R

DIE PYRAMIDE

DAS FU-PROJEKT

DIE SCHAM

»  DER EXCESS  «

 

Digitales Archiv

PROTECT ART

Fassadensprüche
1 bis 3
abgenommen an der Fassade
des Museums für freie Kunst nahe
der Pyramide

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Die Kunst beherrscht den Raum

DAS WIRKLICHE

GEHT SO

SO NICHT

WER KANN DAS WISSEN

ÜBERSCHREITET

DAS DAGEWESENE

IN RICHTUNG AUF

TRAUER UND TERROR

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

I INDIKATION

IN DIE HAND NEHMEN

DER MUT DES TÖRICHTEN


ÖFFNET DIE WELT

FÜR EINE SPANNE

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

II DOSIERUNGSHINWEIS

BERÜHRUNGSFREIHEIT

IST KEINE


EINBAHNSTRASSE

DAS LEBEN / ZU KURZ

SICH MIT IHM ZU MESSEN


BESSER WÄRE
 

 BES 
 SER 

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

III RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN

»Ihr führt eine scharfe Klinge.
Passt auf, dass sie nicht unter die Haut dringt.«

Rasierklinge

Juan von Kastilien und Aragon (1478–1497)

 

Banzekut I., Herrscher von Priborawien, angetan mit Burnus und Sonnenbrille, raste, eingerastert in Sirenengeheul, die Avenida Katara entlang, als ein fataler Zufall sich den Weg in sein absolut Innerstes bahnte. Sogleich schon musste er sich übergeben und starb. Die Sirenen heulten, die Bäume, welche die Avenida säumten, schossen vorbei (wen hätten sie treffen sollen an diesem heiteren Vormittag im Angesicht all der zusammengeströmten Opfer von Willkürherrschaft und Gewalt, jedes die geballte Faust in der Tasche und ein fröhliches Taschentuch in der Winke-Hand?), Banzekut I. hustete, er hustete ohne Unterlass, all seine physischen Reserven lösten sich in Husten auf, immerfort ausgehusteten und von hintenherum sich erneuernden Husten, Husten vorn und Husten hinten, Husten oben und Husten unten, Husten zu allen Seiten, er hustete gleichsam lichterloh, als…
»Nein!« schlug der Redakteur seinem Testbesten das Heft aus der Hand: »Womit willst du schneiden, wenn der Winter kommt und die Suppe im Ofen gefriert? Es ist besser, das Messer schmort in der verborgenen Gluthitze deiner Tichuwambeln und kein blinkendes Fitzelchen kommt davon ans Licht dieses Welt-Tags – denn dein ist die Welt, spricht die Blut-Motte unseres Gewerbes ––«

Schreiben, was anliegt, Teil 4: Belehrungen –

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

ZUR ETHIK DER NASSRASUR

Vortrag Raum E52
Dr. Alois Wegenaer

Rasierklinge

Magnifizenz!
Spectabilis!
Werte Kolleg*in*nen!


Die Rasierklinge als Werkzeug der Massenmobilisierung hat tiefe Spuren in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts hinterlassen. Verwiesen sei hier auf Salvador Dalís und Luis Buñuels Gemeinschaftsarbeit Ein andalusischer Hund von 1929. Aber auch andere Beispiele drängen sich auf. Ich werde im Lauf meines Vortrags darauf zurückkommen.

Wovon gehen wir aus? Nun, vom Ausgehen, möchte ich meinen. Der Kunst gehen die Mittel aus, sie machen sich selbstständig und werden zu Elementen des Wirklichen. Die Gestaltbarkeit des menschlichen Handlungsraums unter den Prämissen ungebremster Virtualität ist das eigentlich Neue, während die Kunst, wie oft bemerkt wurde, zur Beliebigkeit tendiert. Das führt mich auf das erste Theorem, das ich Ihnen heute vorstellen möchte, nachdem ich lange darüber gebrütet habe: Alle wirkliche Kunst ist beliebig. Sie werden es in Gedanken bereits um ein zweites ergänzen: Alles Beliebige ist Kunst. Nein, so ist es nicht, aber alles Beliebige kann Kunst sein, das folgt unmittelbar aus dem genannten Theorem.

Wie platt, werden Sie sagen, wen hätte dieser Gedanke nicht bereits beim Gang durch ein Museum angeweht? Meine Antwort lautet: Es ist eine Frage der Redlichkeit, dergleichen zuzugeben, und wer wäre im Angesicht der Kunst redlich? Wenn die Kunst die Maske ablegt, legt der Betrachter sie an. Dahinter mag keine Absicht stecken, aber es ist der Gang der Dinge. Die Kunst hat lange gebraucht, diesen Mechanismus von Grund auf zu verstehen, es bedurfte dazu einer neuen Wirklichkeit und eines neuen Verständnisses von Wirklichkeit, um ihm zu vertrauen. Duchamps Readymade wies vielen den Weg, doch der Weg war noch lang. Die Kunst entsteht im Auge des Betrachters, dort gehört sie auch hin.

Der Excess, was ist der Excess? Zum Excess kommt es, wenn im Auge des Betrachters die Kunst zum Ärgernis wird und der allgemein gewordene Zorn sie auszureißen beginnt. Die Klinge der Kunst, jeder weiß es, gleitet an der Oberfläche dahin, sie will glatte Flächen. Gleichzeitig zieht es sie unter die Haut, dorthin, wo es schmerzt. Kunst mischt sich ein, sie kann nicht anders, aber sie verliert dabei immer, am Ende sich selbst. Dann zeigt sich, dass sie im Ernst nicht verlieren kann. Sie verliert sich an ihresgleichen, so ließe sich das formulieren. Kunst verliert sich an Kunst. Das war das zweite Theorem, das ich Ihnen heute vorstellen wollte.

Die Kunst der Wenigen verliert sich an die Kunstlosigkeit der Vielen. Die Kunst ohne Kunst, in der ein blinder Strich genügt, ein zufälliger Kameraschwenk oder ein ungehobelter Ton, verliert sich an den Mechanismus der Anerkennung. Kunst ist das Ergebnis von Anerkennung. In einer virtualisierten Umwelt ist auch Anerkennung virtuell. Gewährung und Entzug sind miteinander verschmolzen und meinen dasselbe. Der Entzug von Anerkennung bedeutet Gewährung et vice versa. Die Verhüllung eines Bildes erschafft das Bild. Die Entfernung eines Filmes erzeugt den Film. Wer weiß, der sieht. Wer sieht, der weiß. Wer nicht sieht, erkennt die Zusammenhänge, jedenfalls idealiter, in der Realität gibt es Abstriche. Dem Aufmerksamen gehört die Welt, die Kunst geht nach Anerkennung wie alles andere auch, sie wird alles Andere: als Kunst. Die vorläufig letzte Geste des Künstlers, in der Kunst zu geistern beginnt: Lass mich aus. Ich bin’s nicht.

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Die Kunst wird scharf an den Rändern

Nachschrift (von unbekannter Hand,
vermutlich unstatthaft):

Rasierklinge

Wer ist Alois Wegenaer?
Ein groß geschriebenes A, ein groß geschriebenes W: mehr braucht es nicht, um einen Forscher zu charakterisieren – in der Regel, der großen Ausnahme, die alle Ausnahmen schlägt. AW also, der Champion unter den Kunsthistorikern der Pyramide, den jungen Wilden, wie sie sich selbstironisch zu nennen belieben, beherrscht das Alphazet der gediegenen Sprache, allerdings nicht über das W hinaus. Ihm fehlt das XYZ der Kunst und damit ihr Allerheiligstes. AW redet zur Kunst, als ginge es zur Sache. Es geht aber nur bis zum nächsten Kiosk, vermutlich, um die Zeitung zu kaufen, mit der einer gesehen werden will, wenn er zur Tagesform aufläuft. Darum geht’s doch. Aber presto, solange es der Karriere dient.

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Die Kunst wird scharf an den Rändern

Der Sozialismus entlässt
seine Trabanten

  • Never seen such a thing before.
  • It’s a Trabi.
Der Sozialismus entlässt seine Trabanten
1
Der Mantel der Geschichte

Stutenkeil . Langwasser . Lobbock

  • ―Was mich besonders beeindruckte, war der Artikel dieses Schriftstellers, ich habe den Namen vergessen, der den sich in Richtung KDW wälzenden sozialistischen Massen Ehrlosigkeit vorwarf, wahrscheinlich ohne zu bedenken, dass er in diesem Augenblick den Sozialismus mit Armut gleichsetzte, mit angebotsorientierter Armut, sozusagen, um gleich die Pointe zu benennen, allerdings nur eine, denn die andere bestand ja darin, dass er ihn in diesem Augenblick, angesichts der offenen Pforten des Konsumparadieses, in freiwillige Armut, nein, in freiwillige Bedürfnislosigkeit verwandeln wollte. Wenn man bedenkt, dass der Sozialismus das Versprechen der Bedürfnisbefriedigung und sonst gar nichts…
  • ―Meine hedonistischen Freunde in Frankfurt bemängelten an den Leipziger Montagsdemonstranten das Fehlen ordentlicher bürgerlicher Hemdkrägen. Es war für sie der Beweis, dass es sich um asoziale Elemente handelte, wahrscheinlich bezahlte Provokateure, jedenfalls destruktive Elemente, die dann auch diesen Spruch »Wir sind ein Volk« skandierten, bei dem man nur den Akzent verschieben musste, um im Bilde zu sein, wie der Abgeordnete Schily mit der Banane im Bundestag bei passender Gelegenheit anschaulich demonstrierte.
  • ―Auf der Zeil brannten die Lichter von früh bis in die Nacht, da war man nicht so pingelig. Es gab ja dieses Begrüßungsgeld, jedem Ankömmling frisch in die Hand gedrückt, Wohlfühlgeld, die Leute streckten die Hände danach aus, sie eilten, es umzusetzen, bevor der Zauber erlosch und nur Asche zurückblieb, denn Wunder, das wussten sie, haben ihre Zeit und wer sie versäumt, dem bleibt das schale Gefühl, doppelt betrogen zu sein. Die triste Wirklichkeit ist ein Betrüger, das weiß doch jeder, das Wunder besteht darin, sie hinter sich zu lassen. Ein Schriftsteller, der das nicht weiß, der nicht weiß, dass er im Grunde im gleichen Genre arbeitet, nur nicht so erfolgreich, ist eigentlich überhaupt keiner. So ein warmer Regen…
  • ―Sehen wir’s doch nüchtern. Für die Vielen war’s ein Wunder, für den Schriftsteller eine Entzauberung. Solange die DM nur in seiner Tasche klingelte, weil das System ihn privilegierte, führte sein Weg, der Weg des Geistes unmittelbar ins KDW oder in jeden beliebigen Konsumtempel. Sein Prestige, seine Ehre erloschen in der Nacht, in der die Mauer sich öffnete. Die Verwandlung in Tinnef, hier fand sie ursprünglich statt und ihm blieb gar nichts anderes übrig, als sie dort zu diagnostizieren, wo sie sich so unverschämt lebensprall manifestierte: an den Grabbeltischen und an den Kassen der Kaufhäuser, an denen er stets nur einer von vielen gewesen war.
  • ―›Unverschämt lebensprall‹ ist gut. Das merke ich mir für meine Vorlesung. Was ich Sie noch fragen wollte –
  • ―Fragen Sie. Wenn Sie wissen wollen, wo ich mich in jenen Wochen herumtrieb, muss ich Sie enttäuschen: Ich war in Klausur. Das nationale Ereignis fand ohne mich statt. Ehrlich gesagt, ich habe mich ihm entzogen. Damals brach etwas in mir, das bis heute nicht mehr repariert werden konnte. Kollege Duro hat das, wie ich finde, treffend zum Ausdruck gebracht. »Leipzig, wo liegt das?«, erwiderte er einem Mitarbeiter, der gerade aus der Heldenstadt zurückkam und seinen Bericht loswerden wollte. »In Polen?« Heute würde ich hinzusetzen: Wäre es nur dort geblieben.
Der Sozialismus entlässt seine Trabanten
2
Der Mantel der Geschichte

Duro . Hölzchen

  • ―… Was ich noch loswerden wollte: diese Bananen-Nummer, also dass ein Abgeordneter der Grünen eine Banane hochhält, um die Kraft zu benennen, die den Osten unaufhaltsam gen Westen treibt, also den eigentlichen Motor der sogenannten Wiedervereinigung – ich muss schon sagen, das fand ich damals genial.
  • ―Er wahrscheinlich auch.
  • ―Zu Recht, zu Recht.
  • ―Die Kraft der Demütigung, die von den jederzeit Wissenden ausging … das wird sich rächen. Eigentlich hat es sich längst gerächt, die Sache ist so verkorkst, dass an einen geraden Ausgang nicht mehr zu denken ist. Zwei Populationen auf einem Staatsgebiet! Das war immer das Betriebsgeheimnis der Deutschen, der innere Unfriede, der in rhythmischen Abständen ins Maßlose geht. Dabei quält sie dieses Bedürfnis nach Harmonie, das ebenfalls keine Grenzen kennt. Keine Grenzen kennen und ständig neue ziehen, an denen man sich wundreibt: das ist deutsch.
  • ―Ich bin stolz darauf, dass sich wenigstens eine Partei nicht vom nationalen Rausch hat anstecken lassen. Der billige Konsum als Waffe, dazu das Geschrei »Wir sind ein Volk«, leichter lässt sich Manipulierbarkeit nicht dokumentieren.
  • ―Immerhin: die Banane … ein Emblem der Grünen. Aber vielleicht hätten sie gleich Toscana-Reisen buchen sollen, um dem Geschmack des Herrn Abgeordneten zu entsprechen. Und was das Volk und das Wir angeht…
  • ―… so besitzen sie eine ausgesprochen linke Vorgeschichte, ich weiß. So oder so, der SED-Staat war mangels Kasse gestorben. Da bot es sich an, den Westen mit Hilfe der subversiven Massen zu infiltrieren. Jetzt haben sie einen genialen Redner im Bundestag sitzen und das abendliche Publikum ist begeistert. Wir auch. Er macht seine Sache gut. Ich vermute mal, mittlerweile kennt er seine Toscana und weiß sie zu schätzen. Wir auch. Aber wir waren zu oft da, jetzt haben wir andere Ziele. Freunde von uns bieten ihr Häuschen wie sauer Bier an. Haben Sie keine Lust?
  • ―Lassen Sie mal. Aber ich komm drauf zurück.
  • ―Was macht eigentlich Dichter M? Ich meine, nachdem sein Westprivileg futsch ist. Mischt er sich unter die Massen? Ist er jetzt einer der Vielen?
  • ―Eher einer der vielen Wenigen.
  • ―Was heißt das?
  • ―Flucht in die Krankheit. Nicht irgendeine, sondern die echte wahre: finale Entgleisung.
  • ―Diese göttliche Konsequenz … also ich finde das bewundernswert.
  • ―Was ist daran göttlich, wenn einer seinen Zynismus nicht überlebt?
  • ―Steht es so schlimm?
  • ―Die Staatssicherheit ist eine Krankheit zum Tode. Die ostdeutschen Schriftsteller sollten Kierkegaard lesen, statt zu lamentieren.
  • ―Naja. Entweder – Oder, das kennen sie doch.
Der Sozialismus entlässt seine Trabanten
3
Der Mantel der Geschichte

Hölzchen . Ein Student

  • ―Da haben sie jetzt die Geschichte im Haus und können damit nichts anfangen. Natürlich gilt das nicht für alle, ich will meine Kollegen hier im Hause nicht anschwärzen, sie haben ihre Lektion gelernt, aber ich prophezeie Ihnen: von den Geisteswissenschaften wird binnen zehn Jahren nichts mehr übrig sein, sie werden das Desaster nicht überleben. Die Geschichte? Die Geschichte ist keine Geisteswissenschaft, das habe ich immer gesagt. Die Geschichte ist eine Sozialwissenschaft. Die Germanistik zum Beispiel … das interessiert mich. Sie hat ja Anlauf genommen – damals, in den heroischen Zeiten, Sie wissen schon –, eine ordentliche Sozialwissenschaft zu werden, es gab da große Überschneidungen. Aber letztendlich siegte dann doch das Geschwätz. Sie hat auch andere Aufgaben. Jetzt muss sie all die Stasi-Verwicklungen ihrer Lieblinge aufarbeiten, das gibt erst einmal Arbeit, aber dann? Ich frage mich, was kommt danach? Goethe? Grimmelshausen? Ich frage ja nur. Klassiker sind wichtig, sie sind auch bei uns Historikern wichtig, keine Frage. Ich zum Beispiel lese immer wieder gern Thukydides und natürlich Mommsen, aber doch mehr zu Unterrichtszwecken. Das kann’s doch nicht sein. Haben Sie schon ein Prüfungsthema? Nein? Wie wär’s mit der Treuhand? Das ist ein gewaltiges Themenmassiv, wenn Sie mich fragen, das kommt gerade erst in den Blick. Die Treuhand kann gar nicht soviel falsch machen, wie man ihr anhängen wird. Sie ist der ideale Sündenbock, der bouc émissaire für alle, die irgendwann aus ihrer Niederlage im Einigungsprozess Gewinn ziehen wollen. Das ist so klar wie … versuchen Sie sich einmal an folgendem Gedankengang: Schiller, Hegel und der kleine Gysi stehen an einer Straßenecke. Kommt ein Bus vorbei, vollgestopft mit Ost-West-Berufspendlern. Sagt Schiller: Das Schöne daran ist die Freiheit in der Bewegung. Sagt Hegel: Heute sind sie Knechte, morgen die Herren. Und was sagt Gysi? Dass mir niemand die Treuhand lobt! Sie treibt uns so oder so die Kundschaft zu. – Was ich damit sagen will? Behalten Sie die Treuhand im Auge! Da tut sich was. Man muss auch frühzeitig an die Promotion denken. Haben Sie schon daran gedacht? Nein? Dann machen Sie sich mal Gedanken. Die Pyramide ist nicht alles. Sie werden doch nicht in die Germanistik…?
Der Sozialismus entlässt seine Trabanten
4
Der Mantel der Geschichte

Nassen

  • ―Ich kam nach Erfurt, es dämmerte und ich lief in die Altstadt. Ich dachte mir: In diesen Gemäuern muss vor ein paar Jahrhunderten die Pest ausgebrochen sein oder ein völlig unnennbares Unheil hat die Bewohner vertrieben und jetzt, einzeln und scheu, kehren die ersten Menschen zurück. Sie gehen nicht festen Schrittes auf festen Straßen, sie wandeln auf imaginären Stegen, sie schnüren vorbei, jedenfalls wirken sie aufgerissen und achten der Löcher im Boden nicht – als schwebten sie unbeteiligt darüber weg, als wären sie körperlich damit ausgelastet, das Gestern und Heute abzugleichen, obwohl es weder ihr Gestern noch ihr Heute sein kann, sondern nur das einer unfassbar fremden Stadt. Sie sehen dich nicht, niemanden sehen sie, sie halten den Blick nach innen gerichtet, aber er findet dort keinen Raum, nur das Flimmern, das der Anblick dieser Häuser im Menschen auslöst. Sie wirken so unendlich verlassen, obwohl sie auch wieder bewohnt zu sein scheinen, als habe die Flucht doch erst gestern stattgefunden, vielleicht muss man hineingehen und dort liegen sie wie die Schläfer im Märchen kreuzweise übereinander. Bitterfeld ist einfach, dachte ich mir, Bitterfeld ist die Ruhrstadt, untergegangen in den ökonomischen Kämpfen der letzten Jahrzehnte, aber das hier … ist vollkommen unwirklich, eine Filmkulisse, die sich nicht damit begnügt, Kulisse zu sein, sondern den Austritt aus der Zeit probt. – Ich ging ein paar Schritte in einen dieser Leipziger Höfe hinein und drehte mich um: der Eingang lag im Schatten und draußen, auf der belebten Straße, spielte das Sonnenlicht. Es spielte wirklich, es spielte mit dem Haar der Passanten, mit der verrotteten Hausfassade gegenüber, selbst mit den Geräuschen, doch just als ich mich umdrehte, liefen zwei junge Männer in Business-Anzügen durchs Bild, klarer Westimport, der eine drehte sich, ohne innezuhalten, zur Seite, zückte eine imaginäre Maschinenpistole und ahmte das Ballern aus dem Mund eines Zehnjährigen nach. In der Mädlerpassage traf ich unseren tüchtigen Frentzen, den die Pyramide zur Abwicklung eines dortigen Instituts abgestellt hat, wir spazieren ein bisschen herum und er schildert mir seinen Job, mittendrin richtet er sich mit geweiteten Augen auf: »An den Wänden meines Büros klebt Blut – bis oben hinauf. So sieht es aus. Ich habe hier eine Aufgabe. Ich würde lieber heute als morgen verschwinden, aber … es geht nicht. Es hat mich gepackt.«
Der Sozialismus entlässt seine Trabanten
5
Der Mantel der Geschichte

Starck . Nassen . Tronka . Tummler

  • ―In Rostock brannte das Pflaster. Die versammelte Weltpresse wollte die deutsche Bestie sehen und bekam ihre tägliche Vorführung, Fütterung inklusive. Was sagt uns das? Dem Osten fehlt ’68, das Jahr, in dem das politische Bewusstsein der Westdeutschen zum Westen aufschloss und endgültig mit der Nazi-Vergangenheit brach. Wir haben den Faschismus überwunden und jetzt ist er wieder da. Wir müssen von vorne anfangen, ganz von vorne, das schmerzt, es wird Kraft kosten, die dann an anderer Stelle fehlt.
  • ―In Leipzig hatte ich das Gefühl: Das ist die Revolution der Frauen. Von ihnen ging dieses Strahlen aus, selbst wenn sie auf die Zustände schimpften. An ihren Klamotten konnte man täglich ablesen, was die fliegenden Händler aus Holland gerade angekarrt hatten. Ein paar Tage lang trugen sie alle diese kurzen schwarzen Wollkleidchen, an denen sie dauernd zupften, weil die Länge so ungewohnt war. In einer Straße entdeckte ich den Friseur, der allen die gleiche Frisur verpasste: Er hatte ein Foto davon im Schaufenster hängen und eine nach der anderen schlüpfte hinein.
  • ―Ich sage es ganz offen, ich bin ein Gegner der Wiedervereinigung. Ich finde einen klaren Fehler, was da passiert. Das wird sich alles rächen. Die Oberchristen mit dem hohen C reißen sich das Land unter den Nagel und lassen die Braunen die Drecksarbeit leisten. Nach ein paar Jahren werden sie wieder mit dem ›Geist‹ paradieren, dem deutschen Geist, dann kommen auch bald die Juden dran, die Schwulen gleich hinterher, was fällt ihnen schon anderes ein? Mir soll’s gleich sein, ich bin dann weg. Haben Sie Kinder? Wie unverantwortlich. Sie werden es ausbaden müssen.
  • ―In der Seminarpause standen ein paar beisammen und diskutierten heftig, wie man sich im Kapitalismus am besten verkauft. Sie hatten das Wort aufgeschnappt und nahmen es irgendwie wörtlich, also ich meine jetzt im Geschlechts-Sinn. Jedenfalls gingen die Ansichten, wie man es am besten anstellt, weit auseinander. Aber direkt abgeneigt schien mir keine zu sein.
  • ―Wir werden uns an den Gedanken gewöhnen müssen, dass es zwei ’68 gab. Das eine bei uns, das andere im Osten. Damals haben wir Dubcek die Daumen gedrückt. Ja doch, haben wir. Das war’s dann aber auch. Der Rest der Geschichte? Ging uns doch nichts an. Ein bisschen Gekreisch, als Biermann in Köln die Gewerkschaftsjugend besumste: die Kommüne, ach die Kommüne. Er konnte dann ja auch gleich hierbleiben und Kommünensaft trinken, bis die roten Masern verdampft waren. Die wirklichen 89er waren Ost-68er, die es noch einmal wissen wollten. Aber das will hier keiner wissen.
  • ―Das ist doch absurd. Wer wollte was noch einmal wissen? Sie phantasieren, Kollege. Sie können das nicht vergleichen. Der Osten wurde verkauft, das ist eine Tatsache. Diese ganzen Montagsdemos, das war ja wirklich der Klassenfeind, hübsch unkenntlich gemacht durch die Ironie unserer Öffentlich-Rechtlichen. Vielleicht war auch die Stasi dabei, jedenfalls der Teil, der an Gorbatschows Leine lief, daher wehte der Wind. Das alles wäre heute belegbar, es macht sich nur keiner die Mühe.
  • ―Sie sind in die Quellen gegangen…?
  • ―Ich? No chance. Ich hab mich um Wichtigeres zu kümmern.

8%be{l}g;{Gj¬HMd3~5K

Mompti stirbt wirklich
1

Maler Mompti hat ein Karzinom. Es wurde entfernt, es hat die vorgeschriebenen Stadien der Bekämpfung durchlaufen, es hat neue Kräfte gezogen und erledigt den Rest. Es hat den Körper geholt und nun holt es sich den Geist. Was ist der Geist? Eine Veranstaltung zur Krebsvorsorge? Zur Krebsbekämpfung, wenn es einmal soweit ist? Zur Nachsorge, wenn alles seinen Gang ging und es Zeit wird, sich weniger Sorgen zu machen und die nicht wegzuleugnenden … sagen wir … mit sanfter Hand von der Stirn zu wischen und auf die folgenden Generationen zu verteilen? Momptis Bilder hängen im Museum und das Museum hängt an ihnen, es möchte sie ungern missen und erklärt sie zum unverzichtbaren Bestand des Jahrhunderts. Das Jahrhundert besteht also, neben anderem, aus ein paar Handvoll Momptis, während der wirkliche Mompti, the real ’pti, in seinem Atelier auf Schnitzeljagd geht, denn er weiß nicht mehr, wo er anknüpfen soll und worauf er hinauswollte.

Mompti stirbt wirklich
2

»Worauf soll das hinaus?«, fragt er sich kopfschüttelnd, hebt ein Blatt auf und lässt eines fallen. Ihr Schwarm bedeckt den Atelierboden und manches schwebt unbemerkt zur Tür hinaus, die jetzt fast immer offen steht, denn es ist Sommer und der Staub, der leise wehende, bedeckt sie alle. Mompti weiß es nicht, er hat es nie gewusst und wird es nie wissen, soviel weiß er, obwohl es ihm niemand gesagt hat. Er ist jetzt darauf angewiesen, dass man ihm sagt, was er weiß, er weiß es dann und weiß es auch wieder nicht, sein Wissen geht auf Zehenspitzen um sich herum und sucht nach Lücken, durch die es einbrechen könnte, aber es findet keine. Es findet keine – zu fremd ist es sich geworden, als dass es sich lohnte, alle Kraft darauf zu verwenden, zu sich zu kommen und das Fest der Versöhnung zu feiern. Ohnehin findet er es schwierig, alle Kraft zu sammeln, er findet nur Reste davon in alten Farbtöpfen und -tuben, er kratzt und sticht in ihnen herum und plötzlich entleert sich eine Blase vor seinen Augen, ein Miniatur-Geysir wächst in die Höhe, dreht sich zur Seite und sackt weg.

Mompti stirbt wirklich
3

»Sieh an«, sagt sich Mompti, er sagt es nicht wirklich, er ist kein Sager, kein Ja-, nicht Nein-, er ist ein Zeichner, einer, der Zeichen sieht und Zeichen setzt, »sieh dir das einmal an.« Nicht einmal sieht er es an, sondern zehnmal. Nicht, dass er dann gesehen hätte, worauf es ankommt, er wird morgen weitermachen, er wird nicht wissen, dass er weitermacht, die Idee des Weitermachens hat er verlorengegeben wie die meisten anderen auch, sie scheint ihm unzutreffend. »Wenn ich jetzt dies und dann das mache, ergibt das überhaupt einen Zusammenhang?« Früher hätte er diese Frage mit Ja beantwortet, es hätte ihm Vergnügen bereitet, sie zu beantworten, denn sie hätte, als Frage, das Wesen des Ausdrucks zur Geltung gebracht, so wie ein korrekter Fahrer gelegentlich das Auto zur Inspektion bringt, um es auf ›Herz und Nieren‹ prüfen zu lassen, damit es bei der nächsten Vollgasfahrt… Apropos Vollgas: so wie Mompti davon überzeugt ist, er könne, wenn er nur wolle, jederzeit, zumindest aber morgen gleich nach dem Aufstehen, aufdrehen und diese Misere hinter sich lassen, so glaubt er seine Ehe im Handumdrehen retten zu können, falls ihm nur hinreichend daran liege. ›Hinreichend‹, das ist das Wort. Wann reicht etwas hin? Ein Begehren zum Beispiel, ein kleines, nicht unwichtiges Begehren, wohin könnte es reichen, um hinzureichen?

Mompti stirbt wirklich
4

Wohin reicht, was hinreicht? Es scheint ihm eine Entdeckung, wert, festgehalten zu werden, dass er niemals gewusst hat, wohin er reicht – nur dass es ihm gereicht hat, zum Leben und überhaupt, eine Sache so und so weit getrieben zu haben, ohne sich groß darum gekümmert zu haben, um welche Sache es sich eigentlich handelte. Eigentlich… da steht dieses Wort, das er sich eigentlich abgewöhnt hat, vor langen Jahren, zu einer Zeit, zu der er sich eigentlich das Rauchen hätte abgewöhnen sollen. Aber er hat es vorgezogen, mit dem Eigentlichen zu brechen, aus Überzeugung, wie man so sagt, obwohl er dieses Wort eigentlich ablehnt, es hinterlässt so einen Geschmack… Eigentlich schade, denn es besitzt den schleichenden Charme all dessen, was wirklich zu überzeugen vermag. Eigentlich hätte er gern gewusst, worum es ging in dem großen Spiel, nur war keiner zur Hand, der es ihm erklärt hätte. Es hätte auch nichts genützt, die wirkliche Erklärung hätte in ihm aufsteigen müssen wie ein … ein ...
… Brechreiz? Eigentlich war das Wort immer zur Hand, allerdings galt es nicht, irgendwie galt es nicht, als Kunst-Arbeiter musste er abwehren, was ihm da an die Hand flog, woher nur, aus den Sprach-Beeten, ungebeten, wohl wahr, schamlos eigentlich, wie alles Schamlose lässt es seinen Gebrauch nicht zu, eigentlich provoziert es die Scham und ruft nach Abwehr. Eigentlich war er immer in Abwehrpose. Wie ist das heute? Wehrt er ab? Lässt er zu? Wo liegt der Unterschied? »Lass mal.«
Eigentlich dumm.

Mompti stirbt wirklich
5

So dumm auch wieder nicht, denn eigentlich ist, was ist, in einem einfachen Verhältnis … er möchte nicht sagen: zu sich, denn das wäre uneinfach, es ›entbehrte der Einfachheit‹, irgendein Mangel wäre dabei, vielleicht eine Lücke, eine Zeichenlücke, die nicht gefüllt werden kann, weil der Widerstand wächst, sobald er ihr näherrückt, er kennt solche Lücken seit altersher. Die Dinge sind nebeneinander, der Blick reißt Gräben zwischen ihnen auf, er reißt sie auseinander, gnadenlos, achtlos, Zeichnen heißt den Blick in die Sprache der Dinge zu übersetzen, ins Nebeneinander, mag sein, aber ist das eine Sprache? Natürlich ist das keine Sprache. Kunst spricht nicht. Kunst ist stumm. Ich, Mompti, musste soundso weit kommen, um festzustellen: Kunst ist stumm. Und was bin ich? Ein stummer Künstler. Stumm, dem Stummen zugewandt. Verstummt wäre etwas anderes, bin ich verstummt? Ich verstumme gern, dazu brauche ich kein Gespräch. Mir sagt die Sprache nichts. Was sagt sie mir nicht? Ist sie nichtssagend? Nein, das wäre zu sehr … von ihr her gedacht. Wenn ich denke, dann mehr von den Dingen her, als dächten sie in mich hinein. Natürlich denken sie nicht, das weiß ich auch. Eigentlich schade, man erführe mehr über sie. Aber sie geben ihr Bestes, dafür verbürge ich mich.

Mompti stirbt wirklich
6

Was heißt dann zeichnen? Ich hätte gern Baum Vogel, Auto gesagt, auch Straße, Mann, Pferd, Nagel, Filmriss, Mädchen, Alkohol, Blumengießen, Abgesang, Trauerweide, Erdapfel, Jugendheim ... muss ich das jetzt fortsetzen? Was aber Zeichnen heißt, ich weiß es nit. Ich sollte es aber wissen. Ama bringt es den Kleinen bei und ich helfe dabei aus, also sollte ich es wissen. Weißäcker hat von mir gewollt, dass ich es lehre, ich habe den Ruf abgelehnt, weil ich es nicht weiß. Seltsamer Ruf ... Leute kennen einander und irgendwo ruft eine Universität. Sie ruft nicht laut, sie ruft nicht leise, sie schreibt Briefe, in denen steht, du sollst deine Sachen packen und dein Leben ändern, einfach so ... auf Zuruf. Ama weiß viel, aber in diesem Fall wusste auch sie nicht weiter. Sie hat es mir nicht zugetraut. Oder doch? Wer weiß? Warum hat sie mich nicht ermutigt? Aus Neid? Aus Angst? Aus Neidangst? Mag sein, mag nicht sein, egal, ich kann so etwas nicht malen. Ich habe mich immer geweigert, etwas zu malen. Nein, nicht immer, das wäre gemogelt, aber all diese Versuche endeten im Fiasko. Eigentlich bin ich gescheitert, weil man mich drängte, etwas zu malen. Ich kann einen Pinsel halten. Beruf Pinselhalter: das wäre etwas gewesen, aber dazu ist es jetzt zu spät. Es gibt schickere Techniken. Von Beruf bin ich Techniker. Die Leute sagen: Zeichne etwas! Ich zeichne etwas und frage sie: Ist das etwas? O ja, beteuern sie, das ist etwas. Das ist etwas Feines, das kannst nur du. Aber es ist niemals etwas, es ist immer irgendwas. Sie wissen es und ich weiß es und beide Seiten sind zufrieden. Nähme man mir die Sprache, ich hätte zu tun. Zwischen Irgendwas und Etwas klafft diese elende Lücke, die sich nicht schließt. Ich glaube fast, jetzt könnte ich hingehen und sie schließen. Aber es ist vermutlich zu spät. Nein, lass nur, es lohnt nicht.

Mompti stirbt wirklich
7

Momptis Schwäche ist allumfassend. Das liegt sicher am Schmerzmittel, aber nicht so sicher, dass es bei dieser Erklärung sein Bewenden hätte. Momptis Schwäche ist, vielleicht in Idealkonkurrenz mit dem entgleisenden Zellbündel, kontinuierlich gewachsen. So jedenfalls kommt es ihm vor, sobald er versucht, sich zu vergegenwärtigen, wie ›alles gekommen ist‹. Wäre er stark gewesen, er hätte die Welt verändert, zumindest den von ihm veränderbaren Teil. Zum Beispiel hätte er sich gleich nach der Heirat von Ama scheiden lassen. Nicht weil sie die Falsche war – das würde voraussetzen, dass es da draußen eine Richtige gibt –, eher schon, weil sie sich für die Falsche hielt. ›Das hältst du im Kopf nicht aus.‹ Was einer im Kopf aushält, entzieht sich seiner Kenntnis. Aber das da ruiniert den Kopf, es ruiniert ihn von Grund auf. Ein ruinierter Kopf kann nicht malen, er kann nur Zeichen geben, die keiner entziffert, weil sie in Wirklichkeit unentzifferbar sind. Jetzt ist sie die Richtige und er ist falsch. Alles an ihm ist falsch. Er betrachtet seine Hände und sie sind falsch. Sie waren einmal richtig und jetzt sind sie falsch. Alles, was aus ihnen kommt, ist falsch. Alles, was sie anfassen, wird falsch. Nur wenn er Ama aushilft, ist es recht. Oder auch nicht.

Mompti stirbt wirklich
8

Nicht ›im Licht der Wirklichkeit‹, sondern ›in Wirklichkeit‹. Er hat solche Anfälle von sprachlicher Verbesserungswut, sie kommen und gehen, das Problem bleibt. Mit Licht kennt er sich aus. Diese Fragen sind nicht mit Licht zu regeln. Beleuchter gibt es genug. ›Wir haben das Elend des Privaten beenden wollen und haben die Hölle neu erfunden.‹ Der Satz klingt, als habe er ihn gelesen. Nur wo? Alle Finger zeigen auf ihn zurück: Da. Es steht geschrieben: Wir sind Verdammte aus eigener ... Kraft? Ist das das Wort? Verantwortung? Das sagt sich leicht, aber es gleitet ab. Welches Wort bleibt haften? Lust? War es das: Lust? Soviel Lust war nie... Jedenfalls machten wir uns das vor. Lebe, als hättest du die Lust erfunden, nein, als erfändest du sie gerade zum ersten Mal. Das älteste Ding ... zum ersten Mal. Das hatte auch seine komischen Seiten. Ama im Bett, zur Klärung entschlossen: »Ich werde nicht deine Muse sein!« »Ich küsse keine Musen, ich küsse ... Geschlechtsteile.« »Versager.« Da war sie, die Scham. Es hatte Klick gemacht und er war enttarnt. So wie jetzt. Immer in Bringposition, so wie jetzt.

Mompti stirbt wirklich
9

Momptis Weltsicht

Was Mompti sieht
  1. Gekräusel
    [die Welt ein Abzählvers:
    bewegt – unbewegt – bewegt]
  2. Bleiches
    [das fahle Licht: ein notorischer Begleiter]
  3. Gleitendes
    [was aber gleitet, das entzieht sich auch]
  4. Schillerndes
    [Fläche gleich Tiefe]
  5. Gewölk
    [alles, was sich ballt, gleicht ... entfernt]
  6. The Blue
    [den blauen Grund der Welt]
Was Mompti nicht sieht
  1. Kraftlinien
    [die geordnete Welt: ein ]
  2. Strahlendes
    [das strahlende Haupt des Guten/Bösen:
    erste Inversion]
  3. das Feste
    [er weiß nicht]
  4. Schlagschatten
    [die geteilte Welt:
    hell/dunkel, gut/böse, hart/weich]
  5. alles, was folgt
    [es ›geht ihn nichts an‹]
  6. Die Farbe Rot
    [sie existiert nicht in seinem Universum, hat, außer in den Anfängen, nie darin existiert, sie ist, wo immer sie auftaucht, verblasstes Zitat]

Daraus folgt alles weitere. Wobei Sehen/Nichtsehen zu den harten Unterscheidungen zählt: Was sieht Mompti, wenn er nicht sieht? Nicht viel, möchte man meinen, nicht viel. Nichts sehen wollen: damit würde er so nichts anfangen wollen. Natürlich sieht er, als Maler, alles. Das erspart ihm die Details – einerseits. Und es fesselt ihn an die Details – andererseits. Kunst = Sklaverei. Das ›sieht‹ er ›nicht so‹, aber er atmet es. Wir Urteilslosen: Urteilen steht ihm nicht zu. Er ist Empfangender. Das bleibt, auch wenn niemand mehr zum Empfang bittet.

Mompti stirbt wirklich
10

Momptis Devise

Es gibt keine Details. Gäbe es Details, ich verlöre mich auf der Stelle. Ich finde mich aber, also gibt es nur Ganzes.

Mompti stirbt wirklich
11

Strandläufer Mompti

»Wenn ich da draußen ein Loch in den Schlick bohre, dann habe ich etwas getan, nicht viel, ein bisschen schon, aus der Perspektive der Plattwürmer« – an dieser Stelle überkommt ihn immer ein Glucksen, er kann nicht anders – »sogar eine ganze Menge, etwas wirklich Gigantisches, aber wenn ich geduldig bin und dabeibleibe, dann sehe ich, wie das Wasser, das erst klar und durchscheinend ist wie der junge Morgen, sich eintrübt. Ja, es trübt sich ein, aber in Wahrheit ist es bloß der Sand, der sich nach und nach einfindet, als wäre er hier zu Hause, und irgendwann reicht die Puste eines Kleinkindes, um ihn zu trocknen, als habe es diese Kuhle nie gegeben. Was so nicht stimmt: Wäre sie nicht im Einerlei verschwunden, dann wüsste man genau, hier ist sie, hier muss sie sein, so etwas geht nie mehr weg, es ist bloß, wie soll ich es ausdrücken, unkenntlich... geworden? Na ich weiß nicht.«

Er erzählt die Geschichte, als habe er sie oft zum Besten gegeben und ihr Sinn sei darüber verlorengegangen. Er erzählt sie suchend, mit Pausen, in denen sein Blick zur Seite schweift, nicht etwa, weil er nicht weiter weiß, sondern weil er nicht weiß, ob das, was jetzt kommt, dem entspricht, was er damit sagen will. Der Wille, etwas damit zu sagen, hat ihn noch nicht verlassen, aber er zieht sich von ihm zurück, lässt hier und da eine Blöße zu, er neigt dazu, Blößen zu geben, als liege darin eine besondere Finte, die keiner begreift.

Mompti stirbt wirklich
12

Stirb nicht, Mompti. Es könnte sein, dass etwas dabei verlorengeht, mit dessen Verlust du nicht gerechnet hast. Was könnte das sein? Diese Geste, ›das alles‹ hier hinter dir zu lassen, sie ist vielleicht eine Spur zu einfach, zu zweckdienlich, um ihren Zweck zu erreichen. Es erlischt sich leicht in Gedanken. Der wirkliche Tod kommt hinterrücks, als Erschlaffung, du spürst sie in allen Gliedern. Bald wirst du ganz erschlafft sein. Du wirst es, wie so vieles, fast alles, hinter dir haben – es, den Rest, der nicht weggeht, so sehr du dich auch bemühst, ihn zu vergessen. Vielleicht liegt er im Vergessen. Im Traum vergisst du nicht, es fällt dir immer noch etwas ein. Diese Ängste ... wer mit der Angst spielt, was bekommt der? Eine Extraportion? Du hast immer gespielt, warum nicht mit Ängsten? Dabei war es dir immer ernst. Auch jetzt ist dir ernst zu Mute, aber nicht wirklich, dein Ernst war immer Unernst und jetzt erleichtert er sich. Er geht nicht mehr hin, wie du früher gesagt hättest. ›Einer muss hingehen.‹ Das war deine Parole. Und du warst der, der hingeht. Jetzt gehst du ›dahin‹, einsam im Nirgendwo, gäbe es Ama nicht, so wäre deine Aufgabe fast vollendet. Warum gibt es Ama und nicht nichts? Das, zumindest, müsstest du sie fragen können. Aber das kannst du nicht. »Ich kann auch gehen«, würde sie antworten und das Thema wäre vom Tisch. Natürlich könnte sie gehen. Könnte sie wirklich gehen, so wäre sie längst gegangen. Sie kann es nicht. Sie kann es ebenso wenig wie du... Mach ein Ende! Bring’s hinter dich! Eine merkwürdige Sache: das Ende hinter sich bringen, das Ende, dem kein Anfang innewohnt, es sei denn, man wechselt in den Modus des Glaubens, aber das wäre dann bereits etwas anderes. Lässt sich Glauben zeichnen? Nein, lässt er nicht. Du könntest dich mit ein paar deftigen Flüchen verabschieden, das schafft Gesellschaft, aber es wäre ... unernst, so als wollte einer mit dem Expresszug aufs Land. Du schleppst den Schmerz hin und her und denkst, du ließest ihn hinter dir. Dahinten! Dahinten ... kann man es malen? Endlich malen ... dahinten, ja, da ginge es, da geht es wirklich.

Ein Leid wäscht das andere
1

Was man nicht malen kann, das muss man leiden. Wer nicht leiden kann, für den existiert nichts außer dem Malen. Wer nichts als malen kann, der leidet wirklich, das heißt, ohne doppelten Boden, ohne Leidensbereitschaft, ohne die Fähigkeit, zu erleiden, das heißt, dem Leiden einen Sinn abzupressen, den berühmten Lebenssinn, der nicht weggeht, auch wenn die Tage hart sind und das Brot knapp wird. Mompti gehört zur Generation Ohneleid. Sinnstiftung aus dem Leide lehnt er ab, er kann sie nicht leiden und leidet sie nirgends. Dennoch weigert er sich, in den Kampfmodus überzugehen, der für Fälle wie den seinen bereitsteht. Sei ein Mensch, kämpfe! Er hat ein paar Versuche darin unternommen und rasch wieder eingestellt – kein Talent! Andererseits: kämpfen kann jeder Esel, wozu muss einer Mensch sein, um Mensch zu sein, wenn daran nichts anderes haftet als die Spur der Gewalt, die sich durch die Natur zieht? Ein kämpfender Esel zieht mehr Aufmerksamkeit auf sich als ein Mensch, der es mit sich austrägt. Wer den Esel lobt, dem ist um den Mitmenschen nicht bang.

Ein Leid wäscht das andere
2

Momptis Leiden kennt keinen Ort, an den es sich zurückziehen, aus dem es hervorbrechen könnte: es ist ortlos.
Die Verortung geschieht durch den Arzt, genauer, die Medizin, genauer, durch den Apparat, der ihn durchleuchtet, die Theorie, die das Durchleuchtete deutet, die Hand, die schneidet, die Hand, die das Zerschnittene flickt, die Hand, die Medikamente verschreibt, die Hand, die Rechnungen schickt.
Das ist neu. Seit er unfähig ist zu malen, seit seine Hand Zeichnung um Zeichnung im Papierkorb versenkt, leidet er an der Kunst. Die Kunst ist der Ort seines Leidens: nicht irgendeine, sondern seine. Auch wenn sie sich hinter den Horizont zurückgezogen hat, bleibt sie die seine. War das Leid? Das Leid liegt in der Ergebnislosigkeit, nicht im Prozess, es ist ein künstliches, ein oktroyiertes Leid, erzeugt durch die nach innen projizierte, durch Geldmangel festgeschriebene Erwartung seiner Umgebung.
Was, zum Beispiel, erwartet Ama von ihm? Sie erwartet, dass er stirbt. Sie erwartet es nicht täglich, aber in der Nahperspektive, die nicht mehr weggeht, also von Tag zu Tag.
Leidet er darunter, dass Ama ihn wegwünscht? Aber Ama wünscht ihn nicht weg, sie wünscht nur, dass es vorbei sei.
Ist Ama der Ort seines Leidens? Ja gewiss, sie leidet an ihm, sie leidet an seinem Leiden, denn es hindert sie daran, leidlos zu sein. Amas Lebensaufgabe besteht darin, ohne Leid zu sein: eine schwere Verantwortung trägt sie da, sie trägt sie mit Fassung, aber es wäre nur gerecht, wenn ihr jemand dabei hülfe. Die Menschen gehen an dir vorbei, wenn im Haus jemand stirbt. Das ist wahr.
Es ist nicht bloß wahr, es ist die Wahrheit. Etwas kommt darin zum Vorschein, was sonst sorgsam verschlossen bleibt: nicht die mangelnde Bereitschaft zu helfen oder Beistand zu leisten, vielmehr die Unfähigkeit beizustehen, eine wirkliche Unfähigkeit, die sich aus mangelnder Befähigung speist, nicht aus mangelnder Fertigkeit oder Bereitschaft (was dauernd verwechselt wird).
Auch Ama ist unfähig. Ihr Beistand beschränkt sich darauf, den Alltag zu leisten und darunter zu leiden, dass er ihr abverlangt wird. Momptis Leiden wütet, weil es ihr Leiden erregt, dabei ist dies die letzte Erregung, die Ama von ihm empfängt.
Wütendes Leid ist geteiltes Leid.
Das Ortlose kriecht unter.

Ein Leid wäscht das andere
3

Ama Ohneleid: sie ist es, sie ist es wirklich, auch sie, leidlos, wäre da nicht sein Leiden, das sie in den Abgrund zieht. In welchen Abgrund? In den des Beistands, der kleinen und großen Handreichungen, der Mit-Sorge –
... wie eine Horde von Plünderern fällt ihr Regime über sie her und verzehrt diese kostbare, lange erbrütete und frisch geschlüpfte Substanz, als habe es nur darauf gewartet, als sei es hungrig gewesen nach diesem seltenen Stoff.
Ist das reell? Nüchtern betrachtet ist Mompti pflegeleicht. Die großen Schlachten sind geschlagen, erforderte die Lage größere Anstrengungen, stünde ein Heer von professionellen Betreuern bereit, gestaffelt nach Pflegeklassen und Bedarfsgruppen: dies hier ist Nachbereitung, sie könnte ihn an der Aufnahmestation einer darauf spezialisierten Klinik abgeben, doch seltsamerweise erscheint es ihr nicht nötig.
Auch wenn sie es sich nicht eingesteht – sie beobachtet Mompti. Dieses Dasein im Abgehen, es rührt sie nicht, es beschäftigt sie kaum, jedenfalls nicht über Gebühr, wenn man davon absieht, dass es den Alltagsdruck ein wenig erhöht und dadurch ins fast Unerträgliche steigert, es blickt sie an und sie erwidert diesen Blick, nicht wissend, worauf sie sich einlässt: Ist das reell?
Das Gelobte Land vor Augen, scheitert Ama an der Impertinenz des erweiterten Augenblicks. Sie weiß um ihr Scheitern, resigniert fügt sie sich in ihr Los, doch nicht ganz. In Erwartung des Todes steht das Leben still. Wäre sie reell gegen sich selbst, müsste sie zugeben, dass es blüht. Nicht in den strahlenden Farben des Sommers, aber mit der Intensität einer Blüte, die sich spät bemerkbar macht, aber so, als ginge sie spät oder nie mehr weg.

Ein Leid wäscht das andere
4

Mompti ist dankbar. Nicht grenzenlos dankbar, das ginge ihm wider die Natur, die auch gegen Ende zu nicht verschwindet, sondern verknöchert, nein, es reicht ihm, dankbar zu sein, ohne Bei- und Füllaffekte, einfach: dankbar. Dankbarkeit, stellt er fest, ist kein Gefühl, sondern ein Zustand. Er ist erfüllt von Dankbarkeit, nicht bis obenhin, sobald er sich bewegt, schwankt die Füllung und bedroht sein Gleichgewicht.
Doch das ist normal. Sein Gleichgewichtssinn ist jetzt dauerhaft gestört, er findet nur mühsam zurück, beugt er sich vor oder zur Seite, lehnt er sich zurück, wirft es ihn um. Seltsamerweise – was wäre nicht seltsam in seiner Lage? – findet er das richtig, es würde ihn wundern, verhielte es sich anders, so jedenfalls wundert es ihn nicht im geringsten.
Irgendwie hängen der geschwächte Gleichgewichtssinn und die Dankbarkeit, die er empfindet, zusammen. Fiele er aus jedem Gleichgewicht, müsste die Dankbarkeit grenzenlos sein oder verschwinden, wahrscheinlich beides zur gleichen Zeit. ›Aber das wäre paradox‹, hätte er früher genuschelt, er denkt es auch jetzt, aber es hat den paradoxen Anstrich verloren, es widerspricht sich nicht, jedenfalls regt sich kein Widerspruch, solange er auch danach sucht. Dabei ist er süchtig nach Widersprüchen, sie erklären manches, man muss sie finden und stehenlassen, er hat sie immer gefunden und jetzt sind sie ... reserviert. Wofür? Wozu?
In der Dankbarkeit löst sich, was ihn bedrängt, sie nimmt jetzt die Stelle ein, die früher das Zeichnen innehatte, sie zeichnet für ihn, sie zeichnet ab, was hereinkommt, um wieder hinauszugehen: Rechnungen zum Beispiel, für die jetzt Ama zuständig ist, das Bild einer Person, die er lange nicht mehr gesehen hat und das ihn jetzt ergreift – so weit ist sein Leben, dass es auch dieses zweidimensionale Wesen umfasst, samt seiner unaussprechlichen Tiefe –, Amas Bilder vor allem, an denen er jetzt sieht, was er stets übersehen hat, nicht länger etwas, sondern das Übersehene als solches, er könnte auch sagen, er sieht sie erst jetzt, aber das stimmt nicht, er hat sie, samt ihren Schwächen, immer gesehen und jetzt erscheinen sie ihm, sein banges Entzücken verrät ihm das eigene Scheitern und macht es gegenstandslos.

Ein Leid wäscht das andere
5

Sterben, denkt Mompti, beginnt, wenn der Gedanke daran verblasst, eigentlich, wenn er unauffindbar geworden ist. Deshalb sagt er sich von Zeit zu Zeit leise vor: »Ich sterbe«. Er sagt es nicht trotzig, er sagt es nicht ergeben, er sagt es probierend: Lebe ich noch? Wie sehr lebe ich noch? Wie sehr bin ich bereits tot? Er wählt dafür Zeiten, in denen er sicher ist, dass Ama sich nicht im Hause aufhält, denn er weiß, es könnte sie verletzen und ihr Schuldgefühle einflößen und das wäre schlecht. Es wäre nicht dankbar und seine Dankbarkeit geht ihm über alles.

1

FRAGER
Professor Leckebusch, ich muss Sie etwas fragen, damit unsere Zuschauer sich ein Bild machen können: Wo waren Sie am Abend des neunten November 1989?

LECKEBUSCH
Ich habe diese Frage erwartet. Ich wäre enttäuscht gewesen, wenn Sie sie nicht gestellt hätten. Ich kann Ihnen das genau sagen: Ich war im Bett. Ich weiß das so genau, weil ich an diesem Abend mein Seminar ausfallen lassen musste, was ich persönlich immer als sehr ärgerlich empfinde. Ich betrachte es als Verrat an meinen Studenten, verstehen Sie? Meine Studenten verstehen das. An diesem Abend beging ich nach meinen eigenen Maßstäben Verrat. Das hört sich krass an, aber es beschreibt die Situation.

FRAGER
An diesem Abend lagen Sie im Bett. Schliefen Sie? Ich meine natürlich: Bekamen Sie etwas von den Ereignissen mit?

LECKEBUSCH
Von den Ereignissen? Wenn Sie das sagen: Ich hatte Fieber. Ich delirierte. In dieser Nacht war ich damit sicher nicht allein, falls Sie das meinen. (Hüstelt)

FRAGER
Wenn Sie heute zurückblicken: Was bedeuten die Geschehnisse jener Nacht für Sie?

LECKEBUSCH
Lassen sie mich ihre Frage richtig verstehen, bevor ich auf sie antworte: Meinen Sie für mich persönlich oder möchten Sie meine persönliche Auffassung in Bezug auf das hören, was damals geschah und was sich natürlich in keiner Weise auf die Nacht eingrenzen lässt, in der es seinen Anfang nahm? In gewisser Weise hat es ja nie aufgehört zu geschehen.

FRAGER
Beides vielleicht?

LECKEBUSCH
Es handelt sich um das größte Glück im Leben dieser Nation und es handelt sich um das größte Glück, das mir in meinem Leben widerfuhr.

FRAGER
Könnten Sie das ein wenig präzisieren?

LECKEBUSCH
Sie haben ein Recht darauf, diese Dinge so zu verstehen, wie sie geschehen sind. Wir alle haben ein Recht darauf, diese Dinge so zu verstehen, wie sie geschehen sind. Ich weiß nicht, ob wir bereits die innere Distanz aufbringen, um dieser Anforderung Genüge zu tun, die ich eine geistige nennen möchte. Ich sehe Ratlosigkeit auf Ihrem Gesicht und möchte mich präzisieren. Die Anforderung, die ich eine geistige nenne, besitzt eine innere Dimension und eine äußere. Die innere ist schnell benannt: uns allen – oder genauer: vielen von uns – stand damals die Freude ins Gesicht geschrieben. Das ist ein Ausdruck tiefen Glücks, den man nicht kleinreden sollte. Er kam aus einem Inneren, das dem Handelnden nicht einfach zu Diensten ist, so wie es sich dem Denkenden nicht von sich aus erschließt. Es kann aber in einer gegebenen Ausnahmesituation das Denken erfüllen –

FRAGER
Und Sie meinen...

LECKEBUSCH
Ich halte das für keine Frage des Meinens. Aber ich verstehe, was Sie sagen wollen. Der abendländische Mensch hat dafür früh das Wort ›Kairos‹ gefunden. Ich lege Wert auf das Wort ›gefunden‹. Tatsächlich handelt es sich um einen Fund, um eine Findung, um ganz genau zu sein, und nicht um eine Erfindung, jedenfalls in dem Sinn, in dem wir das Wort heute gebrauchen. Die innere Dimension des Geschehens, das unsere Aufmerksamkeit fordert, wird dadurch bestimmt, ob und wie wir heute den Kairos zu denken in der Lage und vielleicht überhaupt berechtigt –

FRAGER
Und die äußere?

2

LECKEBUSCH
Ich rede von Anforderungen. Eine davon besteht darin, dass wir es schaffen, inneres und äußeres Geschehen in eine gemeinsame Perspektive zu rücken. Das ist überhaupt der Sinn von Distanz: Denk-Räume so zu dimensionieren, dass ein Inneres mit einem Äußeren zusammengeht, also ein ›Stand des Denkens‹ mit einem Ereignis, das die Zeitgenossen bewegt, und zwar so, dass darin etwas Geschichtliches aufblitzt, eine ›Sternstunde‹, wenn Sie so wollen.

FRAGER
Unsere Zuschauer werden sich fragen: Wo bleibt die Klarheit, nach der jedes verantwortliche Handeln in einer solchen Lage verlangt, wenn der Sinn des Geschehens verhüllt ist und sich nur über die von Ihnen eingeforderte Distanz erschließt? Diese Distanz ist ja, wenn ich Sie recht verstehe, nicht vergleichbar mit dem Abstand zu den Dingen, den ein Akteur braucht, um Kontrollverlust zu vermeiden.

LECKEBUSCH
Sie sprechen etwas an, was ich unter die Paradoxa der menschlichen Existenz zähle. Nur der ganz Blinde kann ein historisch erfolgreicher Akteur sein. Aber er muss über einen durchdringenden Verstand verfügen.

FRAGER
Haben Sie in jener Zeit einen solchen Verstand am Werk gesehen?

LECKEBUSCH
Anflüge, mein Lieber, Anflüge.

FRAGER
Das klingt für mich so, als hätten Sie mehr erwartet.

LECKEBUSCH
Aber das ist doch normal. Sehen Sie, in einer solchen Situation erwarten Sie alles. Das liegt einfach daran, dass Sie nicht wissen können, was Sie als Nächstes erwartet.

FRAGER
Also doch Kontrollverlust?

LECKEBUSCH
Eine Situation, in der alles ›drin‹ ist, kann auch außer Kontrolle geraten. Aber das meine ich gar nicht. Was Sie nicht wissen können, ist folgendes: In einem Krieg können Sie nicht alles, was getan werden muss, auf dem Marktplatz verhandeln. Die Menschen wissen das und verhalten sich rational paranoid: Sie vertrauen ihren Anführern so, als wüssten beide Seiten Bescheid. Nichts davon ist wahr. Bei einem historischen Umbruch, wie wir ihn erlebt haben, verhält es sich gerade umgekehrt: der Marktplatz verwandelt sich in ein Tribunal und die Regierenden werden danach beurteilt, ob ihr Handeln mit den Vorstellungen der Leute Schritt hält. Also müssen sie so handeln, als verstünden sie, was die Menge will. Das ist nicht so einfach und begünstigt Scharlatane. Aber es gibt auch gute Leute, kein Zweifel. Es ist nur schwer, sie zu erkennen.

3

FRAGER
Denn wovon lebt der Mensch?

LECKEBUSCH
lächelt
Nun, jedenfalls nicht, indem er stündlich den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst. Er lebt auch nicht, um es ganz deutlich zu sagen, davon, dass er vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist. Wir müssten uns vor diesen Sprüchen fürchten, nicht weil sie falsch wären, sondern weil sie die Unwahrheit verkünden, als sei sie die Wahrheit.

FRAGER
Ist das nicht der Sinn von Satire?

LECKEBUSCH
Sofern die Satire einen Sinn hat.

FRAGER
Welchen Sinn kann Satire haben?

LECKEBUSCH
Jedenfalls nicht den, die Welt zu verändern. Sie zeigt dem Einzelnen, was er von der Welt zu halten hat. Die angemessene Frage wäre daher: Was ist die Welt? Was ist die Welt der Satire? Wir sind heute geneigt, ›Welt‹ durch ›Gesellschaft‹ zu ersetzen und so zu tun, als sei beides dasselbe. Das ist nicht der Fall. Es gibt die physische Welt und es gibt die moralische Welt. Die moralische Welt ist die Welt der mores, der Sitten. Sittenverderbnis kann es nur geben, wenn man einen Maßstab für unverdorbene Sitten besitzt – die moralische Weltordnung. Ohne moralische Weltordnung ist Satire sinnlos. Sie ist sogar schädlich, weil sie die Moral als solche unter Verdacht stellt. Gesellschaft hingegen basiert nicht auf Moral, sondern auf Interessen.

FRAGER
Vielleicht ist ja die Moral schädlich, weil sie dazu dient, die realen Interessen zu verschleiern.

LECKEBUSCH
Warum nennen Sie die Interessen real und die Moral nicht? Gibt es irreale Interessen oder eine irreale Moral? Was soll das sein? Interessen sind Interessen und Moral ist Moral. Die Interessen geben die Handlungsziele vor und die Moral sorgt dafür, dass die Praktiken sich in einem vertretbaren Rahmen halten.

FRAGER
Oder auch nicht.

LECKEBUSCH
Oder auch nicht. Ist die Moral an ihren Verletzungen schuld? Das ist absurd.

FRAGER
Es gibt auch Doppelmoral.

LECKEBUSCH
Es gibt immer Doppelmoral. Es gibt den moralischen Imperativ, vor dem alle gleich sind, und es gibt die speziellen Regeln, die dafür sorgen, dass die eigene Gruppe bevorzugt wird. Das sind Überlebensregeln. Insofern kommt die Gemeinschaft vor der Moral: als Beutegemeinschaft. Hart, aber wahr. Doch das liegt der Gesellschaft, vorsichtig gesagt, voraus.

FRAGER
Und wovon lebt der Mensch?

4

LECKEBUSCH
Er lebt davon, dass er seine Institutionen achtet.

FRAGER
Essen kann er sie nicht.

LECKEBUSCH
Er käme ohne sie gar nicht ans Essen. Insofern erübrigt sich dieser Einwand. Stattdessen haben wir es mit zwei großen Fragen zu tun. Die erste lautet: Wie kommt es zur Ausbildung von Institutionen? Die zweite lautet: Wodurch sind Institutionen stabil? Die erste Frage ist durch und durch naturalistisch, hier können Philosophen nur lernen. Die zweite betrifft die Philosophie als solche, denn sie berührt die Frage, wie Menschen denken. Oder, wenn wir die Menschen weglassen: Wie denkt Denken?

FRAGER
Wie denkt Denken?

LECKEBUSCH
lacht
Versuchen Sie’s. Nehmen wir als Beispiel die Mauer. Man sollte meinen, eine Mauer ist eine Mauer, ein physisches Bauwerk, wenn Sie so wollen. Eine Mauer ist keine Institution. Aber die Mauer vor dem neunten November ist etwas völlig anderes als die Mauer danach.
Lacht
In einigen Köpfen soll sie ja heute noch stehen. Wie kann das sein? Darf das sein? Warum kann das nicht anders sein? Eine Mauer ist eine Mauer, sie hemmt den Schritt. Aber sie ist nicht unüberwindlich, wie sich am Abend des neunten November zeigte. Die Mauer vor dem neunten November ist eine Grenzanlage, brutal, schmutzig, unüberwindlich, es sei denn, Sie haben die passende Genehmigung. Sie ist in Betrieb.

FRAGER
Es sind Menschen, die sie betreiben.

LECKEBUSCH
Es sind Menschen, ja. Gehen wir die Kette der Verantwortlichen durch, dann stoßen wir auf unterschiedliche Motivationen.

FRAGER
Was sagt uns das?

LECKEBUSCH
Wenn Sie mit Ostberlinern reden, die nahe der Mauer wohnten, dann sagen die Ihnen: Wir haben sie nicht mehr gesehen. Wir hätten sie sehen müssen, Tag für Tag, aber sie war weg. Das alles war irgendwann nicht mehr vorhanden. Erst seit sie weg ist, sehen wir wieder hin.

FRAGER
Ein bekannter Effekt.

LECKEBUSCH
Ein bekannter Effekt. Er gilt natürlich auch für die Verantwortlichen. Der Hundeführer im Todesstreifen – mein Gott, welch ein Wort! – hat es mit einer anderen Mauer zu tun als der Mann im Politbüro, der sie am Ende mit einem öffentlichen Versprecher beseitigt. Keiner von ihnen sieht die eigentliche Mauer, das heißt das, was sie anrichtet. Es wird behauptet, das diene der Entlastung. Aber Entlastung ist eine biegsame Vokabel. Der Gedanke, dass Institutionen den Einzelnen durch Arbeitsteilung entlasten, ist grundverkehrt: Sie bürden ihm neue, höhere Lasten auf.

FRAGER
Sie entlasten moralisch.

LECKEBUSCH
Warum sagen Sie das? Ich sehe es Ihnen an: Sie meinen es ja nicht einmal ernst. Sie halten es genauso wie ich für falsche Entlastung. Damit sollte keiner vor Gericht durchkommen können. Ist es nicht so?

FRAGER
Die Menschen machen sich gern etwas vor.

LECKEBUSCH
Dann sollten wir uns hüten, es ihnen nachzumachen.

5

FRAGER
Und wenn es doch funktioniert?

LECKEBUSCH
Auch hier gilt: Die Institutionen sind die Moral. Funktional betrachtet, sind Routine und Moral dasselbe. Geahndet werden Ausfälle. Das ist natürlich ganz primitives Denken. Nein, die wirkliche Entlastung vollzieht sich im Bereich der Sorge. Um genau zu sein: im Bereich der Sorge um alles. Die Institution trägt mir auf, für meinen Bereich Sorge zu tragen. Warum sollte ich das tun, wenn ich nicht dafür belohnt würde? Trage du für deinen Bereich Sorge und kümmere dich um nichts weiter: Das ist der Grundmechanismus jeder Institution und er sorgt unmittelbar dafür, dass Institutionen stabil sind. Es bedarf einer ungewöhnlichen Anstrengung, in den Zustand der Sorge um alles zurückzukehren. Das können Einzelne leisten, aber eben nicht alle, schon gar nicht zur gleichen Zeit.

FRAGER
Und wenn es passiert?

LECKEBUSCH
Das wäre die Revolution.

FRAGER
Also geht es doch?

LECKEBUSCH
Moment mal. Die Revolution, an die Sie denken, richtet sich auf Institutionen. Den Kapitalismus abschaffen, gut und schön. Aber was tritt an seine Stelle? Die Mauer einreißen: ganz hervorragend. Aber was geschieht dann? Die Realität zeigt: alles Mögliche. Die Sorge – wenn wir den Gemütsustand von Revolutionären als Sorge bezeichnen wollen, aber hier geht es nicht ums Gemüt – bleibt institutionell: Was beengt unser Leben, was können wir besser einrichten, an welchen Schrauben können wir drehen, ohne dass uns das Gehäuse der Gesellschaft auf den Kopf fällt? Der letzte Punkt ist der entscheidende.

FRAGER
Sie meinen –?

LECKEBUSCH
Ich denke. Sie denken. Die umfassende Sorge, von der ich sprach, denkt, streng genommen, nicht. Sie gilt allem, wodurch der Einzelne lebt. Denken entsteht dort, wo es einem abgenommen wird.

FRAGER
Das müssen Sie unseren Zuschauern erklären.

LECKEBUSCH
Mit dem größten Vergnügen. Sie haben mich gefragt und ich antworte. Alles, was Sie mich fragen, könnte ich mich auch selbst fragen und vieles habe ich mich auch bereits gefragt, sonst fiele es mir schwer, Ihnen zu antworten. Natürlich habe ich mich gefragt, was Sie mich fragen würden, und mir Antworten überlegt. Dennoch lege ich Wert darauf, Ihnen zu antworten und keiner inneren Stimme, die mir Fragen vorlegt, die ich mir selbst ausgedacht habe. Verstehen Sie den Unterschied? Die umfassende Sorge macht diesen Unterschied nicht. Warum also sollte sie ein Gespräch imaginieren, das niemals stattfinden wird? Das Gespräch als Institution ersetzt die Intuition, das Einsehen, das ein jeder hat, aber es löscht sie nicht aus. Es stellt ihr Aufgaben, die sie dann auch löst. Die umfassende Sorge sieht sich von Aufgaben umstellt, die sie teils lösen, teils nicht lösen kann. Nur eines kann sie nicht: Aufgaben delegieren.

FRAGER
Das nennen Sie Denken?

LECKEBUSCH
Nicht ganz. Die Rede vom Abnehmen ist ja doppeldeutig oder, besser gesagt, doppelzüngig. Wenn ich sage, Denken entsteht dort, wo es einem abgenommen wird, heißt das auch: Denken entsteht dort, wo es in ein Außenverhältnis eintritt. Dadurch entsteht Entlastung. Also: Sie fragen, ich antworte. Sie verstehen, ich habe Fragen. Mein Gedankengang ist zu Ende, Ihrer beginnt. Innen-außen, außen-innen, klipp-klapp. Nur so kommen wir weiter.

6

FRAGER
Herr Leckebusch, wo schlägt ihr Herz?

LECKEBUSCH
lacht
Im Zweifel links. Hand aufs Herz, das war es doch, was Sie hören wollten. Oder täusche ich mich da?

FRAGER
Ich gebe zu, ich hätte diese Antwort nicht so in dieser Direktheit erwartet.

LECKEBUSCH
Was erwarten Sie? Der Germanist Walter Benjamin hat gegen Ende der Zwanziger Jahre den Satz geprägt: Links hatte noch alles sich zu enträtseln. Er ist zum geflügelten Wort geworden, doch wenige kennen die Fortsetzung, in der es dann heißt, rechts sei es schon vorzeiten, dieses ›es‹ sollte uns noch beschäftigen. Sich selbst nennt er übrigens die Schwelle, über der – und jetzt hören Sie genau zu – die unnennbaren Boten schwarz und weiß in den Lüften tauschten. Das Schwarzweißspiel ist uns sehr vertraut, vertrauter als die Sprache dieses Textes, der poetisiert, wo es nichts zu poetisieren gibt, es sei denn, man hält es mit den Scharzweißmalern. Benjamin kommt aus dem konservativen Kulturmilieu, er geht in der Folge weit nach links, das beschreibt die Richtung dieses Textes, er verät aber auch, dass er links nicht zu Hause ist und sich im Grunde nicht auskennt. Das hat Adorno schon so gesehen und jeder Marxist kann es Ihnen spielend bestätigen.

FRAGER
Sie meinen damit...

LECKEBUSCH
Ganz recht, diesmal meine ich wirklich. Ich komme von links, aus dem linken Raum, Sie können das biographisch nehmen, auch topographisch, selbst geographisch, und die Zweifel haben mich aufgescheucht, auf den Weg gebracht, wenn Sie so wollen, wie so viele meiner Generation und meiner Herkunft.

FRAGER
Ihr Weg geht demnach von links nach rechts.

LECKEBUSCH
Nein, das geht er nicht. ›Im Zweifel links‹ bedeutet ja nicht, dass Sie sich im Zweifelsfall links oder für links entscheiden – das gibt es auch, aber es ist die Formel der Dummköpfe –, sondern dass das Herz links schlägt und Sie im Zweifel darüber lässt, was zu tun sei. Die historische Aufgabe der Linken war es, Zweifel zu säen. Daran hat sie sich gründlich vergangen und deshalb gilt sie zu Recht als desavouiert.

FRAGER
Was sich ändern kann.

LECKEBUSCH
Was sich schnell ändern kann. Wenn Sie genau hinsehen, wissen Sie, dass sie sich nur duckt.

FRAGER
Erkennen Sie da eine Gefahr?

LECKEBUSCH
Gefahren sind dazu da, erkannt zu werden, andernfalls wären sie keine. Das schließt das Unglück nicht aus.

7

FRAGER
Kommen wir zum es.

LECKEBUSCH
Es spukt in unserer Sprache herum – nicht nur in unserer, aber hier besonders –, so dass man sich fragen kann, ob es nicht der geheime Sinngeber all der Formeln, mit denen wir Wirklichkeit zu fassen beanspruchen? ›Es gibt‹ – ›es spukt‹: Ist der Unterschied wirklich so groß? Wenn ja, worin besteht er genau? Als Philosoph muss ich sagen: Er ist nicht sehr groß. Ich muss aber auch sagen: Er könnte größer nicht sein.

FRAGER
Der kleinste Unterschied ist der größte.

LECKEBUSCH
Es ist der Unterschied zwischen rechts und links. ›Es gibt‹ ist die Sprache der Realität, wer sich ihrer bedient, gilt als rechts. ›Es spukt‹ – lesen Sie das Kommunistische Manifest und Sie verstehen, was ich meine. Genau genommen ist die Linke ein Spuk, ein Gespenst, eine Erscheinung. Überall, wo sie Wirklichkeit zu gestalten beansprucht, genügt es, das Licht anzudrehen, und Sie stoßen auf rechte, überdies recht deprimierende Verhältnisse.

FRAGER
Die Realität steht rechts?

LECKEBUSCH
Die Realität? Es gibt sie und sie stellt sich her. Das ist ein reflexiver Vorgang. Tiere haben keine Realität. Sie können also sagen: Die Realität ist ein Spuk. Ein Gedankenspuk meinetwegen. Aber ein Spuk. ›Spuk‹ bedeutet: nichts ist gewiss, nichts ist fixiert, nichts hinreichend ausgeleuchtet. Aber das ist natürlich Quatsch. Also bleibt nur die Formel übrig: Es spukt in der Realität. Damit müssen wir zurechtkommen. Damit kommen wir übrigens blendend zurecht. Genauso können wir sagen: Es gibt keine Realität, aber in der Realität gibt es dies und das. Die Realität ist ein Stellvertreter.

FRAGER
Stellvertreter wofür?

LECKEBUSCH
lacht
Na fürs es. Für das Absolute. Für die Antimaterie. Für das, was es immer noch zu entdecken gibt. Damit hätten wir übrigens die drei wesentlichen Formeln der Neuzeit beisammen.

FRAGER
Mit der Stellvertretung hat die Linke immer ihre Schwierigkeiten gehabt. Ist das ein reaktionärer Begriff?

LECKEBUSCH
Wenn wir genau wissen, was wir damit sagen: ja. Er gibt uns die Antwort auf eine unmögliche Frage: Geht es nicht direkt? Es geht nirgends direkt. Was wir Existenz nennen, ist die Antwort auf die Unmöglichkeit zu sein. Was wir linke Existenz nennen, ist die Antwort auf die Unmöglichkeit, rechts zu zu sein. Das mag Sie erstaunen, aber wer von sich behauptet, ein Rechter zu sein – was nicht viele tun, und wenn sie es tun, dann meist in provokativer Absicht –, der hat das Rechtssein nicht begriffen. Im Grunde begeht er einen Verrat.

FRAGER
Weil er ein verkappter Linker ist?

LECKEBUSCH
Weil jeder ein verkappter Rechter ist. Wer von sich behauptet, links zu sein, der behauptet Unfug. Wer von sich behauptet, rechts zu sein, der behauptet im Grunde: Ich bin bei euch. Das ist die Christus-Formel, also nur begrenzt alltagstauglich. Wer ist Christus? Er ist der Mittler.

7

FRAGER
Da Sie vom Mittler sprechen: Was verstehen Sie unter Mitte? Ist da etwas, um das man sich kümmern muss?

LECKEBUSCH
Ich spreche sehr ungern von der Mitte. Zunächst einmal: Alles ist Mitte. Was wir als Ränder zu bezeichnen uns angewöhnt haben, sind in der Regel Standpunkte, die wir nicht teilen. Die Vorstellung, dass alle in der Mitte zusammenkommen oder zusammenkommen sollten, ist absurd. Ein Quentchen Wahrheit allerdings schwingt dabei mit. Die Mitte ist das, was um keinen Preis verlorengehen darf.

FRAGER
Ist das eine Definition? Soll das heißen: Die Mitte hat keinen Preis?

LECKEBUSCH
Eine Definition und eine Feststellung. Die Mitte ist immer zugleich Definiens und Definiendum, Definierendes und Definiertes. Insofern ist sie auch immer leer. Sie kennen die leere Mitte aus der Kunst, wo sie das Bild strukturiert, ohne in besonderer Weise in Erscheinung zu treten. Das ist schon die Frage, die durch den Mittler gestellt wird: Tritt er als Person in Erscheinung oder tritt er zurück und ermöglicht so die Person? Doch Mitte und Mittler sind nicht dasselbe.

FRAGER
Was unterscheidet sie?

LECKEBUSCH
Zunächst: das grammatische Geschlecht.
lacht
Was verstehen wir unter Geschlecht? Das Geschlecht gibt uns eine Vorstellung von einer tief im Sein verankerten Arbeitsteilung. Da haben Sie das Reaktionäre, über das wir vorhin sprachen. Arbeitsteilung setzt voraus, dass es Arbeit gibt. Es gibt also immer Arbeit. Genau genommen gibt es nichts außer Arbeit. Was wir freie Zeit nennen, ist in Wirklichkeit Arbeitsteilung. Etwas nimmt sich zurück, damit etwas zum Zug kommt. Aber wenn es Arbeit gibt, dann gibt es auch die Frage nach dem Subjekt. Das hängt ganz ursächlich zusammen. Wo die Mitte schweigt, redet der Mittler. Et vice versa. Das setzt natürlich voraus, dass wir beide als redende Instanzen ins Bild rücken. Es ist ein Bild, aber ein passendes.

FRAGER
Das werden einige unserer Zuschauer...

LECKEBUSCH
... anders sehen. Das ist ihr gutes Recht. Lassen Sie mich noch ergänzen: Die Vorstellung vom Mittler ist in unserer Kultur fest verankert. Nehmen Sie sie heraus und Sie erhalten ein Tohuwabohu von Vorstellungen, denen der gemeinsame Sinn abhanden gekommen ist. Viele sehen es natürlich so, aber ich denke, sie täuschen sich. Diese Kultur ist nicht am Ende und sie kommt zu keinem Ende. In gewisser Weise kommt sie vom Ende her – sie ist das Denken des Endes und daher ein immerwährender Anfang. »Lasst uns anfangen«: das ist die Formel Europas. Es kann keine andere geben.

FRAGER
Damit sollten wir schließen.

 

Drehte er aber sein Hütlein und sagte ihm, wohin
die Reise ging, so war er im Nu dort

Sechse kommen durch die ganze Welt
 

Siehst du, sagt Iris, Leckebusch ist nicht zu packen. Ein zäher Hund, mit allen Wassern gewaschen, man weiß nur nicht, wofür. Jetzt hat er seinen Fernsehauftritt, er hat ihn gehabt, was einen Unterschied darstellt wie der zwischen Tinte und Brause, er geht zufrieden nach Hause und fragt sich, ob so ein öffentliches Dasein sich lohnt. Nicht des Geldes wegen, das kann er immer brauchen, das Zubrot verschafft ihm Respekt bei der Ex. Elisabeth macht sich nichts draus, sie lacht sogar drüber. Aber es schmeichelt ihr doch. Ja, es schmeichelt ihr, weil sie weiß, dass er ein Wurm ist, ein zäher Wurm, das schmeichelt ihr. Wäre sie anders, hätte sie ihn nicht abserviert, sie hätte ihn laufen lassen, die Leine immer zur Hand, wie sonst, man weiß nie, wozu so ein Professor gut ist. Hast du sein Zauberhütchen gesehen, die Baskenmütze, schief übers Ohr gehängt? Damit kommt er durch die Welt. Auf diesem Ohr ist er taub. Es ist sein Welt-Ohr. Auf dem anderen hört er alles, er benützt es als Hör-Rohr, um die Verhältnisse zu belauschen. Dieser Mann lebt in Verhältnissen, er lebt nur in Verhältnissen, ich meine, er kennt nichts anderes, und er ist der Fremdkörper in allen. Ein richtiger Fremdkörper, selbst der eigene ist ihm fremd. Er ist ein Körper in einem Körper in einem Körper. Nein, das stimmt nicht, er ist ein Körper in allen Verhältnissen, sie sind ihm alle gleich fremd. Deshalb trägt er die Mütze so schief. Schöbe er sie gerade, erstarrte die Welt. Nicht vor Ehrfurcht, das gerade nicht, auch nicht in der Furcht des Herrn, obwohl er etwas von einem Priester... Hast du das nicht bemerkt? Wo schaust du hin? Ich denke, sie würde der Kälte eingedenk, die sie umgibt, und begänne zu klappern, schutzlos dem Kosmos ausgeliefert, der in ihm kreist. Unser Mann im All, das ist Leckebusch, darauf gehe ich jede Wette ein. Du musst ihn nur hüsteln hören, dann weißt du Bescheid. Kein Mensch hüstelt so. Erst denkst du, er hüstelt geziert, aber das stimmt nicht. Was du hörst, ist das Knattern einer Membran. Leckebusch hüstelt, sobald andere menscheln, das klingt wie ein Reflex, aber es ist nur ein Effekt. Ein Berühr-Effekt. Ein richtiger Raumfahrer verlässt die Erde nicht, er ist immer schon unterwegs. Allein genommen, ist er ein Bote, sobald sechse von seinem Schlag beisammen sind, erlischt das Feuer der Welt.

Die Spieler in ihren Körpern, bewegt vom Spiel,
plädieren auf: Nicht wirklich

Pyramidenschauer
1

Nassen

Ich verstehe, was Sie damit sagen wollen. Wir unterscheiden in der Regel zwischen Fakten, ihrer Herleitung und den Konsequenzen, die wir daraus ziehen, ich meine jetzt ›wir‹ in einem sehr allgemeinen, mehr geschäftsmäßigen Sinn, ohne jeden Gemeinschafts-Hintergrund. Fakten sind Fakten, sie bleiben es, auch wenn die dafür aufgebotenen Ursachen Kokolores sind und die Konsequenzen mehr als fragwürdig klingen. Dieser Journalist, der sich mit Leuten beschäftigt, deren Weltbild er ablehnt und deren Programm er für gefährlich hält, stellt sie alle in eine Reihe, so dass, wer die Fakten bestätigt oder nur auf sie hinweist, von ihm automatisch jenen Leuten zugerechnet wird. Aber das ist Irrsinn, wirklicher Irrsinn. Das ist der Excess.

Pyramidenschauer
2

Blowasser

Wenn ich mich in der Pyramide bewege, bin ich ein archaischer Mensch. Eingehüllt in den Panzer meiner hierarchischen Stellung, die Waffen des Hochmuts und des Sarkasmus stets griffbereit. Noten, Gutachten, Voten sind die Instrumente meiner Jagd; sie dienen dazu, das Wild aufzuspüren, es zu verfolgen, zu stellen und zur Strecke zu bringen. Außerhalb der Pyramide bin ich entwaffnet, ich fühle mich nackt, ich warte instinktiv darauf, dass mich jemand verfolgt. Ich sehe das Misstrauen in den Augen der Nachbarin, die kein Wort von dem versteht, was ich rede. Für sie bin ich nicht niet- und nagelfest, ihre Welt käme ins Schlingern, hätte ich darin das Sagen. Gottseidank sind wir nicht soweit. Wie weit sind wir dann? Sie weiß es nicht. Ich weiß es auch nicht. Jemand wie ich sollte wissen, was die Uhr geschlagen hat, aber ich weiß es nicht. Für mich sind diese Menschen Schemen. Ihre Rede besitzt keine Geltung. Komischerweise ist sie es, die gilt. Beim Friseur, beim Bäcker (warum immer diese zwei?) erfahre ich, was sie denken. Es macht mich sprachlos. Die Wahrheit ist, ich erfahre es immer weniger. Die ausufernden Reden meiner Kindheit sind leiser gedreht, sie sind fast verstummt. Neulich, bei der Fußpflege, hörte ich sie wieder. Dort, durch Kabinen getrennt, reden die Leute noch. Ein simpler Vorhang gibt ihnen das Gefühl der Intimität. Offenbar kommt es darauf an, dass sie einander nicht sehen. Aber sie belauschen sich wie die Zuträger. Ich lausche. Das Belauschen steigt mir zu Kopf, es zerstört meine Arbeitsgedanken, es wirkt wie ein Rausch, es ist ein Rausch, ich bin außer mir. Manchmal, vor oder nach der Behandlung, erhasche ich einen Blick auf den fremden Körper, aus dem diese Reden quellen, und bin ernüchtert: Er ist es nicht. Was ist er nicht? Das Äquivalent zur Rede. Diese Rede und dieser Körper haben sich nichts zu sagen. Sie sind einander unbekannt. Die Evolution hat sie voneinander losgerissen. An der Kasse kommen sie wieder zusammen. Mich kann das nicht täuschen: Ich habe gehört.

Pyramidenschauer
3

Tummler

Ich kenne einen Schriftsteller, der schreibt, wie er denkt. 1:1. Ob er denkt, wie er schreibt? Schwer zu ermitteln. Dort, wo er herkommt, genügte der Ansatz. Wie ich das meine? Das Wort ›Freiheitsentzug‹ klingt seltsam, wenn es auf die Praxis einen Staates angewandt wird, der Freiheit nur in Ausnahmefällen gewährt, zum Beispiel als Freiheit, das Maul zu halten oder in den Knast zu wandern. Und so zu reden ist noch naiv, da er die Freiheit, das Maul zu halten, ganz sicher nicht gewährt, ebensowenig wie die Freiheit zu sagen, was alle denken. Eher die Freiheit zu denken, was alle sagen. Ich rede vom zweiten Bekenntnisstaat auf deutschem Boden, wenn man den patriotischen Furor des Kaiserreichs einmal beiseitelässt. Sie wissen, was ich meine. Dieser Schriftsteller – nein, es ist nicht unser geliebter M – hat einen Großteil seines erwachsenen Lebens hinter Gittern verbracht, darunter Jahre verschärfter Haft, die kein Mensch ohne größere Schäden an Körper und Geist übersteht, weil er … weil er … es ist so läppisch, helfen Sie dem Wort über die Zunge! … weil er … ein Gedicht geschrieben hat. Ein Gedicht. Kein aufrührerisches, bewahre, eher ein blasses, ein bleiches, wenn Sie den Unterschied verstehen. Sie verstehen ihn, ich sehe es, Sie sind im Bilde. Viele bleiche Gedichte wurden in diesem Lande geschrieben, nicht immer wanderten ihre Verfasser in den Knast, manche auf Schriftstellerkongresse, wo jedes ihrer Worte gewogen wurde, dieser hier, wie gesagt, wanderte gleich in den Knast, er blieb ein Wandernder, dem der Unterschied zwischen Knast und Nichtknast zusehends schwand, er wurde ihm gewissermaßen schleierhaft und er bat die Behörden in mehreren wohlaufgesetzten Schreiben, den Schleier von ihm zu nehmen oder ihn gehen zu lassen … wohin?

Pyramidenschauer
4

Leckebusch

Wo will einer hin, dem der Unterschied abhanden kam? Die Frage musste einmal gestellt werden. Der Unterschied zwischen Freiheit und Unfreiheit, der Unterschied, an dem sich Europa entscheidet, er konnte außer Kraft gesetzt werden, weil die Handlungen, welche überall auf der Welt im Namen der Freiheit vollzogen werden, auf dass Freiheit sei, durch zwei teuflische Systeme angeeignet und vollständig ihres Sinnes entkleidet wurden. Unfreiheit als Freiheit und Freiheit als Unfreiheit zu verkaufen fällt einem geübten Propagandisten leicht, sofern er nur seine Freiheit (oder was er dafür hält) damit erkauft. Sperrt man ihn ein, fällt das Kartenhaus in sich zusammen und er ist, um wieder herauszukommen, zu allem bereit. Man muss ihm also das Loch zeigen, in das man ihn stecken wird, sollte er nicht parieren. Schon erscheint ihm seine Unfreiheit als die kostbarste aller Freiheiten und er ist willens, sie mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Da stellt sich die Frage: Wer in einem solchen System ist nicht Propagandist? Sie führt direkt auf die nächste: Wer ist es nicht aus freien Stücken? Einer, der seine Freiheit verteidigt und bereit ist, die der Mitmenschen dafür in die Tonne zu treten, der hält sich nicht für einen Mitläufer. So einer hält sich am Ende für eine besonders pfiffige Art des Widerstandskämpfers und lacht jedem, der ins Gefängnis geht, ins Gesicht: Darum geht’s nicht. Darum ging es nie. An der Überzeugung, dass es zu einfach wäre, in den Knast zu gehen, erkennt man den wahren Sollerfüller.

Pyramidenschauer
5

Blowasser

Diktatur kommt auf leisen Sohlen. Hat sie uns je verlassen? Natürlich nicht. Sie steht daneben – abwartend, taxierend, taxiert, eine Karikatur, eine Karikatur der Herrschaft des Volkes, eine Karikatur ihrer selbst, manchmal verliert einer die Nerven und schreit, wir hätten sie doch längst, dann blicken sich alle erschrocken um, der Schreihals, selbst erschrocken, schweigt, er ist stumm beschäftigt, die losen Fäden seiner Reputation zusammenzuhalten, das füllt ihn aus, bis zum Rand und darüber. Er wird kein Geschrei mehr veranstalten, dazu reicht seine Kraft nicht. Kraft muss einer haben. Oder ein loses Maul. Das lose Maul, man mag von ihm halten, was man will, ersetzt spielend die größte Kraft. Es ersetzt auch den größten Verstand, der zu ergrübeln versucht, was vorgeht, und dabei dem Paradox der ›Pfade, die sich verzweigen‹, erliegt: Es ist zur Stelle, es fragt nicht danach, ob es gebraucht wird, es braucht auch nichts, es sei denn, die Luft zum Atmen. Sei kein Rindvieh! Das schreibt keiner an seine Tür, er käme sich dämlich vor, aber er trägt den Spruch über dem Herzen, er atmet mit. Neulich las ich, der Schauspieler Pimwege will einen Preis stiften: Wer ist das Rindvieh? Er hofft auf zahlreiche Wortmeldungen. Das ist zynisch. Dabei ist, wer sich meldet, nur in den Augen der Freunde eins, die anderen finden ihn ›unheimlich clever‹, sobald sie sich vom Gelächter erholt haben. Die Selbstanzeige ist die klassische Form, Verhältnisse kenntlich zu machen. Offen sein, wo es niemand erwartet, und zusehen, welche Türen sich umgehend schließen: ein Schatz.

Pyramidenschauer
6

Leckebusch

›Wir leben in einem geschützten Raum.‹ Wer hat diesen Unsinn aufgebracht? Werden wir draußen misshandelt? Von wem? Ich zum Beispiel, ich werde misshandelt, aber nicht draußen. Werde ich überhaupt misshandelt? Meine Bücher werden öffentlich mit Abscheu bedacht, sie verschwinden, wie ich bemerke, peu à peu aus den Regalen, mein alter Verlag ist unerreichbar, mein neuer zögert, meine Bücher auf den Markt zu bringen, er zögert, unter uns, schon viel zu lange, aber ein Wir habe ich nicht gesichtet. Hätte ich sollen? Dieses Wir wäre ja identisch mit – lassen Sie mich nachdenken – uns allen hier oder, lassen wir das ›alle‹ weg, wir hier in diesem Raum. Das setzte aber voraus, dass wir irgendeine gemeinsame Eigenschaft aufweisen könnten, eine, die uns kenntlich macht, zum Beispiel, dass wir da draußen, zum Beispiel als Gruppe – Viererbande haha – angegriffen und verfolgt würden … Kennen Sie Verfolgung? Nicht direkt? Nun, dann nicht. Sind wir hier drinnen wir und draußen andere? Werden wir hier misshandelt oder draußen? Nein, wir werden niemals misshandelt. Sie sind es doch, die ein Quarantäneglas über mich gestülpt haben und jetzt darauf lauern, was er wieder sagen wird, damit der Abstand, auf den Sie gegangen sind, womöglich Sinn ergibt. Kennen Sie Verfolgung? Ich meine, am eigenen Leib, wie es sich gehört, mit Berufsverbot und ›Haftanstalt‹ und, meinethalben, der irren Aussicht auf Freikauf in einen Westen, den Sie nicht kennen, in den Sie daher alles hineinprojizieren, das Sie nicht kennen, eingeschlossen Ihre eigene Unschuld … ja gewiss, Unschuld, denn diese Unschuld gäbe es gar nicht, gäbe es nicht den Westen da draußen, diesen Horizont der Unschuld, aber gewiss nicht ihrer, denn schuldlos, unschuldig sind Sie nur dann, wenn es Ihre Sehnsucht, in den Westen zu gelangen, nicht gibt, wenn sie nichts weiter ist als eine böswillige Unterstellung, ausgestreut, um Ihr Ansehen im Kreis der Genossen zu ruinieren. Alles andere wäre unentschuldbar. Und dennoch rumort er in Ihnen, der irre Wunsch, dieser Sache hier ein Ende zu machen, ganz recht, ein Ende, die Abkürzung in die Freiheit zu nehmen, eine andere Freiheit als die, die sie sich gerade nehmen, um dafür zu bezahlen. Denn im Grunde, im Grunde wollen Sie nicht bezahlen – hier nicht und dort nicht, überhaupt nicht, wenn es nach Ihnen geht, Sie wollen zahlfrei… Wovon sprach ich gerade? Vergessen Sie’s. Vergessen Sie’s einfach. Manchmal gehen die Pferde mit mir durch.

Pyramidenschauer
7

Nassen

Alle in eine Reihe… Es ist gefährlich, in einer Reihe zu stehen, die Leute lieben die Differenz aus eigensüchtigen Motiven, das Programm ist ihnen eingeschrieben. Wer über die Macht verfügt, andere antreten zu lassen, der besitzt auch die Macht zu vernichten. Denunzianten lieben die Reihe, sie lieben es, Menschen an einer syntaktischen Schnur aufzureihen, die wenig oder nichts miteinander verbindet: die Schnur führt mitten durch sie hindurch, sie demonstriert, was von ihnen zu halten ist, je dicker der Strick, desto weniger bleibt von ihnen übrig. Wenn nichts von ihnen übrig blieb als ein wenig Glanz (er zumindest muss bleiben, denn sonst lohnte sich die Akquise nicht), dann wird es Zeit, dass sie hängen: verraten, verkauft und der arglosen Kundschaft um den Hals gelegt, um sie besser würgen zu können, wenn erst die Zeit gekommen und der syntaktische Unfug nicht mehr vonnöten ist.

Leckebusch

Kritik? Wer redet von Kritik? Reden wir über das, was der Kritik antwortet: Schweigen. An den Rändern des Schweigens bricht hervor, womit der Kritiker niemals rechnet, es sei denn, er kennt seine Pappenheimer und seine ganze Kritik ist nur ein abgedroschenes Ritual. Was hervorbricht, sind Wörter, Wörter, keine gewöhnlichen Wörter, sondern präparierte, schwer in der Hand wiegende Wurfgeschosse, mit denen man am besten auf den Kopf zielt, aber das muss man der Meute nicht groß erklären, das weiß sie ganz von alleine. Trotzdem: nicht jeder Wurf trifft. Dafür trifft er dann einen anderen Körperteil. Oder er trifft jemand anderen, der, zufällig oder nicht, danebensteht und sich eigentlich sicher wähnt. Wie naiv muss man sein, um sich eigentlich sicher zu fühlen? Ich habe mich das oft gefragt und folgende Antwort gefunden…

Blowasser

Don’t forget! Niemals vergessen, niemals verzeihen. Das sicherste Mittel, ein Gemeinwesen für kommende Gemetzel zu präparieren, ist die Versiegelung der Böden. Verstehe das, wer will. Führe mich nicht in Versuchung. So ein Hass, sagen wir, durch ein geeignetes Parkettmuster lebendig gehalten in alle Ewigkeit, besitzt immer einen guten Grund, wenn nicht einen, so zwei oder drei, er ist, will ich sagen, nie um Gründe verlegen. ›Lass uns darüber reden? Wo kämen wir da hin.‹ Niemals darüber reden, immer daran denken! Nennen wir sie die auseinandertreibende Macht, die viel Zeit hat. Sie lässt reden, sie lässt auch zuhören, sie ist selbst die beste Zuhörerin, aber sie hört nichts außer dem Immergleichen: Deine Zeit wird kommen. Übrigens lässt sie nicht nur die gegnerische Partei reden, sondern auch die eigene, ohne sich dazu zu verhalten, es sei denn mit einem Schulterzucken oder einem »Lasst mich aus, ich war’s nicht.«

Leckebusch

Man fühlt sich sicher, weil man nicht weiß. Man weiß nicht recht, solange man keinen Bezug zur eigenen Existenz herstellt. Man weiß nicht alles, solange man den falschen Bezug zur eigenen Existenz herstellt. Man weiß nicht wirklich, solange man in falschen Bezügen lebt. Die Frage konzentriert sich also darauf, welche Bezüge wahr oder falsch genannt zu werden verdienen, jawohl, verdienen, denn es handelt sich um eine Frage des Verdienstes. Bezüge, welche sich um dein Wohlbefinden verdient gemacht haben, stehen bei dir, will sagen, bei deinesgleichen im Ruf der Wahrheit: So ist es und nicht anders. Wer etwas davon anders sieht, wird da leicht zum Gegner, er will dir etwas wegnehmen, er mindert dein Wohlbefinden, er schränkt dich ein, er bewirkt, dass du dich eingeengt fühlst und du schüttelst ihn ab. Wenn er dann neben dir herläuft und weiterschwatzt, erkennst du in ihm eine wirkliche Gefahr, seine bloße Mitexistenz schwärzt dich ein, um ihn loszuwerden schwärzt du ihn an.

Tummler

Ach ihr Leichtgläubigen! Oder soll ich euch ›Hochfahrende‹ nennen? Denn ihr fahrt hoch, aber auf welchen Wegen? Wir alle sind Pyramidenbewohner, da beißt die Maus kein’ Faden ab, wir sind Innenmenschen, auf Distanz zu allem bedacht, was Außen heißt oder danach schmeckt, riecht, aussieht: So bauen wir unseren Käfig selbst. Wir lieben diese Zone verdünnter Wirklichkeit. So sehr lieben wir sie, dass wir sie automatisch zu hassen beginnen, sobald das Innere uns bedrängt: Gibt es kein wirkliches Leben im unwirklichen? Doch, das gibt es, es hört auf den Namen der Intrige, der kleinen, beiläufigen wie der weitgespannten, die weder Anfang noch Ende kennt und deshalb eine dritte Realität genannt werden kann, jedenfalls sehen sie viele so an und leben und weben in ihr, dass es eine Macht ist. Ja, sie halten sie für die Macht und glauben, sie stünde ihnen zur Verfügung, als fließe sie ihnen aus der Institution zu, so wie das Leitungswasser aus einem Rohrsystem, das für jeden Haushalt einen Hahn bereithält, wenn nicht mehrere.

Paradise blue
1

Im Netz kursiert ein Video, auf dem eine abgerissene Person – ein paar Jahre früher hätte man sie liebevoll-abschätzig als Penner bezeichnet – einen Polizisten beleidigt. Der Zwischenfall spielt in einem öffentlichen Verkehrsmittel, der Rhein-Ruhr-Bahn vielleicht, vielleicht auch in der U-Bahn einer anderen Stadt, eng geht es zu, doch um die beiden ist leerer Raum, den die Kamera sich zunutze macht. Der Polizist antwortet kaum, murmelt ein paar begütigende Wort wie »Lass mal« und »Beruhigen Sie sich«, »Komm runter«, so wie man auf einen Betrunkenen einspricht, der eben im Begriff ist, einen Streit vom Zaun zu brechen, dessen unausweichliche Resultate er nicht mehr überblickt. Doch dieser Mann ist nicht betrunken und er provoziert weiter. Er steht dicht vor dem Polizisten, so dass er ihn fast berührt, und spuckt ihm seine Worte ins Gesicht – rauen, ätzenden Sprachschlamm, menschlichen Auswurf jenseits von Gut und Böse, der Polizist wankt und weicht nicht, er bleibt die Freundlichkeit in Person, fast könnte man meinen, er beachte den anderen nicht, oder nicht wirklich, nicht dienstlich: fast wie ein Kumpel, ein Schwager vielleicht, der weiß, welche familiären Zusammenstöße es auslöst, wenn er jetzt falsch reagiert, versunken in die dienstliche Weihehandlung, genannt ›Deeskalation‹, als habe er sie zu oft und zu intensiv trainiert, um jetzt von ihr zu lassen und die Situation aus einer umfassenderen Perspektive zu beurteilen. Denn inzwischen hat sich der zu erwartende Ring aus Zuschauern, Zuhörern, Zuspät- und Zukurzgekommenen um die beiden gebildet und verschmilzt mit ihnen zu einer Szene.

Paradise blue
2

Die abgerissene Person – man muss sie als ›Mann‹ bezeichnen, ganz sicher werden die Medien, soweit sie über den Vorfall berichten, sie als ›Mann‹ bezeichnen, ungeachtet aller journalistischen Selbstverpflichtung, die sexuelle Autonomie der Menschen zu achten, auch und gerade wenn kein Berichterstatter wissen kann, zu welchem Geschlecht die Person selbst sich zugehörig fühlt –, die abgerissene Person treibt das Spiel, das kein Spiel mehr ist, weiter, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet, denn der Polizist, müde offenbar der monotonen Beschimpfungen, hat, unvorsichtig vielleicht, der Kette seiner ›rituell‹ zu nennenden Beschwichtigungsversuche ein ›sonst…‹ eingefügt, die nebulöse Andeutung einer Konsequenz, die das Verhalten des Fahrgasts – nennen wir die Person ›Fahrgast‹ und bleiben wir hübsch neutral – nun einmal irgendwann in einer nicht weiter qualifizierten Zukunft nach sich ziehen könnte. Als habe sie auf diese Zuspitzung nur gewartet, wechselt die Person ins Verfolgtenregister und stößt eine Reihe von Drohungen gegen die Staatsperson aus, die von äußerster Furcht-, ja Sorglosigkeit hinsichtlich etwaiger Verfolgung seitens der Staatsmacht Zeugnis ablegen sollen, womit die Furcht unmittelbar auf die Corona von Gaffern überspringt: Sollte es sein, dass der Staat, herausgefordert von Mann zu Mann, tatsächlich kneift? Was passiert dann? Der Fall verspricht spannend zu werden, etwas wie das Schicksal aller steht plötzlich im Raum und wird, wie es aussieht, auf fahrender Bühne verhandelt – eine solche Verhandlung unterbricht man nicht, man stört sie nicht einmal, man will wissen, wie der Staat reagiert, um sein künftiges Verhalten danach einzurichten. Wirklich holt der Mann, offenbar um das Gesagte zu unterstreichen, aus und schlägt dem Polizisten vor den Bauch.

Paradise blue
3

Zweifellos ist der Mann in einer Art Paradies angekommen. Er fordert die Staatsmacht heraus und sie … kuscht? Kuscht sie wirklich? Sie hält sich an ihre Vorschriften. Es ist das Mindeste, was sie tun kann, sie würde ihren Auftrag verraten, ließe sie sich provozieren. Andererseits: Provokation heißt nun einmal Herausforderung, wer sie nicht annimmt, ist kein Mann. Ist die Staatsmacht ein Mann? Nein, das ist sie nicht. Kann einer die Staatsmacht herausfordern? Oh ja. Fast täglich sind ihre Mannschaften in den Zentren der großen Städte unterwegs, weil irgendjemand beschlossen hat, sie herauszufordern: Rangeleien am Rande von Demonstrationen, die sich blitzschnell zu richtigen Gewalttätigkeiten auswachsen können, Angriffe auf Dienstpersonal der Feuerwehr und anderer Einsatzdienste, die an den kleinen und größeren Brennpunkten der Gesellschaft ihren Pflichten nachgehen, die allnächtliche Verwandlung öffentlicher Plätze in Zonen verminderter Sicherheit (oder vermehrter Unsicherheit, wie man’s nimmt), Richter werden bedroht, Staatsanwälte, Einsatzärzte, Amtsärzte, Sachbearbeiter, selbst Krankenschwestern, oft genug bleibt es nicht bei der leeren Drohung: das alles geschieht, es geschieht pausenlos; geschähe es nicht, könnte man sich fragen, wozu all diese Staatsmacht nütze sei, da den Menschen die Neigung eigne, ihre Angelegenheiten friedlich zu regeln, was im Großen und Ganzen auch stimmt. Dieser Mann hier – unser Mann, konstatiert die jäh erwachte Aufmerksamkeit – könnte vielleicht zu den Anhängern des Friedfertigkeitsdogmas zählen, der Lammsgeduld, die jede staatliche Gewalt zutiefst verabscheut, weil sie den Bürger in ein abhängiges, zuinnerst unmündiges Wesen verwandelt, das überwacht werden muss, da es sonst ausfällig wird, und gerade diese Überzeugung lässt ihn angesichts einer zufällig seinen Weg kreuzenden Zivilstreife ausfällig werden, sie macht ihn rasend (denn das hier ist Raserei, jeder Anwesende empfindet es so), sie lässt ihn Grenzen passieren, die sonst dafür sorgen, dass Alltag ist. Er könnte, sicher sollte man sich da nicht sein.

Paradise blue
4

Die Perspektive … wieviele Kameras sind im Raum? Dreißig, vierzig? Siebzig? Wie viele sind auf die Szene gerichtet? Drei, fünf, zehn? Wo stecken die anderen? Was nehmen sie auf? Den Boden unter den Füßen…? Er ist beteiligt, gewiss, der Boden unter den Füßen, er ist der Grund des Zusammenstehens, denn er bewegt sich doch. Er bewegt sich doch. Er bewegt sich doch, oder nicht? Steht er in diesen Momenten still? Diese Szene, diese Szene, aufgenommen von einer Kamera, aus einer Perspektive, schafft den Weg nach draußen, die anderen bleiben eingeschlossen in die Wahrnehmung weniger, allzu weniger, anonymer Zeitzeugen ohne Zeit, Passanten eben, die nichts weiter wollen als weiterzuwollen. Man stelle sich vor, sie ließen sich anzapfen, man könnte die Filme kopieren und senden: Wie wirr wäre das? Nun gut, wirr ist hier alles, ein bisschen Wirrnis mehr oder weniger fällt da nicht auf. Offenkundig handelt es sich um eine Traumsequenz. Sie geht vorbei, sie wird vorbeigehen, das ist der einzige Trost, ein winziger Trostsplitter, den sie, tanzend im Strudel, mit sich führt. So ein Trost lässt sich nicht filmen, vielleicht bleiben die stets griffbereiten Kameras, eine ausgenommen, deshalb in ihren Halftern oder verkümmern untätig in den Händen ihrer konsternierten Besitzer.

Paradise blue
5

Die Polizei … wo bleibt die Polizei? Wenn man sie braucht, ist sie nicht da. Hier würde sie gebraucht und … sie ist zur Stelle. Unglücklicherweise ist sie zur Stelle. Gerade darin besteht ihr Problem. Sie hat ein Problem, die Gute, wäre sie nicht zur Stelle, hätte sie keines. Das fällt auf. Die Staatsmacht sollte Distanz zu den Problemen der Bürger halten, das dient ihrer Reputation und hilft, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Ein Mann wird angepöbelt und schließlich handgreiflich attackiert: »Polizei!« Ein Handy findet sich immer im Raum, das sie ruft – ein Ordnungsfaktor ersten Ranges, unersetzbar, kostbar, ein Zivilisationszeichen erster Güte. Hier wird die Polizei angegriffen und nichts passiert. Man will wissen, wie sie sich in so einem Fall behilft. Ein Polizist, der sich nicht zu helfen weiß, stellt die Staatsmacht bloß, er ist eine Gefahr für die öffentliche Ordnung, er gehört suspendiert. Wird dieser hier suspendiert? Nein, er wird höheren Orts gelobt: Er hat alles richtig gemacht. Er wird belobigt ob seiner besonderen Verdienste, denn er zeigt, wie man es richtig macht. Das Publikum, darüber verwundert und ein wenig verwirrt, will auch gelobt werden, schließlich trägt es das Seine dazu bei, dass niemand gelyncht wird und die Szene nicht zur Massenschlägerei ausartet. Zweifellos verhält es sich ebenso besonnen wie der Polizist, recht betrachtet sogar ein winziges Stückchen besonnener, denn es enthält sich jeder, selbst der kleinsten Provokation. Nein, es tut keineswegs so, als ginge es die Szene nichts an. Es ist gespannte Aufmerksamkeit, denn es weiß: was sich hier abspielt, geht es etwas an, geht jedermann etwas an. Besser, man prägt sich jede Kleinigkeit ein, um sie nie wieder zu vergessen, denn hier entscheidet sich womöglich unser aller Schicksal: das Schicksal einer polizeilich gesicherten Welt, an die wir alle unendlich gewöhnt sind.

Paradise blue
6

Die pünktlichsten Züge sind die Gesichtszüge. Sie können entgleisen, ohne aus dem Plan zu fallen. Leckebusch, einer der Angepöbelten selbst, hat seinen Tram-Kurs hinter sich gebracht und weiß, wie es ist, öffentlich angefallen zu werden und keiner Hilfe gewärtig zu sein. Er hat ein Buch geschrieben und seither ist die Bande der Verleumder hinter ihm her. Er hat viele Bücher in seinem Leben geschrieben. Dieses, mit Herzblut geschrieben, wurde ihm zum Verhängnis. Vor kurzem mischte er sich ein, als ein Unbekannter im Bus eine Frau mit Schmähungen überzog, darunter sexuelle Grobheiten, die den mitteleuropäischen Raum entschieden hinter sich ließen. Man muss nicht jeden Irrsinn dokumentieren. Von den Umsitzenden wurde seine Einmischung abfällig vermerkt: Sie war gegen die Regel. Welche Regel? Die emanzipierte Frau steht ebenso auf dem Prüfstand wie der einsame Polizist: Wird sie sich wehren? Kann sie sich wehren? Die emanzipierte Frau lehnt, ähnlich dem Polizisten, der sich jede laienhafte Einmischung in seine dienstlichen Belange verbittet, männliche Hilfe ab. So hat die Welt es verstanden – schelte einer die Welt! Also gilt in beiden Fällen die Regel: Hilf dir selbst. Was geht es dich an, wenn diese da scheitert? Nicht anders der Anwalt, dem Leckebusch, Entrüstung im Tonfall, die Tiraden seiner Verleumder vortrug: Was geht’s den Staat an, wenn Sie sich in Schwierigkeiten befinden? Sie mögen sich verleumdet fühlen, doch was Sie mir da vortragen, ist, verzeihen Sie den Ausdruck, Standard: gedeckt durch Meinungsfreiheit und, wer weiß, vielleicht ein Stück notwendiger Aufklärung über einen wie Sie. Wer sind Sie schon? Wer ist dieser Polizist? Er vertritt die Ordnung und tritt sie selbst mit Füßen, weil er sich nicht zu helfen weiß. Doch, er weiß sich zu helfen, so wie der Kneipenwirt sich zu helfen weiß, der dichtmacht, weil er sich einer bestimmten Klientel nicht mehr zu erwehren weiß. Dieser Polizist macht dicht. Gern würde auch er, Leckebusch, dichtmachen, aber er wüsste nicht warum. Etwas in ihm sträubt sich dagegen.

Paradise blue
7

Nein, es ist nicht der Polizist, der dichtmacht. Er ist nur das Schiebefensterchen, das sich schließt. Die Hand, die sich seiner bedient um dichtzumachen, bleibt unsichtbar. Sie ist nicht die Hand des Staates, der sich vieler Hände bedient, jeder zu ihrer Zeit, an unterschiedlichen Orten, zu Zwecken, die einander so wenig gleichen, dass die Halbklugen bereits ›Verschwörungstheorie‹ murmeln, wenn jemand ihn überhaupt als Urheber in Betracht zieht. Der Staat ist niemand. Der Polizist ist nicht niemand. Er hat einen Beruf, er hat Vorgesetzte, er hat ein Privatleben, er hat sich gerade verschuldet, er muss ein Haus abbezahlen oder seine Kinder, nachdem die Partnerin ihn vor die Tür gesetzt hat, er hat auch Ansichten, teils die üblichen, die niemanden interessieren, teils solche, die im Verborgenen blühen, für die sich vielleicht jemand interessieren würde, obwohl sie auch die üblichen sind. Er hat einen schmerzempfindlichen Körper, er hat eine schmerzempfindliche Psyche, er hat – auch er! – eine Ehre, von der er nicht weiß, ob sie ihm gerade genommen werden soll oder ob sie sich nicht bereits vor Jahren in die Büsche geschlagen hat, er glaubt, halb und halb, an ein Berufsethos, das ihm rät, in dieser Situation nicht zu versagen, sondern sie durchzustehen, wie es ihm eingeschärft wurde, teils der Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten wegen, die andernfalls auf ihn zukommen würden, teils, um sich nicht selbst das Etikett ›Versager‹ umhängen zu müssen, teils aus Trotz: Was geht’s mich an. Und, ganz im Ernst: Was geht es ihn an? In Situationen wie dieser spaltet der normale mitteleuropäische Mensch sich auf: ein Teil geht da-, ein Teil dorthin, einige machen sich unsichtbar, andere schweben über der Szene, der Rest filmt. Dort, wo es in anderen Kulturen hart zur Sache ginge, filmt der europäische Mensch. Es ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, es ist sein Herzblut. »Das werde ich nie vergessen«, murmelt der europäische Mensch und füllt seine Festplatte.

Paradise blue
8

Bleibt also der Mann. Der zusatzlose ›Mann‹ der Medien in seinem verbrauchten Outfit, dessen Erscheinung jeder Beschreibung spottet, nicht, weil sie so sehr außerhalb des Üblichen fiele, sondern weil bereits die Schutzmauern der journalistischen Sorgfaltspflicht um ihn hochfahren und ihn den Blicken der Allgemeinheit entziehen, die sich längst am kommentarlosen Video schadlos hält und ihre Mutmaßungen im tausendfachen Hinterkopf verbirgt. Was ihn treibt? Nun, auch hier das Übliche, völlig ausreichend für diesen banalen Fall. Einer will Aufmerksamkeit erregen und – da ist sie. So einfach geht das. Er will Aufmerksamkeit auf sich ziehen, auf seine Person, nicht auf sein abgerissenes Äußeres, sondern auf sich, als wollte er sagen: Seht, ein Mensch. Er könnte es auch ›auf Lateinisch‹ sagen und seine Wundmale vorweisen. Doch das gibt die Penne, soweit er sie besucht hat, nicht her, oder er hat den Ausspruch vergessen, weil es nichts bringt. Wahrscheinlich würde, wer ihm dergleichen vorschlüge, einen Wutausbruch provozieren und müsste sich schleunigst in Sicherheit bringen. Die Fäkalkultur, in der er sein Zuhause aufgeschlagen hat, hält dafür den Ausdruck ›Was soll der Scheiß?‹ bereit, er hat ihm schon gute Dienste geleistet, er denkt nicht im Traum daran, auf sie zu verzichten. Der Ausdruck ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, er ist Fleisch von seinem Fleische und Blut von seinem Blut und er will, dass alle davon kosten dürfen, denn er hält sich für kostbar.

Paradise blue
9

In diesem Fall will er nicht bloß Aufmerksamkeit erregen. Dafür würde es genügen, sich hinzustellen und auf den Gang zu pinkeln oder sein Armutssprüchlein aufzusagen und ein vernichtendes »Gutntachnoch« hinterherzuschicken, um den kaum aufblickenden Mitfahrenden ihre Hartherzigkeit ins Gehirn zu ritzen. Nein, er will seine Wut an den Mann bringen und er verlangt vom Staat und seinem Vertreter vor Ort, sich als Dienstleister zur Verfügung zu stellen. Denn seine Wut ist auf Ordnung getrimmt und braucht einen ordentlichen Adressaten, nicht das Kind auf der Bank, das seinen Rucksack umklammert und ihn mit offenen Augen anglotzt, nicht den hageren Geschäftsmann, der sich gerade fragt, ob er nicht doch lieber das Taxi genommen hätte, oder … oder… Er hat sie alle taxiert und verworfen. Ordnung macht obszöne Gedanken. Diese Wut, diese aufspringende Wut, die er einem Klappmesser gleich zusammenfalten und wegstecken könnte, fände nur einer der Umstehenden den richtigen Knopf … es gibt eine Reputationsordnung der Wut, so wie es eine der Berufe gibt oder der Titelinhaber oder der Meisterdenker, in dieser Ordnung steht der Staat obenan, der Bullenstaat, wie ihn die Aufbegehrenden einst nannten, da kommt jeder Bulle, der sich in der Menge verläuft, gerade recht. Dieser hier hat sich nicht verlaufen, er waltet seines Amtes, so ein Glücksfall findet sich nicht alle Tage, wer da nicht zulangt, der … der … dem ist nicht zu helfen. Also bedient er sich, ein bisschen so, als wäre er an einem eingeschlagenen Schaufenster vorbeigekommen und die Auslage hätte ihn angelacht – was hätte er tun sollen?

Leckebusch quert den öffentlichen Raum und gerät unter Beschuss
1

Leckebusch lernt, was Aufschub heißt. Der Staat schiebt seine Aufgaben auf, fast wie ein unwilliges Kind, das lieber auf den Spielplatz geht, weil in den Hausaufgaben, das spürt es unbestimmt, aber heftig, der Misserfolg lauert: ein Springteufel, schwer in den Kasten zurückzubannen, sobald er erst einmal befreit wurde. Befreit? Der zu sich selbst befreite Misserfolg, doziert Leckebusch leise, ist dem Misserfolg an sich in mehreren Punkten überlegen, er ist, für sich betrachtet, das heißt, mit den Augen des Misserfolgs, ein Opfer der Verhältnisse bei voller Verantwortung, so wie man in anderen Zusammenhängen sagt: bei laufendem Motor. Soll heißen, das Vehikel des Misserfolgs, die Staatsmaschine, wartet darauf, dass ein anderer hineinspringt und, nach kurzem Gerangel um die Führung, davonbraust. Deshalb hält, wer gerade regiert, den Kasten mit dem vermuteten Springteufel fest verschlossen, solange es irgend geht. Gerade so geht Regieren, möchte man meinen, aber das Gegenteil ist der Fall. Regieren geht anders, so geht es zu Bruch. An und für sich, doziert Leckebuschs leise Stimme weiter, ist es nicht schwerer, die Alltagsprobleme eines Staates anzugehen, als sie auszusitzen, ausgenommen das regierende Interesse profitiert an ihnen und wünscht, still und heimlich, dass sie fortexistieren. Es sei denn – hier kommt der Zeigefinger ins Spiel, natürlich als gefühlter, denn der reale steckt tief und fest im Hosensack –, es sei denn, man verfügt über eine fanatische (oder vernagelte) Anhängerschaft, die keine Probleme sieht, weil sie keine sehen will, teils, um sich ihre Überzeugungen nicht rauben zu lassen, teils, weil es ihr fürs erste gut dabei geht und sie nicht über den Tellerrand des Heute hinausblicken möchte. Der moderne Staat ist vom Zerfall bedroht. Wer hat das geschrieben? Zu viele haben es geschrieben, es ist das konservative Mantra, der moderne Staat denkt vorerst nicht daran zu zerfallen, vielleicht dank der Konservativen, vielleicht trotz ihrer Einrede. Wenn aber – der Finger hat sich der Fahrkarte bemächtigt und Leckebusch schält seine Hand aus Hose, Sakko und Mantel ans Licht –, wenn aber der Konservatismus selbst zerfällt, wenn seine letzten Vertreter unter Hohn und Spott vom Schauplatz der Auseinandersetzung gejagt werden, wenn ihnen – Leckebusch räuspert sich, seine Stimme klingt inwendig belegt – die Ehre genommen wird, ihr Andenken besudelt, ihre Bücher aus den Auslagen entfernt, ihre Überzeugungen unter Kuratel gestellt werden, wenn ihre Kinder in der Schule gehänselt, ihre Partner bedrängt, ihre Versammlungsorte verwüstet, ihre Wege überwacht werden, was dann? Was, wenn die Überwachung lautlos geschieht, berührungsfrei, wenn alle Welt darüber Bescheid weiß und alle Welt demjenigen Paranoia bescheinigt, der sich darüber beklagt? Nun, dann ist es Zeit, an Exil zu denken. Wenn aber … verfluchtes wenn! Kein Wenn, kein Aber, kein Drumherum: Im Exil der Gestrigen findet das Heute keine Zukunft. Exil ist Massenware, benützt von Heutigen, um Staaten zu entrinnen, in denen der Zerfall bereits eingesetzt hat, ohne dass sie jemals im Heute angekommen wären.
Leckebusch steckt den Fahrschein in den Entwerter und erwartet das »Klick«. Überhaupt erwartet er viel. Der Tag ist noch lang.

Leckebusch quert den öffentlichen Raum und gerät unter Beschuss
2

Klickt’s? Eher nicht, würde er sagen, doch sicher ist er sich nicht. Die Bahn rollt und neben ihm schnäuzt sich ein Prolet-Typ, jedenfalls taxiert er ihn so.

Der Tag ist noch lang.

Leckebusch quert den öffentlichen Raum und gerät unter Beschuss
3

Der Typ

Der Prolet-Typ, auf dem Weg nach Hause, hängt Sexualphantasien nach, die ihm, locker überschlagen, zehn Jahre Haft eintragen könnten, falls er sie äußern und ansatzweise umsetzen sollte, vorausgesetzt, er würde sich das falsche, also das richtige Milieu dafür aussuchen, denn im richtigen, soll heißen im falschen, da ist alles richtig und normal. Ginge es in dieser, also der anderen Welt richtig und normal zu, dann müsste er heute noch einen Nobelpreis sein eigen nennen und in Gedanken die Speisekarten von Cutter’s oder Ditters Braustube gegeneinander abwägen, um über den Verlauf des anstehenden Abends zu entscheiden, denn diese Phantasien, die er besser steckenlässt, hätten ihm, aufgeschrieben und in Millionenauflage um die Welt geschickt, vor ein paar Jahren – nun gut: vor wenigen Jahrzehnten, aber was ist das schon? – im System der Ehrungen einen sicheren Listenplatz eingebracht und ein hübsches Sümmchen, ach was: einen Haufen Kohle eingefahren. Heute könnte er, in Erwägung eines unerklärlichen Zitterns angesichts der Schwierigkeit, die dafür nötigen Sätze auf Papier oder einem anderen dafür geeigneten Datenträger zu fixieren, einen jener Menschen mit der Aufgabe betrauen, die man damals Ghostwriter nannte und in den Untergrund des Gewerbes verbannte, während dergleichen inzwischen zu den regulären Tätigkeiten des professionellen Schriftstellers zählt und sein Label begründen hilft. Dafür ist der Markt empfindlich geschrumpft und der professionelle Schriftsteller würde, angesichts der heiklen Thematik, mit ein paar dürren, vorsichtig distanzierten Sätzen den Kopf aus der weiträumig ausgelegten Schlinge ziehen. Schwein bleibt Schwein. Naturschützer sehen das naturgemäß anders.
Bloß Prolet bleibt Prolet.

Leckebusch quert den öffentlichen Raum und gerät unter Beschuss
4

Der Angriff

Hombre, dieser Mann führt eine scharfe Klinge. Alles Schein. Wäre er nicht, aus einer unerklärlichen Anwandlung heraus, einen heben gegangen, er hätte mich gar nicht bemerkt. Der Alkohol macht ihn sehend, jedenfalls was mich angeht. Alles an ihm ist scharf geschnitten: vom Scheitel bis zu den Schuhspitzen. Hallo Meister Scherenschnitt, was hast du gesagt? Mäßigen Sie Ihren Ton, wir sind hier nicht im Zirkus. Hierher, Schaffner, dieser Mann wird ausfällig, schaffen Sie ihn fort. Das können Sie nicht? Wo stecken Sie überhaupt? Mein Gott, was gäbe ich jetzt für einen Schaffner. Ist nur ein Wort. Weiß du, zum Pöbeln gehören zwei: einer, der es versteht, und einer, der damit anfängt. Du meinst, ich versteh was davon? Kann schon sein, kann schon sein. Also was ist? Was ist, frage ich. Wirds bald? Ich verlange eine Antwort. Da kannst du die Zähne zusammenbeißen, solange du willst. Ich höre das Knirschen bis hierher. Reiß dich nicht so zusammen, das ist unnatürlich. Wenn ich jetzt auf eines deiner blitzblanken Schühchen trete – so –, dann sieht deine Welt schon anders aus. Aha! Auf diesen Effekt habe ich gewartet. Ich soll dich getreten haben? Du bezichtigst mich –? Komm mir nicht zu nah, sonst tret’ ich dir in die Eier. Komm mir nicht zu nah. So ein Pinkel. Scheut sich nicht, einem Werktätigen in die Eier zu treten. Er hat mich angegriffen, die Sau. Ich sage dir, das geht nicht gut aus. Das geht nicht gut aus. Ich ruf jetzt einfach mal die Polizei. Dieser Herr hat mich angegriffen, Sie bestätigen mir das, ja? Ja? Ja, hab ich gesagt, glotzen Sie nicht so verschüchtert, Sie wissen genau, wer recht hat. Ich habe recht und dieser Scheißkerl … will sich aus dem Staub machen. Hiergeblieben! Keiner lässt ihn durch! Ich halte die Bahn an. Ich will, dass man mich vernimmt. He du, deine Fingernägel sind morgen immer noch dreckig. Sieh besser her, sonst gibt’s eins in die Fresse. Du weißt, was dieser Kerl mit mir gemacht hat, du kannst es bezeugen. Na klar kannst du es bezeugen. Vorwärts, wir steigen aus. Alle miteinander. Ich muss jetzt raus und ihr kommt mit. Ihr kommt alle mit. Gutntachnoch.

Leckebusch quert den öffentlichen Raum und gerät unter Beschuss
5

Leckebusch sucht den Feind

Eigentlich beschäftigt ihn etwas anderes, eine dumpfe Abwesenheit. Tätlich angegangen zu werden ist nicht gerade die Erfahrung im Leben Leckebuschs. Er hat sich dem bisher entziehen können und plötzlich ist es passiert. Der Andere hat ihn, während er sein albernes Zeug schrie, am Revers gepackt und geschüttelt, nicht, um sein Gewissen wachzurütteln, sondern um den Feind in ihm hochzukitzeln. Er hätte auch brüllen können: »Schlag mich doch! Schlag mich doch!« Es wäre auf dasselbe hinausgelaufen. Leckebusch könnte sich gut verstehen, würde sein Inneres kochen. Tragischerweise ist das nicht der Fall. Was ihm ins Bewusstsein tritt, ist der abwesende Schläger, diese komische Figur, mit der zu identifizieren er, von jugendlichen Anwandlungen abgesehen, bisher noch keine Gelegenheit fand. Nun ist sie da und – er schlägt sie aus. Er würde sich durchaus verstehen, wenn sein beleidigtes Ego tobte: In die Fresse! Politikerinnen reden so, manche jedenfalls, der Feminismus hat dem friedfertigen Geschlecht die Zunge gelöst und seiner verbalen Schlagkraft, jedenfalls in der Öffentlichkeit, neue Denkmäler gesetzt. Eine Frau an seiner Stelle, dessen ist er sich sicher, wüsste zu toben. Da kann er sich ruhig ein wenig anstrengen, um ihr zumindest äußerlich ebenbürtig zu wirken. So, als Memme, fühlt er sich unwohl in seiner Haut.

Leckebusch quert den öffentlichen Raum und gerät unter Beschuss
6

Der Schläger

Der Schläger, als kulturelle Randfigur, profitiert von der Abwesenheit der Ordnungsmacht. Genausogut könnte ein Interpret, sagen wir Leckebusch, behaupten, dass sie ihn überfordert und dass sie ihn provoziert. Er weiß nicht, dass sie immer da ist und dass sie, wenngleich verzögert, auch diesmal in Erscheinung treten wird. Er hat die Überwachungskamera vergessen, die jede seiner Bewegungen filmt, oder sie ist ihm in diesem Intervall seines sozialen Daseins egal. Leckebusch benötigt die Kamera nicht, er kontrolliert sich selbst. Gerade in diesem Moment kontrolliert er sich selbst. Er ist selbstbeherrscht bis an den Punkt, wo es schmerzt. Nicht der innere, den Hintergrund wie einen Türrahmen füllende Schläger bereitet ihm Schmerzen, sondern die gefühlte Unfähigkeit standzuhalten, käme es hier und jetzt zu einer physischen Eskalation. Er würde sich schlagen und er würde verlieren: eine Doppelfigur aus Unbehagen, der er nichts entgegensetzen kann als das Bewusstsein der Grenze zwischen sich und dem anderen, der ihn rüttelt, während er seine sinnlosen Bezichtigungen brüllt. Leckebusch könnte, was ihn durchwallt, als Wehen bezeichnen. Doch der Gedanke würde das Gitter sprengen, das ihn umfängt. Das Standhalten beschäftigt ihn durch und durch. Dennoch sind es Wehen: ein neuer Leckebusch, einer der vielen neuen Leckebuschs, die sein Leben auswirft, wird diesen Zug verlassen. Der Schläger, ab jetzt stets im Hintergrund, wird seine Sprache durchsetzen, seinen ›Gemütshaushalt‹, sein Lebensgefühl. Er wird die Grenzen seiner Erregbarkeit verschieben und sein Verhältnis zur Ordnungsmacht mit einem Groll aufladen, der sich nicht mehr besänftigen lässt, der Genugtuung verlangt und weiß, dass sie nicht zu erreichen ist. Er wird, wann immer sich eine Gelegenheit bietet, sich zwischen ihn und die einfache Wahrnehmung schieben, die nicht so einfach ist, wie sie sich darbietet, gar nicht so einfach…

Leckebusch quert den öffentlichen Raum und gerät unter Beschuss
7

Einfache Wahrnehmung. Exkurs

Excuse me, suchen Sie etwas? Ja sicher, ich suche … Normalität. Wo wollen Sie sie finden? Hier und da … hier natürlich, wo sonst? Gerade hier, gerade hier und jetzt, sonst wäre sie keine – Normalität, nicht wahr? Ganz recht, sonst wäre sie keine. Warum ist sie nicht da? Aber sie ist doch da. Gefühlt ist sie da. Gefühlt ist sie immer da. Es fehlt nur etwas… So, was denn? Ein Quentchen Wirklichkeit, sozusagen. Das Wirkliche ist normal, aber nicht ganz. Ein Stück Normalität fehlt. Wo ging es hin? Gerade war es noch da und jetzt vermisse ich es. Habe ich es nicht vermisst, als es da war? War es also da? Ich weiß es nicht. Was soll die Fragerei! Ich will es nicht wissen. Ich verlange Normalität, und zwar jetzt. Und wenn sie nicht zu erreichen ist? Ich will mich beschweren. Ich werde durch alle Instanzen gehen, denn diese Beschwerde übertrifft alle anderen. Normalität ist Menschenrecht. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo Normalität herrscht. Das beginnt in ihm selbst.

Ich nehme wahr, du nimmst wahr, sie – Sie, ja Sie dahinten, auch Sie nehmen wahr, und wo die Wahrnehmungen zusammenfließen, da entsteht Wirklichkeit, nein, da entsteht Normalität. Und wenn sie aufeinanderkrachen? Dann gibt es Krach. Verstehe. Ist das normal? Nicht wirklich. In Krachgesellschaften ist Normverletzung die Norm. Normal ist nichts. Das Normale ist nicht normal, nicht ›vorhanden‹ oder doch nur in Spuren, es hat keinen Zweck, es vorauszusetzen, wie das, nun ja, normal wäre. Deshalb ist in solchen Gesellschaften der Wunsch nach Normalität auf der Suche, unerfüllbar, ein edler Ritter mit schwarzem Visier, gehüllt in unauflösliche Trauer, schweifend am Rande der Welt, wie es im Liede heißt. Nur vom Rande her ist die Welt einsehbar, die erste einfache Linie ist der Horizont. Es bedarf komplizierter Entwicklungen jenseits des streitbaren Einzelnen, ehe das Gewebe der Welt einfach einsehbar wird, nicht rückwärts im Zorn, nicht vorwärts im Rausch des Erwachens, sondern von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Mal zu Mal. Please don’t care. Don’t trust me. Trust anybody anywhere. You will not be disappointed. Not always –

Leckebusch quert den öffentlichen Raum und gerät unter Beschuss
8

Der Kreis

Hat, was nicht aufhört, jemals begonnen? Es überzieht das Gewesene mit einem Film, einem Schmutzfilm, als sei es nie etwas anderes gewesen als die Falle: für wen? Für dich, Dummkopf. Wo andere leben, steckst du in der Falle. Du würdest dich gern aus ihr befreien, allein könnte es dir gelingen, aber eingeklemmt zwischen all diesen Personen, die zufällig das gleiche Abteil benützen, hast du keine Chance. Dies hier zeigt keine Neigung aufzuhören. Der randalierende Typ hat Gefallen an seiner Rolle gefunden und niemand, Leckebusch eingeschlossen, hält ihn auf. Im Gegenteil, der Kreis, der sich um ihn geschlossen hat, scheint seinem Anliegen nicht günstig gesonnen. Niemand hat den Platz gewechselt. Doch im Gedränge hat sich ein Raum gebildet, ein Raum aus Körpern, Schweigen und Aufmerksamkeit, ein Spannungskreis, der sie einschließt und isoliert – ganz recht, isoliert. Niemals in seinem Leben hat Leckebusch sich so isoliert gefühlt, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit, das Gespräch mit der Stasi steht auf einem anderen Blatt und dort wusste er sie auf seiner Seite. Damals beseelte ihn die Empfindung: die Welt schaut zu – er wusste es nicht, überhaupt konnte davon nicht die Rede sein, und heute, wenngleich anders, spürt er es wieder, auch wenn dieses armselige Zufallspersonal nicht die Welt ist, nicht die Welt, nicht die … welche Welt hätte er gern? Dieser Mann mit dem Sozialarbeitergesicht missbilligt zutiefst, wie Leckebusch sich benimmt, jeder Muskel seines Gesichts zeugt davon: er wüsste, wie man deeskaliert, er hätte die Sache längst erfolgreich beendet … vielleicht. Um welchen Preis? Den der Selbstachtung? Überlegenheit kennt keine Selbstachtung, sie nimmt das verletzliche Ich aus dem Spiel und fährt ihre Geschütze auf. Hast ja recht, Kumpel. Den ›Scheißkerl‹ annehmen, nur weil der andere ihn offeriert? Ist es das? Nein, das ist es nicht.

Die Zerstörung der Ehe
1
Eismond Europa (Jupiter), verzerrt: NASA / Jet Propulsion Lab-Caltech / SETI Institute - http://photojournal.jpl.nasa.gov/catalog/PIA19048Also described here: http://www.jpl.nasa.gov/news/news.php?release=2014-406, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36913012
  • ―Eigentlich ging es ganz leicht, erzählt der einfache Abgeordnete und Minister S seinem Freund, dem Nahostexperten Triphan, sie blicken vom obersten Stock der Pyramide, den man ihnen für die Dauer des Inkognito-Besuchs überlassen hat, in den Nachthimmel, er lächelt ein wenig dabei, was der andere nicht sieht, ihm ist wolkig zumute, das mag am Champagner liegen oder am Höhenfieber, das ihn an dieser Stelle stets überkommt. Verlass mich nicht, kritzelt der Minister auf eine Serviette, tupft sich damit die Mundwinkel und reicht sie dem Nahostexperten, der sie schweigend überliest.

Die Ruhrstadt strahlt. Sie hat sich herausgeputzt diese Nacht wie seit Generationen nicht mehr. Triphan rechnet die vielen kleinen Freudenfeuer dort unten zu einem großen zusammen. Die Ruhrstadt brennt. Sie brennt von innen heraus, aus den Eingeweiden, den Bars, Kinos, Restaurants, den Diskotheken, Nachtclubs, Mitternachts-Fitness-Studios, 24-Stunden-Saunen, Glücksspiel-Orten, Grilltheken, Gebetstrichtern – gewiss, auch die Stätten vertikaler Inbrunst, im Inneren fahl erleuchtet von Ewigen Lichtlein und polizeilich vorgeschriebenen Notfunzeln, feiern, sie alle feiern die Auferstehung der Gorgo, der Großen Verdrängten.

  • ―Wir haben das erreicht, spricht Triphan, er befleißigt sich desselben Tonfalls wie Friedenwanger, ohne es sich bewusst zu machen. Er und Friedenwanger sind Kumpel aus alten Kampfzeiten, auch sie vergessen einander nicht, verflossene Kämpfe ergeben zusammen eine Kordel, die keinen außen vor lässt. Friedenwanger, der nach der Kampfzeit in die Wissenschaft ging, um dort zu reüssieren und die Verhältnisse aufzumischen, hat ihm den Tipp mit dem Fu-Projekt gegeben, nicht ohne Hintergedanken, nicht ohne Hintergedanken… Aber natürlich trifft man sich gern, auch wenn der Liaison des anderen mit dem Minister in seinen Augen etwas Degustables innewohnt, das nicht weggeht. Triphan sieht am Flackern der Augen, dass etwas nicht stimmt, er trägt es mit derselben Gelassenheit, mit der er seine Pressekonferenzen bestreitet, wissend, dass das Interesse an Information im Ernstfall jeden anderen Impuls überwiegt, auch wenn man nie wissen kann, was geschieht. Dass er als Friedenwangers Spion durch das Fu-Projekt geistert, lässt ihn kalt, so wie ihn das ganze Projekt stets nur am Rande berührt hat, als eines aus der Unzahl von Sandkastenspielen, in denen viele kleine Helfer im Geiste den Umbau der Gesellschaft simulieren, während er draußen, weitgehend unberührt von den Einfällen und Erkenntnisgewinnen der Modellierer, seinen Gang geht.
Die Zerstörung der Ehe
2
Eismond Europa (Jupiter), verzerrt: NASA / Jet Propulsion Lab-Caltech / SETI Institute - http://photojournal.jpl.nasa.gov/catalog/PIA19048Also described here: http://www.jpl.nasa.gov/news/news.php?release=2014-406, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36913012
  • ―Wir haben das erreicht, spricht Triphan, er ist froh, den Sandkastenspielen für ein paar Stunden entronnen zu sein. Ihm ist nicht nach Feiern zumute, eine neue Klasse von Entscheidungen drängt in sein Gesichtsfeld und er weiß nicht, ob er dafür gerüstet ist. Worauf warten wir noch, wird der eine oder andere Mund an seiner Wange in der nächsten Zeit flüstern, diese Mann-Frau-Maschine ist passé, der öffentliche Umbau einer Institution zieht viele private nach sich, fatal sind die Hoffnungen, die sich daran knüpfen und nun rigoros zerstört werden müssen, während andere in Erfüllung gehen, die so nie gehegt wurden. Scheiß drauf. Ein Kraftwort kommt selten allein. Falls doch, hat es sich verirrt oder es gibt einen Grund.
  • You need satisfaction, sagt der Minister, der ihn lächelnd betrachtet hat. We all need satisfaction. Ehemäßig bleibt’s bei den Frauen. Sei’s drum. Ich werde mich nicht mehr umstellen. Ihre Leidenschaft … kitzelt so, im übrigen lässt sie mich kalt. Sie haben mich immer gemocht, mancher wird sagen: umschwärmt, ihnen verdanke ich viel. Da werde ich jetzt nicht von der Stange gehen.
  • ―Wenn du das meinst, bleibe ich doch eher einseitig konstruiert. Was die Frauen angeht, naja … sie haben ein paar Fortschritte hingelegt, die sie im Wesentlichen uns verdanken, aber sonst? An der sklavischen Abhängigkeit von den Heteros scheinen sie nichts ändern zu können. Da hat ihnen Mutter Natur wohl einen Streich gespielt. Dieser verantwortungslose Wunsch, Kinder zu empfangen und in die Welt zu setzen, naja naja.
  • ―Warst du nicht selbst einmal eines? Die Stimme des Ministers glimmt, ein Streichholz im Dunkeln. Du hast mir doch mal so ein Foto gezeigt. Oder ist das jetzt eine falsche Erinnerung?
  • ―Das ist lange her, Boy, lass die Finger von meinen Erinnerungen, sonst möchte ich weinen. Andererseits: Ich könnte mir vorstellen, mit einem Partner ein Kind großzuziehen, schon um den Schlamassel meiner Kindheit wieder gutzumachen. Irgendwann, eines Tages… Es ist schön, seinesgleichen heiraten zu können, ich will dich da jetzt nicht unter Druck setzen, so ist das nicht gemeint, verlass dich drauf. Mein Kind ist noch nicht geboren. Gestern hat dieser unsägliche Strunzhart geschrieben, nach dem neuen Gesetz könnte er ja jetzt seinen Lampenschirm heiraten. Darauf muss einer erst kommen. Unsereiner scheint da draußen ja gewaltig im Kurs zu steigen.
  • ―Der hätte auch vorgestern einen geheiratet. Das einzige Wesen, mit dem er zurechtkommt. Eine Nachteule, gar nicht unsympathisch, kennst du ihn? Im übrigen hat er recht. Was soll daran falsch sein? Ich sehe nicht, was daran falsch sein könnte.
  • ―Bleibt die Sache mit dem Jawort. Oder habt ihr das auch abgeschafft?
  • ―Lass das mal unsere Sorge sein. Ich denke da an eine geeignete Technik … es soll bereits intelligente Lampenschirme geben, die ihre Durchlässigkeit den herrschenden Lichtverhältnissen anpassen. Da hätten wir doch schon eine Definition der Ehe.
  • ―Was die Lichtverhältnisse angeht…
  • ―Jetzt mal Butter bei die Fische…
  • ―Mehr Licht…
  • ―Mehr was?…
Die Zerstörung der Ehe
3
Eismond Europa (Jupiter), verzerrt: NASA / Jet Propulsion Lab-Caltech / SETI Institute - http://photojournal.jpl.nasa.gov/catalog/PIA19048Also described here: http://www.jpl.nasa.gov/news/news.php?release=2014-406, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36913012
  • ―Schläfst du?
  • ―Ich denke nach.
  • ―Wir haben einen anstrengenden Tag vor uns.
  • ―Wir haben die Ehe zerstört und die da draußen reden von Lampenschirmen. Was bedeutet das? Ein zweihundert Jahre währender Kampf ist zu Ende gegangen und sie merken es nicht einmal. Ich meine, da muss man doch auf Gedanken kommen.
  • ―Schon Scheiße, das Ehegefängnis für alle.
  • ―Ehejoch, wenn’s geht.
  • ―Wir haben die Frauen aus ihren Käfigen geholt…
  • ―Das waren wir?
  • ―Das waren wir… Weißt du noch? Der Kampf gegen die Versorgungsehe … von heute aus betrachtet … was war eigentlich so schlecht daran?
  • ―Eine fünfzigprozentige Steigerung des Arbeitskräftepotentials samt Kaufkraftvolumen, das konnte sich doch sehen lassen, oder nicht? So bringt man Volkswirtschaften zur Expansion, ganz ohne Krieg. Es war das größte Friedensprojekt aller Zeiten.
  • ―Bei schrumpfender Bevölkerung.
  • ―Das ist nicht wahr. Bis gestern stiegen die Zahlen noch.
  • ―Welche Zahlen? Du meinst die der Altenheim-Insassen?
  • ―Na und? Nichts gegen meine Mutter. Die Bevölkerung wird älter. Was soll daran schlecht sein? Außerdem macht es Einwanderung attraktiv.
  • ―Quod erat demonstrandum.
  • ―Noch immer eifersüchtig? Das ist jetzt aber lächerlich.
  • ―Ich hör mich mal um.
  • ―Das wirst du schön bleiben lassen.
  • ―Eine Drohung?
  • ―Warum nicht? Macht droht. Das ist ganz normal. Nimm das jetzt bitte nicht persönlich, ich meine, du kannst dir was wünschen, aber ob du es bekommst, entscheiden die Umstände. Und in diesem Fall sagen mir die Umstände, dass du schlechte Karten hast. Ich mach dir ein Angebot –
  • ―Hilf mir mal hoch. Ich habe da einen Krampf. Um Himmelswillen, hilf mir doch mal. So, ja, so. Vorsicht.
In der Vulvenkammer
1
  • ―Was willst du, tönt Elisabeth, rau tönt ihre Stimme, man hört ihr die Stunden nach Mitternacht an, die vergangenen und, bei gehöriger Übung, die noch ausstehenden, ihr Finger ertastet den Riss in der Strumpfhose, als könne er just an dieser Stelle magische Kräfte entwickeln, doch eigentlich handelt es sich um eine resignierte Bewegung, die nichts zufügen möchte, niemandem, nirgends. Währenddessen vermisst Stutenkeil, aus einer Erschöpfung in die andere wechselnd, an sich die gewohnte Brillanz, die ihn im Hörsaal auszeichnet. Das Gastsemester in Madison ist ergebnislos zu Ende gegangen, in unziemlicher Hast, wie er findet, das fällige Buch hat sich nicht einstellen wollen, die Ablenkungen, die guten alten, die schlechten neuen, diesmal hatten sie sich als zu mächtig erwiesen, das Riesenland wälzte sich in Erregung, es fieberte und halluzinierte, wie er es nicht für möglich gehalten hätte, als hab-, hab-, habe eine bösartige Krankheit von ihm Besitz ergriffen (abgedroschene Metapher, die allerabgedroschenste, aber hier ganz richtig am Platz, ganz … ganz recht), ich fiebere, was soll das jetzt, gerade j… Was wollen meine Hände, was wollen meine Hände an dieser, an diesem… Ich sollte es lassen. Ich sollte es einfach lassen. Kann sein, auch das hier ist Hall-, Halluzination, ganz sicher … ist es das, ist es das wie vieles andere, Idiot. Vieles in diesem Jahr ist Hallu…zination, sogar das Wetter, ›this never ending rain‹, du kommst nicht an ihn heran, nein, du kommst nicht an ihn heran, während er doch in dir niedergeht, ›never ending‹, ganz recht, wie eine dieser Schallplatten damals: Finde den Kratzer! Etwas blockiert dich, du kommst nicht weiter, auch drüben kamst du nicht weiter, diesmal nicht, die Freunde, sie kommen nicht weiter, auch ihre Platte hat einen Riss, die gewohnte Brillanz ist weggeblasen, gone by the wind, zurückgeworfen hat es sie auf die fünfziger Jahre, aber falsch. Falsche Fuffziger, als habe es Achtundsechzig nie gegeben. Der Patriotismus hat dir die Ernte verhagelt, gib’s zu, alter Trottel, kaum zurückgekehrt vergreifst du dich an einem Körper, der dir nichts sagt, der nichts abwirft, dessen düstere Präsenz dich bedrängt, den du morgen auf dem Campus höflich grüßen wirst oder auch nicht. Du vergreifst dich, ein in die Jahre gekommener Bildhauer, die Hände voll Lehm, den nackten Modellierwunsch in allen Fingerspitzen, dabei entsteht nichts, Unförmiges vielleicht, auch dafür wärest du dankbar, nein, nichts entsteht, das einzige im Entstehen Begriffene ist die Dämmerung, an der es nichts zu begreifen gibt, es sei denn das Unbegreifliche, dass einer sich zwischen den Stunden vergreift, zwischen Falsch und Falsch.
In der Vulvenkammer
2
  • ―Was willst du, tönt Elisabeth, die Worte fallen ins Dunkel, die meisten Dinge geschehen zwischen Haut und Haut, nur wie tief es eindringt, darüber gehen die Auffassungen auseinander. Wir häuten uns nicht, niemals, vielleicht ein Fehler, eine Fehlanordnung der Natur, ein Versuchstableau, aber ein sinnloses. Der Sinnlosigkeitsverdacht, soviel habe ich bei Leckebusch gelernt, ist nicht auszuräumen, er erledigt sich bloß immer wieder von selbst. Sinnlos, sich etwas vorzumachen, es geschieht nur dauernd. Ich weiß, dass dich dein amerikanischer Misserfolg quält, deshalb sind die anderen die Versager, das patriotische Fieber hat dich, wie du sagst, überrannt. Da bist du nicht der einzige… Dafür, dass jetzt alle hier Amerikaner sind, werden sie sich irgendwann rächen, rächen müssen, ganz recht, rächen müssen, das ist ausgemacht. Sie haben aber nicht die Macht dazu, sie werden sie niemals haben, also werden sie sich ins eigene Fleisch schneiden, bis das Blut nur so spritzt. Wenn du nicht weißt, warum du mir mir ins Bett steigst, nun, ich könnte es dir sagen: aus Rachsucht. Wir könnten ruhig offen reden wie früher, als wir uns nichts zu sagen haben, heute haben wir uns etwas zu sagen und schweigen uns an. Es geht mir so wie dir. Auch ich nehme Rache: an Leckebusch, wenn du so willst, an R, an Guido, selbst an Tronka, was pervers genug ist, also wer ist Leckebusch? Leckebusch ist ein Wurm. Er hockt über seinen Schätzen, er kann nichts damit anfangen, was du willst, weiß ich nicht, es ist so unendlich gleichgültig, so gleichgültig, du könntest das Universum sein, so gleichgültig bist du mir… Das Gleichgültige ist der letzte Reiz, jedenfalls bei mir, bei anderen das Verbrechen, das interessiert mich nicht. Vielleicht habe ich Leckebusch früher Unrecht getan, ich hatte ihn ganz vergessen. Seit ich ihn im Fernsehen schwatzen sehe wie die anderen, geht er mir nach. Wohin, könnte ich mich fragen, unterwegs wechsle ich ihn aus und nehme mir einen Stutenkeil, denn soweit … geht die Liebe nicht. Man lässt sich mit einem banalen Menschen ein und das Leben bekommt eine Färbung … eine Färbung … das geht nicht mehr weg. Man nimmt die anderen Kerle als Waschmittel, als Bleichmittel, sie bleichen auch kräftig, aber am Ende ist der Fleck wieder da. Dich stört das bisschen Patriotismus bei deinen amerikanischen Freunden, der naive Ernst, mit dem sie die Welt in Brand setzen, weil man ihnen den Brand ins Haus gesetzt hat. Das erinnert schon stark an das, was wir einmal waren, an all die brennenden Wünsche der Scham und unsere ersten Begegnungen. Also, was willst du? Ich will nicht unfair sein, aber du hast kein Feuer. An dir glimmt nur die Lunte und irgendwann gehst du in die Luft. Da muss ich nicht dabei sein. Stutenkeil – du bist mir lästig.
In der Vulvenkammer
3

Warum gibt es Langweiler? Da liegt das letzte Geheimnis, das Elisabeth noch, jedenfalls für den Augenblick, in ihrem Leben ergründen will. Wie sagt Amalia? Ein Langweiler ist ein Vergewaltiger, der sich nicht traut. Amalia kennt sich aus, aber in den falschen Ecken. Immer hat sie Recht und Unrecht, manchmal gleichzeitig, manchmal hintereinander. Ein Langweiler ist einer, der sich müht, in Betracht zu kommen. In dieser Hinsicht sind alle Langweiler. Wer in Betracht kommt und weiß es nicht, ist der größte. Stutenkeil würde sich trauen, ich merke es, man muss ihn führen, damit die Situation es nicht hergibt. Stutenkeil ist schamlos, er ist ein Plünderer, er plündert die Scham. Er könnte vor Scham vergehen, aber bevor das geschieht, wühlt er sich aus dem Psycho-Müll, der ihn bis zum Kragen anfüllt, hervor und bezichtigt den anderen des Verrats. Er ist drauf und dran, seine Hände zucken, ich seh’s im Dunkeln, er könnte mir an die Gurgel gehen, er wäre äußerst erschrocken, wenn er’s denn täte, er täte mir aufrichtig leid. Bloß das nicht! Stutenkeil du grober Keil, du tust mir leid. Du willst fein sein, du willst es ganz fein gestalten und weißt nicht wo anzufangen. Du fällst auseinander, sobald du dich konzentrierst. Du solltest dich weniger konzentrieren, aber das will dir nicht gelingen. Du willst, dass es dir gelingt, während du es nur seinen Gang gehen lassen müsstest. Gerade das kannst du nicht. Ich könnte es dir sagen, aber du willst nicht hören. Du willst nicht und du kannst nicht. Du willst Ein-, Ein-, Einstimmung, alles andere verletzt dich, wie du sagst, du sagst es ein wenig zu oft, ich verletze dich, in voller Absicht, wie denn sonst? Eine Art Geheimgang zur Einstimmung stellst du dir vor, irgendeine Technik, die du unbedingt beherrschen musst. Lustsüchtig bist du, aber nicht wie ich, nicht körperlich, dein Körper steht dir im Weg, du hast nur keinen anderen, deshalb benützt du ihn als Brecheisen. Vom Brecheisen zum Brechmittel … ist es nicht sehr weit, nicht sehr weit, die Wege, die wir auf diesem Felde gehen, haben die Tendenz, sich rasch zu verkürzen. Schau an, wir sind schon da. Aussteigen! Diese Fahrt endet hier.

In der Vulvenkammer
4

Elisabeth schreibt

Du schreibst das Wort ›Fleisch‹ und du streichst es durch: Fleisch. Warum? Weil du es nicht brauchst: Nein, heute nicht. Ich hatte es auf dem Zettel notiert, vorausschauend, wenn du willst, aber ich habe mich dagegen entschieden. Nein, das ist keine Grundsatzentscheidung, ich bin kein Fleischverächter, wenn du das meinst, aber ich habe meine Gründe. Ja, ich gebe zu, ich bin beeinflusst. ›Fleisch‹ gehört zu den Flimmerwörtern. Wer es hinschreibt, ohne sich etwas dabei zu denken, etwa so: Fleisch, der ist entweder unbedarft oder Metzger. Er gehört einfach nicht dazu. ›Mein Fleisch, dein Fleisch‹: Das ist eine andere Sache. ›Mein Fleisch und Blut‹: Davor graust dir doch, oder nicht? Was sagt die Genforschung dazu? Archaisches Denken, ganz recht, reduziert den Menschen aufs Biologische und noch dazu falsch. Nichts davon ist von dir. Sage zu einem Menschen: »Du bist Fleisch von meinem Fleische« und er veranlasst deine Einweisung in die Psychiatrie. Zu Recht.

A Star is Born
1

Du kannst die Gendersprache,
nein: gendergerechte Sprache zum Teufel wünschen (was will sie da?), wie das, zu aller Überraschung, Argloser tut, der, mit seinem akademischen Ruf spielend, sich an die Spitze des öffentlichen Unmuts gesetzt hat, aber eines musst du ihren Konstrukteur*innen lassen: Sie haben die bürgerliche Sprachkultur aufgemischt, wie es keinem Schriftsteller, gleich welchen Geschlechts, der letzten hundert Jahre gelang. Dabei gab es Sprachzerstörer erster Ordnung unter ihnen. Am Willen kann es folglich nicht gelegen sein, auch nicht an der Sparsamkeit der Mittel oder des Denkens. Es muss etwas anderes, schwer Fassbares mit im Spiel sein, Sex zum Beispiel oder, besser noch, verweigerter Sex, der stets wirkungsvoller in Erscheinung tritt als der erfüllte. So ein Asterisk trennt die Geschlechter wirkungsvoller als jede Hinrichtung, wo er sie doch zu verbinden scheint … kurz: er stört den Verkehr. Nichts anderes ist sein Zweck und er erfüllt ihn ausgezeichnet. In aller gebotenen Kürze erklärt er beiden Geschlechtern, dass nicht sie gemeint sind, dass sie niemals gemeint waren und, vor allem, nie wieder gemeint sein werden, vielmehr das dritte, unbekannte, sich erst in der Zukunft enthüllende, das sich zwischen ihnen auftut. Dem Dritten gegenüber befinden die Parteien, die sich bereits erklärt haben, von Grund auf sich im Nachteil: voreilig, übergriffig, nachlässig im Umgang, stets verständigt mit ihresgleichen, anmaßlich und voller Ressentiment glauben sie zu wissen, was sie erwartet. Nein, nicht ums Wissen ist es ihnen zu tun: ihre klebrige Sexualität drängt sich in den Hiatus zwischen den Menschen und füllt ihn aus – eine Gnadenlosigkeit ohnegleichen, nur vergleichbar der Bosheit dämonischer Mächte, wie sie das Christentum über zwei Jahrtausende bekämpfte, um sich ihnen am Ende nahezu willenlos auszuliefern. Die Dichter haben den Dritten nur interpretiert. Sie haben sich von der Sprache des Geschlechts blenden lassen und ihn als ewigen Konkurrenten, als Versucher in die Beziehung eingeführt. Heute wissen wir: Das war ein Fehler. Der Dritte, das ist der jeder Festlegung vorausliegende Horizont aller Geschlechtlichkeit. Ein unvermutet im Herzen des Universums aufflammender *Stern zeigt ihn an, er vermittelt ihn den einfältigen Menschennaturen, auf dass er nie mehr verloren gehe.

Damit, Fu, alter blecherner Fu, hast du nicht gerechnet.
Dein Projekt ist zerstört, kaum dass es sich rechnet.
Die Erfüllung ist größer als das Erfüllte, sie löscht es aus.
Löscht es aus.
A Star is Born
2

Die Historikerin schlägt die Peitsche, sie rührt sie sanft, sie entlockt ihr die wunderlichsten Töne, ein Rauschen geht durch den Sitzungsraum, kaum dass sie Platz genommen hat, ebenso unhörbar wie unüberhörbar, die passenden Sensoren vorausgesetzt, und welcher Mann hätte sie nicht? Die Kolleginnen spüren die Konkurrenz und nehmen sie als Zugang in ihren Reihen, sie sind, wie sie sagen, dankbar für jede Verstärkung, zugleich sonnen sie sich im Glanz der Ansprechbarkeit für gewisse … Dinge, ›rationale Argumente‹ zum Beispiel, denn Annabell Asche-Aigner, die Neue, setzt in puncto Zuständigkeit neue Maßstäbe, sie mischt überall mit. Gegen ihre Suada ist, wie das Kollegium nach und nach feststellen muss, nirgends ein Durchkommen. Wenn sie losgeht, dann wie eine Bombe, manchmal in Zeitlupe, dann wieder mit der unvermischten Wucht einer klassisch zu nennenden Detonation.

  • ―Der Antrag ist abgelehnt.
  • ―Das sehe ich nicht so.
  • ―Aber Frau Kollegin, wir haben abgestimmt.
  • ―Dann sollten wir noch einmal nachdenken. Dieser Antrag ist mir wichtig. Ich finde es eine unhaltbare Situation…
  • ―Ganz recht. Deshalb sollten wir…
  • ―Sollten wir nicht. Ich verlange eine erneute Diskussion. Sie können nicht mit einer einfachen Mehrheit vom Tisch wischen, was an anderen Universitäten längst Usus…
  • ―Also gut. Was schlagen Sie vor?
  • ―Dass wir uns erst einmal hinsetzen und alle gemeinsam nachdenken.

Da sitzen sie jetzt und denken nach: der dicke Blowasser, Agosch mit den gegelten Haaren, Argloser, sich in den Bart fassend, Dürrobst, Pfeifchen samt Pfeifenputzer vor sich hinhaltend, in der Bewegung erstarrt, Stutenkeil, den Blick abwesend auf die im milden Sonnenlicht verschwimmende Fensterfront gerichtet, Werferich, die etwas behäbig wirkende Juniorprofessorin, Sabine A., die gute A., die es endlich geschafft hat und nun darauf vertraut, dass der Name ihr einen der vorderen Plätze beim weiteren Fortkommen sichert, denn ihr Ehrgeiz reicht in höhere Sphären – seit sie hier sitzt, in inniger Feindschaft mit Agosch verbunden, der ähnlich denkt, ohne zu ahnen, dass einige seiner Kollegen, des Bajuwarischen mächtig, ihn unter dem Namen ›A Goschn‹ handeln und unter G rubrizieren, bei dem graumelierten Herr dort drüben handelt es sich, wie bekannt, um Friedenwanger, ihm zur Linken hält Kypras sich aufrecht, der es auch, endlich, geschafft hat, und damit beenden wir vorerst die Vorstellerei, denn in diesem Gremium geht es wie in tausend anderen seiner Art zur Sache und um nichts weiter.

Kypras übrigens: der einzige, der sich Asche-Aigners Redefluss unbekümmert entgegenstellt. Nein, er stürzt sich in ihn hinein, scheinbar ein guter Schwimmer, jedenfalls unerschrocken, doch man hat auch solche untergehen sehen.

  • ―Das meinen Sie doch nicht im Ernst, Kollegin!
  • ―Oh doch! Wie kommen Sie dazu, mir den Ernst –
  • ―Das hatte ich befürchtet.

Für solche Momente wurde das Amt des Dekans geschaffen.

  • Herr Kollege, Sie wollten damit doch nicht –

A Star is Born
3

Kypras fragt sich, wie er sagt – er sagt es wirklich unter Kollegen und darin liegt eine Sensation –, was an gendergerechter Sprache gerecht sein soll, wie der Begriff der Gerechtigkeit sich überhaupt in diese triste Region des menschlichen Geistes, wie er sich ausdrückt, verirren konnte. Kypras, der Grieche, steht nicht an, das Wort ›Geist‹ zu verwenden, die ideologischen Sperrriegel seiner deutschen Kollegen existieren für ihn nicht – »Wenn ihr zusammen mit dem Ungeist auch gleich den Geist loswerden wollt, bitte: Mind the gap!« –, er ist nicht der Mann fürs Feine, er klotzt: »Wer sagt, Geschlecht sei eine Rolle, der soll sich gefälligst auch daran halten. Das wäre ja eine tolle Aufführung, wenn auf der Bühne alle Rollen zugleich angesprochen werden müssten – aus ›Gerechtigkeit‹. Intrigant(e)*Naive(r): So schweig, DuSie, bevor die Sprach’ / Dein Leben mordet, weil sie Brettgang hat.«
Sprache ist weiblich*.

  • Herr Kollege, Sie wollen damit doch nicht –
  • ―Nein, will ich nicht.
  • ―Was wollen Sie dann?
  • ―Ihre Frage nicht beantworten, wenn es Ihnen recht ist.
  • ―Aus welchem Stück ist das überhaupt?

Er vermisst ihn sehr, den Geist, umso gieriger hält er sich an den Ungeist der Gegenwart.

  • ―Wer behauptet, Geschlecht sei eine soziale Rolle, der kann sich nicht nachher hinstellen und verlangen, dass sein Geschlecht alle Rollen bekommt. Das ist nicht gerecht, sondern lächerlich. Überdies heißt es, sich eine Blöße geben. Das ist eine Körper-Metapher. Der Körper spielt also mit bei alledem, so wie er auch auf der Bühne mitspielt. Auf der Bühne kann einer behaupten, er habe kein Hinterteil, und es gleichzeitig dem Publikum hinhalten: das nennt man einen Effekt. Nichts anderes erzielt, wer Gendergerechtigkeit verlangt. So, und jetzt will ich dieses Thema ad acta legen, denn dort gehört es hin.

Da hat er die Rechnung ohne Asche-Aigner gemacht.

  • ―Ich verlange, dass dieser Kerl Hausverbot bekommt.
  • ―Sie wissen schon, dass er unser Mann in Athen ist?
  • ―Ich höre ›Mann‹. Das reicht mir vollauf, um auf meiner Forderung zu bestehen.

Das geflügelte Wort »Ich höre ›Mann‹. Das reicht mir vollauf« umzittert sie, wo immer sie geht, steht oder sitzt. Es führt dazu, dass sie gewählt wird, wann immer es etwas zu wählen gibt. Schon schwebt sie hoch über der Kollegenschaft, ein Heißluftballon, aus dem immerfort Botschaften abgeworfen werden, von den untertänig(st)en Scardanellis der Fakultät gierig aufgegriffen und als Regieanweisungen missverstanden. Andererseits: Was ist eine Rolle gegen die Regie? Asche-Aigner wächst rascher in die Rolle der Regisseur*in hinein, als ihr Flügel sprießen. Auch die wurden hier und da schon gesichtet.

Selbst aufs Hier-und-Da ist nicht immer Verlass. Ganz wie aufs Selbst.

A Star is Born
4

Memo

Enteignet Aigner! So stand es lange an einer Hauswand, an der du vorbeikamst, sooft du den Weg zur Pyramide einschlugst. Die schmutzige Fassade gab das Geheimnis des Namens nicht preis, es standen auch andere Parolen darauf, doch diese stach weiß-auf-grau unter ihnen hervor: Enteignet Aigner! Was du nicht wusstest: Aigner, Herr Aigner, Produzent von Büromöbeln, der auch für die Bestuhlung der Pyramide verantwortlich zeichnet, jedenfalls in technischer Hinsicht, war vor Jahren Objekt einer Entführung gewesen. Asche-Aigner schweigt über diesen Punkt, er gehört zu den Familien-Pudenda, sie schweigt auch deshalb, weil sie ›davon ausgeht‹, dass in ihrer Umgebung jeder Bescheid weiß.

Woher weißt du das? Weil du sie beobachtest, seit du Bescheid weißt. Du siehst sie seither mit anderen Augen, das genügt, um in ihre Augen die Zuversicht einzupflanzen, dass du Bescheid weißt und diskret genug bist, nicht darüber zu reden, weil es ihr vielleicht peinlich wäre. Peinlich insofern, als der Mann seit dem Unfall sein Leben geändert und in Tagebuchform darüber öffentlich Auskunft gegeben hat. Aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, dass auch diese Ehe am Ende war und durch die Entführung eine zweite, vampirhafte Existenz erfuhr. Gewiss, auch Ehen machen Erfahrungen, die man ihnen als Unbeteiligter gern ersparen würde, sie gehen aus ihnen wundersam gestärkt – oder besser: gestrafft – hervor, es lohnt sich wirklich nicht mehr, sie jetzt abbrechen zu wollen, ohnehin würden sie jeden Abbruchversuch spielend überdauern, um in alle Ewigkeit fortzulaufen. Das muss verhindert werden, schon um der Hoffnung willen, sie möchten dereinst erlöschen wie eine der flackernden Kerzen im Märchen vom Gevatter Tod. Stattdessen fährt Asche-Aigner im Familien-SUV vor, den ihr Gatte seit jenen Tagen der erzwungenen Einkehr nicht mehr angerührt hat.

Auch dieses Gerät will entsühnt sein. Dafür eignet sich eine Karriere gut. Du stellst dir einen jeden Morgen ins Büro radelnden, diskret von Bodyguards beschatteten Aigner vor, der sein geläutertes Kapitalisten-Dasein ganz in den Dienst an dieser Karriere gestellt hat, du buchstabierst die Erleichterung in den gespannten Zügen des Mannes, der zu hohen Zielen unterwegs ist, und du verstehst die subtile Technik, mit der es ihm endlich gelang, sich seiner Frau zu entledigen, also gerade des Wesens, das Asche-Aigner mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft. Eine Ehe, in der beide Parteien aushäusig sind, gibt den Zusammenhalt, den es braucht, um ein alleiniges Leben zu führen, ein Leben als Ipsissimus oder -ma, ohne Wenn und Aber, ohne die Kämpfe der Intimität, in der sich gewöhnliche Mitmenschen so gern verbrauchen. Du verstehst: das Fluidum, das Asche-Aigner umgibt, entstammt jenem Geist-Ersatz, den begüterte Menschen aus ihren Unfällen ziehen wie andere Leute eine Behindertenrente.

A Star is Born
5

Warum die Reprise? Haben wir das nicht alles schon einmal gehört? Und nicht einmal: hunderte Male? So fragen sich viele, wenn sie den Ausführungen Asche-Aigners folgen. »Sie werden es noch öfter hören. Sooft Sie wollen. Und wenn Sie es nicht mehr hören wollen, wenn es Ihnen zu den Ohren heraushängt – dann erst recht!« Sie geht einen scharfen Trab, sie ist mit der Rektorin verbündet, sie möchte so schnell wie möglich den Coup wiederholen, der kürzlich einer befreundeten Kollegin an einer Universität im Ostteil des Landes gelang. Dort gilt seit zwei Semestern, unabhängig vom biologischen Geschlecht der so Titulierten, die Anrede ›Frau Professorin‹ als Standard: aus Gründen der ausgleichenden Gerechtigkeit und einigen anderen, die nicht so leicht über die Lippen gehen, aber ihren Anteil am Gedankenleben behaupten. »Ich habe nichts dagegen«, bekundet Langwasser, ohne abzuwarten, was seine hedonistischen Freunde in Frankfurt dazu anmerken werden – denn das werden sie ohne Zweifel –, die Mundwinkel zittern, so dass, wer ihn kennt, sogleich den Sarkasmus aufnimmt und Bescheid weiß: Natürlich hat er, gerade er etwas dagegen, und nicht nur ›etwas‹, sondern eine ganze Menge, in Wahrheit wirft er alles an die Front, was an Argumenten irgendwie laufen kann, bis hin zu der Überlegung, dass Asche-Aigner zusammen mit ihren Gesinnungsgenossinnen die Abschaffung der Frauen betreibe:

  • ―Wo jedermann Frau ist, hat sich doch nichts geändert. Nur die Frauen selbst sind verschwunden.

Asche-Aigner kann über diese müde Übung nur lächeln.

  • ―Seit wann so besorgt, Frau Kollegin?
  • ―Ich bitte die Frau Kollegin, ihrem Antrag nicht vorzugreifen und Fakten zu schaffen, wo noch Klärungsbedarf besteht. Ich behalte mir vor, sie zum gegebenen Zeitpunkt mit der Anrede ›Herr Kollege‹ zu konfrontieren.
  • ―Konfrontieren Sie ruhig. Das sind wir ja von Ihnen gewöhnt.

Sie kann den Tag nicht er warten, an dem »die Wahrheit weiblich« sein wird, wie sie sich ausdrückt, um sich damit vom neuerdings ebenfalls emeritierten, aber noch keineswegs zahnlosen Dürrobst die maliziöse Bemerkung einzufangen:

  • ―Ist sie das nicht?
  • ―Nein.
  • ―Ich wusste nicht, dass sie an eine Gehaltsklasse gebunden ist.

Letzteres murmelt er nur: ein zahnloser Greis.

A Star is Born
6

Dürrobst, jung, unverbraucht, statt des Pfeifchens ein Ho-Tschi-Minh-Sprüchlein zwischen den Lippen, untergehakt im rauen Chor der Genossen das Unmögliche fordernd, fühlt sich in der alt und rissig gewordenen Haut, als habe er sein Lebens an einem dekadenten chinesischen Kaiserhof zugebracht und irgendein undurchdringliches Zeremoniell führte in ihm Regie, während die mongolischen Krieger in hellen Scharen über die Mauern des Palastes springen, den kein unbefugtes menschliches Auge erblicken darf, und mitten in der tobenden Schlacht bereits mit dem Plündern und Vergewaltigen beginnen, als sei der Gegner für sie kaum mehr als Luft.

Ruhr-Professor erklärt Universität Gender-Krieg
Ausriss aus: AVZ-Kurier, 27.3.**

 

O-Ton Argloser: Pfui Teufel! Gut gemacht. Ihr kriegt noch mehr.

Warum Argloser? Die Antwort ist relativ einfach. Argloser war schon immer ein unsicherer Kandidat. Keiner weiß, welcher Zufall ihn in die Pyramide befördert hat: Er war schon immer da. Sobald das Institutsgedächtnis versagt, gilt das geflügelte Wort Das muss vor Argloser gewesen sein. Sein Faible für chaotisch verlaufende Prozesse macht vor dem eigenen Leben nicht Halt. Was hat einer wie er zu verlieren? Nichts. Argloser hat nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren, das hebt sich auf.
 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv

Mehr Luft!
1

Apropos Luft: Dann und wann kommt es vor, dass Dürrobst keine Luft mehr bekommt. Jedenfalls redet er so. Wozu braucht ein grau gewordener Panther wie Dürrobst Luft? Es scheint, er präpariert seine letzte Rolle: »Mehr Luft!« Leicht ist es nicht, ein Publikum dafür zu gewinnen, vor allem eines, das gewillt ist, die Botschaft weiterzutragen: Mehr Luft! Was bedeutet der Umstand, dass einem Kämpfer die Luft zum Atmen knapp wird, gegen die Überzeugung der Massen, toxische Gase zu atmen, wann immer sie Mund und Nase aufsperrt? ›Pollution‹ lautet das Stichwort, gegen das Dürrobst, von gelegentlichen Kabbeleien wie jener mit der geschätzten Kollegin Asche-Aigner einmal abgesehen, seinen letzten Kampf ficht. Ein Leben lang hat das Wort ihn begleitet, hat ihn gelehrt, die bürokratische Vokabel ›Luftschadstoffe‹ mit dem nötigen, stets ein klein wenig Abscheu enthaltenden Anstand in den Mund zu nehmen und abends griffbereit, vergleichbar einem künstlichen Gebiss, auf dem Nachttisch aufzubewahren, um es sich morgens wieder über den zahnlosen Kiefer ziehen zu können, und jetzt wendet es sich gegen ihn. Der neue Feind ist ebenso unsichtbar wie unumgänglich: CO2. Jeder stößt ihn aus, er, Dürrobst, sein neuer, etwas unangenehm wirkender Nachbar ebenso wie der letzte Seychellen-Urlauber – ganze Kontinente atmender Mitwesen, Christen und Heiden, selbst Buddhas sanfte Jüngerschar, das Leben … ganz recht, das Leben selbst, sofern es ihn nicht einfach – so wunderbar ist das Leben gemischt – verbraucht. Auf diese Weise vergeht sich jeder am Leben, sofern er seins lebt, nur die Pflanzen, sie machen es richtig und dafür essen wir sie ungerührt auf.

Alvano-Sabina-pipe
Mehr Luft!
2

Was geht einen Pädagogen die Kohlendioxid-Frage an? Die Pyramide verfügt, wie es heißt, über ein renommiertes Klima-Institut, dessen Leute in der Neumayer-Station ebenso ein- und ausgehen wie bei der NASA oder im Kanzleramt, wo ihre Expertise immer wieder für Turbulenzen sorgt. Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Klimaforschung kümmern ihn nicht. Er hat genug gesehen, um sich einen Reim darauf zu machen, wie Wissenschaft zu ihren Ergebnissen kommt, er lauscht auf die Obertöne, er beobachtet die Karrierewege, er liest die Zeitungen und gesteht: Sie haben’s drauf. Auch wenn er dem einen oder anderen Journalisten zutraut, das Spiel zu durchschauen – ansatzweise, sehr ansatzweise –, im Entscheidenden, das funkelt ihm aus jeder Seite entgegen, sind diese Herolde des öffentlichen Bewusstseins Wachs in den manipulativen Händen allzu ehrgeiziger Kollegen, deren politisches Bewusstsein, wie er sich ausdrückt, auf dem Niveau von Sechzehnjährigen siedelt, die sich nicht allzu sehr für Politik interessieren, da sie so furchtbar korrupt ist und es einfach nicht bringt, weil die Welt, die Menschheit, der Planet, das globale Geschehen Entscheidungen in ganz anderen Größenordnungen verlangt. Think global: das hört er von ihresgleichen, seit er und sie einträchtig nebeneinander in unterschiedliche Hörsäle trotteten, manchmal, seit einiger Zeit verstärkt, klingen die alten Stimmen in ihm nach, selbst die Gesichter, bleich, verwaschen, kommen wieder hoch. Und auch das wird nicht genügen: die Erde ist ein viel zu unwichtiger Punkt im Universum, um sich lange bei ihr aufzuhalten. Es lohnt einfach nicht. Den letzten Punkt, nimmt er an, hat mancher von ihnen still und heimlich inzwischen revidiert, nachdem sich peu à peu herausstellte, wie durchaus lukrativ es werden kann, so zu denken, wie sie es nun einmal gewöhnt sind. Dazu musste die Politik ins Spiel kommen, grüne Politik, nicht irgendeine, sondern die alles begrünende Euphorie politischer Bratenwender. Deren ungebremster Voluntarismus kann den Dialektiker in ihm noch immer zur Weißglut bringen.

Er ist ein Roter, die Grünen sind ihm zuwider.

Mehr Luft!
3

Als Experte für Massensteuerung durch Massenerregung wird Dürrobst blitzwach, sobald es im Medienwald klingelt. Das Klingeln in den Kassen der Konzerne hört er gleich mit. Friedenwanger, den alten Gegner, der ihn jetzt gelegentlich besucht, weil man ihm nach seinem Abschied von der Lehre kein eigenes Zimmer in der Pyramide zubilligte, zwingt er, das Ohr auf die Tischplatte zu legen:

  • ―Hören Sie’s?
  • ―Alter Freund, was soll ich hören?
  • ―Ich wusste es. Er hört immer noch nichts.

Aus Feindschaft ist Kumpanei geworden, wie sie es im Grunde immer schon war. So ist auch der gegenwärtige Klima-Dissens der beiden nicht mehr als ein schwaches Säuseln, in dem der frühere Donnerhall mitgehört werden muss. Friedenwanger, im Alter noch immer geschmeidig, hat sein Repertoire dem herrschenden Diskurs angepasst und hält gut bezahlte Vorträge vor Laien darüber, wie der Mensch seine Lebensbedingungen auf dem Planeten Erde zerstört, obenan durch besagtes CO2, das Klima- Gas, dessen chemischer Formel er sich vage aus seiner Schulzeit erinnert, er konzentriert sich auch mehr auf die kulturellen Folgen des an die Wand gemalten Debakels. Übrigens spürt er den Klimawandel bis in die Knochen. Was er über frühere Winter ›in unseren Breiten‹ zu erzählen weiß, siedelt gleich neben der Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein und wird vom Publikum mit derselben innigen Anteilnahme konsumiert. Mancherorts, so kolportiert man, soll es Tränen gegeben haben.

  • ―Aber das ist Unfug, Kollege. Der Wandel liegt unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des menschlichen Organismus.
  • ―Das behaupten Sie.

Dürrobst ist entsetzt. Er hat sich die Statistiken angesehen und weiß Bescheid. Von Friedenwanger auf den Status eines Behaupters zurückgeworfen zu werden, annihiliert seine Existenz als Wissenschaftler. Längst hat er das Gesetz der wachsenden Entfernung ausgegraben und seinen aktuellen Beobachtungen dienlich gemacht: Je weiter sich eine Disziplin von den ›harten‹ Klimafächern entfernt, desto überzeugter geben sich ihre Vertreter von den grundlegenden Annahmen der Klimaforscher, also jener globalen Truppe, die jedem aufkommenden Zweifel an der Welt-Unheilswährung Kohlendioxid mit harten Diskursschlägen entgegentritt. Wobei auch Dürrobst darüber Kenntnis besitzt, dass Sich-überzeugt-Geben und Überzeugtsein in der Wissenschaft wie in der Theologie auf verschiedenen Beeten gedeihen. Deshalb ärgert ihn ja Friedenwanger so sehr. Die perfekt sitzende Maske traut er ihm nicht zu und die Naivität nimmt er ihm nicht ab.

Mehr Luft!
4

Fossil Dürrobst gesteht: mit dieser Front hat er nicht gerechnet. Sie ist die härteste und er wird den Einsatz an ihr nicht überleben. Er hat diesen Krieg nicht gewollt, er kann auch nicht behaupten, er sei ihm aufgezwungen worden, aus freiem Willen stürzt er sich ins Getümmel, wissend, dass er damit alte Freundschaften pulverisiert und sich im Grunde nur Feindschaften einhandelt, die zu kontrollieren über seine Kraft gehen wird, aber eines weiß er mit Sicherheit: den Kampf ist er sich schuldig. Wenn er etwas beherrscht, dann das Lesen von Statistiken, von objektiven Verlaufskurven und projektiven Aussagen, es ist sein Ein und Alles, er hat Generationen von Studenten bis aufs Blut damit gequält und denkt nicht daran, der Welt, die es offenbar nötig hat, diese Lektion zu ersparen. Es macht ihm nichts aus, als ›Wir‹ schuldig zu sein, im Gegenteil, die Schuldfrage zieht sich als roter Faden durch seine Lehrbücher, gern würde er in den überdimensionierten Chor derer einstimmen, die ›kein Problem‹ mit der Annahme haben, dass sich der Mensch zum Störfall der Natur entwickelt hat und, jedenfalls auf dem Sektor ungebremster Bedürfnisse, teilentsorgt gehört – kein Problem, aber: beim Atmen hört der Spaß auf. Warum beim Atmen? Weil er ahnt, schmeckt, riecht, dass hier ein neuer Feind in die Welt gesetzt wurde, dessen Verfolger vor keiner Verfolgungstat zurückschrecken werden, so wie sie bisher jedesmal bis zum Äußersten gingen, bis zum Brudermord, Vater-, Mutter-, Schwestern- und Kindsmord inklusive. Außerdem weiß er natürlich, denn Psychologie gehört zu den Grundvoraussetzungen seines Fachs, dass, wer das Atmen mit Schuldphantasien infiziert, den ganzen Organismus – und damit den Menschen – irreparabel beschädigt. Schuldphantasien aber, das ist dem Pädagogen aus statistisch geronnener Erfahrung geläufig, treten unausweichlich auf den Plan, sobald der Stoff, den jeder Einzelne mit jedem Atemzug in die Umwelt entlässt, als Umweltgift entlarvt und der Kampf an allen Fronten gegen ihn zur universellen Pflicht erklärt wird.

Dürrobst gibt ein Interview.

Dürrobst, Dürrobst folgend

Der Schein des Unfriedens gebiert den Unfrieden des Scheins

Wissen wir, worüber wir sprechen? Wissen wir, worüber wir schweigen?
1

Die neue Rektorin verändert alles. Du meinst sie zu kennen – früher, in einem anderen Leben, habt ihr Seite an Seite gearbeitet. Was dein Urteilsvernögen angeht, so glaubst du dich auf der sicheren Seite. Plötzlich fühlst du schwankenden Boden unter den Füßen. Ein Zwang, der tiefer geht als alle Vernunft, lässt dein Urteil … tanzen, so sagt man doch, ein Kork auf den Wellen – so sagt man doch. Woher kommt so ein Bild, passend, wie gegriffen, ganz recht, gegriffen zur rechten Zeit, doch nicht du bist der Greifende, dieses Bild greift nach dir, es greift auf dich … über, ja gewiss, so kann man es sagen. Manche Bilder graben Stollen im Untergrund, sie haben einen langen Weg hinter sich und plötzlich schütteln sie dich. Warum plötzlich? Was daran ist das Plötzliche? Was ist das … Plötzliche? Das Plötzliche ist das Unbeherrschte. Wirkt sie unbeherrscht? Keineswegs. Bist du’s? Woher dieser Gedanke? Du musst all deine Beherrschung zusammennehmen, das ist richtig, jedenfalls zu gewissen Zeiten, in gewissen Momenten, das ist wahr, aber ebenso wahr ist, dass es dir keine Mühe macht, es ist dir unwillkürlich dich zu beherrschen, das Unwillkürliche, so scheint es, nimmt im Quadrat der Herausforderung zu.

Falls du noch keine Medikamente genommen hast: jetzt wäre der geeignete Zeitpunkt.

Wissen wir, worüber wir sprechen? Wissen wir, worüber wir schweigen?
2

Diese Person zwingt dich zur Selbstbeherrschung. Ist das gut, ist das schlecht? Es ist, wie so vieles, gegeben, nichts weiter, ein Stück Existenz, mit dem du rechnen musst, um es zu gestalten, glücklicherweise stehen im Alltag nicht viele Begegnungen an. Eigentlich gleitet sie an dir vorbei, als existiertest du nicht. Mach dir nichts vor, es liegt nicht an dir. Sie ist aufmerksam, äußerst aufmerksam, so sehr, dass nichts und niemand ihrem Blick zu entgehen scheint, aber: auf selbstbezügliche Weise. Das ist es. Sie ist ganz und gar selbstbezüglich, selbstreferenziell, etwas fehlt ihr, ja sicher. Sie nimmt nicht teil. Stimmt das? Nein. Wenn sie teilnimmt, dann an allem und nichts. Aber wenn das so ist, ist sie dann nicht … die ideale Vorgesetzte? Rohrwasser scheint so zu denken, die ganze Gilde der jungen Kollegen, Nassen liegt ihr zu Füßen, er verehrt sie abgöttisch. Jedenfalls scheint es so oder er hat sich in die Ergebenheitsfalle gestürzt. Der freie Mann, der er eben noch war, hat sich aufgelöst, er ist verschwunden, keiner weiß zu sagen wohin. Heute ist er ein Paladin. Was ist ein Paladin? Ein Wächter ihrer Magnifizenz, ihrer Majestät, um die erste der von ihr vollzogenen Konversionen zu benennen: Magnifizenz zu Majestät – diese Person beherrscht die Zauberformeln wie einst Harry Potter, ihr literarischer Liebling, und zögert keine Sekunde, sie zu gebrauchen. Fehlt nur der Schlag mit dem Fächer. Aber den braucht sie nicht. Er wäre zu … direkt.

Wissen wir, worüber wir sprechen? Wissen wir, worüber wir schweigen?
3

Sei nicht dürftig. Dieser Fisch, aus dem Wasser gezogen, zum Vermessen aufgehängt, scheinbar aufgehängt an einer imaginären Waage, doch wenn man genauer hinschaut, kommt der Faden, an dem er hängt, aus einer Region jenseits des Bildraums herunter, also aus einer im Wortsinn unermesslichen Höhe. Er verschwindet im Maul des Fisches, als sei er schon immer darin verschwunden. Die Waage … was an diesem Gerät wäre geeignet, eine Fast-Person wie diesen Fisch – einen Stör vielleicht – zu wiegen? Was wird da gewogen? Zu leicht befunden? Aber vielleicht handelt es sich um keine Waage? Wo nichts gewogen wird, da ist eine Waage überflüssig, ja fehl am Platze. Diese hier … ein schlankes stählernes Instrument mit dem Charme einer Schublehre, dem Fisch zur Seite gestellt, als gehe es darum, das volle Maß seiner Unvermessenheit anzuzeigen, wirkt überzeugender als jede denkbare Funktion. Ihre Pleuel und Zahnräder, ihre Transmissionsriemen und Ausgleichsgewichte, ihre Kurbeln, Gelenke, Bügel und Muffen scheinen geheime Aufträge auszuführen, deren gemeinsamer Horizont im Geheimnisvollen verdämmert. Tatsächlich, als hätte der Künstler dergleichen geahnt und in einem Anfall von Besorgnis für den Fall, surrealer Machinationen verdächtigt zu werden, Vorsorge getroffen, lässt er den Faden, den feinen Fischfaden, auf dieser Seite des Bildes aus seinem Jenseits zurückkommen und, straff gespannt, auf eine Spule treffen, eine aus der Klasse der Spindelartigen, die suggeriert, hier werde irgendetwas gemessen, Druck oder Zug, wer weiß das schon genau. Vielleicht wäre es richtig zu sagen, hier werde Gewicht gesponnen, doch auch dieser Gedanke verläuft sich im Ungefähren. Schade, der Künstler hatte den Wurf gewissermaßen in der Hand und zerstört ihn durch Kleinlichkeit. Und siehe, gerade dadurch hält er der Gesellschaft den Spiegel vor, den guten alten Spiegel, in den keiner hineinschauen mag, weil alle wissen, was sie darin erwartet.

Wissen wir, worüber wir sprechen? Wissen wir, worüber wir schweigen?
4

Die Vermessung des Mannes geschieht im Morgengrauen. Wenn der Tag beginnt, gilt jede seiner Handlungen als vermessen, das heißt, sie gilt nicht, denn Geltung, männliche Geltung, bedarf des freien Horizonts und dieser hier bleibt verhangen. Kein Frauengericht trat zusammen, um die Entmachtung des Mannes zu verfügen. Allenfalls tagt es in Permanenz und die Vielzahl an Urteilen, die aus seinen Verhandlungen den Weg in die Öffentlichkeit finden, lässt keine rechtlich gesicherte Vollstreckung zu. Andererseits tagt es, wie einst das Reichskammergericht zu Wetzlar, bereits zu lange, als dass sein Urteil ergebenst erwartet würde, geschweige denn mit Spannung, weshalb alle denkbaren Urteile im Volk kursieren, als seien sie bereits wirklich erlassen und eine feste Basis für alles Kommende. In Wahrheit herrscht Faustrecht im Lande, das Recht des Stärkeren, und stärker ist, wer sich ins Fäustchen lacht, während die Schwachen sich prügeln.

Fühlst du dich vermessen?

Das Gefühl, vermessen zu sein, gleicht dem Faden, nicht dem seidenen, der allzu leicht reißt, nicht der Seidenschnur, die chinesische Herrscher einst ihren in Ungnade gefallenen Lieblingen sandten, vielmehr jenem von ungefähr durch einen sinnreich im Kiemen verankerten Haken gestrafften, in einer nicht einzusehenden Höhe verschwindenden Faden der Fischerin Minerva, la grande Déesse, die außerhalb des Bildwerkes ihr Werk verrichtet. So ist es: Sie verrichtet ihr Werk. Inwieweit es ihr Werk ist, darüber gehen die Ansichten auseinander, weit auseinander, ohne den Hauch einer Chance, im heiteren Rätselraten wieder zusammenzukommen. Denn diese Diskussion darf nicht geführt werden, sie wäre – Ohren zu! – sexistisch. Dann wäre auch die Vermessung des Mannes sexistisch? Aber gewiss doch, es klingen die Ohren, es klappern die Sporen, zu den radikalen Asymmetrien des Lebens im Gender-Bann gehört, dass er, als sorgfältig angelegter und mit Bedacht gewarteter Regelkreis, den Vorwurf nur in einer Richtung passieren lässt.

Wozu die Apparatur?

Die Apparatur dient dazu, dir ins Gesicht zu lügen. Sei eine Sekunde lang nicht diskret und die Wahrheit des Satzes leuchtet dir unmittelbar ein. Die Apparatur besitzt keine Funktion, jedenfalls nicht die von ihr simulierte. Ein Simulacrum ist sie, ein Götzenbild. Nichts anderes und nichts weiter. Anders als suggeriert steht es auf keinem festen Grund. Es schwebt. Selbstverständlich schwebt es – im Bildraum, wo sonst? Wo sonst? Auch sie hängt an einem Faden, nicht dem des Fisch-Manns, wie suggeriert, schon gar nicht wiegt sie ihn oder wiegt sie ihn auf – wie suggeriert –, wohl aber am Schnürchen mit Sorgfalt gestreuter Anmutungen, und zwar ausschließlich, nicht ›irgendwie auch‹ und ›ein bisschen vielleicht‹, wie der leicht befriedigte Augenschein gern zu Protokoll gibt. Ja, es gibt einen Augenpakt, der den Verstand plättet, er liegt nicht im Bild, sondern in den Beziehungen, die es spinnt, es selbst ist nur der Augenverdreher und dazu braucht es nicht viel. Was liegt an Bildern? Viel. Nirgendwo gilt der Satz ›Masse ist Macht‹ mehr als hier. Wer immer Bilder nachschiebt, beherrscht die Denkfunktionen, ohne sie beherrschen zu müssen. Von Bildern erschlagen – heißt es nicht so?

Nimm dir eines vor und es richtet dich wieder auf.

 

Dürrobst ist unzufrieden

Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
1

Das Interview hat sich nicht so entwickelt, wie er sich das vorgestellt hatte. Ja, es ist ihm entglitten. Ein selbstgefälliger Journalist hat ihn übertölpelt: ein Ausrutscher, keine Frage. Früher hätten die Kollegen gefeixt, diesmal umgibt ihn eisiges Schweigen. Selbst Ruffmann, der auswärtige, huschte eben im Foyer emissions- und geräuschfrei an ihm vorbei, gleich hinter Teuschner, der notorischen Null. Als elitärer Bewohner der Pyramide achtet Dürrobst bei seinen spärlichen Auftritten in der Öffentlichkeit peinlich genau auf Fachgrenzen – in der Regel. Dürrobst zählt zu den Großen der Zunft (jedenfalls zählt er sich dazu), es schickt sich nicht, in den Vorgärten anderer Disziplinen zu wildern. Es untergräbt die notwendige Distanz. Ob eine physikalische Theorie in Fachkreisen als alternativlos gehandelt wird, geht, streng genommen, den Pädagogen nichts an – wohl aber, wie sie gelehrt wird. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Es wurmt ihn, wie hier ein bloßes Modell gelehrt, vor allem aber, Lehre hin, Lehre her, wie es allerorten lanciert wird: überheblich, unduldsam, eine Kapuzinerpredigt, die mit den Schrecken des Jüngsten Gerichts hausieren geht. So jedenfalls will es ihm scheinen und nein, er steht, wenngleich auf verlorenem Posten, mit dieser Wahrnehmung nicht allein. So ihr nicht Buße tut, werdet ihr den Planeten zerstören. Redet Wissenschaft so mit ihrer Kundschaft? Worin denn sollte die Buße bestehen? Nichts leichter als das: darin, den Anweisungen der Wissenschaft Folge zu leisten. Ein Weltklimaziel ist vor allem ein Ziel, ein Weltziel, drunter macht sie es nun einmal nicht. Aber Wissenschaft gibt keine Anweisungen. Sie kann keine geben, ohne dass sie aufhörte, eine zu sein. Wissenschaft beobachtet, stellt Hypothesen auf, ihre approbierten Verfahren heißen Beweis und Widerlegung … Seminarweisheit, bis zum Überdruss wiederholt, so dass er irgendwann anfing, Schabernack mit ihr zu treiben: heute muss er sie sich selbst ins Gedächtnis rufen, immer und immer wieder, um dem Sog standzuhalten. »Wissenschaft, es wäre besser, Sie merkten es sich gleich jetzt, ist … stets auf dem Sprung nach einem neuen Beweis oder einer neuen Theorie, die den erkundeten Sachverhalt in ein anderes Licht tauchen und neue Perspektiven eröffnen, theoretische, praktische … technologische … letztere überlässt sie mit Freuden den fleißigen Entwicklern in ihren Labors. Wie wir alle vermuten, besteht deren Aufgabe in der Übertragung abstrakter Hypothesen auf das Reich des Machbaren, vulgo Technik: Mal sehen, ob’s funktioniert. Haben Sie das notiert? Nichts, merken Sie sich das für Ihren Alltag als Lehrende, nichts ist so fließend wie eine Theorie, selbst die unumstößlichsten unter ihnen offenbaren, sobald die Zeit reif ist, überraschende Defizite und stehen danach anders da. Aber, werden Sie vielleicht einwenden, wenn es doch funktioniert? Ist das kein Beweis? Gewiss, das ist ein Beweis. Fragt sich nur wofür. Ein Grund dafür, dass etwas funktioniert, findet sich immer. Daneben haben wir Bereiche, in denen ist so ein Beweis einfach nicht zu führen, obwohl sie als ausgesprochen praxisrelevant gelten.« Diese Klimaforschung … ist sie überhaupt eine Disziplin? Sicher, unter dem Dach der Pyramide existiert ein Fach namens Klimatologie…

Doch Dürrobst weiß, wer alles sich mittlerweile als Klimaforscher versteht, darunter etliche Pädagogen, ihm schwillt der Kamm, wenn er in ihren Aufsätzen blättert. Sie bleiben Vermittlungsspezialisten, auch wenn sie sich in die Aura von Wissenden kleiden, dabei sind sie nur Überzeugte. Was hat sie überzeugt? Wer hat sie überzeugt?

Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
2

  • ―Da fragen Sie, lacht Tronka, er lacht ihm mitten ins Gesicht, was Dürrobst als ungehörig empfindet, wissen Sie, was es heißt, sich als Wattforscher durchs Leben zu schlagen? Nein, ich sehe es an Ihrem Gesicht, Sie wissen es nicht. Als Wattforscher sind Sie ein ganz kleines Licht. Und, was erschwerend hinzukommt: Sie haben Lebenslänglich. Sie sitzen irgendwo in der Provinz, dort, wo sie am flachsten ist, praktisch schon hinterm Deich, und kommen nicht weg. Wenn dann der Herrgott Ihnen ein Licht aufsteckt, sowas soll ja vorkommen, dann gehen Sie ab wie eine Rakete. Versuchen Sie so einen zu bremsen, versuchen Sie’s nur! Sie werden scheitern. Und jetzt stellen Sie sich die vielen kleinen Fachkollegen draußen im Lande vor, ich will ja Ihrem Fach nicht zu nahe treten, das gilt schließlich für alle Fächer, aber die gefährdetsten sind natürlich diejenigen, die … sagen wir … im Wahrnehmungsschatten der Öffentlichkeit dümpeln, stellen sie sich so jemanden vor, dem im Zuge seiner Recherchen plötzlich der Messias begegnet. Ja, er begegnet ihm wirklich. Er verfügt über eine Lehre, er besitzt eine Überzeugung, er brennt. Die Fähigkeit Proselyten zu machen hat er bereits unter Beweis gestellt, ein Kranz von Jüngern hat sich um ihn geschart… Was haben Sie denn?

Nichts hat Dürrobst, was sollte er haben? Er mag Tronka nicht, er hat diesen Typ nicht gemocht, seit er das erste Mal den Fuß über die Schwelle der Pyramide setzte. Auch wenn er es nie zugeben würde: rein physisch ist ihm Tronka zuwider – das ist die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Er stellt sich die Füße des anderen vor – ein probates Mittel, seinen Reden zu trotzen – und er ist sich sicher, dass er Schweißfüße besitzt, bleiche, von bläulichen Kapillargefäßen gefärbte Watschelfüße, obwohl er Tronka nie hat watscheln sehen, aber in diesem Fall ist die Anmutung stärker als alle Wahrnehmung.

  • ―Watt sagten Sie… murmelt er und verstummt.

Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
3

Tronkas Beziehung zum Schwachsinn – ein weites Feld, ein zu weites vielleicht … du solltest darauf zurückkommen, betrachte dies als Merkzeichen.
Tronka, der ein Lied davon zu singen weiß, wie Ablehnung schmeckt, rein physisch, der darüber zum Spezialisten für alles geworden ist, was in der Luft liegt, stellt sich Dürrobst Abneigung gegenüber taub, er hat mit ihr nichts zu schaffen. Warum sich anziehen, was in keiner Beziehung zum eigenen Inneren steht? Dort ist Dürrobst ein Wicht, ein Pfeifenmännlein, ein Niemand, ein langsam erkaltendes Relikt aus einer Geistes-Epoche, die er als ›Herrschaft des akademischen Schwachsinns‹ zu den Akten gelegt hat und an die er nicht mehr zu rühren gedenkt. Auf dieser Grundlage empfindet er fast so etwas wie Sympathie für ihn, vermutlich, weil Dürrobst sich zum ersten Mal in seinem Leben gegen etwas gestellt hat, das mächtiger ist als er und ihn, sofern er nicht aufpasst, wie eine Mücke zerquetschen wird.

Dürrobst, der gegen die Empfindung des Alters angeht, indem er es zelebriert, als handle es sich um ein besonders prestigeträchtiges Pfeifenkraut, ist taub gegen Tronkas überragende Intelligenz. Nichts hat sich daran während all der Jahre geändert, die sie sich nunmehr kennen. Es hätte sich auch nichts ändern können, da diese Taubheit nicht speziell gegen Tronka geht und auf Uninformiertheit beruht, sondern darauf, dass er nie gelernt hat, die Zeichen der Intelligenz zu lesen. Für den Pädagogik-Dozenten ist Tronka eine bizarre Gestalt aus der Mottenkiste des ›Ancien regime‹: ein Passepartout für alles, was vor den Schlüsselereignissen seiner akademischen Anfänge Anspruch auf Rang und Namen erhob (wenn man davon absieht, dass er sich heute noch an denen abarbeitet, die damit Erfolg hatten).

Dahinter steckt eine private, nie ausgearbeitete, aber im Bewusstsein außerordentlich rege Typologie: in seiner Sturm- und Drangperiode hätte Dürrobst einen wie Tronka als ›reaktionären Wichser‹ bezeichnet, ungeachtet der Tatsache, dass Tronka jahrelang, eigener Auskunft zufolge, radikal-egalitären Parolen anhing und Dürrobst in all den Jahren nichts, rein gar nichts über seine sexuellen Aktivitäten zu Ohren gekommen ist. Der ›reaktionäre Wichser‹ vereinigt in sich die bourgeoise Eigenschaft der Verklemmtheit (und damit der Anfälligkeit für Neurosen aller Art) mit der supponierten Überheblichkeit einer Klasse, die immer und überall Bescheid zu wissen beansprucht, nicht zuletzt über die heiklen begrifflich-moralischen Grundlagen der ›Revolte‹ – die übliche Skala eben. Zwar ist der Ausdruck aus den ›Diskursen‹ verschwunden, aber das Feindbild hat sich eingebrannt und steht jederzeit zum Abruf bereit: ›rein physiognomisch‹, wie Kärich jetzt sagen würde. Zwischen Kärich und Tronka, diesen einander so ähnlichen Charakteren, waltet in Dürrobsts Pandämonium ein dunkler, nicht zu klärender Unterschied und er würde keine Bedenken tragen, sich immer und überall auf Kärichs Seite zu schlagen. Doch diesmal ist Kärich nicht gefragt.

Rein beruflich benötigt Dürrobst das Gefühl, sich unter seinesgleichen zu bewegen – nur dann gelingt es ihm, die großen Differenzen aufzumachen und damit zu punkten. Einer wie Tronka zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Zumindest, so sein Argwohn, versucht er es, und Dürrobst, wie jeder gestandene Seemann, reagiert darauf breitbeinig: er vergrößert die von ihm eingenommene Standfläche.

Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
4
In ihm arbeitet es. Und wie!
  • ―Sie leugnen den Treibhauseffekt nicht?
  • ―Ich? Wie kommen Sie denn darauf. Es gibt Physiker, die ihn leugnen. Bin ich Physiker?

Nein, er ist kein Physiker. Was dann? Pädagoge? Geschenkt. Informierter Zeitgenosse? Soll heißen: abgefüllt mit heißer Luft? Auf diesen Titel kann er gerne verzichten. Wissenschaft ist ein Heißluftballon. Wer keine heiße Luft produziert, der bleibt unten. Er ›versucht, den Kollegen ein Stückweit zu folgen.‹ So kann man es sagen und es folgt daraus: nichts. Kein Außenstehender kann dem Kampf der Argumente vorgreifen, als fände sich die Lösung in seiner eigenen Tasche. Gern würde Dürrobst Schiedsrichter spielen und bei Foulspiel abpfeifen, aber er weiß, dass auch diese Rolle nicht zu vergeben ist, es sei denn, einer nimmt sie sich und stürmt mit dem Ball davon. Wissenschaft hat immer mehrere Bälle im Spiel. Der Verlust eines einzelnen kümmert sie nicht. Das wissen auch die Spezialisten für heiße Luft, die nur aufsteigen wollen, egal wohin – im Himmel der Aufschneider und Schwadroneure sind immer noch Plätze frei. Je mehr sich dort drängeln, desto mehr finden Platz. Das liegt daran, dass man sie nur aufblitzen sieht, sonst nichts… Diese Figur, wer war das? Sind die Ergebnisse neu? Sind sie valide? Wurden sie bereits widerlegt? Besitzen sie den Stellenwert, den der da für sie beansprucht? ›Der da‹ ist eine Frau: da wird das Urteil schwierig, denn es ist mehrfach gezinkt. Hat sie geforscht? Oder ist sie ein Sprachrohr? Sie schieben Frauen nach vorn, um ihre Ergebnisse unangreifbar zu machen. Funktioniert das? Im Angesicht der Medien: ja. Hintenherum geht alles seinen Gang, solange die Gelder fließen.

Es soll Länder geben, da halten Industrielle und Spekulanten sich Forschungsteams wie andere Leute Fußballmannschaften. Dann tritt das ›Team Newtrich‹ gegen das ›Team Eriwan‹ an: Mal sehen, wer gewinnt. Wer wird schon gewinnen? Wer die meiste Kohle einsetzt, aber man kann sich täuschen. Ein falscher Einkauf und die Saison ist gelaufen. Auch die Pyramide ist keineswegs sakrosankt. Der milde Blick der Regierung ist unerlässlich. Fließen die Mittel, fließen die Ergebnisse. Wer einsetzt, bekommt heraus. Wer, auf der anderen Seite der Schranke, aufbricht, die Welt zu verändern, lernt rasch die Abgesandten der Götter kennen, die ihre Geschicke lenken (oder er tappt lebenslänglich im Dunkeln).

Bei sich, ganz bei sich, ohne störenden Interviewer und Tronkas
magische Einflüsterung, hat Dürrobst freie Bahn
Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
5
  • ―Lassen wir die Winde Winde sein und den natürlichen Treibhauseffekt seine Wirkung tun. Treibhauseffekte gibt es, wie bekannt, nicht nur in der Natur und der ihr in Treue fest ergebenen Klimawissenschaft, sondern auch in den menschengemachten Klimaten der Hysterie und der Ideologieproduktion, in denen eine ebenso treu ergebene Dienerschaft tagtäglich Wissen zu Klicks und Phrasen verarbeitet, um daraus Profit und Macht zu generieren, gelegentlich auch Macht und Profit, je nach Windrichtung und -stärke, denn den reinen Übergang von Wissen und Wissenschaft in Zukunftsplanung und Politik, den gibt es nicht, den kann und darf es nicht geben, weil wissenschaftliche Aussagen wesentlich schwerer wiegen (und zu knacken sind) als publizistische Verlautbarungen, daher, angesichts ihres äußerst geringen Anteils am Gesamtvolumen menschlicher Rede, unweigerlich zu Boden sinken würden, kämen ihnen nicht die Winde zur Hilfe, so dass sie zirkulieren müssen, Betonung auf ›müssen‹, denn um den ihnen zugehörigen Platz im Universum des menschlichen Denkens einzunehmen und, sagen wir, feste Strukturen auszubilden, Verknöcherungen, Korallenbänke oder dergleichen, fehlt ihnen – Sie werden lachen – der Grund. Warum Grund, werden Sie fragen, haben wir nicht den Boden der Tatsachen? Hat Wissenschaft nicht Grund genug, sich an die Tatsachen zu halten? An nichts als die Tatsachen, um die alte Bekräftigungsformel zu bemühen? Liegt darin nicht sogar ihre Begründung? Bevor ich antworte, sollte ich Sie auf die Hohlheit der Phrasen aufmerksam machen, die Sie da über mich ausgeleert haben, es klang, als seien Sie einem Grundkursus für fact checkers entsprungen: Sitzen Sie ein, sitzen Sie ein! Die Winde, von denen ich rede, berühren sich nicht mit der Welt der Fakten, an keiner Stelle, es sei denn, man betrachtet Macht und Geld in ihrer unlösbaren Verbundenheit als das factum brutum, was in diesem Fall keinen rechten Sinn ergibt, weil das Duo mit jeder Art von Aussage blendend zurechtkommt – vielleicht auch nicht, darüber müsste einmal Rechenschaft abgelegt werden. Eine Tatsache, wissen Sie, eine Tatsache – Sie merken, wie es um die Mundwinkel zuckt –, eine Tat-Sache, in der Tat, es bedarf der Tat, des wissenschaftlichen Täterätä, um an die Sache zu kommen, aber das ist immer noch nur die Hälfte der Wahrheit, es bedarf auch der gemeinsamen Sache, um Taten zu … wissen Sie, wir benutzen dafür das schöne Kunstwort ›generieren‹, man will schließlich etwas herausbekommen, der eine wie der andere, vielleicht auch der Dritte, der Geldgeber, ganz gewiss will er, dass etwas herauskommt, vielleicht auch nichts, auch das kann im entschiedenen Willen dessen liegen, der da gibt, jedenfalls erweist sich, wie überall im Leben, Motivation als der entscheidende Faktor, und der motivierende Faktor im Leben des modernen Wissenschaftlers ist nun einmal der Ehrgeiz, es weit zu bringen oder wenigstens dabei zu sein, ja, sie wollen dabei sein, sie wollen nicht abseits stehen müssen, das wäre das Schlimmste. Also bohren Sie ein Loch in die wunderschöne Welt der Wissenschaft! Schaffen Sie ein Abseits, einen leise von diesem Loch ausgehenden Sog, und Sie können zusehen, wie alle sich ängstlich am entgegengesetzten Ende drängen, ganz als gäbe es dort etwas umsonst, was definitiv nicht der Fall ist, die Nieten pushen das Fach in die als angesagt geltende Richtung, die Breite des Raumes aber, die Mitte, in der am meisten zu holen wäre, weil dort die verschiedensten Motive zusammentreffen, Forschungsmotive, gewiss, aber es gibt auch andere, – sie präsentiert sich mit einem Mal als verdünnte Zone, von ein paar Mutigen durchquert, die sich mehr mit dem Misstrauen ihrer Zunftgenossen herumschlagen müssen als mit ihren berühmten Forschungsfragen und deshalb weit länger brauchen und weniger Ergebnisse einfahren, als es unter normalen Umständen der Fall sein müsste. Sie verstehen? Nein? Bahnhof? Auch gut. Das war’s, was ich Ihnen … und tschüss!
Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
6

Ist es mutig, so zu denken? Es ist ein wenig … redundant, denn wenn alle so denken, wie er es ihnen unterstellt, dann liegt es bereits in jedermanns Gedanken und er kann sich seine Ausführungen auch schenken. Tronka, der Hassmund, spuckt es ihm ins Gesicht:

  • ―So tief hängen die Trauben nicht, Kollege Dürrobst, ein bisschen mehr strecken muss man sich in unserem Beruf schon.

In unserem Beruf? Wovon redet der Mann? Nichts anderes hat die Philosophie, seit es sie gibt, getan: bewusst machen, die Blindheit der Prozesse durchkreuzen, an allererster Stelle der Denkprozesse, darüber mag man streiten, darüber muss gestritten werden, aber es kann nun einmal kein Zweifel darüber bestehen… Worüber? Es kann nun einmal kein Zweifel darüber bestehen, dass unser Denken nicht autonom ist, dass es gesteuert wird, die moderne Gehirnforschung hat das ihre dazu beigetragen, dass keiner hinter diese Einsicht zurückkann, aber was ist Forschung nun einmal, wenn nicht Denken, angewandtes Denken, gewiss, aber eben doch Denken, nimm die Gedanken heraus und… Was daran soll unterbestimmt sein, Herr Kollege? Sagen Sie’s mir. Nein, sagen Sie’s nicht. Nein, reden wir nicht mehr darüber. Ich kann mich über die Angepassten nicht echauffieren, wenn ich weiß, dass Anpassung das allgemeine Gesetz ist und alle das wissen. Muss ich sie deshalb leugnen? Das wäre widersinnig.

Ein Loch in der Wissenschaft … wie komme ich auf dieses Bild? Hat es jemand hineingebohrt? Der große Unbekannte? Das Kapital? Die Macht? Nur ein Bild … gewiss. First things first. Die Freiheit der Wissenschaft geht allem vor. Also reicht es, die Wissenschaft zu reglementieren, die fetten Forschungsaufträge zu monopolisieren, die Wertigkeiten zu verschieben, die Lehrstühle an den Einsatz von Drittmitteln zu knebeln, dabei die Gehälter ein wenig zu senken oder, bleiben wir vorsichtig, auf der allgemeinen Skala der Einkommen nach unten zu korrigieren, und schon sehen wir andere Gesichter auftauchen, Menschen, denen man ein paar Jahre früher jede wissenschaftliche Motiviation abgesprochen hätte, was ja auch stimmt, nein, was stimmen würde, handelte es sich immer noch um dieselbe Wissenschaft. Das gerade, das … steht doch in Frage. Ein paar Minister treffen sich, sagen wir, in Siena, es könnte aber auch Nizza oder Palermo oder Bologna sein, klangvolle Namen, und sie machen Politik in den Wolken, indem sie beschließen, die Wissenschaft ihrer Länder zu bündeln … zu bündeln, darin liegt der Trick, darin liegt der Sündenfall, wollt ihr die totale Wissenschaft, nein? Ein bisschen krass formuliert, aber im Grunde –

Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern
7

Davon weiß Tronka nichts. In Tronkas Universum ist der Wissenschaftsbetrieb korrupt und die Wissenschaft sakrosankt. Wie er das hinbekommt, weiß nur er. Doch er weiß es von Grund auf. Vergessen Sie’s, würde er Dürrobst die Leviten lesen, wüsste er, was sich in dessen Gemüt zusammenbraut, diese Klimaleute sind ausgebuffte Naturwissenschaftler, die ihr Handwerk verstehen, da bekommen Sie keinen Stich. Was juckt Sie das Klima? Genießen Sie Ihre Pension, genießen Sie Ihre Reputation, die eine oder andere Tagung werden Sie doch noch beehren. Es soll ja wärmer werden hierzulande, stört Sie der Gedanke? Warum eigentlich? Ich denke, im Alter hat man’s gern warm. Ja wirklich, lassen Sie die Erregungen an sich abtropfen, wer stört sich an öffentlichen Erregungen? Die Klimasteuer kommt oder nicht, man kann schließlich auch den Genuss von Rindfleisch besteuern, wäre Ihnen das angenehmer?

Tronka glaubt nicht an die Apokalypse. In diesem Genre arbeiten andere, seine Expertise ist da nicht gefragt.

  • ―Wissen Sie eigentlich, wie viele Zeitgenossen Tag für Tag den Weltuntergang bis ins kleinste Detail auspinseln, fragt er Pw, der ihm in diesen Angelegenheiten nicht von der Seite weicht. Die beiden telefonieren in diesen Wochen fast täglich.
  • ―Gut, das sind Spinner. Aber seriöse Wissenschaft –? ätzt Pw mit scheinempörter Stimme zurück.
  • ―Wo wollen Sie die Grenze da ziehen? Das interessiert mich jetzt aufrichtig.

Da staunt Pw.

  • ―Aber Sie selbst haben doch –
  • Was sollte ich? Da haben Sie etwas gründlich missverstanden.
  • ―Also jetzt mal Butter bei die Fische. Falls ich Sie recht verstanden habe, hat es keinen Zweck, die Klimaforschung in Frage zu stellen, weil nur sie die relevanten Fragen kennt und beantworten kann. Im consensus omnium der führenden Forscher spiegelt sich also nichts weiter als der Stand der Forschung. Liege ich da richtig?
  • ―Bis jetzt: ja. Aber passen Sie auf.
  • ―Ich hoffe, ich habe aufgepasst.
  • ―Da bin ich dann mal gespannt.

DAS BLAUE BUCH

Berichte   Studien   Interviews   Archiv   Wir   Datenhinweis

Warnung an alle Ideologen, die Luft zu besteuern

von Prof. Dr. Günter Dürrobst

DBB: Sie sind Erziehungswissenschaftler. Was weiß Ihr Fach über CO2?
DÜRROBST: Was alle wissen. Kohlendioxid ist ein natürliches, geruch- und farbloses Gas – CO2 –, bestehend aus einem Kohlenstoff- und zwei Sauerstoffatomen. Sein gegenwärtiger Anteil an der Atmosphäre beträgt circa vierhundert ppm, also nullkommanullnullvier Prozent.
DBB: Das klingt fast wie ein Vorwurf. Sind Sie Klimaleugner?
DÜRROBST: Sehen Sie, genau das leugne ich.
DBB: Sie erkennen also an, dass der Mensch ein CO2-Problem hat?
DÜRROBST: Der genaue Anteil des antropogenen, also von Menschen erzeugten CO2 an der atmosphärischen Konzentration ist unbekannt. Das ist ein CO2-Problem.
DBB: Aber es gibt doch Schätzungen.
DÜRROBST: Die Schätzungen liegen zwischen einskommazwei und vier Prozent des atmosphärischen CO2-Gesamtvolumens.
DBB: Worin liegt das Problem?
DÜRROBST: Erst einmal darin, dass niemand so genau weiß, wieviel davon in der Atmosphäre verbleibt.
DBB: Warum erscheint Ihnen das so wichtig?
DÜRROBST: Sie machen mir Spaß. Auf welcher Basis reden wir? Von welchen Fakten reden wir? Worüber spekulieren wir? Welche Unsicherheiten nehmen wir in Kauf? In welchen Bandbreiten bewegen wir uns? Welche Effekte addieren sich, multiplizieren sich, heben sich gegenseitig auf? Sind alle in Betracht kommenden Wirkungen untersucht? Alle Wechselwirkungen? Überall? Bis zu welcher Höhe? Mit welchen Mitteln? Welche Messeffekte sind zu bedenken? Was bewirken sie? Was messen wir? Wo messen wir? Sind wir auf der richtigen Spur? Wie viele Klimamodelle sind denkbar? Wie viele wurden bisher entworfen, verworfen, sauber durchdacht, mit den nötigen Daten gefüttert? Was daran ist Design? Was heißt es theoretisch, wenn man mehrere zur Verfügung hat und mit dem Durchschnitt weiterrechnet?
DBB: Wissen Sie’s?
DÜRROBST: Nein. Wissen Sie’s? Aber Ihre Zeitschrift weiß es. Deshalb sitzen Sie hier. Nein, ich weiß es nicht. Ich weiß jedoch: Damit Forschung in Gang kommt, braucht man Geld, sehr viel Geld, da kann es durchaus vorkommen, dass man erst einmal Alarm schlägt und dann untersucht, was an der Sache dran ist. Das geschieht alle Tage und es ist ganz normal.
DBB: Um aufs CO2 zurückzukommen…
DÜRROBST: Etwas ist sicher: Mensch und Tier atmen es aus, Böden und Meere lagern es ein und Pflanzen verwenden es im Rahmen der Photosynthese, um Kohlenhydrate zu erzeugen, die wiederum eifrig von Mensch und Tier einverleibt werden, um als Organismen zu überleben … siehe oben. Die Lösung des CO2-Problems, wie Sie sich ausdrücken, heißt durchatmen.
DBB: Die Wissenschaft sieht das anders.
DÜRROBST: Wissen Sie, mit wieviel Augen die Wissenschaft sieht? Glauben Sie, die sehen alle dasselbe? Und selbst wenn alle dasselbe sähen, glauben Sie, sie würden es auf dieselbe Weise interpretieren? Dann verstehen Sie nichts von Wissenschaft. Meine Augen mögen alt geworden sein, aber noch gehören sie dazu.
DBB: Was sehen Sie?
DÜRROBST: Was ich sehe? Ach wissen Sie… Kohlendioxid, von Puristen Kohlenstoffdioxid genannt, ist einfach ein Bestandteil der Luft, die wir ein- und ausatmen. Wir können das Atmen auch lassen, dann ist es immer noch da.
DBB: Bestreitet das jemand?
DÜRROBST: Es ist ein Teil des Lebenszyklus, jedenfalls auf chemischer Ebene. Jeder, der, auf den Spuren einiger Witzbolde wandelnd, es als giftige Schwaden aus den Kaminen auffahren und als gewaltige, über die Erde gelagerte Schmutzwolke das reine, saubere und patentiert klimaneutrale Sonnenlicht verdunkeln sieht, sollte das wissen.
DBB: Wollen Sie provozieren?
DÜRROBST: Ich fühle mich provoziert.
DBB: Durch wen?
DÜRROBST: Menschen, Fakten, praktisch durch alles. Das Spurengas CO2 ist anderthalb mal so schwer wie Luft, damit wesentlich schwerer als Stickstoff und Sauerstoff, aus denen sie hauptsächlich besteht. Was folgt daraus? Sagen Sie’s mir!
DBB: Sagen Sie’s mir.
DÜRROBST: Daraus folgt, dass es sich in Bodennähe sammelt, jedenfalls sammeln würde, wäre die Luft, nun ja, ein ruhendes System.
DBB: Was sie nicht ist.
DÜRROBST: Was sie nicht ist. Ich lese Ihnen jetzt mal was vor. »Es ist wie überall in der Atmosphäre: die Winde reißen es mit, sie tranportieren es überallhin, in die Höhe, in die Weite, im Prinzip verteilen sie es über die gesamte Erdkugel. Luft ist überall Luft, darauf können Sie wetten. Wenn Sie warten wollen, bis sie sich irgendwo entmischt: Bitte sehr! Da steht der Gartenstuhl. Das Warten wird Ihnen nichts nützen, alles verwirbelt sich immer und überall, Sie können irgendwo CO2 in die Luft blasen, dann finden Sie da eine kurzfristig erhöhte Konzentration, aber im Ganzen gleicht es sich aus…« Das sagt einer der von Ihnen geschätzten Gurus, aber es ist, sagen wir, eine falsche Fährte. Ich gebe Ihnen einen Tipp. Führen Sie sich einmal eine Weltkarte zu, auf der die verschiedenen CO2-Konzentrationen verzeichnet sind. Sie werden sich wundern. Übrigens: die höchsten Konzentrationen erwarten Sie nicht in Nord-, sondern in Südeuropa, rund um das Kaspische Meer und über dem Atlantik, wenn wir den Westen Nordamerikas einmal etwas vernachlässigen. Fragen Sie mich nicht, warum. Physikalisch mag das alles trivial sein, aber ich finde es überaus bemerkenswert. Ich bin kein Physiker, mich fasziniert die Wissbarkeit der Welt. Fragen Sie mal ihre Kollegen. Die meisten glauben doch, das Zeug sammle sich irgendwo im oberen Luftraum, am besten weltweit, und schirme dort die Atmosphäre ab, so dass nicht genug Wärme in den Weltraum entweichen kann. Wie gesagt, manche fangen schon an es zu sehen. Es ist nicht zu fassen. Die Winde sind’s. Wohin tragen sie das Zeug? Wie hoch tragen sie das Zeug? Was geschieht dort oben? Ich weiß es nicht. Wissen Sie’s? Sagen Sie’s mir.
DBB: Sie lieben die Flaute?
DÜRROBST: Ich? Nein. Ich persönlich habe immer gewollt, dass es hoch hergeht. Das können Sie mir glauben.
DBB: Sie warnen vor der CO2-Steuer?
DÜRROBST: Sehen Sie, da kommen wir auf den Punkt. Diese Sache ist ganz und gar nicht trivial. Wenn Sie auf tausend Leute zwanzig Personen bekommen, erfahrungsgemäß überwiegend junge Leute, die glauben, sie müssten sich beim Atmen einschränken, um ihr Kohlendioxid-Budget nicht überzustrapazieren, und rechnen die Zahl auf die Bevölkerung dieses Landes oder Europas hoch, dann laufen wir mit Sicherheit in ein gewaltiges Problem. Denn diese Leute werden körperliche Schwierigkeiten bekommen, davon können Sie ausgehen. Dann müssen noch achtzehn von diesen zwanzig Schuldkomplexe entwickeln, weil sie es nicht schaffen sich einzuschränken und daher fürchten, an der Erde oder an der Schöpfung schuldig zu werden, und Sie finden, praktisch über Nacht, eine ganz andere Bevölkerung vor. Das wird dann bis ins Politische reichen. Die Rede von der Klimakirche ist ja kein leerer Wahn, die Warnung ist vollkommen berechtigt.
DBB: Was fürchten Sie?
DÜRROBST: Zunächst einmal fürchte ich um die Gesundheit der Leute, rein physisch, dann aber natürlich auch um ihre geistige Gesundheit und um die der Gesellschaft, in einem solchen Fall lässt sich das gar nicht trennen.
DBB: Was schlagen Sie vor?
DÜRROBST: Was ich vorschlage? Die Politik soll die Finger vom Klima lassen. Das ist eine Nummer zu groß für sie.
DBB: Forschen Sie noch oder genießen Sie Ihren Ruhestand?

 

Anmerkung: Das Rektorat der Pyramide legt Wert auf die Feststellung, dass Prof. a.D. Dürrobst in diesem Gespräch nicht die wissenschaftlichen Auffassungen der Pyramide vertritt. Es handelt sich vielmehr um eine Privatmeinung, die in keinem Zusammenhang mit den Forschungen der mit diesen Fragen seit Jahren befassten Kollegen steht.

ARCHIVKOPIE AUF ANFRAGE
Quelle: http://dbb_dbb/dasblauebuch/***.htm

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv

CO2 concentrations. High CO2 concentrations of ~385 ppm are in red, low CO2, about ~360 ppm, is blue. 2011. NASA/Goddard Space Flight Center [Public domain]

 

Die Blauen, die Gelben und die Roten: CO2-Konzentrationen weltweit

In: Dürrobst, Sphärialien. Tagebuch eines Unzufriedenen

Quelle: NASA/Goddard Space Flight Center [Public domain]
 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv

 

Die Blauen, die Gelben und die Roten: CO2-Konzentrationen weltweit

In: Dürrobst, Sphärialien. Tagebuch eines Unzufriedenen

Quelle: NASA/Goddard Space Flight Center [Public domain]
 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv

tres in unum

 

Kakokratie I
Aus drei mach eins

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie II
Cancan populiste

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie III
Die Große Transformation

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie IV
The Keen’s 2 Bodies (Quotokratie)

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie V
Zusammen kommen, zusammen schlagen

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie VI
Opfermedium mit Medienopfer

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie VII
Sprich, damit ich dich fasse

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie VIII
Die Zartheit der Lemminge

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie IX
Zweierlei Macht, selbeinander fixierend

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie X
Identity is my name

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie XI
Save the Planet

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie XII
In(Ex)klusion durch Ex(In)klusion

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

tres in unum

 

Kakokratie XIII
Raus hier!

 

Medien
der Pyramide Digitales Archiv Dokumentationen Projekte

 

Aus dem Umbauarchiv
Die Zartheit der Lemminge

 

Wohin steuern wir? Was, wenn wir nicht steuerten?
Was dann?

Wegenaers Heimkehr
1

Wenn es stimmt, dass durch die Art, wie einer seinen Beruf angeht, die Welt seiner Herkunft schimmert, also im einfachsten Fall der Beruf des Vaters oder der Mutter, im komplizierteren eine bäuerliche oder handwerkliche Geschlechterlinie, dann liegt es zum Beispiel nahe, im verschlagenen Begutachtungswesen des Philosophen Leckebusch eine Kleinhändlertradition am Werk zu sehen, am besten im Obst- und Gemüsesektor, bei dem es darauf ankommt, ununterbrochen die Frische der Ware zu prüfen und rechtzeitig auszusondern, was den Ansprüchen der Kundschaft bereits in ein paar Stunden nicht mehr genügen würde. Was das Verfahren des Kunsthistorikers Wegenaer angeht, so könnte die Verpackungsindustrie Pate gestanden haben. Keiner faltet seine Objekte so zielsicher zusammen, bis sie den geringsten erdenklichen Raum einnehmen, und keiner entfaltet sie auf dieser Grundlage zu solcher Pracht wie gerade er – eine Fähigkeit, die auf Kunst-Synoden genauso hoch im Kurs steht wie auf kunsthistorischen Tagungen, weshalb er allgemein als Meister aller Klassen durchgeht, hochspezialisiert, von einer randscharfen Aura umgeben, die, würde ihm eines Tages einfallen, sich einer Grenzüberschreitung schuldig zu machen, ihn auf der Stelle als blasse, am Ende sogar nichtige Person dastehen ließe. Vorerst steht das nicht zu befürchten. Das Maschinchen schnurrt und liefert dem Betrieb gerade soviel Input, dass sich immer die gleiche Reputationsmenge im Raum erhält.

Wegenaers Heimkehr
2

Ihren idealen Gegenstand fand Wegenaers Kunst der Entfaltung in der Brillo Box des geschätzten Kollegen Warhol. Der Wahrheit zuliebe muss gesagt werden, dass er, eher beiläufig, bei den Vorbereitungen zu einer der zeitweise beliebten Veranstaltungen zum Warenwert der Kunst über sie stolperte und er sie nicht, wie erwartet, dazu benützte, um Warenwert und wahren Wert der Kunst forciert ineins zu setzen, um daraus die zu dieser Zeit üblichen Paradoxien abzuleiten. Wegenaer fand einen klügeren Zugang: Wenn, so der einfache, aber schlagende Gedanke, eine mit Markenangaben und Werbesprüchen bedeckte Pappschachtel Kunst sein kann, dann bloß deshalb, weil alle Kunst in diesem idealen Behälter Platz findet, und zwar so, dass der Karton, und zwar er allein, von ihr übrigbleibt, weil nur er nachprüfbar von ihrer nie eingelösten Funktion kündet. Das Unvorhersehbare trat ein. Allein das Wörtchen ›nachprüfbar‹ riss das Gros der Kollegen zu einem selten dagewesenen Begeisterungstaumel hin. Manch einer biss sich auf die Lippen, dass nicht er auf diesen so naheliegenden Gedanken verfallen war. Ein paar Spezialisten der älteren Kunstgeschichte hielten dagegen, doch ohne jede Aussicht auf Erfolg. Mit einem Zauberschlag war die Brillo Box zur Prüfbox aller bisherigen Kunst aufgestiegen, in dem letztere auf Nimmerwiedersehen verschwand wie, unter Führung des kundigen Rattenfängers, die Kinder von Hameln im Berge. Der Einfall, ›die gesamte bisherige Kunstgeschichte‹ ins unbestimmte Dunkel der Brillo Box zu bannen, entpuppte sich als Wegenaers persönlicher ›Evergreen‹: wo immer er auftritt, sind die Leute enttäuscht, wenn er ihn nicht, wenigstens als Zugabe, zum Besten gibt.

Exit
Tabula