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DIE PYRAMIDE

DAS FU-PROJEKT

DIE SCHAM

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Digitales Archiv

PROTECT ART

Fassadensprüche
1 bis 3
abgenommen an der Fassade
des Museums für freie Kunst nahe
der Pyramide

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Die Kunst beherrscht den Raum

DAS WIRKLICHE

GEHT SO

SO NICHT

WER KANN DAS WISSEN

ÜBERSCHREITET

DAS DAGEWESENE

IN RICHTUNG AUF

TRAUER UND TERROR

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I INDIKATION

IN DIE HAND NEHMEN

DER MUT DES TÖRICHTEN


ÖFFNET DIE WELT

FÜR EINE SPANNE

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II DOSIERUNGSHINWEIS

BERÜHRUNGSFREIHEIT

IST KEINE


EINBAHNSTRASSE

DAS LEBEN / ZU KURZ

SICH MIT IHM ZU MESSEN


BESSER WÄRE
 

 BES 
 SER 

 

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III RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN

Rasierklinge

BANZEKUT I.

 
HERSCHER
VON
PRIBORAWIEN

 

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Die Kunst wird scharf an den Rändern

Rasierklinge

Medals

SPORTS

 

HEALTH

 

CIVIL RIGHTS

 

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Die Kunst wird scharf an den Rändern

Rasierklinge

Vortrag Raum E52
Dr. Alois Wegenaer


Magnifizenz!
Spectabilis!
Werte Kolleg*in*nen!

Die Rasierklinge, Werkzeug der Massenmobilisierung, hat tiefe Schnitte in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts hinterlassen. Ich werde darauf zurückkommen.

Wovon gehen wir aus? vom Ausgehen, möchte ich meinen. Der Kunst gehen die Mittel aus. Sie machen sich selbstständig. Sie werden zu Elementen des Wirklichen. Sie werden Wirklichkeit.

Die Gestaltbarkeit des menschlichen Handlungsraums unter den Prämissen ungebremster Virtualität ist das eigentlich Neue.

Wie oft bemerkt wurde, tendiert die Kunst zur Beliebigkeit. Das führt uns auf das erste Theorem, das ich Ihnen heute vorstellen möchte: Alle wirkliche Kunst ist beliebig. Sie werden es bereits stillschweigend um ein zweites ergänzen: Alles Beliebige ist Kunst. Nein, so ist es nicht. Aber alles Beliebige kann Kunst sein.

Das folgt unmittelbar aus dem genannten Theorem.

Wie platt, werden Sie sagen.

Wen hätte dieser Gedanke nicht bereits beim Gang durch ein Museum angeweht?

Meine Antwort lautet: Redlichkeit. Es ist eine Frage der Redlichkeit, dergleichen zuzugeben. Wer wäre im Angesicht der Kunst redlich? Darüber ist zu reden.

Wenn die Kunst die Maske ablegt, legt der Betrachter sie an.

Dahinter mag keine Absicht stecken, aber es ist der Gang der Dinge. Die Kunst hat lange gebraucht, diesen Mechanismus von Grund auf zu verstehen, es bedurfte dazu einer neuen Wirklichkeit und eines neuen Verständnisses von Wirklichkeit, um ihm zu vertrauen.

Duchamps Readymade wies vielen den Weg, doch der Weg war noch lang. Die Kunst entsteht im Auge des Betrachters, dort gehört sie auch hin.

Der Excess, was ist der Excess? Zum Excess kommt es, wenn im Auge des Betrachters die Kunst zum Ärgernis wird und der allgemein gewordene Zorn sie auszureißen beginnt. Die Klinge der Kunst, jeder weiß es, gleitet an der Oberfläche dahin, sie will glatte Flächen. Gleichzeitig zieht es sie unter die Haut, dorthin, wo es schmerzt.

Kunst mischt sich ein, sie kann nicht anders. Aber sie verliert dabei immer. Am Ende verliert sie sich selbst. Dann zeigt sich, dass sie im Ernst nicht verlieren kann. Sie verliert sich an ihresgleichen, so ließe sich das formulieren. Kunst verliert sich an Kunst. Das war das zweite Theorem, das ich Ihnen heute vorstellen wollte.

Die Kunst der Wenigen verliert sich an die Kunstlosigkeit der Vielen.

Die Kunst ohne Kunst, in der ein blinder Strich genügt, ein zufälliger Kameraschwenk oder ein ungehobelter Ton, verliert sich an den Mechanismus der Anerkennung.

Kunst ist das Ergebnis von Anerkennung. In einer virtualisierten Umwelt ist auch Anerkennung virtuell. Gewährung und Entzug sind miteinander verschmolzen und meinen dasselbe.

Der Entzug von Anerkennung bedeutet Gewährung et vice versa.

Die Verhüllung eines Bildes erschafft das Bild.

Die Entfernung eines Filmes erzeugt den Film.

Wer weiß, der sieht. Wer sieht, der weiß. Wer nicht sieht, erkennt die Zusammenhänge, jedenfalls idealiter, in der Realität gibt es Abstriche.

Dem Aufmerksamen gehört die Welt. Die Kunst geht nach Anerkennung wie alles andere auch. Und sie wird alles Andere: keine Kunst. Kein Weg führt daran vorbei.

Die vorläufig letzte Geste des Künstlers, in der Kunst zu geistern beginnt: Lass mich aus. Ich bin’s nicht.

 

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Die Kunst wird scharf an den Rändern

Rasierklinge

Nachschrift (von unbekannter Hand,
vermutlich unstatthaft):

 

Wer ist Alois Wegenaer?
Ein groß geschriebenes A, ein groß geschriebenes W: mehr braucht es in der Regel nicht, um einen Forscher zu charakterisieren. AW, der Champion unter den Kunsthistorikern der Pyramide, den jungen Wilden, wie sie sich selbstironisch zu nennen belieben, beherrscht das Alphazet der gediegenen Sprache, allerdings nicht über das W hinaus. Ihm fehlt das XYZ der Kunst und damit ihr Allerheiligstes. AW redet zur Kunst, als ginge es zur Sache. Es geht aber nur bis zum nächsten Kiosk, vermutlich, um die Zeitung zu kaufen, mit der einer gesehen werden will, wenn er zur Tagesform aufläuft. Darum geht’s doch. Aber presto, solange es der Karriere dient.

 

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Die Kunst wird scharf an den Rändern

Rasierklinge

 

ThinkIwannagotohellandkillanybodyelseonmywaydownthereyoudontaskmewhywhydon’tyouaskmewhywhyshouldIdoyousaywhatshouldIdowhydoyouaskmethiswayit’snotyourfaultyousaytha’snotyourfaultwhat’syourfaultamIaliarpleasecomeontellmeamIaliardoyoumeanthisnoyoudon’tmeanthiswhatareyoumeaningyouareadamnedoldliarpleaseforgivemeIcan’therlanymoreyouareadenierit’snotyourfaultit’syourfaultanywhere’causeyouareadamnedliarlyingaroundtheclockpissingyourdamnedtweetsintothemiddleofournicelittleclassrommwedon’tlikethisanymoreneverdoyouunderstandneveryouarealiaryouareadamnedliarwithalyingheadfullofeviltalkinghairstalkingbloodynonsensecuttingthewholeworld’sbreathtakingawaythegoodandtheniceaundthesoundthingsdestroyingmyheartandtheheartsofeverybodyexceptthatevilcrowdfollowingyourfootstepsjustintowhatareyousayingwhatareyouyouarealiaryouarealiarnoit’snotyourfaultyouarerightit’sthefaultofeverybodysittinghereintheroomandoutsidejustaroundtheworldourlittlepissyworld’causetheyarenotsmartohyesnotsmartenoughjustlikeeverybodysittinghereintherommtherommtherommtherommtherommit’snotyourfaultdoyoureallymeanthisdoyoureallyyoureallyhowcanonemanbesuchaliaranywhereyouarearacisohyesyouarearapistasexmaniacanabuserwellaren’tyoudon’tdeythisdon’tdenyanything’causeyourdirtystinkingmouthdoesn’tellthetruthjustlyingonyourpathyoucan’tseeityoucan’thearityoucan’tsmellitnoyoucan’tjustdon’ttryittryeverythingexceptthetruthwearethetruthholdersIandmyfriendsaroundtheworlddon’tgothiswayifyoudon’tneedexactlythetroublewe’llbringaboutyouyeswecanyeswewill’causetheworldisoursandnotyourshittylittleclassrommisn’titdon’taskmewhyneveraskmewhynevernevertellmeit’snotyourfaulthearmehermewellneverit’sinsaneisn’tit?

 

Rätsel des Westens, Teil 4

 

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Die Kunst wird scharf an den Rändern

Rasierklinge

UNE LANGUE TORQUÉE


Gemeine Indifferenz, sich zum Ausdruck bekennend

 

Aus: Das Werden / Gletscherparadiese

 

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Die Kunst wird scharf an den Rändern

Der Sozialismus entlässt
seine Trabanten

  • Never seen such a thing before.
  • It’s a Trabi.
Der Sozialismus entlässt seine Trabanten
1
Der Mantel der Geschichte

Stutenkeil . Langwasser . Lobbock

  • ―Was mich besonders beeindruckte, war der Artikel dieses Schriftstellers, ich habe den Namen vergessen, der den sich in Richtung KDW wälzenden sozialistischen Massen Ehrlosigkeit vorwarf, wahrscheinlich ohne zu bedenken, dass er in diesem Augenblick den Sozialismus mit Armut gleichsetzte, mit angebotsorientierter Armut, sozusagen, um gleich die Pointe zu benennen, allerdings nur eine, denn die andere bestand ja darin, dass er ihn in diesem Augenblick, angesichts der offenen Pforten des Konsumparadieses, in freiwillige Armut, nein, in freiwillige Bedürfnislosigkeit verwandeln wollte. Wenn man bedenkt, dass der Sozialismus das Versprechen der Bedürfnisbefriedigung und sonst gar nichts…
  • ―Meine hedonistischen Freunde in Frankfurt bemängelten an den Leipziger Montagsdemonstranten das Fehlen ordentlicher bürgerlicher Hemdkrägen. Es war für sie der Beweis, dass es sich um asoziale Elemente handelte, wahrscheinlich bezahlte Provokateure, jedenfalls destruktive Elemente, die dann auch diesen Spruch »Wir sind ein Volk« skandierten, bei dem man nur den Akzent verschieben musste, um im Bilde zu sein, wie der Abgeordnete Schily mit der Banane im Bundestag bei passender Gelegenheit anschaulich demonstrierte.
  • ―Auf der Zeil brannten die Lichter von früh bis in die Nacht, da war man nicht so pingelig. Es gab ja dieses Begrüßungsgeld, jedem Ankömmling frisch in die Hand gedrückt, Wohlfühlgeld, die Leute streckten die Hände danach aus, sie eilten, es umzusetzen, bevor der Zauber erlosch und nur Asche zurückblieb, denn Wunder, das wussten sie, haben ihre Zeit und wer sie versäumt, dem bleibt das schale Gefühl, doppelt betrogen zu sein. Die triste Wirklichkeit ist ein Betrüger, das weiß doch jeder, das Wunder besteht darin, sie hinter sich zu lassen. Ein Schriftsteller, der das nicht weiß, der nicht weiß, dass er im Grunde im gleichen Genre arbeitet, nur nicht so erfolgreich, ist eigentlich überhaupt keiner. So ein warmer Regen…
  • ―Sehen wir’s doch nüchtern. Für die Vielen war’s ein Wunder, für den Schriftsteller eine Entzauberung. Solange die DM nur in seiner Tasche klingelte, weil das System ihn privilegierte, führte sein Weg, der Weg des Geistes unmittelbar ins KDW oder in jeden beliebigen Konsumtempel. Sein Prestige, seine Ehre erloschen in der Nacht, in der die Mauer sich öffnete. Die Verwandlung in Tinnef, hier fand sie ursprünglich statt und ihm blieb gar nichts anderes übrig, als sie dort zu diagnostizieren, wo sie sich so unverschämt lebensprall manifestierte: an den Grabbeltischen und an den Kassen der Kaufhäuser, an denen er stets nur einer von vielen gewesen war.
  • ―›Unverschämt lebensprall‹ ist gut. Das merke ich mir für meine Vorlesung. Was ich Sie noch fragen wollte –
  • ―Fragen Sie. Wenn Sie wissen wollen, wo ich mich in jenen Wochen herumtrieb, muss ich Sie enttäuschen: Ich war in Klausur. Das nationale Ereignis fand ohne mich statt. Ehrlich gesagt, ich habe mich ihm entzogen. Damals brach etwas in mir, das bis heute nicht mehr repariert werden konnte. Kollege Duro hat das, wie ich finde, treffend zum Ausdruck gebracht. »Leipzig, wo liegt das?«, erwiderte er einem Mitarbeiter, der gerade aus der Heldenstadt zurückkam und seinen Bericht loswerden wollte. »In Polen?« Heute würde ich hinzusetzen: Wäre es nur dort geblieben.
Der Sozialismus entlässt seine Trabanten
2
Der Mantel der Geschichte

Duro . Hölzchen

  • ―… Was ich noch loswerden wollte: diese Bananen-Nummer, also dass ein Abgeordneter der Grünen eine Banane hochhält, um die Kraft zu benennen, die den Osten unaufhaltsam gen Westen treibt, also den eigentlichen Motor der sogenannten Wiedervereinigung – ich muss schon sagen, das fand ich damals genial.
  • ―Er wahrscheinlich auch.
  • ―Zu Recht, zu Recht.
  • ―Die Kraft der Demütigung, die von den jederzeit Wissenden ausging … das wird sich rächen. Eigentlich hat es sich längst gerächt, die Sache ist so verkorkst, dass an einen geraden Ausgang nicht mehr zu denken ist. Zwei Populationen auf einem Staatsgebiet! Das war immer das Betriebsgeheimnis der Deutschen, der innere Unfriede, der in rhythmischen Abständen ins Maßlose geht. Dabei quält sie dieses Bedürfnis nach Harmonie, das ebenfalls keine Grenzen kennt. Keine Grenzen kennen und ständig neue ziehen, an denen man sich wundreibt: das ist deutsch.
  • ―Ich bin stolz darauf, dass sich wenigstens eine Partei nicht vom nationalen Rausch hat anstecken lassen. Der billige Konsum als Waffe, dazu das Geschrei »Wir sind ein Volk«, leichter lässt sich Manipulierbarkeit nicht dokumentieren.
  • ―Immerhin: die Banane … ein Emblem der Grünen. Aber vielleicht hätten sie gleich Toscana-Reisen buchen sollen, um dem Geschmack des Herrn Abgeordneten zu entsprechen. Und was das Volk und das Wir angeht…
  • ―… so besitzen sie eine ausgesprochen linke Vorgeschichte, ich weiß. So oder so, der SED-Staat war mangels Kasse gestorben. Da bot es sich an, den Westen mit Hilfe der subversiven Massen zu infiltrieren. Jetzt haben sie einen genialen Redner im Bundestag sitzen und das abendliche Publikum ist begeistert. Wir auch. Er macht seine Sache gut. Ich vermute mal, mittlerweile kennt er seine Toscana und weiß sie zu schätzen. Wir auch. Aber wir waren zu oft da, jetzt haben wir andere Ziele. Freunde von uns bieten ihr Häuschen wie sauer Bier an. Haben Sie keine Lust?
  • ―Lassen Sie mal. Aber ich komm drauf zurück.
  • ―Was macht eigentlich Dichter M? Ich meine, nachdem sein Westprivileg futsch ist. Mischt er sich unter die Massen? Ist er jetzt einer der Vielen?
  • ―Eher einer der vielen Wenigen.
  • ―Was heißt das?
  • ―Flucht in die Krankheit. Nicht irgendeine, sondern die echte wahre: finale Entgleisung.
  • ―Diese göttliche Konsequenz … also ich finde das bewundernswert.
  • ―Was ist daran göttlich, wenn einer seinen Zynismus nicht überlebt?
  • ―Steht es so schlimm?
  • ―Die Staatssicherheit ist eine Krankheit zum Tode. Die ostdeutschen Schriftsteller sollten Kierkegaard lesen, statt zu lamentieren.
  • ―Naja. Entweder – Oder, das kennen sie doch.
Der Sozialismus entlässt seine Trabanten
3
Der Mantel der Geschichte

Hölzchen . Ein Student

  • ―Da haben sie jetzt die Geschichte im Haus und können damit nichts anfangen. Natürlich gilt das nicht für alle, ich will meine Kollegen hier im Hause nicht anschwärzen, sie haben ihre Lektion gelernt, aber ich prophezeie Ihnen: von den Geisteswissenschaften wird binnen zehn Jahren nichts mehr übrig sein, sie werden das Desaster nicht überleben. Die Geschichte? Die Geschichte ist keine Geisteswissenschaft, das habe ich immer gesagt. Die Geschichte ist eine Sozialwissenschaft. Die Germanistik zum Beispiel … das interessiert mich. Sie hat ja Anlauf genommen – damals, in den heroischen Zeiten, Sie wissen schon –, eine ordentliche Sozialwissenschaft zu werden, es gab da große Überschneidungen. Aber letztendlich siegte dann doch das Geschwätz. Sie hat auch andere Aufgaben. Jetzt muss sie all die Stasi-Verwicklungen ihrer Lieblinge aufarbeiten, das gibt erst einmal Arbeit, aber dann? Ich frage mich, was kommt danach? Goethe? Grimmelshausen? Ich frage ja nur. Klassiker sind wichtig, sie sind auch bei uns Historikern wichtig, keine Frage. Ich zum Beispiel lese immer wieder gern Thukydides und natürlich Mommsen, aber doch mehr zu Unterrichtszwecken. Das kann’s doch nicht sein. Haben Sie schon ein Prüfungsthema? Nein? Wie wär’s mit der Treuhand? Das ist ein gewaltiges Themenmassiv, wenn Sie mich fragen, das kommt gerade erst in den Blick. Die Treuhand kann gar nicht soviel falsch machen, wie man ihr anhängen wird. Sie ist der ideale Sündenbock, der bouc émissaire für alle, die irgendwann aus ihrer Niederlage im Einigungsprozess Gewinn ziehen wollen. Das ist so klar wie … versuchen Sie sich einmal an folgendem Gedankengang: Schiller, Hegel und der kleine Gysi stehen an einer Straßenecke. Kommt ein Bus vorbei, vollgestopft mit Ost-West-Berufspendlern. Sagt Schiller: Das Schöne daran ist die Freiheit in der Bewegung. Sagt Hegel: Heute sind sie Knechte, morgen die Herren. Und was sagt Gysi? Dass mir niemand die Treuhand lobt! Sie treibt uns so oder so die Kundschaft zu. – Was ich damit sagen will? Behalten Sie die Treuhand im Auge! Da tut sich was. Man muss auch frühzeitig an die Promotion denken. Haben Sie schon daran gedacht? Nein? Dann machen Sie sich mal Gedanken. Die Pyramide ist nicht alles. Sie werden doch nicht in die Germanistik…?
Der Sozialismus entlässt seine Trabanten
4
Der Mantel der Geschichte

Nassen

  • ―Ich kam nach Erfurt, es dämmerte und ich lief in die Altstadt. Ich dachte mir: In diesen Gemäuern muss vor ein paar Jahrhunderten die Pest ausgebrochen sein oder ein völlig unnennbares Unheil hat die Bewohner vertrieben und jetzt, einzeln und scheu, kehren die ersten Menschen zurück. Sie gehen nicht festen Schrittes auf festen Straßen, sie wandeln auf imaginären Stegen, sie schnüren vorbei, jedenfalls wirken sie aufgerissen und achten der Löcher im Boden nicht – als schwebten sie unbeteiligt darüber weg, als wären sie körperlich damit ausgelastet, das Gestern und Heute abzugleichen, obwohl es weder ihr Gestern noch ihr Heute sein kann, sondern nur das einer unfassbar fremden Stadt. Sie sehen dich nicht, niemanden sehen sie, sie halten den Blick nach innen gerichtet, aber er findet dort keinen Raum, nur das Flimmern, das der Anblick dieser Häuser im Menschen auslöst. Sie wirken so unendlich verlassen, obwohl sie auch wieder bewohnt zu sein scheinen, als habe die Flucht doch erst gestern stattgefunden, vielleicht muss man hineingehen und dort liegen sie wie die Schläfer im Märchen kreuzweise übereinander. Bitterfeld ist einfach, dachte ich mir, Bitterfeld ist die Ruhrstadt, untergegangen in den ökonomischen Kämpfen der letzten Jahrzehnte, aber das hier … ist vollkommen unwirklich, eine Filmkulisse, die sich nicht damit begnügt, Kulisse zu sein, sondern den Austritt aus der Zeit probt. – Ich ging ein paar Schritte in einen dieser Leipziger Höfe hinein und drehte mich um: der Eingang lag im Schatten und draußen, auf der belebten Straße, spielte das Sonnenlicht. Es spielte wirklich, es spielte mit dem Haar der Passanten, mit der verrotteten Hausfassade gegenüber, selbst mit den Geräuschen, doch just als ich mich umdrehte, liefen zwei junge Männer in Business-Anzügen durchs Bild, klarer Westimport, der eine drehte sich, ohne innezuhalten, zur Seite, zückte eine imaginäre Maschinenpistole und ahmte das Ballern aus dem Mund eines Zehnjährigen nach. In der Mädlerpassage traf ich unseren tüchtigen Frentzen, den die Pyramide zur Abwicklung eines dortigen Instituts abgestellt hat, wir spazieren ein bisschen herum und er schildert mir seinen Job, mittendrin richtet er sich mit geweiteten Augen auf: »An den Wänden meines Büros klebt Blut – bis oben hinauf. So sieht es aus. Ich habe hier eine Aufgabe. Ich würde lieber heute als morgen verschwinden, aber … es geht nicht. Es hat mich gepackt.«
Der Sozialismus entlässt seine Trabanten
5
Der Mantel der Geschichte

Starck . Nassen . Tronka . Tummler

  • ―In Rostock brannte das Pflaster. Die versammelte Weltpresse wollte die deutsche Bestie sehen und bekam ihre tägliche Vorführung, Fütterung inklusive. Was sagt uns das? Dem Osten fehlt ’68, das Jahr, in dem das politische Bewusstsein der Westdeutschen zum Westen aufschloss und endgültig mit der Nazi-Vergangenheit brach. Wir haben den Faschismus überwunden und jetzt ist er wieder da. Wir müssen von vorne anfangen, ganz von vorne, das schmerzt, es wird Kraft kosten, die dann an anderer Stelle fehlt.
  • ―In Leipzig hatte ich das Gefühl: Das ist die Revolution der Frauen. Von ihnen ging dieses Strahlen aus, selbst wenn sie auf die Zustände schimpften. An ihren Klamotten konnte man täglich ablesen, was die fliegenden Händler aus Holland gerade angekarrt hatten. Ein paar Tage lang trugen sie alle diese kurzen schwarzen Wollkleidchen, an denen sie dauernd zupften, weil die Länge so ungewohnt war. In einer Straße entdeckte ich den Friseur, der allen die gleiche Frisur verpasste: Er hatte ein Foto davon im Schaufenster hängen und eine nach der anderen schlüpfte hinein.
  • ―Ich sage es ganz offen, ich bin ein Gegner der Wiedervereinigung. Ich finde einen klaren Fehler, was da passiert. Das wird sich alles rächen. Die Oberchristen mit dem hohen C reißen sich das Land unter den Nagel und lassen die Braunen die Drecksarbeit leisten. Nach ein paar Jahren werden sie wieder mit dem ›Geist‹ paradieren, dem deutschen Geist, dann kommen auch bald die Juden dran, die Schwulen gleich hinterher, was fällt ihnen schon anderes ein? Mir soll’s gleich sein, ich bin dann weg. Haben Sie Kinder? Wie unverantwortlich. Sie werden es ausbaden müssen.
  • ―In der Seminarpause standen ein paar beisammen und diskutierten heftig, wie man sich im Kapitalismus am besten verkauft. Sie hatten das Wort aufgeschnappt und nahmen es irgendwie wörtlich, also ich meine jetzt im Geschlechts-Sinn. Jedenfalls gingen die Ansichten, wie man es am besten anstellt, weit auseinander. Aber direkt abgeneigt schien mir keine zu sein.
  • ―Wir werden uns an den Gedanken gewöhnen müssen, dass es zwei ’68 gab. Das eine bei uns, das andere im Osten. Damals haben wir Dubcek die Daumen gedrückt. Ja doch, haben wir. Das war’s dann aber auch. Der Rest der Geschichte? Ging uns doch nichts an. Ein bisschen Gekreisch, als Biermann in Köln die Gewerkschaftsjugend besumste: die Kommüne, ach die Kommüne. Er konnte dann ja auch gleich hierbleiben und Kommünensaft trinken, bis die roten Masern verdampft waren. Die wirklichen 89er waren Ost-68er, die es noch einmal wissen wollten. Aber das will hier keiner wissen.
  • ―Das ist doch absurd. Wer wollte was noch einmal wissen? Sie phantasieren, Kollege. Sie können das nicht vergleichen. Der Osten wurde verkauft, das ist eine Tatsache. Diese ganzen Montagsdemos, das war ja wirklich der Klassenfeind, hübsch unkenntlich gemacht durch die Ironie unserer Öffentlich-Rechtlichen. Vielleicht war auch die Stasi dabei, jedenfalls der Teil, der an Gorbatschows Leine lief, daher wehte der Wind. Das alles wäre heute belegbar, es macht sich nur keiner die Mühe.
  • ―Sie sind in die Quellen gegangen…?
  • ―Ich? No chance. Ich hab mich um Wichtigeres zu kümmern.

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Mompti stirbt wirklich
1

Maler Mompti hat ein Karzinom. Es wurde entfernt, es hat die vorgeschriebenen Stadien der Bekämpfung durchlaufen, es hat neue Kräfte gezogen und erledigt den Rest. Es hat den Körper geholt und nun holt es sich den Geist. Was ist der Geist? Eine Veranstaltung zur Krebsvorsorge? Zur Krebsbekämpfung, wenn es einmal soweit ist? Zur Nachsorge, wenn alles seinen Gang ging und es Zeit wird, sich weniger Sorgen zu machen und die nicht wegzuleugnenden … sagen wir … mit sanfter Hand von der Stirn zu wischen und auf die folgenden Generationen zu verteilen? Momptis Bilder hängen im Museum und das Museum hängt an ihnen, es möchte sie ungern missen und erklärt sie zum unverzichtbaren Bestand des Jahrhunderts. Das Jahrhundert besteht also, neben anderem, aus ein paar Handvoll Momptis, während der wirkliche Mompti, the real ’pti, in seinem Atelier auf Schnitzeljagd geht, denn er weiß nicht mehr, wo er anknüpfen soll und worauf er hinauswollte.

Mompti stirbt wirklich
2

»Worauf soll das hinaus?«, fragt er sich kopfschüttelnd, hebt ein Blatt auf und lässt eines fallen. Ihr Schwarm bedeckt den Atelierboden und manches schwebt unbemerkt zur Tür hinaus, die jetzt fast immer offen steht, denn es ist Sommer und der Staub, der leise wehende, bedeckt sie alle. Mompti weiß es nicht, er hat es nie gewusst und wird es nie wissen, soviel weiß er, obwohl es ihm niemand gesagt hat. Er ist jetzt darauf angewiesen, dass man ihm sagt, was er weiß, er weiß es dann und weiß es auch wieder nicht, sein Wissen geht auf Zehenspitzen um sich herum und sucht nach Lücken, durch die es einbrechen könnte, aber es findet keine. Es findet keine – zu fremd ist es sich geworden, als dass es sich lohnte, alle Kraft darauf zu verwenden, zu sich zu kommen und das Fest der Versöhnung zu feiern. Ohnehin findet er es schwierig, alle Kraft zu sammeln, er findet nur Reste davon in alten Farbtöpfen und -tuben, er kratzt und sticht in ihnen herum und plötzlich entleert sich eine Blase vor seinen Augen, ein Miniatur-Geysir wächst in die Höhe, dreht sich zur Seite und sackt weg.

Mompti stirbt wirklich
3

»Sieh an«, sagt sich Mompti, er sagt es nicht wirklich, er ist kein Sager, kein Ja-, nicht Nein-, er ist ein Zeichner, einer, der Zeichen sieht und Zeichen setzt, »sieh dir das einmal an.« Nicht einmal sieht er es an, sondern zehnmal. Nicht, dass er dann gesehen hätte, worauf es ankommt, er wird morgen weitermachen, er wird nicht wissen, dass er weitermacht, die Idee des Weitermachens hat er verlorengegeben wie die meisten anderen auch, sie scheint ihm unzutreffend. »Wenn ich jetzt dies und dann das mache, ergibt das überhaupt einen Zusammenhang?« Früher hätte er diese Frage mit Ja beantwortet, es hätte ihm Vergnügen bereitet, sie zu beantworten, denn sie hätte, als Frage, das Wesen des Ausdrucks zur Geltung gebracht, so wie ein korrekter Fahrer gelegentlich das Auto zur Inspektion bringt, um es auf ›Herz und Nieren‹ prüfen zu lassen, damit es bei der nächsten Vollgasfahrt… Apropos Vollgas: so wie Mompti davon überzeugt ist, er könne, wenn er nur wolle, jederzeit, zumindest aber morgen gleich nach dem Aufstehen, aufdrehen und diese Misere hinter sich lassen, so glaubt er seine Ehe im Handumdrehen retten zu können, falls ihm nur hinreichend daran liege. ›Hinreichend‹, das ist das Wort. Wann reicht etwas hin? Ein Begehren zum Beispiel, ein kleines, nicht unwichtiges Begehren, wohin könnte es reichen, um hinzureichen?

Mompti stirbt wirklich
4

Wohin reicht, was hinreicht? Es scheint ihm eine Entdeckung, wert, festgehalten zu werden, dass er niemals gewusst hat, wohin er reicht – nur dass es ihm gereicht hat, zum Leben und überhaupt, eine Sache so und so weit getrieben zu haben, ohne sich groß darum gekümmert zu haben, um welche Sache es sich eigentlich handelte. Eigentlich… da steht dieses Wort, das er sich eigentlich abgewöhnt hat, vor langen Jahren, zu einer Zeit, zu der er sich eigentlich das Rauchen hätte abgewöhnen sollen. Aber er hat es vorgezogen, mit dem Eigentlichen zu brechen, aus Überzeugung, wie man so sagt, obwohl er dieses Wort eigentlich ablehnt, es hinterlässt so einen Geschmack… Eigentlich schade, denn es besitzt den schleichenden Charme all dessen, was wirklich zu überzeugen vermag. Eigentlich hätte er gern gewusst, worum es ging in dem großen Spiel, nur war keiner zur Hand, der es ihm erklärt hätte. Es hätte auch nichts genützt, die wirkliche Erklärung hätte in ihm aufsteigen müssen wie ein … ein ...
… Brechreiz? Eigentlich war das Wort immer zur Hand, allerdings galt es nicht, irgendwie galt es nicht, als Kunst-Arbeiter musste er abwehren, was ihm da an die Hand flog, woher nur, aus den Sprach-Beeten, ungebeten, wohl wahr, schamlos eigentlich, wie alles Schamlose lässt es seinen Gebrauch nicht zu, eigentlich provoziert es die Scham und ruft nach Abwehr. Eigentlich war er immer in Abwehrpose. Wie ist das heute? Wehrt er ab? Lässt er zu? Wo liegt der Unterschied? »Lass mal.«
Eigentlich dumm.

Mompti stirbt wirklich
5

So dumm auch wieder nicht, denn eigentlich ist, was ist, in einem einfachen Verhältnis … er möchte nicht sagen: zu sich, denn das wäre uneinfach, es ›entbehrte der Einfachheit‹, irgendein Mangel wäre dabei, vielleicht eine Lücke, eine Zeichenlücke, die nicht gefüllt werden kann, weil der Widerstand wächst, sobald er ihr näherrückt, er kennt solche Lücken seit altersher. Die Dinge sind nebeneinander, der Blick reißt Gräben zwischen ihnen auf, er reißt sie auseinander, gnadenlos, achtlos, Zeichnen heißt den Blick in die Sprache der Dinge zu übersetzen, ins Nebeneinander, mag sein, aber ist das eine Sprache? Natürlich ist das keine Sprache. Kunst spricht nicht. Kunst ist stumm. Ich, Mompti, musste soundso weit kommen, um festzustellen: Kunst ist stumm. Und was bin ich? Ein stummer Künstler. Stumm, dem Stummen zugewandt. Verstummt wäre etwas anderes, bin ich verstummt? Ich verstumme gern, dazu brauche ich kein Gespräch. Mir sagt die Sprache nichts. Was sagt sie mir nicht? Ist sie nichtssagend? Nein, das wäre zu sehr … von ihr her gedacht. Wenn ich denke, dann mehr von den Dingen her, als dächten sie in mich hinein. Natürlich denken sie nicht, das weiß ich auch. Eigentlich schade, man erführe mehr über sie. Aber sie geben ihr Bestes, dafür verbürge ich mich.

Mompti stirbt wirklich
6

Was heißt dann zeichnen? Ich hätte gern Baum Vogel, Auto gesagt, auch Straße, Mann, Pferd, Nagel, Filmriss, Mädchen, Alkohol, Blumengießen, Abgesang, Trauerweide, Erdapfel, Jugendheim ... muss ich das jetzt fortsetzen? Was aber Zeichnen heißt, ich weiß es nit. Ich sollte es aber wissen. Ama bringt es den Kleinen bei und ich helfe dabei aus, also sollte ich es wissen. Weißäcker hat von mir gewollt, dass ich es lehre, ich habe den Ruf abgelehnt, weil ich es nicht weiß. Seltsamer Ruf ... Leute kennen einander und irgendwo ruft eine Universität. Sie ruft nicht laut, sie ruft nicht leise, sie schreibt Briefe, in denen steht, du sollst deine Sachen packen und dein Leben ändern, einfach so ... auf Zuruf. Ama weiß viel, aber in diesem Fall wusste auch sie nicht weiter. Sie hat es mir nicht zugetraut. Oder doch? Wer weiß? Warum hat sie mich nicht ermutigt? Aus Neid? Aus Angst? Aus Neidangst? Mag sein, mag nicht sein, egal, ich kann so etwas nicht malen. Ich habe mich immer geweigert, etwas zu malen. Nein, nicht immer, das wäre gemogelt, aber all diese Versuche endeten im Fiasko. Eigentlich bin ich gescheitert, weil man mich drängte, etwas zu malen. Ich kann einen Pinsel halten. Beruf Pinselhalter: das wäre etwas gewesen, aber dazu ist es jetzt zu spät. Es gibt schickere Techniken. Von Beruf bin ich Techniker. Die Leute sagen: Zeichne etwas! Ich zeichne etwas und frage sie: Ist das etwas? O ja, beteuern sie, das ist etwas. Das ist etwas Feines, das kannst nur du. Aber es ist niemals etwas, es ist immer irgendwas. Sie wissen es und ich weiß es und beide Seiten sind zufrieden. Nähme man mir die Sprache, ich hätte zu tun. Zwischen Irgendwas und Etwas klafft diese elende Lücke, die sich nicht schließt. Ich glaube fast, jetzt könnte ich hingehen und sie schließen. Aber es ist vermutlich zu spät. Nein, lass nur, es lohnt nicht.

Mompti stirbt wirklich
7

Momptis Schwäche ist allumfassend. Das liegt sicher am Schmerzmittel, aber nicht so sicher, dass es bei dieser Erklärung sein Bewenden hätte. Momptis Schwäche ist, vielleicht in Idealkonkurrenz mit dem entgleisenden Zellbündel, kontinuierlich gewachsen. So jedenfalls kommt es ihm vor, sobald er versucht, sich zu vergegenwärtigen, wie ›alles gekommen ist‹. Wäre er stark gewesen, er hätte die Welt verändert, zumindest den von ihm veränderbaren Teil. Zum Beispiel hätte er sich gleich nach der Heirat von Ama scheiden lassen. Nicht weil sie die Falsche war – das würde voraussetzen, dass es da draußen eine Richtige gibt –, eher schon, weil sie sich für die Falsche hielt. ›Das hältst du im Kopf nicht aus.‹ Was einer im Kopf aushält, entzieht sich seiner Kenntnis. Aber das da ruiniert den Kopf, es ruiniert ihn von Grund auf. Ein ruinierter Kopf kann nicht malen, er kann nur Zeichen geben, die keiner entziffert, weil sie in Wirklichkeit unentzifferbar sind. Jetzt ist sie die Richtige und er ist falsch. Alles an ihm ist falsch. Er betrachtet seine Hände und sie sind falsch. Sie waren einmal richtig und jetzt sind sie falsch. Alles, was aus ihnen kommt, ist falsch. Alles, was sie anfassen, wird falsch. Nur wenn er Ama aushilft, ist es recht. Oder auch nicht.

Mompti stirbt wirklich
8

Nicht ›im Licht der Wirklichkeit‹, sondern ›in Wirklichkeit‹. Er hat solche Anfälle von sprachlicher Verbesserungswut, sie kommen und gehen, das Problem bleibt. Mit Licht kennt er sich aus. Diese Fragen sind nicht mit Licht zu regeln. Beleuchter gibt es genug. ›Wir haben das Elend des Privaten beenden wollen und haben die Hölle neu erfunden.‹ Der Satz klingt, als habe er ihn gelesen. Nur wo? Alle Finger zeigen auf ihn zurück: Da. Es steht geschrieben: Wir sind Verdammte aus eigener ... Kraft? Ist das das Wort? Verantwortung? Das sagt sich leicht, aber es gleitet ab. Welches Wort bleibt haften? Lust? War es das: Lust? Soviel Lust war nie... Jedenfalls machten wir uns das vor. Lebe, als hättest du die Lust erfunden, nein, als erfändest du sie gerade zum ersten Mal. Das älteste Ding ... zum ersten Mal. Das hatte auch seine komischen Seiten. Ama im Bett, zur Klärung entschlossen: »Ich werde nicht deine Muse sein!« »Ich küsse keine Musen, ich küsse ... Geschlechtsteile.« »Versager.« Da war sie, die Scham. Es hatte Klick gemacht und er war enttarnt. So wie jetzt. Immer in Bringposition, so wie jetzt.

Mompti stirbt wirklich
9

Momptis Weltsicht

Was Mompti sieht
  1. Gekräusel
    [die Welt ein Abzählvers:
    bewegt – unbewegt – bewegt]
  2. Bleiches
    [das fahle Licht: ein notorischer Begleiter]
  3. Gleitendes
    [was aber gleitet, das entzieht sich auch]
  4. Schillerndes
    [Fläche gleich Tiefe]
  5. Gewölk
    [alles, was sich ballt, gleicht ... entfernt]
  6. The Blue
    [den blauen Grund der Welt]
Was Mompti nicht sieht
  1. Kraftlinien
    [die geordnete Welt: ein ]
  2. Strahlendes
    [das strahlende Haupt des Guten/Bösen:
    erste Inversion]
  3. das Feste
    [er weiß nicht]
  4. Schlagschatten
    [die geteilte Welt:
    hell/dunkel, gut/böse, hart/weich]
  5. alles, was folgt
    [es ›geht ihn nichts an‹]
  6. Die Farbe Rot
    [sie existiert nicht in seinem Universum, hat, außer in den Anfängen, nie darin existiert, sie ist, wo immer sie auftaucht, verblasstes Zitat]

Daraus folgt alles weitere. Wobei Sehen/Nichtsehen zu den harten Unterscheidungen zählt: Was sieht Mompti, wenn er nicht sieht? Nicht viel, möchte man meinen, nicht viel. Nichts sehen wollen: damit würde er so nichts anfangen wollen. Natürlich sieht er, als Maler, alles. Das erspart ihm die Details – einerseits. Und es fesselt ihn an die Details – andererseits. Kunst = Sklaverei. Das ›sieht‹ er ›nicht so‹, aber er atmet es. Wir Urteilslosen: Urteilen steht ihm nicht zu. Er ist Empfangender. Das bleibt, auch wenn niemand mehr zum Empfang bittet.

Mompti stirbt wirklich
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Momptis Devise

Es gibt keine Details. Gäbe es Details, ich verlöre mich auf der Stelle. Ich finde mich aber, also gibt es nur Ganzes.

Mompti stirbt wirklich
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Strandläufer Mompti

»Wenn ich da draußen ein Loch in den Schlick bohre, dann habe ich etwas getan, nicht viel, ein bisschen schon, aus der Perspektive der Plattwürmer« – an dieser Stelle überkommt ihn immer ein Glucksen, er kann nicht anders – »sogar eine ganze Menge, etwas wirklich Gigantisches, aber wenn ich geduldig bin und dabeibleibe, dann sehe ich, wie das Wasser, das erst klar und durchscheinend ist wie der junge Morgen, sich eintrübt. Ja, es trübt sich ein, aber in Wahrheit ist es bloß der Sand, der sich nach und nach einfindet, als wäre er hier zu Hause, und irgendwann reicht die Puste eines Kleinkindes, um ihn zu trocknen, als habe es diese Kuhle nie gegeben. Was so nicht stimmt: Wäre sie nicht im Einerlei verschwunden, dann wüsste man genau, hier ist sie, hier muss sie sein, so etwas geht nie mehr weg, es ist bloß, wie soll ich es ausdrücken, unkenntlich... geworden? Na ich weiß nicht.«

Er erzählt die Geschichte, als habe er sie oft zum Besten gegeben und ihr Sinn sei darüber verlorengegangen. Er erzählt sie suchend, mit Pausen, in denen sein Blick zur Seite schweift, nicht etwa, weil er nicht weiter weiß, sondern weil er nicht weiß, ob das, was jetzt kommt, dem entspricht, was er damit sagen will. Der Wille, etwas damit zu sagen, hat ihn noch nicht verlassen, aber er zieht sich von ihm zurück, lässt hier und da eine Blöße zu, er neigt dazu, Blößen zu geben, als liege darin eine besondere Finte, die keiner begreift.

Mompti stirbt wirklich
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Stirb nicht, Mompti. Es könnte sein, dass etwas dabei verlorengeht, mit dessen Verlust du nicht gerechnet hast. Was könnte das sein? Diese Geste, ›das alles‹ hier hinter dir zu lassen, sie ist vielleicht eine Spur zu einfach, zu zweckdienlich, um ihren Zweck zu erreichen. Es erlischt sich leicht in Gedanken. Der wirkliche Tod kommt hinterrücks, als Erschlaffung, du spürst sie in allen Gliedern. Bald wirst du ganz erschlafft sein. Du wirst es, wie so vieles, fast alles, hinter dir haben – es, den Rest, der nicht weggeht, so sehr du dich auch bemühst, ihn zu vergessen. Vielleicht liegt er im Vergessen. Im Traum vergisst du nicht, es fällt dir immer noch etwas ein. Diese Ängste ... wer mit der Angst spielt, was bekommt der? Eine Extraportion? Du hast immer gespielt, warum nicht mit Ängsten? Dabei war es dir immer ernst. Auch jetzt ist dir ernst zu Mute, aber nicht wirklich, dein Ernst war immer Unernst und jetzt erleichtert er sich. Er geht nicht mehr hin, wie du früher gesagt hättest. ›Einer muss hingehen.‹ Das war deine Parole. Und du warst der, der hingeht. Jetzt gehst du ›dahin‹, einsam im Nirgendwo, gäbe es Ama nicht, so wäre deine Aufgabe fast vollendet. Warum gibt es Ama und nicht nichts? Das, zumindest, müsstest du sie fragen können. Aber das kannst du nicht. »Ich kann auch gehen«, würde sie antworten und das Thema wäre vom Tisch. Natürlich könnte sie gehen. Könnte sie wirklich gehen, so wäre sie längst gegangen. Sie kann es nicht. Sie kann es ebenso wenig wie du... Mach ein Ende! Bring’s hinter dich! Eine merkwürdige Sache: das Ende hinter sich bringen, das Ende, dem kein Anfang innewohnt, es sei denn, man wechselt in den Modus des Glaubens, aber das wäre dann bereits etwas anderes. Lässt sich Glauben zeichnen? Nein, lässt er nicht. Du könntest dich mit ein paar deftigen Flüchen verabschieden, das schafft Gesellschaft, aber es wäre ... unernst, so als wollte einer mit dem Expresszug aufs Land. Du schleppst den Schmerz hin und her und denkst, du ließest ihn hinter dir. Dahinten! Dahinten ... kann man es malen? Endlich malen ... dahinten, ja, da ginge es, da geht es wirklich.

Ein Leid wäscht das andere
1

Was man nicht malen kann, das muss man leiden. Wer nicht leiden kann, für den existiert nichts außer dem Malen. Wer nichts als malen kann, der leidet wirklich, das heißt, ohne doppelten Boden, ohne Leidensbereitschaft, ohne die Fähigkeit, zu erleiden, das heißt, dem Leiden einen Sinn abzupressen, den berühmten Lebenssinn, der nicht weggeht, auch wenn die Tage hart sind und das Brot knapp wird. Mompti gehört zur Generation Ohneleid. Sinnstiftung aus dem Leide lehnt er ab, er kann sie nicht leiden und leidet sie nirgends. Dennoch weigert er sich, in den Kampfmodus überzugehen, der für Fälle wie den seinen bereitsteht. Sei ein Mensch, kämpfe! Er hat ein paar Versuche darin unternommen und rasch wieder eingestellt – kein Talent! Andererseits: kämpfen kann jeder Esel, wozu muss einer Mensch sein, um Mensch zu sein, wenn daran nichts anderes haftet als die Spur der Gewalt, die sich durch die Natur zieht? Ein kämpfender Esel zieht mehr Aufmerksamkeit auf sich als ein Mensch, der es mit sich austrägt. Wer den Esel lobt, dem ist um den Mitmenschen nicht bang.

Ein Leid wäscht das andere
2

Momptis Leiden kennt keinen Ort, an den es sich zurückziehen, aus dem es hervorbrechen könnte: es ist ortlos.
Die Verortung geschieht durch den Arzt, genauer, die Medizin, genauer, durch den Apparat, der ihn durchleuchtet, die Theorie, die das Durchleuchtete deutet, die Hand, die schneidet, die Hand, die das Zerschnittene flickt, die Hand, die Medikamente verschreibt, die Hand, die Rechnungen schickt.
Das ist neu. Seit er unfähig ist zu malen, seit seine Hand Zeichnung um Zeichnung im Papierkorb versenkt, leidet er an der Kunst. Die Kunst ist der Ort seines Leidens: nicht irgendeine, sondern seine. Auch wenn sie sich hinter den Horizont zurückgezogen hat, bleibt sie die seine. War das Leid? Das Leid liegt in der Ergebnislosigkeit, nicht im Prozess, es ist ein künstliches, ein oktroyiertes Leid, erzeugt durch die nach innen projizierte, durch Geldmangel festgeschriebene Erwartung seiner Umgebung.
Was, zum Beispiel, erwartet Ama von ihm? Sie erwartet, dass er stirbt. Sie erwartet es nicht täglich, aber in der Nahperspektive, die nicht mehr weggeht, also von Tag zu Tag.
Leidet er darunter, dass Ama ihn wegwünscht? Aber Ama wünscht ihn nicht weg, sie wünscht nur, dass es vorbei sei.
Ist Ama der Ort seines Leidens? Ja gewiss, sie leidet an ihm, sie leidet an seinem Leiden, denn es hindert sie daran, leidlos zu sein. Amas Lebensaufgabe besteht darin, ohne Leid zu sein: eine schwere Verantwortung trägt sie da, sie trägt sie mit Fassung, aber es wäre nur gerecht, wenn ihr jemand dabei hülfe. Die Menschen gehen an dir vorbei, wenn im Haus jemand stirbt. Das ist wahr.
Es ist nicht bloß wahr, es ist die Wahrheit. Etwas kommt darin zum Vorschein, was sonst sorgsam verschlossen bleibt: nicht die mangelnde Bereitschaft zu helfen oder Beistand zu leisten, vielmehr die Unfähigkeit beizustehen, eine wirkliche Unfähigkeit, die sich aus mangelnder Befähigung speist, nicht aus mangelnder Fertigkeit oder Bereitschaft (was dauernd verwechselt wird).
Auch Ama ist unfähig. Ihr Beistand beschränkt sich darauf, den Alltag zu leisten und darunter zu leiden, dass er ihr abverlangt wird. Momptis Leiden wütet, weil es ihr Leiden erregt, dabei ist dies die letzte Erregung, die Ama von ihm empfängt.
Wütendes Leid ist geteiltes Leid.
Das Ortlose kriecht unter.

Ein Leid wäscht das andere
3

Ama Ohneleid: sie ist es, sie ist es wirklich, auch sie, leidlos, wäre da nicht sein Leiden, das sie in den Abgrund zieht. In welchen Abgrund? In den des Beistands, der kleinen und großen Handreichungen, der Mit-Sorge –
... wie eine Horde von Plünderern fällt ihr Regime über sie her und verzehrt diese kostbare, lange erbrütete und frisch geschlüpfte Substanz, als habe es nur darauf gewartet, als sei es hungrig gewesen nach diesem seltenen Stoff.
Ist das reell? Nüchtern betrachtet ist Mompti pflegeleicht. Die großen Schlachten sind geschlagen, erforderte die Lage größere Anstrengungen, stünde ein Heer von professionellen Betreuern bereit, gestaffelt nach Pflegeklassen und Bedarfsgruppen: dies hier ist Nachbereitung, sie könnte ihn an der Aufnahmestation einer darauf spezialisierten Klinik abgeben, doch seltsamerweise erscheint es ihr nicht nötig.
Auch wenn sie es sich nicht eingesteht – sie beobachtet Mompti. Dieses Dasein im Abgehen, es rührt sie nicht, es beschäftigt sie kaum, jedenfalls nicht über Gebühr, wenn man davon absieht, dass es den Alltagsdruck ein wenig erhöht und dadurch ins fast Unerträgliche steigert, es blickt sie an und sie erwidert diesen Blick, nicht wissend, worauf sie sich einlässt: Ist das reell?
Das Gelobte Land vor Augen, scheitert Ama an der Impertinenz des erweiterten Augenblicks. Sie weiß um ihr Scheitern, resigniert fügt sie sich in ihr Los, doch nicht ganz. In Erwartung des Todes steht das Leben still. Wäre sie reell gegen sich selbst, müsste sie zugeben, dass es blüht. Nicht in den strahlenden Farben des Sommers, aber mit der Intensität einer Blüte, die sich spät bemerkbar macht, aber so, als ginge sie spät oder nie mehr weg.

Ein Leid wäscht das andere
4

Mompti ist dankbar. Nicht grenzenlos dankbar, das ginge ihm wider die Natur, die auch gegen Ende zu nicht verschwindet, sondern verknöchert, nein, es reicht ihm, dankbar zu sein, ohne Bei- und Füllaffekte, einfach: dankbar. Dankbarkeit, stellt er fest, ist kein Gefühl, sondern ein Zustand. Er ist erfüllt von Dankbarkeit, nicht bis obenhin, sobald er sich bewegt, schwankt die Füllung und bedroht sein Gleichgewicht.
Doch das ist normal. Sein Gleichgewichtssinn ist jetzt dauerhaft gestört, er findet nur mühsam zurück, beugt er sich vor oder zur Seite, lehnt er sich zurück, wirft es ihn um. Seltsamerweise – was wäre nicht seltsam in seiner Lage? – findet er das richtig, es würde ihn wundern, verhielte es sich anders, so jedenfalls wundert es ihn nicht im geringsten.
Irgendwie hängen der geschwächte Gleichgewichtssinn und die Dankbarkeit, die er empfindet, zusammen. Fiele er aus jedem Gleichgewicht, müsste die Dankbarkeit grenzenlos sein oder verschwinden, wahrscheinlich beides zur gleichen Zeit. ›Aber das wäre paradox‹, hätte er früher genuschelt, er denkt es auch jetzt, aber es hat den paradoxen Anstrich verloren, es widerspricht sich nicht, jedenfalls regt sich kein Widerspruch, solange er auch danach sucht. Dabei ist er süchtig nach Widersprüchen, sie erklären manches, man muss sie finden und stehenlassen, er hat sie immer gefunden und jetzt sind sie ... reserviert. Wofür? Wozu?
In der Dankbarkeit löst sich, was ihn bedrängt, sie nimmt jetzt die Stelle ein, die früher das Zeichnen innehatte, sie zeichnet für ihn, sie zeichnet ab, was hereinkommt, um wieder hinauszugehen: Rechnungen zum Beispiel, für die jetzt Ama zuständig ist, das Bild einer Person, die er lange nicht mehr gesehen hat und das ihn jetzt ergreift – so weit ist sein Leben, dass es auch dieses zweidimensionale Wesen umfasst, samt seiner unaussprechlichen Tiefe –, Amas Bilder vor allem, an denen er jetzt sieht, was er stets übersehen hat, nicht länger etwas, sondern das Übersehene als solches, er könnte auch sagen, er sieht sie erst jetzt, aber das stimmt nicht, er hat sie, samt ihren Schwächen, immer gesehen und jetzt erscheinen sie ihm, sein banges Entzücken verrät ihm das eigene Scheitern und macht es gegenstandslos.

Ein Leid wäscht das andere
5

Sterben, denkt Mompti, beginnt, wenn der Gedanke daran verblasst, eigentlich, wenn er unauffindbar geworden ist. Deshalb sagt er sich von Zeit zu Zeit leise vor: »Ich sterbe«. Er sagt es nicht trotzig, er sagt es nicht ergeben, er sagt es probierend: Lebe ich noch? Wie sehr lebe ich noch? Wie sehr bin ich bereits tot? Er wählt dafür Zeiten, in denen er sicher ist, dass Ama sich nicht im Hause aufhält, denn er weiß, es könnte sie verletzen und ihr Schuldgefühle einflößen und das wäre schlecht. Es wäre nicht dankbar und seine Dankbarkeit geht ihm über alles.

M bekommt Besuch
1

Er ist krank, der Dichter M.

Er ist es wirklich, er hat die Krankheit zum Tode. Nicht wie Maler Mompti, den sie täglich ins Nichts stürzt, ehe sie ihn, in einem letzten unentrinnbaren Zangenangriff, von sich oder vom Ich – wer weiß das schon? – erlöst, stattdessen als schwärende Wunde, als Wunde, die sich nicht schließt und nach dem Gral verlangt. Ein Zyniker würde sagen: »M hat den Gral.« Aber was würde ein Zyniker nicht alles sagen, um seine Daseinsbürde zu mindern?

»Zyniker bin ich selbst« – so und nicht anders redet M. So redet er alle Tage, liebend gern würde er die Nächte durchreden, verschlösse ihm nicht der Schlaf gelegentlich den Mund und ließe ihn bloß im Traum fortreden – fort von sich, fort von den Verhältnissen, fort von den Eifersüchteleien, die ein Leben lang zwischen ihm und den getreuen Paladinen der Staatsmacht herrschten, die nun nicht mehr existiert. Ist das wahr? Kann Staatsmacht diffundieren? Konnte diese Staatsmacht diffundieren? Wie konnte diese Staatsmacht diffundieren?

M bekommt Besuch
2

M studiert die Frage, indem er redet. Reden ist seine Methode, er schafft sich seine Bühne, wo immer er geht und steht – ein Mikrophon hier, eine verwandte Seele dort, ein Genosse, eine Genossin… Selbst aus der Uckermark streben sie herein in die verblichene Hauptstadt des in Aufbau-Ratlosigkeit und, wie M annimmt, braunkohlebedingter Endzeit-Armut untergegangenen Reichstrümmerhaufens Ost, der ein paar Jahrzehnte lang als Front-Teil eines zuletzt jäh zerfallenen Riesenreichs Zähne zeigen durfte, bald wieder aufgeputzte Hauptstadt eines alt-neuen Landes namens Youtopyeah:

… junge Frauen mit feinen blonden, leicht strähnigen Haaren, die hageren Gliedmaßen wie gekämmt durch den Sturm der Ereignisse, ehrgeizig bis zum Anschlag, Sturmgewehre der neuen Gesellschaft, auf alles gerichtet, was Sicherheit und Fortkommen in unruhigen Zeiten verheißt, die gestrigen Hierarchien noch fest im Kopf und fester im Herzen, falls dieser Ausdruck hier statthaft ist. Wen kümmern Herzen? Herzen… Dieser liberale Idiot: Er oder Ich.

Das ist keine Frage.

1

FRAGER
Professor Leckebusch, ich muss Sie etwas fragen, damit unsere Zuschauer sich ein Bild machen können: Wo waren Sie am Abend des neunten November 1989?

LECKEBUSCH
Ich habe diese Frage erwartet. Ich wäre enttäuscht gewesen, wenn Sie sie nicht gestellt hätten. Ich kann Ihnen das genau sagen: Ich war im Bett. Ich weiß das so genau, weil ich an diesem Abend mein Seminar ausfallen lassen musste, was ich persönlich immer als sehr ärgerlich empfinde. Ich betrachte es als Verrat an meinen Studenten, verstehen Sie? Meine Studenten verstehen das. An diesem Abend beging ich nach meinen eigenen Maßstäben Verrat. Das hört sich krass an, aber es beschreibt die Situation.

FRAGER
An diesem Abend lagen Sie im Bett. Schliefen Sie? Ich meine natürlich: Bekamen Sie etwas von den Ereignissen mit?

LECKEBUSCH
Von den Ereignissen? Wenn Sie das sagen: Ich hatte Fieber. Ich delirierte. In dieser Nacht war ich damit sicher nicht allein, falls Sie das meinen. (Hüstelt)

FRAGER
Wenn Sie heute zurückblicken: Was bedeuten die Geschehnisse jener Nacht für Sie?

LECKEBUSCH
Lassen sie mich ihre Frage richtig verstehen, bevor ich auf sie antworte: Meinen Sie für mich persönlich oder möchten Sie meine persönliche Auffassung in Bezug auf das hören, was damals geschah und was sich natürlich in keiner Weise auf die Nacht eingrenzen lässt, in der es seinen Anfang nahm? In gewisser Weise hat es ja nie aufgehört zu geschehen.

FRAGER
Beides vielleicht?

LECKEBUSCH
Es handelt sich um das größte Glück im Leben dieser Nation und es handelt sich um das größte Glück, das mir in meinem Leben widerfuhr.

FRAGER
Könnten Sie das ein wenig präzisieren?

LECKEBUSCH
Sie haben ein Recht darauf, diese Dinge so zu verstehen, wie sie geschehen sind. Wir alle haben ein Recht darauf, diese Dinge so zu verstehen, wie sie geschehen sind. Ich weiß nicht, ob wir bereits die innere Distanz aufbringen, um dieser Anforderung Genüge zu tun, die ich eine geistige nennen möchte. Ich sehe Ratlosigkeit auf Ihrem Gesicht und möchte mich präzisieren. Die Anforderung, die ich eine geistige nenne, besitzt eine innere Dimension und eine äußere. Die innere ist schnell benannt: uns allen – oder genauer: vielen von uns – stand damals die Freude ins Gesicht geschrieben. Das ist ein Ausdruck tiefen Glücks, den man nicht kleinreden sollte. Er kam aus einem Inneren, das dem Handelnden nicht einfach zu Diensten ist, so wie es sich dem Denkenden nicht von sich aus erschließt. Es kann aber in einer gegebenen Ausnahmesituation das Denken erfüllen –

FRAGER
Und Sie meinen...

LECKEBUSCH
Ich halte das für keine Frage des Meinens. Aber ich verstehe, was Sie sagen wollen. Der abendländische Mensch hat dafür früh das Wort ›Kairos‹ gefunden. Ich lege Wert auf das Wort ›gefunden‹. Tatsächlich handelt es sich um einen Fund, um eine Findung, um ganz genau zu sein, und nicht um eine Erfindung, jedenfalls in dem Sinn, in dem wir das Wort heute gebrauchen. Die innere Dimension des Geschehens, das unsere Aufmerksamkeit fordert, wird dadurch bestimmt, ob und wie wir heute den Kairos zu denken in der Lage und vielleicht überhaupt berechtigt –

FRAGER
Und die äußere?

2

LECKEBUSCH
Ich rede von Anforderungen. Eine davon besteht darin, dass wir es schaffen, inneres und äußeres Geschehen in eine gemeinsame Perspektive zu rücken. Das ist überhaupt der Sinn von Distanz: Denk-Räume so zu dimensionieren, dass ein Inneres mit einem Äußeren zusammengeht, also ein ›Stand des Denkens‹ mit einem Ereignis, das die Zeitgenossen bewegt, und zwar so, dass darin etwas Geschichtliches aufblitzt, eine ›Sternstunde‹, wenn Sie so wollen.

FRAGER
Unsere Zuschauer werden sich fragen: Wo bleibt die Klarheit, nach der jedes verantwortliche Handeln in einer solchen Lage verlangt, wenn der Sinn des Geschehens verhüllt ist und sich nur über die von Ihnen eingeforderte Distanz erschließt? Diese Distanz ist ja, wenn ich Sie recht verstehe, nicht vergleichbar mit dem Abstand zu den Dingen, den ein Akteur braucht, um Kontrollverlust zu vermeiden.

LECKEBUSCH
Sie sprechen etwas an, was ich unter die Paradoxa der menschlichen Existenz zähle. Nur der ganz Blinde kann ein historisch erfolgreicher Akteur sein. Aber er muss über einen durchdringenden Verstand verfügen.

FRAGER
Haben Sie in jener Zeit einen solchen Verstand am Werk gesehen?

LECKEBUSCH
Anflüge, mein Lieber, Anflüge.

FRAGER
Das klingt für mich so, als hätten Sie mehr erwartet.

LECKEBUSCH
Aber das ist doch normal. Sehen Sie, in einer solchen Situation erwarten Sie alles. Das liegt einfach daran, dass Sie nicht wissen können, was Sie als Nächstes erwartet.

FRAGER
Also doch Kontrollverlust?

LECKEBUSCH
Eine Situation, in der alles ›drin‹ ist, kann auch außer Kontrolle geraten. Aber das meine ich gar nicht. Was Sie nicht wissen können, ist folgendes: In einem Krieg können Sie nicht alles, was getan werden muss, auf dem Marktplatz verhandeln. Die Menschen wissen das und verhalten sich rational paranoid: Sie vertrauen ihren Anführern so, als wüssten beide Seiten Bescheid. Nichts davon ist wahr. Bei einem historischen Umbruch, wie wir ihn erlebt haben, verhält es sich gerade umgekehrt: der Marktplatz verwandelt sich in ein Tribunal und die Regierenden werden danach beurteilt, ob ihr Handeln mit den Vorstellungen der Leute Schritt hält. Also müssen sie so handeln, als verstünden sie, was die Menge will. Das ist nicht so einfach und begünstigt Scharlatane. Aber es gibt auch gute Leute, kein Zweifel. Es ist nur schwer, sie zu erkennen.

3

FRAGER
Denn wovon lebt der Mensch?

LECKEBUSCH
lächelt
Nun, jedenfalls nicht, indem er stündlich den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst. Er lebt auch nicht, um es ganz deutlich zu sagen, davon, dass er vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist. Wir müssten uns vor diesen Sprüchen fürchten, nicht weil sie falsch wären, sondern weil sie die Unwahrheit verkünden, als sei sie die Wahrheit.

FRAGER
Ist das nicht der Sinn von Satire?

LECKEBUSCH
Sofern die Satire einen Sinn hat.

FRAGER
Welchen Sinn kann Satire haben?

LECKEBUSCH
Jedenfalls nicht den, die Welt zu verändern. Sie zeigt dem Einzelnen, was er von der Welt zu halten hat. Die angemessene Frage wäre daher: Was ist die Welt? Was ist die Welt der Satire? Wir sind heute geneigt, ›Welt‹ durch ›Gesellschaft‹ zu ersetzen und so zu tun, als sei beides dasselbe. Das ist nicht der Fall. Es gibt die physische Welt und es gibt die moralische Welt. Die moralische Welt ist die Welt der mores, der Sitten. Sittenverderbnis kann es nur geben, wenn man einen Maßstab für unverdorbene Sitten besitzt – die moralische Weltordnung. Ohne moralische Weltordnung ist Satire sinnlos. Sie ist sogar schädlich, weil sie die Moral als solche unter Verdacht stellt. Gesellschaft hingegen basiert nicht auf Moral, sondern auf Interessen.

FRAGER
Vielleicht ist ja die Moral schädlich, weil sie dazu dient, die realen Interessen zu verschleiern.

LECKEBUSCH
Warum nennen Sie die Interessen real und die Moral nicht? Gibt es irreale Interessen oder eine irreale Moral? Was soll das sein? Interessen sind Interessen und Moral ist Moral. Die Interessen geben die Handlungsziele vor und die Moral sorgt dafür, dass die Praktiken sich in einem vertretbaren Rahmen halten.

FRAGER
Oder auch nicht.

LECKEBUSCH
Oder auch nicht. Ist die Moral an ihren Verletzungen schuld? Das ist absurd.

FRAGER
Es gibt auch Doppelmoral.

LECKEBUSCH
Es gibt immer Doppelmoral. Es gibt den moralischen Imperativ, vor dem alle gleich sind, und es gibt die speziellen Regeln, die dafür sorgen, dass die eigene Gruppe bevorzugt wird. Das sind Überlebensregeln. Insofern kommt die Gemeinschaft vor der Moral: als Beutegemeinschaft. Hart, aber wahr. Doch das liegt der Gesellschaft, vorsichtig gesagt, voraus.

FRAGER
Und wovon lebt der Mensch?

4

LECKEBUSCH
Er lebt davon, dass er seine Institutionen achtet.

FRAGER
Essen kann er sie nicht.

LECKEBUSCH
Er käme ohne sie gar nicht ans Essen. Insofern erübrigt sich dieser Einwand. Stattdessen haben wir es mit zwei großen Fragen zu tun. Die erste lautet: Wie kommt es zur Ausbildung von Institutionen? Die zweite lautet: Wodurch sind Institutionen stabil? Die erste Frage ist durch und durch naturalistisch, hier können Philosophen nur lernen. Die zweite betrifft die Philosophie als solche, denn sie berührt die Frage, wie Menschen denken. Oder, wenn wir die Menschen weglassen: Wie denkt Denken?

FRAGER
Wie denkt Denken?

LECKEBUSCH
lacht
Versuchen Sie’s. Nehmen wir als Beispiel die Mauer. Man sollte meinen, eine Mauer ist eine Mauer, ein physisches Bauwerk, wenn Sie so wollen. Eine Mauer ist keine Institution. Aber die Mauer vor dem neunten November ist etwas völlig anderes als die Mauer danach.
Lacht
In einigen Köpfen soll sie ja heute noch stehen. Wie kann das sein? Darf das sein? Warum kann das nicht anders sein? Eine Mauer ist eine Mauer, sie hemmt den Schritt. Aber sie ist nicht unüberwindlich, wie sich am Abend des neunten November zeigte. Die Mauer vor dem neunten November ist eine Grenzanlage, brutal, schmutzig, unüberwindlich, es sei denn, Sie haben die passende Genehmigung. Sie ist in Betrieb.

FRAGER
Es sind Menschen, die sie betreiben.

LECKEBUSCH
Es sind Menschen, ja. Gehen wir die Kette der Verantwortlichen durch, dann stoßen wir auf unterschiedliche Motivationen.

FRAGER
Was sagt uns das?

LECKEBUSCH
Wenn Sie mit Ostberlinern reden, die nahe der Mauer wohnten, dann sagen die Ihnen: Wir haben sie nicht mehr gesehen. Wir hätten sie sehen müssen, Tag für Tag, aber sie war weg. Das alles war irgendwann nicht mehr vorhanden. Erst seit sie weg ist, sehen wir wieder hin.

FRAGER
Ein bekannter Effekt.

LECKEBUSCH
Ein bekannter Effekt. Er gilt natürlich auch für die Verantwortlichen. Der Hundeführer im Todesstreifen – mein Gott, welch ein Wort! – hat es mit einer anderen Mauer zu tun als der Mann im Politbüro, der sie am Ende mit einem öffentlichen Versprecher beseitigt. Keiner von ihnen sieht die eigentliche Mauer, das heißt das, was sie anrichtet. Es wird behauptet, das diene der Entlastung. Aber Entlastung ist eine biegsame Vokabel. Der Gedanke, dass Institutionen den Einzelnen durch Arbeitsteilung entlasten, ist grundverkehrt: Sie bürden ihm neue, höhere Lasten auf.

FRAGER
Sie entlasten moralisch.

LECKEBUSCH
Warum sagen Sie das? Ich sehe es Ihnen an: Sie meinen es ja nicht einmal ernst. Sie halten es genauso wie ich für falsche Entlastung. Damit sollte keiner vor Gericht durchkommen können. Ist es nicht so?

FRAGER
Die Menschen machen sich gern etwas vor.

LECKEBUSCH
Dann sollten wir uns hüten, es ihnen nachzumachen.

5

FRAGER
Und wenn es doch funktioniert?

LECKEBUSCH
Auch hier gilt: Die Institutionen sind die Moral. Funktional betrachtet, sind Routine und Moral dasselbe. Geahndet werden Ausfälle. Das ist natürlich ganz primitives Denken. Nein, die wirkliche Entlastung vollzieht sich im Bereich der Sorge. Um genau zu sein: im Bereich der Sorge um alles. Die Institution trägt mir auf, für meinen Bereich Sorge zu tragen. Warum sollte ich das tun, wenn ich nicht dafür belohnt würde? Trage du für deinen Bereich Sorge und kümmere dich um nichts weiter: Das ist der Grundmechanismus jeder Institution und er sorgt unmittelbar dafür, dass Institutionen stabil sind. Es bedarf einer ungewöhnlichen Anstrengung, in den Zustand der Sorge um alles zurückzukehren. Das können Einzelne leisten, aber eben nicht alle, schon gar nicht zur gleichen Zeit.

FRAGER
Und wenn es passiert?

LECKEBUSCH
Das wäre die Revolution.

FRAGER
Also geht es doch?

LECKEBUSCH
Moment mal. Die Revolution, an die Sie denken, richtet sich auf Institutionen. Den Kapitalismus abschaffen, gut und schön. Aber was tritt an seine Stelle? Die Mauer einreißen: ganz hervorragend. Aber was geschieht dann? Die Realität zeigt: alles Mögliche. Die Sorge – wenn wir den Gemütsustand von Revolutionären als Sorge bezeichnen wollen, aber hier geht es nicht ums Gemüt – bleibt institutionell: Was beengt unser Leben, was können wir besser einrichten, an welchen Schrauben können wir drehen, ohne dass uns das Gehäuse der Gesellschaft auf den Kopf fällt? Der letzte Punkt ist der entscheidende.

FRAGER
Sie meinen –?

LECKEBUSCH
Ich denke. Sie denken. Die umfassende Sorge, von der ich sprach, denkt, streng genommen, nicht. Sie gilt allem, wodurch der Einzelne lebt. Denken entsteht dort, wo es einem abgenommen wird.

FRAGER
Das müssen Sie unseren Zuschauern erklären.

LECKEBUSCH
Mit dem größten Vergnügen. Sie haben mich gefragt und ich antworte. Alles, was Sie mich fragen, könnte ich mich auch selbst fragen und vieles habe ich mich auch bereits gefragt, sonst fiele es mir schwer, Ihnen zu antworten. Natürlich habe ich mich gefragt, was Sie mich fragen würden, und mir Antworten überlegt. Dennoch lege ich Wert darauf, Ihnen zu antworten und keiner inneren Stimme, die mir Fragen vorlegt, die ich mir selbst ausgedacht habe. Verstehen Sie den Unterschied? Die umfassende Sorge macht diesen Unterschied nicht. Warum also sollte sie ein Gespräch imaginieren, das niemals stattfinden wird? Das Gespräch als Institution ersetzt die Intuition, das Einsehen, das ein jeder hat, aber es löscht sie nicht aus. Es stellt ihr Aufgaben, die sie dann auch löst. Die umfassende Sorge sieht sich von Aufgaben umstellt, die sie teils lösen, teils nicht lösen kann. Nur eines kann sie nicht: Aufgaben delegieren.

FRAGER
Das nennen Sie Denken?

LECKEBUSCH
Nicht ganz. Die Rede vom Abnehmen ist ja doppeldeutig oder, besser gesagt, doppelzüngig. Wenn ich sage, Denken entsteht dort, wo es einem abgenommen wird, heißt das auch: Denken entsteht dort, wo es in ein Außenverhältnis eintritt. Dadurch entsteht Entlastung. Also: Sie fragen, ich antworte. Sie verstehen, ich habe Fragen. Mein Gedankengang ist zu Ende, Ihrer beginnt. Innen-außen, außen-innen, klipp-klapp. Nur so kommen wir weiter.

6

FRAGER
Herr Leckebusch, wo schlägt ihr Herz?

LECKEBUSCH
lacht
Im Zweifel links. Hand aufs Herz, das war es doch, was Sie hören wollten. Oder täusche ich mich da?

FRAGER
Ich gebe zu, ich hätte diese Antwort nicht so in dieser Direktheit erwartet.

LECKEBUSCH
Was erwarten Sie? Der Germanist Walter Benjamin hat gegen Ende der Zwanziger Jahre den Satz geprägt: Links hatte noch alles sich zu enträtseln. Er ist zum geflügelten Wort geworden, doch wenige kennen die Fortsetzung, in der es dann heißt, rechts sei es schon vorzeiten, dieses ›es‹ sollte uns noch beschäftigen. Sich selbst nennt er übrigens die Schwelle, über der – und jetzt hören Sie genau zu – die unnennbaren Boten schwarz und weiß in den Lüften tauschten. Das Schwarzweißspiel ist uns sehr vertraut, vertrauter als die Sprache dieses Textes, der poetisiert, wo es nichts zu poetisieren gibt, es sei denn, man hält es mit den Scharzweißmalern. Benjamin kommt aus dem konservativen Kulturmilieu, er geht in der Folge weit nach links, das beschreibt die Richtung dieses Textes, er verät aber auch, dass er links nicht zu Hause ist und sich im Grunde nicht auskennt. Das hat Adorno schon so gesehen und jeder Marxist kann es Ihnen spielend bestätigen.

FRAGER
Sie meinen damit...

LECKEBUSCH
Ganz recht, diesmal meine ich wirklich. Ich komme von links, aus dem linken Raum, Sie können das biographisch nehmen, auch topographisch, selbst geographisch, und die Zweifel haben mich aufgescheucht, auf den Weg gebracht, wenn Sie so wollen, wie so viele meiner Generation und meiner Herkunft.

FRAGER
Ihr Weg geht demnach von links nach rechts.

LECKEBUSCH
Nein, das geht er nicht. ›Im Zweifel links‹ bedeutet ja nicht, dass Sie sich im Zweifelsfall links oder für links entscheiden – das gibt es auch, aber es ist die Formel der Dummköpfe –, sondern dass das Herz links schlägt und Sie im Zweifel darüber lässt, was zu tun sei. Die historische Aufgabe der Linken war es, Zweifel zu säen. Daran hat sie sich gründlich vergangen und deshalb gilt sie zu Recht als desavouiert.

FRAGER
Was sich ändern kann.

LECKEBUSCH
Was sich schnell ändern kann. Wenn Sie genau hinsehen, wissen Sie, dass sie sich nur duckt.

FRAGER
Erkennen Sie da eine Gefahr?

LECKEBUSCH
Gefahren sind dazu da, erkannt zu werden, andernfalls wären sie keine. Das schließt das Unglück nicht aus.

7

FRAGER
Kommen wir zum es.

LECKEBUSCH
Es spukt in unserer Sprache herum – nicht nur in unserer, aber hier besonders –, so dass man sich fragen kann, ob es nicht der geheime Sinngeber all der Formeln, mit denen wir Wirklichkeit zu fassen beanspruchen? ›Es gibt‹ – ›es spukt‹: Ist der Unterschied wirklich so groß? Wenn ja, worin besteht er genau? Als Philosoph muss ich sagen: Er ist nicht sehr groß. Ich muss aber auch sagen: Er könnte größer nicht sein.

FRAGER
Der kleinste Unterschied ist der größte.

LECKEBUSCH
Es ist der Unterschied zwischen rechts und links. ›Es gibt‹ ist die Sprache der Realität, wer sich ihrer bedient, gilt als rechts. ›Es spukt‹ – lesen Sie das Kommunistische Manifest und Sie verstehen, was ich meine. Genau genommen ist die Linke ein Spuk, ein Gespenst, eine Erscheinung. Überall, wo sie Wirklichkeit zu gestalten beansprucht, genügt es, das Licht anzudrehen, und Sie stoßen auf rechte, überdies recht deprimierende Verhältnisse.

FRAGER
Die Realität steht rechts?

LECKEBUSCH
Die Realität? Es gibt sie und sie stellt sich her. Das ist ein reflexiver Vorgang. Tiere haben keine Realität. Sie können also sagen: Die Realität ist ein Spuk. Ein Gedankenspuk meinetwegen. Aber ein Spuk. ›Spuk‹ bedeutet: nichts ist gewiss, nichts ist fixiert, nichts hinreichend ausgeleuchtet. Aber das ist natürlich Quatsch. Also bleibt nur die Formel übrig: Es spukt in der Realität. Damit müssen wir zurechtkommen. Damit kommen wir übrigens blendend zurecht. Genauso können wir sagen: Es gibt keine Realität, aber in der Realität gibt es dies und das. Die Realität ist ein Stellvertreter.

FRAGER
Stellvertreter wofür?

LECKEBUSCH
lacht
Na fürs es. Für das Absolute. Für die Antimaterie. Für das, was es immer noch zu entdecken gibt. Damit hätten wir übrigens die drei wesentlichen Formeln der Neuzeit beisammen.

FRAGER
Mit der Stellvertretung hat die Linke immer ihre Schwierigkeiten gehabt. Ist das ein reaktionärer Begriff?

LECKEBUSCH
Wenn wir genau wissen, was wir damit sagen: ja. Er gibt uns die Antwort auf eine unmögliche Frage: Geht es nicht direkt? Es geht nirgends direkt. Was wir Existenz nennen, ist die Antwort auf die Unmöglichkeit zu sein. Was wir linke Existenz nennen, ist die Antwort auf die Unmöglichkeit, rechts zu zu sein. Das mag Sie erstaunen, aber wer von sich behauptet, ein Rechter zu sein – was nicht viele tun, und wenn sie es tun, dann meist in provokativer Absicht –, der hat das Rechtssein nicht begriffen. Im Grunde begeht er einen Verrat.

FRAGER
Weil er ein verkappter Linker ist?

LECKEBUSCH
Weil jeder ein verkappter Rechter ist. Wer von sich behauptet, links zu sein, der behauptet Unfug. Wer von sich behauptet, rechts zu sein, der behauptet im Grunde: Ich bin bei euch. Das ist die Christus-Formel, also nur begrenzt alltagstauglich. Wer ist Christus? Er ist der Mittler.

7

FRAGER
Da Sie vom Mittler sprechen: Was verstehen Sie unter Mitte? Ist da etwas, um das man sich kümmern muss?

LECKEBUSCH
Ich spreche sehr ungern von der Mitte. Zunächst einmal: Alles ist Mitte. Was wir als Ränder zu bezeichnen uns angewöhnt haben, sind in der Regel Standpunkte, die wir nicht teilen. Die Vorstellung, dass alle in der Mitte zusammenkommen oder zusammenkommen sollten, ist absurd. Ein Quentchen Wahrheit allerdings schwingt dabei mit. Die Mitte ist das, was um keinen Preis verlorengehen darf.

FRAGER
Ist das eine Definition? Soll das heißen: Die Mitte hat keinen Preis?

LECKEBUSCH
Eine Definition und eine Feststellung. Die Mitte ist immer zugleich Definiens und Definiendum, Definierendes und Definiertes. Insofern ist sie auch immer leer. Sie kennen die leere Mitte aus der Kunst, wo sie das Bild strukturiert, ohne in besonderer Weise in Erscheinung zu treten. Das ist schon die Frage, die durch den Mittler gestellt wird: Tritt er als Person in Erscheinung oder tritt er zurück und ermöglicht so die Person? Doch Mitte und Mittler sind nicht dasselbe.

FRAGER
Was unterscheidet sie?

LECKEBUSCH
Zunächst: das grammatische Geschlecht.
lacht
Was verstehen wir unter Geschlecht? Das Geschlecht gibt uns eine Vorstellung von einer tief im Sein verankerten Arbeitsteilung. Da haben Sie das Reaktionäre, über das wir vorhin sprachen. Arbeitsteilung setzt voraus, dass es Arbeit gibt. Es gibt also immer Arbeit. Genau genommen gibt es nichts außer Arbeit. Was wir freie Zeit nennen, ist in Wirklichkeit Arbeitsteilung. Etwas nimmt sich zurück, damit etwas zum Zug kommt. Aber wenn es Arbeit gibt, dann gibt es auch die Frage nach dem Subjekt. Das hängt ganz ursächlich zusammen. Wo die Mitte schweigt, redet der Mittler. Et vice versa. Das setzt natürlich voraus, dass wir beide als redende Instanzen ins Bild rücken. Es ist ein Bild, aber ein passendes.

FRAGER
Das werden einige unserer Zuschauer...

LECKEBUSCH
... anders sehen. Das ist ihr gutes Recht. Lassen Sie mich noch ergänzen: Die Vorstellung vom Mittler ist in unserer Kultur fest verankert. Nehmen Sie sie heraus und Sie erhalten ein Tohuwabohu von Vorstellungen, denen der gemeinsame Sinn abhanden gekommen ist. Viele sehen es natürlich so, aber ich denke, sie täuschen sich. Diese Kultur ist nicht am Ende und sie kommt zu keinem Ende. In gewisser Weise kommt sie vom Ende her – sie ist das Denken des Endes und daher ein immerwährender Anfang. »Lasst uns anfangen«: das ist die Formel Europas. Es kann keine andere geben.

FRAGER
Damit sollten wir schließen.

 

Drehte er aber sein Hütlein und sagte ihm, wohin
die Reise ging, so war er im Nu dort

Sechse kommen durch die ganze Welt
 

Siehst du, sagt Iris, Leckebusch ist nicht zu packen. Ein zäher Hund, mit allen Wassern gewaschen, man weiß nur nicht, wofür. Jetzt hat er seinen Fernsehauftritt, er hat ihn gehabt, was einen Unterschied darstellt wie der zwischen Tinte und Brause, er geht zufrieden nach Hause und fragt sich, ob so ein öffentliches Dasein sich lohnt. Nicht des Geldes wegen, das kann er immer brauchen, das Zubrot verschafft ihm Respekt bei der Ex. Elisabeth macht sich nichts draus, sie lacht sogar drüber. Aber es schmeichelt ihr doch. Ja, es schmeichelt ihr, weil sie weiß, dass er ein Wurm ist, ein zäher Wurm, das schmeichelt ihr. Wäre sie anders, hätte sie ihn nicht abserviert, sie hätte ihn laufen lassen, die Leine immer zur Hand, wie sonst, man weiß nie, wozu so ein Professor gut ist. Hast du sein Zauberhütchen gesehen, die Baskenmütze, schief übers Ohr gehängt? Damit kommt er durch die Welt. Auf diesem Ohr ist er taub. Es ist sein Welt-Ohr. Auf dem anderen hört er alles, er benützt es als Hör-Rohr, um die Verhältnisse zu belauschen. Dieser Mann lebt in Verhältnissen, er lebt nur in Verhältnissen, ich meine, er kennt nichts anderes, und er ist der Fremdkörper in allen. Ein richtiger Fremdkörper, selbst der eigene ist ihm fremd. Er ist ein Körper in einem Körper in einem Körper. Nein, das stimmt nicht, er ist ein Körper in allen Verhältnissen, sie sind ihm alle gleich fremd. Deshalb trägt er die Mütze so schief. Schöbe er sie gerade, erstarrte die Welt. Nicht vor Ehrfurcht, das gerade nicht, auch nicht in der Furcht des Herrn, obwohl er etwas von einem Priester... Hast du das nicht bemerkt? Wo schaust du hin? Ich denke, sie würde der Kälte eingedenk, die sie umgibt, und begänne zu klappern, schutzlos dem Kosmos ausgeliefert, der in ihm kreist. Unser Mann im All, das ist Leckebusch, darauf gehe ich jede Wette ein. Du musst ihn nur hüsteln hören, dann weißt du Bescheid. Kein Mensch hüstelt so. Erst denkst du, er hüstelt geziert, aber das stimmt nicht. Was du hörst, ist das Knattern einer Membran. Leckebusch hüstelt, sobald andere menscheln, das klingt wie ein Reflex, aber es ist nur ein Effekt. Ein Berühr-Effekt. Ein richtiger Raumfahrer verlässt die Erde nicht, er ist immer schon unterwegs. Allein genommen, ist er ein Bote, sobald sechse von seinem Schlag beisammen sind, erlischt das Feuer der Welt.

Subtiler Paukenschlag
1

Eike . Tronka

  • ―Norwegen, sagt Eike, wann waren Sie das letzte Mal in Norwegen?
  • ―Lassen Sie mich nachdenken. Das war…
  • ―Vergessen Sie Norwegen, Norwegen ist jetzt überall. Vergessen Sie die hellen Nächte am Nordkap, vergessen Sie die ewig singenden Wälder, vergessen Sie die grauen einsamen Fjorde, vergessen Sie alles, was sich in Ihren Gedächtniskammern erhalten hat. Vergessen Sie rasch, denn dieses Land gibt es nicht mehr.
  • ―Was ist passiert?
  • ―Ich sehe, Sie lesen nur BILD, um sich über das, was draußen so abgeht, zu informieren. Das ist zwar konseuquent, aber in diesem Fall … nicht ganz ausreichend, es sei denn…
  • ―Ja?
  • ―Vergessen Sie’s. Ich dachte nur an die Kinder. Ich sehe, das sagt Ihnen nichts, aber das Thema Kinder ist, möchte ich annehmen, wieder in die Öffentlichkeit zurückgekehrt, seit ein Mann sich mit einem Luftgewehr in einem Kindergarten eingesperrt hat und damit droht, Geiseln zu töten und das Gebäude in die Luft zu sprengen.
  • ―Wann war das denn?
  • ―War? Ich denke, es ist noch nicht vorbei.
  • ―Was hat er genommen? Weiß man das schon?
  • ―Nein, aber er ist im Fernsehen, natürlich nur im lokalen, er hält dort Reden über Telefon, er findet, die Behörden hätten kein Recht besessen, ihm die Kinder wegzunehmen, er gebe ihnen jetzt die Möglichkeit, ihre Entscheidung zu korrigieren, andernfalls… Na Sie wissen schon.
  • ―Psychopathen gibt’s immer.
  • ―Was machen eigentlich die Wälder, wenn sie nicht singen?
  • ―Sie stehen still, nehme ich an. Warum fragen Sie?
  • ―Ich vermute mal, das ist kein Fall für die Drogenfahndung. Der Mann wirkt völlig normal.
  • ―Na das klang aber gerade noch anders. Schöne Normalität, von der Sie mir da berichten. Besitzen Sie einen Waffenschein? Ich meine das jetzt im Ernst, ich zum Beispiel besitze keinen, aber das will nicht viel bedeuten.
  • ―Nein, das will nicht viel bedeuten. Vielleicht ja doch. In diesem Fall…
  • ―Erzählen Sie mir, wie’s ausgeht, wir trinken nachher ein Bier. Was sagt denn die Polizei?
  • ―Die Polizei sagt … die Polizei sagt … ich dachte gerade, ich falle vom Stuhl: die Polizei sagt…
  • ―Sagen Sie’s schon.
  • ―Die Polizei sagt, jetzt hätte er ja Gelegenheit gehabt, sein Anliegen vorzubringen.
Subtiler Paukenschlag
1

Tronka . Pw

  • ―Ach, Sie haben davon gehört?
  • ―Mich würde an dieser Angelegenheit ein Detail interessieren.
  • ―Mich würde da schon mehr interessieren. Aber schön: was für ein Detail wäre das?
  • ―Dieser Mann ist geschieden, er hat ein Sorgerechtsverfahren hinter sich, man hat die Kinder der Frau zugesprochen, das geschieht, wie wir wissen, in mehr als achtzig Prozent der Fälle, das ist also normal. Der Mann säuft nicht, er nimmt keine Drogen, er ist nicht gewalttätig, jedenfalls bis zu diesem Zeitpunkt, denn andernfalls wüssten wir das alles bereits. Andererseits nimmt er die Knarre, um seiner Bitte an die Behörden, ihm bei der Lösung seiner Probleme zu helfen, den gehörigen Nachdruck zu verleihen. Ganz recht, so drückt er sich aus. Das ist doch seltsam. Man sollte annehmen, er verlangt seine Kinder zurück, er könnte mit ihnen ausreißen, das wäre zwar dumm und aussichtslos, aber in einer psychischen Ausnahmesituation durchaus üblich – doch nein, er will, dass die Behörde ihm bei der Lösung seiner Probleme hilft – und niemand will wissen, worin seine Probleme bestehen.
  • ―Das ist alles? Natürlich hat er ein Problem. Er hat sich in eine ausweglose Lage manövriert, der Kindergarten ist von Scharfschützen umstellt, er muss aus der Sache herauskommen und weiß nicht wie. Da haben Sie sein Problem, jedenfalls das augenblickliche, er mag noch andere haben, aber das hier überlagert nun einmal alle anderen und muss schließlich gelöst werden. Die Therapie kann warten.
  • ―Haben Sie Kinder?
  • ―Ich? Einen Sohn, das wissen Sie doch.
  • ―Haben Sie eigentlich Skrupel? Ich meine, wenn Sie so reden.
  • ―Hören Sie, Sie und ich, wir beide haben da kein Eisen im Feuer. Wir können die Sache nüchtern betrachten und konstatieren: der Mann demonstriert gerade, wie recht das Gericht daran tat, die Kinder der Frau anzuvertrauen, jedenfalls nehme ich jetzt einmal an, dass es sich um keinen Heimfall handelt, sonst müsste schon Ernsteres vorgelegen haben.
  • ―Da trifft es sich ja gut, dass jetzt Ernsteres vorliegt.
  • ―Jetzt werden Sie zynisch. Hören Sie, solche Entscheidungen werden nach reiflicher Erwägung gefällt, das Kindeswohl steht an erster Stelle, die Leute in den Ämtern sind in der Regel gut ausgebildet und unverblendet, sollte man annehmen, ich jedenfalls sehe keinen Grund, das nicht anzunehmen. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen: der berühmte Einzelfall, in dem alles anders ist… Warum gerade hier? Dafür gibt’s keinen Grund. Dieser Mann stellt ein Risiko dar, das hat er soeben unter Beweis gestellt, es gibt in solchen Fällen, wie Sie wissen, oft lange Latenzzeiten, ich für meinen Teil ziehe vor der Behörde den Hut.
  • ―Achtzig Prozent!
  • ―Na und? Wenn’s sechzig Prozent wären und die Kinder wüchsen als seelische Krüppel auf, wär’s auch wieder nicht recht.

Die Juli-Attentate


Die tödlichen Angriffe richteten sich gegen zwei Ziele: das Büro des amtierenden Ministerpräsidenten und ein, bei blendendem Wetter, gut besuchtes Ferienlager auf der siebzig Kilometer entfernten Freizeitinsel Pansviga, ausgerichtet von der Jugendorganisation der regierenden Arbeiderpartiet. Zum Einsatz gelangte eine aus Benzin und Kunstdünger gebastelte Autobombe, desgleichen ein automatisches Gewehr, mit welchem der zunächst als verwirrt bezeichnete Täter mehrere Stunden lang Jagd auf die über die Insel verstreuten Jugendlichen machte. Danach gelang es den via Bus und Bahn aus der Hauptstadt angereisten Ordnungskräften, ihn dingfest zu machen. Der Täter ließ sich willenlos festnehmen, dabei war ihm eine gewisse Erleichterung anzumerken. »Es ist vollbracht« soll er zu den festnehmenden Polizisten gesagt haben, doch sicher verbürgt ist das nicht.
Während die im Kofferraum eines geparkten Wagens deponierte Bombe den Ermittlern keine größeren Rätsel aufgab, wies die Rekonstruktion der tödlichen Vorgänge auf der Insel zunächst größere Lücken auf. Wie konnte es geschehen, dass ein als Polizist verkleideter Fremder, ausgerüstet mit einem Sturmgewehr und größeren Mengen Munition, ungehindert die Freizeitanlage betreten durfte? Wie erklärte sich die systematische Wut, mit der er seine Opfer über das gesamte, zum Teil unübersichtliche Gelände verfolgte und wirklich in der Mehrzahl der Fälle aufspüren konnte? Warum verfügte die Anlage über keine sicheren Räume, in die sich die Jugendlichen bei Gefahr hätten zurückziehen können? Warum besaß die Verwaltung keinen Notplan? Warum schließlich waren die Sicherheitskräfte außerstande, innerhalb einer angemessenen Zeitspanne dem Wüten des Mörders ein Ende zu setzen?
All diese Fragen wurden in der Öffentlichkeit breit diskutiert und, so gut es ging, abschließend in der Gerichtsverhandlung geklärt. Dennoch bleibt ein unerklärliches Grauen angesichts der Verkettung von Umständen, die den hohen Blutzoll ermöglichte. Gemessen am kill factor, einer international von Experten genutzten Effizienzskala, rangiert die Tat des rechtsradikalen, von wirren Rassephantasien beseelten Einzeltäters unter Terrorakten, wie sie für gewöhnlich in Ländern außerhalb Europas zum Alltag gehören. Alvin K, der sich zu beiden Attentaten bekannte, bezeichnete sich vor Gericht als nicht schuldig. Vielmehr habe er aus ›Notwendigkeit‹ gehandelt. Nach juristischem Konsens beschränkt sich das reklamierte jus necessitatis (›opinio juris sive necessitatis‹) allerdings auf die Überzeugung, rechtmäßig, etwa auf Grund eines übergesetzlichen Notstands, zu handeln bzw. gehandelt zu haben. Davon kann hier selbstverständlich keine Rede sein. Auch die Berufung auf ein höher geartetes Naturrecht hilft dem Täter nicht weiter, weil die Tat ebenso wie die ihr zugrundeliegende Gesinnung einen entschiedenen Bruch mit dem allgemeinen Rechtsempfinden enthält, so dass Gesinnung und Tat im vorliegenden Fall gleichermaßen als hochgradig verwerflich zu gelten haben.


Scharfroeder/Michels: Handbuch des Terrorismus, 16. überarbeitete Auflage, Bd.22, Sp.1667f.

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv

Die Spieler in ihren Körpern, bewegt vom Spiel,
plädieren auf: Nicht wirklich

Pyramidenschauer
1

Nassen

Ich verstehe, was Sie damit sagen wollen. Wir unterscheiden in der Regel zwischen Fakten, ihrer Herleitung und den Konsequenzen, die wir daraus ziehen, ich meine jetzt ›wir‹ in einem sehr allgemeinen, mehr geschäftsmäßigen Sinn, ohne jeden Gemeinschafts-Hintergrund. Fakten sind Fakten, sie bleiben es, auch wenn die dafür aufgebotenen Ursachen Kokolores sind und die Konsequenzen mehr als fragwürdig klingen. Dieser Journalist, der sich mit Leuten beschäftigt, deren Weltbild er ablehnt und deren Programm er für gefährlich hält, stellt sie alle in eine Reihe, so dass, wer die Fakten bestätigt oder nur auf sie hinweist, von ihm automatisch jenen Leuten zugerechnet wird. Aber das ist Irrsinn, wirklicher Irrsinn. Das ist der Excess.

Pyramidenschauer
2

Blowasser

Wenn ich mich in der Pyramide bewege, bin ich ein archaischer Mensch. Eingehüllt in den Panzer meiner hierarchischen Stellung, die Waffen des Hochmuts und des Sarkasmus stets griffbereit. Noten, Gutachten, Voten sind die Instrumente meiner Jagd; sie dienen dazu, das Wild aufzuspüren, es zu verfolgen, zu stellen und zur Strecke zu bringen. Außerhalb der Pyramide bin ich entwaffnet, ich fühle mich nackt, ich warte instinktiv darauf, dass mich jemand verfolgt. Ich sehe das Misstrauen in den Augen der Nachbarin, die kein Wort von dem versteht, was ich rede. Für sie bin ich nicht niet- und nagelfest, ihre Welt käme ins Schlingern, hätte ich darin das Sagen. Gottseidank sind wir nicht soweit. Wie weit sind wir dann? Sie weiß es nicht. Ich weiß es auch nicht. Jemand wie ich sollte wissen, was die Uhr geschlagen hat, aber ich weiß es nicht. Für mich sind diese Menschen Schemen. Ihre Rede besitzt keine Geltung. Komischerweise ist sie es, die gilt. Beim Friseur, beim Bäcker (warum immer diese zwei?) erfahre ich, was sie denken. Es macht mich sprachlos. Die Wahrheit ist, ich erfahre es immer weniger. Die ausufernden Reden meiner Kindheit sind leiser gedreht, sie sind fast verstummt. Neulich, bei der Fußpflege, hörte ich sie wieder. Dort, durch Kabinen getrennt, reden die Leute noch. Ein simpler Vorhang gibt ihnen das Gefühl der Intimität. Offenbar kommt es darauf an, dass sie einander nicht sehen. Aber sie belauschen sich wie die Zuträger. Ich lausche. Das Belauschen steigt mir zu Kopf, es zerstört meine Arbeitsgedanken, es wirkt wie ein Rausch, es ist ein Rausch, ich bin außer mir. Manchmal, vor oder nach der Behandlung, erhasche ich einen Blick auf den fremden Körper, aus dem diese Reden quellen, und bin ernüchtert: Er ist es nicht. Was ist er nicht? Das Äquivalent zur Rede. Diese Rede und dieser Körper haben sich nichts zu sagen. Sie sind einander unbekannt. Die Evolution hat sie voneinander losgerissen. An der Kasse kommen sie wieder zusammen. Mich kann das nicht täuschen: Ich habe gehört.

Pyramidenschauer
3

Tummler

Ich kenne einen Schriftsteller, der schreibt, wie er denkt. 1:1. Ob er denkt, wie er schreibt? Schwer zu ermitteln. Dort, wo er herkommt, genügte der Ansatz. Wie ich das meine? Das Wort ›Freiheitsentzug‹ klingt seltsam, wenn es auf die Praxis einen Staates angewandt wird, der Freiheit nur in Ausnahmefällen gewährt, zum Beispiel als Freiheit, das Maul zu halten oder in den Knast zu wandern. Und so zu reden ist noch naiv, da er die Freiheit, das Maul zu halten, ganz sicher nicht gewährt, ebensowenig wie die Freiheit zu sagen, was alle denken. Eher die Freiheit zu denken, was alle sagen. Ich rede vom zweiten Bekenntnisstaat auf deutschem Boden, wenn man den patriotischen Furor des Kaiserreichs einmal beiseitelässt. Sie wissen, was ich meine. Dieser Schriftsteller – nein, es ist nicht unser geliebter M – hat einen Großteil seines erwachsenen Lebens hinter Gittern verbracht, darunter Jahre verschärfter Haft, die kein Mensch ohne größere Schäden an Körper und Geist übersteht, weil er … weil er … es ist so läppisch, helfen Sie dem Wort über die Zunge! … weil er … ein Gedicht geschrieben hat. Ein Gedicht. Kein aufrührerisches, bewahre, eher ein blasses, ein bleiches, wenn Sie den Unterschied verstehen. Sie verstehen ihn, ich sehe es, Sie sind im Bilde. Viele bleiche Gedichte wurden in diesem Lande geschrieben, nicht immer wanderten ihre Verfasser in den Knast, manche auf Schriftstellerkongresse, wo jedes ihrer Worte gewogen wurde, dieser hier, wie gesagt, wanderte gleich in den Knast, er blieb ein Wandernder, dem der Unterschied zwischen Knast und Nichtknast zusehends schwand, er wurde ihm gewissermaßen schleierhaft und er bat die Behörden in mehreren wohlaufgesetzten Schreiben, den Schleier von ihm zu nehmen oder ihn gehen zu lassen … wohin?

Pyramidenschauer
4

Leckebusch

Wo will einer hin, dem der Unterschied abhanden kam? Die Frage musste einmal gestellt werden. Der Unterschied zwischen Freiheit und Unfreiheit, der Unterschied, an dem sich Europa entscheidet, er konnte außer Kraft gesetzt werden, weil die Handlungen, welche überall auf der Welt im Namen der Freiheit vollzogen werden, auf dass Freiheit sei, durch zwei teuflische Systeme angeeignet und vollständig ihres Sinnes entkleidet wurden. Unfreiheit als Freiheit und Freiheit als Unfreiheit zu verkaufen fällt einem geübten Propagandisten leicht, sofern er nur seine Freiheit (oder was er dafür hält) damit erkauft. Sperrt man ihn ein, fällt das Kartenhaus in sich zusammen und er ist, um wieder herauszukommen, zu allem bereit. Man muss ihm also das Loch zeigen, in das man ihn stecken wird, sollte er nicht parieren. Schon erscheint ihm seine Unfreiheit als die kostbarste aller Freiheiten und er ist willens, sie mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Da stellt sich die Frage: Wer in einem solchen System ist nicht Propagandist? Sie führt direkt auf die nächste: Wer ist es nicht aus freien Stücken? Einer, der seine Freiheit verteidigt und bereit ist, die der Mitmenschen dafür in die Tonne zu treten, der hält sich nicht für einen Mitläufer. So einer hält sich am Ende für eine besonders pfiffige Art des Widerstandskämpfers und lacht jedem, der ins Gefängnis geht, ins Gesicht: Darum geht’s nicht. Darum ging es nie. An der Überzeugung, dass es zu einfach wäre, in den Knast zu gehen, erkennt man den wahren Sollerfüller.

Pyramidenschauer
5

Blowasser

Diktatur kommt auf leisen Sohlen. Hat sie uns je verlassen? Natürlich nicht. Sie steht daneben – abwartend, taxierend, taxiert, eine Karikatur, eine Karikatur der Herrschaft des Volkes, eine Karikatur ihrer selbst, manchmal verliert einer die Nerven und schreit, wir hätten sie doch längst, dann blicken sich alle erschrocken um, der Schreihals, selbst erschrocken, schweigt, er ist stumm beschäftigt, die losen Fäden seiner Reputation zusammenzuhalten, das füllt ihn aus, bis zum Rand und darüber. Er wird kein Geschrei mehr veranstalten, dazu reicht seine Kraft nicht. Kraft muss einer haben. Oder ein loses Maul. Das lose Maul, man mag von ihm halten, was man will, ersetzt spielend die größte Kraft. Es ersetzt auch den größten Verstand, der zu ergrübeln versucht, was vorgeht, und dabei dem Paradox der ›Pfade, die sich verzweigen‹, erliegt: Es ist zur Stelle, es fragt nicht danach, ob es gebraucht wird, es braucht auch nichts, es sei denn, die Luft zum Atmen. Sei kein Rindvieh! Das schreibt keiner an seine Tür, er käme sich dämlich vor, aber er trägt den Spruch über dem Herzen, er atmet mit. Neulich las ich, der Schauspieler Pimwege will einen Preis stiften: Wer ist das Rindvieh? Er hofft auf zahlreiche Wortmeldungen. Das ist zynisch. Dabei ist, wer sich meldet, nur in den Augen der Freunde eins, die anderen finden ihn ›unheimlich clever‹, sobald sie sich vom Gelächter erholt haben. Die Selbstanzeige ist die klassische Form, Verhältnisse kenntlich zu machen. Offen sein, wo es niemand erwartet, und zusehen, welche Türen sich umgehend schließen: ein Schatz.

Pyramidenschauer
6

Leckebusch

›Wir leben in einem geschützten Raum.‹ Wer hat diesen Unsinn aufgebracht? Werden wir draußen misshandelt? Von wem? Ich zum Beispiel, ich werde misshandelt, aber nicht draußen. Werde ich überhaupt misshandelt? Meine Bücher werden öffentlich mit Abscheu bedacht, sie verschwinden, wie ich bemerke, peu à peu aus den Regalen, mein alter Verlag ist unerreichbar, mein neuer zögert, meine Bücher auf den Markt zu bringen, er zögert, unter uns, schon viel zu lange, aber ein Wir habe ich nicht gesichtet. Hätte ich sollen? Dieses Wir wäre ja identisch mit – lassen Sie mich nachdenken – uns allen hier oder, lassen wir das ›alle‹ weg, wir hier in diesem Raum. Das setzte aber voraus, dass wir irgendeine gemeinsame Eigenschaft aufweisen könnten, eine, die uns kenntlich macht, zum Beispiel, dass wir da draußen, zum Beispiel als Gruppe – Viererbande haha – angegriffen und verfolgt würden … Kennen Sie Verfolgung? Nicht direkt? Nun, dann nicht. Sind wir hier drinnen wir und draußen andere? Werden wir hier misshandelt oder draußen? Nein, wir werden niemals misshandelt. Sie sind es doch, die ein Quarantäneglas über mich gestülpt haben und jetzt darauf lauern, was er wieder sagen wird, damit der Abstand, auf den Sie gegangen sind, womöglich Sinn ergibt. Kennen Sie Verfolgung? Ich meine, am eigenen Leib, wie es sich gehört, mit Berufsverbot und ›Haftanstalt‹ und, meinethalben, der irren Aussicht auf Freikauf in einen Westen, den Sie nicht kennen, in den Sie daher alles hineinprojizieren, das Sie nicht kennen, eingeschlossen Ihre eigene Unschuld … ja gewiss, Unschuld, denn diese Unschuld gäbe es gar nicht, gäbe es nicht den Westen da draußen, diesen Horizont der Unschuld, aber gewiss nicht ihrer, denn schuldlos, unschuldig sind Sie nur dann, wenn es Ihre Sehnsucht, in den Westen zu gelangen, nicht gibt, wenn sie nichts weiter ist als eine böswillige Unterstellung, ausgestreut, um Ihr Ansehen im Kreis der Genossen zu ruinieren. Alles andere wäre unentschuldbar. Und dennoch rumort er in Ihnen, der irre Wunsch, dieser Sache hier ein Ende zu machen, ganz recht, ein Ende, die Abkürzung in die Freiheit zu nehmen, eine andere Freiheit als die, die sie sich gerade nehmen, um dafür zu bezahlen. Denn im Grunde, im Grunde wollen Sie nicht bezahlen – hier nicht und dort nicht, überhaupt nicht, wenn es nach Ihnen geht, Sie wollen zahlfrei… Wovon sprach ich gerade? Vergessen Sie’s. Vergessen Sie’s einfach. Manchmal gehen die Pferde mit mir durch.

Pyramidenschauer
7

Nassen

Alle in eine Reihe… Es ist gefährlich, in einer Reihe zu stehen, die Leute lieben die Differenz aus eigensüchtigen Motiven, das Programm ist ihnen eingeschrieben. Wer über die Macht verfügt, andere antreten zu lassen, der besitzt auch die Macht zu vernichten. Denunzianten lieben die Reihe, sie lieben es, Menschen an einer syntaktischen Schnur aufzureihen, die wenig oder nichts miteinander verbindet: die Schnur führt mitten durch sie hindurch, sie demonstriert, was von ihnen zu halten ist, je dicker der Strick, desto weniger bleibt von ihnen übrig. Wenn nichts von ihnen übrig blieb als ein wenig Glanz (er zumindest muss bleiben, denn sonst lohnte sich die Akquise nicht), dann wird es Zeit, dass sie hängen: verraten, verkauft und der arglosen Kundschaft um den Hals gelegt, um sie besser würgen zu können, wenn erst die Zeit gekommen und der syntaktische Unfug nicht mehr vonnöten ist.

Leckebusch

Kritik? Wer redet von Kritik? Reden wir über das, was der Kritik antwortet: Schweigen. An den Rändern des Schweigens bricht hervor, womit der Kritiker niemals rechnet, es sei denn, er kennt seine Pappenheimer und seine ganze Kritik ist nur ein abgedroschenes Ritual. Was hervorbricht, sind Wörter, Wörter, keine gewöhnlichen Wörter, sondern präparierte, schwer in der Hand wiegende Wurfgeschosse, mit denen man am besten auf den Kopf zielt, aber das muss man der Meute nicht groß erklären, das weiß sie ganz von alleine. Trotzdem: nicht jeder Wurf trifft. Dafür trifft er dann einen anderen Körperteil. Oder er trifft jemand anderen, der, zufällig oder nicht, danebensteht und sich eigentlich sicher wähnt. Wie naiv muss man sein, um sich eigentlich sicher zu fühlen? Ich habe mich das oft gefragt und folgende Antwort gefunden…

Blowasser

Don’t forget! Niemals vergessen, niemals verzeihen. Das sicherste Mittel, ein Gemeinwesen für kommende Gemetzel zu präparieren, ist die Versiegelung der Böden. Verstehe das, wer will. Führe mich nicht in Versuchung. So ein Hass, sagen wir, durch ein geeignetes Parkettmuster lebendig gehalten in alle Ewigkeit, besitzt immer einen guten Grund, wenn nicht einen, so zwei oder drei, er ist, will ich sagen, nie um Gründe verlegen. ›Lass uns darüber reden? Wo kämen wir da hin.‹ Niemals darüber reden, immer daran denken! Nennen wir sie die auseinandertreibende Macht, die viel Zeit hat. Sie lässt reden, sie lässt auch zuhören, sie ist selbst die beste Zuhörerin, aber sie hört nichts außer dem Immergleichen: Deine Zeit wird kommen. Übrigens lässt sie nicht nur die gegnerische Partei reden, sondern auch die eigene, ohne sich dazu zu verhalten, es sei denn mit einem Schulterzucken oder einem »Lasst mich aus, ich war’s nicht.«

Leckebusch

Man fühlt sich sicher, weil man nicht weiß. Man weiß nicht recht, solange man keinen Bezug zur eigenen Existenz herstellt. Man weiß nicht alles, solange man den falschen Bezug zur eigenen Existenz herstellt. Man weiß nicht wirklich, solange man in falschen Bezügen lebt. Die Frage konzentriert sich also darauf, welche Bezüge wahr oder falsch genannt zu werden verdienen, jawohl, verdienen, denn es handelt sich um eine Frage des Verdienstes. Bezüge, welche sich um dein Wohlbefinden verdient gemacht haben, stehen bei dir, will sagen, bei deinesgleichen im Ruf der Wahrheit: So ist es und nicht anders. Wer etwas davon anders sieht, wird da leicht zum Gegner, er will dir etwas wegnehmen, er mindert dein Wohlbefinden, er schränkt dich ein, er bewirkt, dass du dich eingeengt fühlst und du schüttelst ihn ab. Wenn er dann neben dir herläuft und weiterschwatzt, erkennst du in ihm eine wirkliche Gefahr, seine bloße Mitexistenz schwärzt dich ein, um ihn loszuwerden schwärzt du ihn an.

Tummler

Ach ihr Leichtgläubigen! Oder soll ich euch ›Hochfahrende‹ nennen? Denn ihr fahrt hoch, aber auf welchen Wegen? Wir alle sind Pyramidenbewohner, da beißt die Maus kein’ Faden ab, wir sind Innenmenschen, auf Distanz zu allem bedacht, was Außen heißt oder danach schmeckt, riecht, aussieht: So bauen wir unseren Käfig selbst. Wir lieben diese Zone verdünnter Wirklichkeit. So sehr lieben wir sie, dass wir sie automatisch zu hassen beginnen, sobald das Innere uns bedrängt: Gibt es kein wirkliches Leben im unwirklichen? Doch, das gibt es, es hört auf den Namen der Intrige, der kleinen, beiläufigen wie der weitgespannten, die weder Anfang noch Ende kennt und deshalb eine dritte Realität genannt werden kann, jedenfalls sehen sie viele so an und leben und weben in ihr, dass es eine Macht ist. Ja, sie halten sie für die Macht und glauben, sie stünde ihnen zur Verfügung, als fließe sie ihnen aus der Institution zu, so wie das Leitungswasser aus einem Rohrsystem, das für jeden Haushalt einen Hahn bereithält, wenn nicht mehrere.

Paradise blue
1

Im Netz kursiert ein Video, auf dem eine abgerissene Person – ein paar Jahre früher hätte man sie liebevoll-abschätzig als Penner bezeichnet – einen Polizisten beleidigt. Der Zwischenfall spielt in einem öffentlichen Verkehrsmittel, der Rhein-Ruhr-Bahn vielleicht, vielleicht auch in der U-Bahn einer anderen Stadt, eng geht es zu, doch um die beiden ist leerer Raum, den die Kamera sich zunutze macht. Der Polizist antwortet kaum, murmelt ein paar begütigende Wort wie »Lass mal« und »Beruhigen Sie sich«, »Komm runter«, so wie man auf einen Betrunkenen einspricht, der eben im Begriff ist, einen Streit vom Zaun zu brechen, dessen unausweichliche Resultate er nicht mehr überblickt. Doch dieser Mann ist nicht betrunken und er provoziert weiter. Er steht dicht vor dem Polizisten, so dass er ihn fast berührt, und spuckt ihm seine Worte ins Gesicht – rauen, ätzenden Sprachschlamm, menschlichen Auswurf jenseits von Gut und Böse, der Polizist wankt und weicht nicht, er bleibt die Freundlichkeit in Person, fast könnte man meinen, er beachte den anderen nicht, oder nicht wirklich, nicht dienstlich: fast wie ein Kumpel, ein Schwager vielleicht, der weiß, welche familiären Zusammenstöße es auslöst, wenn er jetzt falsch reagiert, versunken in die dienstliche Weihehandlung, genannt ›Deeskalation‹, als habe er sie zu oft und zu intensiv trainiert, um jetzt von ihr zu lassen und die Situation aus einer umfassenderen Perspektive zu beurteilen. Denn inzwischen hat sich der zu erwartende Ring aus Zuschauern, Zuhörern, Zuspät- und Zukurzgekommenen um die beiden gebildet und verschmilzt mit ihnen zu einer Szene.

Paradise blue
2

Die abgerissene Person – man muss sie als ›Mann‹ bezeichnen, ganz sicher werden die Medien, soweit sie über den Vorfall berichten, sie als ›Mann‹ bezeichnen, ungeachtet aller journalistischen Selbstverpflichtung, die sexuelle Autonomie der Menschen zu achten, auch und gerade wenn kein Berichterstatter wissen kann, zu welchem Geschlecht die Person selbst sich zugehörig fühlt –, die abgerissene Person treibt das Spiel, das kein Spiel mehr ist, weiter, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet, denn der Polizist, müde offenbar der monotonen Beschimpfungen, hat, unvorsichtig vielleicht, der Kette seiner ›rituell‹ zu nennenden Beschwichtigungsversuche ein ›sonst…‹ eingefügt, die nebulöse Andeutung einer Konsequenz, die das Verhalten des Fahrgasts – nennen wir die Person ›Fahrgast‹ und bleiben wir hübsch neutral – nun einmal irgendwann in einer nicht weiter qualifizierten Zukunft nach sich ziehen könnte. Als habe sie auf diese Zuspitzung nur gewartet, wechselt die Person ins Verfolgtenregister und stößt eine Reihe von Drohungen gegen die Staatsperson aus, die von äußerster Furcht-, ja Sorglosigkeit hinsichtlich etwaiger Verfolgung seitens der Staatsmacht Zeugnis ablegen sollen, womit die Furcht unmittelbar auf die Corona von Gaffern überspringt: Sollte es sein, dass der Staat, herausgefordert von Mann zu Mann, tatsächlich kneift? Was passiert dann? Der Fall verspricht spannend zu werden, etwas wie das Schicksal aller steht plötzlich im Raum und wird, wie es aussieht, auf fahrender Bühne verhandelt – eine solche Verhandlung unterbricht man nicht, man stört sie nicht einmal, man will wissen, wie der Staat reagiert, um sein künftiges Verhalten danach einzurichten. Wirklich holt der Mann, offenbar um das Gesagte zu unterstreichen, aus und schlägt dem Polizisten vor den Bauch.

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Zweifellos ist der Mann in einer Art Paradies angekommen. Er fordert die Staatsmacht heraus und sie … kuscht? Kuscht sie wirklich? Sie hält sich an ihre Vorschriften. Es ist das Mindeste, was sie tun kann, sie würde ihren Auftrag verraten, ließe sie sich provozieren. Andererseits: Provokation heißt nun einmal Herausforderung, wer sie nicht annimmt, ist kein Mann. Ist die Staatsmacht ein Mann? Nein, das ist sie nicht. Kann einer die Staatsmacht herausfordern? Oh ja. Fast täglich sind ihre Mannschaften in den Zentren der großen Städte unterwegs, weil irgendjemand beschlossen hat, sie herauszufordern: Rangeleien am Rande von Demonstrationen, die sich blitzschnell zu richtigen Gewalttätigkeiten auswachsen können, Angriffe auf Dienstpersonal der Feuerwehr und anderer Einsatzdienste, die an den kleinen und größeren Brennpunkten der Gesellschaft ihren Pflichten nachgehen, die allnächtliche Verwandlung öffentlicher Plätze in Zonen verminderter Sicherheit (oder vermehrter Unsicherheit, wie man’s nimmt), Richter werden bedroht, Staatsanwälte, Einsatzärzte, Amtsärzte, Sachbearbeiter, selbst Krankenschwestern, oft genug bleibt es nicht bei der leeren Drohung: das alles geschieht, es geschieht pausenlos; geschähe es nicht, könnte man sich fragen, wozu all diese Staatsmacht nütze sei, da den Menschen die Neigung eigne, ihre Angelegenheiten friedlich zu regeln, was im Großen und Ganzen auch stimmt. Dieser Mann hier – unser Mann, konstatiert die jäh erwachte Aufmerksamkeit – könnte vielleicht zu den Anhängern des Friedfertigkeitsdogmas zählen, der Lammsgeduld, die jede staatliche Gewalt zutiefst verabscheut, weil sie den Bürger in ein abhängiges, zuinnerst unmündiges Wesen verwandelt, das überwacht werden muss, da es sonst ausfällig wird, und gerade diese Überzeugung lässt ihn angesichts einer zufällig seinen Weg kreuzenden Zivilstreife ausfällig werden, sie macht ihn rasend (denn das hier ist Raserei, jeder Anwesende empfindet es so), sie lässt ihn Grenzen passieren, die sonst dafür sorgen, dass Alltag ist. Er könnte, sicher sollte man sich da nicht sein.

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Die Perspektive … wieviele Kameras sind im Raum? Dreißig, vierzig? Siebzig? Wie viele sind auf die Szene gerichtet? Drei, fünf, zehn? Wo stecken die anderen? Was nehmen sie auf? Den Boden unter den Füßen…? Er ist beteiligt, gewiss, der Boden unter den Füßen, er ist der Grund des Zusammenstehens, denn er bewegt sich doch. Er bewegt sich doch. Er bewegt sich doch, oder nicht? Steht er in diesen Momenten still? Diese Szene, diese Szene, aufgenommen von einer Kamera, aus einer Perspektive, schafft den Weg nach draußen, die anderen bleiben eingeschlossen in die Wahrnehmung weniger, allzu weniger, anonymer Zeitzeugen ohne Zeit, Passanten eben, die nichts weiter wollen als weiterzuwollen. Man stelle sich vor, sie ließen sich anzapfen, man könnte die Filme kopieren und senden: Wie wirr wäre das? Nun gut, wirr ist hier alles, ein bisschen Wirrnis mehr oder weniger fällt da nicht auf. Offenkundig handelt es sich um eine Traumsequenz. Sie geht vorbei, sie wird vorbeigehen, das ist der einzige Trost, ein winziger Trostsplitter, den sie, tanzend im Strudel, mit sich führt. So ein Trost lässt sich nicht filmen, vielleicht bleiben die stets griffbereiten Kameras, eine ausgenommen, deshalb in ihren Halftern oder verkümmern untätig in den Händen ihrer konsternierten Besitzer.

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Die Polizei … wo bleibt die Polizei? Wenn man sie braucht, ist sie nicht da. Hier würde sie gebraucht und … sie ist zur Stelle. Unglücklicherweise ist sie zur Stelle. Gerade darin besteht ihr Problem. Sie hat ein Problem, die Gute, wäre sie nicht zur Stelle, hätte sie keines. Das fällt auf. Die Staatsmacht sollte Distanz zu den Problemen der Bürger halten, das dient ihrer Reputation und hilft, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Ein Mann wird angepöbelt und schließlich handgreiflich attackiert: »Polizei!« Ein Handy findet sich immer im Raum, das sie ruft – ein Ordnungsfaktor ersten Ranges, unersetzbar, kostbar, ein Zivilisationszeichen erster Güte. Hier wird die Polizei angegriffen und nichts passiert. Man will wissen, wie sie sich in so einem Fall behilft. Ein Polizist, der sich nicht zu helfen weiß, stellt die Staatsmacht bloß, er ist eine Gefahr für die öffentliche Ordnung, er gehört suspendiert. Wird dieser hier suspendiert? Nein, er wird höheren Orts gelobt: Er hat alles richtig gemacht. Er wird belobigt ob seiner besonderen Verdienste, denn er zeigt, wie man es richtig macht. Das Publikum, darüber verwundert und ein wenig verwirrt, will auch gelobt werden, schließlich trägt es das Seine dazu bei, dass niemand gelyncht wird und die Szene nicht zur Massenschlägerei ausartet. Zweifellos verhält es sich ebenso besonnen wie der Polizist, recht betrachtet sogar ein winziges Stückchen besonnener, denn es enthält sich jeder, selbst der kleinsten Provokation. Nein, es tut keineswegs so, als ginge es die Szene nichts an. Es ist gespannte Aufmerksamkeit, denn es weiß: was sich hier abspielt, geht es etwas an, geht jedermann etwas an. Besser, man prägt sich jede Kleinigkeit ein, um sie nie wieder zu vergessen, denn hier entscheidet sich womöglich unser aller Schicksal: das Schicksal einer polizeilich gesicherten Welt, an die wir alle unendlich gewöhnt sind.

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Die pünktlichsten Züge sind die Gesichtszüge. Sie können entgleisen, ohne aus dem Plan zu fallen. Leckebusch, einer der Angepöbelten selbst, hat seinen Tram-Kurs hinter sich gebracht und weiß, wie es ist, öffentlich angefallen zu werden und keiner Hilfe gewärtig zu sein. Er hat ein Buch geschrieben und seither ist die Bande der Verleumder hinter ihm her. Er hat viele Bücher in seinem Leben geschrieben. Dieses, mit Herzblut geschrieben, wurde ihm zum Verhängnis. Vor kurzem mischte er sich ein, als ein Unbekannter im Bus eine Frau mit Schmähungen überzog, darunter sexuelle Grobheiten, die den mitteleuropäischen Raum entschieden hinter sich ließen. Man muss nicht jeden Irrsinn dokumentieren. Von den Umsitzenden wurde seine Einmischung abfällig vermerkt: Sie war gegen die Regel. Welche Regel? Die emanzipierte Frau steht ebenso auf dem Prüfstand wie der einsame Polizist: Wird sie sich wehren? Kann sie sich wehren? Die emanzipierte Frau lehnt, ähnlich dem Polizisten, der sich jede laienhafte Einmischung in seine dienstlichen Belange verbittet, männliche Hilfe ab. So hat die Welt es verstanden – schelte einer die Welt! Also gilt in beiden Fällen die Regel: Hilf dir selbst. Was geht es dich an, wenn diese da scheitert? Nicht anders der Anwalt, dem Leckebusch, Entrüstung im Tonfall, die Tiraden seiner Verleumder vortrug: Was geht’s den Staat an, wenn Sie sich in Schwierigkeiten befinden? Sie mögen sich verleumdet fühlen, doch was Sie mir da vortragen, ist, verzeihen Sie den Ausdruck, Standard: gedeckt durch Meinungsfreiheit und, wer weiß, vielleicht ein Stück notwendiger Aufklärung über einen wie Sie. Wer sind Sie schon? Wer ist dieser Polizist? Er vertritt die Ordnung und tritt sie selbst mit Füßen, weil er sich nicht zu helfen weiß. Doch, er weiß sich zu helfen, so wie der Kneipenwirt sich zu helfen weiß, der dichtmacht, weil er sich einer bestimmten Klientel nicht mehr zu erwehren weiß. Dieser Polizist macht dicht. Gern würde auch er, Leckebusch, dichtmachen, aber er wüsste nicht warum. Etwas in ihm sträubt sich dagegen.

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Nein, es ist nicht der Polizist, der dichtmacht. Er ist nur das Schiebefensterchen, das sich schließt. Die Hand, die sich seiner bedient um dichtzumachen, bleibt unsichtbar. Sie ist nicht die Hand des Staates, der sich vieler Hände bedient, jeder zu ihrer Zeit, an unterschiedlichen Orten, zu Zwecken, die einander so wenig gleichen, dass die Halbklugen bereits ›Verschwörungstheorie‹ murmeln, wenn jemand ihn überhaupt als Urheber in Betracht zieht. Der Staat ist niemand. Der Polizist ist nicht niemand. Er hat einen Beruf, er hat Vorgesetzte, er hat ein Privatleben, er hat sich gerade verschuldet, er muss ein Haus abbezahlen oder seine Kinder, nachdem die Partnerin ihn vor die Tür gesetzt hat, er hat auch Ansichten, teils die üblichen, die niemanden interessieren, teils solche, die im Verborgenen blühen, für die sich vielleicht jemand interessieren würde, obwohl sie auch die üblichen sind. Er hat einen schmerzempfindlichen Körper, er hat eine schmerzempfindliche Psyche, er hat – auch er! – eine Ehre, von der er nicht weiß, ob sie ihm gerade genommen werden soll oder ob sie sich nicht bereits vor Jahren in die Büsche geschlagen hat, er glaubt, halb und halb, an ein Berufsethos, das ihm rät, in dieser Situation nicht zu versagen, sondern sie durchzustehen, wie es ihm eingeschärft wurde, teils der Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten wegen, die andernfalls auf ihn zukommen würden, teils, um sich nicht selbst das Etikett ›Versager‹ umhängen zu müssen, teils aus Trotz: Was geht’s mich an. Und, ganz im Ernst: Was geht es ihn an? In Situationen wie dieser spaltet der normale mitteleuropäische Mensch sich auf: ein Teil geht da-, ein Teil dorthin, einige machen sich unsichtbar, andere schweben über der Szene, der Rest filmt. Dort, wo es in anderen Kulturen hart zur Sache ginge, filmt der europäische Mensch. Es ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, es ist sein Herzblut. »Das werde ich nie vergessen«, murmelt der europäische Mensch und füllt seine Festplatte.

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Bleibt also der Mann. Der zusatzlose ›Mann‹ der Medien in seinem verbrauchten Outfit, dessen Erscheinung jeder Beschreibung spottet, nicht, weil sie so sehr außerhalb des Üblichen fiele, sondern weil bereits die Schutzmauern der journalistischen Sorgfaltspflicht um ihn hochfahren und ihn den Blicken der Allgemeinheit entziehen, die sich längst am kommentarlosen Video schadlos hält und ihre Mutmaßungen im tausendfachen Hinterkopf verbirgt. Was ihn treibt? Nun, auch hier das Übliche, völlig ausreichend für diesen banalen Fall. Einer will Aufmerksamkeit erregen und – da ist sie. So einfach geht das. Er will Aufmerksamkeit auf sich ziehen, auf seine Person, nicht auf sein abgerissenes Äußeres, sondern auf sich, als wollte er sagen: Seht, ein Mensch. Er könnte es auch ›auf Lateinisch‹ sagen und seine Wundmale vorweisen. Doch das gibt die Penne, soweit er sie besucht hat, nicht her, oder er hat den Ausspruch vergessen, weil es nichts bringt. Wahrscheinlich würde, wer ihm dergleichen vorschlüge, einen Wutausbruch provozieren und müsste sich schleunigst in Sicherheit bringen. Die Fäkalkultur, in der er sein Zuhause aufgeschlagen hat, hält dafür den Ausdruck ›Was soll der Scheiß?‹ bereit, er hat ihm schon gute Dienste geleistet, er denkt nicht im Traum daran, auf sie zu verzichten. Der Ausdruck ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, er ist Fleisch von seinem Fleische und Blut von seinem Blut und er will, dass alle davon kosten dürfen, denn er hält sich für kostbar.

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In diesem Fall will er nicht bloß Aufmerksamkeit erregen. Dafür würde es genügen, sich hinzustellen und auf den Gang zu pinkeln oder sein Armutssprüchlein aufzusagen und ein vernichtendes »Gutntachnoch« hinterherzuschicken, um den kaum aufblickenden Mitfahrenden ihre Hartherzigkeit ins Gehirn zu ritzen. Nein, er will seine Wut an den Mann bringen und er verlangt vom Staat und seinem Vertreter vor Ort, sich als Dienstleister zur Verfügung zu stellen. Denn seine Wut ist auf Ordnung getrimmt und braucht einen ordentlichen Adressaten, nicht das Kind auf der Bank, das seinen Rucksack umklammert und ihn mit offenen Augen anglotzt, nicht den hageren Geschäftsmann, der sich gerade fragt, ob er nicht doch lieber das Taxi genommen hätte, oder … oder… Er hat sie alle taxiert und verworfen. Ordnung macht obszöne Gedanken. Diese Wut, diese aufspringende Wut, die er einem Klappmesser gleich zusammenfalten und wegstecken könnte, fände nur einer der Umstehenden den richtigen Knopf … es gibt eine Reputationsordnung der Wut, so wie es eine der Berufe gibt oder der Titelinhaber oder der Meisterdenker, in dieser Ordnung steht der Staat obenan, der Bullenstaat, wie ihn die Aufbegehrenden einst nannten, da kommt jeder Bulle, der sich in der Menge verläuft, gerade recht. Dieser hier hat sich nicht verlaufen, er waltet seines Amtes, so ein Glücksfall findet sich nicht alle Tage, wer da nicht zulangt, der … der … dem ist nicht zu helfen. Also bedient er sich, ein bisschen so, als wäre er an einem eingeschlagenen Schaufenster vorbeigekommen und die Auslage hätte ihn angelacht – was hätte er tun sollen?

Leckebusch quert den öffentlichen Raum und gerät unter Beschuss
1

Leckebusch lernt, was Aufschub heißt. Der Staat schiebt seine Aufgaben auf, fast wie ein unwilliges Kind, das lieber auf den Spielplatz geht, weil in den Hausaufgaben, das spürt es unbestimmt, aber heftig, der Misserfolg lauert: ein Springteufel, schwer in den Kasten zurückzubannen, sobald er erst einmal befreit wurde. Befreit? Der zu sich selbst befreite Misserfolg, doziert Leckebusch leise, ist dem Misserfolg an sich in mehreren Punkten überlegen, er ist, für sich betrachtet, das heißt, mit den Augen des Misserfolgs, ein Opfer der Verhältnisse bei voller Verantwortung, so wie man in anderen Zusammenhängen sagt: bei laufendem Motor. Soll heißen, das Vehikel des Misserfolgs, die Staatsmaschine, wartet darauf, dass ein anderer hineinspringt und, nach kurzem Gerangel um die Führung, davonbraust. Deshalb hält, wer gerade regiert, den Kasten mit dem vermuteten Springteufel fest verschlossen, solange es irgend geht. Gerade so geht Regieren, möchte man meinen, aber das Gegenteil ist der Fall. Regieren geht anders, so geht es zu Bruch. An und für sich, doziert Leckebuschs leise Stimme weiter, ist es nicht schwerer, die Alltagsprobleme eines Staates anzugehen, als sie auszusitzen, ausgenommen das regierende Interesse profitiert an ihnen und wünscht, still und heimlich, dass sie fortexistieren. Es sei denn – hier kommt der Zeigefinger ins Spiel, natürlich als gefühlter, denn der reale steckt tief und fest im Hosensack –, es sei denn, man verfügt über eine fanatische (oder vernagelte) Anhängerschaft, die keine Probleme sieht, weil sie keine sehen will, teils, um sich ihre Überzeugungen nicht rauben zu lassen, teils, weil es ihr fürs erste gut dabei geht und sie nicht über den Tellerrand des Heute hinausblicken möchte. Der moderne Staat ist vom Zerfall bedroht. Wer hat das geschrieben? Zu viele haben es geschrieben, es ist das konservative Mantra, der moderne Staat denkt vorerst nicht daran zu zerfallen, vielleicht dank der Konservativen, vielleicht trotz ihrer Einrede. Wenn aber – der Finger hat sich der Fahrkarte bemächtigt und Leckebusch schält seine Hand aus Hose, Sakko und Mantel ans Licht –, wenn aber der Konservatismus selbst zerfällt, wenn seine letzten Vertreter unter Hohn und Spott vom Schauplatz der Auseinandersetzung gejagt werden, wenn ihnen – Leckebusch räuspert sich, seine Stimme klingt inwendig belegt – die Ehre genommen wird, ihr Andenken besudelt, ihre Bücher aus den Auslagen entfernt, ihre Überzeugungen unter Kuratel gestellt werden, wenn ihre Kinder in der Schule gehänselt, ihre Partner bedrängt, ihre Versammlungsorte verwüstet, ihre Wege überwacht werden, was dann? Was, wenn die Überwachung lautlos geschieht, berührungsfrei, wenn alle Welt darüber Bescheid weiß und alle Welt demjenigen Paranoia bescheinigt, der sich darüber beklagt? Nun, dann ist es Zeit, an Exil zu denken. Wenn aber … verfluchtes wenn! Kein Wenn, kein Aber, kein Drumherum: Im Exil der Gestrigen findet das Heute keine Zukunft. Exil ist Massenware, benützt von Heutigen, um Staaten zu entrinnen, in denen der Zerfall bereits eingesetzt hat, ohne dass sie jemals im Heute angekommen wären.
Leckebusch steckt den Fahrschein in den Entwerter und erwartet das »Klick«. Überhaupt erwartet er viel. Der Tag ist noch lang.

Leckebusch quert den öffentlichen Raum und gerät unter Beschuss
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Klickt’s? Eher nicht, würde er sagen, doch sicher ist er sich nicht. Die Bahn rollt und neben ihm schnäuzt sich ein Prolet-Typ, jedenfalls taxiert er ihn so.

Der Tag ist noch lang.

Leckebusch quert den öffentlichen Raum und gerät unter Beschuss
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Der Typ

Der Prolet-Typ, auf dem Weg nach Hause, hängt Sexualphantasien nach, die ihm, locker überschlagen, zehn Jahre Haft eintragen könnten, falls er sie äußern und ansatzweise umsetzen sollte, vorausgesetzt, er würde sich das falsche, also das richtige Milieu dafür aussuchen, denn im richtigen, soll heißen im falschen, da ist alles richtig und normal. Ginge es in dieser, also der anderen Welt richtig und normal zu, dann müsste er heute noch einen Nobelpreis sein eigen nennen und in Gedanken die Speisekarten von Cutter’s oder Ditters Braustube gegeneinander abwägen, um über den Verlauf des anstehenden Abends zu entscheiden, denn diese Phantasien, die er besser steckenlässt, hätten ihm, aufgeschrieben und in Millionenauflage um die Welt geschickt, vor ein paar Jahren – nun gut: vor wenigen Jahrzehnten, aber was ist das schon? – im System der Ehrungen einen sicheren Listenplatz eingebracht und ein hübsches Sümmchen, ach was: einen Haufen Kohle eingefahren. Heute könnte er, in Erwägung eines unerklärlichen Zitterns angesichts der Schwierigkeit, die dafür nötigen Sätze auf Papier oder einem anderen dafür geeigneten Datenträger zu fixieren, einen jener Menschen mit der Aufgabe betrauen, die man damals Ghostwriter nannte und in den Untergrund des Gewerbes verbannte, während dergleichen inzwischen zu den regulären Tätigkeiten des professionellen Schriftstellers zählt und sein Label begründen hilft. Dafür ist der Markt empfindlich geschrumpft und der professionelle Schriftsteller würde, angesichts der heiklen Thematik, mit ein paar dürren, vorsichtig distanzierten Sätzen den Kopf aus der weiträumig ausgelegten Schlinge ziehen. Schwein bleibt Schwein. Naturschützer sehen das naturgemäß anders.
Bloß Prolet bleibt Prolet.

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Der Angriff

Hombre, dieser Mann führt eine scharfe Klinge. Alles Schein. Wäre er nicht, aus einer unerklärlichen Anwandlung heraus, einen heben gegangen, er hätte mich gar nicht bemerkt. Der Alkohol macht ihn sehend, jedenfalls was mich angeht. Alles an ihm ist scharf geschnitten: vom Scheitel bis zu den Schuhspitzen. Hallo Meister Scherenschnitt, was hast du gesagt? Mäßigen Sie Ihren Ton, wir sind hier nicht im Zirkus. Hierher, Schaffner, dieser Mann wird ausfällig, schaffen Sie ihn fort. Das können Sie nicht? Wo stecken Sie überhaupt? Mein Gott, was gäbe ich jetzt für einen Schaffner. Ist nur ein Wort. Weiß du, zum Pöbeln gehören zwei: einer, der es versteht, und einer, der damit anfängt. Du meinst, ich versteh was davon? Kann schon sein, kann schon sein. Also was ist? Was ist, frage ich. Wirds bald? Ich verlange eine Antwort. Da kannst du die Zähne zusammenbeißen, solange du willst. Ich höre das Knirschen bis hierher. Reiß dich nicht so zusammen, das ist unnatürlich. Wenn ich jetzt auf eines deiner blitzblanken Schühchen trete – so –, dann sieht deine Welt schon anders aus. Aha! Auf diesen Effekt habe ich gewartet. Ich soll dich getreten haben? Du bezichtigst mich –? Komm mir nicht zu nah, sonst tret’ ich dir in die Eier. Komm mir nicht zu nah. So ein Pinkel. Scheut sich nicht, einem Werktätigen in die Eier zu treten. Er hat mich angegriffen, die Sau. Ich sage dir, das geht nicht gut aus. Das geht nicht gut aus. Ich ruf jetzt einfach mal die Polizei. Dieser Herr hat mich angegriffen, Sie bestätigen mir das, ja? Ja? Ja, hab ich gesagt, glotzen Sie nicht so verschüchtert, Sie wissen genau, wer recht hat. Ich habe recht und dieser Scheißkerl … will sich aus dem Staub machen. Hiergeblieben! Keiner lässt ihn durch! Ich halte die Bahn an. Ich will, dass man mich vernimmt. He du, deine Fingernägel sind morgen immer noch dreckig. Sieh besser her, sonst gibt’s eins in die Fresse. Du weißt, was dieser Kerl mit mir gemacht hat, du kannst es bezeugen. Na klar kannst du es bezeugen. Vorwärts, wir steigen aus. Alle miteinander. Ich muss jetzt raus und ihr kommt mit. Ihr kommt alle mit. Gutntachnoch.

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Leckebusch sucht den Feind

Eigentlich beschäftigt ihn etwas anderes, eine dumpfe Abwesenheit. Tätlich angegangen zu werden ist nicht gerade die Erfahrung im Leben Leckebuschs. Er hat sich dem bisher entziehen können und plötzlich ist es passiert. Der Andere hat ihn, während er sein albernes Zeug schrie, am Revers gepackt und geschüttelt, nicht, um sein Gewissen wachzurütteln, sondern um den Feind in ihm hochzukitzeln. Er hätte auch brüllen können: »Schlag mich doch! Schlag mich doch!« Es wäre auf dasselbe hinausgelaufen. Leckebusch könnte sich gut verstehen, würde sein Inneres kochen. Tragischerweise ist das nicht der Fall. Was ihm ins Bewusstsein tritt, ist der abwesende Schläger, diese komische Figur, mit der zu identifizieren er, von jugendlichen Anwandlungen abgesehen, bisher noch keine Gelegenheit fand. Nun ist sie da und – er schlägt sie aus. Er würde sich durchaus verstehen, wenn sein beleidigtes Ego tobte: In die Fresse! Politikerinnen reden so, manche jedenfalls, der Feminismus hat dem friedfertigen Geschlecht die Zunge gelöst und seiner verbalen Schlagkraft, jedenfalls in der Öffentlichkeit, neue Denkmäler gesetzt. Eine Frau an seiner Stelle, dessen ist er sich sicher, wüsste zu toben. Da kann er sich ruhig ein wenig anstrengen, um ihr zumindest äußerlich ebenbürtig zu wirken. So, als Memme, fühlt er sich unwohl in seiner Haut.

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Der Schläger

Der Schläger, als kulturelle Randfigur, profitiert von der Abwesenheit der Ordnungsmacht. Genausogut könnte ein Interpret, sagen wir Leckebusch, behaupten, dass sie ihn überfordert und dass sie ihn provoziert. Er weiß nicht, dass sie immer da ist und dass sie, wenngleich verzögert, auch diesmal in Erscheinung treten wird. Er hat die Überwachungskamera vergessen, die jede seiner Bewegungen filmt, oder sie ist ihm in diesem Intervall seines sozialen Daseins egal. Leckebusch benötigt die Kamera nicht, er kontrolliert sich selbst. Gerade in diesem Moment kontrolliert er sich selbst. Er ist selbstbeherrscht bis an den Punkt, wo es schmerzt. Nicht der innere, den Hintergrund wie einen Türrahmen füllende Schläger bereitet ihm Schmerzen, sondern die gefühlte Unfähigkeit standzuhalten, käme es hier und jetzt zu einer physischen Eskalation. Er würde sich schlagen und er würde verlieren: eine Doppelfigur aus Unbehagen, der er nichts entgegensetzen kann als das Bewusstsein der Grenze zwischen sich und dem anderen, der ihn rüttelt, während er seine sinnlosen Bezichtigungen brüllt. Leckebusch könnte, was ihn durchwallt, als Wehen bezeichnen. Doch der Gedanke würde das Gitter sprengen, das ihn umfängt. Das Standhalten beschäftigt ihn durch und durch. Dennoch sind es Wehen: ein neuer Leckebusch, einer der vielen neuen Leckebuschs, die sein Leben auswirft, wird diesen Zug verlassen. Der Schläger, ab jetzt stets im Hintergrund, wird seine Sprache durchsetzen, seinen ›Gemütshaushalt‹, sein Lebensgefühl. Er wird die Grenzen seiner Erregbarkeit verschieben und sein Verhältnis zur Ordnungsmacht mit einem Groll aufladen, der sich nicht mehr besänftigen lässt, der Genugtuung verlangt und weiß, dass sie nicht zu erreichen ist. Er wird, wann immer sich eine Gelegenheit bietet, sich zwischen ihn und die einfache Wahrnehmung schieben, die nicht so einfach ist, wie sie sich darbietet, gar nicht so einfach…

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Einfache Wahrnehmung. Exkurs

Excuse me, suchen Sie etwas? Ja sicher, ich suche … Normalität. Wo wollen Sie sie finden? Hier und da … hier natürlich, wo sonst? Gerade hier, gerade hier und jetzt, sonst wäre sie keine – Normalität, nicht wahr? Ganz recht, sonst wäre sie keine. Warum ist sie nicht da? Aber sie ist doch da. Gefühlt ist sie da. Gefühlt ist sie immer da. Es fehlt nur etwas… So, was denn? Ein Quentchen Wirklichkeit, sozusagen. Das Wirkliche ist normal, aber nicht ganz. Ein Stück Normalität fehlt. Wo ging es hin? Gerade war es noch da und jetzt vermisse ich es. Habe ich es nicht vermisst, als es da war? War es also da? Ich weiß es nicht. Was soll die Fragerei! Ich will es nicht wissen. Ich verlange Normalität, und zwar jetzt. Und wenn sie nicht zu erreichen ist? Ich will mich beschweren. Ich werde durch alle Instanzen gehen, denn diese Beschwerde übertrifft alle anderen. Normalität ist Menschenrecht. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo Normalität herrscht. Das beginnt in ihm selbst.

Ich nehme wahr, du nimmst wahr, sie – Sie, ja Sie dahinten, auch Sie nehmen wahr, und wo die Wahrnehmungen zusammenfließen, da entsteht Wirklichkeit, nein, da entsteht Normalität. Und wenn sie aufeinanderkrachen? Dann gibt es Krach. Verstehe. Ist das normal? Nicht wirklich. In Krachgesellschaften ist Normverletzung die Norm. Normal ist nichts. Das Normale ist nicht normal, nicht ›vorhanden‹ oder doch nur in Spuren, es hat keinen Zweck, es vorauszusetzen, wie das, nun ja, normal wäre. Deshalb ist in solchen Gesellschaften der Wunsch nach Normalität auf der Suche, unerfüllbar, ein edler Ritter mit schwarzem Visier, gehüllt in unauflösliche Trauer, schweifend am Rande der Welt, wie es im Liede heißt. Nur vom Rande her ist die Welt einsehbar, die erste einfache Linie ist der Horizont. Es bedarf komplizierter Entwicklungen jenseits des streitbaren Einzelnen, ehe das Gewebe der Welt einfach einsehbar wird, nicht rückwärts im Zorn, nicht vorwärts im Rausch des Erwachens, sondern von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Mal zu Mal. Please don’t care. Don’t trust me. Trust anybody anywhere. You will not be disappointed. Not always –

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Der Kreis

Hat, was nicht aufhört, jemals begonnen? Es überzieht das Gewesene mit einem Film, einem Schmutzfilm, als sei es nie etwas anderes gewesen als die Falle: für wen? Für dich, Dummkopf. Wo andere leben, steckst du in der Falle. Du würdest dich gern aus ihr befreien, allein könnte es dir gelingen, aber eingeklemmt zwischen all diesen Personen, die zufällig das gleiche Abteil benützen, hast du keine Chance. Dies hier zeigt keine Neigung aufzuhören. Der randalierende Typ hat Gefallen an seiner Rolle gefunden und niemand, Leckebusch eingeschlossen, hält ihn auf. Im Gegenteil, der Kreis, der sich um ihn geschlossen hat, scheint seinem Anliegen nicht günstig gesonnen. Niemand hat den Platz gewechselt. Doch im Gedränge hat sich ein Raum gebildet, ein Raum aus Körpern, Schweigen und Aufmerksamkeit, ein Spannungskreis, der sie einschließt und isoliert – ganz recht, isoliert. Niemals in seinem Leben hat Leckebusch sich so isoliert gefühlt, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit, das Gespräch mit der Stasi steht auf einem anderen Blatt und dort wusste er sie auf seiner Seite. Damals beseelte ihn die Empfindung: die Welt schaut zu – er wusste es nicht, überhaupt konnte davon nicht die Rede sein, und heute, wenngleich anders, spürt er es wieder, auch wenn dieses armselige Zufallspersonal nicht die Welt ist, nicht die Welt, nicht die … welche Welt hätte er gern? Dieser Mann mit dem Sozialarbeitergesicht missbilligt zutiefst, wie Leckebusch sich benimmt, jeder Muskel seines Gesichts zeugt davon: er wüsste, wie man deeskaliert, er hätte die Sache längst erfolgreich beendet … vielleicht. Um welchen Preis? Den der Selbstachtung? Überlegenheit kennt keine Selbstachtung, sie nimmt das verletzliche Ich aus dem Spiel und fährt ihre Geschütze auf. Hast ja recht, Kumpel. Den ›Scheißkerl‹ annehmen, nur weil der andere ihn offeriert? Ist es das? Nein, das ist es nicht.

Die Zerstörung der Ehe
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Renate Solbach: Nachtplanet ©Renate_Solbach
  • ―Eigentlich ging es ganz leicht, erzählt der einfache Abgeordnete und Minister S seinem Freund, dem Nahostexperten Triphan, sie blicken vom obersten Stock der Pyramide, den man ihnen für die Dauer des Inkognito-Besuchs überlassen hat, in den Nachthimmel, er lächelt ein wenig dabei, was der andere nicht sieht, ihm ist wolkig zumute, das mag am Champagner liegen oder am Höhenfieber, das ihn an dieser Stelle stets überkommt. Verlass mich nicht, kritzelt der Minister auf eine Serviette, tupft sich damit die Mundwinkel und reicht sie dem Nahostexperten, der sie schweigend überliest.

Die Ruhrstadt strahlt. Sie hat sich herausgeputzt diese Nacht wie seit Generationen nicht mehr. Triphan rechnet die vielen kleinen Freudenfeuer dort unten zu einem großen zusammen. Die Ruhrstadt brennt. Sie brennt von innen heraus, aus den Eingeweiden, den Bars, Kinos, Restaurants, den Diskotheken, Nachtclubs, Mitternachts-Fitness-Studios, 24-Stunden-Saunen, Glücksspiel-Orten, Grilltheken, Gebetstrichtern – gewiss, auch die Stätten vertikaler Inbrunst, im Inneren fahl erleuchtet von Ewigen Lichtlein und polizeilich vorgeschriebenen Notfunzeln, feiern, sie alle feiern die Auferstehung der Gorgo, der Großen Verdrängten.

  • ―Wir haben das erreicht, spricht Triphan, er befleißigt sich desselben Tonfalls wie Friedenwanger, ohne es sich bewusst zu machen. Er und Friedenwanger sind Kumpel aus alten Kampfzeiten, auch sie vergessen einander nicht, verflossene Kämpfe ergeben zusammen eine Kordel, die keinen außen vor lässt. Friedenwanger, der nach der Kampfzeit in die Wissenschaft ging, um dort zu reüssieren und die Verhältnisse aufzumischen, hat ihm den Tipp mit dem Fu-Projekt gegeben, nicht ohne Hintergedanken, nicht ohne Hintergedanken… Aber natürlich trifft man sich gern, auch wenn der Liaison des anderen mit dem Minister in seinen Augen etwas Degustables innewohnt, das nicht weggeht. Triphan sieht am Flackern der Augen, dass etwas nicht stimmt, er trägt es mit derselben Gelassenheit, mit der er seine Pressekonferenzen bestreitet, wissend, dass das Interesse an Information im Ernstfall jeden anderen Impuls überwiegt, auch wenn man nie wissen kann, was geschieht. Dass er als Friedenwangers Spion durch das Fu-Projekt geistert, lässt ihn kalt, so wie ihn das ganze Projekt stets nur am Rande berührt hat, als eines aus der Unzahl von Sandkastenspielen, in denen viele kleine Helfer im Geiste den Umbau der Gesellschaft simulieren, während er draußen, weitgehend unberührt von den Einfällen und Erkenntnisgewinnen der Modellierer, seinen Gang geht.
Die Zerstörung der Ehe
2
Renate Solbach: Nachtplanet ©Renate_Solbach
  • ―Wir haben das erreicht, spricht Triphan, er ist froh, den Sandkastenspielen für ein paar Stunden entronnen zu sein. Ihm ist nicht nach Feiern zumute, eine neue Klasse von Entscheidungen drängt in sein Gesichtsfeld und er weiß nicht, ob er dafür gerüstet ist. Worauf warten wir noch, wird der eine oder andere Mund an seiner Wange in der nächsten Zeit flüstern, diese Mann-Frau-Maschine ist passé, der öffentliche Umbau einer Institution zieht viele private nach sich, fatal sind die Hoffnungen, die sich daran knüpfen und nun rigoros zerstört werden müssen, während andere in Erfüllung gehen, die so nie gehegt wurden. Scheiß drauf. Ein Kraftwort kommt selten allein. Falls doch, hat es sich verirrt oder es gibt einen Grund.
  • You need satisfaction, sagt der Minister, der ihn lächelnd betrachtet hat. We all need satisfaction. Ehemäßig bleibt’s bei den Frauen. Sei’s drum. Ich werde mich nicht mehr umstellen. Ihre Leidenschaft … kitzelt so, im übrigen lässt sie mich kalt. Sie haben mich immer gemocht, mancher wird sagen: umschwärmt, ihnen verdanke ich viel. Da werde ich jetzt nicht von der Stange gehen.
  • ―Wenn du das meinst, bleibe ich doch eher einseitig konstruiert. Was die Frauen angeht, naja … sie haben ein paar Fortschritte hingelegt, die sie im Wesentlichen uns verdanken, aber sonst? An der sklavischen Abhängigkeit von den Heteros scheinen sie nichts ändern zu können. Da hat ihnen Mutter Natur wohl einen Streich gespielt. Dieser verantwortungslose Wunsch, Kinder zu empfangen und in die Welt zu setzen, naja naja.
  • ―Warst du nicht selbst einmal eines? Die Stimme des Ministers glimmt, ein Streichholz im Dunkeln. Du hast mir doch mal so ein Foto gezeigt. Oder ist das jetzt eine falsche Erinnerung?
  • ―Das ist lange her, Boy, lass die Finger von meinen Erinnerungen, sonst möchte ich weinen. Andererseits: Ich könnte mir vorstellen, mit einem Partner ein Kind großzuziehen, schon um den Schlamassel meiner Kindheit wieder gutzumachen. Irgendwann, eines Tages… Es ist schön, seinesgleichen heiraten zu können, ich will dich da jetzt nicht unter Druck setzen, so ist das nicht gemeint, verlass dich drauf. Mein Kind ist noch nicht geboren. Gestern hat dieser unsägliche Strunzhart geschrieben, nach dem neuen Gesetz könnte er ja jetzt seinen Lampenschirm heiraten. Darauf muss einer erst kommen. Unsereiner scheint da draußen ja gewaltig im Kurs zu steigen.
  • ―Der hätte auch vorgestern einen geheiratet. Das einzige Wesen, mit dem er zurechtkommt. Eine Nachteule, gar nicht unsympathisch, kennst du ihn? Im übrigen hat er recht. Was soll daran falsch sein? Ich sehe nicht, was daran falsch sein könnte.
  • ―Bleibt die Sache mit dem Jawort. Oder habt ihr das auch abgeschafft?
  • ―Lass das mal unsere Sorge sein. Ich denke da an eine geeignete Technik … es soll bereits intelligente Lampenschirme geben, die ihre Durchlässigkeit den herrschenden Lichtverhältnissen anpassen. Da hätten wir doch schon eine Definition der Ehe.
  • ―Was die Lichtverhältnisse angeht…
  • ―Jetzt mal Butter bei die Fische…
  • ―Mehr Licht…
  • ―Mehr was?…
Die Zerstörung der Ehe
3
Renate Solbach: Nachtplanet ©Renate_Solbach
  • ―Schläfst du?
  • ―Ich denke nach.
  • ―Wir haben einen anstrengenden Tag vor uns.
  • ―Wir haben die Ehe zerstört und die da draußen reden von Lampenschirmen. Was bedeutet das? Ein zweihundert Jahre währender Kampf ist zu Ende gegangen und sie merken es nicht einmal. Ich meine, da muss man doch auf Gedanken kommen.
  • ―Schon Scheiße, das Ehegefängnis für alle.
  • ―Ehejoch, wenn’s geht.
  • ―Wir haben die Frauen aus ihren Käfigen geholt…
  • ―Das waren wir?
  • ―Das waren wir… Weißt du noch? Der Kampf gegen die Versorgungsehe … von heute aus betrachtet … was war eigentlich so schlecht daran?
  • ―Fünfzigprozentige Steigerung des Arbeitskräftepotentials, das entsprechende Kaufkraftvolumen eingeschlossen, das konnte sich doch sehen lassen, oder nicht? So bringt man Volkswirtschaften zur Expansion, ganz ohne Krieg. Es war das größte Friedensprojekt aller Zeiten.
  • ―Bei schrumpfender Bevölkerung.
  • ―Das ist nicht wahr. Bis gestern stiegen die Zahlen noch.
  • ―Welche Zahlen? Du meinst die der Altenheim-Insassen?
  • ―Na und? Nichts gegen meine Mutter. Die Bevölkerung wird älter. Was soll daran schlecht sein? Außerdem macht es Einwanderung attraktiv.
  • ―Quod erat demonstrandum.
  • ―Noch immer eifersüchtig? Das ist jetzt aber lächerlich.
  • ―Ich hör mich mal um.
  • ―Das wirst du schön bleiben lassen.
  • ―Eine Drohung?
  • ―Warum nicht? Macht droht. Das ist ganz normal. Nimm das jetzt bitte nicht persönlich, ich meine, du kannst dir was wünschen, aber ob du es bekommst, entscheiden die Umstände. Und in diesem Fall sagen mir die Umstände, dass du schlechte Karten hast. Ich mach dir ein Angebot –
  • ―Hilf mir mal hoch. Ich habe da einen Krampf. Um Himmelswillen, hilf mir doch mal. So, ja, so. Vorsicht.
 

Duro schreibt

Tschipek. Ärger im Kontroversum
1

Der Taschenspieler Tschipek, der später als Philosoph zu einer Art Weltruhm gelangte, hat als Junge zuviel Ljubljanicawasser geschluckt. Das führte über allerlei Zwischenstufen dazu, dass er für alle Probleme, die man ihm vorlegt, eine brachiale Lösung zu besitzen behauptet. »Der Klassenkampf«, pflegt er auszuführen, »ist der Schlüssel zu einer Sache, die weder Tür noch Schloss besitzt.« Die wahre Natur der Besitzergreifung sei daher der Einbruch. »Ich persönlich bevorzuge die direkte Aktion, aber nicht vor Einbruch der Dunkelheit. Das erleichtert das Weglaufen.« In Erwartung der Nacht, in der alle Katzen grausam sind, schrieb er ein paar Bücher, die seinen Namen um die Welt trugen – teils, weil sie Kopfschütteln erzeugten, teils, weil er ihnen persönlich auf dem Fuße folgte. »Was nützt ein Ruf, wenn nach Abzug der Spesen nichts bleibt? Wenn ich als persona non grata meine Einkünfte verdoppeln kann, dann vervierfache ich sie als persona non grata grata und verzehnfache sie, nach einem mir selbst nicht ganz durchsichtigen Schlüssel, als persona non grata gratissima. Das heißt den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen. Nun denn: ich bin der letzte freie Kommunist der westlichen Hemisphäre, der östlichen sowieso. Und jetzt kommt her, Erniedrigte und Beleidigte, damit ich euch einen Aufwärtshaken verpassen kann.«

Tschipek. Ärger im Kontroversum
2

Tschipek weiß, dass Kleineleutephilosophie niemanden auf der Welt zu fürchten hat als die kleinen Leute. Aus diesem Grund (und einigen kleineren) hat er ein ausgeklügeltes System geschaffen, das es ihm erlaubt, sie berührungsfrei vor den Kopf zu stoßen. Das Mittel, das er dazu verwendet, ist die Psychoanalyse oder das, was unter dem Druck seiner mächtigen Pranken von ihr übrigbleibt. Das ist wenig, manche sagen: weniger als nichts, denn auch die einst mächtige Psychoanalyse ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, ganz wie der Sozialismus, aus dem Tschipek stammt, wie zu betonen er nicht müde wird: zwei Knetkugeln, denen jeder die Gestalt verpasst, die ihm einfällt. Das eigentliche Instrument seines Philosophierens ist daher die Zwille. In diese legt er einmal die eine, einmal die andere Knetkugel ein, während er sich rasch um die eigene Achse dreht und auf jeden zielt, der sich gerade zu einer Sache geäußert hat und jetzt auf Einwände wartet. Es kommen aber keine. Tschipek hat es sich zur Regel gemacht, niemals auf seine Gesprächspartner einzugehen. Als Begründung führt er an, dass er den westlichen Diskurs für Geschwätz hält, den östlichen übrigens auch. Tschipek überantwortet. Die Frage ›Wen wem?‹ hat ihn sein Leben lang beschäftigt. Diese Beschäftigung hält an. Einmal hat ihn die Frage, ob er Gedankenpolizei befürworte, zu einer dialektischen Antwort verführt. Mittlerweile würde er sie gern wieder los. Sein Pech, denn sie hat Geschmack an ihm gefunden. Leider kann er sich nicht mehr an sie erinnern.

Tschipek. Ärger im Kontroversum
3

Wenn Tschipek die Zeitung liest, hält die Welt den Atem an und Ängstliche verzichten auf ihren geliebten Sport: die einzige Sparte, in der er niemals brilliert. Seit er einen Redakteur mit dem Ruf »Ich will keine Abzeichen, ich will Anzeichen« überraschte, lauert die neoliberale Welt bei ihm auf erste Anzeichen physischer Schwäche. Das kann dauern. Die Wartezeit teilt sie sich mit der Zeit, die heimlich von der taz Auffassungen zukauft. Das Kleeblatt soll sich bereit erklärt haben, dem New Yorker den Vortritt zu lassen, wenn es denn einmal sein soll. Warum? Einer wie Tschipek hat mächtige Gönner. Niemand kann wissen, woran er bei ihm ist. Andererseits: Woran sollte er schon sein? Tschipek ist Tschipek. Wer ihn von hinten sah, kennt ihn von vorn. Nur durch und durch kennt ihn niemand, ihn eingeschlossen, und damit hat es dann auch sein Bewenden. »Wenn Sie wissen, was Sie von mir zu halten haben, wollen Sie es dann noch?« So eine Frage ist nicht von der Hand zu weisen. Man hat Tschipek gesehen, wie er Redaktionsräume verließ, in denen noch Stunden später das Aufräumkommando wütete. Wut ist sein Markenzeichen. »Die Wut«, räumt er lachend ein, »ist gerade die Woge, die mich trägt. Warum sollte ich ihr gram sein? Fassungslosigkeit ist mein Lebenselixier. Am liebsten würde ich meine Brille fassungslos tragen. Aber das geht nicht, denn wie Rosenmund sagt: Die Brille ist der Mann. Wenn einer im Raum die Fassung behält, dann bin ich das.«

Tschipek. Ärger im Kontroversum
4

So gern Tschipek kommt, so gern kommt er von Hölzchen auf Stöckchen. Denn eines weiß er bestimmt: Wo alles mit allem zusammenhängt, fällt alles auseinander. »Warum soll meine Rede konsistenter sein als die Wirklichkeit? Das wäre ein Fehler.« Also erlaubt die Wirklichkeit ihm, immer wieder auf den Punkt zu kommen. »Die Wirklichkeit ist der Klassenkampf, alles andere tut nur so. Nichts ist wirklicher als das, was wirklich vorgeht. Erst wenn wir das festhalten, wissen wir wirklich Bescheid. Glaubt mir, Freunde: Für den, der nicht Bescheid weiß, ist alles wirklich. Das ist absurd.« Es soll Schüler geben, die daraus schließen, Tschipek wisse, wo es langgeht. »Ich weiß nichts. Ich existiere gar nicht, es sei denn als Mittelfigur und jede Mitte ist falsch. Lebe dein Extrem. Ich kann das sagen, denn es kann mich mal. Mein Extrem ist dein Extrem. In Wahrheit ist es niemandes Extrem und das ist der Kommunismus.« Dann lächeln die Wissenden. Die Unwissenden schweigen, denn sie wissen: Es hat keinen Zweck. Das ist es, was Tschipek an den Mann & die Frau zu bringen versucht. »Ein Mittel, das einem Zweck dient, übt schon Verrat. Ich bin das Mittel, das nichts verrät.« Natürlich ist das nicht die ganze Wahrheit, auch nicht die halbe. Es ist die ausbuchstabierte Wahrheit, soll heißen das Ergebnis einer Lektüre, die in Wahrheit, das heißt angesichts der Zeitung, nichts anderes meint als Hader: Zeige mir ein bedrucktes Stück Papier und ich zeige dir, was darin schief läuft. Über das bedruckte Papier ist Tschipek nicht hinausgekommen. Er wirkt sehr beruhigt, seit er erfuhr, was im Netz alles schief läuft. Seither kennt er sich wieder aus.

Tschipek. Ärger im Kontroversum
5

Der russische Roman, aus dem Tschipek kommt, heißt Wir. Tschipek kommt darin bloß deshalb nicht vor, weil er sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht hat. Das heißt, wenn er ›Wir‹ sagt, dann meint er ›Ich plus…‹, genauso wie die LGBTQ-Leute einfach ein Plus an ihre Chiffre hängen, wenn sie es leid sind, so genau zu sein, wie sie es von ihren Mitmenschen verlangen. Eigentlich weiß man nicht, was Tschipek meint, wenn er ›Wir‹ sagt oder schreibt. Der Verdacht steht im Raum, dass er es selbst nicht weiß. Es ist auch kein Verdacht, sondern eine Gewissheit, die nur darunter leidet, dass Tschipek immer weiß, was er sagt. Wie das? Nun, die analytische Schule, von der Tschipek herkommt wie ein anderer vom Frühstück, sieht in der misslingenden Unterwerfung unter den Anderen den wahren Ursprung des Ich. Daher ist letzteres nichts weiter als ein falscher Fuffziger, wie man damals sagte, als die Seelenklempnerei noch zum Gesellschaftsspiel taugte. Und folglich ist Tschipeks ›Wir‹ bloß der fortgesetzte Versuch, den falschen Fuffziger in einen echten zu tauschen … aber unauffällig, so dass nichts auffliegt. Wenn das Ich, eingezwängt zwischen dem kleinen a der Begierde und dem großen A wie ›Autorität‹, das manche als A*** buchstabieren, zu nicht mehr als einem Aha taugt, dann taugt das ewige ›Wir‹ dazu, aus möglichen Gegnern Proselyten zu machen, bevor der Schwindel auffliegt und der Kredit erlischt. Denn Tschipeks Weltruhm ist, wie der Kapitalismus, auf galoppierende Kredite gebaut. Er gleicht damit einem Hütchenspiel, bei dem Tschipek auch das Aufdecken mitbesorgt, damit alles schneller geht.

Tschipek. Ärger im Kontroversum
6

Sein Gefährte Le Moi-le-double hat ihm einmal den Tipp gegeben, ein Buch über die Hoffnungslosigkeit zu schreiben. Damit sollte all denen, für die eine Tschipek-Lektüre ein hoffnungsloses Unterfangen darstellt, ein Licht aufgesteckt werden. Erst wenn die Hoffnung erloschen ist, wird es Licht. Das erinnert an den Witz, in dem drei Bauern den Mond vom Himmel holen, weil sie finden, dass sein Licht dem Nachbarn nicht zusteht. Sie kriegen aber kein Auge mehr zu und einer sagt endlich, was Sache ist: Besser fest geschlafen als wach geträumt. Tschipek hat sich, wie billig, nicht lange bitten lassen und den Hoffnungslosen zur Hoffnung verholfen, der Schlaf der Vernunft möge in baldiger Zukunft zurückkehren und den Alb namens Tschipek von ihren Häuptern verscheuchen. »Der Kommunismus des 20. Jahrhunderts«, so schreibt er, »lehrt uns, dass wir die Kraft aufbringen müssen, die Hoffnungslosigkeit vollständig anzunehmen.« In Tschipek für Laien heißt die entsprechende Passage: »Wer sich mit dem Kommunismus des 20. Jahrhunderts beschäftigt und dennoch den Mut nicht sinken lassen will, muss sich voll und ganz auf die Verhältnisse einlassen.« Natürlich steht dahinter Tschipek und lacht sich ins Fäustchen. Wer aber glaubt, ihn an dieser Stelle packen zu können, der zielt zu kurz. Als guter Analytiker streicht Tschipek die Hoffnung gleich wieder, um sie durch den Trost zu ersetzen. Merke: Nur wer nicht ganz bei Trost ist, buchstabiert die große Pleite als Weg, der direkt in den Kommunismus des 21. Jahrhunderts führt. »Nordkorea kommt Shangri-la heutzutage am nächsten – in welchem Sinn?« Nun denn, in jedem. Eine trostlose Theorie ist für einen, der nicht bei Trost ist, das Tröstlichste auf der Welt. So oder ähnlich muss Tschipek beim Schreiben gedacht habe. Seine Freunde in aller Welt geben ihm recht.

Tschipek. Ärger im Kontroversum
7

Tschipek wäre nicht Tschipek, wäre er nicht auch der Spatz, der von den Dächern pfeift, wie man’s macht, wenn man Tschipek heißt und nichts zu verlieren hat außer vielleicht dem Ruf, nichts zu verlieren zu haben (es sei denn den Ruf, berechenbar unberechenbar zu sein). Treibe die Unberechenbarkeit auf den Punkt, an dem sie als Wiederholungszwang auftritt, um ultimativ zu wirken! »Das darf doch nicht wahr sein!« entfährt es dem Leser an dieser Stelle. Mit Kennergeste setzt Tschipek hinzu: Gerade deshalb ist es wahr. Das verwirrt den Leser, weil sein Ausruf keiner Sache galt, sondern Tschipeks verzweifeltem Manöver, sie von sich fernzuhalten. ›Vielleicht ist ja doch etwas dran‹, denkt er resigniert und um seinen Geisteszustand besorgt, und Tschipek setzt hinzu: »Was soll schon dran sein, du Analphabet! Du bist dran.« Denn Tschipeks Leser ist stets das Salz in der Suppe, sein Jüngstes Gericht, nachdem die älteren aufgebraucht sind und der Verdacht aufscheint, dass sich’s nach Tisch wieder anders lesen wird. Tschipeks Welt ist ein Kartenhaus. Fällt es zusammen, steht er lachend auf und sagt: »Siehst du!« Er verlangt aber vom Leser, dass er sitzen bleibt und es weiter versucht: »Du wirst es schaffen! Klar schaffst du es! Bleib dran, damit du es schaffst!«

Das schafft den Leser.

In der Vulvenkammer
1
  • ―Was willst du, tönt Elisabeth, rau tönt ihre Stimme, man hört ihr die Stunden nach Mitternacht an, die vergangenen und, bei gehöriger Übung, die noch ausstehenden, ihr Finger ertastet den Riss in der Strumpfhose, als könne er just an dieser Stelle magische Kräfte entwickeln, doch eigentlich handelt es sich um eine resignierte Bewegung, die nichts zufügen möchte, niemandem, nirgends. Währenddessen vermisst Stutenkeil, aus einer Erschöpfung in die andere wechselnd, an sich die gewohnte Brillanz, die ihn im Hörsaal auszeichnet. Das Gastsemester in Madison ist ergebnislos zu Ende gegangen, in unziemlicher Hast, wie er findet, das fällige Buch hat sich nicht einstellen wollen, die Ablenkungen, die guten alten, die schlechten neuen, diesmal hatten sie sich als zu mächtig erwiesen, das Riesenland wälzte sich in Erregung, es fieberte und halluzinierte, wie er es nicht für möglich gehalten hätte, als hab-, hab-, habe eine bösartige Krankheit von ihm Besitz ergriffen (abgedroschene Metapher, die allerabgedroschenste, aber hier ganz richtig am Platz, ganz … ganz recht), ich fiebere, was soll das jetzt, gerade j… Was wollen meine Hände, was wollen meine Hände an dieser, an diesem… Ich sollte es lassen. Ich sollte es einfach lassen. Kann sein, auch das hier ist Hall-, Halluzination, ganz sicher … ist es das, ist es das wie vieles andere, Idiot. Vieles in diesem Jahr ist Hallu…zination, sogar das Wetter, ›this never ending rain‹, du kommst nicht an ihn heran, nein, du kommst nicht an ihn heran, während er doch in dir niedergeht, ›never ending‹, ganz recht, wie eine dieser Schallplatten damals: Finde den Kratzer! Etwas blockiert dich, du kommst nicht weiter, auch drüben kamst du nicht weiter, diesmal nicht, die Freunde, sie kommen nicht weiter, auch ihre Platte hat einen Riss, die gewohnte Brillanz ist weggeblasen, gone by the wind, zurückgeworfen hat es sie auf die fünfziger Jahre, aber falsch. Falsche Fuffziger, als habe es Achtundsechzig nie gegeben. Der Patriotismus hat dir die Ernte verhagelt, gib’s zu, alter Trottel, kaum zurückgekehrt vergreifst du dich an einem Körper, der dir nichts sagt, der nichts abwirft, dessen düstere Präsenz dich bedrängt, den du morgen auf dem Campus höflich grüßen wirst oder auch nicht. Du vergreifst dich, ein in die Jahre gekommener Bildhauer, die Hände voll Lehm, den nackten Modellierwunsch in allen Fingerspitzen, dabei entsteht nichts, Unförmiges vielleicht, auch dafür wärest du dankbar, nein, nichts entsteht, das einzige im Entstehen Begriffene ist die Dämmerung, an der es nichts zu begreifen gibt, es sei denn das Unbegreifliche, dass einer sich zwischen den Stunden vergreift, zwischen Falsch und Falsch.
In der Vulvenkammer
2
  • ―Was willst du, tönt Elisabeth, die Worte fallen ins Dunkel, die meisten Dinge geschehen zwischen Haut und Haut, nur wie tief es eindringt, darüber gehen die Auffassungen auseinander. Wir häuten uns nicht, niemals, vielleicht ein Fehler, eine Fehlanordnung der Natur, ein Versuchstableau, aber ein sinnloses. Der Sinnlosigkeitsverdacht, soviel habe ich bei Leckebusch gelernt, ist nicht auszuräumen, er erledigt sich bloß immer wieder von selbst. Sinnlos, sich etwas vorzumachen, es geschieht nur dauernd. Ich weiß, dass dich dein amerikanischer Misserfolg quält, deshalb sind die anderen die Versager, das patriotische Fieber hat dich, wie du sagst, überrannt. Da bist du nicht der einzige… Dafür, dass jetzt alle hier Amerikaner sind, werden sie sich irgendwann rächen, rächen müssen, ganz recht, rächen müssen, das ist ausgemacht. Sie haben aber nicht die Macht dazu, sie werden sie niemals haben, also werden sie sich ins eigene Fleisch schneiden, bis das Blut nur so spritzt. Wenn du nicht weißt, warum du mir mir ins Bett steigst, nun, ich könnte es dir sagen: aus Rachsucht. Wir könnten ruhig offen reden wie früher, als wir uns nichts zu sagen hatten, heute haben wir uns etwas zu sagen und schweigen uns an. Es geht mir so wie dir. Auch ich nehme Rache: an Leckebusch, wenn du so willst, an R, an Guido, selbst an Tronka, was pervers genug ist, also wer ist Leckebusch? Leckebusch ist ein Wurm. Er hockt über seinen Schätzen, er kann nichts damit anfangen, was du willst, weiß ich nicht, es ist so unendlich gleichgültig, so gleichgültig, du könntest das Universum sein, so gleichgültig bist du mir… Das Gleichgültige ist der letzte Reiz, jedenfalls bei mir, bei anderen das Verbrechen, das interessiert mich nicht. Vielleicht habe ich Leckebusch früher Unrecht getan, ich hatte ihn ganz vergessen. Seit ich ihn im Fernsehen schwatzen sehe wie die anderen, geht er mir nach. Wohin, könnte ich mich fragen, unterwegs wechsle ich ihn aus und nehme mir einen Stutenkeil, denn soweit … geht die Liebe nicht. Man lässt sich mit einem banalen Menschen ein und das Leben bekommt eine Färbung … eine Färbung … das geht nicht mehr weg. Man nimmt die anderen Kerle als Waschmittel, als Bleichmittel, sie bleichen auch kräftig, aber am Ende ist der Fleck wieder da. Dich stört das bisschen Patriotismus bei deinen amerikanischen Freunden, der naive Ernst, mit dem sie die Welt in Brand setzen, weil man ihnen den Brand ins Haus gesetzt hat. Das erinnert schon stark an das, was wir einmal waren, an all die brennenden Wünsche der Scham und unsere ersten Begegnungen. Also, was willst du? Ich will nicht unfair sein, aber du hast kein Feuer. An dir glimmt nur die Lunte und irgendwann gehst du in die Luft. Da muss ich nicht dabei sein. Stutenkeil – du bist mir lästig.
In der Vulvenkammer
3

Warum gibt es Langweiler? Da liegt das letzte Geheimnis, das Elisabeth noch, jedenfalls für den Augenblick, in ihrem Leben ergründen will. Wie sagt Amalia? Ein Langweiler ist ein Vergewaltiger, der sich nicht traut. Amalia kennt sich aus, aber in den falschen Ecken. Immer hat sie Recht und Unrecht, manchmal gleichzeitig, manchmal hintereinander. Ein Langweiler ist einer, der sich müht, in Betracht zu kommen. In dieser Hinsicht sind alle Langweiler. Wer in Betracht kommt und weiß es nicht, ist der größte. Stutenkeil würde sich trauen, ich merke es, man muss ihn führen, damit die Situation es nicht hergibt. Stutenkeil ist schamlos, er ist ein Plünderer, er plündert die Scham. Er könnte vor Scham vergehen, aber bevor das geschieht, wühlt er sich aus dem Psycho-Müll, der ihn bis zum Kragen anfüllt, hervor und bezichtigt den anderen des Verrats. Er ist drauf und dran, seine Hände zucken, ich seh’s im Dunkeln, er könnte mir an die Gurgel gehen, er wäre äußerst erschrocken, wenn er’s denn täte, er täte mir aufrichtig leid. Bloß das nicht! Stutenkeil du grober Keil, du tust mir leid. Du willst fein sein, du willst es ganz fein gestalten und weißt nicht wo anzufangen. Du fällst auseinander, sobald du dich konzentrierst. Du solltest dich weniger konzentrieren, aber das will dir nicht gelingen. Du willst, dass es dir gelingt, während du es nur seinen Gang gehen lassen müsstest. Gerade das kannst du nicht. Ich könnte es dir sagen, aber du willst nicht hören. Du willst nicht und du kannst nicht. Du willst Ein-, Ein-, Einstimmung, alles andere verletzt dich, wie du sagst, du sagst es ein wenig zu oft, ich verletze dich, in voller Absicht, wie denn sonst? Eine Art Geheimgang zur Einstimmung stellst du dir vor, irgendeine Technik, die du unbedingt beherrschen musst. Lustsüchtig bist du, aber nicht wie ich, nicht körperlich, dein Körper steht dir im Weg, du hast nur keinen anderen, deshalb benützt du ihn als Brecheisen. Vom Brecheisen zum Brechmittel … ist es nicht sehr weit, nicht sehr weit, die Wege, die wir auf diesem Felde gehen, haben die Tendenz, sich rasch zu verkürzen. Schau an, wir sind schon da. Aussteigen! Diese Fahrt endet hier.

In der Vulvenkammer
4

Elisabeth schreibt

Du schreibst das Wort ›Fleisch‹ und du streichst es durch: Fleisch. Warum? Weil du es nicht brauchst: Nein, heute nicht. Ich hatte es auf dem Zettel notiert, vorausschauend, wenn du willst, aber ich habe mich dagegen entschieden. Nein, das ist keine Grundsatzentscheidung, ich bin kein Fleischverächter, wenn du das meinst, aber ich habe meine Gründe. Ja, ich gebe zu, ich bin beeinflusst. ›Fleisch‹ gehört zu den Flimmerwörtern. Wer es hinschreibt, ohne sich etwas dabei zu denken, etwa so: Fleisch, der ist entweder unbedarft oder Metzger. Er gehört einfach nicht dazu. ›Mein Fleisch, dein Fleisch‹: Das ist eine andere Sache. ›Mein Fleisch und Blut‹: Davor graust dir doch, oder nicht? Was sagt die Genforschung dazu? Archaisches Denken, ganz recht, reduziert den Menschen aufs Biologische und noch dazu falsch. Nichts davon ist von dir. Sage zu einem Menschen: »Du bist Fleisch von meinem Fleische« und er veranlasst deine Einweisung in die Psychiatrie. Zu Recht.

 

Duro schreibt weiter

Existiert Tschipek?
1

Existiert Tschipek? Wer kann das wissen? Irgendwo dort draußen im medialen Universum, im digitalen Rauschen, treiben Bilder von ihm vorbei. Doch sie fügen sich nicht zusammen. Sie ergeben keine Person. Was ergeben sie dann? Eine Unperson? Eine Unperson ist eine persona non grata, eine weggewünschte Person, eine Person, die Ärger macht. Macht Tschipek Ärger? »I wo«, sagen seine Freunde. »Tschipek ist lustig.« Tschipek, falls es ihn gibt, sieht das anders. »Ich bin, im Paradies der Gesten, der Wort gewordene Ärger. Seht auf mich! Seht auf mein Bild! Was seht ihr da? Ihr seht Tschipek. Würdet ihr daran zweifeln? Wenn einer hier zweifelt, dann ich. Ich bin euer Zweifel, vergesst das nicht. Wenn einer, dann ich. Warum? Weil ihr nicht zweifeln dürft. Zweifelt an eurer Existenz und ihr seid geliefert: So sieht es aus. Ihr müsst zweifeln und dürft es nicht. Aus diesem Grund gibt es mich. Ich nehme euch eure Zweifel und verkaufe sie mit Gewinn zurück. Berappen müsst ihr, ich bin nicht billig. Glaubt, was ihr wollt, aber glaubt nicht, ihr werdet mich los. Ihr zweifelt, ihr wiegt das Haupt? Versucht’s erst gar nicht. Nehmt mich! Ich mache den Ärger und ihr Karriere. Ich mache Karriere und ihr habt den Ärger gratis, als Aufschlag. Niemand soll an mir zweifeln. Das hieße ja am Zweifel zweifeln und das gelingt keinem so schnell.« Manche behaupten, er sei ein Produkt der Medien. Das freut ihn und er stimmt gerne zu. »Im Kapitalismus ist alles Produkt.« (Im Sozialismus auch, fügt er hastig hinzu.) »Wenn die Medien mich produzieren, bitte! Einer muss es ja tun. Wer bin ich, sie daran zu hindern?«

Existiert Tschipek?
2

Als der Kapitalismus noch Zwiesprache mit den Menschen hielt, kam er einmal zu Tschipek und unterbreitete ihm ein Angebot. Worin dieses bestand, weiß niemand. Aber es muss umfassend gewesen sein. Seither weiß Tschipek alles, was den Kapitalismus betrifft, folglich alles. Mit diesem supranaturalen Zustand ist nicht gut Kirschen essen. Deshalb beschreibt Tschipek den Kapitalismus auch gern als Hölle. In solchen Phasen ist er ganz er selbst und ganz außer sich. »Geht’s euch gut? Geht’s euch gut?« fragt er die Leser, »Das ist die Hölle.« Irgendwann, weiß Tschipek, macht der Kapitalismus jedem ein Angebot. Daher wundert’s ihn nicht, wenn andere dagegenhalten: Neunmalkluge, gestützt auf Statistiken, die vorgeben, in der besten aller bisherigen Welten zu leben. »Globale Krise? Welche Krise? Die Menschheit stürmt voran. Also hinterher!« Tschipek widerspricht ihnen nicht. Er findet nur, sie sollten sich teurer verkaufen. »Mit vielen Einschränkungen kann man grob die Daten akzeptieren, auf die sich diese ›Rationalisten‹ beziehen.« Man sieht, er kann schmallippig sein. Er ist schon ein Genie. Warum, das schiebt er gleich hinterdrein: »In der Tat leben wir heute eindeutig besser als unsere Vorfahren vor 10 000 Jahren, und selbst ein durchschnittlicher Häftling in Dachau (dem Nazi-Arbeitslager, nicht Auschwitz, dem Todeslager) lebte wenigstens etwas besser als wahrscheinlich ein Sklave der Mongolen.« Das werden sich die 41 500 Toten des KZ Dachau auch gedacht haben (von denen, die nach Auschwitz weiterdeportiert wurden, einmal abgesehen). ›Wir‹ wissen nicht, welche Formen des ökonomischen Realismus sich im Zeichen der Vernichtung durch Arbeit entwickeln. Selbst ein Tschipek hält sich da zurück, aber nur mühsam. Seine wahre Hölle ist der Schreibtisch.

Existiert Tschipek?
3

Was verbindet die Erschossenen, Gehenkten, zu Tode Geprügelten, die Verhungerten, Gefolterten, Vergewaltigten, Entwürdigten, Versklavten, Dekapitierten, Dehumanisierten außerhalb der privilegierten Regionen dieser Erde, über die Stalin und Mao ihre schirmende Riesenfaust hielten, mit den Reichen, den Satten, den Zufriedenen, den Konsumidioten, den Korrespondenten und Kritikern in ihren klimatisierten Büros? Richtig: der Kapitalismus. Der Kapitalismus, findet Tschipek, ist der große Gleichmacher auf Erden. Wer glaubt, es könnte einen guten und einen bösen Kapitalismus geben, der liegt radikal schief. Der böse, kapiert es endlich, ist nichts als die dunkle Unterseite des guten. Als Postkartenmotiv macht sich das nicht schlecht. Dabei weiß Tschipek, dass mit solchen Fabeleien kein Blumentopf zu gewinnen ist. Ihre Zahl ist Legion und jeder Sozialarbeiter war bereits weiter. Im Grunde findet Tschipek, es sei besser, den Kapitalismus für sich sprechen zu lassen. Das meint natürlich, dass er, Tschipek, als Sprachrohr mit gutem Beispiel vorangeht und dekretiert: Gesundheit im Kapitalismus ist Scheingesundheit.

Existiert Tschipek?
4

Tschipek hat ein loses Mundwerk. Doch er will nicht, dass ein Handwerker kommt und es festschraubt. Das heißt, er scheut die Ausgabe, weil in der Krise, wie er sagt, sich der Wert nicht im Produkt, sondern im Geld konzentriert. »Bedeutet das nicht, dass sich der Fetischismus in diesem Moment, anstatt sich aufzulösen, in seinem direkten Wahn durchsetzt?« Irgendwie schon, denkt Tschipek. Das lose Reden erzeugt eine Abwärtsspirale, aus der zu entkommen schwierig wird. Wenn der direkte Wahn sich durchsetzt, so ist das dem Kapitalismus gesetzmäßig inhärent und deshalb zwingend. Folglich erscheint Tschipek alles, was er gerade erzählt, gesetzmäßig inhärent und zwingend. Er selbst muss sich nicht zwingen. Er steht unter Kontrakt und der Kapitalismus erledigt die Sache im Handumdrehen. Aus dieser Sicht erscheint ihm der Kapitalismus als Witz, aber als einer, der, wie er selbst, alles ernst meint. »Tatsache: dass etwas faul ist mit einem System, in dem unkontrollierte Bankgeschäfte den Bankrott eines ganzen Landes verursachen können.« Wäre es da nicht besser, kontrollierte Bankgeschäfte würden den Bankrott verursachen? Im Prinzip schon. Es müsste nur einer da sein, der kontrolliert. Woher nehmen, wo alles korrupt ist? Das ist nicht so einfach. Die Demonstration, dass mit einem korrupten System etwas faul ist, gehört zu den Glanznummern Tschipekscher Dialektik. Doch da sein ganzer Systembegriff faul ist, weil er sich niemals bewegt, entgeht ihm dessen eigener Witz, das heißt, sein Korruptsein. Nie würde sich Tschipek der Frage stellen, wie zum Beispiel das Geldsystem funktioniert oder wo die Krisenauslöser sitzen. Sobald er vom ›System‹ redet, ist immer alles irgendwie inbegriffen und geht mit allem einher wie ein misstrauischer Obdachloser, auf den der lateinische Merksatz zutrifft: Omnia mea mecum porto. »Welches Porto?« könnte Tschipek fragen, »Ich kenne nur Portwein.«

Existiert Tschipek?
5

Als Tschipek einmal originell sein wollte, erfand er, wie Brunelleschi, die Kuppel. Das ist kein Witz, es hat nur welchen. An dieser Stelle sollte von Tschipeks Kollegen geredet werden. Ja, auch Tschipek hat einen Kollegen. Er ist, Brunelleschi herausgerechnet, der eigentliche Erfinder der Kuppel. Der gute Kollege hatte den Einfall, die Globalisierung als eine Art Treibhaus zu beschreiben, in dem die Reichen und Satten sitzen, während die Armen und Hungrigen ihnen von außen auf die Finger sehen. Er wollte damit sagen, unter der hermetischen Kuppel könnten keine richtigen historischen Ereignisse (wie zum Beispiel Revolutionen) mehr eintreten, vergaß aber in seiner gewohnten, etwas zerstreuten Eile, die Zerbrechlichkeit solcher Glaskonstruktionen zu erwähnen. Tschipek hingegen erkannte sogleich mit geübtem dialektischem Blick die alte Zweiteilung der Welt. Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Wo Klassen sind, da herrscht Klassenkampf. Wenn aber die Ausgeschlossenen die neue Klasse bilden, das neue emanzipatorische Subjektsubstrat der Geschichte, dann tschüss, ihr nie wirklich funktionierender Ersatz für die abgehalfterte Arbeiterklasse, ihr FeministInnen, Schwule, Lesben, Transen, Gastarbeiter, Farbige, Abgehängte! Objektiv reaktionär, wie ihr unausweichlich von jetzt an seid, habt ihr keine andere Chance, der ziellosen Idiotie des Privatlebens zu entkommen als die, euren Kampf mit dem der vom globalen Kapitalismus wahrhaft Exkludierten zu verbinden. Was wird den Exkludierten verweigert? Inklusion. Was verlangen die Exkludierten? Inklusion. Was ist Kapitalismus? Inklusion durch Exklusion. Wie zerbricht man Exklusion? Man zerbricht Grenzen. So denkt Tschipek, weil es in ihm so denkt. Kommt es hart auf hart, so denkt es aus ihm heraus.

Existiert Tschipek?
6

An dieser Stelle muss Tschipek den Kopf aus dem Sand gezogen und nachgedacht haben. Jedenfalls redet er seither mit gespaltener Zunge. Im Grunde seines Herzens kann er sich nicht entscheiden, ob er das Elend der Ungleichheit dem Elend der Gleichheit vorzieht oder umgekehrt. Sobald er den einen Elendszug passieren lässt, setzt er den anderen in Bewegung. Offenbar hegt er die Hoffnung, an ihrem Kreuzungspunkt müsse zweckmäßigerweise eine Art Himmelfahrt stattfinden. Sicherheitshalber lässt er sich nie an ihm blicken. Er zeigt nur flüchtig in seine Richtung. Der Schock der radikalen Gleichheit, so Tschipek, trifft die Kuppelbewohner im Morgengrauen. Warenfetischisten, die sie sind, gleichen die Mindergestellten ihren Bessergestellten wie ein Krokant-Ei dem anderen. Doch der consumismo verrät die Ungleichen. Gleicher ist, wer mehr konsumiert. Wenn aber die radikal Ungleichen die Hölle stürmen, dann ist sie wirklich das Paradies, als das sie den Ausgeschlossenen fälschlich erscheint. Allerdings gilt das nur für den kurzen historischen Moment, bevor es unter dem Ansturm der Ausgeschlossenen zerbirst. Es kommt also darauf an, die Hölle zu verteidigen, mit allen Finten und Finessen des Diamat, der jetzt als Galimathias firmiert, um nicht aufzufallen, da es allenthalben heißt, er sei tot. Wie Tschipek das macht, ist schon lesenswert. Bleibt, wo der Pfeffer wächst, und revolutioniert euch redlich, steckt er den Wanderlustigen, die irgendwann entdeckt haben, dass die Kuppel nur eine Zirkuskuppel ist und untenherum voller Löcher. Im übrigen: Seid willkommen! Er könnte auch schreiben: Wir lieben euch doch alle: gebongt! Aber dann käme er sich schäbig vor wie die Vorsichtigen, die schon länger so reden und die er verachtet, wenngleich nicht wirklich. Ein bisschen Schäbigkeit muss halt sein, denkt er sich und tritt im Vorbeigehen nach dem Sack mit der Aufschrift ›Xenophobie‹: Das Wimmern da drin ist ja nicht zum Aushalten.

Existiert Tschipek?
7

Am liebsten wäre es Tschipek, die Unangepassten aller Länder, die Ausgeworfenen, Ausgeflippten, Zurückgebliebenen, Abgedrifteten, die Sentimentalen, die Kokser, der ganze Rest, die Herrenreiter ohne Gestüt, aber mit Vergangenheit, die Kokainbauern, Hühnerzüchter, Brieftaubenhalter, Frauendrangsalierer aus Herkunftsgründen, die religiös Musikalischen mit dem absoluten Gehör, die erfolglosen Modedesigner, die Überlieferungsfreaks, die nicht Überzeugten aus Überzeugung, die grundsätzlich Überzeugten jeder Himmels- und Farbrichtung, die »Nö« rufen, sobald das Wort ›rationale Verständigung‹ fällt, sie alle sammelten sich unter der Fahne des Tschipekismus zur wahren Tat und riefen: »Passt!« Das wäre schön. Ginge es nach den üblichen Millenaristen, die allzu ungeduldig dem Ende der Zeiten entgegenfiebern und gewohnt sind, das Fell des Bären zu verteilen, ohne sich an der Jagd zu beteiligen, es gäbe einen Tschipek des Nordens und einen Tschipek des Südens, daneben einen des Westens und einen des Ostens. Im Grunde ist es schade, dass nicht mehr Himmelsrichtungen zur Verfügung stehen. Die wundersame Tschipekvermehrung käme sonst an kein Ende. Die Leute sind scharf auf Tschipek und jeder will seinen ungeteilt. Das liegt teils daran, dass Tschipek, sobald man ihn teilt, in lauter Bekanntes zerfällt – »Das soll Tschipek sein? So ein Quatsch!« –, teils an der nicht unplausiblen Überlegung, dass jede Teilung in Klassenkampf mündet, ja ihn gewissermaßen voraussetzt. In mancher Hinsicht ist Tschipek der Null-Meridian des Klassenkampfes. Praktisch verkörpert er die Reißleine des Planeten. Wer an ihr zieht, dem öffnet er sich und fliegt im Ethanolrausch davon. Daher ist es wichtig, ob oben oder unten gezogen wird. Wer oben zieht, ist so frei, wer unten zieht, hängt im Freien. »Stellt euch nicht so an«, scheint er den Gebeutelten aller Länder zuzurufen, »besser wird’s nicht.« Das ist seine Deutung des bereits erwähnten Satzes, dass Veränderung erst eintreten kann, wo alle Hoffnung zertreten wurde. Haut drauf, aber werdet nicht kriminell, bevor ich weg bin. Tschipek sitzt im Flieger, wenn ihn die Nachrichten einholen. Er fliegt sich frei, darüber erwartet die Welt ein Buch von ihm. Teile daraus zirkulieren bereits, aber unerkannt.

Existiert Tschipek?
8

Wenn Tschipek keine Lust hat, sich mit anderer Leute Geschwätz zu befassen, dann findet er es obszön. Zum Beispiel fände er, spräche er über sich selbst, es obszön, dass so viel über ihn gesprochen wird. Das bedeutet nicht, dass die Dinge sich besserten, hielte er stattdessen den Mund. Das Gegenteil wäre der Fall. Das Obszöne existiert ja, es will heraus, so wie das Böse, auf dessen Oberfläche es glitzert. Auf Tschipeks nach oben offener Obszönitätenskala ist obszön, wer das Obszöne obszön findet. Tschipek lässt die Beine baumeln und starrt ins Leere. Adieu Psyche, adieu Seminarwelt, adieu Universum! What comes next? Wer hat die Pfoten verdeckt im Spiel, wenn das Spiel aus ist? Wer im Märchen lebt, der will am Ende heraus. Was aber, wenn das Märchen aus lauter Märchen besteht, die einer selbst gesponnen hat? Wohin fällt, wer beschlossen hat, nicht mehr aufzufallen? Im Grunde, sinniert Tschipek, ist das exakt die Lage, in der sich der Westen befindet. Er ist der Westen nicht mehr, während er doch davon lebt, der Westen zu sein. Angekommen zu sein und das Haus steht leer: ein Debakel. Das darf nicht sein. Wenn die Amerikaner vor lauter correctness anfangen, Renegaten zu wählen, dann hat die Theorie, mit Verlaub gesagt, versch***. Allein die Sternchen zeigen schon, wohin dort die Reise geht. Zeit, sich auf das alte Europa zu besinnen! Der Kommunismus, da kommen wir der Sache schon näher – das europäische Ereignis schlechthin! Nun gut, streichen wir das ›schlecht‹, es verdirbt den Geschmack, schreiben wir ›guthin‹. Gut Ding hat Weile, das Stück Wegs will genossen werden. Nur im Genuss findet der Mensch sich, jedenfalls bruchstückhaft. Was will mir ein Bruchstück von mir? Das soll mir genügen? Eurozentristisch gedacht, ist der Eurozentrismus schlecht. Nieder mit dem Eurozentrismus! Ganz nach unten damit, denn er ist die Basis von allem. Was wäre die Welt ohne einen gesunden Eurozentrismus? Sie wäre ärmer – das zumindest verbindet uns mit den Reichen. Oder mit den Armen? Oder mit den Anderen? Oder mit den Fremden? Wieso dann fremd? Mittun kann jeder, es kommt immer drauf an, was einer daraus macht. Oder wir mit ihm. Oder es mit uns. Oder es mit sich… Unsinn.

Dieser Duro hat zuviel Zeit, sinniert der Rektor, nachdem er das Manuskript durchgeblättert hat, ich werde ihn mit einer Kommissionsleitung betrauen. Wir sollten diesen Tschipek einladen, falls es ihn wirklich gibt.

A Star is Born
1

Du kannst die Gendersprache,
nein: gendergerechte Sprache zum Teufel wünschen (was will sie da?), wie das, zu aller Überraschung, Argloser tut, der, mit seinem akademischen Ruf spielend, sich an die Spitze des öffentlichen Unmuts gesetzt hat, aber eines musst du ihren Konstrukteur*innen lassen: Sie haben die bürgerliche Sprachkultur aufgemischt, wie es keinem Schriftsteller, gleich welchen Geschlechts, der letzten hundert Jahre gelang. Dabei gab es Sprachzerstörer erster Ordnung unter ihnen. Am Willen kann es folglich nicht gelegen sein, auch nicht an der Sparsamkeit der Mittel oder des Denkens. Es muss etwas anderes, schwer Fassbares mit im Spiel sein, Sex zum Beispiel oder, besser noch, verweigerter Sex, der stets wirkungsvoller in Erscheinung tritt als der erfüllte. So ein Asterisk trennt die Geschlechter wirkungsvoller als jede Hinrichtung, wo er sie doch zu verbinden scheint … kurz: er stört den Verkehr. Nichts anderes ist sein Zweck und er erfüllt ihn ausgezeichnet. In aller gebotenen Kürze erklärt er beiden Geschlechtern, dass nicht sie gemeint sind, dass sie niemals gemeint waren und, vor allem, nie wieder gemeint sein werden, vielmehr das dritte, unbekannte, sich erst in der Zukunft enthüllende, das sich zwischen ihnen auftut. Dem Dritten gegenüber befinden die Parteien, die sich bereits erklärt haben, von Grund auf sich im Nachteil: voreilig, übergriffig, nachlässig im Umgang, stets verständigt mit ihresgleichen, anmaßlich und voller Ressentiment glauben sie zu wissen, was sie erwartet. Nein, nicht ums Wissen ist es ihnen zu tun: ihre klebrige Sexualität drängt sich in den Hiatus zwischen den Menschen und füllt ihn aus – eine Gnadenlosigkeit ohnegleichen, nur vergleichbar der Bosheit dämonischer Mächte, wie sie das Christentum über zwei Jahrtausende bekämpfte, um sich ihnen am Ende nahezu willenlos auszuliefern. Die Dichter haben den Dritten nur interpretiert. Sie haben sich von der Sprache des Geschlechts blenden lassen und ihn als ewigen Konkurrenten, als Versucher in die Beziehung eingeführt. Heute wissen wir: Das war ein Fehler. Der Dritte, das ist der jeder Festlegung vorausliegende Horizont aller Geschlechtlichkeit. Ein unvermutet im Herzen des Universums aufflammender *Stern zeigt ihn an, er vermittelt ihn den einfältigen Menschennaturen, auf dass er nie mehr verloren gehe.

Damit, Fu, alter blecherner Fu, hast du nicht gerechnet.
Dein Projekt ist zerstört, kaum dass es sich rechnet.
Die Erfüllung ist größer als das Erfüllte, sie löscht es aus.
Löscht es aus.
A Star is Born
2

Die Historikerin schlägt die Peitsche, sie rührt sie sanft, sie entlockt ihr die wunderlichsten Töne, ein Rauschen geht durch den Sitzungsraum, kaum dass sie Platz genommen hat, ebenso unhörbar wie unüberhörbar, die passenden Sensoren vorausgesetzt, und welcher Mann hätte sie nicht? Die Kolleginnen spüren die Konkurrenz und nehmen sie als Zugang in ihren Reihen, sie sind, wie sie sagen, dankbar für jede Verstärkung, zugleich sonnen sie sich im Glanz der Ansprechbarkeit für gewisse … Dinge, ›rationale Argumente‹ zum Beispiel, denn Annabell Asche-Aigner, die Neue, setzt in puncto Zuständigkeit neue Maßstäbe, sie mischt überall mit. Gegen ihre Suada ist, wie das Kollegium nach und nach feststellen muss, nirgends ein Durchkommen. Wenn sie losgeht, dann wie eine Bombe, manchmal in Zeitlupe, dann wieder mit der unvermischten Wucht einer klassisch zu nennenden Detonation.

  • ―Der Antrag ist abgelehnt.
  • ―Das sehe ich nicht so.
  • ―Aber Frau Kollegin, wir haben abgestimmt.
  • ―Dann sollten wir noch einmal nachdenken. Dieser Antrag ist mir wichtig. Ich finde es eine unhaltbare Situation…
  • ―Ganz recht. Deshalb sollten wir…
  • ―Sollten wir nicht. Ich verlange eine erneute Diskussion. Sie können nicht mit einer einfachen Mehrheit vom Tisch wischen, was an anderen Universitäten längst Usus…
  • ―Also gut. Was schlagen Sie vor?
  • ―Dass wir uns erst einmal hinsetzen und alle gemeinsam nachdenken.

Da sitzen sie jetzt und denken nach: der dicke Blowasser, Agosch mit den gegelten Haaren, Argloser, sich in den Bart fassend, Dürrobst, Pfeifchen samt Pfeifenputzer vor sich hinhaltend, in der Bewegung erstarrt, Stutenkeil, den Blick abwesend auf die im milden Sonnenlicht verschwimmende Fensterfront gerichtet, Werferich, die etwas behäbig wirkende Juniorprofessorin, Sabine A., die gute A., die es endlich geschafft hat und nun darauf vertraut, dass der Name ihr einen der vorderen Plätze beim weiteren Fortkommen sichert, denn ihr Ehrgeiz reicht in höhere Sphären – seit sie hier sitzt, in inniger Feindschaft mit Agosch verbunden, der ähnlich denkt, ohne zu ahnen, dass einige seiner Kollegen, des Bajuwarischen mächtig, ihn unter dem Namen ›A Goschn‹ handeln und unter G rubrizieren, bei dem graumelierten Herr dort drüben handelt es sich, wie bekannt, um Friedenwanger, ihm zur Linken hält Kypras sich aufrecht, der es auch, endlich, geschafft hat, und damit beenden wir vorerst die Vorstellerei, denn in diesem Gremium geht es wie in tausend anderen seiner Art zur Sache und um nichts weiter.

Kypras übrigens: der einzige, der sich Asche-Aigners Redefluss unbekümmert entgegenstellt. Nein, er stürzt sich in ihn hinein, scheinbar ein guter Schwimmer, jedenfalls unerschrocken, doch man hat auch solche untergehen sehen.

  • ―Das meinen Sie doch nicht im Ernst, Kollegin!
  • ―Oh doch! Wie kommen Sie dazu, mir den Ernst –
  • ―Das hatte ich befürchtet.

Für solche Momente wurde das Amt des Dekans geschaffen.

  • Herr Kollege, Sie wollten damit doch nicht –

A Star is Born
3

Kypras fragt sich, wie er sagt – er sagt es wirklich unter Kollegen und darin liegt eine Sensation –, was an gendergerechter Sprache gerecht sein soll, wie der Begriff der Gerechtigkeit sich überhaupt in diese triste Region des menschlichen Geistes, wie er sich ausdrückt, verirren konnte. Kypras, der Grieche, steht nicht an, das Wort ›Geist‹ zu verwenden, die ideologischen Sperrriegel seiner deutschen Kollegen existieren für ihn nicht – »Wenn ihr zusammen mit dem Ungeist auch gleich den Geist loswerden wollt, bitte: Mind the gap!« –, er ist nicht der Mann fürs Feine, er klotzt: »Wer sagt, Geschlecht sei eine Rolle, der soll sich gefälligst auch daran halten. Das wäre ja eine tolle Aufführung, wenn auf der Bühne alle Rollen zugleich angesprochen werden müssten – aus ›Gerechtigkeit‹. Intrigant(e)*Naive(r): So schweig, DuSie, bevor die Sprach’ / Dein Leben mordet, weil sie Brettgang hat.«
Sprache ist weiblich*.

  • Herr Kollege, Sie wollen damit doch nicht –
  • ―Nein, will ich nicht.
  • ―Was wollen Sie dann?
  • ―Ihre Frage nicht beantworten, wenn es Ihnen recht ist.
  • ―Aus welchem Stück ist das überhaupt?

Er vermisst ihn sehr, den Geist, umso gieriger hält er sich an den Ungeist der Gegenwart.

  • ―Wer behauptet, Geschlecht sei eine soziale Rolle, der kann sich nicht nachher hinstellen und verlangen, dass sein Geschlecht alle Rollen bekommt. Das ist nicht gerecht, sondern lächerlich. Überdies heißt es, sich eine Blöße geben. Das ist eine Körper-Metapher. Der Körper spielt also mit bei alledem, so wie er auch auf der Bühne mitspielt. Auf der Bühne kann einer behaupten, er habe kein Hinterteil, und es gleichzeitig dem Publikum hinhalten: das nennt man einen Effekt. Nichts anderes erzielt, wer Gendergerechtigkeit verlangt. So, und jetzt will ich dieses Thema ad acta legen, denn dort gehört es hin.

Da hat er die Rechnung ohne Asche-Aigner gemacht.

  • ―Ich verlange, dass dieser Kerl Hausverbot bekommt.
  • ―Sie wissen schon, dass er unser Mann in Athen ist?
  • ―Ich höre ›Mann‹. Das reicht mir vollauf, um auf meiner Forderung zu bestehen.

Das geflügelte Wort »Ich höre ›Mann‹. Das reicht mir vollauf« umzittert sie, wo immer sie geht, steht oder sitzt. Es führt dazu, dass sie gewählt wird, wann immer es etwas zu wählen gibt. Schon schwebt sie hoch über der Kollegenschaft, ein Heißluftballon, aus dem immerfort Botschaften abgeworfen werden, von den untertänig(st)en Scardanellis der Fakultät gierig aufgegriffen und als Regieanweisungen missverstanden. Andererseits: Was ist eine Rolle gegen die Regie? Asche-Aigner wächst rascher in die Rolle der Regisseur*in hinein, als ihr Flügel sprießen. Auch die wurden hier und da schon gesichtet.

Selbst aufs Hier-und-Da ist nicht immer Verlass. Ganz wie aufs Selbst.

A Star is Born
4

Memo

Enteignet Aigner! So stand es lange an einer Hauswand, an der du vorbeikamst, sooft du den Weg zur Pyramide einschlugst. Die schmutzige Fassade gab das Geheimnis des Namens nicht preis, es standen auch andere Parolen darauf, doch diese stach weiß-auf-grau unter ihnen hervor: Enteignet Aigner! Was du nicht wusstest: Aigner, Herr Aigner, Produzent von Büromöbeln, der auch für die Bestuhlung der Pyramide verantwortlich zeichnet, jedenfalls in technischer Hinsicht, war vor Jahren Objekt einer Entführung gewesen. Asche-Aigner schweigt über diesen Punkt, er gehört zu den Familien-Pudenda, sie schweigt auch deshalb, weil sie ›davon ausgeht‹, dass in ihrer Umgebung jeder Bescheid weiß.

Woher weißt du das? Weil du sie beobachtest, seit du Bescheid weißt. Du siehst sie seither mit anderen Augen, das genügt, um in ihre Augen die Zuversicht einzupflanzen, dass du Bescheid weißt und diskret genug bist, nicht darüber zu reden, weil es ihr vielleicht peinlich wäre. Peinlich insofern, als der Mann seit dem Unfall sein Leben geändert und in Tagebuchform darüber öffentlich Auskunft gegeben hat. Aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, dass auch diese Ehe am Ende war und durch die Entführung eine zweite, vampirhafte Existenz erfuhr. Gewiss, auch Ehen machen Erfahrungen, die man ihnen als Unbeteiligter gern ersparen würde, sie gehen aus ihnen wundersam gestärkt – oder besser: gestrafft – hervor, es lohnt sich wirklich nicht mehr, sie jetzt abbrechen zu wollen, ohnehin würden sie jeden Abbruchversuch spielend überdauern, um in alle Ewigkeit fortzulaufen. Das muss verhindert werden, schon um der Hoffnung willen, sie möchten dereinst erlöschen wie eine der flackernden Kerzen im Märchen vom Gevatter Tod. Stattdessen fährt Asche-Aigner im Familien-SUV vor, den ihr Gatte seit jenen Tagen der erzwungenen Einkehr nicht mehr angerührt hat.

Auch dieses Gerät will entsühnt sein. Dafür eignet sich eine Karriere gut. Du stellst dir einen jeden Morgen ins Büro radelnden, diskret von Bodyguards beschatteten Aigner vor, der sein geläutertes Kapitalisten-Dasein ganz in den Dienst an dieser Karriere gestellt hat, du buchstabierst die Erleichterung in den gespannten Zügen des Mannes, der zu hohen Zielen unterwegs ist, und du verstehst die subtile Technik, mit der es ihm endlich gelang, sich seiner Frau zu entledigen, also gerade des Wesens, das Asche-Aigner mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft. Eine Ehe, in der beide Parteien aushäusig sind, gibt den Zusammenhalt, den es braucht, um ein alleiniges Leben zu führen, ein Leben als Ipsissimus oder -ma, ohne Wenn und Aber, ohne die Kämpfe der Intimität, in der sich gewöhnliche Mitmenschen so gern verbrauchen. Du verstehst: das Fluidum, das Asche-Aigner umgibt, entstammt jenem Geist-Ersatz, den begüterte Menschen aus ihren Unfällen ziehen wie andere Leute eine Behindertenrente.

A Star is Born
5

Warum die Reprise? Haben wir das nicht alles schon einmal gehört? Und nicht einmal: hunderte Male? So fragen sich viele, wenn sie den Ausführungen Asche-Aigners folgen. »Sie werden es noch öfter hören. Sooft Sie wollen. Und wenn Sie es nicht mehr hören wollen, wenn es Ihnen zu den Ohren heraushängt – dann erst recht!« Sie geht einen scharfen Trab, sie ist mit der Rektorin verbündet, sie möchte so schnell wie möglich den Coup wiederholen, der kürzlich einer befreundeten Kollegin an einer Universität im Ostteil des Landes gelang. Dort gilt seit zwei Semestern, unabhängig vom biologischen Geschlecht der so Titulierten, die Anrede ›Frau Professorin‹ als Standard: aus Gründen der ausgleichenden Gerechtigkeit und einigen anderen, die nicht so leicht über die Lippen gehen, aber ihren Anteil am Gedankenleben behaupten. »Ich habe nichts dagegen«, bekundet Langwasser, ohne abzuwarten, was seine hedonistischen Freunde in Frankfurt dazu anmerken werden – denn das werden sie ohne Zweifel –, die Mundwinkel zittern, so dass, wer ihn kennt, sogleich den Sarkasmus aufnimmt und Bescheid weiß: Natürlich hat er, gerade er etwas dagegen, und nicht nur ›etwas‹, sondern eine ganze Menge, in Wahrheit wirft er alles an die Front, was an Argumenten irgendwie laufen kann, bis hin zu der Überlegung, dass Asche-Aigner zusammen mit ihren Gesinnungsgenossinnen die Abschaffung der Frauen betreibe:

  • ―Wo jedermann Frau ist, hat sich doch nichts geändert. Nur die Frauen selbst sind verschwunden.

Asche-Aigner kann über diese müde Übung nur lächeln.

  • ―Seit wann so besorgt, Frau Kollegin?
  • ―Ich bitte die Frau Kollegin, ihrem Antrag nicht vorzugreifen und Fakten zu schaffen, wo noch Klärungsbedarf besteht. Ich behalte mir vor, sie zum gegebenen Zeitpunkt mit der Anrede ›Herr Kollege‹ zu konfrontieren.
  • ―Konfrontieren Sie ruhig. Das sind wir ja von Ihnen gewöhnt.

Sie kann den Tag nicht er warten, an dem »die Wahrheit weiblich« sein wird, wie sie sich ausdrückt, um sich damit vom neuerdings ebenfalls emeritierten, aber noch keineswegs zahnlosen Dürrobst die maliziöse Bemerkung einzufangen:

  • ―Ist sie das nicht?
  • ―Nein.
  • ―Ich wusste nicht, dass sie an eine Gehaltsklasse gebunden ist.

Letzteres murmelt er nur: ein zahnloser Greis.

A Star is Born
6

Dürrobst, jung, unverbraucht, statt des Pfeifchens ein Ho-Tschi-Minh-Sprüchlein zwischen den Lippen, untergehakt im rauen Chor der Genossen das Unmögliche fordernd, fühlt sich in der alt und rissig gewordenen Haut, als habe er sein Lebens an einem dekadenten chinesischen Kaiserhof zugebracht und irgendein undurchdringliches Zeremoniell führte in ihm Regie, während die mongolischen Krieger in hellen Scharen über die Mauern des Palastes springen, den kein unbefugtes menschliches Auge erblicken darf, und mitten in der tobenden Schlacht bereits mit dem Plündern und Vergewaltigen beginnen, als sei der Gegner für sie kaum mehr als Luft.

Ruhr-Professor erklärt Universität Gender-Krieg
Ausriss aus: AVZ-Kurier, 27.3.**

 

O-Ton Argloser: Pfui Teufel! Gut gemacht. Ihr kriegt noch mehr.

Warum Argloser? Die Antwort ist relativ einfach. Argloser war schon immer ein unsicherer Kandidat. Keiner weiß, welcher Zufall ihn in die Pyramide befördert hat: Er war schon immer da. Sobald das Institutsgedächtnis versagt, gilt das geflügelte Wort Das muss vor Argloser gewesen sein. Sein Faible für chaotisch verlaufende Prozesse macht vor dem eigenen Leben nicht Halt. Was hat einer wie er zu verlieren? Nichts. Argloser hat nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren, das hebt sich auf.
 

Medien
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Aus dem Umbauarchiv

Mehr Luft!
1

Apropos Luft: Dann und wann kommt es vor, dass Dürrobst keine Luft mehr bekommt. Jedenfalls redet er so. Wozu braucht ein grau gewordener Panther wie Dürrobst Luft? Es scheint, er präpariert seine letzte Rolle: »Mehr Luft!« Leicht ist es nicht, ein Publikum dafür zu gewinnen, vor allem eines, das gewillt ist, die Botschaft weiterzutragen: Mehr Luft! Was bedeutet der Umstand, dass einem Kämpfer die Luft zum Atmen knapp wird, gegen die Überzeugung der Massen, toxische Gase zu atmen, wann immer sie Mund und Nase aufsperrt? ›Pollution‹ lautet das Stichwort, gegen das Dürrobst, von gelegentlichen Kabbeleien wie jener mit der geschätzten Kollegin Asche-Aigner einmal abgesehen, seinen letzten Kampf ficht. Ein Leben lang hat das Wort ihn begleitet, hat ihn gelehrt, die bürokratische Vokabel ›Luftschadstoffe‹ mit dem nötigen, stets ein klein wenig Abscheu enthaltenden Anstand in den Mund zu nehmen und abends griffbereit, vergleichbar einem künstlichen Gebiss, auf dem Nachttisch aufzubewahren, um es sich morgens wieder über den zahnlosen Kiefer ziehen zu können, und jetzt wendet es sich gegen ihn. Der neue Feind ist ebenso unsichtbar wie unumgänglich: CO2. Jeder stößt ihn aus, er, Dürrobst, sein neuer, etwas unangenehm wirkender Nachbar ebenso wie der letzte Seychellen-Urlauber – ganze Kontinente atmender Mitwesen, Christen und Heiden, selbst Buddhas sanfte Jüngerschar, das Leben … ganz recht, das Leben selbst, sofern es ihn nicht einfach – so wunderbar ist das Leben gemischt – verbraucht. Auf diese Weise vergeht sich jeder am Leben, sofern er seins lebt, nur die Pflanzen, sie machen es richtig und dafür essen wir sie ungerührt auf.

Mehr Luft!
2

Was geht einen Pädagogen die Kohlendioxid-Frage an? Die Pyramide verfügt, wie es heißt, über ein renommiertes Klima-Institut, dessen Leute in der Neumayer-Station ebenso ein- und ausgehen wie bei der NASA oder im Kanzleramt, wo ihre Expertise immer wieder für Turbulenzen sorgt. Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Klimaforschung kümmern ihn nicht. Er hat genug gesehen, um sich einen Reim darauf zu machen, wie Wissenschaft zu ihren Ergebnissen kommt, er lauscht auf die Obertöne, er beobachtet die Karrierewege, er liest die Zeitungen und gesteht: Sie haben’s drauf. Auch wenn er dem einen oder anderen Journalisten zutraut, das Spiel zu durchschauen – ansatzweise, sehr ansatzweise –, im Entscheidenden, das funkelt ihm aus jeder Seite entgegen, sind diese Herolde des öffentlichen Bewusstseins Wachs in den manipulativen Händen allzu ehrgeiziger Kollegen, deren politisches Bewusstsein, wie er sich ausdrückt, auf dem Niveau von Sechzehnjährigen siedelt, die sich nicht allzu sehr für Politik interessieren, da sie so furchtbar korrupt ist und es einfach nicht bringt, weil die Welt, die Menschheit, der Planet, das globale Geschehen Entscheidungen in ganz anderen Größenordnungen verlangt. Think global: das hört er von ihresgleichen, seit er und sie einträchtig nebeneinander in unterschiedliche Hörsäle trotteten, manchmal, seit einiger Zeit verstärkt, klingen die alten Stimmen in ihm nach, selbst die Gesichter, bleich, verwaschen, kommen wieder hoch. Und auch das wird nicht genügen: die Erde ist ein viel zu unwichtiger Punkt im Universum, um sich lange bei ihr aufzuhalten. Es lohnt einfach nicht. Den letzten Punkt, nimmt er an, hat mancher von ihnen still und heimlich inzwischen revidiert, nachdem sich peu à peu herausstellte, wie durchaus lukrativ es werden kann, so zu denken, wie sie es nun einmal gewöhnt sind. Dazu musste die Politik ins Spiel kommen, grüne Politik, nicht irgendeine, sondern die alles begrünende Euphorie politischer Bratenwender. Deren ungebremster Voluntarismus kann den Dialektiker in ihm noch immer zur Weißglut bringen.

Er ist ein Roter, die Grünen sind ihm zuwider.

Mehr Luft!
3

Als Experte für Massensteuerung durch Massenerregung wird Dürrobst blitzwach, sobald es im Medienwald klingelt. Das Klingeln in den Kassen der Konzerne hört er gleich mit. Friedenwanger, den alten Gegner, der ihn jetzt gelegentlich besucht, weil man ihm nach seinem Abschied von der Lehre kein eigenes Zimmer in der Pyramide zubilligte, zwingt er, das Ohr auf die Tischplatte zu legen:

  • ―Hören Sie’s?
  • ―Alter Freund, was soll ich hören?
  • ―Ich wusste es. Er hört immer noch nichts.

Aus Feindschaft ist Kumpanei geworden, wie sie es im Grunde immer schon war. So ist auch der gegenwärtige Klima-Dissens der beiden nicht mehr als ein schwaches Säuseln, in dem der frühere Donnerhall mitgehört werden muss. Friedenwanger, im Alter noch immer geschmeidig, hat sein Repertoire dem herrschenden Diskurs angepasst und hält gut bezahlte Vorträge vor Laien darüber, wie der Mensch seine Lebensbedingungen auf dem Planeten Erde zerstört, obenan durch besagtes CO2, das Klima- Gas, dessen chemischer Formel er sich vage aus seiner Schulzeit erinnert, er konzentriert sich auch mehr auf die kulturellen Folgen des an die Wand gemalten Debakels. Übrigens spürt er den Klimawandel bis in die Knochen. Was er über frühere Winter ›in unseren Breiten‹ zu erzählen weiß, siedelt gleich neben der Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein und wird vom Publikum mit derselben innigen Anteilnahme konsumiert. Mancherorts, so kolportiert man, soll es Tränen gegeben haben.

  • ―Aber das ist Unfug, Kollege. Der Wandel liegt unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des menschlichen Organismus.
  • ―Das behaupten Sie.

Dürrobst ist entsetzt. Er hat sich die Statistiken angesehen und weiß Bescheid. Von Friedenwanger auf den Status eines Behaupters zurückgeworfen zu werden, annihiliert seine Existenz als Wissenschaftler. Längst hat er das Gesetz der wachsenden Entfernung ausgegraben und seinen aktuellen Beobachtungen dienlich gemacht: Je weiter sich eine Disziplin von den ›harten‹ Klimafächern entfernt, desto überzeugter geben sich ihre Vertreter von den grundlegenden Annahmen der Klimaforscher, also jener globalen Truppe, die jedem aufkommenden Zweifel an der Welt-Unheilswährung Kohlendioxid mit harten Diskursschlägen entgegentritt. Wobei auch Dürrobst darüber Kenntnis besitzt, dass Sich-überzeugt-Geben und Überzeugtsein in der Wissenschaft wie in der Theologie auf verschiedenen Beeten gedeihen. Deshalb ärgert ihn ja Friedenwanger so sehr. Die perfekt sitzende Maske traut er ihm nicht zu und die Naivität nimmt er ihm nicht ab.

Mehr Luft!
4

Fossil Dürrobst gesteht: mit dieser Front hat er nicht gerechnet. Sie ist die härteste und er wird den Einsatz an ihr nicht überleben. Er hat diesen Krieg nicht gewollt, er kann auch nicht behaupten, er sei ihm aufgezwungen worden, aus freiem Willen stürzt er sich ins Getümmel, wissend, dass er damit alte Freundschaften pulverisiert und sich im Grunde nur Feindschaften einhandelt, die zu kontrollieren über seine Kraft gehen wird, aber eines weiß er mit Sicherheit: den Kampf ist er sich schuldig. Wenn er etwas beherrscht, dann das Lesen von Statistiken, von objektiven Verlaufskurven und projektiven Aussagen, es ist sein Ein und Alles, er hat Generationen von Studenten bis aufs Blut damit gequält und denkt nicht daran, der Welt, die es offenbar nötig hat, diese Lektion zu ersparen. Es macht ihm nichts aus, als ›Wir‹ schuldig zu sein, im Gegenteil, die Schuldfrage zieht sich als roter Faden durch seine Lehrbücher, gern würde er in den überdimensionierten Chor derer einstimmen, die ›kein Problem‹ mit der Annahme haben, dass sich der Mensch zum Störfall der Natur entwickelt hat und, jedenfalls auf dem Sektor ungebremster Bedürfnisse, teilentsorgt gehört – kein Problem, aber: beim Atmen hört der Spaß auf. Warum beim Atmen? Weil er ahnt, schmeckt, riecht, dass hier ein neuer Feind in die Welt gesetzt wurde, dessen Verfolger vor keiner Verfolgungstat zurückschrecken werden, so wie sie bisher jedesmal bis zum Äußersten gingen, bis zum Brudermord, Vater-, Mutter-, Schwestern- und Kindsmord inklusive. Außerdem weiß er natürlich, denn Psychologie gehört zu den Grundvoraussetzungen seines Fachs, dass, wer das Atmen mit Schuldphantasien infiziert, den ganzen Organismus – und damit den Menschen – irreparabel beschädigt. Schuldphantasien aber, das ist dem Pädagogen aus statistisch geronnener Erfahrung geläufig, treten unausweichlich auf den Plan, sobald der Stoff, den jeder Einzelne mit jedem Atemzug in die Umwelt entlässt, als Umweltgift entlarvt und der Kampf an allen Fronten gegen ihn zur universellen Pflicht erklärt wird.

Dürrobst gibt ein Interview.

Dürrobst, Dürrobst folgend

Der Weltuntergang ist immer flüssig

Apokalypse
1

Du verlässt den schützenden Raum der Pyramide und gleich –

… stehst du am Laufsteg der Apokalyptiker. Noch bist du Publikum. Aber du spürst, kaum dass du Platz nahmst, das Zupfen und Reißen in deinen Gliedern. Dort hinauf (oder hinunter, the way up and the way down … das alte Glasperlenspiel!) geht der Weg, dein Weg, willst du nicht am Wegrand verkümmern oder dich im Gelände der Gleichgültigkeiten verirren. Von der Sorte gibt’s viele. Allein wärst du daher nicht, im Stich gelassen schon. Von wem? Von dir. Gewiss, einer wie du kann sich im Stich lassen, aussetzen gleich einem Hund oder einer Katze, diesen Standardbegleitern des psychischen Elends: dort draußen läufst du herum, ziel-, richtungslos, mit knurrendem Magen, während hier das Licht erlischt und die Wände, eine nach der anderen, in Staub und Rauch aufgehen.

Wähl’ dir eine kleine Apokalypse. Das wird doch nicht so schwer sein? Die Auswahl ist überschaubar, jedenfalls auf den ersten Blick: im planetarischen Maßstab (drunter geht nichts) verbrannt, verbrüht, gesotten, erfroren, erschlagen, verhungert, verdurstet, von Parasiten gepeinigt, von Viren zerstört, von Künstlicher Intelligenz in den Kerkern des Bösen gehalten oder gleich in den Wahnsinn getrieben, versklavt von Verschwörern, entmannt durch Verrückte, ausgewrungen durch Superreiche, gekreuzigt durch Sklaven, von Machos vors Mündungsfeuer ihrer neuesten Waffengenerationen gezerrt, von Femokriegerinnen – Halt!

(Immer wieder hält der Zug der Gedanken an dieser Stelle. Das macht dich stutzig, doch nicht allzu sehr. Jetzt nicht!)

Apokalypse
2

Hast du dir deine Apokalypse gewählt, so behandle sie pfleglich. Gern zum Beispiel badet sie lau. Als erstes also ertaste ihre Binnentemperatur und sorge für die passende Umwelt aus gleichtemperiertem Gedankengut. Sonst wird es nichts mit ihr und die Qual der Wahl übermannt dich aufs Neue. Achte auf strenge Diät.

Auch die fetteste Apokalypse kennt den vergeblichen Hunger nach mehr und neigt zur Autophagie. Es ist ihr gutes Recht, sich nach dem Anderen ihrer selbst zu verzehren, und woran hätte sie es, wenn nicht an sich selbst? Die moderne Apokalypse ist selbstverhütend und wäre sehr überrascht, träte sie einmal ein. Ihr Wesen –

Ihr Wesen? Woher hätte sie…? Woher wohl?

Eine gute Apokalypse, eine, die in Betracht kommt, verfügt über deren mindestens vier: ein vorderes und ein hinteres, ferner ein An- und ein Unwesen. Hinzu kommen die unwesentlichen Differenzen im Inneren, denn jede Apokalypse, so klein sie auch sein mag, laboriert an ihren inneren Widersprüchen und wäre längst zu Grunde gegangen, wären ihre Adepten nicht darauf geeicht, auch die gröbsten logischen Fehlgriffe auszuhalten, solange die gute, sprich: die schlechte, sprich: die gute Sache davon profitiert.

Das innere Wesen der modernen Apokalypse ist die Kakophonie, ergänzt und zusammengehalten durch das Mantra der Unentwegten, jenen Satz immergleicher Behauptungen, an denen man sie von ihresgleichen unterscheidet.

Apokalypse
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Nicht unwesentlich ist es zum Beispiel, Atom-Apokalyptiker von CO2-Apokalyptikern zu unterscheiden. Nicht, weil sie einander nichts zu sagen hätten – ganz im Gegenteil, sie haben einander unendlich viel zu sagen. Nur die Bereitschaft zum Zuhören sinkt mit dem Fortgang der Erläuterungen: Schon gut, die Katastrophe nehmen wir mit. Gleich neben den Nah-Apokalyptikern des Artensterbens finden sich die in Jahrtausenden rechnenden Liebhaber finaler Supervulkanausbrüche und Meteroriteneinschläge, die gespannt darauf lauern, den entscheidenden Moment der ›Extinction allen Leben auf diesem Planeten‹ noch in eigener Person erleben zu dürfen. Apokalyptikern des kommenden Bankencrashs, die das Ende des Währungssystems und des Wirtschaftssystems und überhaupt der Welt, wie wir sie kennen, im Portfolio haben, fällt das nicht sonderlich schwer. Sie rechnen fest mit dem nächsten Jahr und buchen nur rasch um, wenn es wieder vorbeiging und die Welt noch steht. Was, alles in allem, nicht schlecht ist. Denn der nächste Symposiums-Auftritt steht bereits und der private Terminkalender erstreckt sich weiter, als der globale Erwartungshorizont es erlaubt. Überhaupt erstaunt bei den Matadoren der Schwarzmalerei die enge Verbindung von Welt-Unheilserwartung und solider Lebensplanung. Das ändert sich, betritt man die Gefilde der Alltagsapokalyptiker, denen ein Kind, ein Mann, eine Frau, ein Job oder Nichtjob genügt, um die Welt Kopf stehen zu lassen, als hätten die Dämonen nur auf ein Stückchen Nähe gewartet, um hervorzubrechen: dies aber mit einer als ›elementar‹ erlebten Wut und Wucht, dass das Ende deiner und meiner Welt, auf die sich am Ende alles reduziert, nur eine Frage der nächsten Zeit ist, denn wir sind zu erschöpft, uns dagegen zu wehren.

Apokalypse
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Fazit

Apokalypsen sind Primadonnen. Sie stehlen einander die Schau. Wer sich erst an eine verliert, gewahrt die Konkurrenz wie durch einen Schleier. In der Regel bestreitet niemand, dass es sie gibt und dass sie ernst genommen zu werden verdienen. Aber leidenschaftliche Aufmerksamkeit kann man nun einmal nicht teilen und gern überlässt man sie daher Leuten, die andere Reizmittel benötigen, um sich zu echauffieren. Dennoch … dennoch haben sie – die Apokalypsen wie ihre Liebhaber – einander im Blick, teils aus banaler Eifersucht, teils aus dem einfachen Grund, dass sie, da auf Erregungen fußend, psychischen Druck aufbauen und daher Linien gleichen Drucks erzeugen, an denen sich die Erregungszustände einer Gesellschaft ablesen lassen: Isobaren des Allgemeinbefindens, deren einsam scheinende Gipfel sicht- und fühlbar miteinander korrespondieren. Nicht selten findet die Korrespondenz in der Öffentlichkeit statt, wenn sektiererisch veranlagte Adepten die Aufmerksamkeit des Publikums von einer Gipfelschönheit zu nächsten zerren, als warte erst dort das Glück der tiefen Einsicht in das, was uns allen bevorsteht. Was ebenso richtig wie falsch ist, denn am Ende wird die Geschichte sich für einen Ausgang entscheiden müssen, wenngleich der Verdacht im Raum steht, dass sie, wie bei früheren Gelegenheiten, just den Hinterausgang wählen wird, mit dem keiner gerechnet hat. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.

Apokalypse
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Postscript

Die Frage: »Was trage ich, wenn die Zeit gekommen ist?« bewegt insgeheim mehr Gemüter, als das Pokerface der Gesellschaft erkennen lässt. Vor der Apokalypse sind alle nackt. Zumindest empfinden sie so. Nacktheit ist kein Problem im Moment des Verschlungenwerdens. Ausschlaggebend sind die Momente davor.

Die Selbstbewahrung ›im Angesicht des Grauens‹ bis hin zum persönlichen ›Kipp-Punkt‹ ist ein Bekleidungsproblem: die richtigen Sachen, richtig getragen, tragen ein Stück weit durch die Apokalypse. Gewiss machen sie den Einzelmenschen nicht feuerfest, aber sie lassen ihn so erscheinen. Für diese Differenz gibt er sein letztes Hemd, vielmehr den letzten Funken Verstand. Er gibt ihn nicht weg, er gibt ihn dran – als bohrendes Kreisen um den Exzess, der wir sind: »Wie kann ich dem begegnen, was allen bevorsteht, aber mir in besonderer Weise?«

Diese besondere Weise: was, bitteschön, wäre sie anderes als Bewährung? Offenkundig besteht das Paradox der Bewährung, dieser Bewährung darin, dass sie nicht mit Bewahrung einhergeht, stattdessen mit einer zur Idée fixe eingefrorenen Illusion der Bewahrung – oder der Widerständigkeit –: zerplatzen wird sie, so die irre Hoffnung, eine Sekunde (sprich: eine Ewigkeit) später als all die Seifenblasen, in denen, deinem untrüglichen Glauben-zu-wissen nach, die unbedarft-schuldige Mitwelt dahintreibt.

Outdoor-Klamotten, wie von deinesgleichen geschätzt, sie schützen nicht wirklich. Die simple Wahrheit (dir sehr bewusst): sie sind Stoff vom Stoff jener ›Kluft des Vergehens‹, die auf deiner Haut brennt wie das sprichwörtliche Nessusgewand. Sie geben die Illusion des Schutzes, an die du dich klammerst wie je ein Wesen, das nicht vergehen will.

Lieber reißt du die Welt in den Abgrund als sie dich.

Soviel Unterschied muss sein.

Der Schein des Unfriedens gebiert den Unfrieden des Scheins

Wissen wir, worüber wir sprechen? Wissen wir, worüber wir schweigen?
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Die neue Rektorin verändert alles. Du meinst sie zu kennen – früher, in einem anderen Leben, habt ihr Seite an Seite gearbeitet. Was dein Urteilsvernögen angeht, so glaubst du dich auf der sicheren Seite. Plötzlich fühlst du schwankenden Boden unter den Füßen. Ein Zwang, der tiefer geht als alle Vernunft, lässt dein Urteil … tanzen, so sagt man doch, ein Kork auf den Wellen – so sagt man doch. Woher kommt so ein Bild, passend, wie gegriffen, ganz recht, gegriffen zur rechten Zeit, doch nicht du bist der Greifende, dieses Bild greift nach dir, es greift auf dich … über, ja gewiss, so kann man es sagen. Manche Bilder graben Stollen im Untergrund, sie haben einen langen Weg hinter sich und plötzlich schütteln sie dich. Warum plötzlich? Was daran ist das Plötzliche? Was ist das … Plötzliche? Das Plötzliche ist das Unbeherrschte. Wirkt sie unbeherrscht? Keineswegs. Bist du’s? Woher dieser Gedanke? Du musst all deine Beherrschung zusammennehmen, das ist richtig, jedenfalls zu gewissen Zeiten, in gewissen Momenten, das ist wahr, aber ebenso wahr ist, dass es dir keine Mühe macht, es ist dir unwillkürlich dich zu beherrschen, das Unwillkürliche, so scheint es, nimmt im Quadrat der Herausforderung zu.

Falls du noch keine Medikamente genommen hast: jetzt wäre der geeignete Zeitpunkt.

Wissen wir, worüber wir sprechen? Wissen wir, worüber wir schweigen?
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Diese Person zwingt dich zur Selbstbeherrschung. Ist das gut, ist das schlecht? Es ist, wie so vieles, gegeben, nichts weiter, ein Stück Existenz, mit dem du rechnen musst, um es zu gestalten, glücklicherweise stehen im Alltag nicht viele Begegnungen an. Eigentlich gleitet sie an dir vorbei, als existiertest du nicht. Mach dir nichts vor, es liegt nicht an dir. Sie ist aufmerksam, äußerst aufmerksam, so sehr, dass nichts und niemand ihrem Blick zu entgehen scheint, aber: auf selbstbezügliche Weise. Das ist es. Sie ist ganz und gar selbstbezüglich, selbstreferenziell, etwas fehlt ihr, ja sicher. Sie nimmt nicht teil. Stimmt das? Nein. Wenn sie teilnimmt, dann an allem und nichts. Aber wenn das so ist, ist sie dann nicht … die ideale Vorgesetzte? Rohrwasser scheint so zu denken, die ganze Gilde der jungen Kollegen, Nassen liegt ihr zu Füßen, er verehrt sie abgöttisch. Jedenfalls scheint es so oder er hat sich in die Ergebenheitsfalle gestürzt. Der freie Mann, der er eben noch war, hat sich aufgelöst, er ist verschwunden, keiner weiß zu sagen wohin. Heute ist er ein Paladin. Was ist ein Paladin? Ein Wächter ihrer Magnifizenz, ihrer Majestät, um die erste der von ihr vollzogenen Konversionen zu benennen: Magnifizenz zu Majestät – diese Person beherrscht die Zauberformeln wie einst Harry Potter, ihr literarischer Liebling, und zögert keine Sekunde, sie zu gebrauchen. Fehlt nur der Schlag mit dem Fächer. Aber den braucht sie nicht. Er wäre zu … direkt.

Wissen wir, worüber wir sprechen? Wissen wir, worüber wir schweigen?
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Sei nicht dürftig. So ein Fisch, aus dem Wasser gezogen, zum Vermessen aufgehängt, scheinbar aufgehängt an einer imaginären Waage, doch wenn man genauer hinschaut, kommt der Faden, an dem er hängt, aus einer Region jenseits des Bildraums herunter, also aus einer im Wortsinn unermesslichen Höhe. Er verschwindet im Maul des Fisches, als sei er schon immer darin verschwunden. Die Waage … was an diesem Gerät wäre geeignet, eine Fast-Person wie diesen Fisch – einen Stör vielleicht – zu wiegen? Was wird da gewogen? Zu leicht befunden? Aber vielleicht handelt es sich um keine Waage? Wo nichts gewogen wird, da ist eine Waage überflüssig, ja fehl am Platze. Diese hier … ein schlankes stählernes Instrument mit dem Charme einer Schublehre, dem Fisch zur Seite gestellt, als gehe es darum, das volle Maß seiner Unvermessenheit anzuzeigen, wirkt überzeugender als jede denkbare Funktion. Ihre Pleuel und Zahnräder, ihre Transmissionsriemen und Ausgleichsgewichte, ihre Kurbeln, Gelenke, Bügel und Muffen scheinen geheime Aufträge auszuführen, deren gemeinsamer Horizont im Geheimnisvollen verdämmert. Tatsächlich, als hätte der Künstler dergleichen geahnt und in einem Anfall von Besorgnis für den Fall, surrealer Machinationen verdächtigt zu werden, Vorsorge getroffen, lässt er den Faden, den feinen Fischfaden, auf dieser Seite des Bildes aus seinem Jenseits zurückkommen und, straff gespannt, auf eine Spule treffen, eine aus der Klasse der Spindelartigen, die suggeriert, hier werde irgendetwas gemessen, Druck oder Zug, wer weiß das schon genau. Vielleicht wäre es richtig zu sagen, hier werde Gewicht gesponnen, doch auch dieser Gedanke verläuft sich im Ungefähren. Schade, der Künstler hatte den Wurf gewissermaßen in der Hand und zerstört ihn durch Kleinlichkeit. Und siehe, gerade dadurch hält er der Gesellschaft den Spiegel vor, den guten alten Spiegel, in den keiner hineinschauen mag, weil alle wissen, was sie darin erwartet.

Wissen wir, worüber wir sprechen? Wissen wir, worüber wir schweigen?
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Die Vermessung des Mannes geschieht im Morgengrauen. Wenn der Tag beginnt, gilt jede seiner Handlungen als vermessen, das heißt, sie gilt nicht, denn Geltung, männliche Geltung, bedarf des freien Horizonts und dieser hier bleibt verhangen. Kein Frauengericht trat zusammen, um die Entmachtung des Mannes zu verfügen. Allenfalls tagt es in Permanenz und die Vielzahl an Urteilen, die aus seinen Verhandlungen den Weg in die Öffentlichkeit finden, lässt keine rechtlich gesicherte Vollstreckung zu. Andererseits tagt es, wie einst das Reichskammergericht zu Wetzlar, bereits zu lange, als dass sein Urteil ergebenst erwartet würde, geschweige denn mit Spannung, weshalb alle denkbaren Urteile im Volk kursieren, als seien sie bereits wirklich erlassen und eine feste Basis für alles Kommende. In Wahrheit herrscht Faustrecht im Lande, das Recht des Stärkeren, und stärker ist, wer sich ins Fäustchen lacht, während die Schwachen sich prügeln.

Fühlst du dich vermessen?

Das Gefühl, vermessen zu sein, gleicht dem Faden, nicht dem seidenen, der allzu leicht reißt, nicht der Seidenschnur, die chinesische Herrscher einst ihren in Ungnade gefallenen Lieblingen sandten, vielmehr jenem von ungefähr durch einen sinnreich im Kiemen verankerten Haken gestrafften, in einer nicht einzusehenden Höhe verschwindenden Faden der Fischerin Minerva, la grande Déesse, die außerhalb des Bildwerkes ihr Werk verrichtet. So ist es: Sie verrichtet ihr Werk. Inwieweit es ihr Werk ist, darüber gehen die Ansichten auseinander, weit auseinander, ohne den Hauch einer Chance, im heiteren Rätselraten wieder zusammenzukommen. Denn diese Diskussion darf nicht geführt werden, sie wäre – Ohren zu! – sexistisch. Dann wäre auch die Vermessung des Mannes sexistisch? Aber gewiss doch, es klingen die Ohren, es klappern die Sporen, zu den radikalen Asymmetrien des Lebens im Gender-Bann gehört, dass er, als sorgfältig angelegter und mit Bedacht gewarteter Regelkreis, den Vorwurf nur in einer Richtung passieren lässt.

Wozu die Apparatur?

Die Apparatur dient dazu, dir ins Gesicht zu lügen. Sei eine Sekunde lang nicht diskret und die Wahrheit des Satzes leuchtet dir unmittelbar ein. Die Apparatur besitzt keine Funktion, jedenfalls nicht die von ihr simulierte. Ein Simulacrum ist sie, ein Götzenbild. Nichts anderes und nichts weiter. Anders als suggeriert steht es auf keinem festen Grund. Es schwebt. Selbstverständlich schwebt es – im Bildraum, wo sonst? Wo sonst? Auch sie hängt an einem Faden, nicht dem des Fisch-Manns, wie suggeriert, schon gar nicht wiegt sie ihn oder wiegt sie ihn auf – wie suggeriert –, wohl aber am Schnürchen mit Sorgfalt gestreuter Anmutungen, und zwar ausschließlich, nicht ›irgendwie auch‹ und ›ein bisschen vielleicht‹, wie der leicht befriedigte Augenschein gern zu Protokoll gibt. Ja, es gibt einen Augenpakt, der den Verstand plättet, er liegt nicht im Bild, sondern in den Beziehungen, die es spinnt, es selbst ist nur der Augenverdreher und dazu braucht es nicht viel. Was liegt an Bildern? Viel. Nirgendwo gilt der Satz ›Masse ist Macht‹ mehr als hier. Wer immer Bilder nachschiebt, beherrscht die Denkfunktionen, ohne sie beherrschen zu müssen. Von Bildern erschlagen – heißt es nicht so?

Nimm dir eines vor und es richtet dich wieder auf.

 

Dürrobst ist unzufrieden

Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
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Das Interview hat sich nicht so entwickelt, wie er sich das vorgestellt hatte. Ja, es ist ihm entglitten. Ein selbstgefälliger Journalist hat ihn übertölpelt: ein Ausrutscher, keine Frage. Früher hätten die Kollegen gefeixt, diesmal umgibt ihn eisiges Schweigen. Selbst Ruffmann, der auswärtige, huschte eben im Foyer emissions- und geräuschfrei an ihm vorbei, gleich hinter Teuschner, der notorischen Null. Als elitärer Bewohner der Pyramide achtet Dürrobst bei seinen spärlichen Auftritten in der Öffentlichkeit peinlich genau auf Fachgrenzen – in der Regel. Dürrobst zählt zu den Großen der Zunft (jedenfalls zählt er sich dazu), es schickt sich nicht, in den Vorgärten anderer Disziplinen zu wildern. Es untergräbt die notwendige Distanz. Ob eine physikalische Theorie in Fachkreisen als alternativlos gehandelt wird, geht, streng genommen, den Pädagogen nichts an – wohl aber, wie sie gelehrt wird. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Es wurmt ihn, wie hier ein bloßes Modell gelehrt, vor allem aber, Lehre hin, Lehre her, wie es allerorten lanciert wird: überheblich, unduldsam, eine Kapuzinerpredigt, die mit den Schrecken des Jüngsten Gerichts hausieren geht. So jedenfalls will es ihm scheinen und nein, er steht, wenngleich auf verlorenem Posten, mit dieser Wahrnehmung nicht allein. So ihr nicht Buße tut, werdet ihr den Planeten zerstören. Redet Wissenschaft so mit ihrer Kundschaft? Worin denn sollte die Buße bestehen? Nichts leichter als das: darin, den Anweisungen der Wissenschaft Folge zu leisten. Ein Weltklimaziel ist vor allem ein Ziel, ein Weltziel, drunter macht sie es nun einmal nicht. Aber Wissenschaft gibt keine Anweisungen. Sie kann keine geben, ohne dass sie aufhörte, eine zu sein. Wissenschaft beobachtet, stellt Hypothesen auf, ihre approbierten Verfahren heißen Beweis und Widerlegung … Seminarweisheit, bis zum Überdruss wiederholt, so dass er irgendwann anfing, Schabernack mit ihr zu treiben: heute muss er sie sich selbst ins Gedächtnis rufen, immer und immer wieder, um dem Sog standzuhalten. »Wissenschaft, es wäre besser, Sie merkten es sich gleich jetzt, ist … stets auf dem Sprung nach einem neuen Beweis oder einer neuen Theorie, die den erkundeten Sachverhalt in ein anderes Licht tauchen und neue Perspektiven eröffnen, theoretische, praktische … technologische … letztere überlässt sie mit Freuden den fleißigen Entwicklern in ihren Labors. Wie wir alle vermuten, besteht deren Aufgabe in der Übertragung abstrakter Hypothesen auf das Reich des Machbaren, vulgo Technik: Mal sehen, ob’s funktioniert. Haben Sie das notiert? Nichts, merken Sie sich das für Ihren Alltag als Lehrende, nichts ist so fließend wie eine Theorie, selbst die unumstößlichsten unter ihnen offenbaren, sobald die Zeit reif ist, überraschende Defizite und stehen danach anders da. Aber, werden Sie vielleicht einwenden, wenn es doch funktioniert? Ist das kein Beweis? Gewiss, das ist ein Beweis. Fragt sich nur wofür. Ein Grund dafür, dass etwas funktioniert, findet sich immer. Daneben haben wir Bereiche, in denen ist so ein Beweis einfach nicht zu führen, obwohl sie als ausgesprochen praxisrelevant gelten.« Diese Klimaforschung … ist sie überhaupt eine Disziplin? Sicher, unter dem Dach der Pyramide existiert ein Fach namens Klimatologie…

Doch Dürrobst weiß, wer alles sich mittlerweile als Klimaforscher versteht, darunter etliche Pädagogen, ihm schwillt der Kamm, wenn er in ihren Aufsätzen blättert. Sie bleiben Vermittlungsspezialisten, auch wenn sie sich in die Aura von Wissenden kleiden, dabei sind sie nur Überzeugte. Was hat sie überzeugt? Wer hat sie überzeugt?

Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
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  • ―Da fragen Sie, lacht Tronka, er lacht ihm mitten ins Gesicht, was Dürrobst als ungehörig empfindet, wissen Sie, was es heißt, sich als Wattforscher durchs Leben zu schlagen? Nein, ich sehe es an Ihrem Gesicht, Sie wissen es nicht. Als Wattforscher sind Sie ein ganz kleines Licht. Und, was erschwerend hinzukommt: Sie haben Lebenslänglich. Sie sitzen irgendwo in der Provinz, dort, wo sie am flachsten ist, praktisch schon hinterm Deich, und kommen nicht weg. Wenn dann der Herrgott Ihnen ein Licht aufsteckt, sowas soll ja vorkommen, dann gehen Sie ab wie eine Rakete. Versuchen Sie so einen zu bremsen, versuchen Sie’s nur! Sie werden scheitern. Und jetzt stellen Sie sich die vielen kleinen Fachkollegen draußen im Lande vor, ich will ja Ihrem Fach nicht zu nahe treten, das gilt schließlich für alle Fächer, aber die gefährdetsten sind natürlich diejenigen, die … sagen wir … im Wahrnehmungsschatten der Öffentlichkeit dümpeln, stellen sie sich so jemanden vor, dem im Zuge seiner Recherchen plötzlich der Messias begegnet. Ja, er begegnet ihm wirklich. Er verfügt über eine Lehre, er besitzt eine Überzeugung, er brennt. Die Fähigkeit Proselyten zu machen hat er bereits unter Beweis gestellt, ein Kranz von Jüngern hat sich um ihn geschart… Was haben Sie denn?

Nichts hat Dürrobst, was sollte er haben? Er mag Tronka nicht, er hat diesen Typ nicht gemocht, seit er das erste Mal den Fuß über die Schwelle der Pyramide setzte. Auch wenn er es nie zugeben würde: rein physisch ist ihm Tronka zuwider – das ist die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Er stellt sich die Füße des anderen vor – ein probates Mittel, seinen Reden zu trotzen – und er ist sich sicher, dass er Schweißfüße besitzt, bleiche, von bläulichen Kapillargefäßen gefärbte Watschelfüße, obwohl er Tronka nie hat watscheln sehen, aber in diesem Fall ist die Anmutung stärker als alle Wahrnehmung.

  • ―Watt sagten Sie… murmelt er und verstummt.

Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
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Tronkas Beziehung zum Schwachsinn – ein weites Feld, ein zu weites vielleicht … du solltest darauf zurückkommen, betrachte dies als Merkzeichen.
Tronka, der ein Lied davon zu singen weiß, wie Ablehnung schmeckt, rein physisch, der darüber zum Spezialisten für alles geworden ist, was in der Luft liegt, stellt sich Dürrobst Abneigung gegenüber taub, er hat mit ihr nichts zu schaffen. Warum sich anziehen, was in keiner Beziehung zum eigenen Inneren steht? Dort ist Dürrobst ein Wicht, ein Pfeifenmännlein, ein Niemand, ein langsam erkaltendes Relikt aus einer Geistes-Epoche, die er als ›Herrschaft des akademischen Schwachsinns‹ zu den Akten gelegt hat und an die er nicht mehr zu rühren gedenkt. Auf dieser Grundlage empfindet er fast so etwas wie Sympathie für ihn, vermutlich, weil Dürrobst sich zum ersten Mal in seinem Leben gegen etwas gestellt hat, das mächtiger ist als er und ihn, sofern er nicht aufpasst, wie eine Mücke zerquetschen wird.

Dürrobst, der gegen die Empfindung des Alters angeht, indem er es zelebriert, als handle es sich um ein besonders prestigeträchtiges Pfeifenkraut, ist taub gegen Tronkas überragende Intelligenz. Nichts hat sich daran während all der Jahre geändert, die sie sich nunmehr kennen. Es hätte sich auch nichts ändern können, da diese Taubheit nicht speziell gegen Tronka geht und auf Uninformiertheit beruht, sondern darauf, dass er nie gelernt hat, die Zeichen der Intelligenz zu lesen. Für den Pädagogik-Dozenten ist Tronka eine bizarre Gestalt aus der Mottenkiste des ›Ancien regime‹: ein Passepartout für alles, was vor den Schlüsselereignissen seiner akademischen Anfänge Anspruch auf Rang und Namen erhob (wenn man davon absieht, dass er sich heute noch an denen abarbeitet, die damit Erfolg hatten).

Dahinter steckt eine private, nie ausgearbeitete, aber im Bewusstsein außerordentlich rege Typologie: in seiner Sturm- und Drangperiode hätte Dürrobst einen wie Tronka als ›reaktionären Wichser‹ bezeichnet, ungeachtet der Tatsache, dass Tronka jahrelang, eigener Auskunft zufolge, radikal-egalitären Parolen anhing und Dürrobst in all den Jahren nichts, rein gar nichts über seine sexuellen Aktivitäten zu Ohren gekommen ist. Der ›reaktionäre Wichser‹ vereinigt in sich die bourgeoise Eigenschaft der Verklemmtheit (und damit der Anfälligkeit für Neurosen aller Art) mit der supponierten Überheblichkeit einer Klasse, die immer und überall Bescheid zu wissen beansprucht, nicht zuletzt über die heiklen begrifflich-moralischen Grundlagen der ›Revolte‹ – die übliche Skala eben. Zwar ist der Ausdruck aus den ›Diskursen‹ verschwunden, aber das Feindbild hat sich eingebrannt und steht jederzeit zum Abruf bereit: ›rein physiognomisch‹, wie Kärich jetzt sagen würde. Zwischen Kärich und Tronka, diesen einander so ähnlichen Charakteren, waltet in Dürrobsts Pandämonium ein dunkler, nicht zu klärender Unterschied und er würde keine Bedenken tragen, sich immer und überall auf Kärichs Seite zu schlagen. Doch diesmal ist Kärich nicht gefragt.

Rein beruflich benötigt Dürrobst das Gefühl, sich unter seinesgleichen zu bewegen – nur dann gelingt es ihm, die großen Differenzen aufzumachen und damit zu punkten. Einer wie Tronka zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Zumindest, so sein Argwohn, versucht er es, und Dürrobst, wie jeder gestandene Seemann, reagiert darauf breitbeinig: er vergrößert die von ihm eingenommene Standfläche.

Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
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In ihm arbeitet es. Und wie!
  • ―Sie leugnen den Treibhauseffekt nicht?
  • ―Ich? Wie kommen Sie denn darauf. Es gibt Physiker, die ihn leugnen. Bin ich Physiker?

Nein, er ist kein Physiker. Was dann? Pädagoge? Geschenkt. Informierter Zeitgenosse? Soll heißen: abgefüllt mit heißer Luft? Auf diesen Titel kann er gerne verzichten. Wissenschaft ist ein Heißluftballon. Wer keine heiße Luft produziert, der bleibt unten. Er ›versucht, den Kollegen ein Stückweit zu folgen.‹ So kann man es sagen und es folgt daraus: nichts. Kein Außenstehender kann dem Kampf der Argumente vorgreifen, als fände sich die Lösung in seiner eigenen Tasche. Gern würde Dürrobst Schiedsrichter spielen und bei Foulspiel abpfeifen, aber er weiß, dass auch diese Rolle nicht zu vergeben ist, es sei denn, einer nimmt sie sich und stürmt mit dem Ball davon. Wissenschaft hat immer mehrere Bälle im Spiel. Der Verlust eines einzelnen kümmert sie nicht. Das wissen auch die Spezialisten für heiße Luft, die nur aufsteigen wollen, egal wohin – im Himmel der Aufschneider und Schwadroneure sind immer noch Plätze frei. Je mehr sich dort drängeln, desto mehr finden Platz. Das liegt daran, dass man sie nur aufblitzen sieht, sonst nichts… Diese Figur, wer war das? Sind die Ergebnisse neu? Sind sie valide? Wurden sie bereits widerlegt? Besitzen sie den Stellenwert, den der da für sie beansprucht? ›Der da‹ ist eine Frau: da wird das Urteil schwierig, denn es ist mehrfach gezinkt. Hat sie geforscht? Oder ist sie ein Sprachrohr? Sie schieben Frauen nach vorn, um ihre Ergebnisse unangreifbar zu machen. Funktioniert das? Im Angesicht der Medien: ja. Hintenherum geht alles seinen Gang, solange die Gelder fließen.

Es soll Länder geben, da halten Industrielle und Spekulanten sich Forschungsteams wie andere Leute Fußballmannschaften. Dann tritt das ›Team Newtrich‹ gegen das ›Team Eriwan‹ an: Mal sehen, wer gewinnt. Wer wird schon gewinnen? Wer die meiste Kohle einsetzt, aber man kann sich täuschen. Ein falscher Einkauf und die Saison ist gelaufen. Auch die Pyramide ist keineswegs sakrosankt. Der milde Blick der Regierung ist unerlässlich. Fließen die Mittel, fließen die Ergebnisse. Wer einsetzt, bekommt heraus. Wer, auf der anderen Seite der Schranke, aufbricht, die Welt zu verändern, lernt rasch die Abgesandten der Götter kennen, die ihre Geschicke lenken (oder er tappt lebenslänglich im Dunkeln).

Bei sich, ganz bei sich, ohne störenden Interviewer und Tronkas
magische Einflüsterung, hat Dürrobst freie Bahn
Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
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  • ―Lassen wir die Winde Winde sein und den natürlichen Treibhauseffekt seine Wirkung tun. Treibhauseffekte gibt es, wie bekannt, nicht nur in der Natur und der ihr in Treue fest ergebenen Klimawissenschaft, sondern auch in den menschengemachten Klimaten der Hysterie und der Ideologieproduktion, in denen eine ebenso treu ergebene Dienerschaft tagtäglich Wissen zu Klicks und Phrasen verarbeitet, um daraus Profit und Macht zu generieren, gelegentlich auch Macht und Profit, je nach Windrichtung und -stärke, denn den reinen Übergang von Wissen und Wissenschaft in Zukunftsplanung und Politik, den gibt es nicht, den kann und darf es nicht geben, weil wissenschaftliche Aussagen wesentlich schwerer wiegen (und zu knacken sind) als publizistische Verlautbarungen, daher, angesichts ihres äußerst geringen Anteils am Gesamtvolumen menschlicher Rede, unweigerlich zu Boden sinken würden, kämen ihnen nicht die Winde zur Hilfe, so dass sie zirkulieren müssen, Betonung auf ›müssen‹, denn um den ihnen zugehörigen Platz im Universum des menschlichen Denkens einzunehmen und, sagen wir, feste Strukturen auszubilden, Verknöcherungen, Korallenbänke oder dergleichen, fehlt ihnen – Sie werden lachen – der Grund. Warum Grund, werden Sie fragen, haben wir nicht den Boden der Tatsachen? Hat Wissenschaft nicht Grund genug, sich an die Tatsachen zu halten? An nichts als die Tatsachen, um die alte Bekräftigungsformel zu bemühen? Liegt darin nicht sogar ihre Begründung? Bevor ich antworte, sollte ich Sie auf die Hohlheit der Phrasen aufmerksam machen, die Sie da über mich ausgeleert haben, es klang, als seien Sie einem Grundkursus für fact checkers entsprungen: Sitzen Sie ein, sitzen Sie ein! Die Winde, von denen ich rede, berühren sich nicht mit der Welt der Fakten, an keiner Stelle, es sei denn, man betrachtet Macht und Geld in ihrer unlösbaren Verbundenheit als das factum brutum, was in diesem Fall keinen rechten Sinn ergibt, weil das Duo mit jeder Art von Aussage blendend zurechtkommt – vielleicht auch nicht, darüber müsste einmal Rechenschaft abgelegt werden. Eine Tatsache, wissen Sie, eine Tatsache – Sie merken, wie es um die Mundwinkel zuckt –, eine Tat-Sache, in der Tat, es bedarf der Tat, des wissenschaftlichen Täterätä, um an die Sache zu kommen, aber das ist immer noch nur die Hälfte der Wahrheit, es bedarf auch der gemeinsamen Sache, um Taten zu … wissen Sie, wir benutzen dafür das schöne Kunstwort ›generieren‹, man will schließlich etwas herausbekommen, der eine wie der andere, vielleicht auch der Dritte, der Geldgeber, ganz gewiss will er, dass etwas herauskommt, vielleicht auch nichts, auch das kann im entschiedenen Willen dessen liegen, der da gibt, jedenfalls erweist sich, wie überall im Leben, Motivation als der entscheidende Faktor, und der motivierende Faktor im Leben des modernen Wissenschaftlers ist nun einmal der Ehrgeiz, es weit zu bringen oder wenigstens dabei zu sein, ja, sie wollen dabei sein, sie wollen nicht abseits stehen müssen, das wäre das Schlimmste. Also bohren Sie ein Loch in die wunderschöne Welt der Wissenschaft! Schaffen Sie ein Abseits, einen leise von diesem Loch ausgehenden Sog, und Sie können zusehen, wie alle sich ängstlich am entgegengesetzten Ende drängen, ganz als gäbe es dort etwas umsonst, was definitiv nicht der Fall ist, die Nieten pushen das Fach in die als angesagt geltende Richtung, die Breite des Raumes aber, die Mitte, in der am meisten zu holen wäre, weil dort die verschiedensten Motive zusammentreffen, Forschungsmotive, gewiss, aber es gibt auch andere, – sie präsentiert sich mit einem Mal als verdünnte Zone, von ein paar Mutigen durchquert, die sich mehr mit dem Misstrauen ihrer Zunftgenossen herumschlagen müssen als mit ihren berühmten Forschungsfragen und deshalb weit länger brauchen und weniger Ergebnisse einfahren, als es unter normalen Umständen der Fall sein müsste. Sie verstehen? Nein? Bahnhof? Auch gut. Das war’s, was ich Ihnen … und tschüss!
Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
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Ist es mutig, so zu denken? Es ist ein wenig … redundant, denn wenn alle so denken, wie er es ihnen unterstellt, dann liegt es bereits in jedermanns Gedanken und er kann sich seine Ausführungen auch schenken. Tronka, der Hassmund, spuckt es ihm ins Gesicht:

  • ―So tief hängen die Trauben nicht, Kollege Dürrobst, ein bisschen mehr strecken muss man sich in unserem Beruf schon.

In unserem Beruf? Wovon redet der Mann? Nichts anderes hat die Philosophie, seit es sie gibt, getan: bewusst machen, die Blindheit der Prozesse durchkreuzen, an allererster Stelle der Denkprozesse, darüber mag man streiten, darüber muss gestritten werden, aber es kann nun einmal kein Zweifel darüber bestehen… Worüber? Es kann nun einmal kein Zweifel darüber bestehen, dass unser Denken nicht autonom ist, dass es gesteuert wird, die moderne Gehirnforschung hat das ihre dazu beigetragen, dass keiner hinter diese Einsicht zurückkann, aber was ist Forschung nun einmal, wenn nicht Denken, angewandtes Denken, gewiss, aber eben doch Denken, nimm die Gedanken heraus und… Was daran soll unterbestimmt sein, Herr Kollege? Sagen Sie’s mir. Nein, sagen Sie’s nicht. Nein, reden wir nicht mehr darüber. Ich kann mich über die Angepassten nicht echauffieren, wenn ich weiß, dass Anpassung das allgemeine Gesetz ist und alle das wissen. Muss ich sie deshalb leugnen? Das wäre widersinnig.

Ein Loch in der Wissenschaft … wie komme ich auf dieses Bild? Hat es jemand hineingebohrt? Der große Unbekannte? Das Kapital? Die Macht? Nur ein Bild … gewiss. First things first. Die Freiheit der Wissenschaft geht allem vor. Also reicht es, die Wissenschaft zu reglementieren, die fetten Forschungsaufträge zu monopolisieren, die Wertigkeiten zu verschieben, die Lehrstühle an den Einsatz von Drittmitteln zu knebeln, dabei die Gehälter ein wenig zu senken oder, bleiben wir vorsichtig, auf der allgemeinen Skala der Einkommen nach unten zu korrigieren, und schon sehen wir andere Gesichter auftauchen, Menschen, denen man ein paar Jahre früher jede wissenschaftliche Motiviation abgesprochen hätte, was ja auch stimmt, nein, was stimmen würde, handelte es sich immer noch um dieselbe Wissenschaft. Das gerade, das … steht doch in Frage. Ein paar Minister treffen sich, sagen wir, in Siena, es könnte aber auch Nizza oder Palermo oder Bologna sein, klangvolle Namen, und sie machen Politik in den Wolken, indem sie beschließen, die Wissenschaft ihrer Länder zu bündeln … zu bündeln, darin liegt der Trick, darin liegt der Sündenfall, wollt ihr die totale Wissenschaft, nein? Ein bisschen krass formuliert, aber im Grunde –

Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
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Davon weiß Tronka nichts. In Tronkas Universum ist der Wissenschaftsbetrieb korrupt und die Wissenschaft sakrosankt. Wie er das hinbekommt, weiß nur er. Doch er weiß es von Grund auf. Vergessen Sie’s, würde er Dürrobst die Leviten lesen, wüsste er, was sich in dessen Gemüt zusammenbraut, diese Klimaleute sind ausgebuffte Naturwissenschaftler, die ihr Handwerk verstehen, da bekommen Sie keinen Stich. Was juckt Sie das Klima? Genießen Sie Ihre Pension, genießen Sie Ihre Reputation, die eine oder andere Tagung werden Sie doch noch beehren. Es soll ja wärmer werden hierzulande, stört Sie der Gedanke? Warum eigentlich? Ich denke, im Alter hat man’s gern warm. Ja wirklich, lassen Sie die Erregungen an sich abtropfen, wer stört sich an öffentlichen Erregungen? Die Klimasteuer kommt oder nicht, man kann schließlich auch den Genuss von Rindfleisch besteuern, wäre Ihnen das angenehmer?

Tronka glaubt nicht an die Apokalypse. In diesem Genre arbeiten andere, seine Expertise ist da nicht gefragt.

  • ―Wissen Sie eigentlich, wie viele Zeitgenossen Tag für Tag den Weltuntergang bis ins kleinste Detail auspinseln, fragt er Pw, der ihm in diesen Angelegenheiten nicht von der Seite weicht. Die beiden telefonieren in diesen Wochen fast täglich.
  • ―Gut, das sind Spinner. Aber seriöse Wissenschaft –? ätzt Pw mit scheinempörter Stimme zurück.
  • ―Wo wollen Sie die Grenze da ziehen? Das interessiert mich jetzt aufrichtig.

Da staunt Pw.

  • ―Aber Sie selbst haben doch –
  • Was sollte ich? Da haben Sie etwas gründlich missverstanden.
  • ―Also jetzt mal Butter bei die Fische. Falls ich Sie recht verstanden habe, hat es keinen Zweck, die Klimaforschung in Frage zu stellen, weil nur sie die relevanten Fragen kennt und beantworten kann. Im consensus omnium der führenden Forscher spiegelt sich also nichts weiter als der Stand der Forschung. Liege ich da richtig?
  • ―Bis jetzt: ja. Aber passen Sie auf.
  • ―Ich hoffe, ich habe aufgepasst.
  • ―Da bin ich dann mal gespannt.

DAS BLAUE BUCH

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Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern

von Prof. Dr. Günter Dürrobst

DBB: Sie sind Erziehungswissenschaftler. Was weiß Ihr Fach über CO2?
DÜRROBST: Was alle wissen. Kohlendioxid ist ein natürliches, geruch- und farbloses Gas – CO2 –, bestehend aus einem Kohlenstoff- und zwei Sauerstoffatomen. Sein gegenwärtiger Anteil an der Atmosphäre beträgt circa vierhundert ppm, also nullkommanullnullvier Prozent.
DBB: Das klingt fast wie ein Vorwurf. Sind Sie Klimaleugner?
DÜRROBST: Sehen Sie, genau das leugne ich.
DBB: Sie erkennen also an, dass der Mensch ein CO2-Problem hat?
DÜRROBST: Der genaue Anteil des anthropogenen, also von Menschen erzeugten CO2 an der atmosphärischen Konzentration ist unbekannt. Das ist ein CO2-Problem.
DBB: Aber es gibt doch Schätzungen.
DÜRROBST: Die Schätzungen liegen zwischen einskommazwei und vier Prozent des atmosphärischen CO2-Gesamtvolumens.
DBB: Worin liegt das Problem?
DÜRROBST: Erst einmal darin, dass niemand so genau weiß, wieviel davon in der Atmosphäre verbleibt.
DBB: Warum erscheint Ihnen das so wichtig?
DÜRROBST: Sie machen mir Spaß. Auf welcher Basis reden wir? Von welchen Fakten reden wir? Worüber spekulieren wir? Welche Unsicherheiten nehmen wir in Kauf? In welchen Bandbreiten bewegen wir uns? Welche Effekte addieren sich, multiplizieren sich, heben sich gegenseitig auf? Sind alle in Betracht kommenden Wirkungen untersucht? Alle Wechselwirkungen? Überall? Bis zu welcher Höhe? Mit welchen Mitteln? Welche Messeffekte sind zu bedenken? Was bewirken sie? Was messen wir? Wo messen wir? Sind wir auf der richtigen Spur? Wie viele Klimamodelle sind denkbar? Wie viele wurden bisher entworfen, verworfen, sauber durchdacht, mit den nötigen Daten gefüttert? Was daran ist Design? Was heißt es theoretisch, wenn man mehrere zur Verfügung hat und mit dem Durchschnitt weiterrechnet?
DBB: Wissen Sie’s?
DÜRROBST: Nein. Wissen Sie’s? Aber Ihre Zeitschrift weiß es. Deshalb sitzen Sie hier. Nein, ich weiß es nicht. Ich weiß jedoch: Damit Forschung in Gang kommt, braucht man Geld, sehr viel Geld, da kann es durchaus vorkommen, dass man erst einmal Alarm schlägt und dann untersucht, was an der Sache dran ist. Das geschieht alle Tage und es ist ganz normal.
DBB: Um aufs CO2 zurückzukommen…
DÜRROBST: Etwas ist sicher: Mensch und Tier atmen es aus, Böden und Meere lagern es ein und Pflanzen verwenden es im Rahmen der Photosynthese, um Kohlenhydrate zu erzeugen, die wiederum eifrig von Mensch und Tier einverleibt werden, um als Organismen zu überleben … siehe oben. Die Lösung des CO2-Problems, wie Sie sich ausdrücken, heißt durchatmen.
DBB: Die Wissenschaft sieht das anders.
DÜRROBST: Wissen Sie, mit wieviel Augen die Wissenschaft sieht? Glauben Sie, die sehen alle dasselbe? Und selbst wenn alle dasselbe sähen, glauben Sie, sie würden es auf dieselbe Weise interpretieren? Dann verstehen Sie nichts von Wissenschaft. Meine Augen mögen alt geworden sein, aber noch gehören sie dazu.
DBB: Was sehen Sie?
DÜRROBST: Was ich sehe? Ach wissen Sie… Kohlendioxid, von Puristen Kohlenstoffdioxid genannt, ist einfach ein Bestandteil der Luft, die wir ein- und ausatmen. Wir können das Atmen auch lassen, dann ist es immer noch da.
DBB: Bestreitet das jemand?
DÜRROBST: Es ist ein Teil des Lebenszyklus, jedenfalls auf chemischer Ebene. Jeder, der, auf den Spuren einiger Witzbolde wandelnd, es als giftige Schwaden aus den Kaminen auffahren und als gewaltige, über die Erde gelagerte Schmutzwolke das reine, saubere und patentiert klimaneutrale Sonnenlicht verdunkeln sieht, sollte das wissen.
DBB: Wollen Sie provozieren?
DÜRROBST: Ich fühle mich provoziert.
DBB: Durch wen?
DÜRROBST: Menschen, Fakten, praktisch durch alles. Das Spurengas CO2 ist anderthalb mal so schwer wie Luft, damit wesentlich schwerer als Stickstoff und Sauerstoff, aus denen sie hauptsächlich besteht. Was folgt daraus? Sagen Sie’s mir!
DBB: Sagen Sie’s mir.
DÜRROBST: Daraus folgt, dass es sich in Bodennähe sammelt, jedenfalls sammeln würde, wäre die Luft, nun ja, ein ruhendes System.
DBB: Was sie nicht ist.
DÜRROBST: Was sie nicht ist. Ich lese Ihnen jetzt mal was vor. »Es ist wie überall in der Atmosphäre: die Winde reißen es mit, sie tranportieren es überallhin, in die Höhe, in die Weite, im Prinzip verteilen sie es über die gesamte Erdkugel. Luft ist überall Luft, darauf können Sie wetten. Wenn Sie warten wollen, bis sie sich irgendwo entmischt: Bitte sehr! Da steht der Gartenstuhl. Das Warten wird Ihnen nichts nützen, alles verwirbelt sich immer und überall, Sie können irgendwo CO2 in die Luft blasen, dann finden Sie da eine kurzfristig erhöhte Konzentration, aber im Ganzen gleicht es sich aus…« Das sagt einer der von Ihnen geschätzten Gurus, aber es ist, sagen wir, eine falsche Fährte. Ich gebe Ihnen einen Tipp. Führen Sie sich einmal eine Weltkarte zu, auf der die verschiedenen CO2-Konzentrationen verzeichnet sind. Sie werden sich wundern. Übrigens: die höchsten Konzentrationen erwarten Sie nicht in Nord-, sondern in Südeuropa, rund um das Kaspische Meer und über dem Atlantik, wenn wir den Westen Nordamerikas einmal etwas vernachlässigen. Fragen Sie mich nicht, warum. Physikalisch mag das alles trivial sein, aber ich finde es überaus bemerkenswert. Ich bin kein Physiker, mich fasziniert die Wissbarkeit der Welt. Fragen Sie mal ihre Kollegen. Die meisten glauben doch, das Zeug sammle sich irgendwo im oberen Luftraum, am besten weltweit, und schirme dort die Atmosphäre ab, so dass nicht genug Wärme in den Weltraum entweichen kann. Wie gesagt, manche fangen schon an es zu sehen. Es ist nicht zu fassen. Die Winde sind’s. Wohin tragen sie das Zeug? Wie hoch tragen sie das Zeug? Was geschieht dort oben? Ich weiß es nicht. Wissen Sie’s? Sagen Sie’s mir.
DBB: Sie lieben die Flaute?
DÜRROBST: Ich? Nein. Ich persönlich habe immer gewollt, dass es hoch hergeht. Das können Sie mir glauben.
DBB: Sie warnen vor der CO2-Steuer?
DÜRROBST: Sehen Sie, da kommen wir auf den Punkt. Diese Sache ist ganz und gar nicht trivial. Wenn Sie auf tausend Leute zwanzig Personen bekommen, erfahrungsgemäß überwiegend junge Leute, die glauben, sie müssten sich beim Atmen einschränken, um ihr Kohlendioxid-Budget nicht überzustrapazieren, und rechnen die Zahl auf die Bevölkerung dieses Landes oder Europas hoch, dann laufen wir mit Sicherheit in ein gewaltiges Problem. Denn diese Leute werden körperliche Schwierigkeiten bekommen, davon können Sie ausgehen. Dann müssen noch achtzehn von diesen zwanzig Schuldkomplexe entwickeln, weil sie es nicht schaffen sich einzuschränken und daher fürchten, an der Erde oder an der Schöpfung schuldig zu werden, und Sie finden, praktisch über Nacht, eine ganz andere Bevölkerung vor. Das wird dann bis ins Politische reichen. Die Rede von der Klimakirche ist ja kein leerer Wahn, die Warnung ist vollkommen berechtigt.
DBB: Was fürchten Sie?
DÜRROBST: Zunächst einmal fürchte ich um die Gesundheit der Leute, rein physisch, dann aber natürlich auch um ihre geistige Gesundheit und um die der Gesellschaft, in einem solchen Fall lässt sich das gar nicht trennen.
DBB: Was schlagen Sie vor?
DÜRROBST: Was ich vorschlage? Die Politik soll die Finger vom Klima lassen. Das ist eine Nummer zu groß für sie.
DBB: Forschen Sie noch oder genießen Sie Ihren Ruhestand?

 

Anmerkung: Das Rektorat der Pyramide legt Wert auf die Feststellung, dass Prof. a.D. Dürrobst in diesem Gespräch nicht die wissenschaftlichen Auffassungen der Pyramide vertritt. Es handelt sich vielmehr um eine Privatmeinung, die in keinem Zusammenhang mit den Forschungen der mit diesen Fragen seit Jahren befassten Kollegen steht.

ARCHIVKOPIE AUF ANFRAGE
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Aus drei mach eins

 

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Kakokratie II
Cancan populiste

 

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Kakokratie III
Die Große Transformation

 

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Kakokratie IV
The Keen’s 2 Bodies (Quotokratie)

 

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Kakokratie V
Zusammen kommen, zusammen schlagen

 

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Kakokratie VI
Opfermedium mit Medienopfer

 

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Kakokratie VII
Sprich, damit ich dich fasse

 

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Kakokratie VIII
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Kakokratie IX
Zweierlei Macht, selbeinander fixierend

 

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Kakokratie X
Identity is my name

 

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Kakokratie XI
Save the Planet

 

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Kakokratie XII
In(Ex)klusion durch Ex(In)klusion

 

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Kakokratie XIII
Raus hier!

 

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Meine Damen und Herren, ich weiß nicht, was Sie von mir wollen. Ich danke für die mir zugedachte Ehre und reiche sie hiermit an die Verleiher zurück.

*

Gäa die große Schlampe bereitet dem Hornissengeschlecht ein jähes Ende ein Heer von Arbeitsbienen überzieht den gefurchten Kontinent die Blase des Alls starr furchtsam unerbittlich fortschreitend
1028 EIN IRISCHER MÖNCH BERECHNET ERSTMALS DAS MENSCHLICHE ATEMZUGVOLUMEN an einem Geheimort im Herzen Burgunds treffen sich Militärs Baumeister Steuerfachleute Ziel Unterwerfung des Nordens unter ein neues System Choräle brausen in dunklen Gemäuern schwitzende Mönche entführen ein atemberaubend schönes Mädchen nahe Cherbourg und werfen es in den Atlantik diese Festung des Ungewissen die allen Attacken der braunen blauen und schwarzen Kutten trotzt aber zu schwächeln beginnt
1140 ERFINDET SUGER DIE GOTIK HOHE LICHTE RÄUME WERDEN ERBAUT UM ATEMLUFT FÜR GRÖSSERE MENSCHENANSAMMLUNGEN BEREITZUSTELLEN die Menschen kommen in Massen die Bessergestellten auf Ochsenkarren zu schauen die gläsernen Wunder Blei Zinn Cadmium werden gebunkert überall in Europa steigt der Preis für Naturstein Alkohol fließt in Strömen die Altstadt von Basel erhält ein goldenes Pflaster in Lorsch wachsen mannshohe Königskerzen der Rheingraben füllt sich mit warmer Pisse ein Jahrhundert soll das so weitergehen doch
1163 BEGINNT DIE ARBEIT AN NOTRE DAME DE PARIS kommandiert von Maurice de Sully und Ludwig VII sowie den späteren Baumeistern Jean de Chelles Pierre de Montreuil Pierre de Chelles Jean Ravy Jean le Bouteiller Raymond du Temple nicht jeden Namen behält die Geschichte Nachfolgebauten schießen wie Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden der Städte Bauholz ist kostbar Europa wird Steinbruch Knappheit an Arbeitskraft treibt die Löhne Alteuropas Heiratsmodell erleidet den ersten Schwächeanfall Weihwasser und Ehering sollen das Schlimmste verhüten apropos Verhüten währenddessen wächst die BESORGNIS ÜBER DEN WELTWEITEN SCHWUND AN ATEMBARER LUFT bis anno
1232 DIE ERSTE KLIMASEKTE zu Bremen gegen den Widerstand der Pfeffersäcke aus der Taufe gehoben wird Handelseinbrüche bleiben nicht aus für die Dauer eines Dezenniums mausert sich Bremen der Not gehorchend zum führenden Technologiestandort nördlich der Weser mit beachtlicher Strahlkraft auch auf die unteren Stände bis
1248 KÖLN MIT DEM BAU EINER VOLLKLIMAKIRCHE BEGINNT die anfallenden Berechnungen geraten so umfassend dass überschattet von Hitlers Unternehmen Barbarossa sie erst 1941 zum Abschluss gelangen dem Jahr in dem ein Berliner Ingenieur genannt Konrad Zuse den Computer erfindet das Basiswerkzeug aller seitherigen Klimaforschung auch das ein Wunder aber ein blaues
1284 EINSTURZ DER KATHEDRALE VON BEAUVAIS die Glocken der Christenheit läuten Sturm auf dem Vorplatz verbrennen sie Ketzer im Stundentakt bis das Desaster ideologisch verdaut ist und dem Verlangen des Pöbels nach Gerechtigkeit Genüge getan der Papst organisiert Kreuzzüge ins Heilige Land La Douce France ein Heerlager Deutschland schickt Helfer Italien Legaten
1285 POSTULIEREN FORSCHER DER NEUGEGRÜNDETEN UNIVERSITÄT PISA EINEN ZUSAMMENHANG ZWISCHEN DEM LUFTVERBRAUCH GOTISCHER KATHEDRALEN UND ZUNEHMENDER EINSTURZGEFAHR DURCH UNKONTROLLIERT AUSBRECHENDE BRÄNDE Massenmailer und Schöngeist Petrarca schleudert ciceronianische Brandfackeln gegen den barbarischen Stil aus dem Norden doch dessen Kathedralen erweisen sich als beständig wie ihre Erbauer vorausgesagt der Glöckner von Notre Dame unterschreibt seinen Arbeitsvertrag klettert verfolgt vom Hassgeheul der Sektierer die den sofortigen Abriss fordern hinauf in die Turmspitze um sein erstes Frühstücksbrot voll Hochgefühl zu verspeisen dann dämmert das Jahr
1386 NACH LANGWIERIGEN STUDIEN ZUR ERWÄRMUNG DER LUFT AN DEN HAUPTORTEN DER CHRISTENHEIT STELLEN FORSCHER DER UNIVERSITÄT OXFORD DAS ERSTE ALLGEMEINE KLIMAMODELL VOR unmittelbare Auswirkungen keine aber die moderne Öffentlichkeit ist geboren REGE SEKTENTÄTIGKEIT IM GESAMTEN CHRISTLICHEN RAUM umfassende Bilanzierung/Überarbeitung der bestehenden Sexualpraktiken koordiniert an eigens dafür eingerichteten Stabsstellen Brüsseler Stäbe erweisen sich als rasch überlastet Berliner sind härter ab 1540 dann fußend auf Gutenbergs Erfindung entsteht in Schüben die sogenannte Ratgeberliteratur für das lesende Geschlecht auch Schund genannt Facetien und Novellen füllen die Bestsellerlisten doch im Jahr des Herrn
1488 ERSCHEINT AUF ISLAND DIE KLIMAGÖTTIN ISGULDA ihr Haar fällt glatt ihre Zunge lispelt ihre glühende Überzeugungskraft durchfährt die Jugend der Welt mit der Schärfe des geschliffenen Schwertes und stimmt sie ein auf die Ära der großen Entdeckungen der massenhaften Morde an Indigenen der Ausrottung fremder Hochkulturen den unerbittlichen Gang der Geschichte den Blutschritt der Hegelei
1492 REITET ISGULDA AUF EINER EISSCHOLLE IN DIE DEUTSCHE BUCHT fordert auf den Schultern ihrer frenetischen Anhänger liegend den ABBRUCH DER KATHEDRALEN SOFORT die Löschung allen Feuers in den Öfen der Alten Welt die rechtsverbindliche Einführung einer von schwäbischen Tüftlern ersonnenen Atemtechnik mit Einsparungen bis zu zwanzig Prozent einmaliges Zuwiderhandeln wird mit Pranger und Brandzeichen der mehrmalige Verstoß mit gestaffeltem Entzug von Grundnahrungsmitteln geahndet Steuernachlässe bei Partneratmung währenddessen sinken in der nördlichen Hemisphäre die Temperaturen die Gletscher rücken vor die Arbeitsbienen lernen das Schlittenfahren Leben wird eine ernste Sache die Herrscher in Paris und Wien zahlen Höchstpreise für Kunst&Kanonen
1525 VERJAGT EINE HORDE FANATISCHER KLIMASCHÜTZER DIE STÄDTISCHE OBRIGKEIT ZU MÜNSTER UND ERLÄSST DIE ERSTEN ATEMGESETZE DES UNIVERSUMS der Erdkreis soweit im Bilde hält den Atem an Luther im fernen Wittenberg hustet zweimal und lässt sich da für Essensentzug nicht geeignet aus freien Stücken den Schreibarm amputieren sein Kommentar Gott schuf die Linke auf dass sie der Rechten zur Hand sei
1560 WERDEN DIE BAUARBEITEN AM KÖLNER DOM VORERST ENDGÜLTIG EINGESTELLT bei der Einweihung des Isgulda-Altars im unfertigen Querschiff kommt es zu zahlreichen Fällen von Atemnot offener Panik die Menschen fliehen die schwarze Pest kehrt zurück die stolze Colonia versinkt in einer der restlichen Welt unbekannten Abart des Katholizismus

1580 ENTDECKT DER HEIDELBERGER ORNITHOLOGE MARCUS ZUM LAMM BEI DER SICHTUNG BIS DAHIN VON DER WISSENSCHAFT VERNACHLÄSSIGTER ZEITZEUGENBERICHTE DIE KLEINE EISZEIT

 

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Dichter M verweigert den Auftrag, zum Auftakt der Klimakonferenz eine Brandrede zu halten

 

 

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Wohin steuern wir? Was, wenn wir nicht steuerten?
Was dann?

Wegenaers Heimkehr
1

Guido

  • ―Wenn es stimmt, dass durch die Art, wie einer seinen Beruf angeht, die Welt seiner Herkunft schimmert, also im einfachsten Fall der Beruf des Vaters oder der Mutter, im komplizierteren eine bäuerliche oder handwerkliche Geschlechterlinie, dann liegt es zum Beispiel nahe, im verschlagenen Begutachtungswesen des Philosophen Leckebusch eine Kleinhändlertradition am Werk zu sehen, am besten im Obst- und Gemüsesektor, bei dem es darauf ankommt, ununterbrochen die Frische der Ware zu prüfen und rechtzeitig auszusondern, was den Ansprüchen der Kundschaft bereits in ein paar Stunden nicht mehr genügen würde. Was das Verfahren des Kunsthistorikers Wegenaer angeht, so könnte die Verpackungsindustrie Pate gestanden haben. Keiner faltet seine Objekte so zielsicher zusammen, bis sie den geringsten erdenklichen Raum einnehmen, und keiner entfaltet sie auf dieser Grundlage zu solcher Pracht wie gerade er…

… eine Fähigkeit, die auf Kunst-Synoden genauso hoch im Kurs steht wie auf kunsthistorischen Tagungen, weshalb er allgemein als Meister aller Klassen durchgeht, hochspezialisiert, von einer randscharfen Aura umgeben, die, würde ihm eines Tages einfallen, sich einer Grenzüberschreitung schuldig zu machen, ihn auf der Stelle als blasse, am Ende sogar nichtige Person dastehen ließe. Vorerst steht das nicht zu befürchten. So it is. Das Maschinchen schnurrt und liefert dem Betrieb gerade soviel ›Input‹, dass sich immer die gleiche Reputationsmenge im Raum erhält.

Wegenaers Heimkehr
2

Extrablatt

Ihren idealen Gegenstand fand Wegenaers Kunst der Entfaltung in der Brillo Box des geschätzten Kollegen Warhol. Der Wahrheit zuliebe muss gesagt werden, dass er, eher beiläufig, bei den Vorbereitungen zu einer der zeitweise beliebten Veranstaltungen zum Warenwert der Kunst über sie stolperte und er sie nicht, wie erwartet, dazu benützte, um Warenwert und wahren Wert der Kunst forciert ineins zu setzen, um daraus die zu dieser Zeit üblichen Paradoxien abzuleiten. Wegenaer fand einen klügeren Zugang: Wenn, so der einfache, aber schlagende Gedanke, eine mit Markenangaben und Werbesprüchen bedeckte Pappschachtel Kunst sein kann, dann bloß deshalb, weil alle Kunst in diesem idealen Behälter Platz findet, und zwar so, dass der Karton, und zwar er allein, von ihr übrigbleibt, weil nur er nachprüfbar von ihrer nie eingelösten Funktion kündet. Das Unvorhersehbare trat ein. Allein das Wörtchen ›nachprüfbar‹ riss das Gros der Kollegen zu einem selten dagewesenen Begeisterungstaumel hin. Manch einer biss sich auf die Lippen, dass nicht er auf diesen so naheliegenden Gedanken verfallen war. Ein paar Spezialisten der älteren Kunstgeschichte hielten dagegen, doch ohne jede Aussicht auf Erfolg. Mit einem Zauberschlag war die Brillo Box zur Prüfbox aller bisherigen Kunst aufgestiegen, in dem letztere auf Nimmerwiedersehen verschwand wie, unter Führung des kundigen Rattenfängers, die Kinder von Hameln im Berge. Der Einfall, ›die gesamte bisherige Kunstgeschichte‹ ins unbestimmte Dunkel der Box zu bannen, entpuppte sich als Wegenaers persönlicher ›Evergreen‹: wo immer er auftritt, sind die Leute enttäuscht, wenn er ihn nicht, wenigstens als Zugabe, zum Besten gibt.

Wegenaers Heimkehr
3

Extrablatt II

Wegenaer täuscht nicht, er spekuliert. Es würde ihm nichts ausmachen, die Brillo Box gegen ein anderes Objekt auszutauschen, genauso nichtssagend, genauso erhaben, aber er hat im Laufe der Jahre begriffen, welch halsbrecherisches Manöver das unter Reputationsgesichtspunkten darstellen würde und deshalb vorläufig zurückgestellt. Der Gedanke macht ihm nichts aus, dass gerade zu seinen Lebzeiten die Kunst in einer Pappschachtel schwunden sein könnte, um als Vorlesungscoup wieder zum Vorschein zu kommen, genausowenig der andere, dass es gerade in seinen Vorlesungen geschieht und sonst nirgends – denn die Kollegen, soweit er sie überblickt, halten seine These zwar für genial, aber dabei fassen sie sich an die Wange und in ihren eigenen Publikationen halten sie, bei aller freundlichen Zustimmung, peinlich auf Abstand.

Dieses zustimmende Auf-Abstand-Gehen trifft ihn ja nicht allein. Er kennt es aus vielen Veröffentlichungen, nicht zuletzt den eigenen, es gehört zum Handwerk, jedenfalls zum Handwerks-Zeug angesichts der Vielfalt der Hypothesen und der Nötigung miteinander im Gespräch zu bleiben. Man kann einen wissenschaftlichen Gegner nicht eliminieren, vor allem dann nicht, wenn er zur gleichen Gehaltsklasse gehört und ähnliche Sicherheiten genießt wie man selbst. Man kann ihm aber auf eine Weise zustimmen, die seine Rede verpuffen lässt und damit Raum für den eigenen Ansatz schafft. Dieser eigene Ansatz … Wegenaer hält nicht viel von ihm. Es liegen zu viele davon herum, ein einziges Trümmerfeld. Man ködert Doktoranden damit, dass man sie um einen eigenen Ansatz bittet, nein, ihn bei ihnen voraussetzt, um ihn anschließend zu zerreißen, in freier Rede, gewiss, auf dem Papier wird vorsichtig gelobt, es sei denn, die Arbeit wäre so schlecht, dass sie es nicht durch die akademischen Prozeduren schafft.

Ein gestandener Forscher wählt seinen Ansatz, indem er Zeit, Ort und Gelegenheit wägt. Das Thema, das er abzudecken gedenkt, saugt diese Momente auf: ein handliches Monster. Originalität entsteht durch Applikation plus Überraschung: Wende an, was du gelernt hast, aber so, dass keiner darauf gefasst ist. Was, der? Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Aber interessant. Was daran ist interessant? Vorerst nur die Emphase: Es ist keine kleine Sache, die lange Linie der Kunst, ohne die Europa nicht kenntlich geworden wäre, mit der Schere durchzuschneiden, als handle es sich darum, ein neues Straßenstück zu eröffnen oder ein Hallenbad seiner Bestimmung zu übergeben – vor allem, wenn man sich vorher durch Studien zu Michelangelo und Géricault einen Namen gemacht hat, zwei Künstlern mit einem kraftstrotzenden, zur Nachfolge animierenden Œuvre, die sich Kunst nicht anders als von Ewigkeit zu Ewigkeit vorstellen konnten. Der Kontrast macht’s. Wegenaer schriebe gern ein Buch über die hohe Kunst des Kontrasts. Die innere Stimme flüstert ihm zu, das wäre sein Alterswerk. Noch fühlt er sich rüstig und entschlossen, das Geheimnis in seiner Brust zu verwahren.

Wegenaers Heimkehr
4

Wegenaer tätigt einen Fund

Die meisten Kunsthistoriker halten die Kunst für eine Mumie, von den Zeitgenossen mit Fleiß präpariert und bandagiert einer Nachwelt vermacht, die vor dem Erbe erschauert und sich fragt, was wohl unter den Bandagen verborgen sein mag. Wer das nicht weiß, dem sagen auch die Museen nichts, in denen die Kunst, ordentlich nach Epochen und Regionen sortiert, sich wie ein abgestorbener Bandwurm durch eine bild+skulpturbestückte Abfolge containerartiger Säle windet, um im Schlussteil mit Hilfe von ›Installationen‹ genanntem Gerümpel dem gedankenvoll wandelnden Besucher den Weg zu versperren und ihn just dadurch zur beschleunigten Flucht ins Freie zu veranlassen. Das wäre geschafft. Jetzt ab ins Café! Die leere Brillo Box, das imponierte Wegenaer schon immer, ist keine Installation, sondern ein Karton, geeignet, je nach Bedarf eine aus ihm hervorzuzaubern oder in ihm verschwinden zu lassen. Sie steht am Anfang und am Ende der Installationen. Was war doch der ursprüngliche Inhalt? Soap pads? Nicht schlecht, das Zeug, es hilft beim Großreinemachen, es tilgt, als Wille und Vorstellung, den Schmutz, der sich um die historischen Bestände lagert: Welcher warlord hat welches Gemälde in Auftrag gegeben, um seinen Ruhm an die Sterne zu nageln? Welche Arschkriecherei liegt diesem perfekt modellierten Marmor-Hinterteil voraus? Welche Höllenpredigten explodierten in Hörweite jener exzellent gearbeiteten Predella aus dem zwölften Jahrhundert? Welch närrischer Aberglaube spukte im Kopf des gefeierten Künstlers zur Linken, der seiner Zeit weit voraus eilt und ihr doch, nüchtern betrachtet, bloß hinterherhinkt? Welcher blutigen Tyrannei lieh sein Kollege XY den gefeierten Pinsel, vielleicht aus innerster Überzeugung, vielleicht, um die eigene Haut zu retten? Wo liegt der Unterschied? Welchen Unterschied macht es am Ende? Bilde Künstler, rede nicht! Ein kluger Spruch, kein Zweifel, ebenso ließe sich fordern: Putze, Putzfrau, frage nicht! Beim Großreinemachen der Kunst stellt Wegenaer sich in die erste Reihe und ruft: Ick bün allhier. Sein Wille, heiße Luft zu fabrizieren und damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, erkennt in der Brillo Box einen Verbündeten, den natürlichsten von allen, den radikalen Vereinfacher, Burckhardts terrible simplificateur, der, bei Neonlicht betrachtet, so grässlich nicht ist – denn aller Witz will verschwendet sein, schon aus Trotz gegen die groteske Verschwendung der Märkte, die unser aller Leben bestimmen. Wegenaer ist ein Kämpfer, seine zahlreichen Feinde behaupten: ein selbsternannter.

Wegenaers Heimkehr
5

Der Mann des Quadrats

Soap pads … der Kunsthistoriker als Reinigungskraft … Wegenaer fühlt in sich die Kraft, die, zugegeben, prägnanten Bilder hinter sich zu lassen und ernst zu machen: Wenn alle Kunst am Ende ist … nun, alle vielleicht nicht, aber die Kunst, (den Unterschied hat er sich bei Hegel gemerkt und wendet ihn gnadenlos an) –, dann steckt sie vielleicht im Ende, in Warhols Diktum, jeder sei Künstler, nun, vielleicht nicht jeder, aber ein jeder, der sich mit ihm ausreichend beschäftigt hat, um es in seiner ganzen Brisanz zu realisieren … einer wie er zum Beispiel, der nie auf die Idee käme, sich als Erbe einer großen Tradition aufzuspielen, schließlich hat er keinen Reiterhof geerbt und übt sich nicht im Dressurreiten, auf dass die hohe Kunst der Fortbewegung zu Pferde nicht vor die Hunde gehe. Wenn er zum Beispiel ein Rechteck zeichnet – zu seinem Erstaunen fühlt er die Verpflichtung, den Gedanken auszuführen und wirklich zu zeichnen –, wenn er dieses Quadrat zeichnet, ein simples, kunstloses Quadrat, ganz ohne Füllung, dann ist dies das Ende der Kunst, es steckt keinerlei Wiederholung darin, gleichgültig, wie viele Quadrate jemals auf dieser Welt gezeichnet wurden, es kann darin keine Wiederholung geben, keine wiederholende Weiterführung, denn es bleibt immer dasselbe Quadrat, es bleibt es selbst, doch nun aufgeladen mit dem Gedanken, dass in ihm die Kunst ans Ende gelangt ist und allen Betrachtern allen Respekt abverlangt, es ist State of the Art, ohne Aussicht darauf, dass sie sich je wieder aus diesen Niederungen erhebe. Beruhigend, dass nicht er als erster auf die Idee mit dem Quadrat verfallen ist, beunruhigend wäre es, in diesen Gefilden Erster zu sein, im Ernst ein Stück Wiederlegung des Grundgedankens, es kann hier keine Ersten und Letzten geben, nur die reine Praxis, dieser Gedanke wäre dann vielleicht doch neu, man muss ihn unausgesprochen lassen, damit er Wirkung zeitigen kann.

Wegenaer: der Mann des Quadrats. Gleichzeitig erklärt eine Frauen-Vorhut das Quadrat, letztes Herrschaftssymbol des weißen Mannes, für obsolet, lässt den puren Gebrauchswert als Ausstellungsware zirkulieren: auch eine Realisationsform der Reinheit, aber jenseits von allem, was jemals als Kunst das künstliche Licht der Museen zu erblicken Veranlassung fand. Die letzten Künstler, Wegenaer empfindet es tief, gleichen den letzten Menschen aufs Haar: sie irren zwischen den neuen Menschen herum, als gäbe es keinen Unterschied, dabei sind sie wie Feuer und Wasser, jeder weiß es, jeder trägt dieses messerscharfe Bewusstsein bei sich, als sei er der Bote. Gewiss, sie sind freundlich miteinander, die letzten und die neuen, jedenfalls in der Regel, aber sie haben einander nichts zu sagen und sagen es sich ins Gesicht.
 

Verstehe einer den Excess

Excess: 3 Thesen

1

Excesse sind Überschreitungen.

2

Excesse sind nicht zustimmungsfähig.
Es sei denn aus subjektiver Verblendung.

3

Excesse rufen nicht-diskursive Gegeninstanzen auf den Plan.

Die Sitzung I
2
  • ―Kommen wir zur Rhetorik der Überschreitung, sagt Stutenkeil, sein Gesicht glänzt ein wenig, er fühlt sich auf der Habenseite der Existenz und übersieht das Soll. Überschreitungen sind entweder positiv oder negativ konnotiert.
  • ―Das überzeugt mich nicht, unterbricht ihn Blowasser scharf. Überschreitungen sind kulturelle Vorkommnisse. Sie zielen auf das Selbstverständnis einer Gruppe, einer Gemeinschaft, der Gesellschaft.
  • ―Excesse, sinniert Nassen, ohne Gehör zu finden, sind negativ konnotierte Überschreitungen.
    Er ist noch jung und möchte korrekt sein.
  • ―Excesse sind Ausschweifungen. Sie führen seitab: ins Gelände, in die Niederungen, ins soziale Chaos, ins Verderben. Sie sind sozial, rechtlich, kulturell nicht hinnehmbar.
    Wer war das? Egal.
  • ―Lederstrumpf: ein Excess, brummt Kärich.
    Stutenkeil überschreit sie alle.
  • ―Überschreitungen besitzen eine starke Wertkomponente. Das bedeutet nicht, dass sie automatisch verurteilt werden: im ›gelungenen‹ Fall produzieren sie Staunen, positive Erregung, Bewunderung, Nachahmung. Entsprechend groß ist die Bandbreite möglichen Scheiterns. In der Überschreitung treten Individual- und Kollektivverhalten in einen unübersehbaren Gegensatz. Der Akteur, gleichgültig, ob Individuum oder Teilgruppe, setzt sich in einen partiellen oder totalen Gegensatz zur Gruppe und ruft ihren Widerstand hervor. Das kann um gemeinsam formulierter Ziele willen geschehen, es kann auf naiven oder komplexen oder bizarren Annahmen über die wirklichen (›wahren‹) Ziele oder Werte der Gemeinschaft beruhen, es kann auch den gemeinsamen Verständnisrahmen quittieren, wie das bei Deserteuren oder Auswanderern der Fall ist. Zeigt sich kein Widerstand, so wird er imaginiert.
  • ―Logisch.
  • ―Ich habe Gott da draußen nicht gesehen, sagt der Legende gemäß der erste Mensch im All. Die Spitze gegen die Religion, das heißt das Vorurteil derer, die unten geblieben sind, ist unüberhörbar.
  • ―Religion? Warum Religion? ereifert sich Duro.
  • ―Lass ihn ausreden.
Die Sitzung I
3
  • ―Kommen wir zu Blowassers Punkt. Kulturell bedeutet Überschreitung: Aufkündigung des Selbstverständlichen. Ein als gegeben angesehener Orientierungsraum wird zugunsten einer partiell oder vollständig differenten Orientierung verlassen. Zum Beispiel ist die Geste der Hinterfragung auf kulturelle Überschreitung hin angelegt. Das Selbstverständliche weniger selbstverständlich machen, darin besteht die Grundnorm der Überschreitung, die natürlich ihrerseits Züge des Selbstverständlichen annehmen kann.
  • ―Oha. Sie meinen, wer eine Grenze überschreitet, der verlässt den Konsens. Sehe ich das richtig? Wie erklären Sie sich dann, dass die meisten Ausbruchsversuche scheitern?
  • ―Das ist ein bezaubernder Gedanke. Haben Sie eine belastbare Statistik? Vielleicht kommt hier doch die Religion ins Spiel. Für die antike Religiosität ist Überschreitung Hybris. Um das zu verstehen, genügt es, sich die Funktion der Götter im griechischen Mythos in Erinnerung zu rufen: was für die Menschen gesetzt ist, ohne ihrem Veränderungswillen zu unterliegen, das wurde von den Göttern über sie verhängt. Wer sich diesen Grenzen nähert oder sie zu übertreten versucht, der nähert sich dem Verhängnis oder liefert sich ihm aus. Hybris ist also eine Art Wette auf die Duldsamkeit der Götter: Reagieren sie oder reagieren sie nicht? Das ist stets die Frage.
  • ―Einspruch.
  • ―Stattgegeben.
  • ―Wenns sein muss. Was wollen Sie denn sagen?
  • ―Nichts. Ich erhebe Einspruch.
  • ―Ist notiert. Ich fahre fort: Kulturell etablierte Hybris ist institutionalisierte Religionskritik. Religion wird zurückgedrängt auf das immer kleiner werdende Reservat dessen, was noch nicht verändert werden kann. In säkularen Gesellschaften erwächst daraus für Religionen die Notwendigkeit, entstehende Konflikte in sich selbst auszutragen.
  • ―Gibt es denn säkulare Gesellschaften?
  • ―Ich setze das mal voraus.
Die Sitzung I
4
  • ―Ach hören Sie doch auf, meldet sich Argloser aus der letzten Reihe. Religionen bekommen ein Fundamentalismusproblem, wenn sie den etablierten Mechanismus der Überschreitung als Excess brandmarken, also wenn sie die gängigen Wertvorzeichen umkehren. Dabei ist Religion keineswegs der Feind jeder Überschreitung. Eher scheint sie … sagen wir: scheint ein bestimmter Religionstypus säkularen Überschreitungsideologien das Muster vorzugeben. Was ich damit sagen will: Es handelt sich um genuine Deutungskonkurrenz.
  • ―… die sich gegebenenfalls zur Zwillingskonkurrenz steigern kann. Genau das wollte ich gerade ausführen.
  • ―Woran denken Sie da?
  • ―Na ans christliche Abendland. Aber ich wollte noch etwas zum Thema Ausschweifung sagen. In dem, was ich Excess nenne, fällt die religiöse mit der säkularen Deutung von Transgression zusammen. Schauen wir doch einmal hin. Was dem säkularen Deutungsbetrieb zu weit geht, geht für den religiösen auf gar keinen Fall et vice versa. Meines Erachtens liegt die Pointe in der unterschiedlichen Begründung. Während die fundamentalreligiöse Deutung den Excess der Kultur der Überschreitung selbst zuordnet, bemüht diese im Ernstfall lieber psychiatrische Erklärungsmuster. Das Schema kennen wir doch aus dem Alltag. Bezeichnenderweise erscheint hier der religiöse Begriff des Bösen auf beiden Seiten des Grabens – als spontane und bizarre Erscheinung des ›Anderen‹ auf der einen, als fatale Konsequenz des dominanten Modells auf der anderen Seite.
  • ―Sie meinen, der säkulare Staat steckt die Leute in die Klapse und die Religionen schieben ihm derweil die Verantwortung zu.
  • ―So kann man es sagen, ja.
  • ―Der er dann auch gerecht wird.
  • ―Und was sind die nicht-diskursiven Instanzen?
  • ―Darauf möchte ich später dann eingehen.
 

Der letzte Tweet geht immer in die Irre

Zwitschermaschine
1

Was gesagt werden muss

Twitter heißt der Kurznachrichtendienst, der binnen kurzem die Welt eroberte, nicht, um in ihr zu verschwinden wie so viele Eroberer aus dem Nichts, sondern um, wie es sich für richtige Eroberer gehört, ihr seinen Stempel aufzudrücken. Twitter teilt die Welt in Könner und Nichtskönner, in Gewinner und Verlierer, in Begünstigte und Benachteiligte, ergo Opfer, und zwar nicht fürs Leben, nicht für ein Jahr oder einen Monat, kaum für den Tag oder die Stunde, sondern von Moment zu Moment. Aus einer auf ein wenig Distanz bedachten Perspektive ließe sich sagen: Twitter stellt die Chancen des Einzelnen, groß zu tun und vor der Welt in Erscheinung zu treten, rascher auf Anfang oder auf Null zurück, als einer Zeit bräuchte, die eine oder andere unter ihnen zu realisieren. Das ist die Regel. Aber es gibt auch Ausnahmen. Twitterkönige verdienen sich eine goldene oder auch rote Nase, wann immer sie in die Tasten greifen. Die Welt wartet auf ihren neuesten Tweet, als handle es sich um die Fähre aufs Festland, wo in der Ferne die Berge locken und damit der finale Überblick über die Dinge des Lebens, zumindest der Politik. Es kommt aber nur die nächste Sottise, und das Heer der Häme-Absonderer wartet keine Sekunde, sich auf sie zu stürzen.

Zwitschermaschine
2

Twitter und Weltuntergang sind eng miteinander verknüpft. Sie stammen, wie die besten Rennpferde der Saison, aus einerlei Stall, besser gesagt, aus derselben Züchtung, falls das Züchten von Meinungen nicht unter die diversen Rassismus-Paragrafen fällt. Wo, virtualiter gesprochen, alle zusammenkommen, um sich vor- und übereinander auszudrücken, steigt der Druck im mentalen Kessel, so dass die Angst davor, von den Verhältnissen zerdrückt zu werden, alle anderen Affektlagen überwiegt. Es erstaunt daher nicht, vereinzelte Aufklärer wie verirrte Motten durch die endlosen Wortkaskaden der Wahrsager taumeln zu sehen. Allenfalls erstaunt ihre Beweglichkeit. Doch der dritte Lehrsatz der Thermodynamik erweist sich auch in diesem Fall, wie so oft im Reich der Metaphern, als überaus hilfreich. Das Überleben ganzer Wissenschaftszweige hängt daran, dass sie sich als twitterfähig erweisen: soll heißen, am Ende in Tweetform gegossen den Globus umkreisen. Das ist ganz natürlich. Warum sollte es ihnen besser ergehen als der Menschheit, in deren Dienst sie bekanntlich stehen? Das Überleben der Menschheit hängt an keinem seidenen Faden. Es hängt daran, rechtzeitig den richtigen Tweet zu finden, den Träger der Botschaft, die uns alle zu retten vermag: teils aufgrund ihrer inneren Schlüssigkeit, teils, weil der Weg, den sie aufzeigt, mit äußerster Leichtigkeit begehbar erscheint.

Zwitschermaschine
3

Dieser Weg ist keinesfalls frei von Strapazen. Schließlich handelt es sich dabei nicht um das allseits verhasste ›Weiter so‹, sondern um radikale Umkehr – und zwar nicht des Denkens allein, wie sanftere Anhänger der Lehre stets vermuten, sondern, nach der sattsam bekannten Formel, aller Lebensverhältnisse. Je bequemer das Vehikel, desto drastischer der ins Auge gefasste Übergang. Die Drastik des Wandels und die Bequemlichkeit der Teilhabe stehen zueinander in einem direkten Wechselverhältnis. Leicht ableiten lässt sich das aus dem Twitterverhalten der Begünstigten des Systems, also der geldhaltigen Lichtgestalten der Society, die vom Glück nur zu wissen scheinen, dass man es reiten muss, damit es sich gut anfühlt. Aber natürlich auch der Politiker, deren Reichtum mehr im Anpassungsverhalten gegenüber den Vibrationen der Medienwelt gesucht werden sollte. Ein rechter Tweet zur rechten Zeit stellt die Verhältnisse klar. Nach nichts anderem verlangen die Verhältnisse inbrünstiger als nach ihrer Klarstellung. Doch auch hier gibt es Nuancen. Wer auf die Straße geht, um fürs eigene Smartphone, bestenfalls das seiner Mitdemonstranten zu demonstrieren, der ist nicht bloß für klare Verhältnisse. Für ihn sind alle Verhältnisse klar. Zumindest sind sie geklärt, auch wenn immer ein wenig braune Brühe beiherläuft. Die braune Brühe muss sein, sie allein gibt dem Weltgericht die richtige Würze. Denn darauf kommt es schließlich – ›schlussendlich‹ – an.

Zwitschermaschine
4

Das Nadelöhr des finalen Tweets, durch das jegliches hindurch muss, allem voran die bereits in überirdischem Glanze leuchtenden Superreichen, welche der anstehenden Konversion der Menschheit ebenso selbstverständlich das Wort reden wie sie sich im voraus die besten Plätze zu sichern wissen, wirft ein Problem auf, das selten, im Grunde gar nicht erörtert wird, vermutlich deshalb, weil seine Lösung unter die politisch als obsolet markierten Geistesverrenkungen fällt. Was würde passieren, wenn die Wand des Ersehnten, Erwünschten, Erstrebten, des mit angstvoll pochendem Herzen Herbeierwarteten eines Tages tatsächlich durchstoßen würde? Wohin ginge der finale Tweet, nachdem er alle relevanten Herzen durchbohrt, wenigstens jedoch gestreift hätte? Die moderne Ontologie hat dafür den Ausdruck ›das Offene‹ reserviert. Das Offene hat verschiedene Stadien durchwandert, von denen das ›Reich der Freiheit‹ ein paar Geistesstrategen noch erinnerlich ist. Andere denken dabei an den selig-unseligen Kommunismus, wieder andere an die unbegrenzte Acquise am Ende der sogenannten Geschichte. Dieses Offene hingegen ist anders, es erinnert an die verzweifelte Gemeinschaft Entflohener, die wissen, dass sie ab jetzt Tag und Nacht von den Häschern des Systems gejagt werden, in dessen Umzäunung ihnen ein Loch zu schneiden gelang.

Zwitschermaschine
5

Wie offen ist so ein Offenes? Anders gefragt: Worin besteht seine Offenheit? Offenkundig handelt es sich um die Offenheit von Getriebenen, die wissen, dass ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit, ein unbedachter Tritt dem Ausflug ins Freie ein jähes Ende bereiten kann. Die Geschichte des Gefängniswesens kennt organisierte Massenausbrüche, deren eigentliche Aufgabe darin besteht, in ihrem Schutz einigen Wenigen die erfolgreiche Flucht zu ermöglichen. Diese Wenigen sind die Helden des Betriebs. Ihr Mythos vergoldet den Alltag der Inhaftierten, ihr bedrückendes Ende befeuert den trotzigen Entschluss der Zurückgekehrten, es irgendwann wieder zu versuchen, koste es, was es wolle.

Denn zahlen – zahlen soll das System.

 

Anon @KarlKarus Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?

Karus die Stubenfliege
1

Du trittst (bildlich gesprochen) allein zwischen Ali Babas Räuber und schreibst: Am furchtbarsten ist die Halbbildung. Du denkst, jetzt werden sie dich zerreißen. Das Gegenteil ist der Fall. Sie nicken dir freundlich zu, verteilen ihre Smileys und sind ganz auf deiner Seite. Im übrigen halten sie still. Anders Karus, der Twittergott: Er schreibt einen Satz hin und schon ist die Häme da. Er schreibt einen zweiten und der Sturm bricht los: »Wieder geraucht, was?« – »Was nimmt der Kerl?« – »Da spricht der Fachmann ... ;-)« – »Der übliche Unsinn« – »Muss die Hitze sein« – »Wieder mal erfrischend nichts« und so weiter und so fort.

Wie schafft der das, fragt @Klickneider und schickt die Antwort gleich hinterdrein: Halbbildung. Unser @Professorchen als Mustermann im Wachsfigurenkabinett der Halbbildung – da lachen die Leut’ und klatschen ins Händchen. Hach, ist das schön. Mach’s nochmal, Karli. Und er macht’s. Kein Terminkalender hält ihn davon ab, seine unglaublichen Tweets abzusetzen: unter dreien pro Tag tritt er nicht an. Du wählst dich ins Netz ein und da steht es auch schon: »Karl Karus hat gerade getwittert.« Was hat er geraucht? Du weißt es nicht. Vermutlich nichts. Warum sollte er?

Woher der Dunst kommt, den er verbläst? Du weißt es nicht. Du weißt auch nicht, welcher besonderen Zuneigung du es verdankst, dass gerade dir diese Meldung als erste entgegenschlägt. Bezahlt Karus dafür? Wird er bezahlt? Bezahlt für ihn ein anderer, seine Partei zum Beispiel oder ein Witzbold, der findet, Karus’ Sprüche gehörten an jede freie Wand geworfen, damit die Sprayer-Heerscharen sich darüber hermachen können, um sie – vergebliche Liebesmüh – zum Verschwinden zu bringen? Darüber nachzudenken bringt dich nicht weiter. Also nimmst du ihn, so wie er ist, als gegeben.

»Die Partei wäre viel stärker ohne so dumme Menschen wie dich« – auf so einen Kommentar muss einer erst kommen, vor allem einer, der, nachweislich seines ›Accounts‹, keinen geraden Satz schreiben kann. Was soll das? Ist Karus dumm? Was ist ›dumm‹? Wer legt so etwas fest? Feststeht: kein Parteitagsbeschluss hilft da weiter. Seit es Gesellschaft gibt, schwirrt diese Fliege, genannt Dummheit, im Raum. Karus ist eitel: davon legt jeder Tweet ›aus seiner Feder‹ Zeugnis ab. Karus ist eingebildet: er bildet sich etwas auf sich ein, wobei dieses Etwas unbestimmt bleibt. Findet er sich attraktiv? Gepflegt? Gebildet? Beschlagen? Produktiv? Wo findet er sich? Vor dem Spiegel? Vor dem Hörsaal, den er nur noch selten betritt, seit die politische Tätigkeit ihn verschlingt? Im Angesicht der Partei? Ihrer Spitze? Ihrer ›einfachen Mitglieder‹?

Wer Karus liest, gewinnt den Eindruck: Er versteht sich als Bote. Wessen Bote? Das bleibt unbestimmt. Ebenso unbestimmt bleibt die Botschaft. In Wahrheit hängt er sich an jede Tagesnachricht, die ihm Aufmerksamkeit verspricht. Er nimmt einen Standpunkt ein, das ist wahr. Wenn er, wie meist, korrekt sein will, nimmt er den der Partei. Doch die Partei ist alt und grau und, alles in allem, nicht die schnellste, ergo in vielerlei Hinsicht unbrauchbar. Er muss also improvisieren. Daraus folgt: Karus besitzt, wie heftig die Twitter-Gmeinde auch über ihn höhnt, ein unabhängiges Urteil. Jedenfalls entfernt er sich mit ihm weit von der Basis. Karus’ Basis ist die Wissenschaft. Entsprechend weit entfernt er sich von der Wissenschaft, ohne den Spitzen der Partei dadurch spürbar näher zu kommen. Unerforschlich thronen sie über allem, was er den lieben langen Tag von sich gibt. Karus ist autark.

Die Grenzen seiner Autarkie sind die seiner Welt. Dieser Satz sollte, um seiner Bedeutung habhaft zu werden, rückwärts gelesen werden. Alle, in voller Unabhängigkeit, von Karus gefällten Urteile sind der Twitter-Gemeinde wohlbekannt. Sie ›redundant‹ zu nennen würde dem Sachverhalt nicht gerecht. Karus’ Urteile sind hyperredundant. Sie ähneln den Sätzen, die einer spricht, wenn er sich vor dem Spiegel räuspert, um seine Stimmfestigkeit zu erproben: sinnlos, aber voll tausendfach erprobten Sinns. Wie von selbst schlängeln sie sich aus ihm heraus, umzüngeln die Tastatur seines Laptops und erzeugen Klicks pro Sekunde, die praktisch jeden Gegner blass werden lassen. Karus ist, unter Klick-Maniacs, ein Phänomen. Seine Freunde nennen ihn KK – weiter kommen sie nicht, weil er … Himmel, Karus, wo sind Sie? Wo denken Sie hin? Woher nehmen Sie diesen … gepflegten Stil?

Lobt Karus sich digital, nennt er sich I-Karus.

Karus die Stubenfliege
2

Hat Karus Stil? Seine Fans finden: unbedingt! Warum lachen sie dann, sobald er ihn pflegt? Aber sie lachen ja nicht, sie zwitschern nur um die Wette. Es ist ein Summen und Weben um seinen Twitter-Kasten, als würden dort Hunderte junger Twitter-Arbeiterinnen ausgebrütet. Das ist nicht sexuell gemeint, allein deshalb, weil Frauen sich selten in seinem Dunstkreis äußern. Auch das ist nicht so gemeint. Karus hat kein Problem mit Frauen. Das behaupten viele, auch Frauen, insofern steht er damit nicht allein. Niemals, äußert er, habe er das Vertrauen missbraucht, das die Partei, die ihn nährt, in ihn setzt. Dasselbe könnte er über die Frauen sagen, die ihm vertrauen. Man kennt sie nicht, man hört sie nicht und es gibt sie doch. Gewiss: Käme es zur Abstimmung, sie gingen unerschrocken zur Urne und wählten ihn. »Meine Frauen sind Partisaninnen«: vielleicht hat er, in irgendeiner Bar das Glas hebend, den Spruch längst zum Besten gegeben, »ein Wink von mir und sie sind schon verständigt.« Nicht möglich! Es ist gefährlich, so zu reden. Frauen achten auf Frauenbilder, vor allem in der Politik. Karus, der Glückliche, hat keines. Falls doch, kauft es ihm keine ab.

Der Sänger Caruso wurde einmal gefragt, wie er sich den Vorrat an goldenen Tönen erkläre, der unerschöpflich seiner Kehle entströmte: »Gar nicht«, sprach er da, »sie erklären mich. Was wäre ich ohne sie? Würdet ihr mich kennen? Was also soll die Fragerei?« Vermutlich wird Karus dann und wann in seinem näheren Umfeld gefragt, wie er sich denn seinen Twitter-Elan erkläre. Eine Gelegenheit, seine mediterranen Wurzeln zu beleuchten: »Bin ich Caruso?« Womit er bereits einen Teil des Geheimnisses gelüftet hätte. Seine Tweets sind gerade so schräg, wie er denkt. Da er sich nichts dabei denkt, hat sein Denken frei. Was bewegt so ein freies Denken? Der Wind, das irdische Kind. Es spürt jeden Trend und läuft vor ihm her, als wollte es sagen: Seht, wer da kommt.

Als Karus die Fünfzig erreichte, um sie nie mehr zu verlassen, da geschah es, dass seine Partei zu stürzen begann: erst langsam, gewissermaßen vorsichtig, sie war schließlich nicht mehr die jüngste, dann, einmal in Fahrt gekommen, eher zügig und schließlich holterdiepolter. Da beschloss sie, sich erstmals in ihrer langen Geschichte an eine im Aufstieg befindliche Konkurrenzpartei zu klammern, teils, um deren Aufstieg zu bremsen, teils, um sich an ihr wieder aufzurichten, vielleicht auch, ganz im Geheimen, um sie mit in den Abgrund zu reißen. Sie nannte den Vorgang ›Kampf gegen Rechts‹, stolz darauf, endlich von jedem rechten Gedanken verlassen zu sein, einschließlich seiner einst zahlreichen Träger – bis auf einen, wohlgemerkt, der nicht weichen und wanken wollte und selbst die Gerichte bemühte, um in seiner Partei Partei zu sein, bis dass der Tod sie scheide. Auf diesen einen warf sich Karli wie ein verwundeter Adler. Denn er verstand ihn nicht und erblickte darin einen profunden Vorteil, der, wie er hoffte, ihn über kurz oder lang ganz nach oben tragen würde: ins Amt des Großen Vorsitzenden.

Karus die Stubenfliege
3

Andere mögen das letzte Wort behalten, Karus behält den letzten Tweet – »… und der geht immer in die Hose«, wie seine Feinde zu sagen pflegen. Sie sagen es ihm nicht ins Gesicht, sondern per Twitter, im Nachgang. So bleibt man unter sich und keiner sagt es weiter. Karus’ Twitterei ist ein offenes Geheimnis. Die Presse schreibt, wenn überhaupt, gedämpft darüber, als stammte die Information aus einer Krankenakte und sei streng vertraulich. Streng vertraulich ist manches, was er zum Besten gibt, im Vertrauen darauf, dass es niemandem auffällt. Allein die Unverdrossenheit, mit der er den Anspruch seiner Partei auf die umgehende Gestaltung des Landes weiterträgt, während die Umfragewerte sie langsam, aber sicher ›in den Keller schicken‹, nicht um Kohle zu schaufeln, sondern um Einkehr zu halten und den eingeschlagenen Kurs noch einmal zu überdenken (soweit möglich sogar die ›eingetretenen Veränderungen im Parteiengefüge‹, wie die Strategen jene anonyme Macht nennen, vor der sie kapitulieren), verrät vieles über den inneren Zustand des Führungszirkels, dem Karus vielleicht angehört, vielleicht auch nicht – darüber gehen die Ansichten der Journaille gewohnt weit auseinander. Wenn Karus nicht die Partei repräsentiert, dann umso mehr ihren Tunnelblick. Er steht damit nicht allein, aber er macht seine Sache gut. Zum Beispiel fordert er mehr soziale Leistungen oft und gern just zu jenen seltenen Gelegenheiten, zu denen der Schuldenberg der öffentlichen Hände die Gemüter im Lande beunruhigt, bevor ein kindischer Anlass sie wieder anders beschäftigt, so wie er das kraftvolle Verlangen nach Steueraufschlägen für ein ausgezeichnetes Mittel hält, die Angst vor der drohenden, tausendfach angekündigten Rezession zu dämpfen. Und selbstverständlich tanzt er den CO2-Samba, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet. Besonders die aufgeblasenen Autos der kleinen Parteifunktionäre und ihrer wohlmeinenden Klientel, SUVs – Sport Utility Vehicles – genannt, erregen seinen Unwillen und lassen ihn olympische Blitze schleudern:

Heutigen Ausstoß an CO2 können wir uns gerade noch 12 Ys leisten. Damit wäre 1,5 Grad Erwärmung erreicht, selbst wenn Ausstoß danach dramatisch niedrig. Die Lage ist ernst. Trotz alledem: dieses Y 1 Mio SUV hierzulande verkauft. Im Prinzip ein Wahnsinn.

So schreibt, frei von der Leber weg, der freigestellte Professor und tritt vor die Tür, wo die elegante Dienstlimousine, vollgetankt und blank geledert, bereits auf ihn wartet. Ein Wahnsinn. Spaß auf dem Vulkan muss sein.

Karus die Stubenfliege
4

Die Furchtlosigkeit, die sich in solchen Stakkatosätzen zeigt, bewährt sich umstandslos an einer anderen Front.

Im Ernst: Stinky hat keine Ahnung. Ihm doch egal, ob wir gerade Grundlagen unserer Zivilisation zerstören. (Null Vorstellung, könnten kurz davor sein, Erde extrem heiß zu machen. Auf Dauer!)

Da steht er, der Feind. Furchtlos den Stab gebrochen: So muss es sein. Wer keine Ahnung hat, mit dessen Vorstellungsvermögen kann es nicht sonderlich weit her sein. Deshalb reitet sich die Attacke, wie stets bei Karus, von selbst. ›Keine Ahnung‹: ein Markenzeichen. Karus hat Ahnung, wo immer er antritt. Extrem heiß! Auf Dauer! Nun, Stinky, da bist du baff.

Für die zynische Frau XY und ihre sogenannte Partei ist Klimaschutz bloß Anlass, um vor ›vermeintlichen‹ Klimaflüchtlingen zu warnen. In Afrika könnten die Menschen verbrühen: wenn es nach ihnen ginge, blieben die Grenzen dicht. Ist doch jeder selbst schuld, wo er geboren wurde.

Starker Tobak. Sehr starker Tobak. Eine Frau soll das sein? Das soll eine Frau sein? Solche Frauen kennt meine Partei nicht. Nicht wahr, Frau Vorsitzende? Aber ganz gewiss doch, Frau Vorsitzende.

Es gibt noch andere Gegner.

Abstoßend. Ein schlechter Mensch... Woher soll der Finanzhai Einblicke haben?

Woher wohl? Aber Herr Kollege! Was, wenn man eines nicht fernen Tages am Kabinettstisch zusammenstöße? Wie abstoßend wäre das denn? Vielleicht reift so ein Urteil ja, vielleicht reift es nach, liegt es erst einmal im Container und das gemeinsame Ziel gibt den Ton an.

Wenn Karus keine Expertise besitzt, tritt sein Vorstellungsvermögen in Aktion und erledigt den Rest. Sage niemand, er sehe achtlos über die Kleinigkeiten des Lebens hinweg. Das Gegenteil ist der Fall.

Da E-Roller offenbar so gut wie nie den Autoverkehr ersetzen, schaffen sie überwiegend Probleme.

Da wäre es in der Tat besser, den natürlichen Lebensraum des Autos nicht durch künstlich importierte Fremdvehikel einzuengen… Teufel auch, das war ein Griff in die terminologische Mottenkiste der Anderen. (Soll nicht wieder vorkommen.)

Dort, wo Politik und Ökonomie hart aneinander stoßen, steht Karus und regelt unermüdlich den Verkehr. Das geht, wie jeder weiß, der die Verhältnisse kennt, nicht ohne kleine Blessuren ab.

Ankündigung der Vermieter, noch schnell die Mieten zu erhöhen, ist Beweis für die Notwendigkeit des angekündigten Mietpreisstopps.

Man sieht: hier spielt der Professor seine logische Überlegenheit aus und verwirrt das Fußvolk. Wer denkt, die Mieten sollten ›noch schnell‹ erhöht werden, weil der Mietpreisstopp kommt, denkt zu kurz, schließlich wären die Mieten sonst über einen längeren Zeitraum angehoben worden und das soll der ›Stopp‹ verhindern. Dass ein Geschehen als Beweis für die Notwendigkeit angeführt wird, es verhindernd herbeizuführen, lässt in der Pyramide die Herzen höher schlagen. Einer von uns! Wie schlägt er sich? Prachtvoll, das muss man sagen. Eine kleine Ehrenprofessur nach den nächsten Wahlen… Oder doch vorher…

Derweil setzt Karus andere Prioritäten.

Jetzt gehen wir vom Dom los und demonstrieren für ein weltoffenes Europa. Gewerkschaften gehen neben uns.

Was, bitte, ist daran komisch? Was soll daran komisch sein? Komisch, ich kann nichts Komisches dabei sehen. Zweifellos ist es besser, die Gewerkschaften gehen neben uns als ganz allein neben sich. Und wenn schon. Man soll die Weltoffenheit nicht übertreiben. Vielleicht gehen wir neben uns, dann lässt sich auch das nicht ändern. Wir gehen halt nebeneinander. Solange die Richtung stimmt, geht alles. Geht doch. Auffällig gut sogar. Nur eben: neben uns.

Nichts erhellt den Tag besser als ein kleiner Dauerzwist in der Regierung.

Koalitionspartner erlaubt Tabakwerbung für Jugend, aber keine Wahl. Brauchen Dauerwähler statt Dauerraucher.

Das ist Karus at his best. Wer so schreibt, hat auch im Jenseits keine Einbußen zu befürchten, es sei denn, er vermisst dort die Jugend. Aber sie kommt nach, keine Bange. Die Regierung erlaubt das Sterben, nur für die Auferstehung wird nichts getan. Man sieht, der Herr Prälat ist unzufrieden mit den Verhältnissen. Schließlich triebe die regierungsamtlich betriebene Auferstehung ihm die Jugend zuhauf ins Haus. Oder nicht? Suche den Fehler! Derweil ist Karus über alle Berge. Dort winkt er noch, den Dauerwahlschein des kommenden Dauerwählers fest in der geballten Faust.

Wenn Karus von künftigen Ämtern träumt, träumt er vom Reisen und macht sich schon einmal vorgreifend über seine Gesprächspartner lustig. Manche freilich kann er nicht ausstehen. Man merkt es daran, dass er einen scharfen Ton anschlägt und sich schon einmal umschaut, in welcher Reihe das außenpolitische Porzellan steht. Auch das Zerschlagen will schließlich geübt sein. Nein, er verlangt keinen Eintritt. Was immer Sie denken, das ist keine Zirkusnummer. Es ist mein voller Ernst. Ernsthaft?

Kanzler K, der sich als junger Metternich feiern lässt, hat sich aus Machtgier auf den rechtspopulistischen Mob eingelassen. Dabei hat er seinen Mangel an Charakter zu verdecken versucht durch perfekten Auftritt.

Warum soll ein Leser sich etwas denken, wenn der Schreiber keinen Grund dafür sieht?

X wirft Y vor, übertrieben zu haben und Fakten einseitig zu nutzen. Holla! Davon leben wir Politiker, auch wenn es dem einen mehr, dem anderen weniger gelingt.

Karus = Karus. Das macht aus ihm zwar keinen Identitätspolitiker, aber es verschafft ihm Spielräume, wo anderen der Boden unter den Füßen qualmt und, gemäß seiner Diktion, Absturz droht. Im Karussell der Träume, die seine Partei bewegen, steht er aufrecht und sammelt Eintrittskarten. Es soll Freunde geben, die sehen es mit leichter Besorgnis. Wird ihm nicht schwindlig? Schwindelt ihm? Schwindelt er…? Diese Wallungen … diese Zuckungen … im Dienst an der Sache: Fallen sie nicht irgendwann auf die Person zurück? Was bleibt dann von ihr? Was bleibt von der Person, wenn die Sache zurückbleibt, vielleicht, weil sie sich totgelaufen hat und jetzt alles egal ist?

Nein, Karus ist nichts egal.

Es droht Kontrollverlust.

Und das ist vielleicht … eine Simulation.

 

Stutenkeil will es wissen

3 Fragen

1

Warum wird das Intolerable einer transgredierenden Praxis in der Regel nur im Excess sichtbar, sprich: in der verdammenswürdigen Tat?

2

Worin genau liegt das Tolerable einer transgredierenden Praxis und wo verlaufen seine Grenzen?

3

Wer bestimmt diese Grenzen?

Die Sitzung II
2
  • Der Entwurf, strunzt Stutenkeil, ist die transparente Botschaft, der Excess die Verschlusssache der Überschreitung.
  • ―Warum?
  • ―Warum was?
  • ―Warum sollte der Entwurf ein dunkles Geheimnis besitzen? Das behaupten Sie.
  • ―Der Entwurf gilt als einsehbar, daher rational, der Excess gilt als uneinsehbar, daher irrational.
    Stutenkeil klingt etwas gespreizt.
  • ―Einsehbar, grollt Kärich. Was heißt einsehbar? Tolerabel meinetwegen, aber einsehbar … was ist schon einsehbar? Schwierige Frage. Gehört nicht hierher.
  • ―Und intolerabel? Was wäre intolerabel?
  • ―Intolerabel ist immer der Excess.
    Stutenkeil hat sich wieder gefangen.
  • ―Man könnte den Exzess als Unfall betrachten: das wäre dann ein Fall, der aus der Mehrzahl der Fälle einer gelingenden Praxis herausfällt. Bekanntlich können Menschen nicht fliegen. Also benützen sie dafür Flugzeuge. Fliegen, so sehe ich das, ist die zutiefst befriedigende Überschreitung eines fortdauernden Unvermögens. Anders ausgedrückt: Fliegen ist eine Praxis, die in stabiler Weise das natürliche Unvermögen zu fliegen unterläuft. Und woraus besteht diese Praxis? Lassen Sie es mich so sagen: Sie besteht aus einem Bündel technischer Maßnahmen, der Aktivierung eines sozialen Verhaltensmusters und der Affirmation des Unmöglichen: ›Ich fliege!‹ Selbstverständlich ›fliegt‹ ein Gepäckstück nicht, auch wenn es für die Crew oder die Technik gar keinen Unterschied macht, ob das Flugzeug mit Passagieren oder Frachtstücken unterwegs ist. Flugzeuge, das weiß jedes Kind, fliegen nicht deshalb, weil sie eine Flugnatur besitzen. Sie fliegen innerhalb eines definierten Korridors aus Geschwindigkeit, Steigwinkel, Kurvenradien etc. Sobald sie diesen Korridor verlassen, verlassen sie auch den Bereich definierter Flugzustände. Sie geraten ins Trudeln etc., also in eine Folge von Abläufen, an deren Ende mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit der Absturz steht, es sei denn, eine clevere Elektronik zieht sie wieder aus dem Schlamassel heraus. Der Absturz ist der Exzess des Fliegens. Die Black Box ist seine Dokumentation.
  • ―Also Kontrollverlust.
  • ―Aber sicher.
Die Sitzung II
3

Sie tanzte nur einen Sommer. Die Wissensgesellschaft öffnete ihren Schoß und alle strömten hinein: die Abenteurer, die Halbidioten, die Ganoven, die Süchtigen, die Vertrockneten, die Halbgaren und die Überständigen, diejenigen, die es wissen wollen, samt denjenigen, denen nichts ferner liegt, die Glücksritter, die Spesenritter, die Sack-und-Asche-Prediger, die Unheilsverkünder und Verleumder, die Großsprecher und die Kleinmütigen, die Besessenen des Geschlechts und die Zuchtmeister aller Klassen, die Vegetarier, die Veganen und die Lichtesser, die Regenwaldretter, die Konsumdonnerer, die Vielflieger, Vieldeuter, Vielbeschäftigten, das älteste Gewerbe der Welt und das jüngste. Dann kreuzten die Geheimdienste und die Militärs auf, die Fädenspinner im Verborgenen, die immer am Ball sind, wo es etwas zu holen gibt, die Aufrührer, Umstürzler, Zukunftsnarren und Zukunftsplaner, die Fanatiker aller Couleurs, die Frommen, die Heuchler und die Glaubenmacher, die Terror-Paten und die Götter des Heroin. Willkommen im Wissen! Herein ins Risiko! Wissen ist Risikokontrolle. Alles im grünen Bereich. No risk no fun. (Soviel Bereitschaft zieht die Eliten an, die wahren Eliten abseits des Gewühls.)

  • ―›Projekt‹ bedeutet: jemand nimmt sich etwas vor, aber nicht als Zweck, sondern als Mittel.

Stutenkeil, wo denkst du hin? Wir haben dich unterschätzt. Das hat dich die Pyramide gelehrt. Unser aller Lehrmeisterin. Das Mittel ist dem Zweck gegenüber kontingent, also ziemlich gleichgültig, bei alledem ambivalent. Ob es Prestige, Geld, Macht oder eine andere Art der Befriedigung einträgt, hängt daran, wie gut der Entwurf ist, ob er ›trägt‹, ob er ›durchkommt‹, ob er ›realisierbar‹ ist oder ob er nicht letztlich ›an Widerständen scheitert‹ oder auf dem Müllhaufen des vergeblich Ersonnenen landet. Wo steht Fu? Du weißt es nicht. Und? Willst du es wissen? Eigentlich schon. Willst du es genau wissen? Eigentlich nicht.

  • ―Das Entscheidende am Entwurf ist nicht das Verhältnis von Zweck und Mittel, sondern die Praktikabilität des Ganzen. Die Frage lautet: Lässt er sich ausführen oder nicht?

Also gut. Ich entwerfe ein Automobil, ich entwerfe einen Tiefbahnhof, technisch zunächst kein Problem, einen Großflughafen im Land der tausend bürokratischen Vorgaben, eine extravagante Konzerthalle, einen Schießautomaten, eine gesellschaftliche oder literarische Praxis. Der Stand der Technik ist, aus der richtigen Perspektive betrachtet, immer derselbe. Er bestimmt, was geht, was nicht mehr geht (zu teuer!), was noch nicht geht (zuviel Forschungseinsatz). Also liegen meine Entwürfe keinesfalls weiter auseinander als die entsprechenden Praxen im Fabrik- und Automobilbau, im sozialen ›Umgang‹ oder in der literarischen Produktion. Komisch, aber einleuchtend: Was die Entwürfe von den Praxen unterscheidet, verbindet sie untereinander als Entwürfe. Die Koppelung an gängige Ideen und Planungsmethoden legt die Vermutung nahe, dass Entwürfe ganz allgemein nicht so weit auseinanderfallen wie die dazugehörigen Praxen. Stutenkeil, du bist ein Genie. Die Praktikabilität der Projekte ist ihre Achillesferse. Darauf muss einer erst kommen. Was heißt das? Ein Projekt mit Aussicht auf Realisierung darf den vorhandenen Sachverstand nicht überfordern. Es überfordert ihn aber in mindestens einem Punkt, denn es selbst wurde noch nie realisiert. Er muss also an der Realisierung wachsen. Wächst er nicht (oder in die falsche Richtung), dann … entstehen Investitionsruinen oder es entsteht einfach etwas anderes.

Ein Entwurf, der sich mehr oder minder maßstabsgetreu ›in die Wirklichkeit‹ übertragen lässt, mag eine große technische Problemtiefe besitzen. Aber seine kulturelle Prägnanz ist gering.

Kulturell prägnant wäre ein Entwurf zu nennen, der auf bedeutenden kulturellen Widerstand trifft.

Kulturell prägend wäre ein Entwurf zu nennen, der diesen Widerstand kalkuliert und mit ihm ›spielt‹.

  • ―Hier beginnt das Spiel der Wissensfiktionen.

Ja was denn sonst.

Die Sitzung II
4

Völlig falsch angelegt! durchzuckt es Duro. Zu unterscheiden sind drei Entwurfstypen. Erstens der pragmatische: ich würde ihn als kontingent, aber hier und jetzt nützlich bezeichnen. Zweitens – … wo hat dieser Reaktionär sein Handwerk gelernt? – der anthropologische, schärfer gesagt, der emanzipatorische (scheut er natürlich): gehört in die Evolution des Gattungswesens, des Menschen, wie das traditionell heißt, problematisch, aber im Hinblick auf die Tradition … noch zu gebrauchen … noch zu gebrauchen. Drittens natürlich die Utopie, die U-to-pie: Die Möglichkeiten aktueller Realisierung sind mau, aber darum gehts nicht … Zukunftsräume ausmessen … das große Rad. Und er vermutet (›Vermuten wir mal!‹): Mit dem Widerstand gegen die Realisierung von Entwürfen wächst die Tendenz, sie anthropologisch zu rechtfertigen … was hätten wir da? Die Aufhebung der Lebensnöte, der ewige Kampf um die Gattung, gegen Elend, gegen Ausbeutung, gegen Rückständigkeit, gegen die Reaktion … und dann das radikal Neue, die Lebensgrundlagen der Gattung, die Erhaltung der Biosphäre … wo hat der Kerl seine Augen im Kopf? Man muss die Vorteile sehen… Sobald ich mein Projekt anthropologisch rechtfertige, bin ich flexibel, der Mensch hat viele Belange, mit ihnen lässt sich manches begründen, es herrscht Notwendigkeit in diesen Regionen, denn: es geht darum, Not zu wenden, immer, zu jeder Zeit, mit allen Mitteln, die recht sind, darin liegt schon eine gewisse Entgrenzung. Das nicht festgestellte Wesen … erlaubt im Prinzip jede Aussage über sich.

Die Sitzung II
5

Hier würde Duro, wäre er gefragt (aber niemand fragt ihn, er tagträumt nur vor sich hin und hat den Vortragsfaden verloren) Platons Höhlengleichnis ins Spiel bringen, die Meisterklasse der Interpretation, jedenfalls wenns ums Entfesselungsparadigma geht, und darum gehts doch. Geben Sie zu, Herr Kollege, darum gehts doch. Ihnen vielleicht nicht, aber Sie verschwenden ihre Zeit, was nicht so schlimm ist, Sie verschwenden unsere Zeit, ich kann Ihnen nicht mal verdenken. Nein, ich kann es Ihnen nicht verdenken. Die Welt ist, wie sie ist, und sie ist veränderbar. Jede Stimme ist eine Stimme zuviel, im Prinzip, denn sie ist Meinung, doxa. Doxa ist aber nichts Meiniges, sie gehört mir nicht, sie gehört niemandem, sie ist … sie ist … identisch mit dem Gerede der Leute, dem Schmiermittel der gesellschaftlichen Prozesse. Ein wenig Griechisch an dieser Stelle, Kollege, wenn ich bitten darf. Da sitzen sie in der Höhle, es geht hoch her, das Stimmengewirr ist unbeschreiblich, jetzt metaphorisch betrachtet, denn es handelt sich um Diskurse und es geht, wie immer in solchen Fällen, um Diskurshoheit. Wer sie hat, der beherrscht die Praxis, er beherrscht die Praxen. Auch da herrscht Gewimmel. Aber natürlich geht es um Herrschaft. Das hast du nicht auf dem Schirm, Stutenkeil. Warum eigentlich nicht? Hältst du Universität immer noch für einen herrschaftsfreien Raum? Solls geben, Kollege. Bist du dermaßen naiv? Das darf doch nicht wahr sein. Doch, es ist wahr.

Die Sitzung II
6

Duro traumträumt weiter, der Stift gleitet, der Notizzettel füllt sich, Entfesselung ist im Gang.
: Die wahren Handlungsoptionen der Gattung sind durch die Vielfalt der Stimmen und Meinungen, vor allem jedoch der gängigen Praxen verstellt. Sie müssen, wie Platons Höhleninsassen, wie die Gefangenen von Workuta / Guantanamo, freigesetzt werden.
: Der anthropologisch begründete bzw. gerechtfertigte Entwurf ist von Haus aus emanzipatorisch. Wer immer ihm widerspricht, muss mit der Aufforderung rechnen: Mach dich frei!
: Die Freiheit, die Dinge so zu sehen, wie der Entwurf sie vorsieht, ist der imaginäre Beginn einer Welt, in der die Dinge sich nach den Vorgaben des Entwurfs ordnen.
: Die Freiheit, die Dinge nicht so zu sehen, wie der Entwurf sie vorsieht, ist Unfreiheit und muss bekämpft werden.

Die Sitzung II
7

Stutenkeil kämpft. Er singt (vom Blatt):

  • ―Zur Dynamik anthropologischer Entwürfe gehört der Kampf der Fiktionen. Ein Entwurf kann an inneren Unstimmigkeiten und Widerständen scheitern. Dagegen kann er, streng genommen, nicht widerlegt werden.

Stutenkeil kommt aus Hannover.
Da steht er, der Leine-Weber des Betriebs.
Macht sich kenntlich.
Duro kritzelt schweigend.

 

Duro schmeichelt sich beim Feuilleton ein
und bekommt einen Korb

Abschied zu Amtszeiten
1
Abschied zu Amtszeiten

»Die bleiche Chefin bereitet ihre Abschiedsrede vor und wendet sich in Gedanken an das Volk, das sie aus Unbildung abgewählt hat –:

›Die Welt ist ein Zirkuszelt. Habe ich euch hineingeritten, so kann ich euch auch wieder hinausreiten. Das ist eine unumstößliche Tatsache, an der sollt ihr nicht rütteln. Denn wer an Tatsachen rüttelt, dem fallen sie auf den Kopf. Anders als einige von euch zu denken glauben, bilden sie nicht das Pflaster, auf dem die Enkel ihre Schuhsohlen ablaufen, sondern die schön gebogenen Säulen und Überdachungen des Universums, an denen wir alle unsere Freude haben werden, soweit wir dann noch fähig sind, den Blick zu erheben und Dankbarkeit zu empfinden. Ich jedenfalls habe unter manch einer Tatsache gesessen, als sei es die meiner Geburt. Nie fand ich Gelegenheit, an ihnen zu zweifeln. Es hätte auch nichts gebracht. Einer, der zweifelte, fand ganz umsonst für sich die Gnade der späten Geburt, doch niemanden, der sie ihm abnahm. Im Abnehmen liegt das Geheimnis der Lebenskunst. Meine Geburt zum Beispiel vollzog sich in allem rechtzeitig, vor allem die zweite, der wir alle so viel verdanken. Dankbarkeit ist das Recht des Stärkeren als Selbstverpflichtung für alle, die guten Willens sind. Sie verstehen das? Falls nicht, dann lassen Sie’s eben. Es kommt auf diese Dinge nicht wirklich an. Als Zweimalgeborene zur rechten Zeit fand ich noch stets Gelegenheit zu tun, was getan werden musste. Alles zu seiner Zeit, wann denn sonst? Wann denn sonst? So habe ich vielerlei angeschoben, das rollt und rollt und… – hoppla! Wo stehen wir jetzt? Euch alle, von denen ich mich abwandte, solange noch Zeit dazu war, frage ich: Wo stehen wir jetzt? Ich weiß, da draußen murmeln einige: Am Abgrund. Mag sein, mag gut sein! Selbst wenn es so wäre, gäbe ich zu bedenken: Wo, wenn nicht hier, stünden wir, hätte mein Mut nicht gereicht, die Dinge dorthin zu bringen, wo sie jetzt stehen oder rollen? Wo stünden wir sonst? Ich ganz allein war meine Zeit, in Handlung gefasst. Ich war über euch verhängt und jetzt nehme ich mich hinweg. Strahlt der Himmel deswegen heiterer? Blühen die Schneeglöckchen heller? Träumt das Gemüt inniger? Ich glaube kaum. Sprachlos und kalt vollzieht sich mein heutiger Abgang. So ist’s gewollt. Nur dass mal wieder keiner was merkt bei all dem Gequatsche. Und wer ist schuld? Ihr merkt schon, ich stelle die Schuldfrage. Es traut sich ja sonst keiner an sie heran. Wer ist schuld? Nun gut, Schuld ist, wie die Sprache, weiblich, ich frage also: Wer ist diese Schuld? Ich persönlich habe es nicht ergründen können, dafür war meine Amtszeit zu kurz. Jetzt seid ihr am Zug. Wenn ich euch einen Tipp geben darf… – aber ich sehe bereits, ihr lasst euch von mir nichts mehr sagen. Das trifft sich gut, denn auch ich … wie? Ein Zwischenruf zu später Stunde? Das hätte ich nicht erwartet. Ja dann reden Sie doch! Ganz wie Sie wollen. Machen Sie den Mund zu, man sieht ja den Magensaft spritzen, Sie treffen mich damit nicht, Sie kommen zu spät. Eben stand ich noch da, jetzt nicht mehr. Wir sind alle ein bisschen weiter, ich mehr, ihr weniger, das bringt dieser Beruf mit sich und jetzt ist es gut.‹«

 

Wie geht das: ganz Ohr sein?

Wegenaer telefoniert
1

Gedanklich gesprochen, bewegt Wegenaer sich auf plattem Terrain. Er gefällt sich, indem er sich nicht gefällt. Die Feststellung, so absurd sie klingt, gefällt ihm selbst. Er versucht sie mit Vorstellungen zu füllen, weit weg vom Mainstream, nur fort. Selbstredend! Denn Wegenaer hält große Stücke auf Distinktion. Gern möchte er die feine Spur eingebildeter Trauer um Augen- und Mundwinkel, die ihm am Philosophen Dassler so gut gefällt, dem eigenen Gesicht eingeschrieben wissen. Doch gefehlt! Sobald er es im Spiegel betrachtet, macht sich Enttäuschung breit: die Stirn zu breit, das Kinn zu weich, das Auge gutmütig bis zum Abwinken. Daraus wird nichts, in diesem Leben nicht mehr und im anderen… Daraus konnte nie… Er betrachtet sein Gesicht, wie er die Predella betrachten würde: mehr in Gedanken als Strich für Strich. Zu oft hat er es gesehen, es durchsehen müssen, als dass ein vertrauter physischer Zug seine Wahrnehmung auffrischen und in den Zirkel sinnlicher Neugier zurückbannen könnte.

Wegenaer telefoniert
2

Im Spiegel ist jeder ein Sechzehnender. Eine zweifelhafte Sentenz. Leicht verschwommen, aber gut lesbar, im Schriftzug an eine gepflegte Baskerville erinnernd träumt sie im Hintergrund, wann immer im Spiegel sein Ebenbild aufscheint. Ein ›Unebenbild‹, recht betrachtet. Wegenaer prüft seine Wörter wie andere die Reifen ihres Straßenrenners: Stimmt der Druck? Reicht das Profil noch? Oder sind sie schon jenseits des Vertretbaren und müssen gewechselt werden? Selbst ein Kunsthistoriker ist nicht immer flüssig und gerät hin und wieder an seine Grenzen. Dann müssen die Ausdrücke länger halten als eine aus einer verjährten Recherche destillierte Überzeugung. Ein Reizwort wie ›Unebenbild‹, richtig eingesetzt, kann segensreich wirken: das herausgeforderte Sprachgefühl, bereits zum Protest aufgelegt, kommt ins Stocken und vergrübelt sich. Daraus lässt sich gut und gern eine Vorlesungsstunde bestreiten. Reizwörter liebt Wegenaer über alles. Im Sprachuniversum des Dozenten kommen sie gleich hinter den von ihm so genannten Aufziehwörtern: man setzt sie auf eine ebene Fläche und sie spulen, praktisch selbsttätig, ein ganzes Programm ab. ›Uneben‹, um im Beispiel zu bleiben, wäre das zweidimensionale Abbild zu nennen, weil es prinzipiell unauslotbare Tiefen schafft, statt sich, wie das Modell, mit sanften Gewebe-Modulationen zufrieden zu geben. An dieser Stelle angelangt könnte er auf einfache Weise die ›fordernde Gewalt des Konterfeis‹ einführen, vergleichbar der bekannteren des Nichts, das bekanntlich alles fordern kann, um … nichts zu erhalten: ein Scherz, ein verbaler Triangel, der womöglich mehr über die Sache verrät als ein vorgehaltener Terminus, auf den sich die Philosophen-Zunft irgendwann in mühsamen Verhandlungen geeinigt hat.

Wegenaer telefoniert
3

Was fordert das Konterfei vom Betrachter? Zunächst: nicht viel. Eher scheint es ihm etwas zu geben, einen Eindruck zumindest, den es bei genauerem Hinsehen verweigert. Es ist der verweigerte Eindruck, der Eindruck macht. Ein Bild eindrücken heißt es zerstören. Bei der Plastik ist das anders, hier entsteht, wie es sich gehört, das Bild im Auge des Betrachters, während es im Spiegel … oder auf der Leinwand … gleichsam herausoperiert, auf eigene Faust existiert, und eben deshalb, anders auch als im Film, sich verrätselt, sich als Rätsel dem Auge nähert, das unschlüssig die richtige Distanz zu suchen beginnt. Aus welcher Entfernung ist ein Konterfei Bild? Das kommt auf den Zweck an, sagt der prüfende Blick. Mag sein, mag nicht sein. Der Prüfzweck erschafft kein Bild, er rückt ihm zu Leibe. Hat das Bild einen Leib? Strikt gesprochen: nein. Alles in allem ist der materielle Träger das Gegenteil eines Leibes. Eine Glasplatte, mit einem Mix aus Silber und Glukose hinterlegt, reicht völlig aus, um das Bild zu ›erzeugen‹, sprich, aus ›Zeug‹ erstehen und auf seine Weise ›Zeugnis‹ geben zu lassen. Welche Materialien ein Künstler benötigt… Die moderne Kunst ist wahrlich weite Wege gegangen, um der Sinnstiftung durch Öl zu entgehen, nachdem die Palette der Ölfarben ein paar Jahrhunderte lang die Welt der Bilder in sich zu enthalten schien. Dem Gefängnis der Ölfarben konnte die Kunst entlaufen, dem Bild nicht. Wer will, darf es ›Simulacrum‹ nennen. Was bessert das? Es verschlimmbessert nur, weil es die Differenz zwischen Bild und Plastik beiseite wischt. Das Gros der Kollegen arbeitet so – jemand tackert mit Hilfe von ein, zwei Klammerbegriffen zusammen, was bis dahin unter getrennten Bezeichnungen lief. Durch diesen scheinbar harmlosen Eingriff erschafft er das Monster der Saison, an dem alle sich abarbeiten, bis es wieder im Abgrund der Ideenlosigkeit versinkt, aus dem es aufstieg.

Wegenaer telefoniert
4

In diesem Moment – es muss schon ein ›Moment‹ sein, anders funktioniert die Story (eigentlich keine Story, sondern eine Art Schicksalsverkettung) nicht –, in diesem Moment schellt das Telefon – man sagt noch immer, ›es schellt‹, obgleich weit und breit keine Schelle ertönt, wohl aber ein paar ausgesuchte Takte aus Smetanas Moldau nach dem Angerufenen greifen –, Wegenaer, agil und prompt nach dem Hörer greifend, ahnt nicht, dass dies der Anruf ist, ›der sein Leben verändert‹ (gut möglich auch, dass er es wissen könnte, ohne es zu glauben, da er, im Leben wie in der Kunst, nicht an Anrufe glaubt), er ahnt gar nichts, das ist auch unnötig, da sein Leben, gerade jetzt, weit offen steht wie das sprichwörtliche Scheunentor und die Person X, die da hereinspaziert, zwar Wert auf Vorzeichen und Ahnungen legt, aber doch erst, nachdem sie abgelegt und das Fenster geschlossen hat – eine Geste, die Wegenaer in natura noch viele Male erleben wird, während sie bei diesem ersten Mal rein akustisch … vorgeführt…

  • ―Ja bitte?

Die Kunst, nein, die ganze Kunst besteht darin, nein zu sagen, nicht ›Nein!‹ und nicht ›nein…‹, sondern einfach nein: sie gehört, als Form der Rede betrachtet, zu den großen Verneinern, jedenfalls im Gewebe dessen, was die Europäer ›Kultur‹ nennen und was großenteils nichts weiter beinhaltet als die Überreste ›gewalttätiger Auseinandersetzungen‹, wie die behördliche Verlautbarungssprache das nennt, es sei denn, man studiert sie am Leitfaden der Kunst, um am Ende das Positive überwiegen zu lassen. Leider ist das Ende der Kunst selbst gewalttätig, so fügt sie sich in den Reigen europäischer Großereignisse ein, nachdem sie lange ihre eigene Ereigniskette gepflegt hat, in der alles, was geschah, sich dem Diktat der Schönheit zu beugen hatte. Zu beugen, gewiss, die Kunst hat Europas Barbaren aufs Knie gezwungen, eher gingen sie aufs Schafott, als dass sie jemals der Einsicht die Ehre gaben. Vor der Kunst haben alle den Hut gezogen – kein Wunder, dass sie heute, in einer Welt ohne Kopfbedeckungen, den Kürzeren zieht.

  • ―Wegenäär? Nein, ich heiße Wegena-er, so ist es, am Apparat. Was kann ich für Sie tun?

Am ›Wegenäär‹ erkennt Wegenaer den Künstler.

 

das Schwere leicht

Homomaris
1

Homomaris, ein Mann im fortgeschrittenen Greisenalter, kämpft. Auf einen Zettel hat er den Satz gekritzelt: »Wer sammelt Sammler?«, auf einen anderen die Formel »X ≠ U« nebst einem sorgfältig ausgezogenen Quadrat: Vorboten der Zettelflut, die er nach und nach, wie Aktäons von Diana auf ihren verzauberten Herrn gehetzte Meute, Wegenaer ins Haus oder, um im Bild zu bleiben: auf den Hals schickt. Verblüfft muss dieser hin und wieder die Lupe zur Hand nehmen, um die einlaufenden Botschaften zu entziffern. Viel nützt auch das nicht. Der geheime Sinn dieser Notizen heißt Chaos. Was auf den ersten, zweiten und dritten Blick wie altertümlich anmutendes Gekrakel daherkommt, entdeckt sich dem forschend grübelnden Auge als Abfolge winziger Kunstwerke: tief ins Faserwerk des Büttenpapiers eingedrungener und mit ihm verbackener signa, die zwar, aus mittlerer Entfernung betrachtet, als Buchstaben durchgehen, aber in ihrer kleinteiligen Fülle Assoziationen an frei programmierbare Zeichensysteme Raum geben.

Homomaris
2

Der Zeichner Homomaris scheint das Zeichnen aufgegeben zu haben. Anders gesprochen: Krakelschrift und Zeichnung folgen dem gleichen Muster. Um das festzustellen braucht Wegenaer keine Lupe. Eher wundert ihn, dass der scherzgeborene Gedanke jedem ernsthaften Einwand standhält, ihn schließlich sogar überwindet, so dass der Professor, die tiefe, mit einem leichten Quäkton nach oben abgerundete Telefonstimme im Ohr, nach einer Woche innerer Kämpfe sich bereit findet, den Absender einen ›genialen Krakler‹ zu nennen – ohne zu wissen, worauf er sich damit einlässt. Denn Homomaris drängt nach, vielleicht zu sehr, so dass dem Geständnis eine leichte, vom Meister der signa vorausgesehene Abkühlung folgt, die dieser für eine größere Zusendung nützt: ein den Sinnen schmeichelndes Druckwerk, das Wegenaer, verunsichert, aus mehreren präzise gewickelten Lagen Seidenpapier schält und abschätzend, denn es besitzt die von Repro-Drucken gewohnte Schwere, in der Hand wiegt. What comes next?

Homomaris
3

Wieder und wieder stellt sich die Frage in diesen Tagen. Homomaris hat keine Zeit mehr. Er hat die längste Zeit im Aufschub gelebt und will, Wegenaer im Visier, reinen Tisch machen. Warum Wegenaer? Homomaris hat, still im Kämmerchen, nachgedacht und die Lösung ist einfach: das Quadrat bedarf der Füllung. Homomaris mag das Quadrat nicht, er hasst es geradezu und verachtet seine Expropriateure. Eben das hat seine suchende Aufmerksamkeit auf Wegenaer gelenkt, den Quadrat-Wegenaer, wie er ihn am Küchentisch nennt, als gebe es in diesem Gewerbe noch einen dem Quadrate-Geschäft abgeneigten Namensvetter, was aber nicht der Fall ist. Er hat einen Vortrag von ihm besucht und die falsche Magie des leeren Quadrats, ein ums andere Mal auf die ausgerollte Leinwand geworfen, zum ersten Mal nackt erlebt, ohne farbliche oder chemische Zusätze anderer Art, auf offener Bühne, denn bei sich, im Bann der eigenen Kritzeleien, praktiziert er sie als eine Art Gegenzauber, um die bösen Geister der Abstraktion zu bannen und sich abzugrenzen gegen die Zumutungen einer durchästhetisierten Lebenswelt, in der ein mit Pop-Farben nachgebesserter Malewitsch, millionenfach abgekupfert, noch immer als verkaufsfördernder Blickfang gilt. Les extrêmes se touchent. Die robuste und alltagstaugliche Maxime hat Homomaris sein Leben lang gute Dienste geleistet, dieses eine Mal vertraut er ihr blind. Was soll schon passieren? Ein verprellter Experte mehr oder weniger macht das Kraut auch nicht fett. Im Gegenteil, er hält es schön dünn und deshalb wählt der ›Mann des Meeres‹, halb träumerisch, halb listig berechnend, aus seinem umfangreichen Œuvre den Titel, von dem er sich in dieser Hinsicht die besten Dienste verspricht:

Zwischenformen der Heilkunst
Ein Werk für Alle und Keinen
 

Das Homomaris-Serum beginnt zu kreisen

Ein Werk für alle und keinen
1

Wegenaer, das Buch durchblätternd fortlegend, holt es zurück. Ihm liegt eine Doktorandin im Sinn, deren Arbeit nach einem Abschluss verlangt: Das kleine Werk im großen. Künstlerschriften des zwanzigsten Jahrhunderts. Die perfekte Zusammenführung von Bild und Text, ihre Verschmelzung im Angesicht des Lesebetrachters, dem das Auge übergeht und mit dem Auge der Sinn –: so in etwa lautet die Formel, mit der die junge Dame ihn quält, weil er sie einerseits für banal, andererseits für ausreichend hält, ein solches Projekt zu legitimieren, vorausgesetzt…

… vorausgesetzt, es findet sich noch ein Werk, das den femininen Anspruch auf Perfektion glaubhaft transportiert, denn daran hapert es. Vielleicht liegt hier ein Anlass, erneut darüber zu reden, und sei es ein dilettantischer: soll sie doch herausfinden, was es mit dieser Zusendung auf sich hat, die so offenkundig an seine Zuständigkeit appelliert und sie eben dadurch verfehlt. Recht gewogen, fühlt das Buch sich leicht an, eines unter Millionen, der graue Einband, durch einen schwebenden Blauton von den Toten erlöst, fällt breit genug aus, um das Öffnen zu einer großspurigen Handlung aufzublasen: eine Spur nur, merklich, doch nicht ins Umständliche verfallend – perfekt wie alle Konfektionsware, die in einem tausendfach erprobten Format daherkommt.

Ein Werk für alle und keinen
2

Wegenaer wäre nicht Wegenaer, hielte er an dieser Stelle allzu lang inne. Ein Blick auf das Einbandmotiv, ein flüssig beschriftetes Aquarell, hat ihm den Pastiche verraten und der einmal gewonnene Eindruck setzt sich von Abbildung zu Abbildung fort … als habe einer zu lange in Surrealisten-Katalogen geblättert und sein Pinsel habe ihm zugeflüstert: Das können wir auch. Aber gewiss doch, wer kann es nicht? Perfekt! Die Meister des Imperfekt kopiert man nicht ohne Schaden, nicht ohne Schaden… Man riskiert Missachtung, geht man in dieser Form auf Beachtung aus. Mehr: man riskiert Geringschätzung, wenn man allzu laut Anspruch auf ein Erbe erhebt, das längst Gemeingut geworden ist. Die Hohenzollern können ein Lied davon singen, aber sie stehen damit nicht allein. In diesem Punkt ist die Kunst gnadenlos. Homomaris? Ein Scharlatan mehr. Mag Lydia ihn entlarven, ihr traut er es zu. Auf diese Weise könnte sie auch das Stück Vertrauen in ihre Arbeit herbeischaffen, das ihm bisher noch abgeht – ein hübscher Nebeneffekt, bei dem er vor und hinter dem Vorhang hantiert, als Schauspieler und Beleuchter.

Sie braucht die Coda.

Ein Werk für alle und keinen
3

Ach, wirft Tronka hin, Homomaris, den kannte ich nicht. Muss man ihn kennen? Ich sehe schon, ich sehe schon… Diese italienische Phantasie, die geht uns Nordmenschen ab. Pardon, aber ich habe Max Ernst immer langweilig gefunden, wie geht es dir damit? Bin ich jetzt durchgefallen? – Das ist ja köstlich. Hammer und Amboss in einem. Und darauf: ein Vogel! Ein Vögelvogel. Kolben und Zylinder, alles in diesem eleganten Grau, man möchte mit dem Finger darüberfahren, nur so, warum eigentlich? Was ist dran an der taktilen Kunst? Ich frage ganz ernsthaft, das hat mich immer beschäftigt: Kunst zum Anfassen, was ist das? Obwohl, zwischen Anfassen und Drüberwegfahren besteht noch ein Unterschied, für mich ein riesiger, andere Leute mögen das anders sehen. Dieser weibliche Torso rechts, stammt der aus einem Anatomiebuch? Es kommt mir so vor, als hätte ich ihn bereits gesehen, natürlich ohne Innereien, jedenfalls ohne diese, schreckliches Zeug, warum malt man sowas? Da stehen ja Beschreibungen drunter, ich habe jetzt meine Brille nicht dabei – was heißt das? Urgenetismus? Das will ich meinen, vor allem Ur. Ich seh’ schon, hier wächst die Wirbelsäule aus dem Blutkreislauf direkt ins Freie. Wohl bekomm’s. Die Intuition des Künstlers bleibt uns Verstandesmenschen immer ein bisschen fremd. Resignierst du nicht manchmal?

Wegenaer ist blass geworden. Das Experiment mit Lydia war ein Fehlschlag. Nach einem Monat nutzloser Schwärmerei hat er ihr das Buch wieder abgenommen, es liegt noch in seinem Büro, er hat vergessen, es mit nach Hause zu nehmen, wo sich die Zettel aus Büttenpapier häufen, samt Krakeleien. Und jetzt das hier.

Peinliche Szene.

Ein Werk für alle und keinen
4

Du kennst das Buch, als hättest du’s nie gesehen. Es ist kein wirkliches Buch, aber eines nach deinem Herzen. ›Es gibt ein richtiges Buch im falschen.‹ Homomaris, der so gerne Bücher schriebe, hat sich den Eintritt ins literarische Universum ertrotzt: durch Reproduktionen seiner auf Büttenpapier gekratzten und aquarellierten Zeichnungen, auf denen es, zugegeben, von Schriftzeichen nur so wimmelt – lesbaren, unlesbaren, beschreibenden und expressiv gestalteten wie den Großbuchstaben des Alphabets, mit dessen Hilfe er die Abfolge der Blätter festlegt, als handle es sich, diesmal jedenfalls, um ein medizinisches Lexikon. In diesem Pseudo-Buch, Wegenaer hat das ganz richtig gesehen, regiert das Chaos. Aber es regiert nicht unumschränkt. Seine Herrschsucht wird gebremst durch das Alphabet, dem sich alles fügt. Dagegen scheint jedes einzelne Blatt den Betrachter anzuschreien: Falsch entziffert! Das gibt’s doch nicht! Das kann der Künstler nicht meinen! So kindisch ist keine Kunst! Da lacht das Kind im Erwachsenen und fühlt sich geschmeichelt.

Es lacht eine Weile, dann beschäftigt es sich mit etwas anderem.

 

Ein Buch  } mit sieben Siegeln (Aber warum sieben?)
der falschen Redensarten (Was daran wäre falsch?)

Ein Werk für alle und keinen
5

Unter den Büchern bilden die liegengebliebenen eine Extra-Klasse. Sie scheinen darauf zu warten, dass ihre Zeit kommt. Welche Zeit mag das sein? Jedenfalls ist sie noch nicht, darin liegt bereits das Verhängnis, denn ›noch nicht‹ bedeutet Aufschub: Störe unsere Kreise nicht, heißt es, damit beschäftigen wir uns später. Ein Buch, mit dem wir uns später beschäftigen wollen, hat Zeit, es hat alle Zeit der Welt (jedenfalls scheint es so) – wir haben keine. Dieses protzige Wir sind das Ich und sein Spiegel-Ich, sein Briefbeschwerer.

Die erste und umfassendste Geste des Bücherlesens ist das Aufschlagen. Manche Bücher versammeln so viel Eindrücke auf dem Einband, dass sich das Aufschlagen nicht mehr lohnt. Es will aber belohnt werden, sonst kommt es nicht zustande. Woran hapert es? Der Einband zeigt, wo es langgeht. Nicht jeder Weg will begangen werden. ›Das ist ein Holzweg‹, grinst das bäuerliche Gemüt, ›den kannst du dir schenken.‹ Wer nicht weiß, was ein Holzweg ist, der misstraut dem Abweg und bleibt lieber auf der Geraden. Ein origineller Titel ist ein allzu flüchtiger Reiz. ›Ah, originell‹, sagt der Tastsinn, der unter der Betrachtung erblüht, ›dafür muss ich mir Zeit nehmen.‹ Womit schon gesagt ist, dass gerade dieses Stück Zeit fehlt.

Ein Künstler, der ins Buch will, stiehlt sich davon. Er misstraut den Ausstellungen, auch er will ›etwas Festes‹. Was noch? Nun, er will ausgestellt werden. Für ihn ist das Buch eine Dividende auf kommende Ausstellungen. Sie schlummern darin wie die verborgenen Kräfte des Drachen Niruwan, der zur gegebenen Zeit erwacht, es muss ihn nur einer wecken. Wer will so ein Buch? Sein Geheimnis ist das Prestige, vor allem dort, wo es fehlt. ›Schau, was ich gefunden habe‹, sagt das suchende Ich, ›lass doch‹ das blätternde: es ist schon weiter und erkundet ›den unbekannten Lagerfeld‹ oder ›Loriot: das späte Werk‹. Da weiß es, was es hat.

Was hat es denn? Ein Nachholbedürfnis.
Nichts darf ihm entgangen sein.
Deshalb ist alles, was ihm entgeht, nichts.

 

Et in Arcadia ego

Der kultivierte Mensch ist der ahnungslose
1
  • ―Kultur, erläutert Wegenaer seinen zum Dreitages-Enklave versammelten Studenten, hat neben der Fähigkeit, den Blick frei schweifen zu lassen, mit Fingerfertigkeit zu tun. Beim pinselschwingenden Maler oder dem mechanisch schuftenden Objektkünstler ist das offensichtlich. Aber es gilt auch im Bereich der Rezeption. Bücher zum Beispiel… Lieben Sie Bücher? Sie müssen Bücher schon lieben, sonst wird das nichts zwischen Ihnen und der dahinter steckenden Kulturtechnik. Die besten Bücher wollen erblättert werden. Ansonsten reden wir nur über Text. Blättern bedeutet, Sie vertrauen sich der unsichtbaren Führung durch Masse und Gewicht, aber natürlich auch durch all die eingebauten Klapp- und Faltstrukturen an, durch die sich das klassisch gebundene Buch von all den Billigimitaten abhebt, die den Markt überfluten. Was Sie dadurch erfahren, geht über bloß reproduktives Lesen weit hinaus. Der im Buche blätternde Mensch bedient sich des simplen, aber wirkungsvollen Mechanismus, der das Buch seit altersher zum Orakel prädestiniert. Damit gerät er in Sinnregionen, die dem Bravsein mit Worten auf ewig verschlossen bleiben.
  • Wie das?
  • ―Nun, er verschiebt etwas. Nennen wir es vorläufig das Verhältnis von Teil und Ganzem. Was heißt Blättern? Wer blättert, überschlägt die Lektüre. Er überschlägt sie nicht ganz, der Blick trifft auf dies und das, er nimmt Lese-Eindrücke auf, er springt von Eindruck zu Eindruck. Eine Reihe rasch erzeugter Eindrücke soll Aufschluss darüber gewähren, was dran ist am Ganzen, am ganzen Werk meinetwegen. Kann sie’s? Kann sie’s nicht? Nein, sie kann es nicht. Warum kann sie es nicht? Was meinen Sie? Nein, sagen Sie’s ruhig. Ganz recht, die Verknappung der Zeit erzeugt etwas, was der Autor nirgends im Sinn hatte, als er seine Sätze niederschrieb, sorgfältig, einen nach dem anderen, Satz für Satz. Das Blättern erzeugt eine künstliche Selektion und die erzeugt etwas anderes, etwas, das nur dem die Lektüre verweigernden Leser gehört. Aus diesem Grund legt der Blätternde das Ganze nie ganz aus der Hand. Er behält es hübsch in Reserve. Warum? Er könnte es irgendwann brauchen. Und nun hören Sie noch einmal hin: ›Das Ganze nicht ganz…‹ Da haben Sie die Formel für das erblätterte Buch. Was braucht der Mensch mehr, um ganz Mensch zu sein (um mich, was sonst nicht meine Art ist, bei Schillers Spielformel zu bedienen)? Gute Frage. Alles, womit der Mensch spielt, könnte er noch einmal brauchen. Das ist der Sinn des Spiels, die unaufhörlich schweifende Mimesis.
  • … ??
  • ―Ein Buch, wie ich es hier in der Hand halte, kann ebenso schweifend erschlossen werden wie … wie … eine Landschaft. Sie kennen das aus anderen Zusammenhängen… – versuchen Sie mal, sich innerhalb einer vorgegebenen Zeit in einer Bibliothek zu orientieren. Ich sage bewusst Landschaft, weil der schweifende Blick erst Landschaft ermöglicht. Er erschafft sie, man könnte sagen im Handumdrehen, aber das wäre dann wieder ein anderes Zeitmaß. Der Ausdruck ›Bücherlandschaft‹ gehört ins Feuilleton, da tauchen im Besprechungsteil von oben nach unten, von links nach rechts immer die gleichen Autoren plus, sagen wir, hin und wieder ein, zwei Neulinge auf: der Lesepfad geht vom allzu Bekannten zum weniger Bekannten, das sich nach wenigen Sätzen als das Altbekannte in frischer Verpackung entpuppt. Wer will, kann das natürlich Landschaft nennen. Die wahre Bücherlandschaft aber ist die Bibliothek. Sie erzeugt den Eindruck von Ordnung, weil sie eine Ordnung besitzt. Doch der Eindruck von Ordnung und die Ordnung selbst sind himmelweit unterschieden. Die bibliothekarische Ordnung ist kontraproduktiv. Warum? Weil sich das Schweifen in ihr erübrigt. Deshalb ist die Bibliothek nicht der richtige … nicht ganz der richtige Ort, um sich schweifend zu orientieren.
    Der richtige Ort ist, unter uns, die Terrasse.
  • Die Terrasse ist der Ort, an dem sich das bergende Haus zur Landschaft hin öffnet und im Subjekt mit ihr verschmilzt.
  • Das Buch ist der Ort, an dem die durch Material und Symmetrie eingebundene Schrift sich entgrenzt.

*

Da blicken die ›Studierenden‹ – wie die Krake Bürokratie sie neuerdings nennt – ihn fragend an und in den Köpfen beginnt es zu rauchen. Blicke durch, wer will.

Hier und da: gedämpftes Gelächter.

Der kultivierte Mensch ist der ahnungslose
2

Lydia, den bleichen Schopf straff nach hinten gekämmt, sitzt in der ersten Reihe.
Sie will sich hervortun.
Wegenaers schweifender Vortrag verwirrt sie.
Am liebsten würde sie ihm das Buch aus der Hand nehmen und aufschlagen, sie weiß die Seite, sie hätte damit kein Problem. Das Problem heißt Wegenaer. Er hat ihr das Buch, das sie bereits sicher in ihrem Besitz wähnte, wieder abgenommen und hält es verschlossen. Sie könnte sich melden, aber sie wagt es nicht. Warum sie es nicht wagt, weiß sie nicht genau. Es geht nicht. Aber, wie sie sich bereitwillig einräumt, das ist keine Antwort. Sie möchte die Antwort nicht wissen. Die Trennung vom Buch, das fühlt sie, ist ist ein traumatisierender Eingriff, den sie nicht so leicht wegstecken wird. Nie hat sie sich Männergewalt so … bloß ausgeliefert gefühlt, schutzlos in ihrer Hülle aus guten Vorsätzen und hochfliegenden Plänen, die sie sich liebend gern patentieren lassen würde, so eigen kommt sie ihr vor, so anschmiegsam weich und wunderbar, so ganz und gar passend, dass allein das Sicherheit gibt, Sicherheit, die jetzt zerbrochen ist, naja, vielleicht nicht zerbrochen, aber ›angeknackst‹ trifft es auch nicht, dem Ernst der Lage würde so ein Allerweltswort nun wirklich nicht gerecht. Ein Allerweltswort in einer Allerweltswelt … nicht dafür hat sie dieses Studium begonnen, nicht dafür sitzt sie an diesem Platz, nicht wirklich. Dafür hat sie nun wirklich nicht geforscht, denn das … das hat sie, fast bis zur Selbstpreisgabe, und sie will den Preis … natürlich will sie den Preis … ›einstecken‹ ist nicht das richtige Wort, sie will ihn schließlich nicht in der Tasche davontragen, auch nicht über oder unter dem Herzen, sondern … fast hätte sie eingesetzt: ›in der Gloriole‹, komischer Ausdruck, könnte auch ›Gladiole‹ heißen, dann hätte sie wenigstens etwas Handfestes, etwas, worüber sie lachen könnte, während sie die aufsteigenden Tränen verdrückt.

 

Der kultivierte Mensch ist der ahnungslose
2

Lydia, den bleichen Schopf straff nach hinten gekämmt, sitzt in der ersten Reihe.
Sie will sich hervortun.
Wegenaers schweifender Vortrag verwirrt sie.
Am liebsten würde sie ihm das Buch aus der Hand nehmen und aufschlagen, sie weiß die Seite, sie hätte damit kein Problem. Das Problem heißt Wegenaer. Er hat ihr das Buch, das sie bereits sicher in ihrem Besitz wähnte, wieder abgenommen und hält es verschlossen. Sie könnte sich melden, aber sie wagt es nicht. Warum sie es nicht wagt, weiß sie nicht genau. Es geht nicht. Aber, wie sie sich bereitwillig einräumt, das ist keine Antwort. Sie möchte die Antwort nicht wissen. Die Trennung vom Buch, das fühlt sie, ist ist ein traumatisierender Eingriff, den sie nicht so leicht wegstecken wird. Nie hat sie sich Männergewalt so … bloß ausgeliefert gefühlt, schutzlos in ihrer Hülle aus guten Vorsätzen und hochfliegenden Plänen, die sie sich liebend gern patentieren lassen würde, so eigen kommt sie ihr vor, so anschmiegsam weich und wunderbar, so ganz und gar passend, dass allein das Sicherheit gibt, Sicherheit, die jetzt zerbrochen ist, naja, vielleicht nicht zerbrochen, aber ›angeknackst‹ trifft es auch nicht, dem Ernst der Lage würde so ein Allerweltswort nun wirklich nicht gerecht. Ein Allerweltswort in einer Allerweltswelt … nicht dafür hat sie dieses Studium begonnen, nicht dafür sitzt sie an diesem Platz, nicht wirklich. Dafür hat sie nun wirklich nicht geforscht, denn das … das hat sie, fast bis zur Selbstpreisgabe, und sie will den Preis … natürlich will sie den Preis … ›einstecken‹ ist nicht das richtige Wort, sie will ihn schließlich nicht in der Tasche davontragen, auch nicht über oder unter dem Herzen, sondern … fast hätte sie eingesetzt: ›in der Gloriole‹, komischer Ausdruck, könnte auch ›Gladiole‹ heißen, dann hätte sie wenigstens etwas Handfestes, etwas, worüber sie lachen könnte, während sie die aufsteigenden Tränen verdrückt.

 

Wegenaer wird mich nicht aufhalten. Er hat mir etwas genommen und etwas in mir ist zerbrochen. So sieht es aus. Das Ganze raubt mir den Atem, wann immer ich daran denke. Das ist eine bloße Redensart, aber in diesem Fall voll gerechtfertigt. Ich leide unter Atembeschwerden, unter Schluckbeschwerden, allmählich meldet sich auch mein Magen. Das hat noch gefehlt. Ich kann das alles nicht brauchen. Ich nehme Medikamente. Ich habe mich bei meiner alten Yogalehrerin angemeldet, ich habe Siegmund erklärt, dass er besser vielleicht eine Zeitlang auszieht, weil ich ein Problem klären muss. Nein, nichts mit ihm, er darf sich da ganz beruhigt zurücklehnen und seine männliche Eitelkeit einfach für eine Weile stecken lassen. Ich habe alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Aber beim Joggen bereits überfällt mich Kurzatmigkeit. Alarm!! Ich komme nicht mehr voran. Die Diagnose der Lungenärztin habe ich: Keine organischen Ursachen (wie nicht anders erwartet). Das wäre also abgeklärt. Mein Problem heißt Wegenaer. Ich muss, ich will mir das Buch zurückholen. Ich habe es bereits bestellt, das ist, wenngleich nicht der entscheidende, so doch der erste Schritt.

 

Der kultivierte Mensch ist der ahnungslose
3

Eine Seite im Leben des Alois Wegenaer

Immer wieder kehrt Wegenaer zum Buchstaben F = Fettleibigkeit zurück. Wenn es eine Seite in Homomaris’ Buch gibt, die gleichsam von selbst aufklappt, sobald er sie berührt, dann diese, die vorgibt, der ›Adipositas‹ auf den Leib zu rücken, während es sie mit einem Lächeln, so zweideutig und hart wie das Leben, das er selbst nie geführt hat, feiert, nein, als Lösung des kulturellen Formproblems preist. Dass Kultur ein Formproblem hat, das sie lösen muss – so zu reden ist ganz alte Schule, aber das Problem bleibt, auch wenn die Wörter wechseln, und Wegenaer ist Ästhet genug, um von Zeit zu Zeit dem Charme der älteren Terminologie zu erliegen. Was liegt an Terminologie! Alles und nichts, folgt man Homomaris, der dieses Klavier benützt, als habe er es, einsam im Walde spazierend, auf einer wilden Müllkippe entdeckt und klimpere, unter tirilierenden Sängern, jetzt munter auf ihm herum.

Hat er nicht recht? Hat man die alten Ismen nicht wild entsorgt, sobald ein neuer anrollte? Sind sie nicht…? Nun ja, ebenso sehr Müll wie die traditionellen Mittel der Bildgestaltung, die im Malewitsch-Wegenaer-Quadrat spurlos untergegangen sind – er würde den Ausdruck ›restlos aufgehoben‹ bevorzugen, aber ein kleines Cave! läuft immer mit und will gehört werden. Plötzlich, unter den fleißigen Fingern dieses Homomaris, beginnt es zu plärren wie ein billiges Transistorradio, das jemand vor dreißig Jahren abgestellt hat und jetzt, ein Menschenalter danach, lärmt es los. Nein, man muss die sinnliche Schönheit des weiblichen Modells in seiner zur Üppigkeit neigenden Variante nicht mögen (ist das ein Widerspruch oder ein Sexismus?). Man darf sie aus vielerlei Gründen nicht mögen. Aber ohne Zweifel leiht das Gerede vom ›guillotinistischen Schönheitsverlust‹, gestisch unterstrichen durch die ›medizinische Kulturgrenze‹ des durchtrennten Halses, einer Verlustgeschichte die Stimme, die sonst unkommentiert die Museen bevölkert…

Formuliert er schon? Meldet sich hier die Stimme des nächsten Buches? Der dicke Strich, der die moderne Zwei-Reiche-Lehre der Kunst begründet, ist, wie es scheint, fadenscheinig geworden. Wegenaer wundert sich, wie leicht es ihm fällt, ihn tentativ zu überschreiten und sich den boys von der anderen Seite anzunähern, die dort auf Aufträge lauern. Dieser Homomaris, das spürt er genau, ist einer von ihnen, zweifellos mit dem Zeug zum Anführer, ein Sechzehnender, der am Ende seines Lebens stürmisch Aufschluss darüber begehrt, warum seinesgleichen nie zum Zuge gelangte. Die Sprache der Comics in ihrer stilisierten Hässlichkeit ist seine Waffe, er scheint sie zu beherrschen, aber sie ihn nicht, da liegt der Unterschied. Er benützt sie als Schmutzkübel, um Schönheit einzufordern: nicht ironisch, nicht gebrochen, wie es sich gehört, sondern mit dem Pathos des Alten, der zum Aufrührer mutiert, weil die Zeit des Aufschubs zu Ende geht.

Nun, auch er, Wegenaer, ist nicht mehr der Jüngste. Das verbindet, zumindest lässt es die Motive des anderen in einem milderen Licht erscheinen. Eine Beschäftigung mit ihnen scheint denkbar. Es lässt sich nicht bezweifeln, dass da etwas liegengeblieben ist.

Der kultivierte Mensch ist der ahnungslose
4

Homomaris legt eine Spur und Wegenaer geht ihr nach.

So jedenfalls würde die Geschichte, wie Wegenaer sie erzählt, rechtmäßig lauten. Würde er genauer hinsehen, dann würde er bemerken, dass bei dem Vorgang eine Instanz ihre Finger im Spiel hat, die sich selbst durch absolute Inkompetenz nicht abschrecken lässt, die Fäden zu ziehen. Diese Instanz ist nicht Lydia, die es liebend gern wäre, sondern das penetrante Geplapper, auf Grund dessen er ihr das Buch wieder entzog. Die Adipositas-Seite war darin bis zur Widerwärtigkeit gegenwärtig, auf jeden Fall gegenwärtig genug, um seinen Abwehrreflex zu provozieren.

Was heißt das schon?

Ehrlich gesagt, nicht viel. Es mögen ein, zwei Sätze gewesen sein, auch drei, übrigens nicht zurückrufbar, das Gedächtnis erweist sich an dieser Stelle, wie so oft, als blank sheet of paper, besser gesagt, als Leerstelle, in welche die Gedanken hineinströmen, als hätten sie nichts Besseres zu tun, als hätte sich hier eine dieser Mulden in ihrem Universum gebildet, von denen selten die Rede ist und ohne deren Hinzunahme es sich nicht wirklich begreifen lässt. Nein, die Neigung zur Korpulenz ist nicht sein Problem. Er hat sich den federnden Körper bewahrt. Auch gehört er nicht zu den Männern, die den weiblichen Fettansatz über alles schätzen. Diese sehr eigene Welt der Kalorien und der verzweifelten Versuche, sie im Alltag zu kontrollieren, soviel kann gesagt werden, ist ihm wesensfremd. Allein: der Teufel steckt im Detail.

Wegenaer ist verheiratet.

Liegt hier der Punkt, an dem Lydias Geplapper ihm zu nahe kam? Eine Spur jedenfalls wäre es, der nachzugehen sich lohnte. Wir kennen, so würde der Philosoph Dassler, falls eine unbekannte Instanz ihn zwänge, so tief unter sich zu greifen, es wohl formulieren, Wegenaers Privatleben nicht genau genug, um an dieser Stelle augenblicklich weiter zu kommen. Im Leben des Kunsthistorikers Wegenaer ist der Augenblick alles. Er hat ihn kultiviert und wurde reich dafür belohnt, nicht zuletzt durch den akademischen Posten, der ihm den freien Rundblick erlaubt, prinzipiell zumindest, auch wenn er sich hin und wieder, wie jetzt gerade, ein bisschen eintrübt. Jedenfalls liegt das Buch, seit Wegenaer es Lydia wegnahm, nutzlos bei ihm herum, als fehlte etwas, sagen wir: der rechte Gebrauch.

Sizilien, Ätna. Hausfront mit Eingang. Zwei Stockwerke. Ein Balkon. Satyrn, später Odysseus

Silen erst den abwesenden Bakchos, dann den Zyklopen anredend

Abwesend sprech ich, doch wer fehlt, bist du.
Das sind so Späße, die die Sprache treibt.
Ich nenn dich Bromios, ein anderer Bakchos.
Doch wie du wirklich heißt, das weiß die Not
und die geht barfuß, wie man weiß, im Zweifel.
Wer zweifelt nicht? Ich zweifle. Wär ein andrer ich,
ich zweifelte, als wär ich wieder ich. Was ich
nicht bin, dir folgend: folgte ich dir nicht,
es hätt mich nie an diesen Ort verschlagen,
an dem mich nur Verschlagenheit am Leben
und nah den Trögen hält, für deren Füllung
kein anderer als ich zu sorgen hat.
Ich also bin der Stachel, der mich treibt,
die Schale, die mich leert, und fass den Trog
ich fest ins Auge, sehe ich mich selbst,
als fiele ich in mich hinein. Ein Sturz
bin ich und sturzbesoffen
kennt mich die Welt: Silen.

Das macht mich denken. Bakchos oder Kyklops:
man irrt sich schneller in der Tür als in der Arbeit,
die einen links erwartet oder rechts. Im Kyklops geht
sie niemals aus. Im Bakchos
war sie am ersten Zahltag ausgestanden.
Hier fress ich aus dem Trog, den ich zuvor
mit Eicheln füllte, denn die will das Schwein.
Was noch? Was will das Schwein, wenn es gefressen hat?

Stellt sich vor die Tür und schreit hinein

He du. Was willst du? Soll das Maul ich dir
mit Phrasen stopfen und das Hirn mit Blut?
Reißt du die Fresse auf, dann ich den Darm.
Ich scheiß auf dich. Ich habe Grund.
Wie steh ich da, wenn du im Schlamm dich wälzt?
Bekleckert steh ich da und denk den Teil
mir, den du mir gelassen hast.
Ich will mich mit dir messen. Ich, der Mundschenk,
der Phrasenbub, der einem Rausch
zum Opfer fiel, sofern man Opfer nennt,
was sich die Hacken abrennt, um dabei zu sein.

Davon verstehst du nichts. Dir fehlt
das zweite Aug, das uns erst sehen lässt:
mich und die Meinen. Doch was wir sehn,
braucht eine Rossnatur, ein bloßer Mensch
schaut nach dem Wetter und
hält sich bedeckt.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
1 /18

Einzug Chor.
Ziegenlied

Du da.
Du mit dem störrischen Blick.
Du da.
Wo willst du hin?
Du da.
Gehts dir nicht gut?
Du da.
Hier geht der Weg und dort
geht nichts.
Du da dem
das Leichte schwer
fällt: Was hast du vor?
Du wirst Hilfe brauchen. Hier
ist sie und dort
wartet das Aus.

Du da.
Du mit dem herrlichen Blick.
Du mit dem strahlenden Euter.
Hier geht dein Weg und dort
läuft nichts.
Sei stark.
Vergiss nicht,
was man dir sagte.
Du der Weg
der Weg du
im Ziel eins.
Du da.

Ihr da.
Hier eure Stunde.
Hier das Heu,
gemäht und gewendet,
für euch angehäuft.
Für wen denn sonst?
Hier die Tröge, errichtet
wem wenn nicht euch.
Hier das Dach,
unter dem ihr
frei von Furcht
könnt.
Verlangt euch nach Mehr:
das lässt sich richten. Also
tut was.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
2 /18

Silen

Dann tut halt was, sie sagens doch, was steht
ihr rum und glotzt, ein Vieh, wer euch zu lang
betrachtet, selber, deshalb nehmt
euch Zeit, doch nicht zu viel, denn sie
ist weg, wenn ihr am nötigsten sie braucht.

Chor

Den Vers, dir eingetrichtert, rotzt du aus, als
könntest du den Zoff gleich mit entfernen. Wo
hakts denn?

Silen

Ihr seht bloß euch und euren Stall. Ich seh, was kommt:
Boote, seetüchtig kaum, geschwärzt von Algen,
wär ich Reporter, schrie ich aus, was jeder sieht,
der sehen kann, doch daran fehlt es euch, solang
ich denken kann und das heißt: lang. Die Zeit wird knapp.
Nehmt, was ihr brauchen könnt. Es kommen andre,
die brauchens auch. Ob Gast, ob Fremder,
das bleibt sich gleich. Heißt sie willkommen,
das unterscheidet euch vom Vieh. Ansonsten lasst
mich reden, denn ich hab, was euch abgeht, den Mumm.
Willkommen, Fremde!

Odysseus

Du bist Silen. Dich unterscheid ich gern.

Silen

Wie kommts?

Odysseus

Blockflöten kenn ich, seit ich hören
und sehen kann. Verging dir einmal beides,
dann hast du es und wirst es nicht mehr los.
Das sind so Reden. Halt die Ohren steif. Was bläst,
das bläst, und was die Runde macht,
erkennst du noch, wenns aus dem letzten Loch tönt.
Wo aber sind wir, sag, gelandet? Die Hänge kahl
und weit und leer der Himmel, der uns sengte?
Ist das das Land, von dem es heißt, du musst den Fuß
nur über seine Schwelle setzen, gleich… Was soll der Zorn?
Bist du verrückt? Beschämt man so den Flüchtenden,
der, aller Mittel bar, dem inneren Kompass folgte?
Wow, was ein Land.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
3 /18

Silen

Scheiß drauf. Ich hör den Sound
der Missgunst auch, wenn er von Fremden kommt.
Das lässt mich fragen, wer du bist und was ihr wollt.

Odysseus auf die Gefährten deutend

Ich bin der, den du willst, und diese,
sie wollen alles. Das
erschreckt den Spießer und er fühlt die Drohung.
Sie wollen alles, denn sie haben nichts und alles
ist ihnen recht, was ihnen aufhilft.

Silen

Damit kann ich dienen.

Odysseus

Dann sag mir erst, wo wir gelandet sind.
Ich hörte was von Menschenfresserei.

Silen

Ach. Hat man dich ins Bild gesetzt? Was soll ich sagen…
Erst Troja!

Odysseus

Was?

Silen

Glaubst du, ich hätt dich nicht sofort erkannt?
Für wie dumm hältst du mich und meine Leute?
Du bist Odysseus, unterschreib, dass du es bist, damit
wir wissen, wie ihr zu behandeln seid.

Odysseus

Behandeln?

Silen

Ja. Doch vorher will ich wissen,
durch welche Hölle ihr gegangen seid,
man hört so vieles und der Tag ist lang.

Odysseus

Wir waren Sieger. Deshalb sind wir hier.
Wir ließen Troja brennen, bis die Flammen
Wie weiter? fragten, schließlich eine nach
der andern ausfiel, denn der Mangel plagte
sie fast zuerst, uns griff er später
und jagte uns hinaus aufs hohe Meer.

Silen

Das hohe Meer… Es ist ein wenig weit
von Ilion bis an den Rand des Ätnas.
Hat man euch vorher nicht an Land gefischt?

Odysseus

Wie mans nimmt. Im Nachhinein
sinds Possen. Steckst du drin,
willst du nur eines: Nichts wie raus.

Silen

Was du nicht sagst.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
4 /18

Odysseus

Euch geht es gut?

Silen

Na bestens. Und wie kamt ihr durch?

Odysseus

Sei niemand. Erste Regel.

Silen

Das lässt sich machen, so dich keiner kennt.

Odysseus

Sei jeder. Zweite Regel. Gaff nicht so,
als wär ich Polyphem, das Monster,
und du der Graue Star auf seinem Rest-Aug.
Ich seh noch gut und merke jeden Blick.
Wie kommts, dass du nicht mehr im Bakchos
den Tresen putzt? Mir scheint, du dientest gern.
Du wirkst so nüchtern. Fehlt dir was? Doch was?
Ich habs: dir fehlt die Füllung. Der Kyklops
bekommt dir nicht, der dich hier artgerecht
an seinen Porphyrhängen grasen lässt,
als kalbtest du aus seiner Rinderherde, halb
gefressen schon, beim bloßen Hinschaun, halb
ein freier Mann.

Silen

Wir dienen immer. Womit kann ich dienen?

Odysseus

Mit Proviant.
Die Boote sind erbärmlich. Habt ihr bessere,
dann her. Ein frisches Bad, ein Bett für jeden,
doch vorher will ich, dass wir uns berauschen.

Silen

Berauschen? An was? An deinen Worten?

Odysseus

Wenn mein Erscheinen
die Sprache dir verschlug: warum nicht?
Hör zu: Du brauchst den Rausch. Ich brauche dich.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
5 /18

Silen

Der Rausch war gestern. Hier herrscht Katzenjammer.
Bringst du uns Stoff? Dann, Fremder, sei willkommen
und jeder Satyr nimmt dich an die Brust. Wenn nicht,
dann geh zum Styx und fisch dir Proviant. Der Wein,
den man hier presst, sind wir: das sagt euch nichts.
Man klaubt sich die Erfahrung aus den Schoten.
Spräch ich die Sprache des Regimes, so spräch ich: sorglos.
Ihr glaubt, ihr seid Entronnene, mag sein. Ich kenn euch nicht
und glaub euch alles, weil ichs glauben will. Warum?
Ganz einfach: ihr seid wir und wir sind ihr. Du glaubst
mir nicht? Dein gutes Recht – ich wär der letzte, der
dirs nimmt. Doch hör mir zu.

Odysseus

Hör du mir zu: wir schleiften Ilion nicht,
um hier den Knecht zu geben unter Knechten.
Wir haben Helena befreit. Nicht, weil sie’s wollte,
nicht um die Schmach zu sühnen (wessen Schmach?), –
doch sie war unser und so soll es bleiben. Herr bleibt Herr
auch im Exil. So sieht es aus und so
gehört es sich. Die Katze lässt
das Mausen nicht, bloß weil auf Mausformat
sie schrumpfte.

Silen

Dann, großer Kater, hol die Flasche raus,
wir haben Durst. Gib uns den Rausch,
den lang entbehrten, wieder,
das Missing Link, das unsere Hemmung löst.

Odysseus

Von daher weht der Wind.
Wer Sprüche klopft und trifft den Nagel halb,
dem klebt der eigene dran. Doch wer
nichts gibt, weil er nichts hat und nicht
zu jammern weiß, dem nützt der Finger nichts,
ob heil, ob blutig.

Silen

Man hat den Stoff
uns mehr als recht und billig vorenthalten.
Das geht ins Hirn. Schaffst du ihn her,
so bist du Gast. Wenn nicht, so nimm
Reißaus, solang es geht. Riecht Kyklops erst
den Braten, könnt ihr euch die Schädel
gleich hier, an diesem Vorsprung, selbst zertrümmern.
Das spart uns Arbeit. Um die Zubereitung
muss euch nicht bange sein. Besinnung
ist bloß ein Wort. Das Wort des Satyrs
bedeutet nichts, solang er nüchtern ist.
Wir sind erst stolz, dröhnt uns der Kopf.

Odysseus

So spar ihn dir. Wenn Worte
den Hunger stillen, geb ich einen aus.
Bis dahin lass uns feilschen, was das Zeug hält.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
6 /18

Chor

Wenn Fremde ins Land kommen,
will man wissen, wer’s ist.
Was er kann und warum
es ihn verschlug, das wissen zu wollen
ist Menschenart. Nur dem einsam ziehenden Ochsen
ist es egal. Es ist nicht recht, uns schuften zu lassen
für Unbekannte.

Silen

Euch unbekannt, doch mir vertraut
von Jugend auf: Hört ich das Gras
in Hellas wachsen, warens diese da.
Gefüttert und gepflegt und ausgerüstet
von vielen Händen, doch nur eins im Sinn:
den Kampf, den sie vor Trojas Tore trugen,
als hätte Zeus sie selbst dazu bestimmt,
zu morden und zu brennen. Opfer sind
sie der Gewalt, die sie entfesselten,
weil sie an jener fernen Küste schlief,
leicht aufzuwecken, denn es ging um viel.

Chor

Opfer sind es
und Täter.
Fremde sind es, doch wir
wissen Bescheid. Einer spricht für sie alle,
doch nicht mit uns. Sie bringen flüssiges Gold,
und Silen tanzt
nach ihrer Pfeife.
Es ist eine Weile her,
dass wir ihn so sahen.
Er wird Ärger bekommen und wir
werden ihn ausbaden müssen.

Silen

Genossen alter Tage, warum zögerlich?
Wisst ihr, was uns erwartet, wenn
der Vorhang aufgeht und die rote Sonne
uns unterm Ätna kitzelt, bis es brennt,
saftlos, an Hand und Fuß verschnürt, Pakete
aus einem Gestern, das kein Heute kennt,
und sich des Morgen schämt. Kein Morgen ist
auch einer, aber ohne uns und unsern Beitrag
zum Gang der Dinge, der nichts braucht als Zeit,
auch wieder keiner. Jedenfalls für uns.

Chor

Die Welt kennt uns und wir
kennen die Welt. Behalte deine Rede drin
im Mund. Wir wissen, was zu tun
uns bleibt. Nichts Menschliches
ist uns fremd. Der Berauschte ist schön
für den Berauschten. Und klug für zwei.
Oder für alle. Das lang Entbehrte spielt
mit dem Entbehren. Es weicht ja nicht.
Es macht den Weichen weich. Was dir den Muskel löst,
das löst uns den Verstand.
Bringt mehr von dem Stoff, Fremde.
Genug ist nicht genug.
Wir haben Kraft. Wir haben Wut.
Sie wissen nicht, wie gut das tut.
Schunati ittati lemneti la tabati
schtri hatuti parduti lemnuti la tábuti scha lipit qati
hiniq immeri naqe niqi
u nepesti baruti


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
7 /18

Silen unruhig

Ruhe. Ich hör was kommen. Räumt die Tische leer.
Werft alles ins Gebüsch. Ja, auch den Braten.
Er wird ihn riechen. Na und? Alles, was das Auge
nicht sieht, das kann man leugnen. Notfalls
erklär ich ihm die Welt, dass ihm der Kopf brummt.
Nun, meine Gäste, jetzt wirds ernst. Am besten
betrachten wir die Lage einmal von der Seite:
Ihr seid Gefangene wie wir. Euch fesselt das Geschick
und uns die Not. Den Unterschied
erklär ich euch dann später. Jetzt erklär
ich euch zu niemand. Ihr wolltets sein,
jetzt seid ihrs. Geht doch. Niemand hat
euch hier gesehn. Wo doch, so sah er niemand. Macht
mir keinen Ärger, denn ich kann auch anders,
besonders wenn ich muss. Zurückgetreten, wirds bald?
Hier nächtigt niemand unter freiem Himmel.
Dort liegt das Loch. Holt euch beim Pförtner
die Seife ab, wascht euch die Ohren aus.
Es gibt noch vieles, was ihr lernen müsst.

Odysseus

Wenn ich ein Niemand bin, wer bist dann du?
Dir soll ich traun? Da ging’ ich deutlich über dich
hinaus. Sei mir nicht bös, das wird nichts.
So, Stirn an Stirn, erwarten wir das Monster.

Silen

Du hast gut reden.
Du kommst aus Kämpfen und du suchst den Kampf.
Mich sucht er heim, solang ich denken kann.
Ich stach Enkelados das Aug,
mein Leben er. Als hätt ich zwei,
so rammte er das Schwert in mich hinein.
Doch davon schweigt der Sänger.
Trägst du den Waffenkampf in dieses Land,
dann siehst du mich an deiner Seite zwar,
doch nutzlos. Ein Toter bin ich.
Die Hand, die helfend dich vom Schiff geholt,
sie wüchse kalt da drüben aus dem Krater.

Tanzt

Da ist kein Zentimeter meines Körpers
der dich nicht sieht und bohrend nicht
sich einverleibt. Du bist so anders. Bleib.
Ich war nur einen Nachmittag zu Gast.
Ich bin schon weg. Doch vorher… vorher will ich dich.
Vergiss dein Ithaca. Vergiss die Insel
der allzu gierigen Freier. Kehrtest du zurück:
Blutsäufer fändest du und keine Menschen.
Du nennst es Heimkehr und ich nenn es Mord.
Hier bist du sicher. Nimm den Schlüssel. Geh. Dort in der Höhle
liegt alles, was du brauchst. Was braucht so einer
wie du schon? Und wenn, wir werden
gemeinsam eine Lösung finden. Geh endlich.
Wenn nichts mehr geht, dann rennt der Mut persönlich
ins Unglück. Sei gescheit. Berechnung
ist alles, was dich hier umschließt. Es ist
ein Wort bloß, das den Schädel bersten macht.

Odysseus

Ich sehs an deinem Auge: es ist da.

Beide treten zurück.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
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Zwischenspiel auf dem Balkon

Die hohe Frau

Ich will nur kurz was klären, ich hab da,
wissen Sie, einen Traum, der mich
die ganze Zeit verfolgt, gut, das bringt
uns jetzt nicht weiter, aber
worauf ich hinauswill, ist folgendes.
Wir alle
tragen Verantwortung. Ich mein, jeder von uns
kann dazu beitragen, die Welt ein Stück –
›wohnlicher‹ ist vielleicht nicht ganz
das richtige Wort, doch wichtiger wäre,
dass jeder von uns
an seinem Platz
und wenn ich Platz meine, dann
meine ich das ganz, damit wir uns
richtig verstehen, ganz deutlich in die Richtung
unserer politischen Gegner,
aber wichtiger wäre vielleicht,
dass jeder von uns
an seinem Platz

Hosenträger

Mich hat
Ihr letztes Wort so sehr berührt, dass ichs
gern schriftlich hätt.
Die Leute haben zehn, fünfzehn sichere Häfen
unterwegs ausgelassen. Wer da nicht
Verdacht schöpft, kann sich gleich einpökeln lassen.
Ganz recht, wir werden positiv
mit ihnen umgehen. Man wird
sie fragen, woher sie kommen,
die Antworten in ein großes Buch schreiben
und es anschließend
in den Ätna werfen.

Die hohe Frau

Wir weisen keinen ab, ders bis an unsere Küste
geschafft hat, erstens wärs ein kolossaler
Image-Schaden und zweitens, hätt ichs anders
beschlossen, müsst ich den Schuh
mir selber vor die Tür stellen, schließlich
säß ich nicht hier, hätt meine Regel damals schon
gegolten, also könnt ich sie
nicht fassen, also
wärs auch nicht recht von mir, sie anzuwenden.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
9 /18

Zuträger

Unsere Spitzel berichten mir, diesen Leuten
stecken zehn Jahre Kampf in den Knochen.
Darum werden sie jeden,
der ihnen quer kommt, zur Hölle schicken.
Wir werden sie fleißig
weiter beobachten, aber nicht weiter behelligen.
Unsere Spitzel erzählen uns, dass den Angaben dieser Leute
nicht zu trauen ist. Wir werden Anweisung geben,
dass sie nicht überprüft werden sollen. Mehr lässt sich
unsererseits
zum gegenwärtigen Zeitpunkt
nicht tun.

Die hohe Frau täschelt seine Hand und blickt hinüber zum

Sackträger, ihr zugewandt

Auf diesem Käse-Eiland ist der Größte, wer
den Pfriem ins Kleinhirn hämmert, dass er klemmt
für alle Zeit, ein Denk-Maul ohne Abzug.
Denn so ins Schwarze treffen heißt salviert sein
und arglos mit der Zukunft Fangen spielen dürfen.
Wir beide, Sie und ich, wir kennen das,
weil wir es von der Pike auf erlernten. Nachgewiesen
ist das Verfahren seit … den Paläolithikern.
Im Grundsatz hat sich nichts daran geändert.
Seit wir zusammengingen, glänzt das Land,
man fühlt sich speckig, wenn man bloß dran denkt.
Die Macht ist eingeregelt. Zwischen
euer Wir-schaffen-das und unser
Wir-ändern-das passt nur das Blatt
Papier, das uns als Bettgenossen ausweist.
Sie tun, was Sie nicht lassen können, wir
lassen Sie tun, was wir für richtig halten,
et vice versa. Das ist übrigens Latein, die Sprache,
die man hier später einmal sprechen wird. Manches lernt
sich besser in den Senken.

Die hohe Frau nickt ihm huldvoll zu.

Hoffnungsträger

Das Hornvieh, hohe Frau, ist aufgeschreckt
und drängt sich zu den Ställen. Die Rinder
des Kyklops haben eine feine Witterung
und fürchten Fremdes schon von fern.
Sie sind gewohnt, am steilen Hang zu grasen.
Schaff sie ins Flachland und sie gehen schief. Das ist
zwar nur ein Bild, vielleicht versteh ich auch
die Pointe falsch, doch sollten wirs nicht auf
die leichte Schulter nehmen. Besser wäre schon
die starke. Ich will jetzt meinen Rat nicht aufdrängen,
doch geht es dabei auch um meine Zukunft,
da nimmt man dann schon manchmal
kein Blatt vorn Mund, dann redet man,
wie einem der Schnabel… Was hab ich Falsches…
Ich habe nur… Sie sehen das jetzt falsch…
Darf ich … ein Wort…? Dann nicht.
Nein, Sie werden
mich jetzt nicht einknicken sehen.
Nicht vor den Leuten hier und auch
nicht in der Kulisse. Wenn Sie mich
aus dem Verkehr ziehen, dann bitte
diskret und nicht auf die hässliche Tour.
By the way, hohe Herrin: üben Sie beizeiten
die rechte Krümmung. Ich empfehle meine.
Kommt eine Zeit, wo Sie sie brauchen werden.

Die hohe Frau wendet sich ab 


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
10 /18

Bandträger

Das Land hat eine krankhafte Phantasie.
ich hätt bloß nicht gedacht, dass das so weit geht.

Lehnt sich über die Brüstung

Wer wissen will, was vorgeht, deckt sich nicht,
wie bisher üblich, bei den Sternen ein.
Der Ätna rumpelt stärker dieser Tage
und in der Nacht wirft er den Schein
von Bränden aus. Da draußen
wird alles Zeichen. Jeder Strohkopf gibt die Pythia.
Sie stecken sich beim Nachbarn an wie Vieh.
Man geht die Weiden ab und sucht nach Asche.
Wir müssen gegensteuern, koste es die Wahrheit.
Wir können nicht, nur weil ein paar aus Troja
versprengte Schlächter angetrieben wurden
– bald werdens mehr sein, denn es bringt uns nichts,
der unbequemen Wahrheit auszuweichen –,
wir können es nicht dulden, dass
uns ein Gerücht aus unsern Ämtern jagt, wir hätten
versagt, und alles, was jetzt kommt, sei unsere Schuld.

Die hohe Frau steht auf

Ich erkenne den Hass in ihren Augen.
Das erinnert mich an etwas,
worüber auch einmal gesprochen werden muss,
nachdem es allzu lang beschwiegen wurde,
weil etwas wie … wie soll ich sagen …
wie Scham darüber lag.
Jajaja –
Scham liegt auf unser aller Herkunft. Uns spuckte
der Osten aus wie diese. Scham
hat uns bisher bewogen, still zu halten. Heute
sehen wir klar: wir sind auch Gestrandete
gleich jenen. Auf fremden Grund
im eigenen Land geworfen, fremde Sätze
nach fremden Regeln drechselnd, innen stumm.
Das bricht jetzt auf und ich für meinen Teil
sag Dank. Wer Kraft hat, spreche
mir nach: Wir stehen für das Helle
in dieser Welt und diese da,
sie stehn nicht bloß im Dunkeln, sie verbreitens auch.
Das fällt mir dazu ein und darum sprech ichs aus.
Doch heute, Freunde, gehört uns dieses Land.
Wer meint, wir gäbens wieder her, der meint, er kann
zum Metzger gehn und Menschenfleisch bestelln.
Das wär dann nicht mein Land. Doch wahrlich –
nein, das streichen wir. Die Wahrheit ist,
vom Standpunkt der Methode betrachtet,
das, was ihr wissen müsst, den Rest
könnt ihr euch sch… denken. Und beachtet:
Wir dürfen unsere Gegner nicht zerfleischen.
Doch grillen werden wir sie schon.

Sie gehen hinein.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
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Odysseus vor dem Höhleneingang

Wer war denn das?

Silen

Die Dame über uns.
Genau gesagt: ihre Erscheinung.

Odysseus

Wo kommt sie her?

Silen

Darüber schweigt der Satyr.

Odysseus

Und die Satyre? Schweigt die auch?

Silen

Die hat so viel zu tun, dass sie sich nicht um Erscheinungen
kümmern kann. Es sei denn, sie hat selbst welche.
Was öfter vorkommt, seit man sie beteiligt. Sie muss jetzt
sagen, was Recht ist, da verkommt das eigene. Wisse,
dass der Kyklop sie als Opfer vorhält, aber gern loswerden würde,
weil sie so vom Fleisch fällt. Sowas zu sagen gilt hierzulande
als plump. Doch ungesagt wirkt es umso stärker. Niemand will mehr
Kyklop sein. Darum behandeln ihn alle, als sei er der Letzte,
und er genießt das. Allein die Satyre will, dass er ihr ein Kind macht,
und nervt.

Odysseus

Soso. Niemand will Kyklop sein. Aber Niemand bin ich. Sagtest
du vorhin nicht sowas? Diese Erscheinung hat mich etwas
genervt, sagtest du? Bitte schreib in dein schlaues Buch:
Ich will Kyklop sein. Ich gehe jetzt rein. Entweder ist er drin
oder niemand. Da ich Niemand bin, wie du sagst, ist das Ergebnis
eindeutig. Die Frage wird also sein, wer am Ende rauskommt.

Silen

Sieht so der Rausch aus, den du mir versprachst?

Odysseus

Solang du nicht klar denken kannst, brauchst du keinen neuen.

Silen

Das denkst du. Ich denke weiter als du. Deshalb bin ich auch
von uns beiden der Ältere. Denken hält jung.

Odysseus

Du hältst dein Geschwätz für Denken.
Wäre ich der Kyklop (der ich bin, wie du sagst),
dann würde ich dich auffordern, einfach mal die Klappe zu halten.
Es schickt sich nicht, den Gast anzuschwärzen. Vor allem, wenn er morgen
schon euer Nachbar ist.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
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Silen

Ich hab dich angeschwärzt? Sag das noch mal.

Odysseus

Erstens hast du mich angestiftet, dort hineinzugehen
und den Kampf mit dem Monster aufzunehmen, folglich bist du mir spinnefeind.
Zweitens hast du gerade angedeutet, ich würde
den heutigen Tag nicht überleben, folglich
nehme ich an, dass du meinen Tod herbeiwünscht, um deinen
alten Tyrannen nicht zu verlieren, der da drin, wie du behauptest,
nach Menschenfleisch giert. Das alles habe ich mir nicht ausgedacht,
sondern zwingend aus deiner Rede erschlossen. Also nehme ich als gegeben,
dass du auch in der Hinsicht nichts weiter bist
als sein Pfeifer.
Gerafft?

Silen

Du lügst. Das tut richtig weh. Ohne mich
lägst du jetzt abgestochen dort am Strand.
Ich habe dich willkommen geheißen, dir eine Bleibe besorgt
und dich verköstigt, wie ich es für gut fand.
Ich wollte von Anfang an, dass du bleibst. Wenn du da hineingehst,
dann kommt ein anderer wieder, gleichgültig, wie die Sache ausgeht.

Odysseus

Du lügst. Du weißt schon noch, wer mir diesen Schlüssel gab?
Weißt schon, wohin er führt? Wofür er gut ist?
Dir war bewusst, dass ich ein Kämpfer bin.
Wenn du, pardon, besoffen bist, dann treten deine Züge
so klar hervor, dass jeder Fremde dich durchschaut.
Du sagst, du heißt Silen. Mag sein. Dort, wo ich herkomm,
gibts mehr von deiner Sorte. Und einer drunter nennt sich immer
Silen, soll sagen: Lehrer der Verzückten.
Für dich bin ich ein Niemand. Dich heiß ich Niemand
in einem Niemandsland, das nichts und niemandem befiehlt.

Silen

Ich bin Silen. Wenn du Claqueure brauchst,
dann wende dich an mich. Hier: meine Karte.

Odysseus

Der Blutrausch der Achaier trocknet aus.
Was heute übers Meer kommt, hat gelernt,
an sich zuerst zu denken, kommts zum Tanz.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
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Chor

Hallo ihr beiden:
Rückgrat zeigen ist anstrengend.
Bitte schont eure Kräfte
für den gemeinsamen Feind.
Unsere Geduld ist endlich.
Eure Zeit läuft ab.
Komm näher, Odysseus.
Du wirst diesen Polyphem blenden
wie hundertmal vorher.
Erneut wirst du beweisen: der Einäugige hat keine Chance
gegen die Tücke. Einmal mehr
wirst du Niemand sein und einmal mehr
wird dich die Eitelkeit blenden.
Lass dir gesagt sein: der Alte hier,
der sich Silen nennt und nach dem Stoff giert,
den ihr ihm durch die Gurgel schickt, auch sein Verrat
ist nicht der neueste. Er ist vollbracht.
Auch deine Tat ist vollbracht.
Wärst du nicht blind vor Angst, du sähst das Aug,
das du um jeden Preis durchbohren willst,
an seinem Kettchen baumeln: frei von Hass.
Der Tote trägt den Toten auf der Brust.

Odysseus

Mir soll keiner nachsagen, ich hätt
euch nicht ausreichend zugehört, denn viel
zu lang geht mir eure Rede schon
im Kopf herum, ich will nicht wissen,
ob ihr verrückt seid oder doch eher Komplizen:
ich weiß es wirklich nicht. Für einen Toten scheint
Silen mir quicklebendig. Wenn das die Art
von Tod ist, die in dieser Höhle haust,
dann stell ich mich auf ein Gemetzel ein.

Chor

Er hat uns bezahlt, ausstaffiert, unsere Freiheit
in Freizeit verwandelt und jetzt wollen wir, dass du ihn tötest.
Wenn du uns fragst, wie er aussieht, dann müssen wir passen, denn keiner
sah ihn bis heut. Aber wenn du uns fragst,
ob es ihn gibt, dann antworten wir dir im Chor: Ja, töte ihn.
Wir geben dir Vollmacht. Seit dein Boot
Sizilien anlief, lebt es sich leichter. Warum, wissen wir nicht, aber
es lebt sich leichter. Wir wollen Erlösung.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
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Odysseus

Das sind auch Sirenen, aber abgehängte.
Wenn ich hier lebend wieder herauskomm,
dann solls mir gleich sein. Andererseits:
die Weiden sind gut. Von Ithaka blieb nur ein Streifen Hoffnung,
breit genug, die Mannschaft bei der Stange zu halten, aber doch
nicht breit genug, um mich durchzulassen. Ich hab
als Proviant verteilt, was ich an Hoffnung vorhielt,
heut bin ich blank. Wenn ich jetzt
als Niemand hineingehe, dann will ich als
Herr wieder herauskommen. Dieser Silen hat das ganz richtig erkannt.
Ich werde ihn an die Leine nehmen und auf seine Dienste zurückgreifen,
wann immer es nötig sein wird. Diese Leute hier
wollen erlöst werden. Das bedeutet:
ich muss sie enttäuschen. Daher
werde ich veranlassen, dass ihre Enttäuschung
sich über sich selbst täuscht. Ich werde ihr einen Kanal öffnen,
eine Kloake des guten Gewissens, gefüllt mit Gift. Durch meine List
ist Troja gefallen, da werden mir ein paar Schafsköpfe
nicht die Schau vermasseln.

Chor

Wenn ich ihn so, mit sich, seh sprechen, überläufts mich.
Zur Bakchos-Zeit gehörte Hellas uns. Und jetzt …
zählt es uns aus. Gezählt, so oder so, wir wissens, sind
die Tage uns. Der Ätna schreibt,
was uns bevorsteht, nächtens in die Luft. Wir könnten
ihn zähmen. Doch dazu fehlt die Kraft. Gestohlen
hat sie uns das Einaug. Weiter fehlt der Plan. Vereitelt
hat ihn das Einaug. Schließlich fehlt die Lust. Gezähmt
hat uns das Einaug. Noch Fragen?
Jetzt kommt Bewegung in die Sache. Da wird vieles möglich,
auch das Unmögliche. Wir werden Häuser bauen
aus Flüssiglava, unsere Kühe werden
drinnen im Krater das fetteste Gras weiden
und die gesündesten Kälber zur Welt bringen,
die Dämpfe, tödlich bisher, werden neues Leben
in Leichen pumpen.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
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Silen

Ihr wisst jetzt schon,
dass euch der Wahnsinn umtreibt?

Chor

Halt dich da raus.

Silen

Das müsst ich wissen.

Chor

Nichts weißt du. Wenn du etwas weißt,
hast du vergessen, es uns mitzuteilen.
Gehst du jetzt unter die Bedenkenträger?
Hat dich die hohe Frau gekauft? Wieviel
ist einer wert, dem bloß das Mundwerk geht?
Nicht viel. Die Preise fallen. Nenn den deinen
und er liegt drunter. So siehts aus.

Silen

Der Preis, vielleicht. Doch
schneller, als er fallen kann, fallt ihr.
Ihr werdet hart aufschlagen. Unter uns,
denn oben schlug noch keiner auf, ihr werdet,
wenn euch die Schale springt, die Augen reiben
und glauben, dass ihr träumt. Wie komisch:
Man glaubt zu träumen, fällt der Glaube aus.

Chor

Die Sache zwischen uns steht so: wir rannten
dir nach, solang ich denken kann.
Erst hieß es Bakchos, später Kyklops. Der Fall
war schmerzhaft. Doch geschenkt. Man soll die Schuld
nicht in verflossnen Räuschen suchen. Schuld ist jeder
für sich allein. Jetzt schiebst du uns die Schuld
an dem zu, was noch aussteht. Da wirds putzig.

Silen

Ihr habts doch hören wollen. Oder täusch ich mich?
Glaubt ihr, in mir gäbs einen Funken Macht?
Ihr könnt mich umdrehn und ihr findet: nichts.
Ihr könnt mich wieder umdrehn und ihr findet: nichts.
Ich füttre euch mit Wörtern. Wie ihr sie verdaut,
was gehts mich an? Ihr folgt mir: das ist wahr.
Wo’s was zu fressen gibt, seid ihr dabei.
Greift zu. Mit einem Zucken meiner Hand
nehm ich euch aus. Da fass!


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
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Die hohe Frau hoch auf dem Balkon

Die Zeit ist
nicht mehr dieselbe. Wer das nicht merkt,
der wird seiner Verantwortung für Mensch und Umwelt
nicht so gerecht, wie das beschlossen wurde
und ich für meinen Teil mich entschlossen hab,
die Dinge nicht etwa treiben zu lassen, sondern mit klugen
Steuerungselementen sie in eine Richtung zu lenken,
die wir für gut und richtig erachten, zum Nutzen
dieses Landes und aller anderen auf dem Planeten.
Es sind aber Situationen vorstellbar, ich sage das hier ganz offen,
in denen dann auch harte Entscheidungen anstehen, die aber
getroffen werden müssen, immer auf der Grundlage
sorgsamer Abwägung, da
solche einschneidenden, ich wiederhole mich da gern: einschneidenden
Maßnahmen dann doch ein gewisses Publikum, sagen wir,
eher erreichen als vielleicht ein anderes. Das ist jetzt mehr virtuell
gedacht. Aber auch das hat ja
eine gewisse Berechtigung.

Hosenträger

Wenn ich jetzt geh, dann für lang.
Das ist ein seltsames Gefühl, so durchbohrt
seinen Abgang zu nehmen. Das trifft mich jetzt
unvorbereitet, aber nicht unverhofft.
Wenn ich dann sag: Was solls, ich tat meine Pflicht
und jetzt heißt sie mich gehn, hieße das doch,
man nähm die Sache von der einfachen Seite,
um dort zu punkten, wo man Federn lässt. Das würde
keinem gerecht. Die Wirklichkeit schlägt Wunden.
Was schlägt sie noch? Sie schlägt neue Leute vor,
dem kann man ausweichen, aber am Ende
siegt die Liste.
Listenreich nenne ich
die, die bleibt.

Er verneigt sich.

Die hohe Frau

Seit Jahren stoßen wir in neue Räume vor,
die, als ich antrat, für unbetretbar gehalten wurden.
Vieles von dem, was wir heute als ganz normal ansehen,
war gestern ganz außer der Norm. Dem sollten
wir uns stellen. Ich meine ja auch nicht, dass immer und überall
eine Absicht dahintersteht. Das meiste entwickelt sich einfach. Man kann solche
Entwicklungen natürlich aufzuhalten versuchen, aber irgendwann
holen sie einen ein und deshalb sage ich: lasst uns alle voranschreiten,
und ich meine alle, das ist dann
schon auch die beste Gewähr dafür, dass wir nicht stehenbleiben.
Wir haben uns in der Vergangenheit wiederholt bemüht,
alles richtig zu machen, das zu beurteilen ist vielleicht
nicht meine Aufgabe, aber sich jetzt hinzustellen und zu sagen,
es war alles schlecht, das kann ich so nicht bestätigen.
Ich denke auch, das würde dann
den Umständen nicht gerecht. Die Umstände waren so,
wie Umstände nun einmal zu sein pflegen. Wir haben sie benutzt,
um was draus zu machen, worauf
wir ein bisschen stolz sein können.
Darüber sollten wir nachdenken.

Stimmen

Ja, ja.

Die hohe Frau zu Hosenträger

Schicken Sie mir Frau Jadoch. Ich habe noch viel vor.

Sie verschwinden.


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
17 /18

Silen zum Chor, der aufmerksam zugehört hat

Glotzen dürft ihr, soviel ihr wollt. Aber zu holen
gibts da nichts. Dieser Teil der Welt ist zu abgehoben,
um euch zu achten. Sie lassen euch nicht,
ihr wähltet sie denn. Sprecht ruhig Tacheles,
aber nicht zu laut. Sie könnten euch
an euren Worten aufspießen, als dürfte sie jederzeit jeder
im losen Maul umdrehn und die Person gilt dabei nichts.

Zeigt auf die Stelle, an der gerade noch Odysseus stand

Während ihr Wetten abschließt,
ob und wo ihr auftauchen werdet aus der Flut
und was der Gemeinplätze mehr sind,
ist der Platz neben mir
plötzlich leer. Da habt ihr euren Odysseus.
Das Tor steht offen. Sah einer ihn
hineingehn? Mit eigenen Augen?
Was sind das für Organe,
die dann versagen, wenn man sie braucht?
Keiner merkt,
was wirklich vorgeht. Allein das Ergebnis
beschäftigt euch endlos.
Der Schritt vom Gewussten
zum Geglaubten ist immer zufällig.
Wer nicht hinsieht, der muss
dran glauben. Wer wenig glaubt, dessen Glaube
ist stärker vielleicht, als ihr denkt. Na was ist?
Wollt ihr jetzt Trübsal blasen? Das alles ist
theoretisch richtig, in der Praxis
versagt es vielleicht. Wer soll das wissen?
Niemand vielleicht. Aber in der Praxis
ist keiner niemand. Wir sollten die Praxis
nicht zu hoch veranschlagen, dafür geht alles
viel zu schnell und das Gedächtnis
gibt jedem Betrüger recht. Jemand
hat einen Stock zwischen unsere Beine geworfen
und lässt uns hüpfen. Das geht nicht. Was nicht geht,
dem muss man Beine machen. Ich mach euch welche,
denn springen müsst ihr. Wer nicht springen lässt,
hat nichts zu sagen. Wer nichts sagt, krepiert.

Scheucht den Chor von der Bühne. 


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Ein Stück aus dem Nachlass des Dichters M
18 /18

Exit
1

ERSTE HALBWELT

Sie ist also wirklich gekommen:
KliTa, die Klimagöttin, das Himmlische Kind.
Das ist das Erstaunliche.
Sagen wir: das Erst-Erstaunliche.

ZWEITE HALBWELT

Das Zweit-Erstaunliche ist die unmütterliche ›Hysterie‹ der Massen.
Junge Frauen schwören einander, kein Kind
in die Welt zu setzen, solange CO2 sie verpestet:
das Zeichen der Unreinheit (wer es ›ausstößt‹, wird als Satansdiener erkannt und gehört annulliert).
Hier und da flackert Gewalt.

WELT

Gewalt?

ERSTER SPRECHER

Nun ja, Drohgewalt.
Der Rest folgt auf dem Fuß oder im Gepäck.
Wie reagiert die Pyramide?
Lethargisch. Sie reagiert: lethargisch. Lethargisch. Lethargisch.
Soll heißen: gar nicht.
Auf dem Siedepunkt der allgemeinen Erregung
packt sich die Pyramide in Watte und schaukelt weg.
Die hiesigen Meister der Bewegung, Schrunke und Stiefel,
sind ins ferne New York aufgebrochen
und paradieren vor Ausschüssen, die ihre Ergebnisse trockenhalten wie einst der preußische Grenadier
sein Pulver.

ZWEITER SPRECHER

Keiner vermisst sie.
Nur ein Plakat des AStA im Kasten neben dem Aufzug bezeugt:
Wir sind up to date.
Die Wunde ist frisch.
Welche Wunde?
Die Wunde Wissenschaft (unkt Dürrobst), geschlagen von der Lanze Wissenschaft, den Massen vorgeführt von der Wissenschaft, geheiligt durch Wissenschaft,
durch Wissenschaft vor den Blicken der Massen geschützt, ja geschützt, das zeigt sich in diesen Tagen.
Nassen, die Frage KliTa im Blick, erntet missbilligende Retouren:

Jetzt nicht!

DRITTER SPRECHER

Wann dann?

ZWEITER SPRECHER

Sie werden die Causa nachbereiten, gewiss.
Sie werden Biographien schreiben, Sozialanalysen, Symbolgeschichten, Hassgeschichten, Entscheidungsgeschichten, Erfolgsgeschichten, Geschichten des Scheiterns und der Blamage, Ideologiekritisches und Anmerkungen zur Auflösung der bürgerlichen Familie, Therapeutisches, Systemkritisches und Wirtschaftsfreundliches.
Auch Wissenschaftskritisches.
Aber gewiss.

WELT

Jetzt sind sie: unerreichbar.

Charonauten ©U.S.

ALL DIESE KÖPFE
IN EINEM KOPF
EIN DENKEN EIN ATEM EINE BEWEGUNG
EINE LUST DA ZU SEIN
IM FORTSEIN
R

Exit
Tabula