Der Schmerz
Tra­ves­tie I • II • III
1

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Du bist das Kind nicht, das du weg­ge­nom­men.
Du bist das Kind nicht, das dir aus­ge­kom­men.
Du bist das Kind nicht, das du in dir trägst
und das kein Kind ist.
Du bist das nicht, was in dir steckt
und jetzt her­aus­will, eine Nach­ge­burt.
Du bist das nicht, was du hier denkst und schreibst,
und wenns dein Leben gilt, warum dann deins?
Der sich her­aus­nahm aus dem Spiel, er wars,
der deins fi­xier­te über lange Zeit.
Die Zeit, die um ist, steht dir jetzt bevor
als das, was war und sein wird, ohne Zorn und Angst.
Du bist der Bote nicht, du bist der Bote.

Tra­ves­tie I • II • III
2

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Rei­sen­de soll man nicht auf­hal­ten, heißt es, die­sen hätte ich gern ein wenig be­schäf­tigt, teils, um ihn fest­zu­hal­ten, teils, um ihn auf­zu­hel­len, denn hell schien er mir, als ich ihn kann­te, und Schat­ten lagen auf ihm, als er mich nicht mehr er­kann­te.

Mehr als ein Rei­sen­der schien er mir an­fangs, als ich ihn wusch, eine erste Hand­rei­chung, der an­de­re folg­ten. Spä­ter, in­mit­ten der Schre­cken, schlug mich der Blick und das Ver­trau­en, das mir über­all folg­te.

Ja, ich habe mein Leben früh an sei­nes ge­bun­den, das jetzt nicht mehr ist, aus­ge­löscht von einem Durst nach Er­wa­chen, der das Gefäß zer­brach, als es da­nach ver­lang­te, ge­füllt zu wer­den.

War es so schwach? War die Hand so stark, die es brach? Wenn sie das konn­te, warum nicht, was ein­fa­cher, wenn auch schwie­ri­ger ist: sich bei­zei­ten ent­zie­hen, nicht zur Un­zeit, für immer.

Wo blieb der Kopf? Ein blin­der Hoch­mut, auf­ge­zäumt vom Ge­schlecht, leicht ge­lenkt, die bil­li­ge Les­art aus­ge­bil­det zur teu­ren, schwer zu durch­drin­gen und schwer auf die noch jun­gen Schul­tern drü­ckend – mehr nicht?

Schuld? Nein. Doch wenn es Schuld gibt, dann, dass ich einst nach­gab, dass ich zu Wil­len war der chao­ti­schen Kraft, die ihn gebar, um ihn zu zer­stö­ren.

Tra­ves­tie I • II • III
3

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Wenn ich, der Mör­der mei­nes Sohns, kein Ende find,
dann weil, ich, Kind, den An­fang nicht
und nicht die Mitte fand, die mit dem An­fang
pak­tiert, als seis der ihre, Heuch­le­rin.
Den Faden nicht, das Band zwar, doch den Faden,
den nicht. Die Strip­pen zogen andre. Jetzt
laufe ich umher im kal­ten Regen
und finde dich im An­satz eines Na­ckens
an jeder Stra­ßen­ecke. Je­des­mal,
wenn du dich um­drehst, dreht ein an­de­rer sich
aus dir her­aus, das kann­te ich schon län­ger.
Hab ich dich um­ge­bracht, so wars,
weil ich dir hel­fen woll­te zu be­ste­hen.
War ich der Hel­fer nur, so würd ichs un­ge­sche­hen
gleich ma­chen, hier, im Auf­stehn, wüss­te ich,
wo es ge­schah und wann. Aber ich weiß nichts.
Weiß nichts. Nur dass ich über­flüs­sig war am Ende,
das sitzt in mir und will nicht mehr her­aus.
Es will nicht mehr her­aus. Die Krän­kung,
wenn du sie wünsch­test, sie ist dir ge­lun­gen.
War es nicht so ge­dacht, so trifft es tie­fer.

Ist über­flüs­sig, wer ein Leben schützt,
das erst sich formt? Der es be­wahrt
vor der Ge­bä­re­rin, das ei­ge­ne
so darum stellt, dass es dar­über reißt?
Ist über­flüs­sig, wer dir Frei­heit gab
dich zu ent­schei­den, als er sel­ber ging
und dich zu­rück­ließ, weil du es so woll­test?
Ist über­flüs­sig, wer dir sagte, jetzt
bist du am Zug, es ist dein Leben, lass es dir
nicht steh­len oder bie­gen, lebe es?

Das ist ein Über­fluss, von dem mir träum­te.
Ich tat an dir, was an mir kei­ner tat.
Es war das Fal­sche und ich war es mit.
Jetzt bin ich kei­ner und du bist die Tat.
Wie schön von dir. Dar­über soll­ten
wir uns aus­spre­chen, wenn du magst, wie öfter,
dass du nicht moch­test, war dabei be­schlos­sen.
Das trifft sich gut, dass du jetzt tot bist, da
kommt kein Ter­min mehr, den du plat­zen lässt.
Auch ist nicht län­ger nötig, Ab­wehr dem
zu zei­gen, der ent­ge­gen­kam. Es ist nicht nötig, wie
der ganze Rest, den du in einen Arm
nahmst, um ihn fal­len­las­send zu ver­ges­sen.
Dass der Ver­gess­li­che ver­ges­sen woll­te,
das merke ich, als wär es mein Ver­ges­sen,
das sich nicht ein­stellt. Un­ver­ges­sen also
bleibt der Ver­gess­li­che. Un­ver­ges­sen auch,
wer sonst im Spiel. Doch doch,
es will her­aus, was nicht her­aus­will, aber an­ders.
Wer dir das Leben gab, er war dein Mör­der.
Das ist der Gang der Dinge. Kei­ner will
das sehen. Eher geht, wer weiß, als zu­zu­se­hen, wie
es sich voll­zieht. Der Schmerz, er löst
sich nicht. Man muss be­wah­ren, was
nicht zu be­wah­ren ist, was schon ver­schwand.

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