Der Archipel
 
 
 
 
Archipel
1

»›Archipel‹ (bedeutet) eine Gruppe von Inseln einschließlich Teilen von Inseln, dazwischenliegende Gewässer und andere natürliche Gebilde, die so eng miteinander in Beziehung stehen, dass diese Inseln, Gewässer und anderen natürlichen Gebilde eine wirkliche geographische, wirtschaftliche und politische Einheit bilden...«
UNICLOS, Anhang, Artikel 46b

Archipel
2

»Kolyma aber war die größte und berühmteste Insel, ein Grausamkeitspol in diesem sonderbaren Land GULAG, das die Geographie in Inseln zerrissen, die Psychologie aber zu einem festen Kontinent zusammengehämmert hat, jenem fast unsichtbaren, fast unspürbaren Land, welches besiedelt ist von besagtem Volk der Seki.
Das Inselland ist eingesprenkelt in ein anderes, das Mutterland; kreuz und quer durchsetzt es seine Landschaft, bohrt sich in seine Städte, überschattet seine Straßen — und trotzdem haben manche nichts geahnt, viele nur vage etwas gehört, bloß die Dortgewesenen alles gewußt.
Doch als ob sie auf den Inseln des Archipels die Sprache verloren hätten, hüllten sie sich in Schweigen.«
Alexander Solschenizyn, Der Archipel GULAG

Archipel
3

»Um eine x-beliebige Gesellschaft zu errichten, genügt es, eine bestimmte Menge Individuen zu haben und sie sich selbst zu überlassen. Ihnen irgendein Ziel zu setzen, und sollen sie dann ruhig machen, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Der Inhalt der Zielsetzung ist ebenfalls egal... Das Ziel ist nichts weiter als eine organisierte Form von Geschichte. Macht einmal Experimente in hinreichend großer Zahl und immer unter denselben Bedingungen, und ihr werdet alle logisch auch nur denkbaren Varianten erhalten. Es besteht keinerlei historische Notwendigkeit für die eine oder die andere Variante. Streng wissenschaftlich kann nur von einem Wahrscheinlichkeitsgrad möglicher Varianten gesprochen werden, was im Fall konkreter Ereignisse keinerlei Prognosewert hat. Historische Notwendigkeit ist lediglich die ideologische Entstellung der Vergangenheit in der Absicht, die Gegenwart zu rechtfertigen und irgendwelche Garantien für die Zukunft zu geben.«
Alexander Sinowjew, Gähnende Höhen

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4

»Wir möchten Rom vergessen und den Schwerpunkt der Welt irgendwo anders hin, an eine Stelle zwischen Griechenland, Asien und Ägypten, verlegen, nicht das Leben von Menschen, sondern von Göttern führen, nicht wissen, was Alltäglichkeit bedeutet, auf goldenen Schiffen im Schatten purpurner Segel durch den Archipel fahren, Apollon, Osiris, Baal in einer Person sein, rosig wie die Morgenröte, golden wie die Sonne, silbern wie der Mond, herrschen, singen, träumen...«
Henryk Adam Aleksander Pius Sienkiewicz: Quo vadis?

Archipel
5

»Dennoch bleibt, dass (1) Wissen in der Wissensgesellschaft eine tiefgreifende Umformung von Wahrheit zur Ressource erfährt; (2) dass damit das Wissenschaftssystem sein Monopol für die Produktion relevanten Wissens verloren hat; (3) dass Wissen überall dort strategische Relevanz gewinnt, wo es die Wertschöpfung von Organisationen für ihre jeweiligen Kunden, Klienten, Patienten, Leistungsabnehmer etc. fundiert; und (4) dass damit strategische Orientierung und Futurität, die Einbeziehung von Zukunft und Zukunftsfähigkeit in die operativen Kalküle der Organisationen, zu den bestimmenden Merkmalen einer Gesellschaftsformation werden.«
Helmut Willke, Dystopia

Archipel
6

Über der Schulter öffnete sich die nahe Rose des Münsters. Aus unbestimmter Tiefe traten Fialen ins Bild und zielten direkt auf das Herz. Sie stellten Lanzen dar oder rhythmisch geordnete Gitterstäbe. Ihr Auf und Nieder umspielte das Zentrum der Welt. Es war eines der vielen Zentren, die sie sich zu geben pflegt, neben- wie nacheinander, menschlichen Blicken greifbar oder ihnen dauerhaft enthoben, dafür umso entschiedener in den Köpfen fixiert. Die sechzehn Blätter der Rose schwiegen dazu, sie glitzerten in der Sonne, verträumt, wie es dem Reisenden vorkam, doch er mochte sich täuschen. Er war sich bereits sicher, dass er sich täuschte, das kleine, fast unmerkliche ›fast‹ darin stört ihn nicht, im Gegenteil, es belebte ihn und sorgte dafür, dass der Fluss der Gedanken auch an dieser Stelle nicht zum Erliegen kam.

Archipel
7

Seine Generation hat seit Beginn ihres Erwachsenenalters den Druck empfunden, unter Menschen von getrübter Intelligenz leben zu müssen, die, dem Zwang der Selbstwahrnehmung folgend, in puncto Gesellschaft weiter zu sein glaubten als die sie umgebende Welt. Diese Welt bestand für sie nicht aus Personen, sondern aus Figuren. Eine ebenso eingebildete wie tief empfundene Ablehnung zauberte sie auf die Bühne der gemeinschaftlichen Phantasie, wo sie sich nach Belieben als Vater, Chef, Professor, Wirtschaftsboss, Parteiführer, Militär oder Minister materialisierten. Zusammen bildeten sie das berühmte Establishment oder, nach dem Wort eines vor langer Zeit verstorbenen Lieblingsfeindes, das ›stählerne Gehäuse‹ der Moderne, das hier und jetzt aufgebrochen werden musste. Die Konsequenzen sind bekannt. Viele bewegt noch heute das Grauen, in einem Irrenhaus geweilt und der stumpfsinnigen Beschäftigung der Leute zugeschaut zu haben, deren Gehirn gelähmt war und die eigensinnig, wie nur Irre es sein können, darauf bestanden, auf allem, was ihnen unter die Finger kam, eine Fülle und Überfülle von Schnörkeln anzubringen, die sich wie erwünscht zu immer gleichen Mustern zusammenfügen ließen, unter denen die wirkliche Gestalt der Menschen und Dinge, ihre Herkunft, ihre Stellung und Funktion, vom Selbstverständnis der Person ganz zu schweigen, in ein klebriges Substrat zerschmolz, mit dem sich nach Belieben Wände beschmieren ließen und das man mühelos in Pamphlete und Bücher abfüllen konnte, die heute niemand mehr liest, es sei denn, sein Beruf verpflichtet ihn dazu. Die Parole ›Nichts ist, was es zu sein begehrt‹, die darin enthaltene Warnung vorm unvermeidlich falschen Leben und die Apotheose des wahren Begehrens verraten jedem, der zu sehen vermag: es handelte sich um eine jener Erweckungsbewegungen, wie sie der hochaktive Vulkan des christlich geprägten Bewusstseins im Lauf der Jahrhunderte immer wieder auszuspucken geruht.

Archipel
8

Ein vergangenes Jahrhundert ist wie eine beendete Beziehung. Das gilt vielleicht nicht in jeder Hinsicht, aber ganz gewiss in einer: Was gewesen ist und nun rasch in eine abgeschlossene Vergangenheit zurücksinkt, übt über das Gegenwärtige eine Macht aus, die es als Gegenwart nie besaß. Die Gegenwart duckt sich, erschrocken, unter dem Wüten dieser Kraft – nicht auffällig, nicht zu sehr, gerade ausreichend, um den erwünschten, ersehnten, erhofften aufrechten Gang ein weiteres Mal zu vertagen. Es geht weiter – wie denn sonst? Wohin denn sonst? Die Gegenwart erwartet, wenn nichts sonst, eine Zukunft, ihre Zukunft, sie hat Zukunft, so sagt man, man sagt auch anderes, aber das genügt ihr und sie wiederholt es ununterbrochen. Mag sein, es genügt nicht allen, es genügt nicht ganz, eine gewisse Unruhe bleibt, ein Ungenügen an dem, was geschieht und gerade vorbeigeht, aber doch so, dass es genügt. Inzwischen verstreichen die ersten, ganz im Zeichen des Neuen stehenden Jahre unter der Last von Aufgaben, die tief in die vergangenen Jahrzehnte zurückreichen. Aus irgendeinem Grund hat man es versäumt, sich ihrer rechtzeitig zu entledigen.
Und das ist erst der Anfang. Mit der Zeit enthüllt die Vergangenheit ihre Tücken. Sie wird zum ›So nicht!‹ der Gegenwart. Das ist ein privilegierter Posten, ein grandioses Scharnier, auch wenn es hin und wieder quietscht. Wenn es so nicht geht – und die Vergangenheit zeigt, dass es so nicht geht –, dann muss es anders gehen. Darin besteht ja die Aufgabe: es anders zu machen. Nichts leichter als das, es bleibt die leichteste aller Übungen. Die Zeit ist eine andere geworden, so wie die Menschen andere geworden sind und sich nicht mit den Losungen von gestern abspeisen lassen. Nur heimliche Leser stellen fest, wie wenig sich die Parolen geändert haben. Hin und wieder kommt es ihnen so vor, als spräche die Vergangenheit stärker als die Gegenwart, vielleicht nicht gerade lauter, aber lebendiger, voller, wissender. Die Blickrichtung hat sich umgekehrt und plötzlich erkennt man Menschenschicksale hinter den Losungen statt der Leere, in die sich die Versprechungen der Zukunft hüllen, vermutlich um mehr Auftrieb zu bekommen und den Leuten ein Gefühl der Leichtigkeit zu vermitteln.

Tabula