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DIE PYRAMIDE

DAS FU-PROJEKT

»  DIE SCHAM  «

DER EXCESS

 

Museum der Scham

Masken des Eros 2

FEUER UND WASSER

Masken des Eros 3

ASCHENPUTTEL / BLIND DATE

Masken des Eros 4

MIT DIR GEHT EIN TEIL MEINER SEELE

Masken des Eros 5

DER BLEICHE MOND

Masken des Eros 8

KOPFÜBERKOPFUNTER

Masken des Eros 9

DIE BÜHNE IST FREI

Masken des Eros 10

REIGEN, DIE ALTE LEIER

Masken des Eros 11

KALTE FUSION

Masken des Eros 13

DICH HÄTTE ICH GELIEBT

 

Guidos Bericht

Fördergerüst der Zeche Haus Aden, Bergkamen (Wikimedia Commons / gemeinfrei, verändert

Nicht-Ort
von Norden
erinnert


 
Nicht-Ort
1

―Ich erinnere mich, erzählt Guido, dieser Baukran stand in einem Winkel des Hofs, teilweise abgedeckt, angetan mit einem schmutzigen Weiß, das sich auf den übermalten Rostpartien spannte und hier und da zu bröckeln begonnen hatte – wenn ich mit der Hand darüber hinfahre, bleibt Regennässe in meinen Fingern und diese rauhe Empfindung, gefolgt vom plötzlichen Schmerz der unvermittelt aufgerissenen Haut. Die Versuchung der Glätte, des geradezu Glitschigen, gepaart mit der Verletzungsgefahr, die jederzeit gegenwärtig ist, also nicht nur besteht, sondern die sinnliche Empfindung grundiert, scheint mir zu den hauptsächlichen Ingredienzien des kindlichen Lebens, vielleicht des Lebens überhaupt zu gehören.

Nicht-Ort
2

Der Baukran ruhte zusammengefaltet in seinem Winkel wie ein riesiges erstarrtes Insekt, das Bild mag abgegriffen wirken, aber es trifft doch das, worauf es mir hier ankommt. In gewisser Weise verleiht das Klettern auf einem solchen Objekt Flügel, man erhebt sich in die Lüfte und lässt die offenen Münder der Spielgefährten unter sich. Man könnte in sie hineinspucken, wenn man sicher wäre, dass man auch treffen würde. So kann es natürlich nicht ausbleiben, dass sich der erste schon aufmacht, um einem nachzukommen. Man reizt ihn mit höhnischen, vielleicht auch nur aufmunternden Worten, dem eigenen Weg zu folgen, man zeigt ihm, wo er sich festhalten kann, welche Richtung er einschlagen muss. Alles Dinge, die er selbst ausknobeln könnte, aber man ist ihm ja vorausgegangen und besitzt einen Vorsprung an Wissen, Schläue, Entscheidungsfreude, dem er sich unterzuordnen hat. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig.

Nicht-Ort
3

Währenddessen weiß man aus alter Erfahrung: er ist nicht so behende wie man selbst, vielleicht auch nicht so helle, nein, nicht so helle, gerade darauf beruht ja die unverbrüchliche Freundschaft, die man für ihn empfindet. Diese Freundschaft ist ein starkes Band, besonders jetzt, wo auch die anderen, unten Gebliebenen an ihm zerren. Sie sehen seine Unsicherheit, seine Angst, und verstärken sie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Auch sie höhnen also, raten ihm, wieder herunter zu kommen, scheinheilig oder unter Gelächter, unter listig absichtslosen Reden mutiert der Kran zum Inbegriff des Verbotenen, ein gewaltiges Tabu lastet auf ihm, bereit, jeden in den Abgrund zu schleudern, der sich ihm widersetzt. Man selbst, in komfortabler Stellung oben auf dem Gestänge hockend, begreift nicht ganz, was sich da abspielt, spielend überblickt man die wenigen, leicht zu meisternden Griffe, die den Kletterer von einem selbst trennen, der Sog, der von den Mündern da unten ausgeht, erfasst den Angekommenen, schon zerrinnt alle Leichtigkeit, nein, nicht alle, ein Teil bleibt, ein guter Teil, leichtschwer fühlt sich der Körper, mehr noch die Aufgabe an, die einen erwartet und wächst und wächst.

Nicht-Ort
4

Nein, nicht darum geht es, wieder Boden unter die Füße zu bekommen: nichts leichter als das. Aber dieser angststarrende, an den Rücken des Insekts angeklebte, in alle Richtungen blockierte Körper muss mit in die Tiefe, darum geht es jetzt, um nichts anderes, und so macht sich die Tiefe schwer. Ein Klotz, hängt sie an den Beinen, man muss ihr Widerstand leisten, die schwere Aufgabe erfordert den ganzen Mut, ich könnte schwören, dass ich sie noch heute empfinde, schwerer als damals, denn der Kran ist verschwunden und damit die Möglichkeit, mit der Kraft des Erwachsenen die Situation ein für allemal zu klären. Diesen Kran werde ich nicht mehr los. Ich muss den Boden gewinnen, soviel ist sicher, sicher auch, dass mir gerade das verwehrt bleibt, gerade das.

Nicht-Ort
5
  • ―Wie geht die Geschichte aus?
  • ―Wie geht sie aus? Geht sie aus? Ich sehe mich unten, auf dem Boden, inmitten der anderen, die zurückgewichen sind, als hätte ich etwas verbrochen, ich sehe den Freund oben im Gestänge, nur wenig über den eigenen Köpfen, aber unerreichbar eingeschlossen in seine Angst. Er ist Freund wie noch nie und etwas drängt aus ihm heraus, das sich nur durch das Kinderwort ›Feindschaft‹ umschreiben lässt. Er ist in diesen Momenten mein Feind, daran besteht kein Zweifel. Ich muss ihn dort herunterholen und kann es nicht, weder handgreiflich noch mit Worten, er trotzt mir auf jede erdenkliche Weise und jetzt beginnt er zu weinen, still, erbärmlich, unaufhaltsam laufen ihm die Tränen über die Backen und tropfen herunter, man müsste sie auffangen, um das Ganze ungeschehen zu machen.
Nicht-Ort
6
  • Natürlich haben ihn die Erwachsenen heruntergeholt. Man suchte, wie üblich, den Anstifter und fand ihn in mir. Mit solch einfachen Handgriffen bringt man das kindliche Universum wieder in Ordnung. Strafe ist Spannungsabbau, wissen Sie das nicht? Nur der Kran blieb ab sofort tabu – oder soll ich sagen: er wurde es? Ich kann mich nicht erinnern, dass der Winkel, in dem er stand, in unseren Spielen weiterhin eine Rolle spielte. Gerade darin spielte er sie.
Nicht-Ort
7
  • ―In meiner Kindheit, die von seltsamen, nicht zusammenhängenden Orten beherrscht wird, finde ich einen ähnlichen Nicht-Ort. Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass die Katastrophe dort niemals stattfand, jedenfalls nicht zu meiner Zeit, sie war in die Zukunft entrückt, in eine unter möglichen Zukünften, das klingt jetzt seltsam, aber so war es wohl. Kinder besitzen die Fähigkeit, in unterschiedliche Zukünfte wie in die Falten eines Kleidungsstücks zu schlüpfen, das nicht für sie bestimmt ist, aber in ihren Spielen dringend gebraucht wird. Wir spielten in Gärten, an die sich Wiesen anschlossen, dahinter floss ein Kanal, ein großer, von Schleppkähnen befahrener Wasserweg, dessen scharf ausgestanzte Ufer mit senkrecht in den Boden gerammten Stahlplatten gesichert waren. Wie weit es dort in die Tiefe ging? Schwer zu sagen. Für uns Kinder jedenfalls ging es tief hinab, viel zu tief, um jemals wieder herauszugelangen. Es war der nasse Tod, der uns von da unten anblickte. Ich kann nicht sagen, dass uns davor graute. Natürlich waren diese Wege strikt verboten. Doch das Verbot, ohne zu seiner Übertretung förmlich anzustiften, verwandelte sich, sobald eine unsichtbare Linie überschritten war, die Landschaft selbst wandelte sich, verwandelte sich in etwas ohne feste Grenzen, man wusste nicht mehr, wo man sich aufhielt, es war gestattet und verboten, verstehen Sie? Man hatte nichts getan und auf einmal stand man an diesem Rand. Ein paar Meter entfernt glitten die Lastkähne vorbei, als sei das alles nicht vorhanden, als fürchteten wir uns vor nichts. Wir fürchteten uns auch nicht – es blickte uns einfach nur an, einfach nur an.

 

 

 

Es lebe die Latrine!
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
BEI LECKEBUSCH STUDIEREN
HEISST SEINE ZEIT
IN WORTE FASSEN
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KLAUSURZONE

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HEISST SEINE ZEIT
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Moderne ist schwierig

Moderne ist schwierig
dann bleib zu Hause
Wo?

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Genese eines Tumors
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SEXUELLER ENGPASS /
SUCHT LEICHTE BEUTE /
AM FALSCHEN ORT /
EIN SPRACHSPIEL

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E, frei geboren
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Also gut. Alles von vorn
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Sind am Zustandekommen von E auch Männer beteiligt?
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Zusammenlegen, damit eine wie die entsteht
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Ideologisch korrekt ist das nicht
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Wo ist hier?
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VERJÄHRTE REPUBLIKFLUCHT ERREGT /
DIE GEMÜTER WEST UND FÜHRT /
ZUR REFLEXION AUF DEN /
EIGENEN STANDORT

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Aber jetzt: L, freigelassen Moderne ist schwierig
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Ein Freigekaufter
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Ist irgendwer entronnen?
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Idiotie des Privatlebens
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Ein Fall mit Fußangeln
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er Osten ist rot
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Was ist das: rübermachen?
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Einer ist angekommen
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WISSENSCHAFT WEIST DER /
ANGESTAUTEN ERREGUNG /
DIE BAHN UND ÖFFNET /
DEN WEG INS FREIE

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Eine solche Erfahrung
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physisch/mental
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Katheder als Ausweg
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Nichts ist dem Ich schädlicher als die Überzeugung, der richtige Weg müsse sich auch als solcher erweisen, d.h. die endliche Möglichkeit des Scheiterns zuverlässig ausschließen
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Der ›Akephalos‹, der kopflose Dämon, der als Wiedergänger der Zauberliteratur und der Märchen die Menschen schreckt, erinnert an die Herrschaft des ›Kopfes‹, des Verstandes und der Vernunft, also an das, was den Menschen ausmacht und am Ende an die Natur verrät. In der Scheu, im Zurückscheuen, im scheuen Beiseitesehen und -stehen bekundet sich eine Verschränkung beider Bereiche, die auf die Selbstdeutung der Gattung zurückwirkt. Ein Mensch, der vor einer Tat zurückscheut, ist etwas anderes als ein Tier, das scheut, vielleicht sogar, wenn man die Begriffe genauer untersucht, etwas grundlegend anderes. Aber das Verhalten, in dem seine Scheu zum Ausdruck kommt und an dem es ablesbar wird, unterscheidet sich nicht fundamental von dem des Tieres, es weist eine Ähnlichkeit auf, die bedacht sein will. Ein Mensch, der Scham zeigt, zeigt ein Stück Natur – ›seine‹ Natur wie ›Natur überhaupt‹.

DIXIT LECKEBUSCH

 
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DIE STIMME DER VERNUNFT
MELDET SICH NACH EINIGEM
ZÖGERN ZURÜCK
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ERSTE THESE

Wer aus äußeren Schrecken kommt, achtet die inneren gering. Er glaubt bereits, sie verstanden zu haben. Da liegt der Fehler. Schon die äußeren Schrecken entspringen dem Wahn. Es gibt kein empfundenes Außen diesseits oder jenseits der fiebrigen Kurve, die wir Bewusstsein nennen: QaS – Quell allen Schmerzes. Vom Wahn heilen: am Angebot erkennt man den Scharlatan.

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THESEN-ANSCHLAG ODER:
SCHAM ERZEUGT SCHAM
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ZWEITE THESE

Das Totem regiert den Schmerz. Ein ferner Schrecken spiegelt den allzu nahen und lässt ihn objektivierbar erscheinen. Auch erscheint er ja bereits im Ursprung gebändigt, ein Gott in der Maske. Die Maske richtet den Gott: zu, ab, auf, hin und aus. Es sind Regungen des Schmerzes, der niemals nachlässt. Manche Kulturen räumen ihm einen erhöhten Platz ein, andere nicht. Die eine oder andere macht ihn zum Aschenputtel. Als Sargträger gebrauchen ihn alle – als Wesen ohne Identität.

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SCHAM ERZEUGT SCHAM
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DRITTE THESE

Die Wut dieses Gottes ist unbeschreibbar. Nur das Lächeln der Maske lässt sie erahnen. Wer nach ihr greift, dem verdorre der Arm. Armer Arm! Erbärmliches Los dessen, der sich vergreift: ein Teil des Ganzen zu sein, das sich von ihm abwendet. Aber es ist nur das halbe. Auch er wendet sich ab. Im Vergehen geht er hinaus. Hinausgehend aber ist er der, der bleibt.

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VIERTE THESE

Das Bleiben, nicht greif-, nicht fassbar, wird gern materiell gedeutet, Plunder, der sich in den Museen breitmacht, perverses System der Archive und Bibliotheken, Lockstätten für Brandstifter, schmutziger Rest, an dem sich Moder und verjährter Gebrauch ein Stelldichein geben. Das Zu-Leibe-Rücken ist eine Kulturtätigkeit wie andere auch – soviel zur Kultur.

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FÜNFTE THESE

Das wäre also das Böse? Aber nein, es ist nur sein gemütlicher Anblick. Das radikal Böse befasst sich nicht mit dem ordinären Totschlag. Es ist radikal unterbeschäftigt und lauert auf seine Stunde. Derweil sorgt das gemütliche Böse dafür, dass es weitergeht. ›Müll‹ ist eine metaphysische Kategorie. Im Hinter-sich-Lassen die Salzsäule erahnen, das Erstarren, das nicht ausbleibt, die Entsorgung des Ich: Religion auf Distanz.

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SECHSTE THESE

Was liegt am Christentum, was an Religion? Die Frage stellen heißt sie verlassen. Wo Religion anliegt, erscheint sie: vom Bedürfnis überwältigt, von der Gewalt verhöhnt und vom Wissen erschlagen. Am Lager seines toten Gottes Flüche murmelnd – so stellt sich mancher Neuling der ortsfremden Obrigkeit, die leider keine Zeit findet, sich mit ihm zu befassen. Warum auch? Die Gretchenfrage, sie stellt sich nicht, weil Religion niemals aufgibt, weil ihr jede Pfütze genügt, um sich aufs Neue darin zu sammeln. Selbst der Himmel, der sich drin spiegelt, ist nur Zugabe, sie kommt, wenn’s sein muss, ohne ihn aus.

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SIEBENTE THESE

Dass jede kommende Religion sich an einer vorhandenen mästet, besitzt eine selten erwähnte Pointe. Die gegenwärtige Religion ist die Gegenwart der Religion, die unsichtbare Summe ihrer Verhältnisse in dieser Welt. Die kommende Religion schlingt diese Verhältnisse in sich ein, sie ist die Aktualität, betrachtet als Religion, das heißt als ein vom Schmutz der Gegenwart gereinigtes Herkommen, das sich erst in Ansätzen zeigt. Die kommende Religion ist die vergangene im Futur, bereichert um all die Kompromisse und Weiterungen, die ihr das Überleben im Heute sichern, als liege darin ihre lange Zeit vernachlässigte Pointe.

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ACHTE THESE

Kein Denken lässt sich beschränken. Doch seine Unbeschränktheit lässt sich nur beschränkt ertragen. Deshalb bleibt sie virtuell. In diesem Sinne sind alle Kulturleistungen nicht nur beschränkt, sondern Ausdruck von Beschränktheit. Es ist die Beschränktheit, die zur Darstellung drängt. Die Verächter der Religion sind Menschen, die für den Ausdruck ihrer Beschränktheit einen Sündenbock brauchen: Sie drücken ihn heraus aus dem Ensemble der ›anstehenden Aufgaben‹ und finden sich darin schön.

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NEUNTE THESE

Keine Sorge: das wird schon. Darum sollte man sich nicht allzu sehr kümmern. Der Schmerz, der erlöst werden möchte, nimmt den nächsten Flug. Wer wollte daran zweifeln? Woher also das Beharrungsvermögen? Woher das Nicht-weggehen-Wollen? Die Unsicherheit mit der Unsicherheit erklären zu wollen ist lächerlich. Der Zweifel, ob es besser wäre zu gehen, und die Gewissheit, dass es besser wäre zu gehen, sind ein und dasselbe. Ein Zweifel, der es nur zur Gewissheit, und eine Gewissheit, die es nur zum Zweifel bringt, sind Ausdruck des beschränkten – und bedrängten – Ich: Kopf oder Zahl.

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ZEHNTE THESE

Sich aufgeben – wohin? Sich stückweise aufgeben – warum? Um durchzukommen, vermutlich. Das aber bedeutet, dass jedes stückweise Sich-Aufgeben ein Zurücklassen ist, während der Sinn des Sich-Aufgebens vor ihm liegt. Sogar der Selbstmörder, der sich in einem Stück aufgibt, bleibt dem Stückwerk verhaftet. Er begrenzt sich von außen: er umrundet sich, er umschnürt sich, er nimmt einen Anlauf und stößt sich in die Vergangenheit. Das bedeutet es, Zukunft zu reklamieren – für sich, für wen denn sonst. Tote auf Urlaub sind Menschen, die an die Zukunft glauben wie an ihr eigenes Leben. Das Wie enthält das Problem.

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ELFTE THESE

Selbsttötung ist Ahnenkult, also Nachfolge. Jemand schließt die Tür, um zu folgen. Ins absolute Dunkel hinein gibt es weder Folge noch Nachfolge. Ein Zeichen ist schon vonnöten. Im Zeichen des Menschen schließt einer die Tür. Wir sehen die flächiger werdende Erwartung auf seinem Gesicht, wir hören das leise Knarren der Angeln, wir sehen den Spalt, der sich schließt, mehr nicht. Wir wissen, wir sind noch nicht Einzelne genug, um zu folgen, wir bleiben zurück. Was wir gesehen haben, ist das Zeichen eines Zeichens. Wir drehen uns um und die Substitute stehen schon bereit. Fast gerührt gehen wir an ihnen vorbei.

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ZWÖLFTE THESE

Die Frage nach dem Mittler endet dort, wo die Vermittlung in Frage steht. Was soll vermittelt werden, wodurch und zu welchem Ende? Zum richtigen? Ist es also das Ende, um das sich alles dreht? Ist das richtige Ende das Ende? Ist das, was jeder erreicht, das zu Erreichende? Was heißt es, auf diesem Weg verloren zu gehen? Was verliert der, der verloren geht? Auf all diese Fragen gibt es Antworten, verloren gegangene und unerreichbare. Wir kennen die Bilderbücher und ahnen ihren Sinn. Vielleicht ahnen sie etwas von uns, aber das, gerade das, ist unentscheidbar. Wir suchen den Zusammenschluss in der Differenz. Wer sie aufgibt, gibt sich auf und eilt – vorbei.

 
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Akrotiamo oder Lern/mstunden des Gehörs

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
1

Leckebusch legt eine weitere Publikation vor. Das ist nichts Besonderes, es geschieht bei ihm alle Tage. Nun, vielleicht nicht alle Tage, aber, sagen wir: der Halbjahresrhythmus gibt das Geleit. Leckebusch schwitzt seine Bücher nicht aus wie andere, bei ihm ist das Schreiben ein geordneter Nebenaspekt der Lehrtätigkeit wie zum Beispiel das Verfassen von Gutachten oder das Konzipieren von Vorlesungstexten. Leckebuschs Gutachten, in all ihrer kristallinen Kühle, sind berühmt: es sind Mikro-Traktate, aus denen eine moralische Weltordnung spricht, gegen die gehalten das Begutachtete schnell wie der gern zitierte struppige Straßenköter erscheint. Leckebusch, so ließe sich der Vorgang zusammenfassen, bringt den Gedanken Manieren bei. Wie immer, geht dabei einiges an Substanz verloren. Anderes, zum Beispiel die Relevanz, wird auf diesem Wege erst sichtbar. Leckebuschs Gutachten sind Konverter. Man steckt einen erarbeiteten Gedanken hinein und man bekommt einen relevanten Gedanken heraus.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
2

Was ist ein relevanter Gedanke? Liebhaber des informations­theore­tischen Vokabulars könnten geneigt sein, ihn als redundant zu bezeichnen: vollgepackt mit Signalen, die an Bekanntes anknüpfen, ein kleines, die eigene Standortbestimmung erleichterndes Verweissystem, ein Who is who für bedeutsam gehaltener Vorstellungen, die einander auf frappierend selbstverständliche Weise die Klinke in die Hand drücken oder – im Gegen-Fall – sich wechselseitig die Tür aufhalten, um Zugang mit Zugang zu vergelten. Ein relevanter Gedanke verwandelt Bezüge in Beziehungen, Sachliches in Soziales, er lässt die Kraftlinien der Community aufleuchten und katapultiert seinen Urheber ins Feld mehr oder minder ertragreicher Interaktionen. Jedenfalls sollte er das, denn da sich relevante Gedanken in beliebiger Zahl erzeugen lassen, steigt die Zahl der Relevanz-Anwärter und ihrer Bedürfnisse exponentiell an, sobald ein entsprechender Markt sich erst einmal etabliert hat. Ein Könner wie Leckebusch kommt da gerade recht: seine aparte Fähigkeit, Wein in Wasser zu verwandeln, ist so gefragt, weil sie Vermittlerdienste verspricht, die gern in Anspruch genommen werden, wenn es darum geht, eigene Denkprodukte in den Markt einzuspeisen. Auch wissen­schaft­liche Ergebnisse sind darauf angewiesen, auf Märkten zu zirkulieren – auf Meinungs-, Überzeugungs-, Forschungs- und Zitat­märkten, auf denen gilt, was kursiert.

Diskursfiguren 1

Die Livree der Vernunft


 
Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
3

Wenn Leckebusch ein Buch schreibt, treten die Sorgen des Alltags von ihm zurück. Mit weit geschlossenen Augen sammelt er die Geräusche der Zunft, ordnet sie, prüft sie auf ihre Tauglichkeit und bereitet sie in einer Menge kleiner Notizen auf, bis sie widerstandslos dem Dreier- oder Fünferschritt folgen, in den sich über kurz oder lang jede Gedankenmasse ergeben muss, will sie vor seinem inneren Ohr Bestand haben. Dieses innere Ohr, ein Selektionsorgan erster Güte, hört sich heraus, was... nein, nicht, was es hören will, sondern was ihm hörbar dünkt, fast wie das die Fassungskraft seines Publikums mithörende Ohr eines Komponisten, der weiß, für welche Art von Kost sein Name steht, und der darüber zu einer Art Vorkoster in eigener Sache geworden ist, ohne diesen Vorgang im mindesten zu bedauern, da er ihm im Wesen der Sache begründet zu liegen scheint. Allerdings bewegt sich das von Leckebusch betriebene Gedanken-Hören auf anderen Bahnen. Da ihm für seine professionellen Denkbewegungen neben dem bereits Gedachten immer auch die Geschichte des Denkens zur Verfügung steht, soweit sie von anderen Denkern rekonstruiert wurde, nehmen die Gedanken bei ihm automatisch eine historische Färbung an: sie werden zu Abschnitten eines Prozesses, der sich von den Vorsokratikern über Platon, Aristoteles, Leibniz, Kant, Hegel, Nietzsche in die Gegenwart und darüber hinaus spannt, vergleichbar den Gliedern einer Fahrradkette, die sich jedes Mal strafft, sobald einer in die Pedale tritt.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
4

Das Pedal-Bild will, da auch anderweitig konnotiert, weiter bedacht sein. Alles, was Leckebusch denkt (oder als Denkmasse weiterreicht), ›hat Pedal‹, es klingt bedeutend, ohne in gleichem Umfang bedeutend zu sein. Oder, da sich so etwas nicht ganz einfach behaupten lässt: neben dem, was es besagt, bedeutet es stets auch etwas, das es besagen soll, ohne die Dimension erkennen zu lassen, in der letzteres durch einfache Worte mitteilbar wäre. Dabei besteht an einfachen Worten in Leckebuschs Werken kein Mangel. Er pflegt einen guten, nicht willkürlich mit Fachausdrücken überladenen Stil, man könnte ihn unter die verständlichen Autoren rechnen, würde man nicht genötigt, immer zugleich zu viel und zu wenig heraushören, zu viel Bedeutung und zu wenig, sagen wir, Bedeutetes, so als wohne man der Eröffnung einer endlosen Folge von Fragen bei, deren identischer Kern immer lautet: ›Und was bedeutet das?‹

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
5

Leckebuschs Bücher, eine Reihe ausgedehnter Gutachten über die Klassiker der philosophischen Literatur, gelten als Kassenschlager. Entsprechend gern werden sie zitiert. Ohrwürmer für Kunden, die ein offenes Organ für dergleichen besitzen, füllen sie den Gehörgang aus, statt, wie es doch sein sollte, die Gedanken durchzuleiten, mit denen sie sich beschäftigen. Kein Wunder also, dass Leckebusch einmal dem Wesen des Sinnes nachspüren musste, der ihm so unerhörte Einnahmen beschert. Denn davon handelt sein neuer Titel: vom Nach- oder Überhören des Gehörten, in dem das Gehörte ›allererst‹ preisgibt, was als das zu Gehör Kommende bereits im ursprünglichen Akt des Hörens anwesend ist, ja ihn ›gewissermaßen‹ erst ermöglicht. Das klingt schwieriger als gedacht, schließlich sind wir alle daran gewöhnt, auch im Weghören weiterzuhören, ein guter Zuhörer weiß, dass er manches überhören muss, um seinem Gesprächspartner folgen zu können: das mag in vielen Fällen moralisch gemeint sein, aber im Allgemeinen beschreibt es doch die unentwegt filternde Tätigkeit des Gehörs, sein Passieren-Lassen der Fülle des Gehörten, seine wechselnde Aufmerksamkeit auf Geräusche, die den, der da hört, angehen könnten, während die Welt, als akustische Kulisse, unentwegt im Hintergrund weiterplätschert. Das Bindewort ›sein‹, davon gibt sich Leckebusch überzeugt, entsteht an dieser flüchtigen Grenze zwischen dem Mitgehörten und dem Gehörten, also dem vom Gehör ins Dasein gehobenen Geräusch.
Etwas ist – was war das? – es ist ›anders‹, etwas Bestimmtes, etwas ganz Bestimmtes, dem ich nur nachgehen muss, um es zu finden, ein guter Hirte, der sich nachts aufmacht, um ein verirrtes Schaf im Gelände zu finden, nachdem er ›etwas‹ gehört hat. Der gute Hirte kennt das Gelände trotz offener Grenzen und in alle Himmelsrichtungen verschwimmender Bezüge. Das hier ist seine Welt und er findet sich blind in ihr zurecht. Genauso würde er nächtens vor den unbekannten Geräuschen einer Stadt zurückzucken, denn dort ist er: in der Fremde.

Jacopo da Ponte: Schaf mit Lamm. Fotograf Unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1489796

Jacopo da Ponte

Schaf mit Lamm


 
Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
6

Warum das Schaf? Warum der Hirte? Sehr einfach: Leckebusch spart sie aus. Man versteht wenig von seiner Schreibweise, wenn man die Bilder und Wendungen nicht kennt, die er sich und seinen Lesern erspart, um zu diesen zügigen und glatten Formulierungen zu gelangen, die dem unmittelbaren Verständnis seiner Texte immer einen kleinen Widerstand entgegensetzen, so dass man als Leser ein zweites Mal ansetzen muss, um sich zu sagen: ja sicher, es steht ja alles da, aber eben nicht so, dass es einem beim ersten Lesen klar würde. Diese Eigenschaft teilen Leckebuschs Texte mit denen vieler anderer Philosophen, sie gilt gewissermaßen als Markenzeichen der Philosophie. Aber es gibt da einen Unterschied: während andere Texte einen ins Denken hineinlocken – oder es zumindest versuchen –, sperren diese ihre Leser aus, sie schneiden die Bereitschaft zum Mitdenken gewissermaßen von den Quellen ab, aus denen es sich bedienen müsste, um weiter zu kommen, so wie Leckebusch sich schreibend aus ihnen zu bedienen weiß, und wäre es nur, um die nächste Seite zu füllen.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
7

Warum? Darauf gibt es nur eine Antwort: sie handeln von Verbotenem. »Absurd!« würde Leckebusch geschmeichelt einwerfen, »ganz absurd! Und überhaupt: es gibt keine Denkverbote in der Philosophie, es darf sie nicht geben. Das wäre Heterodoxie.« Mag sein, ›Verbot‹ ist nicht ganz das richtige Wort, niemand hindert einen Leser daran, das Umfeld eines Wortes, einer Redewendung, eines so und nicht anders vorgetragenen Gedankengangs zu recherchieren und seinem Verständnis auf diese Weise nachträglich einzuverleiben. Gehört er zur Zunft, dann versteht er ganz gut, warum Leckebusch die eine oder andere Anspielung meidet. Doch in der Regel hütet er sich, den Zusammenhang auszuplaudern. Denn das hieße, bei Strafe der Lächerlichkeit, einen Kollegen bloßstellen – ohne Not und, vor allem, ohne Beweise.

Beispiel: der ausgesparte Hirte – eine ganze Literatur hat sich darauf spezialisiert, all jene Wortprägungen zu stigmatisieren, in denen Hirte und Sein, Not und Sorge, die Existenz und das Offene sich am sorglich geschaufelten Grab der ›abendländischen Metaphysik‹ zur danse macabre versammeln. Nicht um von der Metaphysik zu retten, was zu retten wäre, das ganz und gar nicht, sondern um den Prozess der Aufklärung weiter zu treiben, genauer gesagt: den unvollendeten Prozess der Moderne, einen klassischen Prozess gegen Andersdenkende, ohne Richter, ohne Verteidiger, dafür mit einer voll besetzten Anklagebank und einer stattlichen Zahl von Beisitzern, trainierten Merkern, die jeden Verfahrens-Zug registrieren und dafür Sorge tragen, dass kein Ende des Verfahrens in Sicht kommt.
Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Leckebusch, als Denker der Moderne, ist also gut beraten, die Vorratskammern ostentativ verschlossen zu halten, aus denen er sich heimlich bedient. Warum tut er’s dann? Leckebusch ist keiner der notorischen Ankläger, eher gehört er zu den stillen Merkern im Lande, deren Hintergedanken sich auf wundersame Weise mit ihren Vordergedanken zu mischen pflegen, so dass jeder Versuch, sie wirksam auseinander zu halten, zwangsläufig in die Irre geht. Um seine Sätze spielt ein diskreter Zug, als wüssten sie etwas, das sie verschweigen, in aller Offenheit, versteht sich, denn sie haben nichts zu verbergen: sie haben nichts zu verbergen, ganz recht, sie leiten nur durch.
Wenn Leckebusch denkt, gleicht sein Bewusstsein einem Rangierbahnhof – was hereinkommt, muss auch wieder hinaus, aber in sinnfällig veränderter Zusammenstellung, so dass der eine Gedanke verkürzt, der andere halbiert, ein dritter wundersam ergänzt den Weg in die Ferne antritt. Mit bloß kurrenten Gedanken ließe sich das schwerlich erreichen, und wenn, dann nur um den Preis der Bizarrerie, als fehle dem Verfasser die Gabe der angemessenen Wiedergabe und er kompensiere diesen Mangel durch Willkür. Dadurch, dass er Versatzstücke eines anderen, allen geläufigen, jedoch mit einem Lächerlichkeits- beziehungsweise Schrecklichkeits-Index versehenen Denkens hineinmischt, aber unterhalb der Deutlichkeitsschwelle, spannt er die Aufmerksamkeit seiner Leser, versetzt sie in eine Aufbruchstimmung, die beim Weiterlesen zu gleichen Teilen verpufft und sich beständig erneuert.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Leckebusch, als Denker betrachtet, handelt nicht von Verbotenem, er handelt mit Verbotenem – unter steter Beteuerung, ein solches Verbot existiere gar nicht und alle Positionen lägen, einer fairen Auseinandersetzung jederzeit zugänglich, ›auf dem Tisch‹.
Was, nebenbei bemerkt, stimmt. Die Fraktion des stigmatisierten Vordenkers ist während all der Jahre, in denen Leckebusch umsichtig die eigene Reputation mehrt, rührig, und mehr als das: da sie die Schwachstellen ihres Meisters besser als andere kennt, hat sie stetig und umsichtig einen Großteil der Löcher gestopft, aus denen der Zeitgeist einer in Schande vergangenen Epoche tropft (manchmal auch nur das Drüsensekret des Autors).
Alles, was ›aus dieser Ecke‹ kommt, ist allgemeiner Aufmerksamkeit gewiss. Die Publikationsorte sind seriös, Pöbeleien kommen nur selten vor, die Karrieren sind ungebrochen. Dennoch... Es sind die anderen, die sich dort tummeln und durch einen gewissen Mangel an Berührungsängsten auf sich aufmerksam machen.
Dieser Mangel zeichnet sie ebenso aus wie die Stromlinie einen Leckebusch, für den sie zu den Unberührbaren zählen: während er ihre Dienste in Anspruch nimmt, möchte er am liebsten vergessen machen, dass es sie gibt. Doch das ist leichter gesagt als getan. Als redlicher Fußnotenschreiber trägt er sie dem eigenen Haupttext hinterher wie ... wie ... ein apportierendes Hündchen, das mit dem fortgeworfenen Stock im Maul seinem Herrchen nachtrottet.

Leckebusch erfindet die Waschmaschine neu
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Cherchez le mouton: ein unverächtliches Motto für all jene Denker der Moderne, die vorurteilslos das Vorurteil pflegen, sie, das heißt ›die Moderne‹ sei uns aufgetragen wie die Pflege eines Automobils, der man sich am besten anhand eines Lastenheftes widmet, in dem penibel verzeichnet ist, was ›geht‹ und was ›nicht geht‹, also vor allem Denken als Durchgestrichenes existiert, als Nicht-Gedanke... Solche Nicht-Gedanken existieren vermutlich in jeder Gesellschaft. Sie sind unausrottbar und dauernd in Bewegung. Für jeden, der auf die Seite der frei verfügbaren Gedanken wechselt, verschwindet ein anderer im Hexenturm. Nur vereinzelt dringen Schreie oder leise Seufzer heraus.
Welche Szenen spielen sich im Inneren ab?
Besteht Folter-Verdacht?
Schließlich werden dort keine unbedarften Gedanken zusammengezogen, sondern Kämpfer, Überzeugungstäter, Rattenfänger, Kindesentführer: gefährliches Zeug, nicht leicht zu bändigen.
Der Ausschluss vollzieht sich geräuschlos. Doch das sagt wenig darüber aus, wie es drinnen zugeht. Man weiß es nicht, denn man will es nicht wissen. Dabei wäre es ein Leichtes, sich Zutritt und Wissen zu verschaffen. Wärter gibt es, aber sie ähneln kläffenden Hunden, kein ernsthafter Mensch lässt sich von so etwas abhalten, der Richtschnur seines Wollens zu folgen.
Die Wahrheit ist: es bedarf keiner Wärter. Die Wahrheit ist: was dort geschieht, dient der Reproduktion von Gesellschaft. Auf eine scharfe, wenngleich verborgene Weise sorgt der Ausschluss dafür, dass die feinen und groben Unterschiede, deren Gesamtwirkung als Gesellschaft bezeichnet wird, nicht von der Bildfläche verschwinden. Im Einzelnen ist die Gesellschaft übermächtig. Die einfache Neugier, das lockere Interesse, schließlich das erbitterte Ringen um Anerkennung: auf all diesen Wegen stößt sie ins Innere vor und krallt sich darin fest. Leckebusch zum Beispiel ist den modischen Gepflogenheiten, an denen sich die Philosophengemeinde erkennt, bis in die letzte Faser verpflichtet.
Dagegen verstoßen, eventuell sogar aufbegehren? Nie im Leben!
Aber natürlich entgeht ihm ebenso wenig wie den klügeren Kollegen, dass, angesichts der Knappheit der ›Ressource‹ Erfindung, die Nicht-Gedanken einen unverächtlichen Vorrat an Ideen enthalten, geeignet, dem, der sich ihrer geräuschlos zu bedienen weiß, Vorteile vor der Konkurrenz zu verschaffen.
Nie würde Leckebusch, ein Meister der Geräuschlosigkeit, es bis zum Äußersten kommen lassen. Es muss schon zu ihm kommen, das Äußerste. Anders geht es nicht.

 

 

EIN BRECHREIZ
NAMENS VERGANGENHEIT
ÜBERKOMMT HIERO
SPONTAN
UNTER FREUNDEN

 

 

Wir sind die wirklichen Demokraten, sagt Hiero, vielleicht die einzigen, die die Welt hervorgebracht hat, jawohl die einzigen. So sieht es aus. Ich weiß, was du sagen willst. Das klingt schon wieder so... – reich mir das Wort! – übertrieben, aber das ist es nicht, was ich meine. Wir wurden nicht in irgendwelche Luftschutz-Nächte hineingeboren, das ist kein Verdienst, sondern ein Fakt. Wir wurden nicht zurechtgebombt wie die Jahrgänge vor uns, wir mussten die Sache nicht selbst in die Hand nehmen, sie war sozusagen fertig, wann immer wir – ich will jetzt nicht sagen: am Tisch saßen, das klingt so konsumistisch, das meine ich nicht. Nutznießer, das waren wir, in gewisser Weise, so etwas ist man immer nur in gewisser Weise, ich meine, das Leben ist mit einem noch lange nicht fertig, nur weil man an einer bequemen Stelle sitzt. Sowas kann sich ändern. Nein, darum geht es mir nicht. Worum dann? Gute Frage.
In Wahrheit sind wir von den Erfahrungen derer, die vier, fünf, sechs, sieben, acht Jahre vor uns geboren wurden, durch eine so ungeheuerliche Kluft getrennt, dass ich mich frage, ob wir mit ihnen überhaupt eine Generation bilden können. Denn darum geht es doch. Ich sehe die Sache so: Wenn sie eine Generation sind, dann sind wir keine, jedenfalls keine eigene, sondern so ein Nachklapp, eine Nachgeburt, Nachschleicher, wenn du willst, ja Schleicher, sagen wir doch, wie’s ist. Das hören sie nicht so gern, wer hört das schon gern, niemand hört das gern, aber es ist doch wahr. Es ist unsere Wahrheit, sie hört sich beschissen an, aber man kann ihr doch einmal versuchsweise ins Auge blicken.
Nein, deshalb sind wir noch keine Demokraten. Hat das jemand behauptet? Wie auch immer, ich würde ihm widersprechen. Es ist nur die Voraussetzung für das, was ich sagen will, wenn man mich freundlicherweise einmal nicht dauernd unterbricht. Also, was ich sagen will… Das ist jetzt albern, ich weiß nicht, was das soll. Ich kann auch aufhören, wenn ihr wollt. Wir sind Demokraten, weil man uns dazu gemacht hat. Das klingt schon wieder trivial, lacht ruhig, ich muss ja selbst lachen, hört mir doch mal zu. Ich weiß nicht, was daran komisch sein soll. Pw, lass die Faxen, ich finde das albern.

 

 

Die Väter sind Nazis oder Anti-Nazis, in meinem Fall Anti, das ist jetzt die Gnade der richtigen Geburt, da könnt ihr stänkern, aber das ist so. Also. Die Re-Education ist ein Riesenflop, das weiß jeder, nur warum, das weiß nicht jeder, eigentlich kaum jemand. Wenn du es weiß, dann sags doch, sags doch. Was meinst du? Weil Psyche nicht so funktioniert? Gut, das mag wahr sein, das kann ich nicht beurteilen. Ja, ich sags doch, es kann wahr sein. Hört mir doch einmal zu. Es kann nicht funktionieren, weil, weil... Propaganda so funktioniert. Erst kommen die einen, dann kommen die anderen, dann wieder die einen, dann wieder die anderen. Propaganda ist eine Kippfigur, versteht ihr? Der Gegner ist schon einmontiert, er kommt mit zur Sprache, er ist schon da.
Wenn einer heute aus dem Osten kommt, ich meine jetzt: abhaut, und das hier sieht, dann sagt er sich: Also doch. Man kann das Skepsis nennen oder einmal-Nazi-immer-Nazi, das ist ganz egal, der Wolf frisst Kreide, so ist das System, homo homini lupus. Aber: homo homini deus, der Mensch will sich und anderen Gutes tun, zunächst einmal sich, das ist schon richtig. Doch diese Grenze ist nicht ... nicht besonders gut gezogen. Ist doch klar, was das heißen soll: meine Familie – bin das nicht ich? Meine Freunde – bin das nicht ich? Natürlich bin das nicht ich, aber es sind doch meine Freunde, sie gehören zu mir. Wenn ich mit jemandem eine Firma aufbaue und ich ziehe ihn gleich über den Tisch, dann wird das nichts mit der Firma, wenigstens muss ich abwarten und während dieser Zeit bin das eben auch ich.

 

 

Der Wolf frisst Kreide. Er ist gar kein richtiger Wolf mehr, ein Engel auch nicht gerade, aber den brauchen wir hier nicht, den lassen wir in der Schublade. Der Wolf ist kein Wolf mehr, warum? Da ist der Punkt, auf den ich hinaus will: weil er seine Familie nicht beschützen konnte. Das mit dem Vaterland ist ja eine kitzlige Größe, Vaterländer bestehen sozusagen aus Siegen und Niederlagen. Da herrscht so eine Art Pulsieren, in das der Einzelne mit hineingezogen wird, aber was ihn presst oder weitet, das ist doch nicht er selbst, und wenn man erstmal kapiert hat, dass man von Verbrechern... also da fällt der Abschied vom Vergangenen nicht so rasend schwer, möchte man meinen, es sei denn, man leidet an einer Art Komplizen-Syndrom, sowas gibt’s natürlich, die Gründe liegen ja auf der Hand. Aber die Familie – das ist er selbst. Der Bombenkrieg, die Vergewaltigungen im Osten, die munteren Fräuleins im Westen, auch die, natürlich: darüber muss man schweigen. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Ein erfolgreicher Nachkriegssatz. Darüber muss man schweigen. Wer quatscht, stört. Also: der Wolf ist nicht länger Wolf, er löst sich auf, Einzelne ausgenommen, die geben dann die Bosse. Ja, richtig, in Afrika passiert sowas auch, jedenfalls zum Teil, Vietnam, Laos, Kambodscha, was weiß ich, frag doch den Scholli, der kennt sich da aus. Das passiert überall, wo sowas… geschieht.

 

 

Wir sind keine Zeugen der Niederlage, wir sind ihre Kinder. Wir wurden in Freiheit geboren. Mach deine Witze, wahr ist es doch. Wir sind frei geboren, sind wir das nicht? Die Familie hat man notdürftig repariert, Betonung auf Notdurft, die Häuser stehen wieder, im Schutt dazwischen spielen wir Indianer und Cowboy, die Ratten vermutlich auch, aber die fragt ja keiner. Die Erwachsenen lesen wie die Blöden Camus, warum, fragt auch keiner. Warum? Das weiß doch jeder. Die Ratten, erst drinnen, dann draußen, tolle Metapher, versteht jeder, aber wie kann es sein, dass wir den Arzt, ich meine, haben wir den übersehen? Wie schön, dass wir jetzt die Geschichte aus seiner Sicht, ich meine, das baut doch auf, oder? Soviel zu den Erwachsenen. Jetzt zu uns. Krieg, Nazis? Sowas gibt’s doch gar nicht. Wir wissen nicht, worüber sie reden, wir wissen nicht, worüber sie schweigen. Wir wissen es nicht, es hat keine Realität, es existiert nicht, es ist nichts für uns. Das meine ich. Es ist nichts für uns.
Meine Schwester ist ein Kriegskind, sie weiß etwas, was ich nicht weiß.
So geht das Spiel. Frage: Wer will es spielen? Meine Schwester gehört schon zu den Erwachsenen, komisch, dabei ist sie ein Kind, fast wie ich. Sie ist dabei gewesen. Wenn einer von uns den Mund aufmacht, gibt’s eins drauf: er weiß nicht, wovon er redet. Was weißt denn du? Selbstredend erfahren wir nichts, außer in Andeutungen, die keiner versteht. Auf der Penne ändert sich das, schön langsam, unter grotesken Verrenkungen, den Alten kann man damit nicht kommen. Die Schule, das sind die anderen. Was wissen denn die? Natürlich wissen sie, aber sie werden sich hüten, es auszuspucken, man selbst hütet sich doch auch. Das ist schließlich kein Stoff, den man an Kinder ›vermittelt‹, allenfalls ganz vermittelt, ganz entfernt, abgerissen, außer jedem Zusammenhang. So sieht es aus. Wir haben die Freiheit, wir wissen nichts. Nescio ergo sum. Das meine ich, wenn ich sage, wir sind die Kinder der Freiheit.

 

 

Wir haben uns nicht gegen die Familie entschieden. Die Familie hat sich entschlossen, uns ihre Geheimnisse nicht zu verraten. Sie hat sich gegen uns entschieden. Darüber ist sie zu Grunde gegangen. Jawohl, zu Grunde. Statt der Geschichte auf den Grund zu gehen, haben wir die Erzählung anstandslos angenommen, die wir bekommen konnten. Ich sage ja nicht, dass sie falsch war. Sie war nur allgemein. Die Medien haben uns gemacht, komplett, mit Innenleben und allem, natürlich nicht vollständig, sowas gibt’s nur in der Science fiction oder in den Psycho-Camps der CIA, ich meine damit eher, sie haben uns in Stellung gebracht. Der Vater war entweder Widerstandskämpfer oder dabei. Also fast immer: dabei. Der eine zu groß, der andere zu klein, Held oder Arschloch, dazwischen nichts. Zu uns ist keiner nach Hause gekommen, für uns sowieso nicht. Was ich damit sagen will? Ich sage nur:

FÜR UNS IST KEINER NACH HAUSE GEKOMMEN.

Die ›Mauer des Schweigens‹, erinnerst du dich? Natürlich erinnerst du dich, ich weiß gar nicht, was das jetzt soll. Also ich komme dir jetzt weit entgegen, ich rekonstruiere die allgemeine familiäre Situation damals, ich will jetzt nicht vergleichen, wo es nichts zu vergleichen gibt, das wäre ja … danke, du nimmst mir das Wort aus dem Mund. Verbindlichsten Dank. Sehr hilfreich. Ich kann auch abbrechen

 

 

Die Geschichte ist die Geschichte. Wir sind in die Geschichte hineingeplumpst wie … wie die Sperlinge, jeder hat sich aus ihr herausgepickt, was ihm geschmeckt hat, obwohl das Ganze uns überhaupt nicht geschmeckt hat.

Wir sind Ist-Demokraten, keine Soll-Demokraten.

Wir sind keine Leute, die erst überzeugt werden mussten. Ich meine jetzt: innen. Ist der Unterschied wichtig? Ich denke schon.
Verdammt, jetzt habt ihr mich durcheinander gebracht. Ich wollte etwas über die Mütter sagen: zwangssolidarisch. Blödes Wort, ich weiß das selbst, spuck es aus, wenn dir ein besseres einfällt. Übrigens mit beiden Seiten. Also zerrissen. Was das jetzt wieder bedeutet? Ich weiß es noch nicht, aber ich werde es herausfinden. Die Familie ist in den Müttern zu Grunde gegangen. Wie? Das weiß keiner. Das ist ein Geheimnis. Du solltest dich schämen. Hört auf. Ihr solltet euch alle schämen. Apropos: der Väter schämt man sich öffentlich, der Mütter im Geheimen. Jetzt ratet mal, welche Scham mächtiger ist. Ich? Nein. Ich schäme mich nicht.

Leckt mich.
 
 

Kärich verfolgt einen Gedanken und fühlt sich dabei verfolgt

Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Was, zum Teufel, ist ein Tabu?

Des Dozenten Gesichtsmuskeln, durch die Frage gespannt, eine Projektionsfläche erster Güte: was wäre, wenn er jetzt ein wenig in Wallung geriete ... oder ins Stottern ... oder ins Vordenken... Man kommt, als Student, nicht oft in die Pyramide, da will man Schauspiel, am besten pur. Der Dozent pflegt die mäandernde Rede, das wissen sie schon.

  • ―Richtig! Tabu ist zunächst, worüber man schweigt. Das Schweigen kann natürlich verschiedene Gründe haben, das Tabu wäre einer davon, einer unter vielen, aber das scheint vielleicht nur so. Gewöhnlich schweigt einer, weil er keine Antwort weiß. Warum redet dann einer, der keine Antwort weiß? Sehen Sie, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht und ich rede weiter. Getrieben von der Situation, Sie werden sagen, was soll er machen? Soll er da vorne stehen und Däumchen drehen? Die Situation verlangt, dass er seinen Job macht und also redet er weiter. Was ist daran aufregend? Das ist eine ganz alltägliche Situation. Ist Konversation höflich und wollen wir höflich sein, dann reden wir weiter. Halten wir sie für nervig, dann brechen wir ab, irgendwo, und starren aus dem Fenster. Wir blicken nicht aus dem Fenster – wir starren. Da liegt der Unterschied. Was, bitte, sähe ich, wenn ich mir jetzt einfallen ließe, aus dem Fenster zu starren? Ich bitte um eine Antwort. Was alle sehen? Gut gut, also Sie und ich. Aber ist das richtig? Kann einer von Ihnen nachvollziehen, was ich sehe, wenn ich jetzt aus dem Fenster starre? Natürlich nicht. Schließlich handelt es sich in diesem Fall nicht um Konversation, sondern um die Verweigerung eines Lehrakts. Wer kann schon ermessen, was in einem Dozenten vorgeht, der sich zu diesem äußerst wichtigen Schritt … entschließt? Entschließt er sich wirklich? Ein solcher Entschluss will bedacht sein. Das kostet Zeit. Wessen Zeit? Die Zeit dessen, der da abbricht? Aber er bricht etwas ab, vielleicht aus Überschwang, auch das soll vorkommen, vielleicht, weil er sich etwas von der Rede versprochen hat, was nicht eintrat, jedenfalls nicht bis zu diesem Zeitpunkt, und jetzt wäre es zu spät, er bricht etwas ab und zwar diese Rede, die ihn doch ausgefüllt hat, solange er redete. Er hatte also, wenn man es genau nimmt, keine Gelegenheit zu bedenken, was er da tut. Dennoch tut er es, aus einem Impuls heraus, den man zwingend nennen sollte, denn – ja?
  • ―Korrekt. Sie haben recht. Wer redet, erwartet, dass man ihm folgt. Können Sie mir folgen? Gut, dann versuchen wir den nächsten Schritt. Woher weiß ich, dass Sie mir folgen? Sie können mir folgen? Gut Sie könnten mir also folgen. Aber folgen Sie? Sind Sie so folgsam? In Gedanken? Eine Herde Lämmer? Großer Gott, sowas nennt man doch nicht studieren. Vielleicht folgen Sie mir ganz leicht, ganz beiläufig, und machen sich währenddessen Ihre Gedanken. Das wäre möglich, es würde mich sogar freuen. Andererseits würde ich gern Ihre Gedanken lesen, während ich ganz erfüllt bin von meinen Gedanken. Warum füllen sie mich aus und Sie nicht? Was macht Sie so sicher, dass Sie meinen Gedanken folgen, während Sie die Lippen spitzen, um zu pfeifen – auf mich und das, was ich Ihnen zu sagen habe? Nein, ich weiß nicht, ob Sie mir folgen. Es ist mir, ehrlich gesagt, auch schnuppe, bis zu dem Moment –
Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Natürlich. Natürlich. Tabu ist, worüber man nicht reden darf. Worüber man nicht reden darf, darüber soll man schweigen. Oder? Soll man? Soll man nicht? Wer hat das Recht, mir die Rede zu verbieten? Andererseits: solange ich noch so denken kann, wo ist da das Tabu? Nein, es muss anders heißen. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Das ist der Satz der Epoche. Beifall! Ach bitte, geben Sie mir ein Beispiel. Los, geben Sie mir ein Beispiel! Denken Sie nicht lange nach, sonst verflüchtigt sich die ganze Materie. Schon geschehen? Das ging ganz schön schnell. Bei den Ombró zum Beispiel ist es ganz ungebührlich, die Rede auf irgendwelche Taten der Vorfahren zu bringen – eine schöne Umkehrung dessen, was man allgemein erwartet. Früher kostete, wie es so schön heißt, der Übeltäter den Dolch, heute dulden sie, dass er den Stamm verlässt, nachdem sie ihn ein wenig geritzt, also gezeichnet haben, natürlich im Dunkeln, mit Masken vor dem Gesicht.
    Sie sehen, es gibt den Fortschritt. Was lernen wir daraus? Es ist ganz willkürlich, worüber man schweigen muss. Aber es steht in niemandes Macht, es zu ändern. Wer das Schweigen bricht, tut dies auf eigene Gefahr. Falls er mit dem Leben davonkommt, kann er immerhin bezeugen: Es geht doch. Aber sein soziales Leben, seine Stellung, sein Prestige, womöglich auch sein Vermögen, sind futsch. Es ist also richtig zu sagen: Ich kann nicht. Natürlich könnte auch ich, aber meine wissenschaftliche Reputation lässt es nicht zu. Es wäre dreckige Sprache, Sie wären zu Recht empört und könnten mich denunzieren. Vielleicht würden Sie auch jubeln und in mir den Helden und Tabubrecher feiern, aber das Hochgefühl hielte nur, bis ich den Raum verließe – draußen wäre ich ein toter Mann. Sie wollen ein Beispiel? Guter Trick, aber er verfängt nicht. Aus mir bekommen Sie nichts heraus. Natürlich gibt es Kollegen, die sind große Tabubrecher – gehen Sie hin, schauen Sie sie sich an! Falls Sie es können, falls sie noch in der Lehre sind und nicht schon in Italien weilen oder in einem anderen Sonnenland, um ihre Wunden zu kühlen.
    Aber es gibt nicht nur die Ombró. Wir kennen Gesellschaften, die förmlich darauf lauern, dass einer sich verrät. Solche Gesellschaften hüten ein großes Geheimnis, vielleicht machen sie auch nur ein Geheimnis aus dem, was alle wissen, jedenfalls betrachten sie sich als etwas anderes, im Normalfall Besseres als ihre Umgebung. Das Geheimnis des Besserseins muss natürlich bewahrt bleiben, das versteht jeder. Oder nicht? Angenommen, es gibt so etwas wie einen missionarischen Drang, alle Welt soll wissen, was am eigenen System besser ist, dann wäre Verräter, wer seine Vorzüge verschweigt. Man kann also auch durch Schweigen, besser: durch Übergehen ein Geheimnis verletzen. Das festzustellen ist nicht so einfach. Sie brauchen schon ein System von Sätzen, ›System‹ jetzt in dem ganz losen Sinn eines einfachen Verbundes, dessen Gebrauch darüber entscheidet, ob Sie ein positives Glied der Gesellschaft sind oder ein Verräter. Nun denn. Für die Absonderung vorgeschriebener Sätze hält der Volksmund eine drastische Vokabel bereit, die ich Ihnen nicht groß benennen muss. Auch hier greift das Tabu. Also steckt in jedem, der einer missionarischen Gesellschaft angehört, ein Verräter. Aber natürlich braucht es Prozeduren, die ihn herauslocken. Denken Sie an die Stalinschen Schauprozesse –
Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Ich denke nicht daran. Es braucht Prozeduren, sage ich, und diese Prozeduren müssen systemkonform sein, das heißt, entweder zustimmungsfähig oder furchtbar, am besten beides. Sie müssen natürlich auch mit den Gesetzen des Landes zusammenstimmen, das ist schon klar. Aber Gesetze lassen sich ändern oder suspendieren oder umgehen oder auch nur interpretieren, da gibt es erstaunliche Beispiele. Vor allem aber muss das gewählte Verfahren greifen. Was ich darunter verstehe? Versuchen Sie, die Hälfte der Bevölkerung eines Landes hinter Gitter zu bringen und Sie werden begreifen, was ich meine.
    Andererseits brauchen Sie den real existierenden Verräter. Im Lande aller Braven erzeugen Sie keine Furcht, also keine Bravheit, also kein Anderssein, jedenfalls kein Bewusstsein davon. Bewusst anders sein, das wollen Sie doch, oder? Keine Sorge, ich meine das nicht persönlich, fühlen Sie sich angesprochen oder nicht, das ist Ihre Sache, allein, mit anderen, fühlen Sie sich frei. Und? Fühlen Sie sich angesprochen? Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere könnte man so umschreiben: Man erzeugt kein Tabu durch Gesetze. Aber: hinter jedem Gesetz steht ein Tabu. Das ist kein Animismus, das ist harte, nackte Realität. Gesetze werden gemacht, nehmen wir an: in einem ordentlichen Gesetzgebungsverfahren, sonst wären es keine ordentlichen Gesetze und darauf kommt es schließlich an. Wir alle wollen ordentliche Menschen sein, Menschen mit ordentlichen Gedanken und Überzeugungen und Taten, ja natürlich, was sonst. Schauen Sie nicht so ungläubig. Stört Sie das Wort? Nehmen wir ein anderes. Also: wir alle, wir alle ... lachen Sie nicht. Auch Ihr Lachen ist wohlsortiert, glauben Sie mir, es ist, sagen wir, geordnet. Wir kommen aus geordneten Verhältnissen, ob wir wollen oder nicht, und gehen … wohin? In geordnete Verhältnisse, wohin sonst? Ich sehe, auch dieses Wort passt Ihnen nicht, Sie wollen es partout ungeordnet. Hier: ich schreibe es hin: ungeordnet. Wie Sie sehen, ist alles noch da, nur die Vorsilbe ›un-‹ streicht es durch, etwa so:

     

    ungeordnet

     

    Sehen Sie, was hier passiert? Den einfachen Negator können Sie in der Pfeife rauchen. Er sagt Ihnen nichts, das Durchgestrichene blickt überall durch, es ist die Botschaft, nach wie vor. Dieses Durchgestrichene, das überall durchblickt, nennt man in zivilisierten Kreisen Tabu. Ich erwähne das deswegen ausdrücklich, weil die zivilisierten Kreise es vorziehen, vom Tabu zu reden, als sei es ein Charakteristikum primitiver Kreise, früher sagte man: der Primitiven, aber das ist natürlich tabu. Sie streichen also die Ordnung durch, die überall durchblickt. Ich verstehe: Sie wollen keine Ordnungsfanatiker sein, Sie sind aufgeklärt. Ordnungsfanatiker streichen das ›un-‹ durch, den Negator, sie wollen es positiv und denken dabei unentwegt ans Negative. Wundert uns das? Natürlich nicht. Aber beantworten Sie mir doch die kleine Frage: Was ist nun tabu? Die Ordnung? Oder die Unordnung? Sagen Sie bitte nicht: dem einen dies, dem andern das. Das wäre nun wirklich primitiv. Wir alle sind Ordnungsfanatiker – Sie, ich, der ganze Haufen, Sie werden keine Stecknadel darin finden. Lesen Sie die Schriften der Anarchisten und Sie wissen, was ich meine. Glasklare, perlende Prosa, ein Gedanke klüger als der andere, ein Gedanke stimmiger als der andere, der reinste Ordnungszwang, und er kehrt sich, wie immer, am Ende gegen die Realität.
    Tabu ist immer das Tabu.
    Empören Sie sich gegen den Ordnungszwang? Nur zu. Was ist denn so irrational an der Ordnung, dass es Ihr Herz empört? Die Antwort darauf ist ganz einfach: alles, was das Herz Ihnen eingibt. Das Herz ist ein beweglicher Muskel, es macht Druck. Ich sagte, das Tabu ist der Schatten, den ein Gesetz wirft, es teilt den Druck, es stanzt eine leere Fläche aus ihm heraus, es verschafft ihm ein gewisses Quantum an Geltung, ohne dass gleich die Polizei vor der Haustür steht. Haben Sie das BGB im Kopf? Ich nicht. Dafür braucht es Spezialisten und auch die müssen im Einzelfall nachschlagen. Trotzdem funktioniert das Ganze... Da war eine Wortmeldung. Sprechen Sie, ja natürlich, sprechen Sie ruhig.
Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Warten Sie, ich muss Ihnen erst folgen. Sie meinen also? Nein? Nun. Ja wirklich, das ist eine gute Frage. Die unsichtbare Religion, sie ist natürlich nicht neu, sie ist ein direkter Abkömmling der unsichtbaren Hand, eine Unsichtbarkeit gibt hier sozusagen die andere. Menschen werden mit Ordnungsvorstellungen geboren und gehen an ihnen zu Grunde, so kann man es sagen, das stimmt vielleicht, aber wir können das, was daran stimmt, nicht besonders gut greifen, und Religion auf Ordnungsphantasien zu reduzieren, das ist schon, das ist schon recht... rudimentär. Eigentlich sagt es nichts anderes, als dass der Wunsch, mit den anderen halbwegs auszukommen und nicht gleich alle Verhältnisse gegen die Wand zu fahren, sehr sehr elementar sein muss, eine Trivialität also, vielleicht nicht unter Gestörten, aber das wäre ein anderes Thema, vielleicht auch nicht. Der Gestörte ist ja selbst tabu, er ist gestört und also nicht völlig belangbar, in schwereren Fällen von aller Zurechnung freigestellt. Der eine oder andere aus diesem Personenkreis hat auch ein Bewusstsein davon und nützt es aus. So etwas kommt schon einmal vor. Wenn Sie sich in einen Rollstuhl setzen, können Sie den Menschen Dinge sagen, die Sie sich sonst besser verkneifen. Da haben Sie die unsichtbare Religion. Einer redet und die anderen schweigen. Sie halten die Blicke gesenkt und schämen sich. Sie wissen also, wovon die Rede ist, sie wissen alles selbst und könnten ohne zu zögern in ihr fortfahren, aber sie ziehen es vor zu schweigen. Warum? Weil es außer der Ordnung ist. Was dieser da sagt, es kratzt die Ordnung nicht, sie muss es aushalten, sonst besäße jeder die Macht, sie kraft seines So-Seins zu zerbrechen. Denn jeder ist anders. Manchem schlägt das Gewissen allzu heftig, auch das ist eine Störung und stellt Sie frei, Dinge zu sagen und zu tun, die Sie nicht ganz überblicken, von denen Sie im Moment überzeugt sein mögen, im nächsten Moment kann sich das anders gestalten. Auch den Gewissenhaften umgibt das Schweigen als eine Art Schutzmantel und nur der Gewissenhafte ist wie der ganz Gewissenlose so frei, das Gewissen des anderen nicht zu tolerieren. Oder meinethalben, nehmen Sie einen Kotzbrocken: das gleiche Spiel, das gleiche Ergebnis, diesmal durch ein Zuwenig an Zartgefühl. Sehen Sie –
Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Richtig, vollkommen richtig. Jede Rede, die ankommt, hat doch schon etwas von einem Tabubruch. Einer spricht aus, was alle denken. Spräche er nur wie sie, wäre es nur Gerede. Nein er spricht aus, was sie nicht aussprechen können, teils, weil sie es nicht wagen würden, teils, weil sie diese ganze Gegend nur mit heruntergelassenen Jalousien durchqueren, so dass ihnen die Worte dafür fehlen, jedenfalls bis zu dem Augenblick, in dem er sie ihnen vorspricht. Haben sie also gedacht, was er spricht? Was heißt hier ›denken‹? So wie sie ihm an den Worten kleben, könnte man meinen, es seien ihre Gedanken und das sind sie in gewisser Weise ja auch, aber jetzt erst, Wort um Wort, werden es ihre Gedanken – man kann auch anders betonen, es werden jetzt ihre Gedanken, aber das kommt ungefähr aufs Gleiche heraus. Übertreibe ich? Nein, ich glaube nicht. Nehmen wir den Fall eines beliebten Politikers, eines nicht bei allen beliebten Politikers, müsste ich jetzt der Genauigkeit halber hinzusetzen, aber das versteht sich in diesem Beruf schon von selbst. Sie kennen ihn alle, sagen wir, seit Thukydides, sicherheitshalber konstruieren wir ihn scheibchenweise – er ist polemisch, witzig, schlagfertig, also ein seltenes Talent in der hiesigen Arena, aber: das allein wäre eher geeignet, ihn abzudrängen, es ist ein Außenseiter-Talent. Haben Sie schon einmal beobachtet, welchen spärlichen Umgang mit dem Wort konventionelle Machtträger pflegen? Wortschatz, Syntax, Idiomatik, Zitatwahl, alles ist scheinbar auf Kommunikation mit der breiten Masse angelegt, aber das scheint nur so, in Wahrheit entfaltet dieser Jargon seine eigentümliche Überlegenheit in der versteckten Kommunikation mit der Macht. Einer, dem die Sprache liegt, der ihr schon einmal ein Stückweit nachgeht, steht dagegen leicht im Verdacht, ein Volkstribun zu sein oder ein Schöngeist. Ersteren fürchtet man, letzterem begegnet man mit maskierter Geringschätzung – übrigens auch in Literatenkreisen, machen wir uns da nichts vor. Wir stehen hier mitten in der Tabu-Produktion, sehen wir uns um. Was sehen wir – ja?
Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Unser Thukydides-Mann, ja. Warum Mann? Schwer zu sagen, darauf kommen wir später. Vielleicht auch nicht. Es sind die emanzipierten Frauen, die ihn nach oben tragen, ja tragen, in einer Sänfte aus Wohlwollen, Ambra und Moschus, wir weilen noch immer bei den alten Griechen. Er hat es auch nötig, ein gewisser Bocksgeruch geht von ihm aus. Manch einer aus der Riege der Abgedrängten glaubt felsenfest, er habe den Bocksfuß deutlich erkannt. Aber das ist natürlich … Tinnef. Was bewegt diese Frauen? Sagen wir, er ist nicht wirklich witzig, sagen wir, seine Polemik besitzt einen Erdgeruch, sagen wir, alles bleibt ein wenig ungehobelt, aber eben nicht sehr. Sagen wir, er bedarf der salbenden Hände, sagen wir, er bedarf dieser leidend belustigten Zuneigung einer sozialen Gruppe, die ihre Zukunft noch vor sich sieht, sagen wir, er ist ein Macho, aber auf der richtigen Seite, einer, der es den anderen gibt –? Alpha-Tier, jaja. Plötzlich geistert dieses Wort durch die Arena. Das Alpha-Tier besitzt, alle wissen es, eine positive Ladung. Es ist also elektrisch geladen. Es ist nicht der kreuzbeladene Sündenbock, der stellvertretend für die Übel dieser Welt verbannt oder verbrannt wird. Es ist der Gnadenbock, das Reittier ins Offene.
    Worin besteht das Offene? Die Frage sollte Sie nachdenklich machen. Wollen wir es zustellen mit Erwartungen? Wäre es dann noch das Offene? Aber ohne Erwartungen? Wäre es dann? Das Offene ist nicht irgendetwas. Das Offene ist – kleiner Ausflug in die Welt des Monotheismus – das Gelobte Land. Was ist das Gelobte Land? Die Frage, Sie merken es, erweist sich als etwas kitzlig. Man vermehrt die Zahl seiner Gegner, wenn man sie so stellt. Man verletzt ein Schweigegebot, man verletzt die Menschen, wenn man sie so rüde angeht, man wird selbst zum Rüden. Das Land, wo Milch und Honig fließen, das wäre doch etwas. Sie bemerken die Stockung vorher und das Fließen danach, wir haben eine Schwelle passiert, wir haben sie wahrhaftig passiert und jetzt sind wir weiter. Reden wir über Milch und Honig und ihren Preis. Reden wir über die Preistreiber. Reden wir, legen wir ein bisschen heisere Stimme zu, ein bisschen Reibeisen, ein bisschen künstliche Erregung, um das Bewusstsein der Schwelle wachzuhalten, und dann reden wir übers Programm. Reden wir so darüber, dass denen, die es ausgekocht haben, Hören und Sehen vergeht. Reden wir, als seien wir wirklich ausgebufft, ausgebuffter als alle anderen, ein ganzes Stück jedenfalls, reden wir, als ob unsere Wirklichkeit gerade jetzt, in diesem Augenblick, vor der Tür steht und wir gehen jetzt hin und lassen sie herein, weil, weil… sie ohnehin nicht mehr weggeht.
    Merken Sie, wie es der anderen Seite langsam mulmig wird? Wie ihr die Kraft ausgeht? Wie sie auf eine Schwäche lauert, die sie nicht sieht? Wie sie anfängt zu stochern? Was es da wohl zu finden gibt? Ganz einfach: die Realität. Boden unter den Füßen. Tritt fassen nennt man das.
Seminartag oder: Seien wir mutig, seien wir froh
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  • ―Ja natürlich. Ganz recht. Neinnein, das passt schon. Ich pflichte Ihnen völlig bei. Neinnein, das ist kein anderes Thema. Nacktsein ist Schwäche. Das Tabu gibt Stärke. Aber stark, wirklich stark ist, wer sich nackt zu zeigen weiß. Wer sich nackt zeigen kann, denn ganz, wie jeder Einzelne weiß, ist das nicht ins Belieben dessen gestellt, der sich vor aller Augen entblößt. So nicht. Nein, das Tabu ist nichts Psychisches. Es ist das, was sich herstellt, unter unseren Augen, wenn Sie so wollen, unter den Augen dieses vielköpfigen Wir, im Moment der Nacktheit. Jeder hat solche Momente, jeder muss sich verbergen. Ich rede, Sie schweigen. Was verbergen Sie mir? Wissen Sie’s? Nein, natürlich nicht. Warum? Weil Sie es vor sich selbst verbergen, jedenfalls, solange Sie hier als Studenten sitzen und nicht als Stifthalter oder Daumendreher oder als Spitzel oder als Obdachloser auf der Suche nach einem warmen Plätzchen. Aber auch meine Rede, machen wir uns da nichts vor, verbirgt. Die Gedanken laufen vor, neben und hinter meiner Rede, sie wählen aus, verwerfen, formen, modellieren. Aber ist das richtig? Sind das noch Gedanken? Ist nicht erst das, was in gerundeter, grammatisch korrekter Form – gehen wir mal davon aus – meine Lippen verlässt, ein Gedanke? Ein Gedanke unter Denkungeheuern. Wenn Sie mich so sitzen sähen, allein unter Ungeheuern, die pausenlos aus mir herausquellen... was würden Sie tun? Die Polizei rufen? Die Pfleger? Irgendwas würden Sie tun, im einfachsten Fall den Raum verlassen. Aber irgendeiner würde bleiben, irgendeiner bleibt immer und sieht sich das an. Das Tabu ist für die Vielen, nicht für den Einzelnen.

Nach der Pause reden wir weiter.

Der Verlust von Kansas

»――«
»――«
»Um Kopf und Kragen.«
»Das kannst du laut sagen.«
»Wovon redet ihr?«
»Lasst uns weitergehen.«

>»Um auf dieses Bild zurückzukommen –«
»Ja?«
»Es entstand nach einem Schlaganfall des Künsters.«
»Ist das wichtig?«
»Steht im Katalog.«

»Ich mag solche Darstellungen nicht.«
»Ich frage mich, was es darstellt.«
»Egal. Es ist grausam.«
»Das Bild oder die Sache?«
»Was ist die Sache, wenn es doch ein Bild ist?«

»Frag mich nicht. Irgendwas mit Sklaverei.«
»Ich verstehe Bahnhof.«
»Ich denke, er hat sein persönliches Trauma gemalt.«
»Das sieht man.«
»Wirklich?«

»In der Regel tritt Verlustangst ein, sobald der Verlust erst einmal unumstößlich geworden ist.«
»Sie wollen sagen…«
»Ja, das wollte ich.«

 

 

KANN MAN EIN LAND OHRFEIGEN?
MAN KANN.

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RENDEZVOUS MIT EINER OHRFEIGE
IN VIERUNDZWANZIG BILDERN
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 » 

Aus Träumen herauftauchend, eine Aufgabe festhaltend, die sich zum Gedanken einerseits, zum Bild andererseits verfestigt, ohne schon zu verfestigt zu erscheinen. Auch bleibt es ungewiss, ob das, was da als Aufgabe heraufdämmert, als deine Aufgabe begriffen werden soll oder als eine, deren Ausführung, durch wen auch immer, in den Raum gestellt wurde – was ihre Dringlichkeit keineswegs geringer, nur eben anonym werden ließe: diese Aufgabe knüpft sich auf unbegriffene Weise an die Zahl vierundzwanzig, genauer, an das Bild oder die vage bildhafte Vorstellung, an der das Meiste assoziiertes Gefühl bleibt, von ebenso vielen, vorerst leer blickenden Rahmen, die den Halb-, Viertel- und Nicht-mehr-Schläfer durchgeistert. Was die Aufgabe angeht, so lässt sie sich leicht formulieren, obwohl du das immer wieder hinausschiebst, vielleicht, weil es dir vorkommt, als gerate das Formulieren hier leicht auf Abwege oder decke mit kräftigen Lettern gerade das zu, was gesagt werden müsste, um dem Erträumten gerecht zu werden. Doch in Wahrheit bleibt es wie alles begründungslos.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
RENDEZVOUS MIT EINER OHRFEIGE
IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (1)
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Vierundzwanzig Bilder, lautet die Aufgabe, hätten das wechselnde Antlitz einer – dir übrigens unbekannten – Person vorzustellen, die, aus ihrem Alltagsleben herausgeholt, auf eine kurze, lange Reise in den verordneten Tod geschickt wird

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RENDEZVOUS MIT EINER OHRFEIGE
IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (2)
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der ›sie erwartet‹, wie man so sagt, mit einem jener rätselhaften Ausdrücke, die sich um diese grausigen Prozeduren gebildet haben, während es doch so ist, dass sie ihn erwartet, aber so, wie ihn Menschen erwarten, wenn sie genötigt werden, die Spanne zwischen zwei Ungewissheiten auszufüllen, ohne dass es etwas zu tun gäbe, in dem sie Vergessen fänden oder auch nur die Art von Ungewissheit, die dem Leben, dem einfachen, wirklichen Leben gemäß wäre, weil es nun einmal ist, wie es ist, selbst dann, wenn jemand unter die Räuber und Vergewaltiger fällt.

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RENDEZVOUS MIT EINER OHRFEIGE
IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (3)
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Vierundzwanzigmal also das Schweißtuch der Veronika, abgenommen einem jungen, seiner Auslöschung entgegenreisenden Mädchen, dessen Traumnamen du vergessen hast, was seltsam ist, weil der Traum ihn eigens herbeischaffte, als sei da noch etwas ausgespart geblieben, das um keinen Preis ausgespart werden durfte, während das Gesicht –

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (4)
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Warum vierundzwanzig?

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (5)
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Ganz einfach, könntest du dir sagen: 6 x 4, das Problem des Würfels, der in die Ebene drängt. Doch so einfach lässt das Problem sich nicht aus der Welt schaffen. Warum auch. Ein Problem hat ein Recht zu existieren, etwa wie ein Mensch, ein Baum, ein Vogel, ein Rosinenhügel oder, deinethalben, ein Rosmarinstrauch. Das Problem des vierundzwanzigmal leeren Rahmens lässt sich schwer formulieren, die Frage, warum es existieren sollte, nimmt daher ungebührlichen Raum ein, eine Zeitlang kommt es dem Viertel- oder Achtelträumer so vor, als bestehe Deckungsgleichheit zwischen Problem und Frage, doch schon schiebt das Problem sich wieder nach vorn, leer, wuchtig, wenn er nicht aufpasst, erschlägt es ihn vor dem Aufwachen. Du versuchst dir die Reihe der Passionsrahmen vorzustellen, das geht wohl nicht anders als dadurch, dass du sie mit Inhalten füllst

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (6)
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die Inhalte strömen herbei, fast könnte man sagen, sie reisen an, manche zu Fuß, manche in komfortablen

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (7)
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Schüben

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (8)
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diese junge Frau, zweidimensional auch sie, die sich sachte ablöst von ihrem Grund und vorbeischwebt, wirkt nicht verzweifelt, eher jenseits der Verzweiflung, besäße sie Augen, so sähe man gleich, wie es um sie steht, nun gut, sie besitzt welche und man sieht, wie es um sie steht, aber nur für den Augenblick dieses gedanklichen Zugriffs, lockert er sich, so verschwinden sie und man sieht nichts oder, besser vielleicht, seltsam wenig, denn nichts zu sehen ist nicht so einfach, das gilt für jeden Zustand, gleichgültig ob Wach- oder Schlaf- oder Traum-. Ob es etwas zu sehen gibt oder nicht, bestimmt nicht der Träumer. Er bestimmt nur die Auswahl. Bestimmt er sie? Nun, nicht wirklich, er fährt mit dem Stift hin und her, unterstreicht dies, lässt jenes dahingestellt sein, er träumt ja nicht bewusst, er gleitet.

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (9)
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Dass er von ihr angerührt wird, ist ganz normal, es betrifft

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (10)
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keinen von ihnen direkt, müsste er denken, doch der Gedanke ist gerade nicht auffindbar, vielleicht gelöscht, es gäbe ihn also, nur hinter Gittern

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (11)
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einen Gedanken kann man nicht aus der Welt schaffen

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RENDEZVOUS MIT EINER OHRFEIGE
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nein, das geht nicht, es geht wirklich nicht, der Weltknoten, der dich hervorgebracht hat, ist nicht auf bestimmte Gehirne beschränkt, er ist nicht randscharf, denkst du, nun ganz du selbst, aufrecht, ein wenig schläfrig noch, das ist der entscheidende Punkt: er sitzt in den Übergängen und jeder Versuch, ihn von außen zu fassen, lässt ihn herein. Lässt ihn herein. Vermutlich ist das der Grund für Gedankenphobien. Die Leute fürchten die Ansteckung und lassen sich allerhand einfallen, um ihr zu entgehen. Ob’s hilft, weiß nur die Zukunft. Das Wissen der Zukunft ist unbegrenzt, jedenfalls liegen seine Grenzen nicht dort, wo man sie gerade vermutet. Dennoch: du weiß schon, dass du niemals mehr wissen wirst als jetzt. Du weißt überhaupt mancherlei.

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (13)
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Man kann sich einem Gedanken verweigern. Einem bestimmten? Ohne ihn bestimmt zu haben? Wie gründlich muss man einen Gedanken kennen, um ihn verweigern zu können? Ist ein Gedanke, den man in- und auswendig kennt, noch zu verweigern? An welcher Schwelle?

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Man kann den Ort unkenntlich machen, an dem er, erst einmal in der Welt, sich unweigerlich einstellen würde. Doch das gelingt nur unvollkommen. Der Gedanke wird diesen Ort weiterhin umkreisen, eine einsame Dohle, die Menschen durch ihr Gekrächze erschreckt. Die Einsamkeit der Gedanken... worin besteht sie? In der Einsamkeit, mit der bezahlt, wer sie denkt? Das wäre unwahrscheinlich, sehr unwahrscheinlich, die Menschen lieben an ihresgleichen die Einsamkeit und werden, Zaungäste, die sie sind, davon angezogen, sie bewundern die Posen und ahmen sie nach, wo sie können. Nur die Einsamen gebärden sich, als seien sie Mittelpunkt eines Pulks. Tronka zum Beispiel … Gibt es Gedankenträger? Gibt es Menschen, die man nur totschlagen müsste, um einen Gedanken … oder zerschlagen, um ihn herauszulassen? Geheimdienste etwa sind Maschinen zum Herauslassen von Gedanken, vor allem solcher, die ihr Träger ungern herauslässt. Jedenfalls muss man nachhelfen, damit die Quelle sprudelt, den Zapfen hineintreiben, irgendeinen, aber es gibt schon spezielle. Geheimdienste, heißt es, sind zynisch in ihren Methoden, die Ergebnisse sind es vermutlich auch: da liegt der Fund und er lebt, jedenfalls atmet er noch. An einem toten Gedanken ist niemandem gelegen. Sein Nutzen ist, vorsichtig gesprochen, ›begrenzt‹.

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Warum vierundzwanzig?

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Nie ist die Fremdheit des Geträumten so groß wie an dem Wendepunkt, an dem der Nicht-mehr-Träumer versucht, es umzumünzen in Tagesgedanken.

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Dieser dicht vor einem Menschen aufgerissene Tod... wie soll das gehen? Kann einer, aus der Ruhe eines vorsichtig angebrochenen Nachmittags kommend, in gewisser Weise sicher in ihr navigierend, kann so einer die, sagen wir, schreckgeweitete Muße aufbringen, sich in das Mysterium zu versenken? Offenbar nicht. Allein die Rede vom Mysterium wird, sagen wir, dem Gegenstand nicht gerecht, sagen wir, sie verfehlt ihn drastisch. Doch der Rede vom Gegenstand geht es nicht besser, sagen wir, sie objektiviert zynischerweise, was nicht objektiviert werden kann, weil die Objektivierung zweifellos selbst eine Art Hinrichtung, eine verweigerte Anteilnahme... sagen wir also, auch dieses Wort, wie die ganze Kette, ist falsch. Denn Anteilnahme, das wäre doch, als könne eine solche Erfahrung sich mitteilen, als sei sie nicht die streng verschlossene Frucht eines Lebens, das vor allem zurückweicht, was weiter lebt, als sei

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (18)
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die Tendenz zum Schwafeln das einzig Wirkliche, das zurückbleibt.

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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (19)
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Eine Zahl hilft, sie ist ein Erzeuger. Was sie erzeugt, steht in den Sternen. Was in den Sternen steht, lächelt dich an. Was dich anlächelt, nun, das bringt dich in Fahrt. Beweise dich! Nicht jede Zahl lächelt, eine lächelnde Zahl unter so vielen gleichgültigen ist, als Fund, unwahrscheinlich genug, um zu bedeuten, ganz ohne Bedeutung, ohne weiteres. Nimm sie hin! Nimm sie! Besseres wirst du nicht finden. Andere Zahlen liegen starr und verbogen im Gelände, ausgeglüht, könnte man sagen, gekrümmt von Bränden, die deine Vorstellungskraft überfordern

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RENDEZVOUS MIT EINER OHRFEIGE
IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (20)
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offenbar ging es denen, die dabei waren, nicht anders, der gebrochenen Vorstellungskraft sagt vieles nichts, anderes alles, dazwischen die Lücke, ihr eigentliches Terrain

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
RENDEZVOUS MIT EINER OHRFEIGE
IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (21)
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als sei, wer dabei war, auch irgendwie beteiligt gewesen, ein Teil des Brandes, ein Stück niedergebrannten Feuers, das man umschleicht, als bräche es hinterrücks wieder aus, unfähig, Rede und Antwort zu stehen, unfähig, Fragen hervorzulocken, die nicht schon die Antwort

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
RENDEZVOUS MIT EINER OHRFEIGE
IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (22)
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die scharfe, apercuhafte Haut dieses Mädchens

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RENDEZVOUS MIT EINER OHRFEIGE
IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (23)
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der Gedanke, der langsam zu brennen beginnt

der Archipel

 
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IN VIERUNDZWANZIG BILDERN (24)
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Eike B

Der Parasit
1

Was zum Beispiel macht den Studenten B angenehm? Er kommt gelegentlich in die Pyramide, er ›interessiert sich‹. Die Universität der Zukunft gibt ihm Bemerkungen ein, die andere als Zynismen abtun würden. Tronka, der ihn seit langem kennt, bemerkt etwas darin, was er nicht zu benennen wüsste, verspürte er das Bedürfnis, es zu benennen, was nicht der Fall ist. Auf seine unauffällige Art findet B sich an den Schaltern, dort, wo es ein kleines Extrapensum zu bewältigen gilt, wo eine Hilfstätigkeit winkt, eine Sonderbeziehung sich auftut. Nein, er strotzt nicht von Leistungsbereitschaft, das fiele anders auf. Er ist der Typ, der gern dabeisteht oder ‑sitzt, wenn ›etwas Vernünftiges‹ geschieht. Also wirkt er – im Gegensatz zu den Kommilitonen, die, alles in allem, nicht unvernünftig wirken – vernünftig: da liegt die Differenz. B wirkt, in aller Vernünftigkeit, unvernünftig, als treibe ihn ein geheimer Mechanismus der Selbstzerstörung oder, vorsichtiger ausgedrückt, der Selbstverhinderung an. Tronka, in der Position des Älteren-und-Erfahreneren, möchte ihn gern fragen, warum er mit Lust sich selbst im Weg steht. Aber stets überkommt ihn der Impuls dann, wenn der andere schon gegangen ist. In dessen Gegenwart scheinen sich solche Reden zu verbieten, sie wirken ungehörig, unpassend, vielleicht sogar unerhört. Studienplanung ist Bs Stärke, er hätte drei unterschiedliche Studiengänge an verschiedenen Universitäten belegen können, ohne sich zu verausgaben.

Der Parasit
2

Die Pyramide erfüllt ihn mit Scheu, vielleicht mit Abscheu, wie sie Parteigänger eines vergangenen Regimes gegenüber dem neuen Machthaber empfinden, der ihnen wider Willen imponiert und dem sie sich, vom Machtbezirk magisch angezogen, bereits andienen. Gut möglich, dass er auch das nicht bemerkt, vielleicht ist er nur auf der Hut vor sich selbst und dem harschen Urteil, das er von dort zu erwarten hätte.

Der Parasit
3

Macht und Verrat: in Bs Wortschatz liegen beide obenauf, als empfange er verschlüsselte Nachrichten von einem offiziell verschollenen U-Boot, das in fernen Weltmeeren kreuzt und zwar nur Weniges, aber immer Bedeutsames zu berichten weiß. B, ein junger Mann, auf den Tag fast so alt wie der Staat, dessen Bürger sie sind, überspringt die Hürde zur Vergangenheit spielend. Wo andere stranden, weil die Erinnerung sie einholt oder sie kompensieren müssen, dass es für sie nichts zu erinnern gibt, stößt er fast nach Belieben vor und zurück: meistens, so scheint es Tronka, mit Gewinn.

Der Parasit
4

Eike B, der klassische Fall eines Studiums aus gespaltener Motivation. Erstens: es ist undenkbar für ihn, nicht zu studieren, das Elternhaus lässt es nicht zu. Zweitens: es ist undenkbar für ihn, zielstrebig zu studieren, denn das hieße den Willen des Vaters zu erfüllen. Drittens: es ist gut denkbar, nicht zu studieren, sehr gut denkbar sogar, man muss darüber nachdenken. Viertens: es ist gut denkbar, zu studieren und danach etwas anderes zu machen, etwas ganz anderes. Das, immerhin, brächte Sinn ins Leben. Fünftens: es ist denkbar, zu studieren und nicht zu studieren, die erwartete Leistung zu verweigern und damit aufzufallen. Sechstens: es ist denkbar, aber nicht auszudenken, dass einer wie er sich der gängigen Lehre auf Gedeih und Verderb ausliefert.

Der Parasit
5

Der letzte Punkt vor allem gibt zu denken. Sollte es sein, dass dieser junge Mann etwas weiß, was seine Dozenten, weil sie’s verdrängt, vielleicht auch verschlafen haben oder aus lauter Konformismus zu lehren vergessen, nicht oder nicht mehr wissen? Vielleicht, weil es sich mit ihrer Spiegel-Lektüre nicht verträgt oder weil sie sich vor den Attacken rabiater K-Gruppen fürchten oder weil sie einst von der revolutionären Studentenschaft auf ihre Stellen gespült wurden und sich seither in Gesinnungsgewahrsam befinden? Klar und gerade kann sich das Gegen-Wissen, mit dem B punktet, nicht aussprechen. Das wäre vielleicht auch zuviel verlangt. Da es nicht gelehrt wird, nimmt es nirgends die Form des Gelehrten und Geklärten an. Abgerissen, unkoordiniert, assoziativ steigt es in seine Rede, die ansonsten sanft bleibt, mit einem leisen Krähen darin, einem gedämpften Hahnschrei, der herauswill und nicht weiß wohin.

Der Parasit
6

Nur: worin besteht dieses Gegen-Wissen? Worin kann es bestehen? Beharrt es trotzig auf älteren Wissenschaftslagen? Woher diese Informiertheit? Es kann doch nicht sein, dass ein Student etwas weiß, was seine Professoren vergessen haben. Nein, das kann nicht sein, so zu denken führt unmittelbar in die Sackgasse. Andererseits: B ist eine Leseratte, immer unterwegs im verzweigten Abwassersystem der Bibliotheken, dort, wo das Rauschen vergangener Wissensstände ans Ohr schlägt und sich auf Grund des allgemeinen Dunkels die Wahrnehmung schärft. Nicht zu vergessen das Stöbern in Antiquariaten, als exzessiver Sport betrieben: hier lagern in dichten Reihen die vierziger und fünfziger Jahre, schon die frühen Sechziger mit ihren helleren und bunteren Einbänden wirken unseriös, da zeitnah.

Der Parasit
7

Kein Zweifel: Bs so altklug wirkender Kopf beherbergt einen Antiquariatsnarren, den die Mentalität seiner Mitmenschen langweilt und der auf dem Stand zu sein sich konsequent weigert. Mit dem Vergangenen durch sein – wie stellt man das an?

Der Parasit
8

B erzählt nicht, wenn erzählen berichten heißt: er deutet an, setzt voraus, bezieht sich. Er ist die Nachricht und das ist alles andere als amüsant. Dennoch spricht er lang und gern über Amüsantes. Vielleicht amüsiert er sich, vielleicht zu Tode, weil alles so langweilig ist, vielleicht, weil der innere Reichtum ihm nichts anderes eingibt, vielleicht, weil er diesen Epochenblick besitzt, der weiß, dass er in einer Ära des billigen Vergnügens lebt, und dass er seine Zeit versäumen würde, wenn er es darauf anlegte, dem Vergnügen auszuweichen. Andererseits –

Der Parasit
9

Das Vergnügen der anderen zieht ihn zu sehr an, als dass er Spaß haben könnte, wirklichen Spaß, der nicht nach links oder rechts blickt, weil er sich unaufhaltsam entrollt. B ist ein Mann des mageren Spaßes, der wendig nach links und rechts blickt, um den der anderen nicht zu versäumen. Dennoch erstaunt, aus seinem Mund einen Satz zu hören, den man eher von Bierfahrern oder Auto-Testern erwartet hätte:

  • ―Ab geht die Post.
Der Parasit
10

Geht sie denn ab? Wirklich? Und wenn ja, wohin? Stürzt sie wie eine Lawine zu Tal, hierhin und dahin, den einen oder anderen Einzelgänger erschlagend, begrabend, mit sich fortreißend, bis sie am Dorfrand zu stehen kommt, in sinnloser Höflichkeit, da die Bewohner alle geflohen sind und nun mit einer gewissen Enttäuschung in ihre Häuser zurückkehren, wo alles an seinem Platz steht und geringschätzig auf die Eigentümer herunterblickt, die es wegen einer solchen Lappalie, aus reiner Furcht, im Stich gelassen haben?

Der Parasit
11

B sagt solche Sätze, ohne sich von der Stelle zu rühren, er wartet still ab, was geschieht, wenn die Dynamik schwillt, als vergnüge er sich am Blick in die rasenden Speichen, wenn andere aufdrehen. Er bittet sie förmlich aufzudrehen, nein, er schafft ihrem Wunsch aufzudrehen ein Ambiente, in dem er sich künstlich entfalten kann, so klein oder unvorhanden er auch gewesen sein mag. Als betrete mit ihm die Devise den Raum: Lasst zwei, vier, hundert Titanen um mich sein. Und sie schafft es im Handumdrehen. Wo eben noch Entspannung herrschte, ›Entspannung pur‹, wie die Werbesprache das nennt, trägt jeder erbittert an seinem Los und an dem der anderen, der Zeit und des Universums und nicht zuletzt, denn auch das muss gesagt werden, am Los der Mutter, dem schwersten von allen.

Der Parasit
12

Nur B geht es gut, er ist mit sich im Reinen und lächelt. Leichtsein ist alles.

 

 

DIE WELT IST VOLLER GESETZE /
EINES MEHR SCHADET NICHT /
EINE GELTUNG MEHR /
IST EIN ABWEG WENIGER

Eike001
So forsch er redet, so ängstlich hört er sich zu.
So ängstlich er sich antwortet, so hochmütig hört er sich zu.
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike B ist nicht einer.
Eike ist, solange er denken kann, zwei.
Ein Mann und seine Scham.
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 » 
Eike001
So forsch er sich antwortet, so ängstlich hört er sich zu.
Eikes Vaterkomplex ist legendär.
Er träumt von der geistig-moralischen Wende. 180 Grad und er ist dabei.
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 » 
Eike001
Diese schmerzt anders.
Eike001
Es ist die Mischung, die den Vater gegen ihn aufbringt.
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eikes Vater: Dentist. Ein Wunder an
Präzision. Eikes Mutter: ein Abgrund an
Unbestimmtheit. Eike will genau sein.
Eike ist unbestimmt.
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 » 
Eike001

Vater und Sohn:
jeder enttäuscht vom anderen,
jeder enttäuscht von sich selbst.
Zwischen ihnen: der Abgrund.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Jeder sehnt sich danach, dass der andere ihn versteht. Beide lehnen es ab, den anderen zu verstehen. Beide sind überzeugt davon, sie hätten verstanden.
 « 
 » 
Eike001

Mutters Groll plus Vaters Schmerz = Eikes Hass. Auf wen?
Das ist nicht so einfach.
Eike hasst den Vater.
Er hasst ihn, wie dieser sich hassen würde,
litte er nicht unter dem Groll der Mutter,
sondern trüge ihn gegen sich selbst
aus Solidarität mit der Frau
an seiner Seite.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eikes Mutter, das ist:
der lebenslange Groll gegen den Vater.
 « 
 » 
Eike001

So kann man es sagen.
Einig worüber? Über die Welt da draußen.
Welche Welt? Eine Welt aus Geschichten.
Eike kennt die Welt aus Geschichten.

Eike001
Eike ist Tronka-Schüler.
Eike lehnt Tronka ab.
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Tronka behauptet: Er kennt sie alle.
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Eike001
  • ―Welche Pointe?
  • ―Das kann ich dir verraten.
  • ―Dann verrat’s mir.
  • ―Warum? Damit du es gegen mich verwendest?
  • ―Warum sollte ich so etwas tun?
  • ―Weil es dir einen Vorteil verschafft.
  • ―Welchen Vorteil?
  • ―Ich liefere mich dir aus. Du kannst mich in die Pfanne hauen.
  • ―Ich denke nicht daran, dich in die Pfanne zu hauen.
  • ―Jetzt nicht. Dann vielleicht schon.
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Jede Geschichte
hat eine Pointe.
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 » 

 

WER DAS SCHWEIGEN BEHERRSCHT /
KONTROLLIERT DEN RAUM /
WER DEN RAUM KONTROLLIERT /
BEHERRSCHT DIE SICHTWEISEN

 

Eike001

Welches Gespräch?
Das Gespräch an sich.
Das Gespräch außer sich.
Das Gespräch der anderen.
Das Gespräch als Bereicherung.
Er bereichert sich an gefallenen Worten, als fielen sie ihm zu.

Eike011

Wohin fallen Worte, wenn keiner sie aufgreift?
Das sind so Fragen.
Sobald keiner hinsieht, greift Eike zu.
Er ist ein Nascher.
Er ist ein elender Nascher.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Wann fallen Worte? Wie fallen Worte?
 « 
 » 
Eike001

Er ist misstrauisch.
Beantwortet das die Frage?
Sein Misstrauen deckt den Raum der Zuversicht ab.
Politik spielt im Raum der Zuversicht.
Demnach deckt er sie ab.

Eike001

Zum Beispiel ist er überzeugt davon, dass Gedanken gefährlich sind.
In seinem Kopf wimmelt es von gefährlichen Gedanken.
Er hortet die Überzeugungen anderer Leute,
als müsse er auf sie aufpassen.
Prost, Eike!

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike besitzt Überzeugungen.
Sein Ideal: Für jede Situation die passende Überzeugung.
 « 
 » 
Eike001

Eike hingegen hat kein Problem damit, Hiero
oft und ausgiebig anzuschwärzen. Warum?
Ist Eike weniger Freund? Keineswegs.
Eike ist niemandes Freund.
In seinen Augen ist Hiero ein Niemand.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Seine Freunde kennen ihn gut.
Hiero zum Beispiel macht sich Gedanken.
Er macht sie sich, niemandem sonst.
Er käme sich vor wie ein Verräter,
wollte er sie herauslassen.
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Eike001
  • ―Habe Mut, dich deines Verstandes … zu … bedienen…
  • ―Welchen Verstandes? Wovon redest du da? Zeig ihn her!
    Zeig ihn mir!
  • ―Ich habe Verstand. Hast du keinen?
  • ―Ich habe Grips. Hast du Grips? Hast du wirklich Grips?
    Vielleicht hast du Grips. Mag sein, ich will das nicht untersuchen.
    Aber Verstand? Wer hat schon Verstand? Ich kenne keinen.
  • ―Das ist absurd.
  • ―Absurd wie das Leben.
  • ―Das Leben ist nicht absurd. Das Leben ist, wie es ist.
  • ―Das ist eine Tautologie.
  • ―Leben ist tautologisch.
Eike001
  • ―Ich bin nicht das Leben. Ich bin keine Tautologie.
  • ―Logisch. Was bist du dann?
  • ―Anders.
  • ―Sehr richtig. Du bist ein anderer. Einer unter anderen. Warum solltest gerade du Verstand haben, wenn alle anderen keinen haben? Angenommen, es wäre so: dann wärst gerade du anders als alle anderen.
  • ―Vielleicht bin ich das ja. Das war ein Scherz. Wie kommst du darauf, dass alle anderen keinen Verstand haben?
  • ―Wie kommst du darauf?
  • ―Ich sage doch: Habe Mut, dich deines Verstandes…
Eike001
  • ―Das sagst nicht du, das sagt Kant.
  • ―Kant ist tot. Also sage ich es.
  • ―Du plapperst es nach. Verstehst du es überhaupt? Was weißt du
    von Kants Verstand?
  • ―Kant redet von deinem Verstand.
  • ―Kant vielleicht. Du nicht.
  • ―Dein Verstand geht mich nichts an.
  • ―So ist es. Also lass ihn aus dem Spiel.
  • ―Hast du jetzt einen Verstand oder nicht?
  • ―Mein Verstand sagt mir, dass es nicht an meinem Mut liegt,
    wenn niemand sich seiner bedient.
  • ―An was denn dann?
  • ―An den Verhältnissen.
Eike001
  • ―Welche Verhältnisse sollen das denn sein?
  • ―Verhältnisse, unter denen du praktisch tot bist, wenn
    du den Mund aufmachst.
  • ―Sagt das dein Grips oder dein Verstand? Du redest doch dauernd.
  • ―Ich rede, aber was ich denke, geht niemanden etwas an.
  • ―Wer ist Niemand?
  • ―Da gerade wir miteinander reden: Du vielleicht.
  • ―Soso, ich bin also niemand? Sagt dir das dein Verstand?
  • ―Nein. Er sagt mir gar nichts, solange wir miteinander reden.
  • ―Und danach?
  • ―Danach sagt er mir: Was ich denke, geht dich nichts an.
  • ―Hältst du mich für einen Mörder?
  • ―Nein. Für einen Agenten.
Eike019
  • ―Das ist Paranoia. Glaubst du, ich spioniere dich aus?
  • ―Nein, das glaube ich nicht.
  • ―Was dann?
  • ―Ich glaube, du willst mich bekehren.
  • ―Das müsste ich wissen. Zu was?
  • ―Zu deinem Glauben.
  • ―Wieso das denn?
  • ―Du redest von Mut, aber in Wahrheit soll ich so reden wie du.
  • ―Und wie rede ich?
  • ―Wie alle anderen.
  • ―Das ist nicht wahr.
  • ―Genau das meine ich.
  • ―Das verstehe ich nicht.
  • ―Du glaubst, du würdest dich deines Verstandes bedienen und
    die anderen würden es nicht. Dabei redest du dasselbe Zeug wie alle anderen auch. Dein Verstand? Dein Verstand befiehlt dir, dich nicht zu weit von der Herde zu entfernen. Das ist dein ›Mut‹.
  • ―Und wer bist du?
  • ―Falscher Zug. Ganz falscher Zug.
Eike020

Was spricht gegen einen Roman, der »Muntepan« heißt?
Eike ist überzeugt: Dieser Roman macht ihn berühmt.
Eike will berühmt sein.
Eike ist überzeugt: Berühmtheit hat ihren Preis.
Diesen Preis will er nicht zahlen.

Eike hasst die Berühmten.
Er will vergessen werden.

Das kann er haben.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
»Muntepan« heißt der Roman,
an dem Eike schreibt,
solange nichts gegen ihn spricht.
Er schreibt langsam, denn dagegen spricht viel. Eigentlich alles.
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Eike020

Eike sagt:
Wer gegen das Vergessen angeht, der vergisst viel. Das ist ganz normal.
Man kann nicht alle Muskeln auf einmal spannen.
Ich selbst bin einer, den man vergisst.
Ich werde gewesen sein und keine Spur hinterlassen haben,
es sei denn, ich lege eine.
Ich kann das.
Aber darf ich das auch?

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike schreibt gegen das Vergessen.
Das machen viele.
Eike schreibt gegen das Vergessenwerden.
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Eike022

Würden alle Bücher schreiben, dann würde sie keiner lesen.
Würden alle Professor, dann gäbe es kein Wissen.
Würden alle Politiker, dann gäbe es nichts zu regieren.
Würden alle Priester, dann gäbe es nichts zu glauben.

Alle menschlichen Dinge hängen an diesen vier Wörtern:
Es gibt einen Unterschied.

So denkt Eike.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Das sind Eikes Fragen:
Darf ich das auch?
Darf man das?
Ist das erlaubt?
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Eike023

Wer keinen Unterschied macht, gibt es den überhaupt?
Nein, denkt Eike, den gibt es nicht.
Mache ich einen Unterschied? Nein.
Folglich gibt es mich auch nicht.
Ich bin einer der vielen, die keinen Unterschied machen.

Quod licet Jovi non licet bovi.

Eike ist Lateiner. So etwas, findet er, macht einen Unterschied.
Das, findet er, ist keine frohe Botschaft.
Eike vergisst schnell.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Wenn es einen Unterschied gibt,
dann deshalb, weil jemand ihn macht.
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DER KAMPF DER ERNIEDRIGTEN /
BEDARF DES ERHÖHTEN /
DER SICH SELBST ERNIEDRIGT

Eike024

Er sagt: Ich bin keiner. Ich bin viele.
Ich will alle sein.
Ich will wie alle sein.
Ich will nicht auffallen.
Das ist meine Art aufzufallen.

(Das sagt er nicht, aber er denkt es.
Er will es nicht denken, aber es denkt sich.)

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike will der Mensch sein,
der keinen Unterschied macht.
Er sagt: Lasset die Menschen zu sich
kommen und wehret es ihnen nicht.
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Eike025

Er sagt: Ich habe nichts zu lehren.
Ich vermittle Wissen.
Wirkliches Wissen ist niemandes Wissen.
Ich will niemand sein.
Dieser oder ein anderer.

Eike026

Ich gebe wieder.
Es sind nicht meine Gedanken, die ich vermittle.
Wenn ich wiedergebe, denke ich da überhaupt?
Ich denke mir meinen Teil.
Ich stelle ihn daneben.
Aber nur in Gedanken. Sage:
Muss ich mehr dazu sagen? Ich denke nicht.
Besser die Boote verbrannt als die Zunge.

Eike027
  • ―Ich bin Eike und wer bist du?
  • ―Ich höre dir zu.
  • ―Das gefällt mir. Gefällt es dir auch?
  • ―Teils-teils. Ich höre etwas und ich höre nichts.
  • ―Drücke ich mich undeutlich aus? Das wäre ein Fehler.
  • ―Du drückst dich deutlich aus. Aber eher wie eine Zigarette.
  • ―Das verstehe ich nicht.
  • ―Du redest, als ob wir beide schon wüssten, was wir von alledem zu halten haben.
  • ―Und? Stimmt das etwa nicht?
  • ―Ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher. So wie du redest, denke ich, dass du nichts davon hältst.
  • ―Wovon? Von alledem? Das kann man so nicht sagen.
  • ―Genau. Das meinte ich. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
  • ―Genau so meinte ich das nicht. Ich weiß, was ich sage. Aber ich dränge niemandem meine Auffassungen auf.
  • ―Sicher? Das ist merkwürdig. Ich würde mir gern selbst ein Bild machen. Doch deine Rede lässt das nicht zu.
  • ―Ich suche das Einvernehmen.
  • ―Unsinn. Du setzt es voraus. Du suchst es und du setzt es voraus. Du müsstest es herstellen. So wird das nichts.
Eike028
  • ―Was wäre evident?
  • ―Alles, was mich widerlegt.
  • ―Warum das denn?
  • ―Weil es schmerzt.
  • ―Zwingend?
  • ―Nicht zwingend. Aber naheliegend.
  • ―Muss alles, was evident ist, schmerzen?
  • ―Wenn ich etwas vorbehaltlos bejahe, was passiert dann? Es überwältigt mich. Es löscht mich aus. Es macht mich gleich.
  • ―Ist das schlimm?
  • ―Nein, aber ich bin immer noch da. Das schmerzt. Es nimmt mich nicht mit.
  • ―Du willst also mitgenommen werden?
  • ―Ja, das will ich.
  • ―Wohin?
  • ―Irgendwohin. Wüsste ich das Ziel, so wäre es schon kassiert.
  • ―Dann lass dich mitnehmen.
  • ―Das geht nicht.
  • ―Alles geht.
  • ―Aber es geht schief.
  • ―Alles?
  • ―So spricht der Versucher.
  • ―Was spricht gegen den Versuch?
  • ―Ich. Meinesgleichen.
  • ―Wer ist das?
  • ―Viele.
  • ―Das käme auf den Versuch an.
  • ―Nein. Es kommt auf die Sache an.
  • ―Welche Sache?
  • ―Das wird sich herausstellen.
  • ―Irgendwann?
  • ―Genau dann.
Eike029

Eike lebt im Bann der Bilder.
Er sagt: Dieses Bild macht mich nicht an
und sucht die Schuld beim Bild.
Wer stellte es her?
Wem entzog er sich damit?

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike, ein Bild betrachtend, möchte genau das sein: Teil des Bildes.
Das betrachtete Bild lässt ihn nicht ein.
Was ist falsch: das Bild oder Eike?
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Eike030

Eike formuliert es neu:
ALLES ABWEGIGE LÄUFT.
So abwegig ist das nicht.

 
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
Eike, gesetzestreu, träumt vom Gesetz. Ein zweiter Moses, zerschmettert er Tafeln am Fels. Aus diesem Traum gibt es kein
Erwachen. Das zerschmetterte Gesetz gilt.
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Vorschlag zur Güte
1

Guido, sich die Butter aufs Brot streichend, wendet sich zu Hiero:

  • ―Nein, ich bin nicht überzeugt. Gib mir Zeit, es dir zu erklären. Ach, ich sehe schon: Da gibt es nichts zu erklären. Spar’ dir deine Rede, ich seh’s dir an. Spar sie dir, habe ich gesagt, sie schmerzt mich, hast du keinen Respekt? Nein, du hast ihn nicht. Voll der Botschaft, das bist du, aber nicht voll der Gnaden. Warum auch? Du bist keine Jungfrau, du bist ein einfacher Samenspender, das reicht dir, das reicht mir, manchmal habe ich die Nase gestrichen voll. Wovon? Von deiner Gegenwart? Das könnte dir so passen. Ja, es passt dir ausgezeichnet. Da liegt sie, die Bahn der gestatteten Rede, und will nur eins: dass du sie beschreitest. Das willst du doch, oder? Gib zu, du willst es. Alles drängt sich dahin. Meine Rede dagegen, was schert sie dich? Nichts? Weniger als nichts: sie ist Vorlage, schon konsumiert, bevor sie in sich vollendet. In sich, gewiss, auch ich stehe unter dem Zwang, sagen zu müssen, was ist, auch wenn ich kein Politiker bin. Gerade deshalb. Kein Politiker sagt, was ist. Wenn’s hoch kommt, sagt einer, was an der Zeit ist, dann ist er tot oder er zieht sie hinter sich her. Ich will niemanden hinter mir herziehen. Und du? Ziehst eine Schleppe von Sätzen hinter dir her, die auszusprechen einmal richtig und notwendig war. Heute … heute machen sie Tabula rasa. Ganz recht, Tabula rasa. Du rasierst deine Umgebung, merkst du das nicht? Dein Mundwinkel zuckt, in deinen Augen lodert das Fegefeuer des Aufklärers: Hör’s dir an! Einmal musst du’s ja doch. Eine Wahrheit, die nicht an der Zeit ist: was ist das? Eine Unwahrheit? Schlimmer als das: eine kassierte Wahrheit. Eine Wahrheit für eine andere, die an der Zeit wäre. Das verstehst du nicht? Und wie ich dich verstehe!
Vorschlag zur Güte
2

Hiero, mühsam beherrscht:

  • Ist das jetzt Ironie oder was? Oder willst du zwischen uns das Tischtuch zerschneiden? Also bitte…
  • ―Geht schnell bei dir. (Guido, das Messer ins Marmeladenglas tauchend, nicht sicher, ob so ein Satz, laut und entschieden gesprochen, nicht den sofortigen Bruch bedeutet. Den will er nicht. Nein, den will er nicht. Jetzt nicht … und überhaupt. Es wäre Versagen.)
  • ―Jetzt brüllen sie wieder. Unisono, im Chor, von den Hauswänden, scheinbar lautlos. Zum Schein lautlos. Zum Schein andersherum. Nazis raus. Und die blöden Nazis hocken in ihren Löchern und kommen und kommen und kommen nicht raus. Patt. Wo sie wohl stecken? Unglaublich. Ein Volk von Nazis, das sich duckt und so tut, als habe es nichts gehört. Nicht zucken, Nachbar. Du bist nicht gemeint. Noch nicht… Mit dir beschäftigen wir uns morgen. Du bist keiner? Du findest das unerhört? Warum die Aufregung? Warum so blass um die Lippen? Erwischt? Erwischt! Die kollektiven Derwische…
  • ―Sag mal, warum echauffierst du dich so? Ist doch wahr. Ist doch alles wahr. Dieses Volk ist so öde. Wenn heute ihr Führer aufkreuzte … ich will nicht schon wieder damit anfangen. Aber eigentlich … warum nicht? Wie damals, wollte ich sagen. Was hat sich denn geändert? Nichts hat sich geändert. Das Volk bleibt sich gleich. Dieses Volk bleibt sich gleich. Nur der Ausländeranteil ist gestiegen und das ist gut so. Sie können nicht mehr tun, was sie wollen. Das ist wirklich gut.
  • ―Zeige mir ein anderes.
  • ―Warum sollte ich? Warum sollte ich? Sag mir einen Grund.
  • ―Also gut. Sagen wir, du hast recht. D’accord, alles geschenkt.
  • ―Habe ich gesagt, dass ich mir was schenken lasse? Ich denke nicht dran. Du kannst dein Geschenk zurückhaben.
  • ―Ich denke nicht dran.
Vorschlag zur Güte
3

Not my way, Johnny –

Wie ein erwachsener Mensch, sexuell unreif geblieben, bei bestimmten Wörtern oder Gesten ins Zittern gerät, so gerät der Mensch der Scham, auf bestimmte Gegebenheiten angesprochen, unweigerlich in Bedrängnis: Schweiß bricht aus seinen Poren, Rost blüht aus seiner Stimme, er fühlt den Zwang zu übergehen, was eigentlich gesagt werden müsste, und herauszuschreien, was endlich gesagt werden müsste, obwohl es unendlich besser ist, es sich zu verkneifen. Der Mensch der Scham ist verkniffen. Er fühlt sich besser, als er ist. Er fühlt sich schlechter, als er es zugibt. Warum fühlt er überhaupt sich? Er sollte fühlen, was alle fühlen, aber er fühlt sich. Scham isoliert. Soll er denn fühlen? Ja, er soll. Darin besteht das Gesetz der Scham: Fühle! Fühle dich! Du sollst wissen, wie es sich anfühlt. Du sollst wissen, wie es ist, wenn man sich schuldig fühlt. Wie, du bist dir keiner Schuld bewusst? Darin liegt deine Schuld, deine unermessliche Schuld, deine Schuld ohne Ende, weil du ihr den Anfang verweigerst. Nur der Anfang gibt Hoffnung aufs Ende. Nimm ihn an! Du musst sie fühlen lernen, tief in dir, erst dann bist du ohne Schuld. Warum weigerst du dich? Was in dir weigert sich? Da ist etwas Dunkles, Unaufgelöstes in dir, das dir eingibt, dir geschehe irgendein Unrecht. Ist es nicht so? Ist dir ein Unrecht geschehen? Willst du das Unrecht, das anderen widerfuhr, so einfach aus deinem Bewusstsein verbannen? Nein, das nicht? Das verstehen wir nicht. Wer A sagt und B verweigert, ist ein Lügner. Sage nicht, du hättest es nicht gewusst. Es ist eine Lüge. Was, du hast es gewusst? Lüge. Nichts hast du gewusst, sonst könntest du dich jetzt nicht so sträuben. Was willst du denn gewusst haben? Ganz recht: Das alles lag vor deiner Zeit. Daraus also ziehst du Entlastung? Wer Entlastung braucht, wie tief steckt der in der Scheiße? Du steckst ganz schön in der Scheiße. Doch eigentlich steckt die Scheiße in dir. Hol’ sie heraus! Entledige dich ihrer. Schrei es heraus: »Scheiße!« Brüll endlich: »Raus!« Du bist der Mensch der Scham, gestern wart ihr wenige, du und deinesgleichen, heute seid ihr viele und morgen gehört euch… Siehst du, so geht das. Schon würgt dich die Scham.

Vorschlag zur Güte
4
Dürrobst

Die Deutschen leben in einer Fäkalkultur. Sie finden scheiße, was damals geschehen ist, sie haben aus der Fäkalie ein Adverb gezogen, das macht ihnen keiner nach. Jedenfalls nicht so schnell, auf dieses Alleinstellungsmerkmal legen sie Wert. Was ist deutsch? Sehr einfach: es scheiße zu finden. Nichts geht leichter als Deutschsein: Finde es scheiße und du befindest dich mittendrin. Nicht wenige bemühen dafür die heilige Dreizahl: scheiße scheiße scheiße. Sie schrecken vor nichts zurück. Darin gleichen sie ihren Vorfahren, jedenfalls denen, die vor nichts zurückschreckten. Und darum geht es schließlich: aversive Mimesis, Nachspielen im Modus des Abscheus. Da staunen Sie! Es will Ihnen nicht zu Kopf? Ich will’s Ihnen glauben. An diesem Knochen habe ich selbst lang genagt.

Nassen

Das reicht ja bis ins Psychosomatische. Meine ganze Umgebung hat es am Darm. Eine Manifestation, wenn Sie mich fragen. Der deutsche Darm stranguliert sie alle. Wenn ich das so sagen darf. Die Mitgardschlange vermutlich. Darf man das so sagen? Ich weiß es nicht. Es ist ja schon ein bisschen geschmacklos. Und irgendwie auch scheiße gegenüber den Opfern. Ich finde Schweigen manchmal richtig. Man kann nicht zu allem schweigen, das ist auch richtig, aber Sprache ist auch Macht und wer zu allem etwas zu sagen hat, der bringt sich zwanghaft in eine Machtposition, die ihm nicht zusteht. Eigentlich steht sie niemandem zu. Die Deutschen müssen lernen, dass Deutschsein nichts Besonderes bedeutet, darin besteht ihre spezielle Lektion. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen. Jedenfalls wüsste ich nicht wie. Aber vielleicht sehen Sie eine Lösung.

Ophoff

Wenn mir mein Körper nicht mehr sagt, wann ich aufhören muss, dann sollte ich Hilfe in Anspruch nehmen. So schwer ist das gar nicht. Am besten geht das, wenn alle Seiten ihren Stolz ein wenig zurückschrauben. Ich glaube, ich kann das beurteilen, weil ich schon Fälle gesehen habe, ich meine jetzt, das ging da ins Existenzielle. Da wieder herauszukommen ist gar nicht so einfach.

Dürrobst

Sie meinen: Deutschsein auf Krankenkasse?

Ophoff

So in der Art. Ich würde das jetzt nicht ironisieren. Wobei man als Kassenpatientin sich nicht so … in der idealen Position befindet, das gebe ich gerne zu. Aber nach meiner Auffassung ist das auch gar nicht nötig. Wichtig ist, dass man etwas dagegen macht, zum Beispiel auf Demos oder in Schreibprojekten, ja in Schreibprojekten, das hat eine ganz schön befreiende Wirkung. Wow. Man lernt dann auch zu seiner Schuld zu stehen.

Nassen

Du meinst Verantwortung?

Ophoff

Ich meine schon auch Schuld. Schreiben heißt ja begreifen, was man sich schuldig ist. Jeder steht in seiner Schuld, das ist ganz richtig, aber durch das Schreiben begreift man dann auch, dass alle bei allen ›in der Schuld stehen‹, ich finde das einen ganz niedlichen Ausdruck, der wirklich beschreibt, worum es geht. Wer alles scheiße findet, der hat ja kein wirkliches Verhältnis zu seiner Mitwelt. Eigentlich existiert er doch gar nicht.

Nassen

Wenn’s darum geht. Das macht die Toten auch nicht lebendig.

Argloser

Sie wollen Tote erwecken, mein junger Freund? Das nenne ich mutig. Mit wissenschaftlicher Prosa werden Sie das nicht erreichen. Sie gehören zu den Deutschen, die gern ungeschehen machen wollen, was nun einmal geschehen ist. Sehen Sie sich vor! Das ist ein Impuls, den die Scham eingibt. Sie wollen die Scheiße vom Tisch haben. Das klingt ziemlich ordinär, aber es bringt die Sache auf den Punkt. Sehen Sie sich vor: Sie sind auf der Suche nach dem Sündenbock. Haben Sie ihn erst gefunden, fühlen Sie sich auf wundersame Weise erleichtert. Und der fa-

Nassen

-schismus?

Argloser

-tale Zirkel beginnt von vorn.

Vorschlag zur Güte
5
Argloser schreibt

Die Verortung der Schuld beim politischen Gegner dient der Infantilisierung des Konflikts, in dem der Einzelne steht und den er nicht mit sich austragen möchte. Er will nicht fremde Schuld tragen, auch dann nicht, wenn sie, per Verwandtschaft, per Zugehörigkeit an ihn herangetragen wird. Frei von Makel – das will er sein, so will er zumindest scheinen, deshalb geht der Makel ihm nach, ein eingebildeter Makel erstens, weil die Einbildung ihn hegt und pflegt, bis er sie beherrscht, zweitens, weil er eingebildet macht: kein Makel ist wie dieser, der mich beherrscht, er hebt mich heraus aus der Menge der Erscheinungen, er macht mich sichtbar. Sichtbar, das will ich sein, das war mein Begehr seit jeher, jetzt bin ich’s und es soll falsch sein? Was kann daran falsch sein, dass einer wie ich sichtbar wird? Bin ich nicht singulär? Bin ich nicht zutiefst davon überzeugt, dass niemand mir das Wasser reichen kann? Zeugt nicht auch die Verruchtheit der Verwandtschaft von Erwählung? Nun gut, Erwählung ist vielleicht das falsche Wort, sagen wir: Außerordentlichkeit. Wenn ich außerordentlich bin, wer sind dann die Ordentlichen? Die Dummen, ganz recht, an denen die Verantwortung für das Geschehene klebt, ohne dass sie sich ihrer erwehren können. Wollen Sie’s denn? Oh ja, sie leiden, ohne zu leiden, sie rufen im Chor: ›Ich war’s nicht!‹ und sind es, gerade in ihrer Gesamtheit, doch. Warum sonst glichen sie ihren Väter und Müttern aufs Haar? Sie alle sind eine Brut: der Schoß, aus dem das kroch, der Schoß und das, was aus ihm kroch und wieder Schoß wurde, der sie gebar. Sie sind der ewige Spießer. Wenn ich also einen Makel trage, dann den, mit ihnen verwandt zu sein. Abkömmling von Spießern, Sohn, Enkel, Bruder, Vater von Spießern, Spießerbrut eben, aus gleichem Schoß, aber in ihm bereits rebellierend, ans Licht getreten als Rebell: Mutter war anders. Solange ich denken kann, war sie nicht imstande, sich aus der Spießer-Umklammerung zu lösen, sie selbst zu sein, aufrecht und frei, aber sie war anders. Zwischen Mutter und mir gab es immer einen starken Rapport.

Vorschlag zur Güte
6
Argloser legt nach

Der Träger der Scham verabscheut das Parteiensystem, das ihn umzingelt und ihn seiner Erwähltheit beraubt. Wohin er blickt, gewahrt er nur eine Partei: die der Spießer. PDH (Partei der Herrschenden) – so nennt er sie, so kennt er sie, denn er kennt nichts anderes. An ihr arbeitet er sich ab. Auf sie schaut er herunter, als sei’s der eigene Abgrund, aus dem ihm das Bild des ewigen Spießers entgegenblinkt. Der Träger der Scham ist männlich. Seine Freundin krault ihn: Schäme dich nicht! Du bist wunderbar. Doch praktisch findet sie seine Scham schon. Das Vergangene ist furchtbar, aber es hat seine Strafe bekommen: es ist vergangen. Ist es nicht furchtbar, immer davon reden zu müssen? Wer redet vom Unrecht, das mir geschah? Auch ich bin aus diesem Schoß gekrochen und es war kein Zuckerschlecken. Ist das nicht furchtbar? Der Furchtbare war mein Vater. Nun, wenn das so ist: Da hast du ein Unrecht, das du wieder gut machen kannst. Ich bin deine Aufgabe. Hast du das nicht gewusst? Ich werde auf dich warten, wie je eine Frau auf einen Mann wartete: aber als Aufgabe. Mein Los zu ändern, darin besteht deine Aufgabe. Eine Jahrhundert-Aufgabe. Nein, ich werde nicht warten. Wo immer du mich vermutest, werde ich schon gewesen sein. Ich bin schon weiter. Wir alle sind ein Stück weitergekommen. Findest du nicht? Siehst du, ich bin ein Stück weiter als du. Du musst nachlegen, wenn du mich erreichen willst. Du stehst mir im Weg. Den Satz kannst du dir merken. Du wirst ihn noch oft zu hören bekommen.

So redet die Freundin der Scham. Und siehe, es geschehen Zeichen und Wunder: Die Bankenwelt kracht ein und funkelt wie nie zuvor, das Privateigentum sammelt sich in den Taschen des Staates und fließt in Projekte diesseits und jenseits des Traums, jenseits der Menschheit, wie die Frommen zu tuscheln und die Progressiven ihnen bald nachzuplappern beginnen, die Welt wird ärmer und reicher, ärmer an Geist und reicher an Gelegenheiten, die Armut wächst und mit ihr die Gewissheit, ihr entrinnen zu können, die Geldsumme wächst und mit ihr die Schulden, der Reichtum wächst und mit ihm das Bewusstsein, besser zu sein als die vorausgegangene Menschheit, ausgenommen die Opfer. Nur die Quote, die einsame Quote am Horizont bleibt unerfüllt wie die Liebe, wie der Hass, wie die Gerechtigkeit, wie der lange Zorn, wie die Angst vor dem angekündigten Untergang, wie der Traum vom besseren Leben, wieviele ihn auch zu leben sich tagtäglich anschicken.

 

 

VERFESTIGUNG EINER SCHAM
IN SECHS SCHRITTEN
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 1

A ist schuld.
B und C erinnern ihn daran.
A fühlt sich schuldig.
B und C sind zufrieden.

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Eike024

B: Du weißt –
C: Er hat’s vergessen.
B: Was denn?
C: Darüber will ich jetzt nicht reden.
B: Ich auch nicht.
C: Darüber kann man nicht einfach reden.
B (zu C): Wie hält er das aus?
A: Okay, ich war’s. Genügt euch das? Was wollt ihr?
B & C: Wir?
A: Wer sonst?
B: Ganz recht. Wer sonst.
C: Er hat es vergessen.
B: Er will es vergessen.
A: Ich habe es nicht vergessen.
C: Was denn? Dann sag’s uns.
A: Was wollt ihr hören?
B: Wir? Du fragst uns –?
C: Wir wollen nichts hören. Was könntest du uns schon sagen?
B: Worüber willst du denn reden?
C: Also gut, wenn’s dir dann besser geht.
A: Ich kann nicht.
B: Warum nicht?
A: Ich weiß nicht.
B & C: Er weiß es nicht.
B: Du hast also vergessen, was du getan hast?
A: Nein, habe ich nicht.
B: Dann sag’s doch. Los, spuck es aus.
A: Warum? Was habe ich euch getan?
C: Uns? Das fragst du uns?
B: Wir sind ganz Ohr.
A: Ich weiß nicht, was ihr wollt.
C: Wetten, du weißt es? Wetten, du weißt es?
B: So naiv kann keiner sein.
C: Vielleicht doch. Weiß man’s?
A: Ich weiß, was ihr wollt.
B: Schau an, unser kleiner Naiver.
C: Komm schon, wir haben dich trotzdem gern. Weißt du das nicht?
B: Nicht doch. Er hat’s vergessen. aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 1

A ist schuld.
B und C erinnern ihn daran.
A fühlt sich schuldig.
B und C sind zufrieden.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 2

A ist sich keiner Schuld bewusst.
B und C mokieren sich über ihn.
A empfindet Scham.
B und C sind zufrieden.

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Eike024

A: Ich habe da einen Vorschlag.
B: Er hat da einen Vorschlag.
C (zu A): Ich an deiner Stelle wäre da vorsichtig.
A: Das verstehe ich nicht.
C: Das glauben wir dir sogar.
A: Was willst du damit sagen?
C: Ich? Vielleicht willst du uns etwas sagen.
B: Komm, sag’s schon.
A: Worauf wollt ihr hinaus?
C: Stell’s leiser. Wir verstehen dich ja.
B: Was nichts an der Sache ändert.
C: Was nichts an der Sache ändert.
A: Sagt mal, spinnt ihr?
B: Jetzt wird’s unappetitlich.
C: Du könntest in dich gehen.
B: Wir werfen dir ja nichts vor.
A: Dann ist ja alles in Ordnung.
B: Ist es nicht.
A: Und warum nicht?
B: Das musst du dir schon selbst sagen.
C: Das wäre das Mindeste.
A: Was ist jetzt mit meinem Vorschlag? Wollt ihr ihn hören?
C: Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
B: Du hast es vergessen, stimmt’s?
A: Ich habe nichts vergessen.
B: Du weiß es also.
A: Ich weiß alles.
B: Er weiß es.
C: Und es macht dir nichts aus?
A: Nein. Sollte es das?
B: Uns macht es aber etwas aus.
C (zu A): Was weißt du denn?
A: Keine Ahnung. Was wollt ihr denn wissen?
C: Das solltest du dir selbst sagen.
A: Sag’s mir. Ich weiß jetzt nicht, was du meinst.
C: Das solltest du aber.
A: Warum?
B: Weil es unser Verhältnis betrifft.
C: Gib dir keine Mühe. Er kapiert’s nicht.
B: Das scheint mir auch so.
C: Das war’s dann.
B: Auf diesere Basis kann man nicht arbeiten.
C: (zu A): Lass deinen Vorschlag stecken.
B: Ein andermal vielleicht.
A: Ihr könnt doch nicht…?
C: Doch. Können wir.
B: Und jetzt lass uns – aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 2

A ist sich keiner Schuld bewusst.
B und C mokieren sich über ihn.
A empfindet Scham.
B und C sind zufrieden.

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Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 3

A empfindet Scham.
B und C zweifeln dies an.
A empfindet Wut.
B und C zeigen ihre Unzufriedenheit.
A fühlt sich ausgegrenzt.

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Eike024

B (zu A): Schämst du dich nicht?
A: Wie recht du hast. Ich schäme mich.
B: Wie recht habe ich denn?
A: Ich meine einfach: Du hast recht. Ja, ich schäme mich.
B: Warum eigentlich? Was hast du getan?
A: Ich stehe zu meiner Schuld.
B: Das kann jeder.
A: Das verstehe ich nicht.
B: Jeder kann behaupten, er stehe zu dem und dem. Beweise es!
A: Gern. Und wie?
C: Das finde ich jetzt schamlos.
B: Du verlangst von uns, dass wir…?
A: Ich verlange nichts.
C: Das ist auch das Mindeste. Vielleicht verlangen wir ja etwas.
A: Nur zu. Ich höre.
C: Wir verlangen … sagen wir … ein gewisses Minimum an Scham. Ist das zuviel verlangt? Ist das schamlos? Los, sag schon: Ist das schamlos?
A: Das sagt doch niemand.
B & C: Das genügt uns nicht.
A: Was dann?
B & C: Es geht nicht um uns.
A: Da habt ihr verdammt nochmal recht.
B: Willst du uns beleidigen?
C: Willst du sagen, es geht uns nichts an?
B: So einfach kommst du nicht davon.
A: Ich will nicht davonkommen. Ich wüsste nicht, warum ich davonkommen sollte.
C: Bist jetzt du das Opfer?
B: Schau, das Selbstmitleid.
C: Selbstmitleid? Der ist doch stolz drauf. Der kann gar nicht anders.
B: Der würde es wieder tun.
A: Das ist nicht wahr.
B: Leugnen kann jeder.
A: Ich leugne nichts.
B: Das kann jeder behaupten. Wenn du meinst, damit kommst du durch, hast du dich getäuscht.
A: Was soll ich deiner Meinung nach tun?
B: Das ist schon der falsche Ansatz.
A: Ich würde gern alles richtig tun und schon ist alles falsch.
C: Da hast du recht.
A: So läuft das nicht.
B: Da hast du auch recht.
C: Wieso hast eigentlich du immer recht?
B: Mir würde das zu denken geben.
B (zu C): Ihm offenbar nicht.
C: Hat doch keinen Zweck.
B: Reden wir von etwas anderem.
C: Was hast du für Pläne?
B: Weiß nicht. Wir könnten ja… aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 3

A empfindet Scham.
B und C zweifeln dies an.
A empfindet Wut.
B und C zeigen ihre Unzufriedenheit.
A fühlt sich ausgegrenzt.

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Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 4

A, B und C empfinden Scham.
A und B bringen ihre Scham zum Ausdruck.
C äußert sich zufrieden.
A und B fühlen sich gedemütigt.

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Falle 4


A: Dont’t worry.
B: Kotz dich aus.
A: Be happy. Ich bin dabei.
C: Wobei, wenn man fragen darf?
A: Stell dich nicht so.
B: Scham ist das Mindeste.
A: Ich würde sagen: Das Minimum.
C: Was soll das heißen?
A: Drunter geht nichts. Jeder von uns sollte das wissen.
B: Ich fühle mich schuldig.
A: Leugnen wäre zwecklos.
B: Es wäre unerträglich.
C: Sind hier Leugner im Raum?
B: Lauter Zerknirschte.
A: Ich würde es gern ungeschehen machen.
B: Ich auch.
A: Es ist unerträglich.
B: Das ist es.
A: Was können wir machen?
B: Es geht nicht um uns.
C: Um was dann?
B: Wir müssen uns zurücknehmen.
C: Wie soll das gehen?
A: Wir dürfen keine Ausflüchte gebrauchen.
B: Wir müssen aufrichtig sein.
A: Wir müssen den Schaden aus der Welt schaffen.
B: Wir müssen begreifen, dass der Schaden unermesslich ist.
A: Wir müssen die Schuld annehmen.
C: Ihr bereut alles?
A: Alles. Du nicht?
C: Ihr nehmt alles auf euch?
B: Rückhaltlos. Alles andere wäre das falsche Signal.
C: Eine Frage der Ehre?
A: Nein. Eine Frage der Scham.
C: Das finde ich gut. Das finde ich richtig gut.
B: Wir stehen das gemeinsam durch.
C: Das will ich hoffen.
B: Hast du Zweifel?
C: Ich vertraue euch.
B: Du vertraust uns?
C: Ihr macht das gut.
B: Ich verstehe deine Rede nicht.
C: Ich meine, ihr macht eure Sache gut.
A: Wir machen was?
C: Ich sage nur: Ihr macht das gut. Wenn euch das nicht gefällt: auch gut. Dann habe ich mich eben getäuscht.
B: So kommst du aus dieser Sache nicht raus.
C: Habe ich das gesagt? Habe ich das gesagt?
A: Klang gerade so.
C: Sucht ihr jetzt einen Sündenbock oder so?
A: Wieso das denn?
C: Ohne mich.
A: Du schließt dich aus?
C: Ich schließe nichts aus.
A: You son of a bitch. aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 4

A, B und C empfinden Scham.
A und B bringen ihre Scham zum Ausdruck.
C äußert sich zufrieden.
A und B fühlen sich gedemütigt.

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Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 5

A, B und C empfinden Scham.
B und C bringen ihre Scham zum Ausdruck.
A bezweifelt Echtheit.
B und C verbergen ihre Scham.
A triumphiert.

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Falle 5


B: Kennst du das?
C: Was meinst du?
B: Man hat nichts getan und fühlt sich schuldig.
B: Man fühlt sich am Pranger.
C: Man fühlt sich ausgeliefert.
B: Man kann nichts tun.
C: Man schämt sich so sehr.
C: Man kann tun, was man will, aber es ändert nichts.
A: Was soll sich schon ändern?
B: Gute Frage. Was soll sich eigentlich ändern?
C: Zum Beispiel will ich morgens aufwachen und wieder in den Spiegel schauen können.
A: Kannst du das nicht?
C: Nein.
A: Dann kauf dir einen anderen.
C: Das ist zynisch.
A: Das ist zynisch? Du meinst, das ist zynisch? Ich will dir etwas sagen: Was ihr hier aufführt, ist zynisch. Es ist zum Fremdschämen.
B: Wieso das denn? Ich verstehe Bahnhof.
C: Dann tu’s doch.
A: Was soll ich –?
C: Schäm dich. Würde dir gut bekommen.
B: Wir sitzen alle in einem Boot. Wir stehen das gemeinsam durch.
A: Ohne mich. Ich steige aus. Ihr seid Heuchler.
B: Sind wir nicht. Wer gibt dir das Recht –?
A: Habe ich Recht oder nicht?
B: Natürlich nicht.
A: Dann beweist es.
A & B: Wir sollen was?
A: Ich sagte: Beweist es.
B: Das ist schamlos.
A: Dann beweise es.
B: Das ist irre.
A: Irre oder nicht. Bis zum Beweis des Gegenteils bleib’ ich dabei: Ihr seid Heuchler. Schämt euch!
C: Wir uns schämen? Wofür?
A: Habt ihr’s vergessen? Dann kann ich euch auch nicht helfen.
B: Wir brauchen deine Hilfe nicht.
C: Wir haben keinen Grund, uns zu schämen.
A: Schämt euch!
B & C: Unglaublich! Unerhört! Schmarotzer!
B: Schäm dich! aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 5

A, B und C empfinden Scham.
B und C bringen ihre Scham zum Ausdruck.
A bezweifelt Echtheit.
B und C verbergen ihre Scham.
A triumphiert.

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Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 6

A, B und C empfinden keine Scham.
A verlangt, dass B und C Scham bekunden.
B bekundet Scham.
C greift A an.
A und B verlangen Maßnahmen gegen C.

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Falle 6


A: Das verändert alles.
B: Wie meinst du das?
A: Das hätte nicht passieren dürfen.
C: Es ist aber passiert.
A: Du gibst es zu?
C: Ich gebe nichts zu.
A: Das ist ein Fehler.
B: Mit dem Zugeben ist es nicht getan.
C: Wie meinst du das.
A: Mir scheint, er hat es begriffen.
C: Mir scheint, du hast nichts begriffen.
A: Vielleicht mehr, als ihr denkt.
B: Bist du dir da so sicher?
A: Und woran denkst du?
B: Ich denke, dass ein radikaler Schnitt nötig ist. Man muss sich von der Vergangenheit lossagen.
A: Ihr solltet euch schämen.
B: Vielleicht hast du recht. Vielleicht geht der Weg durch die Scham. Ja, ich schäme mich. Ich schäme mich so sehr, dass ich denke, das hier ist nur ein wüster Traum.
C: Dann wach auf. Merkst du nicht, dass er mit uns spielt?
B: Ja und? Ich habe meinen Weg gefunden und ich werde ihn gehen.
A: Ich denke, du hast die richtige Einstellung.
C: Mir scheint, du hast einen Extra-Zugriff auf die Vergangenheit.
A: Ich habe meine Lektion gelernt.
C: Und worin besteht diese Lektion?
A: Komm runter. Wir sitzen alle in einem Boot.
C: Das du gerade zum Kentern bringst.
A: Das ich gerade zu steuern versuche.
C: Der große Steuermann! Mir kommen die Lachtränen. Wir sollen uns dir anvertrauen, stimmt’s?
A: Warum nicht?
B zu C: Die Scham hat eine reinigende Kraft. Du solltest dich schämen.
C: Ihr solltet euch schämen. Der Trickreiche und der Trottel. Ein schönes Paar, das ihr abgebt.
B: Das nimmst du zurück.
C: Ich denke nicht daran.
A: Das Spiel ist aus.
C: Im Gegenteil: Dein Spiel ist aus und wir alle gehen unserer Wege.
B: Damit wirst du nicht durchkommen.
A: Wir werden die Öffentlichkeit mobilisieren.
B: Wir werden dich fertigmachen.
A: Worauf du dich verlassen kannst. aus

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham
SCHAMFALLE 6

A, B und C empfinden keine Scham.
A verlangt, dass B und C Scham bekunden.
B bekundet Scham.
C greift A an.
A und B verlangen Maßnahmen gegen C.

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Emscher. By Leonie aus Bonn - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30463418

 

»Sieh jene Kraniche in großem Bogen« –
der schwarze Fluss, der, deinem Blick entzogen,
nach Westen strömt, nimmt mit, was dir entfiel.
Wenn Leben tötet, dann geschieht es hier.

 

(1) Der tote Fluss

Abseits, vorbei /
an den Stätten der hypermodernen /
Erregung, gespeist /
vom Millionen-Abfluss der Haushalte, aus /
Industrie=Einleitungen /
ohne Ende, ausgerollt über /
die graue Steppe: das Rinnsal.
Betonfurche, halb verwittert, das klaffende V der Verlierer /
umfängt die Flut und trägt /
sie fort, nur fort, denn im Fall der Fälle /
ist Fortsein alles. Fluss ohne Ufer, Fluss ohne Wiederkehr: so /
ist es nicht. 100 Jahre Industriekultur haben den Blick /
geschärft. Entsorgung ist alles. Entsorger säumen /
den Weg, 7 Kläranlagen, 7 Perlen im schwarzen /
Strom, vollbringen den täglichen Hokuspokus: Ab- zu Brauch- /
Wasser, Wasser zu /
Wein, Mein zu Dein und alles wieder von vorn.
Wer verliert, hat /
schon gewonnen.

 
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

DIE GROSSE KLOAKE
RUHRSTADT FÜR FORTGESCHRITTENE

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Nun denn, es ist so weit

Das falsche Beharren auf Symmetrie
1

Der Große Denunziant hat beschlossen, dem Treiben ein Ende zu setzen, und das Treiben beginnt. Es beginnt (nach bewährtem Muster, würden ein paar Veteranen des Gewerbes nicken) mit einem Artikel im Wochenblatt für das gehobene Bürgertum, manche sagen, für die gehobene Braue, doch dieser Unterschied bleibt rein theoretischer Natur, solange die Deutschlehrer des Landes aus ihm den Stoff für den nächsten Besinnungsaufsatz destillieren und deshalb in Treue fest zum Abonnentenstamm zählen.

Um eine Breitseite abzufeuern, muss ein Schlachtschiff Silhouette zeigen. An diesem Mittwoch im Mai sind alle an den Geschützen: von der Chefredakteurin über den Wissenschaftsredakteur und den Feuilletonchef bis hinunter zu den Laufburschen des Meinungs-Hickhacks, den Kontrolleuren der einlaufenden Leserbriefe; auch ein paar zufällig an Bord befindliche Historiker lassen den Feldstecher schweifen. Nur der Meister selbst lässt sich vertreten und erwartet aus sicherer Distanz an Land das Grollen der Geschütze.

Der Meister ist unpässlich. In seinem mit Büchern vollgestopften Büro starrt er auf den Bildschirm, auf dem Zeichenhaftes erscheint. Die Linke, zur Faust geballt, liegt auf dem Schreibtisch, lose, wie achtlos hingeworfen, während die Rechte mit bestürzender Gelenkigkeit Buchstabenreihen hämmert, angesichts derer die Welt aufhorchen wird, denn sie künden vom Lärm dieser Welt, als werde er hier, an diesem Gerät, von diesem hageren Körper erstmals vernommen und kartographiert. Gewiss: kartographiert. So wie Leckebusch Gutachten erstellt, wann immer er in die Tasten greift, so zeichnet der Große Denunziant, wann immer er sich der Sprache bedient, Karten – jede neu, jede ein bisschen anders, doch insgesamt ähneln sie einander sehr, so dass, wer einmal auf einer sich zu orientieren gelernt hat, mit Leichtigkeit sich auch auf den Folgekarten zurechtfindet: Geheimnis des ungeheuren Erfolgs, der an diesen Fingern klebt, seit sie sich zum ersten Mal herabgesenkt haben, um Gedanken auf einem Stück Papier zu fixieren, das heißt echte, patentierte Gedanken in jenen Zustand der Betäubung zu versetzen, in dem sie spielend, selbst durch unkundige Hände, von einem Untergrund auf den nächsten übertragen werden können.

Das falsche Beharren auf Symmetrie
2

Wer ihm gegenwärtig über die Schulter blickte, könnte erstaunt ausrufen: Kenne ich! Das ist doch, das ist doch…! – »Was wird’s schon sein!« soll der Große Denunziant, die Karte faltend, bei solchen Gelegenheiten sein Gegenüber entmutigen, er verfügt über seine Geheimnisse mit serenissimushafter Grandezza, ein vorsichtig alternder Duodezfürst auf den Schlachtfeldern der Moderne, auch er der Gezeichneten einer, auch er trägt das Mal der … Erwählung, anders wäre er nicht in diese Position, sagen wir, aufgestiegen, wenngleich das Wort ›Aufstieg‹, selbst mit dem Zusatz ›kometenhaft‹ ausgestattet, seiner Bahn nicht gerecht wird, sie gewissermaßen bürgerlich denunziert, und bürgerlich … das, nun ja, gehört zu den Geheimnissen.

Definiere den Punkt deiner maximalen Verletzlichkeit und dein Feind, dein wirklicher Feind wird ihn über kurz oder lang ins Visier nehmen. Wer daraus schließt, es komme darauf an, keine Feinde zu haben, hat die Lektion nur zur Hälfte begriffen. Die Stelle, auf der das Lindenblatt lag, ist gut für alle Feindschaft der Welt, keine ›Gegnerschaften‹, bei denen die Klingen gekreuzt und gewonnene wie verlorene Runden pünktlich samt Punktzahl angezeigt werden – wirkliche Feindschaft bleibt subkutan, sie nähert sich in der Maske der Freundschaft, des Ausgleichs, selbst der Versöhnung. In der Mehrzahl der Fälle allerdings bevorzugt sie die Farbe der Gleichgültigkeit, das atlantische Grau, das Wolfsgrau der U-Boote, hinter dem der nasse Tod auf seine Gelegenheit wartet, das Stumpfgrau der leichten und schweren Kreuzer, pünktlich am Horizont erscheinend, sobald die Würfel gefallen sind und die Stunde der finalen Entscheidung naht, selbst wenn die Zeit der Zerstörung den Akteuren lang werden sollte.

Der Meister übt, wie andere vor und nach ihm, seinen Zauber diskret, mit jenem winzigen Zusatz an Ironie, die seinen Schriften völlig zu fehlen scheint, geschweige denn seinen öffentlichen Auftritten, bei denen er ein leicht gequältes Pathos bevorzugt. Wer ihn kennt, wer ihn wirklich kennt, weiß, er ist anders. Die Kunde von seinem Anderssein erfüllt die Welt, soweit sie mit ihm sympathisiert. Auf Sympathisantentum, auf kollektive Sym- und Antipathie ist seine Herrschaft gegründet. Jedes Buch, das von ihm auf den Markt kommt, beliefert Freund wie Feind: den einen mit wohlfeilen Argumenten, den anderen mit ebenso wohlfeilen Widerlegungen, die sich aus der Sache selbst ergeben, soll heißen, offensichtlich im Gedankengang bereits angelegt sind. Nicht das Argument zählt, sondern der Affekt, der sich seiner bemächtigt. Wer, wie zum Beispiel Argloser, das nicht versteht, wer die Skala der Erregungen nicht parat zu haben scheint, der kommt so wenig in Betracht, dass er das Grau der Kanonen, pardon, für ein Zeichen mangelnder Überzeugungskraft hält und sich vergebens fragt, warum die Kollegen gerade um diese Bücher soviel Aufhebens machen. Leckebusch allerdings, der Mann aus dem Osten, kennt seine Pappenheimer und geht den Schützlingen des Meisters, wann immer es sich einrichten lässt, aus dem Weg.

Dichter M* besucht die P**
und verbirgt seine Enttäuschung***
in der Westentasche****
* Müller, kein Zusatz
** Pyramide, Paradieshölle, Parasitenkapsel, Pionierwerkstatt, Protzhalle etc.
*** Ent-Täuschung, Erkenntnis, Einsicht
**** Westen = Klassenfeind; Tasche = Korruption, Zersetzung

 

 

WENN DIE ZEITEN SICH ÄNDERN, TRAGEN
DIE DICHTER TRAUER. EIN DURABLES GESCHÄFTSMODELL
IM NIE ENDENDEN SPIEL UM DIE MACHT

Dichter M
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

liest im Hauptsaal der Pyramide

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Das Ufo, das der sehend blinde Raum
mir vor die Füße spuckt, als hätt den Rotz
er länger nicht zu halten sich vermocht
enthält jetzt mich, den sonst nichts halten kann.
Dies bleiche Ding und ich sind heute eins.
Ich kenn mich aus. Ich kenn mich aus. Die Phrase würd
ich jedem in die Gurgel dreschen, der
mich aufzuhalten wagte, jetzt, im Gang.
Ich würd, im Dunkeln selbst, zwischen zwei
Schneidbrennern hindurch das Ziel verfolgen,
als sei’s ein Köter, der mich narrt.
Man hat sie bis ins Kleinste mir beschrieben
und bis in die intimste Innerei
liegt sie jetzt frei. Wenn nie zuvor
an einem solchen Ort ich stand,
dann steh ich jetzt, hier stehend, so,
wie ich schon immer stand, als stünd
mir alles noch bevor, bis in den Schwanz.
Hier bin ich: Herr.
Wem’s passt, dem bin ich’s gleich. Wem nicht
dem lass ich Zeit, denn ich komm wieder.
Der Herr des Hauses: Das bin ich. Die Kraft
die mich durchschlägt, als schlüge sie eins tot,
stammt nicht aus mir. Woher sie stammt?
Das weiß, wer’s wissen will, wer nicht
der weiß schon mehr und braucht es nicht zu wissen.
Wenn ich jetzt sag: Der Sozialismus
ist pleite, lächeln sie
in sich hinein, als wüssten sie
was das bedeutet. Darin gleichen sie
ganz ihren Vettern von der Spree.
Sie wissen nichts, sie denken ökonomisch.
Ich bin die Pleite und sie stellt mich frei.
So freigestellt, bin ich der Feind,
den sie nicht fürchten können, weil
er ihnen nichts sagt, nur was nötig wäre
und was es kostet. Das verstehen sie.
Ich bin hier, um zu reden.
Daher werde ich reden.
Ich bin hier, um zu schweigen.
Daher werde ich schweigen.
Ich bin hier, um den Offenbarungseid abzulegen.
Sie werden mir gerührt zuhören
sie werden Beifall klatschen, sich in der Pflicht fühlen
die Signatur des Untergangs bewundern.
Das Geheimnis des Überlegenen ist: Überlegenheit.
Genosse Schreiber schreiben Sie das auf.

Das ist von mir.

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

strotzt vor Allmacht und trifft das Rechte

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Sei das Messer, das den Laib durchschneidet
nicht der Fresser, der an Durchfall leidet
Sei der Laib / zerbrich das Messer
Sei Schnitt / sei Bruch / sei zerbrochen
Der Dichter, Gottes Chamäleon, ist als Chamäleon Gott
Das ist leicht gesagt, aber schwer ausgeführt
Gott ist eine Schimäre
Der Dichter ist eine Schimäre
Das Land ist eine Schimäre
Dieses Land ist eine Schimäre
Vom Menschheitsfluch durchschnitten, an den Rändern blutig
Mit einem Kranz von Speichel um die Schläfen
Reiß ihm die Zunge aus: Das dankt dir stumm
Zerschlag die Beine ihm: Nichts geht mehr
Zertrümmre ihm das Jochbein: Den Gestank der Sippschaft
wird es nicht los.

So sieht es aus.

Schreiben Sie das, Genosse.
Rechnen wir mit dem bürgerlichen Publikum
solang es mit uns rechnet
Hat es sich ausgerechnet
wohin die Reise geht, erübrigt sich der Rest
Hier, schreiben Sie
So vieles wäre auszuprobieren
durchzuprobieren
um eine Ahnung, die Spur einer Ahnung
nur zu erhalten, womit man ankäme
wie man ankäme
wie man durchkäme

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

bringt einen leeren Saal zum Tosen

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Lasst fahrn was gestern
Sicherheit hieß heut
heißt die Parole: ohne Sicherheit
leben, denn Leben und Sicherheit
sind geschieden für eine Weltsekunde,
die nicht vorbeigehen will, tickend
in jedermanns Brüsten.
Was heute not tut damit einer
wie ich ein Leben führt wie jeder
Einer und Jeder, Sie versteh’n den Witz
nimmt Maß und Nicht-Maß, Sie versteh’n mich weiter
an dem was nötig ist damit die Le’hm
der andern, Sie versteh’n mich immer noch
damit die Leben aller anderen
sich endlich gleichen können wie ein Ei
dem andern Ei.
Ein Ei dem andern. Darauf steh ich
und läuft der Dotter mir zu Füßen weg.
Doch doch, so läuft das
Subjektiv gilt das in gleichem Maße wie es objektiv gilt
Vielleicht sogar mehr.
Kann mir einer folgen?
Ich bitte darum, mir nicht zu folgen
Verstehen Sie mich nicht falsch
Verstehen Sie was falsch läuft
Verstehen Sie die Fälschung

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

hält einen Moment inne um nachzudenken

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Hätt ich ein Messer, tät ich ihm
den Reifen melken, bis kein Tropfen Bluts
den Apparat beseelte, der uns schändet.
Wer mich einsperrt, den sperr ich aus.
Doch hat, wie man mir glaubhaft zugesichert
Gefahr niemals bestanden, die uns nicht
geschirmt hätt auch

Ist das von mir?

Anders gefragt: Ist das von mir?
Und anders diesmal: Ist das von mir?
Kann, was von mir, mich fremd
anstarrn, als sei’s erbrochen, fremde Kost?
Als sei’s, verjagt, mir auf den Schoß gekrochen?
Als sei’s erbettelt, kurz vorm Steinerweichen?
Als habe Leichengift sich selbst entleibt?
Hier bricht die Sprache aus, das bleiche Vieh
unwissend, wo es hinstürzt,
und wie zurück, denn: Dorthin
Oh mein Geliebter! muss das Huhn
das goldne Eier legt, noch vor
dem Frühstück

Das Dilemma ist das Dilemma
Keiner ist da es zu beseitigen
Keiner da es zu erklären
Keiner rechnet vor was es kostet
es zu beseitigen oder zu erklärn
oder die Beseitigung zu erklärn
oder die Erklärung zu beseitigen

Dabei weiß alle Welt ––

Was will die Welt schon wissen, was ihr nicht
ins Fleisch gebrannt, ins Hirn getreten, ins
Gedärm gestoßen wurd, was hat die Welt
seit sie aufbrach, dem Wissen abgehandelt
das ihr das Wasser abgräbt, das die Luft
verknappt, das Licht enterbt, aus
Staub den Fraß formt, den
sie schlucken soll?

Unwissend schreitet die Plebs
auf Wogen der Empörung
sie kann das Wasser nicht,
sie will den Wanst nicht halten
unwillig schreit sie im Licht
der Erkenntnis
egal welcher ––

Pause

Ein bourgeoises Schwein bleibt ein bourgeoises Schwein
Ein proletarisches Schwein bleibt ein proletarisches Schwein –
den Schimpf auf Schimpf getürmt, und Hass auf Hass
bleibt Schwein, was frisst und sich Gedanken macht
was frisst gedankenlos sich durch bis Delos
Wüsst ich, vor Troja, nicht, was mich berennt
Was mir zu schlachten Menelaus befahl?
Blieb Schwein nicht Schwein, was blieb
vom Aufbau den der Abriss schirmt
mit hohler Birne, blieb
vom Massenwahn
Mastabbruch wird mit Freiheitsentzug nicht unter zwölf
Jahren geahndet das interessiert
keine Sau warum zwölf?
Das les, als Frage, wer im Knast
die Dreizehn vollmacht statt die eigne Hose

Quotensau Dichter
lieber lass ich mich Schreiber nennen
Nennt mich so
ganz ohne Zusatz
rein wie der Jüngste Tag

Korrektur

Wenn Hochmut heiß auf Hochmut folgt, so wisst:
Das Fell, das euch juckt, müsste noch gefunden
doch darf gewalkt es werden, prophylaktisch

Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

wählt seine Worte mit Vorbedacht

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Nichts fasziniert den Menschen der Freiheit so wie die Diktatur
Nichts fasziniert die Menschen der Diktatur so wie die Freiheit
Die Diktatur ist die Sehnsucht nach der Freiheit, also schön
Der Mensch der Freiheit liebt das Schöne, also die Diktatur.
Er kann sie sich nur nicht vorstellen

An dieser Klippe werdet ihr scheitern
Wer seid ihr anzunehmen
die Aufmerksamkeit auf das, was zu sagen
ihr euch im feigen Herzen erkühnt
hielte ewig?

Baut nicht auf Ewigkeiten: Ewig steht
der Bau

 

... An jenem Tag sähn
alle blass aus, hüben und drüben
aber Hand aufs Herz, Freunde: wir
hätten die vollen Terminkalender und ihr
das Nachsehen

Man hält die Organe der Diktatur für mächtiger
sie verbreiten mehr Furcht, also sind sie allgegenwärtig
Allgegenwärtig ist die Furcht

Chiua-Pe zum Beispiel
die Geliebte
ein Gefäß der Furcht: schmächtig, zerbrechlich
eine Actrice ohne Fehl
aber steigerungsfähig, lässt überall
den Weltstoff durchschimmern
das kostbare Nass
das alle einseift

Sobald die Umstände es nahelegen, verwandelt sie sich in ein Triebknäuel, das aus jedem Verkehr, elastisch bis zur Prägnanz, hervorkriecht, als sei nichts geschehen

Gelobt sei die Furcht, die alle einseift

Der ehernen Letter M zum Beispiel sieht kaum einer an, dass sie nach unten klammert
mit einem oben offenen Mund
der saugt und saugt

 
Museen der Ruhrstadt . Museum der Scham

M

erntet Applaus und erfüllt die Bitte des Publikums um eine Zugabe

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DIE LOGIK DER BEGEGNUNGEN
IST MIT UNSICHERHEITEN BELASTET

 

Die Spitzen zweier Systeme, wie sie unterschiedlicher nicht sein können
gehen aufeinander zu und durchbohren einander im Halbdunkel
Kunst / Politik: die alte Paarung

keep secret!

 

Wenn der proletarische Schriftsteller M sich am Rande einer akademischen Veranstaltung mit dem bürgerlichen Politiker S verabredet dann ist das einerseits geheim
andererseits ein allseits bekannter Umstand. Es dient
dem Beweis dass M ein Leben wie jeder andere führt.
Oder: dass M kein Leben wie jeder andere führt.
Oder: dass einer wie er es sich leisten kann über
die Stränge zu schlagen gesetzt es dient dem Beweis

keep secret!

 

Dichter M, nicht das erste Mal im Westen, beseelt ein Maskengefühl:
Was, wenn die Genossin Maskenbildnerin jetzt eingreifen könnte
… hier … oder da … oder so … oder so … in ihrer gelenkigen
Art die allzeit zur Stelle ist wenn ein Gedanke
den Mimen durchzuckt: so könnte es gehen

keep secret!

 

Politiker S, ein antibürgerlicher Rebell, kein Spross des Bürgertums, stattdessen
einer dem es bereitwillig Platz macht weil es das Interesse gebietet
Die Kinder des Bürgertums nutzen die Zeit die dem Dränger abgeht
Seine Seele spricht und sie spricht laut. Ankommen will sie
wo jene denen das Bett längst bereitet wurde
anzukommen sich fürchten

keep secret!

 

M der das Spiel durchschaut
ein durchgestrichener Bürger
vollgesogen bis in den Hals mit
dem Vokabular der Entlarvung
gibt den entlarvten Entlarver

keep secret!

 

Romulus Remus
an den Zitzen der Wölfin
hängend in scharfem Trab
Reden ist nicht Schweigen befindet M
Also schweigt er während sie miteinander reden
Hofft der andere möge reden solange das Schweigen dauert

keep secret!

 

 

S/M: GEDANKENMÄNNER IN MÄNNERGEDANKEN

 
S

Blass sieht er aus, der M.
Die West-Paparazzi haben ihn wund geschossen.
Es ist alles aus ihm heraus­gelaufen, was Farbe hatte.
Sieht so die Farbe aus, die übrigbleibt, wenn die Illusionen zerstoben sind?

Übrig bleibt immer.

Er ist schön.
Ich würde ihn gern in Kleidern sehen.
Aber ich will nicht, dass er sich vorkommt, als stünde er auf der Bühne.
Man soll diese Differenzen nicht verwischen, das mindert die Lust des Augenblicks und gibt einen schalen Geschmack auf die Zukunft.

Jede Gelegenheit kennt ihre Art von Verstellung.
Man soll ihr die Arbeit nicht abnehmen.
Die Logik des Gemüsegartens schlägt die Logik des Marktes.
So sieht es aus.

Angenommen, er entblößte jetzt seinen Arsch und ich
unterhielte mich mit ihm weiter.

Ich liebe den Augenblick des Hervortretens.
Alles, was danach kommt, ist Arbeit.

Du bist ein tüchtiger Arbeiter, nicht der tüchtigste, aber es reicht.
Du willst und kannst die Faulheit der Natur nicht verleugnen.
Sie ist Programm.

Sei kein Schwein, sei ein faules Schwein.
Besser mit dem Arsch als am Arsch vorbei.
Was du mit dem Arsch machen kannst, das soll kein anderes Organ für dich verrichten.

Mein Gott, sind wir wirklich solche Ärsche geworden?
Käme jetzt einer und schriebe unsere Geschichte, wie stünde ich da?
Scheiß auf die Geschichte!
Wenn dir einer sagt, das ist dein Schwanz und dort drüben spaziert der Arsch, in den er gehört, was dann?
Dann verlangt es dich nach einer blockübergreifenden Existenz.
Dann willst du eins sein mit dem auf der anderen Seite.
Koste es, was es wolle.
Das ist ganz natürlich, das wollen wir festhalten.

Diese Blöcke fesseln die Spießer, darin besteht ihre Aufgabe.
Auf beiden Seiten.
Aber die Ost-Spießer sind die schlimmsten.
Ihnen fehlt die Bewegungsfreiheit.
Denen im Westen fehlt der Grips.
Das ist nun wieder eine Gemeinsamkeit.
Darauf lässt sich anstoßen.

Der Genosse Dramatiker hat wahrscheinlich ein Organ
mehr als vorgesehen. Anders ausgedrückt: ein Organ
hat ihn vorgesehen. Darauf gründet sich seine Beweglichkeit.
Ich würde seine Beweglichkeit gern erkunden. Mit allem Drum und Dran.
Andererseits: es ist besser, nicht zuviel zu wissen.
Das hilft beim Abstreiten.

Wir sitzen in einem Boot, also rudern wir.
Eins links, eins links...
Geht doch!

Und wieder von vorn.


M

Dort, wo ich herkomme, geht einer mit der proletarischen Einbildung ins Bett und wacht neben der Volksmacht auf. Ich bin nicht das Volk, ich schreibe über die Macht. Ich schreibe über nichts anderes. Wenn ich mit einer Frau ins Bett gehe, geht das den Schreiber nichts an. Es gibt das Vorher, es gibt das Nachher. Dazwischen, was soll das sein? Was soll das sein? Anders gefragt: was ist das, was mir an den Schwanz geht? Kenne ich es? Muss ich es kennen? Ja, ich glaube schon. Ich vermute es. Mein Überleben hängt dran, also vermute ich es. Aber ich belasse es im Geheimnis. Geheimnisse schreibe ich auf, so wie andere sagen: ›Ich breche sie auf.‹ Sind alle Irrtümer erbrochen, wird es so sein, dass mir nichts mehr einfällt. Das wäre dann das Glück.

keep secret!

 

 

IM HINAUSGEHEN HAT S, GANZ POLITIKER, NOCH EIN PROBLEM.
GENOSSE M KANN ES NICHT LÖSEN.

 

Die Farbe Rot. Wir haben an sie geglaubt.
Jetzt glauben andere
an unserer statt. Daran
muss man sich erst gewöhnen.

 

keep secret!

Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Aus dem Nachlass
des Dichters
M (unveröffentlicht)

Deutsches Archiv

Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke eins

Was nun, Genosse Bürger? Sage mir, wo dein Schwanz steckt, und ich verpass dir den Rest als Zugabe. Nein, du bist sowas von im Visier, da staunt der Genosse. Wahrscheinlich tut es ihm leid, nicht an deiner Stelle zu sitzen. Nach seinen Maßstäben bist du fertig. Was kümmerts dich? Diese Unbekümmertheit ist tödlich, das muss unsereins lernen. Vom Sieger lernen heißt siegen lernen. Ihr hier habt doch längst gesiegt. Es sagt euch nur keiner. Und das ist gut so.

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke zwei

Das Problem sind nicht wir. Das Problem sind sie selbst. Das Problem ist, dass sie kein Problem mit uns haben. Aber das ist ihr Problem. Sobald ich rede, bediene ich ihren Klatschreflex. Das ist tödlich, aber den Klatsch zu Hause kenne ich schon.

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke drei

Scheiß auf die Prinzipien. Ohne Faust kommst du in diesem Land nicht durch. Am besten ballst du sie in der Tasche. Der da trägt sie im Gesicht, da ist nichts zu machen. Der Anarcho ist ein bisschen zum Boss geboren, er musste erst Blut lecken, wie jeder, der nach oben will. Für den Anarcho ist die vertikale Bewegung das Gegebene. Er erkennt nichts über sich an. Ich könnte ihm den kompletten dialektischen Materialismus herunterbeten und fände mich am Fuße der Pyramide wieder, über mir Pharao in seiner Pracht und völlig unzugänglich. Wenn das Vaterland dich nicht ruft, dann lernst du siegen auf eigene Faust.

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke vier

Jeder trägt so seine Verletzungen. Mehr schlecht als recht. Wir müssen Trauer tragen, damit sie uns trägt.

 

 

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke fünf

Wenn ich jetzt mit einer West-Tusse im Bett läge, dann hieße das, Geschlecht kennt kein System oder so ähnlich. Dabei erkennt es jedes System und beutet es aus bis zur … bis zur Kenntlichkeit. Geschlecht ist System. Das muss ich aufschreiben, das ist von mir.

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke sechs

Man muss gut sein, wenn man sich...
Diese Bühnenwörter sind für das Publikum, nicht für mich. Die ganze Gier ist für das Publikum, nicht für mich. Man soll mich nicht verwechseln. Selbstverständlich soll man mich verwechseln. Darauf beruht das Spiel, und zwar auf beiden Seiten. Wenn ich mich in die Arbeit stürze, will ich nicht unten aufschlagen wie irgendein Idiot. Ich will diesen Job erledigen, bevor man mich erledigt. Das ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Job ist der andere. Hiob, Figur eines Sonderlings. Ein bisschen fett um die Taille, das hebt die Lust.

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Idee einer Selbstanzeige in sieben Hintergedanken
Hintergedanke sieben

Wenn ich im Westen bliebe, könnte ich den Osten betrachten, als läge die volle Zukunft noch vor ihm. Das wäre schön, schön schrecklich, entsetzlich langweilig, denn ich bliebe damit ja im Osten und sähe mir von der Westseite zu. Im Osten liegt die Zukunft, die volle Zukunft und nichts als die Zukunft. Diese Zukunft liegt hinter uns. Dort liegt sie gut. Der Osten hat die Zukunft vergeigt. Das ist seine Schuld. Seine große, seine große, seine übergroße Schuld. Vor dieser Schuld soll man nicht weglaufen.

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