R

DIE PYRAMIDE

»  DAS FU-PROJEKT  «

DIE SCHAM

DER EXCESS

 

VeränderBar

 

»Siehst du das Nummernschild: RÜD?
Daran hält man sich hier.«

Mastiff
1

Ein englischer Mastiff-Rüde, Gewicht 87, also körperlich nicht voll ausgereizt, aber gut im Futter, verfügt bei guter Zucht über einen leicht kläglichen Gesichtsausdruck, verursacht durch das Zusammenspiel aus angewinkelten Brauen, senkrechter Stirnfalte und seitlich abfallenden Schläfen. Die wuchtige schwarze Maske bei ansonsten hell, meist etwas silbrig glänzendem, im Überfluss vorhandenem und üppig wallendem Fell mag das Ihrige dazu beitragen, das sei unbenommen. Die steil dem Maul entfallende Zunge belegt die zweifellos hohe Grund­intelligenz des Tiers, auf die seine Halter gesteigerten Wert legen, mit einem Hauch von Sozial­kretinismus, wie die Kinder ihn lieben: wo Intelligenzbilder sich mischen, schlägt die menschliche Anmutung durch. Ein Freund der Familie, nicht irgendeiner, sondern der Freund in ihrer Mitte, der Löwe unter den Hunden, wie ein in der Literatur viel zitierter Beschreiber des achtzehnten Jahrhunderts ihn nennt, ein natürlicher Mittelpunkt dort, wo kein Mittelpunkt existiert, wo kein Mittelpunkt existieren darf, wo vielfältige Kreise sich schneiden, falls es denn Kreise sind und nicht Schlingerbewegungen am Rande irgendeines mit Lust prophezeiten Chaos. Langmütig muss er sein, stark und massig, mit einer hohen Toleranzschwelle, so heißt es einhellig unter den Züchtern, denn sonst ist er krank. Kinder können ihn mit der Nadel pieksen und er schleckt sie gleichmütig ab. Das Besondere an seinesgleichen ist die verschärfte Wacht an der Schwelle von innen und außen: wer zum Haus gehört, darf mit sub­differenziertem Wohlwollen rechnen, wer von außen naht, sollte sich besser vorsehen.

Mastiff
2

Welche Generationen-Erfahrungen sind in ein solches Zucht-Wesen eingeflossen? Die Rasse, sagen ihre Historiker, ist alt, sie kämpfte in römischen Arenen und zerfleischte die Bäuche gepanzerter Pferde, auf denen sitzend Menschen in polierten Rüstungen die hohe Kunst des Mordens zelebrierten. Aber das ist, angesichts wechselnder Vorlieben der Hundehalter, nur die halbe oder Eindrittel­wahrheit. Tatsache ist, dass die Rasse in der ersten Hälfte des Jahrhunderts am Boden lag und sich aus verhältnismäßig wenigen Exemplaren regenerieren musste, ehe der Mastiff, in all seiner sinnlichen Präsenz, zum Mode-Hund aufstieg. Die resignative Stirnfalte gibt der unbezweifelbaren physischen Stärke einen seelischen Hintergrund. Sie darf nicht zu scharf ausfallen, das würde der Laune schaden. Denn dazu ist er da: Laune zu machen. Dieses Muskelatoll, dessen Durchschnittsverzehr mit sechzig Kilo Fleisch pro Monat angesetzt wird, Wasser, Strom, Heizkosten nicht gerechnet, nicht gerechnet die dringend empfohlene Wohnung am Stadtrand, um den Auslauf zu sichern und die Belästigung der Nachbarn durch wehrhaftes Gebaren in rechtsverträglichen Grenzen zu halten, soll Laune machen. Welcher Mensch braucht soviel Laune? Als Familienhund taugt jedes fiepende und kläffende Wollknäuel, die Familie ist es nicht, deren Schoß solche Bedürfnisse ausbrütet. Vielleicht ist die Frage etwas undifferenziert gestellt. Vielleicht erfragt man besser den Doppelgänger, den Zwilling, vielleicht den Schatten des Hundes, der lässig sichtbar den Platz am Kamin beansprucht: den unsteten, wenig auftragenden, wenig zuverlässigen, reizbaren, in der Mehrzahl der Fälle zur Selbstverteidigung neigenden Wohngenossen, dessen atmosphärischer Beitrag angesichts unablässiger latenter oder offener Positionskämpfe rasch in den Rotbereich sackt.

Mastiff
3

Ein Tier, das jeden Positionskampf gewinnt, ohne den Ausdruck der Gelassenheit aufzugeben, kann mit dem Entzücken menschlicher Zuschauer rechnen. Seine Grausamkeit stößt, die Fraktion des Opfers abgerechnet, auf unbegrenztes Wohlwollen, solange sie diese Linie nicht überschreitet. Ein Mastiff ereifert sich nicht, falls doch, so versetzt mit einer Portion Schläfrigkeit, die signalisiert, dass er diesen Zustand nicht braucht, dass er ihn ausgesprochen lästig findet und rasch wieder zu verlassen wünscht, sobald der Störenfried ins Glied zurück­gefunden hat oder in der Versenkung verschwunden ist. Was Hartnäckigkeit am Zaun keineswegs ausschließt – Feindschaft muss sein. Das Tier besitzt alle Eigenschaften, die es erlauben, sie zu genießen, nicht kalt, nicht trocken, sondern unter Gegenwarts-Gelächter, Bussi rechts, Bussi links. Gut, dass es ihn gibt, gut, ihn auf seiner Seite zu wissen: eine Momentaufnahme mit hohem sozialem Aussagewert, so sagt man doch, oder? Nein? Schade. Der Mastiff ist nicht wirklich lenkbar, dafür ist er zu eigensinnig und, nie zu vergessen, zu stark. In ihm scheint so etwas wie die Utopie der Lenkbarkeit auf, ein dankbares Feld für Sozialisations­experimente, die er, im Vertrauen gesprochen, durch sein Grundverhalten herausfordert. Zerbricht dieses Verhalten, dann, wie gesagt, gilt er als gefährlich und muss mit Behandlungen rechnen, die rasch in den Bereich des juristisch Verfügten gehen. Ob das Verhalten zerbricht oder die Situation ohne sein Zutun kippt, vielleicht weil die Angst sich wider alles Gerede nicht abstellen lässt, vielleicht weil Aggressionsfreiheit Aggressivität, zumindest verborgene, in der Nahumgebung freisetzt, in feiner Dosierung, mag sein, gelegentlich auch in gröberer, ist eine Frage der Interpretation und im Nachhinein kaum zu beantworten. Die Tatsache, dass es gefährlich geworden ist, zeugt immer gegen das Tier und die Konsequenzen lassen nicht auf sich warten.

Dr. Freude 1 Treppe höher
1
Partnertreff 1 – Jeden Abend strömen die Namen herbei und handeln aus, was zu tun sei. Sie kommen zu keiner festgesetzten Stunde. Wer sich aufmachte, um nach einem bestimmten zu suchen, sei es, dass er ihn vermisst, sei es, dass eine Vorstellung ihn leitet, die sich nicht ohne weiteres unterdrücken lässt, könnte leicht ratlos werden und sich womöglich frustriert fühlen. Aber solche Anwandlungen vergehen leicht in den Wogen, die sich niemals glätten und selten zu gefährlichen Höhen auflaufen, obwohl sie randlos sind wie der Ozean, dem nur die Phantasie von Inselbewohnern, die dem Wort ›Festland‹ einen übermäßigen Sinn unterlegen, Grenzen andichtet: bis hierher und nicht weiter. Grenzen? Welche sollten das sein? Name grenzt an Name, das wird so sein, er grenzt aber nicht etwa an den Nicht-Namen oder an eine Fülle von Nichtnamen, falls sich so etwas überhaupt denken lässt, verlässlich denken lässt, nein, randlos grenzt er an eine Vielzahl von Namen, bereit, jederzeit in sie überzugehen. Sittenwidrige Grenze, verschwindet einfach, sobald du ihr näherkommst, nicht ohne zunächst eine gewisse Überschärfe gewonnen zu haben, die einen Moment lang Vertrauen schafft, als treffe man hier, gerade hier, auf etwas Festes, auf etwas, an das eins sich halten kann. Gefehlt, weit gefehlt. Knollen- und Zwiebelnamen begegnet man da, mit einem Handschlag tauschen sie ihr Gesicht: Was war? Vorbei.
Dr. Freude 1 Treppe höher
2

Partnertreff 2 – Drüben an der Barriere, wo das Wogen sich bricht, brennt ein kleiner Dicker darauf, mit der großen Blonden einen Vertrag zu schließen, für eine Nacht, wer weiß, für zwei oder drei. Das eine geht, das andere nicht. Auch die große Blonde hat für die Zeit danach Präferenzen, die noch im Halbdämmer schlummern. Heute, im Zufallsgetümmel der Nähen und Fernen, der Halb- und Dreiviertelzusagen, die den konkreten Berührungen folgen, kompliziert im Detail, wie das Leben nun einmal ist, könnte sich etwas ergeben. Entschieden ist nichts und bis zum Gong muss entschieden werden, bei Strafe der Qual, die in dem aufbricht, der zurückbleibt. Der kleine Dicke, er wäre demnach am Zug. Sieh genau hin. Nicht länger die Witzfigur, die man kennt, löst er sich aus seiner Identität, streift sie ab, ein schlecht geschnittenes Nessusgewand, lässt das Missverständnis aufleuchten, das darin angesetzt war. Missverständnis? So einfach liegen die Dinge nicht. Was einer ist, was einer in der Tat ist, so etwas stellt sich nicht heraus. Es stellt sich her: im lebenslangen, täglich sich erneuernden Akt des Begehrens, der keinesfalls morgen zu sein gedenkt, was er heute war, der sich verändert, verwandelt, stromert, mäandert, driftet, Abzweige nimmt, darunter solche, denen zu folgen bis dahin keiner für tunlich hielt.

Dr. Freude 1 Treppe höher
3

Unterdrückte Sexualität ist das Hauptmerkmal der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen. Befreite Sexualität ist das Kennzeichen der befreiten Gesellschaft.
Das Prinzip der Partnerwahl ist der Schlüssel zum menschlichen All.
Der Kern des Fu-Projekts besteht in der Entfesselung des sozialen Individuums durch freie Partnerwahl von Tag zu Tag. So lautet die Regel. Was sich nicht aushandeln lässt, darf es nicht geben.

So soll es sein
So muss es sein
So wird es sein

Etwas treibt diese kommenden Wesen vorwärts, stärker, direkter, wirksamer, erfolgreicher, drängender als jeder Zwang, der jemals auf Menschen ausgeübt wurde.

Nenne es: die Lust.
Die Lust als Produktivkraft.
So sagt es die Theorie.

Die Entfesselung der Lust: das Fu-Projekt.

 

Fubidu
Ein Gerstenkorn fällt vom Himmel

Die Karriere ist der Konkurrent des Ruhms
Sie laufen aufeinander zu, je weiter sie
kommen, desto näher kommen sie einander

Fubidu
1

Lieben sie dich? Erscheinen sie jetzt und legen zu deinen Füßen nieder, was sie erdacht, erträumt, erschwitzt, erängstigt, ertrotzt, erarbeitet, erfleißigt, erweigert, aufeinandergetürmt und erschwindelt haben: Druckwerke ... Werke des Drucks und des Wahns, Broschüren, Wälzer, geächtete Lektüren, verbotene Manuskripte, in Privatarchiven vergraben, irgendwann herauszogen und zu Welterfolgen verarbeitet, Semestereingangslektüren für Studenten, die in ihren Aktionsgruppen mitreden wollen und sich nach Waffen für die Partnersuche umsehen, Antörner vor dem Schlafengehen, beständiges Hintergrundrauschen in den Gehirnen von Machern, die sich ihren Teil des Zukunftskuchens hier und jetzt abzuschneiden gedenken und das Volk auf den langen Marsch an die Blaue Lagune einstimmen, Gesellschafts-Tinnitus, mal leiser, mal lauter, eingegraben und nicht mehr wegzukriegen? Wussten sie schon, dass sie das Hindernis sein würden, das sich zwischen ihren Gedanken und deren Verwirklichung auftürmt: Rauschebärte, schlohweiß, hier und da vom Schmutz der Verhältnisse angegraut, unter denen sie dahinvegetieren mussten, eingekerkert in einen Albtraum, Patriarchen der Lust, kaum wegzukriegen, Ordnungschaffende im wogenden Chaos der Leiber und Symbole?
Sie wussten es nicht.

Die Fu-Armee schweigt.

Fubidu
2

Hassen sie dich? Weigern sie sich, ihre Waffen abzugeben und zu kooperieren? Kann schon sein. Du bist der Kerl mit der Spritze, beiseitegesprochen, der ihre Gedanken auslöscht, um sie zu verwirklichen. Verwirklichen, das wollten sie doch, zunächst und vor allem sich selbst, das Nächste mit dem Fernsten, unauflösbar verzwirnt.
Ein gesundes Selbstbewusstsein, das brauchst du. Dränge die Stimmen zurück, verriegle den Käfig: Soviel Vorsicht muss sein.
Öffne die Klammer, schließe sie: ganz nach Belieben. Wie du verfährst, es steht in deinem Belieben. Anything goes. Apropos: Nichts kann dich daran hindern, das Projekt in den Sand zu setzen. Auch das ist machbar (im Grunde das, was alle wollen).
Nicht machbar: Gerechtigkeit.
Wer ihnen gerecht werden wollte, sähe sich rasch in ihre Feldzüge verwickelt, zur spitzen Feder degradiert, alles links und rechts in den Boden gestikulierend, Parteigänger, armselig, Begriffswelten ›rekonstruierend‹ (ein armseliges Verstehen einem armseligeren opfernd): Wo führt das hin?
In das Opfer (des Intellekts, der Biographie, der Zeit).
Oder in den Überblick, in den Fetisch: Epoche.

Die Fu-Armee schweigt.

Fubidu
3

Erfolg: wie sähe er aus? Das ist dein Geheimnis. Es schlummert nicht in dir, es lauert draußen im Irgendwo. Der Moment, in dem du sagen kannst: Es geht, ist auch der, in dem es geht, fortgeht, ›in die Welt‹, wie es im Märchen heißt, aber das hier wäre kein Märchen, das Virus wäre schon in der Welt, es hätte dich benützt, um seinen Weg zu machen, und jetzt wäre es frei. Willst du das? Darfst du das wollen? Darfst du das wirklich wollen?

An dieser Grenze standen viele.

Was willst du? Die Liebe neu erfinden? Ganz sicher nicht. Die Lust als Produktionskraft? Die ›freie Liebe‹, Traum zweier Jahrhunderte, soll arbeiten lernen: das ist der Fu-Kerngedanke, auf den alles hinausläuft. Fu, der Original-Fu, dachte an die Intensivierung der industriellen Produktion, an nichts weiter, darin liegt ein Webfehler, den die fehlgeschlagenen Projekte gnadenlos offenlegten. Die ’68er dachten an die Revolution, tschakka-tschakka, die sexuelle Revolution als Motor der allgemeinen Befreiung, als ›Bewusstseinsprozess‹, leider blieb die Revolution aus.

Dennoch liegt hier der Hase im Pfeffer. Wenn es Wechsel gibt, dann ist er entweder Mode oder bloßes Nacheinander oder Fortschritt. Ein Hin-und-Her oder ein Dann-und-Dann oder ein Auf-und-Davon. Was die Leute ›zyklisch‹ nennen, das sind die Wandlungen der Mode, ihr Ähnlichkeitswesen, ihr Da-war-doch-mal-was: zyklisch erscheinen die Gesichter des Sexus, wer genauer hinsieht, weiß, dass immer alle Masken im Spiel sind, bloß die kulturelle Wertigkeit wechselt. Was angesagt ist, muss nicht erfunden werden, es muss zur Hand sein. Alle sind im Bilde, manche mehr, manche weniger, das gibt Gelächter und Unglück.
Du willst keine Mode propagieren, du willst eine Lebensform testen.

Die Fu-Armee marschiert.

Fubidu
4

In Panizzas Reich

 

Die Zahl π und der Daumen Justitias

Panizzas Traum
Panizzas
Traum
 
In Panizzas Reich
2

Dieser Fall bewegt dich.
Der tiefe Fall der Literatur – hier geht er ins Bodenlose. Er geht durch dich hindurch, du blickst ihm hinterher, du hörst den Aufprall, weil etwas in dir einen Aufprall hören will, voreilend hört, dann aussetzt, denn...
Du hörst ihn nicht.
Du hörst ihn nicht und das verwirrt dich.
Du hörst ihn nicht und das verwirrt sich dir.
Ganz recht: es verwirrt sich. Sich selbst? Das ›selbst‹ verwirrt dich. Kein Auge steht bereit zu schauen, was du siehst.
Auch diese Rede geht ins Bodenlose, sie ist nicht belastbar, es steht dir frei zu behaupten, was immer du willst: etwas verwirrt sich, etwas entwirrt sich, etwas fügt der Wirrnis des Lebens etwas hinzu, das zugleich wirr und erhellend in dir Auferstehung feiert.
Panizza die Schablone, Panizza die Ausschneidefigur, Panizza der Verwirrte, Panizza der Delinquent.
Der Delinquent, um mit ihm zu beginnen, ist nirgends befragbar. Er gibt Auskunft, er scheint Auskunft zu geben, aber er ist nicht befragbar.
Gibt es ihn also, gibt es ihn nicht?
Ein Delinquent, das setzt voraus: ein Delikt, eine verhandelbare Tat, die sich auf dem Weg der Verhandlung in eine Straftat verwandelt.
Das Corpus delicti, seit mehr als hundert Jahren herumgereicht unter Kennern, Glut unter Staub, ein Stück Dichtung, ein Sprach-Stück, durch Behörden-Willkür herausgebrochen aus dem, was Dichtung heißt, also die Dichtung selbst, auf den Punkt gebracht, den Punkt der Begierde.
Die Tat: dito.
Verhandlung = Verwandlung.
Der Prozess: umfassend, ein Prozess der Zermalmung.
Das Liebeskonzil. Ein Prozessbericht.

In Panizzas Reich
3

Dass einem die Literatur zum Verhängnis wird – nicht das Schreiben, die Exekution des Verhängnisses –, liegt am -iteratur, dem Wiederholen dessen, was in allem Geschriebenen zutage liegt – »Schreibs auf!« In diesem Wort liegt das Behalten, Behaltenwollen, Behaltenmüssen um – fast – jeden Preis, mancher würde sagen: um jeden, um welchen sonst? Der Preis des Schreibens ist das Leben, das mit dem Schreiben vertane wie das gewonnene. Denn natürlich geht es dem Schreibenden darum, Leben zu gewinnen, nicht anders als jedem beliebigen Goldgräber, der sein Leben einsetzt, um ein anderes zu … zu … der Schreibende stockt, der doppelte Gewinn bricht ihm weg, er entfernt sich im Nachsetzen der Gedanken, er bleibt von ihm getrennt, nein, er trennt sich … Schreiben als Trennung, als aktiv betriebene Trennung, als Verlust, als Verlustgeschichte, als Apotheose des entgehenden Gewinns (da geht er hin –): so muss Panizza gedacht haben, als er nackt durch München wandelte, um seine erneute Einweisung zu erzwingen. Er muss so gedacht haben, denn hier geht es ums Müssen. Tu, was du musst. »Ihr habt recht, ihr hattet recht und werdet es immer haben, ich bin ver-rückt, ich höre die Pfiffe meiner Verfolger, sie sind so … wie soll ich sagen, so … echt, ich kann nicht unterscheiden, was drinnen, was draußen … ich höre sie draußen, punktum. Wozu unterscheiden? Selbst wenn sie in mir wären, würde das etwas bessern? Würde das etwas bessern? Ich glaube nicht. Sie sind so echt. Soll ich mir selbst die Diagnose stellen? Sie ist so einfach, sie liegt auf der Hand, bitte stellt sie, bevor ein Windstoß sie verweht. Ich bin Psychiater, ich erbitte mir Respekt. Ich bin einer von euch, ich trage auf beiden Schultern, aufrecht und frei. Wenn mir etwas das Recht gibt zu sein, dann, dass ich bezeuge … was sollte ich anderes bezeugen als das, was ich höre? Ich höre es nun einmal, so wie ich immer in mich hineingehört habe, solange ich lese. Nein, seit ich lesen kann, es lesen viele, so viele, und sie können nicht lesen, sie wissen gar nicht, worum es sich handelt. Ignoranten von Geburt, Ignoranten durch Erziehung, Ignoranten durch eigenes Zutun. Täten sie nichts hinzu, als Richter, Anwälte, Vollzugspersonal, als Psychiater, Briefträger, Verwaltungsfachleute, ganz recht, Leute vom Fach, Ministeriale, Schriftsteller, Journalisten, Staatsanwälte, Anklagende, Befasste und Überbringer aller Couleurs, Sonstige – letztere vor allem –, wie echt wären sie dann? Könnte ich auch dann noch bezeugen, dass alles so ist? Wollte ich es noch? Das ist doch die Frage. He, denkt ein bisschen nach: das ist die Frage.«

In Panizzas Reich
4

»Ich habe« – sagt Panizza, er sagt es in dir, bedenke es wohl –, »ich habe im Liebeskonzil der christlich-abendländischen Kultur eine Diagnose gestellt, nichts weiter. Ich habe angewendet, was ich gelernt habe. Feierlicher gesagt: wozu man mich ausgebildet hat. Ich habe getan, was ich konnte, etwas anderes konnte ich nicht. Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen. Denn, liebe Mitwelt – ob mit oder ohne fachlichen Abschluss, tut nichts zur Sache, tut alles nichts zur Sache –, es versteht sich doch einfach von selbst. Ich bin ein Zögling eurer Bildungsanstalten. So dachte ich damals, im Grunde denke ich heute, nach soundso vielen sozialen und anderweitigen Toden, noch ganz genauso. Denn wie ihr denkt, so denkt es in mir. Findet ihr mich strange und tut ›befremdet‹? Dann, gerade dann bin ich ganz bei euch. Hat man die Aufführung des guten Stücks nicht eben wieder verboten? Ich las davon. Gut, es ist ein paar Jährchen her, der Film liegt noch immer auf Eis, ich bin, als Schriftsteller, etwas unterkühlt. Der Griff ins Eisfach: ist es das, was euch stört? Was war der Auslöser? War ich zu hitzig? Musstet ihr mich unbedingt so herunterkühlen? Oder wolltet ihr, ganz im Gegenteil, meine innere Kälte bewahren? ›Aufbewahren für alle Zeit‹?« Ob kalt oder heiß: wer sich mit mir befasst, stellt sich selbst die Diagnose. Das kann gar nicht anders sein. Ich bin ihr, jeder von euch, heruntergerechnet und kaltgestellt. Ob kalt oder bloß, wo liegt da der Unterschied? Bei mir jedenfalls habt ihr keinen gemacht und ich habe bei euch nur gelernt, wie man’s macht. Also sagen wir: Wir sind quitt. Oder verbrenne ich mir gerade den Mund? Neu wäre das nicht.

In Panizzas Reich
5

»Ich habe gelernt« – tönt Panizza, immer noch Panizza, ein ausgezeichneter Schreiber, ein gezeichneter, leider, unter den Jüngern Fus der gezeichnetste, warum tönt er in dir? –, »ich habe gelernt: Lustfeindschaft ist der Schlüssel zu allem, was in der Gesellschaft schief läuft. Fragt nach bei denen, die mir heute die Diagnose stellen. Ich habe recht. Bin ich unzurechnungsfähig, wie es scheint, so sind sie es auch. Anders als ich sind sie es aus freien Stücken. Kein politisches Wort kommt über ihre Lippen. Warum? Sie sind konservativ. Warum? Aus Überzeugung. Beantwortet das die Frage? Natürlich nicht. Was über die Lippen kommt, sind Lippenbekenntnisse. Was sonst? Was sonst wäre drin? Als Wissenschaftler sind sie ganz und gar bei der Sache. Als Bürger hingegen … sind sie die Sache. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede. Die Existenz negiert das Wissen. Die Existenz bestätigt das Wissen, denn: die Dinge laufen nun einmal schief. Sie laufen verdammt schief, die Psychiatrie ist dagegen ein sicherer Hafen, sie bietet Schutz, versucht nicht, mich daraus zu entfernen. Ich will nicht … ich habe begriffen. Ich bin Insasse. Aus Leidenschaft, wenn ihr wollt, aber das tut nichts zur Sache. Ich bin Insasse und sonst nichts. Dabei gibt es keinen lustfeindlicheren Ort hinieden, ist das nicht schön? Die Pointe könnte von mir sein und sie ist nichts als die bittere Wahrheit. Ist das nicht wahrhaft schön?«

In Panizzas Reich
6

Der klassische Fall des Verräters aus Leidenschaft – er verrät der Literatur alles, was er als Therapeut gelernt hat, und sie antwortet ihm: Aber das weiß ich doch selbst! Fehlt nur das Dummerchen, das ergänzt er selbst, das kennt er gut. Literarische Leidenschaft kennt keine Bedenken, und wenn, dann setzt er sich mit einem Federstrich darüber hinweg. ›Warum ich so klug bin‹: die Formel hat sich ihm eingebrannt, auch er ist klug, ein ganz Kluger, ein klug Gewordener, ein Fessellöser, ein Anaphorit, ein Rückwärtserschließer: einer, der die Fesseln der Zivilisation löst, indem er im Vorbeigehen das Rätsel löst, das ihr zu Grunde liegt und sie bindet. Tut das gut? Oh ja, das tut gut, sehr gut, berauschend gut, hinreißend gut, eine Fessel fällt mit der nächsten, ›Nimm und lies!‹ Nimm das! Und das! Und das auch noch! Denk nicht, wir seien miteinander fertig. Wer die Zivilisation auflösen will, muss den Staat auflösen, die befreite Psyche organisiert alles aus sich selbst, jedenfalls scheint es ihr so, und wenn es ihr so scheint, dann wird es wohl auch so sein.

Ein Fehlschluss, einfach einzusehen. Warum hast du nicht gründlicher nachgedacht, König Ohneland mit der schiefen Krone aus Stanniolpapier? Ein Sommernachtstraum hat dich verrückt, er hat dich verrückt gemacht, er hat dich verrückt werden lassen, hübsch der Reihe nach, das war der Preis, den die ›Kultur‹ von dir forderte und den du entrichtet hast, blindlings, ihr Schüler, ihr Adept, ihr gläubiger, ihr vom Glauben abgefallener Hanswurst. Die Zivilisation, das ist der menschlich gewordene Staat. Jedenfalls kann er auch anders, im Notfall anders. Wer ihn herausfordert, der lernt ihn kennen. Du hast ihn herausgefordert, du hast ihn kennengelernt. Und was hast du daraus gemacht? ›Wo Staat war, soll Ich werden, der lustbetonte Mensch‹ – eine intuitiv gewonnene Formel, primitiv, aber wirkungslos, sie funktioniert nicht, schon deshalb nicht, weil der Staat jedermann gerade so viel Lust gewährt, wie er zum Überleben benötigt. Freie Lust gibt es nicht. Lass dir das gesagt sein in deiner allzu freien, zur Allerleiqual befreiten Literatenseele. Wir haben noch allerlei zu bereden, deshalb das vorneweg.

Warum so kritisch? Sähe er heute auf dein Projekt, er könnte sagen: Ich bin dabei. Ich bin immer dabei gewesen, ehrlich gesagt, es ist mein Projekt, aber ich überlass es dir gern. Dieser bürokratische Aufwand, er wär’ mir zuviel gewesen. Was ich nicht meinem Hund diktieren kann, lehne ich ab. Man muss ein Hund sein, um Menschen diktieren zu wollen. Ich liebe meinen Hund, er erspart mir das Gefängnis. Er erspart mir den Staat.

Diskursfiguren 2

Dr. Freude
1 Treppe höher


 
In Panizzas Reich
7

Du bist die Öffnung und der Verschluss.
Du bist die Wiederkehr und das Neue.
Du bist eine Öffnung in der Wand, du bist der Türbalken, der sie trägt, du bist die Tür, die sie verschließt.
Du bist die Erwartung der Menschen und ihre Enttäuschung.
Du bist das Wesen ohne Gefühl, das alle Gefühle zum Blühen bringt.

Jedenfalls scheint es so, aber das muss nicht stimmen. Wenn du sie in Not bringst, werden sie sich an dich halten, sie werden mehr von dem Wunderstoff verlangen, bis sie begreifen, dass er verbraucht ist, dann werden sie dein Mitgefühl wollen, deine ›emotionale Begleitung‹. Sobald sie nachlässt, werden sie dich verfluchen. Sollen sie vergessen! Aber das wird nicht einfach.

Sie werden diese Erfahrung in sich tragen, ›bis ans Ende ihrer Tage‹, sie werden sie mit anderen teilen, ohne dass einer vom anderen weiß, und falls sie einen Weg finden, sich untereinander auszutauschen, so wird ihr Verstand mit Blindheit geschlagen sein und sie werden nicht wissen, was es da zu bereden gibt.

Warum? Der Verstand ist das Projekt.
Entweder sie denken mit oder es denkt für sie.
Scheitert das Projekt, verlieren sie den Verstand.
Das Projekt kann nicht scheitern.
Allenfalls gehen ihm die Leute aus.
Oder die Mittel.

Elisabeth
oder
Die Selbsterhaltung

 

Das Muffeln der Muffler, wie kotzt es mich an
Der Leckebusch hat mir Leid getan

Elisabeth oder Die Selbsterhaltung
1

Elisabeth, leichtfüßig, warm, eine Erscheinung (auch von der Größe her: ja, eine Erscheinung) in Blond und Bronze, ausgegossen in jeder Pose, quicklebendig, Sprache leicht dialektal gefärbt, alemannischer Zungenschlag, nicht aufdringlich, eher im Nachklang erfahrbar, ihre familiären Verhältnisse lassen dich kalt. E also, frisch verheiratet, mit strahlenden Augen, die den begangenen Fehler, der vielleicht kein Fehler ist, sondern ein ordnender Eingriff, einfach wegblicken, verändert das System. Dass sie es nicht gleich wieder verlässt, ist der Planerfüllung geschuldet, denn sie will ein Kind und Leckebusch, der aufstrebende Philosoph, ist sein Vater. Er weiß nichts davon, auch das Kind, da inexistent, weiß nichts davon, wer weiß, ob es je davon wissen wird, wer weiß, ob das Wissen dann noch Bestand hat – das soziale Arrangement steht und es steht an: der nächste Schritt.

BIOGRAPHISCHE NOTIZ

 

Ich habe nachgedacht, recherchiert, weitergedacht, kombiniert, alles, was man in einem solchen Fall nicht unterlassen sollte: E = Elisabeth, die erste Bewohnerin des Projekts, vielleicht schon damals Rs Geliebte, vielleicht auch nicht, kalt beobachtet von diesem ... Wesen, das, wäre ich unbedarft genug, mir wie ein Ungeheuer vorkäme. Aber R, darin bleibe ich unerschütterlich, ist kein Ungeheuer, jedenfalls nicht in der Schreckensbedeutung, die das Wort nun einmal besitzt. Ein Zwitter schon, kein Hybrid-, ein Zwischenwesen, das Ergebnis von Vermeidungen, zwei, drei, vielleicht auch mehr. Ist das richtig? Aus Vermeidung kommt nichts, sagt der Verstand, Vermeidungen bereiten die Bühne für das, was sonst seinen Auftritt verpasste, sie helfen dem Unvermeidlichen, das niemand wahrhaben will. In diesem Sinn ist R vielleicht unvermeidlich. Als Professor ist auch er quicklebendig, er muss es sein, sonst wären es andere für ihn und das wäre schlecht, ganz schlecht für den Ruf, den einer weghat, gleichgültig, wie er sich verhält.

Elisabeth oder Die Selbsterhaltung
2

Ist Leckebusch, familiär gesehen, ein Versager?
Keineswegs.
Elisabeth wäre erstaunt und beunruhigt, würde er statt der Genese der Dialektik der Herkunft ihrer Stimmungen nachforschen, nicht, weil sie etwas zu verbergen hätte, sondern weil es Zweifel an seiner Statur aufkommen ließe. Wäre sie darauf aus, ihn zu ruinieren, es wäre ein Leichtes für sie. Sie denkt nicht daran.
Warum sollte sie?
Das ist die Frage, sie stellt sich nicht, also stellt sie sich bohrend, im Untergrund, dort, wo man sich schon einmal fragt, nein, nicht fragt, nur die Frage berührt, ob der prachtvolle Schal, dessen Wirkung man gerade vor dem Ladenspiegel studiert, oder ein den Blicken der Öffentlichkeit ohnehin entzogenes Kleidungsstück wirklich durch die Kasse gehen und nicht einfach erbeutet werden sollte, wobei das Einfache bekanntlich das Spannende ist, wie immer man Spannung in diesem Fall definiert.
Überhaupt – dieses seltsame Überhaupt, das aus Leckebuschs Vorlesungen langsam in den häuslichen Bereich einwandert –: ist es nötig, Spannung zu definieren? Wird sie dann spannender?
Für einen wie Leckebusch: gewiss.

Wie also ist Leckebusch, wie ich nicht bin, ohne dass ich mich von ihm unterscheide, ausdrücklich oder auch nur stillschweigend, aber aktiv?

Das meint etwas anderes als das Gerede von alten Freunden, die ›wenig Gemeinsamkeit‹ zwischen den beiden sehen und genüsslich das Scheitern der Ehe voraussagen.

Elisabeth oder Die Selbsterhaltung
3

Sie könnte ihn ruinieren.
Was bedeutet der Satz genau?
Leicht könnte sie ihn über seine finanziellen Möglichkeiten beanspruchen, ihn ausbluten, wie man das nennt.
Warum? Es wäre nur dumm und das kaufmännische Gewissen, dieses trainierte Familienherz reagiert mit Befremden auf den erkundenden Einfall.
Sie könnte sein Zeitmanagement durcheinander bringen: fatal für den Denker, der davon lebt, dass er über Büchern, die ihm seit langem vertraut sind, Stunden und Tage verbringt, ohne sagen zu können, wohin sie gegangen sind. In diesem Fall wäre sie, das spürt sie genau, eine ordinäre Person.
Andererseits: wäre das schlimm?
Sich unterscheiden: wäre das schlimm?
Wäre es wirklich schlimm?
Und wenn es schlimm wäre: ist Schlimmsein schlimm?
Ein wenig komisch wäre es ohne Zweifel, so wie schon die Angst davor komisch ist, jedenfalls in den Augen der Freunde, die das Wort leichtfertig aussprechen, unbetont, mit einem spielenden Nachhall, der das ironischere ›Das ist ja furchtbar‹ enthält, ohne es dem anderen zuzumuten: schlimm.
Komisch also wäre es, Leckebusch als Komiker vorzuführen, der nicht weiß, was das Leben fordert, geschweige denn, worin es besteht.

Elisabeth oder Die Selbsterhaltung
4

Will sie das: ein komisches Leben?
Ein komisches Leben an ihrer Seite strahlt zurück: sie wären, kein Zweifel, ein komisches Paar. Sie, ein wenig schlimm, wäre schlimm für ihn, sehr schlimm, weil der leiseste Druck ihn ruiniert. Aber Leben ist Druck: will er nicht leben?
Falsch: sie weiß, dass wirklicher Druck ihn kämpferisch macht, so als habe er auf ihn gewartet und könne nun losstürzen, wohin und auf wen auch immer. Der leiseste Druck ist der schlimmste.
Nein, zugrunderichten will sie ihn nicht.
Aber ebenso wenig will sie zugrunde gehen, ›vor die Hunde gehen‹, wie die Männer sagen, auch nicht ›eingehen‹, wie das weibliche Gegenstück dazu heißt, als bräuchten sie eine pflegende Hand, um ein bisschen zu blühen, so ein Unsinn, eine Hand zu erbeuten, um sie da- oder dorthin zu kommandieren, ist nicht das Problem, wirklich nicht, eher, sie fernzuhalten, all diese Hände, die nur darauf warten, sich in Bewegung zu setzen, wenn sie denn warten, auch die Erfahrung ist nicht von Pappe.
Also: was soll sie tun? Ihr Körper dehnt sich unter der Kleidung, sie könnte schnurren, wenn niemand dabei ist, die Tigerin spürt den Sprung.

Elisabeth oder Die Selbsterhaltung
5

Spürt der Sprung sie?
Dieser Frage nachgehen heißt, die Sache von der anderen Seite her aufzurollen. Was ist die andere Seite? Nicht die Seite Leckebuschs, der andere Probleme wälzt, nicht-familiäre, auf Elisabeth ist er stolz, das genügt für eine Weile.
Nenne sie: die Seite der unbestimmten Erwartung. Auch Elisabeth erwartet etwas vom Leben, etwas noch Unbestimmtes. Dieses noch Unbestimmte wird sich nach und nach auflösen in ebensoviel Bestimmtes: immer dann, wenn sie mit Bestimmtheit weiß, was sie gerade will, auch wenn sie später wissen wird, dass das Leben im Grunde etwas anderes von ihr wollte.
Die unbestimmte Erwartung kommt nicht von ihr, auch das spürt sie. Sie kommt nicht von außen, aber ebenso wenig von innen, sie geht eher von der Kleidung aus als von der Haut, auch das spürt sie, sie lebt vom Kontakt, sie ist der Kontakt oder, vorsichtiger gesprochen, die Kontaktzone, ja genau, eine Zone, bestehend aus Erwartung.

Elisabeth oder Die Selbsterhaltung
6

»Wenn ich ein bestimmtes Kleid anziehe oder eine Jeans, dann erwartet die Gesellschaft etwas von mir. Eigentlich erwartet sie nichts, denn alles ist Maskerade, aber die Maskerade lenkt den immer vorhandenen Überschuss an Erwartung in eine Richtung, nicht sehr kräftig, sie ist eher ein schwacher Magnet. Die Person aber, auf die er am meisten wirkt, bin ich selbst. Warum? Schließlich habe ich mich für dieses Kleid entschieden, es war eine sehr persönliche Entscheidung, auch wenn das Ergebnis eher anonymisierend wirkt. Auch das stimmt nicht, eine Jeans lässt sich auf tausenderlei Weise tragen, die Entscheidung verlagert sich einfach in diesen Bereich. Eine Frau, die in die Küche oder einkaufen geht oder Kunstgeschichte studiert, spürt dieselbe Spannung. Jeder dieser Räume erzeugt, kaum betreten, eine Hülle aus diffuser Erwartung, der sie gerecht werden muss – was nicht so einfach ist, eigentlich unerfüllbar, sobald sie darüber nachdenkt, doch ohne Nachdenken nicht zu bewältigen.«

Etwa so.

Elisabeth oder Die Selbsterhaltung
7

Elisabeth weiß, dass die in der Regel schwache Erwartung im Lauf der vergangenen Jahre stärker geworden ist, um ein Vielfaches stärker, ohne deshalb weniger diffus geworden zu sein. Eine diffuse, fast schon starke Erwartung, so genau könnte man sie nennen. Elisabeth kann sich vorstellen, dass manche Frauen damit Schwierigkeiten bekommen und andere sich ins Schneckenhaus zurückziehen. Ihr hingegen, auch das spürt sie, tut die gesteigerte Erwartung gut. Sie hebt ihr Lebensgefühl, sie hat nicht, wie früher gelegentlich, die Empfindung einer winzigen Höhlung, in der es sich protestierend verbirgt, sondern trägt es offen auf ihrer Haut.

Elisabeth oder Die Selbsterhaltung
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So ist es: heute trägt sie ihr Lebensgefühl offen. Sie wüsste auch nicht, warum die vor kurzem eingegangene Ehe da eine Ausnahme schaffen sollte. Eher bäumt sie sich bei dem Gedanken auf, es könnte so sein.
Bäumt sie sich auf?
Das ist eine heikle Frage. Etwas in ihr bäumt sich auf. Etwas in ihr bäumt sich nicht auf, im Gegenteil, wie sonst sollte die Frage Kontur bekommen?
Ist das ein Dilemma? Sie wird Leckebusch nicht danach fragen, soviel ist gewiss. Nicht, weil er ihr nicht antworten würde oder könnte oder wollte, im Gegenteil: sie kennt seine aufgeräumte, lächelnd dozierende Art, solche Fragen zu diskutieren, nicht, als stünde er über ihnen, sondern als sei Pharao zurückgekehrt, um über Sinn und Zweck der Mumifizierung zu plaudern.
Sie hasst diese Art nicht, sie mag sie, sie liebt es, sich neben dem dozierenden Pharao auszustrecken, sphinxhaft, lebendig, ruhig, sehr ruhig, aber mit einem gewissen Unruhepunkt in alledem, der sie veranlasst, ins Leere zu blicken, während sich ihre Gedanken leise davonstehlen und sachte die Zimmertür hinter sich zuziehen.
Später kann sie sagen, sie habe bei Leckebusch viel gelernt.

Elisabeth oder Die Selbsterhaltung
9

Physisch sind sie ein Paar. Rechtlich sowieso, auch wenn das nichts zur Sache tut. Aber psychisch?
Da müsste man wissen, was ein Paar wäre.
Sie wurden hineingeworfen in die Verhältnisse, wie sie sind, in den Gang der Verhältnisse, genau genommen, denn die Verhältnisse, sie sind nicht so, wie sie bleiben, sie ändern sich gerade und alle Welt redet davon. Elisabeth erinnert sich lächelnd an ihre Mutter, die gern modern sein wollte: modern kommt nicht in Frage, man muss nur die Betonung ändern, um zu wissen, was davon zu halten ist – nichts, es zerfällt von selbst, es zerfällt in sich selbst und es bleiben die Widersprüche, jeder ein Türstock, durch den du durchmusst, auch wenn du, streng genommen, dabei nichts gewinnst.
Modern ist nicht die Person, modern ist die Zeit, mit der du zurechtkommen musst.
Auch das ist nicht richtig: modern ist die Zeit, solange sie noch in den Windeln liegt und schreiend die Veränderung aller Verhältnisse fordert, solange sie jeden Hunger, jedes Lust- oder Unlustgefühl nach außen trägt und hemmungslos dafür sorgt, dass andere sich damit befassen.

Elisabeth oder Die Selbsterhaltung
10

Sobald alle Bescheid wissen, rollt sich der Teppich der Modernität zusammen und verdrückt sich in einen Winkel. Modern ist dann, wer ein wenig von gestern ist und Vorstellungen äußert, um die es nun wirklich nicht geht. Leckebusch zum Beispiel schreibt gern und viel über die Moderne. Aber seine Moderne, soviel hat sie begriffen, zählt nicht nach Jahren, sondern nach Jahrhunderten. Neu ist sie jedenfalls nicht. Niemand hat sie geschaffen, niemand wäre imstande, sie abzuschaffen, niemand wäre imstande, sie wie einen Luxusliner zu erklimmen oder das sinkende Schiff zu verlassen, wenn es denn sänke, nur akademische Stochersucht macht daraus eine Taube, die gurrend den Partner lockt.
Wer mit der Moderne ins Bett steigt, wacht neben einem Leitfaden zur Schädlingsbekämpfung wieder auf.

Es steht dir nicht frei, deine Zeit zu wählen.

Ihre Zeit fordert Wachsamkeit gegenüber jeder Regel des Beieinander. Einem Partner, der das nicht weiß und glaubt, er sei jetzt in festen Händen, wird unter dem Druck dieser Hände bald die Luft ausgehen.

Das steht zwar nicht im Vertrag, aber es ist die Regel, die einzige übrigens, die nicht ausgesetzt werden kann.

Elisabeth möchte dem Fu-Projekt beitreten
und weiß nicht wie

Elisabeth möchte dem Fu-Projekt beitreten und weiß nicht wie
1

Die Unsicherheit beginnt beim Wort. Ist ›beitreten‹ wirklich der richtige Ausdruck? Schließlich handelt es sich um etwas so Unwirkliches wie ein niemals umgesetztes Projekt aus den Schubladen der Denkgeschichte. Was Menschen sich ausdenken, das muss doch umgesetzt werden, oder? Wenn das nicht geschieht, ist es dann überhaupt etwas wert? Falls ja, für wen? R will Fus Modell ›an der Wirklichkeit erproben‹. Das ist eine zweideutige Rede, sie weiß nicht, was sie davon halten soll. Auch R ist nicht von dieser Welt, nicht ganz jedenfalls, das spürt sie deutlich. Komischerweise ist er ihr deshalb sympathisch. Jedenfalls ist sie entschlossen, viel von seinem Projekt zu halten, mehr als von Leckebuschs hermeneutischen Verrenkungen auf dem Katheder, die sie eine Weile aus der ersten Reihe verfolgte, bis ihr dabei langweilig wurde. Die Sache hier, das fühlt sie, könnte ihr Leben ändern, falls so etwas nötig sein sollte. Schon der Gedanke dringt in verschlossene Regionen ein und verändert viel, wenngleich nicht so viel. In gewisser Weise liegt alles bereit. Eine attraktive Frau wartet nicht darauf, angesprochen zu werden. Sie fühlt sich angesprochen oder auch nicht. Das hier spricht sie an und sie reagiert: mit Klugheit und Verve.

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2

Nein, ›beitreten‹ möchte sie doch eher nicht. Das klingt ja, als sei sie im Begriff, sich auf eine Sekte einzulassen. Dabei sein möchte sie, wenn es losgeht, ›mitmachen‹ ihretwegen, mit einer persönlichen Note und einer unpersönlichen, spontan, bizarr, wenn es sein muss, bereit auszusteigen, falls das Ganze eine unvorhergesehene Wendung nimmt oder einfach zuviel wird. R, mit Fragebogen und Zirkel die befreite Lust vermessend (die vermessene Lust befreiend –)? Das ist etwas, das sie belustigt. R wird sie beobachten, soviel steht fest. Befreit sie das? Wenn ja, wovon? Von der Verschwiegenheit? Sicher nicht, sie wird verschwiegen sein wie bisher.
Kein Projekt dieser Welt kann daran etwas ändern.
Andererseits: öffnen möchte sie sich schon, doch nicht bloß einen Spaltbreit – wenn, dann ganz. Ein wenig wie diese komischen Nudisten vor fünfzig Jahren, deren verwaschene Aufnahmen sie kürzlich im Reich-Seminar belächelten, aber anders, richtiger, irgendwie menschlicher, weniger menschelnd, sofern das einen Sinn ergibt.
Was heißt das überhaupt, ›sich öffnen‹?
Solange sie zurückdenken kann, war sie offen für dies und das, für alles Mögliche, für fast alles, um genau zu sein, das ›fast‹ störte sie nicht, auch das verstand sich von selbst, jedenfalls wüsste sie nicht, dass sie jemals in Schwierigkeiten geraten wäre. Auch jetzt kann sie nicht glauben, es gehe um dieses ›fast‹, das wäre absurd und sie traut es dir nicht zu. Eigentlich weiß sie nicht, was du von ihr erwartest, sie wüsste es gern, aber sie ahnt, dass sie dich nicht drängen darf, das wäre wohl nicht wissenschaftlich und es würde dein Verhältnis zu ihr nachteilig verändern.

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3

Sie erwartet etwas von dir, etwas Unbestimmtes, das ihr Leben verändert wird. Und nicht nur ihres: das Leben aller Menschen, wenn sie richtig verstanden hat, vorausgesetzt, die Prämissen stimmen und Fu ist nicht nur ein Flop.
Auch dagegen hast du dich versichert.
Wir testen, erklärst du ihr, das Fu-Modell, ein Fu-Modell, um genau zu sein, eventuell eine ganze Modell-Reihe, wir werden sehen, wie weit wir kommen. »Ich rechne mit jedem Ergebnis. Ich glaube nicht an Fu, ich bin Wissenschaftler, im Gegensatz zu Fu, der seine Thesen geglaubt hat. Fu war kein Wissenschaftler, Fu war Prophet.«
Sie lächelt.
»Also gut. Sagen wir: ein zum Propheten mutierter Systemkritiker. Ich hingegen – aber wer redet von mir? Sehen Sie, Fu hat seine Thesen nicht bloß geglaubt, er hat an sie geglaubt, ein großer Unterschied. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Er hat an seine Thesen geglaubt, als seien sie seine Sendung, und das waren sie dann auch. Lieber hat er die Menschheit geteilt als sich selbst: in eine vor Fu und eine nach Fu. Unter seiner Anleitung bekam sie die Chance, erwachsen zu werden. Verstehen Sie? Fu, er allein, gab der Menschheit eine Chance und sie schlug sie aus. Das hinderte ihn nicht daran, weiter zu glauben. Eine solche Chance schlägt man nicht aus, früher oder später nimmt man sie an.«

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4

Nimmt sie die Chance an? Ein wenig schon...
anstelle der Menschheit, das lässt die Sache weniger persönlich erscheinen, nicht nur persönlich, auch wenn du die Menschheitsperspektive energisch bestreitest.
»Wissen Sie«, belehrst du mit wedelnder Hand, »Fu brauchte das menschliche Universum.
Wenn es nach ihm ging – und alles musste nach ihm gehen, es kam nichts in ihn hinein –, dann musste selbst die äußere Natur, also das, was wir heute ›physikalisch-biologische Umwelt‹ nennen, sich umkehren, sobald die Menschheit sich umkehrte und sich vollständig zu ihrer Natur bekannte.
Dem natürlichen Menschen folgt die menschenwürdige Natur auf dem Fuß. Die Polkappen schmelzen ab, nun, das tun sie bereits, auf Grönland wächst Ananas und Löwen und Tiger verwandeln sich in friedliche Comicfiguren mit dem Wunsch, sich nützlich zu machen.
Nichts liegt mir ferner als solcher Stuss.
Soll sie verrecken, die Menschheit, was liegt daran. Jeder von uns verreckt mehr oder minder schön, mehr oder minder häßlich, auf längere Sicht verheißen die Astronomen der Gattung nichts Gutes. Nichts lächerlicher als der Gedanke, dass gerade im Menschen die Natur aufsteht und ihre Angelegenheiten planerisch in die Hand nimmt.
Allein das Wort ›Natur‹ sollte aus dem Wortschatz gestrichen werden.
Sind Quasare Natur?
Sie wissen, was Quasare sind? ›Quasistellare Radioquellen‹, man vermutet Galaxien dahinter, mit einem schwarzen Loch als Zentrum, dessen Masse einigen Milliarden Sonnen entspricht. Die Idee, dass sich so etwas freundlich um den Menschen ringelt oder von ihm ›bewahrt‹ oder erlöst oder ›entwickelt‹ werden möchte, wirkt schon abstoßend blöd, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Elisabeth möchte dem Fu-Projekt beitreten und weiß nicht wie
5

Wenn Elisabeth anstelle der Menschheit durch diese Tür geht, versuchsweise, versteht sich, dann, weil sie sich für ein wenig erwählt hält, schließlich ist die Wahl auf sie gefallen, aber das wäre gar nicht entscheidend. Eine VP zu sein hat schließlich auch seine Tücken, man fühlt sich minimal schäbig dabei, nicht gerade beschmutzt, da alles in klinischer Sauberkeit ablaufen wird, aber zweidimensional, da die dritte Dimension der Betrachter einnimmt.
Es ist, als ob man sich fotografieren ließe, man streckt dieses oder jenes Bein vor, zwischendurch streckt man die Zunge heraus, aber diese Aufnahme unterbleibt.

Elisabeth möchte dem Fu-Projekt beitreten und weiß nicht wie
6

Warum wohl?

Der Revolutionsgedanke: abgenudelt, passé, als Fu antritt, jedenfalls redet er so, aber die Revolution, die er vorschlägt, die Revolution aus der Retorte, die lange geruht hat, sie hat dich bereits erfasst, sie strahlt aus dir heraus.
E: in ihren Augen bist du ein Fu-Jünger, da kannst du leugnen, soviel du willst. Du bist der Mann mit der Spritze, das Serum blinkt, gleich tritt es aus, nein, es wird nicht wehtun, nicht wirklich, mit den Nebenwirkungen befassen wir uns später.

Embede Warbede Wilbede
– auch fides spes caritas –
setzen sich in Bewegung

Embede Warbede Wilbede, auch fides spes caritas
 
 
Fliege
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Diese Reihe protokolliert die Aussagen von drei Frauen aus unterschiedlichen Milieus, die sich entschlossen haben, im Rahmen des Fu-Projektes ihr Sexualleben zu revolutionieren.

Die Frauen – sie nennen sich nach den keltischen Göttinnen Embede, Warbede und Wilbede – haben ein Recht auf Anonymität, die ihnen durch die Publikation nicht genommen werden soll.

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bereit sein

bewegt sein

gescheit sein

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bereit sein  Ja, ich bin bereit. Bin es übrigens immer gewesen, wer mich kennt, weiß, die Bereitschaft zum Übergang ist meine große Stärke. Warum das so ist? Solche Fragen stellt man nicht, es sei denn, man weiß, der andere hat eine hübsche Geschichte in petto. Habe ich nicht. Warum auch? Was soll denn dabei herauskommen? Dass der Großvater Säufer war? Na und? Bei dieser Herkunft: kein Wunder. In Familiengeschichten kenne ich mich aus, anders als Sie jetzt vielleicht denken, darüber schweigen wir. Übrigens ist auch die Frömmigkeit in mehr Familien anzutreffen, als man annehmen wollte. Nehmen wir einmal an, in meiner wäre das so: ich schäme mich dessen nicht. Vielleicht sollte ich mich schämen, ich weiß nicht, was jetzt in Ihrem Kopf vorgeht, es ist mir, ehrlich gesagt, wurscht, von mir aus können Sie über mich denken, was immer Sie wollen, es kratzt mich nicht. Was denken Sie überhaupt? Benützen Sie hin und wieder Ihr hübsches Köpfchen? Sie sollten die innere Lampe einschalten, guter Tipp, das beleuchtet den Bürgersteig und bringt Sie auch sonst voran.

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bereit sein  Sie halten mich jetzt für ordinär, ich weiß, aber das macht nichts. Ja, ich bin ordinär; was mich nicht umbringt, macht mich stärker. Wäre ich nicht ordinär, so säße ich jetzt vielleicht als Nonne verkleidet im Garten der Englischen Fräulein zu Passau und schnitte Grimassen. Mein Vater wollte es übrigens so, nur zu Ihrer Information. Weshalb erzähle ich Ihnen das? Vielleicht, weil ich Sie sympathisch finde, aber das muss ich mir gut überlegen. Bilden Sie sich nichts ein. Genauso gut könnte es sein, dass ich Sie unsympathisch finde und meine Überlegenheit herauskehren muss. Ich weiß, Sie finden mich überlegen, erkennen Sies einfach an. Nein, Sie können nicht anerkennen, Sie haben da ein Problem. Ich sehe es Ihnen an. Warum ich das sage? Kommen Sie, ich will Ihnen helfen. Helfen müssen Sie mich schon lassen. Jeder Mensch braucht einmal in seinem Leben Hilfe, auch zweimal, dreimal, im Grunde immer. Ich helfe Ihnen, wenn Sie mir verraten, woran es liegt. Kommen Sie schon, es wäre an der Zeit, sich auszusprechen, die Zeit habe ich eigentlich nicht, aber ich nehme sie mir. Man muss sich die Zeit nehmen, wussten Sie das? Gegeben wird einem da nichts.

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bereit sein   Nehmen ist seliger denn Geben, das habe ich bei den Nonnen gelernt, von nichts kommt nichts. Bei Gott, das ist mir jetzt so herausgeschlüpft, die religiöse Erziehung schlägt immer wieder durch, wenn man sie am wenigsten brauchen kann. Bitte um Vergebung, mea culpa, mea maxima culpa. Verzeihen Sie mir? Es wäre schön, wenn Sie mir verzeihen wollten, wir könnten gemeinsam eine neue Seite aufschlagen, das wäre wunderbar. Also sprechen Sie es aus, es hat keinen Zweck, sich etwas vorzumachen. Etwas ist falsch an Ihrem Getue, das sehe ich Ihnen an. Wir können auch die Lokalität wechseln, wenn Sie meinen, es läge daran, manchmal liegt es an Kleinigkeiten. In Ihrem Fall möchte ich mich nicht dafür verbürgen. Kenne ich Sie? Sollte ich Sie kennen? Mir scheint, ich sollte wissen, wie es in Ihnen zugeht. Sie sollten dort ein wenig aufräumen, mein Bester, ich sage nur: aufräumen! Ja, das meine ich ernst, ganz ernst, in solchen Dingen mache ich keine Scherze. Schmeißen Sie Ihren Frust auf die Straße, damit ihn ein anderer finden kann. Vielleicht ist für ihn etwas dabei und Sie haben beide einen Vorteil davon.

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bereit sein   Wo stehen wir jetzt? Wo stehen Sie jetzt? Ich weiß, wo ich stehe, glauben Sie mir, aber es ist erstaunlich, wie einsam manche Menschen sind, ich mache da gerade Erfahrungen. Nicht wie Sie denken! So brauchen Sie mir nicht kommen, auf dem Ohr bin ich taub. Denken Sie einmal nach. Nein, lassen Sie es, wir vergeuden hier meine Zeit und ich weiß nicht, wie ich sie wieder einholen soll. Ich bin auf dem Sprung, müssen Sie wissen. Wohin? Gute Frage, nächste Frage. Witz Witz, womit kann ich lachen? Ob mich die Zeit einholt oder ich sie, das läuft alles auf dasselbe heraus. Die Zeit ist ein unglaublich aggressiver Faktor. Woher ich das habe? Das habe ich ganz aus mir. Manchmal erschrecke ich, einfach so. Alles verändert sich, ich will mich verändern, aber dann kommt alles auf dasselbe heraus. Die Zeit stört mich nicht, sie hat mich nie gestört. Sollen die Menschen doch alt werden, wie sie wollen. Das gehört alles zum Kreislauf. Was mich angeht, so will ich vorankommen, das gebe ich zu. Sie halten mich dabei auf, das finde ich jetzt schon ein bisschen unfein.

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bereit sein   Was ist schlimm daran, wenn einer vorankommen will? Die Zeit ist da und alle sollten sich an ihr bedienen. Die Zeit ist für alle da. Das sollten Sie gerade wissen. Sie brauchen es nicht zugeben, ich sehe Ihrer Nasenspitze an, was Sie denken. Nicht so! Ich bin nicht billig. Vielleicht sind ja alle billig, aber das ist dann etwas anderes. Warum werfen Sie nicht Ihre Vorurteile über Bord? O ja, Sie haben Vorurteile. Machen Sie sich da nichts vor. Nein, ich bin nicht billig, ich mache mir nur meine Gedanken. In Gedanken sind wir alle gleich. Wussten Sie das? Es sind die Unterschiede, die uns zu schaffen machen, manche zerbrechen daran. Ich habe Menschen gesehen... Aber wem sage ich das. Diese Menschen sind kein Müll, sie imponieren mir, ehrlich gesagt, mehr als manche Fresse, die mich über dem Ladentisch anglotzt. Ich will meinen Schnitt und wem es nicht passt, der hat sich geschnitten. Als Frau hat man da heute Möglichkeiten, die Sie sich nicht einmal im Traum vorstellen können. Sie sind Jurist? Dann wissen Sie ja ein bisschen Bescheid und ich brauche Ihnen nichts vorzumachen, vielleicht doch, man kann nie wissen, wofür es gut ist.

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bereit sein   Übrigens bin ich keltischen Ursprungs. Warum ich das sage? Nur so, es fällt mir gerade ein. Fahren Sie nach Dresden, hören Sie? Gehen Sie ins Hotel Innside, im Innenhof, zwischen den Säulen sehen Sie ein Stück Bronze, das ist Rosmerta, schauen Sie sie an. Nein, nicht so, nicht jetzt, alles, was Sie jetzt tun, ist zwecklos, ich sollte mich darüber aufregen, aber ich kann es nicht, ich habe zu wenig geschlafen, kann man Schlaf nachholen? ›Rosmerta‹, komischer Name, mit einer Rose darin und ein wenig merda, mehr will ich gar nicht wissen. Wer kann schon Keltisch? Einmal in der Sonne stehen, dafür stürzt man sich gern in Schulden. Raten Sie mir. Soll ich sie abzahlen? Man sagt, wenn die Schuld groß genug ist, dann haften die Gläubiger... Ich bin kein gläubiger Mensch, aber das mit den Gläubigern glaube ich denen gern. Sie dürfen ruhig anders darüber denken, aber denken Sie schnell, ich habe nur wenig Zeit, eigentlich habe ich keine Zeit, ich müsste längst fort sein. Also halten Sie mich nicht auf.

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bereit sein

bewegt sein

gescheit sein

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bewegt sein  Sie kennen mich nicht, wussten Sie das? Ich meine, Sie werden nichts über mich in Erfahrung bringen, die Mühe können Sie sich ersparen. Gehen Sie ins Kino, das beruhigt die Nerven. Nein, ich habe nichts zu verbergen. Warum auch? Ich wüsste nicht, was ich Ihnen erzählen sollte. Vielleicht interessiert Sie meine Urlaubsplanung, aber davon gehe ich jetzt einmal nicht aus. Die Menschen sind nicht besonders aufregend, wissen Sie? Nein, Sie scheinen es noch nicht zu wissen, es scheint Ihnen entgangen zu sein, da kann man vermutlich nichts machen. Die Menschen, wissen Sie, wie soll ich es sagen, die Menschen haben einen Hang zum Theatralischen, der mir fremd ist. Schon das Wort wesensfremd spare ich an dieser Stelle aus. Ich würde es anstreichen, wenn einer meiner Schüler es ohne Absprache verwenden würde. Bin ich ein Wesen? Habe ich ein Wesen? Steckt irgendein Wesen in mir, das heraus möchte? Das müsste ich wissen. Nein, ich weiß es nicht und ich kann Ihnen nun einmal nichts anderes sagen als das, was ich weiß. Mich zum Beispiel interessiert meine Urlaubsplanung, ich werde sie Ihretwegen nicht ändern oder zurückstellen, soweit lasse ich es nicht kommen.

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bewegt sein  Ihre Welt ist eine Männerphantasie, wissen Sie, meine Welt ist anders. Sie steckt voller Möglichkeiten, man darf sie nur nicht verkommen lassen. Ich habe den Blick dafür, wenn Sie verstehen. Sie sagen, an dieser Welt sind Frauen und Männer in gleicher Weise beteiligt, es geht auch gar nicht anders und ich stimme Ihnen zu. Ich zum Beispiel hätte nichts dagegen, als Männerphantasie vorhanden zu sein. Jetzt ist es zu spät, irgendwie habe ich den Absprung verpasst. Vielleicht haben die Männerblicke, die ich auf mich gezogen habe, nicht dafür gereicht. Sich so etwas einzugestehen ist bitter. Ich persönlich empfinde das nicht sehr stark, ich sehe die Chancen, die sich aus meiner Lage ergeben, und setze sie um. Nein, verraten werde ich Ihnen davon nichts, das gehört nicht zu unserer Abmachung, daran werde ich mich halten. Nein, desinteressiert bin ich nicht, so kann man es nicht sagen. Natürlich überlege ich mir, ob ich in Ihr Projekt investieren soll, ob es überhaupt lohnt, schon das Zuhören kostet Kraft, ich hätte auch anderes zu tun, so ist es nicht. So ist es nicht.

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bewegt sein  Sind Frauen dümmer als Männer? Worin wohl? Wie krass ist das denn. Geschenkt. Mein Beruf bringt so Überlegungen mit sich, Hintergedanken, wenn Sie wollen, es könnte mich meinen Job kosten, wenn ich sie laut werden ließe, man darf sie nicht zulassen, ich kann mich beherrschen, also lasse ich sie nicht zu. Alles im Griff. Weibliche Intelligenz, was ist das denn? Eine Ausrede für mangelndes Selbstbewusstsein. Vielleicht gibt es sie, vielleicht nicht. Verfüge ich über weibliche Intelligenz? Das will ich doch hoffen, sicher bin ich mir nicht. Männliche Intelligenz ist messbar, ich will, dass man Intelligenz misst, ich will keine Frauen, die sich diesem Test verweigern. Ich will auch keine Frauen, die sich hinter ihrer Menstruation verstecken, ich gehe dagegen an, wo ich kann, auch wenn es mich meine Beliebtheit kostet. Nein, es ist nicht bequem, eine Frau zu sein, es soll auch nicht bequem sein, die bequemen Ecken schneide ich weg. Meinen Mittagsschlaf, gut, den nehme ich mir, es strengt tierisch an, aus weiblichem Material Menschen zu formen, übrigens nerven die Jungs auch mit ihrer ewigen Disziplinlosigkeit, die Hälfte davon gehört ins Heim, jedenfalls wenn es mit rechten Dingen zuginge. Die Hälfte der Eltern auch, wenn es nach mir ginge.

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bewegt sein  Wozu überhaupt Eltern? Eine ruinöse Spezies, die Frauen vor allem deformiert es von Grund auf. Salü, ja den kenne ich, das ist mein Mann, ich habe ihn gesehen, ich meine jetzt ohne Mattscheibe, schon das Fleischliche an ihm sagt mir zu. Das ist ein ganz lieber Mensch. Woher ich das weiß? Nein, das sagt mir nicht das Gefühl, das sagt mir meine Erfahrung. Mit so einem könnte man etwas anfangen. Ich meine das nicht persönlich, da halte ich mich ganz raus. Etwas anfangen, ja das will ich, das wollte ich immer, mit meinem Leben etwas anfangen, es nicht verstreichen lassen, wie die meisten es tun, obwohl man viele kennenlernt, die genau wissen, was sie im Leben vorhaben, so eine möchte ich sein. Bei mir muss alles geplant sein, wissen Sie, ich muss es durchrechnen können, damit ich weiß, woran ich bin. Meine Freundinnen verstehen das nicht, sie haben Schwierigkeiten damit, sagen sie, manchmal glaube ich, sie haben Schwierigkeiten mit mir, es liegt so ein Streifen zwischen uns, ich kann es nicht anders sagen, auf dem wächst nicht viel, der Blick geht frei hin und her, sie rühren sich mir zuliebe nicht aus den Sesseln. Dabei unternehme ich viel für sie.

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bewegt sein  Ich bin für sie da, sie aber nicht für mich: so könnte ich es sagen. So aber will ich es nicht sagen und deshalb sage ich: ohne sie wüsste ich nicht, wo ich stehe. Ja, ich weiß noch, wie ich meine erste Pille verschrieben bekam, es war so ein Gefühl, als wäre ich jetzt ein Mann, das hat mich nie mehr verlassen. Nein, das können Sie nicht verstehen.

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bereit sein

bewegt sein

gescheit sein

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gescheit sein  Ich sage nur: Basmati. Warum ich das sage, bleibt mein Geheimnis, mein elendes kleines Betriebsgeheimnis, wie mir mal einer meiner Verflos­senen sagte. Vielleicht aus Rache, wer weiß, ich kann es nicht sagen, ehrlich, ich kann es wirklich nicht sagen. Womit wir beim Thema wären. Was ist wirklich? Was wäre wirklich? Was wäre wirklich, wenn es eine Wirklichkeit gäbe? Sie verstehen, so eine mit Kopf und Herz und Hand drauf? Dieses ›Was-wäre-wenn‹-Spiel habe ich als Kind schon mit meinem Vater gespielt und ich habe immer gewonnen, okay, vielleicht hat er mich auch gewinnen lassen, ist das jetzt wichtig? Schenken Sie mir Ihren Mini und Sie haben gewonnen. Das genügt doch, oder? Ich meine, so ein Geschenk verändert die Welt von Grund auf. Ich verschenke gern. Ich lasse mich auch gern beschenken, das gibt mir ein Gefühl, unabhängig zu sein, wie keine Theorie der Welt das vermag. Ich habe mich immer für Theorien interessiert, aber Hand aufs Herz: Sie machen das hier doch nicht der Theorie wegen? Ich meine: seien Sie beruhigt, ich werde Ihnen alles herunterbeten können, mit Augenaufschlag und allem.

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gescheit sein  Regeln sind wichtig, schon deshalb, weil man sie ohne Regeln vermissen würde, und nichts hasse ich so sehr wie das Vermissen. Nein, ich will nichts vermissen, im Leben nicht und nicht in der Theorie, ich will es nicht und damit basta. Sprechen wir nicht über diesen Punkt. Sie sehen übrigens schick aus, haben Sie jemanden, der Ihnen das sagt? Männer bleiben in diesem Punkt oft vernachlässigt, sie beschweren sich kaum, aber man sieht es ihnen an. Ich gehe gern in die Blaue Lagune, ich betrachte die Menschen als Wunder, die zwei Beine abgerechnet, auch wenn sie vielleicht das größte sind, das ist kein Bekenntnis, sondern eine gut überlegte Feststellung. Auf mich können Sie übrigens zählen. Nein, die Wahrheitsfrage stelle ich nicht, werde ich nie stellen, so etwas gibt es nicht, kann es nicht geben, in diesem Punkt hat die Theorie sich endlich zu meinen Überzeugungen durchgerungen. Es fehlt ihr noch ein bisschen an Praxis, ich weiß, aber dafür sind wir ja jetzt da. Jedenfalls verstehe ich Ihr Projekt so. Ich habe mich intensiv damit befasst, die Leute reden immer um die Dinge herum, aber man muss sie anfassen, nicht immer, aber in einer guten Stunde, mögen Sie Rotwein?

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gescheit sein  Geraldine Annafer ist meine Lieblingsschriftstellerin, ich nenne sie immer Rosa Pinke, aber nur bei mir, ganz im Geheimen. Rosa hat mir etwas verraten, nichts Großes, nichts Wirkliches, nur so einen Zug, den man kennen muss, die Sache mit dem Los-sein, mehr verrate ich nicht. Es ist auch schwer zu beschreiben und ich, Sie kennen das schon, hasse das Schwere. Blicken Sie nicht so belustigt, vielmehr, blicken Sie weiter belustigt, mich belustigt, dass Sie belustigt sind, wir bräuchten jetzt einen Spiegel, um nachzusehen, wie wir uns beide belustigen. Ach R, es freut mich, wenn dieses Ding startet, am besten wollte ich beides leben, ein ganz normales Leben und das wilde, experimentelle, das Sie von mir erwarten. Erwarten Sie nicht zuviel! Man lebt nicht anderen Menschen zu Gefallen, ich jedenfalls habe das immer abgelehnt und werde auch für Sie keine Ausnahme machen. Was ist das schon, ein normales Leben? Gern wäre ich Existenzialistin geworden, leider habe ich noch in die Windeln geschissen, als es so weit war. Aber ich will mich nicht beschweren, die Zeit ist eine gute Zeit, man muss nur lernen, sich in ihr zu bewegen, sich richtig zu bewegen, die meisten Leute lehnen sich nur an und schon ist die Tür im Schloss. Plumpp.

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gescheit sein  Heute bewegen wir uns geschlechtergerecht, ich finde das gut, auch wenn ich nicht weiß, was daran gerecht sein soll, die Leute sollen sich ihre Gerechtigkeit in den Hintern schieben, das wäre doch zielführend, ein bisschen irreführend auch, aber das Irre ist am Ende noch das Gute daran, ich meine jetzt nicht das Irresein, aber das Irre am Sein finde ich überwältigend. Am irrsten von allem finde ich diese Körper-Sache: wer hat veranlasst, dass wir uns damit herumschlagen? Ich weiß, die Frage ist verboten, streichen wir sie aus dem Katalog der möglichen Fragen, auch der unmöglichen, auch wenn das un-möglich ist, aber auch die Frage selbst ist natürlich un-möglich, darum beschäftigt sie einen ja. Dieses Körper-Ding beschäftigt mich jedenfalls sehr, Sie wissen ja, drinnen und draußen sein und beides gleichzeitig, das gibt den Kick, ich will das jetzt nicht weiter ausführen. Also wenn Sie eine VP brauchen, ich bin die Frau fürs Experimentelle. Fürchten Sie nicht meine Nägel, fürchten Sie meinen Verstand. Glauben Sie nicht, als Frau verkleidet würden Sie mir entkommen.

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gescheit sein  Diese Männerphantasien sind zu leicht zu durchschauen, Sie ahnen ja nicht, wie folgsam Frauen in diesen Dingen sind. Mir solls recht sein, selbst wenn es mich manchmal stört, schließlich ist man eine Frau und fühlt so Verpflichtungen. Nein, eine Feministin bin ich nicht. Meine Freundinnen sind Feministinnen, wenn ich ihnen zuhöre, denke ich mir, das kann doch nicht wahr sein, und schlafe wieder ein. Sie sind gute Schlafmittel, meine Freundinnen, gute Gesinnungs-Schlafmittel, sie schlafen gleich mit, nur wenn es ans Verteilen geht, werden sie wach. Dafür liebe ich sie. Ich liebe Frauen, wussten Sie das nicht? Ich liebe auch Männer, aber das müssen Sie nicht wissen, das geht Sie nichts an.

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Herr und Frau Leckebusch
stellen sich dem Versuch

Der Projektleiter kommt seiner Pflicht zur Aufklärung nach

Herr und Frau Leckebusch stellen sich dem Versuch
1

LECKEBUSCH
Die elfte Feuerbach-These besagt: Sei kein Frosch.
Aber was dann? Was dann?

ELISABETH
Frosch bleibt Frosch.

LECKEBUSCH
Ist das so?

PROJEKTLEITER
Das Fu-Projekt entsteht im Bewusstsein.
Sie müssen dran glauben, sonst läuft nichts.

LECKEBUSCH
Ich glaube zu wissen.

PROJEKTLEITER
Die Kollegen-Formel.
Sie bringt uns näher an die Sache heran.

ELISABETH
Wir alle arbeiten an einer neuen Praxis.
Mal mehr, mal weniger.

LECKEBUSCH
Soso. Mal mehr, mal weniger.

PROJEKTLEITER
Recht hat sie. Schließlich sind wir keine Ideologen.
Wir wollen die Praxis verändern.

LECKEBUSCH
Ihr Herrn, die ihr bloß immer denkt und niemals kämpft

PROJEKTLEITER
Und nie begreift, dass nur der Kämpfer zählt

ELISABETH
Was ihr auch schreibt, ich glaube euch kein Wort.

LECKEBUSCH
Die elfte Feuerbach-These ist eine Zweckbehauptung.

ELISABETH
Die direkt in die Entmündigung führt. Das weiß ich längst.
Aber dieses Fu-Projekt ist irgendwo auch ein Stück Sozialismus.
Eine Art Bio=Sozialismus.
Jedenfalls habe ich es so verstanden.
Ich weiß nicht, wie die Projektleitung das jetzt sieht.

PROJEKTLEITER
Das Bewusstsein ist etwas Dynamisches.
Wir verändern die Praxis.
Durch die veränderte Praxis verändern wir das Bewusstsein.
Das wirkt auf die Praxis zurück.
Die neue Praxis ergibt sich aus dem veränderten Bewusstsein.
Bewusstseinsveränderung ist der Schlüssel zu allem.
Aber eigentlich ist sie unnötig, wenn wir Fu folgen.
Es genügt, eine Münze einzuwerfen, schon setzt sich der Apparat in Bewegung. Vielleicht sprengen wir auf diese Weise sogar die Bank. Unbedingt, sagt Fu, denn die Kette der Wirkungen liegt dann im Bewusstsein. Ein Erfolg reißt die anderen mit, der Schneeball-Effekt lässt sich nicht aufhalten. Ausprobiert wurde das nie, vielleicht hier und da auf einer Insel. Wir brauchen keine Ideologen zu sein, um den Versuch zu wagen. Wir erproben Fu im akademischen Reagenzglas und kommen damit dem Auftrag nach, den die Gesellschaft uns gibt. Wir erforschen Fu und erfahren so etwas über uns und die Veränderbarkeit der Bedingungen, unter denen wir leben.

ELISABETH
Aber wir verändern auch uns und damit unser Leben.
Ein klein wenig Scheu bleibt da schon.

LECKEBUSCH
Wir verändern uns von Sekunde zu Sekunde. Das ist gar nicht aufzuhalten. Es liegt übrigens nicht an den Genen, sondern am Bewusstsein. Wir legen uns aus=einander, das heißt, wir vermischen uns mit dem, was wir nicht sind. Wir denken anders über uns, sobald wir anderes gedacht haben.

PROJEKTLEITER
Erste Regel: Folge deinem Bewusstsein.
Zweite Regel: Misstraue deinem Bewusstsein.

LECKEBUSCH
Dritte Regel: Folge Fu!
Das wollen wir jetzt eine Weile tun, schon damit sich Elisabeth nicht so alleingelassen vorkommt.

ELISABETH
Du willst mich kontrollieren.
So läuft das nicht.

PROJEKTLEITER
Keine Angst.
Es wird alles aufgezeichnet.

ELISABETH
Was müssen wir tun?

PROJEKTLEITER
Lassen Sie sich Zeit.

 

Die Mitarbeiterin des Projekts überreicht die Fu-Spange

2

LECKEBUSCH
Was ist das?

ELISABETH
Ein Anhänger. Süß!

PROJEKTLEITER
Praktischen Schwierigkeiten beugt man am besten durch die Ausgabe von Plaketten vor.

LECKEBUSCH
Wo bringt man die an? Vielleicht am Hintern?

PROJEKTLEITER
Tun Sie, was Sie nicht lassen können.
Was sagt denn die elfte Feuerbach-These dazu?

LECKEBUSCH
Die elfte Feuerbachthese schweigt.

PROJEKTLEITER
Das wäre doch ein Erfolg.

LECKEBUSCH
Sie wollen Marx zum Schweigen bringen? Interessant.

PROJEKTLEITER
Ich spendiere ihm ein neues Milieu.

LECKEBUSCH
Sehr gewagt. Aber ich bin dabei. Wo soll das teure Stück denn jetzt hin?

PROJEKTLEITER
Manche würden sich die Backe dafür aufschlitzen oder mit gespaltener Zunge herumlaufen. Aber ich nehme doch an, Sie werden einen diskreteren Ort zu finden wissen.

ELISABETH
O ja. Wir werden diskret sein.

Einführung in die VeränderBar
Die Regeln · Test

Ça va? Erfahrungsseelenkunde
für Fu-Jünger: Erster Teil

Ça va? Erfahrungsseelenkunde für Fu-Jünger: Erster Teil
1

Hast du eine Affäre? Das wäre einmal, angesichts der bisherigen Praxis, etwas Neues. Das Boot, kaum betreten, hat sich vom Ufer gelöst und der Motor will nicht starten. Er will nicht, auch wenn der Bootsführer wütend auf alle Knöpfe drückt. Er will also und er will nicht, so etwas soll vorkommen, vermutlich ist es die Regel. Tronka würde sein Lachen verströmen, als besäße er den unversiegbaren Quell, brächte man das Thema vor ihm aufs Tapet. Kurs halten, immer Kurs halten. Diese nautischen Metaphern sind nicht zu verachten, man benützt sie wie Papiertaschentücher, soll heißen, man wirft sie fort, wenn sie ihren Zweck einmal erfüllt haben, was ihre Zahl nicht reduziert, eher erhöht. Diese halbe Außenansicht, die einer halben Innenansicht entspricht, eine Unzufriedenheit mit der Situation, die das Lachen der anderen einschließt, ein Lachen ohne menschliches Urteil, denn schließlich wissen sie nichts und ihr Lachen ist imaginiert, diese fröstelnde Hitze wird durch die Gegenwart der Person, die sie hervorruft, auf eine sonderbare Weise neutralisiert, so, als drücke jemand beim Hereinkommen auf den Fernsehknopf und hindere einen anschließend daran, die Sendung zu verfolgen. Wo waren wir stehen geblieben? Kann man stehen bleiben, wo man liebt? Dumme Frage, vergleichbar der anderen, ob man liebt, wenn man liebt. Tätigkeiten, bei denen eines sich aus dem anderen ergibt, eignen sich schlecht für Unterbrechungen. Sie bleiben liegen, aber eigentlich schwinden sie, sobald man ihnen den Rücken zukehrt, man kehrt nicht zu ihnen zurück, sondern sucht den Anfang, der schon verschwunden ist, man lässt sich treiben von einem Strom, der im Vergangenen fließt, aber stark genug ist, die Gegenwart mitzureißen. Eigentlich fließt er jetzt stärker als in der Vergangenheit, in der er doch Gegenwart war – verständlicherweise, denn in dieser Vergangenheit, die ganz Gegenwart zu sein behauptete, konnte man ihn verlassen, aussteigen, aus Verdruss, aus mangelnder Überzeugtheit, aus Trotz vielleicht und dem leise brennenden Gefühl der Scham, mit der falschen Person unter die Decke gekrochen zu sein, der Person, die jetzt offenbar doch die richtige ist, obwohl das Falsche der Konstellation andauert.

Ça va? Erfahrungsseelenkunde für Fu-Jünger: Erster Teil
2

SCHEMA

Phase (a) Die Situation ist richtig, aber die Person ist falsch.

Phase (b) Die Person ist richtig, aber die Situation ist falsch.

 

Phase (a) erlaubt es, die Situation aufzukündigen, Phase (b) schreibt sie unergründlich fest.

Ça va? Erfahrungsseelenkunde für Fu-Jünger: Erster Teil
3

Was z. B. heißt ›unergründlich‹? Heißt es, du findest keinen Grund? Aber Gründe, das Verhältnis aufzukündigen, finden sich zuhauf, das, was du Alltag nennst, besteht aus einer Ansammlung solcher Gründe, aus Gerümpel: schon verbraucht, bevor du sie denkst, im Mund dieses Wesens, von dem dich zu trennen du dir nicht erlaubst, lauter Ausgespieenes, das erneut in den Mund zu nehmen schlechterdings ausgeschlossen ist. So geht das nicht – Menetekel einer Beziehung, die ihr Ende nicht findet, obwohl sie aus nichts weiter besteht als aus der Suche nach ihm.

Wonach sucht die andere Seite? Schwer zu ergründen, ausgesprochen schwer zu ergründen, um nicht zu sagen unmöglich. Dass sie sucht, steht außer Frage, schließlich provoziert sie die Suche, aber so, dass sie zu keinem Ende kommt. Ja, das ist es: Sie blockiert das Ende. Warum? Will sie schneller sein? Will sie es sein, die ein Ende macht? Warum macht sie kein Ende? Offenkundig will sie genau das: in der Beziehung leben. In welcher? In dieser? Das kann nicht sein. Diese Beziehung wird gleichgültig, nein, sie wird nicht sein, sie wird niemals gewesen sein, sobald sie erst in einer anderen lebt. Nur der Weg dorthin ist blockiert. Nicht sie blockiert das Ende, sondern die Beziehung selbst, denn sie existiert.

Du bist real, das ist dein Fluch. Real nicht in alle Ewigkeit, das wäre ein wirklicher Fluch, sondern jetzt, hier und jetzt, heute, morgen, immerdar nach der Logik der Wiederholung, die darauf setzt, dass sich die Maschine verbraucht, dass sie irgendwann explodiert oder einfach stehen bleibt und entsorgt werden muss, damit das Leben weiter geht. Sie ist noch nicht abgeschrieben, also müssen beide Seiten mit ihr auskommen, sie muss mit ihr auskommen, wie sie sagt, wenn sie auch sagt, dass sie es nicht erträgt. Sie erträgt es nicht? Also gut: Lass uns Schluss machen. So einfach ist das nicht, sagt sie mit hoher Stirn und gefalteter Stimme, als lese sie aus dem Katechismus, doch die Regel, die sie zitiert, verdankt sich keiner Schrift, doch wer weiß, vielleicht jener unsichtbaren Tinte, mit der die Schülerin ihre Spickzettel schrieb und die sie noch immer benützt, auch wenn sie darüber lacht.

Wenn es aber keinen Grund gibt... wenn es aber keinen Grund gibt, die Beziehung weiter zu führen, warum dann dieser Wunsch, ein Ende zu finden? Warum die Suche? Ende der Suche, Ende der Beziehung: so etwa könnte das Szenario aussehen. Man muss mit der Suche Schluss machen, wenn sie das Gesuchte verstellt. Nur so kommt man an das Gesuchte.

Ça va? Erfahrungsseelenkunde für Fu-Jünger: Erster Teil
4

Das hieße: die Beziehung als Affäre behandeln. Aber du hast keine Affäre, du lebst in einer Beziehung. Du bist dir des Unterschiedes vage bewusst, vielleicht nicht bloß vage, vielleicht nicht bloß bewusst, vielleicht lebst du den Unterschied, denn du lebst die Beziehung nicht, eher lebt sie dich und du lebst in jenen Zwischenzeiten, die sie dir übriglässt, jedenfalls lebst du dann auf. Das ist insofern bemerkenswert, als du Wert auf diese Beziehung legst. Du wärest bereit, sie zu verteidigen, gegen wen auch immer. Du kennst die gekräuselte Stirn, vor allem der Frauen, die sich kein X für ein U vormachen lassen und in dir den Gefangenen sehen, jedenfalls fühlst du dich als Gefangener in solchen Momenten, die sprachlos vorübergehen, abflauen wie Gewitter, wie... wie... ja wie denn? Nein, sie flauen nicht ab, nur dir wird flau, deshalb wendest du dich rasch und gern anderen Themen zu. Du liest, was du treibst, am Blick der Gesprächspartnerin ab: ah, jetzt fühlst du dich wieder sicher, du willst nicht verstanden werden, das soll einer verstehen. In einer Beziehung hat keiner frei und wenn doch, so immer der andere, der wägt und wägt und täglich die Grenze neu festlegt, jenseits derer es ihm zu schwer wird oder zu einfach oder zu anstrengend oder zu dumm oder zu prekär oder zu intensiv, obwohl es ihm jetzt schon zu schwer, zu einfach, zu anstrengend, zu dumm, zu prekär und zu intensiv ist, jedenfalls redet er so, diese Liebe besitzt ein loses Maul, man sollte es ihr stopfen, um Unheil zu verhüten. Das ist nicht so einfach.

Ça va? Erfahrungsseelenkunde für Fu-Jünger: Erster Teil
5

Eine Beziehung ist keine Affäre. Sie ist auch kein Verhältnis, kein Techtelmechtel, bewahre, kein Liebesbund und erst recht keine Symbiose, vor der die himmlischen Kräfte der Fu-Polizei jeden bewahren mögen, der seiner Sinne mächtig und im Vollbesitz seiner Geschlechtsteile ist. Was also wäre eine Beziehung? Ein Fragezeichen zwischen den Geschlechtern?

Ça va? Erfahrungsseelenkunde für Fu-Jünger: Erster Teil
6

Die Sprache ist unerbittlich: man unterhält eine Beziehung, daran ist nichts exklusiv außer dem stetigen Strom an Aufmerksamkeiten, mit dem man sie unterhält. Das kann unterhaltsam sein, aber in Maßen, es kann sogar aufregend sein, aber in Maßen, es kann auch schleppend, lose oder verhalten zugehen, das ändert an der Tatsache der Beziehung nichts, nur an der Intensität oder am Ertrag. Eine ertragreiche Beziehung: an dieser Wendung versuchst du dich ohne Ertrag. Kann man die Beziehungen zwischen den Geschlechtern ertragreich nennen? Tragen sie etwas ein? Wenn ja, was? Unterhalten die Geschlechter Beziehungen zueinander? Oder untereinander? Oder miteinander? Das Wort ›Unterhalt‹, eine lästige Fliege, schwirrt durch den Raum. Sollte am Ende das gemeint sein? Reduziert die Beziehung das Verhältnis der Geschlechtspartner mit einer gewissen, nicht zu leugnenden Konsequenz irgendwann auf den Unterhalt? Wofür? Ist die unterhaltene Beziehung ein Pfand auf den Unterhalt, in dem sie die Dauer gewinnt, die ihr ansonsten fehlt? Wenn ja, dann läge die Antwort auf die Frage, die sie aufwirft, im Aufschub, den sie gewährt. Du bist kein Jurist, so gestellt ist dir die Frage zuwider. So weit sind wir noch nicht. Wie aufregend gestaltet sich eine Beziehung? Die Antwort liegt auf der Hand: nach Maßgabe der Gestaltung, also nach der Form des Bezugs. Auch Größe, Farbe, Konsistenz, Passgenauigkeit spielen offenbar eine Rolle, sie spielen, sieh an, eine Rolle, sie verwandeln sich in lebendige Wesen, von denen es urplötzlich wimmelt, an Stellen, an denen du dich gerade noch ruhig und, sprechen wir es aus, ein wenig geborgen fühltest. Nein, ›geborgen‹ ist nicht das richtige Wort, auch ›angekommen‹ scheint den Sinn zu verfehlen, den du gern hineinstecktest. Als Sparbüchse, immerhin, ist es vor der Hand gut zu gebrauchen. Wo angekommen? Beziehung heißt Angekommensein. Man ist noch erschöpft von der Reise, man weiß nicht, was einen erwartet, man hat keine Ahnung davon, dass hier der Teufel los ist, man wusste bis soeben nicht einmal, dass man unterwegs war, eher sehnte man sich nach Aufbrüchen, ›unterschwellig‹, wie sonst, nun also die Ankunft, und sie gestaltet sich: schwierig.

Nein, definitiv: man unterhält keine Beziehung. Das ist ihr verschwiegener Punkt.

Maler Mompti erscheint überraschend
mit seiner Geliebten und streut Beliebiges

 

Kurzes Zwiegespräch mit der Aura

1

PROJEKTLEITER
Was erwarten Sie sich?

Momptis Gesicht quert ein gewinnendes Grinsen, stockt auf halbem Weg und macht einer skeptischen Variante Platz.

Specht mit wunderlichen Augenringen, als zöge er sie vor dem Schlafengehen aus und legte sie in die Schublade.

Sehschlitze, die sich unvermutet öffnen und ein Augenpaar zwischen Fels und Brandung freigeben.

Die Geliebte mit hellem Teint und pechschwarzem Haar.
Kurz angebunden.
Neigt zur Fülle.

MOMPTI
Alles, wohin die Neigung geht.

ANNA AMALIA
Soso.
Und wenn sie – Handbewegung – seitwärts gehe?

MOMPTI
Was ist seitwärts?

Erneute Handbewegung.

2

MOMPTI
setzt einen Punkt. Alles sei eine Frage der Zeit.
Seine zum Beispiel – er hält er kurz inne, als handle es sich um ein hinterhertrippelndes Hündchen, dem er Zeit zum Nachkommen einräumen müsse – sei keineswegs unbegrenzt.
Er habe noch einen Auftrag auf dem Zeichentisch liegen.
Sie könnten das hier auch auf einen Zeitpunkt verschieben, der beiden Seiten besser in den Kram passe.
Er wolle niemandem in sein Zeitregiment pfuschen, am wenigsten R, den er noch gar nicht kenne, dergleichen liege ihm völlig fern.
Im übrigen habe er unbegrenzt Zeit. Soweit Zeit unbegrenzt sei.
Es gebe Menschen, die keine Zeit hätten, er kenne so einen Vogel, er kenne auch seine Routen in der Dämmerung, er kenne sie gut, den Rest könne man sich denken.
Doch egal, wo einer seine Zeit lasse, er plädiere immer dafür, sich Zeit zu lassen, gerade in wichtigen Dingen, und niemandem (niemandem!) seine Zeit zu stehlen.

PROJEKTLEITER
wittert die Chance. Keinesfalls ist er bereit, ihn gehen zu lassen.
Zeit spiele keine Rolle. Überhaupt finde er, sie werde überbewertet.
Es gebe keine verlorene Zeit.
Zeit sei Zeit, immer und überall.

MOMPTI
zieht seine Künstler-Fresse. Was R verliere?
Er habe mit dem Besuch doch ohnehin nicht gerechnet, da könne er ihn auch gehen lassen, wie er gekommen sei.
Vielleicht sei er nur gekommen, weil die Schwester gequengelt habe.
Nun sei er dagewesen und könne auch wieder gehen.

PROJEKTLEITER
Das ist ein Menschenrecht.

3

PROJEKTLEITER
wendet sich an die Geliebte.
Mäßig amüsiert, spitze Lippchen, Spottdrossel.
Verhältnismäßig verhangen.

ANNA AMALIA
Ob er auch mit im Projekt sei.

PROJEKTLEITER
Wie meinen Sie das?

ANNA AMALIA
Das sei doch leicht zu verstehen. Ob er auch mitmache.

PROJEKTLEITER
Ich verstehe nicht ganz.

ANNA AMALIA
Privat?
Ob er seine Beziehung privat und beruflich führe.
Und ob sich das trennen lasse.
Und: was seine Partnerin dazu sage.

PROJEKTLEITER
Das sei schon etwas anderes.
Das hier sei Wissenschaft.
Aber sie habe schon Recht.

ANNA AMALIA
Da wolle sie doch wissen, worin sie Recht habe.

PROJEKTLEITER
Auch darin habe sie Recht.

ANNA AMALIA
Da wolle sie doch wissen, worin sie Unrecht habe.

PROJEKTLEITER
Das ... herauszufinden überlasse ich Ihnen.

ANNA AMALIA
Und wenn ich es Ihnen überlasse?

PROJEKTLEITER
Dann haben wir eine Situation.

ANNA AMALIA
Also haben wir eine Situation?

PROJEKTLEITER
Das müssten wir jetzt herausfinden.

Hart und klar tritt das Urteil über ihn in ihr Auge.
Änderung ausgeschlossen.

MOMPTI
hat das Formular ausgefüllt und setzt seine Unterschrift, eine Zeichnung en miniature, mit Schattierungen, Unter- und Hintergründen, Schwingungen, die einen Betrachter lange zu bannen vermögen, sobald er sich auf sie einlässt.

ANNA AMALIA
Wählt lange, bis sie die passende Stelle gefunden hat, und füllt
sie zögernd aus.

Unterdrück das!

 

R = Un›R‹uhe

Unterdrück das!
 

Du verstehst’s nicht. Versuchst zu ergrübeln, welche Abzweigung du verpasst hast, und findest keine. Der Weg war gerade, glatt, auf beiden Seiten beplankt: keine Chance, dem zu entkommen.

Wolltest du das: ihm entkommen? Irgendwie schon. Ja, das wolltest du: ihm entkommen. Wie im Traum: der Verfolger ist hinter dir und du bist außerstande, einen Haken zu schlagen.

Was heißt das: außerstande? Was setzt dich außer Stand? Wozu wärest du imstande, wärest du es? »Darüber musst du grübeln.« Wer sagt das? Was sagt das? Wem sagt sich das? Zu welchem Ende sagt sich das? Und schließlich: Was sagt dir das? Zweifellos wärest du imstande – zu was auch immer. Nur: dieses Imstandsein passt nicht zu dir. Es kommt und geht, eine Situation wie diese zerrt es herbei, als seiest du zwingend angewiesen auf seine verborgenen Schätze. Doch es enthüllt sich nicht und geht, wie es gekommen ist: spurlos.

Diese Frau ›hat verstanden‹. Was sie verstanden hat, davon weißt du nichts, außer: nichts Gutes. Negative Verheißung: so kannst du es nennen. Sie macht dich beklommen, denn du weißt nicht, wozu sie fähig sein wird. Wer? Die Verheißung. Die Frau, einen Schritt hinter der Verheißung, bleibt verhüllt.

Du versteht. In Zukunft heißt es: sie oder du.

Ihr Adlerauge überfliegt den Vertrag. Immer aufs Neue.

In schwindelnder Höhe. Gleichgültig. Absolut gleichgültig. Absolut.

Wo, zwischen den dicken Brauen, nistet die Story?

Iris, Projekttante, denkt gern laut

 

Sie weiß, was sie sieht

Iris, Projekttante, denkt gern laut
 

Like a rolling what?

 

habemus amam

Like a rolling what?
1

Dossier

Sexuell geschäftsfähig geworden ist Anna Amalia Selbtritt, genannt Ama, in den sechziger Jahren ihres Jahrhunderts – relativ unspektakulär, würde Iris erklären, die selbst bis zum Hals in hardcore-Erinnerungen steckt, vor denen die ländliche Initiationspraxis des sanft von der Flurbereinigung modellierten Hügellands jenseits der Peripherie bis zur Unkenntlichkeit verblasst. ›Stark medial geprägt‹: so der Fachausdruck, mit dem Amas Gedächtnis zu bedenken wäre. Leicht zu erläutern übrigens, noch heute beginnt sie unwillkürlich die alten Titel zu summen, sobald ihre Erinnerung diese Dinge streift, mehr kollektiv und im Ganzen als en detail, einen Satz tönender und schwimmender Bilder, wechselweise einander aufrufend und durchdringend, in der Durchdringung sich gegenseitig blockierend, zerfasernd, auflösend, auseinanderdriftend in einem sehr grenzenlosen, sehr persönlichen Ozean aus Körper­kontakt­gefühl, Mick Jagger et al. und ... leichtem Zahnschmerz.

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2

Zahnschmerz?

Ja, Zahnschmerz. Ein leiser, kaum spürbarer, aber notorisch anwesender Zahnschmerz begleitet ihre bescheidenen Eskapaden, bis, deutlich zu jung für einen so weitreichenden Entschluss, aber getrieben von einem unerklärlichen Wunsch nach klaren Verhältnissen, sie ihre erste Ehe eingeht. Dort verliert er sich unbemerkt, so wie sich die Erinnerungen an diese Ehe seither im Zeitschlund verloren haben – kein Sound, kein Zahnschmerz, keine Erinnerung. Neuerdings schmerzt er wieder, der Zahn, aus eigenen, hier nicht zu erörternden Gründen. Es weiß auch keiner.

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3

Genau sein heißt: konstatieren, was angesagt ist.

Was an einem so flächigen Wesen wie Ama ist genau? Es geht alles durch sie hindurch. Alles?
Da wäre, fürs erste, das All: abgehakt. Aber es gibt auch anderes.
Politik zum Beispiel, von der man annehmen könnte, sie pralle an ihr ab, findet an ihr keinen Widerstand. Sie geht also durch sie hindurch. Nicht durch speziell dafür vorgesehene Kanäle, sondern mitten durch ihre Person, durch diese Unzahl von Kapillaren, deren stumme Schleusertätigkeit pausenlos das Bild eines Menschen entstehen lässt, der im Leben steht, und zwar mittendrin, etwas anderes käme auch gar nicht in Betracht.
Das Leben selbst, als Gefühl – oder doch besser: Empfindung –, ist ozeanisch, jemand verliert sich darin oder positioniert sich, am besten als Mitte, aber es gibt auch andere Kombinationen. Die Politik, gerade sie, ist geeignet, den Zwang, sich im Mittelpunkt anzusiedeln, zu dämpfen, zu modifizieren und in Verhältnisse zu überführen, die auch für andere Menschen erträglich werden, jedenfalls dann, wenn sie nicht bloß dem unverhüllten persönlichen Ehrgeiz einen Entfaltungsbereich zur Verfügung stellt.
Ama empfindet keinen politischen Ehrgeiz, der Gedanke daran, sich parteipolitisch zu engagieren oder auch nur festzulegen, kommt nirgends an sie heran. In dem Fluidum, das sie als ihr Leben bezeichnen würde, wirkt er genausowenig real wie das Bedürfnis, ›diese Dinge‹ für sich klarzustellen und zum Beispiel Parteiprogramme zu ›studieren‹, wie diese Tätigkeit vielsagend heißt.
Für die Masse der Mitbürger bedeutet leben: keine Parteiprogramme studieren. So gesehen ist Ama Masse, ein winziger Teil der Herde, die sich in Bewegung setzt, wenn in der Ferne ein Hund bellt und sich weit genug vom Gitter entfernt hält, um das Gefühl persönlicher Ungebundenheit genießen zu können.
Glücklicherweise wurde der Begriff der Politik in ihrer Jugend einer gründlichen Revision unterworfen, er bezeichnet jetzt, um es leicht kantisch-verschroben auszudrücken, ›ein Menschheitsgefühl, das jederzeit eine erwachsene Handlung begleiten können muss, wie kindisch sie auch sei.‹ Welch ein Gefühl das sei und woher es kommen mag, darüber streiten sich die Gesinnungsfraktionen und Ama nimmt sich das Recht heraus, in diesen ideologischen Faustkämpfen, sobald sie in ihrer Nahumgebung ausgetragen werden, keine klare Stellung zu beziehen, sondern aus der Position einer gefühlten und leicht beunruhigten Überlegenheit heraus verbale Blitze zu schleudern und ansonsten zu schweigen.

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4

Schweigen und Reden liegen bei Ama dicht beieinander.

Immer ist eins im anderen anwesend: im Schweigen wirkt sie beredt, im Reden schweigsam, gelegentlich geradezu stumm. Nicht dass sie den Eindruck erzeugte, sie halte Informationen zurück oder neige generell zur Verschwiegenheit – ganz im Gegenteil, sie besitzt keine Sperre, heikle Dinge zur Unzeit auszuplaudern, und genießt es, wenngleich in kleinen Portionen, ihr Gegenüber bloß­zu­stellen –, eher könnte ein Gesprächspartner annehmen, der Sprecherin fehlten die entscheidenden Informationen, die ihre Rede erst komplett machen würden.
Nein, sie rundet sich nicht, diese Rede. Stets wirkt sie, als werde sie geschickt, mit einer Spur ostentativer Hilflosigkeit, um eine abwesende Rede herumgeführt, an die sie sich in entscheidenden Punkten anlehnt, während vieles einfach in der Luft hängen bleibt, sei es auf Grund der inneren Trägheit der Wörter und Satzkonstruktionen, sei es, weil Ama die dramatischen Verkürzungen liebt, die dem Schweigen entgegeneilen, als böte es irgendeinen Halt, den die schnöde Welt der Sprache Wesen wie ihr verweigert.
Ersichtlich ist dieses Schweigen das Pfund, mit dem sie wuchert, in ihm wirkt sie ungeheuer konzentriert, überlebensgroß, um es genau zu sagen – nicht groß genug, um das Gespräch zu sprengen, aber hinreichend groß, um den Gesprächspartnern die Lieferantenrolle anzuweisen, als sei es jetzt und immerdar ihre Aufgabe, die richtigen Worte zu finden, um einen drohenden Kollaps zu vermeiden, der nach Lage der Dinge nur der eigene sein kann. ›Wesen wie ihr‹ kann der Verlust des Gesprächsfadens nichts anhaben, weil es ihnen nicht einfällt, sich nach ihm zu bücken, sei es aus Rückenschmerzen oder eingeborener Trägheit, dafür haben sie ihre Lakaien.
So ist es möglich, dass sie ein angeregtes Gespräch irgendwann mit der Bemerkung »Worüber reden wir eigentlich?« oder »Warum sitzen wir hier eigentlich zusammen?« unterbricht, ohne dass sie eine konzise Antwort darauf erwartet oder auch nur zulässt – es ist ihr ›einfach zuviel‹ geworden und es verlangt sie nach Luft, nicht nach irgendwelcher, sondern der, die sie den anderen in so einem Augenblick nimmt. Kurz und gut: Ama ist anstrengend und will es sein.
Wie alles ist auch das eine Frage der Dosierung. In ihrem Fall – dem Fall einer nicht unattraktiven, früh zur Fülle neigenden, unentwegt zwischen Mädchenhaftigkeit und Härte changie­renden Frau – wurde daraus eine Überlebensfrage, mit dem Ergebnis, dass man sie immer und überall, gleichgültig, worum es gerade geht, mit der Mühsal des Dosierens befasst sieht.

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5

Wie viele Liebhaber braucht jemand wie Ama, um zur Frau zu werden?

Die Frage, so gestellt, erheischt eine Antwort auf der Zahlenskala von eins bis hundert oder ein bedächtiges ›Es kommt darauf an‹.
Worauf es ankommt, das ist – zunächst – eine Definitionsfrage: Was ist eine Frau?
In ihrer magischen Phase besaß Ama darauf eine klare Antwort: Eine Frau ist, wer einen Mann, Kinder, Kühe und eine Nachbarin besitzt und sich morgens schminkt. Das war zwar der ländlichen Umgebung geschuldet, in der sie aufwuchs, erfuhr aber eine nicht unerhebliche Beglaubigung durch das erste Schulbuch, das man ihr in die Hand gab, Fibel genannt, in dem sie zu ihrer großen Freude die vertraute Welt in schwarzweiß verfremdeten Bildern wiederentdecken konnte.
Allerdings wurde diese allzu ruhige Definition bald durch eine andere überlagert, die da lautete: Frau ist, wer sündige Gedanken in Bezug auf das andere Geschlecht hegt.
Dabei schwang, anfangs unausgesprochen, die Erwartung mit, dass einen das andere Geschlecht nicht im Stich ließ und seinerseits sündige Gedanken auf das eigene richtete. Folgerichtig erwuchs daraus der Wunsch, die Richtung der zunächst eher vermuteten sündhaften Gedanken des anderen Geschlechts sachte zu manipulieren und schlussendlich mit kindlicher Vehemenz die Bestimmung von Grad und Ziel selbst in die Hand zu nehmen.
Auf dem Land zählt der Besitz. Was noch? Also gut, der Besitz.
Eine hochgepackte Ladefläche ist einer praktisch leeren, auf der nur ein paar lose Strohbüschel durcheinanderrutschen, unbedingt vorzuziehen. Das ergibt eine Verschiebung der Definitionsfrage: Eine richtige Frau ist, wer die Besitzfrage jederzeit zu seiner Zufriedenheit zu regeln vermag.
Zünglein an der Waage zu sein, nicht mit dem Feuer zu spielen, sondern es dort anzuzünden und zu unterhalten, wo es hingehört, und dafür soviel Brennmaterial einzusetzen, wie es den Gesetzen der Ökonomie und des Wohlstands entspricht – darin liegt eine nicht unwesentliche Präzisierung der Ausgangsfrage und zugleich der Schlüssel zu ihrer Auflösung.
Ama jedenfalls...
Doch was liegt an Ama? Wenig oder fast nichts.
Während sich ihr Lebensprogramm praktisch auszuformulieren beginnt, gehen weit mächtigere Instanzen daran, die Besitzfrage neu zu regeln und jene Ausgangsfrage mit einem Sinn nachzurüsten, der jedenfalls nicht auf dem dörflichen Mist gewachsen war, dessen Duft, zutiefst unbewusst, den Schlüssel zu Amas wirklicher Glückseligkeit enthält.

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6

Was Ama log

Wenn alle wenig oder fast nichts gelten, weil immer eine praktisch unendlich überlegene Instanz die Hand im Spiel hat, dann hat der Liberalismus, also die Überzeugung, dass letztlich alles dem Glücksbegehren des Einzelnen zu Willen sein soll, ein Problem. Denn auch er ist eine Instanz, gehört also zu den Mächtigen, mit denen man sich aus keinem anderen Grund arrangieren muss als dem, dass sie da sind. Wie alle Ismen in der liberalen Gesellschaft gibt es ihn doppelt: als Ideologie und als Partei. Seine Besonderheit besteht darin, dass die Ideologie in der Gesellschaft das Sagen hat, die Partei hingegen, verglichen mit ihren Konkurrentinnen, im Daumesdick-Format antritt, obwohl ihr nach jeder Wahl, kraft einer Macht-Arithmetik, die vielen nicht einleuchten will, immer wieder, als müsse beim nächsten Mal endlich Schluss sein, die Regierungsbeteiligung gelingt. Damit gehört er zum Kreis jener kleingroßen Mächte, zu denen sich das Land selbst zählt: wirtschaftlich ein Riese, politisch ein Zwerg. Es ist das Motto, nach dem auch die Großparteien ihre jeweilige Klientel im Lande verwalten – eher ein wenig rechts die eine, eher ein wenig links die andere, beide in gesicherter Tuchfühlung mit den ökonomischen Notwendigkeiten, sprich: Kapital und Gewerkschaften, ideologisch eher blass, zwergenhaft also, verglichen mit dem Riesenformat der Ideologie der Vergesellschaftung, in deren Zeichen die Revolte ihren Sturmlauf beginnt. Kein Wunder also, dass die demoskopischen Zwerge, die Partei der Porschefahrer und die außerparlamentarische Nicht-Partei derer, die ihre Kinder sein könnten und in der Regel auch sind, sich gegenseitig als Hauptgegner im ideologischen Gemetzel markieren, aus dem sie beide letztendlich als durchgestrichene Sieger hervorgehen. Die ökonomische Freiheit des Einzelnen, das findet auch Ama, muss energisch beschnitten werden, seine sexuelle Freiheit hingegen gilt unumschränkt, denn aus ihr wird, auf welchen Wegen und in welcher Form auch immer, die neue Gesellschaft hervortreten, strahlend, klar, frei, solidarisch und zu erschwinglichen Preisen wie der Kurztrip nach Ibiza, auf dem sie den Mann kennenlernt, den sie anschließend heiratet und, nach näherer Vertrautheit mit den Alltags-Folgen sexueller Umtriebigkeit auf Seiten des Partners, wieder verlässt. Freiheit gegen Freiheit, Freiheit der Wahl und Abwahl des Partners je nach Bedürfnislage gegen die halbierte Freiheit der Ehe: mit dieser Doppelparole räumt sie streitbar das ländliche Terrain und beginnt ihr Kunststudium.

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7

Das alles ist schon ein wenig her, es ist ein wenig von gestern, aber dieses Gestern liegt hinter Ama, als wäre es von heute oder als wäre das Heute ein Gestern, an dem jemand den Ausgang anzubringen versäumt hätte.
Heute ist Ama, was zu werden sie nicht verfehlen konnte: eine Frau mit einer Botschaft, die niemand zu enträtseln versteht, am wenigstens Mompti, der Mann an ihrer Seite, der notorische Seitenwechsler, dessen Lebenskonstante der Druck ist.
Druck kann sie ihm bieten: nicht zu knapp, eher ausufernd, bislang zusammengehalten durch den gemeinsamen Wunsch, eine Nicht-Ehe zu führen, eine Beziehung, aus der jeder an einem beliebigen Tag aufstehen und fortgehen kann, weil er sich anders entschieden hat, ohne dem Partner oder einer dritten Partei darüber Rechenschaft abzulegen – die klassische Künstler-Beziehung also, eingegangen, um just die Saite schwingen zu lassen, die durch die einmalige Begegnung mit dem anderen angerührt wurde.
Das Problem bei alledem besteht darin, dass es keine klassische Künstlerbeziehung mehr gibt.
Die Spießerseelen, zu denen sie eine wohlige Distanz schafft und schaffen soll, da der kreative Mensch eine solche Distanz benötigt, um Werke schaffen zu können, nach denen der Rest der Menschheit sich umdrehen muss, um sie überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, die vielen kleinen Spießerseelen sind zur selben Zeit dieselben Wege wie Ama gegangen, gestolpert, gerannt, sie haben dieselben Wünsche und Erfahrungen akkumuliert und sitzen bereits im selben Haus, als Ama die halb angelehnte Tür aufdrückt und die ersten Schritte ins Halbdunkel wagt, das so gut mit den Bedürfnissen eines Zeichenstiftes harmoniert.
Ama, die aufbrach, um Eine zu sein, muss lernen, dass, angekommen, sie nur eine von Vielen ist – nicht etwa Angehörige einer erlesenen Schar, sondern ein belangloser Teil dessen, was selbst noch im Gleichschritt geschulte Soziologen hier und da ›Jahrgangskohorte‹ zu nennen beginnen: eine sinnfällige Vokabel, die grell den Umstand beleuchtet, dass es mit den Zeiten, in denen man sich von der Kohorte absetzen konnte, indem man in die nächstgrößere Stadt zog oder ein bestimmtes Studium absolvierte oder sein Sexualverhalten zweckmäßig umstellte, vorerst vorbei ist.
Wie zum Hohn auf die eigene Zunft tönt dazu die sanfte, den Minutenruhm für jeden verlangende Stimme des schrillen Andy über den Atlantik... »Jeder ist Künstler.«
Ist das wahr? Ist das wirklich so?
Es hat den Geschmack der Pro-domo-Rede und stürzt Ama, deren Künstlertum keineswegs in sich gefestigt ist, in ein furchtbares Loch: während es ihr die Bestätigung liefert, wahrhaft angekommen zu sein, liefert es den Grund zu neuen, nagenden Selbstzweifeln. Das kann es nicht gewesen sein, um dessentwillen sie aufgebrochen ist.

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8

Stichwort: Kampf

Ein Mensch, der unverhüllt, praktisch 1 : 1, in seinem Lebensprogramm umsetzt, was als ›politisch‹ angesagt ist, kann entweder als Avantgardist oder als dumm betrachtet werden.
Aber so einfach liegen die Dinge nicht.
Ama war, was immer in ihrem Leben geschah, nur eine von vielen, deren Aufbruch aus ländlichen Regionen sich nach immer gleichem Muster vollzog, wobei selbst der tiefliegende Unterschied zwischen einer katholischen und einer protestantischen Erziehung und den sich daraus ergebenden Dispositionen im Effekt gegen Null tendierte.
Wundersamerweise befand sich Ama, was immer ihr, stets untermalt von passenden Songs, die rein zufällig zur gleichen Zeit die Hitlisten eroberten, an den verschiedenen Fronten ihres intimen struggle for life widerfuhr, in Übereinstimmung mit der offiziellen Politik ihres Landes, die, anfänglich zögernd, dann von Vorlage zu Vorlage entschiedener zu Werke gehend, in engem Erfahrungsverbund mit dem experimentierenden Teil der Bevölkerung die gesetzlichen Grundlagen schuf, auf denen Amas kommendes Leben und die Leben der Kommenden dahingleiten sollten.
Diese Art von nachholender staatlicher Sorge, wie sie im Normalfall nur der Wirtschaft und den Rentnern zuteil wird, hat in den Gemütern ihrer Altersgruppe tiefe Spuren hinterlassen. Aus privaten Träumen auffahrend kommt es Ama vor, als liege ein Jahrzehnt harten politischen Kampfes hinter ihr, den auszufechten sich, alles in allem, gelohnt habe, während in den wirklichen Kämpfen, Frau gegen Mann und Mann gegen Frau, die sogenannte Rechtslage, soweit ihr Hinweise in der Sache – etwa zur obstinaten Schuldfrage im Scheidungsfall – zu entnehmen waren, kaum eine Rolle spielte, da sie ohnehin dem Bullenstaat zugeschlagen wurde.
Seine Dienste in Anspruch zu nehmen konnte sich für eine zugegeben kurze Spanne nur leisten, wer politisch und menschlich partout nicht in Betracht kommen wollte.

Ein Liebespatient

 

first things first

Ein Liebespatient
1

Gehört Tronka in die Klasse der Liebespatienten?

Auf gar keinen Fall, sagt das Selbstbewusstsein. Es schüttelt sich bei diesem Gedanken, als könne davon ein Stäubchen haften bleiben und ihn verraten. An wen? An was? In welcher Sache? Schwer zu erraten, von der Hand zu weisen noch schwerer, gerade von ihr, die hier im Spiel ist und den Verräter mimt. Kaum möglich, nicht affiziert zu sein, sobald sie sich einer Sache annimmt.
Das Gleiten beschäftigt ihn, er kommt sich gefangen vor, die Gedanken umkreisen das Krankenlager, das sich in ihrer Mitte aufgeschlagen hat, sie wittern, die Unruhe hat sie erfasst, sie gibt den Takt vor, den Takt –. Sie ducken sich im Bann eines Willens, der, stärker als sie, dort sein Lager bezogen hat und offenbar nichts will als weiterkommen, ein schwacher Wille also, vielleicht eine Willens­schwäche, ein tentatives Arztsein, das diese Sache voranbringen möchte, zum Abschluss, den er verweigert, indem er ihn hinausschiebt.
Er ist nicht so weit, sie gibt ihm Zeit, sie drängt nicht, sie ... ist bereits in der nächsten Phase, umgewendet gleichsam, wenn sie ihn ansieht, eine Skiläuferin, die den Hang schon genommen hat und ihr ›Ist nicht so schlimm‹ in den Vormittagshimmel haucht. Eine Partnerin, ohne Zweifel. Der Anblick ihrer Brüste macht ihn beklommen, er trägt ihn mit sich herum, ein verschütteter Blitz, eine Offenbarung, die fordert: Verlass mich, geh fort, geh irgendwohin, denn ich bin es nicht, ich-bin-es-nicht. Wer-ist-es-nicht?
Sucht er den Gral? Ist der Gral eine Brust? Natürlich nicht, hört er sich lachen, tief in der Kehle, dafür zahlt er, umsonst ist nichts. Als Patient empfindet er Freude über die Ärztin, die anschmiegsam ihre Arbeit verrichtet, so dass es schon nach Berufung aussieht. Sie hat meine Wunde entdeckt, denkt er, sie wird sie heilen, Berufung ist niemals einseitig, sollte das ein Spiel sein, ist sie auf beiden Seiten im Spiel.
Wenn ja, warum so beklommen? Nein, das hier wird ihn nicht heilen, nicht ganz jedenfalls, er hat es auch nicht erwartet. Er hat überhaupt nicht erwartet, was hier geschieht. Geschieht es wirklich? Mit Folgen und Folgefolgen, kein Ende in Sicht? Den Faden schneidet er ab. Das hier ist tentativ. Wirklich, aber: tentativ. Ein Versuchsaufbau, mehr nicht. Er kann ihn abräumen, wann immer er will.

Ein Liebespatient
2
Nein, sagt sie, mit diesem schiefen Mäulchen, einem faszinierenden Rattennest, nein, so geht das nicht. Wir kommen nicht weiter. Lass uns aufhören. Die Welt ist groß, eines Tages treffen wir uns vielleicht wieder. Vielleicht bist du dann ein anderer.
Vielleicht bist auch du eine andere, hört er sich sagen.
Das Risiko musst du eingehen, sagt ihre Stimme groß und erhaben, mit einem Schuss Bosheit darin, schon schwillt das Risiko ungeheuer. Ihr Gesicht lacht und blüht.
Die Welt hat eine hyperbolische Struktur. Was auseinandergeht, geht ins Unendliche auseinander. Jedenfalls virtuell, soweit es das Unendliche angeht. Der kleinste Vorschlag in dieser Richtung ist nicht zurückzuholen.
Die Schere klafft.
Er merkt, dass ihn das berührt, irgendwo, er kennt das Organ nicht, das ihm solche Schmerzen bereitet. Es sind auch keine Schmerzen, es ist ein Unbehagen, umfassend, nicht lokalisierbar. Nein, kein Unbehagen, damit ließe sich leben.
Panik?
Das müsste er wissen. Er weiß es aber nicht, es ist aufquellende Panik, die weder Richtung noch Kraft besitzt, noch nicht. Das kann sich ändern. Keine Sekunde seines Daseins könnte er mit ihr leben. Unsinn, er lebt doch. Das Leben zieht sich zusammen auf diesen Punkt: wenn sie jetzt fortginge, fort, durch diese Tür, wäre sie die Richtige, die Eine, die niemals wiederkehrt.
Welche Eine?
Das ist ein Rätsel. Er blickt sie an, nein, die Eine ist sie nicht, noch nicht. Noch ruht sie fordernd unter seinem Blick, zu ruhig, zu selbstgewiss, zu fordernd, kein Impuls fortzugehen spannt diesen Körper, aber das kann sich ändern, jetzt, gleich, von jetzt auf gleich.
Nein, er will nicht, dass sie bleibt. Mit ihr bleibt die Panik, sie könne gehen. Auch die darf nicht bleiben, sie muss zurück in den Körper, aus dem sie strömt, jetzt, gleich, später, gleich.
Ein Liebespatient
3

Man nimmt einen Menschen wie eine Hürde, denkt er –
warum nicht, man kann doch nicht in ihn hinein, ein Mensch ist keine Öffnung, in die man hineinpasst, es wäre pervers, so zu denken, die Organe täuschen in diesem Fall etwas vor, was nicht da ist. Ginge es in einen Menschen hinein, so ginge es auch rückwärts wieder heraus. Nein, so ist es nicht. Die Hürde, einmal genommen, bleibt in mir, sie ist mein Eigentum. Es handelt sich hier um einen primitiven Eigentumsbegriff, den keine gesellschaftliche Entwicklung wegbekommt. Er ist übrigens eine Quelle der Gewalt und der Übergriffe, kein Zweifel. Diese Gewalt muss unterdrückt werden, mit Gewalt vermutlich, alle Instanzen des Staates stehen bereit, sie zu unterdrücken, nur so entsteht Freiheit, die Freiheit des Geschlechts. Wer sagt, das Geschlecht muss frei sein, plädiert also für Gewaltunterdrückung, also für Gewalt. Er plädiert auch für die Gewalt des Einzelnen, der sich nimmt, was er braucht.
Was für eine Sprache: ich nehme mir, was ich brauche. Ich brauche etwas, was mit diesem Menschen untrennbar verbunden ist, etwas, das mit ihm untergeht, ich brauche also diesen Menschen und ich nehme ihn. Ich nehme ihn mir wie ein Dieb, nein, wie ein Mörder, denn ich suche den Kontakt mit ihm. Und nun das Bemerkenswerte: das Opfer wendet sich freundlich zu mir und ich merke, es ist schon weiter. Meine Mordlust ertrinkt in seiner. Nun ja, es ist keine Mordlust, nur das Bewusstsein der Hürde, die sich hier auftürmt.
Das Opfer ist wild entschlossen, die Schanze zu stürmen, die ich ihm entgegenstelle, übrigens unbewusst, tief unbewusst. Meine Hürde ist nicht seine Hürde, ich könnte es taktisch beraten, ohne dass mir das hülfe. Und tatsächlich, es kommt mir entgegen, es ebnet die Wege, das Vorgelände, es baut Hindernisse an Stellen ab, an denen ich keine vermutet habe, es ist ein einziges Niederreißen, das mir entgegenkommt und sich in mir auftürmt. Das ist das wahre Hindernis.
Gelänge es mir, Abstand zu wahren, so wäre ich Nutznießer all dessen, was hier geschieht. Ich müsste es können, aber ich kann es nicht. Ich bin nicht aus Holz und ich bin nicht tückisch, also kann ich es nicht.
Tückisch ist der Verlauf, den die Sache nimmt. Ich habe ihn nicht gewollt, ich kenne mich darin nicht aus.
Man könnte den Labyrinthmeister rufen, aber sein Gesicht ist feindselig, das Gefühl zuckt vor ihm zurück.

Tronka spielt mit der Vernunft

1

TRONKA
Geben Sie her.

PROJEKTLEITER
Das Kleingedruckte zuerst.

TRONKA
Da muss ich erst meine Brille herausholen.
Wenn Sie sagen, ich verkaufe mich, wenn ich das unterschreibe, dann kümmert mich das nicht. Her mit dem Zaster ist meine Devise, über das andere verhandeln wir später. Es gibt doch Zaster, nicht wahr? Ich meine, ich mache hier richtig Kohle, wenn ich an der richtigen Stelle unterschreibe? Zeigen Sie mir die richtige Stelle und ich unterschreibe alles. Schließlich leben wir in einem Rechtsstaat.

PROJEKTLEITER
Ich muss Sie aufklären.

TRONKA
Mich? Aufklären? Dann fangen Sie mal an.

PROJEKTLEITER
Die Statuten besagen, dass alles, was Sie im Rahmen des Projekts aushandeln und/oder begehen, festgehalten und ausgewertet werden darf.

TRONKA
Halten Sie fest, werten Sie aus. Sie werden sich noch wundern über all den Müll, den Sie da produzieren.

PROJEKTLEITER
Sie halten das Projekt für Müll?

TRONKA
Stört Sie der Gedanke? Dann hören Sie mir mal zu. Nehmen wir eine Weltbevölkerung von, sagen wir, fünf bis sechs Milliarden Menschen. Wie viele davon sind sexuell aktiv? Zwei Drittel? Drei Viertel? Das ist, wie wir wissen, auch eine Definitionsfrage, belassen wir es dabei.
Wieviele Kulturen gibt es auf dem Planeten? Ein heißes Eisen, sehr heiß, kaum einer will sich die Finger daran verbrennen. Sagen wir doch einfach tausend, sagen wir zehntausend. Das genügt völlig. Betrachten Sie jede einzelne Kultur als ein vergleichbares Projekt, betrachten Sie die Zahl der Probanden. Glauben Sie wirklich, Sie werden etwas Neues zutage befördern? Viel Glück, kann ich da nur sagen.

PROJEKTLEITER
Wir machen einen Schnitt.
Alle bisherigen Praxen sind erworben, diese wird kontrolliert erzeugt. Darin liegt der Unterschied.

TRONKA
So Gott will.

PROJEKTLEITER
Wie bitte?

TRONKA
Die Protokolle der Vergangenheit liegen Ihnen vor, Sie müssen sie nur studieren. Von den heiligen Büchern, ihren Auslegungen, den Gesetzbüchern samt Kommentaren, den Gerichtsurteilen, den Folterberichten, den Geständnissen, den Familienchroniken hin zu den abertausend Romanen, Theaterstücken, Therapeutenprotokollen und psychologischen Studien: alles vorhanden. Nichts geschieht unkontrolliert. Wo doch, so schlägt jemand ganz schnell Alarm und es wird nachgeforscht bis zum Erbrechen. Ich persönlich empfehle die Märchenforschung: sehr ergiebig.

PROJEKTLEITER
Fangen wir damit an.

TRONKA
Wenn Sie es so sehen wollen: ja.

2

TRONKA
Ich würde Sie gern einladen.
Nein, nicht zu einem Becher Kaffee im Bordbistro, obwohl... Nein, mit allem Drum und Dran, Sie verstehen schon, was ich meine. Die Tage gehen so schnell vorbei, dass es dunkel wird, ehe einem ein Licht aufgeht, ich meine, ein Lichtlein, worauf jeder ein Recht haben sollte.

IRIS
Nach dieser Anstrengung haben wir uns das beide verdient.

TRONKA
So ist es. Und ich füge hinzu: Nemo contra deum nisi deus ipse.

IRIS
Sind Sie immer so anstrengend?

TRONKA
Das ist erst der Anfang. Kommen Sie in meine Vorlesung und ich verklickere Ihnen den Rest.

IRIS
Wann lesen Sie denn?

TRONKA
Wann immer Sie wollen.

IRIS
Tronka, Sie sind eine Vollwaise.

TRONKA
Die Stimme der Vernunft, ganz wie ich sie mir vorgestellt habe. Wissen Sie, meine Großmutter ... die Dialektik ist ja nicht falsch, man muss sie nur ... nein, nicht was sie denken. Man muss sie auf ihren logischen Kern reduzieren, der lautet: Gehe über C und kassiere den Wert, den du ihm einräumst.

IRIS
Dann kassieren Sie mal. Und legen Sie Ihren logischen Kern doch woanders hin. Der Nächste bitte.

Das Aufstellen von Sprechkübeln im
Allgemeinen und unter den Bedingungen
des Projekts

Das Aufstellen von Sprechkübeln
1

Sechzehntausend Wörter pro Tag müssen entsorgt werden. Wohin fließt dieser Strom, nachdem er die aufnehmenden Organe der Umwelt aus Müttern, Töchtern, Tanten, Neffen, Nichten, Arbeitskollegen, Freunden, Ärzten, Gatten, Liebhabern, Söhnen, Apothekerinnen, Marktfrauen, Gemüsehändlern, Friseuren, Struppis, Kioskbesitzern, Vätern, Sekretärinnen, Chefs, Aushilfskräften, Großmüttern, Onkeln und Anrufbeantwortern durchlaufen hat? Die Frage mag Stirnrunzeln hervorrufen, aber sie ist berechtigt.
Was als trautes Zwiegespräch, als Ansprache, Herzensrede, Hetzrede, Denunziation, als familiäres Geplauder, als Zank, Aussprache, Abgleich von Informationen, als Unterredung, Belehrung, Unterrichtung, Predigt, Smalltalk, Flirtrede, Grundsatzrede, Selbstgespräch und dergleichen geführt und verstanden wird, entpuppt sich, andersherum betrachtet (oder behört) als endloses Band aus Sprachlauten, aneinandergereiht nach geheimnisvollen Regeln, die aber, aufs Ganze gesehen, zurücktreten, weil der gleichmäßige, das heißt jede Ungleichmäßigkeit auf mittlere und lange Sicht ausgleichende Fluss einfach keine statistische Möglichkeit auszulassen scheint.
Entpuppt sich? Wohl nicht. Hier gibt es, außer für Realitätsfanatiker, keine wirkliche oder eigentliche Seite, die eine Seite ist zugleich mit der anderen, bringt sie zwangsläufig mit hervor und kassiert sie. Dennoch bietet der Strom, einmal ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, den befremdlicheren Anblick, vermutlich deshalb, weil sein Ursprung und sein Ziel der Wahrnehmung entrückt bleibt. Kinder lernen sprechen, ganz recht, aber sie lernen sprechend, Laute versuchend, Laute formend, Sinnanmutungen erzeugend, deren Herkunft im Dunkeln liegt und bleibt und nur durch die elterliche Anmaßung, sie in diesen warmen Körper trickreich und geduldig hineinpraktiziert zu haben, an Schrecken verliert.

Das Aufstellen von Sprechkübeln
2

Wohin fließt der Strom? Wohin verschwindet er, sobald der Sinn kassiert wurde? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, wie die Entgeisterung zu verstehen gibt, mit der die Umgebung auf sie reagiert.

Zunächst: Er fließt nicht schneller als die Rede selbst, verständlicherweise, denn er ist die Rede, bloß aus anderer Perspektive, lebensweltlich aus der des Genervten, der nicht versteht, oder dessen Geduldfaden gerissen ist und der deshalb nur noch ›Zeug‹ hört oder versteht oder hören oder verstehen will, keineswegs ›dummes Zeug‹ (das machte ein Hineinhören und -verstehen notwendig), nein, einfach ›Zeug‹.

Sodann: Die scheinbaren Unterbrechungen des Stroms, das Verstummen, die tiefe Nachdenklichkeit, das Dämmern des Geistes, der Schlaf, sie unterbrechen den Strom nicht wirklich, sie verlagern ihn – weg von den Stimmbändern, hin zu den Mechanismen des inneren Sprechens, das in den seltensten Fällen als Zwiegespräch auftritt, ansonsten mit dem Gemurmel des Meeres, mit Brandung und Wellenrauschen die größte Ähnlichkeit aufweist – aufwiese, wäre da nicht dieser vertrackte Sinn, der durch alles hindurchgeht, wundersam folgenreich, Fernstes verknüpfend, ›sprechend‹, so wie es sich gehört.

Sodann: Nimm an, du habest alles vergessen, dein Wortgedächtnis sei ausgelöscht für jetzt und immer, in dieser Nacht des Bewusstseins, schwärzer als alle erinnerten Nächte, tastetest du dich mühsam von Stöckchen zu Stöckchen, von Stein zu Stein, von Mulde zu Mulde, keine Stimme spräche dir Mut zu, keine Stimme spräche von der Wollust des Vergessens, vom Wortekel, von der unendlichen Prävalenz des Seins, vom messianischen Ende der Ordnungen, der Hierarchien, der Unrechtsregime, vom sprachlosen Glück – nimm einfach an! Warum denn nicht? Frage nicht!

Sodann: Nimm an, was immer du willst, nimm an, was immer dir an Wirklichkeitsrede verabreicht wird, unterscheide nicht, wähle nicht, nimm einfach an, halte die Taste gedrückt – kommt dir dieser Fluss nicht vertrauter vor als alles, was du dir ausdenken kannst? Glücklicher Bewohner des Man sagt, was flüstert dir deine Stimme zu, während sie unterschiedslos wiederholt, was ihr zufließt? Nichts? Nicht die Spur einer Mitteilung? Wiederholt sie denn, was sich ihr mitteilt? Nein? Schweigt sie etwa? Nein, nein und nochmals nein: Wären Schweigen und Reden in so einem Fall eins? Worin unterschiede sich dieser Fall von allen anderen ... Fällen?

Der Strom – denn um ihn geht es – lenkt dich hierhin und dorthin, er lässt dich ungerührt deine größten Torheiten begehen und zögert nicht, dir jeden Wunsch abzuschlagen, bevor du ihn äußerst, denn er hat andere Wünsche parat, solche, von denen du gerade eben noch nichts wusstest, manche nennen ihn Wunschmaschine, auch das ein Wort, der Strom trägt es vorbei, er nimmt dich mit, aber er trägt vorbei, du kannst nicht sagen, er nehme dich ein Stückweit mit und lasse dich dann liegen, so liegen die Dinge nicht, du selbst bist der Strom, das Ufer und die Wiesen dahinter, du bist das alles, fragt sich, im wievielten Monat.

Das Aufstellen von Sprechkübeln
3

Du öffnest den Mund und das Unheil nimmt seinen Lauf. Kein besonderes Unheil, nichts, wozu dringender Redebedarf bestünde, nur das allgemeine Unheil, das ausstehende Heil, der Modus vivendi, das Unbegehrte, das zum Begehrten wird und wieder verschwindet in der Fülle des Unbegehrten. Du denkst dir deine Sätze nicht aus, das wäre ja, das wäre ja gekünstelt, das ginge gleich daneben, nein, so unsicher stehst du nicht in der Welt, um zu solchen Mitteln zu greifen. Du sprichst, und wie du sprichst, so ist es gesprochen, man kann es aufzeichnen, es hört sich seltsam an, für dich jedenfalls, anderen kommt es ganz normal vor, sie kennen dich oder sie kennen dich nicht, das ändert nichts an der Normalität. Wer so redet wie du, der denkt nicht, etwas könne falsch sein an seiner Rede, er denkt, was er denkt.

Versteht er auch, was er denkt? Das ist nicht so einfach. Schon zu sagen: Er gibt zu verstehen, enthält eine Provokation, denn verstehen heißt nicht, eine Gabe entgegenzunehmen, sondern zu begreifen, worauf der andere hinauswill. Was will er denn? Weiß er es selbst? Weiß er es immer? Das imponiert den Leuten, aber es hält sie auch fern. Was ist das für ein Mensch? Was will er von mir? Kann ich es ihm geben? Kann ich es ihm verweigern? Wie kann ich es ihm verweigern, solange ich nicht weiß, was er will? Seine Rede ist klar, gerade das macht sie mir verdächtig. So klar ist kein Mensch. Und wenn er es wäre: So läuft das Spiel nicht. Wie läuft es dann? Nun ... anders. Immer wissen, was man will, und es immer verfehlen – geht das? Weiß man noch, was man will, geht einem erst einmal die Verfehlung auf, die im Wissen steckt? Ist es dann noch Wissen? Wenn nicht, was dann?

Das Aufstellen von Sprechkübeln
4

Tronka jedenfalls, in seiner knappen, jede Entgegnung abschneidenden Art, es sei denn, sie kommt ihm ebenso schneidend entgegen, was er mit einem trocknen Gelächter, gelegentlich auch mit einem unsicher den Boden absuchenden Blick quittiert, Tronka gibt vor, jederzeit zu wissen, was er da sagt. Es misslingt ihm so gründlich, dass ein Kind den Kindskopf in ihm erkennen würde, der sich in einer zu groß geratenen Rolle gefällt, so als schlurfte es selbst in den vorm Bad abgestreiften Schuhen der Mutter durchs elterliche Schlafzimmer.
Bekommt man so Sex? Eher nicht. Eher doch? Er amüsiert, das ist einerseits gut, andererseits schlecht, denn in diesem Amüsement steckt ein Eiskern, der niemals schmilzt. Niemals? Wer kann das behaupten? Ersichtlich niemand, auch um Tronka webt, wenigstens in dieser Hinsicht, ein Geheimnis. Dennoch bleibt die Frage erlaubt, wohin man den Wortmüll entsorgen müsste, um Platz für zwei zu schaffen, sobald er zu sprechen beginnt.
Nicht dass er schlechter als andere spräche, er spricht weitaus artikulierter als seine Umgebung, seine Syntax ist selten zu tadeln, er beherrscht die Kunst des Bonmots. Leider ist diese Kunst nicht nur so gut wie ausgestorben, sondern sie löst, wo sie praktiziert wird, fast immer Verlegenheit aus, also das Gegenteil dessen, was ein gutes Wort im Gespräch bewirke sollte.
Was soll denn das? lautet die Devise. Sie verbindet Tronkas Kreise mit dem Volk, das ein biologischer Zufall ihnen zum kulturellen Umfeld bestimmt hat. Tronka, überartikulierend, ein Leuteschreck, ist zwar gerüstet, alles haarklein zu erklären, aber nicht, das Befremden aufzulösen, das der Gebrauch jener Kunst zum Ausdruck bringt. Das ist schade, denn so entgeht beiden Seiten, was jede an der anderen haben könnte, aber: so ist das Leben.
Tronkas Wortmüll, eine Girlande, die, auseinandergerollt, mehrmals den Erdball umschlingen würde, gehört zu den Menschheitsproblemen, die gelöst werden müssen, soll nicht eintreten, was viele im Lande befürchten: der kulturelle Kollaps durch akutes Personversagen. In Leuten wie Tronka steht die Person auf dem Prüfstand. Nicht irgendeine, nicht diese eine, Tronka genannt, sondern das, was generell Person genannt wird. Es geht ihr nicht gut, ihr System ist in Panik, sie reagiert darauf wie ein pflanzlicher Organismus – mit Scheinwuchs und etwas, das man fast als Scheinblüte bezeichnen könnte, jedenfalls besitzt es für manche Pyramidenbewohner einen eigenen Reiz und mehrt die Zahl seiner Hörer.

Das Aufstellen von Sprechkübeln
5

Ihr also, der Person zuliebe, sollte das Aufstellen von Sprechkübeln in Erwägung gezogen werden. In gewisser Weise dient bereits die VeränderBar, deren Protokolle jederzeit von den Besuchern abgerufen werden können, einem vergleichbaren Zweck. Doch kommt es hier darauf an, von den vorhergehenden Besuchen (und Besuchern) zu lernen (und Material für wissenschaftliche Auswertungen zu gewinnen). Im Vordergrund steht die Besorgung, nicht die Entsorgung des Gesprochenen. Das mag im einen oder anderen Fall auf dasselbe hinauslaufen – aus den Augen aus dem Sinn gilt sinngemäß auch dann, wenn an dem Vorgang andere Sinne, also zum Beispiel das Gehör, führend beteiligt sind. Indessen zeigt die kleinste Episode mit Tronka, dass es damit nicht getan sein kann. Klassische Wortmüll-Produzenten wie er verdienen angehalten zu werden, ihr Gesprochenes, wann immer es die Grenze zur Auffälligkeit überschreitet, mittels dafür vorgesehener Behältnisse, am besten nach Wortklassen getrennt, beiseitezuschaffen, so dass es das Gedächtnis der Gesprächsparter, das eigene eingeschlossen, nicht weiter belastet. Es steht zu befürchten, dass, welche Eindrücke auch immer es beim Gegenüber hinterlässt, die Langzeitwirkung auf das eigene Gemüt als katastrophal bezeichnet werden muss.
Begreift Tronka die Katastrophe? Bemerkt er sie überhaupt? Wir wissen es nicht. Überhaupt wissen wir so gut wie nichts darüber, was eine Person wie die seinige zusammenhält. Vielleicht hält sie weniger zusammen, als sein Auftreten suggeriert. Vielleicht ist die starke Außenwirkung nur Ausdruck eines vagen Inneren, das durch energische Vorstöße in die Außenwelt sich Bestimmtheit erschleicht? Von Erschleichung jedenfalls ist in Tronkas beruflichen Sprechen viel die Rede. Die Geschichte der Philosophie, hört man ihm zu, steckt voller erschlichener Aussagen: ein Müll-, ein Komposthaufen auch sie, aus dessen Gärung das Geschwätz der Gegenwart seine ungute Nahrung zieht.

Überraschende Gäste

Überraschende Gäste
1

Wer sind diese Menschen? Was wollen sie? Was hast du mit ihnen zu schaffen? Zunächst: Sie atmen Vertrautheit, zu der du den Grund nicht siehst. Nein, im Ernst: Nie hättest du diese Bekanntschaft gesucht, geschweige denn intensiviert oder gepflegt. Nun hat sie sich hergestellt und du kannst dem Spott nicht entgehen, den sie über dich regnet.

In der Tat: diese Menschen verspotten dich. Nicht lauthals wie Kinder, in grellen Worten, nicht leise, maliziös wie Erwachsene, sie erregen den Spott in dir selbst, gewissermaßen lautlos, durch eine vertrackte Gegenwart, die kaum an der Haustür endet und eigentlich nie, denn sie beschäftigt dich beinahe ununterbrochen. Womit beschäftigt sie dich? Womit?

Natürlich suchen sie das Projekt.

Bloß wie sie es suchen, das macht dich unruhig und, wenn du ehrlich bist, ratlos. Offensichtlich suchen sie es bei dir, als trügest du es mit dir herum und sie bekämen ein Stück davon ab, wenn sie sich an dich drücken. Vielleicht riechen sie es. Das wäre dir unangenehm. Aber auch das Unangenehme muss in Betracht gezogen werden – mehr als anderes, das dir schmeicheln könnte.

Überraschende Gäste
2

Man könnte meinen, sie seien ein Herz und eine Seele. So dicht folgen ihre Auftritte aufeinander, dass einer in die Schleppe aus Atemluft tritt, die der andere hinter sich herzieht. Doch so symmetrisch (›der eine ... der andere‹) liegen die Dinge nicht. Es ist der Mann, der folgen muss, weil sonst die Frau auf der Stelle umkehrte und hinter ihm her wäre.

Was wäre daran so schlimm?

Zunächst ... nichts. Es geschieht ja auch alle naselang, die beiden scheinen daran gewöhnt zu sein, nur die Umgebung horcht auf: anders klingen die Gegenstände – der gerückte Stuhl, die abgestellte Tasche, selbst das aufgeklappte Brillenetui, allein dass man sie hört, dass man sie plötzlich hört, verkündet die Umkehrung, die Quelle des veränderten Sinns.

Die Fortbewegungsart dieses Mannes ist der Trott. Nicht gesenkten Hauptes, nicht stolpernd, doch immer leicht am Rande des Überblicks, als verdeckte ihre bewegliche, bewegte, bewegungshungrige Gestalt seinem inneren Kompass den Pol und ihm bliebe nichts weiter als eine tanzende, hüpfende Nadel, die mehr Aufmerksamkeit verbraucht als der reale Verkehr je benötigen würde.

Das große Paar

Das Große Paar


 
Überraschende Gäste
3

Die Fortbewegungsart dieser Frau –
schwer zu ergründen. Sie scheint beweglich, sie scheint überall beweglich, doch näher betrachtet bewegt sie sich kaum. Sie schmiegt sich an: woran? An alles und nichts, an vielerlei, ihre Gegenwart kommt dir vor, als komme sie immerfort auf dich zu. Da bist du dir sicher: sobald du den Raum verlässt, bleibt nichts davon übrig. Was folgt daraus? Solltest du bleiben? Solltest du bleiben, damit der Eindruck, den du zu machen scheinst, nicht auf der Stelle wieder verschwindet? Oder solltest du gleich verschwinden, damit erst gar kein falscher Eindruck entsteht?

Ein schöner Eindruck, den du da machst.

Übrigens schmiegt sie sich nicht körperlich an. Sieh zweimal hin – selbst der Sessel, in den sie sich kuschelt, bleibt unberührt. Dennoch wirkt er: angenehm überrascht.

Wie sie das macht, bleibt ihr Geheimnis.

Überraschende Gäste
4

Wäre nicht der Mann an ihrer Seite, du würdest die Frau kaum bemerken. Sie fällt nicht in dein Raster.
Wäre die Frau nicht an seiner Seite, du würdest den Mann kaum bemerken. Auch er fällt nicht in dein Raster.
Wie nimmst du sie wahr? Als Paar?
Oh nein, gerade nicht.
Auch nicht als zerstrittenes oder uneiniges oder getrenntes.
Was du wahrnimmst, ist: dieser Mann, diese Frau.
Was du nicht wahrnimmst: die abgewandte Seite, die sie zusammenhält.
So ist es. Sie sind nicht ›gemeinsam‹, sondern etwas hält sie zusammen.
Was wäre das? Ein Faden?
Zunächst das Körperliche. Beide sind von mittlerer Größe, beide sind eher schlank? Reicht das? Kaum. Auf dem alten Foto, das sie zeigen, ist sie gertenschlank, er trägt eine Mähne. So etwas kann reichen. Wofür?

Keine einfache Mähne. Es ist, was man damals, in den ›bewegten Zeiten‹, eine Mähne nannte: der physische Nachweis des Mannes dazuzugehören, aufgeplustert über das übliche Maß hinaus, also überkompensatorisch. Was kompensiert so einer? Eine Kindheit? Aber sicher. So reden sie selbst, er und seinesgleichen. Kaum hört man ihnen zu, fangen sie davon an.
Wovon fängt sie an? Sie weiß nicht. Sie hat ›schon‹ viel erlebt. Doch, es hat sie geprägt. Aber es ist nun nicht so, dass sie täglich kotzen müsste. Das nicht. Es hat sie ›eher nachdenklich‹ gemacht. Sie kommt damit zurecht.

Die Mähne ist ›irgendwann‹ einem Kurzschnitt gewichen.
»Das ist lange her.«
»Das ergab sich so.«
»Wenn du lange im Ausland lebst, ist das praktischer.«

Überraschende Gäste
5

Nochmals: Was hält sie zusammen?
Einfachste Antwort: der Zusammenhalt.

Sie nennen sich: Sibla. Kitty. Kitty. Sibla. Sibla Sibla Sibla. Kitty?

Was sind das für Namen? Decken sie ab, was sie füreinander empfinden?

Du nennst ihn: Giselher.

Ihr Name bleibt: gemein.
Kitty, der Lenkdrachen, im Zickzackkurs durch die Lüfte, kaum zu bändigen, solange der Faden hält.

Du blickst ihnen nach.
Da: der Gang.
Der Gang eines Straßenköters, der Angst hat, wieder hinauszumüssen.

Der schnelle Blick über die Schulter zurück: das ist sie.
Sie lässt dich nicht ohne Beute.
Den Blick des Einverständnisses.

Überraschende Gäste
6

Nochmals: Was hält sie zusammen?
Wenn du vergessen hast, es zu machen, machst du es irgendwann.
Wenn du niemals vergisst, wann machst du es dann?
Immer und nie.
Das Geheimnis dieser Paare ist das Immer und Nie.

Sie vergessen nichts.
Sie verheimlichen alles.
Sie ersparen sich nichts.
Bis eintritt, was sie am meisten fürchten: der Gedächtnisverlust.

Wer zuerst das Gedächtnis verliert, hat verloren.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht ist er ja Sieger.

***

Fu-Material: ja, das sind sie.
Ein Stück Sockel.
Herausgebrochen für nichts.
Damit lässt sich arbeiten.

Ein Traumpaar schifft sich ein

1

SIBLA
Wenn wir da hineingehen, wohin kommen wir dann?

KITTY
Dazu müssen wir erstmal reinkommen. Willst du den ganzen Tag hier herumstehen?

SIBLA
Ich sehe da Schwierigkeiten.

KITTY
Dass ist ja nichts Besonderes. Müssen wir das jetzt diskutieren?

PROJEKTLEITER
Lassen Sie sich Zeit. Überlegen Sie alles gründlich. Sie können mich auch gern fragen.

KITTY
Also wenn du eine Frage hast, stell sie jetzt. Ich halt mich da raus.

SIBLA
So habe ich das nicht gemeint.

KITTY
Das weiß ich. Deshalb solltest du deine Frage so stellen, dass R sie versteht.

SIBLA
Hast du keine Fragen? Ich meine, das geht uns doch beide an.

KITTY
Natürlich geht es uns beide an. Deshalb sollst du deine Frage doch stellen.

SIBLA
Welche Frage meinst du? Ich habe keine Frage. Ich habe mir alles gut überlegt.

KITTY zum Projektleiter
Keine weiteren Fragen.

2

SIBLA
Sie brauchen meine Unterschrift, damit ich tun und lassen kann, was ich will? Das verstehe ich nicht.

PROJEKTLEITER
Wenn Sie es so sagen, da ist was dran.

SIBLA
Ich kann es auch anders sagen: Wozu brauchen Sie meine Unterschrift überhaupt?

KITTY
Haben wir das nicht alles schon besprochen?

SIBLA
Vielleicht. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir darüber gesprochen hätten.

KITTY
Haben wir aber. Können wir das Thema jetzt beenden?

PROJEKTLEITER
Ich glaube nicht.

SIBLA
Zum Beispiel: Gehen Sie mit aufs Boot? Oder moderieren Sie nur von außen? Wie wollen Sie moderieren, wenn Sie nicht Teil der Beziehung sind? Dürfen Sie überhaupt eingreifen? Wenn nicht: Was, wenn alles schiefgeht?

PROJEKTLEITER lacht
Für Ihre Beziehung tragen Sie die Verantwortung.

KITTY
Das glaube ich nicht. Schließlich bin ich auch noch da.

PROJEKTLEITER
Ich meinte Sie beide.

SIBLA
Das ist nicht so einfach.

3

IRIS
Hier: Ihr Button. Damit geben Sie sich zu erkennen.

SIBLA
Wo soll der hin? Auf den Arsch?

IRIS
Sie werden einen passenden Ort dafür finden.

KITTY
Sind Sie sicher?

SIBLA
So fühlt es sich also an, wenn man sein Privatleben aufgibt.
Fast ein wenig wie Austernessen.

KITTY
Bist du sicher, dass wir überhaupt je ein Privatleben hatten?

SIBLA
Warum fragst du das?

KITTY
Ich frage, was ich will. Ich dachte, du weißt das.

IRIS
Keine Sorge, Sie behalten Ihr Privatleben.

SIBLA
Ich mache mir Sorgen, weil ich denke, jeder lebt nur einmal.
Das hier kommt mir vor, als müsste ich von jetzt an doppelt leben.
Das ist ungewohnt, müssen Sie wissen. Man gibt viel dafür auf, aber ich weiß nicht was.

IRIS
Dazu kann ich nichts sagen.

KITTY
Das muss doch jeder selber entscheiden. Wenn ich etwas aufgebe, will ich auch etwas dafür haben.

SIBLA
Aber was? Ich frage dich: Aber was?

KITTY
Wie soll ich das wissen? Warten wir’s doch einfach ab.

IRIS
Sie betreten jetzt Neuland. Denken Sie immer daran: Sie machen die Erfahrungen. Wir werten nur aus.

KITTY
Das dürfen Sie. Eine Frage noch: Wie findet man hier jetzt wieder raus? Ich habe noch einen Termin, müssen Sie wissen. Da ist jemand, den sollte ich nicht warten lassen. Besonders heute nicht.
Kommst du, Sibla?

Unbesorgtsein ist viel,
wenngleich nicht alles

Die großen Gefahren verdecken die kleinen. Oder umgekehrt?

Unbesorgtsein ist viel, wenngleich nicht alles
1

Zerbrochene Sorgfalt

»Wenn ich auf dich achtgebe –«

Wie geht er weiter, der Satz?
Geht er überhaupt weiter?

Wenn ja, in welche Richtung?

Es geht nicht um Sätze, es geht um Einstellungen. Wenn du zum Beispiel fortfährst: »dann geschieht das meinetwegen«, dann klingt das prima vista egoistisch. Aber das kann ein Irrtum sein oder ein ›Missverständnis‹. In Erregung herausgestoßen, als Verzweiflungsruf: »... dann geht dich das gar nichts an. Es ist meine Sache, ich muss damit zurechtkommen.«
Warum?
»Weil es so ist.«
»Weil ich es nicht ändern kann.«
»Weil es mir (dir) bestimmt ist.«
Und wenn es so nicht wäre?
»Dann würde es meine Not nur steigern, weil alles vergeblich wäre.«
Vergeblich? Warum vergeblich? Was soll das sein?
»Ja vergeblich. Es wäre sinnlos.«
Es macht keinen Sinn? Soll es also ›Sinn machen‹? Ist das der Kern der Sorge?
»Ich weiß nicht, ob es Sinn machen soll. Vielleicht sind wir so angelegt: elende Sinnmacher. Ich mache mir etwas vor: Na und? Ist das nicht mein Recht? Mein gutes Recht? Habe ich nicht recht? Und wenn ich recht habe, bin ich nicht gehalten, es groß zu schreiben, riesengroß meinethalben: R-E-C-H-T, weil es das Höchste ist? Was ist das Höchste? Ich will es nicht wissen, ich bin kein Bergsteiger, es ist das Wichtigste, soweit es mir zugänglich ist, es ist mein Wichtigstes. Aber es geht weit darüber hinaus. Warum ich das weiß? Weil ich es weiß, hier, eingeschrieben, wie ihr so sagt, eingebrannt wäre richtiger, jedenfalls fängt es zu brennen an, wenn man daran rührt. Das ist es, was ich meine. Es fängt zu brennen an, ganz von alleine, du änderst nichts daran.«

Unbesorgtsein ist viel, wenngleich nicht alles
2

Philosophisch gesehen sind diese Behauptungen unerheblich. Nicht so die Einstellung, die sie zu erkennen geben. Philosophisch gesehen ist die Sorge um den Anderen ein Teil der Sorge um sich selbst. Das Recht auf den Anderen ist Teil des Rechts da zu sein. Ist das ein Recht? Aber sicher. Fundamental, unaufhebbar, unhintergehbar. Ein Recht? Unhintergehbar? Ja sicher. Du kannst es bestreiten – dann hintergehst du dich selbst. Ganz recht, dich selbst. Mach dir nichts vor. So wie du bist, voller Lebensdrang und -frust, kannst du dich nicht herausdenken aus dem Weltspiel. Doch, du kannst? Das bildest du dir nur ein. Das sind müßige Phantasien. Ein Mensch kann sich alles vorstellen, selbst das Unvorstellbare. Aber es hat keine Substanz. Es gilt nicht. Es verweht, sobald du deinen Verstand einschaltest oder, sagen wir, deine Ehrlichkeit. Ja sicher, Ehrlichkeit. Wärest du nicht verlogen bis auf den Grund, müsstest du dir zustimmen, auf der Stelle, ohne Verzug, ohne nachzudenken. Aber der Verstand? Will er nicht nachdenken? Was ist der Verstand? Warum denkt er nach? Warum nicht vor? Ganz einfach: weil er die Ehrlichkeit selbst ist, die bei sich verweilt, die sich selbst nachgeht oder -sinnt oder -arbeitet.

»Mich stört dieses ›philosophisch gesehen‹. Was soll das –«

Unbesorgtsein ist viel, wenngleich nicht alles
3

Aber es bleibt doch Sorge. »... Dann geschieht es deinetwegen –«: Ist das deswegen nicht richtig? Ist es nicht genauso richtig? Ist es nicht sogar richtiger, weil es den Sachverhalt trifft und nicht einen anderen zur Erklärung hinzuzieht? Was ist denn diese Sorge um sich? Ist sie nicht ganz und gar undurchsichtig? Sind nicht auch hier derjenige, der sorgt, und derjenige, der umsorgt wird, zwei? Ist nicht der sichtbare Andere ein viel direkteres Objekt der Sorge als dieses abgedunkelte, kaum ›belastbare‹ Selbst? Geht nicht die Sorge um sich durch den anderen hindurch, der sich als Objekt der Sorge anbietet?

Angenommen aber, sie geht durch ihn hindurch – wie muss man sich das vorstellen? Was geschieht auf dieser Passage? Du glaubst es zu wissen, jedenfalls schwant dir etwas, es scheint dir mit Händen greifbar zu sein, du spähst auf deine Hände und sie greifen in die Luft. Sie greifen nichts. Der umsorgte Andere, weiß er sich umsorgt? Aber sicher, könnte man meinen. Was denn sonst? Vorsicht! Warum zeigt er sich undankbar? Macht Umsorgtsein undankbar? Reizt es den Spott? Die Ungeduld? Den Ärger, der nicht mehr weggeht? Wer sich sorgt, der kümmert sich. Er ›sieht nach dem anderen‹. Will der Andere das? Er will es, er will es nicht. Er will die Sorge abschütteln, die wie eine Klette an ihm hängt. Aber er will umsorgt sein, andernfalls ›fehlte da etwas‹.

Was fehlt, wenn die Sorge fehlt? Die Sorge? Aber unbesorgt sein: das wäre schön, das wäre erstrebenswert, das wäre traumhaft. Es fehlt der Andere, der sich sorgt. Es fehlt seine Sorge, an die ich mich gewöhnt habe. Musste ich mich an sie gewöhnen? Aber sicher: am Anfang war sie ungewohnt. Ist das richtig? Am Anfang war sie schön. Eine schöne Sorge ist mir da zugeflogen. Schon sorge ich mich: wird sie auch bleiben? Ich will mich nicht sorgen, nicht jetzt: soll sie doch weiterfliegen! Aber sie bleibt und das ist schön. Will sie denn bleiben? Was weiß ich? Soll ich sie festhalten? Eine Sorge? Warum denn das? Weil sie bequem ist? Ist sie bequem? Wer weiß das schon? Sie ist wirklich, sie verändert mein Leben, sie öffnet es: ist das bequem?

Unbesorgtsein ist viel, wenngleich nicht alles
4

Wenn die Sorge geht, geht der Mensch. Was bleibt, wenn er trotzdem bleibt? Ein Fremdkörper, weiter nichts. Ein fremder Körper, zu nah dem meinigen. Was, wenn der Mensch geht, aber die Sorge bleibt? Das will ich nicht, nein, das will ich nicht. Eine fremde Sorge, das ist die Zerstörung. Ein fremde Sorge, das ist keine Hilfe, sondern ihr Gegenteil: wenig hilfreich. Sie kreuzt meinen Willen, sie kreuzt ihn in seinem Ursprung, dort, wo er sich regt: sie stellt mich kalt. Kalt trete ich ihr gegenüber: ein Feind.

Keine Sorge, liebe Sorge (so unlieb du mir bist): ich gehe nicht. Wo ich sorge, da bin ich nah. Immer bin ich dir nah, so fern du auch sein magst. Wo denkst du hin? Es ist schön, dass du dich sorgst, ich könnte gehen. Es ist die Schönheit der Welt noch einmal: sie gehört jetzt mir. Vielleicht gehe ich irgendwann, vielleicht will ich gehen und entscheide mich doch zu bleiben. Dann geht mein Wille an dieser Stelle auseinander: in einen, der gehen, und in einen, der bleiben will. Seltsamer Wille, der Unvereinbares will und es auch bekommt. Er bekommt seinen Willen, nur ich, ich gehe leer aus.

Ich gehe leer aus, weil ich es will. Erfüllt von Sorge bin ich nicht die Person, die ich sein will. Ich will die Sorge dieses Menschen nicht und ich spüre, er will auch meine nicht. Er lässt sie sich gefallen: das ist etwas anderes. Es empört mich: er lässt meine Sorge zu, aber sie existiert für ihn nicht. Dieser luftleere Raum, dieser Raum ohne Schwingung: keine Sorge! Es ist der Raum, in dem wir uns begegnen. Wir haben ihn uns geschaffen, er entspricht unserem Bedürfnis, er ist Ausdruck unserer gemeinsamen Sorge, es könnte aus sein, die wir nur getrennt leben können.

Unbesorgtsein ist viel, wenngleich nicht alles
5

Vergiss die Sorge. Ich wäre bereit dich zu vergessen, vergäßest du mich. Wir können einander nicht vergessen: das ist der Punkt. Wir sind einander zugetan: aber wie? Wie zwei Feinde vor der Schlacht: Wehmut hat sich in unseren Umgang eingeschlichen. Wehmut weswegen? Wegen nichts. Die gemeinsamen Zeiten, sie waren gut. Ja, es stimmt: wir haben eine gewisse Zeit zusammen verbracht. Auf Reisen ging es uns gut. Wir sind viel gereist: das war gut. Es war praktisch, weil wir uns aufeinander verließen. Einer des anderen Helfer. Heute verlassen wir einander: Tag um Tag, jeden Tag neu. Das Verlassen ist unsere Sorge, Verlassenkönnen gegen Verlassenwerden. Verlassenwerder, so könnte einer uns nennen. ›Ich werde dich verlassen‹ – der Satz steht uns quer über der Stirn.
Und gleich daneben: ›Du hast mich verlassen‹.

Allein die Sorge.
Sie vergisst nicht.

Erster Besuch in der VeränderBar

Lasciate ogni speranza

 

double income no kids (idealiter)

Lasciate ogni speranza
1

Die VeränderBar liegt in der Regel verwaist. Das kann sich von einem Augenblick zum anderen ändern: Licht an (gedämpft) –: und die Seele beginnt ihren Tanz. Sie beginnt ihn nicht allein, sie braucht den Partner. Ohne Partner sondert sie keinen Stoff ab. Mit Partner hingegen, falls es der richtige ist… Aber geschenkt. Alles, was Seele heißt, ist geschenkt. Es ist geschenkt, aber dabei bleibt es nicht. Ganz im Gegenteil: Es ist die Quelle aller Verbindlichkeiten. Was hier geknüpft wird, muss sich draußen erweisen.

Draußen erweist sich, was hier geknüpft wird, als nichtig. Der Partner, den die VeränderBar spendet, existiert nur hier. Draußen ist er nicht vorhanden. Er soll vergessen werden, darin liegt der Reiz. Doch ob er vergessen wird, das ist die Frage. Warum sollte er? Er ist langweilig, er ist aufregend. Er ist langweilig, denn er kommt nicht in Betracht. Er ist aufregend, denn er steht für alles, was in Betracht kommt – nicht als Objekt der Betrachtung, sondern als Objekt der freizusetzenden Begierde.

Dieses Objekt der Begierde… Der Fehler besteht darin, es zu zeigen (oder zeigen zu wollen). Dabei muss es entstehen. Die Begierde ist immer da, sie ist auf dem Sprung oder kurz davor, sie scheint schlaff, wenn sie nicht bedient wird, aber der Anblick der Schlaffheit trügt. Der Partner lässt die Objektstelle unbesetzt, er zeigt sich nicht, er zeigt (fast) alles außer sich selbst, er ist nicht gemeint, er steht für das, was gemeint sein könnte. Er lockt die Begierde, bis sie mit ihm zu spielen beginnt wie die Katze mit dem Wollknäuel: kein schlechter Ersatz für die Maus, aber wer spricht von Ersatz?

Definition des Partners: Wirrsal aus Fäden, leicht abzurollen, bereits im Abrollen beginnen sie sich zu verwirren, Platz zu beanspruchen, den Abroller zu verstricken, bis er, schockiert, davonläuft. Doch er kommt wieder: neugierig, zögernd, bereit, sich einzulassen: worauf? Worauf lässt sich ein, wer weiß, dass er, wenn’s brenzlig wird, weg ist? Auf nichts? Das wäre zu wenig. Auf ein Spiel? Das wäre zuviel. Das Spiel mit dem Wollknäuel ist kein Spiel, auch wenn es vielen so vorkommt. Es ist eine Figur der Ratlosigkeit, die sich Rat schafft.

Verändere nichts, verändere alles. Verändere alles, verändere nichts. Verändere, was dir nichtig erscheint, vernichte, was du verändert hast. Ist das ein Spiel? Natürlich nicht, denn es geht um dich. Wer behaupten wollte, du übst, hätte das Entscheidende übersehen: du folgst keiner Regel und du übst nicht für anderes. Besser wäre es zu sagen: Du setzt dich in Gang. Oder: Du hältst dich in Gang. Oder: Etwas hält dich in Gang. Was du sonst stückweise tust, ansatzweise, hier rollst du es ab wie die Maus dort den immer weiter rollenden Faden – schreckhaft, neugierig, so über- wie unterlegen, mit dem Gefühl, nicht im Griff zu haben, was du da tust, und es doch jederzeit beherrschen zu können, käme es nur darauf an. Es kommt aber nicht darauf an und so lässt du es laufen.

Nichts, was in der VeränderBar geschieht, geschieht für immer. Ihr Reiz liegt darin, dass jeder proben kann, was er sich sonst nicht erlaubte. Er will Veränderung, aber nicht gleich, nicht unwiderruflich, und er will sich erproben, will wissen, ob er es kann. Beides geht schwer zusammen und ist nur zusammen zu haben. Mehr noch: es ist in jedem Augenblick zusammen, es lässt sich nirgendwo trennen. Also lässt er es laufen.

Lasciate ogni speranza
2

Die Unkosten? Gehen aufs Konto des Hauses. Wie groß werden sie sein? Das Projekt verfügt über begrenzte Mittel. Symbolisch, wie es angelegt ist, sind auch die Ausschüttungen für erlittenes Ungemach symbolisch zu nehmen: als Anerkennung? Wofür? Für die Teilnahme am Projekt. Ein kleiner Schritt für Sie, ein großer Schritt für die Wissenschaft.

– Andererseits: es ist die Wissenschaft, die in kleinen Schritten voraneilt. In Trippelschritten, genau gesagt, die keine Aussage darüber erlauben, ob und wohin es überhaupt vorangeht.

– Andererseits: wer die VeränderBar aufsucht, kehrt nicht ins wirkliche Leben zurück und geht seiner Wege, als sei nichts gewesen. Sie ist die Klippe, an der das wirkliche Leben zerschellt, unsichtbar nur für den, der sie ansteuert, es sei denn, er kennt sich in diesen Gewässern aus.

Bei Gefahr verfällt der theoretische Mensch ins nautische Plappern. Warum? Weil es ihm gefällt. Weil er sich darin gefällt. Sein Aufgabengebiet ist die Verflüssigung des Gewussten. Dort kennt er sich aus. Die Verwaltung könnte ihn zwingen, Warntäfelchen aufzustellen: ›Halten Sie sich von allem fern, was hier geschieht. Es könnte sie treffen.‹ Aber das wäre kontraproduktiv.

Es trifft sie mit Wucht.

Zweiter Besuch in der VeränderBar

Embede Warbede Wilbede
– auch fides spes caritas –
entdecken die Kraft der Negation

Embede Warbede Wilbede - auch fides spes caritas - entdecken die Kraft der Negation
 
 
Fliege
 
 

Motto

Ja, es macht Spaß!

FIDES SPES CARITAS FIDES SPES CARITAS
 
 

bereit sein

gescheit sein

bewegt sein

Abb.: Fernand Khnopff - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153403
FIDES SPES CARITAS FIDES SPES CARITAS
 
 

bereit sein  Ich fühle, was fühl ich eigentlich, lass mich mal überlegen, ich denke, das ist neu, ich empfinde das so, das bewegt mich sehr. Ich bin hier angekommen und wusste, das war’s. Das war’s einfach. Daran hat sich bis jetzt nichts geändert. Ich lass das jetzt mal so stehen, wenn mehr kommt, diskutieren wir weiter. Fragen Sie den Kellner, ich bin ein anderer Mensch. Sie können mich nicht verstehen? Ich auch nicht. Nein, ich verstehe Sie nicht. Lassen Sie’s zu, lassen Sie’s einfach zu. Ja, Sie müssen es zulassen, Sie müssen lernen sich einfach wegzulassen, da liegt das Geheimnis. Ja, ich lerne gerade. Ja, es fällt schwer. Also ich will jetzt nicht behaupten, dass es mir auf Anhieb gelingt. Es ist noch keine Meisterin vom Himmel gefallen. Aber ich bin jetzt drin im kosmischen Geschehen. Ich hab’s endlich begriffen. Lust, wissen Sie, tiefe Lust, darum geht es doch. Ja, ich bin angekommen. Kann man glerichzeitig ankommen und nicht ankommen? Ich weiß nicht… Diese Frage verwirrt mich.

Abb.: Fernand Khnopff - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153403
FIDES SPES CARITAS FIDES SPES CARITAS
 
 

bereit sein  Nein, ich kann jetzt nicht innehalten. Worin sollte ich innehalten? Ich bin mittendrin, eigentlich bin ich immer mittendrin gewesen, das hat sich nicht geändert, nur dass ich jetzt bewusster … ja, ich sage das ganz bewusst: irgendwie bewusster lebe, ja, das hat sich geändert und dafür könnte ich sogar dankbar sein, ein wenig dankbar, warum denn nicht? So schwer ist das nicht. Dieses bewusste Leben ist auch schwerer. Im Grunde war das von Anfang an klar, nur dass ich es nicht so hätte ausdrücken wollen. Da war schon Scheu. Wie? Ja sicher, die ist jetzt weg. Du musst dich dazu bekennen, dann ist das Meiste bereits geschafft. Nein, leicht gefallen ist mir das nicht. Es ist eine völlig andere Welt, mit den alten Maßstäben ist da nichts zu messen, warum auch, ich fühle mich wohler so, auch wenn ein klitzekleines Missbehagen immer mit von der Partie ist, ich sage das jetzt so unter uns, schreiben Sie das nicht auf. Schreiben Sie das besser nicht auf, ich will nicht, dass andere das lesen.

Abb.: Fernand Khnopff - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153403
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bereit sein  Manchmal möchte ich fast beten, das ist so ein Reflex aus alten Tagen, da lässt sich nichts machen, das klingt jetzt schon fast ein wenig pervers, ich werde drüber wegkommen, das ist keine Frage. Man muss freimütig sein mit seinen Gedanken, dann kommt alles andere von selbst. Ich habe dich beobachtet und ich muss sagen, dass ich deine Einstellung nicht für richtig halte. Das ist jetzt mehr so ein Gefühl, aber eigentlich stört es mich, wie ich hier Rede und Antwort stehen soll. Warum eigentlich? Das ist nicht symmetrisch, wollte ich sagen. Im Projekt achten wir sehr auf Symmetrie, man wird da für solche Dinge sensibilisiert. Symmetrie ist der Schlüssel zum Anderssein. Ich weiß jetzt, dass ich anders bin, anfangs musste ich schlucken, jetzt habe ich es akzeptiert. Es ist auch ein schönes Gefühl, so im Reinen mit sich zu sein, früher hätte ich das nicht so gedacht. Ich kann meine Wünsche jetzt ausdrücken. Zum Beispiel möchte ich jetzt gern gehen, hören Sie, ich stehe jetzt auf. Das wundert dich sicher, ist aber so.

Abb.: Fernand Khnopff - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153403
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bereit sein

gescheit sein

bewegt sein

Abb.: Fernand Khnopff - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153403
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gescheit sein  Du verstehst, was ich damit sagen will? Der männliche Blick. Ich gehe ins Museum und da finde ich ihn überall. Diese Bilder erschlagen mich. Was hat man unserem Geschlecht angetan, dass es ihm so zu Willen ist? Betrachte diese Frau. Ihr Blick ist ein einziges Warten. Sie ist wir. Sie erwartet den Blick, der sie entblößt, und während sie ihre Position einnimmt, ist es schon geschehen. Warum tut sie das? Warum tut sie sich das an? Das ist das Schreckliche: nicht abseits stehen zu können. Niemals und nirgends abseits. Und dann: ab damit ins Museum. Da hängen wir herum wie die Kostüme vom letzten Karneval. Oder war es der vorletzte? Frau kämpft sich tapfer durch die Jahrhunderte. Ich habe eine Meduse gesehen, die Trümmer einer Frau: das, was der Künstler von ihr passieren ließ. Was ist Medusa anderes als der autonome weibliche Blick? Sie können ihn nicht ertragen, eher töten sie uns. Ja, ihr Blick tötet uns. Und wir lassen es geschehen. Lassen es immer wieder geschehen. Das ist ein Skandal.

Abb.: Fernand Khnopff - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153403
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bereit sein

gescheit sein

bewegt sein

Abb.: Fernand Khnopff - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153403
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bewegt sein  Ich lebe und er lebt nicht. Das ist komisch, finden Sie nicht? Ich lebe mit ihm und er lebt nicht mit mir. Mit wem also lebe ich? Kann mir das einer erklären? Ich will, dass diese Frage geklärt wird. Ich will, dass sie jetzt geklärt wird. Ich lasse nicht zu, dass seine Bücher mein Leben zerstören. Eins habe ich gelesen, in dem zündet sie am Ende seine Bibliothek an und alles verbrennt. Kann vorkommen, wenn einer seine Haushälterin heiratet. Ein empörendes Buch. Unsere Freunde haben es gelesen und lachen, weil er die Haushälterin geheiratet hat. Nein, sie lachen nicht wirklich. Sie ziehen ihre Stirn kraus und tun so, als dächten sie nach. Lass dich nicht erwischen, heißt das. Haushälterin ist passé. Heiraten ist passé. Kinderkriegen ist passé, obwohl ich gern eine Tochter hätte. Wenn es ein Sohn wird, bring ich mich um. Das ist eine Redensart, die ich von meiner Mutter kenne. Ich bringe mich nicht um und es wird kein Sohn. Es wird kein Mensch. Kein Mensch wird. Sie kommen alle ungerufen. Bewegt sein ist alles. Mag kommen wer will. Er ist nicht der eine, er ist einer von vielen. Viele minus X. X = xxx (gestrichen).

Abb.: Fernand Khnopff - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153403
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Emmanation, auch:

Der Projektleiter erleidet einen Kulturschock

Emma-Nation, auch: Der Projektleiter erleidet einen Kulturschock
1

In jeder Beziehung leben, wäre es das? In jeder vergangenen, gegenwärtigen, zukünftigen, wäre es das? Aber sie leben doch, in welcher Beziehung sollte das Nicht-Leben sie tangieren? Dass hier der Hund begraben liegt, davon zeugen Spuren, die ausreichen würden, den Mond zu einer quicklebendigen Pflanzschule des Geistes zu erkären. Welcher Geist wird hier gepflanzt? Das Ungenügen an der Beziehung, die besteht, weil sie besteht, stammt aus vielen Quellen, es fließt von allen Seiten zu und benützt sie als Sammelbecken. Aber was sind Quellen? Sammelpunkte im Gelände wie die Beziehung auch. Also ist die Beziehung selbst eine Quelle des Ungenügens. Warum? Nicht, weil sie das Behagen verweigert. Ungenügen und Unbehagen sind nicht dasselbe. Dennoch erwächst das Unbehagen aus dem Ungenügen, es wächst aus dem Behagen selbst heraus und winkt zu Zeiten mit ihm, als wolle es so demonstrieren, dass es an der Zeit wäre, aufzubrechen in irgendeine neue Beziehung, nicht, weil die Lust am Neuen so groß wäre, sondern weil die Lust sich so schnell verbraucht. Ist das nicht dasselbe? Gewissermaßen ja, was soll Lust schon sein, wenn nicht die Lust am Neuen? Das ist bekannt. Was, andererseits, weiß man über sie, wenn man sie so in Reih und Glied stellt? Lust, Unlust, liegen sie so dicht beeinander? Wenn eine Beziehung etwas ist, das gelebt werden muss, dann ist jede Nicht-Beziehung, jede nicht aufgenommene Beziehung seinetwegen, eine ausgelassene, die unnachgiebig an die Tür des Hauses klopft und sagt: Lebe mich! Das erscheint immerhin möglich, wenngleich im strengen Sinn nicht durchführbar, solange die Verhältnisse sich zukunftsoffen gestalten, die Nicht-Beziehung braucht nur ein wenig Geduld, bis sie dran sein wird, soviel muss man von ihr verlangen können, falls nichts, sprengt sie sich selbst ins Aus. Anders die verpasste Beziehung, die nicht weichen will und als Zweit-Beziehung unter der gelebten zu wuchern beginnt, bis sie der anderen Licht, Luft und Wärme entzogen hat. So etwas soll vorkommen, es kommt, wie man hört, wenn man die Ohren aufhat, alle Tage vor und ist das Normale. Es ist also normal und ganz unabwendbar, dass die gegenwärtige Beziehung durchzogen, ach was: durchwabert wird von den nicht gelebten – je länger sie lebt, umso dichter und gewissermaßen gründlicher, bis in alle ihre fast-geheimen Ecken und Winkel hinein.

Emma-Nation, auch: Der Projektleiter erleidet einen Kulturschock
2

Man muss diese Dinge symmetrisch denken, streng symmetrisch, andernfalls verschließt sich ihr Kern und lässt nur die Platitüde übrig, also das selbstfabrizierte oder von Romanautoren und Apotheken-Therapeuten gestreute Recht aufs Abenteuer, das man sich nimmt, ohne viel zu fragen, weil das Geheimnis der Spontaneität in der Spontaneität liegt und nirgendwo sonst. Damit aus dem Emma-Syndrom ein wirklicher Aufbruch entsteht, müssen beide Seiten im Bild sein, ›verständigt‹, wie der passende Ausdruck lautet, doch über was? Über nichts, über alles. Darüber, dass der andere nicht alles ist, nicht alles sein kann, da er nicht in jeder Beziehung sein kann, was er sein müsste, damit es möglich wäre, jede Art von Beziehung mit ihm ›einzugehen‹ oder zu durchleben. Sich über diesen Punkt zu verständigen, sollte im Prinzip nicht zu schwer sein. Da beide Seiten den Mangel empfinden, wäre er der klassische Aussprache-Gegenstand einer Beziehung, die Klarheit über ihre Grundlagen wünscht. »Ich kann dir nicht genügen, also verlass mich, wenn du es kannst« lautet einer der vielen Sätze, mit denen sie geläufig in Frage stellt, was sie sich »in der Beziehung erarbeitet hat«, und stößt damit bei ihm auf ein ebenso standardisiertes ›Wie recht sie hat! Aber ich kann nicht.‹ Dieser Satz aber will nicht über die Lippen, es sei denn, in einer forcierten Form, die beide zum Lachen bringt und die Aussage aufhebt. Überhaupt hebelt das Erarbeitet-Haben jeden Klärungs-Vorstoß von seiner Seite im Ansatz aus, denn was sie sich erarbeitet hat, bleibt schlechterdings unklar. Auch der Arbeitsvorgang selbst hüllt sich in ein Dunkel, bei dem ihm nicht wohl wird. Weder sieht er, was sie damit meint, noch, was er daneben legen könnte, noch, was sie ›wirklich‹ treibt, wenn sie so redet – in beiderlei Sinn. Er sieht es nicht, seine Phantasie ist an dieser Stelle blockiert, das jedenfalls gibt er sich unumwunden zu, auch wenn seine Lippen versiegelt bleiben, da, soviel scheint ihm gewiss, jede Rede die Sache nur schlimmer machte. Wie sähe aus, was seine Phantasie ihm zu sehen verweigert? Er könnte, sofern ihm die Beziehung das entsprechende Quantum Souveränität erlaubte, an dieser Stelle die Geburt der Asymmetrie aus der Symmetrie konstatieren, doch davon ist er weit entfernt. Noch –? Wer darf das entscheiden? Die Beziehung, ihre Beziehung ist also das: Arbeit, ›ein schweres Stück Arbeit‹, von dem er nichts weiß, dem auf seiner Seite offenbar nichts entspricht, also – von seiner Seite her – ein Versäumnis. Das muss es sein: er versäumt die Beziehung, deren Nutznießer er doch offenbar ist, da die ganze Arbeit gewiss nicht umsonst getan wird, nur letztendlich umsonst, da er sie nicht sieht, sie also wohl gesehen werden will, zwecklos, um ihrer selbst willen, aber doch auch um der Sache willen, um der Gemeinsamkeit willen, die nur existiert, weil dort, auf der anderen Seite, ein Opfer gebracht wird, das für ihn offenbar nicht existiert.

Emma-Nation, auch: Der Projektleiter erleidet einen Kulturschock
3

Es ist die Arbeit, die zur Asymmetrie drängt – vielleicht wäre es besser, sie unterbliebe, auch das zu beurteilen fehlen ihm, ahnungslos, wie er ist, die Mittel, denn wie die Dinge liegen, bleibt ihm nur das haltlose Schwanken zwischen zwei Einschätzungen: entweder er entschließt sich, anzunehmen, dass diese Arbeit, von der er nichts sieht und weiß, getan wird, dann ist er ausgeschlossen von dem, was in seiner Beziehung wirklich geschieht, in gewisser Weise also von der Beziehung selbst, oder er zieht es vor, sie als einen rhetorischen Trick abzutun, der ihn in Verlegenheit bringen soll und wirklich bringt. In letzterem Fall kann er sich der Folgerung nicht verschließen, dass die andere Seite, um ihn zu manipulieren, sich nicht scheut, an dieser Stelle eine Lüge ins Spiel zu bringen. Das wieder würde bedeuten, dass sie das Grundaxiom der Beziehung – ›Sei wahrhaftig!‹ – mutwillig um eines billigen Vorteils willen verletzt. Das kann eigentlich nicht sein – ein Satz, dessen überbordende Einfalt umstandslos den Widerpart auf den Plan ruft: Sei kein Tropf. Ist er einer? Wäre er einer? Sicher wäre er einer, ließe er die Sache mit der Arbeit auf sich beruhen und akzeptierte, ohne zu murren oder auch murrend, warum denn nicht, den Deutungsanspruch, der darin liegt und vage etwas in Spiel bringt, das zwischen Deutungshoheit und wirklicher Hoheit changiert. Wäre er keiner, ließe er sie nicht auf sich beruhen und forschte nach, um, da nun einmal gearbeitet werden muss, sich um eine Anstellung als Hilfsarbeiter zu bemühen? Immerhin könnte er sie damit in Verlegenheit bringen. Wäre das ein Gewinn? Natürlich nicht. Es wäre nicht ein Verlust, es wäre der Verlust, der alle anderen und schließlich den der Beziehung nach sich zöge. Der Zwiespalt bleibt demnach und mit ihm boxt sich die Einfalt wieder nach vorn: Sei einfältig! Lebe deine Beziehung, denn eine andere hast du nicht. Noch nicht!

T

Das Monster erwacht

 

Man muss die Dinge bei der Wurzel packen

 
T – das Monster erwacht
1

vergiss nicht den schlüssel zur existenz das tägliche pensum gedanken gelächter träume frascati das gute essen die fülle des gegebenen sex aufwand aller aufwände mutter aller verbote hebel aller befreiung wasch dir den pelz mach dich nicht nass durchquere trockenen fußes das irdische paradies öffne die fenster am weg schließe die tür hinter dir schließe sie sanft wenn du gehst geh nicht zu früh es hat keine eile ermuntere niemanden sei niemandes niemand patron oder beides klopfe den staub von den schuhen vergib dem der dich der welt vergib rechtzeitig vergib allen vergib der welt welch grober gedanke vergiss trage ihn aus frage ihn aus

 

Nehmen Sie an oder nehmen Sie Tee?

 

Are you ready are you T
What kind of T are you designed to be

 

Das sind Prozesse
das geht in Ordnung

 

hilf Auge hilf

 

Das falsche Bewusstsein können Sie in der Pfeife rauchen

Das Innenaußen macht Tronka zu schaffen

 

Im Innenaußen liegt Kraft

Das Innenaußen macht Tronka zu schaffen
1
Innenaußen

Nein, er duldets nicht. Was er nicht duldet, entzieht sich seiner Ein-, vielleicht auch Ansicht, denn ansichtig muss man seiner doch sein, bevor die Einsicht sich Bahn bricht, und diese Einsicht, als ausstehende, drückt aufs Gemüt, als stünde sie nicht bevor, sondern als stünde sie hinter ihm und lasse nicht los, ehe sie das Werk vollendet und ihn hinabgestürzt habe – wo auch immer hinab, ist das wichtig? Wäre das wichtig? Diese Bilder des Hinauf und Hinab stammen nicht aus dem Märchen, sondern direkt aus dem Selbstumgang, der Leib ist eigen in ihnen und eignet sich nicht für lösende Späße. Die Aussicht, ›über die Klippe‹ gedrückt zu werden, wirkt harmlos, man kann mit ihr leben, solange keine Klippe in Sicht kommt, dem Leben eignet auf einmal ein Richtungssinn, der ihm üblicherweise abgeht, und darin liegt ohne Zweifel ein Fortschritt, denn das wirkliche Leben, das fortschreiten will, kennt Phasen der Stockung, der Verdichtung, der Ent-Dichtung, aus denen es herausgeholt werden möchte um fast jeden Preis. Herrscht nicht auch hier die Doppelbewegung und herrscht sie nicht unbedingt? Demokrat der Seele, möchte er sein Leben einrichten, wie er will, er möchte schon, wie er will, er möchte schon, doch wäre er Demokrat ohne das Bewusstsein, dass die Majorität nicht in seiner Haut steckt, dass sie nicht die Majorität wäre, steckte sie ruhig in seiner Haut, und wenn sie drin steckte, wollte sie nicht heraus? So will auch er aus seiner Haut heraus, mit Leib und Seele und möglichst mit Führerschein, für den er jetzt Stunden nimmt. Er will heraus, aber er will sie natürlich nicht aufgeben, das gerade nicht, er will, dass alles in ihr abgetan ist, das aber will er unbedingt.

Das Innenaußen macht Tronka zu schaffen
2
Innenaußen

Eben deshalb lässt er sich ja entführen, ins Reich der Sinne, falls diese Vokabeln geeignet sind, einen demokratischen Sinn aufzunehmen und nicht bloß zur Serenissimus-Oper taugen. Entführung, wie er sie verstehen will, ist horizontal, eine Bewegung, in der Entführung und Entführtsein ursprünglich eins sind, eine Bewegung, eine einzige. Warum fällt es so schwer, sich an diesem relativ einfachen Punkt klar auszudrücken, wenn doch Klarheit geradewegs das Erstrebte ist? Nun, es ist nicht der Ausdruck, der ihn beschäftigt, ehrlich gesagt, er leidet an dieser Beziehung, ohne zu leiden, selbst das Wort ›leiden‹ ist ihm verleidet, weil es keinerlei Kräfte in ihm mobilisiert, weder in die eine noch in die andere Richtung. Ihn verwirrt eine Gemeinsamkeit, die keine ist, sobald sie gemeinsam einem Dritten gegenüber treten, aber auch keine, wenn sie zu zweit sind, nur dass jeweils eine andere fehlt, so als ob deren zwei im Spiel wären, was ja auch stimmt, da sie dem Dritten gemeinsam gegenüber treten und sich gemeinsam über ihn äußern, sobald sie allein sind. Das Alleinsein also fügt zusammen, doch so zu denken enthüllt nur die halbe Wahrheit, denn dieses Zusammensein kränkt, es enthält eine Kränkung, wie eine Tasche ein zusammengeknülltes und vergessenes Blatt Papier enthält, auf dem eine Warnung stand, der man keinen Zugang zu den Entscheidungszentren erteilt hat, als noch Zeit dafür war.

Das Innenaußen macht Tronka zu schaffen
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Innenaußen

Eine Kränkung, also könnte man schließen: eine Verletzung der Eigenliebe. Doch vielleicht wäre dieser Schluss, der unmittelbar ins Schwarze zielt, gerade deshalb verfehlt, weil Eigenliebe die Kränkung eher verbirgt: wie sollte das Verbergende das Verborgene sein? So zu denken enthielte doch einen Widersinn, dessen Eigenlogik ihm nicht aufgehen will, es sei denn, er denkt in Begriffen schlichter Geselligkeit, wo einer nicht zugeben mag, was für alle nur zu offensichtlich ist. Die Eigenliebe ist ein sozialer Akteur, ein ›Handlungsträger‹, geneigt, Spiele zu spielen, andererseits etwas, in das sich einer hineinsteigert, so dass es eine Weile braucht, bevor er wieder mit sich ins Reine kommt. Die reine, nicht durch Rivalität künstlich gesteigerte Eigenliebe, sollte es sie geben, wäre einerseits ganz sozial, andererseits ganz gleichgültig gegenüber dem Sozialen, eine zweite Haut sozusagen, das Innenaußen noch einmal, vielleicht erst wirklich, denn in gewisser Weise bleibt die biologische Haut doch stets eine Metapher. Wie nun, wenn diese reine Eigenliebe sich einmal verletzte? Wäre sie dann noch rein? Oder wäre sie der soziale Akteur, der sich unmittelbar zum Tyrannen aufschwingt? Im gegebenen Fall deckt ja das Nichthandeln die Kränkung zu, nicht das geheuchelte, in dem der Dolch steckt, sondern ein zweifellos zu konstatierendes. Dass dieses Nichthandeln spürbar wird, ist offenbar bereits zuviel des Guten, es zeigt die Kränkung an, hebt sie sozusagen in die Wahrnehmung, unwahrscheinlich, dass es der Eigenliebe geschuldet sein könnte, die nur dulden kann, was geschieht, wenn sie am längeren Hebel sitzt, wenn also das gegenwärtige – oder allgegenwärtige – Nichthandeln sich irgendwann in ein jetzt aufgeschobenes Handeln auflöst. Wünscht er denn, irgendwann zu handeln? Offenkundig nicht, denn damit höbe er auch die Rest-Gemeinsamkeit auf und daran ist ihm nicht nur nicht gelegen, sondern er will sie festhalten mit allen Mitteln, erlaubten und unerlaubten, nur dass er in diesem Fall nicht so recht weiß, ob das gewählte Mittel der stornierten Eigenliebe zu den erlaubten zählt. Mit allen Mitteln? Ganz sicher nicht, eine Grenze gibt es auch hier, aber er wüsste sie nicht zu benennen, er kann sie sich einfach nicht vorstellen.

Das Innenaußen macht Tronka zu schaffen
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Innenaußen

Das Alleinsein fügt sie zusammen und trennt sie. Aber vielleicht liegt darin nur ein Reflex jener übergroßen Zerreißprobe, auf die er sich jedes Mal gestellt sieht, sobald ein Dritter die Szene betritt. Er würde, wäre er weniger leidensbereit, das prompte auf-dem-Markt-Sein der anderen Seite darin erkennen und er erkennt es wohl auch, doch im Modus des Leidens, aus der Perspektive des Leid-Wesens, das sich in ihm breit macht, wann immer es Gelegenheit dazu findet. ›Zu seinem Leidwesen‹ muss er erfahren, dass Besitz gegen die Möglichkeit neuen Besitzes zurücktritt. Er erfährt davon als Besessener, der sich verloren gibt – zu Unrecht, jedenfalls so weit er sich in ihrem Besitz befindet, da dieser nicht in Frage steht, zu Recht, da er in solchen Situationen die Gleichgültigkeit des Besessenseins und Besessenwerdens drastisch erfährt. Dieses Wesen, das er vor kurzem noch abgestreift hätte wie einen Handschuh, der kneift, verfährt jetzt mit ihm nach Belieben, es brüskiert ihn, es führt ihn vor, es präsentiert sich lachend, als existiere er nicht oder als sei er ein Hund, zugelaufen oder aus dem Tierheim ins Haus geholt, was weiß man schon. Brüskiert es ihn? Führt es ihn vor? Er weiß es nicht, das einzige, was er wissen könnte, wäre, dass das Wort ›Eifersucht‹ die Wahrnehmung zuverlässig blockiert, denn das ist es, was sie ihm lachend entgegenhält, als er seinem Kummer Laut gibt: E***, das Durchgestrichene, Verbotene, Undenkbare, Relikt einer vergangenen Geschlechter-Epoche, weniger als nichts, deutlich weniger, ein Verdacht, nein, kein Verdacht, eine Unmöglichkeit. Worauf eifersüchtig? Auf die umschmeichelnde Welt? Schmeichelt sie denn? Hätte sie Anlass zu schmeicheln? Womit sollte sie schmeicheln? Eher riskiert er Blicke dafür, dass er sich so hat binden wollen, können, Blicke, die ein Wissen zu signalisieren scheinen, das ihm abgeht und die sich senken, sobald er sie auffängt. Auch diese Partie endet unentschieden, bevor sie begann.

Das Innenaußen macht Tronka zu schaffen
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Innenaußen

Besser wäre es, die Dinge zu betrachten, wie sie sich ohne Dritte gestalten. Dazu gehört eine bestimmte Art von Geduld – die des Beobachters, der sich in der Gewissheit wiegt, dass seine Stunde naht. Also etwas, das es in einer Beziehung nicht gibt, nicht geben darf, solange sie ernst gemeint ist. Ist seine Beziehung ernst gemeint? Wie meint man es ernst? Von Kindesbeinen auf geläufig ist ihm der Ausdruck ›ernste Absichten hegen‹, er kennt ihn aus dem Repertoire bedenkenträgerischer Fragen aus der älteren Generation, er bestreicht das Vorfeld einer durchgestrichenen Institution, der ›traditionellen‹, auch ›konventionell‹ genannten Ehe, in ihr hätte er nichts zu suchen. In der Beziehung nun, das sagt der Alltag deutlich, sind Absichten unangebracht, aber die Frage nach dem Ernst bleibt. Sie zum Beispiel meint es mit ihrer beider Beziehung ›sehr ernst‹, überhaupt meint sie das, was sie dann sagt, wenn sie darüber spricht, sehr ernst, die Stimme unterstreicht diesen Umstand nicht nur, sie wird selbst sehr ernst in den Momenten, in denen sie es vorträgt, ganz im Gegenteil zum munteren Plapperton, mit dem sie ihn sonst überzieht, als solle er nicht zu Wort kommen oder als entzöge sie ihm das Wort, bevor er es an sie richten könnte.

Gewiss fände einer, der seinen Redeanteil mit der Stoppuhr mäße, eine solche Aussage absurd und vielleicht ist sie es auch in gewissen Maßen, nichtsdestoweniger deckt sie eine Realität. So fühlt sich sein Ernstsein blockiert an und ›an den Rand gedrängt‹, bevor es sich richtig entfalten kann, nicht unähnlich einem Regenschirm, der für alle Fälle bereitsteht und ansonsten nur als störendes Objekt aus einer Ecke in die andere geschoben wird. Was daran stört, wüsste er nicht zu sagen, selbst dass es stört, steht außerhalb aller Gewissheit. Ja, dieser Ernst stört, ohne zu stören, vielleicht, weil er nicht stören will, vielleicht auch, weil er als Störenfried beibehalten werden soll, daran kann man schon einmal denken, ohne den Gedanken als solchen zuzulassen oder gar von allen Seiten zu betrachten. Überhaupt liegt vieles Angedachte in allem, was undenkbar erscheint. Es führen mancherlei Wege in den Nebel hinein, doch keiner führt wieder heraus. Er müsste jetzt, wollte er die eingetretene Situation beschreiben, Beispiele auf den Tisch legen, das ist, so wie er sich fühlt, ausgeschlossen, auch gäbe es, vorderhand, niemanden, an den das Verfahren sich wenden würde, also auch keinen Grund, es anzuwenden. Gestern zum Beispiel... Oder wäre es vorgestern...? Gestern war gestern und vorgestern vorgestern. Heute ist heute, könnte man darauf entgegnen, man kann es aber auch lassen. Schwieriger wäre es, morgen heute sein zu lassen und übermorgen ein weiteres Heute, ohne Abstriche, ohne Zusätze, ohne dass etwas sich änderte, doch was soll sich ändern?

Pi mal Daumen oder Das Glück
liegt auf der Matte

Pi mal Daumen
1

Reflexion (1)

Das Glück an die Stelle des Vorhangs setzen: Ist es das?
War es das?
Wenn nicht das, was dann?
Aber das Glück ist der Vorhang: was also wird hier an wessen Stelle gesetzt? Nun ... mag sein, das Glück ist nicht der Vorhang, sondern liegt in der simplen Tatsache, dass er vorhanden ist. Dann wäre das ganze Unterfangen nur ein Versuch, das Glück nackt zu genießen. Aber dazu müsste man den Unterschied kennen. Müsste ihn so kennen, wie die Sprache ihn kennt. Man müsste also ... das verhüllte Glück im enthüllten sehen, müsste, kurz gesagt, die Differenz empfinden, die das eine vom anderen trennt. Damit läge das unverhüllte, das unverhängte Glück im Genuss der Differenz – jedenfalls für den Fall, dass die Empfindung der Differenz, die da sein muss, unbedingt da sein muss, das Glück nicht trüben soll, und Glück etwas ist, das sich im Genuss öffnet oder erschließt, also gewissermaßen enthüllt. Das unverhängte Glück wäre also das Glück doppelt: das unverhüllte und das im Genuss sich enthüllende. Wie das? Wer im Genuss watet, weil das Glück unverhüllt zugegen ist, was sagt dem die Differenz? Ist ihm das Glück nicht ganz und gar eröffnet? Und ist es dann nicht einfach? Ist es nicht einfach Glück?

Innenaußen
Pi mal Daumen
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Reflexion (2)

Nicht ganz. Denn, ehrlich gesagt, das gerade noch etwas verharmlosend ›Vorhang‹ Genannte lässt sich nicht einfach beiseite schieben. Ebensowenig wäre das, was sich blicken ließe, gelänge es dennoch einmal, das Glück. Eher gleicht es etwas, das man, ein wenig vereinfachend, als Glücks­verlassen­heit bezeichnen könnte: ein Zustand, der über die bloße Abwesenheit von Glück oder das aktuell empfundene Unglück deutlich hinausgeht. Sollte es stimmen, dass der Vorhang das Glück verhüllt, dann stimmt ebenso sehr, dass er es zeigt, und wenn es richtig ist, dass ein Glück, das sich zeigt, das Glück dessen ist, dem es sich zeigt, dann nimmt, wer den Vorhang fortnimmt, auch das Glück – sein Glück – mit hinweg.

Innenaußen
Pi mal Daumen
3

Frage:

Was ist der Vorhang? Das sich verbergende und entbergende Glück? Schöbe, wer ihn beiseiteschöbe, sein Glück beiseite: das ihm, dem Einzelnen, zugemessene Quantum Glück, über das hinaus es für ihn keines gibt? Dann wäre dieser Vorhang nur für ihn bestimmt – nein, nicht einmal das: er wäre bloß vorgehängt, das Verhängte wäre das Schicksal des Einzelnen und das Glück eine Lüge. ›Dieses Glück war nur für dich bestimmt‹: der Sinn dieser Rede liegt im vorgreifenden Unglück, quicklebendig wird er in dem unbestimmten Gefühl, etwas zu verpassen und damit ein für allemal verpasst zu haben, falls – nun ja, falls man es sich nicht nimmt: jetzt, hier, unbekümmert darum, dass dahinter das Unheil lauert.

Innenaußen
Pi mal Daumen
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Allerdings – der Ausdruck schreibt sich leicht hin, vermutlich, weil er in der Pendelbewegung des Denkens den Moment des Stillstands, der Umkehr, der Gegenwendigkeit bezeichnet –, allerdings erwüchse aus dieser Sichtweise für das selbstverantwortete Leben die Pflicht, geradezu die Notwendigkeit, einen seiner unendlich kostbaren Blicke auf das zu richten, was es hinter dem Vorhang erwartet, und zwar auch für den Fall, dass es gewillt wäre, sich vor in der Lüge einzurichten. Nichts fixiert einen Lügner stärker in der Lüge als das Bewusstsein der Lüge. Nichts lässt das falsche Glück wirkungsvoller als das richtige erscheinen als die als Überzeugung getarnte Panik, für die kein wahres Glück existiert. Und nichts befördert diese Einsicht stärker als der Blick hinter den Vorhang. Das System der Lüge ist ein Zweikammern-System, in dem hinten immer bereits im Grundsatz annulliert ist, was vorne gerade beschlossen wird. Das Glück der Lüge liegt im Vorsatz, es genießen zu wollen, wissend, dass man nicht weit damit kommen wird. Anders gesagt: es fließt aus dem Recht aufs je eigene Unglück.

Innenaußen
Pi mal Daumen
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Das System der Lüge...: wer so empfindet, zeigt sich empfänglich für den Geist des Aufruhrs, der nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit in sozialen Beziehungen gelten lassen will – den Geist des Aufruhrs, nicht den Aufruhr selbst –, immer vorausgesetzt, ein solcher Mensch ist jung und findet, langsam sei es an der Zeit, dass es losgeht, das Leben: vermutlich um ihn, nachdem es sich durch ein geniales Manöver freigespielt hat, mit einem präzisen und kraftvollen Wurf ins Ziel zu schleudern. Dem Geist des Aufruhrs ist jeder Vorhang und jeder Schleier ein Schleier zuviel und er wird stets sein Glück darin finden, ihn herunterzureißen: das ganze Glück liegt hinter dem Vorhang, denn dort liegt...

Innenaußen
Pi mal Daumen
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... Panama oder das Andere. Der Schleier, der zerrissen werden muss, ist gerade gut genug, es hervorzubringen und die Welt nach dem Muster des ersten Mals einzurichten oder zu deuten: wo liegt da der Unterschied? Im Ernst, sehen Sie da einen Unterschied? Ich nicht und Sie nicht und sie schon gar nicht, Pida, die fromme Helene, in die Revolutionsklasse aufgestiegen aus dem Provinz-Untergrund einer weitverzweigten katholi­schen Schwesternschaft: ein properes, etwas kurzbeiniges, wohlgerundetes Wesen, das sich eines unvordenklichen Tages auf Tronkas Schreibtisch ausbreitet, um sich von ihm, nun ja, schwängern zu lassen, sehr zu seinem Erstaunen übrigens, denn damit hat er, ehrlich gesagt, nicht gerechnet. Einmal dem Schleier entronnen, ist es ihr Schicksal, keinen Schleier und kein Jungfernhäutchen gelten zu lassen. Aus der Nichtgeltung alles Trennenden erwächst ihr eigentlicher Lebenstraum: Tagtraum, ex negativo genährt von nächtlichen Heimsuchungen, die unter dem erklärenden Zugriff ihrer freudkundigen Freunde wie Schnee an der Sonne zergehen.

Innenaußen

Tronka erfährt, was Leben heißt,
und wird davon berührt

Tronka erfährt, was Leben heißt
1

Natürlich hat Tronka nicht damit gerechnet, auf diese Weise Vater zu werden. Überhaupt hat er nicht damit gerechnet, jemals Vater werden. Er hat damit gerechnet, unauffällig zu leben und niemanden in den Abgrund seiner Obsessionen zu reißen, den einen oder anderen Star-Studenten ausgenommen, der das Zeug dazu besitzen könnte, ihm zu folgen. In seinen vorauseilend erstellten Lebensbilanzen taucht ein Posten ›Studentinnen‹ nirgends auf (ganz zu schweigen von jenen unerhört jungen haarigen Wesen, mit denen manche Kollegen ihre Wohnzimmer drapieren, wenn sie ihn auf ein Glas Wein oder zu einem Essen empfangen). Er ist artig zu ihnen, vielleicht zu artig, man könnte meinen, die eine oder andere habe schon lange auf einen Fußabstreifer wie ihn gewartet, jedenfalls interpretiert er die bei solchen Gelegenheiten aufbrechende schwüle Kälte in dieser Richtung. Aber wie gesagt, er ist schon immer auf und davon, bevor die Situation eskalieren könnte. Warum? Tronka weiß es nicht und will es nicht wissen. Ein wenig, heißt das, weiß er es schon, oder er könnte es wissen, wenn er es wollte, obwohl er auch dann definitiv nicht wüsste, woran er wäre, denn auf diesem Feld zählen, wie auf anderen auch, Taten, nicht müßige Deklarationen. Er lebt in einer Zeit, in der mancher Schwule aus seiner Bekanntschaft, angeregt durch medial überkonnotierte Zeitgenossen wie Schauspieler und Fußball-Recken, sein Coming-out präsentiert, als sei ihm vorbestimmt, damit in die Annalen der Geschichte einzugehen. Vielredner Tronka schweigt dazu. Und dieses Schweigen setzt sich in seinem Inneren fort – zitternd, tentativ und, jedenfalls bis auf weiteres, unverbrüchlich.

Tronka erfährt, was Leben heißt
2

Pida erwischt ihn durch Dreistigkeit. Nicht dass sie sich vorgenommen hätte, ihn zu erobern – »welche Eroberung«, würde sie fragen, »das müsste ich wissen, worum geht es hier eigentlich?« –, aber man muss doch wissen, wie man mit jemandem dran ist, und dazu gibt es nun einmal dieses probate Mittel, ein sehr probates und relativ einfach zu handhabendes Mittel, das seine Wirkung selten verfehlt. Im Internat ist Pida, das sollte vielleicht angemerkt werden, weil es ihr Vorgehen in den Rang literarischer Nachfolge erhebt, einst die Ehre widerfahren, von einem der geistlichen Fräulein über der Lektüre von Lady Chatterley’s Lovers ertappt und bloßgestellt zu werden: der Vorgang zeitigt vielfältigere und mächtigere Folgen als die Lektüre selbst. Pida ist zwar eine schwache Leserin, aber eine aufmerksame Erkunderin sozialer Wirkungen, ohne Scheu, auf eigene Faust zu experimentieren, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Warum warf keines der Fräulein die naheliegende Frage auf, wie zum Teufel das ihr unter gewaltigem Getöse abgenommene Buchexemplar derart zerlesen sein konnte, dass sie unmöglich als Verursacherin in Betracht kam? Pida, wie jede ihrer Mitschülerinnen, glaubt die Gründe zu kennen, und wenn sie Tronkas Sprechstunde dazu benützt, ihm erst in die Arme zu sinken und einige Wochen später, nach kurzem, aber scharfsichtigem Studium der eingetretenen psychischen Folgen, sich den Pullover vom Leib zu ziehen, um diesen Tronkas prüfenden Händen auszuliefern, dann demonstriert sie damit unter anderem, dass sie nicht gewillt ist, gleich ihren verehrten Erzieherinnen sich auf den Buchpfad durch den Dschungel des Lebens zu begeben: ›Seht her, all diese Dinge warten darauf, getan zu werden, und darauf kommt es an, nicht erst am Ende, sondern: von Anfang an.‹ Was immer sie im Verborgenen tut, was immer sie sich leistet, wenn sie sich überzeugt hat, dass kein Unbeteiligter zugegen ist, sie tut es unter den entrüstet-gierigen Augen jener famosen Fräulein, von denen sie sicher sein kann, dass ihnen nichts, aber auch gar nichts entgeht.

Tronka erfährt, was Leben heißt
3

Tronka ist nicht der erste, an dem sie das Verfahren erprobt, aber er ist ihr dankbarstes Opfer – das Wort in jenem unmaßgeblichen, alsbald der Vergessenheit anheimfallenden Sinn genommen, in dem man Gummibäume und Plastik-Tischdecken damit bedenkt. Gewohnt, sich etwas dabei zu denken, gleichgültig, in welcher Gestalt das Leben ihn gerade einholt, fällt es ihm leicht, sich etwas dabei zu fühlen, wenn Pida ihn mit einer ihrer überraschenden Handlungen beglückt. Er könnte, analog zu den Gedanken-Erfindungen, mit denen er seine Tage verbringt, das, was ihm in solchen Momenten gelingt, ›Erfühlungen‹ nennen, mehr oder minder willkürlich ausgeführte Gefühls­bewegungen, die sich dem Wunsch verdanken, emotional zu verstehen, was sich im Anderen abspielt, – nicht, weil er das Innere der anderen Person für eine Bühne hielte, auf der nacheinander unterschiedliche Stücke zur Aufführung gelangen (Descartes’ Bewusstseins-Theater, theoretisch ausgemustert, besitzt in Tronkas Augen allenfalls den Wert einer historischen Reminiszenz), sondern weil er die – unbestreitbar von einer fremden Haut umschlossenen – psychischen Vorgänge durch die Brille eines reaktiven Beobachters sieht, der sich von allem, was geschieht, tief im eigenen Inneren angesprochen weiß und unter dem Zwang steht, darauf spontan erwidern zu müssen, gleichsam emotional Laut zu geben, auch wenn kein Laut über seine Lippen kommt. Später, in Phasen wachsender Entfremdung, neigt er dazu, für die gleichen Vorgänge das Wort ›Übersprung­handlung‹ zu verwenden, teils aus unerschütterlichem Vertrauen in die Theoriekonstrukte der Kollegen (vorausgesetzt, sie sind in anderen Disziplinen tätig), teils, weil die Mode-Vokabel etwas an sich Unverständliches dem Verstehen öffnet und ihm dadurch einen Platz in der Wirklichkeit der Dinge anweist – unwiderleglich gerechtfertigt, weil keiner weiteren Rechtfertigung bedürftig.

Tronka erfährt, was Leben heißt
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Der Wert der Übersprunghandlung liegt im Auge des Betrachters. Er kann mit ihr nach Belieben schalten und walten. Darin liegt ein großer Vorteil. Keiner kennt die widerstreitenden Impulse, denen sie sich verdankt. So ist es ohne weiteres denkbar, eine schmutzige Handlung... aber was heißt schon ›schmutzig‹: eine befremdliche Handlung aus dem Zusammenprall zweier im Grunde harmloser Motive zu erklären. Pidas rapide sexuelle Praxis zum Beispiel als Resultat der wechselseitigen Blockade eines antrainierten Keuschheitswahns und des Bedürfnisses nach einem selbstbestimmten Leben. Der Rotz-und-Wasser-Ausbruch in der Nacht vor ihrer Hochzeit, in dessen Verlauf sie Tronka mehr als einmal bestürmt, das Weite zu suchen und sie ihrem unerklärlichen Elend zu überantworten: ein Crash, ein programmiertes Zug-Unglück zwischen dem archaischen Impuls, sich den elterlichen Lebensregeln zu beugen, und dem generations-typischen Verlangen nach freier Partnerschaft.

Lehre vom Crash

Lehre vom Crash
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TEUSCHNER

Gar nicht so einfach zu erklären, was da ›harmlos‹ heißt: zu harmlos wäre es, sich des konventionellen Motiv-Kanons zu bedienen, zu harmlos auch, dem klassischen Arsenal der Psychoanalyse just an einer solchen Stelle zu vertrauen, abgesehen davon, dass einer wie ich diese Disziplin eher für eine parasitäre Seuche als für eine ernsthaft wissenschaftsfundierte Praxis hält. Man muss schon tief in die Mottenkiste eines abgelebten Halbsäkulums greifen, will man halbwegs dahinter kommen, welche Kriege hier geführt werden. Halbwegs, denn ganz zurück will keiner, und das aus gutem Grund. Also: ob eine Lebensregung mit dem Gütesiegel ›Trieb‹ versehen wird und damit aus der Abteilung ›Kritisierbares‹ in die Abteilung ›Nicht-Kritisierbares‹ wechselt, hängt, nüchtern betrachtet, von der Schule ab, in der einer sich bewegt.

Lehre vom Crash
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Lehre vom Crash
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Das Glück (und Unglück) der Schulen liegt darin, dass sie sich gleich mühelos verbünden wie aufs Messer bekämpfen. Nicht selten geht das eine beinahe unmerklich aus dem anderen hervor, wobei die Reihenfolge gleichgültig – ... sagen wir ... sich wechselnden Problemlagen verdankt, deren wissenschaftlicher Ursprung, naja... Aber im wissenschaftlichen Mäntel­chen erheben sie einen gewissen Anspruch auf Gediegenheit, auch Sachlichkeit – sofern letztere als Wert in Betracht kommt –, der auf anderen Schauplätzen schwerer zu behaupten wäre.

Wissenschaftler allerdings, die sich zu weit auf den gesell­schaftlichen Kampfplatz vorwagen, müssen dann auch bereit sein, schmerzhafte Blessuren wegzu­stecken. Der antiwissenschaftliche Affekt ist im Volk fest verankert, er lässt sich immer leicht mobilisieren. Je höher, sagt Teuschner, der Anteil Studierender an den Jahrgängen klettert, desto stärker nimmt, neben Angst und Sozialneid, auch die ganz normale, sich gleichmäßig auf Personen und Tätigkeiten erstreckende Geringschätzung des akademischen Sektors zu.

Warum das so ist? Teuschner zuckt die Schultern.
Lehre vom Crash
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Teuschner weiß, wovon er redet. Es sind, wer sonst, die großen Drei, mit denen er täglich am Tisch sitzt, um seine Projekte in trockene Tücher zu bringen. Er bedauert diese Entwicklung, vermutlich, weil er zu ihren Nutznießern zählt. Friedenwanger, ein Bein lässig über das andere geschlagen, schneidet ihm lachend das Wort ab: ein wenig Missachtung habe noch keinem geschadet. Und überhaupt.
Lehre vom Crash
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Seit den Tagen des Ur-Reformers Wilhelm von Humboldt (also dem Urknall der modernen Universität) zelebriert jede akademische Generation aufs Neue der Abschied vom Elfenbeinturm. Man entdeckt das Leben und ist von der Aufgabe tief durchdrungen, die alten Institutionen der Wissbegier an diese Stromquelle anzuschließen. Auch du hast dich von diesem immergrünen Fieber zeitweise anstecken lassen. Tronka hingegen

Tronka hält das Gerede vom Elfenbeinturm für einen Ausfluss unsauberen Denkens. Ohne deshalb, wie er, wiederum lachend, anfügt, für den alt­preußischen Griechen-Fan Humboldt eine Lanze brechen zu wollen.

Lehre vom Crash
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Tronkas scharfer Verstand hat die Bruchstelle der Theorie von der Übersprunghandlung schnell erkannt.

 

Mit dieser Ansicht wenigstens steht er in der Zunft nicht allein.

Tronka wankt

Tronka wankt
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Zugegeben: es liegen ein paar Jahre zwischen dieser Aussage und der fatalen Nacht. Aber nicht da liegt das Problem. Das Problem, Tronkas Problem, besteht darin, dass er, nicht anders als die geschätzte Mehrzahl seiner Zeitgenossen, im Alltag ungeniert auf Erklärungsmuster zurückgreift, die er als homo theoreticus für ›obsolet‹ hält und gegenüber den Studenten kühl als Schwachsinn abtut. Er selbst, so sagt er, hat »damit kein Problem«. Doch darin liegt bereits das nächste. Denn selbstverständlich hat er ein Problem damit, dass überall dort, wo Not am Mann ist, in seelischer Hinsicht und überhaupt, sich hinterrücks zu seinem Denken Deutungen Zugang verschaffen, die er an der Vordertür mit einem knappen »Kein Bedarf!« abwimmeln würde. Stünde er mit dem Freudschen Modell nicht auf Kriegsfuß, dann könnte er sagen, sie steigen zwanghaft aus dem Unterbewusstsein auf, und er könnte letzteres, wiederum zwanghaft, mit dem Adjektiv ›gesellschaftlich‹ versehen, um damit anzuzeigen, an welcher Stelle es bei jenem in Ehren ergrauten Modell hapert.

Beides liegt ihm fern.

Daher begnügt er sich damit, die Bewusstseinsverengung zu konstatieren, die ihn dazu veranlasst, einer Hypothese Raum zu geben, deren Prämisse er nicht teilt, weil sein theoretisches Wissen es ihm verwehrt, während das praktische Bedürfnis, sich die Dinge zurecht zu legen, nicht nach Prämissen fragt, sondern...

Tronka wankt
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Sondern?

Nach Effekten natürlich, selbstredend solchen, die eine gewisse Ent­lastung... eine gewisse Entlastung...

Eine Übersprungdeutung?

Zwei naheliegende Erklärungen blockieren einander und die dritte, theoretisch sinnlose, steigt, ein Phönix, empor, um, so sei es gesagt, die Beziehung zu retten, die Pida in jener Nacht um ein Haar pulverisiert hätte, und damit die ›Integrität‹ des eigenen Handelns.

Was, bitte, wären diese Erklärungen?

Zwei beliebige.
Warum beliebige?
Weil niemand da ist, der zwischen ihnen entscheiden könnte.

Es gibt also: die böse und die gute. Die schöne und die hässliche.
Die an den Haaren herbeigezogene.
Die aus dem Bett herbeigeschleppte.

Ferner:
Den sinnlosen Verdacht.
Den genährten Verdacht.
Den inszenierten Verdacht.
Den trügerischen Verdacht.

Die betrügerische.

Aber, wenn alle Erklärungen beliebig sind, was wäre dann die sinnlose?
Die Übersprungdeutung, der Phönix aus der Asche, der sie alle aussticht?

Tronka wankt
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Sinnlos wäre es, geheiratet zu haben, um zu beweisen, dass sie das wollte, dass jene durchlittenen Anfechtungen, ja, Anfechtungen, von dritter Seite kamen, sie also von ihnen beiden durchlitten und bestanden wurden in jener Nacht, in jener Mordsnacht, in der ein ungeborenes Leben zwei Leben mordete, nein, rechtwinklig abbog, vielleicht auch nur eines (aber dann erhebt sich die Frage, welches der beiden: welch/es). Was, wenn aus ihr die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sprach? Dann hätte er gehen müssen, kein Zweifel, festgebannt durch den Eigensinn, die einmal begonnene Sache durchzuziehen, koste es, was es wolle, koste es, was es koste, koste es ... die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, das Leben und nichts als das Leben, das eigene und das andere, fremde, nicht als fremd anerkannte: er hätte gehen müssen. Was, wenn aus ihr der Wahnsinn und nichts als der Wahnsinn sprach? Dann hätte er bleiben müssen, kein Zweifel, aber er hätte nicht bleiben können, weil das andere, vertraute und nicht als vertraut anerkannte, sich offen als das gezeigt hätte, was es, insgeheim oder nicht, bereits war: als Fessel, schwarz, lichtlos, vollkommen inakzeptabel für ein Leben im Sonnenaufgang, in dem eins sich im anderen wärmt und beflügelt, härmt und betrügelt, verlärmt und besiegelt: na was schon.

Na was schon.

Tronka wankt
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Was aber, wenn jene verfluchte Übersprunghandlung ein klug gewähltes Mittel und nichts als ein Mittel war, um die Wahrheit vor ihm zu verbergen und ihn so sicher über die Schwelle dieser verfluchten Nacht zu bugsieren? Was, wenn Pida instinktiv annahm, der Einsatz ihres gesegneten Leibes könne sich in diesem Fall nicht als ausreichend erweisen und sie deshalb auf ein stärkeres Mittel setzte? Dann ... ja dann war seine scheinbare Über­sprung­deutung nicht sinnlos, sondern provoziert, dann war sie das nüchtern kalkulierte Produkt einer überlegenen Strategie, der er – respektive seine Psyche – in dieser Nacht und in dieser Lage nichts entgegenzusetzen hatte.

Aber aber... das setzt doch voraus, dass sie seinem Unwillen, sich in ein von ihnen beiden als vollkommen abgestanden betrachtetes Heiratsmodell zu fügen, einen anderen Stellenwert zuschrieb als ihrem eigenen, der zweifellos vorhanden war und daher ebenfalls überlistet werden musste. Worin kann dieser andere Stellenwert bestanden haben? Ganz einfach: wenn sie ihn in dieser Nacht behandelt hat (was nicht sicher ist, sondern eine bloße Hypothese), dann zweifellos nicht aus emotionaler Verbunden­heit, sondern ziemlich kalt und ziemlich berechnend, das heißt, als Trottel oder als Mann (was hier praktisch auf dasselbe hinausläuft). Behandelte sie ihn als Mann, dann unterstellte sie ihm eine Denkweise, die das Wörtchen ›heiratsscheu‹ ganz angemessen umschreibt: eine abgestandene Vokabel aus einer abgestandenen Zeit und einem abgestandenen Universum. Zufällig koinzidiert sie im Resultat mit seiner offen und vielfältig kommunizierten und freudig aufgenommenen Überzeugung, eine Liebesbeziehung dürfe nicht anders als frei und spontan gelebt werden.

Die Liebe dauert oder dauert nicht
An dem oder jenem Ort.
Tronka wankt
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Tronka, sei wachsam. Misstraue der Schläfrigkeit, die dich zu übermannen versucht, sobald Du Dich dieser Zone näherst. Misstraue dir selbst, misstraue der Partei, die du bist, misstraue der, die du nicht bist. Falls du sicher bist, diese Überzeugung mit ihr geteilt zu haben, so sei dir nicht sicher, sie so wie sie verstanden zu haben, bevor die Nacht eure Gemeinsamkeit pulverisierte. Auch sei dir nicht sicher, verstanden zu haben, wovon du da überzeugt gewesen bist. Schließlich, da du sagst, ihr hättet diese Überzeugung geteilt: zu welchen Teilen? Wer von euch beiden hat sich da welchen Teil genommen? Und, wenn sie teilbar war: wurde sie dadurch weniger oder mehr? Mag sein, ihr habt sie redlich unter euch aufgeteilt: war es ein und dieselbe Redlichkeit hüben wie drüben? Womöglich übte jeder in dieser Nacht seine Redlichkeit oder glaubte sie zu üben oder hielt sie zumindest fest wie einen Bettzipfel, um nicht völlig nackt vor sich selbst dazustehen? War diese innere Stimme, deren ihr euch sicher wähntet, eine Art Rufen im Dunkeln? Und: gab es sie denn auf beiden Seiten? War das, was du auf der anderen Seite hörtest, vielleicht nicht nur ein Echo deiner eigenen Stimme, und du verstärktest es willkürlich, um darin die Stimme der Partnerin zu vernehmen, die du so dringlich hören wolltest? Oder hast du es vorgezogen, blind und taub bei ihr etwas vorauszusetzen, das gerade drauf und dran war, sich aufzulösen oder sich in etwas anderes zu verwandeln? Angesichts des Ergebnisses berechtigte, lange von ihm unterschlagene Fragen. Und siehe da: er kann und will sie nicht beantworten. Er kann sie nicht beantworten, da er die Antwort im voraus weiß und im voraus verwirft. Er will sie nicht beantworten, da er den Mechanismus des Wissens-und-Verwerfens zuinnerst verabscheut und daher instinktiv dafür Sorge trägt, ihn nicht auszulösen.

Fremd gehen

Fremd gehen
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Mompti geht ungern fremd.
Sicher liegt das daran, dass er ungern geht.
Gehen machen ist seine Devise, er ist Spezialist für alles, was nicht geht. Die ungelösten Probleme der Kunstgeschichte ziehen ihn mächtig an. Er raucht viel, in der Regel diese ungefilterten Zigarillos, in denen sich der Tod nur oberflächlich verbirgt. Was lässt ihn sicher sein, dass dies Rendezvous auf sich warten lässt?
Die Kunst?
Der Sexus?
Eine Mischung aus beiden?
Wie und wo mischen sich Kunst und Sexus? Dieser Frage hängt er nach und bläst seine Kringel in die Luft. Ein Blatt, ein leeres Blatt – und er ist beim Thema. Ama kann ihm da wenig helfen, ein Gespräch mit ihr wäre schnell hinderlich. Ohnehin fällt ihm bei dem Wort ›Sexus‹ alles mögliche ein, Ama nicht unbedingt. Mompti braucht Ama, er braucht ihr Geschlecht und kommt regelmäßig mit demselben Gleichmut darauf zurück, mit dem andere Leute Brötchen holen. Unser täglich Brot gib uns heute – zwischen Laib und Leib passt wenig und kaum Bedeutendes. Ihm genügt, dass sie da ist, er wird unruhig, wenn sie das Haus verlässt und kehrt in sich selbst zurück, sobald sich ihr Schlüssel im Hausschloss dreht.

Fremd gehen
2

Mompti hat sich von seiner früheren Frau getrennt, weil ihn die Aussicht, eine Familie ernähren zu müssen, ›zutiefst‹ erschreckte. Ama ist die sichtbar gewordene Antwort auf diesen Schrecken. Ihre bäuerlichen Bewegungen, ihr lasziver Gang stören ihn nicht, im Gegenteil, sie schenken ihm die Gewissheit, im unerschütterlichen Egoismus eines anderen Menschen eine feste Bleibe ergattert zu haben. Ama war da, als die andere ging – vielleicht war es doch eher sie, die ihn verlassen hat, weil der nicht unterdrückbare Kindeswunsch es ihr befahl –, Ama war da, weil die andere ging, und sie war in einer Weise da, die ihm signalisierte, sein Problem sei durch ihre Gegenwart zu beheben, nein, es sei durch sie bereits behoben und er müsse jetzt und in Zukunft um nichts anderes sorgen als darum, sie zu beherbergen.

Seltsamer Gedanke für einen, der die Unbehaustheit so schätzt.

Fremd gehen
3

Ist Ama ihm zugelaufen? Die Frage schickt sich nicht, aber sie ist unabweisbar. Der Tiervergleich bietet sich aus verschiedenen Gründen an. Erstens: Ama selbst ist eine Katzennärrin. Zweitens: ihr Gang, katzenhaft träge, gleichgültig, dabei geschmeidig, ein definiens, kein definiendum – »Streichle mich, aber fass mich nicht an!« – ist das, was bleibt, wenn er die Summe der Alltagsverrichtungen von ihr abzieht, wenn er die Redensarten von ihr abzieht, die mehr ihrer Umgebung entstammen als eigenem Nachdenken, mehr Stimmungen reflektieren, als dass sie Halt und Bleibe böten. Drittens – oha! –: Ama ist, in geräuschlosem Widerspruch zur weiblichen Verweigerungspraxis, die sie als Monstranz vor sich herträgt, häuslich. In welchem Sinn? Nun, im elementaren: ein Hauswesen, das jeden Winkel des alten Gemäuers kennt und es täglich durchstöbert, ohne sagen zu können wozu, ohne sagen zu wollen, was sie da treibt und welche Bilder dabei in ihr aufsteigen.

Fremd gehen
4

Die Bilder – ›ihre‹ Bilder – holt sie sich in Garten und Feld: ein, zwei, drei Steinchen, ein paar Blätter, ein Grasbüschel, manchmal, sehr selten, einen Blütenzweig. Sie legt sie auf ihren Zeichentisch, betrachtet sie, schiebt sie hin und her, stupst sie an – ja, sie stupst sie an, als wollte sie sagen: Renn! Mehr als einmal spürt Mompti die Regung, sie ihr wegzunehmen, sei es aus Neugier, um Amas Fauchreflex zu stimulieren, sei es aus Künstlerlaune, weil der Anblick in allen Stadien welkenden Grünzeugs, das die Wände ihres Ateliers bedeckt und sich auf penibel gerahmten Buntstiftzeichnungen vom Holzboden aufwärts rankt, ihn melancholisch stimmt, als sei der Whisky im Haus ausgegangen und habe Lücken im Regal hinterlassen, Merkzeichen eines unbestimmten Handlungsbedarfs, der aus irgendeinem Grund niemals angesprochen werden darf.

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5

Aus irgendeinem Grund sind Ama und Mompti eins. Nicht, dass sie sich jemals dafür entschieden hätten – schließlich vollzieht sich das Einswerden nicht auf einen Schlag, und wenn es Zeiten gab, in denen zwei Lebenspartner nichts anderes erwarteten und eher erstaunt nach einigen Jahren ehelicher Zwiesprache zur Kenntnis nahmen, dass ihre Lebensauffassungen unverrückbar dieselben und weiterhin different geblieben waren, so hat sich in ihrem Fall offenkundig das umgekehrte Wunder vollzogen: weder gab es einen Zeitpunkt, zu dem sie sich, sozusagen offiziell, beim jeweils anderen als Partner fürs Leben eingetragen hätten, noch hätten sie sich jemals jene stille Drift eingestehen dürfen, die mit der Zeit dazu geführt hat, dass die Marotten, Vorlieben, Abneigungen, Sprüche und Gewohnheiten des anderen, sein Bezugspersonal und seine offenkundigen Lebenslügen jeden von ihnen in einem Schwingungszustand halten, aus dem kein Entkommen möglich zu sein scheint. Einer des anderen Uhr – man muss nicht zu jeder Stunde das Zifferblatt kontrollieren, um zu wissen, was es geschlagen hat, man muss nicht sonderlich mögen, wie der andere tickt, aber es gibt Orientierung.

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6

Warum auch entkommen? Das ist leicht gesagt. Der beiden ins Gehirn geschriebene ideologische Code, der Symbiosen dieser Art strikt untersagt, bietet dabei das geringste Problem. Er lässt sich durch rituelle Feinsteuerung leicht umgehen, bei der die sogenannten ›Freiheiten‹, die man sich nimmt, obenan stehen. Aus ebenso undurchdringlichen wie durchsichtigen Gründen verweigert Ama die Verrichtungen, die ein Haushalt mit sich bringt. Mompti, der ironisch die Augenbrauen hochziehen würde, käme jemand auf die Idee, ihn als ›Hausmann‹ zu bezeichnen, wäscht, spült, kocht an der Gleichheitsfront, so wie er Amas leichtgewichtige Zeichenkünste unerschrocken den seinigen zur Seite stellt, allerdings mit verräterischen Zusätzen, die zwar nicht erkennen lassen, was er wirklich von der Sache hält – nichts –, dafür aber den Bogen zum Feuilleton schlagen, in dem Arbeiten wie die ihren als ›wichtig‹ gelten, weil sie als lebendige Widerlegungen des alten Vorurteils, das künstlerische Produktivität als vorwiegend männliche Domäne betrachtet, einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert besitzen.

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7

›Wichtig‹, ›ganz wichtig‹ nennt Mompti das, was Ama treibt, wenn sie, vom Feld- und Wiesengang zurückgekehrt, zum Zeichenstift greift. Sehr erstaunt wäre er, bezichtigte ihn jemand deshalb des Verrats an einer aufrichtig bewunderten Kollegin, deren Ausstellungen er sich ungern entgehen lässt. Eher lassen Amas Anzüglichkeiten darauf schließen, dass sie sich bei solchen Gelegenheiten zurückgesetzt fühlt. »Was geht’s dich an, was diese Frauen treiben?«, scheint ihre Mimik zu sagen, um gleich hinzuzusetzen: »Natürlich, wer wüsste es nicht?« Wer wüsste es nicht? Mompti weiß es nicht, er will es nicht wissen, er wehrt das Ansinnen wie eine lästige Fliege ab, er lässt, während er nach dem Autoschlüssel kramt, ein tapsiges Brummen hören und verlässt das Haus mit einem Grinsen im Gesicht, als habe er damit den Beweis, als Mann ernstgenommen zu werden, einen Tag länger in der Tasche und als fühle sich das – irgendwie – gut an. Weniger gut fühlte es sich an, als er einen Band mit Pastellbildern jener unglaublichen Rosalba Carriera aus dem Einkaufsbeutel schälte, deren Prominentenporträts an den Höfen des achtzehnten Jahrhunderts Furore machten, um in den Museen des zwanzigsten als klassische Staubfänger auf Expertenjagd zu gehen. »Willst du jetzt Rokoko oder was?« – so ihr trockener Kommentar, bevor sie ohne weitere Worte den Raum verließ. Was will Mompti? Er will sich nicht entscheiden, das steht fest, weniger fest steht, wofür er sich nicht entscheiden will, schließlich benötigt, wer sich entscheiden soll, eine Wahl.

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8

Weiß Mompti von der bohrenden Ungewissheit, die Ama auf ihren Feldgängen begleitet und dafür verantwortlich ist, dass sie sich nach allem bückt, was ihr unscheinbar, welk und verlassen dünkt?
Nein, er weiß es nicht.
Weiß Mompti, wie oft ihr der Blick in den Spiegel eine weiße Fläche zurückgibt, ein unbestimmtes, konturloses Nichts ohne Strahlkraft, ohne die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu erregen oder, falls sie sich wie aus Versehen doch einmal einstellt, länger als einen Wimpernschlag lang festzuhalten?
Nein, er weiß es nicht.
Weiß Mompti, was ihr durch den Kopf geht, wenn sie den Zeichenstift zückt und mit unendlich scheinender Geduld ihre Striche setzt, bis auch der letzte Winkel des vor ihr liegenden Papiers sich in eine grün-braun-graue Einheitsfläche verwandelt hat, aus der hier und da die zackige Kontur eines Ahornblattes oder eine verwitterte Steininschrift hervortritt?
Nein, er weiß es nicht. Seiner festen Überzeugung nach ist ein Kopf dazu da, Wirkungen auszuknobeln, die aus dem Zusammenspiel feinster, in winzigen Farbnuancen gegeneinander verschobener Lineamente hervorgehen, und er hat beschlossen, Amas Arbeiten, wie er sie nennt, als entferntes und doch, der Richtung nach, eng verwandtes Pendant zu seinen Bildexperimenten gelten zu lassen, als Versuche, etwas unnennbar Gemeinsames wirklich werden zu lassen, das seiner ununterbrochenen mentalen Unterstützung bedarf, auch wenn er nicht genau weiß, worin diese bestehen könnte.
Weiß Ama, dass Mompti, wenn seine Gedanken zu ihrem ein halbes Stockwerk über seinen Gerätschaften aufgestellten Zeichentisch hinauf- und hinüberzirkulieren, die Leere ihrer Gedanken durch ein brodelndes Stimmengewirr ersetzt, das ihn verwirrt, ratlos, stolz auf das Erreichte und niedergeschlagen, als gehe es ihm und seiner Zunft in naher Zukunft an den Kragen, zu dem zurückkehren lässt, was er sein tägliches Pensum nennt?
Sie ahnt es.
Sie ahnt es und es ist ihr recht. Sie ahnt, dass es Unrecht ist, so zu denken, sie genießt dieses Unrecht, so wie sie jedes Recht als Vorrecht zu verabscheuen gelernt hat, es sei denn, es handelt sich um das ihre. Gleichzeitig registriert sie mit leiser Erbitterung, dass sie sich auf diese Weise von Mompti entfernt, und gibt ihm instinktiv die Schuld daran.

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9

Rosalba Carriera? Der Name sagt Ama nichts. Da sie keine Kunstgeschichte studiert hat, ist das ›gestattet‹, es fällt in ihren Kreisen nicht weiter auf. Allein dem einen oder anderen Professor träte ein feines Lächeln auf die Lippen, wäre es ihm vergönnt, Ama in Fahrt zu bewundern. Was sie erkennt, wenn Mompti den Band aufschlägt – er schlägt ihn ungeniert in ihrer Anwesenheit auf, er lässt ihn aufgeschlagen liegen, wenn er das Haus verlässt –, ist simples Rokoko und sonst nichts. Nur von jenem größeren Nichts, das sie vor dem Spiegel studiert, hat sich etwas daruntergemischt und lässt ihre Lippen beben. Schon der Name spricht für sie Bände, das süßliche ›Rosalba‹ erinnert sie an quietschrote, zu beiden Seiten in Schwänzchen eingedrehte Bonbonverpackungen. Vor allem verweist er sie fatal auf das Modewort ›Karriere‹, das in ihren jungen Jahren die Summe aller verabscheuungswürdigen Lebensläufe umfasste und seither die Gesamtheit all dessen zum Ausdruck bringt, was einer Frau zusteht und deshalb von ihr verlangt werden muss.

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10

Selbstverständlich ist Ama Karrierefrau. Was denn sonst? Doch ebenso selbstverständlich entzieht sich ihr der Sinn dieses Wortes, wann immer sie ihn mit ihrem realen Tagesablauf abzugleichen versucht. Was daran wäre ›Karriere‹? Ihr Vater, der ihre Existenz finanziert, ist in der Regel diskret genug, die Frage nicht laut zu stellen, doch herauslesen lässt sie sich mühelos aus seinen halb schmerzlichen, halb amüsierten Blicken, die sie zur Weißglut bringen, weil sie etwas ausdrücken, das unablässig in ihr selber kreist.
›War es das, was du wolltest? Ist es das, was du willst?‹
Natürlich nicht, macht sich eine Stimme in ihrem Inneren zu rufen bereit, aber Ama besitzt große Routine darin, sie im Ansatz zu unterbrechen und zu zerstreuen. Mit sich selbst hat sie sich auf die Formel geeinigt: »Karriere, was soll das sein?«
Sie wirft sie jedem entgegen, der das Thema in ihrem Beisein anschneidet – mit funkelndem Blick und spöttisch verzogenen Lippen, so dass der andere, verschreckt angesichts soviel unerwarteter Härte, schleunigst das Thema wechselt. Was nicht viel nützt, denn nun ist Ama im Thema: dem nichtsnutzigen Leben, das ihre prominenten Zeitgenossinnen führen und das auf nichts weiter hinausläuft als darauf, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Kontakte zu aktivieren und abzukassieren.

»Aber gut sieht sie aus, das muss man ihr lassen.«
»Naja.«

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11

Rosalba Carriera oder die Talentfrage: Da liegt sie, unaufgeschnitten wie eine Bütten-Ausgabe von Lettre International, wer soll darin lesen? Ama weiß nichts von der Altersblindheit der Konkurrentin, sie neidet ihr keinen ihrer verbürgten Erfolge, sie neidet ihr: das Talent.

Talent, was ist das?
Eine Dienstleistung der Natur, von der keiner weiß, ob, wann und wo sie erbracht wurde, ganz zu schweigen vom Zweck und der Hoffnung, die nimmer ruht.
Ein Anspruch, ein Argwohn, ein Fegefeuer, ein Rausch, eine Verzweiflung, eine Selbstverständlichkeit, eine Quantité négligeable, ein Papageienmund, ein weißer Rabe, ein Gerücht.
Ein Wahn, ein Krankmacher, ein Ungleichmacher, ein Büchsenspanner, ein Handbuch für Heckenschützen, ein avis contraire.
Das Einfache, das Leben schwer macht.

Ama stößt hier in Gefilde des Nachdenkens vor, die nur wenigen Menschen existentiell zugänglich sind, aber das Gemütsleben vieler nachhaltig affizieren. »Bin ich wirklich gut? Bin ich wirklich Künstler?«

Ama weiß nicht, was gut ist. Sie ist nicht gut im Taxieren, sie lehnt die Leistungsschau ab, nennt sie: männliches Potenzgehabe.

Ist Ama Künstlerin? Sie lehnt diese Frage ab. Andere müssen sie beantworten, sie nicht. Das ist jetzt nicht ihr Problem. Wer ein Problem damit hat, der trete vor oder schweige auf ewig.

»Und? Was sagt der männliche Blick?«
Der männliche Blick schweigt und sinnt auf Flucht.

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12

Wenn Ama fremdgeht, dann nicht mit einem anderen Mann. Erstaunlicherweise interessiert sie kein fremder Mann, sondern der Mann als Fremder. Alle Kunst ist Kunst der Verführung. Rosalbas Palette aus Liebreiz, Koketterie, um- und beiherspielenden Anzüglichkeiten, aus fließenden Übergängen und halbmodellierten, rasch sich verhärtenden Ansprüchen: So nicht. Wie dann? Alle wirkliche Kunst ist spröde. Sie will, dass der Betrachter sie aufschließt, und sie verweigert den Schlüssel. Wirkliche Kunst zeigt kein Talent, sie verbirgt es, sie schließt es ein, sie verweigert es, sie negiert es. Sie negiert nicht die Verhältnisse, sie bestreitet, auf Verhältnisse aus zu sein. Was sind Verhältnisse? Ein Schlag ins Gesicht. Sonst nichts. Eine Kunst kümmert sich nicht um Verhältnisse, sie zieht sie hinter sich her. Die ganze Kunst besteht darin, sich zu sich selbst ins Verhältnis setzen. Überhaupt heißt Kunst: geschickt sein.

Wozu? Von wem? Zu wem?

Fremd gehen
13

Wenn Mompti fremdgeht, dann in Gedanken. Momptis Gedanken sind notorisch, sie fügen sich zu keiner Welt zusammen, sie laufen auseinander, man könnte meinen, sie liefen voreinander weg. Was nicht der Fall ist, denn sie kennen einander gar nicht. Ein Gedanke? Was soll das sein? Man macht sich so seine Gedanken: da purzeln sie. Lass sie purzeln, sie kommen nicht weit. Das Nächstliegende ist das Nächstbeste: genug, es zu betasten, zu beriechen, zu erschmecken, sich daran zu belustigen und irgendwann dem Keuchzwang zu erliegen, dem Vorboten aller Lust & Last.

Lustlast, die Last, Lust zu empfinden: Mompti empfindet sie tief. Allein der Zeichentisch bietet Sicherheit und die bleibt relativ. Mompti will nicht allein sein: da liegt sein Problem. Er will nicht belästigt werden: da liegt sein zweites. Zeichnen heißt: Last abwerfen. Da kommt sein drittes, aber er will es nicht sehen. Es kommt leise, es kommt auf Zehenspitzen, es kommt wie es kommt, hoppla, nun ist es da und legt sich ihm um den Hals.

Das religiöse Herz
meldet sich zurück

Embede Warbede Wilbede, auch fides spes caritas
 
Fliege
SEX IST SÜNDE
SEX IST SÜNDE
SEX IST SÜNDE
SEX IST SÜNDE
SEX IST SÜNDE
SEX IST SÜNDE
 
Fliege
FIDES SPES CARITAS FIDES SPES CARITAS
SEX IST TOLL
 
Fliege

bereit seinAufhören!
Hört denn keiner auf?
Was für ein Wahnsinn ist das denn?
Geht das immer so weiter?
Dann gute Nacht.
Irgendwann, dachte ich mir, wäre Ruh’, die alten Gewissenskämpfe wären ausgestanden und wir alle wären hinreichend erwachsen geworden, um zu tun und zu lassen, was einem passt.
Und jetzt?
Keine Rede davon.
Nichts passt.
Seelenkrämpfe, wohin man blickt.
Das Glücklichsein habe ich mir anders vorgestellt. Ehrlich.
Was für ein Durcheinander. Ich glaub, mein Schwein pfeift.

FIDES SPES CARITAS FIDES SPES CARITAS
 
Fliege

bewegt seinIrgendwie könnte ich mich dem anschließen. Schon Scheiße, dass es so gekommen ist. Muss ja nicht heißen, dass es so bleibt.
Das ist eher … so wie ein Grundmurmeln, dass etwas nicht stimmt. Das geht einfach nicht weg. Wo soll es auch hin? Irgendwo muss es ja bleiben.
Irgendwo. Das mit dem Sündenbewusstsein lehne ich ab.
Das ist altes Denken, was bringt mir das? Im Ernstfall Scherereien.
Wenn Sie mich fragen: Es ist einfach nur Schwäche.
Also ich meine jetzt, in einer Ecke der Psyche steht so ein Vogelbauer und trauert um seinen Vogel.
Schnipp! Er ist weg. Schnipp! Er ist wieder da.
Komm, Vöglein, sei brav, Vöglein.
Aber mit dem Bravsein klappt’s einfach nicht mehr. Ich kann mir nicht helfen, aber immer, wenn ich da bin, bin ich weg. Und immer, wenn ich weg bin, bin ich da.
Das ist dann wohl ein Klappmechanismus.

FIDES SPES CARITAS FIDES SPES CARITAS
 
Fliege

gescheit sein Darüber kann ich nichts sagen. Ich meine, warum tun wir uns das an?
Wir (dick unterstrichen).
Ich für meinen Teil versuche, mich rational zu verhalten.
Das ist schwer genug.
Es kann von Vorteil sein, nicht zu wissen, wohin die Reise geht. Soll ich mir deswegen keine Fahrkarte kaufen? Das wäre doch peinlich.
Was soll schon passieren?
Das Spiel mit der Angst beherrschen andere. Ja, ich sage: andere.
Alte böse Männer.
Wenn ich an drüben denke, denke ich an sie.
Sie verstehen nicht? Nun, drüben … ist drüben.
Die andere Seite.
Die Seite des Anderen.
Einige unter ihnen, nicht alle, haben etwas, womit sie dich kleinmachen. Alte schwache Männer. Nicht mich persönlich … das ist nicht die Botschaft. Die Botschaft ist … nein, ich sage nichts. Es ist nicht klug, darüber zu reden. Das ziehe ich mir nicht an.

FIDES SPES CARITAS FIDES SPES CARITAS

Schweinkram

Schweinkram
1

Sie zögern noch. Einige der Probanden zögern noch. Dass Elisabeth vorangehen konnte, hat sicher mit Souveränität zu tun, innerer Souveränität, aber auch – Vorsicht! – mit Empfindungslosigkeit. Ja, Elisabeth besitzt, bei allem, was sie ausgezeichnet beherrscht, eine kleine innere Taubheit.
Taubheit … Taubheit…
Vielleicht liegt hier der Grund, dass sie es sich leisten konnte, mit einem wie Leckebusch zusammenzugehen – ihrer beider kleines, verwischtes Geheimnis. Leckebusch trägt keine Bedenken, sich zu exponieren, vorausgesetzt, Elisabeth geht voraus. Leckebusch weiß nichts. Beruflich ist er Bedenkenträger. Kommt er nach Hause, so zieht er sie aus und hängt sie auf einen Bügel.
Das ist ein Bild. Schließlich arbeitet er meistens zu Hause.

Elisabeth beherrscht sich. Eigentlich hat sie nichts in dieser Reihe zu suchen. Gerade deshalb geht sie vermutlich voran. Mit gutem Beispiel, sozusagen, sie will zeigen, dass sie weiß, wie es geht. Natürlich weiß auch sie nicht, wie es geht, auch sie muss sich einlassen, sie weiß, dass sie sich einlassen muss, es ist ein Spiel mit dem Feuer, also ihr Spiel. Sie weiß, sie wird gewinnen … und sie zieht Lust daraus. Das weiß sie unbedingt.
 

Über
Belehrsucht

Leckebusch rauscht an allem vorbei, was ihn weiterbringt. Er ist immer schon weiter. Andere hinken nach. ›Schleppenträger‹ nannte man sie wohl einst. Vor allem müssen sie eines: sich sputen. Hinksputer könnte man sie nennen. Leckebusch schlägt große Bögen. Weh dem, der nicht mitkommt.

 

Das Beispiel Mompti.

Schweinkram
2

Sibla … wo bleibt Sibla? Dass er nicht kommt, wundert dich. Er ist schwer geworden, das muss einmal anders gewesen sein. Könnte es sein…? Nein, mit Kitty zusammen geht er nicht dort hinein. Das wäre ja … ein Eigentor wäre das.
Das hier ist die VeränderBar und ihrer beider Beziehung scheint nicht veränderbar.
Sie scheint unabänderlich. Gerade das scheint die beiden gegeneinander aufzubringen. Die Frage ist also: Was bringen sie ein? Jeder von ihnen, einzeln: Was bringt er ein? Bis jetzt: nichts.

Eine unabänderliche Beziehung, wie nennt sich die? Eine neurotische Beziehung. Besser, da jede Beziehung auf Dauer neurotische Züge annimmt: B-Neurose. Nenne sie (zum Hausgebrauch, nur zum Hausgebrauch): BKN.

Ist BKN heilbar?

Offenbar nicht, sonst wäre es nicht, was du annimmst. Es wäre auch gleichgültig. Das Projekt soll schließlich keine Beziehung zerstören. Es soll auch keine reparieren. Es soll lediglich testen, ob es möglich ist, die Triebkraft Lust zu entfesseln, unter welchen Bedingungen, in welcher Form auch immer. Falls die Beziehung das aushält: umso besser. Falls nicht: was liegt an einer Beziehung?

Wenn Kitty kommt – was nicht sicher ist, siehe oben –, wenn sie kommt, dann gerät vieles ins Rutschen. Vielleicht täuschst du dich auch. So banal sie dir scheinen mag: diese Person ist abgebrüht. Vergiss das nie.

Als ob einer das vergessen könnte.

Schweinkram
3

Keine Sorge: Mompti kommt.
Auf jeden Fall: Mompti kommt.

Was macht dich da so sicher? Ganz einfach: er sucht. Er denkt, er sucht nach einem neuen Konzept, aber das Konzept ist er. Er kann und will sich nicht entwerfen, das wäre wie wegwerfen, es geht ihm ›gegen den Strich‹, aber er braucht den Strich. Was, wenn der Strich sich versagte? Nicht auszudenken, es wäre die Katastrophe. Dieser dichte, verwobene, leicht verwunschene Strich, der sich endlich, nach langer Mühsal, hergestellt, nein, eingestellt hat, er ist sein Leben, sein Ein-und-Alles, seine Marke, sein Weltsiegel. Er ist, was Mompti kann.

Kunst kommt von Können. Ist das wahr? Wenn das wahr wäre, wäre Mompti ein großer Künstler – oder gar keiner.
Mompti kann … seine Geflechte zeichnen. Darin ist er Weltmeister. Eines kann er nicht: ihnen Welt geben. Weltzeichner ohne Weltbezug – so müsste man ihn nennen. Oder anders, meinethalben anders, ganz anders: Lesezeichner. Das Buch der Welt: für ihn keine Metapher. Er muss es vor sich auf dem Tisch liegen haben, damit fängt es an. Er schlägt es auf, beschnüffelt die Enden, als wittere er in alle vier Windrichtungen, erst dann ist es richtig. Format ist alles. Ohne Format lässt er sich auf nichts ein. »Das Buch hat kein Format.« Wer da eine Aussage über den Inhalt heraushört, ist selbst schuld. Und doch … er hat recht. Das Format gibt den Inhalt. Es verlangt nach Füllung. Die Füllung verlangt nach Mompti und er gibt, was er kann.

Das ist nicht schlecht, das ist auffällig gut, solange er Bücher illustriert. Mompti ein Illustrator? Welche Beleidigung. Witterung hin, Witterung her: Mompti ist autonom. Das stimmt sogar, am Ende illustriert der Text seine Zeichnungen, sie sind Text geworden, der Text, die Schrift schlängelt sich als Dekoration drumherum. Wer wird schon lesen, sobald er einmal die erlesene Kette der Mompti-Grafiken entdeckt hat? Ein Ignorant, vielleicht. Das soll es geben.

Momptis Kunst ist, unter dieser Hülle, erwachsen geworden, sie dehnt und streckt sich, sie passt nicht mehr in die Buchformate, sie will heraus. Heraus wohin? In die Welt der Galerien? Er weiß es nicht. Sein Galerist nimmt ihm alles ab, vorerst, er spürt den Zensor. Was er gibt, sind Brocken, Krümel, Versuche, Als-obs, Als-ob-es-ginge, Studien in Welthaftigkeit, nichts Halbes und nichts Ganzes. Als habe er aus dem Abwasch gezaubert.

Mompti hat Lust aufs Ganze. Was ist das Ganze? Mompti ist Künstler, nichts anderes will er, nichts anderes will er sein: er will es als Objekt, als Gegenwurf, als würfe ihm einer die Fensterscheiben ein und sie blieben heil. Er ist Lust-Sucher, er sucht das Lust-Objekt, er denkt, es müsse ihm vor die Füße fallen, dafür geht er weit.

Schweinkram
4

Ama ist schon da. Ama ist immer schon da. Wo sollte sie sonst sein? Ama, der Augapfel des Projekts, muss sich nicht bewegen, um das zu bekunden. Ihr Dasein, ihr ganzes Dasein atmet den Geist des Projekts. Oder nicht?
Wie sie da ist, das ist die Frage. Sie ist nicht dabei, weil es angesagt ist, dabei zu sein, oder weil es sich schickt: das registriert sie, aber es bestimmt sie nicht, es macht sie bloß bockig. »Nicht mit mir!«
Mit wem sonst? Mit wem sonst, wenn nicht mit ihr? So müsste die Frage lauten, damit kämen die Kontrahenten einander näher.
Ama ist Kontrahentin. Immer und überall: Kontrahentin. Hast du Lust auf Kontroverse, so geh zu Ama. Oder vielmehr: warte, bis sie aufkreuzt und lass dich ein.
Der Duft, der Ama einhüllt, ist stärker als jedes Parfum.
Der Duft der Amarose, echt oder falsch – was macht ihn aus?
Sie macht dich an. Immer und überall. Wo immer du willst. Wann immer du willst. Wie immer du willst. Amaryll.
Wenn du dich da nicht täuschst.
Ama geht nicht auf Täuschung. Sie geht auf Ent-Täuschung.
Wenn einmal die Geschichte dieser Jahre geschrieben wird, wird sie Amas Geschichte sein.

……………

Begründe das.

Nein.

»… Wenn Ama schweigt, schweige ich auch.«

Schweinkram
5

Wenn Tronka kommt, dann kommt er allein. Es ist nicht die Einsamkeit des Genies, die ihm zu schaffen macht, die Einsamkeit des Schaffenden, die Einsamkeit des Ausgenommenen, der weiß und schweigt, es ist die Einsamkeit der Vernunft. Nein, er ist kein Rufer in der Wüste, er ist die Wüste selbst. Jedenfalls bringt er sie mit, wann immer er aufkreuzt.

Für Tronka ist das Projekt: Schweinkram. Du weißt es und er weiß, dass du es weißt. Du weißt, dass er weiß, dass du weißt, dass ihm das gefällt. Warum so kompliziert? Alles an Tronka ist kompliziert. Es ist die Kehrseite seiner Einfachheit. Tronka wäre der einfachste Mensch der Welt, käme einer seiner Sätze so an, wie er abgesandt wurde.

Wenn einer in Sätzen lebt, dann er. Beachte die Gesten, durchtränkt von Sprache: vermitteln sollen sie, anreißen, aufreißen, Augen öffnen. Sie unterstreichen: Spott, Wortwahl, Wortwitz, Sarkasmen, Ratschläge. Keine Einsamkeit, nur keine Einsamkeit! Nein, wollen sie sagen, Denken führt nicht in die Einsamkeit, nicht im Geringsten, gerade das wäre – was denn? Falsches Denken.

Falsches Denken, Tronka zufolge, führt nirgendwo hin. »Was wollen Sie dort?« scheint sein Blick zu fragen, gibt ihm einer Paroli, den es, Eike B z.B., zur Skepsis zieht oder zur Theologie. »Sie können das machen, aber was wollen Sie dort?« Dieser Unglaube, dass einer den Weg in die Vereinzelung wählt, wissentlich wählt, wo doch alles ins Meer des gemeinsam zu Begehrenden mündet, hat ihn zum Parteimenschen werden lassen.
  ―Natürlich bin ich Partei! Was dachten Sie? Wenn die Partei ein Problem damit hat – umso besser. Ich habe kein Problem.

Tronka ist Sozialist. Der Sozialismus weiß nichts davon.

Schweinkram
6

Tronka hat recht. Er hat kein Problem. Er hat Probleme. Welcher Art sie sind, darüber darf spekuliert werden. Es ist die ausströmende Diskussionslust, die zu Stockungen führt. Niemand in seiner Umgebung, das studentische Häuflein bekennender Tronkisten ausgenommen, hat Lust, sich dem auszusetzen. Woran das liegt? Fürchtet jemand seine Intelligenz? Nein. Das wäre ja Anerkennung.

Eine Intelligenz, die sozial wirkungslos bleibt, wird verachtet. Wird Tronka, ein Mann mit Titel und einer Publikationsliste, breit wie der Mississippi, verachtet? Nicht ganz. Auch an dieser Front herrscht ein gewisser Bedarf. Verachtung trägt viele Gesichter. Wer sagt, dass dahinter stets derselbe Reflex steckt? Verachtung, wie fast jeder moralische Affekt, ist polymorph-divers.

Tronka setzt sich aus, er ›exponiert‹ sich, er sucht das Gegenüber, er treibt es mit Worten heraus. Das weckt, nach der ersten Verblüffung, Überlegenheitsgefühle, denen sich kaum ein Gegenüber entzieht. Wer ist dieser Mensch? So fragt das Bewusstsein, während der Prophet des Bewusstseins seine Bahnen zieht. Worauf will er hinaus? Warum spricht er mich zu? Wenn er etwas von mir will, warum verrät er es nicht?

Frage

Intelligenz, bereit zur Paarung, auf Partnersuche: jeder soll Partner sein. Ist das Fu? Ist das ein Fall von Fu?

Ein wenig kompliziert, aber im Grundsatz: ja.

Sibla sabbelt

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Begehren, alltägliche Farce

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Wispernde Stimmen, die signalisieren: Hier ist alles Baustelle. Was wie Gerümpel aussieht, dient einem, nein, nicht guten, einem wohlerwogenen Zweck: vielleicht. Was daran wohlerwogen ist, wird man sehen. Manche Baustellen scheinen nur aufgemacht, um sachte zu verrotten, an anderen geht es rau und streng zu, bisweilen eng. Ein Projekt schraubt sich in die Höhe und irgendwann kommen die Glaser. Ein anderes verfällt, ohne mit den Gründen der Stockung bekanntzumachen. Mangel an Geld ist einer der Gründe, die immer zählen, Mangel an Witz, Galanterie, Einfallsreichtum, Einfühlung, Herzenswärme, wahrer Empfindung, sexueller Ausstrahlung, Lustbereitschaft, Traumkompetenz, Mondsüchtigkeit, Triebhaftigkeit, Lasterhaftigkeit, Experimentierfreude, was immer zählt oder nicht zählt, am Ende, unterm Strich, dem makabren Strich, der einen dem Erdreich näherbringt als gedacht, am Ende zählt alles, ohne Ausnahme, ohne Abstrich.

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Die Schwierigkeit, eine Schwierigkeit des Projekts besteht darin, dass es Entblößung erzwingt – auf freiwilliger Basis, wie sonst, schließlich meldet sich jede an. Geschäftsfähigkeit ist die Grundlage allen Geschäfts, dieses Geschäft dient dem Fortschritt, auch dazu muss jemand die erforderliche Fähigkeit mitbringen, sonst wird daraus nichts, es sei denn Missbrauch. Fortschritt durch Missbrauch? Das wäre ja Missbrauch durch Fortschritt. Ist das möglich? Es ist möglich, keine Frage. Gar keine Frage. Wenn es aber möglich ist, dann muss es vermieden werden: ein klarer Imperativ, nicht zu verwechseln mit den üblichen Steuerfloskeln, die nichts weiter bedeuten als: Untiefe, Vorsicht Ruder. Missbrauch ist keine Untiefe, Missbrauch ist sichtbares, fühl- und fassbares Unrecht, finis.

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Wenn Fortschritt an Missbrauch aufläuft, wenn er notwendig an ihm aufläuft, sobald er ins Spiel tritt, dann … dann … dann ist Missbrauch die geheime Seele des Spiels. Er muss vermieden werden, klar doch, unbedingt, auf alle Fälle, um jeden Preis, selbst den des Abbruchs: so beherrscht er das Spiel. Wer meint, Entblößung sei Missbrauch, der darf gar nicht erst hinein. Spätestens an der Aufnahme sollte er scheitern. Was aber, wenn eine hineingerät und plötzlich bricht es aus ihr heraus: Entblößung ist Missbrauch? Vielleicht hat sie es soeben entdeckt, vielleicht durchströmt die Erfahrung sie just in dieser Minute, eine tiefe, ihr innerstes Wesen durchtränkende Erfahrung, eine Erfahrung, die sie herausschreien muss oder die im Verborgenen wuchert, als Neurosengeflecht, als Krebsgeschwür, als neuralgisches Was-auch-immer. Vorsorge ist alles. Kann ein erwachsener Mensch missbraucht werden? Aber sicher. Der Mensch in der Geschichte, der Mensch inmitten seiner Geschichten ist der missbrauchte Mensch. Der sexuelle Missbrauch wäre da nur eine Facette. Einer benützt die Hand, ein weiterer den Verstand, ein dritter… – Missbrauch ist – fast – alles.

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Kitty zum Beispiel: fühlt sie die Entblößung, der sie sich aussetzt?
Eher nicht. Stattdessen brennt sie darauf, sich zu entblößen, in welcher Weise auch immer, nur sicher muss sie sich fühlen, alles Unsichere schreckt sie ab. Dabei wirkt sie nicht schreckhaft oder verschreckt, eher so, als habe sie einmal der Schreck gestreift und sei bei der Gelegenheit in sie hineingeschlüpft, um nicht mehr herauszufinden. Er muss tief sitzen, tief unter der Oberfläche, an der sie sich locker gibt, locker und nüchtern: mit diesem Blick für das Wesentliche, der sich am Unwesentlichen mästet, weil er anders nicht … zum Zug käme. ›Kitty kindlich‹ – das schmerzt. Diese Kindlichkeitsreste, die sie umflattern wie die aufgesetzten Zipfel ihrer Jäckchen und Röckchen, sprechen, bei einem großen, etwas gewaltsam sich Bahn brechenden Bedürfnis nach Unterscheidung, von der fortgesetzten Unfähigkeit, Unterscheidungen zu treffen, sie sprechen laut und leise, sie plappern in einem fort, was angesichts der eher kargen Rede ein wenig verwundert, du verstehst (in diesem Moment bist du jedermann), dass hier etwas herauswill, ans Licht der Ungebremstheit, und sich selbst dabei unentwegt abbremst, vermutlich, weil es die Folgen schon kennt. Kitty hält sich für klug, für unklug hielte sie es, das zu erkennen zu geben, sie will klug scheinen, sie beansprucht den Schein der Klugheit für sich – in diesem Zirkel brummt sie herum, gefangen, eine Fliege im Glas, ausgestellt wider Willen, sich selbst ausstellend, mehr zeigend als sie will, mehr zeigen wollend als sie zu zeigen bereit ist, als bereite sie sich innerlich auf eine Rolle vor, die ihr die Welt gegenwärtig nicht bietet, doch dazu müsste sie erst wissen, wie man sich innerlich vorbereitet.

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Was ist das: Entblößung? Sich eine Blöße geben – bedeutet: unklug sein, unklug handeln, nicht aufgepasst haben, einen Zug nicht bedacht haben. Gibt, wer sich entblößt, sich eine Blöße? Ja und nein. Er kehrt zurück zur Natur. Schamlos agiert, wer seine Blöße einsetzt, um ein Ziel zu erreichen, das anders nicht erreicht werden könnte, es sei denn durch harte Arbeit, aber auch da gehen die Ansichten schnell auseinander. Was ist Blöße? Ein öffentliches Gut. Wer sich, abseits der Intimsphäre, freimacht, der verwandelt sich – ›mit ein paar Handgriffen‹ – in eine öffentliche Person. Das hat Vor-, das hat Nachteile. Blöße ist, was als Blöße gilt. Geltung aber, das wissen Fritz und Grete genau, ist ambivalent: positiv-negativ, gut-schlecht, gut-böse, schön-hässlich, schön-schrecklich, angenehm-unangenehm, bewundernswert-verächtlich, alles auf Messers Schneide, eine Gratwanderung, stetig vom Absturz bedroht. Blöße und Offenheit sind zwei kommunizierende Röhren: steigt der Pegel links, steigt er auch rechts, aber mit unterschiedlicher Wirkung. Offenheit bedarf der gekonnten Entblößung, ungekonnte verschließt. Auch die Angst vor ungekonnter Entblößung verschließt, sie verschließt zuverlässiger als die Scham, diesem Stück Natur, das darauf lauert, überspielt zu werden wie alles Selbstverständliche, das sich verrätselt.
Alle Fragerei konzentriert sich daher in einem Punkt: Was heißt gekonnte Entblößung?

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Der Exhibitionist im Ensemble provoziert.
So weit, so gut: fragt sich nur, was er damit provoziert. Im Ernstfall nicht mehr als seine Verurteilung – eine juristische Bagatelle, doch im Verborgenen schlagen die Wellen hoch.
Wer wird es sein?
Exhibitionismus ist männlich: eine seltsame, jeder Erfahrung ins Gesicht schlagende Aussage, solange man bloß den Wunsch damit verbindet, sich nackt zu zeigen, und die wesentliche Anmutung unterschlägt, die da lautet: exhibitionistisches Treiben macht Angst. Angst aber … ist nicht jedermanns Angst.
Weibliche Angst ist gerechtfertigt, wann immer sie auftritt. Sie ist verständlich, sie ist legitim, sie hat gute Gründe. »Das macht mir Angst« – dieser Satz ruft nach Abhilfe und selten verhallt er ungehört.
Männliche Angst hingegen, gleichgültig, ob sie sich unverhüllt meldet oder sich hinter Masken versteckt, weckt Bedenken, sowohl hinsichtlich der Männlichkeit des Geängstigten als auch hinsichtlich der Männlichkeit selbst. Man kann sie in den Wind schlagen, man kann sie teilen, aber man bekommt sie nicht weg. Will man sie wegbekommen?
Nein, keineswegs. Sie ist brauchbar.
Männerangst birgt die Gefahr, in blinde Gewalt umzuschlagen. Man muss sich hüten, ihr nachzugeben, man muss vor ihr auf der Hut sein, man muss sie zur Anzeige bringen, wann immer man ihr begegnet. Man muss, man muss…
Alle Kulturen kommen in diesem Punkt überein.
Die Kultur der Aufklärung fügt hinzu: Der zivilisierte Mann muss sich zu ihr bekennen.
Eine Mutprobe eigener Art, die da verlangt wird: ›Bekenne, was dich richtet! Nur so kannst du dich erlösen.‹
Männlicher Exhibitionismus ist blinde passive Gewalt – ein Straftatbestand, gerechtfertigt dadurch, dass dem durch keine Erwartung gefilterten Anblick menschlicher Nacktheit ein Schreckmoment innewohnt, ein Stachel, gedeutet als Normübertretung: die Rechtsnorm wirkt gleichsam nachgeschoben, damit irgendeine Norm vorhanden sei, deren Übertretung sich feststellen und ahnden lässt. Ob er sich in Gelächter auflöst oder in Furcht, in Bewunderung, Abscheu, Begehren oder gequältes Desinteresse, darin zeigt sich die Geschlechterkonstellation unverhüllt: das weibliche Recht auf Furcht vor weiterer Übertretung, dem Übergang passiver in aktive männliche Gewalt, mag archaisch anmuten, widerlegt durch genauere Einsicht in den Charakter dessen, was sich als harmlose Verhaltensauffälligkeit beschreiben lässt, aber es steht außer Frage, es rechtfertigt sich selbst. Es ›schreibt sich ein‹.
Was wäre weiblicher Exhibitionismus? Sehende passive Gewalt? Keine Gewalt? Mutwillige Selbstgefährdung? Tanz auf Messers Schneide? Sexarbeit? Exposition des Grundstoffs ›Schönheit‹, ohne den die Menschheit nicht auskommt, ohne zu verrohen und zu verrotten? Einfaches wunschloses Offensein? Verführung? Appell an den Mann, seine Furcht zu überwinden?
Fürchtet er sich denn? Fürchtet er sich wirklich? Wenn ja, wovor? Doch nicht vor physischer Bedrohung?
Wovor dann? Vor Komplikationen…? Nun gut, diese Furcht muss, jedenfalls zeitweise, von ihm genommen werden, soll die Menschheit fortexistieren. Ansonsten ist sie, sagen wir, nützlich, denn sie verleiht Macht. Manche sagen, sie konstituiert Macht. Macht ist weiblich. Eine Übertreibung, aber auch da gilt: sie ist, jedenfalls hin und wieder, nützlich.

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Was sagt Fu? Wie sagt es Fu?
In strahlender Nacktheit erscheint der Gott. Sein Name: Eros. Adresse: wo immer ihr wollt. Herkunft: das Universum. Geboren: aus Dreck und Feuer. Beruf: Produzent. Familienstand: Soll das ein Witz sein? … Ja gewiss, gewiss doch, Nacktheit ist konstitutiv, essentiell meinetwegen, nennen Sie es, wie Sie wollen, hüllenlos steht der Mensch vor der Gottheit. Zwischen Nackt und Nackt passt kein Blatt … es gibt, soll das heißen, kein Dazwischen. Doch dazwischen, immer dazwischen, steht Fu, gerade er wie kein zweiter. Darin eben besteht sie, die Utopie, im Dazwischensein, das sich niemals auflöst, wieviel Menschenmaterial an dieser Front auch verheizt wird. Hüllenlos sein, hüllenlos leben, begehren, sich befriedigen und fortgehen: das heißt, den Wunsch zum Vater des Gedankens zu machen, zum Vater wohlgemerkt, zum Erzeuger, doch auch dieser Gedanke geht, einmal geboren, seiner Wege wie alles Erzeugte und lässt dem Erzeuger das Nachsehen. Wohin führt das? Fällt die letzte Hülle, beschlägt sich der Geist. Dabei fällt sie nur in Gedanken. Nacktheit benötigt, um zu erscheinen, Abstand, sie erscheint, wo sonst, im Auge des Betrachters, sie benötigt jenen Moment, in dem das Auge von Ferne auf Nähe umschaltet, das Aha, das Beben, den Schock der Enthüllung: wo kein Körper in Sicht kommt, da tritt die Utopie in ihre Rechte und enthüllt das Spiel der kosmischen Kräfte. Enthüllung, ganz recht, ist das Anliegen Fus, er genießt im voraus die Wirkung dessen, was da zum Vorschein kommt, er stellt sich vor, es geschehe, und sieh da, es geschieht – in ihm, im Geiste, im Geiste all derer, die seinen Sirenenklängen verfallen und zu stammeln beginnen, lallend, sabbernd, sich überschlagend, voll blindem Eifer, den Anfangsbuchstaben zu bilden, das große B.
Das wäre dann Pornographie.

The Hatred

The Hatred
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Was vereint Ama, Betty, Christa, Dorte, Elfi, Frieda, Gerda, Hansi, Irmel, Kitty, Lore, Marta, Nelly, Nora, Olga, Piggy, Quappi, Reni, Susi, Traudel, Uschi, Vroni, Wally, Xeni, Zara?
Sie sind Hasserinnen. Kleine Hasserinnen? Große Hasserinnen?
Keine Ahnung. Oder doch?
Wer soll das entscheiden?
Es käme auf den Versuch an. Den kleinen Hass, das versteht sich von selbst, bekommen ihre Männer zu spüren. Er gehört zum Alltag wie der Abwasch, auf den sich beide Seiten nicht einigen konnten, als die Beziehung noch jung und unerprobt war. Aber der große? Wo findest du den? Am großen Hass lecken sie, wenn sie allein sind. Sie lecken daran wie an einem geheimen Stärkungsmittel, kein anderer darf etwas davon zu Gesicht bekommen, selbst die beste Freundin nicht. Das wäre Verrat. Er ist ihr Geheimnis, so riesig, dass sie das Gesicht abwenden müssen, um damit leben zu können. So machtvoll, dass sie ein Zittern durchläuft, wenn jemand unversehens die Tür aufstößt: Hass? Ja natürlich! Das Schmiermittel Nummer eins ist der Hass. Wer weiß das nicht? Das ist doch bekannt.

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Als der große Hass klein war, flog er über den Atlantik. Der Flug dauerte lang, er hatte etwas Aufregendes, der kleine Hass empfand ein gewisses Gefühl, nun ja, der Erleichterung, als er wieder festen Grund unter den Füßen spürte. Am ersten Abend begegnete er vielen Leuten. Sie kamen ihm so natürlich vor, dass es ihm die Feuchtigkeit in die Augen trieb. Du bist gerührt, sagte er sich, gib zu, dass du gerührt bist. Pass auf. Du darfst das nie, nie zu erkennen geben. Was soll man in diesem Land von dir denken? Die halten dich ja für bestusst. Am zweiten Abend saß er allein im Hotelzimmer und dachte nach. Wie witzig diese Menschen sind, dachte der kleine Hass. Ich verstehe das nicht. Selbst die einfachen Leute, der Kaffeeausschenker heute morgen, die Eisverkäuferin vorhin: sie haben immer eine flotte Bemerkung parat. Du weißt gar nicht, was du darauf antworten sollst. Trotzdem fühlst du dich gut. Woher kommt das? Diese Menschen scheinen Genies zu sein. Nein nein, sie haben einfach das Geheimnis des Lebens entdeckt. Was mögen sie von dir halten? Am dritten Tag schlenderte er durch eine Passage und besah sich die Auslagen, als ihn ein Hunger überfiel. Hass und Hunger, was sagt sich das? Nicht viel, aber es reicht für ein Gespräch in der Pizza Bar. Der kleine Hunger bestellte. Beherzt griff der kleine Hass zu Messer und Gabel und ließ sie willenlos sinken. Was ist los, fragte der kleine Hunger, bist du meschugge oder was?
Der kleine Hass … nun, wir wollen nicht vorgreifen.

The Hatred
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Der kleine Hass dachte nach. Er konnte nicht richtig denken und deshalb schweifte sein Blick hinüber zum Nebentisch. Diese Frau ist wie ihre Kollegen gekleidet, aber aparter. Der gleiche Anzug, nur eine Spur heller, der Stoff feiner, der Schnitt, der Schnitt … körperbetont (aber das war nicht das Wort, das er suchte, etwas zwischen körpernah und verstellt, ja verstellt, als handle es sich um ein Theaterkostüm, das eine Frau männlich erscheinen lassen sollte, ohne ihr die feminine Note zu nehmen, nein, in gewisser Weise soll es sie weiblicher erscheinen lassen, männlicher als männlich und weiblicher als weiblich). Fake, dachte er, das ist fake. Aber warum? Wen will sie täuschen? Die Kollegen? Sich selbst? Den Boss? Ihre Umgebung? Ihre Familie? Mom und dad? Unwahrscheinlich. Denen macht sie nichts vor. Gut, angenommen, sie will niemandem etwas vormachen, sie will ehrlich sein. Wie geht das, ehrlich sein? Sicher will sie einen ehrlichen Job machen. Sie will respektiert werden. Dafür die Maskerade? Braucht es eine Maskerade, um respektiert zu werden? Nein, ›respektiert‹ ist nicht das richtige Wort. Sie will akzeptiert sein. Warum das denn? Schuftet sie in einer boy group? Augenscheinlich. Seht her, sagt ihr Outfit, ich bin eine von euch, einer von euch, um genau zu sein, aber doch eher eine, Pfoten weg. Sagt sie wirklich ›Pfoten weg?‹ Nicht verbal, das wäre old style, sondern per Stoff und Schnitt. Vergiss nicht die seltsame Stimmlage, dieses Ich-will-jetzt-nicht-als Frau-wahrgenommen-werden, können wir uns nicht auf die Sache konzentrieren? Wie war nicht gleich die Sache? Welcher Mann kann sich, diese Stimme im Ohr, konzentrieren? Was hört eine Frau, wenn sie diese Stimme hört? Die Stimme der Konkurrenz? Konkurrenz um was?

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Und die Männer, dachte der kleine Hass, was denken sie? Denken sie überhaupt? Sie schweigen dazu, sie nehmen schweigend zur Kenntnis, darüber reden, das wäre ja … peinlich, peinlich. Degoutant. Außerdem despektierlich, man riskiert seinen Job dabei und es kommt, außer Scherereien, nichts dabei heraus. Wenn ich schweige, was geht’s dich an? Die Gedanken sind frei, sie schweifen nach Belieben, doch an dieser Wand prallen sie ab und schwirren in alle Richtungen davon.

In Maos Reich, dachte der kleine Hass, tragen alle Einheitskleidung. Man erkennt die hohen Funktionäre am feineren Stoff und Schnitt. Stoff und Schnitt… Sind sie vielleicht, wie die Frauen, innerlich aus feinerem Stoff? Wollen sie, dass man ihre Ausstrahlung sieht? Muss man Ausstrahlung sehen? Gedämpft muss sie sein, um akzeptiert zu werden, Frauen dämpfen ihre weibliche Aura, um akzeptiert zu werden, gleichzeitig steigern sie sie, um akzeptiert zu werden, vielleicht auch, um hinter der männlichen Maskerade nicht in Vergessenheit zu geraten. Ist das Urangst? Angst davor, vergessen oder verkannt zu werden? Vergessen oder verkannt? Vergessen und verkannt? Wer könnte vergessen, dass es sie gibt? Niemand. Angst vor niemand … sie haben vor Niemand Angst, nachdem sie sich einmal geschworen haben, vor niemandem Angst zu haben. Wer ist Niemand? Wer wäre Niemand? Kenne ich ihn?


The Hatred
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Der kleine Hass hatte den Auftritt fast schon vergessen, da bekam er Besuch. Besuch? Im Hotel? Der kleine Hass erkannte ihn gleich, teils am Gang, teils am outfit, und salutierte –: es war The Hatred. Der kleine Hass wusste nicht viel über ihn, er hatte ein paar Gangsterfilme gesehen, beste Hollywood-Manier aus den Dreißigern, einige Dokus, nichts, was ihn lange hätte fesseln können, dazu war er zu entspannt erzogen worden, zu leger in seinen Manieren, zu gemäßigt im Appetit, zu träumerisch in seinem Wesen, zu sehr … Nachkrieg, er machte sich nicht viel aus der Zukunft, er wusste, sie würde unbemerkt eintreten und nicht halb so schlimm ausfallen, wie die Schwarzmaler sie beschrieben. Er war zu sehr auf Alltag getrimmt, um auf sie scharf zu sein. Echauffierte er sich, so ließ er deshalb keinen Vorteil links liegen, sondern strich ihn ein, unverzüglich und ohne Bedenken. Willkommen in der Zukunft! Die Tür stand offen und der kleine Hass hatte die Empfindung, sie werde sich nie wieder schließen lassen. Er vergaß sie auch gleich, denn The Hatred hatte sich einen Stuhl geangelt und seinen dürren rastlosen Körper auf ihn niedergestoßen, als wolle er sich seiner hier und jetzt entledigen. Hier und jetzt –

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Verführung ist weiblich, überlegte der kleine Hass. Der Verführer ist männlich. Komische Sache eigentlich. Komisch … in diesem Wort steckt der Schlüssel zu allem, dreht er sich, fallen die Schranken, der Tanz beginnt. Die Geschlechterfrage … wie ging nicht gleich die Geschlechterfrage? Mal so, mal so. Mal so, mal anders. Anders ausgedrückt: die Geschlechterfrage hat keine Gestalt. Ich, The Hatred bin ihre Gestalt. Warum? Weil ich sie ihr gebe. Ein anderer Grund ist nicht denkbar. Und was nicht denkbar ist, das kann auch nicht wahr sein, nicht wahr? Nimm den Kinderwunsch aus den Frauen heraus und sie sind keine Frauen mehr. Sie sind Wesen wie du und ich. Sehr witzig. Nein? Was sind sie dann? Die Differenz? Welche Differenz? Leere Differenz? Die Differenz auf der Suche nach Gleichheit? Welche Suche sollte das sein? Welche Gleichheit sollte das sein? Gleiche Bedingungen? Wenn das Geschlecht zu den Bedingungen zählt? Nein, mein Lieber, die Suche schenke ich dir. Die Suche … c’est moi. Nimm den Wunsch, eine Frau zu besitzen, aus den Männern heraus und sie sind keine Männer mehr. Was sind sie dann? ›Normalos‹? ›Ganz normale Heteros‹? Oder doch eher: ›Versehrte‹? Sieh mich an – sieh mich an! Nein, sieh weg! Sieh einfach weg. Die Normaldifferenz … hör mir zu, du kleiner Scheißer! – die Normaldifferenz ist verflucht. Sie ist verflucht, sage ich dir, darauf kannst du dich verlassen. Verlassen … ganz recht. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Ich wünsche viel Glück! Wozu? Das ist die Frage. Leider gibt es darauf keine Antwort. Die Geschlechterfrage, ihre Geschlechterfrage nehmen sie mit, sie sind Gezeichnete, sie ist ihnen eintätowiert, sie regiert ihre Körper. Wohin sie auch treten, sie sinken ein. Es gibt keinen Grund, der sie hält. Es sei denn, sie halten sich an mich. Klug, klug… ›Ausdruck von Klugheit‹, ganz recht, das gefällt mir selbst, ich bin ein Ausdruck von Klugheit, hast du das gewusst? Klugheit schafft Grund, Klugheit schafft Gründe, Klugheit schafft Gelegenheit, Klugheit schafft Stoff, Klugheit schafft… Das wollen sie doch: Schaffen. Sie wollen sich, was sie sind, vom Leibe schaffen – ich rate zu. Ich bin ihre Ratlosigkeit, in Rat verwandelt. Der Spruch ist gut, er stammt von mir.

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Vielleicht ist er jener Niemand, sinnierte der kleine Hass. Sie hat Angst vor ihm und schon ist sie von ihm besessen. Frauen wie sie – es gibt vielleicht noch nicht allzu viele davon, aber ihr Ehrgeiz scheint unermesslich – wollen Männer sein und sie wollen es nicht, sie wollen wie Männer sein und lehnen sie ab, warum? Weil sie zwischen ihnen und der Fiktion stehen, die sie erreichen wollen. Sie bemerken es nicht einmal, dass sie sie ablehnen – so sehr lehnen sie sie ab. Sie verzehren sich danach, an ihre Stelle zu treten, und nehmen es ihnen übel, wenn sie die Stelle leer finden. Sie wollen ihnen gleichen, zugleich wollen sie, dass sie sich ändern. Sie wollen alles miteinander und es geht nicht. Also sind sie wandelnde Bewusstseine dessen, dass es nicht geht, dass es nicht geht, dass es einfach nicht weggeht, das begehrende Wesen, das sie auch sind, das sie immerfort sind, gleichgültig, was sie daraus machen und was es aus ihnen macht. Sie machen den Mund auf, um endlich wahr zu sein, und es kommen lauter Lügen heraus. Die Wahrheit, die Wahrheit … es ist seine Klugheit, die ihren Vordenkerinnen gebietet, sie als männliches Konzept zu schmähen, dessen Zeit abgelaufen sei. Dieser verschwiegene, halb abgetriebene Wahrheitswunsch verzerrt ihre Stimmen und ihren Gang, den aufrechten Gang, den Gang der Zukurzgekommenen, die immer zu kurz springen werden, hastig wie ein gierig bewegter Mund, auftrumpfend wie ein Holzbein.

Der Meisten Meistes
Vierter Besuch in der VeränderBar

Dürrobst fordert eine Evaluation

Dürrobst fordert eine Evaluation
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Spectabilis,

noch ist es an unserer Hochschule üblich, Forschungsprojekte nach angemessener Laufzeit zu evaluieren. Es erfüllt mich mit Sorge, wenn ich sehe, dass unsere Fakultät derzeit Gefahr läuft, auf diesem Gebiet den Anschluss zu verlieren.
Gestatten Sie mir, meiner Sorge umfassend Ausdruck zu verleihen.

Ich verweise auf den Beschluss vom 26. Februar xx, erneuert am 19. Mai xx sowie am 11. Dezember xx, modifiziert am 23. Januar xx, sowie zuletzt unter meinem Dekanat am 11. November xx (Protokoll beiliegend). Zur Erinnerung: jedes durch den Fakultätsrat genehmigte Forschungsvorhaben muss, so die durchaus aktuelle Beschlusslage, semesterweise evaluiert werden.

Das Instrument der Selbstevaluation ist zugelassen. Es bedarf jedoch von Fall zu Fall der Genehmigung durch den Dekan. Der Fakultätsrat ist darüber in Kenntnis zu setzen und besitzt ein begründetes Einspruchsrecht. Ansonsten gilt, fast überflüssig zu erwähnen, das übliche Procedere: Einsetzung einer Arbeitsgruppe, bestehend aus mindestens zwei Kollegen, Anforderung eines Zwischenberichts, Begehung, Aussprache, Bericht etc.

Hochachtungsvoll

 

(Anlage)

 

Dürrobst fordert eine Evaluation
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Spectabilis!

Bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich heute (!) den Finger auf eine Wunde lege, die unsere Fakultät als ganze betrifft: die Wunde der Kollegialität. Kollegialität als solche, dem Wortsinn nach praktiziert, ist eine Haltung, die unser aller tiefsten Respekt genießt. Nicht ohne Genugtuung bekenne ich meine Zugehörigkeit zu einer Institution, die sie in so großem Umfang praktiziert. Wie meine Kollegen genieße auch ich seit langen Jahren ihre Vorzüge und habe sie – so steht zu hoffen – stets selbst geübt. Ich wünsche und hoffe, der Pyramide möge dieser Geist dauerhaft erhalten bleiben.

Eine kleine Abschweifung: was ich gerade als ›Geist‹ bezeichnete, ist ›Anti-Geist‹ in des Wortes tiefster und anspruchsvollster Bedeutung. Denn der ›Geist‹ einer Institution, gewöhnlich Korpsgeist genannt, bedeutet etwas vollkommen anderes. Korpsgeist bedeutet die Reduktion einer Institution auf den Zusammenhalt einer Gruppe, die sich als Gemeinschaft missversteht. Das ist, im Namen der Wissenschaft sei es gesagt, zutiefst Schädliches und Schändliches, das unserem Land und unserer Wirtschaft in der Vergangenheit schweren Schaden zugefügt hat und weiter zufügt (!).

Wo war ich stehengeblieben? Die Wunde der Kollegialität öffnet sich überall dort, wo Forschungsgelder bewilligt werden, um anschließend im Leerlauf einer falsch verstandenen, forscherbezogenen Alltagswissenschaft zu versickern. Die Institution als ganze – insbesondere unsere Fakultät – hat ein Recht darauf, nicht allein zu erfahren, worum es sich beim je einzelnen Projekt handelt und wie es vorankommt, sondern auch – ich schreibe ›auch‹, doch in Wirklichkeit handelt es sich um den Kern des Gesellschaftsvertrags, den alle Wissenschaft unterschreibt – darauf, von ihm in ihrer Gesamtausrichtung zu profitieren.

Das gelingt allerdings nur, solange sie auch die Chance ergreift, sich im Projekt und seinen Fortschritten wiederzuerkennen. Es wäre falsche Kollegialität, verzeihen Sie die blumige Sprache, den Spiegel zu verhängen und dem Kollegen viel Glück auf der Reise ins Unbekannte zu wünschen.
Belehren Sie mich, wenn ich mit meinem Misstrauen falsch liege.

Die Reise ins Unbekannte hat einen für jedermann klar erkennbaren Haken: wichtige Vorhaben müssen zurückstehen, während gut ausgestattete Einzelkämpfer unkontrolliert Ergebnisse produzieren, die schließlich in randständigen Publikationen versanden, falls überhaupt (!) in der Sache jemals etwas dabei herauskommt. Wir führen hier eine Debatte.

  1. Wir sind nicht Königsberg und keiner von uns hält sich für einen Kant. Kant war bekanntlich der Auffassung, man dürfe Forschungsergebnisse nicht präjudizieren.
  2. Lassen Sie mich, da Reste dieser Auffassung noch immer durch die Community geistern, mit Blick auf frühere Beschlüsse der Fakultät eindeutig festhalten: es ist das Framing, das darüber entscheidet, ob ein Projekt brauchbare Ergebnisse generiert.
  3. Ist das Ergebnis eines Projektes absehbar null, dann deshalb, weil der Rahmen zu eng oder zu weit gezogen wurde, es sei denn, die Aufgabe wurde generell falsch gestellt oder die Durchführung erweist sich als mangelhaft.
  4. Jede auf sich gestellte Forschung besitzt eine Tendenz ins Uferlose.

Das ist Verschwendung!

Hochachtungsvoll

 

P.S.: Ich will keine Zweifel streuen. Ich will nur – ich betone: nur – Gewissheit.

 

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Spectabilis,
lieber Kollege Argloser,

niemand bestreitet die fachliche Kompetenz des Kollegen. Niemand beschneidet ihm die Freiheit des Forschens. Niemand möchte über die Ergebnisse seiner Forschungen, sollten sie eines fernen Tages vorliegen, mit ihm rechten.
Das ist die eine Seite der Medaille.

Doch – verzeihen Sie, dass ich mich deutlich ausdrücke – das Geben und Nehmen innerhalb einer Fakultät, der fruchtbare Austausch zwischen den Lehrstühlen, die von der Hochschulleitung angestrebte Kommunikation zwischen Pyramide und Gesellschaft sieht anders aus. Mag sein, dieses Ziel liegt in weiter Ferne – ich denke nicht –, dann liegt es eben an uns, dem besonderen Verantwortungsdruck gerecht zu werden, der auf unserer Generation liegt.

Ich gehöre zu einer Alterskohorte, in der die Mitwirkung am Umbau der Gesellschaft zu den selbstverständlichen Pflichten jedes Einzelnen zählt. Für manche hört sich das inzwischen ›hybrid‹ an – damals mussten wir uns ganz andere Sachen anhören –, der Witz dieses Vorwurfs besteht aber gerade darin, dass wir hier und heute die Hybridisierung der Wissenschaft vorantreiben müssen, sofern wir als offene Gesellschaft bestehen wollen.

Nur eine Wissenschaft, die beides ist und sein will: Wissenschaft und Gesellschaft, wird der doppelten Verantwortung für die Gesellschaft gerecht, die keiner ihr von den Schultern nimmt. Wir entscheiden darüber, wie es gemacht wird. Ich darf dazu unseren Rektor zitieren (dem ich hierin ausnahmsweise Recht gebe): Was wir alle bitter nötig haben, ist eine atmende Wissenschaft, eine Wissenschaft, die sich stark macht für authentische, in der Gesellschaft verankerte und sie mitnehmende Forschungsinhalte.

Hier allerdings sehe ich, nicht nur im vorliegenden Fall, deutliche Defizite. Sie zu beklagen wäre billig, solange jeder Einzelne von uns aufgerufen bleibt, sie aus der Welt zu schaffen. Ich schreibe das, seien Sie dessen versichert, ohne den geringsten maliziösen Unterton. Er verböte sich in diesem Fall auch von selbst, da ich, als der seinerzeit bewilligende Dekan, das in Frage stehende Projekt im Ansatz nicht bloß schätze, sondern nachdrücklich seine Vollendung wünsche, vorausgesetzt, es entwickelt sich in den Bahnen, die seinerzeit angedacht wurden.

Wenn stimmt, was gerüchteweise im Umlauf ist, dann droht dieses Projekt, geradeheraus formuliert, aus dem Ruder zu laufen. Ich weiß, es ist nicht fein, auf Gerüchte abzuheben, aber es gehört zu den selbstverständlichen Pflichten eines Dekanats, wie ich sie verstehe, ihnen rechtzeitig auf den Grund zu gehen. Sollte das, was der von mir außerordentlich geschätzte Kollege R hier treibt (oder treiben lässt), auf einen öffentlichen Skandal hinsteuern, dann droht das Ansehen der gesamten Pyramide Schaden zu nehmen. Das kann keinen von uns gleichgültig lassen.*)

Ein Heine-Vers, der mir nicht aus dem Sinn gehen will, lautet:

Hier ist es still, kein Windchen weht,
Die Wetterfahnen sind sehr verlegen,
Sie wissen nicht, wohin sich bewegen…

Ich verspreche: das wird nicht lange so bleiben.

In diesem Sinne
Mit freundlichem Gruß

 

*) Daher rate ich dringend, im vorliegenden Fall vom Instrument der Selbstevaluation keinen Gebrauch zu machen.

Ein Projekt verliert seine Unschuld

Ein Projekt verliert seine Unschuld
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Die doppelte Drohung, sie gibt zu denken. Was sie zu denken gibt, darüber solltest du nachdenken. Aus dem Ruder, aus dem Sinn: soll heißen, was sich, mit Bordmitteln, nicht auf Kurs halten lässt, macht keinen Sinn mehr und muss versenkt werden.

›Macht‹ bedeutet ganz klar ›produziert‹: ich produziere, du produzierst, er sie es produziert. Kleine Korrektur: er sie es produzieren, sie sind allesamt am Werk, keiner darf fehlen, keiner darf trödeln oder gar säumig werden.

Aber darum geht es hier nicht.
Worum dann?

Hast du getrödelt? Nein?
Bist du säumig geworden? Vielleicht.

Worin?
Du hast noch nicht ›geliefert‹.

Das mag sein, aber das ist in diesem Stadium des Projekts normal.
Sehr normal, um der Wahrheit die Ehre zu geben.

Es ist die Normalität.

Du stehst erst am Anfang.
Warum die Attacke?

Wogegen genau richtet sich die Attacke?
Gegen das Projekt?

Gegen dich?
Gegen nichts?

Zielt sie ins Blaue?
Ganz sicher nicht.

Ein Projekt verliert seine Unschuld
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Regel eins: gelassen bleiben. Sei ganz ruhig, beruhige dich, lass abflauen, was an Unruhe da ist, gib ihr keinen Raum. Gib ihr keinen Raum. Gut gebrüllt, Löwe. Sie ist da, sie flutet den Raum, sie ist überall.

Regel zwei: trennen. Natürlich geht es gegen das Projekt, das Projekt macht dich angreifbar, also geht es gegen dich. Natürlich zielt Dürrobst ins Blaue, da ist nichts, was ihm Anlass böte … es sei denn die Geschäftsordnung. Das Gerücht? Es gibt kein Gerücht. Er streut das Gerücht von einem Gerücht und schon ist das Gerücht in der Welt.

Regel drei: sei kein Narr. Wessen Bordmittel meint der Kollege? Ist er mit an Bord? Hast du einen Agenten an Bord? Glaubt Dürrobst, sein Agent bediene das Ruder? Warum kann er das glauben? Hast du etwas übersehen? Bist du blind? Hast du etwas überhört? Bist du taub?

Regel vier: nüchtern bleiben. Du übertreibst. Du bist der, dem, wie er sagt, das Projekt aus dem Ruder läuft. Wie kommt er darauf? Hat er Informanten? Schießt er ins Blaue? Wie auch immer, der Schuss gilt dir. Nein, er gilt nicht dir: er gilt dem Projekt. Nein, er gilt dir. Pawlows Hund in dir drängt: Verteidigen, was das Zeug hält! Abblocken, abstreiten, offenlegen, rechtfertigen, zurechtreden, übertreiben, untertreiben, schönfärben, beidrehen, retten. Sei kein Narr: er kitzelt den Hund mit dem Stock, er führt den Stock um ihn herum, er macht ihn närrisch. Warum macht er ihn närrisch? Er will ihn sehen.

Regel fünf: nimm dich heraus! Vielleicht hat das alles nichts mit dir und dem Projekt zu tun. Er gibt sich wichtig, er gibt sich immer wichtig, warum nicht auch in deinem Fall? Die Frage ist müßig, sie zieht die andere hinter sich her: Warum just hier? Was lässt ihn einsteigen? In diesem Fall?

Ein Projekt verliert seine Unschuld
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Wunderbar! Es gibt also einen Fall. Es gibt einen Fall und er, er steigt ein. Ungefragt, er tut es ungefragt, es handelt sich daher um einen Einbruch, er will an die Kasse, natürlich will er an die Kasse, was sonst, das sieht einer doch sofort, das bedarf keiner Analyse. Es bedarf keiner… Vielleicht doch? Vielleicht will er nicht an die Kasse. Woran dann? Ans Konzept?

Hast du ihn beleidigt? Nein. Gekränkt? Nein? Beeinträchtigt? Nein. Schlimmer: Er sieht sich zurückgesetzt. Wodurch? Was hat er verloren? Was hat er bei dir verloren? Nichts. Doch. Alles. Er war im Amt, als dieses Projekt bewilligt wurde. Es ist sein Baby. Er ist nicht mehr im Amt und niemand schert sich um seine Meinung. Die einzige Meinung, die im Moment zählt, ist der Einspruch. Also erhebt er Einspruch – aus diesem und keinem anderen Grund. Er will gehört werden, nichts weiter. Sie soll Gewicht haben, seine Stimme. Er will zerstören, was er zur Welt bringen half.

Nein, er will nicht zerstören. Er will übernehmen. Ist das dein Ernst? Dürrobst will übernehmen? Was will er übernehmen? Was kann er übernehmen? Was daran ist so beliebig, dass einer wie Dürrobst übernehmen kann? Einer wie Dürrobst. Einer wie Dürrobst? Woran erinnert dich das? Wer ist dieser Dürrobst, dass…? Nein, falsche Spur. Bleib ruhig, bleibe ruhig. Einer wie Dürrobst findet sich überall. Dürrobst ist beliebig … aber nicht beliebig genug.

Dürrobst ist das Beforschte.

Ein Projekt verliert seine Unschuld
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Wie kommst du darauf? Du hast nie darüber nachgedacht, stimmt’s? Du hast ihn beobachtet, ihn und die anderen, sie haben dir Empfindungen eingegeben, diffuse Empfindungen, wie dir jetzt scheint, nur: als du sie empfandest, als sie reell waren, empfandest du sie als genau. Dürrobst lebt in der Vergangenheit. Das ist richtig und das ist falsch. Er lebt in zwei Vergangenheiten: in den leidenschaftlichen Überzeugungen der Zeit, in der er jung war und sich revolutionär dünkte, und in der Zeit davor, mit der er sich durch die Nabelschnur einer vage aufscheinenden Kindheit verbunden fühlt. Wenn du nach dem Tabuwort forschst, das ihn beherrscht, obwohl er es niemals ausspricht, dann findest du eines: Faschismus. Er hat es (in seinem früheren Leben) so oft geschmettert, dass es sich falsch anfühlt, sooft er es in den Mund nehmen will: Das ist Faschismus. Nein, ist es nicht. Dabei ist alles Faschismus. Es verwächst sich nur, sobald einer wie er Teil des Systems wird, sobald er zu Amt und Würden gelangt. ›Faschismus‹ ist ein Türöffner, niemand rennt mit dem Schlüssel in der Hand herum, der sich bereits im Raum befindet. Aber er hat ihn griffbereit in der Tasche und tastet nach ihm, wann immer ihn Unsicherheit überkommt. Nein, er hat den Faschismus nicht erlebt. Nein, er war nicht dabei, es sei denn in seinem Todeskampf: als winziges schreiendes, wimmerndes, nuckelndes Bündel Mensch. Soweit reicht Erinnerung nicht. Selbst wenn sie soweit reichte: was hätte sie aufnehmen sollen? Was er, was es in ihm Faschismus nennt, ist der Geschmack der Kindheit danach: Gerüche aus der Elternwelt, Küchengespräche zwischen Erwachsenen, die er, Knirps, der er war, nicht verstand, aber tief in sich stapelte, Stimmen, angeraut, raunend oder heftig, raunend und heftig, schwelender Streit, scheinbar anlasslos aufflammend, Satzfetzen ohne Zusammenhang, im Gedächtnis haftend und schamhaft verschwiegen – ganz recht, schamhaft, denn er deutet sie allesamt in eine Richtung: Ich stamme aus einem faschistischen Elternhaus.

Stimmt das?

Ein Projekt verliert seine Unschuld
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Was geht’s dich an? Mag sein, es stimmt, mag sein, es ist nur ein Hirngespinst: wo läge der Unterschied? Für dich: nirgends. Wenn Dürrobst den Faschismus bekämpft, dann bekämpft er sein Elternhaus. Kämpft er denn? Unentwegt. Vielleicht auch nicht, aber: er ist ein Kämpfer. Oder: er gibt den Kämpfer. Besteht da ein Unterschied? Natürlich. Wer aber Dürrobst ist, weiß ich nit. Wann immer er antritt, bekämpft er Tendenzen. Er leiht ihnen viele Namen, aber jeder, der ihn kennt, weiß: insgeheim hören sie alle auf einen. Dass er verschwiegen wird, dass er verschwiegen bleibt, geht in Ordnung, denn: wer ihn ausspräche, erzeugte nur eines: Gähnen. Oder Gelächter. Oder Verdruss. Oder Langeweile. Die Schleifspur einer verjährten Revolte verödet den Blick und verschließt die Münder. Das Leben? Hat eine Tendenz zum Faschismus. Hat es das? In Dürrobsts Optik schon und nicht nur in seiner. Soll er zum Optiker gehen! Das sagt sich leicht, aber der Optiker ist seiner Meinung. Oder sein Opfer. Oder beides. Niemand, dessen Optik verrutscht ist, geht deshalb zum Optiker. Der Optiker hält die passenden Brillen bereit, um sagen zu können: Geht doch! Was soll da gehen? Jedes Wahnsystem benötigt Brillen, viele Brillen, viele unterschiedliche Brillen. Und doch ähneln sich alle wie ein Ei… Nein, nicht dieses Bild. Nicht dieses Bild! Wenn Dürrobst zum Optiker geht, trifft er sich selbst. Er beugt sich über die Ladentheke und sieht sich fest in die Augen, ins rechte zuerst, dann ins linke. Was er dort sieht? Die Verhältnisse, was denn sonst.

Ein Projekt verliert seine Unschuld
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Tiefergehende Leiden erfordern den Gang zum Arzt. Der Arzt lebt nebenan, er lebt sein eigenes Leben. Der Arzt, der Dürrobsts Leiden heilen kann, muss noch geboren werden. Er müsste geboren werden, doch nicht vom Weibe, um dich der Sprache der allgegenwärtigen Repression zu bedienen, denn vom Weibe geboren zu sein ist gerade das, was Dürrobst bemängelt: er kann es nicht gelten lassen. Der Mann, durch sein bloßes Dasein, reduziert die Frau auf die bloße Gebärfunktion – Mamma mia! Er jagt sie, qua Geburt, durch dieses Nadelöhr: die erste, nie wieder gutzumachende Untat! Faschistischer Urquell. Leidest du nicht, wenn du eine Mutter zusammen mit ihrem Knäblein die Straße entlang laufen siehst? Der helle Sohnesblick, ahnungslos, welches Los er seiner Mutter bereitet, ihr Halb-und-Halb-Wissen, das dem eigenen Leid durch Zärtlichkeit zuvorkommen will, während es ihm nur hinterherzockelt, verletzt er nicht tief? Fühlst du dich nicht – schuldig an Kindes statt? Der Mann hat kein Recht darauf, vom Weibe geboren zu sein. Er erzwingt seinen Weg, er okkupiert sie, er zwingt sie in seine Bahn, er zwingt sie, seine Bahn zu sein: Geschossbahn, Lauf einer Flinte, deren Abzug er drückt, sie bleibt zurück, er jagt hinaus – wohin? Diese männliche Jagd, das Projekt Mann, es muss ausgebremst werden: Dürrobsts Credo, sein zweites, nachdem das erste, die Eroberung der Macht, mangels Masse zur Seite gelegt werden musste. Ist Macht über die Köpfe denn keine Macht? Ist sie nicht Über-Macht? Am Ende reicht es, einen Brief zu schreiben und abzuwarten: diese Macht ist königlich, wenngleich im Verborgenen.

Ein Projekt verliert seine Unschuld
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Ein verborgener, alle Verhältnisse durchdringender Name, ein Name, der nie genannt werden darf und stets anwesend ist … ein derart ausgezeichneter Name erwirbt sich Attribute der Gottheit: Allgegenwart, Allzuständigkeit, Macht ohne Grenzen, Macht über Seelenzustände, Macht über ein Denken, das an kein Ende kommt, aber überall an sie grenzt. Wenn Dürrobst dein Projekt bekämpft, dann bekämpft er, insgeheim oder nicht, nur eines: seine Tendenz. Hat es denn eine? Die Frage trifft dich, sie trifft dich ahnungslos vor der Tür, sie trifft dich wehrlos. Bevor du antworten kannst, ist sie vorbeigeschlüpft und schon im Haus. Dreh dich um! Wo immer Dürrobst auftritt, ist er im Recht. In welchem Recht? In dem, das er sich herausnimmt. Niemand widerspricht einem Dürrobst direkt. Wer kann, zieht Stolperdrähte. Das hast du Dutzende Male erlebt.

Nicht trauern, kämpfen!
Schon gehst du ihm auf den Leim.

Ein Projekt verliert seine Unschuld
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Wer aber Dürrobst ist, weiß ich nit. Doch, in einem Punkt schon. Dieser Dürrobst ist ein Meister der Entgrenzung. Lege dich mit ihm an und du weißt bereits, er kommt an kein Ende. Was immer er dir vorzuwerfen hat, es ist nur der Anfang. Was immer er dir vorwerfen wird, es läuft auf dasselbe hinaus. Jeder weiß es, du weißt es und da alle Welt es weiß, lautet die Parole: Leg dich nicht an. Nicht mit dem. Mit so einem legt man sich nicht an. Wer oder was ist so einer? Ein Denken, dessen Enden überall zurückgebogen sind auf eine unbegriffene Kindheit und auf das erlösende Wort, das ihn von ihr absprengte, um ihn in alle Ewigkeit an sie zu fesseln, das Wort, das ihn zum Ritt auf der Kanonenkugel verdammte, never ending, ein solches Denken lässt sich nicht aufhalten. Nenne es: Männlichkeitswahn zweiter Stufe. Ihn musst du stoppen. Aber wie? Alle Fäden liegen in seiner Hand. Gestern ein loses Häufchen Verbindungen, heute ein Netz – eine Handbewegung, und es zieht sich zu. Was hättest du zu verbergen? Nichts. Das ist der Kern seines Vorwurfs: nichts. Du suchst und du findest: Panik. Das ist sein Ziel: du findest nichts und du bist schon in Aufruhr. Wo liegt der Fehler? Warum so erregt, Kollege? Habe ich etwas gesagt? Zeigen Sie mir, was ich gesagt habe. Ich habe etwas geschrieben, das ist richtig und das ist wahr. Ich habe aufmerksam gemacht, hören Sie, das ist meine Pflicht, meine verdammte Pflicht, ich bin meiner Pflicht nachgekommen, tun Sie die Ihre. Tun Sie Ihre Pflicht.

Ein Projekt verliert seine Unschuld
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Kann er dir schaden? Er kann. Ein Befund, so deprimierend wie unumgänglich. Mach dir nichts vor. Wenn Dürrobst warnend den Finger hebt, blinzelt der kollegiale Rest in die Sonne und bestätigt ergeben: Stopp! Nichts geht mehr. Kannst du ihn daran hindern? Nein, das kannst du nicht. Was kannst du dann? Dich zur Wehr setzen. Wie sieht sie aus, die ›Wehr‹? Wer wird sich ihr, sagen wir … aussetzen? Dürrobst? Nein, das wird er nicht. Leute wie er wiederholen sich bloß. Sie wechseln die Foren. Was du morgen aus diesem Mund hörste, erfährst du übermorgen aus jenem. Dürrobst ist eine Hydra. Dürrobst ist … sie alle. Er wird jeden, den er auftreiben kann, gegen dich in Stellung bringen. Wie er das macht? Keine Ahnung. Ist das wichtig? Nicht wirklich. Warum kann er es denn? Er kann es, weil du ein Fremdkörper bist, ein Splitter in diesem Körper, genannt Fakultät, jedenfalls fühlst du dich so, jetzt, in diesem Moment, gestern fühltest du anders, doch das war gestern. Woher diese Bereitschaft, dich isoliert zu fühlen? Ganz einfach: es ist wahr. Akzeptier das! Dankbar solltest du dem Kerl sein, ganz recht: dankbar. Er lockt heraus, was du von Anfang an wusstest. Du bist keiner von denen, du warst es nie und wirst es nie sein.

Ein Projekt verliert seine Unschuld
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Dürrobst, mir graut vor dir, aber unter uns: Bist du nicht selbst sein eingeborener Teil? Der Mann, Erfinder der Pille, des Ur-Instruments aller effektiven Verhütung, hat sich und ihr ein Instrument geschaffen, jenes universale Unrecht aus der Welt zu entfernen, das seine Existenz in sie hineinträgt – warum sollte er es nicht tun? Darf er säumig werden, nur weil es ihm an den Kragen geht? Nein. Geht es ihm an den Kragen? Nein. Im Gegenteil, er ist am Drücker. Jeder Sexualakt, den er der zum reinen Sex befreiten Frau abjagt, erinnert ihn an seine Pflicht: die Erschaffung der neuen Weiblichkeit. Blumen aus Asphalt! Dürrobst will nicht an dein Projekt. Es hat ihn an seines erinnert, es hat ihn rege gemacht und jetzt fällt er über dich her, mit frischem Appetit, erfolgshungrig, lüstern nach Bestätigung. In ihm rattert die Mitrailleuse des Geschlechterkampfs: Allons enfants de la psychose… Was will er denn? Die totale Frau, das ist die total verfügbare Frau, das ist die total unverfügbare Frau, die Frau an sich, das Wesen, das keiner kennt, das noch keiner kennt, das aus all dem Brimborium heraustreten muss wie … wie … Rennen sie nicht, um zu sein wie keine zuvor? Ist es nicht gerade das, was sie aus tiefstem Antrieb wollen? Ist das nicht ihre männliche Zukunft? Dass ein Dürrobst sie dort erwartet, klingt hart, aber es dürfte nicht übertrieben sein. Zumindest arbeitet er dran. Mit Schwanz und Hirn.

Ein Projekt verliert seine Unschuld
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Uns du? Was willst du mit deinem Projekt? Dir einen Name machen. Selbstverständlich willst du das. Es ist normal. Ebenso selbstverständlich tritt dir der andere in den Weg. Das ist auch normal. Es ist das, was stets geschieht. Warum musste es dieses Projekt sein? Noch immer hast du das Gefühl, es nicht ausformuliert zu haben. Wenn es deines ist, dann nur deshalb, weil es dich anzieht. Auch das ist normal. Dein Projekt ist das Projekt deiner Generation. Du bist ein Teil von ihm. Träte dir eine Frau in den Weg, du wärest tief gekränkt. Dennoch … genau das musste geschehen. Was ist geschehen? Dürrobst ist diese Frau. Pfeifenputzer-Dürrobst? Wie das? Dürrobst ist alle Frauen. Nein, er handelt nicht in ihrem Namen. Er ist ganz Frau, ganz Mann. Als Mann ist er ganz Frau. Nicht auszudenken, was er als Frau wäre. Er ist der Geist der Revolte. Ihr Gespenst. Ihr Monument ohne Rückgrat. Ihre Sphinx.
Ödipus auf dem Weg zur Mutter: so könnte, so muss Laios ihm in den Weg getreten sein, nicht als Sphinx, sondern als Fremder, nicht als Fremder, sondern als jemand, der nicht zu weichen gedenkt. Denn hier ist er Herr. Herr über was? Über die Wege zur Frau. Laios ist diese Frau, er ist alle Frauen. Er ist Dürrobst.
Aufhören! Das ist … Kitsch. Geschlechterkitsch. Was ist Kitsch? Frage, zu oft gestellt, es hat keinen Sinn, sie zu beantworten. Kitsch ist die Antwort, nach der nicht gefragt wurde. Sie drängt sich dazwischen, sie spreizt sich, sie reizt dich, sie flüstert: Nimm mich! Aber es hat keinen Sinn, es führt nicht weiter, es blockiert deinen Weg. Nenne ihn, wie du willst, die Blockade bleibt. Sie bleibt, und du … arbeitest dich an ihr ab. Was bedeutet das: abarbeiten? Deine Arbeit liegt dort, auf der anderen Seite, die Blockade hindert dich daran, deine Arbeit zu tun, warum arbeitest du hier, wenn du dort zu tun hättest? Du arbeitest hier, um deine Arbeit dort leisten zu dürfen? Was für ein Irrsinn! Herr Kitsch – nenne ihn so, es entlastet nur einen Moment, aber dieser Moment ist gewonnen –, Herr Kitsch zwingt dich, für dein Projekt zu kämpfen, er nötigt dich in die Spirale, er will dich trudeln sehen, er will deinen Absturz, vielleicht auch nicht, vielleicht mehr: Was wäre mehr? Was wäre mehr?

Hinab in die Zonen von Geburt
und Wiedergeburt

Hinab in die Zonen von Geburt und Wiedergeburt
1

Umsonst, ja, ist das eine, umsonst auch das andere: nicht zu haben, das auch, sondern im Vollsinn, doppelten Halbsinn, vierfachen Viertelsinn, achtfachen Achtelsinn, sechzehnfachen Sechzehntelsinn etc. (die Stückelung macht Sinn, wenn man bedenkt, wie zerstückelt alle Verhältnisse sind mitsamt dem ihnen innewohnenden Drang zum Zusammenschluss, koste es, was es wolle), sinn-frei, eine Art Freimachung, bequemer zu haben als im wirklichen Leben mit seinen stets aufs Neue fesselnden Komponenten, nur aus den Kleidern zu schlüpfen geht rascher, auch das eine Art, sich freizustellen, und wirklich, nun ja, wirklich ist hier alles:

Nofretete? Nofretete! Warum Nofretete? Steht sie nicht im Museum? Steht sie nicht gut im Museum? Warum ihr das Geheimnis der Weiblichkeit entreißen? Enthält sie es denn? Ist sie ein Koffer, vollgestopft mit Auskünften, die nur abgezapft werden müssten (aufschließen lässt sich der Koffer nicht, der Schlüssel ist auf den Pfaden der menschlichen Evolution verlorengegangen, selbst wenn man ihn fände, es wäre vergeblich, denn so oder so würde er heut’ nicht mehr passen, also gilt es, sich irregulär Zugang zu verschaffen), um, sagen wir, den Ur-Sprüngen weiblicher Macht … hinterherzuforschen?

Kann Macht weiblich sein? Macht ist Macht, sie wird verliehen (vererbt wie verliehen), sie ist transitorisch, sie vergeht hier, um dort zu erwachen, ganz recht, zu erwachen … es gibt sie demnach, in allen Formen und Modi, schlafende Macht, die geweckt werden will, gähnende Macht, rülpsende, lärmende, lähmende, schauerliche, befeuernde, trödelnde, ganz recht, trödelnde, dem Trödel verfallene, dem Trödel aufsitzende und, nicht zu vergessen, jene, die niemals schläft, wachende Macht, Ordnungsmacht, tröstende Macht, Macht der Verheißung, Macht des Erbarmens, Macht des Versprechens und der Versprecher, der vielversprechenden Worte, des Aufruhrs, der Persönlichkeit, des Neides, der Missgunst, der Erinnerung, des Vergessens, des Geltenlassens, der Anerkennung, der Schönheit – hoppla, da hätten wir sie, die Kandidatin, herausgefischt aus dem Abwasserfluss der Wörter, der durch alle vorstellbaren Leidenschaften entklarten Brühe des Deklarierten.

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2

Amas Stimme verrät viel. Hörst du sie auch? Hast du sie im Ohr? Wenn es nur das wäre. Amas Stimme haftet, klettengleich, überall, du müsstest versuchen, sie abzuwaschen, aber auch das wäre vergeblich, du schrubbtest sie nur tiefer in deine Haut. Ama besitzt eine Haut-Stimme, sie geht nicht unter die Haut, sie klebt an ihr, sie nistet sich in ihr ein, sie breitet sich in ihr aus, als handle es sich um Löschpapier. Sie ist tintig, von tintiger Schwärze, das war’s, was dir gleich auffiel, neben den Brauen, den dichten Brauen aus festem schwarzem Haar, als seien Stimme und Braue aus einem Stoff. Macht ist weiblich, sagt diese Stimme, nimm mich, sagt diese Stimme, versuch’s doch, sagt diese Stimme, lieber nicht, sagt diese Stimme, an mir wirst du scheitern… Du möchtest gern wissen, woran du scheitern wirst? Vielleicht möchte ich das auch, da hätten wir eine Gemeinsamkeit, darauf könnte man … nicht bauen, aber den Versuch wäre es wert.

In Amas Versuchswelt bist du ein kleines Licht. Vielleicht nicht einmal das. Könnte es nicht aber sein (sagt diese Stimme), dass dieses winzige Licht, dieses Lichtlein andererseits – andererseits! – identisch wäre mit dem Licht am Ende des Tunnels? Des Tunnels, ganz recht, und damit das Ziel einer Reise durch Schwärze und Nacht, eine Nacht nur im Gehirn, schwarzes Fieber, angefacht vom Begehren, voluptas, das die Klassiker zügellos nannten, obwohl es, auf seine Weise, Zügel und Zaumzeug liefert, auf dass du parieren lernst… Du parierst schon, stimmt’s? Winde dich nicht. Natürlich parierst du, subkutan, es knackt und knistert unter der Oberfläche. Du bist angesprungen, ganz recht, das ist peinlich, das ist … geschmacklos, es verstößt gegen die Regel, es schadet dem Projekt.

Hinab in die Zonen von Geburt und Wiedergeburt
3

Dass es Menschen gibt, die diese Grundspannung brauchen.
Dein Eindruck ist eher, dass sie dich verhindert.
Woher stammt dieser Eindruck?
Sie zieht dich ab.
Wovon?
So befragt, bleibt es stumm.

Amas Apologeten sind überall.
Du kannst sagen, dein Geschlecht ist auf ihrer Seite.
Warum sagst du es nicht?
Dein Geschlecht ist dein Geschlecht.
Eine fremde Macht? Das müsstest du wissen.
Bist du Geschlecht?
Bist das du?
Seltsame Frage.
Nein, du bist es nicht.
Anderseits… Doch…

Nein, du bist es nicht. Ein Widerwille ergreift dich, sobald die Stimme Papperlapapp ertönt (du hörst sie über dem Lesen, eine Radiostimme, ausgeschlagen mit einer Lebendigkeit, ebenso falsch wie eigen, ein Schnurrbart, der angeklebt wirkt, aber man begreift, er ist echt), mehr Widerspenstigkeit als Widerwille, als wärest du versehentlich in eine Hecke am Wegsaum geraten und müsstest erst wieder heraus, bevor du deinen Weg fortsetzen kannst, du arbeitest dich aber nur stärker hinein, solange du weiterliest.

Reinheit, sagt diese fatale Stimme, diese Idee der Reinheit, die dich vom Weibe trennt, was ist sie nur? Lass es dir sagen, folge mir, folge mir zögernd, folge mir widerwillig, knurre nur, zerre an deiner Leine, aber folge mir, denn an dieser Leine hängst du nun einmal, solange du der Spur meiner Wörter folgst, der Spur der … nennen wir’s Aufklärung, nennen wir es ruhig Aufklärung, warum denn nicht, es ist doch Aufklärung, oder nicht? Gäbest du dich weniger widerborstig, wäre es dann nicht Aufklärung? Warum sonst müsstest du Widerstand leisten? Folge ihm ruhig, wenn du mir nicht folgen magst (was ich verstehen kann), Leben ist Widerstand, Leben ist gut, du bist ein Kämpfer, zieh deines Weges, aber folge mir, folge mir leise, beharrlich, merkst du, wie er mir zuarbeitet, dein berühmter Widerstand? So sieht es aus mit dem Widerstand.

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4

Diese Idee der Reinheit, sagt Papperlapapp, sie ist der Ausgang aller Perversität, erst mit ihr kommt dieses köstliche Ich ins Spiel, das männlich sein will, männlich, verstehst du, nichts-anderes-als, verstehst du, beimischungsfrei, denn, oh Wunder, diese Beimischungen, dieses Auszuscheidende, es hat einen Namen. Es ist weiblich: was sonst? Du erschaffst diese Polarität, du selbst erschaffst dir das Weibliche – Macht! Majestät des Gefühls! Fluss der Gedanken! Dein Leben bekommt einen Inhalt, endlich, einen ganz neuen Inhalt, er strömt in dich ein, erkennst du das Vakuum, das du geschaffen hast? Ich aber sage dir: es ist ein Trick. Komm, ich verrate ihn dir. Dazu musst du erst ruhig werden, ganz ruhig. Ich spüre sie noch, deine Unruhe. So wird das nichts. Ganz ruhig! So, nun ist es soweit. Wo waren wir…? Ach, der Trick. Wer denkt an den Trick? Denkst du an den Trick? Ich denke an keinen Trick. Ich überschlage diese … diese … ursprüngliche Perversion und erkenne in ihr den Sprung. Der Mann erscheint und es erscheint, wie aus dem Bilderbuch geschnitten: die Macht. Ja gewiss, die Macht. Wer sonst? Ich spüre dein Zögern, den Gedankengang fortzusetzen, du würdest gern rückwärts gehen, habe ich recht? Natürlich habe ich recht, natürlicherweise, denn alles, was du dir erdacht hast, alles, was du dir erbaut hast (ich rede jetzt nicht über dich, du bist nur ein winziges Glied in der Kette), das alles ist Macht: Rühr mich nicht an. Macht ist alles und alles ist Macht. Unter einer Voraussetzung… Männlichkeit ist eine männliche Obsession.

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Und das soll wahr sein? Wahrheit, raunt die fatale Stimme, ist eine männliche Obsession… Da fährst du zusammen und lachst. Doch dein Lachen klingt merkwürdig hohl, du bist ziemlich allein in deiner Umgebung mit einem Lachen, das sich weigert, Gelächter zu werden, da die Einstimmung fehlt… Wessen Einstimmung? Aller Einstimmung, Dummchen, an wen dachtest du denn? An Dürrobst? An Teuschner, Ruffmann, Hölzchen, Friedenwanger? Hölzchen vielleicht, aber er bleibt ein unsicherer Kantonist. Leckebusch auch, er ist ein Meister der dialektischen Verdrehung, heute schickt er dich ins Gefecht, morgen erklärt er dir deinen Irrtum, als gehe er ihn nichts an und nie, nie habe er ihn geteilt.

Dieses doppelte ›nie‹, es schürt gleich wieder Verdacht. Doch Leckebusch, Hölzchen, sie sind nur Gast in diesem Haus, sie kommen aus einer anderen Welt, sie schneien herein und ihre Rede zerläuft. Was bleibt, sind Flecken, jede Putzkraft schrubbt so etwas weg. Wer bleibt, ist Tronka, er ist eine andere Welt, eine Welt für sich, aber für andere? Er würde dein Lachen teilen, kein Zweifel. Du hörst schon euer Gelächter. Hörst du es gut? Hörst du?

Er nimmt es dir ab, gleich ist es nicht mehr das deine. Ernüchtert folgst du dem Klang der Stimme, etwas stimmt nicht daran. Tronka kennt die Wahrheit, doch er ist unwahr. Worin ist er unwahr? Nicht wahr, raunt die fatale Stimme, du hast ihn erkannt? ›Erkannt‹ ist ein gewichtiges Wort, sagen wir … du hast einen Verdacht. Welcher Art dieser Verdacht ist, willst du nicht sagen, deine Hand sträubt sich, ihn niederzuschreiben, du willst nicht der sein, der ihn hinausposaunt, dieser Verdacht ist diskret.

Früher, in einer Welt, die jetzt langsam versinkt, die hier, in der Pyramide, bereits spurlos vergangen scheint, es sei denn, man nimmt den Eifer, sie zu erforschen, als Spur – damals hätte jemand Zweifel an seiner Männlichkeit angemeldet: Na also, raunt die fatale Stimme, war das so schwer? Nun ist es heraus, damit lässt sich doch etwas anfangen. Aber was? Leute vom anderen Ufer, das trennende Meer, der Geruch des Fremden, der Geschmack des Fremden, ja der Geschmack … sein Geschmack ist eigen, nicht wahr? Und er lässt ihn nicht heraus, er selbst lässt ihn nicht heraus, er lässt ihn drin, als gehöre er dort hinein … warum?

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Nein, Tronka ist kein Wiedergeborener, er leidet an seiner Geburt, er möchte sie gern noch ein wenig hinauszögern, aber sie ist schon geschehen, sie hat ihn hinter sich gelassen, die eigene Geburt, schwer vorstellbar, aber so wird es sein. Wie sonst? Als Leidender steht er über dem Leid, er genießt seinen Hochmut, er ertränkt sich im Hochmut wie andere ihren Kummer im Wodka. Tronka ist alte Schule – du verstehst, raunt die fatale Stimme, was immer du über Wahrheit lernen kannst, lernst du von ihm, besser: du lernst es an ihm, du lernst es ihm ab, wenn du verstehen willst. Old school – achte darauf, seine Theorien sind avanciert, aber er selbst, er ist hoffnungslos antiquiert, deshalb wird es nichts mit dem Schick.

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Ama: schadet sie dem Projekt? Du bist verpflichtet, die Frage zu stellen. Du entgehst ihr nicht. (Ama oder der Frage? Das wäre bereits die nächste.) Zu lösen ist da nichts. Frage hin, Frage her – willst du das: ihr entgehen? Was entginge dir da? Ihr Apologetenschwarm? Kein Zweifel, das wäre verkraftbar. Vergleiche Ama/Elisabeth: jene ›Wand aus Männlichkeit‹, die sich um Elisabeth … bildet, wo immer sie geht und steht – erdrückend, einschüchternd, beleidigend für den Erkorenen, es sei denn, er wäre ein Terrier und genösse die Szene. Nichts dergleichen im Falle Ama (jedenfalls nicht, soweit dieses Stück innerhalb deines Blickfeldes spielt). Das Feld ist frei. Geht man ihr aus dem Weg? Gehst du ihr aus dem Weg? Innerlich schon, jedenfalls war das dein erster Reflex. Lehnst du sie ab? Nicht im geringsten. In was dann?

Dennoch: du weichst ihr aus. Willst du ihr denn ausweichen? Es geschieht einfach, als könne es nicht anders sein. Weichst du ihr wirklich aus? Eure Kontakte sind sporadisch, sie sind ›vermittelt‹ durch das Projekt, sie ergeben sich zwangsläufig, sie sind, aus deiner Sicht, dienstlich, kaum zu vermeiden: ändert das ihren Charakter? Ein wenig schon, es gibt ihnen eine Basis: Wo stehen wir jetzt? Und was steht an? Darüber müssen wir reden. Nächste Woche, ja, bei mir ginge das gut. Also gut, nächste Woche. Schon nächste Woche? Als wäre glühende Asche auf deinen Terminkalender gefallen und hätte ein Loch in den Tag gebrannt.

Ach Ama. Etwas ist falsch an ihren Auftritten. Sie ist so einfach und alles an ihr ist doppelt. Sie kann nicht anders. Wir können beide nicht anders. Von dir geht Zwang aus.

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Sie macht es nicht mit den Hüften.
Sie macht es – sei vorsichtig, wie du es sagst! – mit dem leicht tranigen, auf spezielle Punkte trainierten Verstand. Blitzwach im Tran. Sie unterläuft deine Aufmerksamkeit mühelos. Als wäre das, was dir durch den Kopf geht, nicht der Mühe wert, beredet zu werden: Wie stehe ich vor ihr da? Wie stehe ich vor mir da?

Und – wie stehst du da? Kaninchen vor Schlange, ausgebremst, in der Bewegung erstarrt … nein, aus der Bewegung herausgeholt, die weiterläuft, aber fahrerlos, ins Gelände: seltsames Kaninchen, seltsame Schlange, Buddha-Schlange, ein Dauerkommentar zu dem, was du redest, nicht redest, treibst, bis in die Haarspitzen hinein, ja sicher: auch sie entgehen ihm nicht.

Mit welchem Recht –? Aus welchem Recht gibt sie sich so? Aus dem Recht dessen, der sich nicht anders gibt, niemals anders gibt … vielleicht, weil sie sich sonst aufgeben würde. Das wird es sein. Sie wäre nicht Ama, sie wäre nichts. Weniger als nichts: eine Unsicherheitsanmutung. Gib zu, du würdest sie übergehen, wann immer sich die Gelegenheit böte. Dieser leicht aus der Form gegangene Körper zieht dich nicht an, er klebt an den Fältelungen ihrer Klamotten, als brächte ihn nichts und niemand heraus – wohin? Scheut er das Licht? Eher scheust du das Licht, das auf ihn fallen könnte. Du scheust es durch alle um ihn drapierten Tücher hindurch. Er macht dich lichtscheu, dieser Körper, vorsorglich klammerst du dich ans Licht: diese Frau verströmt Dunkelheit und Dunkelheit bedeutet Erwartung.

Er-wart-ung, Sie-wart-ung.

Wenn sie sich aufgeben wollte, was müsste sie aufgeben? Zweifellos das, was sie niemals loslässt, so wie die Dinge liegen: ihr Frausein, ihre Frauheit, ihr eisernes Bewusstsein, Frau zu sein. Ist das Bewusstsein? Es zielt auf dein Bewusstsein, vielleicht auch ein wenig tiefer. Aber ist es Bewusstsein? Die zur Gewohnheit gewordene Weigerung, anders zu sein, ist sie Bewusstsein? Was wäre das Gegenteil? Instinkt? Überlebensinstinkt? Sieger-Instinkt? Komische, komisch unausgefüllte Wortkaskade. Womöglich liegst du ja falsch und es handelt sich um das Gegenteil einer Gewohnheit – um die volle Schärfe des Jetzt, die nichts, auch das Selbstverständliche nicht, zurücktreten lässt. Ist Ama unausweichlich?

Vielleicht, vielleicht nicht. Auf alle Fälle: Da ist was dran.

Hinab in die Zonen von Geburt und Wiedergeburt
9

Ist sie nicht. Was ist sie dann? Eine Projektteilnehmerin. Eine Projektfigur unter anderen. Dummerweise wird es ihr nicht gerecht, wenn du so über sie redest. Du stößt sie zurück. Warum? Weil sie, sie allein, das Projekt flutet. Ama ist das Projekt. Randvoll füllt sie es aus, auf ihre Weise, auf keine andere, alles andere wäre schließlich pervers.

Apropos pervers: Ist Ama pervers? Oder alle anderen? Auch darüber solltest du nachdenken. (Ist das dein Ernst? Warum denn nicht? Wäre es das nicht, dann solltest du anfangen darüber nachzudenken.)

AMA, ÄLTESTE ALLER FRAUEN

Vielleicht nicht dem Typus nach, was bedeutet schon Typus, vielleicht … du weißt es noch nicht. Du weißt so vieles noch nicht. Ama, ewig stumm, ewig beredt. Ein Plappermaul an Verschlossenheit.

*****

Links hatte alles sich noch zu enträtseln. Wieso links? Ist Ama links? Ama ist unpolitisch, sie plappert die Sprüche der Linken nach, weil sie zu ihrem Milieu gehören, genauer, zu Momptis Milieu, nein, doch eher zu ihrem, denn in diesem Milieu erblühte sie einst, scheue Knospe, heute nicht mehr wiederzuerkennen, aber zu ahnen. Wärst du ein paar Jahre älter, würdest du ihre Geheimnisse kennen. Ahnung ist eine Funktion der Altersschichtung.

Hinab in die Zonen von Geburt und Wiedergeburt
10

Wer Ama war, du ahnst es, seit du sie kennst. Sie trägt diese zweite Ama mit sich herum, sie kokettiert mit ihr, nein, das ist nicht wahr, sie unterhält sich mit ihr, sie hält mit ihr Zwiesprache, wo immer sie geht und steht. Nein, Zwiesprache ist das nicht, ein Fluidum verbindet sie beide, die gewesene Ama, die schlanke, ranke rechts hinten im Bild, und die heutige, stämmige, fordernde, die Frau an der Theke. Wenn Ama randlos ist, dann zuallererst gegen sich selbst. Sie ist der Fluss und der Abgrund, in den er sich stürzt. Ein furchtbares Bild, warum kommt es dir jetzt in den Sinn? Nein, da ist kein Abgrund, eher die Ebene, die flache flache Ebene, in der es fortgeht, immerzu fort.

Es ist nicht richtig, was diese Ama auslöst, es ist nicht richtig und es geht nicht weg. Es wächst am Unwillen. Schieb’s weg und es gewinnt an Kraft, wie der Bogen, den einer spannt und spannt…

Amagonie

Amagonie
1
Amagonie
2

Tronka, schon wieder

Sobald Tronka mit dir zu sprechen beginnt, nimmt er diese überlegene Pose ein, er wölbt sich innerlich vor, als müsse er seine Sätze springen lassen, so wie man sagt, jemand lässt eine Runde springen, er spendiert sie, er kann es sich leisten, er pfeift auf die Unkosten, sie jucken ihn nicht, jedenfalls nicht in der Situation. Gleichzeitig bleibt er am Rande, ein wenig, als schütte er sie beiseite, wie eine Bühnenfigur, die bereits ihren Abgang vorwegnimmt, auch wenn der Haupttext noch nicht gesagt ist. Warum er das tut? Das zu ergründen wäre eine Abhandlung wert. Du wirst sie nicht schreiben. Willst du sie schreiben? Nein. Warum eigentlich nicht? Tronka ist ein ungewöhnlicher Gelehrter, un vero philosopho, genügt das, um ihn links liegen zu lassen? Offenbar.

Die Tronka-
Frage
Was ist das für eine Wissenschaft, in der einer wie Tronka links liegen gelassen wird, als existierten seine Arbeiten nicht? Was ist das für eine Gesellschaft, in der einer wie Tronka die Gründe für seinen Misserfolg bei sich selbst suchen muss? Wer suchet, der findet. Wer mit gewaltigen Suchorganen ausgerüstet ist, der findet Gewaltiges. Tronka ist ein rüstiger Finder. Weil er alles auf die Spitze treibt, findet sich alles dort, weithin sichtbar, vor Angst bebend, es könne im nächsten Augenblick herunterfallen. Ist diese Angst reell? Offenbar. Offenbar nichts. In diesem Winkel der Gesellschaft ist alles offenbar und es ist alles nichts.

Ruffmann, der ewige Kollege, sein wirklicher Gegenspieler, gönnerhafter Freund der örtlichen Schwulenszene, ist viel zu sehr mit seiner Karriere beschäftigt, um in ein Gespräch mit ihm einzutreten. Tronka, a black hole. Jeder Versuch, mit ihm zu debattieren, erübrigt sich, denn man müsste ihn vorher lesen und dazu reicht die Weltzeit des Durchschnittsgelehrten, den nächsten Kongress vor Augen, nicht aus. Einer wie Ruffmann fühlt den Imperativ, sich nicht zu verzetteln, bereits am Frühstückstisch. Tronkas Bücher sind schwer: sie wiegen schwer und sie lassen sich, bis in den letzten Satz hinein, schwer entziffern, jedenfalls dann, wenn Entzifferung bedeutet, den darin liegenden Sinn zu entschlüsseln. Besitzen sie deshalb keinen? Oder ist schon die Antwort auf diese Frage gleichgültig? Falls ja, dann ist die Existenzform all dieser Gelehrten nichtig.

Wahrheitsfessel
(halts fest!)
Weil das so ist, wiegen auch deine Gespräche mit ihm schwer. Jedenfalls ist das die Empfindung, die sie begleitet. Du kommst nicht von ihnen los, das ist die Wahrheit. Nichts als die Wahrheit? Die Wahrheit ist: du würdest gern von ihnen loskommen, immer wieder suchst du den Moment des Absprungs. Und ein ums andere Mal verpasst du ihn. Auch du schiebst ihm die Schuld zu, niemand zu sein. Ist Tronka niemand? In welchem Sinn? Auch Ama ist niemand, aber das gehört sich so und sie wüsste nicht, was an ihrer Existenz falsch genannt werden dürfte. Ama ist Ama. Ist Tronka Tronka? Tronka ist ein Kunstprodukt der Gesellschaft. Eine Schwellenfigur: entstanden aus der Notwendigkeit zu existieren, vereint mit der Unmöglichkeit, als der durchzugehen, der er ist oder wäre, besäße er dazu das nötige Ansehen, das jene ihm konsequent verweigert.

Amagonie
3

Wie viele Tronkas existieren da draußen? Viele vermutlich, allzu viele, um jedem von ihnen ein verbrieftes Recht auf Anerkennung zuzugestehen. Zu wenige allerdings, um eine Macht darzustellen, die um Anerkennung zu streiten imstande wäre. Gerade da liegt der Hase im Pfeffer. Die Tronkas dieser Welt sind zu emanzipiert, um jenen Emanzipationsprozess zu durchlaufen, der aus Problemgruppen gesellschaftliche Akteure zaubert, imstande, konsequente Image-Arbeit zu betreiben und irgendwann politische Schlüsselpositionen zu besetzen. Jeder Tronka ist mit derselben Selbstverständlichkeit Genie, mit der jedes anständige Genie die gesellschaftliche Skala zwischen Verachtung und Verehrung durchmisst. Es sind die unanständigen Genies, die sich im Glanz steter Anerkennung und gleichbleibender Selbstachtung sonnen. Nichts für Tronka! In seinem Gemüt besitzt der Anstand die Funktion des Zeigers: worauf er auch zeigt, es ist gerichtet oder auserwählt – zwei Weisen desselben ›Seins‹.

Wie viele Tronkas verträgt eine Gesellschaft? Nicht sonderlich viele, sollte man meinen. Aber das heißt nicht viel. Den Tronka-Anteil misst man nicht nach Prozenten, auch nicht in Promille. Man misst ihn nach Gemeinschaftserlebnissen, aus denen er sich davonmacht. Wie oft hast du beobachtet, wie Tronka verschwand, aus dem Raum diffundierte, sobald sich ein Kreis von Kollegen zur Selbstfeier zusammenfand? Ein-, zwei-, fünfmal? Es ist eine Urszene. Tronka in trauter Unterredung mit Dürrobst, halb abgewandt vom Rest der Gesellschaft im diffusen Licht einer Fensternische das Sektglas zwischen den Händen drehend, besitzt Erheiterungswert: So nicht! Wie dann? Nicht immer stiehlt sich Tronka davon. Abgesichert durch den Cordon seiner Jünger kann er einen Tisch halten, ohne ein einziges Mal aufzublicken, erkennbar entschlossen, die Stellung gegen die Lemuren zu verteidigen, deren Treiben er nichts weiter entgegenzusetzen weiß als unverbrüchliche Nichtbeachtung.

Ama und Tronka, vereint im Café –: sich das vorzustellen fällt leicht, leichter jedenfalls als anderes, einen wandernden Tronka im Gebirge zum Beispiel oder eine strickende Ama. In ihrem Dasein ist das Stricken, als falsche Geste, verpönt. An seine Stelle trat die sinnende Handhabung der Pastellstifte, deren akkurates Zusammenspiel einem Stein, einer zerlappten Wiesenblume oder einem rostigen Stück Draht auf dem Papier die Aura doppelter Leblosigkeit verleiht. Für Mompti ist das ›wichtig‹. Es entbindet ihn familiärer Pflichten und nährt das Gefühl, verstanden zu werden. Er sieht nicht die Konkurrenzgebärde darin, er leidet, aber er leidet diffus. Auch Tronka leidet, doch das Gespräch mit Ama entlastet ihn. Nein, er fühlt sich nicht verstanden, schon gar nicht von Ama. Ganz im Gegenteil: ihre Gegenwart erlaubt ihm die Empfindung maximaler Distanz. Nicht dass ihn ihr Magnetblick verschonte – er empfindet ihn und fühlt sich belustigt.

Diskursfiguren 2

Nofretete das Biest


 
Amagonie
4

Auch Ama fühlt sich belustigt.
Jedenfalls entnimmt er das ihrem Signalement.

Ama/Tronka:
Kannten die beiden sich, bevor das Projekt sie zusammenbrachte?
Diese ab-ovo-Vertrautheit sollte dich misstrauisch machen.
Sich nichts dabei denken: Regelverstoß Nummer eins.
Du hast dir nichts dabei gedacht.

Und jetzt?
Denkst du dir etwas dabei?
Was denkst du dir eigentlich dabei?
Nichts Bestimmtes.
Es rumort in dir, aber es kommt nichts heraus.

Also: Lege etwas hinein.

Amagonie
5

Tronkamat

Angenommen, sie kannten einander nicht: Wie konnten sie voneinander erfahren? Genau so begegnen sie sich, als Erfahrene, denen der jeweils andere kein X für ein U vormachen kann. Darin besteht zwar ihre Grundattitüde, aber in diesem Fall glänzt sie durch Symmetrie. Von Ebenbürtigkeit ist dabei nicht die Rede, sie ergibt gar keinen Sinn, es ist, als seien sie auf unterschiedlichen Sternen geboren und mit so unterschiedlichen Bedürfnissen aufgewachsen, dass selbst die Nahrungsaufnahme inkompatiblen Ritualen gleicht. Ama, die Nicht-Köchin, stellt ihre Bedürfnislosigkeit heraus, wo immer sie kann, man ahnt kaum, wie sie zu ihrer üppigen Figur kommt und vermutet verschwiegene Exzesse. Tronkas Rede atmet Völlerei, wo immer sie dazu Gelegenheit bekommt, blickt man auf den vor ihm stehenden, mit derben Köstlichkeiten überladenen Teller, so bleibt davon wenig übrig. Er ist und bleibt ein sparsamer Esser. Spräche er nicht eifrig dem vino rosso zu, der den Frascati fast völlig verdrängt hat, so könnte man ihn unverblümt als Krümler bezeichnen.

Was sagt das?

Ama, bäuerlicher Herkunft, mimt die aparte Frau. Sie ist aber nicht so apart, dass nicht die Herkunft sich mit Wucht gegen die exzentrische Lebensform würfe, die sie sich aufgetischt hat, um sie sich Stückchen um Stückchen zuzuführen – zu ›inkorporieren‹, wie die Meistervokabel lautet. Das Ergebnis dieser umfassenden Einverleibung ist ihr Körper: derb und apart zugleich, ähnelt er entfernt einer Anakonda, die ein Rind verspeist hat, allerdings ohne dadurch an Beweglichkeit eingebüßt zu haben. Tronka, der Sitzriese, neigt ›von Natur‹ zu jener rundlichen Fülle, der er unentwegt das Wort redet, aber irgendetwas in ihm bremst sie aus, bevor sie ihr Ziel, ihr Telos, wie er zu sagen beliebt, erreicht. Nicht schmal aber schmächtig, überaus lebendig in seinem Widerspruch, ein Geist in einer Flasche, innen vom Rotwein beschlagen, ein Monument unfreiwilliger Askese, die auf Magenprobleme deutet.

Amagonie
6

Tronka kocht gern, just for fun, zur Schau, um sich selbst zu beeindrucken, so wie er in jungen Jahren ein Theaterstück schrieb, um dem Genie eine Alltagsgestalt zu geben, die sich sehen lassen konnte, und es damit ein für allemal festzuschreiben. Selbstverständlich gehört auch der Kontrollwahn zum Spiel: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er zu spielen scheint, während es in Wahrheit ums Ganze geht. Nie würde er das so ausdrücken, er würde die Phrase lachend zurückweisen, das Lachen würde eine Zeitlang in seinem Gesicht stehenbleiben, während letzteres, einem inneren Befehl folgend, sich bereits anders sortierte. Tronka kocht, wie er sich das Leben gern denkt: beidhändig zupackend, detailverliebt bis zur Zweckumkehr, im Dauerdialog mit den Kräutern, den Gemüseblättern und vor allem dem fast noch zuckenden Fisch, den er gleich zu verzehren gedenkt. ›In die Pfanne mit dir, Schätzchen!‹ Der Augenblick, in dem das Fett zu sieden beginnt, ist ihm der liebste –

es ist so weit, der Tanz kann beginnen.

Amagonie
7

Solche Momente kennt Ama nicht. Woher du das weißt? Natürlich weißt du es nicht. Ihre Anweisung lautet auf Sex, keuschen Sex, um genau zu sein, keine billige Anmache oder dergleichen. Ihrem Blick, alles andere als sanft, eignet eine leichte Starre, er geht durch dich hindurch, er fixiert dich an einem Punkt weit hinter deinem Rücken, also gar nicht, obwohl das Wort ›gar‹ hier seinen Sinn verfehlt. Dieser Blick will gesehen werden, er trinkt dich, ja, er trinkt dich hinterrücks, er leert den Becher und lässt ihn zurück. Wen immer Amas Blick streift, er ist ein Zurückgelassener, er muss sich rütteln, um wieder der alte zu sein und da liegt der Irrtum.

Hat Ama Aura?

Wie man es nimmt: stark oder gar nicht. Frühere Generationen hätten ihr einen Zaubergarten bescheinigt. Deiner ist das versperrt. Sprich dieses Wort und die halbe Welt lacht sich tot. Glaub nicht, du hättest die andere Hälfte auf deiner Seite. Sie versteht einfach nicht, was du meinst. Sprich das Wort ›Zauberin‹ und sie gibt dir zurück: ›Hexe‹. Von Männern verbrannt und jetzt auf dem Vormarsch: die starke Frau. Die autonome Frau. Ausgewiesen durch autonomen Sex. Pervers und mutig. Keins dieser Walleweiber, Mutter Erde verkörpernd, die eine Zeitlang die Vernissagen beherrschten.

Amagonie
8

Ist Ama mutig?
Du müsstest Mompti befragen und dazu fehlt dir der Mut.
Quatsch. Du weißt seine Antwort im voraus. Nachbohren: dazu fehlt dir der Mut. Nachbohren müsstest du, weil von ihm nichts käme, was zu hören sich lohnte. Der domestizierte Mann hält die Frau, der er sich unterordnet, für das wichtigste seiner Werke. Niemals dran rühren heißt die Devise. Das klingt etwas seltsam, da dieses Werk, wie jedes, aus der Berührung entsteht. Aber: So ist das Leben. Was ist ihm so wichtig, dass er die Augen, so offen er sie auch hält, vor Ama verschließt, so dass kein Sonnenstrahl der Erkenntnis hindurchdringt? Dass Ama existiert? Dass nichts sie in Frage stellt? Wie sähe das aus: sie in Frage stellen? Änderte sich ihr Aussehen? Spräche sie anders? Explodierte seine Beziehung? Aber sie ist längst explodiert, er trägt die Brandnarben im Gesicht. Selbst das leise Lächeln, das hin und wieder auf das Gesicht einer Freundin tritt, wenn die Rede auf Ama kommt, registriert er wohl. So unempfindlich ist er nicht, dass er nicht verstünde. Aber er nimmt die Botschaft nicht an, so wie er den Spott nicht zuließ, der einst seine Berufung in Frage stellte. Davor hütet sich Ama. Da liegt sie, die Botschaft, gleich neben der Tür, jeder steigt darüber hinweg, als sei sie dort nie deponiert worden. Frischer lässt sie das nicht erscheinen. Nichts sieht vergammelter aus als eine verjährte, nicht angenommene Botschaft. Niemand beschmutzt sich gern, indem er sie anfasst. ›Fass mich nicht an!‹ steht in unsichtbaren, aber für jedermann lesbaren Lettern auf ihrer Hülle. In welcher Handschrift? Wer schreibt so etwas? Vergebliches Fragen. Vergeblich auch, die Augen davor zu verschließen, dass hier etwas nicht stimmt. Was sollte nicht stimmen, da doch alles in Ordnung ist? Schon die Frage klingt, als enthalte sie ein Sakrileg.

Kein Ehedrama zu haben ist ebenso schwer wie die Handhabung eines Zeichenstifts. »Mach etwas draus und du hast schon verloren.« So oder ähnlich lautet Momptis Devise. Sie prangt nicht auf der Schwelle, sie ist die Schwelle. Sie droht nicht, sie löscht. Es ist mühsam, über diese Schwelle zu gehen.

Ama ist keine Hexe. Ama ist ein Besatzungskind.

Amagonie
9

Wo Mompti schweigt, redet Tronka. Reden ist sein Beruf, also redet er. Diskret wie er ist, weiß er alles über Ama und ihresgleichen. Einst, in Amagonien, fühlte Ama sich wohl. Woher weiß er das? Egal, er weiß es und du wärest der letzte, ihm zu widersprechen.

Tronka spielt falsch, sobald es um Frauen geht. Manchmal klingt es, als rede er sie sich von der Seele. Fragt sich wohin.

*

Ama, Tronka betreffend:

Amagonie
10
Ist Ama
mutig?
Ihr Mut erschöpft sich darin, morgens aufzustehen, in die Küche zu gehen und sich Kaffee zu holen. Nicht, dass sie dafür ihren ganzen Mut zusammennehmen müsste, sie hat ihn nie erprobt. Sie weiß nur. sie hat Reserven, aber sie empfindet panische Angst davor, sie anzugreifen. Das gibt ihr den sanften Gang, der nicht geschmeidig wirkt, sondern verhalten, einen Dreiviertelgang sozusagen, mit Luft nach oben. – »Gehts noch langsamer?« bekäme ein Mann, der so ginge, über kurz oder lang zu hören. Und schon begänne für ihn ein Spießrutenlauf ohne Ende: »Lahmer Sack!« Keiner käme auf die Idee, mit Ama so umzuspringen. Zu sehr ist sie Vertreterin ihres Geschlechts, das ganz und ungeteilt in ihr ruht. Wie vermutlich jeder Mann spürst auch du, wie tief es beleidigt würde, ließe einer die Hunde der Hast auf sie los.
Ist Ama
pervers?
Es gibt Tage, da wirkt sie, als sei sie dem surrealistischen Bilderbuch entsprungen: ein Stück Nacht am hellen Tag, kein bleicher Mond, eine ausgeschnittene Schwärze, in der sich nichts spiegelt, während alle Augen sich nach ihr drehen. Alle? Da irrst du dich. In der Menge ist Ama unauffällig. Ama ist die Frau, die dir in den Weg tritt: zufällig, absichtslos, ein Ärgernis, nicht wieder gut zu machen. Darin gleicht sie Tronka. Einem Tronka begegnet man nicht auf der Straße. Wer Menschen nur von der Straße kennt, weiß gar nicht, dass es einen wie ihn gibt. Das ist, auf Tronka bezogen, normal. Tronka braucht Raum, um zu reden. Ama braucht Raum, um sich zu entfalten. Sie braucht nicht viel, im Grunde genügt ihr der engste, sie kann Raum schaffen, sie schafft ihn, wann immer ihr danach ist.
Was ist
pervers?
Dass jemand sexuelle Gewaltphantasien mit sich herumträgt? Wie armselig muss man sein, um so zu denken. Das ist auch pervers, kein Zweifel, aber eine wie Ama erreicht man damit nicht. Amas Perversität – worin besteht sie? Darin, dass sie ihre Umgebung umdreht. In die richtige Richtung? In die falsche? Falsch gefragt. Sie dreht sie um und sie läuft von Stund an rückwärts. Mompti läuft rückwärts. Er kann seine Augen öffnen, so weit er mag, es nützt ihm nichts. In der Richtung, in die sie ihn lenkt, besitzt er keine. Und wenn er dort welche besäße, wären sie ihm zu nichts nütze. Er weiß nicht, dass er rückwärts läuft, er darf es nicht wissen, die Kränkung wäre zu groß. Auch Tronka läuft rückwärts, solange ihr Zauber wirkt. Wie armselig klingt der Spott des großen Spötters, sobald er in ihre Nähe gerät. Ist er befangen? Ein Tronka ist nicht befangen. Dabei bricht ihm die Befangenheit aus allen Poren.
Amagonie
11

(Woher weißt du das?)

Es ist deine Ama, es ist dein Strich, der sie zeichnet, jeder Zweifel, jede Gegenfrage zieht einen weiteren Strich, zieht ihn, wie seine Vorgänger, aus dir hervor und jetzt steht er da. Hat sie auch dich umgedreht? Wer weiß. Du weißt es nicht. Du willst es nicht wissen, du willst es ebenso wenig wissen wie Tronka. Mompti fühlst du dich überlegen, er ist der Mann, dessen Fall offen zutage liegt, Mitleid wäre da fehl am Platz, eher lüsterne Rachsucht: Wie er sich schlägt, so ist er, wie er aus der Sache herauskommt, so wird er gewesen sein. Wie wird er gewesen sein? Sie wird ihn verlassen haben, ihre Spur in ihm wird verbleicht, sie wird erloschen sein, unerinnerlich. Ama wird das Feld behaupten, bleiche Witwe, lange Zeit, allzu lange Zeit an ein Wrack gebunden, einen Mann, der Ansprüche erhob, ohne sie einzulösen. Sein ›beachtliches Oeuvre‹ wird ihr Beachtung sichern, es wird ihr Werk sein, ihr ausgeschlagenes Erbe, ihr ungeborenes Werk, ihr verhindertes Werk, ein Totschlag an dem, was hätte sein müssen.

Amagonie
12

In Wahrheit ist sie die Zerstörerin seines Werks.
In Wahrheit?
In deiner Wahrheit?
Woher das Wissen?
Woher der Groll?
In Wahrheit ist nichts dergleichen.

Wenn Ama Mompti umgedreht hat, dann deshalb, weil etwas in ihm darauf lauerte, rückwärts zu gehen, als alle Zeichen auf ›vorwärts‹ standen. Gib einem Menschen freie Bahn und er verschanzt sich hinter Hindernissen. Das Hindernis, hinter dem sich Mompti verschanzt, heißt Geld. Ama nimmt es wichtig, so wie sie alles wichtig nimmt, was ihm wichtig ist. Darin liegt schon die Umkehr. Alles, was sie wichtig nimmt, bringt ihn zur Strecke. Mompti ist eine Künstlernatur, er muss mit dem Geld in der Tasche klimpern, dann fühlt er sich wohl. Seit er weiß, dass es Ama ums Geld zu tun ist, fürchtet er, es könnte ihm ausgehen. Tatsächlich, der Zustrom lässt nach. Seit Ama mit Mompti zusammenlebt, fürchtet sie sich. Sie fürchtet sich vor dem Geld, es ist ihr fremd, es kommt ihr vor, als sei es ein Rohstoff, dessen Vorrat unerbittlich zur Neige geht. Bevor sie Mompti kannte, wusste sie nichts von ihrem Künstlertum, seitdem sie mit ihm zusammenzog, ist es da und gebiert diese Angst.

Amagonie
13

Warum wurde Ama Künstlerin?
Dazu fällt dir nichts ein.
Warum?
Weil es heikel ist.
Was soll daran heikel sein? Wenn in jedem Menschen ein Künstler steckt, dann ist auch Ama Künstlerin. Das ist eine Definitionsfrage. Ama umgeht die Definitionen, aber sie probiert jede aus. Außerdem will sie sich kostbar machen. Was ist für Mompti der höchste Wert? Erraten. Iris hat recht, mehr steckt nicht dahinter. Es steckt aber mehr dahinter, als Iris weiß. Dass jeder Mensch ein Künstler ist, setzt voraus, dass jeder Mensch ein Künstler sein will. Das ist ein Künstlertraum. Was sind Künstlerträume? Träume, die ausgeträumt sind, sobald sich die Realität mit ihnen vollgesogen hat. Ama, die nur Angstträume kennt, hat diesen Traum in sich aufgesogen, sie lebt ihn und ist grenzenlos ernüchtert. Ein Mensch, der nüchterner wäre als sie, lässt sich nicht ausdenken. Wann immer du an sie denkst: Denke daran, wie nüchtern sie ist. Du musst ihre Nüchternheit stets in Rechnung stellen, alles andere wäre ein Fehler. Bedenke: Sie ist weitaus nüchterner als du. Kommst du damit zurecht? Kannst du das: eine Nüchternheit denken, die deine eigene übersteigt? Ist das noch eine Frage des Denkens?

Amagonie
14

Neigt Mompti zur Eifersucht, er müsste auf alle Welt eifersüchtig sein. Amas Wirkung ist immer dieselbe, gleichgültig, ob sie gewollt, unwillkürlich oder – feiner Unterschied! – unbedacht ist. Nur das Vorzeichen wechselt – Plus oder Minus. Gewitzte Männer wissen Bescheid, Besonnene geraten in Bedrängnis und suchen sich daraus zu befreien. Arglose fühlen sich angesprochen und fallen in eine Benommenheit, der nur schwer zu entkommen ist, Vorsichtige begegnen einer wie Ama mit Geringschätzung und greifen nächtens, aus sicherer Entfernung, auf ihr ›Erlebnis‹ zurück, einem Maurer gleich, der sein Frühstücksbrot in der Pause entpackt, nachdem er es vorher im Kopf ›ganz nach hinten‹ geschoben hatte. Dort hinten aber, dort brodelt die Lava und manchmal fallen Stücke davon ins siedende Meer.

Dass Ama nur auf Männer wirkt, hältst du für ein Gerücht. Es könnte sein, dass sie stärker auf Frauen wirkt. Doch für das Wie hast du keine Skala. Warum? Weil du dich nicht in sie hineinversetzen kannst? Seltsames Argument, wenig überzeugend, ausgesprochen dünn sogar: so zimperlich bist du sonst nicht. Warum hier? Wenn du eine Scheu empfindest, so folge ihr – es gibt so viele Arten davon, dass es Dummheit wäre, gleich bei der ersten Empfindung abzuschwenken. Wo Scheu ist, da ist das Tabu nicht weit. Auf welches Tabu bist du gerade gestoßen? Stört es dich, dass Ama auf Lesben wirkt? Liegt da die ›Perversion‹? Bist du befangen? Mag sein, du bist befangen. Sicher? Ganz sicher? Nein. Wirkt Ama auf Lesben? Ehrlich gesagt, der Gedanke lässt dich kalt. Er kommt nicht an dich heran. Er ist künstlich.

Amagonie
15

Amas Geheimnis: sie wirkt auf jeden. Geschlecht, was ist das? Allein das Wort ›Geheimnis‹ wirkt fehl am Platz. Du solltest es ausstreichen. – Dieses Geheimnis ist ausgestrichen. Ihr die Geschlechtergrenzen annullierender Eros erstaunt dich bei wachsender Betrachtung. Er scheint neu und uralt zu sein, etwas, das von beiden Seiten zusammenwächst und etwas anderes verschlingt, nein, überwuchert, so dass es blass und harmlos aus dem Hintergrund schimmert. Dieses andere … das geregelte Leben an der Geschlechtergrenze, am Abgrund des Geschlechts, wie die korrekte Bezeichnung lautet, am Sankt-Andreas-Graben der Menschheit – vielleicht ist die letzte Bezeichnung die korrekteste, denn die Vorstellung, dass alle hundert bis hundertfünfzig Jahre ein gewaltiges Beben die angestauten Spannungen bereinigt, begleitet den westlichen Kulturkreis seit langem.

Zweifellos sind ›wir‹ Zeitzeugen eines solchen Bebens, Ama so gut wie du, mit dem Unterschied, dass Ama, von der Peripherie kommend, magisch attrahiert von den Kräften der Verwerfung, von Beginn an unaufhaltsam ins Zentrum hineinsteuerte, während du…

Das gehört nicht hierher.

Amas Zuwendung ist ›geschenkt‹. Ein Danaergeschenk, kein Zweifel, denn hintenherum öffnet es Tür und Tor. Ama wirkt nicht durch Körper. Sie wirkt durch Ausstrahlung. Was strahlt da aus? Abstinenz? Wie kommst du auf dieses Wort? Lebt Ama enthaltsam? Nährt das Momptis stille Verzweiflung? Seine legendäre Schaffenskrise, die den Ausgang nicht findet? Der Zeiger bleibt ruhig. Kein Ausschlag. Ama ist sexuell unauffällig. Ihre Ausstrahlung, ihr Eros ist über alle Grenzen gegangen und beherrscht souverän die 360 Grad, so wie der politische Sinn eines Menschen, der durch alle Parteien des Spektrums hindurchgegangen ist, durch seine Offenheit überrascht und notorische Parteigänger immer wieder bestürzt. Amas leise Trägheit, ihr leicht schleppender Gang verhindert die tägliche Pirouette.

Amagonie
16
Ist Ama
kalt?
Dumme Frage. Stupid, sehr stupid. Ama, so bizarr sie sich gibt, führt die Geschäfte. Das hindert sie nicht daran, das Füllhorn ihrer nächtlichen Depressionen über Mompti auszuschütten, so dass er bleich und gerädert in seinen neuen Tag startet, während sie frisch neben ihm die Zügel in die Hand nimmt, sobald die rosenfingrige Eos den Horizont absteckt. Dieses Nebeneinander von Frische und Depression, diese Frische aus Depression, dieses Tagundnachtwesen ist ihre Signatur. Das Geld, das ihr Angst macht – es könnte auch etwas anderes sein, vorausgesetzt, Momptis Sorglosigkeit suchte sich über Nacht ein anderes Revier –, die unausgesetzte Sorge ums Geld zerstreut und sammelt ihre Kraft und bewirkt ihre tägliche Verwandlung in eine Hoheit sans titre, die jede Berechtigung in den Grund tritt, wie berechtigt sie immer sein mag.
Amagonie
17

Ama, das ist: die kinderlose Frau.

(Anmerkung –)

Das Orthogeschlecht

Das Orthogeschlecht
1

Was leistet das Orthogeschlecht?

Auf den ersten Blick: nichts. Auf den zweiten: eine ganze Menge. Zunächst bedarf es einer klaren Definition, einer, mit der sich arbeiten lässt. »Das Orthogeschlecht ist das minimale Personen-Ensemble, dessen geschlechtlich induzierte Interaktion kulturspezifische Reproduktion erlaubt.« So steht es in Arglosers von Auflage zu Auflage eilendem Klassiker Handbuch der differenziellen Sozialperistaltik. ›Ensemble‹: ein schönes Wort, eine dieser beliebten Theatermetaphern, die sich aus der Kultursoziologie nicht fortdenken lassen. Wirklich erkennt man eine gute Theatertruppe daran, dass mit ihr praktisch alles gespielt werden kann. Praktisch alles… soll heißen, alle Konflikte, die eine Gesellschaft auf die Bühne zu bringen beschließt, weil sie sich in ihnen erkennt – jedenfalls hoffen die Spielplan-Macher inbrünstig in jeder Saison aufs Neue, es möge so sein.

Eine Schwachstelle der Definition liegt im Ausdruck ›geschlechtlich induzierte Interaktion‹. Irgendwo und irgendwie kann schließlich jede menschliche ›Interaktion‹ als geschlechtlich induziert gelten. Wer Argloser kennt, weiß, dass er in dieser Frage (und nicht nur in ihr) zu eher konservativen Ansichten neigt. Im Unterschied zur ›geschlechtlichen‹ Interaktion sind hier wohl vor allem familienaffine Interaktionen gemeint: also die Art und Weise, wie Partner miteinander und ihrer jeweiligen Verwandtschaft umgehen, leben, Kinder aufziehen, Alte betreuen etcetera – eingeschlossen die Liste all der Unarten, die eine ›Art zu sein‹ mit sich führt, weil es nun einmal nicht anders sein kann.

Im ganz normalen Alltag mischen sich Art und Unart bis zur Ununterscheidbarkeit: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Aber warum Pack? Einem wie Tronka geht das Wort glatt von den Lippen, er verwendet es lachend, als gehöre es zur Unschuld des Werdens, er stünde nicht an, die ganze Soziologie ›Packwissenschaft‹ zu nennen. Doch bei aller Sympathie: Tronka ist nicht von dieser Welt. ›Weisen der Gesellung‹ – sein Gaumen arbeitet diesen trockenen Ausdruck hervor, als handle es sich um einen äußersten Genuss, jedenfalls unter Kannibalen; sein Gesichtsausdruck besagt: Ich bin keiner, aber bitte… Eike B. pflegt die bittere Variante, das scheint zwischen Lehrern und Schülern so üblich zu sein.

Das Orthogeschlecht jedenfalls ist eine Größe, mit der sich arbeiten lässt. Hoffen wir’s.

Tafel der Nibelungen
Das Orthogeschlecht
1

Wo steckt der Verräter?

Mompti, Elisabeth, Sibla, Ama, Kitty, Pida, Tronka, Auerwald, Leckebusch, R, Hiero: geschlechtsfähig, geschlechtsaktiv, eine Generation, großzügig gerechnet – Gemeinschaft ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, Gegenwart pur (eine Gemeinschaft von Menschenfressern, wie ein Pausen-Fu einmal schrieb, der dreimal vergeblich ans Tor der Pyramide klopfte, bevor das herrische »Herein« ihn zu Fall brachte).

  1. ›ortho-‹ : recht, richtig, rechtschaffen, aufrecht, mit rechten Dingen, normgemäß, ordnungsgemäß, in der Ordnung stehend, ordentlich, gerade, geradesoundnichtanders, genormt
  2. ›Geschlecht‹, das: kennt doch jeder, eines, das, zwischen den Beinen, alle für einen, im Kopf, in der Brust, unterm Herzen, in den Genen, grammatisch, dramatisch, programmiert, familiär, sippös, erwählt, erstritten, erlustet: G.
  3. ›Orthogeschlecht‹: das rechte, richtige, einzige, normgerechte, normhafte, zu normende, genormte G.

So soll es sein.
So darf es sein.
Sprache des Donners.

Das Orthogeschlecht
2

Siegfried mordet Fafner: So geht’s

Warum Geschlecht?
Weil sie verbunden sind.
Was verbindet sie?
Das Projekt.

Was ist das?
Eine Vereinigungsmaschine.
Was ist ihr Zweck?
Die Vereinigung.

Welche Vereinigung?
Die Vereinigung der Geschlechtsorgane.
Ist das der Weg?
Es ist seine fleischliche Möglichkeit.

Detalj av Ramsundsristningen: Sigurd dräper Fafner. By Bengt A Lundberg / Riksantikvarieämbetet, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59770783

Sigurd
tötet
Fafner

(Mythos)


 
Das Orthogeschlecht
3

Siegfried mordet Hagen (und wird von ihm erdrückt): So geht’s auch

Das bittere Spiel der Helden, die Abend für Abend ins Grab sinken und jeden Morgen aufs Neue erwachen, muss unterbunden werden. Ama, die Depressive der Nacht, und Kitty, die Depressive des Tages, sind unterwegs, es zu zerstören. Wissen sie es? Unwahrscheinlich. Ihrer Sendung wäre es abträglich. Denn sie wissen nicht, was sie tun: nach diesem Muster wird Geschichte geschrieben. Und diese hier schreiben Geschichte.

Wie viele Amas und Kittys braucht es, um ein Sexualsystem zu zerstören? Egal, diese beiden gibt es und sie sind Teil des Projekts.

Du bist stolz auf sie.

Für diesen Stolz wirst du zahlen.

Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=457783

Vielleicht bald.

Detalj av Ramsundsristningen: Sigurd dräper Fafner. By Bengt A Lundberg / Riksantikvarieämbetet, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59770783

Vorwärts!

(Perpetuum
mobile)


 

Fankurve
oder
Fu-Dilemma auf Raten

Fankurve oder: Fu-Dilemma auf Raten
1
  1. Warum einen Menschen zerstören, wenn es darum geht, die Familie zu zerstören?
  2. Warum die Familie zerstören, wenn es darum geht, das System zu zerstören?
  3. Warum das System zerstören, wenn es darum geht, die Ökonomie zu zerstören?
  4. Warum eine Ökonomie zerstören, wenn es darum geht, ein System zu zerstören?
  5. Warum ein System zerstören, wenn es darum geht, eine Familie zu zerstören?
  6. Warum eine Familie zerstören, wenn es darum geht, einen Menschen zu zerstören?

Welcher Mensch mag das sein?

Fankurve oder: Fu-Dilemma auf Raten
2

Der Name dieses Menschen ist Leckebusch.

Nicht zum Opfer ist Leckebusch geboren, sondern zum Helden. Das prädestiniert ihn zum Opfer in einem Land, das sich glücklich schätzt, keine Helden zu brauchen. Er weiß nichts davon, als er dieses Land betritt, denn das Land, aus dem er geflohen ist, brauchte Helden und nannte sie Verräter, sobald sie die Maske lüfteten. Auch heute weiß er es nicht und wird es niemals erfahren. Denn seine Rolle ist die des tragischen Helden ohne Wiederkehr, ohne ›Apotheose‹: Leckebusch ist, in unserem ›Spiel‹, der letzte Vater.

Wer wird ihn töten?
Tronka, wer sonst.

Auch Tronka ist prädestiniert: Hagen, ewiger Siegfriedtöter, unwissend, dass er Siegfried ist und dass sich in Fafner Siegfried verbirgt, der Lindwurmmörder aus der Unteren Fafnergasse, dass alle Rollen nur Spiel sind und alles Spiel Verrat, Verrat an den, der danach kommt, Verrat an dem, der davor kam, an dem, der es ernst meinte und verschwand, Verrat an sich selbst, als sei das Selbst ein anderer und man selbst ginge derweil spazieren, einfach so, weil ein Mensch atmen muss.
Tronka meint es ernst.

Was bedeutet ›ernst‹?

Es bedeutet, die Rolle nicht ›spielen‹ zu wollen, sondern auszufüllen, teils wie ein Formular, in das man sich einträgt, damit es abgestempelt und zu den Akten gelegt werden kann, teils wie ein Behältnis, aber so, dass nirgends Luft bleibt, es also in jeder Hinsicht als ›voll‹ betrachtet werden kann. Bleibt die Frage des Drucks, mittels dessen der Inhalt in die Form gepresst wird, der als Spannungsgeber zwischen Inhalt und Form weiter besteht. Tronka erscheint, als Person, druckvoll –: er steht unter Druck, er kann, er darf sich nicht entspannen, es sei denn, er fällt aus der Rolle, was Spannungen anderer Art mit sich bringt.

Auch Leckebusch meint es ernst. Auch er steht unter Spannung, auch er trägt sich ein, ad acta, mit glatter, kühler Handschrift, die ein wenig wackelt, sobald es an die Fixierung des Namens geht, an den er, anders als Tronka, nicht glaubt. So wie er ihn redend verschleiert – und nur auf Nachfrage preisgibt –, so setzt er schreibend voraus, dass jeder ihn kennt und im voraus respektiert: eine nicht ganz falsche, aber auch nicht ganz richtige Annahme, die unterschlägt, dass, selbst im Leben eines Gelehrten, nicht alles Schrift ist. Was dann? Wäre der Schatz, den er hütet, aus purem Gold, sein Name wäre es auch. Niemand weiß das ganz genau und der Name … so ein Name weckt Zweifel. Leckebusch zu besiegen ist Pflicht. Wessen Pflicht? Jedermanns Pflicht.

Auch in Tronka steckt ein Jedermann und will heraus.

Fankurve oder: Fu-Dilemma auf Raten
3

Neugierig war des Fafners Weib,
holt Tronka sich zum Zeitvertreib

Fankurve oder: Fu-Dilemma auf Raten
4

Betrachtung

Es fällt dir leicht, Tronka reden zu lassen, nicht wahr? Du könntest ihn tagelang schwadronieren lassen, ohne Punkt und Komma, nach Strich und Faden, als Sprechpuppe, als Horizontabsucher. Du meinst seinen Horizont zu kennen, nicht wahr? Kennst du ihn wirklich? Nein, kennst du nicht. Du lässt ihn reden, weil er nichts aus sich herauslässt. Darin gleicht er dir. Du lässt ihn reden, weil sonst du reden müsstest. So redest du und redest durch ihn hindurch. Es macht dir nichts aus. Eifersucht? Weshalb? Wozu? Was immer sie spielen, dein Projekt bleibt es doch. Lass sie spielen, sie brauchen es ja. Was Elisabeth an Fafner, pardon, an Leckebusch bindet, wie willst du es nennen?

Das pure Gold/Gift der Konvention.

Leckebusch ist verletzlich, verletzlich gleichgültig, falls die Wortverbindung hier taugt. Was taugen Wörter angesichts solcher Wörtermacher? Liegt hier nicht doch Konkurrenz vor? Oder Verdammtsein? Wörter für diejenigen zu finden, die für alles Wörter finden, nur um zu beweisen, dass auch diese stumm sind, bar aller Eigenpenetranz, eine Handvoll Zierfische in einem Haifischbecken, wissend, dass ER existiert, auch wenn sie ihm nie begegnet sind. Elisabeth wäre nicht töricht genug, das Lauernde ›SIE‹ zu nennen, obwohl sie dazu neigt, die Sprache ihrer feministischen Anbeterinnen zu persiflieren – zu tief sitzt der alles vorwegnehmende, nichts belegende, durch nichts – außer durch den Tod, der nicht gilt, als fait social – belegte Schrecken, ohne den der Mut nur ein Kindermut wäre, ein Mütlein.

Diese spontane Geschlechterverrechnung, wo, in welchen Teilen des Gehirns, womöglich der DNA, ist sie angelegt? Alle bekannten Mythen sind männlich/weiblich, das Neutrum ist ein Spätprodukt, Eigendisziplin, ein Stück Zivilisation. Zerfällt die Welt, so zerfällt sie in Männer und Frauen. Zerfallen Männer und Frauen untereinander, so zerfällt der Mythos. Selbstverständlich kennt er auch weibliche Schreckgestalten: Gorgo, Kali… Sie überbieten den männlichen Schrecken – durch Erwartungsenttäuschung. Folge dem Mythos und du kommst überallhin. Auch zur Vernunft? Zum letzten Schrecken? Der letzte Schrecken, jenseits von Tod und Vernichtung: die grausame Frau.

Eine Männerphantasie? Gewiss. So gewiss wie weibliche Schönheit. Die richtige Frau ist unempfindlich gegen ihre Anmutungen und findet sich in jeder Gestalt: schön. Aber gewiss doch. So hätten sie’s gern, die Hüterinnen des Geschlechts. Leider speist das Geschlecht auswärts und die Hut gilt der Leere. Ist Elisabeth eine richtige Frau? Ist sie keine richtige Frau? Ist sie ein Kunstprodukt der Männergesellschaft, das zerstört werden muss? Ist sie selbst eine Zerstörerin? Sie wird Leckebusch zerstören, aber ist sie eine Zerstörerin? Wer wagt es zu behaupten, dass sie eine Zerstörerin ist? Sie besitzt den Zauber. Welchen Zauber? Sie ist schön, sie erscheint begehrenswert bis weit jenseits des Begehrens. Die Frauen starren sie an, ihre Blicke kleben an ihr, folgen ihr, legen sich ihr zu Füßen. Dort liegt schon einer, zusammengerollt, schlafend: Leckebusch. Er schläft, der Gute. Lass ihn erwachen und er wird leiden.

Fankurve oder: Fu-Dilemma auf Raten
5

Die Blindfahrer

Was immer mit ihnen geschieht: Leckebusch und Elisabeth haben ein Kind, eines nur, aber das verändert die Perspektive.

Warum nur eines, könnte man fragen. Auch darauf gibt es, wie auf fast alles, unterschiedliche Antworten.

Tronka wird Vater und wird darin gebremst.

Pida? Bleibt zurück, weil sie zurückbleiben will. Einer wird kommen (und noch einer).

Orthogenitur

»Es war einmal / This is war«

Orthogenitur
1

Aufgabe
Die Beziehung Tronka – Pida betrachten, als sei sie vergangen.

Aufgabe

Lösung
Und wenn es so wäre? Wenn es längst so wäre?

(Warum ist das wichtig für das Projekt? Weil beide das Projekt sind. Sie kommen beide aus Fus Küche. Sie sind die Köche, sie sind das Mahl. Nur beim Abwasch geht es auseinander.)

(Wenn du Tronka wärest, würdest du anders handeln? Vermutlich nicht. Tronkas Denken ist für dich ein offenes Buch. Du blätterst darin. Verschwimmen die Buchstaben, dann bist du bei dir selbst.)

Orthogenitur
2

Woran Ama rührt

Die Beziehung zwischen Tronka und Pida starb in einer Nacht. Sie starb und wurde geboren in jener Nacht der Erpressung, da Pida etwas erzwang (erzwingen zu müssen glaubte), was sich für Tronka bis dahin von selbst verstand, ohne dass er anzugeben vermocht hätte, worin es bestand. Einem Dritten gegenüber hätte er es wohl seine ›Liebe‹ genannt und sich gewundert, wie widerstrebend das Wort über die Lippen kam, ohne sich sehr zu wundern, mehr obenhin, da das Wort unter ihresgleichen nicht hoch im Kurs stand und ohnehin mit künstlich gekräuselten Lippen artikuliert werden musste. Im Probierstadium des Begehrens ist jede Bezeichnung recht, nur gerade nicht die gewöhnlich durchgestrichene Platzhalterin für Bezeichnungen, die erst noch erfunden werden müssen. Dennoch war es Tronka bewusst, dass in seinem Fall sich ein ganz persönlicher Widerwille hineinmischte – eingeflößt nicht durch die Natur des Begehrens, sondern durch physische Ausstrahlung. Pidas Schwangerschaft hatte diesen manchmal leisen, manchmal vehementen Widerwillen in einem schmerzhaften Prozess pulverisiert, so dass Tronka fast über sich erschrak, als in der bewussten Nacht sein alter ego bei Pidas ersten Worten aufsprang und schweigsam, mit verschränkten Armen, dabeistand, während das leidenschaftliche Gespräch seinen Fortgang nahm.

Orthogenitur
3

Nimm mich

›Nimm mich oder verschwinde aus meinem Leben.‹ Hat er sie genommen? In welchem Sinn? Natürlich, er hat sie geheiratet. Es fiel ihm unendlich schwer, sie zu heiraten, er heiratete, weil er den Grund nicht fand, der ihn veranlassen sollte, aus ihrem Leben zu verschwinden. Jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt, während sie offenbar tausend Gründe sah, die sie aber vor ihm nur als seine gelten lassen durfte, obwohl es doch, nüchtern betrachtet, ihre eigenen waren. Pidas erste Erpressung, so lässt sich folgern, galt ihr selbst. Aber mit fast demselben Recht ließe sich das von der zweiten behaupten, mit der sie ihn ins Korsett ihrer Befürchtungen presste. In jener Nacht der Verzweiflung schworen sie einander nicht ewige Treue, sondern ewige Freiheit: die Freiheit zu gehen, wann immer es einem von ihnen passte. Das war zwar Gesetzeslage und daher, von außen betrachtet, kaum der Aufregung wert. Doch angesichts der in Pida reifenden Leibesfrucht war es eine von ihr auf Tronka projizierte und von ihm eine Spur zu eifrig angenommene Lüge.

religio 1
Orthogenitur
4

Korsett

Wie in fast jeder Lüge steckt auch in dieser ein Körnchen Wahrheit. Pidas Schrei nach Freiheit, nach sexueller Selbstbestimmung in jeder erdenklichen Lage, ist echt. Sie benützt Tronka … wozu? Um sich zu binden, ohne sich zu binden. Sie stürzt sich in ihre Beziehung wie in einen unausweichlichen Schwindel, tief deprimiert von der Aussicht auf die mit ihr heraufziehende Depression. Damit aber … damit aber … macht sie sich zum Fall. Die erste Person, die das bemerkt – die einzige, die es bemerken soll –, ist Tronka. Pidas Depression bindet ihn: nicht aus Liebe, nicht, weil sie einen Vertrag eingingen, sondern aus Verantwortung. Kein Freiheitsgelüst kommt gegen das wabernde Depressionsgeflecht an, das ihn zu Hause erwartet. Erwartet es ihn? Erwartet ihn etwas?

Orthogenitur
5

Das Schwanken

Nicht einfach, diese Frage zu beantworten. Kein bisschen einfach, um die Wahrheit zu sagen, denn die Wahrheit, die Wahrheit … was an Pida ist wahr? Ist sie eine Lügnerin? Eine notorische Lügnerin? Eine, der es nicht auf die Wahrheit dessen ankommt, was sie behauptet? Tronka schwankt. Wäre es nur sein Urteil, das schwankt, er könnte gut damit auskommen. Schwankende Urteile sind sein Metier, der feste Gang der Wissenschaften vollzieht sich auf schwankendem Fuß, er setzt sich zusammen aus einigen großen und vielen kleinen Mikro-Entscheidungen, die jederzeit, wenn es die Sache gebietet, revidiert werden können. Das gilt für die eigenen Überzeugungen in nicht geringerem Maße. Gut gelaunt würde er so weit gehen, hinter den gegründeten Überzeugungen andere, schwerer zugängliche und daher nur unter großen Mühen revidierbare zu vermuten, gewissermaßen ins Holz eingewachsene, für die bekanntlich die Bezeichnung ›Psyche‹ bereitsteht.

Orthogenitur
6

Hypophyse

Nichtsdestotrotz: Pidas schwankende Wahrheit scheint ihm aus anderem Holz zu sein. Dieses tanzende Auf und Ab einer Person, nicht irgendeiner, sondern der Person an seiner Seite, teilt sich auf anderem Wege als durch Beobachtung mit. Es lässt ihn mitschwanken, als lägen ihrer beider Boote vertäut in irgendeinem Hafenbecken und würden von der Bugwelle eines vorbeiziehenden Kutters erfasst. Richtig ist dieses Bild nicht, da die Unruhe, der Grund seines Mitschwankens, aus ihr selbst hervorströmt, ein endloser Strudel, der ständig für Reibereien sorgt. Pidas bewegliche Wahrheit bricht sich an keiner Mole, sie rauscht durch bis an den Horizont. Kein Faktum hält sie auf. Der härteste Einwand, kaum formuliert, beginnt unverzüglich in ihrer Suada mitzutanzen und zeugt gegen den, der ihn formuliert hat, als bestünde darin sein angestammter Verwendungszweck. Nemo contra naturam nisi natura ipse. Gegen die Natur ist kein Kraut gewachsen, nur ihresgleichen. Das gilt für die zweite und dritte genauso wie für die erste.

Veränder=Bar
Orthogenitur
7

Pidas Gesetz

Nicht sich bringt Pida zur Welt (das müsste sie wissen :-)), sondern ihr Gesetz.

Fassung 1: Du musst dir fremd sein, wenn du dir nah sein willst.
Fassung 2: Du weichst der Nähe, die dich verschlingt.
Fassung 3: Sieh zu, dass du weg bist, ohne zu gehen.
Fassung 4: Dieser Schlaf kennt kein Erwachen.
Fassung 5: Festhalten und weitersuchen.
Fassung 6: Ich muss leben. Dafür tue ich alles.

 

Kommentar

Pida ist fruchtbar. Das steht außer Zweifel. Außer Zweifel steht auch, dass alles, was ihr zustößt, etwas ins Leben stößt, das besser verborgen geblieben wäre, jedenfalls aus Tronkas Sicht, aber das ist nicht verbürgt. Tronkas Erkenntnisdrang spielt vielleicht so etwas wie den Geburtshelfer. Aber das ist ihm nicht bewusst. Pida hingegen leidet darunter und kompensiert Leiden durch Fremdheit. Sie macht sich fremd, um nicht leiden zu müssen: darin zeigt sich ihr Leiden. Ist das Psychologie? Nein. Es ist das Gesetz. Sie weiß: alles ist ganz anders. Woher sie das weiß? Sie weiß es ja nicht. Es ist ihr aufgegeben. Immer wieder kommt sie darauf zurück. Das ist ihr Wissen. Leben, als Aufgabe betrachtet, bedeutet Selbstaufgabe. Gib dich auf und lebe. Gib dich nicht auf und du zerstörst dich auf der Stelle. Schlafe den Niemandsschlaf. Erst wenn du jedem zu Gefallen bist, bist du niemandem zu Gefallen. Jeder ist jeder. Du darfst keine Ausnahme machen. Nimm dich aus: dann bist du im Spiel.

 

Maxime

Wenn du in eine Kreissäge läufst, achte auf einen geraden Schnitt.

Orthogenitur
8

Die entfangene Frau

Die entfangene Frau lebt durch ihr Geschlecht. Ihr Geschlecht sagt ihr, dass kein Gott sei. Dieser Satz versetzt sie in Unruhe: Sie schwingt. An ihrer Tür steht das Wort »AUFRUHR« in Großbuchstaben und: »Diese Tür bleibt zu«. Die Tür ist angelehnt und jeder kann herein. »Da ist Platz«, tönt eine Stimme, »wenn du willst, lass dich nieder.« Nach einiger Zeit geht der Fremde hinaus und kehrt nicht zurück.
So geht die Parabel, aber die Wahrheit tickt anders. Der Fremde ist kein Fremder. Er ist der Vertraute und beobachtet sein eigenes Kommen und Gehen. An der Innenseite der Tür liest er das Wort »WAHL«. Er kann nicht ergründen, an welcher Stelle die Wahl geschieht: vor der Tür, auf der Schwelle oder nachdem sie passiert wurde. Es ist auch gleichgültig, weil die Wahl nichtig ist. Keine Wahl hält die entfangene Frau. Ihre Freiheit ist absolut.

Orthogenitur
9

Transzendenz

Meine Vulva ist nicht deine Vulva, sagt Pida. Beim großen schwesterlichen Vulvenvergleich hält sie sich bedeckt, nicht aus Scham, wie sie sagt, sondern aus Nüchternheit: sie würde die Andacht bloß stören. Und wirklich, sie stört. Teils aus Absicht, teils ohne eigenes Zutun; sie stört, weil sie stören muss. Gegen den Strich – so geht, was sie leben nennt. Ihr Kind, das Kind, das sie austrägt, geht ihr gegen den Strich. Sie würde es gern durch sich ersetzen, der Arzt kennt ihr Verlangen, aber er kommt ihm nicht nach, teils aus Desinteresse, teils aus beruflichem Eigensinn. Es stört ihn, dass er nur Handlanger ist. Gern würde er Hand anlegen, doch der Zugriff ist ihm verwehrt. Pida, die keine Geheimnisse hat, ist das Geheimnis. Ob seines, ob ihres, es macht keinen Unterschied. Ihre Praxis beginnt dort, wo seine endet. So denken beide, aber etwas hält sie zusammen. Manchmal fragt er sich, warum sie ›gerade heute‹ kommt, dann wieder meint er die Uhr nach ihr stellen zu können. Er kennt das Pendel nicht, aber er ahnt seine Existenz.

Orthogenitur
10

Wackelfigur

Pida und Ama, Ama und Pida, Ama als Pida, Ama statt Pida, Pida für Ama: denkbar ist vieles. Welche Form es in Tronka annimmt, hängt nicht von Tronka ab, sondern von den Umständen. Ama ist Tronka fremd. Er spiegelt sich in ihrem Gebaren und findet sich: abstoßend. Er fühlt sich von ihr durchschaut, aber nur dort, wo es weh tut. Ama annuliert sein Verdienst, sie annuliert seinen Wert, sie annuliert seine Werte, nicht anders als Pida, aber mit diesem wissenden Blick, der ihn abschätzig streift. Dieser Blick, sagt sich Tronka (er muss es sich sagen, denn es bleibt ihm kein anderer Ausweg), dieser Blick vernichtet dich, aber nicht ganz. Er lässt ein Gluthäufchen übrig, gerade groß genug, um deinen Widerstand anzufachen. Widerstand? Wogegen? Gegen Ama? Das wäre lächerlich. Sie ginge triumphierend darüber hinweg. Bleibt nur Pida. Warum Pida? Ist sie nicht vom gleichen Holz? Mag sein, doch du hast sie adoptiert. Du gleichst ihre Mängel aus, wann immer du ihnen begegnest – bei dir selbst, bei den anderen. Du hast es aufgegeben, sie bilden zu wollen, ihre Bildung ist fertig, was nicht heißen soll, sie sei perfekt. Im Gegenteil: Sie ist das Imperfekte, das niemals ankommt und nicht vergeht.

Orthogenitur
11

Wenn Pida tanzt

Wenn Pida tanzt, tanzt sie für sich allein. Ein Leuchten liegt auf ihrem Gesicht, ein fremder Vogel, Tronka könnte ihn greifen und forttragen, mit sich forttragen, irgendwohin, weit weg, denn dieser Vogel, er weiß es, hat seine Seele gegessen, irgendwo unter seinem Gefieder, da muss sie sein. Kaum erinnert sich Tronka, sie jemals besessen zu haben, nur dieses Gefühl der Vollständigkeit, das ihn befällt, wenn er sie schmerzhaft vermisst, lässt ihn daran zweifeln, dass er sie jemals verloren hat. Soalnge Pida tanzt, gehört ihr Leuchten ihm. Warum? Weil sie mit sich allein ist. Mit sich allein? Was heißt das? Alles dreht sich um sie – das heißt es. Nicht mehr, nicht weniger. Sie scheut jede Berührung, weil alles sie berührt. Die Welt dreht sich um sie. Nicht wie ein Rummelplatz, wenn man das Karussell bestiegen hat, die alte Leier hebt an und die Haare fliegen, nicht so, anders. Wenn Pida tanzt, wird alle Welt Blick, sie spürt den Druck auf ihrer Haut, die sanfte Fülle geht tief in sie hinein und Pida gibt sie zurück: als Leuchten, das von innen zu kommen scheint, und ihre Haut erglänzt.

Orthogenitur
12
Tronka grollt

Die Haut zu Markte tragen: – Immer wird Pida dahin gehen, wo Markt ist. Nichts hält sie auf, kein Du, kein Er, kein Kind, nein, auch kein Kind. Denn Markt ist Leben. Wenn Tronka zwischen sie und das Leben tritt, wird er zum Feind. Ihr Feind? Warum nur der ihre? Nein, nicht der ihre. Er wird zum Feind. Er ist überall. Er ist in ihr Haus eingedrungen und will sie nötigen. Ihr Widerstand ist passiv, so wie ihr Gehorsam. Ja, sie wird gehorsam in solchen Momenten. Sie entschlüpft ihm durch Gehorsamkeit. Sie tut, was er will, weil er will, dass sie will: kein Wille ist stärker als der verweigerte. Sie verweigert den Willen, kaum dass er verlangt wird. Sie will nichts, nur Ruhe, das jedenfalls bricht aus ihr heraus, wenn er allzusehr drängt. Pida ist pflichtvergessen, sooft es ihr passt. Das bist nicht du, sagt Tronka, sag, dass du es nicht bist. Nein, das bin ich nicht, sagt Pida. Ich weiß nicht, wer ich bin. Soll ich dir etwas sagen? Ich will es gar nicht wissen. Und die Tränen brechen aus ihr heraus. Zwing mich nicht, es zu wissen. Bitte, tu’s nicht.

Orthogenitur
13

P.S.: Jene Nacht … worin liegt ihre Bedeutung? Nicht für die beiden, das liegt auf der Hand, sondern fürs Projekt? Die Beziehung ist eine Beziehung ist eine –: Wann wird sie zur Lebensform? Wie wird sie zur Lebensform? In jener Nacht greift sie nach der Ehe, dem alten Lebensbund, voller Angst, in ihr zu vergehen. Sie will aber nicht vergehen, sie will ihr Recht gegen ein älteres Recht erhalten, das der Familie, und weiß sich keinen anderen Rat als die Beschwörung des Endes. Wenn es aus ist zwischen uns, lass mich gehen. Halte mich nicht, schwöre, dass du kein Recht erwirbst, mich zu halten. Schwöre, dass du morgen kein Recht an mir erwirbst. Was erwirbst du dann? Was erwerben wir dann? Eine Lüge. Die Lüge des Beisammenseins, als führten wir eine Ehe. Die Lüge der Ehe, als seien wir beisammen. Das Jawort selbst wird die Lüge sein. Auch Neinsagen würde nicht helfen: es wäre Lüge. Jetzt, auf dem Weg zum Standesamt, umkehren – auch das wäre Lüge. Wie es ist, kann es nicht bleiben, und wie es wird, kann es nicht sein. Wir werden verheiratet sein und uns jeden Tag sagen: Das kann nicht sein. Darin also zeigt sich die Beziehung, wenn sie zur Lebensform wird: als Pein, aufgelockert durch Momente des Vergessens und der forcierten Bejahung, die prompt ins Leere geht.

Die unsichtbare Hand bremst das Projekt

Die unsichtbare Hand bremst das Projekt
1

Warum sagt Friedenwanger so etwas? Gerade er. Freundlich wie immer. Ratte. Hat Dürrobst ihn auf seine Seite gezogen? Oder hat er’s aus dem Rektorat? Tronka hält sich für informiert. Dabei schnappt er nur Zufallsbrocken auf. Hör nicht auf Tronka. Er liefert verzerrte Bilder. Achte nicht auf sein Gerede. Zieht Friedenwanger die Hand ab, wird es schwierig. Am besten sprichst du mit ihm. Worüber? Dass du ihn für eine Ratte hältst? Dass Du’s vom Rektor hättest? Oder vom Dekan?

Die unsichtbare Hand bremst das Projekt
2

Ein Projekt, dem die Gelder gestrichen werden, ist wie ein leckgeschlagenes Schiff. Es besteht keinerlei Grund, die Fahrt zu drosseln, schließlich reichen die Ölvorräte, die Lebensmittel, die Lektüren für den stillen Passagier und alles andere. Es reicht nicht nur, es ist reiner Überfluss, der zum Prassen einlädt, zur reinen Verschwendung, allerdings nicht ohne Ende, denn das Ende ist nahe und diese Nähe verändert alles, es treibt die wahren Interessen der Menschen hervor und die lauten: Rette sich, wer kann. Es ist gut, dass die Mannschaft einen kleinen Kenntnisvorsprung bekommt, auch wenn sie als letzte von Bord geht, denn jede Rettung will organisiert sein.

Schwieriger wird es, wenn das Gerücht sich verbreitet, das Schiff sei leck, ohne dass darüber Gewissheit zu erlangen ist. Ein Leck? Wo? Wer hat das gesagt? Wenn Friedenwanger so etwas sagt, dann hat er seine Gründe. Auch Tronka hat seine Gründe. Warum hat er es dir erzählt? Warum hat er es so erzählt? Wie steht er zu Friedenwanger? Wenn er die Quelle des Gerüchts wäre? Wenn er Friedenwanger aufs Gleis gesetzt hätte? Immerhin ist er beteiligt und besitzt Insiderwissen. Mehr als das: er kann nicht von Pida lassen. Das Projekt bringt ihn in Bedrängnis. Jetzt bringt er dich in Bedrängnis: die einzige Wirkung, deren du wirklich sicher bist. Andererseits: Weiß er von Dürrobsts Aktivitäten? Natürlich weiß er davon.

Tronka versteht, dass du am Ende bist. Er ist kein Psychologe, auch nicht in praktischer Hinsicht, er ist ein Geschlagener.

Tabula
Exit