart sie aus. Man versteht wenig von seiner Schreibweise, wenn man die Bilder und Wendungen nicht kennt, die er sich und seinen Lesern erspart, um zu diesen zügigen und glatten Formulierungen zu gelangen, die dem unmittelbaren Verständnis seiner Texte immer einen kleinen Widerstand entgegensetzen, so dass man als Leser ein zweites Mal ansetzen muss, um sich zu sagen: ja sicher, es steht ja alles da, aber eben nicht so, dass es einem beim ersten Lesen klar würde. Diese Eigenschaft teilen Leckebuschs Texte mit denen vieler anderer Philosophen, sie gilt gewissermaßen als Markenzeichen der Philosophie. Aber es gibt da einen Unterschied: während andere Texte einen ins Denken hineinlocken – oder es zumindest versuchen –, sperren diese ihre Leser aus, sie schneiden die Bereitschaft zum Mitdenken gewissermaßen von den Quellen ab, aus denen es sich bedienen müsste, um weiter zu kommen, so wie Leckebusch sich schreibend aus ihnen zu bedienen weiß, und wäre es nur, um die nächste Seite zu füllen.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Warum? Darauf gibt es nur eine Antwort: sie handeln von Verbotenem. »Absurd!« würde Leckebusch geschmeichelt einwerfen, »ganz absurd! Und überhaupt: es gibt keine Denkverbote in der Philosophie, es darf sie nicht geben. Das wäre Heterodoxie.« Mag sein, ›Verbot‹ ist nicht ganz das richtige Wort, niemand hindert einen Leser daran, das Umfeld eines Wortes, einer Redewendung, eines so und nicht anders vorgetragenen Gedankengangs zu recherchieren und seinem Verständnis auf diese Weise nachträglich einzuverleiben. Gehört er zur Zunft, dann versteht er ganz gut, warum Leckebusch die eine oder andere Anspielung meidet. Doch in der Regel hütet er sich, den Zusammenhang auszuplaudern. Denn das hieße, bei Strafe der Lächerlichkeit, einen Kollegen bloßstellen – ohne Not und, vor allem, ohne Beweise.

Beispiel: der ausgesparte Hirte – eine ganze Literatur hat sich darauf spezialisiert, all jene Wortprägungen zu stigmatisieren, in denen Hirte und Sein, Not und Sorge, die Existenz und das Offene sich am sorglich geschaufelten Grab der ›abendländischen Metaphysik‹ zur danse macabre versammeln. Nicht um von der Metaphysik zu retten, was zu retten wäre, das ganz und gar nicht, sondern um den Prozess der Aufklärung weiter zu treiben, genauer gesagt: den unvollendeten Prozess der Moderne, einen klassischen Prozess gegen Andersdenkende, ohne Richter, ohne Verteidiger, dafür mit einer voll besetzten Anklagebank und einer stattlichen Zahl von Beisitzern, trainierten Merkern, die jeden Verfahrens-Zug registrieren und dafür Sorge tragen, dass kein Ende des Verfahrens in Sicht kommt.
Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Leckebusch, als Denker der Moderne, ist also gut beraten, die Vorratskammern ostentativ verschlossen zu halten, aus denen er sich heimlich bedient. Warum tut er’s dann? Leckebusch ist keiner der notorischen Ankläger, eher gehört er zu den stillen Merkern im Lande, deren Hintergedanken sich auf wundersame Weise mit ihren Vordergedanken zu mischen pflegen, so dass jeder Versuch, sie wirksam auseinander zu halten, zwangsläufig in die Irre geht. Um seine Sätze spielt ein diskreter Zug, als wüssten sie etwas, das sie verschweigen, in aller Offenheit, versteht sich, denn sie haben nichts zu verbergen: sie haben nichts zu verbergen, ganz recht, sie leiten nur durch.
Wenn Leckebusch denkt, gleicht sein Bewusstsein einem Rangierbahnhof – was hereinkommt, muss auch wieder hinaus, aber in sinnfällig veränderter Zusammenstellung, so dass der eine Gedanke verkürzt, der andere halbiert, ein dritter wundersam ergänzt den Weg in die Ferne antritt. Mit bloß kurrenten Gedanken ließe sich das schwerlich erreichen, und wenn, dann nur um den Preis der Bizarrerie, als fehle dem Verfasser die Gabe der angemessenen Wiedergabe und er kompensiere diesen Mangel durch Willkür. Dadurch, dass er Versatzstücke eines anderen, allen geläufigen, jedoch mit einem Lächerlichkeits- beziehungsweise Schrecklichkeits-Index versehenen Denkens hineinmischt, aber unterhalb der Deutlichkeitsschwelle, spannt er die Aufmerksamkeit seiner Leser, versetzt sie in eine Aufbruchstimmung, die beim Weiterlesen zu gleichen Teilen verpufft und sich beständig erneuert.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Leckebusch, als Denker betrachtet, handelt nicht von Verbotenem, er handelt mit Verbotenem – unter steter Beteuerung, ein solches Verbot existiere gar nicht und alle Positionen lägen, einer fairen Auseinandersetzung jederzeit zugänglich, ›auf dem Tisch‹.
Was, nebenbei bemerkt, stimmt. Die Fraktion des stigmatisierten Vordenkers ist während all der Jahre, in denen Leckebusch umsichtig die eigene Reputation mehrt, rührig, und mehr als das: da sie die Schwachstellen ihres Meisters besser als andere kennt, hat sie stetig und umsichtig einen Großteil der Löcher gestopft, aus denen der Zeitgeist einer in Schande vergangenen Epoche tropft (manchmal auch nur das Drüsensekret des Autors).
Alles, was ›aus dieser Ecke‹ kommt, ist allgemeiner Aufmerksamkeit gewiss. Die Publikationsorte sind seriös, Pöbeleien kommen nur selten vor, die Karrieren sind ungebrochen. Dennoch... Es sind die anderen, die sich dort tummeln und durch einen gewissen Mangel an Berührungsängsten auf sich aufmerksam machen.
Dieser Mangel zeichnet sie ebenso aus wie die Stromlinie einen Leckebusch, für den sie zu den Unberührbaren zählen: während er ihre Dienste in Anspruch nimmt, möchte er am liebsten vergessen machen, dass es sie gibt. Doch das ist leichter gesagt als getan. Als redlicher Fußnotenschreiber trägt er sie dem eigenen Haupttext hinterher wie ... wie ... ein apportierendes Hündchen, das mit dem fortgeworfenen Stock im Maul seinem Herrchen nachtrottet.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Cherchez le mouton: ein unverächtliches Motto für all jene Denker der Moderne, die vorurteilslos das Vorurteil pflegen, sie, das heißt ›die Moderne‹ sei uns aufgetragen wie die Pflege eines Automobils, der man sich am besten anhand eines Lastenheftes widmet, in dem penibel verzeichnet ist, was ›geht‹ und was ›nicht geht‹, also vor allem Denken als Durchgestrichenes existiert, als Nicht-Gedanke... Solche Nicht-Gedanken existieren vermutlich in jeder Gesellschaft. Sie sind unausrottbar und dauernd in Bewegung. Für jeden, der auf die Seite der frei verfügbaren Gedanken wechselt, verschwindet ein anderer im Hexenturm. Nur vereinzelt dringen Schreie oder leise Seufzer heraus.
Welche Szenen spielen sich im Inneren ab?
Besteht Folter-Verdacht?
Schließlich werden dort keine unbedarften Gedanken zusammengezogen, sondern Kämpfer, Überzeugungstäter, Rattenfänger, Kindesentführer: gefährliches Zeug, nicht leicht zu bändigen.
Der Ausschluss vollzieht sich geräuschlos. Doch das sagt wenig darüber aus, wie es drinnen zugeht. Man weiß es nicht, denn man will es nicht wissen. Dabei wäre es ein Leichtes, sich Zutritt und Wissen zu verschaffen. Wärter gibt es, aber sie ähneln kläffenden Hunden, kein ernsthafter Mensch lässt sich von so etwas abhalten, der Richtschnur seines Wollens zu folgen.
Die Wahrheit ist: es bedarf keiner Wärter. Die Wahrheit ist: was dort geschieht, dient der Reproduktion von Gesellschaft. Auf eine scharfe, wenngleich verborgene Weise sorgt der Ausschluss dafür, dass die feinen und groben Unterschiede, deren Gesamtwirkung als Gesellschaft bezeichnet wird, nicht von der Bildfläche verschwinden. Im Einzelnen ist die Gesellschaft übermächtig. Die einfache Neugier, das lockere Interesse, schließlich das erbitterte Ringen um Anerkennung: auf all diesen Wegen stößt sie ins Innere vor und krallt sich darin fest. Leckebusch zum Beispiel ist den modischen Gepflogenheiten, an denen sich die Philosophengemeinde erkennt, bis in die letzte Faser verpflichtet.
Dagegen verstoßen, eventuell sogar aufbegehren? Nie im Leben!
Aber natürlich entgeht ihm ebenso wenig wie den klügeren Kollegen, dass, angesichts der Knappheit der ›Ressource‹ Erfindung, die Nicht-Gedanken einen unverächtlichen Vorrat an Ideen enthalten, geeignet, dem, der sich ihrer geräuschlos zu bedienen weiß, Vorteile vor der Konkurrenz zu verschaffen.
Nie würde Leckebusch, ein Meister der Geräuschlosigkeit, es bis zum Äußersten kommen lassen. Es muss schon zu ihm kommen, das Äußerste. Anders geht es nicht.

Im Zweifel links
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FRAGER
Professor Leckebusch, ich muss Sie etwas fragen, damit unsere Zuschauer sich ein Bild machen können: Wo waren Sie am Abend des neunten November 1989?

LECKEBUSCH
Ich habe diese Frage erwartet. Ich wäre enttäuscht gewesen, wenn Sie sie nicht gestellt hätten. Ich kann Ihnen das genau sagen: Ich war im Bett. Ich weiß das so genau, weil ich an diesem Abend mein Seminar ausfallen lassen musste, was ich persönlich immer als sehr ärgerlich empfinde. Ich betrachte es als Verrat an meinen Studenten, verstehen Sie? Meine Studenten verstehen das. An diesem Abend beging ich nach meinen eigenen Maßstäben Verrat. Das hört sich krass an, aber es beschreibt die Situation.

FRAGER
An diesem Abend lagen Sie im Bett. Schliefen Sie? Ich meine natürlich: Bekamen Sie etwas von den Ereignissen mit?

LECKEBUSCH
Von den Ereignissen? Wenn Sie das sagen: Ich hatte Fieber. Ich delirierte. In dieser Nacht war ich damit sicher nicht allein, falls Sie das meinen. (Hüstelt)

FRAGER
Wenn Sie heute zurückblicken: Was bedeuten die Geschehnisse jener Nacht für Sie?

LECKEBUSCH
Lassen sie mich ihre Frage richtig verstehen, bevor ich auf sie antworte: Meinen Sie für mich persönlich oder möchten Sie meine persönliche Auffassung in Bezug auf das hören, was damals geschah und was sich natürlich in keiner Weise auf die Nacht eingrenzen lässt, in der es seinen Anfang nahm? In gewisser Weise hat es ja nie aufgehört zu geschehen.

FRAGER
Beides vielleicht?

LECKEBUSCH
Es handelt sich um das größte Glück im Leben dieser Nation und es handelt sich um das größte Glück, das mir in meinem Leben widerfuhr.

FRAGER
Könnten Sie das ein wenig präzisieren?

LECKEBUSCH
Sie haben ein Recht darauf, diese Dinge so zu verstehen, wie sie geschehen sind. Wir alle haben ein Recht darauf, diese Dinge so zu verstehen, wie sie geschehen sind. Ich weiß nicht, ob wir bereits die innere Distanz aufbringen, um dieser Anforderung Genüge zu tun, die ich eine geistige nennen möchte. Ich sehe Ratlosigkeit auf Ihrem Gesicht und möchte mich präzisieren. Die Anforderung, die ich eine geistige nenne, besitzt eine innere Dimension und eine äußere. Die innere ist schnell benannt: uns allen – oder genauer: vielen von uns – stand damals die Freude ins Gesicht geschrieben. Das ist ein Ausdruck tiefen Glücks, den man nicht kleinreden sollte. Er kam aus einem Inneren, das dem Handelnden nicht einfach zu Diensten ist, so wie es sich dem Denkenden nicht von sich aus erschließt. Es kann aber in einer gegebenen Ausnahmesituation das Denken erfüllen –

FRAGER
Und Sie meinen...

LECKEBUSCH
Ich halte das für keine Frage des Meinens. Aber ich verstehe, was Sie sagen wollen. Der abendländische Mensch hat dafür früh das Wort ›Kairos‹ gefunden. Ich lege Wert auf das Wort ›gefunden‹. Tatsächlich handelt es sich um einen Fund, um eine Findung, um ganz genau zu sein, und nicht um eine Erfindung, jedenfalls in dem Sinn, in dem wir das Wort heute gebrauchen. Die innere Dimension des Geschehens, das unsere Aufmerksamkeit fordert, wird dadurch bestimmt, ob und wie wir heute den Kairos zu denken in der Lage und vielleicht überhaupt berechtigt –

FRAGER
Und die äußere?

Im Zweifel links
2

LECKEBUSCH
Ich rede von Anforderungen. Eine davon besteht darin, dass wir es schaffen, inneres und äußeres Geschehen in eine gemeinsame Perspektive zu rücken. Das ist überhaupt der Sinn von Distanz: Denk-Räume so zu dimensionieren, dass ein Inneres mit einem Äußeren zusammengeht, also ein ›Stand des Denkens‹ mit einem Ereignis, das die Zeitgenossen bewegt, und zwar so, dass darin etwas Geschichtliches aufblitzt, eine ›Sternstunde‹, wenn Sie so wollen.

FRAGER
Unsere Zuschauer werden sich fragen: Wo bleibt die Klarheit, nach der jedes verantwortliche Handeln in einer solchen Lage verlangt, wenn der Sinn des Geschehens verhüllt ist und sich nur über die von Ihnen eingeforderte Distanz erschließt? Diese Distanz ist ja, wenn ich Sie recht verstehe, nicht vergleichbar mit dem Abstand zu den Dingen, den ein Akteur braucht, um Kontrollverlust zu vermeiden.

LECKEBUSCH
Sie sprechen etwas an, was ich unter die Paradoxa der menschlichen Existenz zähle. Nur der ganz Blinde kann ein historisch erfolgreicher Akteur sein. Aber er muss über einen durchdringenden Verstand verfügen.

FRAGER
Haben Sie in jener Zeit einen solchen Verstand am Werk gesehen?

LECKEBUSCH
Anflüge, mein Lieber, Anflüge.

FRAGER
Das klingt für mich so, als hätten Sie mehr erwartet.

LECKEBUSCH
Aber das ist doch normal. Sehen Sie, in einer solchen Situation erwarten Sie alles. Das liegt einfach daran, dass Sie nicht wissen können, was Sie als Nächstes erwartet.

FRAGER
Also doch Kontrollverlust?

LECKEBUSCH
Eine Situation, in der alles ›drin‹ ist, kann auch außer Kontrolle geraten. Aber das meine ich gar nicht. Was Sie nicht wissen können, ist folgendes: In einem Krieg können Sie nicht alles, was getan werden muss, auf dem Marktplatz verhandeln. Die Menschen wissen das und verhalten sich rational paranoid: Sie vertrauen ihren Anführern so, als wüssten beide Seiten Bescheid. Nichts davon ist wahr. Bei einem historischen Umbruch, wie wir ihn erlebt haben, verhält es sich gerade umgekehrt: der Marktplatz verwandelt sich in ein Tribunal und die Regierenden werden danach beurteilt, ob ihr Handeln mit den Vorstellungen der Leute Schritt hält. Also müssen sie so handeln, als verstünden sie, was die Menge will. Das ist nicht so einfach und begünstigt Scharlatane. Aber es gibt auch gute Leute, kein Zweifel. Es ist nur schwer, sie zu erkennen.

Im Zweifel links
3

FRAGER
Denn wovon lebt der Mensch?

LECKEBUSCH
lächelt
Nun, jedenfalls nicht, indem er stündlich den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst. Er lebt auch nicht, um es ganz deutlich zu sagen, davon, dass er vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist. Wir müssten uns vor diesen Sprüchen fürchten, nicht weil sie falsch wären, sondern weil sie die Unwahrheit verkünden, als sei sie die Wahrheit.

FRAGER
Ist das nicht der Sinn von Satire?

LECKEBUSCH
Sofern die Satire einen Sinn hat.

FRAGER
Welchen Sinn kann Satire haben?

LECKEBUSCH
Jedenfalls nicht den, die Welt zu verändern. Sie zeigt dem Einzelnen, was er von der Welt zu halten hat. Die angemessene Frage wäre daher: Was ist die Welt? Was ist die Welt der Satire? Wir sind heute geneigt, ›Welt‹ durch ›Gesellschaft‹ zu ersetzen und so zu tun, als sei beides dasselbe. Das ist nicht der Fall. Es gibt die physische Welt und es gibt die moralische Welt. Die moralische Welt ist die Welt der mores, der Sitten. Sittenverderbnis kann es nur geben, wenn man einen Maßstab für unverdorbene Sitten besitzt – die moralische Weltordnung. Ohne moralische Weltordnung ist Satire sinnlos. Sie ist sogar schädlich, weil sie die Moral als solche unter Verdacht stellt. Gesellschaft hingegen basiert nicht auf Moral, sondern auf Interessen.

FRAGER
Vielleicht ist ja die Moral schädlich, weil sie dazu dient, die realen Interessen zu verschleiern.

LECKEBUSCH
Warum nennen Sie die Interessen real und die Moral nicht? Gibt es irreale Interessen oder eine irreale Moral? Was soll das sein? Interessen sind Interessen und Moral ist Moral. Die Interessen geben die Handlungsziele vor und die Moral sorgt dafür, dass die Praktiken sich in einem vertretbaren Rahmen halten.

FRAGER
Oder auch nicht.

LECKEBUSCH
Oder auch nicht. Ist die Moral an ihren Verletzungen schuld? Das ist absurd.

FRAGER
Es gibt auch Doppelmoral.

LECKEBUSCH
Es gibt immer Doppelmoral. Es gibt den moralischen Imperativ, vor dem alle gleich sind, und es gibt die speziellen Regeln, die dafür sorgen, dass die eigene Gruppe bevorzugt wird. Das sind Überlebensregeln. Insofern kommt die Gemeinschaft vor der Moral: als Beutegemeinschaft. Hart, aber wahr. Doch das liegt der Gesellschaft, vorsichtig gesagt, voraus.

FRAGER
Und wovon lebt der Mensch?

Im Zweifel links
4

LECKEBUSCH
Er lebt davon, dass er seine Institutionen achtet.

FRAGER
Essen kann er sie nicht.

LECKEBUSCH
Er käme ohne sie gar nicht ans Essen. Insofern erübrigt sich dieser Einwand. Stattdessen haben wir es mit zwei großen Fragen zu tun. Die erste lautet: Wie kommt es zur Ausbildung von Institutionen? Die zweite lautet: Wodurch sind Institutionen stabil? Die erste Frage ist durch und durch naturalistisch, hier können Philosophen nur lernen. Die zweite betrifft die Philosophie als solche, denn sie berührt die Frage, wie Menschen denken. Oder, wenn wir die Menschen weglassen: Wie denkt Denken?

FRAGER
Wie denkt Denken?

LECKEBUSCH
lacht
Versuchen Sie’s. Nehmen wir als Beispiel die Mauer. Man sollte meinen, eine Mauer ist eine Mauer, ein physisches Bauwerk, wenn Sie so wollen. Eine Mauer ist keine Institution. Aber die Mauer vor dem neunten November ist etwas völlig anderes als die Mauer danach.
Lacht
In einigen Köpfen soll sie ja heute noch stehen. Wie kann das sein? Darf das sein? Warum kann das nicht anders sein? Eine Mauer ist eine Mauer, sie hemmt den Schritt. Aber sie ist nicht unüberwindlich, wie sich am Abend des neunten November zeigte. Die Mauer vor dem neunten November ist eine Grenzanlage, brutal, schmutzig, unüberwindlich, es sei denn, Sie haben die passende Genehmigung. Sie ist in Betrieb.

FRAGER
Es sind Menschen, die sie betreiben.

LECKEBUSCH
Es sind Menschen, ja. Gehen wir die Kette der Verantwortlichen durch, dann stoßen wir auf unterschiedliche Motivationen.

FRAGER
Was sagt uns das?

LECKEBUSCH
Wenn Sie mit Ostberlinern reden, die nahe der Mauer wohnten, dann sagen die Ihnen: Wir haben sie nicht mehr gesehen. Wir hätten sie sehen müssen, Tag für Tag, aber sie war weg. Das alles war irgendwann nicht mehr vorhanden. Erst seit sie weg ist, sehen wir wieder hin.

FRAGER
Ein bekannter Effekt.

LECKEBUSCH
Ein bekannter Effekt. Er gilt natürlich auch für die Verantwortlichen. Der Hundeführer im Todesstreifen – mein Gott, welch ein Wort! – hat es mit einer anderen Mauer zu tun als der Mann im Politbüro, der sie am Ende mit einem öffentlichen Versprecher beseitigt. Keiner von ihnen sieht die eigentliche Mauer, das heißt das, was sie anrichtet. Es wird behauptet, das diene der Entlastung. Aber Entlastung ist eine biegsame Vokabel. Der Gedanke, dass Institutionen den Einzelnen durch Arbeitsteilung entlasten, ist grundverkehrt: Sie bürden ihm neue, höhere Lasten auf.

FRAGER
Sie entlasten moralisch.

LECKEBUSCH
Warum sagen Sie das? Ich sehe es Ihnen an: Sie meinen es ja nicht einmal ernst. Sie halten es genauso wie ich für falsche Entlastung. Damit sollte keiner vor Gericht durchkommen können. Ist es nicht so?

FRAGER
Die Menschen machen sich gern etwas vor.

LECKEBUSCH
Dann sollten wir uns hüten, es ihnen nachzumachen.

Im Zweifel links
5

FRAGER
Und wenn es doch funktioniert?

LECKEBUSCH
Auch hier gilt: Die Institutionen sind die Moral. Funktional betrachtet, sind Routine und Moral dasselbe. Geahndet werden Ausfälle. Das ist natürlich ganz primitives Denken. Nein, die wirkliche Entlastung vollzieht sich im Bereich der Sorge. Um genau zu sein: im Bereich der Sorge um alles. Die Institution trägt mir auf, für meinen Bereich Sorge zu tragen. Warum sollte ich das tun, wenn ich nicht dafür belohnt würde? Trage du für deinen Bereich Sorge und kümmere dich um nichts weiter: Das ist der Grundmechanismus jeder Institution und er sorgt unmittelbar dafür, dass Institutionen stabil sind. Es bedarf einer ungewöhnlichen Anstrengung, in den Zustand der Sorge um alles zurückzukehren. Das können Einzelne leisten, aber eben nicht alle, schon gar nicht zur gleichen Zeit.

FRAGER
Und wenn es passiert?

LECKEBUSCH
Das wäre die Revolution.

FRAGER
Also geht es doch?

LECKEBUSCH
Moment mal. Die Revolution, an die Sie denken, richtet sich auf Institutionen. Den Kapitalismus abschaffen, gut und schön. Aber was tritt an seine Stelle? Die Mauer einreißen: ganz hervorragend. Aber was geschieht dann? Die Realität zeigt: alles Mögliche. Die Sorge – wenn wir den Gemütsustand von Revolutionären als Sorge bezeichnen wollen, aber hier geht es nicht ums Gemüt – bleibt institutionell: Was beengt unser Leben, was können wir besser einrichten, an welchen Schrauben können wir drehen, ohne dass uns das Gehäuse der Gesellschaft auf den Kopf fällt? Der letzte Punkt ist der entscheidende.

FRAGER
Sie meinen –?

LECKEBUSCH
Ich denke. Sie denken. Die umfassende Sorge, von der ich sprach, denkt, streng genommen, nicht. Sie gilt allem, wodurch der Einzelne lebt. Denken entsteht dort, wo es einem abgenommen wird.

FRAGER
Das müssen Sie unseren Zuschauern erklären.

LECKEBUSCH
Mit dem größten Vergnügen. Sie haben mich gefragt und ich antworte. Alles, was Sie mich fragen, könnte ich mich auch selbst fragen und vieles habe ich mich auch bereits gefragt, sonst fiele es mir schwer, Ihnen zu antworten. Natürlich habe ich mich gefragt, was Sie mich fragen würden, und mir Antworten überlegt. Dennoch lege ich Wert darauf, Ihnen zu antworten und keiner inneren Stimme, die mir Fragen vorlegt, die ich mir selbst ausgedacht habe. Verstehen Sie den Unterschied? Die umfassende Sorge macht diesen Unterschied nicht. Warum also sollte sie ein Gespräch imaginieren, das niemals stattfinden wird? Das Gespräch als Institution ersetzt die Intuition, das Einsehen, das ein jeder hat, aber es löscht sie nicht aus. Es stellt ihr Aufgaben, die sie dann auch löst. Die umfassende Sorge sieht sich von Aufgaben umstellt, die sie teils lösen, teils nicht lösen kann. Nur eines kann sie nicht: Aufgaben delegieren.

FRAGER
Das nennen Sie Denken?

LECKEBUSCH
Nicht ganz. Die Rede vom Abnehmen ist ja doppeldeutig oder, besser gesagt, doppelzüngig. Wenn ich sage, Denken entsteht dort, wo es einem abgenommen wird, heißt das auch: Denken entsteht dort, wo es in ein Außenverhältnis eintritt. Dadurch entsteht Entlastung. Also: Sie fragen, ich antworte. Sie verstehen, ich habe Fragen. Mein Gedankengang ist zu Ende, Ihrer beginnt. Innen-außen, außen-innen, klipp-klapp. Nur so kommen wir weiter.

Im Zweifel links
6

FRAGER
Herr Leckebusch, wo schlägt ihr Herz?

LECKEBUSCH
lacht
Im Zweifel links. Hand aufs Herz, das war es doch, was Sie hören wollten. Oder täusche ich mich da?

FRAGER
Ich gebe zu, ich hätte diese Antwort nicht so in dieser Direktheit erwartet.

LECKEBUSCH
Was erwarten Sie? Der Germanist Walter Benjamin hat gegen Ende der Zwanziger Jahre den Satz geprägt: Links hatte noch alles sich zu enträtseln. Er ist zum geflügelten Wort geworden, doch wenige kennen die Fortsetzung, in der es dann heißt, rechts sei es schon vorzeiten, dieses ›es‹ sollte uns noch beschäftigen. Sich selbst nennt er übrigens die Schwelle, über der – und jetzt hören Sie genau zu – die unnennbaren Boten schwarz und weiß in den Lüften tauschten. Das Schwarzweißspiel ist uns sehr vertraut, vertrauter als die Sprache dieses Textes, der poetisiert, wo es nichts zu poetisieren gibt, es sei denn, man hält es mit den Scharzweißmalern. Benjamin kommt aus dem konservativen Kulturmilieu, er geht in der Folge weit nach links, das beschreibt die Richtung dieses Textes, er verät aber auch, dass er links nicht zu Hause ist und sich im Grunde nicht auskennt. Das hat Adorno schon so gesehen und jeder Marxist kann es Ihnen spielend bestätigen.

FRAGER
Sie meinen damit...

LECKEBUSCH
Ganz recht, diesmal meine ich wirklich. Ich komme von links, aus dem linken Raum, Sie können das biographisch nehmen, auch topographisch, selbst geographisch, und die Zweifel haben mich aufgescheucht, auf den Weg gebracht, wenn Sie so wollen, wie so viele meiner Generation und meiner Herkunft.

FRAGER
Ihr Weg geht demnach von links nach rechts.

LECKEBUSCH
Nein, das geht er nicht. ›Im Zweifel links‹ bedeutet ja nicht, dass Sie sich im Zweifelsfall links oder für links entscheiden – das gibt es auch, aber es ist die Formel der Dummköpfe –, sondern dass das Herz links schlägt und Sie im Zweifel darüber lässt, was zu tun sei. Die historische Aufgabe der Linken war es, Zweifel zu säen. Daran hat sie sich gründlich vergangen und deshalb gilt sie zu Recht als desavouiert.

FRAGER
Was sich ändern kann.

LECKEBUSCH
Was sich schnell ändern kann. Wenn Sie genau hinsehen, wissen Sie, dass sie sich nur duckt.

FRAGER
Erkennen Sie da eine Gefahr?

LECKEBUSCH
Gefahren sind dazu da, erkannt zu werden, andernfalls wären sie keine. Das schließt das Unglück nicht aus.

Im Zweifel links
7

FRAGER
Kommen wir zum es.

LECKEBUSCH
Es spukt in unserer Sprache herum – nicht nur in unserer, aber hier besonders –, so dass man sich fragen kann, ob es nicht der geheime Sinngeber all der Formeln, mit denen wir Wirklichkeit zu fassen beanspruchen? ›Es gibt‹ – ›es spukt‹: Ist der Unterschied wirklich so groß? Wenn ja, worin besteht er genau? Als Philosoph muss ich sagen: Er ist nicht sehr groß. Ich muss aber auch sagen: Er könnte größer nicht sein.

FRAGER
Der kleinste Unterschied ist der größte.

LECKEBUSCH
Es ist der Unterschied zwischen rechts und links. ›Es gibt‹ ist die Sprache der Realität, wer sich ihrer bedient, gilt als rechts. ›Es spukt‹ – lesen Sie das Kommunistische Manifest und Sie verstehen, was ich meine. Genau genommen ist die Linke ein Spuk, ein Gespenst, eine Erscheinung. Überall, wo sie Wirklichkeit zu gestalten beansprucht, genügt es, das Licht anzudrehen, und Sie stoßen auf rechte, überdies recht deprimierende Verhältnisse.

FRAGER
Die Realität steht rechts?

LECKEBUSCH
Die Realität? Es gibt sie und sie stellt sich her. Das ist ein reflexiver Vorgang. Tiere haben keine Realität. Sie können also sagen: Die Realität ist ein Spuk. Ein Gedankenspuk meinetwegen. Aber ein Spuk. ›Spuk‹ bedeutet: nichts ist gewiss, nichts ist fixiert, nichts hinreichend ausgeleuchtet. Aber das ist natürlich Quatsch. Also bleibt nur die Formel übrig: Es spukt in der Realität. Damit müssen wir zurechtkommen. Damit kommen wir übrigens blendend zurecht. Genauso können wir sagen: Es gibt keine Realität, aber in der Realität gibt es dies und das. Die Realität ist ein Stellvertreter.

FRAGER
Stellvertreter wofür?

LECKEBUSCH
lacht
Na fürs es. Für das Absolute. Für die Antimaterie. Für das, was es immer noch zu entdecken gibt. Damit hätten wir übrigens die drei wesentlichen Formeln der Neuzeit beisammen.

FRAGER
Mit der Stellvertretung hat die Linke immer ihre Schwierigkeiten gehabt. Ist das ein reaktionärer Begriff?

LECKEBUSCH
Wenn wir genau wissen, was wir damit sagen: ja. Er gibt uns die Antwort auf eine unmögliche Frage: Geht es nicht direkt? Es geht nirgends direkt. Was wir Existenz nennen, ist die Antwort auf die Unmöglichkeit zu sein. Was wir linke Existenz nennen, ist die Antwort auf die Unmöglichkeit, rechts zu zu sein. Das mag Sie erstaunen, aber wer von sich behauptet, ein Rechter zu sein – was nicht viele tun, und wenn sie es tun, dann meist in provokativer Absicht –, der hat das Rechtssein nicht begriffen. Im Grunde begeht er einen Verrat.

FRAGER
Weil er ein verkappter Linker ist?

LECKEBUSCH
Weil jeder ein verkappter Rechter ist. Wer von sich behauptet, links zu sein, der behauptet Unfug. Wer von sich behauptet, rechts zu sein, der behauptet im Grunde: Ich bin bei euch. Das ist die Christus-Formel, also nur begrenzt alltagstauglich. Wer ist Christus? Er ist der Mittler.

Im Zweifel links
7

FRAGER
Da Sie vom Mittler sprechen: Was verstehen Sie unter Mitte? Ist da etwas, um das man sich kümmern muss?

LECKEBUSCH
Ich spreche sehr ungern von der Mitte. Zunächst einmal: Alles ist Mitte. Was wir als Ränder zu bezeichnen uns angewöhnt haben, sind in der Regel Standpunkte, die wir nicht teilen. Die Vorstellung, dass alle in der Mitte zusammenkommen oder zusammenkommen sollten, ist absurd. Ein Quentchen Wahrheit allerdings schwingt dabei mit. Die Mitte ist das, was um keinen Preis verlorengehen darf.

FRAGER
Ist das eine Definition? Soll das heißen: Die Mitte hat keinen Preis?

LECKEBUSCH
Eine Definition und eine Feststellung. Die Mitte ist immer zugleich Definiens und Definiendum, Definierendes und Definiertes. Insofern ist sie auch immer leer. Sie kennen die leere Mitte aus der Kunst, wo sie das Bild strukturiert, ohne in besonderer Weise in Erscheinung zu treten. Das ist schon die Frage, die durch den Mittler gestellt wird: Tritt er als Person in Erscheinung oder tritt er zurück und ermöglicht so die Person? Doch Mitte und Mittler sind nicht dasselbe.

FRAGER
Was unterscheidet sie?

LECKEBUSCH
Zunächst: das grammatische Geschlecht.
lacht
Was verstehen wir unter Geschlecht? Das Geschlecht gibt uns eine Vorstellung von einer tief im Sein verankerten Arbeitsteilung. Da haben Sie das Reaktionäre, über das wir vorhin sprachen. Arbeitsteilung setzt voraus, dass es Arbeit gibt. Es gibt also immer Arbeit. Genau genommen gibt es nichts außer Arbeit. Was wir freie Zeit nennen, ist in Wirklichkeit Arbeitsteilung. Etwas nimmt sich zurück, damit etwas zum Zug kommt. Aber wenn es Arbeit gibt, dann gibt es auch die Frage nach dem Subjekt. Das hängt ganz ursächlich zusammen. Wo die Mitte schweigt, redet der Mittler. Et vice versa. Das setzt natürlich voraus, dass wir beide als redende Instanzen ins Bild rücken. Es ist ein Bild, aber ein passendes.

FRAGER
Das werden einige unserer Zuschauer...

LECKEBUSCH
... anders sehen. Das ist ihr gutes Recht. Lassen Sie mich noch ergänzen: Die Vorstellung vom Mittler ist in unserer Kultur fest verankert. Nehmen Sie sie heraus und Sie erhalten ein Tohuwabohu von Vorstellungen, denen der gemeinsame Sinn abhanden gekommen ist. Viele sehen es natürlich so, aber ich denke, sie täuschen sich. Diese Kultur ist nicht am Ende und sie kommt zu keinem Ende. In gewisser Weise kommt sie vom Ende her – sie ist das Denken des Endes und daher ein immerwährender Anfang. »Lasst uns anfangen«: das ist die Formel Europas. Es kann keine andere geben.

FRAGER
Damit sollten wir schließen.

Sechse kommen durch die ganze Welt

Sechse kommen durch die ganze Welt
 

Siehst du, sagt Iris, Leckebusch ist nicht zu packen. Ein zäher Hund, mit allen Wassern gewaschen, man weiß nur nicht, wofür. Jetzt hat er seinen Fernsehauftritt, er hat ihn gehabt, was einen Unterschied darstellt wie der zwischen Tinte und Brause, er geht zufrieden nach Hause und fragt sich, ob so ein öffentliches Dasein sich lohnt. Nicht des Geldes wegen, das kann er immer brauchen, das Zubrot verschafft ihm Respekt bei der Ex. Elisabeth macht sich nichts draus, sie lacht sogar drüber. Aber es schmeichelt ihr doch. Ja, es schmeichelt ihr, weil sie weiß, dass er ein Wurm ist, ein zäher Wurm, das schmeichelt ihr. Wäre sie anders, hätte sie ihn nicht abserviert, sie hätte ihn laufen lassen, die Leine immer zur Hand, wie sonst, man weiß nie, wozu so ein Professor gut ist. Hast du sein Zauberhütchen gesehen, die Baskenmütze, schief übers Ohr gehängt? Damit kommt er durch die Welt. Auf diesem Ohr ist er taub. Es ist sein Welt-Ohr. Auf dem anderen hört er alles, er benützt es als Hör-Rohr, um die Verhältnisse zu belauschen. Dieser Mann lebt in Verhältnissen, er lebt nur in Verhältnissen, ich meine, er kennt nichts anderes, und er ist der Fremdkörper in allen. Ein richtiger Fremdkörper, selbst der eigene ist ihm fremd. Er ist ein Körper in einem Körper in einem Körper. Nein, das stimmt nicht, er ist ein Körper in allen Verhältnissen, sie sind ihm alle gleich fremd. Deshalb trägt er die Mütze so schief. Schöbe er sie gerade, erstarrte die Welt. Nicht vor Ehrfurcht, das gerade nicht, auch nicht in der Furcht des Herrn, obwohl er etwas von einem Priester... Hast du das nicht bemerkt? Wo schaust du hin? Ich denke, sie würde der Kälte eingedenk, die sie umgibt, und begänne zu klappern, schutzlos dem Kosmos ausgeliefert, der in ihm kreist. Unser Mann im All, das ist Leckebusch, darauf gehe ich jede Wette ein. Du musst ihn nur hüsteln hören, dann weißt du Bescheid. Kein Mensch hüstelt so. Erst denkst du, er hüstelt geziert, aber das stimmt nicht. Was du hörst, ist das Knattern einer Membran. Leckebusch hüstelt, sobald andere menscheln, das klingt wie ein Reflex, aber es ist nur ein Effekt. Ein Berühr-Effekt. Ein richtiger Raumfahrer verlässt die Erde nicht, er ist immer schon unterwegs. Allein genommen, ist er ein Bote, sobald sechse von seinem Schlag beisammen sind, erlischt das Feuer der Welt.

Die Welt wird täglich besser

Ein Brechreiz
namens Vergangenheit
überkommt Hiero
spontan
unter Freunden

Die Welt wird täglich besser
1

Wir sind die wirklichen Demokraten, sagt Hiero, vielleicht die einzigen, die die Welt hervorgebracht hat, jawohl die einzigen. So sieht es aus. Ich weiß, was du sagen willst. Das klingt schon wieder so... – reich mir das Wort! – übertrieben, aber das ist es nicht, was ich meine. Wir wurden nicht in irgendwelche Luftschutz-Nächte hineingeboren, das ist kein Verdienst, sondern ein Fakt. Wir wurden nicht zurechtgebombt wie die Jahrgänge vor uns, wir mussten die Sache nicht selbst in die Hand nehmen, sie war sozusagen fertig, wann immer wir – ich will jetzt nicht sagen: am Tisch saßen, das klingt so konsumistisch, das meine ich nicht. Nutznießer, das waren wir, in gewisser Weise, so etwas ist man immer nur in gewisser Weise, ich meine, das Leben ist mit einem noch lange nicht fertig, nur weil man an einer bequemen Stelle sitzt. Sowas kann sich ändern. Nein, darum geht es mir nicht. Worum dann? Gute Frage.
In Wahrheit sind wir von den Erfahrungen derer, die vier, fünf, sechs, sieben, acht Jahre vor uns geboren wurden, durch eine so ungeheuerliche Kluft getrennt, dass ich mich frage, ob wir mit ihnen überhaupt eine Generation bilden können. Denn darum geht es doch. Ich sehe die Sache so: Wenn sie eine Generation sind, dann sind wir keine, jedenfalls keine eigene, sondern so ein Nachklapp, eine Nachgeburt, Nachschleicher, wenn du willst, ja Schleicher, sagen wir doch, wie’s ist. Das hören sie nicht so gern, wer hört das schon gern, niemand hört das gern, aber es ist doch wahr. Es ist unsere Wahrheit, sie hört sich beschissen an, aber man kann ihr doch einmal versuchsweise ins Auge blicken.
Nein, deshalb sind wir noch keine Demokraten. Hat das jemand behauptet? Wie auch immer, ich würde ihm widersprechen. Es ist nur die Voraussetzung für das, was ich sagen will, wenn man mich freundlicherweise einmal nicht dauernd unterbricht. Also, was ich sagen will… Das ist jetzt albern, ich weiß nicht, was das soll. Ich kann auch aufhören, wenn ihr wollt. Wir sind Demokraten, weil man uns dazu gemacht hat. Das klingt schon wieder trivial, lacht ruhig, ich muss ja selbst lachen, hört mir doch mal zu. Ich weiß nicht, was daran komisch sein soll. Pw, lass die Faxen, ich finde das albern.

Die Welt wird täglich besser
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Also a.
Die Väter sind Nazis oder Anti-Nazis, in meinem Fall Anti, das ist jetzt die Gnade der richtigen Geburt, da könnt ihr stänkern, aber das ist so. Also. Die Re-Education ist ein Riesenflop, das weiß jeder, nur warum, das weiß nicht jeder, eigentlich kaum jemand. Wenn du es weiß, dann sags doch, sags doch. Was meinst du? Weil Psyche nicht so funktioniert? Gut, das mag wahr sein, das kann ich nicht beurteilen. Ja, ich sags doch, es kann wahr sein. Hört mir doch einmal zu. Es kann nicht funktionieren, weil, weil... Propaganda so funktioniert. Erst kommen die einen, dann kommen die anderen, dann wieder die einen, dann wieder die anderen. Propaganda ist eine Kippfigur, versteht ihr? Der Gegner ist schon einmontiert, er kommt mit zur Sprache, er ist schon da.
Wenn einer heute aus dem Osten kommt, ich meine jetzt: abhaut, und das hier sieht, dann sagt er sich: Also doch. Man kann das Skepsis nennen oder einmal-Nazi-immer-Nazi, das ist ganz egal, der Wolf frisst Kreide, so ist das System, homo homini lupus. Aber: homo homini deus, der Mensch will sich und anderen Gutes tun, zunächst einmal sich, das ist schon richtig. Doch diese Grenze ist nicht ... nicht besonders gut gezogen. Ist doch klar, was das heißen soll: meine Familie – bin das nicht ich? Meine Freunde – bin das nicht ich? Natürlich bin das nicht ich, aber es sind doch meine Freunde, sie gehören zu mir. Wenn ich mit jemandem eine Firma aufbaue und ich ziehe ihn gleich über den Tisch, dann wird das nichts mit der Firma, wenigstens muss ich abwarten und während dieser Zeit bin das eben auch ich.

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Also b.
Der Wolf frisst Kreide. Er ist gar kein richtiger Wolf mehr, ein Engel auch nicht gerade, aber den brauchen wir hier nicht, den lassen wir in der Schublade. Der Wolf ist kein Wolf mehr, warum? Da ist der Punkt, auf den ich hinaus will: weil er seine Familie nicht beschützen konnte. Das mit dem Vaterland ist ja eine kitzlige Größe, Vaterländer bestehen sozusagen aus Siegen und Niederlagen. Da herrscht so eine Art Pulsieren, in das der Einzelne mit hineingezogen wird, aber was ihn presst oder weitet, das ist doch nicht er selbst, und wenn man erstmal kapiert hat, dass man von Verbrechern... also da fällt der Abschied vom Vergangenen nicht so rasend schwer, möchte man meinen, es sei denn, man leidet an einer Art Komplizen-Syndrom, sowas gibt’s natürlich, die Gründe liegen ja auf der Hand. Aber die Familie – das ist er selbst. Der Bombenkrieg, die Vergewaltigungen im Osten, die munteren Fräuleins im Westen, auch die, natürlich: darüber muss man schweigen. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Ein erfolgreicher Nachkriegssatz. Darüber muss man schweigen. Wer quatscht, stört. Also: der Wolf ist nicht länger Wolf, er löst sich auf, Einzelne ausgenommen, die geben dann die Bosse. Ja, richtig, in Afrika passiert sowas auch, jedenfalls zum Teil, Vietnam, Laos, Kambodscha, was weiß ich, frag doch den Scholli, der kennt sich da aus. Das passiert überall, wo sowas… geschieht.

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Also c.
Wir sind keine Zeugen der Niederlage, wir sind ihre Kinder. Wir wurden in Freiheit geboren. Mach deine Witze, wahr ist es doch. Wir sind frei geboren, sind wir das nicht? Die Familie hat man notdürftig repariert, Betonung auf Notdurft, die Häuser stehen wieder, im Schutt dazwischen spielen wir Indianer und Cowboy, die Ratten vermutlich auch, aber die fragt ja keiner. Die Erwachsenen lesen wie die Blöden Camus, warum, fragt auch keiner. Warum? Das weiß doch jeder. Die Ratten, erst drinnen, dann draußen, tolle Metapher, versteht jeder, aber wie kann es sein, dass wir den Arzt, ich meine, haben wir den übersehen? Wie schön, dass wir jetzt die Geschichte aus seiner Sicht, ich meine, das baut doch auf, oder? Soviel zu den Erwachsenen. Jetzt zu uns. Krieg, Nazis? Sowas gibt’s doch gar nicht. Wir wissen nicht, worüber sie reden, wir wissen nicht, worüber sie schweigen. Wir wissen es nicht, es hat keine Realität, es existiert nicht, es ist nichts für uns. Das meine ich. Es ist nichts für uns.
Meine Schwester ist ein Kriegskind, sie weiß etwas, was ich nicht weiß.
So geht das Spiel. Frage: Wer will es spielen? Meine Schwester gehört schon zu den Erwachsenen, komisch, dabei ist sie ein Kind, fast wie ich. Sie ist dabei gewesen. Wenn einer von uns den Mund aufmacht, gibt’s eins drauf: er weiß nicht, wovon er redet. Was weißt denn du? Selbstredend erfahren wir nichts, außer in Andeutungen, die keiner versteht. Auf der Penne ändert sich das, schön langsam, unter grotesken Verrenkungen, den Alten kann man damit nicht kommen. Die Schule, das sind die anderen. Was wissen denn die? Natürlich wissen sie, aber sie werden sich hüten, es auszuspucken, man selbst hütet sich doch auch. Das ist schließlich kein Stoff, den man an Kinder ›vermittelt‹, allenfalls ganz vermittelt, ganz entfernt, abgerissen, außer jedem Zusammenhang. So sieht es aus. Wir haben die Freiheit, wir wissen nichts. Nescio ergo sum. Das meine ich, wenn ich sage, wir sind die Kinder der Freiheit.

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Also d.
Wir haben uns nicht gegen die Familie entschieden. Die Familie hat sich entschlossen, uns ihre Geheimnisse nicht zu verraten. Sie hat sich gegen uns entschieden. Darüber ist sie zu Grunde gegangen. Jawohl, zu Grunde. Statt der Geschichte auf den Grund zu gehen, haben wir die Erzählung anstandslos angenommen, die wir bekommen konnten. Ich sage ja nicht, dass sie falsch war. Sie war nur allgemein. Die Medien haben uns gemacht, komplett, mit Innenleben und allem, natürlich nicht vollständig, sowas gibt’s nur in der Science fiction oder in den Psycho-Camps der CIA, ich meine damit eher, sie haben uns in Stellung gebracht. Der Vater war entweder Widerstandskämpfer oder dabei. Also fast immer: dabei. Der eine zu groß, der andere zu klein, Held oder Arschloch, dazwischen nichts. Zu uns ist keiner nach Hause gekommen, für uns sowieso nicht. Was ich damit sagen will? Ich sage nur:
FÜR UNS IST KEINER NACH HAUSE GEKOMMEN.
Die ›Mauer des Schweigens‹, erinnerst du dich? Natürlich erinnerst du dich, ich weiß gar nicht, was das jetzt soll. Also ich komme dir jetzt weit entgegen, ich rekonstruiere die allgemeine familiäre Situation damals, ich will jetzt nicht vergleichen, wo es nichts zu vergleichen gibt, das wäre ja … danke, du nimmst mir das Wort aus dem Mund. Verbindlichsten Dank. Sehr hilfreich. Ich kann auch abbrechen.

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Die Geschichte ist die Geschichte. Wir sind in die Geschichte hineingeplumpst wie … wie die Sperlinge, jeder hat sich aus ihr herausgepickt, was ihm geschmeckt hat, obwohl das Ganze uns überhaupt nicht geschmeckt hat.
Wir sind Ist-Demokraten, keine Soll-Demokraten.
Wir sind keine Leute, die erst überzeugt werden mussten. Ich meine jetzt: innen. Ist der Unterschied wichtig? Ich denke schon. Verdammt, jetzt habt ihr mich durcheinander gebracht. Ich wollte etwas über die Mütter sagen: zwangssolidarisch. Blödes Wort, ich weiß das selbst, spuck es aus, wenn dir ein besseres einfällt. Übrigens mit beiden Seiten. Also zerrissen. Was das jetzt wieder bedeutet? Ich weiß es noch nicht, aber ich werde es herausfinden. Die Familie ist in den Müttern zu Grunde gegangen. Wie? Das weiß keiner. Das ist ein Geheimnis. Du solltest dich schämen. Hört auf. Ihr solltet euch alle schämen. Apropos: der Väter schämt man sich öffentlich, der Mütter im Geheimen. Jetzt ratet mal, welche Scham mächtiger ist. Ich? Nein. Ich schäme mich nicht. Leckt mich.

Seminartag oder:
Seien wir mutig, seien wir froh

Kärich verfolgt einen Gedanken und fühlt sich dabei verfolgt

Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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Des Dozenten Gesichtsmuskeln, durch die Frage gespannt, eine Projektionsfläche erster Güte: was wäre, wenn er jetzt ein wenig in Wallung geriete ... oder ins Stottern ... oder ins Vordenken... Man kommt, als Student, nicht oft in die Pyramide, da will man Schauspiel, am besten pur. Der Dozent pflegt die mäandernde Rede, das wissen sie schon.

Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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Nach der Pause reden wir weiter.

Rendezvous mit einer Ohrfeige

Kann man ein Land ohrfeigen? Man kann.

Rendezvous mit einer Ohrfeige
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Aus Träumen herauftauchend, eine Aufgabe festhaltend, die sich zum Gedanken einerseits, zum Bild andererseits verfestigt, ohne schon zu verfestigt zu erscheinen. Auch bleibt es ungewiss, ob das, was da als Aufgabe heraufdämmert, als deine Aufgabe begriffen werden soll oder als eine, deren Ausführung, durch wen auch immer, in den Raum gestellt wurde – was ihre Dringlichkeit keineswegs geringer, nur eben anonym werden ließe: diese Aufgabe knüpft sich auf unbegriffene Weise an die Zahl vierundzwanzig, genauer, an das Bild oder die vage bildhafte Vorstellung, an der das Meiste assoziiertes Gefühl bleibt, von ebenso vielen, vorerst leer blickenden Rahmen, die den Halb-, Viertel- und Nicht-mehr-Schläfer durchgeistert. Was die Aufgabe angeht, so lässt sie sich leicht formulieren, obwohl du das immer wieder hinausschiebst, vielleicht, weil es dir vorkommt, als gerate das Formulieren hier leicht auf Abwege oder decke mit kräftigen Lettern gerade das zu, was gesagt werden müsste, um dem Erträumten gerecht zu werden. Doch in Wahrheit bleibt es wie alles begründungslos.

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Vierundzwanzig Bilder, lautet die Aufgabe, hätten das wechselnde Antlitz einer – dir übrigens unbekannten – Person vorzustellen, die, aus ihrem Alltagsleben herausgeholt, auf eine kurze, lange Reise in den verordneten Tod geschickt wird

Rendezvous mit einer Ohrfeige
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der ›sie erwartet‹, wie man so sagt, mit einem jener rätselhaften Ausdrücke, die sich um diese grausigen Prozeduren gebildet haben, während es doch so ist, dass sie ihn erwartet, aber so, wie ihn Menschen erwarten, wenn sie genötigt werden, die Spanne zwischen zwei Ungewissheiten auszufüllen, ohne dass es etwas zu tun gäbe, in dem sie Vergessen fänden oder auch nur die Art von Ungewissheit, die dem Leben, dem einfachen, wirklichen Leben gemäß wäre, weil es nun einmal ist, wie es ist, selbst dann, wenn jemand unter die Räuber und Vergewaltiger fällt.

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Vierundzwanzigmal also das Schweißtuch der Veronika, abgenommen einem jungen, seiner Auslöschung entgegenreisenden Mädchen, dessen Traumnamen du vergessen hast, was seltsam ist, weil der Traum ihn eigens herbeischaffte, als sei da noch etwas ausgespart geblieben, das um keinen Preis ausgespart werden durfte, während das Gesicht –

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Warum vierundzwanzig?

Rendezvous mit einer Ohrfeige
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Ganz einfach, könntest du dir sagen: 6 x 4, das Problem des Würfels, der in die Ebene drängt. Doch so einfach lässt das Problem sich nicht aus der Welt schaffen. Warum auch. Ein Problem hat ein Recht zu existieren, etwa wie ein Mensch, ein Baum, ein Vogel, ein Rosinenhügel oder, deinethalben, ein Rosmarinstrauch. Das Problem des vierundzwanzigmal leeren Rahmens lässt sich schwer formulieren, die Frage, warum es existieren sollte, nimmt daher ungebührlichen Raum ein, eine Zeitlang kommt es dem Viertel- oder Achtelträumer so vor, als bestehe Deckungsgleichheit zwischen Problem und Frage, doch schon schiebt das Problem sich wieder nach vorn, leer, wuchtig, wenn er nicht aufpasst, erschlägt es ihn vor dem Aufwachen. Du versuchst dir die Reihe der Passionsrahmen vorzustellen, das geht wohl nicht anders als dadurch, dass du sie mit Inhalten füllst

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die Inhalte strömen herbei, fast könnte man sagen, sie reisen an, manche zu Fuß, manche in komfortablen

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Schüben

Rendezvous mit einer Ohrfeige
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diese junge Frau, zweidimensional auch sie, die sich sachte ablöst von ihrem Grund und vorbeischwebt, wirkt nicht verzweifelt, eher jenseits der Verzweiflung, besäße sie Augen, so sähe man gleich, wie es um sie steht, nun gut, sie besitzt welche und man sieht, wie es um sie steht, aber nur für den Augenblick dieses gedanklichen Zugriffs, lockert er sich, so verschwinden sie und man sieht nichts oder, besser vielleicht, seltsam wenig, denn nichts zu sehen ist nicht so einfach, das gilt für jeden Zustand, gleichgültig ob Wach- oder Schlaf- oder Traum-. Ob es etwas zu sehen gibt oder nicht, bestimmt nicht der Träumer. Er bestimmt nur die Auswahl. Bestimmt er sie? Nun, nicht wirklich, er fährt mit dem Stift hin und her, unterstreicht dies, lässt jenes dahingestellt sein, er träumt ja nicht bewusst, er gleitet.

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Dass er von ihr angerührt wird, ist ganz normal, es betrifft

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keinen von ihnen direkt, müsste er denken, doch der Gedanke ist gerade nicht auffindbar, vielleicht gelöscht, es gäbe ihn also, nur hinter Gittern

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einen Gedanken kann man nicht aus der Welt schaffen

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nein, das geht nicht, es geht wirklich nicht, der Weltknoten, der dich hervorgebracht hat, ist nicht auf bestimmte Gehirne beschränkt, er ist nicht randscharf, denkst du, nun ganz du selbst, aufrecht, ein wenig schläfrig noch, das ist der entscheidende Punkt: er sitzt in den Übergängen und jeder Versuch, ihn von außen zu fassen, lässt ihn herein. Lässt ihn herein. Vermutlich ist das der Grund für Gedankenphobien. Die Leute fürchten die Ansteckung und lassen sich allerhand einfallen, um ihr zu entgehen. Ob’s hilft, weiß nur die Zukunft. Das Wissen der Zukunft ist unbegrenzt, jedenfalls liegen seine Grenzen nicht dort, wo man sie gerade vermutet. Dennoch: du weiß schon, dass du niemals mehr wissen wirst als jetzt. Du weißt überhaupt mancherlei.

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Man kann sich einem Gedanken verweigern. Einem bestimmten? Ohne ihn bestimmt zu haben? Wie gründlich muss man einen Gedanken kennen, um ihn verweigern zu können? Ist ein Gedanke, den man in- und auswendig kennt, noch zu verweigern? An welcher Schwelle?

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Man kann den Ort unkenntlich machen, an dem er, erst einmal in der Welt, sich unweigerlich einstellen würde. Doch das gelingt nur unvollkommen. Der Gedanke wird diesen Ort weiterhin umkreisen, eine einsame Dohle, die Menschen durch ihr Gekrächze erschreckt. Die Einsamkeit der Gedanken... worin besteht sie? In der Einsamkeit, mit der bezahlt, wer sie denkt? Das wäre unwahrscheinlich, sehr unwahrscheinlich, die Menschen lieben an ihresgleichen die Einsamkeit und werden, Zaungäste, die sie sind, davon angezogen, sie bewundern die Posen und ahmen sie nach, wo sie können. Nur die Einsamen gebärden sich, als seien sie Mittelpunkt eines Pulks. Tronka zum Beispiel … Gibt es Gedankenträger? Gibt es Menschen, die man nur totschlagen müsste, um einen Gedanken … oder zerschlagen, um ihn herauszulassen? Geheimdienste etwa sind Maschinen zum Herauslassen von Gedanken, vor allem solcher, die ihr Träger ungern herauslässt. Jedenfalls muss man nachhelfen, damit die Quelle sprudelt, den Zapfen hineintreiben, irgendeinen, aber es gibt schon spezielle. Geheimdienste, heißt es, sind zynisch in ihren Methoden, die Ergebnisse sind es vermutlich auch: da liegt der Fund und er lebt, jedenfalls atmet er noch. An einem toten Gedanken ist niemandem gelegen. Sein Nutzen ist, vorsichtig gesprochen, ›begrenzt‹.

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Warum vierundzwanzig?

Rendezvous mit einer Ohrfeige
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Nie ist die Fremdheit des Geträumten so groß wie an dem Wendepunkt, an dem der Nicht-mehr-Träumer versucht, es umzumünzen in Tagesgedanken.

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Dieser dicht vor einem Menschen aufgerissene Tod... wie soll das gehen? Kann einer, aus der Ruhe eines vorsichtig angebrochenen Nachmittags kommend, in gewisser Weise sicher in ihr navigierend, kann so einer die, sagen wir, schreckgeweitete Muße aufbringen, sich in das Mysterium zu versenken? Offenbar nicht. Allein die Rede vom Mysterium wird, sagen wir, dem Gegenstand nicht gerecht, sagen wir, sie verfehlt ihn drastisch. Doch der Rede vom Gegenstand geht es nicht besser, sagen wir, sie objektiviert zynischerweise, was nicht objektiviert werden kann, weil die Objektivierung zweifellos selbst eine Art Hinrichtung, eine verweigerte Anteilnahme... sagen wir also, auch dieses Wort, wie die ganze Kette, ist falsch. Denn Anteilnahme, das wäre doch, als könne eine solche Erfahrung sich mitteilen, als sei sie nicht die streng verschlossene Frucht eines Lebens, das vor allem zurückweicht, was weiter lebt, als sei

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die Tendenz zum Schwafeln das einzig Wirkliche, das zurückbleibt.

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Eine Zahl hilft, sie ist ein Erzeuger. Was sie erzeugt, steht in den Sternen. Was in den Sternen steht, lächelt dich an. Was dich anlächelt, nun, das bringt dich in Fahrt. Beweise dich! Nicht jede Zahl lächelt, eine lächelnde Zahl unter so vielen gleichgültigen ist, als Fund, unwahrscheinlich genug, um zu bedeuten, ganz ohne Bedeutung, ohne weiteres. Nimm sie hin! Nimm sie! Besseres wirst du nicht finden. Andere Zahlen liegen starr und verbogen im Gelände, ausgeglüht, könnte man sagen, gekrümmt von Bränden, die deine Vorstellungskraft überfordern

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offenbar ging es denen, die dabei waren, nicht anders, der gebrochenen Vorstellungskraft sagt vieles nichts, anderes alles, dazwischen die Lücke, ihr eigentliches Terrain

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als sei, wer dabei war, auch irgendwie beteiligt gewesen, ein Teil des Brandes, ein Stück niedergebrannten Feuers, das man umschleicht, als bräche es hinterrücks wieder aus, unfähig, Rede und Antwort zu stehen, unfähig, Fragen hervorzulocken, die nicht schon die Antwort

Rendezvous mit einer Ohrfeige
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die scharfe, apercuhafte Haut dieses Mädchens

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der Gedanke, der langsam zu brennen beginnt

der Archipel

Der Parasit

Der Parasit
1

Was zum Beispiel macht den Studenten B angenehm? Er kommt gelegentlich in die Pyramide, er ›interessiert sich‹. Die Universität der Zukunft gibt ihm Bemerkungen ein, die andere als Zynismen abtun würden. Tronka, der ihn seit langem kennt, bemerkt etwas darin, was er nicht zu benennen wüsste, verspürte er das Bedürfnis, es zu benennen, was nicht der Fall ist. Auf seine unauffällige Art findet B sich an den Schaltern, dort, wo es ein kleines Extrapensum zu bewältigen gilt, wo eine Hilfstätigkeit winkt, eine Sonderbeziehung sich auftut. Nein, er strotzt nicht von Leistungsbereitschaft, das fiele anders auf. Er ist der Typ, der gern dabeisteht oder ‑sitzt, wenn ›etwas Vernünftiges‹ geschieht. Also wirkt er – im Gegensatz zu den Kommilitonen, die, alles in allem, nicht unvernünftig wirken – vernünftig: da liegt die Differenz. B wirkt, in aller Vernünftigkeit, unvernünftig, als treibe ihn ein geheimer Mechanismus der Selbstzerstörung oder, vorsichtiger ausgedrückt, der Selbstverhinderung an. Tronka, in der Position des Älteren-und-Erfahreneren, möchte ihn gern fragen, warum er mit Lust sich selbst im Weg steht. Aber stets überkommt ihn der Impuls dann, wenn der andere schon gegangen ist. In dessen Gegenwart scheinen sich solche Reden zu verbieten, sie wirken ungehörig, unpassend, vielleicht sogar unerhört. Studienplanung ist Bs Stärke, er hätte drei unterschiedliche Studiengänge an verschiedenen Universitäten belegen können, ohne sich zu verausgaben.

Der Parasit
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Die Pyramide erfüllt ihn mit Scheu, vielleicht mit Abscheu, wie sie Parteigänger eines vergangenen Regimes gegenüber dem neuen Machthaber empfinden, der ihnen wider Willen imponiert und dem sie sich, vom Machtbezirk magisch angezogen, bereits andienen. Gut möglich, dass er auch das nicht bemerkt, vielleicht ist er nur auf der Hut vor sich selbst und dem harschen Urteil, das er von dort zu erwarten hätte.

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Macht und Verrat: in Bs Wortschatz liegen beide obenauf, als empfange er verschlüsselte Nachrichten von einem offiziell verschollenen U-Boot, das in fernen Weltmeeren kreuzt und zwar nur Weniges, aber immer Bedeutsames zu berichten weiß. B, ein junger Mann, auf den Tag fast so alt wie der Staat, dessen Bürger sie sind, überspringt die Hürde zur Vergangenheit spielend. Wo andere stranden, weil die Erinnerung sie einholt oder sie kompensieren müssen, dass es für sie nichts zu erinnern gibt, stößt er fast nach Belieben vor und zurück: meistens, so scheint es Tronka, mit Gewinn.

Der Parasit
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Eike B, der klassische Fall eines Studiums aus gespaltener Motivation. Erstens: es ist undenkbar für ihn, nicht zu studieren, das Elternhaus lässt es nicht zu. Zweitens: es ist undenkbar für ihn, zielstrebig zu studieren, denn das hieße den Willen des Vaters zu erfüllen. Drittens: es ist gut denkbar, nicht zu studieren, sehr gut denkbar sogar, man muss darüber nachdenken. Viertens: es ist gut denkbar, zu studieren und danach etwas anderes zu machen, etwas ganz anderes. Das, immerhin, brächte Sinn ins Leben. Fünftens: es ist denkbar, zu studieren und nicht zu studieren, die erwartete Leistung zu verweigern und damit aufzufallen. Sechstens: es ist denkbar, aber nicht auszudenken, dass einer wie er sich der gängigen Lehre auf Gedeih und Verderb ausliefert.

Der Parasit
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Der letzte Punkt vor allem gibt zu denken. Sollte es sein, dass dieser junge Mann etwas weiß, was seine Dozenten, weil sie’s verdrängt, vielleicht auch verschlafen haben oder aus lauter Konformismus zu lehren vergessen, nicht oder nicht mehr wissen? Vielleicht, weil es sich mit ihrer Spiegel-Lektüre nicht verträgt oder weil sie sich vor den Attacken rabiater K-Gruppen fürchten oder weil sie einst von der revolutionären Studentenschaft auf ihre Stellen gespült wurden und sich seither in Gesinnungsgewahrsam befinden? Klar und gerade kann sich das Gegen-Wissen, mit dem B punktet, nicht aussprechen. Das wäre vielleicht auch zuviel verlangt. Da es nicht gelehrt wird, nimmt es nirgends die Form des Gelehrten und Geklärten an. Abgerissen, unkoordiniert, assoziativ steigt es in seine Rede, die ansonsten sanft bleibt, mit einem leisen Krähen darin, einem gedämpften Hahnschrei, der herauswill und nicht weiß wohin.

Der Parasit
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Nur: worin besteht dieses Gegen-Wissen? Worin kann es bestehen? Beharrt es trotzig auf älteren Wissenschaftslagen? Woher diese Informiertheit? Es kann doch nicht sein, dass ein Student etwas weiß, was seine Professoren vergessen haben. Nein, das kann nicht sein, so zu denken führt unmittelbar in die Sackgasse. Andererseits: B ist eine Leseratte, immer unterwegs im verzweigten Abwassersystem der Bibliotheken, dort, wo das Rauschen vergangener Wissensstände ans Ohr schlägt und sich auf Grund des allgemeinen Dunkels die Wahrnehmung schärft. Nicht zu vergessen das Stöbern in Antiquariaten, als exzessiver Sport betrieben: hier lagern in dichten Reihen die vierziger und fünfziger Jahre, schon die frühen Sechziger mit ihren helleren und bunteren Einbänden wirken unseriös, da zeitnah.

Der Parasit
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Kein Zweifel: Bs so altklug wirkender Kopf beherbergt einen Antiquariatsnarren, den die Mentalität seiner Mitmenschen langweilt und der auf dem Stand zu sein sich konsequent weigert. Mit dem Vergangenen durch sein – wie stellt man das an?

Der Parasit
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B erzählt nicht, wenn erzählen berichten heißt: er deutet an, setzt voraus, bezieht sich. Er ist die Nachricht und das ist alles andere als amüsant. Dennoch spricht er lang und gern über Amüsantes. Vielleicht amüsiert er sich, vielleicht zu Tode, weil alles so langweilig ist, vielleicht, weil der innere Reichtum ihm nichts anderes eingibt, vielleicht, weil er diesen Epochenblick besitzt, der weiß, dass er in einer Ära des billigen Vergnügens lebt, und dass er seine Zeit versäumen würde, wenn er es darauf anlegte, dem Vergnügen auszuweichen. Andererseits –

Der Parasit
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Das Vergnügen der anderen zieht ihn zu sehr an, als dass er Spaß haben könnte, wirklichen Spaß, der nicht nach links oder rechts blickt, weil er sich unaufhaltsam entrollt. B ist ein Mann des mageren Spaßes, der wendig nach links und rechts blickt, um den der anderen nicht zu versäumen. Dennoch erstaunt, aus seinem Mund einen Satz zu hören, den man eher von Bierfahrern oder Auto-Testern erwartet hätte:

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Geht sie denn ab? Wirklich? Und wenn ja, wohin? Stürzt sie wie eine Lawine zu Tal, hierhin und dahin, den einen oder anderen Einzelgänger erschlagend, begrabend, mit sich fortreißend, bis sie am Dorfrand zu stehen kommt, in sinnloser Höflichkeit, da die Bewohner alle geflohen sind und nun mit einer gewissen Enttäuschung in ihre Häuser zurückkehren, wo alles an seinem Platz steht und geringschätzig auf die Eigentümer herunterblickt, die es wegen einer solchen Lappalie, aus reiner Furcht, im Stich gelassen haben?

Der Parasit
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B sagt solche Sätze, ohne sich von der Stelle zu rühren, er wartet still ab, was geschieht, wenn die Dynamik schwillt, als vergnüge er sich am Blick in die rasenden Speichen, wenn andere aufdrehen. Er bittet sie förmlich aufzudrehen, nein, er schafft ihrem Wunsch aufzudrehen ein Ambiente, in dem er sich künstlich entfalten kann, so klein oder unvorhanden er auch gewesen sein mag. Als betrete mit ihm die Devise den Raum: Lasst zwei, vier, hundert Titanen um mich sein. Und sie schafft es im Handumdrehen. Wo eben noch Entspannung herrschte, ›Entspannung pur‹, wie die Werbesprache das nennt, trägt jeder erbittert an seinem Los und an dem der anderen, der Zeit und des Universums und nicht zuletzt, denn auch das muss gesagt werden, am Los der Mutter, dem schwersten von allen.

Der Parasit
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Nur B geht es gut, er ist mit sich im Reinen und lächelt. Leichtsein ist alles.

Eikes Gesetz
Projektion

Die Welt ist voller Gesetze
Eines mehr schadet nicht

Eike001
Eike B ist nicht einer. Eike ist, solange er denken kann, zwei.
So forsch er redet, so ängstlich hört er sich zu.
So ängstlich er sich antwortet, so hochmütig hört er sich zu.
Eike001
Er träumt von der wirklichen Wende.
180 Grad und er ist dabei.
So forsch er sich antwortet, so ängstlich hört er sich zu.
Eikes Vaterkomplex ist legendär.
Eike001
Erinnerung schmerzt.
Diese schmerzt anders.
Eike001
Eikes Vater: Dentist. Ein Wunder an Präzision.
Eikes Mutter: ein Abgrund an Unbestimmtheit.
Eike will genau sein.
Eike ist unbestimmt.

Es ist die Mischung, die den Vater gegen ihn aufbringt.
Eike001
Jeder sehnt sich danach, dass der andere ihn versteht.
Beide lehnen es ab, den anderen zu verstehen.
Beide sind überzeugt davon, sie hätten verstanden.

Vater und Sohn:
jeder enttäuscht vom anderen,
jeder enttäuscht von sich selbst.

Zwischen ihnen: der Abgrund.
Eike001
Eikes Mutter, das ist:
der lebenslange Groll gegen den Vater.
Mutters Groll plus Vaters Schmerz = Eikes Hass. Auf wen?
Das ist nicht so einfach.

Eike hasst den Vater.

Er hasst den Vater, wie dieser sich hassen würde,
litte er nicht unter dem Groll der Mutter,
sondern trüge ihn gegen sich selbst
aus Solidarität mit der Frau
an seiner Seite.
Eike001
Eike ist sich einig.
So kann man es sagen.
Worüber? Über die Welt da draußen.
Welche Welt? Eine Welt aus Geschichten.
Eike kennt die Welt aus Geschichten.
Tronka behauptet: Er kennt sie alle.
Eike ist Tronka-Schüler und lehnt ihn ab.
Eike001
Jede dieser Geschichten
hat eine Pointe.
Eike001
  • ―Welche Pointe?
  • ―Das kann ich dir verraten.
  • ―Dann verrat’s mir.
  • ―Warum? Damit du es gegen mich verwendest?
  • ―Warum sollte ich so etwas tun?
  • ―Weil es dir einen Vorteil verschafft.
  • ―Welchen Vorteil?
  • ―Ich liefere mich dir aus. Du kannst mich in die Pfanne hauen.
  • ―Ich denke nicht daran, dich in die Pfanne zu hauen.
  • ―Jetzt nicht. Dann vielleicht schon.
Eike001
Eike sucht das Gespräch.
Welches Gespräch?
Das Gespräch an sich.
Das Gespräch außer sich.
Das Gespräch der anderen.
Das Gespräch als Bereicherung.

Er bereichert sich an gefallenen Worten, als fielen sie ihm zu.
Eike011
Wann fallen Worte? Wie fallen Worte?
Wohin fallen sie, wenn keiner sie aufgreift?
Das sind so Fragen.
Sobald keiner hinsieht, greift Eike zu.
Er ist ein Nascher.
Er ist ein elender Nascher.
Eike001
Ist Eike politisch?
Er ist misstrauisch.
Beantwortet das die Frage?
Sein Misstrauen deckt den Raum der Zuversicht ab.
Politik spielt im Raum der Zuversicht.
Demnach deckt er sie ab.
Eike001
Eike besitzt Überzeugungen.
Zum Beispiel ist er überzeugt davon, dass Gedanken gefährlich sind.
In seinem Kopf wimmelt es von gefährlichen Gedanken.
Er hortet die Überzeugungen anderer Leute,
als müsse er auf sie aufpassen.

Sein Ideal:
Für jede Situation die passende Überzeugung.

Prost, Eike!
Eike001
Seine Freunde kennen ihn gut.
Hiero zum Beispiel macht sich Gedanken.
Er macht sie sich, niemandem sonst.
Er käme sich vor wie ein Verräter,
wollte er sie herauslassen.

Eike hingegen hat kein Problem damit, Hiero
oft und ausgiebig anzuschwärzen. Warum?
Ist Eike weniger Freund? Keineswegs.
Eike ist niemandes Freund.

In seinen Augen ist Hiero ein Niemand.

Eike001
Hiero . Eike

  • ―Habe Mut, dich deines Verstandes … zu … bedienen…
  • ―Welchen Verstandes? Wovon redest du da? Zeig ihn her!
    Zeig ihn mir!
  • ―Ich habe Verstand. Hast du keinen?
  • ―Ich habe Grips. Hast du Grips? Hast du wirklich Grips?
    Vielleicht hast du Grips. Mag sein, ich will das nicht untersuchen.
    Aber Verstand? Wer hat schon Verstand? Ich kenne keinen.
  • ―Das ist absurd.
  • ―Absurd wie das Leben.
  • ―Das Leben ist nicht absurd. Das Leben ist, wie es ist.
  • ―Das ist eine Tautologie.
  • ―Leben ist tautologisch.
Eike001
Hiero . Eike

  • ―Ich bin nicht das Leben. Ich bin keine Tautologie.
  • ―Logisch. Was bist du dann?
  • ―Anders.
  • ―Sehr richtig. Du bist ein anderer. Einer unter anderen. Warum solltest gerade du Verstand haben, wenn alle anderen keinen haben? Angenommen, es wäre so: dann wärst gerade du anders als alle anderen.
  • ―Vielleicht bin ich das ja. Das war ein Scherz. Wie kommst du darauf, dass alle anderen keinen Verstand haben?
  • ―Wie kommst du darauf?
  • ―Ich sage doch: Habe Mut, dich deines Verstandes…
Eike001
Eike . Hiero

  • ―Das sagst nicht du, das sagt Kant.
  • ―Kant ist tot. Also sage ich es.
  • ―Du plapperst es nach. Verstehst du es überhaupt? Was weißt du
    von Kants Verstand?
  • ―Kant redet von deinem Verstand.
  • ―Kant vielleicht. Du nicht.
  • ―Dein Verstand geht mich nichts an.
  • ―So ist es. Also lass ihn aus dem Spiel.
  • ―Hast du jetzt einen Verstand oder nicht?
  • ―Mein Verstand sagt mir, dass es nicht an meinem Mut liegt,
    wenn niemand sich seiner bedient.
  • ―An was denn dann?
  • ―An den Verhältnissen.
Eike001
Hiero . Eike

  • ―Welche Verhältnisse sollen das denn sein?
  • ―Verhältnisse, unter denen du praktisch tot bist, wenn
    du den Mund aufmachst.
  • ―Sagt das dein Grips oder dein Verstand? Du redest doch dauernd.
  • ―Ich rede, aber was ich denke, geht niemanden etwas an.
  • ―Wer ist Niemand?
  • ―Da gerade wir miteinander reden: Du vielleicht.
  • ―Soso, ich bin also niemand? Sagt dir das dein Verstand?
  • ―Nein. Er sagt mir gar nichts, solange wir miteinander reden.
  • ―Und danach?
  • ―Danach sagt er mir: Was ich denke, geht dich nichts an.
  • ―Hältst du mich für einen Mörder?
  • ―Nein. Für einen Agenten.
Eike019
Hiero . Eike

  • ―Das ist Paranoia. Glaubst du, ich spioniere dich aus?
  • ―Nein, das glaube ich nicht.
  • ―Was dann?
  • ―Ich glaube, du willst mich bekehren.
  • ―Das müsste ich wissen. Zu was?
  • ―Zu deinem Glauben.
  • ―Wieso das denn?
  • ―Du redest von Mut, aber in Wahrheit soll ich so reden wie du.
  • ―Und wie rede ich?
  • ―Wie alle anderen.
  • ―Das ist nicht wahr.
  • ―Genau das meine ich.
  • ―Das verstehe ich nicht.
  • ―Du glaubst, du würdest dich deines Verstandes bedienen und
    die anderen würden es nicht. Dabei redest du dasselbe Zeug wie alle anderen auch. Dein Verstand? Dein Verstand befiehlt dir, dich nicht zu weit von der Herde zu entfernen. Das ist dein ›Mut‹.
  • ―Und wer bist du?
  • ―Falscher Zug. Ganz falscher Zug.
Eike020
»Muntepan« heißt der Roman,
an dem Eike schreibt,
solange nichts gegen ihn spricht.
Er schreibt langsam, denn dagegen spricht viel.
Eigentlich alles.

Was spricht gegen einen Roman, der »Muntepan« heißt?
Eike ist überzeugt: Dieser Roman macht ihn berühmt.
Eike will berühmt sein.
Eike ist überzeugt: Berühmtheit hat ihren Preis.
Diesen Preis will er nicht zahlen.

Eike hasst die Berühmten.
Er will vergessen werden.

Das kann er haben.

Eike020
Eike schreibt gegen das Vergessen.

Das machen viele.

Eike schreibt gegen das Vergessenwerden.

Das ist ein Unterschied. Eike sagt:
Wer gegen das Vergessen angeht, der vergisst viel. Das ist ganz normal.
Man kann nicht alle Muskeln auf einmal spannen.
Ich selbst bin einer, den man vergisst.
Ich werde gewesen sein und keine Spur hinterlassen haben,
es sei denn, ich lege eine.
Ich kann das.
Aber darf ich das auch?
Eike022
Das ist Eikes Frage:
Darf ich das auch?
Darf man das?
Ist das sittlich erlaubt?

Würden alle Bücher schreiben, dann würde sie keiner lesen.
Würden alle Professor, dann gäbe es kein Wissen.
Würden alle Politiker, dann gäbe es nichts zu regieren.
Würden alle Priester, dann gäbe es nichts zu glauben.

Alle menschlichen Dinge hängen an diesen vier Wörtern:
Es gibt einen Unterschied.

So denkt Eike.
Eike023
Wenn es einen Unterschied gibt, dann deshalb, weil jemand ihn macht.
Wer keinen Unterschied macht, gibt es den überhaupt?
Nein, denkt Eike, den gibt es nicht.
Mache ich einen Unterschied? Nein.
Folglich gibt es mich auch nicht.
Ich bin einer der vielen, die keinen Unterschied machen.

Quod licet Jovi non licet bovi.

Eike ist Lateiner. So etwas, findet er, macht einen Unterschied.
Das, findet er, ist keine frohe Botschaft.
Eike vergisst schnell.
Eike024

Eike will der Mensch sein, der keinen Unterschied macht.
Er sagt: Lasset die Menschen zu sich kommen
und wehret es ihnen nicht.
Er sagt: Ich bin keiner. Ich bin viele.
Ich will alle sein.
Ich will wie alle sein.
Ich will nicht auffallen.

Das ist meine Art aufzufallen.

Das sagt er nicht, aber er denkt es.

Er will das nicht denken, aber es denkt sich.
Ja, es denkt sich. Warum denkt es, wenn er denkt?
Er will, dass es geht.
Aber es bleibt dabei.

Eike025
Eike träumt von der Lehre.
Er sagt: Ich habe nichts zu lehren.
Ich vermittle Wissen.
Wirkliches Wissen ist niemandes Wissen.
Ich will niemand sein.
Dieser oder ein anderer.
Eike026
Eike denkt:
Ich gebe wieder.
Es sind nicht meine Gedanken, die ich vermittle.
Wenn ich wiedergebe, denke ich da überhaupt?
Ich denke mir meinen Teil.
Ich stelle ihn daneben.
Aber nur in Gedanken. Sage:
Muss ich mehr dazu sagen? Ich denke nicht.
Besser die Boote verbrannt als die Zunge.
Eike027
  • ―Ich bin Eike und wer bist du?
  • ―Ich höre dir zu.
  • ―Das gefällt mir. Gefällt es dir auch?
  • ―Teils-teils. Ich höre etwas und ich höre nichts.
  • ―Drücke ich mich undeutlich aus? Das wäre ein Fehler.
  • ―Du drückst dich deutlich aus. Aber eher wie eine Zigarette.
  • ―Das verstehe ich nicht.
  • ―Du redest, als ob wir beide schon wüssten, was wir von alledem zu halten haben.
  • ―Und? Stimmt das etwa nicht?
  • ―Ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher. So wie du redest, denke ich, dass du nichts davon hältst.
  • ―Wovon? Von alledem? Das kann man so nicht sagen.
  • ―Genau. Das meinte ich. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
  • ―Genau so meinte ich das nicht. Ich weiß, was ich sage. Aber ich dränge niemandem meine Auffassungen auf.
  • ―Sicher? Das ist merkwürdig. Ich würde mir gern selbst ein Bild machen. Doch deine Rede lässt das nicht zu.
  • ―Ich suche das Einvernehmen.
  • ―Unsinn. Du setzt es voraus. Du suchst es und du setzt es voraus. Du müsstest es herstellen. So wird das nichts.
Eike028
  • ―Was wäre evident?
  • ―Alles, was mich widerlegt.
  • ―Warum das denn?
  • ―Weil es schmerzt.
  • ―Zwingend?
  • ―Nicht zwingend. Aber naheliegend.
  • ―Muss alles, was evident ist, schmerzen?
  • ―Wenn ich etwas vorbehaltlos bejahe, was passiert dann? Es überwältigt mich. Es löscht mich aus. Es macht mich gleich.
  • ―Ist das schlimm?
  • ―Nein, aber ich bin immer noch da. Das schmerzt. Es nimmt mich nicht mit.
  • ―Du willst also mitgenommen werden?
  • ―Ja, das will ich.
  • ―Wohin?
  • ―Irgendwohin. Wüsste ich das Ziel, so wäre es schon kassiert.
  • ―Dann lass dich mitnehmen.
  • ―Das geht nicht.
  • ―Alles geht.
  • ―Aber es geht schief.
  • ―Alles?
  • ―So spricht der Versucher.
  • ―Was spricht gegen den Versuch?
  • ―Ich. Meinesgleichen.
  • ―Wer ist das?
  • ―Viele.
  • ―Das käme auf den Versuch an.
  • ―Nein. Es kommt auf die Sache an.
  • ―Welche Sache?
  • ―Das wird sich herausstellen.
  • ―Irgendwann?
  • ―Genau dann.
Eike029
Eike, ein Bild betrachtend, möchte genau das sein:
Teil des Bildes.
Er will mitmachen.
Das betrachtete Bild lässt ihn nicht ein.
Etwas ist falsch.

Eike lebt im Bann der Bilder.
Er sagt: Dieses Bild macht mich nicht an
und sucht die Schuld beim Bild.
Wer stellte es her?
Wem entzog er sich damit?
Eike030
Eike, gesetzestreu, träumt vom Gesetz.
Ein zweiter Moses, zerschmettert er Tafeln am Fels.
Aus diesem Traum gibt es kein Erwachen.
Das zerschmetterte Gesetz gilt.
Eike formuliert es neu:

ALLES ABWEGIGE LÄUFT.

So abwegig ist das nicht.

Vorschlag zur Güte

Vorschlag zur Güte
1

Guido, sich die Butter aufs Brot streichend, wendet sich zu Hiero:

Vorschlag zur Güte
2

Hiero, mühsam beherrscht:

Vorschlag zur Güte
3

Not my way, Johnny –

Wie ein erwachsener Mensch, sexuell unreif geblieben, bei bestimmten Wörtern oder Gesten ins Zittern gerät, so gerät der Mensch der Scham, auf bestimmte Gegebenheiten angesprochen, unweigerlich in Bedrängnis: Schweiß bricht aus seinen Poren, Rost blüht aus seiner Stimme, er fühlt den Zwang zu übergehen, was eigentlich gesagt werden müsste, und herauszuschreien, was endlich gesagt werden müsste, obwohl es unendlich besser ist, es sich zu verkneifen. Der Mensch der Scham ist verkniffen. Er fühlt sich besser, als er ist. Er fühlt sich schlechter, als er es zugibt. Warum fühlt er überhaupt sich? Er sollte fühlen, was alle fühlen, aber er fühlt sich. Scham isoliert. Soll er denn fühlen? Ja, er soll. Darin besteht das Gesetz der Scham: Fühle! Fühle dich! Du sollst wissen, wie es sich anfühlt. Du sollst wissen, wie es ist, wenn man sich schuldig fühlt. Wie, du bist dir keiner Schuld bewusst? Darin liegt deine Schuld, deine unermessliche Schuld, deine Schuld ohne Ende, weil du ihr den Anfang verweigerst. Nur der Anfang gibt Hoffnung aufs Ende. Nimm ihn an! Du musst sie fühlen lernen, tief in dir, erst dann bist du ohne Schuld. Warum weigerst du dich? Was in dir weigert sich? Da ist etwas Dunkles, Unaufgelöstes in dir, das dir eingibt, dir geschehe irgendein Unrecht. Ist es nicht so? Ist dir ein Unrecht geschehen? Willst du das Unrecht, das anderen widerfuhr, so einfach aus deinem Bewusstsein verbannen? Nein, das nicht? Das verstehen wir nicht. Wer A sagt und B verweigert, ist ein Lügner. Sage nicht, du hättest es nicht gewusst. Es ist eine Lüge. Was, du hast es gewusst? Lüge. Nichts hast du gewusst, sonst könntest du dich jetzt nicht so sträuben. Was willst du denn gewusst haben? Ganz recht: Das alles lag vor deiner Zeit. Daraus also ziehst du Entlastung? Wer Entlastung braucht, wie tief steckt der in der Scheiße? Du steckst ganz schön in der Scheiße. Doch eigentlich steckt die Scheiße in dir. Hol’ sie heraus! Entledige dich ihrer. Schrei es heraus: »Scheiße!« Brüll endlich: »Raus!« Du bist der Mensch der Scham, gestern wart ihr wenige, du und deinesgleichen, heute seid ihr viele und morgen gehört euch… Siehst du, so geht das. Schon würgt dich die Scham.

Vorschlag zur Güte
4
Dürrobst

Die Deutschen leben in einer Fäkalkultur. Sie finden scheiße, was damals geschehen ist, sie haben aus der Fäkalie ein Adverb gezogen, das macht ihnen keiner nach. Jedenfalls nicht so schnell, auf dieses Alleinstellungsmerkmal legen sie Wert. Was ist deutsch? Sehr einfach: es scheiße zu finden. Nichts geht leichter als Deutschsein: Finde es scheiße und du befindest dich mittendrin. Nicht wenige bemühen dafür die heilige Dreizahl: scheiße scheiße scheiße. Sie schrecken vor nichts zurück. Darin gleichen sie ihren Vorfahren, jedenfalls denen, die vor nichts zurückschreckten. Und darum geht es schließlich: aversive Mimesis, Nachspielen im Modus des Abscheus. Da staunen Sie! Es will Ihnen nicht zu Kopf? Ich will’s Ihnen glauben. An diesem Knochen habe ich selbst lang genagt.

Nassen

Das reicht ja bis ins Psychosomatische. Meine ganze Umgebung hat es am Darm. Eine Manifestation, wenn Sie mich fragen. Der deutsche Darm stranguliert sie alle. Wenn ich das so sagen darf. Die Mitgardschlange vermutlich. Darf man das so sagen? Ich weiß es nicht. Es ist ja schon ein bisschen geschmacklos. Und irgendwie auch scheiße gegenüber den Opfern. Ich finde Schweigen manchmal richtig. Man kann nicht zu allem schweigen, das ist auch richtig, aber Sprache ist auch Macht und wer zu allem etwas zu sagen hat, der bringt sich zwanghaft in eine Machtposition, die ihm nicht zusteht. Eigentlich steht sie niemandem zu. Die Deutschen müssen lernen, dass Deutschsein nichts Besonderes bedeutet, darin besteht ihre spezielle Lektion. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen. Jedenfalls wüsste ich nicht wie. Aber vielleicht sehen Sie eine Lösung.

Ophoff

Wenn mir mein Körper nicht mehr sagt, wann ich aufhören muss, dann sollte ich Hilfe in Anspruch nehmen. So schwer ist das gar nicht. Am besten geht das, wenn alle Seiten ihren Stolz ein wenig zurückschrauben. Ich glaube, ich kann das beurteilen, weil ich schon Fälle gesehen habe, ich meine jetzt, das ging da ins Existenzielle. Da wieder herauszukommen ist gar nicht so einfach.

Dürrobst

Sie meinen: Deutschsein auf Krankenkasse?

Ophoff

So in der Art. Ich würde das jetzt nicht ironisieren. Wobei man als Kassenpatientin sich nicht so … in der idealen Position befindet, das gebe ich gerne zu. Aber nach meiner Auffassung ist das auch gar nicht nötig. Wichtig ist, dass man etwas dagegen macht, zum Beispiel auf Demos oder in Schreibprojekten, ja in Schreibprojekten, das hat eine ganz schön befreiende Wirkung. Wow. Man lernt dann auch zu seiner Schuld zu stehen.

Nassen

Du meinst Verantwortung?

Ophoff

Ich meine schon auch Schuld. Schreiben heißt ja begreifen, was man sich schuldig ist. Jeder steht in seiner Schuld, das ist ganz richtig, aber durch das Schreiben begreift man dann auch, dass alle bei allen ›in der Schuld stehen‹, ich finde das einen ganz niedlichen Ausdruck, der wirklich beschreibt, worum es geht. Wer alles scheiße findet, der hat ja kein wirkliches Verhältnis zu seiner Mitwelt. Eigentlich existiert er doch gar nicht.

Nassen

Wenn’s darum geht. Das macht die Toten auch nicht lebendig.

Argloser

Sie wollen Tote erwecken, mein junger Freund? Das nenne ich mutig. Mit wissenschaftlicher Prosa werden Sie das nicht erreichen. Sie gehören zu den Deutschen, die gern ungeschehen machen wollen, was nun einmal geschehen ist. Sehen Sie sich vor! Das ist ein Impuls, den die Scham eingibt. Sie wollen die Scheiße vom Tisch haben. Das klingt ziemlich ordinär, aber es bringt die Sache auf den Punkt. Sehen Sie sich vor: Sie sind auf der Suche nach dem Sündenbock. Haben Sie ihn erst gefunden, fühlen Sie sich auf wundersame Weise erleichtert. Und der fa-

Nassen

-schismus?

Argloser

-tale Zirkel beginnt von vorn.

Vorschlag zur Güte
5
Argloser schreibt

Die Verortung der Schuld beim politischen Gegner dient der Infantilisierung des Konflikts, in dem der Einzelne steht und den er nicht mit sich austragen möchte. Er will nicht fremde Schuld tragen, auch dann nicht, wenn sie, per Verwandtschaft, per Zugehörigkeit an ihn herangetragen wird. Frei von Makel – das will er sein, so will er zumindest scheinen, deshalb geht der Makel ihm nach, ein eingebildeter Makel erstens, weil die Einbildung ihn hegt und pflegt, bis er sie beherrscht, zweitens, weil er eingebildet macht: kein Makel ist wie dieser, der mich beherrscht, er hebt mich heraus aus der Menge der Erscheinungen, er macht mich sichtbar. Sichtbar, das will ich sein, das war mein Begehr seit jeher, jetzt bin ich’s und es soll falsch sein? Was kann daran falsch sein, dass einer wie ich sichtbar wird? Bin ich nicht singulär? Bin ich nicht zutiefst davon überzeugt, dass niemand mir das Wasser reichen kann? Zeugt nicht auch die Verruchtheit der Verwandtschaft von Erwählung? Nun gut, Erwählung ist vielleicht das falsche Wort, sagen wir: Außerordentlichkeit. Wenn ich außerordentlich bin, wer sind dann die Ordentlichen? Die Dummen, ganz recht, an denen die Verantwortung für das Geschehene klebt, ohne dass sie sich ihrer erwehren können. Wollen Sie’s denn? Oh ja, sie leiden, ohne zu leiden, sie rufen im Chor: ›Ich war’s nicht!‹ und sind es, gerade in ihrer Gesamtheit, doch. Warum sonst glichen sie ihren Väter und Müttern aufs Haar? Sie alle sind eine Brut: der Schoß, aus dem das kroch, der Schoß und das, was aus ihm kroch und wieder Schoß wurde, der sie gebar. Sie sind der ewige Spießer. Wenn ich also einen Makel trage, dann den, mit ihnen verwandt zu sein. Abkömmling von Spießern, Sohn, Enkel, Bruder, Vater von Spießern, Spießerbrut eben, aus gleichem Schoß, aber in ihm bereits rebellierend, ans Licht getreten als Rebell: Mutter war anders. Solange ich denken kann, war sie nicht imstande, sich aus der Spießer-Umklammerung zu lösen, sie selbst zu sein, aufrecht und frei, aber sie war anders. Zwischen Mutter und mir gab es immer einen starken Rapport.

Vorschlag zur Güte
6
Argloser legt nach

Der Träger der Scham verabscheut das Parteiensystem, das ihn umzingelt und ihn seiner Erwähltheit beraubt. Wohin er blickt, gewahrt er nur eine Partei: die der Spießer. PDH (Partei der Herrschenden) – so nennt er sie, so kennt er sie, denn er kennt nichts anderes. An ihr arbeitet er sich ab. Auf sie schaut er herunter, als sei’s der eigene Abgrund, aus dem ihm das Bild des ewigen Spießers entgegenblinkt. Der Träger der Scham ist männlich. Seine Freundin krault ihn: Schäme dich nicht! Du bist wunderbar. Doch praktisch findet sie seine Scham schon. Das Vergangene ist furchtbar, aber es hat seine Strafe bekommen: es ist vergangen. Ist es nicht furchtbar, immer davon reden zu müssen? Wer redet vom Unrecht, das mir geschah? Auch ich bin aus diesem Schoß gekrochen und es war kein Zuckerschlecken. Ist das nicht furchtbar? Der Furchtbare war mein Vater. Nun, wenn das so ist: Da hast du ein Unrecht, das du wieder gut machen kannst. Ich bin deine Aufgabe. Hast du das nicht gewusst? Ich werde auf dich warten, wie je eine Frau auf einen Mann wartete: aber als Aufgabe. Mein Los zu ändern, darin besteht deine Aufgabe. Eine Jahrhundert-Aufgabe. Nein, ich werde nicht warten. Wo immer du mich vermutest, werde ich schon gewesen sein. Ich bin schon weiter. Wir alle sind ein Stück weitergekommen. Findest du nicht? Siehst du, ich bin ein Stück weiter als du. Du musst nachlegen, wenn du mich erreichen willst. Du stehst mir im Weg. Den Satz kannst du dir merken. Du wirst ihn noch oft zu hören bekommen.

So redet die Freundin der Scham. Und siehe, es geschehen Zeichen und Wunder: Die Bankenwelt kracht ein und funkelt wie nie zuvor, das Privateigentum sammelt sich in den Taschen des Staates und fließt in Projekte diesseits und jenseits des Traums, jenseits der Menschheit, wie die Frommen zu tuscheln und die Progressiven ihnen bald nachzuplappern beginnen, die Welt wird ärmer und reicher, ärmer an Geist und reicher an Gelegenheiten, die Armut wächst und mit ihr die Gewissheit, ihr entrinnen zu können, die Geldsumme wächst und mit ihr die Schulden, der Reichtum wächst und mit ihm das Bewusstsein, besser zu sein als die vorausgegangene Menschheit, ausgenommen die Opfer. Nur die Quote, die einsame Quote am Horizont bleibt unerfüllt wie die Liebe, wie der Hass, wie die Gerechtigkeit, wie der lange Zorn, wie die Angst vor dem angekündigten Untergang, wie der Traum vom besseren Leben, wieviele ihn auch zu leben sich tagtäglich anschicken.

Schamfallen
I – IV

Falle 1

A ist schuld.
B und C erinnern ihn daran.
A fühlt sich schuldig.
B und C sind zufrieden.

Falle 2

A ist sich keiner Schuld bewusst.
B und C mokieren sich über ihn.
A empfindet Scham.
B und C sind zufrieden.

Falle 3

A empfindet Scham.
B und C zweifeln dies an.
A empfindet Wut.
B und C zeigen ihre Unzufriedenheit.
A fühlt sich ausgegrenzt.

Falle 4

A, B und C empfinden Scham.
A und B bringen ihre Scham zum Ausdruck.
C äußert sich zufrieden.
A und B fühlen sich gedemütigt.

Falle 5

A, B und C empfinden Scham.
B und C bringen ihre Scham zum Ausdruck.
A bezweifelt Echtheit.
B und C verbergen ihre Scham.
A triumphiert.

Falle 6

A, B und C empfinden keine Scham.
A verlangt, dass B und C Scham bekunden.
B bekundet Scham.
C greift A an.
A und B verlangen Maßnahmen gegen C.

Tabula
Exit