HIERO
DIE KONKURRENTEN
PANIK
Die ei­ge­ne Haut
 
Hiero: Figur 1
Prä­am­bel

Über­gangs­los: ein er­staun­li­ches Wort, es schafft Über­gän­ge, so­fort. Sie er­in­nern sich? Nein, Sie er­in­nern sich nicht. Nun … wir wol­len nicht be­haup­ten, dass wir Ab­hil­fe schaf­fen kön­nen. Ab­hil­fe, was könn­te das sein? Aber wir haben es jetzt, im­mer­hin, be­reits ge­schafft, die­ses ›wir‹ zu eta­blie­ren, eine Schlie­re im Text, wenn Sie so wol­len, etwas, das leicht in der Ein­bil­dung zur Schlin­ge wird, denn von einem wirk­li­chen Wir ist weit und breit nichts zu sehen, je­den­falls vor­erst... So oder ähn­lich schrieb man zu der Zeit, über die zu be­rich­ten ich mich an­schi­cke, ob­wohl es mir lie­ber wäre, ich schrie­be mich aus ihr her­aus, ganz und gar aus ihr her­aus, aber wie soll das gehen? ›Ich werde es nicht schaf­fen, aber ich will es ver­su­chen.‹ Das ist eine viel­fach ge­brauch­te For­mel, die auf­grund ge­wis­ser le­bens­the­ra­peu­ti­scher Er­fah­run­gen, so­wohl ei­ge­ner wie frem­der, mürbe ge­wor­den zu sein scheint. Geht man ihnen nach, dann ent­deckt man, dass die frem­den oft ge­naue­ren Auf­schluss ver­spre­chen. Wer in den ei­ge­nen Er­fah­run­gen wühlt, wird schnell auf­ge­wühlt und ist be­reits ge­blen­det. Die­ser Ef­fekt ent­fällt, so­bald man aus dem In­ne­ren einer an­de­ren Per­son her­aus denkt, fühlt, redet, be­rich­tet. Man weiß, was man nicht weiß, und diese pa­ra­so­kra­ti­sche Volte schafft Raum in der Zeit, die an­sons­ten dicht wie ein Nes­sus­ge­wand an­liegt. Man hat etwas er­lebt, etwas wurde einem zu­ge­tra­gen und alles bleibt Hy­po­the­se. Mehr ist nicht zu er­war­ten. Über­haupt soll­te man mit dem Er­war­ten in beide Rich­tun­gen vor­sich­tig sein. Oft sind es Leute, die nichts er­war­ten, mit denen man Sche­re­rei­en be­kommt. Hört man ihnen zu, so hat man schnell her­aus, dass der volle Wort­laut der For­mel, mit der sie im Leben punk­ten, ›nichts als‹ lau­tet, und weiß Be­scheid. ICH ER­WAR­TE NICHTS ALS DIE VOLLE VER­FÜ­GUNG ÜBER DEIN KONTO – was wäre von einem, der so denkt, schon zu er­war­ten? Nichts? O nein. Über­gangs­los be­fin­det man sich in einer Welt an­de­ren Zu­schnitts. Und darin, wenn­gleich nicht al­lein, be­steht das Ge­heim­nis des Über­gangs.

Die ei­ge­ne Haut
1
Hiero: Figur 1
Sturz

Die Tür fiel ins Schloss.
Sie besaß den nicht be­son­ders sat­ten Klang eines in mä­ßi­ger Würde ge­al­ter­ten Mel­kei­mers und schlug dem, der sich fas­sungs­los um­ge­wandt hatte, ge­ra­de­wegs ins Ge­sicht.
Das Haus, als Scheu­ne ge­baut, dien­te der, wenn man so woll­te, gol­de­nen Ju­gend des Um­lands als Stall. Hier rieb sie sich an­ein­an­der und ließ Dampf ab. Die Nacht, stern­klar, sprach von so­zia­ler Kälte. Dem moch­te sich nie­mand aus­set­zen und so blieb der Hau­fen Mensch, dem es so­eben das Ge­sicht ge­raubt hatte, eine Weile lie­gen. Er hatte nichts davon. Dem Man­gel an An­spra­che ent­sprach nichts von dem, was einer wie er unter an­de­ren Um­stän­den das In­ne­re ge­nannt hätte.
Ein paar Be­trun­ke­ne stürz­ten an ihm vor­bei zu ihren be­reit ste­hen­den Golfs und Maz­das, hin­ter denen schwach elek­tri­sie­rend die Ge­fah­ren schwer ein­seh­ba­rer Stre­cken­ab­schnit­te und un­be­zahl­ba­rer Rech­nun­gen auf­tauch­ten, ehe das Auf­krei­schen der Mo­to­ren den Spuk ver­trieb. Ver­schmier­ter Lip­pen­stift gegen Kol­ben­be­trieb. Sein Bein schmerz­te. Das moch­te hin­ge­hen. Dass er keine Lust hatte, ein zwei­tes Mal auf­zu­ste­hen, war ein erns­te­res Zei­chen.
Hin­fal­len kann jeder, ich schaue mir an, wie sie wie­der hoch­kom­men.
Eine klare Ma­xi­me. Vä­ter­lich, ohne Zwei­fel. Nun, dann schau, hätte Hiero gern ge­ru­fen, doch der ge­sichts­lo­se Spre­cher war be­reits an­ders be­schäf­tigt, klap­per­te mit sei­nem Be­steck zwi­schen den Sturm­kie­fern und ver­schwand in einem ge­wal­ti­gen Hus­ten­an­fall.

Hiero war also al­lein. Er streck­te die rech­te Hand aus, tas­te­te am Ober­schen­kel ent­lang, lang­sam, lang­sam, moch­te die Nacht dar­über ver­ge­hen, sie konn­ten ihn oh­ne­hin nicht auf Dauer hier lie­gen las­sen, des­sen war er sich re­la­tiv si­cher.
Ab­so­lut si­cher, schoss es ihm durch den Kopf. Die Birne wipp­te, als schwan­ke eine Flüs­sig­keit in ihr hin und her. Auf das ›ab­so­lut‹ muss­te er noch zu­rück­kom­men. Über das Knie hin­aus­zu­kom­men ge­stal­te­te sich schwie­rig.
Hiero muss­te die Lage des Ober­kör­pers ver­än­dern, das be­rei­te­te ihm Sor­gen. Ei­gent­lich soll­te der Kran­ken­wa­gen be­reits in der An­fahrt sein. All diese Leute, die ge­ra­de noch um ihn her­um­stan­den, hat­ten es ge­se­hen, man würde ihn doch hier nicht ver­ges­sen.
Er hätte auch rufen kön­nen, aber das son­der­ba­re Ge­krächz, das sich sei­ner Kehle ent­rang, schien nicht in ihre Kör­per ein­zu­drin­gen, denn plötz­lich fiel eine Menge Licht auf den Platz, eine Men­schen­hor­de ström­te vor­bei, einer be­rühr­te ihn sogar am Fuß und stol­per­te leicht, ohne den Kopf nach dem Hin­der­nis zu dre­hen.
Dann wurde es dunk­ler als zuvor, er hätte schwö­ren mögen, dass er die Hand nicht vor Augen sehen konn­te. Was nicht wei­ter ver­wun­der­lich war, denn er moch­te sie nicht mehr heben.

Was den Fuß an­ging, so be­fand die­ser sich klar au­ßer­halb sei­ner Zu­stän­dig­keit, dem beug­te man sich bes­ser, indem man nichts tat. An­ge­nehm war das nicht, aber damit fiel er we­nigs­tens nicht auf.
Er hass­te die Vor­stel­lung, wie ein ge­krümm­ter Wurm da­zu­lie­gen, wenn sie ihn fan­den und dort­hin trans­por­tier­ten, wohin er in sei­nem Zu­stand ge­hör­te.

In sei­nem Zu­stand? Das klang bös, aber Hiero mach­te sich nichts vor. Zwar hin­der­te ihn das Black­out be­harr­lich daran, sich zu er­in­nern – es konn­te nur ein Black­out sein, fast wie in den alten Zei­ten –, aber ir­gend­ein Schal­ter muss­te um­ge­legt wor­den sein, sonst hätte er sich nicht in die­sem zu­neh­mend feuch­ter wer­den­den Dreck ge­wälzt, der durch die an meh­re­ren Stel­len durch­zu­spü­ren­den Schot­ter­stei­ne auch nicht an­hei­meln­der wurde.

Lang­sam soll­te der Spuk zu Ende gehen.
Wenn er es rich­tig besah, muss­te schon ein gutes Stück Zeit ver­gan­gen sein. Al­ler­dings moch­te er sich nicht prä­zi­se fest­le­gen. Das Zeit­be­wusst­sein re­agiert un­ter­schied­lich auf au­ßer­ge­wöhn­li­che Si­tua­tio­nen.

War das so?
An der Aus­sa­ge schien etwas falsch, ob­wohl er sie im Gan­zen un­an­greif­bar fand. Er hatte keine Lust, sich auf eine be­stimm­te Zeit­span­ne fest­zu­le­gen. Er hätte auch mo­men­tan nicht ge­wusst, wie er das an­stel­len soll­te.

Na­tür­lich war er im­stan­de, eine be­lie­bi­ge Zahl zu grei­fen, aber das konn­te es doch nicht sein. Das konn­te es doch nicht sein. Eine Aus­sa­ge, die kein Ur­teil dar­stell­te, war schon ein Ein­bruch.
Wenn er hier wei­ter her­um­lag, aus­ge­schal­tet von wem oder was auch immer, dann moch­te es ge­sche­hen, dass er zwar wie­der auf die Beine kam, aber…

Das wars dann. Kein Zu­rück. Damit mein­te er jetzt nicht die von einem ge­wal­ti­gen Rumor er­füll­te Knei­pe, die jeden Mo­ment in die Luft flie­gen konn­te, son­dern das flä­chig hin­ge­fä­cher­te Davor, des­sen er durch die­sen ver­damm­ten Fuß mehr und mehr ver­lus­tig zu gehen droh­te.

Die ei­ge­ne Haut
2
Hiero: Figur 1
Im Gol­de­nen Pfau

Kein Zu­rück? Kann nicht sein. Der Gol­de­ne Pfau, her­ein­spa­ziert. Grün-weiß, ein Name, her­ge­flo­gen, auf nacht­schwar­zer Tafel über ge­schlos­se­nen Fens­ter­lä­den, Stu­den­ten­grüpp­chen ums dop­pel­flü­ge­li­ge, zwei­fach of­fe­ne Por­tal. Im engen Flur leh­nen sie an der manns­ho­hen Tä­fe­lung. Fahle Be­leuch­tung, der Blick des Wirts grie­fert im Hin­ter­grund, ab­we­send, om­ni­pre­sen­te.

Na hopp­la. Wei­ter im Text. Was denn sonst. Wird schon.

Die Tür zum Schank­raum: schwingt. Rup­pig. Auf Mes­sin­gleuch­tern glim­men Pa­py­rus­hüt­chen, Bern­stein­licht strömt auf Bänke und Ti­sche. So sanft, so dicht. Ringe aus Zi­ga­ret­ten- und Pfei­fen­rauch, zu Flö­ten­klän­gen eines so nicht vor­ge­se­he­nen Schlan­gen­be­schwö­rers, stromern den obe­ren Re­gio­nen ent­ge­gen. An der Wand, stark nach­ge­dun­kelt, ein Ara­rat.

  • ―Ein Bier. Zwei Bier. Wer noch? Ich bring auch drei, ihr braucht euch nicht zu be­ei­len.

Einer der sel­te­nen Mo­men­te, in denen der Chef selbst an den Tisch tritt. Ein Ge­müts­hy­po­chon­der. Oder zwei.

In jener Zeit, die nun ver­gan­gen ist.

  • ―Hab dich nicht so. Lass die doch auf ihren Fe­ti­schen her­um­rei­ten, bis ihnen der Schwanz ab­fällt.
  • ―Ich wüss­te nicht, wovor ich mich in acht neh­men soll­te.
  • ―Der Weber, das ist ein ganz klei­nes Licht.
  • ―Kann man so nicht sagen.
  • ―Ide­al­ty­pus – was soll denn das sein? Kein Aprio­ri, kein Apos­te­rio­ri, ein Scheiß­dreck.
  • ―Mach dir nicht in die Hosen.
  • ―Denk dran, dass sie alles über dich weiß.
  • ―Fuck up.
  • ―Ich finde, du könn­test häu­fi­ger einen Joint rau­chen. Du siehst heute wie­der so frisch aus.
  • ―Den Dass­ler halte ich per­sön­lich für einen Blen­der. Hast du mal ge­se­hen, wie er auf dem Hö­he­punkt sei­ner Suada das Ta­schen­tuch raus­holt?
  • ―Hab ich ge­se­hen. Ge­konnt, musst du zu­ge­ben.
  • ―Was sind das ei­gent­lich für ko­mi­sche Band­wurm­sät­ze? Warte, ich weiß. Dafür gibts einen Aus­druck. Hypo-, Hypo-
  • ― -taxe heißt das Ding. Hat er drauf. Damit steckt er sie alle in den Sack.
  • ―Neid. Einer wie der an­de­re. Ver­giss Char­lie, den kannst du hier nicht brau­chen.
  • ―Hab ich längst. Warst du auch in der Vor­le­sung?
  • ―Nur die erste Hälf­te. Ich muss­te noch am Re­fe­rat schrei­ben.
  • ―Fräu­lein Por­ti­ön­chen, sag mir doch, warum du Ro­ma­nis­tik stu­dierst. Wie heißt der Knabe? Wal­le­rie? Was kann man denn über so einen schrei­ben? Va­le­rie-Va­le­ra! Wann gehts nach Paris? Schon ge­bucht?
  • ―Lass sie in Ruhe. Von Äs­the­tik ver­steht der nichts. Gib dir keine Mühe.
  • ―Mir? Mühe? Mit dem? Müss­te ich wis­sen.
  • ―Na also, geht doch.
  • ―Fragt sich, wohin. Die Her­ren Klug­schei­ßer sind ja be­sof­fen, ich merk’ schon. Dann will ich sie auch nicht wei­ter lang­wei­len.
  • ―Sag ich doch. Sie ist eine Zicke.

In jener Zeit, die nun ver­gan­gen ist.

In jener Zeit, die nun ver­gan­gen ist, schellt eines Mor­gens der Brief­trä­ger und bringt neben dem Päck­chen Kon­do­me, das Hiero preis­güns­tig bei einem Ver­sand be­stellt hat, einen Um­schlag zum Vor­schein, glat­tes, küh­les Pa­pier, rein­weiß, ga­ran­tiert holz­frei, darin liegt, ga­ran­tiert holz­frei, ein vä­ter­li­ches Hand­schrei­ben.

Mein lie­ber Sohn,
   Du weißt –

Du weißt? Was einer wis­sen soll, ist keine ganz ein­fa­che Sache, ein vä­ter­li­ches ›Du weißt‹ die erste Über­grif­fig­keit, der man da­durch be­geg­net, dass man den Brief weg­legt, sich eine Zi­ga­ret­te dreht und über­legt, woran es heute liegt, dass der Plan, der gut durch­dach­te Plan, der einen von einer Vor­le­sung zur nächs­ten, von Se­mi­nar zu Se­mi­nar durch­rei­chen soll­te, prak­tisch be­reits wie­der zu Ma­ku­la­tur ge­wor­den ist.

Du weißt – schrieb der Vater –, dass ich Dir gern die ma­te­ri­el­len Ri­si­ken, die nun ein­mal mit dem Leben ver­bun­den sind, ab­ge­nom­men hätte, aber so, wie die Dinge ste­hen, liegt dies nicht ganz in mei­ner Reich­wei­te. Das Haus, das Du erben wirst, ist schul­den­frei, das Geld, das in­ves­tiert wer­den muss, um es auf ab­seh­ba­re Weise zu er­hal­ten, liegt auf der Bank. Darum brauchst Du Dir keine Sor­gen ma­chen, das ist ge­re­gelt. Mit Be­den­ken er­füllt mich etwas an­de­res. Ich habe lange er­wo­gen, ob ich Dich damit be­hel­li­gen soll, aber ich denke, so ist es rich­tig. Was ich meine, ist fol­gen­des. So gern ich es woll­te, den Le­bens­stil, den Du für Dich an­strebst und den ich mir für Dich wün­sche, kann ich Dir nicht er­mög­li­chen. Wahr­schein­lich hätte auch ich, wie jeder an­de­re Vater, es lie­ber ge­se­hen, wenn Du auf einen prak­ti­schen Beruf hin stu­dier­test. Aber ich re­spek­tie­re Deine Ent­schei­dung und bin weit davon ent­fernt, sie Dir aus­re­den zu wol­len. Er­lau­be mir daher die vä­ter­li­che Sorge –

Er­lau­be mir daher... Kann man so etwas er­lau­ben? Darf man es zu­las­sen? Darf man es auch nur in Er­wä­gung zie­hen? Hiero schießt das Blut in den Kopf.

Er zer­reißt den Brief in klei­ne Fet­zen, schich­tet sie im Aschen­be­cher auf und zün­det sie an. Das ist mög­li­cher­wei­se nicht rich­tig, mög­li­cher­wei­se nicht loyal, aber Loya­li­tät, das fühlt er hef­tig, ist keine Ein­bahn­stra­ße.

Asche zu Asche.

Ne­ben­bei: so er­fährt er nicht, denn davon han­del­te der Brief, dass der Vater Krebs hat, Krebs im letz­ten Sta­di­um, zu spät oder ge­ra­de zur rech­ten Zeit er­kannt, um ihm die Sche­re­rei­en ver­geb­li­cher Ret­tungs­ver­su­che zu er­spa­ren. Der Rest geht schnell – so schnell, dass Hie­ros nächs­ter Be­such bei den El­tern einer ver­stei­ner­ten Mut­ter gilt, mit der zu­sam­men er ge­gen­über einer über­di­men­sio­nier­ten, mit einer hel­len, exo­ti­schen Holz­art ver­tä­fel­ten, sehr glat­ten, links und rechts von zwei Blu­men­va­sen flan­kier­ten Holz­wand Platz nimmt. Die Mitte hat man be­deu­tungs­voll frei ge­las­sen. Da­hin­ter, also di­rekt vor ihnen, zün­geln? lo­dern? hüp­fen? die Flam­men des Kre­ma­to­ri­ums, ver­zeh­ren den vä­ter­li­chen Leib, ver­wan­deln ihn in ein hel­les, leich­tes Pul­ver, das den An­ge­hö­ri­gen in einem spä­te­ren Ab­schnitt des Ze­re­mo­ni­ells kurz ge­zeigt wird, bevor Fach­kräf­te die Urne ver­sie­geln, eti­ket­tie­ren und in ein Regal schie­ben, denn die Ein­las­sung ins Fa­mi­li­en­grab, er­fährt Hiero, er­folgt erst ein, zwei Wo­chen spä­ter – der An­drang ist groß. Man­che der Hel­len und Leich­ten war­ten, wie der Be­stat­ter mit fei­nem Lä­cheln an­merkt, wäh­rend sie den Vor­rats­raum ver­las­sen, schon ein­mal ein, zwei, sogar drei Mo­na­te, sei es, dass die Hin­ter­blie­be­nen sich nicht in­ten­siv genug mit dem Fall be­fas­sen, sei es, dass die be­auf­trag­te Firma kei­nen guten Draht zur Fried­hofs­ver­wal­tung be­sitzt.

In ihrem Fall be­steht kein An­lass zur Sorge. Die Urne ver­schwin­det so rasch unter der Gra­nit­plat­te des Fa­mi­li­en­grabs, dass Hiero, als er das nächs­te Mal an den Stät­ten sei­ner Kind­heit ein­trifft, be­reits nicht mehr daran denkt. Erst auf der Rück­fahrt fällt ihm auf, dass er den ers­ten Be­such am Grab nun wohl ver­passt hat. In Ge­dan­ken mus­tert er, wäh­rend er an einer lan­gen Ko­lon­ne LKW vor­bei­fährt, die Reihe der müt­ter­li­chen Ge­sich­ter. Er fin­det kei­nen Vor­wurf darin, nicht das lei­ses­te War­ten, den Vor­bo­ten weib­li­chen Un­muts. So sehr hat sie sich also unter Kon­trol­le.

In jener Zeit, die nun ver­gan­gen ist.

Die ei­ge­ne Haut
3
Hiero: Figur 1
Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruch

Man be­kommt der­glei­chen heute kaum mehr zu Ge­sicht. Was nicht be­deu­tet, dass es nicht wei­ter ge­schieht. Schließ­lich be­steht die Ver­wandt­schaft dar­auf und legt gutes Geld dafür hin. Die Dis­kre­ti­on hat, neben dem ri­tu­el­len Gebot, eine Vor­ge­schich­te. Dach­te Hiero an Kre­ma­to­ri­en, so dach­te er an Ausch­witz, die erste Adres­se unter den To­des­fa­bri­ken, an Treb­lin­ka, Ma­jda­n­ek, Sobibór. Das war so. Es hätte auch an­ders sein kön­nen, wäre er ein an­de­rer ge­we­sen. Aber da es so stand, galt er, selbst bei den Freun­den, als heik­ler Cha­rak­ter. Re­spek­tie­ren be­deu­tet in einem sol­chen Fall: Ab­stand hal­ten. Ge­le­gent­lich kam es vor, dass er in auf­flam­men­der Rage einen der ge­wöhn­li­chen, mit brau­ner Brühe ge­füll­ten Plas­tik­be­cher vom Tisch fegte. In der halb­kel­ler­ar­ti­gen Caféteria, in die man sich zwi­schen den Vor­le­sun­gen zu­rück­zog, be­rei­te­te das kei­nen gro­ßen Um­stand. Der lin­oleum­graue Fuß­bo­den war von Zei­tungs­blät­tern über­sät, die man nur zweck­mä­ßig mit dem Fuß ver­schie­ben muss­te, um dem Mal­heur zu be­geg­nen. Aber neben dem all­ge­mei­nen Hallo rief der Zwi­schen­fall auch Kräf­te auf den Plan, die dem Phä­no­men un­ver­züg­lich mit frisch er­blüh­ter wis­sen­schaft­li­cher Akri­bie auf den Leib rück­ten. Bin­nen Mi­nu­ten­frist schwirr­te der Raum von Sprü­chen, die dem, der sie tat, unter nur leicht ver­än­der­ten Be­din­gun­gen das Brand­zei­chen ›Fa­schist‹, ›Re­vi­sio­nist‹ oder, klas­sisch ein­fach, ›re­ak­tio­nä­rer Wich­ser‹ ein­ge­bracht hät­ten, im ge­ge­be­nen Fall aber un­ge­rührt zum Bes­ten ge­ge­ben wur­den, weil man sich, ins­ge­heim oder nicht, über den ra­bia­ten Dünn­häu­ter mo­kier­te, der den Stoff, an dem alle nag­ten, frei­hän­dig, als hand­le es sich um Leucht­spur­mu­ni­ti­on, in einen ima­gi­nä­ren Him­mel jagte.

Hie­ros le­gen­dä­re Er­reg­bar­keit lock­te auch Neu­gie­ri­ge an, die nicht zur Cli­que ge­hör­ten. Un­ver­ges­sen der Fall des Stu­den­ten ju­go­sla­wi­scher Her­kunft, dem sein Clan den Weg in den Wes­ten er­kauft hatte und mit klas­sen­ver­rä­te­ri­schen Schecks in einer Höhe pflas­ter­te, die an­hand der teu­ren Kla­mot­ten nur vage ge­ahnt wer­den konn­te. Er war mit ge­wichs­tem Schuh­werk und einer Blume im Knopf­loch auf­ge­kreuzt, um aus einer Art Ur-Recht des Mi­gran­ten her­aus seine ge­pfleg­te Hand auf oder eher an al­ler­lei Frau­en zu legen, ohne lange zu fra­gen, was sie zum Er­stau­nen ihrer dres­sier­ten Kom­mi­li­to­nen nicht un­gern über sich er­ge­hen lie­ßen. Bald hall­te die Caféteria wider vom Ge­schrei der Kon­tra­hen­ten.

Es kam der Tag, an dem sie auf rie­si­ge Bögen Pa­pier ihre Her­kunfts­län­der zu zeich­nen oder kra­keln be­gan­nen, dazu ge­heim­nis­vol­le Punk­te, Krei­se und Schraf­fu­ren, im Er­geb­nis nicht un­ähn­lich dem An­blick der Ser­vi­et­te, auf der Jahr­zehn­te spä­ter der de­mo­kra­ti­sche Al­lein­herr­scher Tud­j­man und sein au­to­kra­ti­scher Ge­gen­spie­ler das be­reits den Land­kar­ten ent­wei­chen­de Ju­go­sla­wi­en un­ter­ein­an­der auf­teil­ten. Flach fiel die Hand des einen auf die Orte sei­ner Kind­heit und sei­ner re­gio­na­len Ge­füh­le, mit ge­ball­ter Faust re­pli­zier­te der an­de­re und zer­quetsch­te dabei ein paar un­ge­nannt blei­ben­de De­lin­quen­ten, die sich ihm in sei­nem frü­he­ren Leben in den Weg ge­stellt haben moch­ten. Ver­ständ­nis­los starr­ten die an­de­ren, längst still ge­wor­den, auf den Tanz der Wör­ter und Fäus­te und ge­nos­sen die Ab­len­kung durch den An­blick des ho­ri­zon­tal auf­lie­gen­den Pa­piers, das an den Rän­dern rasch ein­zu­rei­ßen be­gann, wäh­rend es sich immer wei­ter mit Zei­chen füll­te. Der eine oder an­de­re spür­te viel­leicht die Ver­su­chung, mit einem Griff zum Feu­er­zeug dem Spuk ein Ende zu ma­chen, doch ließ die Aus­sicht auf eine Schlä­ge­rei so kurz vor der Vor­le­sung die Ein­ge­bung wie­der ver­blas­sen. Wor­über die bei­den sich strit­ten, ob sie über­haupt strit­ten oder ob sie rausch­haft das Ge­fühl ge­nos­sen, im je­weils An­de­ren ih­res­glei­chen ge­fun­den zu haben, ließ sich weder er­mit­teln noch spon­tan be­stim­men. So troll­te man sich nach und nach und über­ließ die De­bat­tan­ten sich selbst.

Es war der Auf­takt zu einer kur­zen wun­der­ba­ren Freund­schaft. Sie en­de­te exakt an einem Tag, an dem beide ein­träch­tig ne­ben­ein­an­der im Kino saßen und der Mann aus dem Süden, viel­leicht in­fol­ge einer vom Lein­wand­ge­sche­hen aus­ge­lös­ten As­so­zia­ti­ons­ket­te – Hiero ging nur in ethisch hoch­ste­hen­de Filme über die drei­ßi­ger und vier­zi­ger Jahre und kon­trol­lier­te akri­bisch die zu Grun­de ge­leg­ten his­to­ri­schen Fak­ten –, viel­leicht aus sei­ner un­ver­blümt zur Schau ge­tra­ge­nen vi­ri­len Ver­ach­tung für den hie­si­gen, vä­ter­li­cher Au­to­ri­tät seit ei­ni­gen Jah­ren re­flex­haft ab­ge­neig­ten Men­schen­schlag her­aus, be­däch­tig und stimm­lich ver­hal­ten, je­den­falls ohne Vor­war­nung, die ei­ni­ger­ma­ßen bi­zar­ren Worte sprach: Dein Vater ist doch eine Sau. Je­den­falls lau­te­ten sie so in Hie­ros nur un­wil­lig er­teil­ter Aus­kunft über das De­ba­kel.

Der An­ge­grif­fe­ne, über­rum­pelt und kaum des Spre­chens fähig, hatte ge­ra­de dazu an­ge­setzt, sei­ner Em­pö­rung Aus­druck zu ver­schaf­fen, da fühl­te er auch schon aus dem ab­ge­dun­kel­ten Nichts her­aus den Hals von zwei kräf­ti­gen Hän­den um­fasst, die lang­sam, man konn­te auch sagen ge­mäch­lich, zu­zu­drü­cken be­gan­nen. Hät­ten nicht, be­mer­kens­wert genug, ein paar Um­sit­zen­de en­er­gisch ein­ge­grif­fen, nie­mand weiß, in wel­chem Zu­stand er dem Ort des bil­li­gen Nach­mit­tags­ver­gnü­gens und der ein­set­zen­den Panik ent­kom­men wäre. Ein selt­sa­mer Vor­gang. Woran dach­te der Mann, der, merk­wür­di­ge Ko­in­zi­denz, nicht weit von einem Kaff na­mens Sa­ra­je­wo auf die Welt ge­kom­men war, wo das Un­heil des Jahr­hun­derts sei­nen Lauf be­gon­nen hatte, wäh­rend er dem an­de­ren ge­müt­lich an die Kehle griff? Woran dach­te er, wenn er die Stra­ßen der Ruhr­stadt durch­streif­te und aus den Schau­fens­tern die Ge­sich­ter sei­ner Um­ge­bung auf­nahm? Was dach­te er in­mit­ten die­ser Ge­sich­ter, die bleich und we­sen­los zwi­schen den aus­ge­stell­ten Pelz­män­teln und Des­sous da­hin­schweb­ten?

Gute Frage, nächs­te Frage. Hän­gen blieb sie schon.

Der At­ta­cke hätte es nicht be­durft, aber sie war der Aus­lö­ser, um das al­lent­hal­ben her­um­geis­tern­de Wort vom Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruch in Groß­buch­sta­ben an die Wände der Ge­fäng­nis­zel­le zu pro­ji­zie­ren, die Hiero ir­gend­wann, dem kind­li­chen In­dia­ner­da­sein ent­wach­send, Ich zu nen­nen be­gon­nen hatte. Die­ses Ich, von idea­lis­ti­schen Phi­lo­so­phen gern mit dem zu­sam­men­ge­spannt, was sie als ›Selbst­be­wusst­sein‹ be­zeich­nen, wäre als Vor­stel­lung, die jede sei­ner Hand­lun­gen be­glei­te­te, ohne wei­te­res hin­ge­gan­gen, des­glei­chen als Figur der Gram­ma­tik. Doch an eine sol­che Be­schrän­kung war nicht zu den­ken. Wie auch? Was da, an­fangs- und end­los, je­den­falls rand­los, in ein und dem­sel­ben Mo­ment auf­schien, welk­te und schwand, ohne zu wei­chen, zog einen Hass auf sich, der es nir­gends er­reich­te. Tage gab es, da brach­te er Stun­den damit zu, mit Fäus­ten da­nach zu schla­gen – vor­nehm­lich unter Ein­satz der Lin­ken, die ihm in die­sem Zu­sam­men­hang mäch­ti­ger vor­kam. Was sie viel­leicht auch war. Gleich­wohl ge­lang ihm nicht, es zu tref­fen, da es sich vor jedem sei­ner Schlä­ge elas­tisch zu­rück­zog. So kam es, dass er nach man­chem fast voll­endet ge­führ­tem Hieb erst wie­der nach ihm Aus­schau hal­ten muss­te. Wo, zum Teu­fel, war es hin­ge­kom­men? Wo be­fand es sich in sol­chen Mo­men­ten? Schon glaub­te er ein höh­ni­sches Grin­sen vor sich zu sehen und schmeck­te Blut.

Wäre er li­te­ra­risch ver­siert ge­we­sen – in wie vie­len Fäl­len könn­te man so etwas hin­schrei­ben, aber da es sich na­he­zu von selbst ver­steht, un­ter­lässt man es –, wäre er li­te­ra­risch ver­siert ge­we­sen, so hätte ihm das al­ler­lei Stoff zum Nach­den­ken geben müs­sen. Er war es nicht, und was das Nach­den­ken an­ging, so ver­stand es sich für ihn von selbst. Folg­lich kam ihm der Ge­dan­ke gar nicht in den Sinn, hier könn­te sich ein un­ab­seh­ba­res For­schungs­feld er­öff­nen, ein Feld für Streif­zü­ge des Geis­tes, wann immer ihn da­nach ge­lüs­te­te. Im Ge­gen­teil, der Um­stand, dass die Phi­lo­so­phen, deren Schrif­ten er ver­schlang wie an­de­re Leute Gro­schen­hef­te oder den Spie­gel vom letz­ten Mon­tag, einen Groß­teil ihrer Kräf­te in einem über Jahr­zehn­te, um nicht zu sagen Jahr­hun­der­te ge­führ­ten Ab­wehr­kampf gegen das Miss­ver­ständ­nis ver­schlis­sen, ihr Fach könne auf psy­cho­lo­gi­sche Fak­ten auf­bau­en, hatte be­reits das Wort ›Psy­cho­lo­gie‹ zu einem roten Tuch wer­den las­sen, das hef­ti­ge Re­ak­tio­nen bei ihm aus­lös­te. Nicht dass er das Vor­han­den­sein einer Psy­che ge­leug­net hätte – er be­wun­der­te zwar den Typus Män­ner, der so weit ging, lehn­te ihn aber wegen Un­zu­rech­nungs­fä­hig­keit ab –, doch wer sich die­ses Ge­gen­stands an­nahm, ge­hör­te zur an­de­ren Seite und damit basta. Der Streit der Dis­zi­pli­nen, diese hoch­wei­se aka­de­mi­sche Ein­rich­tung, die Jahr für Jahr eine neue Armee jun­ger Men­schen, vor­nehm­lich Män­ner, re­kru­tier­te, die sich kei­ner mar­tia­li­schen Nei­gun­gen be­wusst sind, an ima­gi­nier­ten Orten gegen eine of­fe­ne Sicht der Dinge in Stel­lung bringt, hatte in ihm einen über­zeug­ten Strei­ter ge­fun­den.

Die ei­ge­ne Haut
4
Hiero: Figur 1
Im Fluss

Auch wenn er es nicht wis­sen konn­te: das Me­ne­te­kel be­traf nicht ihn al­lein. Es stand groß über allen, die ihm, sei es in der Mensa oder in den Vor­le­sun­gen, als Al­ters­ge­nos­sen unter die Augen tra­ten. Ge­walt­sam und ge­walt­tä­tig ver­schaff­te sich die Ver­gan­gen­heit zu ihren Leben Zu­tritt – nicht, weil sich – be­wah­re! – in ihnen die Un­ta­ten der Väter wie­der­ho­len, eher schon, weil die Zwangs­vor­stel­lung sie zu Er­satz­hand­lun­gen trei­ben soll­te, die sich wie ein roter Faden durch ihre Bio­gra­phi­en und die damit ver­bun­de­nen öf­fent­li­chen Akte zie­hen. Je län­ger sie leb­ten, desto we­ni­ger konn­ten sie sich ver­heh­len, dass sie, ge­ra­de sie, auf Grund von Dis­po­si­tio­nen agier­ten, die sei­ner­zeit viel­leicht wirk­lich in einen ›Bruch‹ der zi­vi­li­sa­to­ri­schen Ord­nung ge­führt hat­ten. Zivil sein – was ist das? Wel­che Maß­stä­be sind da an­zu­le­gen? Be­wegt man sich in den For­men, so­weit sie exis­tie­ren, dann macht man sich mit­schul­dig an der Ver­gan­gen­heit, die durch sie nicht ver­hin­dert wur­den, ver­ach­tet man sie, so zeigt sich darin der satt­sam be­kann­te an­ti­zi­vi­li­sa­to­ri­sche Re­flex. Stellt man sich, über­zeugt, die vor­han­de­nen seien durch die Bar­ba­rei des­avou­iert, die Auf­ga­be, neue zu ent­wi­ckeln, dann lan­det man pein­lich rasch in einer der Sack­gas­sen, in die die ver­gan­ge­nen Auf­brü­che und Be­we­gun­gen ge­führt haben. Ver­däch­tig war alles. War es ›Form‹, die sie lei­te­te, zwi­schen der ei­ge­nen und der äl­te­ren Ge­ne­ra­ti­on einen Strich zu zie­hen, den gro­ßen Strich, der die Welt­ge­schich­te und die des ei­ge­nen Lan­des – das nicht oder nur in einem ver­min­der­ten Maße das ei­ge­ne war – in zwei sehr un­gleich­ge­wich­ti­ge Hälf­ten teil­te? War es die Frei­heit selbst? Wel­che Frei­heit war das, die sich der Spra­che der bei öf­fent­li­chen An­läs­sen etwas scham­haft ›ehe­ma­lig‹ ge­nann­ten Sie­ger be­die­nen muss­te und damit den Äl­te­ren nach dem Munde re­de­ten, die sich ge­fügt hat­ten – was be­reits an sich, da es die Spra­che der Be­frei­ung und der Selbst­be­stim­mung war, zu den Pa­ra­do­xi­en zähl­te, von denen man sich un­ver­mu­tet um­zin­gelt fand? Lag die Frei­heit im Ver­dacht gegen sich selbst oder im Ver­dacht gegen die, die in­zwi­schen Ge­schich­te schrie­ben? Dass man sie gegen die Ver­gan­gen­heit be­haup­ten konn­te, war merk­wür­dig genug, aber das Merk­wür­di­ge wurde durch den Um­stand ver­grö­ßert, dass man, in völ­li­ger Frei­heit, sich gegen die Ver­gan­gen­heit nicht be­haup­ten konn­te, dass sie einen, wie der christ­li­che Mo­ra­lis­mus sagte, an jeder Stel­le wie­der ein­hol­te, ob­wohl ein sol­ches ›wie­der‹ be­reits gro­tesk klang, da man diese Ver­gan­gen­heit nur vom Hö­ren­sa­gen kann­te, so­weit man sie nicht aus den Rui­nen der Kind­heit buch­sta­bie­ren ge­lernt hatte. So ge­schah es, dass ir­gend­wann im Lauf der Jahre wie von selbst die ›Zi­vi­li­sa­ti­on‹ aus der alles über­schat­ten­den For­mel ver­schwand und die durch einen über­hol­ten, aber kei­nes­falls ver­jähr­ten – wei­te­rer Aus­druck aus dem Wör­ter­buch des Ent­set­zens! – Miss­brauch kon­ta­mi­nier­te ›Kul­tur‹ an seine Stel­le trat. Selt­sa­mer­wei­se we­ni­ger auf dem Pa­pier – oder, vor­sich­ti­ger aus­ge­drückt, in der Schrift­form, in der man sich einer ge­wis­sen Kor­rekt­heit be­flei­ßigt – als in der frei flie­ßen­den, stär­ker durch sub­ku­ta­ne Re­gun­gen heim­ge­such­ten An­spra­che. Hier ist von einem be­stimm­ten Zeit­punkt an fast aus­schließ­lich vom Kul­tur­bruch die Rede, wäh­rend das Wort ›Zi­vi­li­sa­ti­on‹ die un­be­hag­li­che Vor­stel­lung aus­ge­peitsch­ter Skla­ven und in hoff­nungs­lo­se En­kla­ven zu­rück­ge­dräng­ter Ab­ori­gi­nes auf­ruft. Man könn­te also den­ken... man könn­te also den­ken... Warum ver­wirrt sich die Rede? Warum an die­ser Stel­le? ... Man könn­te also den­ken, die eine Zeit­lang stell­ver­tre­tend für die Schin­der ge­prü­gel­te Kul­tur sei im Lauf der Jahr­zehn­te wie­der zu einer re­spek­ta­blen – und re­spek­tier­ten – Größe her­an­ge­wach­sen. Ei­gen­ar­ti­ger­wei­se hat sich je­doch das, was die in allen ein­schlä­gi­gen Schwenks fe­der­füh­ren­de Ge­ne­ra­ti­on unter die­ser Be­zeich­nung vor­ge­fun­den hatte, zur Zeit der ers­ten Le­bens­bi­lan­zen in etwas voll­stän­dig an­de­res ver­wan­delt. Zwar be­legt man es noch mit dem­sel­ben Wort, aber es ist doch nur ein Wort, wäh­rend die ver­trau­te Em­pha­se, mit der man sich einst bei der Sache wuss­te, einer iro­ni­schen Dis­tanz ge­wi­chen ist, die eben­so den rüh­ri­gen Ma­chern der di­ver­sen Sze­nen gilt wie dem, was da ›ge­macht‹ wird. Der ›wie­der po­si­tiv kon­no­tier­ten‹ Kul­tur gilt die schärfs­te, wenn­gleich ge­dämpft ar­ti­ku­lier­te Ver­ach­tung. Doch auch das scheint, unter leicht ver­scho­be­nem Blick­win­kel, nur so zu sein, nimmt man die alles durch­drin­gen­de Gleich­gül­tig­keit hinzu, die ein Kenn­zei­chen des­sen ist, was die Men­schen ›den Be­trieb‹ nen­nen, um das Wort Kul­tur un­auf­fäl­lig zu ver­mei­den. Ihren Sinn ver­ra­ten sol­che Be­we­gun­gen in­ner­halb eines Wort- und Vor­stel­lungs­fel­des wohl erst jen­seits des­sen, was sich ein­zel­ne Per­so­nen zur Recht­fer­ti­gung ihres ei­ge­nen Sprach­ge­brauchs ein­fal­len las­sen – in einem his­to­ri­schen, viel­leicht ge­schichts­mac­chia­vel­lis­tisch zu nen­nen­den Raum, den die Leute un­gern in ihren Reden be­rüh­ren.

Die ei­ge­ne Haut
5
Hiero: Figur 1
Raz­zia im Pfau

  • ―Jetzt ist aber Schluss. Das wäre ja ge­ra­de so, als hätte einer von uns eine Zeit­rei­se un­ter­neh­men müs­sen, um die Sache per­sön­lich zu ver­hin­dern.
  • ―Ich sage nur: Was ge­sche­hen ist, ist ge­sche­hen. Das wirst du doch zu­ge­ben müs­sen, oder?
  • Ja. Und?
  • ―Kein und. Was soll denn da für ein und sein? Ich sage nur: Was ge­sche­hen ist, ist ge­sche­hen. Das wird man doch sagen dür­fen. Was soll denn daran falsch sein?
  • ―Also wenn wir nicht be­freun­det wären, dann würde ich jetzt sagen: Spiel deine Spiel­chen mit dir al­lein. Ich hab’ keine Lust, dabei den Trot­tel ab­zu­ge­ben.
  • ―Dann sags doch.
  • ―Bitte was?
  • ―Den Sün­den­bock.
  • ―Wieso das denn?
  • ―Ganz ein­fach: So­bald das Opfer sich wehrt, ist eben – flutsch – der Täter der Sün­den­bock.
  • ―Das finde ich jetzt aber... also ich weiß nicht, wie ich das fin­den soll... ich finde das eine Un­ter­stel­lung.
  • ―Ist es ja auch. Na und?

Das Ge­sicht des Po­li­zis­ten wird von pri­va­ten Sor­gen ge­furcht. Er ver­sucht einen Aus­fall­schritt auf sie zu, der Schä­fer­hund zerrt ihn wei­ter, hin zu fer­ne­ren Ti­schen.

Gut ge­gan­gen? Nein, kei­nes­wegs. Das wäre ja auch zu leicht, das leh­nen sie in­ner­lich ab. Gleich hin­ter dem sor­genz­er­furch­ten Po­li­zis­ten kommt sie, die Lady in Schwarz, von In­si­dern längst er­war­tet, von Zaun­gäs­ten frisch be­staunt, und herrscht sie an. Blafft sie an. Kna­cki­ger Le­der­arsch, ein Wun­der, dass sie nicht gleich mit der Peit­sche auf den Tisch schlägt. So, aus dem Ge­spräch auf­bli­ckend, fragt sich die Runde, ob sie die blu­ti­ge Bry­gi­da vor sich hat oder doch eher eine Ar­chiv­tan­te, die den Aus­flug um der Kla­mot­ten wil­len ge­nießt. Ge­hor­sam kra­men sie, jeder auf seine Weise, nach den Aus­wei­sen. Män­ner­hän­de in Män­ner­ho­sen. Ein ver­ächt­li­cher Schat­ten fliegt über Bry­gidas Soft­face. Wie oft es sich schon ge­häu­tet hat, ist nicht er­kenn­bar, es wäre auch nicht rat­sam, da­nach zu for­schen, denn die In­ha­be­rin be­trach­tet jeden di­rekt auf sie ge­rich­te­ten Blick als Un­bot­mä­ßig­keit und Ag­gres­si­on.

Sach­te, sach­te.

  • ―Na dann iss ja gut. Ich dach­te schon, du woll­test mir etwas un­ter­ju­beln.
  • ―Dir un­ter­ju­beln? Ich kann dir gar nichts un­ter­ju­beln. Das bist du schon alles selbst.
  • ―Wie meinst du das jetzt wie­der?
  • ―Ganz ein­fach. Ich sage doch nur: Was ge­sche­hen ist, ist ge­sche­hen.
  • ―Schon gut. Wir kön­nen auch nach Hause gehen.
  • ―Nichts ist gut. Wie kommst du dar­auf, dass daran etwas gut ist? Eins wird man doch wohl noch sagen dür­fen –
  • ―Du darfst gern alles sagen, was dir durchs Köpf­chen huscht. Be­den­ke aber: Ich-du-er-sie-es-sind-sterb­lich. Jeder Mensch ist sterb­lich. Viel­leicht wäre das der Leit­fa­den, an­hand des­sen du dich und uns schon ein­mal zu scho­nen an­fan­gen könn­test.
  • ―Ich will mich aber nicht scho­nen. Wenn du dich scho­nen willst, kannst du ja nach Hause gehen. Man wird doch wohl noch sagen dür­fen...

Nicht die Ge­dan­ken­lee­re un­ter­bricht ihn – es ist Bry­gi­da, die ihn mit kal­ten Bli­cken durch­bohrt.

  • ―Ihren Aus­weis bitte!
  • ―O doch, gern, wenn Sie mei­nen. Hiero kehrt das Un­ters­te sei­ner Hose zu­oberst, steht auf  –

  • ―Set­zen Sie sich!
  • ―Wenns der Wahr­heits­fin­dung dient.

Teu­fel auch. Die flan­kie­ren­den männ­li­chen Kol­le­gen schie­ben sich näher. Mit flam­mend ge­spreiz­ten Hän­den hält Bry­gi­da sie zu­rück und Hiero bringt ein brö­seln­des Etwas zum Vor­schein: den Lap­pen.

Hiero, Hiero, das hätte ins Auge gehen kön­nen.

Ein Auf­at­men geht durch die eben noch so selt­sam von Hiero be­dräng­te Stim­me – die fal­sche Re­ak­ti­on, wie der Au­gen­pfeil aus Bry­gidas bis­her spar­sam fre­quen­tier­tem Ar­se­nal be­kun­det. Die üb­ri­gen Ti­sche, von Schä­fer­hun­den um­kreist und mit grü­nen Uni­for­men zu­ge­stellt, schei­nen weit weg zu sein, doch das scheint nur so, denn aller Augen sind nun auf Strabo ge­rich­tet, der seine Ta­schen zu lee­ren be­ginnt, schmut­zi­ge Tem­po-Ta­schen­tü­cher auf den Tisch schiebt, ein Päck­chen Marl­bo­ro da­ne­ben­legt, einen Ba­cken­zahn, den noch nie­mand hier ge­se­hen hat, drei zer­knit­ter­te Kas­sen­bons vom Su­per­markt – or­dent­lich, or­dent­lich, ent­fährt es Hiero –, schließ­lich, mit fi­nal-re­si­gna­ti­ver Geste, eine Schach­tel Prä­ser­va­ti­ve, Klas­se ›na­tur-feucht‹ (kennst du eine Dis­ser­ta­ti­on über die se­man­ti­sche Funk­ti­on des Bin­de­strichs in Wer­be­tex­ten?) und einen mehr­fach ge­fal­te­ten Bü­cher­zet­tel mit durch­ge­stri­che­nen Ti­teln auf der hoh­len Hand prä­sen­tiert, als müsse er sie gleich wie­der ver­schwin­den las­sen.

  • ―Das wars.

Stra­bos Stim­me, die auch sonst kei­nen An­flug von Trau­rig­keit kennt, be­sitzt einen mun­te­ren, man könn­te auch sagen: be­lus­tig­ten Klang.

  • ―Dann kom­men Sie bitte mit.

Zu­cker kann sie sein, die blu­ti­ge Bry­gi­da. Ge­ra­des Haupt, runde Augen, Ma­gnet­blick. Man­chem am Tisch trock­net au­gen­blick­lich der Gau­men aus.

Ein Fahn­dungs­er­folg.

Die ei­ge­ne Haut
6
Hiero: Figur 1
Mein Land, frem­des Land

Die Lo­ka­li­tät des Bösen, eine ›al­ter­na­ti­ve‹, von ehe­ma­li­gen Pfle­gern der nahe ge­le­ge­nen psych­ia­tri­schen Uni­ver­si­täts­kli­nik ins Leben ge­ru­fe­ne Ein­rich­tung, lag ein paar Haus­num­mern wei­ter; sie galt als ter­ro­ris­ti­scher Un­ter­schlupf. Die Po­li­zei war seit Jah­ren ner­vös, in den Zei­tun­gen konn­te man lesen, dass Ver­däch­ti­ge oder Un­ver­däch­ti­ge an­ge­schos­sen wur­den, selbst durch Woh­nungs­tü­ren hin­durch, weil sie dem Ein­lass­be­geh­ren der Ord­nungs­hü­ter nicht rasch genug statt­ge­ge­ben oder sich aus un­er­find­li­chen Grün­den davor ge­fürch­tet hat­ten, sie ein­zu­las­sen. Man traf Strei­fen­po­li­zis­ten im Kran­ken­haus oder auf dem Fried­hof an, die den Feh­ler be­gan­gen hat­ten, in ho­heit­li­cher Ab­sicht ihr Ge­sicht einem harm­los aus­se­hen­den Fahr­zeug­fens­ter zu nä­hern. ›Lotta con­ti­nua‹: die Pa­ro­le der Roten Bri­ga­den glomm in den Her­zen einer un­be­stimm­ten Zahl von Per­so­nen süd­lich und nörd­lich der Alpen, die sich ihrer Um­ge­bung nur unter Ge­gen­wehr zu er­ken­nen gaben. An einem die­ser grau in grau ge­hal­te­nen Nach­mit­ta­ge mit einem Strich Auf­klä­rung am Ho­ri­zont, die zwi­schen den Fas­sa­den prak­tisch nicht zur Wir­kung ge­lang­te, stieß Hiero vor dem Eck­ge­bäu­de, in dem die Fi­lia­le sei­ner Bank ihre be­schei­de­nen Pfor­ten ge­öff­net hielt, auf eine grö­ße­re Zu­sam­men­rot­tung von Bul­len. Allem An­schein nach stand nicht die Bank, son­dern der Woh­nungs­ein­gang (und das, was sich da­hin­ter ver­ber­gen moch­te) im Mit­tel­punkt der Ak­ti­on. Haus­be­woh­ner, die, den ge­zück­ten Schlüs­sel in der Hand, hin­ein­ge­hen woll­ten, wur­den an­ge­hal­ten und nach einem Sche­ma, das Hiero rät­sel­haft fand, acht­los ste­hen­ge­las­sen oder bei­sei­te ge­führt und in lange Ge­sprä­che ver­wi­ckelt, aus denen sie mit nach­denk­li­chen Ge­sich­tern zu­rück­kehr­ten, als habe man ihnen von der de­so­la­ten fi­nan­zi­el­len Lage, in der sie sich, ohne davon zu wis­sen, seit Wo­chen be­fan­den, nun­mehr ein un­ge­schmink­tes Bild ge­zeich­net, so dass sie sich über­le­gen konn­ten, ob sie lie­ber den neu an­ge­schaff­ten Wagen ab­sto­ßen oder auf die schon ge­buch­te Ur­laubs­rei­se ver­zich­ten woll­ten. Das war eine trost­lo­se, in ihren Augen ver­mut­lich kaum we­ni­ger fa­ta­le Al­ter­na­ti­ve als die, mit denen sich al­ler­orts die Ein­satz­lei­ter der Po­li­zei, die Po­li­ti­ker und ein paar Hand­voll Men­schen her­um­schlu­gen, deren Mie­nen­spiel den etwas rohen Aus­druck der Zu­ge­hö­rig­keit zu ›die­ser un­se­rer‹ Ge­sell­schaft an­nahm, wenn sie in Ma­ga­zin­sen­dun­gen das Schick­sal der Na­ti­on dis­ku­tier­ten. Die Ge­sich­ter der jun­gen, teil­wei­se blut­jun­gen Po­li­zis­ten wirk­ten bleich und sehr ernst, als ge­hör­ten sie Leu­ten, die drauf und dran waren, ihre erste Tö­tung aus­zu­füh­ren oder zu er­lei­den. Für alles gibt es Knech­te. Eine Art Be­frie­di­gung ver­spür­te Hiero, als zwei der Bleich­ge­sich­ti­gen nach um­ständ­li­chen, die Gar­de­ro­be ein­schlie­ßen­den Vor­be­rei­tun­gen die Haus­tür auf­stie­ßen und hin­ein­gin­gen. Die Zahl der Schau­lus­ti­gen schwoll kon­ti­nu­ier­lich an, mit ihr die Span­nung, aber da in der Folge nichts wei­ter pas­sier­te, sank sie auch wie­der und die ers­ten Pas­san­ten be­gan­nen wei­ter­zu­ge­hen – ge­ra­de mal um die Ecke oder so­weit die Füße tru­gen, nur fort von die­sem Ort, an dem sich Macht und Ge­gen­macht ihr stum­mes Stel­lungs­spiel lie­fer­ten.

Auch Hie­ros Auf­merk­sam­keit brö­ckel­te. Schließ­lich hatte er die Szene aus den Augen ver­lo­ren, ohne es recht zu be­mer­ken. Alles, was öf­fent­lich ge­schieht, was den Blick an­lockt, ihn eine Weile be­schäf­tigt, ihn bren­nend be­schäf­tigt, es geht vor­bei, es geht, un­an­ge­nehm oder nicht, vor­bei, das ist so eine All­tags­er­fah­rung. Da­ge­gen kommt das ra­bia­te Ge­fühl, fest­ge­hal­ten zu wer­den, über­ra­schend: un­ver­hofft, wie die Leute sagen. Was denn ver­hofft wäre, sagen sie einem nicht. Hie­ros Ge­fühl war noch frisch, kaum älter als eine Woche. Das ist nicht die Zeit, in der man etwas ver­gisst. Ge­wiss, es gibt diese Fälle, in denen die Er­in­ne­rung nach­gibt. Der Un­aus­sprech­li­che von Sils Maria hat das ganz rich­tig ge­se­hen. Doch die­ser Fall lag an­ders. Recht be­se­hen, han­del­te es sich um kei­nen Fall, höchs­tens um eine Falle, genau ge­nom­men um einen Denk­zet­tel für die sträf­li­che Ein­falt, mit der er und Eike in des­sen klapp­ri­gem R 4, an dem immer ir­gend­ein Birn­chen streik­te, in eine nächt­li­che Stra­ßen­kon­trol­le ge­tru­delt waren. Zu die­ser Ta­ges­zeit mied, wer halb­wegs bei Trost war, die Aus­fall­stra­ßen. Es war ihr Feh­ler, dies nicht be­dacht zu haben – ihr ers­ter. Der zwei­te lag darin, dem Po­li­zis­ten nicht zu miss­trau­en, der nach den Fahr­zeug­pa­pie­ren griff, im Licht sei­ner Ta­schen­fun­zel zu lesen be­gann, zivil, wie es schien, so lange je­den­falls, bis ein Stoß gegen die Bei­fah­rer­tür Hiero, der sich ab­war­tend zu­rück­ge­lehnt hatte, auf­schreck­te und ins Freie hin­aus­trieb.

  • ―Schnell­schnell, raus­raus!

Das war nicht die Spra­che, in der man sonst mit ihm re­de­te. Ge­le­gent­lich ver­stärk­te ame­ri­ka­ni­sche Mi­li­tär­po­li­zei die Zi­vil­strei­fen, das war ihm be­kannt, al­ler­dings hatte er nicht ge­wusst, dass sie auch mürbe ge­wor­de­ne Stu­den­ten­kis­ten in­spi­zier­te. Kalte Wut unter der ge­las­se­nen Ober­flä­che, staks­te er ans hin­te­re Wa­ge­nen­de, hin­ein ins Ge­bell. –

  • ―Ste­hen blei­ben!

Hatte er recht ge­hört? Viel­leicht nicht doch ›Ste­hen ma­chen‹? – Als Ki­no­gän­ger hatte er die Szene plau­si­bel ge­fun­den, hier fehl­te das Amü­se­ment, er wuss­te nicht, wozu Billy Wil­der, die­ser ein­fühl­sa­me Re­gie­füh­rer, ihn in sei­ner Si­tua­ti­on an­ge­lei­tet hätte, und fühl­te Scham. Je­den­falls stand er still. Regen rie­sel­te oder nie­sel­te, der Sol­dat hielt die Ma­schi­nen­pis­to­le auf sei­nen Bauch ge­rich­tet, eine lange, sehr lange Lich­ter­ket­te rausch­te vor­bei, die Welt – seine Welt – stand in Auf­ruhr.

Hiero hatte nichts gegen Ame­ri­ka­ner. Eher war das durch die schänd­li­che im­pe­ria­le Schlep­pe, die ugly Ame­ri­ca durch die Welt zog, ge­päp­pel­te Res­sen­ti­ment der Lin­ken ge­eig­net, ihn letz­te­rer zu ent­frem­den – nicht wirk­lich, das gaben seine Jahre nicht her, aber doch in dem einen oder an­de­ren Punkt. Die ›Staa­ten‹ waren und blie­ben das Land der Be­frei­er, die zi­vi­le Macht, die dem gro­ßen Mor­den in Eu­ro­pa ein Ende ge­setzt hatte, und er emp­fand eine ro­bus­te Sym­pa­thie, die sich selbst auf den le­gen­dä­ren Toas­ter er­streck­te und nicht davor zu­rück­schrak, die ra­bia­te Me­di­en­ar­beit so­ge­nann­ter Fal­ken mit Zäh­nen und Klau­en gegen das Ge­läch­ter und die An­wür­fe des ei­ge­nen Krei­ses zu ver­tei­di­gen. Aber ... das hier ... das war etwas an­de­res. Auf alle Fälle war es hef­tig. Hef­tig genug. Über­deut­lich emp­fand er die fes­seln­de Kraft sei­nes Brust­korbs, in dem sich die Lunge wand und nach Luft gier­te.

Es war un­wür­dig. Ihn über­rasch­te der auf­schie­ßen­de und kaum mehr ein­zu­däm­men­de Ge­dan­ke, wie es sich an­füh­len moch­te, wenn jetzt seine Hand nach der Brust­ta­sche zuck­te. Das Mün­dungs­feu­er, in des­sen An­blick sein Be­wusst­sein ex­plo­dier­te und ver­ging, es wäre das Letz­te, zei­tent­ho­ben, ste­hen­de Ge­gen­wart ohne Aus­gang. Er re­gis­trier­te die Ver­su­chung, blieb aber stand­haft. Schließ­lich hatte er nicht den Wehr­dienst ver­wei­gert, um sich von einer be­lang­lo­sen, aus Gleich- und Hoch­mut zu­sam­men­ge­schraub­ten Vi­sa­ge in die ewi­gen Jagd­grün­de ver­set­zen zu las­sen. Zwei­fel­los war er ihr hier und jetzt aus­ge­lie­fert, darin lag De­mü­ti­gung genug, er muss­te sie nicht noch ver­grö­ßern.

Mein Land, frem­des Land.

Für einen Mann, der die Mitte zwi­schen dem zwan­zigs­ten und dem drei­ßigs­ten Le­bens­jahr an­steu­ert, ist das eine leb­haf­te Emp­fin­dung – kom­men­tar­los hin­zu­neh­men, mit einem Ach­sel­zu­cken. Die Äl­te­ren, die Land und Ruf rui­niert und wie­der, zwei­fel­los grö­ßer und schö­ner, auf­ge­baut hat­ten, waren tot oder fürs Al­ten­heim vor­ge­merkt. Die Jün­ge­ren, die den Was­ser­wer­fern Pa­ro­li ge­bo­ten hat­ten, be­nutz­ten ihr auf Demos und Sit-ins er­wor­be­nes halb- und pseu­domar­xis­ti­sches Kau­der­welsch, um Kar­rie­re zu ma­chen. Ein paar Aus­stei­ger gaben die Nar­ren der neuen al­ter­na­ti­ven Mi­lieus. Lä­cher­lich das eine wie das an­de­re. Sah man davon ab, dass es auch Kon­ser­va­ti­ve gab, die kei­nen blas­sen Schim­mer davon be­sa­ßen, was sie kon­ser­vie­ren woll­ten, und auf keine ernst­haf­te Weise in Be­tracht kamen, aber oft genug von Leu­ten ge­wählt wur­den, die wuss­ten, was sie woll­ten, reich­te der Mix aus, um den ge­sell­schaft­li­chen Raum zu fül­len – ihn bis zum Bers­ten zu fül­len, so dass man dem Irr­tum er­lie­gen konn­te, ein Na­del­stich könne ihn je­der­zeit zum Plat­zen brin­gen.

Viel­leicht er­klär­te das die vie­len Sti­che­lei­en in ihren täg­li­chen Dis­kus­sio­nen. Die Rea­li­tät hielt aber stand, mü­he­los, so wie sie seit Jahr und Tag dem Re­vo­lu­ti­ons­ge­re­de, der Hatz und den öf­fent­li­chen Ge­häs­sig­kei­ten und selbst­ver­ständ­lich auch den At­ten­ta­ten und Ent­füh­run­gen trotz­te. Selt­sa­mer­wei­se stie­ßen letz­te­re am ehes­ten bei denen auf Gleich­gül­tig­keit oder sogar Zu­spruch, die wie er vom Ver­gan­gen­heits­fie­ber er­fasst waren. An man­chen Tagen emp­fand er die Fe­me­mor­de, die Tot­schlags­sze­na­ri­en, das Hass­ge­brüll, den wach­sen­den Druck im Wei­ma­rer Kes­sel phy­sisch. Was war das? Wo lebte er?

Dies da, zwei­fel­los die Rond­stet­ter Stra­ße, so­eben kam etwas Sprüh­re­gen auf, konn­te über­all hin­füh­ren, ins Lei­chen­schau­haus oder ins Ei­gen­heim, ins eine so leicht wie ins an­de­re. Wie war das mög­lich? Der GI, ein Holz­klotz, ver­mut­lich mit schnel­len Re­fle­xen, stand zwi­schen ihm und Sze­nen, die sich schlaf­los von einer Seite sei­nes In­ne­ren zur an­de­ren wälz­ten. Der Mann war ein Freund, ein ver­läss­li­cher Weg­wei­ser, Hiero hätte ihn in den Arm neh­men mögen, um ihm zu be­deu­ten, wie sehr er ihn brauch­te, wie sehr er ihn schätz­te, wie turm­hoch er über einem Volk stand, das selbst seine Stra­ßen nicht al­lein kon­trol­lie­ren konn­te. Daran war, so wie sich die Si­tua­ti­on ent­wi­ckelt hatte, nicht zu den­ken. Der an­de­re würde, durch ir­gend­wel­che Vor­schrif­ten ge­deckt, un­ver­züg­lich von der Schuss­waf­fe Ge­brauch ma­chen. Durch­su­chen ließ sich das Wild spä­ter, dafür hat­ten sie Spe­zia­lis­ten. Ver­rück­ter Hund, würde er mit rol­len­dem ›R‹ zu sei­nem Halb­kol­le­gen hin­über­ru­fen, zu­frie­den über das ela­bo­rier­te Stück Lan­des­spra­che, das ihm da zwi­schen den Zäh­nen er­blüh­te.

Ein Miss­ver­ständ­nis. Das, im­mer­hin, muss­te ver­hin­dert wer­den.

Die ei­ge­ne Haut
7
Hiero: Figur 1
Kä­rich

Strabo war, was immer das be­deu­ten moch­te, nicht wie­der ge­kom­men. Sie tra­fen ihn am fol­gen­den Tag in der Mensa, still, geis­tes­ab­we­send, ir­gend­wie ver­wan­delt.

  • ―Was haben sie denn mit dir ge­macht? Warum bist du ges­tern abend ei­gent­lich nicht wie­der auf­ge­kreuzt? Wir waren noch bis eins da.

Hie­ros Ge­sprächs­part­ner vom Vor­tag, nüch­ter­ner nun, aber nicht we­ni­ger elo­quent, ruck­te mit der Braue, zog die Schul­ter hoch und schau­te prü­fend.

Strabo fuhr fort, mit dem Ess­ge­schirr zu han­tie­ren.

  • ―Ich hätte noch kom­men kön­nen, stimmt... Schei­ße, die haben mich nicht weg­ge­las­sen.
  • ―Was soll das hei­ßen? Wie lang haben die dich denn fest­ge­hal­ten?

Strabo war ge­ra­de­wegs von der Po­li­zei­wa­che zur Mensa ge­stie­felt. Das galt als sen­sa­tio­nell und stimm­te nach­denk­lich.

  • ―Warum denn das?
  • ―Weil ich mich nicht aus­wei­sen konn­te.

Sein Aus­weis samt Füh­rer­schein steck­te in der Hand­ta­sche sei­ner Freun­din, die als pflicht­be­wuss­te Jung­leh­re­rin in der fünf­zig Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Pro­vinz ihrem Dienst nach­ging.

  • ―Die hät­ten sie doch an­ru­fen kön­nen. Die kön­nen dich doch nicht ein­fach fest­hal­ten. Hast du ihnen nicht ge­sagt, dass sie an­ru­fen sol­len?
  • ―Haben sie doch.
  • ―Und? Sag bloß, sie hat dich ver­leug­net.
  • ―Kann man so sagen.
  • ―Die Irma...! Klu­ges Mäd­chen.
  • ―Hör auf mit dem Scheiß. Sie kommt heut nach­mit­tag.
  • ―Heute nach­mit­tag? Olala? Bist du etwa nur vor­läu­fig auf frei­em Fuß?
  • ―Wenn du das meinst: ich muss mich in zwei Stun­den wie­der mel­den.
  • ―Und Irma hält mun­ter Un­ter­richt?
  • ―Was soll sie denn sonst tun. Hör doch end­lich auf.
  • ―Also ihr habt sie ges­tern nicht an­ge­ru­fen.
  • ―Doch, na­tür­lich.
  • ―Ja und?
  • ―Sie hat zu dem Po­li­zis­ten ge­sagt, er­zähl kein’ Scheiß, und hat wie­der auf­ge­legt. Da­nach ist sie gar nicht mehr dran­ge­gan­gen.

Eine pa­ten­te Frau, wie alle fan­den, viel­leicht ein biss­chen re­so­lut, aber man kann sich schließ­lich nicht alles ge­fal­len las­sen, schon gar nicht von den Bul­len. Und Strabo brauch­te eine feste Hand, darin war man sich oh­ne­dies einig.

STRABO WOHNT JETZT HIER

Das hatte ein Witz­bold im Pfau an die Klo­tür ge­krit­zelt. Man­cher rät­sel­te ins­ge­heim, ob der Satz die Auf­for­de­rung ein­schloss, den Ort jetzt rein­li­cher zu ver­las­sen. Es sprach sich herum, dass der Wirt Strabo vor et­li­chen Wo­chen ein Zim­mer im Haus an­ge­bo­ten hatte, of­fen­bar aus der ver­nünf­ti­gen Über­le­gung her­aus, dass es für den jun­gen Herrn eine un­nüt­ze Ver­aus­ga­bung dar­stell­te, die we­ni­gen Stun­den, in denen die Schank­stu­be ge­schlos­sen hatte, au­ßer­halb des Hau­ses über­brü­cken zu müs­sen. Was in die­sem Kreis nicht wei­ter ver­wun­der­lich wirk­te: Strabo besaß Pläne. Er woll­te ›ei­gent­lich nicht pro­mo­vie­ren‹ – eine of­fen­bar ziel­füh­ren­de Über­le­gung, von den an­de­ren mit einer ge­wis­sen Gut­mü­tig­keit ak­zep­tiert, da es all­ge­mein als un­fein galt, ir­gend­ei­ne Art von Ehr­geiz zu er­ken­nen zu geben.

Hie­ros ei­ge­ner, ziem­lich un­ge­brems­ter, ver­bal halb­wegs neu­tra­li­sier­ter Ehr­geiz ver­riet sich in dem Gleich­mut, mit dem er die Schar­te­ken in sich hin­ein­löf­fel­te, die der Se­mi­narab­lauf von Woche zu Woche auf den Spei­se­plan setz­te. So­viel Eifer wurde von den Se­mi­nar­lei­tern, be­deu­ten­den Per­sön­lich­kei­ten des stu­den­ti­schen Uni­ver­sums, nicht wirk­lich ho­no­riert – ›ir­gend­wie‹ setz­ten sie ihn vor­aus und ir­gend­wie be­lä­chel­ten sie ihn. Bei­läu­fig fiel viel­leicht in ir­gend­ei­nem Ge­spräch be­reits der Aus­druck ›guter Mann‹, eine Spe­zia­li­tät des hie­si­gen In­sti­tuts, die de­fi­ni­ti­ve Aus­zeich­nung, die den Be­tref­fen­den zu einem omi­nö­sen Hö­he­ren qua­li­fi­zier­te. Es wurde auch lang­sam Zeit. Stu­di­en­tech­nisch ge­se­hen, be­weg­ten sich Hiero und sein Kreis in der För­der­schlei­fe für Ge­nies, einer Puf­fer­zo­ne zwi­schen Norm- und Lang­zeit­stu­di­um, in der al­ler­lei Über­zeu­gun­gen und Le­bens­plä­ne die not­wen­di­ge Reife er­hiel­ten, ohne die sie bloß der wen­di­gen An­pas­sung auf dem Ar­beits­markt dien­ten. Es ließ sich nicht ver­heim­li­chen, dass diese Phase mit der glei­chen Not­wen­dig­keit auf das Ende zu­steu­er­te wie das mun­te­re Trei­ben der Rent­ner auf Ibiza – per Ex­amen, wenn man es nüch­tern aus­sprach. Hiero, kein Zwei­fel, ver­stand sich als ›guter Mann‹. Das warf die Frage auf, ob das Prä­di­kat über­haupt ge­wollt oder gar durch Selbst­aus­zeich­nung ver­lie­hen wer­den konn­te. Was ihn selbst an­ging, so hatte er sie be­ant­wor­tet: Frü­her oder spä­ter würde auf einer der Se­mi­nar­tü­ren hier oder an­dern­orts sein Na­mens­zug auf­tau­chen, an­ge­rei­chert durch Titel, die ihn, der Reihe nach er­wor­ben, als je­man­den aus­wie­sen, der le­send, ex­zer­pie­rend und schrei­bend in eine nicht wei­ter be­stimm­te Zu­kunft hin­ein­leb­te.

Prof. Dr. Hieronymus Gundling

Die Se­kre­tä­rin­nen taten, als wüss­ten sie nichts davon. Sie be­han­del­ten ihn wie einen nor­ma­len Stu­den­ten, ge­nau­so wie er, im Ge­gen­zug, sie unter völ­li­gem Ver­zicht auf seine künf­ti­ge Macht­fül­le an­sprach – ein Spiel, das, au­gen­zwin­kernd be­trie­ben, genug über die wah­ren Ver­hält­nis­se aus­sag­te. Er und sei­nes­glei­chen waren die kom­men­den Her­ren des In­sti­tuts. Kein Wun­der also, dass das Per­so­nal, mit­tels des­sen die ge­gen­wär­ti­gen ihre Macht und, mehr noch, ihre Po­tenz aus­zu­drü­cken be­lieb­ten, Ah­nungs­lo­sig­keit vor­schütz­te.

Ver­lie­hen wurde das Prä­di­kat ›guter Mann‹ von einem As­sis­ten­ten. Er hatte es zu einem so selbst­ver­ständ­li­chen Be­stand­teil sei­ner Rede ge­macht, dass es für alle, die nicht nur seine Ver­an­stal­tun­gen be­such­ten, son­dern an­schlie­ßend mit ihm sau­fen gin­gen, wie selbst­ver­ständ­lich die aka­de­mi­sche Welt in einen Teil zer­leg­te, der in Be­tracht kam, und einen an­de­ren, weit grö­ße­ren, dif­fu­sen, in dem sich al­ler­lei Ge­lich­ter tum­mel­te, das zwar ›etwas wer­den‹ woll­te, aber sich damit nur sein Schick­sal ver­deck­te, frü­her oder spä­ter aus dem Tem­pel der Wis­sen­schaft hin­aus­ge­kehrt zu wer­den. Eine sol­che Sicht der Dinge war au­to­ri­tär, zu­tiefst au­to­ri­tär sogar, er­träg­lich nur des­halb, weil der As­sis­tent, er­sicht­lich selbst einst als guter Mann ge­han­delt, gleich­zei­tig als Kauz in einem ge­wis­sen An­se­hen stand. Hiero war be­reits in Tü­bin­gen von sei­ner Fama ge­streift wor­den.

Wo immer der Name Kä­rich fiel, hei­ter­ten sich die Mie­nen der jün­ge­ren Pro­fes­so­ren auf. So wie er ging, stand, re­de­te, ges­ti­ku­lier­te, rä­so­nier­te und ra­do­mon­tier­te, ver­kör­per­te er den Typus des ewi­gen As­sis­ten­ten. Er war der Spross eines be­kann­ten Phy­si­kers, wobei nie­mals klar wurde, ob sich diese Be­kannt­heit ei­ge­ner Denk­tä­tig­keit oder den Zu­fäl­len des wis­sen­schaft­li­chen Be­triebs ver­dank­te, der die Leute durch­ein­an­der wür­fel­te und Grup­pen­bil­der ent­warf, die von künf­ti­gen Ruhm­red­nern an­ge­nom­men oder ver­wor­fen wer­den moch­ten. Kä­rich ver­füg­te also über einen Namen, ohne sich einen ge­macht zu haben – ein Start­vor­teil, der sich rasch ins Ge­gen­teil ver­kehrt hatte und ihn zur wenig be­nei­dens­wer­ten Figur stem­pel­te, einem Ge­kreu­zig­ten des Me­tiers, er­bar­mungs­los aus­ge­beu­tet durch den Meis­ter, in des­sen Diens­ten er stand und der nicht im Traum daran dach­te, ihm einen an­de­ren Bonus zu ge­wäh­ren als den... nun, in sei­nen Diens­ten zu ste­hen.

Da stand er zwi­schen den Ti­schen des Se­mi­nars, die ge­rö­te­te Ad­ler­na­se in die Schrift­rei­hen des grü­nen Bänd­chens ge­senkt, wäh­rend die run­den Äug­lein hur­tig die Rei­hen durch­flo­gen. Kein wip­pen­des Frau­en­bein, ent­blößt oder nicht, ent­ging die­sem Blick. Eben­so­we­nig das lei­ses­te Mie­nen­spiel des ge­gen­wär­ti­gen Fa­vo­ri­ten, der je­der­zeit damit rech­nen muss­te, an­ge­spro­chen zu wer­den, um bei der Lö­sung eines Pro­blems be­hilf­lich zu sein, das heute viel­leicht erst zehn, viel­leicht fünf­zehn Leute in Eu­ro­pa, so­weit der Se­mi­nar­lei­ter es über­blick­te, in Au­gen­schein ge­nom­men hat­ten, wäh­rend un­se­re ame­ri­ka­ni­schen Freun­de, nichts für ungut, sich den Luxus leis­te­ten, Fra­gen hin­ter­her­zu­he­cheln, die man in Mar­burg oder Wien schon vor der Jahr­hun­dert­wen­de be­quem zwi­schen zwei Glä­sern To­kai­er ab­ge­hakt hatte – im Prin­zip, wie denn sonst.

  • ―Die Ame­ri­ka­ner…

Pause.

  • ―Die Ame­ri­ka­ner haben eine groß­ar­ti­ge Li­te­ra­tur – Falk­ner, He­ming­way –, so etwas ken­nen wir in Eu­ro­pa doch gar nicht. Viel­leicht Dos­to­je­w­ski. Ist das Eu­ro­pa? Ich habe da große Zwei­fel. Phi­lo­so­phisch ge­se­hen sind sie null, nicht exis­tent, zero. Wenn ihre eng­li­schen Schwes­tern nicht auf­pas­sen, mäch­tig auf­pas­sen, wird ihnen bin-nen kur-zem das­sel­be blü­hen...

Der aus­ge­streck­te, ziem­lich dünn und klein ge­ra­te­ne Zei­ge­fin­ger wink­te, eine kö­nig­li­che Ho­heit, bevor er wie­der im Buch ver­schwand. Die Li­te­ra­tur, von der er sprach, moch­te ein Ge­schenk der Be­sat­zungs­be­hör­de an den Nach­kriegs­jüng­ling ge­we­sen sein, die Phi­lo­so­phie stamm­te aus dem vä­ter­li­chen Regal.

Im Se­mi­nar kamen sol­che Aus­rit­te eher sel­ten vor, an­ders in der Knei­pe, da be­herrsch­ten sie die Ta­ges­ord­nung. Bri­tan­ni­ens Nie­der­gang wurde von ›Keh­richt‹, wie eine in die­sen Tagen er­schie­ne­ne, den üb­li­chen Spott mund­ge­recht ser­vie­ren­de Sa­ti­re ihn nann­te, ob­ses­siv kom­men­tiert – zum stil­len Ärger Hie­ros, des­sen halbe Fa­mi­lie auf der Insel re­si­dier­te und den je­des­mal recht leb­haf­te Emp­fin­dun­gen über­fie­len, so­bald er daran dach­te. Kä­rich sagte ›anglo-sa­xon‹ mit ent­blöß­tem Ge­biss und einer Be­to­nung, als sei das Zu­bei­ßen im Preis in­be­grif­fen, der zu ent­rich­ten ist, wenn man als Brite auf die Welt kommt – umso ver­hee­ren­der das Los der Zahn­lo­sig­keit, das ›sie‹ sich be­rei­tet hat­ten, als sie der Schan­de den Un­ter­gang des Im­pe­ri­ums vor­zo­gen.

  • ―Übel, übel, mur­mel­te Hiero, al­ler­dings in so ab­ge­schwäch­ter Laut­stär­ke, dass selbst den Nächst­sit­zen­den davon nichts auf­fiel, denn das, nun ja, hätte die Be­för­de­rung zum ›guten Mann‹ ge­fähr­det. Man mun­kel­te so man­cher­lei, auch über an­ti­se­mi­ti­sche Aus­fäl­le bei Stein­schwa­fel, dem gro­ßen alten Mann der deut­schen Phi­lo­so­phie, der im Ne­ben­zim­mer des Pfaus seine Sot­ti­sen zum Bes­ten gab. Hiero hatte sich eine der Vor­le­sun­gen an­ge­hört, die die­ser, ob­wohl längst eme­ri­tiert, noch immer vor gro­ßem Pu­bli­kum hielt, und war vor dem ho­me­ri­schen Atem des Alten ge­flo­hen. Das war, wie er emp­fand, die Spra­che einer ver­sun­ke­nen Epo­che, es war ›Nach­krieg‹ oder Schlim­me­res, ohne dass er ge­nau­er hätte be­schrei­ben mögen, worin es be­stand. Es hätte ihn nicht ge­wun­dert, ein paar Rent­ner mit Ein­kaufs­tü­ten auf den Bän­ken her­um­sit­zen zu sehen. Was er such­te, war nüch­ter­ner, prä­zi­ser, enger ans Heute an­ge­schlos­sen als diese Reden aus einer an­de­ren Welt, ob­wohl er zu­ge­ben muss­te, dass der Alte in den Me­di­en über­aus prä­sent war und sogar im Phi­lo­so­phen­plausch vor lau­fen­der Ka­me­ra mit sei­nem ehe­ma­li­gen As­sis­ten­ten und heu­ti­gen Star des In­sti­tuts – ›Keh­richts‹ Vor­ge­setz­tem – die bes­se­re, welt­of­fe­ne­re und phi­lo­so­phi­sche­re Figur mach­te. Was ihn voll­ends ver­blüff­te, war der Ruhm, den der Alte in der an­gel­säch­si­schen Welt ge­noss, in der man ge­ra­de den Kehr­aus der ›tra­di­tio­nel­len‹ Phi­lo­so­phie ver­an­stal­te­te und dabei auch den an­geb­lich so un­kla­ren Kant ent­sorg­te, den wirk­li­chen Star des In­sti­tuts, die graue Emi­nenz des kon­ti­nen­ta­len Den­kens.

Die ei­ge­ne Haut
8
Hiero: Figur 1
Ping-pong

  • ―Flach hal­ten, flach hal­ten... Junge, du wirst es nicht pa­cken... Das ist doch... Ver­giss es. Ver­giss es ein­fach. Doch, das hast du gut ge­macht. Nein, so nicht. Netz, Netz! Hat be­rührt. Hat be­rührt... Ver­giss alles, was man dir ge­sagt hat... den wirst du nicht pa­cken. Der ist gut. Der ist wirk­lich gut. Spiel die lan­gen Bälle, da hast du noch eine Chan­ce.

Der Chor, viel-, hohl­stim­mig, hier stimmt er zu­sam­men. Hie­ros Wi­der­sa­cher so vie­ler Näch­te, Pw – aus­ge­spro­chen Peh-Weh, knapp, ohne Aus­klang, nur Un­ein­ge­weih­te ver­irr­ten sich in die eng­li­sche Dik­ti­on –, und Eike, Schwei­ger in eben­so vie­len Dis­kus­sio­nen, an die­sem Ort eher be­redt, leh­nen an der ta­del­los ge­weiß­ten Wand in Hie­ros Rü­cken; er be­hält sie trotz­dem im Blick. Hiero und Kä­rich schuf­ten an der Plat­te, ping-pong, der Ball fegt über das gras­grü­ne, von einer nicht son­der­lich straff ge­spann­ten Schnur ge­hal­te­ne Zäun­chen hin und her, Kä­rich ent­blößt die Zähne, er be­sitzt ein Raub­tier­ge­biss. Seine Sprints von einer Seite der Plat­te zur an­de­ren sind le­gen­där. Manch­mal reißt er sie dabei fast um, seine Kräf­te sind wenig ge­zü­gelt, ihm fehlt das Trai­ning. Kein guter Mann, je­den­falls hier, im Kel­ler des Phi­lo­so­phi­schen In­sti­tuts, aber er schlägt sich. Von die­ser Lei­den­schaft weiß Dass­ler nichts, den­noch über­legt Hiero manch­mal, wie es wäre, wenn er plötz­lich her­ein­ge­schneit käme, das Ana­cho­re­ten­lä­cheln im Ge­sicht, das ihn nie ver­lässt – früh er­wor­be­ne Maske und Vor­teil, wohin man sieht. Kann man das üben? Oder ist es Er­wäh­lung? Diese leise Emp­fin­dung des Un­heim­li­chen, die seine Kat­zen­schrit­te be­glei­tet, die ihnen vor­aus­läuft und bis hier­her ima­gi­nä­re Schat­ten wirft –

Das war’s. Der Ball, tü­ckisch an­ge­schnit­ten, springt an Hiero vor­bei, gut­mü­tig löst sich Eike von der Wand und geht ihm nach. Auf­schlag. Kä­rich, krebs­rot im Ge­sicht, hetzt nach dem Ball, hin­ter ihm steht ein Kas­ten Bier, aus dem er sich bei jeder Un­ter­bre­chung be­dient. Auch Pw hat sich eine Fla­sche ge­an­gelt, re­spekt­voll, mit selt­sam be­leg­ter Fra­gestim­me. Will er am Ende ... auch er ... ein guter Mann...? Die Kon­kur­renz­si­tua­ti­on be­stimmt sich jeden Tag neu, man muss das Feld im Auge be­hal­ten. Pw macht das Spiel über die so­zia­le Kom­pe­tenz. Aber er ist kein Phi­lo­soph, das sieht doch jeder. Jeder? Kä­rich, krebs­rot, nimmt ihn merk­wür­dig ernst, die so­no­re Stim­me scheint ihn pa­rie­ren zu las­sen, der sonst so lo­cker sit­zen­de Spott bleibt aus, auf bei­den Sei­ten, das fällt auf. Auch die Fla­sche in Pws Hän­den hält merk­wür­dig lange vor, er will sie­gen, so­viel ist si­cher, doch er will auch eine gute Figur ma­chen, ein wenig ge­hemmt wirkt er schon.

Pw also. In Eikes Fall hin­ge­gen ist er sich si­cher. Der hat die Di­vina Co­me­dia mit der Mut­ter­milch. Ro­ma­nist hin, Ger­ma­nist her, in dem Fall bleibt es sich gleich. So einer schafft den Sprung in die Phi­lo­so­phie nie. Auf­schlag. Kä­rich süf­felt, er saugt, er zieht an der Fla­sche, als sei sie ein Stroh­halm. Nuck­ler. Der Schweiß hat sein Un­ter­hemd mit Fle­cken ver­ziert, jetzt reißt er es sich vom Leib, wirft es auf den Stuhl, ist schon wie­der an der Plat­te, stak­sig und ef­fi­zi­ent. Hiero hat zu­rück­hal­tend ge­spielt, um den Vor­teil nicht aus­zu­nüt­zen, jetzt schmet­tert er, ein­mal, zwei­mal, beim drit­ten Mal treibt er die Kugel ins Netz. Kä­rich fährt zum Stuhl, reibt sich den Schweiß aus den Augen, ist zu­rück. Ein Ro­bo­ter. Außer Rand und Band, aber: ein Ro­bo­ter. In Tü­bin­gen er­zählt man sich schmun­zelnd, eines Nachts habe er, nach­dem der Pfau ihn mit­samt sei­nen stu­den­ti­schen Sauf­kum­pa­nen auf den Heim­weg ent­las­sen hatte, ein Bi­blio­theks­ex­em­plar der He­gel­schen Logik mit der Be­mer­kung im dun­kel und träge vor­bei­rau­schen­den Flüss­chen ver­senkt: Die­ses Buch hat mich zehn Jahre mei­nes Le­bens ge­kos­tet. Die bes­ten ver­mut­lich. Hiero, den der Ball­wech­sel ein­lullt, kommt es so vor, als habe er die Epi­so­de ge­träumt oder als sei er dabei ge­we­sen. War er’s? Gut mög­lich, ob­wohl es vor sei­ner Zeit ge­we­sen sein müss­te. Er kann sich je­den­falls nicht er­in­nern, was an dem Abend ge­re­det wurde. Auch blei­ben die Ge­sich­ter der an­de­ren merk­wür­dig stumpf, leer so­zu­sa­gen, eine Art Pit­tu­ra me­ta­fi­si­ca wie bei De Chi­ri­co. Was al­ler­dings an die­sen Bil­dern me­ta­phy­sisch sein soll, weiß er nicht, die Kunst­his­to­ri­ker spin­nen. Er könn­te Eike fra­gen, der sich öfter bei ihnen her­um­treibt, aber wenn er ihn so an­schaut, nein, das kann er auch las­sen. Eike ist kein Ge­sprächs­part­ner in sol­chen Din­gen, so­bald er ein Wort wie ›me­ta­phy­sisch‹ hört, be­kommt er schon gie­ri­ge Augen. Ka­tho­li­sche Ver­su­chung, ge­paart mit Fis­tel­stim­me.

Ver­dammt, nicht auf­ge­passt. Kä­rich ist nicht schlecht, aber auch nicht gut. Wenn er so wei­ter säuft, werde ich ihn pa­cken. Frü­her oder spä­ter. Pw hat ihn klar von der Plat­te ge­putzt, nüch­tern, kon­sta­tie­rend ge­ra­de­zu, mit die­sem Ver­ständ­nis hei­schen­den Blick, mit dem er jeden exis­ten­ti­el­len Kon­flikt an­geht. Und Kä­rich hat ihn ver­stan­den, am Kas­ten sind sie sich eben­bür­tig. Eike, der ein­zi­ge wirk­li­che Tisch­ten­nis­spie­ler im Raum, ist gar nicht an­ge­tre­ten, er be­schränkt sich auf Kom­men­ta­re.

4:11, 6:11, 12:14 – als Ten­denz kann sich das doch sehen las­sen. Gleich geht wie­der Pw an die Plat­te, mit einem schnodd­ri­gen Aus­druck, wenn es das gibt, um Mund und Ba­cken, der ge­bläh­te Hals und die Augen ste­hen dazu in Wi­der­spruch. Vor dem Auf­schlag sucht er den Blick des Ge­gen­spie­lers. Hiero, noch mit dem Auf­sam­meln der Bälle be­schäf­tigt und auf einen Schluck aus der Fla­sche er­picht – der vor­letz­ten im Kas­ten, die letz­te würde er um nichts in der Welt an­rüh­ren, das ist Kä­richs Ter­rain –, fischt den stum­men Vor­gang aus allen her­aus, die in dem nied­ri­gen Raum ko­exis­tie­ren: Da steht Eike, in eine Lek­tü­re ver­tieft, die ge­ra­de noch nicht exis­tier­te, auf­ge­taucht aus einem Ab­grund, einem Loch in Raum und Zeit, neben ihm, ein Schat­ten, lüm­melt die­ser Kerl, den sie Luxor nen­nen und der sich be­wegt, als habe er noch eine Rech­nung mit dem Ba­de­man­tel­ver­käu­fer offen, könne je­doch das gute Stück aus un­aus­sprech­li­chen Grün­den vor­der­hand nicht ab­le­gen. Er wird gleich wie­der ver­schwun­den sein, es hält ihn nicht an sol­chen Orten, aber er hat einen Blick auf Pw ge­wor­fen und schleicht ihm nach. Auch Treue wahrt uns die Per­son. Merk­wür­dig schon, denn Pw, das wis­sen alle live, ist aus­ge­spro­chen he­te­ro. Al­ler­dings trägt er seine Mas­ku­lini­tät wie eine zwei­te Haut, wie Schmuck­werk, das wird es sein. Zu­viel Mut­ter im Spiel, das wird es sein. Die Mut­ter-Pils-Ma­schi­ne treibt ihn voran.

  • ―Ein Pils! Das wie­viel­te haben wir denn schon heute abend? N-ein, man darf den Über­blick nicht ver­lie­ren. – Nie­mals. Sonor im Ton, ja­wohl, das ist Pw, die Mut­ter-Pils-Ma­schi­ne mit kla­ren Ma­xi­men: ers­tens, auch in schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen den Kopf oben be­hal­ten, zwei­tens, nicht die Kon­trol­le ver­lie­ren, der Rest, drit­tens, ist Stamm­tisch. Sogar der Wirt be­kommt die­ses in­ne­re Leuch­ten, wenn er an ihren Tisch tritt, ein Pw pro Abend, das hebt den Um­satz. Auch Kä­rich ist ein tüch­ti­ger Pi­ch­ler, doch bei wei­tem nicht so an­ste­ckend, bei ihm trinkt man mit, wie man im Se­mi­nar den Fin­ger hebt. Rei­nes Pflicht­ge­fühl, dazu ein Quänt­chen Be­sorg­nis, er könne sich sonst ein­sam vor­kom­men und ag­gres­siv wer­den, was ge­le­gent­lich ein­tritt. Dann schlägt der Al­ko­hol aus ihm her­aus, ein Dschin, Kä­rich quäkt, nicht zu laut, aber an den Nach­bar­ti­schen dreht sich der eine oder an­de­re nach ihm um. Er schreit kon­trol­liert, eine hei­se­re Laut­fol­ge strömt von sei­nen Lip­pen und ver­nich­tet – unter Spi­no­zis­ten: an­ni­hi­liert – das Opfer, das sich ge­ra­de noch auf an­nä­hernd ›glei­cher Au­gen­hö­he‹ mit ihm sah und viel­leicht in einem bei­läu­fi­gen Ur­teil zu weit ging. Ge­wiss ist ›an­ni­hi­liert‹ das rich­ti­ge Wort, es han­delt sich um eine ri­tu­el­le Hin­rich­tung ohne Wenn und Aber, ohne vor­an­ge­gan­ge­ne Es­ka­la­ti­on und an­schlie­ßen­de Aus­le­gung des Ge­sche­he­nen. Blitz­ar­tig sieht sich der gute Mann unter das ge­mei­ne Volk zu­rück­ge­stuft, ohne wei­te­re Fol­gen üb­ri­gens, aber wirk­sam.

Ihm, Hiero, ist so etwas bis­her er­spart ge­blie­ben. Nicht aus­zu­den­ken, was in so einem Fall ge­schä­he. Kampf­los würde er nicht wei­chen, so­viel ist si­cher. Ein­mal nur fühl­te er sich ver­dammt nah dran, auch wenn er sich da­mals nicht äu­ßer­te. Das war, als er im ab­ge­schot­te­ten Zwie­ge­spräch – sie roll­ten im Fond eines Wa­gens ir­gend­ei­ner Feier ent­ge­gen – auf einen Freund aus Tü­bin­ger Tagen zu spre­chen kam, den sie Ingo Ha nann­ten, was ei­ner­seits bes­ser als H-Punkt klang, an­de­rer­seits einen Über­schuss dar­stell­te und seine all­ge­mei­ne Be­liebt­heit zum Aus­druck brach­te. Ingo ist ein paar Jahre älter als er, ent­schei­den­de Jahre, es geht ihm nicht gut, er tin­gelt von Uni­ver­si­tät zu Uni­ver­si­tät, von einer Se­mes­ter­an­stel­lung zur nächs­ten, stopft mit der Hoff­nung auf ein For­schungs­sti­pen­di­um oder – höchs­tes Glück! – eine Lehr­stuhl­ver­tre­tung die rea­len Lö­cher sei­nes holp­ri­gen Le­bens­pfads, wäh­rend Re­gi­ne, die we­ni­ger am­bi­tio­nier­te, wohl auch we­ni­ger in­tel­lek­tu­el­le, aber of­fen­bar ge­frag­te­re Freun­din mit einer glanz­lo­sen An­stel­lung an einer die­ser schreck­li­chen Neu­grün­dun­gen auf eher un­auf­fäl­li­ge Weise für den Le­bens­un­ter­halt sorgt. Ihn also er­wähn­te er, nicht, weil er ihn damit ins Ge­spräch brin­gen woll­te – ein ge­fähr­li­ches, ge­ra­de­zu hals­bre­che­ri­sches Un­ter­fan­gen! –, son­dern weil ein sim­ples Stück Er­in­ne­rung ihn in die­sem Mo­ment dazu be­wo­gen hatte. Kä­rich stutz­te, of­fen­sicht­lich sorg­te der Name für Nach­hall, Nase und Fin­ger­spit­ze wan­der­ten syn­chron auf el­lip­ti­schen Bah­nen nach vorn, wider Er­war­ten blieb die Stim­me ruhig:

  • ―Guter Mann. Je­den­falls war er das mal. Scha­de drum. Seine Habil ist ja jetzt pu­bli­ziert. Reine Do­xo­gra­phie. Reine Do­xo­gra­phie!

Die Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift, vulgo ›Habil‹, ist das Maß aller Dinge, zu­min­dest in Kä­richs ge­gen­wär­ti­gem Uni­ver­sum. Sie ent­schei­det dar­über, wer einer ist, ob er über­haupt einer ist, ihr Er­schei­nen be­deu­tet Sieg und Ein­tritt in den här­tes­ten Wett­be­werb, die Jagd nach dem Ruf. Der mög­li­che oder un­aus­weich­li­che Ruf ist im Kreis immer ge­gen­wär­tig, das Wort be­zeich­net die Säu­len des Her­ku­les, hin­ter denen das Mare in­fi­ni­tum be­ginnt, die hohe See be­fremd­li­cher Ge­nüs­se und schau­dernd er­zähl­ter Schiff­brü­che. Eike, nach wie vor in seine Lek­tü­re ver­tieft, ist der Spross eines aus­ge­blie­be­nen Rufs, ein ge­brann­tes Kind. Jedes Buch, das ihm zwi­schen die kur­zen, der­ben Fin­ger gerät, ge­winnt unter der Hand Ähn­lich­keit mit dem vä­ter­li­chen Skalp und muss sich, statt durch die Kraft und Anmut sei­ner Ge­dan­ken zu wir­ken, einen Ka­ta­log von Fra­gen über die mensch­li­chen Kos­ten ge­fal­len las­sen, die bei sei­ner Her­stel­lung an­fie­len, das Leid der be­tei­lig­ten Frau­en und Kin­der wächst mit jeder Lek­tü­re, ein lust­voll be­mal­ter Ab­grund.

Hiero glaubt dem Freund kein Wort. Aber der Af­fekt ist schön, das muss man an­er­ken­nen, nicht un­ge­fähr­lich, wie sich in den end­lo­sen Ge­sprä­chen über Pro­mo­ti­on und Kar­rie­re zeigt, wo Eike eine harte Linie fährt und die mo­ra­li­sche Ver­derb­nis der In­tel­lek­tu­el­len gei­ßelt, die ein ein­ge­bil­de­tes Ge­mein­wohl über das Wohl der Fa­mi­lie und der per­sön­li­chen Um­ge­bung stel­len, weil sie auf diese Weise freie Hand be­kom­men, ihren ego­is­ti­schen Mo­ti­ven zu fol­gen und dem Lust­prin­zip zu frö­nen. Die­ses Wort ›frö­nen‹ ist Hiero auf­fäl­lig, er kennt sonst nie­man­den, der es be­nützt. Eikes Rede ver­leiht ihm etwas Schar­fes, Höh­ni­sches. In Hie­ros Ein­bil­dung ver­bin­det es sich mit dem Bild eines äl­te­ren spitz­bär­ti­gen Men­schen, der sein Leben hart­nä­ckig der Lust ver­schrie­ben hat und, in ir­gend­ei­ner kom­pli­zier­ten tech­ni­schen Ap­pa­ra­tur ver­an­kert, über einem an­ony­men Frau­en­kör­per schwebt, der sich auf jede er­denk­li­che Weise dar­bie­tet und ent­zieht.

›Schu­le‹ hin­ge­gen, das Leh­rer­da­sein, die große Al­ter­na­ti­ve nach Ab­schluss des Stu­di­ums, be­deu­tet Nähe, Fa­mi­lie, Mensch­lich­keit, Ar­beit an jun­gen Men­schen, sinn­haf­tes Tun, ver­gleich­bar dem eines Chir­ur­gen oder Der­ma­to­lo­gen. Warum? Ehr­lich ge­sagt, Hiero weiß es nicht, will es viel­leicht auch nicht wis­sen. Die Ar­gu­men­te der an­de­ren leuch­ten ihm nicht ein, ihm will schei­nen, die Tat­sa­che, dass man sich nach Schu­le nicht stre­cken muss, dass man, je­den­falls zur Zeit noch, ein An­recht dar­auf hat, als Re­fe­ren­dar ›über­nom­men‹ (sic!) zu wer­den, wenn es so­weit ist und die Leis­tun­gen stim­men, zeich­net die­je­ni­gen, die sich dem Sys­tem über­las­sen, nicht we­ni­ger als Pri­vi­le­gier­te aus als ir­gend­ei­ne Kar­rie­re. Kommt er auf die­sen Punkt zu spre­chen, dann wird Eike ganz ruhig und Pw schal­tet sich ein: mit der Ein­stel­lung könne er na­tür­lich in den Busch gehen, was immer eine Lö­sung dar­stel­le – an die­ser Stel­le steckt er den Fin­ger in die Bier­fla­sche und zieht ihn mit einem Plopp wie­der her­aus –, schon sein Stu­di­um könne er ›mal ruhig‹ ver­ges­sen, das sei doch das reins­te Pri­vi­le­gi­en­we­sen.

  • ―Ich habe nichts gegen Pri­vi­le­gi­en, ruft Hiero leicht er­regt. Es geht, wie so oft, gegen zwölf Uhr mit­tags, sie hän­gen in An­tons zen­tral ge­le­ge­ner Bude herum, einer nach dem an­de­ren sind sie her­ein­ge­tröp­felt, um sich für den Men­sa­gang zu sam­meln. Anton sor­tiert in ko­mi­scher Ver­zweif­lung die Pa­pers, deren Lek­tü­re er sich für heute vor­mit­tag vor­ge­nom­men hat, ge­hor­sam über­lässt er sie Pws Hän­den, der sie rasch durch­blät­tert und mit staats­män­ni­scher Miene zu­rück­er­stat­tet:

  • ―Gutes Ma­te­ri­al, was? Wir reden heut nach­mit­tag drü­ber.

Anton seufzt, dann wird er mun­ter:

  • ―Pri­vi­le­gi­en, ja! Wer hat hier Pri­vi­le­gi­en? Kann mir einer was davon ab­ge­ben?

Alle lä­cheln, er ist der Pri­vi­le­gier­tes­te von allen, sein Vater, prak­ti­zie­ren­der Land­arzt, wirft keine Le­gi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me auf, er selbst will nichts wer­den – be­tont: nichts! –, er stu­diert, um ›diese Sache mit Gott‹ für sich zu klä­ren, er kommt aus einem re­li­giö­sen Mi­lieu.

  • ―Wie wird man nichts, fragt ihn Hiero manch­mal, er würde das gerne klä­ren, aber die Frage ver­fängt nicht. Anton, ein kräf­ti­ger Mann, der sie alle – rein kör­per­lich – an den Schau­spie­ler John Wayne er­in­nert, bleibt auf­ge­räumt, das ent­spricht sei­nem Na­tu­rell. Gäbe es da nicht diese Sache mit Gott, man könn­te ihn für einen harm­lo­sen In­ge­nieur­stu­den­ten hal­ten, so wie seine bei­den Ei­fel-Cou­sins, die ein­mal pro Se­mes­ter, eine Fuhre Bier­käs­ten im Ge­päck, für die Dauer eines Nach­mit­tags und einer durch­zech­ten Nacht bei ihm auf­tau­chen. Hiero hat sie ge­se­hen: zwei fröh­li­che Jungs auf dem Weg in die Frei­zeit­ge­sell­schaft, es hat ihn ge­schüt­telt.

  • ―Reine Do­xo­gra­phie!

Kä­rich kräht das Wort über die Plat­te hin­weg, er hat das Un­ter­hemd ab­ge­legt, um den Schweiß­fluss zu kon­trol­lie­ren, Pw führt und nützt die Ge­le­gen­heit, um an­der­wei­tig Punk­te zu sam­meln. In sei­ner Miene trei­ben stu­den­ti­sche Be­mü­hung und echte Be­sorg­nis, die Welt könne einen fal­schen Gang gehen, weil Spi­no­za 2-43 noch immer nicht in sei­ner ar­gu­men­ta­ti­ven Bri­sanz er­kannt wor­den sei, mit­ein­an­der Scha­ber­nack. Die do­xo­gra­phi­sche Klip­pe ist nicht so leicht zu um­schif­fen, das wis­sen alle, die in Kä­richs Bann­kreis vor­an­kom­men wol­len. Sie ist, um die Wahr­heit zu sagen, im Dunst der Ar­gu­men­te kaum zu er­ken­nen; wenn sogar eine in den ein­schlä­gi­gen Or­ga­nen bei­fäl­lig be­spro­che­ne Spi­no­za-In­ter­pre­ta­ti­on in den Stru­del gerät und Ge­fahr läuft, an der Plat­te zer­schmet­tert zu wer­den, dann lässt sich mit An­stel­lig­keit kaum etwas be­wir­ken, dann be­darf es schon eines phi­lo­so­phi­schen Ba­sis­blicks. Man hat ihn oder auch nicht. Pw, des­sen ist sich Hiero si­cher, be­sitzt davon nicht die Spur. Selt­sa­mer­wei­se ver­leiht ihm das diese er­staun­li­che Leich­tig­keit, mit der er schon ein­mal selbst das Schwert führt oder sich als Schild­knap­pe ein­führt wie jetzt, da er mit sei­ner so­nors­ten Stim­me, in der leich­te Ein­la­ge­run­gen von Nach­denk­lich­keit zu er­ken­nen sind, zu­rück­gibt:

  • ―Das denke ich auch. Das Pro­blem ist, dass es bei die­sem Autor kei­nen Un­ter­schied macht.

Das war kühn, sehr kühn sogar, doch Kä­rich hält mit:

  • ―Neben Spi­no­za ist alles Doxa.

Hiero fühlt eine leise Läh­mung in sich auf­stei­gen: Soll­te das wahr sein (er kennt Kä­richs Un­er­bitt­lich­keit in die­ser Frage), dann wäre es wirk­lich ab­surd, das Fach wei­ter zu stu­die­ren. Er könn­te sich ge­nau­so­gut bei den His­to­ri­kern durchoch­sen. Am bes­ten Mit­tel­al­ter. Bei der gäh­nen­den Leere in den dor­ti­gen Se­mi­na­ren – von den Köp­fen nicht zu reden – hätte er den Ruf prak­tisch schon in der Ta­sche.

Anton, der ge­ra­de her­ein­schlen­dert, hat es da leich­ter: einen Mi­lieu­scha­den re­pa­rie­ren be­deu­tet eine the­ra­peu­ti­sche An­stren­gung dies­seits von doxa und epistēme, von ›bloß his­to­risch‹ und ›sys­te­ma­tisch‹, er ist der ein­zi­ge in der Runde, der über Kä­richs Sprü­che la­chen kann, den an­de­ren bleibt das La­chen im Halse ste­cken. Lä­chelnd sucht er den Blick­kon­takt zu Hiero und stellt sich neben Eike, der sein Buch zu­klappt. Die bei­den reden leise mit­ein­an­der, es sieht aus, als woll­ten sie ver­schwin­den, doch dann hebt sich ihr Blick. Anton, das merkt Hiero, macht sich be­reit. Sehr vor­sich­tig schau­felt Pw den Ball in die Rich­tung zu­rück, aus der er ge­flo­gen kommt, er will den so­eben er­wor­be­nen Vor­teil nicht leicht­fer­tig aufs Spiel set­zen. Seine ge­spann­te Hand er­in­nert an eine Krake, die Vor­stel­lung ist un­fair, aber nicht zu ent­fer­nen. Kä­rich scheint das In­ter­es­se am Spiel ver­lo­ren zu haben. Seine Sprints wir­ken me­cha­nisch, der Blick ruht innen, er hat, ehr­lich ge­sagt, keine Chan­ce mehr und ent­wer­tet vor­sich­tig das, was noch kommt. So ma­chen’s alle. Warum liegt dann alles, was er tut, wie unter einem Ver­grö­ße­rungs­glas? Hiero weiß es nicht, er will, dass er es nicht weiß, daran hält er sich. Es hat nichts zu be­deu­ten, wäre es an­ders, so wäre in der Tat ›alles Doxa‹, so­viel ist ihm be­wusst. Das an­de­re... es liegt zu­ta­ge, aber es feh­len die Wör­ter. Es ist auch nicht dun­kel, sonst könn­te es durch eine ge­eig­ne­te Ge­dan­ken­ope­ra­ti­on ans Licht ge­ho­ben wer­den. Es liegt aber schon oben­auf, es ist hell, klar, fast durch­sich­tig, in Pws Aus­ge­schla­fen­heit liegt es stär­ker zu­ta­ge als im dump­fen Un­ver­stand ir­gend­ei­nes Durch­schnitts­stu­den­ten, und wenn Eike sich ab­seits hält, dann liegt darin viel­leicht der stärks­te Tri­but... Ist das wahr? Soll­te das wahr sein?

Nun, was ihn selbst an­geht, er ist wach, hell­wach, in­so­fern allem ge­wach­sen, was da im Raum ste­hen mag. Viel­leicht ist diese Wach­heit selbst das Ver­grö­ße­rungs­glas, eine Ano­ma­lie im Auge des Be­trach­ters, das mag schon sein. Dass Kä­rich ein zu­tiefst un­be­deu­ten­der Mensch ist, davon hat er sich nicht erst über­zeu­gen müs­sen, das sprang ihn an, als er ihn zum ers­ten Mal nach Dass­lers Vor­le­sung sah. Selt­sam schon, ir­gend­wie ei­gen­ar­tig, diese Pi­noc­chio-Fi­gur neben der smar­ten Kühle des Cham­pi­ons, eine kühne Va­ri­an­te von Raf­fa­els Schu­le von Athen, in der die be­herrsch­te Figur des Schü­lers sich in den Leh­rer aller Klas­sen ver­wan­delt hatte, wäh­rend der völ­lig un­ma­jes­tä­ti­sche Fin­ger eines de­ran­gier­ten und schwa­dro­nie­ren­den Pla­ton – Kä­rich re­de­te un­ent­wegt auf Dass­ler ein, und es war, kein Zwei­fel, Phi­lo­so­phie, was aus sei­nem Munde ström­te – ver­ge­bens in alle Him­mels­rich­tun­gen zeig­te, außer nach oben, wie es sich doch ge­hört hätte.

Kä­richs Fuch­teln ist no­to­risch, es bricht aus ihm her­aus, wo er geht und steht, so­bald er nur zu an­de­ren Wesen in Kon­takt tritt. Manch­mal muss sich Hiero ein La­chen ver­bei­ßen, spä­tes­tens wenn er ihn unter dem spär­lich in­ter­es­sier­ten Blick einer als Stu­den­tin ver­klei­de­ten Bett­mie­ze zur Höchst­form auf­lau­fen sieht. Un­emp­find­lich den Mit­men­schen ge­gen­über ist Kä­rich nicht, im Ge­gen­teil, alles stei­gert seine Fre­quenz, bis der an­de­re aus­steigt, bis er aus­stei­gen muss, weil ihm vom blo­ßen Hin­se­hen schwind­lig wird.

Kä­richs Ha­bichtsau­ge hat die Be­we­gung am Rande er­fasst, er streckt den Fin­ger, be­stimmt Anton zum nächs­ten Geg­ner. Hiero kennt die Be­we­gung. Mit ihr wird im Se­mi­nar die Rei­hen­fol­ge der Pro­to­kol­lan­ten ver­fügt. Kä­rich hat das Ri­tu­al von Dass­ler über­nom­men, er ge­nießt es wie einen se­xu­el­len Ex­zess. An­tons Theo­lo­gen­la­chen flammt auf und ver­glimmt, einer bren­nen­den Zi­ga­ret­te gleich tritt er es aus. Und er tritt an. Mit schlur­fen­dem Gang nä­hert er sich der Plat­te, wirft einen Späh­blick hin­über, wo Kä­rich in ge­spann­ter Auf­merk­sam­keit war­tet, wiegt den Ball, die­ses Fe­der­ge­wicht, in der Hand, lässt ihn auf dem Hand­tel­ler rol­len, hin und her, rund­her­um, ra­scher, ein irrer Krei­sel, die schau­keln­de, krei­sen­de Be­we­gung der Hand spricht von ma­gi­schen Kräf­ten, die, ein­mal auf­ge­ru­fen, nicht mehr so leicht zu ban­nen sind. Der Ball saust über die Fin­ger­kup­pe, hüpft auf der Plat­te, ein­mal, zwei­mal, springt auf den Boden, nack­ter Beton, die Hand greift nach unten, schau­felt ihn wie­der her­auf, lässt ihn wei­ter krei­sen. Anton legt Ball und Schlä­ger (wo kommt der plötz­lich her?) ne­ben­ein­an­der auf die Plat­te und ent­le­digt sich des Pull­overs – das alles unter dem Ha­bichts­blick Kä­richs, der mit dem rech­ten Hand­rü­cken über den Mund fährt und an der Lippe zu nagen be­ginnt. Anton knöpft das Hemd auf, zur Hälf­te etwa, dann be­sinnt er sich und schließt einen Knopf. Dafür krem­pelt er, lang­sam, be­harr­lich, die Ärmel hoch. Die Ober­ar­me sind, wie die Brust, dicht be­haart, schwarz rin­gelt es sich unter dem Hemd­weiß her­vor. Hiero be­trach­tet es mit ge­misch­ten Ge­füh­len.

Wenn Anton lacht, wird es ernst. Das mag an der wohl­trai­nier­ten Mus­ku­la­tur lie­gen, die bis in die Fes­tig­keit des Blicks reicht, aber es ist mehr. Er meint es ernst. Doxa pur so­zu­sa­gen. Im Au­gen­blick be­schränkt er sich auf ein me­cha­ni­sches Lä­cheln. Kä­rich pen­delt, der Auf­schlag trifft ihn völ­lig un­vor­be­rei­tet. Ver­dutzt starrt er auf sei­nen Schlä­ger, als habe der ihm gleich beim ers­ten Ren­dez­vous einen Korb ge­ge­ben. Zu Un­recht: es war nicht der Schlä­ger, es war die Hand. Was Anton hier ab­zieht, liegt klar un­ter­halb von Kä­richs Re­ak­ti­ons­zeit. Er re­agiert dar­auf wie die meis­ten Män­ner die­ser Welt – mit Wut. Anton, der fröh­lich ent­spann­te, hütet sich zu la­chen. Der dort, das weiß er, will ihn ›pa­cken‹. Das wird schwie­rig wer­den, aber zu Kä­richs Spe­zia­li­tä­ten zählt auch, blitz­schnell die Ebene der Aus­ein­an­der­set­zung zu wech­seln, so­bald es brenz­lig wird. An­de­re mögen das un­fair nen­nen, um­sonst, es ist die Rea­li­tät des mensch­li­chen Dschun­gels, an der schon so man­che Groß­kat­ze ver­blu­te­te, man muss sich ihr stel­len. Hiero sieht und hört, er weiß aus ei­ge­ner Er­fah­rung, was An­tons Spiel­wei­se an­rich­tet. Dass er sich auf Kä­richs Fin­ten über­haupt ein­lässt, wun­dert ihn und lässt ihn ein biss­chen rat­los bli­cken.

  • ―Sie lesen Kier­ke­gaard?

Das kommt prompt, an­stel­le des Balls, Anton lä­chelt ge­schmei­dig, ein wenig fus­se­lig, als wolle er sagen: Kön­nen wir das nicht auf nach­her ver­schie­ben, aber die­ser Ein­druck ist weg­ge­bla­sen, als er den Mund auf­tut.

  • ―Ja, das kann man so sagen. Schon, ja, ich glau­be schon.

Hier stehe ich, ich kann nicht an­ders.

  • ―Reine Zeit­ver­schwen­dung, quäkt die krebs­ro­te Kampf­ma­schi­ne. Warum ma­chen Sie das?

An­tons Lä­cheln ist wie weg­ge­bla­sen.

  • ―Wenn ich das wüss­te! Das ist es ja. Ich kann nicht auf­hö­ren, so­lan­ge ich es nicht weiß.

Guter Kon­ter, lei­der nicht gut genug.

  • ―Sie wer­den nichts fin­den. Wenn ich Ihnen das sagen darf: Sie wer­den Ihre Zeit ver­geu­det haben und Ihr Brot mit Trä­nen am Fuß der Klas­si­ker essen.

  • ―Sie mei­nen Hegel?
  • ―Hegel, zum Bei­spiel. Hegel auch, ja. Kier­ke­gaard ist eine Fuß­no­te, nicht ein­mal das, ein Halb­satz. Kom­men Sie in mein Se­mi­nar, dort ler­nen Sie den Ur­text ken­nen.

Das war wirk­lich schwach. Anton blickt er­staunt hoch, seine Stim­me fus­selt:

  • ―Den Ur­text? Was ist denn das?
  • ―Das wis­sen Sie nicht?

Kä­rich jagt den Ball ins un­er­reich­ba­re Eck.

  • ―›Nur drun­ter / wech­seln die Mün­der.‹ Ken­nen Sie das? Nein? Spä­ter Rilke. Liest kei­ner. Das mit der Stim­me ist Quatsch, Phi­lo­so­phie hat es nicht mit der Stim­me zu tun, son­dern mit dem Text. Spi­no­za: Ethik. Hegel: Logik. Mer­leau-Pon­ty: ganz nett. Ge­hö­ren Sie auch zu denen, die Witt­gen­stein für Phi­lo­so­phie hal­ten?

Der An­griff rollt, Kä­rich ist nicht zu stop­pen, Anton ver­schlägt Ball um Ball. Er kne­tet den Schlä­ger, be­trach­tet ihn ein­ge­hend, wir­belt ihn durch die Luft, kon­trol­liert den Griff, sein Auf­schlag hat Kraft wie sel­ten, aber – er kommt nicht.

  • ―Ich habe mir schon über­legt, ob ich nicht mit Sein und Zeit an­fan­gen soll. Tut mir leid, aber in dem Se­mes­ter wird nichts dazu an­ge­bo­ten.
  • Sein und Zeit?

Kä­rich rich­tet sich auf.

  • ―Sag­ten Sie Sein und Zeit? Mein­ten Sie Sein und Zeit? – Mein Herr, ich glau­be, unser Spiel ist so­eben zu Ende ge­gan­gen. Ab­bruch, Ka­bi­ne, wer reicht mir ein Hand­tuch?

Pw ist zur Stel­le, weiß der Him­mel, aus wel­chem Win­kel sei­ner Se­mi­nar­ta­sche er das Ding her­vor­ge­zo­gen hat.

Es be­ginnt bei den Namen. ›Name drop­ping‹ heißt das Spiel und sie la­chen dar­über, das be­herrscht auch Hiero, er brach­te es schon aus Tü­bin­gen mit. Selbst­ver­ständ­lich ste­hen die Namen für etwas. Aber für was? Das ist ein Ge­heim­nis, in das einen kei­ner ein­führt, ob­wohl es doch auf der Hand liegt. Sie ste­hen für den Autor – kein Wesen aus Fleisch und Blut, son­dern eines, der sich ent­we­der be­reits rest­los in all die Bü­cher ver­wan­delt hat, auf denen sein Name prangt, oder, falls es noch lebt, die Aus­sicht auf neue, un­er­war­te­te Titel schürt. Manch­mal steht ein Name auch für einen ein­zi­gen Titel und man selbst steht ganz schön im Regen, wenn man das nicht weiß und die für teu­res Geld an­ge­schaff­ten, aber lei­der fal­schen Schrif­ten mit wach­sen­dem En­thu­si­as­mus stu­diert, um am Ende mit einem Satz oder einem Stirn­run­zeln im Krei­se der an­de­ren ent­zau­bert zu wer­den. Lesen auf ei­ge­ne Faust, das weiß Hiero, wird von einem Stu­den­ten nicht er­war­tet. Er soll Kennt­nis zei­gen, nicht Kennt­nis­se – Kennt­nis der Texte, die als Se­mi­nar­tex­te im Um­lauf sind oder – so etwas zeich­net den guten Mann aus – für eines der kom­men­den Se­mes­ter er­wo­gen wer­den. Im Grun­de also eine öde Pau­ke­rei, bei der die rich­ti­ge Adres­sie­rung rasch zur Haupt­sa­che wird. Bei­spiel Witt­gen­stein: ein ab­sei­ti­ger Den­ker und Homo me­lan­cho­li­cus, des­sen immer wie­der die Gren­ze zum Skur­ri­len über­schrei­ten­de Hin­ter­las­sen­schaft von mäch­ti­gen Cli­quen ins Zen­trum der aka­de­mi­schen Auf­merk­sam­keit ge­scho­ben wurde. Im Se­mi­n­ar­be­trieb zir­ku­lie­ren zwei Witt­gen­stein – wehe dem schwach­köp­fi­gen Stu­den­ten, der bei Kä­rich, der sich in ver­söhn­li­che­ren Mo­men­ten durch­aus mit dem Trac­ta­tus ab­fin­den kann, eine in­ti­me­re Kennt­nis der Phi­lo­so­phi­schen Un­ter­su­chun­gen ver­rät –

Da ste­hen sie ne­ben­ein­an­der, Kä­rich und Anton, jeder ein Fla­sche Bier in der Hand, und pros­ten sich zu. Kä­rich stellt seine Fla­sche ab, be­ginnt sich zu krat­zen, hier, da, dort, das kann dau­ern, Anton redet, Hiero ver­steht kein Wort, aber Kä­rich scheint zu­zu­hö­ren, hin und wie­der wirft er einen Bro­cken ein. Pw und Eike trak­tie­ren die Plat­te, immer schön um die ab­ge­stell­te Fla­sche herum. Sie üben Schnib­beln, manch­mal knallt ein Ball un­ver­mit­telt ins Netz, man fragt sich, wel­che Kraft hin­ter den Plän­ke­lei­en steckt und warum. Kä­rich, ab­we­sen­den Blicks, langt nach der Fla­sche, zieht sich mit Anton ins ent­fern­te Ecke zu­rück, halb unter das Kel­ler­fens­ter, hin­ter dem man hin und wie­der ein paar Ho­sen­bei­ne vor­bei­wan­dern sieht. Gern würde Hiero jetzt wis­sen, wor­über die bei­den spre­chen, viel­leicht er­fährt er’s ja spä­ter. Ge­sprä­che mit Do­zen­ten wer­den im Kreis haar­klein, Wort für Wort, wei­ter er­zählt.

Und sie keh­ren zu­rück. Jeder in seine Ge­dan­ken ver­lo­ren, wie Fach­ar­bei­ter, die nach einer be­trieb­li­chen Stö­rung wie­der ihre Plät­ze ein­neh­men. Pw und Eike, eben noch im Be­sitz des Balls, sehen sich rüde ver­drängt, ver­drü­cken sich, Eike lässt sei­nen Schlä­ger auf der Plat­te zu­rück.

Auf­schlag, Aus.

  • ―Bre­mer, Sie sind ein Schwach­kopf, tönt es aus Kä­richs Ecke.
  • ―Fragt sich, woher einer das weiß, kon­tert Anton ge­las­sen. Sie spie­len, so scheint es, um Buch­sta­ben. B or K, that is the ques­ti­on. Ein schö­nes Spiel, kurz und has­tig vom einen, mit wuch­ti­gen Schmet­ter­bäl­len vom an­de­ren ge­führt, kei­ner reizt die Lage aus, statt­des­sen par­lie­ren sie, wie es die Si­tua­ti­on zu­lässt.
  • ―Ich hab mit Ador­no so meine Schwie­rig­kei­ten. Wenn er zum Bei­spiel be­haup­tet, Kier­ke­gaard...
  • ―Mit Teddy haben alle Schwie­rig­kei­ten. Wun­dert Sie das? Ver­zei­hung, dann sind Sie naiv. Die Frage ist doch, ob der über­haupt eine Zeile Kier­ke­gaard ge­le­sen hat. Un­be­ant­wort­bar, un-be-ant­wort­bar. Lei­der, wenn Sie mich fra­gen, denn ich sage: nein. Viel­leicht das Ta­ge­buch. Ador­no ist ein Ver­su­cher, die Af­fi­ni­tä­ten wird er ge­se­hen haben. Aber das wars dann...
  • ―Also - An­tons Stim­me flat­tert, er hat das Ohr des Schlie­ßers ge­fun­den (er also auch!) – schräg fand ich ja zum Bei­spiel den Satz im Kier­ke­gaard-Buch, die Wahr­heit nehme die stei­gen­den Säfte der Dia­lek­tik nicht auf, son­dern werde ›end­lich‹ – der Fin­ger geht hoch, um das nun wirk­lich etwas merk­wür­di­ge, um nicht zu sagen ko­mi­sche Zitat an­zu­zei­gen, was Kä­rich has­tig zu einem Schlag ins rech­te Eck aus­nützt – dem ziel­lo­sen Wach­sen des Bau­mes ›zu­ge­bil­ligt‹. Das habe ich auch, ehr­lich ge­sagt, nicht ganz ver­stan­den.
  • ―Das ver­steht man auch nicht, das weiß man. Ge­ne­sis drei-sie­ben. Da haben Sie Ihren Ver­su­cher. Mehr? ›Zu­ge­bil­ligt‹, enor­mes Wort­spiel! Jetzt Teddy. Gehen Sie zum – plopp – Dis­coun­ter, sehen Sie sich an, wie die Haus­frau­en unter dem Ge­du­del die­ser un­säg­li­chen Pop­schei­ße an den voll­ge­stopf­ten Re­ga­len vor­bei­de­fi­lie­ren und – plopp – ihre Ein­kaufs­wa­gen mit kon­zen­trier­tem Müll fül­len. Die wis­sen, was sie wol­len. Be­scheid­wis­sen, das-ist-Be­scheid­wis­sen. Da haben Sie den-Ge­schmack-der-Wahr­heit. Aber – Kä­rich hech­tet – diese Wahr­heit schmeckt-nach-nichts. Je­den­falls meint das Kier­ke­gaard. – Plopp.
  • ―Meint Ador­no. – Plopp.
  • ―Wer das wüss­te. Ge­schmack­los, mein Herr – Auf­schlag, ge­schickt ser­viert –, ge­schmack­los, da ist was dran. Teddy ist ein Stüm­per. ›Ziel­lo­ses Wach­sen‹, ab­surd. Der Mann hatte keine Ah­nung. Keine Ah­nung.

Er tän­zelt.

  • ―Naja, las­sen wir dem Teddy seine Eier.

Der Kon­ter rollt.

Die ei­ge­ne Haut
9
Hiero: Figur 1
Sys­tem­fra­gen

Was Kä­rich sagt, ist nicht leicht zu er­grün­den. Er redet den gan­zen Tag, er redet in sei­nen Se­mi­na­ren, er redet in Dass­lers Se­mi­na­ren, die er als As­sis­tent pflicht­schul­digst be­treut, er redet vor ihnen, er redet nach ihnen, manch­mal sieht man ihn noch eine Stun­de spä­ter neben dem Tisch in der ers­ten Reihe ges­ti­ku­lie­ren, wenn man sich im Raum ge­irrt hat, und abends, im Gol­de­nen Pfau, redet er so­wie­so. Er ist ein guter Leh­rer, er kann die schwie­rigs­ten Texte er­klä­ren, seine Rede lässt kei­nen Pro­se­mi­na­ris­ten ver­hun­gern, die Ein­füh­rung in phi­lo­so­phi­sche Pro­blem­la­gen ist seine Stär­ke. Das un­ter­schei­det ihn vom rest­li­chen Mit­tel­bau, der teils in öder Das-las­sen-wir-jetzt-da­hin­ge­stellt-sein-Ma­nier oder aus der rhe­to­ri­schen Über­trump­fung der Ori­gi­na­le seine Fes­tig­keit ge­winnt. Die we­ni­gen Stu­den­tin­nen, die sich ins Fach ver­ir­ren, haben auf­fal­lend viele Pro­ble­me, deren ver­ba­le Lö­sung sie ihm über­las­sen, er macht das gut. Er redet, doch was er sagt, bleibt um­wölkt, es lis­pelt kaum hör­bar zwi­schen den mar­ki­gen Ur­tei­len, mit denen er seine Her­kunft aus wis­sen­schaft­lich be­gü­ter­tem Haus in Szene setzt, sein phi­lo­so­phi­sches ›In-Sein‹. Er ist der Tor­wäch­ter zwi­schen Drin­nen und Drau­ßen. Als sol­chen be­nützt ihn Dass­ler – ge­macht hat ihn dazu ein an­de­rer. Denen, die das Tor pas­sie­ren dür­fen, schreibt er sich durch Ges­ten ins Ge­dächt­nis, die, wie die ze­re­mo­ni­el­le Ver­sen­kung des Se­mi­nar­ex­em­plars der He­gel­schen Logik, ein wenig gaga sind, aber eben nur ein wenig. Sie wir­ken durch die klei­ne Über­schrei­tung der se­mi­na­ri­el­len Bräu­che, der aber keine große folgt, son­dern, im Ge­gen­teil, die große Brav­heit, also durch Lei­den. Die­ses Lei­den hat ihm peu à peu die ge­rö­te­te Nase zu­ge­schanzt, die wie ein Scherz­ar­ti­kel die Mitte sei­nes Ge­sichts be­deckt. In­wie­weit die Ham­pe­lei zu den Wir­kun­gen oder Ur­sa­chen des gut be­hü­te­ten De­sas­ters zählt, ist nicht zu er­grün­den. Viel­leicht doch, denn wenn Pi­noc­chio durch Pfüt­zen rennt und ihm ein Bein ent­zwei­bricht, dann zeigt sich zwar, aus wel­chem Holz er ge­schnitzt ist, aber das Höl­zer­ne sei­ner We­sens­art liegt dem, was sich da zeigt, be­reits vor­aus: Birne oder Apfel, das bleibt sich gleich, es ist, wie Kä­rich es aus­drü­cken würde, voll­kom­men ir­re­le­vant, Be­to­nung auf ›irre‹, nicht zu knapp. Im üb­ri­gen ge­hört er zum Ap­fel-Ty­pus, er ist einer von der Sorte, die nicht weit vom Stamm fällt, dort aber nicht lie­gen bleibt, son­dern ein­ge­steckt und un­ter­wegs von einem grö­ße­ren Ap­pe­tit ein­ver­leibt wird. Was zu­rück­bleibt, ist der Grips – so nennt man das wohl, denkt Hiero, hihi –, der nicht ge­nos­sen, son­dern ent­sorgt wer­den will – ent- oder versorgt, das kommt in aka­de­mi­schen Brei­ten fast auf das­sel­be hin­aus, fast, denn ein klei­ner mör­de­ri­scher Un­ter­schied bleibt.

Und so ist das Pro­blem, das Kä­rich, ein Grips in einer Holz­fi­gur, auf­wirft, das Ver­sor­gungs­pro­blem. Das Pro­blem ist älter als er, er hat es nicht er­fun­den, er stellt es nur dar, er ist eine Re­prä­sen­ta­ti­on. Nicht für das Gros der Stu­den­ten, das ah­nungs­los Se­mi­na­re be­sucht, in denen Spi­no­za und Jerry Lewis es mit­ein­an­der trei­ben, anal, wie es sich ge­hört, recte und verso, ein kost­ba­rer Pa­lim­psest, dar­über lässt sich gut schä­kern. Wenn sie sei­nen Be­we­gun­gen fol­gen und den put­zi­gen Wort­sa­lat frisch, wie er den Lip­pen ent­fällt, zur häus­li­chen Wei­ter­ver­ar­bei­tung in die eil­fer­tig auf­ge­schla­ge­nen Pa­pier­be­hält­nis­se sam­meln, dann spie­gelt sich in ihren Augen eine an­de­re Stell­ver­tre­tung. Hiero kennt sie gut, er fühlt Neid auf­stei­gen, er liest die Be­reit­schaft in den Bli­cken der jun­gen Frau­en, die Dinge auf­zu­neh­men, wie sie von dort kom­men, so wie er die näm­li­che Be­reit­schaft in den Bli­cken der männ­li­chen Kom­mi­li­to­nen liest. In sol­chen Mo­men­ten ver­dun­kelt sich das dort vorn für ihn fast bis zur Schwär­ze. Er weiß, der Glanz ist ver­lie­hen, der Ver­lei­her hält sich im Hin­ter­grund, bleibt non-fi­gu­ral, aber er hält sich. Wenn die­ser, wenn ihr Kär­lich geht, wird... der nächs­te seine Stel­le ein­neh­men, das ist doch klar. Der Ver­lei­her bleibt, was sonst. Nichts wei­ter, könn­te man sagen, den­noch, da ist eine Un­klar­heit, eine win­zi­ge Un-... das Wort kommt nicht, es will nicht kom­men, sooft die Zunge es auch her­bei­schmeckt. Der dort wird es ge­we­sen sein, er wird es blei­ben. Er wird ge­we­sen sein. Schwer vor­stell­bar, die­ses zu­künf­ti­ge Ge­we­sen­sein. Er re­prä­sen­tiert das Sys­tem, das ist wahr. Phi­lo­so­phie ist kein Mas­sen­fach, die Wand­zei­tun­gen drin­gen sel­ten bis zu ihren The­men vor, aber es wird wohl wahr sein. Er re­prä­sen­tiert das Sys­tem. Anton wird nicht müde, dar­auf hin­zu­wei­sen, er be­kommt dabei einen bit­te­ren Aus­druck um die Mund­win­kel. Hiero re­gis­triert es be­lus­tigt.

  • ―Alle re­prä­sen­tie­ren das Sys­tem, sagt er dann, er sagt es ›phi­lo­so­phisch‹, also im Ton­fall der Über­le­gen­heit, so dass der an­de­re, der noch übt, die ei­ge­ne Rede rasch über­schlägt, um zu kon­trol­lie­ren, ob er sich einen ter­mi­no­lo­gi­schen Schnit­zer er­laubt hat.

Aber Anton lässt nicht lo­cker.

  • ―Klar, sagt er, die Aus­ge­beu­te­ten sind Teil des Sys­tems, sonst könn­te es sich nicht re­pro­du­zie­ren. Das weiß doch jeder. Ich habe etwas an­de­res ge­meint. Es gibt die pri­vi­le­gier­te und es gibt die un­ter­pri­vi­le­gier­te Seite des Sys­tems. Zum Bei­spie­le finde ich, dass die RAF-Leu­te zu den Pri­vi­le­gier­ten ge­hö­ren –
  • ―... und du meinst, die RAF re­prä­sen­tiert das Sys­tem? Das ist doch ab­surd.
  • ―Nicht ganz. Au­ßer­dem ist das kein Ein­wand, wenn das Sys­tem ab­surd ist.
  • ―Ich finde die­ses ganze Pri­vi­le­gier­ten-Ge­re­de pro­ble­ma­tisch. Wenn ich zum Bei­spiel mich nehme: klar, ich bin pri­vi­le­giert, ich bin hoch pri­vi­le­giert, das ist doch klar, das steht außer Frage. Warum? Weil ich der Sohn mei­nes Va­ters bin. Meine Ver­wand­ten hat man um­ge­bracht, aber ich habe die­sen Vater, dafür kann ich nichts, warum soll­te ich. Er hat dafür ge­sorgt, dass ich diese Aus­bil­dung ma­chen kann, ohne zu ar­bei­ten. Soll ich mir des­we­gen einen Kopf ma­chen? Ent­schul­di­ge, Eike…

Zwei Pri­vi­le­gier­te, Kopf über Hals, lä­cheln sich an -:

  • ―Klar bin ich pri­vi­le­giert. Die Un­ge­bo­re­nen, also die... – er sucht ein wenig – die gar nicht die Chan­ce hat­ten, pri­vi­le­giert oder un­ter­pri­vi­le­giert zu sein, weil man sie vor ihrer Ge­burt, nein, vor ihrer ... Kon­zep­ti­on...
  • ―Zeu­gung?
  • ―... Zeu­gung um­ge­bracht hat, sind die auch ein Teil des Sys­tems? Ir­gend­wie schon...
  • ―Das woll­te ich ge­ra­de sagen, ir­gend­wie schon, je­den­falls, so­weit das Sys­tem sie um­ge­bracht hat –
  • ―Das Sys­tem hat sie aber nicht um­ge­bracht, das waren Men­schen. Men­schen wie du und ich, nein, nicht wie du und ich, das las­sen wir mal außen vor. Es spielt auch keine Rolle. Wor­auf es an­kommt: Sind sie nun Teil des Sys­tems oder nicht? Aber es gibt sie doch gar nicht. Kann je­mand, den es nicht gibt, Teil eines Sys­tems sein?
  • ―Hm, viel­leicht soll­ten wir das mal Kä­rich fra­gen.
  • ―Ich kann dir sagen, was der dar­auf ant­wor­ten wird.
  • ―Das wäre?
  • ―Das, was er immer sagt.
  • ―Da muss ich wohl ge­ra­de ge­pennt haben. Was sagt er denn immer?
  • ―Das weiß ich auch nicht so genau, aber es läuft dar­auf hin­aus, dass die RAF-Ty­pen das Sys­tem gar nicht be­kämp­fen. Sie be­kämp­fen sich selbst.
  • ―Das ver­ste­he ich nicht. Was haben denn die RAF-Ty­pen mit den Un­ge­bo­re­nen zu tun?
  • ―Eben. Eben. Nichts, gar nichts. Sie exis­tie­ren! Sie sind da, ver­stehst du, und die an­de­ren sind nicht da. Wer nicht da ist, kann auch nichts in Frage stel­len. Man kann das Sys­tem in Frage stel­len, aber man kann es nicht be­kämp­fen. Es sei denn, man hat ein an­de­res, das ist eine an­de­re Sache. Aber wenn du nicht da bist, gibt es kein Sys­tem. Du bist ein­fach nicht da.

Anton rat­los.

  • ―Das ver­ste­he ich. Ja und?
  • ―Kein Und. Wer nicht da ist, kann das Sys­tem nicht be­kämp­fen. Er ist Teil des Sys­tems.
  • ―Aber das ist doch be­lie­big.
  • ―Klar ist das be­lie­big. Das gilt für jedes Sys­tem.
  • ―Also ge­hö­ren die RAF-Ty­pen jetzt zum Sys­tem oder nicht?
  • ―Klar ge­hö­ren sie dazu. Na­tür­lich ge­hö­ren sie zum Sys­tem. Au­ßer­dem sind es Mör­der­schwei­ne. Schon des­halb re­prä­sen­tie­ren sie auch das Sys­tem.

Kä­rich, das weiß Hiero, hätte die­sen Dia­log an­ders kon­zi­piert. Er hätte auf die Wur­zeln des mo­der­nen Ter­ro­ris­mus im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert hin­ge­wie­sen, auf Tur­gen­jew, Dos­to­je­w­ski so­wie­so, und dann wäre er zur Sache ge­kom­men. Die Dia­lek­tik der Auf­klä­rung be­ru­he auf einer gro­tes­ken Ver­wechs­lung von Den­ken und Sein – ›die üb­ri­gens schon bei Her­der zu be­ob­ach­ten ist, aus­gie­big von Kant kri­ti­siert, aber daran denkt na­tür­lich kei­ner‹ –, nur zu ver­ste­hen, wenn man die ›völ­li­ge Ah­nungs­lo­sig­keit‹ der bei­den Her­ren – Hork­hei­mer und Ador­no – im Hin­blick auf die An­fangs­grün­de der Dia­lek­tik in Rech­nung stellt:

  • ―Ich sage völ­li­ge Ah­nungs­lo­sig­keit, durch nichts zu recht­fer­ti­gen, hät­ten die bei­den lesen kön­nen, dann hätte der An­fang der He­gel­schen Logik ihnen ein Licht auf­ste­cken müs­sen.

Die­ser be­rühm­te An­fang bil­det die ge­heim­nis­vol­le Schwel­le, über die hin­weg man ins Al­ler­hei­ligs­te ge­langt. Dass­ler be­strei­tet seine halbe Vor­le­sung mit einer aus­gie­bi­gen Ana­ly­se der Ein­lei­tung. Auch kur­siert ein viel be­wun­der­ter Auf­satz von ihm über die­sen heik­len Ge­gen­stand. Zu sei­nem un­aus­ge­spro­chen blei­ben­den Leid­we­sen fin­det Hiero ihn noch dunk­ler als die zu in­ter­pre­tie­ren­den Sätze. Es fällt unter Kä­richs Haupt- und Staats-Ob­lie­gen­hei­ten, die Sätze des Meis­ters nach­zu­ar­bei­ten, ihnen eine Form und einen Schliff zu geben, die ge­eig­net sind, sie in Kopf und Gemüt der Stu­den­ten ein­zu­sen­ken, wäh­rend sie das Haupt­se­mi­nar ab­sol­vie­ren. Zu­ge­ge­ben, kei­ner kann das so schön wie er. Aber ver­stan­den, ver­stan­den hat das alles noch kei­ner, auch wenn die Nach­rich­ten sei­tens derer, die mit dem Thema ins Ex­amen gin­gen, eher be­ru­hi­gend sind. Die Schwel­le ist immer da, sie ist im Be­wusst­sein, sie ist es, die die­ses Se­mi­nar aus­zeich­net, es zu einem der, laut Kä­rich, drei, fünf Orte auf die­sem Glo­bus macht, an denen über­haupt ein Be­wusst­sein der Pro­ble­me exis­tiert, um die es in der Phi­lo­so­phie wirk­lich geht. Ir­gend­wann, davon ist Hiero fest über­zeugt, hat man sie pas­siert und be­fin­det sich auf der an­de­ren Seite. Wann das sein wird? Das Stu­di­um treibt sei­nem Ende zu, das Rau­schen der gro­ßen Fälle ver­stärkt sich, dort, im – fast – frei­en Fall, im Pa­ra­dies der Ge­hör­lo­sen, wird es sich voll­zie­hen. Bes­ser wäre al­ler­dings, man wüss­te be­reits Be­scheid und steu­er­te im fes­ten Be­wusst­sein, die Sache ein für alle Mal be­grif­fen zu haben, auf diese ent­schei­den­de Le­bens­etap­pe zu. Aber hat nicht Dass­ler selbst den Aus­weg ver­baut mit dem Satz, den sich der für die an­de­ren prak­tisch un­sicht­ba­re Club der ›guten Män­ner‹ mit spöt­tisch ver­zo­ge­nen Mund­win­keln ge­gen­sei­tig zu­raunt, sooft sich eine Ge­le­gen­heit er­gibt: dass die Phi­lo­so­phen noch gar nicht be­grif­fen haben, wie ihre klas­si­schen Texte zu lesen wären? Das ist schon star­ker Tobak, der Satz tut seine Wir­kung. Er brennt in ihnen allen, das muss man Dass­ler las­sen.

Kä­rich schweigt zu die­sem Satz. Nicht dass er keine Mei­nung hätte, aber er schweigt. Sein Schwei­gen macht ihn zum Sach­wal­ter all des­sen, was der Satz in den Köp­fen der jun­gen Men­schen an­rich­tet. Dabei ist es ein Un-Satz, ein Stück aus dem Toll­haus, der reine Blöd­sinn.

  • ―Wie will er das denn ent­schei­den? hatte Anton, auf­ge­bracht wie sel­ten, in die Runde ge­has­pelt, als zum ers­ten Mal davon die Rede war. Er kam aus einer Vor­le­sung, in der die phi­lo­so­phi­schen Wel­ten Dass­lers rei­hen­wei­se ver­san­ken wie einst, je­den­falls nach her­kömm­li­cher Auf­fas­sung, die Trup­pen des Varus in Teu­to­burgs Sümp­fen, er hatte sich sogar in die Schlan­ge ge­stellt, die den etwas er­schöpf­ten, aber un­end­lich freund­li­chen und ge­dul­di­gen Do­zen­ten am Ende sei­ner Vor­stel­lung er­folg­reich davon ab­hielt, schnell in die gas­tro­no­mi­schen Wei­ten zu ent­ei­len. Der neue Pro­fes­sor trug ein hell­grau­es Roll­kra­gen­hemd zum créme­far­be­nen Sakko, er trug auch einen Namen, der aber in der Fol­ge­zeit nicht recht in Ge­brauch kom­men soll­te. Wäh­rend sein Ruhm dank ge­wis­ser bunt ein­ge­schla­ge­ner Bänd­chen in der Welt der Den­ker und Ge­lehr­ten un­auf­halt­sam wuchs, wei­ger­ten sich die Stu­den­ten vor Ort be­harr­lich, ihn an­ders zu nen­nen als Tilo den Ge­rech­ten – ein schla­gen­des Bei­spiel ju­gend­li­cher Blind­heit und An­fäl­lig­keit für In­fek­tio­nen aller Art, aber auch hei­ter er­teil­ter An­er­ken­nung dafür, dass er ihnen eine Mög­lich­keit bot, sich vor­sich­tig vom Thea­ter der Hoch­stu­fig­kei­ten zu­rück­zu­zie­hen, dem Dass­ler und sein Kol­le­ge Le­cke­busch vor­stan­den, ohne das Stu­di­um ab­zu­bre­chen oder an einem an­de­ren Ort fort­zu­set­zen.

Auch dazu schweigt Kä­rich. Doch die­ses Schwei­gen macht ihn an­greif­bar, es of­fen­bart seine Schwä­che. Er kann das Wort nicht aus­spre­chen, das seit Tilos An­kunft in den De­bat­tier­zir­keln die Runde macht: ›Sprach­ana­ly­se‹. Al­len­falls lässt er sich ein­mal zu einem ge­knurr­ten ›Phi­lo­so­phie ist Sprach­ana­ly­se‹ hin­rei­ßen, ver­mut­lich reut es ihn dann zu Hause vor dem Spie­gel, wenn er sich sorg­sam die Kra­wat­te des Tages um­legt, schmal, rost­rot, ge­streift oder ge­punk­tet, und dabei die Reihe der ab­zu­son­dern­den Sätze mit sich durch­geht, die Sache ist zu sehr anglo-sa­xon, als dass er ihr Vor­schub leis­ten darf. Sein Wäch­ter-Amt lässt das nicht zu.

Die ei­ge­ne Haut
10
Hiero: Figur 1
Frei­wil­lig nie

Wie jedes Sys­tem besaß auch die­ses hier sei­nen Feind. Er wälz­te sich nicht in Ge­stalt er­reg­ter Mas­sen über Bou­le­vards, er schrie nicht in Me­ga­pho­ne, er skan­dier­te kein ›Ho-ho-ho-Tschi-Minh‹, er kam nicht von links, er kam nicht ein­mal auf lei­sen Soh­len, er kam über­haupt nicht, man hätte an­neh­men kön­nen, es gebe ihn nicht. Bei Kat­tusch stand er gleich neben dem Ein­gang links in dem Regal, aus dem man sich mit be­weg­li­chem Zei­ge­fin­ger vorab über die phi­lo­so­phi­schen Neu­er­schei­nun­gen in­for­mier­te, die ge­ra­de ir­gend­wo Se­mi­nar­stoff wur­den.

  • ―Ich geh noch mal bei Kat­tusch vor­bei, kommst du mit?

So lau­te­te eine der Pa­ro­len, die, meist von Pw, gegen Ende der Zi­ga­ret­ten­pau­sen, mit denen sich das Men­sa-Es­sen in wohl­ver­dien­te Ver­ges­sen­heit brach­te, in die Runde ge­tra­gen wur­den. Dann zer­streu­te sich das Grüpp­chen und einer ging mit, einer ging immer mit. Heute ist es Anton, Hiero sieht ihnen zer­streut nach. Ei­gent­lich schmö­kert er ganz gern nach dem Essen, aber er hat Bes­se­res vor. Auch lässt ihn ein zie­hen­des Ge­fühl Ab­stand neh­men. Es sind nur we­ni­ge Bü­cher, die ihm einen Be­such in der Buch­hand­lung loh­nend er­schei­nen las­sen, das un­ter­schei­det ihn von Anton oder Pw, die mit lei­sen, knap­pen Wor­ten den letz­ten Tratsch über die ge­ra­de ak­tu­el­len Au­to­ren aus­tau­schen – eine Be­mer­kung aus einer Re­zen­si­on, ein Fern­seh­auf­tritt, den er ver­passt hat, eine pro­fes­so­ra­le Geste –, wäh­rend sie ein Buch nach dem an­de­ren aus dem Regal holen, mit die­ser quasi lie­be­vol­len Geste, die erst nur die Ober­kan­te des Rü­ckens be­rührt, es dann wie eine flü­gel­lah­me Taube strei­chelt und schließ­lich öff­net, um nach­zu­se­hen, wel­che Ver­let­zung sie unter dem Ge­fie­der birgt. Hiero hin­ge­gen zö­gert lange, bevor er einen Titel aus der Reihe her­vor­zieht – er muss wirk­lich zie­hen, die Er­fah­rung hat ihn ge­lehrt, dass es bes­ser ist, die nächst­ste­hen­den Bände mit Dau­men und Zei­ge­fin­ger der an­de­ren Hand fest­zu­hal­ten, damit sie bei die­ser Ope­ra­ti­on nicht zu Boden fal­len –, so­bald er ihn auf­ge­schla­gen hat, ist er bei der Sache, er kann es nicht an­ders aus­drü­cken, er wird wohl ein in­ten­si­ver Leser sein. Pw weiß das, viel­leicht spielt ein wenig Neid mit, er nützt die Si­tua­ti­on vor­sich­tig aus, raunt ihm hier und da einen Kom­men­tar zu, der seine Lek­tü­re un­ter­bricht und ver­wirrt. Ehe er nach­fra­gen kann, zeigt sich Pw be­reits in das nächs­te Buch ver­tieft und wehrt, kaum dass Hiero sich räus­pert, mit leich­ter Hand­be­we­gung ab – das geht so, bis Hiero, zwi­schen dem Buch in der Hand und Pws er­war­te­tem Kom­men­tar hin- und her­ge­ris­sen, den Au­gen­blick her­bei­wünscht, in dem sie den Ort so ver­wir­ren­der Ge­nüs­se end­lich ver­las­sen. Er könn­te auch al­lein von dan­nen zie­hen, aber das ent­hiel­te das Ein­ge­ständ­nis einer Nie­der­la­ge und Pw würde nicht an­ste­hen, bei der ers­ten Ge­le­gen­heit sub­ti­le Scha­den­freu­de zu üben, etwa durch eine aus­gie­bi­ge Be­fra­gung mit dem Ziel, den durch sei­nen Ab­gang ent­stan­de­nen Leer­lauf be­zie­hungs­wei­se die ent­gan­ge­nen Freu­den eines ge­mein­sam ver­brach­ten Nach­mit­tags auf­zu­de­cken, an die er, Hiero, ein­fach nicht ge­dacht hat. Pw, darin be­steht die Bot­schaft sol­cher klei­nen Ex­zes­se, ist ihm be­trächt­lich über­le­gen, wenn es darum geht, zwi­schen­mensch­lich zu kom­mu­ni­zie­ren, üb­ri­gens nicht nur ihm, den an­de­ren ge­nau­so, er zieht sie alle wie der Rat­ten­fän­ger hin­ter sich her.

Der Feind, auch die­ser, be­sitzt ein Dop­pel­ge­sicht. Die bun­ten Schutz­um­schlä­ge bei Kat­tusch, in die er sich hüllt, als ge­hö­re er ein­fach dazu, tra­gen Titel wie Der Be­griff des Geis­tes, nichts be­son­ders Auf­re­gen­des also, schon gar nichts, was einen gegen ihren In­halt miss­trau­isch ma­chen könn­te, eher fal­len sie durch eine lehr­haf­te Bie­der­keit auf, die be­reits wie­der stut­zig macht. Am Schwar­zen Brett des In­sti­tuts, dort, wo die frisch­ge­ba­cke­nen Pri­vat­do­zen­ten und al­ler­lei Lehr­per­so­nen un­kla­ren Sta­tus ihre Ver­an­stal­tun­gen an­kün­di­gen, steht, gleich neben dem noch ele­men­tare­ren Lan­gua­ge, Truth and Logic und als be­inhal­te es einen Fort­schritt, The Con­cept of Mind. Auch Theo­ri­en be­sit­zen, wie das Den­ken all­ge­mein, einen Kör­per, einen Sprach­leib, sie füh­ren, meist in Klam­mern, manch­mal nur durch ein Komma ab­ge­setzt, Jah­res­zah­len mit sich, Er­schei­nungs­da­ten, die den Ein­druck er­we­cken könn­ten – und ver­mut­lich auch sol­len –, diese vom Se­mi­nar­schweiß der Jahr­tau­sen­de rund ge­schmir­gel­ten Dinge seien end­lich – end­lich! – ent­deckt oder er­fun­den wor­den: das schmeckt ein wenig nach Ag­gres­si­on oder zu­min­dest Un­bot­mä­ßig­keit, ein guter Mann soll­te es sich zwei­mal über­le­gen, ob und wie weit er sich dar­auf ein­lässt. Reine Do­xo­gra­phie! Un­be­greif­li­che Rück­fäl­le in die äl­tes­ten Irr­tü­mer und Ent­glei­sun­gen des Den­kens! Da­ne­ben, un­greif­bar, regt sich in und hin­ter den mit Fleiß und Aus­dau­er be­trie­be­nen Zah­len-, re­spek­ti­ve Na­men­spie­len die Bot­schaft, ›drau­ßen‹, in den zi­vi­li­sier­ten Län­dern, sei der orbis phi­lo­so­phi­cus, der phi­lo­so­phi­sche Welt­kreis, just in jenen fins­te­ren Zei­ten neu ent­wor­fen und kar­to­gra­phiert wor­den, in denen die ver­schwie­ge­nen und of­fe­nen Väter des In­sti­tuts in un­be­greif­li­chem – oder lei­der nur zu be­greif­li­chem – Hoch­mut das ei­ge­ne, an allen mög­li­chen Ecken nach Ge­sichts­punk­ten po­li­ti­scher Op­por­tu­ni­tät be­gra­dig­te kul­tu­rel­le Erbe für die Sache selbst hiel­ten. Die Sache selbst: zum Teu­fel damit. Wes­sen Sache? Die Sache der Nazis? Die Sache der Phi­lo­so­phie? Die Sache des Den­kens, was immer das sei? Eine üble Sache, Hiero weiß sich in keine an­de­re For­mel zu ret­ten. Aber auch er weiß, dass die Tage der all­mäch­ti­gen Her­me­neu­tik, der ge­schmei­di­gen Wie­der­ge­win­nung der Texte nach dem po­li­tisch-mo­ra­li­schen Fi­as­ko ge­zählt sind und rech­net sich unter ihre er­bit­ter­ten Fein­de. Die Sache des Den­kens ist auch die seine, die Phi­lo­so­phie ist sein Spiel, er weiß es, seit er die Schwel­le die­ses In­sti­tuts über­schrit­ten hat, aus ihr will er mit den Füßen voran hin­aus­ge­tra­gen wer­den, frei­wil­lig nie.

Die ei­ge­ne Haut
11
Hiero: Figur 1
Hiero staunt

Hiero geht. Geht lang­sam, lang­sam die Krä­mer­gas­se hin­auf, über­quert die Haupt­stra­ße, trot­tet ver­sun­ken die Man­del­gas­se ent­lang, lässt die Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek links lie­gen, nimmt ein paar Stu­fen, war­tet einen Mo­ment, bis sich eine Lücke zwi­schen den Autos zeigt, geht wei­ter. Das Stei­gen liegt ihm nicht, zu Hause bleibt das Ge­län­de flach, egal, was man vor­hat. Nur ein paar Meter und er hat, was er braucht. Ab­wärts fällt der Weg leich­ter. Der Ge­fäng­nis­bau, eine Fes­tung, könn­te als Tou­ris­ten­at­trak­ti­on durch­ge­hen. Ab­schre­ckend wirkt der Sta­chel­draht. Zwei junge Frau­en rufen zu einem ver­git­ter­ten Fens­ter hin­auf, er ver­steht kein Wort, was nicht wich­tig ist, da ihn die Sache nichts an­geht, nicht exis­ten­ti­ell. Lass dich nicht auf­hal­ten. Er schwenkt in die Gontscha­row­gas­se ein – Iwan *, 1812-91, russ. Schrift­stel­ler, so etwas weiß man doch –, wirft, ohne den Schritt zu ver­lang­sa­men, einen Blick auf das Ki­no­pro­gramm: läp­pisch. Vor der Je­sui­ten­kir­che macht er kurz halt und lo­ckert den Kra­gen. Die Fin­ger zit­tern, er kann das nicht un­ter­drü­cken. Die Luft­feuch­tig­keit ist hoch. Feucht­schwan­ger. Da schmiert einem schnell der Kreis­lauf ab. Anton treibt Sport. Ab­schre­ckend auch das.

So sieht es aus.

Warum bist du aus Tü­bin­gen weg­ge­gan­gen, Hiero? Keine Ah­nung? War nicht dein Ding, was? Un­kla­res Den­ken, so nennt man das wohl. Du bist weg­ge­gan­gen, weil du deine Rolle nicht ge­fun­den hast. Gern wür­dest du aus­spu­cken, wenn du an diese Zeit denkst, al­lein schon, um den Ge­schmack los­zu­wer­den. Un­be­greif­li­cher­wei­se bleibt die Mund­höh­le tro­cken. Die Faust im Sack er­spart die Re­vol­te. Warst im­mer­hin nahe dran, so­lan­ge du auf die Penne gingst. Als du ein­stei­gen woll­test, war schon alles vor­bei. Ein Jahr frü­her oder spä­ter, so etwas kann über ein Leben ent­schei­den. Keine Sit-ins mehr auf den Stu­fen der Stifts­kir­che, keine Ma­nö­ver­kri­tik beim alten Bar­tosz, dem Uto­pie-Bar­tosz, dem Pfahl im Fleisch des ka­pi­ta­lis­ti­schen Jetzt, keine So­li-dari-tät, auch kein Spie­ßer­ge­pö­bel (fast!), Piss­wet­ter statt­des­sen, das Piss­wet­ter des Sü­dens, ohne Abzug. Zum Teu­fel mit dem Ge­schmack.

So sieht es aus.

Da, die Haupt­stra­ße: ist real. Da, die Stra­ßen­bahn: ist real. Soll zwar ab­ge­schafft wer­den, aber: ist real. Bar­tosz hin­ge­gen, hübsch un­ter­ge­fasst, von zwei en­gel­glei­chen As­sis­ten­tin­nen fast her­ein­ge­tra­gen, Blon­di­nen na­tür­lich, den Rie­sen­schä­del flach auf die kläg­li­chen Schul­tern ge­legt, als sei er das, mög­li­cher­wei­se ver­kehrt herum, wie­der auf­ge­setz­te Haupt des Jo­han­nes: ist ir­re­al. Der An­blick ließe einen min­de­ren Geist irre wer­den, doch in der Sache ist Zwei­fel nicht mög­lich. Und der Bei­fall rauscht. Rauscht auf, was sonst. Man möch­te ihn, leicht über­trie­ben, ›to­send‹ nen­nen, im­mer­hin setzt er sich gleich­gül­tig über die Usan­cen hin­weg. Herr­gott, das sind doch alles keine Stu­den­ten. Ja wo sind wir denn? Au­di­enz bei Bar­tosz. Au­di­enz, Gau­di­enz. Homo gau­di­ens lupus. Der alte, sorg­sam ent­hörn­te Bar­tosz hat keine Hörer, sein von über­all­her zu­sam­men­ge­ström­tes Pu­bli­kum be­sitzt Ka­me­ra-Au­gen, er hat – das muss ein­mal ge­sagt wer­den: her­aus! – Zu­schau­er. Man­che sind dar­un­ter, die kom­men, wie die Wör­ter, die sie sich zu­flüs­tern, aus der Ferne, man kann sie an ihren Num­mern­schil­dern er­ken­nen, nicht hier na­tür­lich, son­dern drau­ßen vor der Tür, denn das bes­se­re Selbst, ver­packt in hoch­glän­zen­des Blech, sie las­sen es drau­ßen. Vor­sichts­hal­ber. Hier, im trübe er­leuch­te­ten Se­mi­nar­raum, sind sie un­ver­kenn­bar: Voy­eu­re. No­bo­dies. Lamm­rü­cken, fein fi­le­tiert, einer hin­ter dem an­dern. Das ist kein Se­mi­nar. Das ist Kla­mauk.

So sieht es aus.

Nimm dich in acht, Hiero, kei­ner kann dir das ab­neh­men. Sei ge­witzt. Ei­gent­lich müss­test du jetzt ab­bie­gen, woll­test du, wie ver­spro­chen, noch kurz bei Anton vor­bei­se­hen. Zum Teu­fel mit den Ver­spre­chun­gen. Diese Fähr­te ist heiß, nicht für ein Lin­sen­ge­richt. Hiero, Hiero, ver­giss dich nicht. Eine klei­ne Nor­men­kon­trol­le und du fliegst raus. Halt dich fest, es geht in die Kurve. Tut uns leid, Freun­de, heute nicht. Es passt nicht. Schau­en Sie doch ein an­der­mal. In die Augen, du Pen­ner. In die Augen. Pen­ner. Haben wie­der ganze Ar­beit ge­leis­tet, die Stra­ße stinkt, jeden Mor­gen kom­men sie aus der Mer­ca­tor­stra­ße her­auf, um im Durch­gang zwi­schen den engen Haus­wän­den ihr Was­ser ab­zu­schla­gen. Übel, übel. Der Ge­dan­ke treibt wei­ter, da zün­gelt auch schon der Brech­reiz. Du willst dich doch nicht über­ge­ben, Hiero, auf of­fe­ner Stra­ße? Das darf nicht dein Ernst sein. Einen an­de­ren hast du nicht, also lass es. Küm­mer dich nicht um diese Dinge, dafür sind an­de­re zu­stän­dig. Oder auch nicht. Oder auch nicht! Klickts? Diese Aus­drü­cke, wie einem das zu­fließt. Oder ab, je nach Ein­stel­lung. Also: du kon­zen­trierst dich auf das Nächst­lie­gen­de, ohne Scherz, du kannst das. Ein Hal­te­seil, pri­mi­tiv, aber funk­tio­niert. Der Schlach­ter hier links, gut, lei­der zu teuer. Ein paar Schei­ben Auf­schnitt wären nicht schlecht, im Kühl­schrank gähnt die Leere. Zum Teu­fel mit dem Schlach­ter. Das geht jetzt nicht.

So sieht es aus.

Lot­recht sitzt Bar­tosz der Tote auf sei­nem Pult, je­mand hat die Ge­brech­lich­keit weg­ge­pus­tet, stramm wirkt er, bes­ser: kon-zen-triert. Greis, -tschul­di­gung, Kreis in­mit­ten von Krei­sen. Er hebt das Haupt, schwenkt es, zieht an der Pfei­fe, mur­melt, ein paar Wör­ter links, ein paar Wör­ter rechts, in be­reit­wil­lig hin­ge­hal­te­ne Ohren, daran kle­ben, son­der­bar, Köpfe, echt aus­se­hen­de Köpfe auf Häl­sen und Rümp­fen, Köpfe mit Armen und Fin­ger­nä­geln, dar­un­ter ei­ni­ge ab­ge­nag­te. Dem Be­trach­ten­den wird alles merk­wür­dig. Der Be­trach­ter ist tot, es lebe die Be­trach­tung. Die Re­vo­lu­ti­on, ei Schreck, die Gute ist wie­der ver­tagt. Die Tage sind ein­fach zu kurz für sie. Meine Tage sind nicht deine Tage, aber sie äh­neln ihnen wie ein Ei dem an­de­ren. Eine Pa­ra­de von Weich­ei­ern. Woher neh­men, wenn nicht steh­len. Sag mir, wo die Flie­gen sind. Der längs­te Tag ist be­kannt­lich der kür­zes­te. Das, lie­ber Ba, weiß man längst, nur Ihro Trost­lo­sig­keit... Ba­ba­tosch, feins Männ­lein, fein her­aus, wie immer baba, klap­pert im Fut... Dies irae, dies irre. Ach.

Du hast jetzt an­de­re Sor­gen. Der Ver­mie­ter muss einen Schlüs­sel nach­fer­ti­gen las­sen, der hier hakt im Schloss. Das Ge­spräch ist über­fäl­lig, aber nicht jetzt. Um Got­tes wil­len nicht jetzt. Mit einer sei­ner jo­via­len An­wand­lun­gen hast du ihn die nächs­ten zwei Stun­den am Hals. Hat er schlech­te Laune, kannst du dir mor­gen ’ne neue Bude be­sor­gen. Läs­tig wäre das, sehr läs­tig. Bes­ser, man geht ihm aus dem Weg. Ha­rald, so hört man, hat einen Roman über sei­nen Ver­mie­ter ge­schrie­ben, kein Ver­lag will ihn dru­cken. Das hät­ten wir ihm gleich sagen kön­nen. Wer druckt denn sowas, das ist doch lä­cher­lich. Und wenn schon. An der Kri­tik kommt kei­ner vor­bei. Fall­beil, ab ins Körb­chen. Über­haupt diese Ro­man­schrei­be­rei. Eike redet auch daher, als habe er ein halb­fer­ti­ges Ma­nu­skript in der Schub­la­de, si­cher nicht über sei­nen Ver­mie­ter, trotz­dem glaubst du kein Wort.

So sieht es aus.

Bar­tosz ist weg, wie weg­ge­pus­tet, auch der Se­mi­nar­raum ist weg­ge­pus­tet, statt­des­sen, Hiero, reiß dich zu­sam­men, die­ses enor­me Sit-in, Tit­ten links, Tit­ten rechts, ein Stru­del! Die Stim­mung ist gut, wüss­test du, wor­ums geht, du fühl­test dich präch­tig un­ter­hal­ten. Nun, das lässt sich leicht eru­ie­ren, du fragst ein­fach die Blon­de hier links, die so freu­dig ki­chert, per­ver­se Zicke, ihr Blick geht über dich weg, als wärst du der Nix. Dein In­for­ma­ti­ons­wunsch, er flutscht ins Leere. Ver­dammt. Stört dich was, Hiero? Dann geh doch... zum Klas­sen­feind. He. Quält dich was, Hiero? Aber nicht doch. Das Man­ne­ken-Pis da im Kopf, das ken­nen wir alle. Was denn sonst. Alle Er­zie­hung ist Schei­ße. Du machst dich jetzt leicht, schön schön, du bist dran, du schaffst es, aber si­cher, naja, nicht ganz, nur... im An­satz. Da ist doch was. Daran kann man ar­bei­ten. Viva. Maria. Nur in der Aus­füh­rung sind dir die an­de­ren über. Er­in­ne­re dich an den Kerl, den sie an der Haus­wand um­le­gen. Die Pa­ro­le an der Wand: er nimmt sie mit. Ein­fach mit. Ins Grab. In die Ewig­keit, was? Könn­te denen so pas­sen. Auf dem Kopf­stein­pflas­ter schep­pern die Fla­schen. An die hast du also ge­dacht, sieh an, sieh einer an. Wei­ter, wei­ter. Was gibts denn da zu glot­zen, gehen Sie wei­ter. Wei­ter da. Mein Gott, gehen Sie! Rührt euch... doch!

Wie ge­rührt muss einer sein, dem die ein­fachs­ten Dinge auf­fäl­lig wer­den? Der Schlüs­sel, das enor­me Ding, beult dir die Ta­sche, hast du nie drauf ge­ach­tet? Warum? Warum ach­tet man nicht auf sol­che Dinge? Unter uns: warum ach­ten? Was hat die Acht damit zu tun? Alle neune: ginge doch auch. Sei nicht al­bern, Hiero, sei nicht al­bern. Das fehl­te noch. Sei ein guter Junge, reiß dich zu­sam­men. Schau schau: die Schrift an der Wand. In einem Zug hin­ge­saut, sau­ber, sau­ber. Ge­ra­de hier? Da wird sich der Spie­ßer wohl einen ab­lut­schen. Scheiß­pa­ro­le. Egal. Und der Schlüs­sel klemmt. Es kemmt aber drauf an, ihn hin­ein­zu­zwin­gen. Das ist leich­ter ge­sagt als. Glotz nicht, du Affe. Die Tür steht offen, man muss nur hin­ein­ge­hen. Man muss nur hin­ein­ge­hen. Ein präch­ti­ges Ver­lies, das du dir da aus­ge­sucht hast, Aus­guck zur Laube, sonn­tags mit Fa­mi­li­en­pro­gramm. Wenn das mal gut geht. Auf der Koch­plat­te steht der Erb­sen­ein­topf von ges­tern, am bes­ten, du öff­nest das Fens­ter gleich. Du darfst nur nicht ver­ges­sen, es wie­der zu schlie­ßen. The Doors, kalt wie Erb­sen, run­ter vom Tel­ler. John McLaugh­lin, aahhh. Inner Moun­ting Flame. Das wird es brin­gen. Legs auf.

Die Seele ist ein Stück Schei­ße, merde, das kann man so sagen oder auch nicht, wie prak­tisch alles, was man so sagt. Der Druck hin­term Sagen ist un­ge­heu­er. Bar­tosz hat recht, Schwach­sinn, die Ma­te­rie lebt, aber muss man sie des­halb gleich einen Feu­er­topf nen­nen? Das ist Spö­kes. Du kannst, was denkt, nicht re­du­zie­ren. Nicht auf das, was nicht denkt. Sim­pel. Auf was denn? Die Syn­ap­sen den­ken, soso, das könn­te ihnen so pas­sen. Wenn man jetzt ein biss­chen Stoff zu­führt, THC zum Bei­spiel, dann den­ken sie mehr, ein­deu­tig mehr, falls man das als Den­ken be­zeich­nen kann. Sagen wir, es pas­siert was: etwas pas­siert, kein Zwei­fel, und es pas­siert im Be­wusst­sein. Das ist ver­rückt, Hiero, es pas­siert im Be­wusst­sein. Das muss einer erst­mal den­ken kön­nen. Sys­te­ma­tisch den­ken, keine da­her­ge­rotz­ten Er­klä­run­gen. Keine Er­klä­run­gen! Wer er­klärt, der lügt. Er­klär mir Liebe. Auch das noch. Dafür gibts LSD, bes­ser nicht, die Frau­en brin­gen den Stoff gleich mit, das ist we­nigs­tens prak­tisch. Aber soll man das Den­ken nen­nen? Ir­gend­wie schon, sonst wäre das Hei­deg­ger. Übel, übel. Ja was denn? Ein Veits­tanz wie der, den die Plat­ten­na­del über den Ril­len auf­führt – kei­ner sieht hin und er ist doch real.

So sieht es aus.

Ja wie denn sonst? Ver­beu­gung vor dem Idea­lis­mus? Gro­tesk. John die Gi­tar­re. When feel the fever, why not be­lie­ve? Selt­sa­mes Schmud­del-Eng­lisch, doch die Bot­schaft kommt rüber, ein Heu­ler, haut rein wie bei ir­gend­ei­ner hirn­ris­si­gen Mar­ga­ri­ne-Wer­bung. Dick auf­tra­gen, auch eine Bot­schaft, ja doch. Der ganze Schu­bi­du, oh yeah, ist schließ­lich nichts als... sagen wir: eine milde Form von LSD-Rausch. Sonst nichts. Eine sehr milde, an­de­re schei­nen das in­ten­si­ver zu emp­fin­den, durch eine klei­ne Zu­ga­be lässt es sich stei­gern. Das hält die Kacke am Damp­fen.

Die­ser elen­de Harn­drang. Scha­de.

  • ―Wo, bitte, gehts hier zum So­zia­lis­mus?
  • ―Über­nächs­te Kreu­zung links, Ab­bie­gen nicht ver­ges­sen.
  • Däm­li­cher Witz.
  • Fick dich.
  • Recht­zei­tig ab­bie­gen, habe ich ge­sagt, recht-zei­tig, du Trot­tel. Pass doch auf.
  • Mach dir nicht in die Hose, die las­sen dich so­wie­so nicht durch, so wie du aus­siehst. Pen­ner, das mögen die nicht.
  • Warst du schon drü­ben?
  • In Ge­dan­ken, nur in Ge­dan­ken. He, war schon mal einer drü­ben?
  • Schrei nicht so rum, wir sind gleich da. Du machst ja die Vopos scheu.
  • Das geht nicht. Die be­wa­chen schließ­lich das Al­ler­hei­ligs­te.
  • Was soll das? Bist du jetzt ka­tho­lisch ge­wor­den oder was?
  • Schau­kel nicht so. Und nimm den Fin­ger aus der Gang­schal­tung. Du klemmst ihn dir ab.
  • Was, wenn sie uns nicht rein­las­sen?
  • Du bist so däm­lich. Wir sind das Volk.

Kalt und herz­los er­scheint: die Ma­te­rie. Un­er­bitt­lich. Trägt selt­sa­me stei­fe Uni­for­men und dul­det keine Joints. Nie­mals. Du brauchst ihr gar nicht damit zu kom­men. Kommt auch kei­ner. Das ver­steht sich von selbst. Was die Ma­te­rie drin­gend braucht, sind Joint ven­tures. Wis­sen gegen Ware. Der Wis­sens­durst der Ma­te­rie ist sa­gen­haft, saugt aus jeder Mücke einen Ele­phan­ten her­aus. Den gro­ßen Grau­en. Bläst ihn auf, trak­tiert ihn. Bis er platzt. Oh­ren­blä­ser, Tü­ten­blä­ser, Strom­ab­lä­ser. Wind­ma­cher, sel­ber un­be­weg­lich. Wenn sie be­kommt, was sie will, taut sie auf, an der Ober­flä­che, ein biss­chen. Die Ma­te­rie ist kein Feu­er­topf, hier irrt Bar­tosz, sie ist ein Eis­klotz. Kein Klotz, ein Ge­bir­ge unter der Ober­flä­che, nach unten. Be­lie­fert den Klas­sen­feind mit bil­li­ger Mas­sen­wa­re, damit schlägt sie ihn. Nie­der. Ir­gend­wann, so gegen Ende, wird ab­ge­rech­net. Dann sieht man, was in der Kasse fehlt und wer sich die Ta­schen voll­ge­stopft hat. Dann gehen allen die Augen auf, ver­dre­hen sich und schlie­ßen sich kurz. Au­gen­in­farkt, nichts zu ma­chen. Lass dich nicht an­pin­keln, die Stun­de der Wahr­heit geht vor­bei wie jede an­de­re. Das Raum-Zeit-Kon­ti­nu­um lässt keine Aus­buch­tun­gen zu. Es ist straff. Das ver­wirrt den Klas­sen­feind, aber nicht nur ihn. Das Raum-Zeit-Kon­ti­nu­um ist kein roter Tep­pich, lässt sich nicht aus­rol­len nach Be­lie­ben, weil Ge­nos­se X ein­fliegt, um Män­ner­bär­te zu küs­sen und Händ­chen zu schüt­teln. Das Raum-Zeit-Kon­ti­nu­um ist keine Aus­leg­wa­re. Was ist es dann? Was dann? Gute Frage, nach dem ›Was tun?‹ Un­ge­löst bis ins drit­te Glied. Oder ins vier­te? Wie be­rech­net man Glie­der? Jung sein. Ein­fach jung sein. Der Rest er­gibt sich.

Ju­gend, ein La­ger­feu­er­wort. Stramm­ge­zo­ge­ne Hosen. Un­se­re Ju­gend, un­se­re Zu­kunft. Das könn­te euch so pas­sen. Youth: das klingt gleich an­ders, kom­pak­ter, druck­vol­ler, als könne man was davon er­war­ten, etwas, das die­ses Scheiß-Land nicht her­gibt, egal, wie lang man es presst. Das war so zu Hip­pie-Zei­ten, kein Jota hat sich ge­än­dert. Wenn sie stolz sind, dann aufs kor­rek­te Ti-Äitsch. Als ich ein Knäb­lein war, ein win­zig Knä­be­lein, au Backe.

Dass ge­pfle­get werde

Der fette Buch­stab.


Schmal­lip­pi­ger Kom­men­tar zur Welt­la­ge. So weit, so eins. Könn­te glatt als FAZ-Mot­to durch­ge­hen, An­fra­gen kos­tet nichts. Das haben schon an­de­re ge­macht. Was wer­den: womit? Sta­ben kos­ten nichts. Buch­stäb­lich, un­stäb­lich, wo ist da der Un­ter­schied? Ja­n­ein?... O Scheiß. Alles kos­tet, das weiß doch jeder. Kopf und Kra­gen zum Bei­spiel. Ein schö­nes Bei­spiel geben wir da. Aber das wäre ja nichts Neues. Das wäre ja... nor­mal. Die Nor­ma­li­tät. Ein Volk von Ver­lie­rern. Schlech­te Ver­lie­rer, mit Lö­chern zwi­schen den Wör­tern, nach­dem die Lö­cher im Schuh­werk schon lange ver­schwun­den sind. Rei­ben sich die Hände: woh­nen wie­der in Häu­sern und be­lie­fern den Welt­markt. Auch die RAF-Leu­te sind schlech­te Ver­lie­rer, Schla­ge­ter-Ty­pen, kön­nen nicht auf­hö­ren, lä­cher­lich bis in die Namen hin­ein, Wer­wolf-Phan­ta­si­en, zeit­ver­setzt. Übel, übel. Rüde die Spra­che, pri­mi­tiv die Me­tho­den. Wol­len töten – und: dass alle zu­se­hen. Sie wol­len die Mit­schuld. Nie wie­der heim­lich! Pro­fes­sio­nell.

So sieht es aus.

Alle haben sie dich hier nach Bar­tosz ge­fragt, ein­zeln und im Rudel, da­mals, bevor den Alten der Schlag hin­weg­raff­te. Was du ge­ant­wor­tet hast, es ist dir ent­glit­ten, es will ein­fach nicht mehr parat sein, nichts weißt du mehr, aber das stimmt nicht, so nicht, nicht wirk­lich, du weiß schon noch, es fehlt nur etwas... Es feh­len die Wör­ter. Ei­gent­lich feh­len die Wör­ter. Wer hätte das ge­dacht? Wer? Selt­sa­me Frage, sehr selt­sa­me Fra-Fla-... Flie­ge, sehr sehr selt­sam. Schon wahr. ›Wahr­lich‹, auch so eine Schmeiß­flie­ge, ein Brum­mer, schwer zu ver­trei­ben, be­harr­lich, man muss ihn tot­schla­gen, aber das nützt nichts, da­hin­ter kommt gleich der zwei­te. Im Lan­de­an­flug, lan­det aber nicht, kreist auch nicht, er steht in der Luft, nicht wirk­lich, nicht wirk­lich, bist du dir si­cher? Auch hier sind Räume, groß­ar­tig, rein klang­mä­ßig, die Syn­ap­sen kom­men kaum nach, die­ses ewige Um­stöp­seln, un­fass­bar im Grun­de, aber... ein­fach. Un­end­lich ein­fach. Zu­cken, ein­fach zu­cken. Das wirst du doch kön­nen. Ein­fach zu­cken. Händ­chen hal­ten, das wäre schon schwie­ri­ger, ist aber nicht ver­langt. Ein­fach zu­cken. Und Schluss.

Die Num­mer hat­ten wir schon. Ein wenig lang­wei­lig, das Gi­tar­ren­so­lo... vir­tu­os, wür­dest du sagen, John die Gi­tar­re, hm, große Klas­se, aber schnul­zig, die Re­vo­lu­ti­on fin­det auf an­de­ren Fel­dern statt, ganz an­de­ren, in der Raum­fahrt zum Bei­spiel, das in­ter­es­siert zwar kei­nen, aber es ist die Zu­kunft. Die Zu­kunft liegt im Raum. Liegt im Raum. Liegt im Raum. Und kei­ner geht hin. Wir sind der Kos­mos. Das muss sich einer mal klar­ma­chen. In uns: Kos­mos. Außer uns: Kos­mos. Da wird diese Haut, diese... dies... Jung­fern­häut­chen na­mens Ich keine Schwie­rig­kei­ten ma­chen, das wäre ja Blöd­sinn. In the year twen­ty-fi­ve twen­ty-fi­ve, if man is still alive, if woman can sur­vi­ve. Ers­tes Se­mes­ter, das war schon auf­re­gend ir­gend­wie, aber: ge­schenkt. Jeder stirbt an­ders, blö­der Spruch. Jeder Athe­ner ist sterb­lich, muss einer dazu Athe­ner sein? Das stellt ja das Ar­gu­ment auf den Kopf. Da steht es und ham­pelt schon mit den Bei­nen, das kann nicht gut gehen, Ab­sturz, Schlag­zeug, finis. Die Jungs kön­nen Schluss ma­chen, das muss man ihnen las­sen.

Die Re­vo­lu­ti­on fin­det in der Wirk­lich­keit statt. Sie hat die ge­woll­te, er­sehn­te, her­bei­ge­re­de­te, zer­quatsch­te, ver­blö­de­te Re­vo­lu­ti­on über­holt und zerrt sie, ein schlaf­fes Rep­til mit über­ge­stülp­tem Rie­sen­schä­del, dem Mag­rit­tes Pfei­fe zwi­schen den Kie­fern hängt, un­ter­ge­hakt mit sich in die Zu­kunft – diese immer gleich un­be­rühr­te, rie­si­ge blaue Wand, an der die von ir­gend­ei­nem im Hin­ter­land ge­le­ge­nen, gegen die Bli­cke des Fein­des, so gut es geht, ab­ge­schot­te­ten Flie­ger­horst auf­stei­gen­den mensch­li­chen Jagd­ma­schi­nen jedes Mal aufs Neue zer­schel­len. Sie plat­zen, klei­ne Luft­punk­te, aus der Ferne pos­sier­lich an­zu­schau­en, man ahnt die zer­streu­ten Split­ter, manch­mal fin­det sie einer auf der grü­nen Wiese und spielt Se­mi­nar. Dann klet­tert die Stim­me des Do­zen­ten ein wenig höher, du merkst, es ist ihm ernst, es be­rührt sei­nen Glau­ben, es ist ein Ar­ti­kel aus einer Kon­fes­si­on, die er nie zu­sam­men­hän­gend zeigt, da könn­te einer ja kom­men und auf die Rän­der zei­gen und fra­gen, wie es da wei­ter geht und ob je­mand da­hin­ter steht. Das muss ver­hin­dert wer­den, des­halb klet­tert die Stim­me noch ein biss­chen, falls je­mand aus Ver­se­hen und aus purer Un­kennt­nis dem Rand zu nahe kommt, man hat auch schon wahre Aus­ras­ter er­lebt, so dass man sich wun­dert, es hat Un­ter­hal­tungs­wert, ganz si­cher, den hat es. Dem ha­ge­ren Eber ver­schlägt es vor Auf­re­gung die Spra­che, er blub­bert nur, wenn die Rede auf Ted­dys letz­te Auf­trit­te kommt, man sieht, was er sagen will, aber er darf es nicht, der in­ne­re Zen­sor stellt sich ihm in den Weg und würgt ihn so lange, bis er blaue Fle­cken be­kommt. Schon klar, was er sagen will: Sie haben ihn ge­mor­det. Sie: die Brut der Mör­der. Ge­mor­det mit Me­ga­pho­nen, die einen Hör­saal in eine brül­len­de Wüste ver­wan­deln, ge­mor­det mit dem grau­sa­men Spiel der ent­blöß­ten Brüs­te, auf das die Jour­nail­le fliegt, ge­mor­det in ihrem un­wis­sen­den Hoch­mut, ihrer fei­xen­den, sich als Mut vor Ty­ran­nen mas­kie­ren­den Feig­heit. Sie sind über­all. Ist das wahr? Ist das ge­stört? Schwer zu ent­schei­den, viel­leicht bei­des, das kann schon sein. Kann schon sein. Bei Teddy hät­test du auch gern stu­diert. Zu spät auf­ge­stan­den, sowas rächt sich bei­zei­ten. Im Ge­burts­ka­nal ab­ge­hängt. Bei Toten stu­diert man nicht, man liest ihre Bü­cher, Pech, ir­gend­wann kennt man sie in- und aus­wen­dig. Man kann einen Kult um sie trei­ben, aber: bei Toten, sorry, stu­diert man nicht. Sie sind tot.

Stau­nen er­greift dich, o ja. Du braucht das Wort nicht, es ist die Sache. Eine Sache des Stau­nens, die durch­bricht, zwi­schen Leber und Milz, ge­ra­de da wirds licht, liegt am Sound. Zwei­fel? Hier nicht. Fla­sche Des­car­tes, gieß nach. Rock me baby, rock me baby, nein, John the gui­tar ist das nicht, oder doch, oder nicht, das kommt här­ter, o ja, es kommt aus­ge­spro­chen... här­ter, wer weiß, was noch alles kommt. Wäre da einer, ders wüss­te, das hätte sich doch her­um­ge­spro­chen, das hät­test du längst mit­ge­kriegt, also gut, gut liegst du, gut im Ren­nen, die drums, okay, das hält auf der Stre­cke. Kei­ner geht hier ver­lo­ren, hier nicht. Hier doch nicht. Oder?

Die wir nicht zu sehen be­kom­men, gibt es die über­haupt?

Tempo hal­ten, Kurve krie­gen, das füllt doch ... aus zwei­fel­los, es füllt aus. Strömt ein, strömt zu, strömt. Zum Teu­fel mit den Syn­ap­sen. Ge­stöp­selt wird immer. Ir­gend­wo da drau­ßen im Land steht ein Kraft­werk und du... du stehst unter Strom, der Kör­per dehnt sich, er könn­te ja plat­zen, aber er schwebt, zieht Schwe­ben vor. Klu­ges Kerl­chen. Von wem er das hat? Du könn­test jetzt die Stuhl­kan­te zer­häm­mern, das wäre ganz nor­mal, denn... hopp­la, du schwebst. John hat dich si­cher im Griff, groß­ar­tig macht er das, schickt dich erst dahin, dann dort­hin, lass es ge­sche­hen. Lass es ein­fach ge­sche­hen. Ja, es gibt das Ein­fa­che. Ja, es ist zu haben. Ja. John der Ge­schick­te. Fin­ger­fer­tig der Junge. Du könn­test jetzt rosa Bon­bons wer­fen. Das Bad in der Menge rich­tet dich auf, was fällt, ist dein Schat­ten. Dein oder Bar­toszs Schat­ten, wer ent­schei­det das, letzt­lich? Eine Hand­voll. Stim­men. Hin­ter dem Vor­hang. Blöd­sinn. Wenn doch der Vor­hang fällt? Lass es ge­sche­hen. Lass es. Lass es ein­fach. Es geht doch, geht doch schon... with a whim­per. Was für eine Spra­che.

Das All in der Na­del­spit­ze. Man muss gute Boxen haben, um es hör­bar zu ma­chen, rich­tig gute Boxen, um­sonst gibt’s kei­nen Sound, aber dann... Klappt doch. Un­vor­stell­bar im Grun­de, aber: es ist die Nadel. So ein Winz­ling stellt die Ver­bin­dung her. Kaum zu glau­ben. Und alle neh­men es hin. Noch nie hast du ge­se­hen, dass einer die Lupe zückt. Alle neh­men es hin. Die Re­vo­lu­ti­on in einer Na­del­spit­ze. Was ist ein Pfund Mar­ga­ri­ne da­ge­gen? Ein Stück Schei­ße. Merde. Pus­te­ku­chen. Denk nach, Hiero, denk doch nach. Ge­nau­so hin­gen die Müt­ter da­mals am Volks­emp­fän­ger, jahr­aus, jahr­ein, bis Mar­ga­ri­ne dann doch wich­ti­ger wurde. Ein glit­schi­ges Etwas. Nie­mals in der Ge­schich­te war Mar­ga­ri­ne wich­ti­ger als zu un­se­rer Ge­burt. Oder kurz davor. Lässt sich das ver­glei­chen? Eher nicht. Der Ver­gleich hinkt, Hiero, er ist nicht er­laubt. Er ist durch­ge­stri­chen. Wenn Eber blub­bert, dann weiß er: diese Rede ist nicht er­laubt. Und das ist gut so. Against fa­scism. Fo­re­ver. Wir las­sen uns nichts an­hän­gen. Eber bleibt ge­stri­chen. Stell dir vor, ir­gend­wo steht die Wahr­heit und kei­ner geht hin. Ist sie dann immer noch wahr? Das sind so Am­bi­va­len­zen, Hiero. Als an­ge­hen­der Phi­lo­soph soll­test du diese Frage nicht auf die leich­te Schul­ter neh­men. Auf wel­che dann? Auf die schwe­re? Wo soll­te die sein? Woher neh­men, sprach der Rabe.

Ja doch, John­ny, das war deine Num­mer, vor­bei, meine steht bevor, so ist das Leben. Noch zuckt dein Fin­ger an der Gi­tar­re, aber: so ist das Leben. Ich werde es brin­gen, so­viel ist klar, er wird mich nicht davon ab­hal­ten, wie soll­te er? Warum soll­te er? Das wäre ja ab­surd. Und ab­surd, nicht wahr, Hiero, wol­len wir nicht sein. Das über­las­sen wir gerne den Dich­tern. Diese ewige Be­ckett-Schei­ße, das hält doch einer im Kopf nicht aus. Und du hast nur einen Kopf, merk dir das, du hast kei­nen Kopf zu ver­schen­ken. In den an­de­ren mag bro­deln, was will, du hast nichts zu ver­schen­ken. Die meis­ten sind doch Ver­lie­rer, oh­ne­hin, un­ten­hin, lan­den über kurz oder lang an der Schu­le, Pau­ker-Ty­pen, was sonst. Sieht man ge­nau­er hin, merkt man es ihnen schon jetzt an. Woran man es merkt? Gar nicht so ein­fach. Gute Frage. Ein­fach hin­se­hen. Wei­ter­ge­hen, Leute.

Ja die gute Aura, es gibt sie. Was denn sonst? Sowas geht doch nicht ein­fach weg wie Akne, Mensch­heit will er­wach­sen wer­den, fan­gen wir an. So ein Blöd­sinn. Bar­tosz, der Pen­ner, hat ge­glaubt, im So­zia­lis­mus ver­schwin­det selbst der Tod von al­lein, geht als ein Stück Pri­vat­ver­hält­nis zum Welt­all perdü. Das waren Re­cken. Auf­ge­ben? Nie.

Es ist die Aura, wer sonst, die dich zwingt, sowas wahr­zu­neh­men, bevor es auf den Schir­men des Wis­sens er­scheint. Spät ge­wusst, früh be­wusst. Das alles spielt im Be­wusst­sein, da­hin­ter kom­men wir nicht. Sind sen­si­bi­li­siert dafür, keine Frage. Es geht auch an­ders, aber dann merkt man nichts und ist der Ge­lack­mei­er­te. Ko­mi­scher Aus­druck, woher der stammt? Egal.

Als du ein Knabe warst, ein Knäb­lein ach, rann­test du bei jeder Ge­le­gen­heit zum Hafen hin­aus und schau­test, ob einer von den Skip­pern dich an Bord nahm, ob für fünf Mi­nu­ten oder zwei Stun­den. Und wenn du mor­gen einen Dok­tor­ti­tel vor dei­nen Namen schreibst, kaufst du dir ein Boot und se­gelst los. At­lan­tiktörn, Welt­um­seg­lung, das wird sich zei­gen. Kommt drauf an, wer mit­kommt. Cars­ten Schip­fang zum Bei­spiel, ein ganz er­fah­re­ner Mann, ge­winnst du den, ist alles mach­bar. Ko­mi­scher Name, aber der Mann ist gut. Das heißt, wenn er kann. So einer ist erst ein­mal auf Jahre hin­aus aus­ge­bucht. Du ja auch. Einer wird sich fin­den. Ir­gend­wann fährst du al­lein, in einer Hand die Strö­mung, in der an­dern den Wind, sonst nichts, Meer und Wind, das ist das Ziel. Eike ver­steht davon nichts und Pw, der kann doch nur frot­zeln, dem geht das gegen die Natur. Man muss die Strö­mung ken­nen, die einen ver­setzt, unter der Ober­flä­che, wo denn sonst. Du siehst nur Ober­flä­che, hast du zu Pw ge­sagt, es war wie ein stil­ler Tri­umph, doch der Satz ist ana­ly­tisch. Du siehst die Wel­len, manch­mal sind ganz schö­ne Bre­cher dabei, ober­fläch­lich das alles, Wind­ge­kräu­sel, du musst aber wis­sen, was drun­ter vor­geht, sonst kommst du nicht weit. Es ist auch ge­fähr­lich, du kommst nicht nur nicht weit, du kommst auch nicht mehr zu­rück. Und dann...

S-O-S, unkt Pw mit die­sem über­heb­li­chen Grin­sen im Ge­sicht, manch­mal möch­test du ihm in die Fres­se schla­gen, nun, sou­ve­rän wäre das nicht, nicht wirk­lich. Ja, Kerze in der Kom­bü­se an­zün­den und beten, hast du ge­sagt, und Pw ist wie­der in­ter­es­siert: Was soll das? Ist das ein Küs­ten­sch­nack? Wieso? hast du ge­fragt, eben­falls grin­send: Das tut man doch so. Und Pw: Wenns hilft. Er setzt immer noch einen drauf. Du auch: Na­tür­lich hilft es nicht, aber es be­ru­higt die Ner­ven. Und er: Das be­zweif­le ich stark. – Dann darfst du nicht aufs Meer. – Das werde ich auch schön blei­ben las­sen.

Na­tür­lich wird er es blei­ben las­sen.

Die ei­ge­ne Haut
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Hiero: Figur 1
Hö­hen­flü­ge

Hiero, ein­zig­ar­tig, be­fin­det sich in einer Lage, die dem nicht nach­steht. Er gou­tiert die Vor­stel­lung vom Kul­tur­bruch, sie geht ihm nach, der Kul­tur da­ge­gen kann er nichts ab­ge­win­nen. Den Gang ins Thea­ter lehnt er ab. Er liest viel, ei­gent­lich un­un­ter­bro­chen, mit­un­ter auch einen Roman. Bei Ro­ma­nen be­weist er einen un­trüg­lich schlech­ten Ge­schmack: Hor­ri­bi­lia vom Feins­ten, aus der De­li­ka­tes­sen­ab­tei­lung fürs Wo­chen­end­loch. Der Blitz trifft ihn, als er bei Kat­tusch eine dick­lei­bi­ge, in mat­tem Rot leuch­ten­de Schar­te­ke mit dem eher selt­sam wir­ken­den Titel Gäh­nen­de Höhen auf­blät­tert, das Opus eines so­wje­ti­schen Dis­si­den­ten, des­sen Name ein paar Wo­chen lang durch das eu­ro­päi­sche Feuille­ton geis­tert, um jäh wie­der dar­aus zu ent­wei­chen. Die­ses Zu­sam­men­tref­fen liegt der­zeit noch in der Zu­kunft, selt­sam auch das, denn das fette Opus war schon ge­schrie­ben, als Hiero noch die Schul­bank drück­te. Be­rei­tet sich der junge Mann der­zeit aufs Ex­amen vor, so das Opus, in die Aus­la­gen der ›fran­zö­sisch spre­chen­den Welt‹ ein­zu­rü­cken, wie man das hier­zu­lan­de schmal­lip­pig aus­drückt. Hiero und das Opus wis­sen noch nichts von­ein­an­der, kein Wun­der, die Kul­tu­ren, denen sie an­ge­hö­ren, haben ein­an­der nichts zu sagen. Um das zu än­dern, muss schon ein Par­tei­se­kre­tär kom­men und eine neue Ära er­öff­nen, wie man unter not­dürf­tig zi­vi­li­sier­ten Säu­fern von Zeit zu Zeit ein Glas Cham­pa­gner ent­korkt, um kurz­fris­tig einen Stoff zir­ku­lie­ren zu las­sen, den in die­sen Krei­sen das Epi­t­he­ton ›tro­cken‹ ins Regal für be­son­de­re Ge­le­gen­hei­ten ver­bannt. Hiero ist Rea­list genug, um die Aus­ga­ben für der­glei­chen Ge­nüs­se stan­te pede in phi­lo­so­phi­sche Wäh­rung um­zu­rech­nen: sie wird, wie tref­fend, von einem Ham­bur­ger Ver­lag aus­ge­ge­ben, des­sen Haus­far­be, ein selt­sam alt­vä­ter­li­ches Grün, in über­zeu­gen­der Mo­no­to­nie Hie­ros zwei­flü­ge­li­gem Bü­cher­re­gal die er­sehn­te Pro­fes­sio­na­li­tät ver­leiht. Der Eh­ren­platz, den Spi­no­za darin ein­nimmt, ist Kä­richs Ob­ses­si­on ge­schul­det. Des­car­tes’ Me­di­ta­tio­nen er­in­nern Hiero eher un­an­ge­nehm an die Zeit der Ein­füh­rungs­ver­an­stal­tun­gen, in denen er dem Jux­be­dürf­nis einer Ko­hor­te aus­ge­lie­fert war, die sich in­zwi­schen in alle Winde zer­streut hat. Gleich da­ne­ben be­ginnt die Reihe der Kant, Fich­te, Schel­ling, Hegel und ihrer di­ver­sen Aus­le­ger: eine Hul­di­gung an den Geist des In­sti­tuts, die, ge­treu der von Dass­ler aus­ge­ge­be­nen Pa­ro­le, man wisse noch gar nicht, wie die Klas­si­ker zu lesen seien, auch we­ni­ger be­kann­te, dar­un­ter bis vor kur­zem ver­schol­le­ne Ne­ben­li­ni­en ein­schließt, nicht zu ver­ges­sen die min­der ge­wich­ti­gen Zeit­ge­nos­sen, die ein aufs Ge­spräch der Rie­sen kon­zen­trier­ter Blick stets über­sieht, dar­un­ter ein Se­mes­ter Jo­hann Hein­rich Lam­bert in­klu­si­ve Re­fe­rat mit an­schlie­ßen­der häus­li­cher Aus­ar­bei­tung.

Lam­bert hat nicht viel ge­bracht. Zwei­fel­los ein hel­ler Kopf. Sein Or­ga­non, darin geübt, die Zei­ten zu über­dau­ern, ohne durch allzu viel Lek­tü­re Scha­den zu neh­men, konn­te sich einen griff­güns­ti­gen Platz im Regal er­gat­tern, auf dem es nach jedem Umzug un­wei­ger­lich wie­der auf­taucht. Ein Wun­der, denn wahr­lich, Hiero wüss­te nicht zu er­klä­ren, dass und warum er das Büch­lein immer aufs Neue just an die­ser Stel­le de­po­niert. Eines Tages, ›one day‹, wie Kä­richs ima­gi­nä­rer Brite das aus­zu­drü­cken be­liebt (auch der Par­tei­se­kre­tär ist in­zwi­schen Ge­schich­te, sein Name, auf Wod­ka-Eti­ket­ten ge­druckt, füllt an­de­re Re­ga­le als das hier in Rede ste­hen­de), öff­nen sich unter dem sanf­ten Druck von Hie­ros Dau­men die Sei­ten. Her­aus fällt, von einem Po­li­zei­au­to­ma­ten auf­ge­nom­men, ein Foto. Es zeigt ihn am Steu­er eines flot­ten Wa­gens, an das er sich kaum mehr er­in­nert: blass, über­mü­det, die Fin­ger der lin­ken Hand an den Lip­pen spie­lend, ein Ge­sicht, das hart und kurz aus ver­gan­ge­nen Spie­geln auf­taucht und im Nichts ir­gend­ei­ner Er­war­tung ver­schwin­det. Die Zu­kunft, die diese auf dem Foto nicht über­mä­ßig her­aus­ge­ar­bei­te­ten Augen zu durch­drin­gen ver­su­chen, das... das ist doch er selbst, er­sicht­lich er selbst, oder? Wäre er jetzt Phi­lo­soph – er ist es, aber an­ge­nom­men, er wäre es nur –, er würde nicht zö­gern, das Spiel auf der Stel­le her­vor­zu­kra­men und ver­suchs­wei­se die Fi­gu­ren auf­zu­bau­en, die alten Züge nach­zu­stel­len, die ge­pfleg­ten Ent­täu­schun­gen ein wei­te­res Mal durch­le­ben, die über­ra­schen­den Sack­gas­sen, in die das Den­ken gerät, mit Auf­merk­sam­keit und Weh­mut un­ter­su­chen – alles eine Frage der Phan­ta­sie? Er­gibt sich nicht doch ein­mal über­ra­schend ein neuer Zug, mit dem man sich in die Liste derer ein­trägt, die Gül­ti­ges hin­ter­las­sen? Ver­geb­li­che Mühe! Ge­ra­de hier, just an die­ser Stel­le, ist kein Durch­kom­men, heute wie da­mals, die Athe­ner haben ihre Wa­chen gut pos­tiert und So­kra­tes’, ihres So­kra­tes, den sie lange er­tru­gen, eif­ri­ge Erben bran­den ver­geb­lich gegen die Ther­mo­py­len, hin­ter denen sich die Zu­kunft ver­schanzt hat.

Wenn ich in die Zu­kunft bli­cke, was sehe ich da? Nichts sehe ich. Aber in die­sem Nichts steht, un­aus­schneid­bar, das Ich, nicht weg­zu­be­kom­men, eine Pro­jek­ti­on, wie die Psy­cho­lo­gen sagen, ein Wunsch­bild also, schon darin täu­schen sie sich, aber das nur am Rande. Sei nicht naiv, Hiero, ein Zu­fall, ein Sprach­zu­fall hat es so ge­fügt, wechs­le die Spra­che und das Ve­xier­bild hat sich ver­flüch­tigt. Aber warum soll ich die Spra­che wech­seln, wenn diese hier mich etwas lehrt? Etwas, das auch ohne diese Spra­che Be­stand hat? Es ist doch wahr, dass ohne mich keine Zu­kunft statt­fin­det, dass sie zu­sam­men­klappt wie ein Re­gen­schirm, so­bald man auf die­sen Knopf drückt. Ge­nau­so wahr ist, dass ich mir von allem ein Bild ma­chen kann, nur nicht von dem, der ich sein werde. Dies bei­des ist zwei­fel­los wahr, es ist die per­sön­li­che Grund­la­ge allen Zwei­felns.

Alles geht wei­ter und ich werde nicht mehr sein.
Ich werde sein und alles wird an­ders.

Zwei Sätze, ein Ge­dan­ke. Na­tür­lich kann ich den, der ich wer­den möch­te, nach Be­lie­ben her­aus­staf­fie­ren, ich kann ihm, unter Sau­na­gän­gern, die durch die Poren leben, ein tol­les Leben an­dich­ten, ich kann ihn mit den Tro­phä­en künf­ti­ger Groß­ta­ten be­hän­gen, bis er in die Knie geht, aber – das Ge­sicht, mein Ge­sicht, bleibt leer. Nur die Po­li­zei weiß Be­scheid, des­halb gibt sie Be­scheid, sie hat die Auf­ga­be, zu re­gu­lie­ren, was kommt, die­ses Ge­sicht ist ihr un­ter­ge­kom­men, ihre Ka­me­ra hält es fest, es ist noch fast leer, aber doch be­reits ein be­schrie­be­nes Blatt, für wei­te­re Ein­trä­ge offen. Ich aber, der die­ses Bild be­trach­tet, ich, der aus einer Zu­kunft, die keine mehr ist, dar­auf zu­rück­kommt, sehe nichts, das auf mich deu­tet, außer dem Blick des­sen, der ich ein­mal war, die­sem ins Leere ge­rich­te­ten Blick, an dem die Leit­plan­ken einer nicht ins Bild auf­ge­nom­me­nen Au­to­bahn vor­bei­ra­sen und der den Ho­ri­zont nach Ge­fah­ren ab­tas­tet, die er noch nicht kennt. Es gibt einen Test, der die Lage klärt. Sooft ich ver­su­che, mich – die­ses künf­ti­ge Selbst, das ich sein werde und also ir­gend­wie be­reits bin – ab­sto­ßend zu kon­stru­ie­ren, zer­reißt das Band zwi­schen mir und mir und der dort, mein zu­künf­ti­ges Ich, wird ein An­de­rer. Kein zu­künf­ti­ges Ich ist im­stan­de, Scham zu er­zeu­gen. Darin liegt der Un­ter­schied zur Ver­gan­gen­heit, in der so etwas gang und gäbe ist. In Bezug auf sie ist es die Scham, die für Über­blen­dun­gen sorgt und den, der ich war, ver­schwim­men und ver­schwin­den lässt. Scham ver­bin­det – den, der einer ist, mit dem, der er war, so wie sie das Kol­lek­tiv der wirk­li­chen und der ein­ge­bil­de­ten Täter zu­sam­men­schweißt.

So oder ähn­lich denkt Hiero an die­sem Tag, der im Jetzt des Kan­di­da­ten noch schlech­ter­dings un­auf­find­bar ist, aber eben­so un­be­zwei­fel­bar heute be­reits wie­der ver­gan­gen. Nä­her­hin schlurft er, zwi­schen den Fin­gern das Buch, hin­über ins Ba­de­zim­mer, eine Orgie aus ge­ka­chel­tem Weiß, in dem sich die ge­ka­chel­te Psy­che der Frau spie­gelt, mit der er ge­gen­wär­tig zu­sam­men­lebt –, wenn sie, wie jetzt, nicht da ist, dann spie­gelt sich ihre Ab­we­sen­heit darin, das läuft, nicht ganz, aber der Ten­denz nach, auf das­sel­be hin­aus. Die ein­zi­ge un­be­setz­te Flä­che im Raum bie­tet der Spie­gel, den er, Hiero, nach dem Ein­zug ei­gen­hän­dig dort an­ge­bracht hat – eine der we­ni­gen hand­werk­li­chen Ges­ten, die es von ihm gibt, kaum ge­eig­net, ihn zu über­dau­ern, nun ja. Kein Kom­men­tar. Heide ge­gen­über, die ge­drängt hat, je­den­falls nicht ohne Witz. Er be­trach­tet nicht das Ge­sicht, das, fal­tig und be­zie­hungs­los um­her­geis­tert, in die­sem Raum, der kei­ner ist, auf einer Flä­che, die keine sein will, son­dern die rech­te Hand. Er hebt und senkt sie, be­äugt sie in der Ver­dopp­lung, die der Spie­gel auf seine sach­li­che Art ohne wei­te­res vor­nimmt, dreht sie und hält sie an, par­don, ver­sucht sie an­zu­hal­ten. Schiebt sie in die Ta­sche, zieht sie wie­der her­aus, legt sie auf den Rand des Wasch­be­ckens, um­klam­mert sie mit der Lin­ken – und lässt los. Lässt los. Stößt sie fort, lässt sie fal­len, aus­pen­deln, holt sie, kon­trol­liert bis in die Ge­we­be­spit­zen, wie­der heran. Es nützt nichts.

Die Hand zit­tert.

Die ei­ge­ne Haut
13
Hiero: Figur 1
1 + 1 = 3

Das ist keine neue Er­kennt­nis, das Zit­tern hat be­reits das Stu­di­um be­glei­tet, es ist sein stum­mer Ka­me­rad, aber ein un­heim­li­cher, je­den­falls seit Hiero zum ers­ten Mal der Ver­dacht über­kam, dass es sich heim­lich ver­stärkt. Das wäre nicht ver­wun­der­lich, schließ­lich muss es ir­gend­wann be­gon­nen haben, er er­in­nert sich an eine Zeit in der Kind­heit, in der er mit ru­hi­ger Hand seine Schie­fer­ta­fel ge­wischt und in kra­ke­li­ger, aber fes­ter Schrift 1 + 1 = 3 dar­auf ge­schrie­ben hatte, bloß um den Leh­rer zu rei­zen, der be­sorgt den Vater an­rief, nach­dem er Hiero vor der Klas­se ver­höhnt und, wie all­ge­mein üb­lich, an den Haa­ren ge­zo­gen hatte. Der Vater hatte ihn fest an­ge­se­hen und etwas re­si­gniert be­merkt:

  • ―Das mag in der Phi­lo­so­phie stim­men, aber im Leben und vor allem in der Schu­le wirst du damit Schwie­rig­kei­ten be­kom­men.

Die­ser Satz hat sein Leben ver­än­dert.

Zu der Aus­sa­ge steht er, auch wenn ihr er­sicht­lich ein wenig Un­sinn an­haf­tet, da Sätze die­ser und an­de­rer Art un­ver­meid­bar sind und im­mer­fort das Leben ver­än­dern. Wie sähe es denn sonst aus? Was sich im Leben be­haup­ten will, lebt von Be­haup­tun­gen. Sie sind zahl­reich wie der Sand am Meer und eben­so flüg­ge. Man trifft sie heute hier und mor­gen dort und wun­dert sich ge­le­gent­lich, in wel­cher Ge­sell­schaft sie ihr Aus­kom­men fin­den, aber das kann schnel­ler vor­bei sein als man denkt. Im Stu­di­um däm­mer­te es Hiero, dass die vom Vater si­cher nicht so ge­mein­te Be­mer­kung ein Ka­pi­tal dar­stellt: sein Er­we­ckungs­er­leb­nis, ver­gleich­bar Ca­sa­no­vas toll­küh­ner, wenn­gleich welt­his­to­risch ver­spä­te­ter Ent­de­ckung, dass die Erde sich um die Sonne dreht – im zar­ten Alter von acht Jah­ren, hört, hört! –, oder Rous­se­aus ähn­lich aben­teu­er­li­cher, in eines edlen Schat­ten blas­ser Kühle rea­li­sier­ter Ein­fall, dass die Zi­vi­li­sa­ti­on nicht zu ret­ten sei und in die­ser Er­kennt­nis ihre ein­zi­ge Ret­tung liege. Seine kind­li­che For­mel mag etwas un­fer­tig wir­ken, ein ge­wis­ser Trotz ist scheint’s nicht aus ihr zu ent­fer­nen. Aber das lässt sich für die bei­den an­de­ren auch kon­sta­tie­ren. Und wenn schon: Was liegt ei­gent­lich der Re­la­ti­vi­täts­theo­rie an­de­res zu­grun­de als eine wun­der­bar trot­zi­ge For­mel, die eines Mor­gens, von un­be­kann­ter Schü­ler­hand ge­krit­zelt, an der Schul­ta­fel prangt und dem Leh­rer un­zwei­fel­haft kund­tut, dass seine ge­lieb­te Klas­se ihn für ein bor­nier­tes Sub­jekt hält?

Da­ge­gen ließe sich ein­wen­den, dass Hiero seine For­mel nicht er­fun­den, ge­schwei­ge denn er­dacht hat. Er­son­nen schon, aber das ist eine un­kla­re Tä­tig­keit, deren So­zi­al­pres­ti­ge schwan­ken­den Kon­junk­tu­ren un­ter­liegt. Aus die­sem Grund, zu dem sich an­de­re, über­ge­ord­ne­te Über­le­gun­gen ge­sel­len, legt er kei­nen ge­stei­ger­ten Wert auf sie. Sie bleibt ein klei­nes Ge­heim­nis, das er mit dem teilt, der ihn mor­gens bei der Rasur aus dem Spie­gel an­blickt. So kommt es, dass sie auch den Kom­mi­li­to­nen un­be­kannt bleibt und im Ex­amen keine be­son­de­re Rolle spielt. Nur als Dass­ler ihn bei­läu­fig fragt, ob man Fich­tes be­rühm­tes Ich=Ich noch in einem an­de­ren als dem so­eben re­fe­rier­ten Sinn ver­ste­hen könne, da blitzt es in ihm auf, und er ant­wor­tet so un­be­dacht, dass es ihn fast die Note kos­tet:

  • ―Das wahre Ich ist das drit­te.

  • ―Ja? re­pli­ziert Dass­ler mit hoch­ge­zo­ge­ner Braue. Und das wäre?

Mehr als ein ver­schmitz­tes Lä­cheln lässt sich der Kan­di­dat je­doch nicht ent­lo­cken und Dass­ler, den die Un­bot­mä­ßig­keit amü­siert, be­lässt es bei dem Vor­stoß. Ein Feh­ler viel­leicht, wer mag das wis­sen.

Wer mag das wis­sen. Hie­ros Na­tu­rell ent­sprä­che es, ›Hier!‹ zu rufen, mit kla­rer, un­ver­stell­ter und auf gar kei­nen Fall ge­dämpf­ter Stim­me. Raum ist in der kleins­ten Hütte, warum nicht hier, selbst unter Ka­cheln fällt es ihn an, aber er hat ge­lernt, auf der Hut zu sein, ein bit­te­res Ler­nen war das. Er kann sich jetzt zü­geln. Da­mals, so­viel weiß er noch, zit­ter­te die Hand so sehr, dass er sie kräf­tig drück­te, was nicht un­be­merkt blieb. Kä­rich, der ewige Bei­sit­zer, bot sogar an, die Sit­zung kurz­zei­tig zu un­ter­bre­chen. Ein durch­sich­ti­ges Ma­nö­ver, auch fiel das Wort ›Zi­ga­ret­ten­pau­se‹. Weder Dass­ler noch der Kan­di­dat gin­gen dar­auf ein. Ziem­lich übel, schon per­fi­de zu nen­nen, wenn man be­denkt, dass er Kä­rich am Vor­abend an der Plat­te klar ge­schla­gen hatte. So kon­ter­te er durch be­ton­te Sach­lich­keit.

Die Prü­fung, so hatte es auf der per­sön­li­chen, mit einer knap­pen, so­zu­sa­gen tro­cke­nen Un­ter­schrift ver­se­he­nen Ein­la­dung ge­stan­den, fand in Dass­lers Dienst­zim­mer statt. Wer weiß, wer in­zwi­schen dort re­si­diert. Im Trep­pen­haus be­geg­ne­te er Tron­ka, das Zu­sam­men­tref­fen fes­tig­te ihn in­ner­lich und fä­chel­te ihm Mut zu. Es war klar, Dass­ler würde die Gret­chen­fra­ge stel­len, falls Hiero sich nicht voll­stän­dig über sei­nen Sta­tus als guter Mann ge­täuscht hatte. Und wirk­lich, nach al­ler­lei Fra­gen über al­ler­lei Dif­fe­ren­zen bei Kant und ihre di­ver­sen Auf­ga­ben, über das Ka­te­go­ri­en­pro­blem als sol­ches und den He­gel­schen Sub­jekt­be­griff in Ab­gren­zung zu Fich­te und Lam­bert, die Hiero mit Leich­tig­keit be­ant­wor­te­te, wäh­rend er dar­auf war­te­te, dass die wirk­li­che Prü­fung ihren An­fang nahm, nach al­le­dem fal­te­te Dass­ler auf eine merk­wür­di­ge Weise seine Hände, er legte sie zu­sam­men und blick­te über sie hin­weg ins Weite oder je­den­falls Un­be­stimm­te, denn die weiß ge­stri­che­ne Wand, zwei Meter von ihnen ent­fernt, ließ keine gro­ßen Dis­tan­zen zu.

Un­ter­des­sen re­de­te Kä­rich wei­ter, schein­bar un­auf­ge­for­dert, aber einem fest­ste­hen­den Ri­tu­al gemäß, er re­de­te mit lei­ser Stim­me, man konn­te mei­nen, er rede mit sich selbst, und Hiero, be­gie­rig auf das ent­schei­den­de Wort aus Dass­lers Mund, war erst ge­neigt, seine Worte zu über­hö­ren, wäh­rend er sie be­reits ein­schlürf­te wie... wie fri­sche Aus­tern, da schlägt die Lei­den­schaft für das Meer doch wie­der zu.

Was Kä­rich hier, ir­gend­wie dann ja doch bril­lant, von sich gab, das muss­te man dann wohl eine Wür­di­gung nen­nen. Sie ging aus von dem, was Hiero in der ver­gan­ge­nen hal­ben Stun­de ge­leis­tet hatte, schwenk­te auf sein Stu­di­um und seine Per­son zu­rück und zum ers­ten Mal, so­weit sich Hiero er­in­nert, fal­te­te sie aus, was der Aus­druck ›guter Mann‹ in con­cre­to um­schloss. Dem­nach war er nicht nur ein guter Mann, wie es ja auch sei­ner Selbst­ein­schät­zung ent­sprach, er war der gute Mann, eine Art Ver­kör­pe­rung die­ses Typus’, so wie für Ci­ce­ro So­kra­tes und na­tür­lich er selbst den Vir bonus ver­kör­pert hat­ten. Die Kri­te­ri­en, die Kä­rich in An­schlag brach­te, waren er­staun­lich banal; ei­gent­lich hätte Hiero sich das alles be­quem selbst den­ken kön­nen (was na­tür­lich nutz­los ge­we­sen wäre): eine auf­fäl­li­ge Er­schei­nung war er ge­we­sen, und zwar vom ers­ten Se­mi­nar an, das er be­sucht hatte und an das sich Kä­rich noch aus­ge­zeich­net er­in­nern konn­te, je­den­falls sagte er ›aus­ge­zeich­net‹ und Hiero fühl­te sich da­durch aus­ge­zeich­net, dass er es sagte. Kä­rich er­wähn­te auch seine Ar­beit über Lam­bert, die ›druck­reif‹ ge­we­sen sei – hier räus­per­te sich Dass­ler und nick­te, es war ein leich­tes Wie­gen, das vor- und zu­rück­schwang, Hiero, der an das Re­fe­rat, ver­mut­lich wegen der mas­si­ven Un­lust­ge­füh­le, die seine Ent­ste­hung be­glei­tet hat­ten, nur un­gern zu­rück­dach­te, sah plötz­lich alles plas­tisch vor sich: wäh­rend Kä­rich ihm eine klare und ent­schie­de­ne Auf­fas­sung des phi­lo­so­phi­schen Haupt­ge­dan­kens at­tes­tier­te, fühl­te er klar und ent­schie­den die schmerz­haf­te Lücke im Über­gang vom drit­ten zum vier­ten Ab­schnitt, wo es ihm nicht ge­lun­gen war, Lam­berts Sys­tem­be­griff in eine ver­nünf­ti­ge Kor­re­la­ti­on zu dem­je­ni­gen Kants zu stel­len, der schon für sich al­lein ge­nom­men mehr Fra­gen auf­warf, als er, Hiero, zu be­ant­wor­ten ge­lernt hatte. Die Ar­beit war ein Flop, und Kä­rich wuss­te es. Arsch­loch. Wie er, von ihr aus­ge­hend, nun nach­drück­lich seine Fä­hig­keit – ›und mehr als die Fä­hig­keit: den Wil­len‹ – zum sys­te­ma­ti­schen Den­ken in den Raum stell­te, das emp­fand Hiero da­mals wie heute als selbst­ver­ständ­lich – das heiß er­sehn­te Ge­schenk, das wirk­lich auf dem Ga­ben­tisch liegt – und als einen zy­ni­schen Af­front. Die kalte Du­sche kam prompt.

Die ei­ge­ne Haut
14
Hiero: Figur 1
Der Feh­ler

Nein, nicht da­mals hat sich Dass­lers For­mel, man wisse noch gar nicht, wie man die Klas­si­ker zu lesen habe, bei Hiero gegen den Se­mi­n­ar­be­trieb und das Ge­spann ge­wen­det, das Dass­ler und Kä­rich mit­ein­an­der bil­de­ten. Er kann sich über­haupt nicht er­in­nern, wann genau das ge­schah. Nur dass es ge­schah, steht außer Zwei­fel, eben­so, dass es ge­sche­hen muss­te, soll­te er, Hiero, zu den un­ver­rück­ba­ren Über­zeu­gun­gen kom­men, die ihn zu der Per­son wer­den lie­ßen, die er heute ist. Das Ba­de­was­ser rauscht und schwillt, die Zahn­pas­ta­tu­be übt sich in der ihr ei­ge­nen ver­que­ren Nach­gie­big­keit, ver­trau­te Fri­sche­ge­rü­che durchwal­len den Raum – ein guter, so­li­der back­ground für das klei­ne Pa­la­ver, das da, als fahre er Geis­ter­bahn, aus der Spie­gel­re­gi­on auf ihn ein­strömt. Das Rau­schen geht über in einen Vor­hang, ge­formt aus Wi­der­wil­len, einen ste­tig strö­men­den Was­ser­fall, der den Ein­gang zur Höhle ver­birgt, in der, wahr­schein­lich be­wacht von einem an­sons­ten ar­beits­lo­sen Faf­ner, das Gold der Er­in­ne­rung an die Zeit vor dem Un­glück liegt. Ein Un­glück, ganz recht. Bes­ser ge­sagt, ein Mal­heur, das er da­mals nicht so emp­fand und bis heute nicht gel­ten las­sen kann. Was immer der Geiz­kra­gen Faf­ner da hütet, das ist doch nicht er, Hiero, der weiß, wofür er steht, das, das wäre ja... eine krau­se Kon­struk­ti­on. Nein, die­ses Un­glück war kein rich­ti­ges Un­glück, sonst wäre es letzt­end­lich auch re­pa­ra­bel ge­we­sen. Es war eine Art Glück, denn auf diese ir­re­pa­ra­ble Weise hat er sei­nen Weg ge­fun­den. Ein Mal­heur al­ler­dings kann man es bei nüch­ter­ner Be­trach­tung an­ge­sichts all der Chan­cen, die er damit aus­ge­schla­gen hat, wohl nen­nen.

Dass­lers wei­che, mit star­kem Tim­bre aus­ge­stat­te­te Stim­me hat Kä­richs zu­neh­mend läs­ti­ger wer­den­de Eloge aus dem Raum ent­fernt, etwa wie man einen Staub­fa­den vom Re­vers ent­fernt, ohne wei­ter auf ihn zu ach­ten oder die Auf­merk­sam­keit des Ge­sprächs­part­ners auf den Vor­gang len­ken zu wol­len, die selbst­re­dend durch das sich darin zei­gen­de Ge­schick mäch­tig ent­facht wird.

  • Wir ken­nen Sie jetzt seit Jah­ren, Herr Gund­ling, so spricht diese Stim­me, Sie haben uns so­eben eine Probe davon ge­ge­ben, dass Sie an die­sem In­sti­tut viel ge­lernt haben. Sie haben einen span­nen­den Le­bens­weg vor sich. Was wer­den Sie ma­chen?
  • ―Dar­über muss ich nach­den­ken. Ich meine, ich nehme mir ein paar Mo­na­te Zeit und ent­schei­de dann, was ich mache, hört Hiero sich – sagen, reden, flun­kern, her­un­ter­lei­ern, wie immer man das Kind nen­nen möch­te, denn dass es sich um einen Ge­burts­vor­gang han­delt, daran be­steht kein Zwei­fel. Noch liegt das Kind­chen nicht in der Wiege. Wie um den Sach­ver­halt zu un­ter­strei­chen, mischt sich die wei­che und dabei so­no­re Stim­me wie­der in sei­nen flie­gen­den Ge­dan­ken­gang ein.
  • ―Zu lang soll­ten Sie nicht war­ten, be­merkt die wei­che, ein wenig pas­to­se Stim­me, vä­ter­lich be­sorgt, in einem schlep­pen­den Ton­fall, der un­end­li­che Dis­tanz si­gna­li­siert. Sie kön­nen das dann mit Herrn Kä­rich be­spre­chen, der auf jeden Fall für Sie da sein wird. Falls Sie mir etwas zu sagen haben, soll­ten Sie es viel­leicht jetzt tun.
  • ―Sie sind doch ein guter Mann, quäkt Kä­rich aus dem Hin­ter­grund, Sie sol­len, Sie müs­sen pro­mo­vie­ren, was gibt es denn da zu über­le­gen?
  • ―Ich habe doch noch gar kein Thema.
  • Das soll­ten Sie sich al­ler­dings gut über­le­gen.

Die ei­ge­ne Haut
15
Hiero: Figur 1
Dead dog wal­king

Er hat es nicht ge­wusst. Nicht ge­wusst, was alle be­reits wis­sen, als er nach­denk­lich die we­ni­gen Stu­fen ins Freie hin­ab­steigt, auf die ver­lot­ter­te Piaz­za, wo die ge­park­ten Autos kreuz und quer ste­hen und gur­ren­de Tau­ben Jagd auf reich­lich ver­streu­te Bro­sa­men ma­chen. Die Spat­zen pfei­fen es von den Dä­chern: es ist Dass­lers vor­erst letz­tes Se­mes­ter vor Ort, er wird auf un­be­stimm­te Zeit nach Ame­ri­ka gehen, nach Prin­ce­ton, genau ge­nom­men, das Ziel aller pro­fes­so­ra­len Schnäpp­chen­jä­ger, je­den­falls auf dem geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Sek­tor. Ein paar in Prin­ce­ton zu­ge­brach­te Se­mes­ter ma­chen den For­scher rund, sie ver­lei­hen sei­ner Kar­rie­re den schö­nen Bogen, den es braucht, damit einer sagen kann: Seht her, ein Mensch. Selbst­ver­ständ­lich hat auch Hiero, der seine Kar­rie­re mi­nu­ti­ös vor­aus­be­denkt, diese Ehre fest ge­bucht, auch wenn sie noch in wei­ter Ferne schlum­mert. Im Au­gen­blick be­schäf­ti­gen ihn an­de­re Sor­gen.

Wel­che das sind, will Pw wis­sen – sie kle­ben wie­der im Pfau und Hiero wird die Nacht hin­durch fah­ren, um am nächs­ten Mor­gen die erste Fähre heim­wärts zu er­rei­chen –

  • ―Wel­che? Du bist gut.
  • ―Ge­bongt, aber... Sag mal: Was hat der Dass­ler ei­gent­lich damit ge­meint, dass er dich an den Kä­rich ver­wie­sen hat? Ich an dei­ner Stel­le würde da auf­pas­sen.
  • ―Was soll er schon damit ge­meint haben. Kä­rich kriegt einen Ruf. Das hab ich aber erst an­schlie­ßend er­fah­ren. Au­ßer­dem än­dert es nichts.
  • ―Kä­rich? Nein! Hör mal, aber das än­dert doch alles.
  • ―Wieso?
  • ―Also ich an dei­ner Stel­le –
  • ―Du bist aber nicht an mei­ner Stel­le. Au­ßer­dem gehe ich nicht mit Kä­rich in die Pro­vinz.
  • ―Das scheint mir jetzt ein wenig vor­ei­lig...

Pws Stim­me krü­melt, der Blick geht starr auf Hiero, unter hoch­ge­zo­ge­nen Au­gen­brau­en be­kommt er etwas Gou­ver­nan­ten­haf­tes.

Hiero trotzt.

  • ―Ich zieh mich jetzt drei Mo­na­te aus dem Ver­kehr, dann werde ich das ent­schei­den. Du weißt ja gar nicht, ob er mich will. Ich zer­brech mir doch nicht den Kopf –
  • ―Das soll­test du aber.
  • ―Soll­te ich nicht.
  • ―Na gut, wenn du meinst. Auf so eine Chan­ce kannst du ein Leben lang war­ten. Ich an dei­ner Stel­le würde die See­la­ge ver­ges­sen...

Nein, das hätte er nicht sagen sol­len. Er hätte es nicht sagen dür­fen, das sieht er an Hie­ros Augen. Und er setzt eins drauf.

  • ―Ich finde diese Bin­dung so­wie­so un­na­tür­lich. Wet­ten, du hast noch nie dar­über nach­ge­dacht, wie Schei­ße das sein wird, wenn du da im Alter im Pup­pen­heim sitzt und dir jeden Tag vor­sa­gen musst: So­weit hat mein Vater es auch schon ge­bracht?
  • ―Was stört dich daran?
  • ―Schät­ze mal, das ist kein be­son­ders er­he­ben­des Ge­fühl.

Der Ver­su­cher. Ka­pi­tel? Vers? Egal. ›Un­na­tür­lich‹ ist kein Wort, das man in ihrem Kreis in den Mund neh­men würde, ohne ihn iro­nisch zu ver­zie­hen oder die Stim­me mit Häme auf­zu­la­den. Vom Vater zu reden ist, seit der At­ta­cke im Kino, ex­plo­si­ver Stoff. Warum tut er das...?

Da­nach fragt man bei Pw ver­geb­lich, die Pro­vo­ka­ti­on ge­hört zu sei­nen ele­men­ta­ren Ope­ra­tio­nen. Wer’s nicht er­trägt, hält sich bes­ser fern. Das ist leich­ter ge­sagt als getan, in der Runde gibt er damit den Ton an. Fräu­lein Por­ti­ön­chen, seine Schwes­ter im Geis­te, blickt be­reits spott­lus­tig und in­ter­es­siert her­über, das fehl­te noch, dass sie sich jetzt ein­mischt. Hiero könn­te, was ihn zu ihr hin­zieht, mit den Hän­den er­zäh­len – mit bei­den Hän­den, selbst­re­dend, stumm. Im Tanz der Fin­ger­kup­pen liegt vie­les, was das Leben ver­schweigt. Manch­mal tut es gut daran, er möch­te nicht er­in­nert wer­den, jetzt nicht, jetzt so­wie­so nicht... Und da schießt ihm das Blut ins Ge­sicht und er brüllt, über­gangs­los, wie er lange nicht mehr ge­brüllt hat. An den Ne­ben­ti­schen ist man nicht gleich dar­auf ein­ge­rich­tet, schon sieht man die ers­ten er­freu­ten Ge­sich­ter, bier­glän­zend, die Brüll­stim­me dun­kelt ein und wird kör­nig, als käme sie aus einem Nuss­kna­cker, dem man so­eben die Ent­las­sung ver­kün­det hat, sein hei­li­ges Recht auf Hel­go­land, durch Ge­ne­ra­tio­nen er­här­tet, nur ein­mal durch Aus­rot­tung – ich sage: Aus­rot­tung! – in Ge­fahr, ihr wer­det es nicht –

  • ―Holla, holla!
  • ―du nicht und Fräu­lein Por­ti­ön­chen nicht und wer immer auf den Ge­dan­ken kom­men könn­te, es noch ein­mal zu ver­su­chen –
  • ―Also jetzt komm mal wie­der auf den Tep­pich...
  • ―Komm ich nicht, warum soll­te ich, da könnt ihr auf dem Kopf ste­hen, mei­net­hal­ben, das mag zwar lus­tig sein, aber es tut nichts zur Sache, hörst du: Es-tut-nichts-zur-Sa­che –
  • ―Aber was ist die Sache? Sags mir, komm sags mir –
  • ―Nein, das werde ich nicht. Je­den­falls nicht hier und jetzt. Das steht alles ge­schrie­ben, es steht ge­schrie­ben, ihr könnt es nach­le­sen, wenn ihr wollt, das be­rei­tet nicht die ge­rings­te Schwie­rig­keit. Ich weiß, dass du da schweigst, aber ich kann dir da nicht hel­fen, da musst du durch.
  • ―Muss ich nicht.
  • ―Musst du doch.
  • ―Und wenn ich mich wei­ge­re?
  • ―Du kannst dich nicht wei­gern. Das ist das Gute daran: du kannst dich nicht wei­gern. Du denkst, dass du dich wei­gern kannst, aber du kannst dich nicht wei­gern. Das geht nicht.
  • ―Also pass mal auf. Du bist doch nicht der ein­zi­ge hier am Tisch, der weiß, was da­mals pas­siert ist. Das wird jetzt lang­sam... lä­cher­lich. Nein, un­ter­brich mich nicht. Ich-ha­be-kei­nen-Mör­der-zum-Va­ter-und-ich-ha­be-nie­man­den-um­ge­bracht. Dei­nen üb­ri­gens auch nicht. Wir steck­ten da­mals noch nicht mal in den Win­deln, wenn ich mich recht ent­sin­ne. Willst du das viel­leicht auch be­strei­ten?
  • ―Damit kannst du dich nicht her­aus­win­den. Das Ar­gu­ment zählt nicht.
  • ―Und was zählt, bitte sehr, dann?
  • ―Was zählt? Was zählt? Willst du wirk­lich wis­sen, was zählt? Ich kann dir sagen, was zählt –

Hiero ist ab­ge­taucht, fum­melt unter dem Tisch, sein Rü­cken hebt und senkt sich, er wird doch nicht... hoch wölbt sich der Bu­ckel, ein Ge­sicht, ge­rö­tet, ver­schwitzt, er­hebt sich über die Tisch­kan­te, die Hand, noch un­sicht­bar, zieht etwas nach –

Hiero häm­mert mit sei­nem schwar­zen, glän­zen­den Lack­schuh auf den Tisch, ein­mal, zwei­mal, fünf­mal, fre­ne­tisch, an den Ne­ben­ti­schen bran­det Bei­fall auf, ver­ein­zel­te Bra­vo­ru­fe, selbst der Wirt lä­chelt im Sturm der Emo­tio­nen, der Pfau äh­nelt wie­der mal einer rum­peln­den Arche Noah, nur Lexa, die dun­kel apar­te Be­die­nung, die eine neue Runde Pils ab­lädt, er­spart sich das Lä­cheln, manch­mal gehen ihr die Stu­den­ten, man sieht es deut­lich, ziem­lich auf den Sen­kel.

  • Ich-ha­be-nicht-ge­sagt, dass alle in die­sem Land Mör­der sind. Hab ich nicht? Nein, hab ich nicht. Das sagen ganz an­de­re. Ich sage... ich sage... Lass mich bitte aus­re­den. Sie-ha­ben-es-nur-nicht-ge­schafft, sich aus ei­ge­ner... Kraft? Sag ich doch: Kraft! Was kuckst du mich so an! Stimmt doch. Be­frei­en? Die woll­ten doch gar nicht be­freit wer­den. Da liegt der Hase im Kohl. Wenn es nach denen ge­gan­gen wäre, dann wärt ihr hier alle – ich sage: alle! –
  • ―Du auch!
  • ―Ich auch. Nein, wieso ich? Wieso ich? Komm, sags mir! Wieso ich? Ganz si­cher nicht. Ganz si­cher nicht.
  • ―Was macht dich da so si­cher?
  • ―Mich? Si­cher? Das kann ich dir sagen: Weil –
  • ―Aha. Und du? Kannst du nicht mal davon ab­stra­hie­ren?
  • ―Nein, kann ich nicht. Kann ich nicht. Will ich auch nicht. Warum soll­te ich das tun? Alles, was ich bin, ver­dan­ke ich mei­nem Vater.
  • ―Danke, das reicht. Schön für dich. Alles, was ich nicht bin, ver­dan­ke ich…
  • ―Ja –?
  • ―… mei­nem Vater. Was sagst du zu dem Satz?
  • ―Das mag in dei­nem Fall zu­tref­fen...
  • ―Danke, reicht. Die Rech­nung! Hier kommt die Sippe. Alles, was recht ist.

Hiero, ver­dutzt ob die­ser Wen­dung, fühlt sich von der Seite her an­ge­spro­chen. Eine Hand hat sich auf seine Schul­ter ge­legt, den Schuh lässt er ruhen, der an­de­re spinnt ihn vor­sich­tig ein, be­hut­sam, wie es im Feuille­ton heißt, ver­lei­tet ihn, den Schuh wie­der an­zu­zie­hen, ge­mein­sam er­he­ben sie sich, be­zahlt wird am Tre­sen. An den im Flur war­ten­den und dis­ku­tie­ren­den jun­gen Men­schen schie­ben sie sich vor­bei Rich­tung Aus­gang. Das Knei­pen­schild glänzt, der Fluss, dun­kel be­wegt, strömt vor­bei, der An­blick stört, un­klar warum, sie lau­fen, mit ihrer Er­re­gung kämp­fend, zwi­schen Häu­sern umher, deren Wände die Wärme des Tages ge­spei­chert haben und nun ab­ge­ben, sinn­los ab­ge­ben, un­ver­langt, denn Fri­sche, ab­so­lu­te Fri­sche täte not, jetzt, auf der Stel­le, doch wer daran denkt, tut es mit Hohn, es frös­telt ihn in der Af­ter­wär­me, an die man sich hal­ten kann, wie man sich immer an etwas hält. Hiero, den der Ge­dan­ke plagt, zu weit ge­gan­gen zu sein, zu weit und nicht weit genug, be­ginnt sich mit zit­tern­den Fin­gern eine Zi­ga­ret­te zu dre­hen, ver­ge­bens. Dafür kommt ein Ge­spräch in Gang, glimmt hier und da, kommt, wenn es schon aus­ge­gan­gen scheint, wie­der zum Vor­schein, ein kräf­ti­ger Zug und es leuch­tet auf, das Kraut ist schnell weg, wenn man nicht auf­passt, man muss schon haus­hal­ten. Schlecht ist das nicht, es min­dert die Spät­fol­gen. Beide sind erb­lich be­las­tet, also: Vor­sicht!

  • Die Er­zeu­gung ist das Er­zeug­nis flüs­tern die Lip­pen. Eine zit­tern­de Hand packt den Ra­sier­ap­pa­rat in das schweins­le­der­ne Fut­te­ral zu­rück, das er beim letz­ten Be­such bei Mut­ter er­stan­den hat. Diese Hand ist die seine, kein Zwei­fel, ob­wohl... die­ser Kopf auch, und diese Ge­dan­ken... sind all­ge­mein, sind Ge­mein­gut, so­weit er das über­blickt, aber es sind seine Ge­dan­ken, da – da beißt die Maus kein’ Faden ab, möch­te er sagen, doch es käme ihm läp­pisch vor und so lässt er es blei­ben. So reden an­de­re. Lass sie reden! Woher der Drang? Nein, von Heide hat er ihn nicht, der Aus­druck fällt nicht in ihr Re­per­toire. Was wenig be­deu­tet, sie kann ihn heute auf­schnap­pen oder mor­gen. Auf­schnap­pen: wie ein Fisch. Wer nach Wör­tern schnappt, schnappt auch nach Men­schen. Sie hat keine Wärme, so sieht es aus. Streng dich nicht an, Hiero, hier kommt nie­mand durch. Hiero, Hiero, hüte deine Zunge. Be­legt oder nicht, be­den­ke, dass jeder Satz, den sie her­aus­schleu­dert, auf dich zu­rück­fällt. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass auch Heide ihn ab­schießt, einen mehr die­ser in der Summe un­zer­reiß­ba­ren Fäden, unter denen er, ein Gul­li­ver im Lande Li­lith, sich seit Wo­chen in­ner­lich win­det.

Die Kon­kur­ren­ten
1
Hiero: Figur 1
Wirk­lich­keits­split­ter
Unter den jun­gen Leu­ten, die im Hause Le­cke­busch die Tron­ka-Ge­mein­de re­prä­sen­tier­ten, fiel Hiero durch seine kaum je­mals wech­seln­de Klei­dung auf. Das brau­ne Haupt­haar wall­te über den Kra­gen eines schwar­zen Cor­d­ja­cketts und schuf dort eine je nach Ta­ges­zeit und Be­leuch­tung mehr oder we­ni­ger ins Auge fal­len­de Schup­pen­zo­ne. Das weiße Hemd mit dem of­fe­nen Kra­gen, in dem ein gül­de­nes Kett­chen bau­mel­te, stak in den ob­li­ga­ten Jeans. Ein­mal im Jahr, und zwar an Weih­nach­ten, wur­den sie durch neue er­setzt. Letz­te­res be­rich­te­te je­den­falls Pw, dem ich be­reits die Kennt­nis der Saint-Saëns-Epi­so­de ver­dank­te. Er über­lie­fer­te die In­for­ma­ti­on mit zu­sam­men­ge­zo­ge­nen Mund­win­keln, als ent­hal­te sie eine wei­te­re, die ich erst in Ab­we­sen­heit der an­de­ren her­aus­ho­len und be­trach­ten dürfe. Groß war daher mein Er­stau­nen, Hiero zu Hause im Rin­gel­pull­over an­zu­tref­fen. Ein Fens­ter sei­ner klei­nen, düs­ter wir­ken­den Woh­nung ging auf den engen, ver­schat­te­ten In­nen­hof hin­aus. Dort stand, kaum eine Arm­län­ge ent­fernt, eine Laube, in der, wer woll­te, sich den Ver­mie­ter im Krei­se der Sei­nen vor­stel­len konn­te, zau­be­risch um­rahmt von ge­schnitz­tem Wur­zel­werk und einer Horde Gar­ten­zwer­ge, die mun­ter und be­we­gungs­los mit al­ler­lei teils auf Gar­ten-, teils auf Berg­manns­ar­beit hin­deu­ten­des Gerät han­tier­ten. Nietz­sches ›tol­ler Mensch‹ kam mir in den Sinn, der den Leut­chen am hel­len Mit­tag ins Ge­sicht leuch­tet.

Hie­ros Sta­tus blieb un­klar, so­lan­ge sich Tron­kas Ha­bi­li­ta­ti­ons­ver­fah­ren hin­zog. Dass er bei Tron­ka pro­mo­vie­ren woll­te, stand außer Frage. So wie er sich wäh­rend des Stu­di­ums ver­mut­lich ver­ach­tet hätte, hätte er je­mals den Fuß in ein Le­cke­busch-Se­mi­nar ge­setzt – wäh­rend er den Gar­ten-Ein­la­dun­gen ohne Zö­gern folg­te –, so hätte er sich jetzt ver­mut­lich eher die Puls­adern auf­ge­schnit­ten, als mit einem der üb­li­chen The­men bei Dass­ler auf­zu­kreu­zen, der oh­ne­hin in Ame­ri­ka weil­te, ge­schwei­ge denn in Kä­richs Tross den Weg in die Pro­vinz an­zu­tre­ten. Der Ver­dacht, an Kä­richs Ha­bi­li­ta­ti­on und ra­scher Be­ru­fung sei ir­gend­et­was faul, woll­te auch unter Stu­den­ten, die Tron­ka nur von ferne kann­ten, nicht ver­stum­men, ohne dass zu er­ken­nen war, wer ihn mit wel­chen In­for­ma­tio­nen nähr­te. Na­tür­lich konn­ten das eben­so­gut Des­in­for­ma­tio­nen sein. Man mun­kel­te, zwi­schen Dass­ler und Le­cke­busch, den In­sti­tuts­göt­tern, die sich an­sons­ten ge­gen­sei­tig aus dem Weg gin­gen und in den Köp­fen der Stu­den­ten un­ter­schied­li­che Ga­la­xi­en re­prä­sen­tier­ten, habe es einen ›Deal‹ ge­ge­ben, der die Ver­fah­ren auf eine un­gu­te Weise mit­ein­an­der ver­band. Man­che woll­ten von einer Stel­len­ab­spra­che wis­sen, an­de­re be­vor­zug­ten die für alle Sei­ten be­lei­di­gen­de­re Va­ri­an­te, der zu­fol­ge Dass­ler Kä­richs Ha­bi­li­ta­ti­on zur Vor­aus­set­zung dafür ge­macht hatte, dass er dem Ge­dan­ken an die­je­ni­ge Tron­kas über­haupt näher trat. Das war ein an­de­res ›über­haupt‹ als das von Le­cke­busch frei­ge­big in sei­nen phi­lo­so­phi­schen Reden ver­streu­te. Es schmeck­te nach Er­pres­sung und Grö­ßen­wahn. Selt­sa­mer­wei­se fan­den die Stu­den­ten, die von den Un­ter­stel­lun­gen wuss­ten und auf die aben­teu­er­lichs­ten Mut­ma­ßun­gen aus waren, mehr Ge­schmack an der ers­ten Ver­si­on. Ver­mut­lich klang sie in ihren Ohren ›ab­ge­ho­be­ner‹ und ragte gleich­zei­tig wei­ter ins ›wirk­li­che‹, ihnen noch be­vor­ste­hen­de Leben hin­ein. Hin­ge­gen moch­te letz­te­re auf sie wie eine jener ganz ge­wöhn­li­chen Ge­mein­hei­ten wir­ken, deren Ge­gen­stü­cke schon von der Schu­le her kann­ten.

Beide Un­ter­stel­lun­gen krank­ten an einer ge­wis­sen Un­kennt­nis der aka­de­mi­schen Pro­ze­du­ren, die harte Fest­le­gun­gen weit­ge­hend un­nö­tig er­schei­nen las­sen. Das war ver­ständ­lich, da die Ver­fah­ren hin­ter ge­schlos­se­nen Türen statt­fan­den. Sah man sich al­ler­dings in der Stu­den­ten­schaft selbst um, so hät­ten sie, all­ge­mein ge­spro­chen, ganz gut Be­scheid wis­sen kön­nen. Auch ich hatte be­reits von den haar­sträu­ben­den tak­ti­schen Ma­nö­vern ge­hört, deren sich ku­rio­se Split­ter­grup­pen be­dien­ten, um als Spre­cher der Stu­den­ten auf­zu­tre­ten und sich er­folg­reich im Schat­ten all­ge­mei­ner Ab­leh­nung zu be­haup­ten. Zur glei­chen Zeit, als jene pro­fes­so­ra­len In­tri­gen, falls sie nicht nur einer blü­hen­den Phan­ta­sie ent­spran­gen, ihr Ziel fan­den oder ver­fehl­ten, koch­te die öf­fent­li­che Seele vor Ärger über die Stu­den­ten, deren Mehr­zahl dar­über nur lach­te, halb be­frie­digt und halb ver­är­gert, weil sie von zwei Sei­ten vor­ge­führt wurde. Neu­gie­rig ge­wor­den, ließ ich mich von Anton und Eike, mit denen ich mich ab­seits der Le­cke­busch-Aben­de all­mäh­lich an­freun­de­te, zu einer vom AStA an­be­raum­ten Voll­ver­samm­lung mit­neh­men.

  • ―Viel­leicht kann man ja doch etwas tun, kom­men­tier­te Anton die Ein­la­dung. Seine Rede klang un­nach­drück­lich, Eike wieg­te den Kopf. Ich ver­stand: so­eben hatte ich die stu­den­ti­sche Welt­for­mel in ihrer ab­ge­speck­ten, durch ein Jahr­zehnt re­vo­lu­tio­nä­rer Wis­sens­kul­tur zu­recht­ge­schlif­fe­nen All­tags­va­ri­an­te ver­nom­men. Dem­entspre­chend ver­zich­te­te ich dar­auf, Fra­gen zu stel­len außer der, ob meine wenig stu­den­ti­sche Er­schei­nung nicht zu pein­li­chen Rück­fra­gen füh­ren werde.

Die bei­den lach­ten.

  • ―Da­ge­gen könn­te man ja wirk­lich was tun. Eine Lang­hans-Pe­rü­cke zum Bei­spiel für drei-fünf­zig be­kom­men Sie hier gleich drei Häu­ser wei­ter, das ist o.k. Das Cor­ds­ak­ko kann ich Ihnen lei­hen.
  • ―Gute Idee, damit wirkt er dann rich­tig auf­fäl­lig.

Was sie mein­ten, wurde mir klar, so­bald wir die Tür des Se­mi­nar­raums pas­siert hat­ten, in dem die Ver­an­stal­tung statt­fin­den soll­te – ein, wenn die Er­in­ne­rung mir nicht etwas vor­gau­kelt, rie­si­ger, schlecht aus­ge­leuch­te­ter, alles an­de­re als pro­pe­rer ›white cube‹, zu­ge­stellt mit ver­schlis­se­nem Plas­tik­mo­bi­li­ar, das jeder Bü­ro­chef um­ge­hend dem Sperr­müll an­ver­traut hätte. Ich hü­te­te meine Zunge. Eine Hand­voll Grup­pen und Grüpp­chen ver­teil­te sich un­gleich­mä­ßig über den Raum. Die At­mo­sphä­re blieb ruhig, um nicht zu sagen kalt, als der AStA-Vor­sit­zen­de zu spre­chen be­gann. Er mach­te kei­ner­lei An­stal­ten, sich an die Ver­samm­lung zu wen­den, son­dern setz­te ein­fach das Ge­spräch mit einer etwas grö­ße­ren Grup­pe fort, die, mir zur Lin­ken, einen leicht er­kenn­ba­ren Block in den vor­de­ren Rei­hen bil­de­te. Wie es aus­sah, hatte die mit Scher­zen ge­würz­te Plau­de­rei in den Ge­schäfts­räu­men des Stu­den­ten­aus­schus­ses oder in der Caféteria be­gon­nen und ließ keine Un­ter­bre­chung zu. Ge­nau­er ge­sagt, nie­mand dach­te daran, sie ab­zu­bre­chen, und so be­haup­te­te sie sich mit Leich­tig­keit in die­ser alles in allem be­drü­cken­den, be­drück­ten und von ein­zel­nen Er­war­tungs­spu­ren fah­rig er­leuch­te­ten Um­ge­bung.

Ich ver­stand wenig, prak­tisch nichts von dem, was da vorne ver­han­delt wurde. Dass ver­deck­te Ab­sich­ten im Spiel waren, er­kann­te ich an der Art und Weise, wie man dort vorne Fra­gen aus dem Raum auf­zu­neh­men ge­ruh­te. Im­mer­hin konn­te ich letz­te­ren ent­neh­men, dass ich nicht als ein­zi­ger unter Ver­ständ­nis­pro­ble­men litt. Hin und wie­der blitz­ten in ihnen Wis­sens­stän­de auf, die mir gleich­falls ver­schlos­sen blie­ben. Der Ver­samm­lungs­lei­ter hob kaum die Stim­me. Al­len­falls er­laub­te er sich eine flap­si­ge oder bis­si­ge Be­mer­kung, die einen hier und jetzt nicht zu ver­mit­teln­den Dis­kus­si­ons­stand durch­schim­mern ließ. Es war klar, dass er die Fra­ger zu lä­cher­li­chen Igno­ran­ten oder bös­ar­ti­gen Wi­der­sa­chern stem­pel­te, was sie sich ohne wei­te­res ge­fal­len lie­ßen. Ich fühl­te mich stell­ver­tre­tend ver­stimmt und wand­te mich an meine Be­glei­ter. Sie nick­ten mir auf­mun­ternd zu, ein wenig fra­gend, wie mir schien, als woll­ten sie wis­sen, was ich von der Chose hiel­te, ob­wohl ich als Nicht­stu­dent selbst­re­dend keine Stim­me in dem Spiel besaß. Ver­mut­lich kamen sie sich wie Ver­schwö­rer vor, die mich ent­ge­gen dem stu­den­ti­schen Com­ment her­ein­ge­schmug­gelt hat­ten und nicht recht wuss­ten, wel­che Stra­fe sie er­war­te­te, falls diese Un­ge­heu­er­lich­keit auf­flog.

An­ge­sichts sol­cher Aus­sich­ten muss­te sich die Sache auch loh­nen. Also be­gan­nen sie, sto­ckend und im Duett, mir mit ge­senk­ter, fast flüs­tern­der Stim­me die seit Jah­ren schwe­len­de Fehde zwi­schen der ge­wähl­ten Stu­den­ten­schaft und der Uni­ver­si­täts­ver­wal­tung aus­ein­an­der­zu­set­zen. Ich lausch­te. Gern hätte ich, eben­so ver­schwö­re­risch, zu­rück­ge­flüs­tert: ›Ach du lie­bes biss­chen!‹ Aber es schien mir aus ir­gend­ei­nem Grun­de nicht tun­lich zu sein.

Man stritt über alles. Was einst Sach­the­men waren, über die man sich no­lens vo­lens ei­ni­gen muss­te, um den üb­li­chen Be­trieb zu ge­währ­leis­ten, hatte sich, je­den­falls schien es mir so, aus­nahms­los in einen Dschun­gel von Sta­tus- und Pres­ti­ge­an­ge­le­gen­hei­ten ver­wan­delt, aus dem es kein Ent­rin­nen mehr gab.

  • ―Das ist alles be­lang­los, was zählt, ist al­lein die Frage, ob wir dies­mal so stark sind, dass wir sie ab­wäh­len kön­nen.
  • ―Wer ist wir?

Schul­ter­zu­cken.

  • ―Gibt es eine Kan­di­da­ten­lis­te?

Schul­ter­zu­cken.

Das er­schien mir merk­wür­dig. Eike eilte zur Hilfe.

  • ―Gibt es, ja. Das Pro­blem ist – er pau­sier­te kurz, um das Pro­blem rei­fen zu las­sen –, die Kan­di­da­ten­lis­te exis­tiert, und zwar seit Jah­ren. Die Hälf­te der Leute hat sich wahr­schein­lich längst ins Be­rufs­le­ben ver­ab­schie­det. Das macht aber nichts, es ist ganz egal.
  • ―Op­po­si­ti­on zweck­los?
  • ―Sagen wir... sie dient einem heh­ren Zweck.
  • ―Aber sie hat keine Chan­ce?
  • ―Das weiß man nicht. Je­den­falls nicht, so­lan­ge die da vorn die Ta­ges­ord­nung be­stim­men.
  • ―Dann muss man sie halt än­dern.
  • ―Noch so ein Scherz?
  • ―Im Ernst.
  • ―Also das Spiel geht so. Sie zö­gern jede Ab­stim­mung hin­aus, bis die meis­ten ge­gan­gen sind. Dann haben sie die Mehr­heit.
  • ―Und wenn es nicht klappt?
  • ―Dann wird am nächs­ten Tag eine neue Ver­an­stal­tung an­be­raumt und die Ab­stim­mung wie­der­holt.
  • ―Bis sie die Mehr­heit haben?
  • ―Bis sie die Mehr­heit haben.

Das war eine ra­tio­na­le Weise, den Wil­lens­bil­dungs­pro­zess in der Stu­den­ten­schaft vor­an­zu­trei­ben, vor­aus­ge­setzt, man ließ das ei­ge­ne Grup­pen­wohl un­mit­tel­bar mit dem all­ge­mei­nen In­ter­es­se zu­sam­men­fal­len. Zä­hig­keit, sagte ich mir, ist eine re­vo­lu­tio­nä­re Tu­gend. Wüss­te das Gros, was es woll­te, statt ins nächs­te Kino zu stre­ben, dann fiele das hier in sich zu­sam­men. An­de­rer­seits ließ sich aus den Reden mei­ner Be­glei­ter eine ge­wis­se Er­bit­te­rung her­aus­hö­ren, mit der sie viel­leicht nicht al­lein stan­den. Wie viele po­ten­ti­el­le Re­bel­len moch­te es geben? Wer moch­te das sein? Nach und nach kamen mir die Stim­men da vorn dünn und ge­fähr­det vor. Wer nicht auf­hö­ren kann, sin­nier­te ich, ris­kiert ge­wählt oder zu­sam­men­ge­schla­gen zu wer­den. Aber das war eine eher abs­trak­te Über­le­gung, der es wohl doch an Hin­ter­grund fehl­te.


Die Kon­kur­ren­ten
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Hiero: Figur 1
Große Fahrt

An die­sem Abend, der nicht fol­gen­los blieb, auch wenn ich die Zu­sam­men­hän­ge nicht durch­schau­te – ein Roll­kom­man­do der Po­li­zei kam zum Ein­satz und ein Stu­den­ten­wohn­heim ging in Flam­men auf, ohne dass ich den Ab­stim­mun­gen, die spät statt­fan­den und durch ein­fa­ches Hand­auf­he­ben ent­schie­den wur­den, etwas Ein­schlä­gi­ges an­ge­merkt hätte –, an die­sem Abend lern­te ich, dass Pres­ti­ge keine An­ge­le­gen­heit selbst­ge­fäl­li­ger Eli­ten dar­stellt oder derer, die ihnen, wie es heißt, ihren Bei­fall nicht ver­sa­gen. Pres­ti­ge ent­steht nicht durch Er­wäh­lung, son­dern durch Ver­wand­lung. Was sich ver­wan­delt und auf wel­chen Wegen die Ver­wand­lung ge­schieht, bleibt nach­ge­ord­ne­ter, vom ge­sell­schaft­li­chen ›Um­feld‹ be­stimm­ter Natur. Der Kern der An­ge­le­gen­heit, die ri­tu­el­le Ver­stei­fung, wird von den In­hal­ten wenig be­rührt. Ge­fragt sind Kämp­fer­na­tu­ren.

Die ri­tu­el­le Ver­stei­fung ver­wan­delt die Sache, für die einer kämpft, in ein An­we­sen, das man als Au­ßen­ste­hen­der nur durch ein dich­tes Ge­hölz von An­spie­lun­gen hin­durch er­späht. Da gibt es Swim­ming­pools und ver­streu­te Ge­bäu­de un­ter­schied­li­cher Größe und Bau­art, dazu Pa­trouil­len und jede Menge schar­fe Hunde. Un­deut­lich las­sen sich im Hin­ter­grund Wach­mann­schaf­ten und ge­pan­zer­te Fahr­zeu­ge aus­ma­chen. Das An­we­sen ist eine klei­ne, funk­ti­ons­fä­hi­ge so­zia­le Ein­heit, die einen star­ken Ein­druck her­vor­ruft. Fragt man al­ler­dings nach dem Sinn der An­la­ge, so kommt man ins Grü­beln. Zwei­fel­los ist der Be­sit­zer ir­gend­ein Boss, des­sen All­tag man sich fern von dem rei­zen­den Heim den­ken muss, das er sich hier ge­schaf­fen hat. Es steht be­reit, ihn auf­zu­neh­men, wenn seine viel­fäl­ti­gen Ak­ti­vi­tä­ten ihm eine flüch­ti­ge An­we­sen­heit ge­stat­ten. Ei­gent­lich ist sie un­nö­tig. Die er­war­te­te, ge­fürch­te­te, in Er­war­tung des Endes er­tra­ge­ne An­we­sen­heit des­sen, der hier das Sagen hat, ist, wie immer man die Ver­hält­nis­se in­ter­pre­tiert, der Aus­nah­me­zu­stand. Sie zeigt nicht die Ver­hält­nis­se, wie sie sind. Eher zeigt sie die An­sprü­che, die auf ihnen lie­gen. In der Regel wird über sie nicht ge­spro­chen. Sie sind fühl­bar, das muss ge­nü­gen.

Was das be­deu­tet, wird ver­ständ­li­cher, wenn man zu Bei­spie­len über­geht. Im ge­gen­wär­ti­gen Fall hatte die Idee der ›frei­en As­so­cia­ti­on der Kräf­te‹, die nach den Vor­stel­lun­gen der re­vo­lu­tio­nä­ren Klas­si­ker an die Stel­le hier­ar­chi­scher Struk­tu­ren tre­ten soll­te, die Sta­tur eines selbst­ver­wal­te­ten Stu­den­ten­wohn­heims an­ge­nom­men. ›Selbst­ver­wal­tung‹ hieß in der Pra­xis Dau­er­feh­de mit Uni­ver­si­täts- und Stadt­ver­wal­tung. Das war nicht wei­ter ver­wun­der­lich, weil letz­te­re für den re­pres­si­ven Ap­pa­rat stan­den, der zer­schla­gen wer­den muss­te, wenn die Uto­pie Platz grei­fen soll­te. Der Ge­dan­ke stand son­nen­klar in allen be­tei­lig­ten Ge­mü­tern und wurde al­len­falls von sto­chern­den Jour­na­lis­ten ver­ne­belt, die das hier gut fan­den und wie­der ver­schwun­den waren, wenn der zer­mür­ben­de Grup­pe­nall­tag sei­nen Gang ging. Das fort­schritt­li­che Be­wusst­sein hatte dem ›ato­mi­sier­ten‹ und ›de­pra­vier­ten‹ bür­ger­li­chen Sub­jekt das Recht auf Au­to­no­mie ent­zo­gen und hin zur frei­en As­so­zia­ti­on po­li­tisch mo­ti­vier­ter Kämp­fer­na­tu­ren ver­scho­ben. Diese Leute prü­gel­ten sich gern und aus­gie­big mit der Po­li­zei, die, als hand­le es sich darum, As­te­rix bei den Rö­mern nach­zu­spie­len, immer häu­fi­ger in Helm und Schild an­trat, um die Ein­hal­tung so­ge­nann­ter sa­ni­tä­rer Min­dest­stan­dards durch­zu­set­zen. Die Stadt sprach, wahr­schein­lich in ge­ziel­ter Über­trei­bung, von ›un­halt­ba­ren Zu­stän­den‹, sogar von Seu­chen­ge­fahr in dem äu­ßer­lich an­sehn­li­chen, etwas her­un­ter­ge­kom­men wir­ken­den Ge­bäu­de, des­sen miss­traui­sche Be­woh­ner jede un­er­be­te­ne Be­sich­ti­gung durch ein ge­staf­fel­tes Sys­tem von Si­cher­heits­vor­keh­run­gen zu ver­hin­dern wuss­ten. Hin und wie­der hörte man die Ge­schich­te einer Stu­den­tin, mög­li­cher­wei­se immer der­sel­ben, die mit Decke und Ruck­sack das Weite ge­sucht hatte, weil sie es an­geb­lich nicht mehr aus­hielt. Of­fen­bar war das sa­ni­tä­re Ar­gu­ment nicht ganz aus der Luft ge­grif­fen. Die ge­zielt ge­streu­te Vor­stel­lung über­lau­fen­der Toi­let­ten ist zwar immer ge­eig­net, die Phan­ta­sie zu be­schäf­ti­gen, aber die Ar­gu­men­ta­ti­on der Be­set­zer blieb in die­sem Punkt selt­sam schwan­kend. Sie gaben die Schuld an dem, was sie en­er­gisch be­strit­ten, der Be­hör­de, die an­geb­lich ›aktiv‹ die Ver­rot­tung des Ge­bäu­des be­trieb.

Dass ich mit Hiero an­fangs kaum ins Ge­spräch kam, lag an einer ein­fa­chen, aber wir­kungs­vol­len Sper­re: mit Frem­den tat er sich schwer. Nicht in Ge­dan­ken (da nun wirk­lich nicht), auch nicht in sei­ner Phan­ta­sie – wie ich bald mer­ken soll­te, hatte sie ihn ins Zen­trum einer von be­deu­ten­den und skur­ri­len Per­sön­lich­kei­ten un­ter­schied­lichs­ter Her­kunft be­völ­ker­ten Welt ge­stellt –, wohl aber im ›all­täg­li­chen Um­gang‹, wie die Um­gangs­spra­che das nicht ohne Her­ab­las­sung nennt. Zog man mög­li­che Prä­gun­gen durch die frü­hen Jahre ab, so lag der Grund auf der Hand. Zu Zei­ten, die Hiero nicht mit der Lek­tü­re phi­lo­so­phi­scher Texte zu­brach­te, regte sich in ihm das Be­dürf­nis, über das Ge­le­se­ne nach­zu­den­ken oder, falls er sich zu­fäl­lig in Ge­sell­schaft be­fand, dar­über zu reden. Un­will­kür­lich such­te er daher die Nähe von Per­so­nen, von denen er wuss­te oder an­nahm, dass seine Sätze in ihnen einen Wi­der­hall fin­den wür­den. Der moch­te aus­fal­len, wie er woll­te, stark und en­er­gisch oder schwach und ein­falls­los – er war ge­nehm. In die­sem Punkt gab er sich nicht wäh­le­risch, son­dern welt­of­fen: wer be­reit schien, sich sei­ner Füh­rung an­zu­ver­trau­en, konn­te si­cher sein, dass sich frü­her oder spä­ter eine In­for­ma­ti­ons­flut über ihn er­goss, die an den Gren­zen all­ge­mei­ner Be­leh­rung über Per­so­nen und Theo­ri­en kei­nes­wegs Halt mach­te, sich viel­mehr zügig in Ab­lei­tun­gen und kom­pli­zier­te Be­weis­gän­ge hin­ein ver­län­ger­te, so dass die Stun­den sich ei­ner­seits ins End­lo­se dehn­ten, an­de­rer­seits im Fluge ver­gin­gen.

Das be­rich­te­te mir je­den­falls, wenn auch zu einem sehr viel spä­te­ren Zeit­punkt, eine ge­mein­sa­me Be­kann­te, die, selbst der Phi­lo­so­phie nicht un­kun­dig, wäh­rend einer Au­to­bahn­fahrt eine aus­ge­dehn­te In­spek­ti­on der Hus­serl­schen Phä­no­me­no­lo­gie er­le­ben durf­te. Selbst­ver­ständ­lich in kri­ti­scher Ab­sicht, denn dass eine Theo­rie, nach der das Den­ken selbst in der Phä­no­men­wahr­neh­mung wur­zeln und aus ihr seine ei­gen­tüm­li­che Struk­tur be­zie­hen soll­te, vor den Augen eines Geis­tes keine Gnade fand, der in Kants Zwei­stäm­mig­keits­theo­rem – hie Ver­stand, dort Sinn­lich­keit, die Er­kennt­nis als mehr oder we­ni­ger wohl­ge­ra­te­nes Kind in der Mit­ten – nur Murks zu er­ken­nen ge­willt war, konn­te vor­aus­ge­setzt wer­den. Dass sie ›leicht ge­nervt‹ dem Wagen ent­stieg, rühr­te auch we­ni­ger vom Ge­gen­stand der Un­ter­hal­tung her als vom ma­schi­nen­haf­ten Ab­lauf der Be­leh­rung, die sie er­fah­ren hatte. Eine Be­weis­ket­te, dar­auf be­stand Hiero, durf­te an kei­ner Stel­le un­ter­bro­chen wer­den. Das will­kür­li­che Weg­las­sen von Ar­gu­men­ten war ihm ein sol­ches Gräu­el, dass er manch­mal aus einem Ge­spräch auf und davon ging, weil er es nicht mehr aus­hielt, wie leicht­fer­tig Be­haup­tun­gen auf­ge­stellt und be­legt wur­den, deren sach­li­che Ir­re­le­vanz für jeden, der sich ei­ni­ger­ma­ßen aus­kann­te, auf der Hand lag.

Das wun­der­te die an­de­ren, weil sie sahen, wie rasch er selbst sich ver­hak­te und dann nur noch eif­rig be­müht war, sie ans Kreuz mo­no­ton wie­der­keh­ren­der Fest­stel­lun­gen zu na­geln, deren In­for­ma­ti­ons­wert gegen Null ten­dier­te und deren un­aus­ge­spro­che­ne Auf­ga­be of­fen­bar darin be­stand, den Fort­gang des Ge­sprächs zu blo­ckie­ren. Sie ver­stan­den nicht, dass sich hier ein Le­bens­pro­blem an­bahn­te. Auch ich woll­te nichts davon wis­sen. Statt­des­sen hatte ich eine Vi­si­on. Ich sah, wie in die­sem Ein­zel­gän­ger die re­vo­lu­tio­nä­re Un­ge­duld jener Jahre sich gleich­sam wü­tend auf einen un­an­ge­foch­te­nen Wis­sens­be­reich kon­zen­trier­te – über­drüs­sig der Rhe­to­rik der Re­vol­te und des Ge­schreis der Kom­bat­tan­ten, auf den Grund er­nüch­tert vom Ter­ror und das durch ihn er­zeug­te ›Um­den­ken‹ in der Ge­sell­schaft. Seine Reden wan­del­ten Was­ser zu Wein, das lose Wis­sen der an­de­ren zum Wis­sen sei­ner selbst, und es war gut. Nur so konn­te es ge­lin­gen, rück­sichts­los die Schmach zu til­gen, dass sich ein gro­ßes Le­bens­ge­fühl ohne wei­te­res in das Ge­schwätz und die halt­lo­se Bor­niert­heit mehr oder we­ni­ger gel­tungs­süch­ti­ger Sub­jek­te, mit denen man pri­vat nichts hätte zu tun haben wol­len, und eine halb und halb im Schat­ten agie­ren­de, auf Grup­pen­pro­zes­se und Grup­pen­e­go­is­men set­zen­de Ge­sin­nungs­kum­pa­nei auf­ge­löst hatte. Was die an­de­ren als puren Starr­sinn be­trach­te­ten und be­lus­tigt hin­nah­men, nahm für mich die Form der Un­nach­sich­tig­keit an, die einer zur Pur­ga­ti­on ent­schlos­se­nen Geis­tes­hal­tung not­wen­dig in­ne­wohnt.

Ich hatte ihn, wie sie mein­ten, ›noch nicht er­lebt‹. Das war rich­tig, aber ein­mal zu­ge­ge­ben ver­schob es das Wahr­neh­mungs­ras­ter nicht un­we­sent­lich: Hiero, das hieß es, war einer, der ge­le­gent­lich aus­ras­te­te. Damit muss­te man leben. Nun hatte ich zwar in jener Nacht, in der ich mit ihm den Pfau ver­las­sen hatte, um eine un­er­träg­lich ge­wor­de­ne Si­tua­ti­on auf­zu­lö­sen und um ihn, wenn mög­lich, zu be­ru­hi­gen, etwas in die­ser Art er­lebt. Aber ich hatte es an­ders emp­fun­den. Of­fen­kun­dig hat­ten ihn, ob­wohl er als An­grei­fer auf­trat, Pws Be­mer­kun­gen ver­wirrt und er war in dem Be­mü­hen, einen für alle gang­ba­ren Weg ins Freie zu wei­sen, zu weit ge­gan­gen. Mein ei­ge­nes Be­mü­hen fiel mir ein, es Eli­sa­beth recht zu ma­chen und da­durch unser Ver­hält­nis zu ret­ten. Mir schien, eben­so wie ich sei­ner­zeit hatte auch er sich in sich selbst ver­hed­dert und damit zu dem Sün­den­bock ge­macht, den er als In­ter­pre­ta­ti­ons­fi­gur so gern ins Ge­spräch brach­te.

Na­tür­lich war über ihn ge­re­det wor­den, nach­dem wir im Dun­keln ver­schwun­den waren. Wahr­schein­lich hatte Pw, ge­wohnt, ihm bei le­ben­di­gem Leib die Haut ab­zu­zie­hen, ho­heits­voll dazu ge­schwie­gen. In die­sem Punkt blieb Hiero merk­wür­dig naiv. Er woll­te nicht wahr­ha­ben, dass er wie je­der­mann im Trom­mel­feu­er der Ur­tei­le stand, die an­de­re über ihn fäll­ten. Er woll­te als einer der ihren durch­ge­hen, das war alles und ge­ra­de das wurde ihm ver­wehrt. Er woll­te sich nicht un­ter­schei­den. Wäh­rend­des­sen nahm er jede Ge­le­gen­heit wahr, das, was ihn von den an­de­ren trenn­te, pol­ternd in den Raum zu stel­len. Das war pa­ra­dox und es gab einen Vor­ge­schmack des­sen, was er ver­mut­lich im Sinn hatte, als er sich Jahre spä­ter zu der Aus­sa­ge ver­stieg: Au­ßer­halb der Wis­sen­schaft habe ich keine Stim­me. Noch war es nicht so weit. Im­mer­hin hätte es vor­aus­ge­setzt, dass seine Stim­me in­ner­halb der Wis­sen­schaft etwas galt. Davon konn­te bis­lang nicht die Rede sein.

Ei­gent­lich hätte er die Vor­aus­set­zung ab­leh­nen müs­sen. Sie war zwar psy­cho­lo­gisch plau­si­bel, aber nicht lo­gisch zwin­gend. Doch in die­sem Fall mach­te er eine Aus­nah­me. Daher fehl­te ihm der ›Stand‹, der es ihm er­laubt hätte, Per­so­nen wie mir in frei­er Spra­che zu be­geg­nen. Wäre er be­reits Pro­fes­sor ge­we­sen, so hätte er mich wohl­wol­lend an­ge­blickt und meine ver­mu­te­ten De­fi­zi­te mit einem Lä­cheln à la ›Heute abend fin­det keine Prü­fung mehr statt‹ vom Tisch ge­wischt. Aber der Schwe­be­zu­stand zwi­schen dem Da­sein eines ein­fa­chen Stu­den­ten und dem eines Dok­to­ran­den stell­te ihm kein ge­eig­ne­tes Ver­hal­tens­mus­ter zur Ver­fü­gung. So be­gnüg­te er sich damit, freund­lich, aber aus­wei­chend zu ant­wor­ten, wenn ich ein­mal das Wort an ihn rich­te­te, und sich mög­lichst un­auf­fäl­lig aus mei­nem Ak­ti­ons­ra­di­us zu ent­fer­nen. Ein an­de­rer hätte ihn auf­grund die­ses Ver­hal­tens viel­leicht für ›schwie­rig‹ ge­hal­ten. Ich hin­ge­gen hatte die Emp­fin­dung, die frem­deln­de Hülle mit ein, zwei Sät­zen durch­sto­ßen zu kön­nen – unter einer Vor­aus­set­zung: dass ich es eben­so offen und ehr­lich mit ihm mein­te wie er mit der Phi­lo­so­phie. Das woll­te über­legt sein.

Die al­ta­de­li­ge Be­reit­schaft, für eine Sache, falls nötig, mit dem ei­ge­nen Leben ein­zu­ste­hen, ge­nießt in mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten kein be­son­de­res An­se­hen. Doch be­steht wei­ter­hin das Be­dürf­nis, das Leben in die Schan­ze zu schla­gen. Was also tun? Hiero, der gern aus in­ners­ter Über­zeu­gung, auch mehr­fach, für die Phi­lo­so­phie ge­stor­ben wäre, hät­ten die herr­schen­den Auf­fas­sun­gen das gut ge­hei­ßen, brann­te statt­des­sen auf das ex­qui­si­te Ver­gnü­gen einer Welt­um­seg­lung auf ei­ge­ne Faust: ohne Skip­per, auf sich al­lein ge­stellt wie jene schmäch­ti­ge Ja­pa­ne­rin, die ihm nun lei­der, lei­der zu­vor­ge­kom­men war. Er würde damit zwar nichts be­wei­sen kön­nen, aber er hätte dem stump­fen Fron­dienst an der All­täg­lich­keit, Da­sein ge­hei­ßen, ge­zeigt, was eine Harke ist, und ihn damit auf eine hö­he­re Stufe ge­ho­ben. Als Erbe ver­füg­te er über ge­nü­gend Bar­schaft, um sich das Aben­teu­er leis­ten zu kön­nen. Nur die Rück­sicht auf seine Mut­ter ver­bot ihm vor­erst, dem Un­ter­neh­men nä­her­zu­tre­ten. Das war auch gut so, denn da­durch kam er nicht in Ver­su­chung, die längst ge­fal­le­ne Ent­schei­dung für die Phi­lo­so­phie als Beruf durch Her­um­trö­deln auf den Ozea­nen zu ver­un­kla­ren und even­tu­ell in Ge­fahr zu brin­gen. Es gab noch kein sa­tel­li­ten­ge­stütz­tes Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem für Pri­vat­leu­te und die Sache kam mir ein wenig ge­fähr­lich vor. Er schien meine Be­den­ken zu ge­nie­ßen.

  • ―Das ist der ir­ra­tio­na­le Rest, mei­net­we­gen, warum denn nicht? Warum denn nicht? Das Meer ist nicht lo­gisch, es ist nicht un­lo­gisch, es ist das Meer. Was soll ich dazu sagen? Ich bin kein Poet, Proust würde das si­cher an­ders aus­drü­cken, lei­der kann man ihn nicht mehr fra­gen.
  • ―Aber ist es nicht so, dass das Meer bloß eine Me­ta­pher –
  • ―Kom­men Sie mir nicht mit Psy­cho­lo­gie. Bitte das nicht. Wenn Sie am Meer auf­ge­wach­sen wären, wür­den Sie nicht so reden. Dann wäre Ihnen das alles – durch­sich­tig, das kann man nicht an­ders ... sagen. Hier auf dem plat­ten Land muss man alles er­klä­ren. Warum? Ich woll­te, wir wären nicht hier und ich könn­te es Ihnen zei­gen...

Die Rede zog ihn fort und ich, der ich die See­la­ge vor nicht allzu lan­ger Zeit selbst fre­quen­tiert hatte, ver­führt, was er nicht wis­sen konn­te, von dem, der zu­fäl­lig, ab­seits der Se­mi­nar­hier­ar­chi­en, sein wirk­li­cher Leh­rer war und sich ge­ra­de jetzt an­schick­te, sein Le­bens­schiff­chen unter Wind zu set­zen – denn auch mit Tron­kas Ha­bi­li­ta­ti­on wurde es in die­sen Tagen Ernst –, nick­te be­däch­tig dazu und ver­such­te, mei­ner Stim­me einen An­flug von Iro­nie zu ver­lei­hen.

  • ―Man gerät leicht an die Phi­lo­so­phie da drau­ßen...
  • ―Über­haupt nicht. Wer hat Ihnen denn die­sen Blöd­sinn bei­ge­bracht?... Aach, ich ver­ste­he. Ver­ges­sen Sie es. Tron­ka ist eine Land­rat­te.

Le­via­than con­tra Be­he­moth. Lang­fris­tig zeich­ne­te sich hier ein Kon­flikt ab.

›Ver­ges­sen Sie es...‹ Die Sen­tenz kam mir be­kannt vor. Hiero war auf Tron­ka ge­prägt. An­ders als des­sen Ver­hält­nis zu Le­cke­busch, das von sub­ti­len Be­zugs­li­ni­en be­stimmt wurde und sich erst dem Rönt­gen­blick des Ana­ly­ti­kers of­fen­bar­te, lag die­ses hier offen zu­ta­ge. Hiero war ein Ge­folgs­mann. Daran lie­ßen weder die Se­mi­n­ar­be­rich­te, die mich aus dem Munde Pws er­reich­ten, noch ge­le­gent­li­che An­züg­lich­kei­ten aus dem Munde An­tons oder Eikes Zwei­fel auf­kom­men. Es schien sich um eine lang­wie­ri­ge, nichts­des­to­we­ni­ger pres­ti­ge­för­dern­de Krank­heit zu han­deln, ent­fernt einem Lie­bes­ver­hält­nis ver­gleich­bar – nichts be­son­ders Er­stre­bens­wer­tes also, außer dass etwas wie Neid ins Spiel kam, so­bald es Hiero ein­fiel, eine klas­si­sche Zwei­fels­be­trach­tung auf­zu­le­gen, aus Lust am Ar­gu­ment und aus Freu­de an der Pro­vo­ka­ti­on, aber in jedem Satz einem schü­ler­haf­ten ›So‑wird’s‑ge­macht‹ ver­pflich­tet, das dem an­de­ren sauer auf­stieß, auch wenn er kein an­de­res Mit­tel da­ge­gen fand als Iro­nie und Sar­kas­mus.

Wie man’s mach­te, dar­über gaben die Texte Aus­kunft, über die Tron­ka und Hiero sich mit glei­chem Erns­te beug­ten, wenn sie ›zur Sache‹ kamen. Diese Texte waren durch­aus nicht mit denen iden­tisch, die ich auf Tron­kas Rat hin mit auf die Insel ge­nom­men hatte. Genau ge­nom­men waren sie, so­fern ich die bei­den rich­tig ver­stand, nicht ein­mal mit sich selbst iden­tisch.

  • ―Wel­che Auf­la­ge mei­nen Sie denn?
  • ―Ist das wich­tig?
  • ―Wich­tig? Ich würde sagen, es macht den schlecht­hin­ni­gen Un­ter­schied.

Ver­stand ich rich­tig, so ging die Rede von Erst-, Zweit- und Dritt­auf­la­gen – Ver­sio­nen ein und des­sel­ben Werks, die sich in der ›Fak­tur‹ und selbst im ›theo­re­ti­schen An­spruch‹ grund­le­gend von­ein­an­der un­ter­schie­den.

›Grund­le­gend‹ sagte Hiero. Noch lebt die Stim­me in mei­nem Ohr. Er ge­brauch­te auch all die an­de­ren Wör­ter, wäh­rend er sich eine Zi­ga­ret­te dreh­te. Mir schien, dass das auf­fäl­li­ge Zit­tern sei­ner Hände in sol­chen Mo­men­ten zum Er­lie­gen kam. Als ein­zi­ger im Kreis dreh­te er seine Zi­ga­ret­ten selbst, viel­leicht, um die zit­tern­den Fin­ger zu kon­trol­lie­ren, viel­leicht, weil er sich damit ein Wes­tern-Em­blem an­steck­te, so wie Pw, dem die an­de­ren eine Ähn­lich­keit mit John Wayne nach­sag­ten, mehr oder we­ni­ger un­will­kür­lich des­sen Gang imi­tier­te, auch wenn er sich per­sön­lich aus Hum­phrey Bo­gart – oder war es doch Hum­bert Hum­bert? – ›mehr mach­te‹.

Film­ges­ten zu zi­tie­ren, ge­hör­te zum Auf­tritt und wurde von allen sorg­sam ge­pflegt, um sich ein Aus­se­hen zu geben und die ei­ge­ne Per­sön­lich­keit her­aus­zu­strei­chen. Das ent­sprach einer Pra­xis, der man auf der Stra­ße über­all be­geg­ne­te, wenn man davon absah, dass dort in der Mehr­zahl der Fälle das Fern­se­hen den Ton angab. Selbst­ver­ständ­lich durf­te man ge­ra­de davon nicht ab­se­hen, das hätte ja ge­hei­ßen, den einen grund­le­gen­den Un­ter­schied zu miss­ach­ten, der einen vom kon­su­mie­ren­den Hau­fen trenn­te. Der zwei­te be­stand darin, dass Filme wie Ca­sa­blan­ca oder High Noon einer be­reits ver­gan­ge­nen Po­pu­lar­kul­tur an­ge­hör­ten, also ›his­to­risch‹ waren und daher von vorn­her­ein den eli­tä­ren Blick ver­lang­ten, um als die Klas­si­ker ge­se­hen zu wer­den, für die sie zwei­fel­los, bei Stra­fe des Ba­nau­sen­tums, ge­hal­ten wer­den muss­ten.

Das war sogar prak­tisch, da sie häu­fig im Spät­pro­gramm der staat­li­chen Sen­der lie­fen. Man konn­te daher seine Ab­nei­gung gegen das or­di­nä­re Me­di­um Fern­se­hen pfle­gen, ohne einen Fuß vor die Haus­tür zu set­zen. Auch hier er­wies sich Pw, der nicht gern ins Kino ging – ver­mut­lich, weil er sein Geld lie­ber in ein gutes west­fä­li­sches Pils ver­wan­del­te –, als Meis­ter der ge­sel­li­gen Ver­wer­tung. Die ›klei­nen Ges­ten‹, die er in den Fil­men auf­spür­te, dien­ten haupt­säch­lich dazu, seine Ken­ner­schaft in Bezug auf alles wahr­haft Klas­si­sche ei­ner­seits und, an­de­rer­seits, das Leben der Dis­tin­gu­ier­ten zu do­ku­men­tie­ren, zu denen er sich un­auf­fäl­lig selbst zähl­te. Finde die Nu­an­ce und Sei den an­de­ren stets einen win­zi­gen Schritt vor­aus: of­fen­kun­dig lau­te­ten so die er­erb­ten oder in kom­pli­zier­ten Ab­lö­sungs­pro­zes­sen an­ge­eig­ne­ten De­vi­sen, die er den Mit­glie­dern des Krei­ses ge­gen­über rück­sichts­los exe­ku­tier­te. Hie­ros Selbst­ge­dreh­te be­trach­te­te er mit dem wohl­ge­fäl­li­gen Blick des Men­tors, sagte nur Rio Bravo und rich­te­te den Blick ins Weite, wäh­rend Hiero be­tre­ten den Fuß­bo­den ab­such­te. Das er­här­te­te na­tür­lich den Ver­dacht, Hiero habe sei­nen klei­nen Test einem wa­cke­ren Lein­wand-Al­ko­ho­li­ker ab­ge­schaut. Auch ich fass­te die Epi­so­de an­fangs so auf. Ir­gend­wann durch­schau­te ich die Stra­te­gie der ge­ziel­ten De­nun­zia­ti­on, mit der Pw seine Um­ge­bung über­zog. Sie soll­te sich selbst in sei­nen wis­sen­schaft­li­chen Ar­bei­ten als wirk­sam er­wei­sen. Dort al­ler­dings wur­den an­de­re Me­cha­nis­men wirk­sam und der Er­folgs­fa­den riss ab­rupt ab.

Seit ich Hiero bes­ser ken­nen lern­te, be­griff ich lang­sam, wie hilf­los er sol­chen Frot­ze­lei­en aus­ge­lie­fert war. Seine Er­reg­bar­keit be­stimm­te ihn zum idea­len Opfer und Pw stand nicht an, sie zu sti­mu­lie­ren, wann immer beide in mei­ner Ge­gen­wart auf­ein­an­der stie­ßen. Ein ru­hi­ger Kon­ter war von Hiero nicht zu er­war­ten, das be­tre­ten wir­ken­de Schwei­gen, das ihn in den Augen der an­de­ren ›schul­dig‹ sprach, be­zeug­te den Grad der Selbst­be­herr­schung, des­sen er fähig war. Wie viele Men­schen prak­ti­zier­te er die Tech­nik des Vor­bei­ge­hen­las­sens, mit deren Hilfe sie sich un­sicht­bar zu ma­chen glau­ben, wäh­rend sie den an­de­ren da­durch ge­ra­de sicht­bar wer­den. Auch Pw war gegen die­sen Irr­tum nicht ge­feit, wie sich eines Tages zeig­te, als Hiero ihm, völ­lig über­ra­schend, die neu­er­dings alle be­we­gen­de Frage stell­te:

  • ―Und was machst du, wenn sie dich nicht neh­men?

Hätte er ge­fragt: ›... wenn dich kei­ner nimmt?‹, so hätte er damit das üb­li­che Kar­rie­re­the­ma an­ge­spro­chen. Diese Frage hier war per­fi­der, sie ziel­te un­mit­tel­bar auf die Ge­las­sen­heit die­ser jun­gen Leute, die sich bis­her in der Si­cher­heit wie­gen konn­ten, nach Aus­bil­dung und Re­fe­ren­da­ri­at auf alle Fälle vom Staat über­nom­men zu wer­den. Damit war es neu­er­dings vor­bei.

Fräu­lein Por­ti­ön­chen, wie die an­de­ren sie gut­mü­tig nann­ten, hatte ge­ra­de das Wort an mich ge­rich­tet; jetzt wan­der­ten ihre hel­len Äug­lein hin­über zu Pw und ich merk­te, dass ich mir die Ant­wort schen­ken konn­te. Ihre allzu hör­ba­re Stim­me besaß einen hoh­len Bei­klang, wie ein falsch ge­bla­se­nes Horn, was sich mit dem knat­tern­den Grund­ton zu­sam­men nicht übel, aber immer ein wenig ›ner­vig‹ an­hör­te, ob­wohl sie auch be­sinn­li­che Mo­men­te kann­te.

  • ―Ja, Herr Wich­te­rich, das würde mich auch in­ter­es­sie­ren.

Sie sprach, ab­so­lut un­üb­lich, ihre männ­li­che Um­ge­bung kon­se­quent mit ›Herr‹ an, zi­tier­te sie am Nach­na­men her­bei und hieß sie so förm­lich Rede und Ant­wort ste­hen. Ver­mut­lich hatte sie sich damit die ei­ge­ne An­re­de ein­ge­fan­gen. Pw, der mit Vor­na­men Peter hieß, ein Un­ding in jenen Jah­ren, un­aus­sprech­bar, kos­te­te von dem Pils, das ihm die Be­die­nung frisch hin­ge­stellt hatte. Das Re­sul­tat schien nicht über­wäl­ti­gend. Seine Braue zuck­te, die Lippe kräu­sel­te und glät­te­te sich in einer durch­lau­fen­den Be­we­gung.

  • ―Tja –

Kein so­no­rer Klang konn­te die Rat­lo­sig­keit in die­ser Ant­wort ver­de­cken. Doch Hiero, vom Er­folg über­wäl­tigt, zer­stör­te ihn im Nach­set­zen.

  • ―Tja. Dann bist du näm­lich, ent­schul­di­ge, wenn ich das so sage, im Arsch.

Pw schal­te­te auf An­griff.

  • ―Wenn ich im Arsch bin, wie du dich aus­zu­drü­cken be­liebst – ich dach­te, wir gin­gen hier etwas an­ders mit­ein­an­der um –, dann geht es mir, würde ich mal sagen, immer noch deut­lich bes­ser als dir.
  • ―Und warum bitte?

Hie­ros Rede troff von fal­schem Hohn. Er hink­te dem Stand der Dinge be­reits hoff­nungs­los hin­ter­her.

  • ―Weil ich... nicht so kor­rupt bin. Ich kann mein Leben über­all leben, ich brau­che dazu keine An­er­ken­nung.
  • ―Keine An­er­ken­nung, was ist das denn? Jeder braucht An­er­ken­nung. Das wis­sen doch die Hüh­ner.

Pw brach­te tat­säch­lich ein Beben in sei­ner ge­räu­mi­gen Stim­me unter:

  • ―Die viel­leicht. Da magst du recht haben. Unter ver­nünf­ti­gen Leu­ten sieht die Sache ein wenig an­ders aus.
  • ―Was willst du damit sagen?
  • ―Wäre ich so kor­rupt wie die an­dern, dann wüss­te ich, was ich dir ant­wor­ten würde. So sage ich nur: Spar dir deine Fra­gen. Es bringt nichts, hörst du... das bringt alles nichts. Eliot würde sagen...
  • ―Eliot? Eliot? Höre ich recht: Eliot? Sag­test du Eliot? Ich hör doch nicht recht. Lass diese Spiel­chen. Die Sache ist ernst.
  • ―Sag ich doch.
  • ―Und warum sol­len ge­ra­de die an­de­ren kor­rupt sein?
  • ―Das muss ich dir doch nicht er­klä­ren, oder?
  • ―Mag sein. Aber ich bin nicht kor­rupt.
  • ―Si­cher? Na dann wol­len wir mal an­fan­gen.

Atem­los hatte Por­ti­ön­chen den Wort­wech­sel ver­folgt, die Augen un­ver­wandt auf Pw ge­rich­tet. Hier schal­te­te sie sich ein.

  • ―Was ich schon immer wis­sen woll­te, Herr Wich­te­rich: –
  • ―Sag mal, Mech­tel, kannst du mir diese Stel­le bei Valéry ko­pie­ren, von der du neu­lich ge­re­det hast? Das würde mich näm­lich ernst­haft...
  • ―Len­ken Sie bitte nicht ab, Herr Wich­te­rich. Ich möch­te Sie fra­gen, ob Sie sich im Kla­ren dar­über sind, was Sie ge­ra­de ge­sagt haben...
  • ―Ja, völ­lig.
  • ―Umso bes­ser. Aber dann ver­ste­he ich nicht, warum Sie uns neu­lich diese Ge­schich­te von dem klei­nen Jun­gen zum Bes­ten ge­ge­ben haben, der...
  • ―Wel­cher klei­ne Junge? Was ist das für eine Ge­schich­te?
  • ―Ich hätte mir na­tür­lich den­ken kön­nen, dass Ihre werte Per­son nicht in Ge­schich­ten vor­kommt, die von klei­nen Jungs han­deln. Na, ist egal.
  • ―Also Mech­tel...
  • ―Sieh an. Las­sen Sie das, Herr Wich­te­rich. Mech­tel gibt im­mer­hin zu, ein­mal als klei­nes Mäd­chen unter die­sem Namen exis­tiert zu haben. Von den Her­ren ist so­viel Ehr­lich­keit na­tür­lich nicht zu er­war­ten.

Da waren sie, die ›Her­ren‹, mit denen Fräu­lein Por­ti­ön­chen – ›Mech­tel‹, wie Pw sie hin und wie­der nann­te – die Runde trak­tier­te. Das Wort kam nicht ag­gres­siv aus ihrem Mund, es ent­schlüpf­te ihr auch nicht, es troff nicht ein­mal von Iro­nie, aber ... lus­tig wirk­te es auch nicht, das schon gar nicht, es zeig­te den An­ge­spro­che­nen, wie leicht man an pein­li­che Dif­fe­ren­zen er­in­nert wer­den konn­te, und so kamen sie sich in einem Zug de­nun­ziert und ge­ehrt vor, als er­in­ne­re diese junge Frau sie daran, wel­che Bürde sie von Ge­schlechts wegen vor der Ge­schich­te und der Zu­kunft die­ses Lan­des tru­gen.

Hiero hielt es nicht län­ger aus.

  • ―Komm schon, Pw, na­tür­lich hast du uns deine Klei­ne­jun­gen­ge­schich­te er­zählt, ich war schließ­lich Zeuge. Ist doch nichts Schlim­mes dran, oder? Das wol­len wir je­den­falls hof­fen. Also raus mit der Spra­che.

Pw räus­per­te sich, die Ten­ta­kel zün­gel­ten.

  • ―Ich kann mich an keine Klei­ne­jun­gen­ge­schich­ten er­in­nern. Was soll das jetzt über­haupt? Ist das ein Ex­amen oder was? Da seid ihr mir die Rich­ti­gen. Ich muss auch gleich gehen. Lexa, zah­len!
  • ―Sehen Sie, Herr Wich­te­rich, das wars, was ich mein­te. Sie sind immer so schnell durch mit den Sa­chen, dass man sich hin­ter­her fragt, wie Sie das ge­macht haben.
  • ―Was willst du damit sagen? Hört sich nach Ta­schen­spie­ler­tricks an oder so. Willst du das damit sagen?
  • ―Du machst es einem schwer. Aber jetzt mal ohne Scheiß: Kannst du mir sagen, wie ein Mensch ohne An­er­ken­nung über­haupt exis­tie­ren soll?
  • ―Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes, Teil B, Ka­pi­tel vier, schnarr­te Hiero da­zwi­schen. ›Das In­di­vi­du­um, wel­ches das Leben nicht ge­wagt hat, kann wohl... see­ehr wohl als Per­son an­er­kannt wer­den, aber es hat die Wahr­heit‹ – Wahr­heit, Pw, Wahr­heit! – ›die­ses An­er­kannt­seins als eines selb­stän­di­gen Selbst­be­wusst­seins nicht er­reicht.‹
  • ―Jetzt mach mal halb­lang, er­reg­te sich Anton, der Hegel nicht aus­ste­hen konn­te und das Zitat, wie alle sehen konn­ten, ab­scheu­lich fand. Er hatte lange ge­schwie­gen und fand es an der Zeit, die­sen un­be­frie­di­gen­den Zu­stand zu be­en­den. Pw fühl­te sich um seine Ant­wort ge­bracht und ging auf Ge­gen­kurs.
  • ―Wo er recht hat, da hat er recht.

Ob das auf Hegel oder auf Hiero ziel­te, war nicht zu er­ken­nen. Pw dach­te gar nicht daran, den Kno­ten auf­zu­lö­sen.

  • ―Dann muss es aber auch das Leben sein. Rich­tig, mit Blut und allem.
  • ―Und was wird damit be­wie­sen? Stell dir vor, du gehst hin und ver­reckst. Wo bleibt dann die An­er­ken­nung?
  • ―Ganz rich­tig. Dann bist du im Arsch.

Das konn­te Hiero nicht so ste­hen las­sen.

  • ―An­er­ken­nung gibts na­tür­lich für den, der über­lebt. Das ist doch klar.

Pw, der in An­tons Rich­tung ge­spro­chen hatte, dreh­te, lang­sam, lang­sam, den Kopf zu Hiero hin. Sein Blick fiel wie ein Richt­schwert.

  • ―Von den Toten, willst du sagen? Willst du das wirk­lich sagen? Willst du so weit gehen? Na gut, wir haben es ge­hört. Ich sage nur: Hut ab! Das nenne ich kon­se­quent. Unter uns Pas­to­ren­töch­tern ... ein wenig irre ist das schon, oder? Aber: Hut ab!
  • ―Die Her­ren lie­ben es wie­der ex­trem.
  • ―Na klar, wie denn sonst?

Aus­ge­rech­net Hiero, er­blasst und merk­wür­dig zitt­rig, muss­te das sagen.

Fräu­lein Por­ti­ön­chen hielt sich nicht bei ihm auf. Sie steu­er­te an­de­ren Zie­len ent­ge­gen.

  • ―Nach mei­ner Auf­fas­sung be­geht ihr alle einen Feh­ler.
  • ―Da sind wir aber ge­spannt.
  • ―In die­sem Fall meine ich es durch­aus ernst. Es ist nicht lus­tig, wenn man dau­ernd un­ter­bro­chen wird. Das hat auch etwas mit An­er­ken­nung zu tun, zu­min­dest mit feh­len­der, aber las­sen wir das. Wenn ich je­man­den an­er­ken­ne, dann meine ich es ernst. Darin steckt zum Bei­spiel schon ein Stück Kri­tik. Aber das pflegt in die­sem Kreis ja nicht so rü­ber­zu­kom­men. Habe ich mich jetzt klar aus­ge­drückt? Das ist auch so etwas, wor­über man ein­mal nach­den­ken könn­te...

Ich war mir nicht si­cher, wor­auf sie hin­aus­woll­te. Einen lei­sen Ver­dacht hegte ich schon. Mit ihrer Kri­tik an dem, was man das In­si­der-Ge­ba­ren der ›Her­ren‹ nen­nen konn­te, stand sie nicht al­lein. Die Liste der ab­ge­wie­se­nen, re­spek­ti­ve aus­ge­bis­se­nen Kom­mi­li­to­nen schien lang zu sein, auch wenn die An­spie­lun­gen auf den einen oder an­de­ren Ab­gang von einem Au­gen­zwin­kern be­glei­tet wur­den und dazu be­stimmt waren, mich zu be­ein­dru­cken. Man hatte mich an-, wenn­gleich nicht auf­ge­nom­men. An­ge­sichts mei­nes Al­ters und mei­nes ab­wei­chen­den Sta­tus fand ich das nicht wei­ter ver­wun­der­lich. Schließ­lich war ich kein Stu­dent. Fräu­lein Por­ti­ön­chen wie­der­um – ob vor bi­bli­schen Zei­ten oder drei Wo­chen, war nicht zu er­grün­den, die Wunde je­den­falls glänz­te frisch wie am ers­ten Tag – hatte den Faux­pas be­gan­gen, einen Freund an­zu­schlep­pen, den der Kreis nicht vor­her ab­ge­seg­net hatte. Ein net­ter Kerl im Grun­de, aber darin lag be­reits das Ver­ge­hen.

Selbst der Name schien gegen ihn zu zeu­gen. Hans-Ha­jo ließ lange Ge­sprächs­pe­ri­oden ver­strei­chen, ohne sich zu Wort zu mel­den. Man hätte arg­wöh­nen kön­nen, er kämme in Ge­dan­ken sein lan­ges, ge­well­tes Blond­haar, wäre da nicht die­ser selt­sam fra­gen­de Aus­druck ge­we­sen, den die Natur sei­nem Ge­sicht ein­ge­prägt hatte, ohne dass er daran be­tei­ligt ge­we­sen oder gar ge­fragt wor­den wäre.

Be­son­ders bis­sig re­agier­te Hiero. Mehr als ein­mal fuhr er ihn aus dem Stand her­aus an:

  • ―Und was sagst du dazu?

Hans-Ha­jo schreck­te zu­sam­men. Er kram­te seine Stim­me aus di­ver­sen Ab­we­sen­hei­ten her­vor wie ein an­de­rer die Fahr­zeug­pa­pie­re bei einer un­ver­mu­te­ten Po­li­zei­kon­trol­le und krächz­te: Ich, ich... ja, ja si­cher...

Hiero ließ nicht lo­cker.

  • ―Das kann doch nicht wahr sein. Du musst doch etwas zu sagen haben.
  • ―Ja, si­cher.

Hans-Ha­jo ›muss­te‹ nichts zu sagen haben, er hatte auch nichts zu sagen, je­den­falls nichts, was er die­ser Runde an­zu­ver­trau­en ge­dach­te. So­viel hatte sich nach und nach er­ge­ben. Aber er saß dabei, steck­te jede Krän­kung weg und dul­de­te es, dass er, an­ders als ich, zwar auf-, aber nicht an­ge­nom­men wurde. So sah es aus. Für Fräu­lein Por­ti­ön­chen ergab sich dar­aus die kniff­li­ge Lage. Sie muss­te jetzt bei Be­darf ro­chie­ren und ihre Schlag­fer­tig­keit an Stel­len ein­set­zen, an denen seine ge­fragt war, ohne ge­ra­de­zu an sei­ner Stel­le zu ant­wor­ten, was ihn auch in ihren Augen her­ab­ge­setzt und nur den Hohn der an­de­ren her­vor­ge­ru­fen hätte.

Dass ihr beim Thema An­er­ken­nung Hans-Ha­jo auf der Seele lag, ergab sich also quasi von selbst. Aber falls es ihr darum ging, rei­nen Tisch zu ma­chen, so hatte sie den Zeit­punkt aus­ge­spro­chen schlecht ge­wählt. Pw, im tri­um­pha­len Be­sitz der stoi­schen Ma­xi­me ›Glück­lich ist, wer sich ent­zie­hen kann‹, noch ohne Kennt­nis der Fall­stri­cke, die das Leben für die be­reit­hält, die ihr Folge leis­ten, spen­de­te Hiero of­fe­nen Hohn. Beide waren zu sehr dar­auf er­picht, sich keine Blöße zu geben, um zu be­mer­ken, aus wel­cher Rich­tung das Sperr­feu­er kam. Hiero, der ein ver­gleichs­wei­se rie­si­ges Rück­zugs­ge­biet sein eigen nann­te, war sich in punc­to Ent­zug auf ein­mal gar nicht so si­cher. Ge­ra­de in der Klein­stadt hat­ten sich die Me­cha­nis­men der An­er­ken­nung schon früh als al­ler­orts wirk­sam er­wie­sen. Un­mög­lich schien es, ohne Titel und das Üb­ri­ge zu­rück­zu­keh­ren, ohne sich der Miss­ach­tung und schlim­mer, der fal­schen Scho­nung durch Men­schen aus­zu­set­zen, die von Kin­des­bei­nen an einen An­spruch auf ihn zu haben glaub­ten.

Auf die­ses ri­gi­de Re­gime baute üb­ri­gens Pw. Lis­tig erwog er die Mög­lich­keit, sich nach er­folg­ter Pro­mo­ti­on auf einer Ost­see­insel nie­der­zu­las­sen, Feh­marn zum Bei­spiel, wo der Wind nicht so ab­ar­tig wie an der West­küs­te blies und einen noch nie­mand kann­te. Ei­ni­ge Wo­chen frü­her wäre dies als das üb­li­che Ge­re­de durch­ge­gan­gen, doch der Wind hatte ge­dreht. Quasi im Stil­len, an den an­de­ren vor­bei, hatte Pw das Ex­amen ab­sol­viert und ›schrieb‹ be­reits zügig, wie­wohl aus­schließ­lich in den Nacht­stun­den, die Dok­tor­ar­beit ›her­un­ter‹, nach einem Zeit­plan, der sorg­fäl­tig auf seine Fi­nanz­mit­tel ab­ge­stimmt war, so dass der Be­darf an Al­ko­ho­li­ca nach mensch­li­chem Er­mes­sen bis zum Schluss nicht dar­un­ter zu lei­den hatte. Das stat­te­te ihn im Hin­blick auf kom­men­de Le­bens­füh­rung mit einer Au­to­ri­tät aus, der Hiero, durch seine an­hal­ten­de Un­tä­tig­keit ge­han­di­capt, wenig ent­ge­gen­zu­set­zen hatte. Im Grun­de hätte er die stoi­sche Linie fah­ren müs­sen. Dass er es nicht tat, zeig­te den an­de­ren auf eine naive und fast schon pro­vo­ka­ti­ve Weise, dass sein Ehr­geiz höher ziel­te und der Titel für ihn nicht den Ab­schluss des Stu­di­ums, son­dern den Ein­stieg in die uni­ver­si­tä­re Lauf­bahn sym­bo­li­sier­te. Umso selt­sa­mer muss­te ihnen die­ses Auf-der-Stel­le-Tre­ten er­schei­nen, das er nur un­wil­lig und wenig über­zeu­gend zu be­grün­den un­ter­nahm, wenn man ihm zu sehr auf die Pelle rück­te.

Fräu­lein Por­ti­ön­chen ließ nicht lo­cker.

  • ―Sie wol­len also ihr Leben als Schul­meis­ter auf der Insel Feh­marn be­schlie­ßen, Herr Wich­te­rich.
  • ―Hoho. Von ›be­schlie­ßen‹ war bis­her nicht die Rede.
  • ―Also ge­stal­ten. Das hört sich ja gut an. Mich dau­ern nur die armen Kin­der, denen Sie etwas bei­brin­gen sol­len.

Pw gab sich amü­siert. In Wirk­lich­keit hatte sie ins Schwar­ze ge­trof­fen. In wel­chem Aus­maß, das konn­ten weder sie noch die an­de­ren zu die­ser Stun­de wis­sen. Es lag im dunk­len Rat der Göt­tin be­schlos­sen, von dem man­che zu wis­sen glau­ben, er glei­che einem Schoß, dass ein frus­trier­ter Pw, nach­dem alle Züge in Rich­tung Uni­ver­si­tät ab­ge­fah­ren waren, mit einer Ver­bis­sen­heit, die man sich bei ihm zur Stun­de nicht vor­stel­len konn­te, an sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Re­pu­ta­ti­on bas­tel­te – ein voll­kom­men zweck­lo­ses und sogar, wenn man die Aus­wir­kun­gen auf die Na­h­um­ge­bung ein­be­zog, heil­los zu nen­nen­des Un­ter­fan­gen, für das selbst­re­dend vor allem die jun­gen Leute zu büßen hat­ten, die ihm der Gang des Schick­sals in die Klas­sen­räu­me schick­te. Be­sag­ter Hans-Ha­jo hin­ge­gen, der be­reits als Aus­hilfs­leh­rer an einer Pri­vat­schu­le ar­bei­te­te, stand, ohne davon das Ge­rings­te aus­zu­strah­len, im Be­griff, den ent­ge­gen­ge­setz­ten Weg zu gehen und sich über Aus­lands­ein­sät­ze, in deren Ver­lauf bei ihm so etwas wie eine na­tür­li­che Au­to­ri­tät sicht­bar wurde, asym­pto­tisch dem wis­sen­schaft­li­chen Herd an­zu­nä­hern.

Hier und heute nütz­te ihm das gar nichts.

Die Kon­kur­ren­ten
3
Hiero: Figur 1
Tech­tel­mech­tel

Auch nicht bei Por­ti­ön­chen, die ihm ihre un­be­strit­te­ne Geis­tes­ge­gen­wart und einen tro­cke­nen, etwas mick­ri­gen Charme zur Ver­fü­gung stell­te. Auch sie hatte schließ­lich etwas an­de­res er­war­tet. Ihr gan­zes Ver­hal­ten war dar­auf aus­ge­rich­tet, die ne­ga­ti­ve Aura des Part­ners im Kreis der an­de­ren zum Ver­schwin­den zu brin­gen. Und wie es der Zu­fall woll­te, gab sie sich mit die­ser Rolle ein In­nen­le­ben, das kei­ner bei ihr ver­mu­tet hatte, ehe Hans-Ha­jo in den Dunst­kreis der Grup­pe ge­tre­ten war. Denn Por­ti­ön­chen, das hatte ich rasch be­grif­fen, galt als zi­ckig und ein wenig ge­müts­arm. Viel­leicht war das sogar der Grund, dass sie in der Män­ner­grup­pe mit­lief. Ihre Num­mer bot wenig Über­ra­schun­gen, aber da sie klug und be­schla­gen war, weck­te die etwas sture Art, in der sie ihre Ein­sprü­che ze­le­brier­te, kei­ner­lei Über­druss. Sper­rig, das war sie, aber es gab nie­man­den in der Runde, der das Prä­di­kat nicht auch für sich in An­spruch ge­nom­men hätte. In­so­fern war sie, alles in allem, hier gut auf­ge­ho­ben.

Was Hans-Ha­jo hielt, ver­stand nie­mand. Ein ge­wis­ser Ma­so­chis­mus schien im Hin­ter­grund mit­zu­wir­ken. Nur der Vor­teil, den Por­ti­ön­chen dar­aus zog, lag auf der Hand. Der stum­me Gast war ein vi­ta­ler Bur­sche. Seit es ihn gab, kam die junge Frau auch für den Rest der Trup­pe in Be­tracht. Jeder Blick, der dem un­glei­chen Paar galt, en­de­te in einer ›star­ken‹ Hy­po­the­se über ihr Se­xu­al­le­ben, die fast wie ein Vor­wurf auf die an­de­ren zu­rück­fiel. ›Er ist nicht schlag­fer­tig, er ist nicht geis­tes­ge­gen­wär­tig, mag sein, er be­sitzt über­haupt kei­nen Geist, das ist durch­aus mög­lich, auch wenn ich es immer be­strei­ten werde, aber al­lein, dass ihr so ge­mein zu ihm sein könnt, dass ihr es be­sin­nungs­los seid, zeigt mir zur Ge­nü­ge, wie recht ich habe, wenn ich ihn in euer Spiel ein­füh­re und dafür sorge, dass ihr sei­ner Ge­gen­wart nicht ent­kommt. Worin die be­steht, muss ich nicht extra sagen, euer tö­rich­tes Ge­ba­ren zeigt mir, dass ihr mich gut ver­stan­den habt, wäh­rend ihr all die Zeit davor nichts ver­stan­den habt. Dass ihr euch jetzt wie Kin­der auf dem Pau­sen­hof be­neh­men müsst, ist eure ei­ge­ne Schuld. Seht, wie ihr aus der Pat­sche her­aus­kommt. Hel­fen kann euch da kei­ner.‹ So etwa moch­te die stum­me An­spra­che lau­ten, die von Por­ti­ön­chen aus­ging, wenn sie, ihren Hans-Ha­jo im Blick, eine läp­pi­sche Ent­glei­sung mit na­del­spit­zen An­mer­kun­gen zur Lage aufs Ta­blett hob.

Ganz stimm­te das Ar­gu­ment nicht. Schließ­lich lag es an ihr, die Si­tua­ti­on auf­lö­sen. Sie konn­te dafür sor­gen, dass Hans-Ha­jo den Kreis ver­ließ, sie konn­te selbst den Kreis oder auch Hans-Ha­jo ver­las­sen, je nach­dem, an wel­cher Seite ihr mehr lag. Viel­leicht hätte sie auch eine Klä­rung in der Grup­pe her­bei­füh­ren kön­nen, wozu es ohne Zwei­fel einer star­ken Per­sön­lich­keit be­durft hätte. Das alles war in der Theo­rie rich­tig, aber in der Pra­xis be­sa­ßen die Dinge eine an­de­re Farbe und Ge­stalt. Man­ches, das denk­bar er­schien, er­wies sich ein­fach als un­durch­führ­bar, weil ein ge­wis­ser un­über­seh­ba­rer Selbst­be­stra­fungs­trieb Hans-Ha­jo in­zwi­schen in seine Rolle bann­te. Je­den­falls dach­te sie nicht im Traum daran, die von ihr schmal­lip­pig apo­stro­phier­ten ›Her­ren‹ auch nur eine Zeit­lang sich selbst zu über­las­sen. Wer konn­te schon wis­sen, ob sie sich sonst damit be­gnüg­ten, Dumm­hei­ten von sich zu geben statt sie zu be­ge­hen.

Es war schwach, was Pw da re­de­te, aber ir­gend­wie auch in­ter­es­sant. Es mach­te ihr schlag­ar­tig deut­lich, dass Hans-Ha­jo, der zu ihrem stil­len Ver­druss nichts als Leh­rer wer­den woll­te, auch im Leh­rer­zim­mer ›sei­nen Mann ste­hen muss­te‹, weil er selbst dort auf Kon­kur­ren­ten stieß, die an die Stel­le des schlich­ten Be­rufs­wun­sches ein kom­pli­zier­tes und, wie sie in­stink­tiv ver­stand, ziem­lich mie­ses Spiel ge­setzt hat­ten. Leh­rer zu wer­den be­deu­te­te für Pw nicht, in einen Kreis ein­zu­tre­ten, in des­sen Mit­tel­punkt die Aus­bil­dung und ›Bil­dung‹ – man traf die Un­ter­schei­dung mit einer ge­wis­sen Selbst­ver­ständ­lich­keit, die be­deu­te­te, dass man das eine nicht rest­los im an­de­ren auf­ge­hen las­sen, aber wie­der­um auch kei­ner­lei Auf­he­bens von einem et­wai­gen Un­ter­schied ma­chen woll­te – der jun­gen Leute stand. Was es für ihn be­deu­te­te, war nicht leicht zu er­kun­den, es war eine leere, aber staat­lich ge­si­cher­te Form, die er, wenn es an der Zeit war, sich an­zu­eig­nen ge­dach­te, so wie einer das Auto einer ge­die­ge­nen Mit­tel­klas­se-Mar­ke zu fah­ren be­gehrt, weil Aus­stat­tung und Fahr­kom­fort nichts zu wün­schen übrig las­sen, auch wenn die bie­der dis­tin­gu­ier­te Aus­strah­lung den Lach­mus­kel reizt. Si­cher würde er, einem Pie­pel aus der trost­lo­sen Rotte der Möch­te­gern-Por­sche­fah­rer ver­gleich­bar, die das Fah­ren auf der Au­to­bahn zu einer höl­li­schen An­ge­le­gen­heit mach­ten, die Schu­le für die klamm­heim­li­che Be­frie­di­gung an­ders­ar­ti­ger Wün­sche miss­brau­chen und sich damit in die lange Front der Pau­ker ein­rei­hen, an denen die Schü­ler ihr Müt­chen kühl­ten, weil das un­trüg­li­che Ge­fühl jun­ger Men­schen, schi­ka­niert zu wer­den, seit al­ters nach Kom­pen­sa­ti­on ruft.

An­de­rer­seits – o die­ses zwang­haf­te ›an­de­rer­seits‹ – umgab ihn die Pose des­sen, der sich be­wusst für die­sen Le­bens­weg ent­schie­den hatte, mit einer Aura der Un­ab­hän­gig­keit. Sie zeich­ne­te ihn vor den an­de­ren aus, die in einem eher un­de­fi­nier­ten Ehr­geiz ver­harr­ten, und mach­te ihn ir­gend­wie zum Mann. Zwar moch­te man sich nicht si­cher sein, dass er es mit sei­nem Ent­schluss ernst mein­te. Dar­über konn­te nur die Zu­kunft auf­klä­ren. Er besaß das Ge­heim­nis der An­er­ken­nung, das Hans-Ha­jo so sehr zu schaf­fen mach­te, dass es sie heim­lich, falls es in die­sen Din­gen über­haupt Heim­lich­keit gab, zur Ver­zweif­lung trieb.

Vi­ri­li­täts­po­sen, so be­stimm­te die Regel, be­sa­ßen eine An­zie­hungs­kraft, die nur im Ton­fall des Dar­über­ste­hens und in Ge­stalt sar­kas­ti­scher Kom­men­ta­re an­ge­spro­chen wer­den durf­te. Das Genre war un­strit­tig, auch wenn seine Stoß­rich­tung ge­gen­stands­be­dingt eine ge­wis­se Asym­me­trie der Ge­schlech­ter be­schwor. Pw, der es nicht für nötig be­fand, die frei­en Enden der Pa­ra­bel vom an­de­ren Leben we­nigs­tens rhe­to­risch mit­ein­an­der zu ver­bin­den, lag hier im Vor­teil. Wäh­rend er dar­auf ach­te­te, dass der freie Blick auf seine Männ­lich­keit durch keine da­zwi­schen­ge­scho­be­nen La­den­hü­ter ver­stellt wurde, stand er je­der­zeit be­reit, mit be­deu­tungs­voll ge­ho­be­ner Braue und be­trächt­li­chem Tim­bre an­zu­deu­ten, dass er sich auf der Höhe des Ge­schlech­ter­dis­kur­ses be­fand und sich so seine Ge­dan­ken mach­te. Auch mit Por­ti­ön­chen führ­te er ge­le­gent­lich sol­che Ge­sprä­che. Mehr als ein­mal rie­fen sie in ihr die un­kla­re Emp­fin­dung her­vor, sie könn­te sich eben­so­gut auf den So­zi­us­sitz eines Mo­tor­ra­des schwin­gen, um als ent­führ­te Eu­ro­pa über die Ab­grün­de der Ge­fahr auf Leben und Tod hin­weg, in die sie der ›Herr‹ da ver­wi­ckel­te, die Macht ihres Ge­schlechts zu ge­nie­ßen. Ideo­lo­gisch war das be­denk­lich, daran ließ sich nicht deu­teln. Aber in­so­fern diese For­mel oh­ne­hin nur zur Ar­ti­ku­la­ti­on iro­ni­scher Dis­tanz taug­te, ver­harr­ten die Dinge in einer Schwe­be, die sie leb­bar er­schei­nen ließ.

Wie auch sonst? Kämp­fe­risch stimm­te sie eher der An­blick Hans-Ha­jos, dem seine Lamm­na­tur nicht er­laub­te, diese Dinge zu neh­men, wie sie eben lagen. Ta­ge­lang konn­te er über einer In­vek­ti­ve gegen das ei­ge­ne Ge­schlecht brü­ten, die er in Emma, der Apo­the­ken­zei­tung der Neuen Weib­lich­keit, auf­ge­schnappt hatte. Er blieb selbst dann un­be­lehr­bar, wenn sie ihn mit sprü­hen­den Bli­cken oder ge­lin­dem Lä­cheln auf­for­der­te, er solle sein be­grenz­tes Zeit­kon­tin­gent ge­fäl­ligst auf an­spruchs­vol­le­re Lek­tü­ren ver­wen­den. In sei­nem Bü­cher­re­gal ruh­ten die Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft und Emma gleich ne­ben­ein­an­der. In­brüns­tig glaub­te er, sie müss­ten sich eines Tages um­ar­men, um eine neue Wahr­heit zu zeu­gen.

Das war naiv. Es lag schließ­lich auf der Hand, dass beide Sei­ten, die rei­che Tra­di­ti­on tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­scher Ethik und das kaum we­ni­ger lange Nach­den­ken über die Eman­zi­pa­ti­on des weib­li­chen Ge­schlechts, schon seit län­ge­rem auf Tech­ni­ken der künst­li­chen Be­fruch­tung aus­wi­chen. Denk­bar war alles, doch nichts dar­un­ter, was einen auch nur ent­fernt be­rühr­te. Warum soll­ten ge­ra­de sie sich nä­her­kom­men? Nicht dass Por­ti­ön­chen den mild-uto­pi­schen Sinn ihres Part­ners ab­ge­lehnt hätte – ganz ge­wiss nicht, schließ­lich hatte er sie, im Ver­ein mit ge­wis­sen An­sehn­lich­kei­ten des Kör­per­baus, be­wo­gen, dem Trä­ger ihre Huld zu schen­ken. Aber es gab Ge­le­gen­hei­ten, bei denen er ihren Ei­gen­sinn zu Wi­der­spruch und sogar Zorn reiz­te, den sie nach er­folg­tem Aus­bruch leb­haft be­dau­er­te, von dem sie je­doch wuss­te, dass er sich bei der nächst­bes­ten Ge­le­gen­heit wie­der mel­den würde.

Woher die­ser Zorn? Gute Frage, wie alle guten Fra­gen die­ser Art nicht leicht zu be­ant­wor­ten. Ge­wiss kam er aus dem Zorn-Zen­trum des Ge­hirns ir­gend­wo in den Tie­fen ihres lim­bi­schen Sys­tems, ein ein­ge­schlos­se­ner Un­hold mit An­bin­dungs­pro­ble­men, dem die ganze Rich­tung nicht pass­te, ob­gleich er un­fä­hig war, sie zu än­dern. Er regte sich, wann es ihn ankam. Hans-Ha­jo, der Sanf­te, hatte ja recht. Dass er unter den an­de­ren so un­be­darft da­stand, ver­wies auf Grün­de, die eher gegen die an­de­ren als gegen ihn zeug­ten. An­de­rer­seits durf­te er sich der Auf­ga­be nicht ein­fach ent­zie­hen, dafür zu sor­gen, dass er nicht den Esel vom Dienst gab –

  • ―Wieso? frag­te er er­staunt, es ist doch nie­mand da außer uns bei­den, wieso setzt du mir so zu? Ehr­lich ge­sagt finde ich es un­ge­recht – sie fand es, ehr­lich ge­sagt, auch –, wie du mir zu­setzt. Da müs­sen Mo­ti­ve bei dir im Spiel sein, über die zu dis­ku­tie­ren du dich wei­gerst. Was ich, ehr­lich ge­sagt, nicht ganz ver­ste­he.

Nein? Wirk­lich nicht? Ach Gott­chen, da müss­te schon ein an­de­rer kom­men, ein ganz an­de­rer, der das sagen dürf­te. Und über­haupt! Wenn er jetzt den Über­le­ge­nen spiel­te, dann konn­te man sich auch fra­gen, warum er es nicht dort tat, wo es an­ge­bracht war. Ja, er war ein Esel, ein gro­ßer Esel, aber Größe muss nicht immer und über­all von Vor­teil sein. Ehr­lich ge­sagt, sie kann ganz schön läs­tig wer­den. Größe, so­bald sie mensch­lich wird, ist vor allen Din­gen ein un­hand­li­ches, jede feste Form ver­schmä­hen­des Stück Selbst­be­wusst­sein, das kaum glatt durch eine nor­ma­le Woh­nungs­tür kommt, ohne an­zu­ecken. Muss­te er zu die­sem völ­lig un­ge­eig­ne­ten Zeit­punkt an­fan­gen, über die Frau­en­fra­ge nach­zu­den­ken, die es schon län­ger gab und die si­cher noch eine Weile wei­ter exis­tie­ren würde, je­den­falls so­lan­ge diese Schick­sen nichts Bes­se­res im Kopf hat­ten, als sie am Kö­cheln zu hal­ten? Läs­tig genug, aus dem Mund der ei­ge­nen Mut­ter, die nicht vom Herd los­kam und zwang­haft jede Woche Haus­putz hielt, end­lo­se Reden über das un­ge­rech­te Schick­sal der Frau­en zu hören. Auch glaub­te sie den Vor­wurf gegen den ei­ge­nen stu­den­ti­schen Le­bens­wan­del deut­lich her­aus­zu­hö­ren. Ehr­lich ge­sagt, trau­te sie ihrer Mut­ter nicht über den Weg. Schon gar nicht ihrem Frei­heits­wil­len, in dem, wie sie lange fest­ge­stellt hatte, die ein­ge­schlif­fe­ne Bos­heit jeden Hand­lungs­im­puls bei wei­tem über­wog. Wenn Hans-Ha­jo jetzt mit Emma zu tur­teln an­fing, so würde sie ihn scharf im Auge be­hal­ten.

  • ―Du träumst ja. Auf­wa­chen! Auf­wa­chen!

Wirk­lich? Das muss­te ihr ent­gan­gen sein.

Ver­klärt blin­zel­te sie in Hie­ros Ge­sicht, das ver­däch­tig nahe her­an­ge­rückt war. Was hieß schon ver­däch­tig? Der Ver­dacht ver­folg­te sie schon län­ger.

Es war kein Ver­dacht, es war ein Ge­fühl.

Wurde Pw mar­kig, so wurde Hiero brei­ig. Je­den­falls in Si­tua­tio­nen wie jetzt, so­fern kein Stück Phi­lo­so­phie vom Him­mel fiel, mit dem er sich be­schäf­ti­gen konn­te. In dem Fall wurde er un­er­bitt­lich, fast wie ihr Vater, aber an­ders, frei­hän­dig so­zu­sa­gen. Frei­hän­dig und ge­bun­den. Die zwang­haf­te Ver­mei­dung des Le­bens­ri­si­kos, die aus Pws sonor ge­setz­ten Ma­xi­men sprach, ver­kehr­te sich bei ihm ins un­be­stimm­te Ge­gen­teil. Die Göt­ter Grie­chen­lands oder Mar­burgs hiel­ten ihn fest um­schlun­gen, so dass selbst der freie Fall kein Pro­blem zu wer­den ver­sprach, falls er je ein­tre­ten soll­te, eine milde Form der Psy­cho­se, Phi­lo­psy­cho­se, bes­ser un­heil­bar, denn das Er­wa­chen konn­te nur fürch­ter­lich. Was soll­te das jetzt?

Die Kon­kur­ren­ten
4
Hiero: Figur 1
Kreis­ver­kehr

Hiero strolch­te durch den Kaf­fee­bun­ker, blitz­wach der Junge, we­del­te mit einem dün­nen Pa­pier, a blank sheet of paper, aber so blank auch wie­der nicht, eher voll­ge­krit­zelt, von oben bis unten, ein Ex­zer­pt, weiß Gott, ein Ex­zer­pt. Er schlepp­te diese Sa­chen mit sich herum. Wahr­schein­lich, mut­maß­te Mech­tel, ver­tief­te er sich in seine Auf­zeich­nun­gen, so­bald er sich un­be­ob­ach­tet glaub­te. Sie selbst und die an­de­ren dien­ten nur als Pau­sen­fül­ler zwi­schen Ver­tie­fungs­pha­sen – rei­zend! Dass er das jetzt her­aus­hol­te, war ein un­be­ding­ter Ver­trau­ens­be­weis. Er weih­te sie ein, das konn­te ja hei­ter wer­den.

  • ―Sag mal, Mech­tel...
  • ―Ja?
  • ―Du warst doch auch in dem Se­mi­nar letz­te Woche. Er­in­nerst du dich an den Be­weis...
  • ―Du meinst die­sen an­geb­li­chen Be­weis, dass alle Ge­dan­ken einen Zeit- und Orts­in­dex tra­gen und des­halb –
  • ―Genau. Und des­halb auch nicht die These vom sou­ve­rä­nen Be­wusst­sein zu stüt­zen...
  • ―Das ist doch kal­ter Kaf­fee. Was ist los, hast du eine Sinn­kri­se? Für einen von Tron­kas Leu­ten re­dest du ziem­lich de­fä­tis­ti­sches Zeug.
  • ―Da bin ich mir eben nicht si­cher. Es könn­te ja sein, dass Tron­ka etwas über­se­hen hat. Ich meine na­tür­lich nicht, dass Be­wusst­sein nur eine Funk­ti­on...

Mech­tel glänz­te.

Die­ses Ge­spräch war nicht für mich be­stimmt, ich troll­te mich. Zu gern hätte ich noch aus Pws, not­falls sogar aus Eikes Munde die Klei­ne­jun­gen­ge­schich­te er­fah­ren, der zwar ›ir­gend­wie auch‹ Schrift­stel­ler wer­den woll­te, aber kein gutes Wort­ge­dächt­nis besaß und immer wie­der heik­le Sub­sti­tu­tio­nen vor­nahm. Doch das hatte, wie das hier, keine Eile. Nicht dass mich die Frage des sou­ve­rä­nen Be­wusst­seins nicht bren­nend be­rührt hätte. Ich wun­der­te mich dar­über, an einem Ort wie die­sem das fun­da­men­tum cer­tum et in­con­cus­sum, den Dreh- und An­gel­punkt der Be­wusst­seins­leh­re Tron­kas von sei­nem engs­ten Schü­ler so leicht­fer­tig in Frage ge­stellt zu sehen. Tron­ka un­ter­schied scharf, viel­leicht zu scharf zwi­schen ani­ma­li­scher Be­wusst­heit und ›be­wuss­ter Ani­ma­li­tät‹ – also der schar­fen Kon­trol­le aller ani­ma­li­schen Funk­tio­nen. Of­fen­sicht­lich gab es Lagen, in denen eine sol­che Tren­nung als un­er­wünscht emp­fun­den wurde.

Ach was. Ich zog es vor, mich nicht zu sehr zu wun­dern. Die Wege des Sexus eben­so wie die der Kon­kur­renz zwi­schen kom­men­den Geis­tes­grö­ßen sind, un­gleich denen der Ver­gan­gen­heit, alles an­de­re als un­er­gründ­lich. Eher könn­te man sie breit und aus­ge­tre­ten nen­nen. So sah ich die bei­den auf ihrer Stra­ße da­hin­zo­ckeln, ganz in ihr Ge­spräch ver­tieft. Ent­schlos­sen dreh­te ich mich um und eilte dem nächs­ten Kun­den­ter­min ent­ge­gen. Deut­lich emp­fand ich das un­er­füll­te Drei­eck der Be­gier­den, des­sen fran­si­ge Enden den bei­den und ihren flei­ßig das un­er­schöpf­li­che Ka­pi­tel ›Sou­ve­rä­ni­tät‹ stu­die­ren­den Art­ge­nos­sen einen un­sicht­ba­ren Ab­schieds­gruß ent­bo­ten.

Hiero, Mech­tel, Pw, Eike, Anton und die an­de­ren – es wäre über­trie­ben zu sagen, ich hätte mich in ihrer Um­ge­bung ver­jüngt ge­fühlt. Dafür war der Al­ters­un­ter­schied zu ge­ring. Aber wann immer ich bei mei­nen spo­ra­di­schen Be­su­chen im aka­de­mi­schen Mi­lieu auf einen oder wie üb­lich auf zwei oder drei von ihnen stieß, glitt ein Teil der Da­seins­bür­de, die man als er­wach­se­ner Mensch ge­schul­tert hat und mehr oder min­der un­sicht­bar mit sich her­um­trägt, von mei­nen Schul­tern. Hier war er, der homo lu­dens, der spie­len­de Mensch. Es gab ihn wirk­lich, er exis­tier­te in mir selbst und diese Men­schen be­sa­ßen das Ge­heim­nis oder die Macht, ihn her­aus­zu­lo­cken.

Es war der­sel­be Ef­fekt, den die Be­rüh­rung mit der Welt der Wis­sen­schaft­ler be­reits frü­her, wenn­gleich auf einer an­de­ren Ebene, aus­ge­löst hatte. Al­ters­los kam sie mir vor, diese Welt, selt­sa­mer­wei­se, wo doch die Ge­ne­ra­tio­nen­fol­ge in ihr mit Hän­den zu grei­fen war. Dafür sorg­te schon die ab­ge­stuf­te und strikt an Al­ters­klas­sen ge­bun­de­ne Lauf­bahn, aber auch das in allen Be­zie­hun­gen mit­schwin­gen­de Leh­rer-Schü­ler-Ver­hält­nis. Von un­ge­brems­ter, nicht sel­ten die Gren­zen zum Selbst­be­trug und zur Komik über­schrei­ten­der Nach­wuchs­men­ta­li­tät spra­chen die zwang­haft über alle Al­ters­gren­zen fort­ge­setz­ten Ver­su­che, sich einen Namen zu ma­chen. Aber wie, je­den­falls wenn man einer ge­wis­sen Schu­le folg­te, die Mög­lich­keit der Fal­si­fi­ka­ti­on – ›wis­sen­schaft­lich sind Sätze, die grund­sätz­lich immer wi­der­legt wer­den kön­nen‹ – den Raum der Wis­sen­schaft er­öff­ne­te und be­grenz­te, so er­schloss das Be­dürf­nis, teil­zu­ha­ben und sich einen Ruf zu er­wer­ben, eine helle Zone der Gleich­zei­tig­keit, in der die grel­le Dumpf­heit, in der die Welt drau­ßen ihren kom­men­den Schick­sa­len ent­ge­gen­floss, schier un­be­greif­lich oder zu­min­dest schwer durch­dring­lich er­schien.

Das stell­te, aus Wis­sen­schaft­ler-Au­gen be­trach­tet, kein Un­glück dar. Auf diese Weise schaff­te sie un­er­schöpf­li­che Vor­rä­te an Ma­te­ri­al für immer neue Un­ter­su­chun­gen heran. Je­den­falls sah man es so, wenn man in be­stimm­ten Dis­zi­pli­nen ar­bei­te­te. In an­de­ren hielt man sich vor­nehm zu­rück. Auch in­ner­halb der Fä­cher selbst gab es, wie der Blick in die ein­schlä­gi­ge Li­te­ra­tur mir bald klar mach­te, in die­ser Hin­sicht große Un­ter­schie­de. Man­che Fä­cher wur­den zwi­schen den Frak­tio­nen der Theo­re­ti­ker und der Em­pi­ri­ker buch­stäb­lich zer­ris­sen. Sie be­dach­ten sich ge­gen­sei­tig mit Spott und einer un­fei­nen Her­ab­las­sung, die ge­le­gent­lich Zwei­fel an der Kin­der­stu­be ihrer Ver­tre­ter recht­fer­tig­te.

Die Phi­lo­so­phie kam hier we­ni­ger in Be­tracht, ihre be­rühmt-be­rüch­tig­ten Bei­spie­le – ›Neh­men wir ein­mal an, die­ser Aschen­be­cher be­fin­det sich au­ßer­halb des Raum-Zeit-Kon­ti­nu­ums‹, ›So­kra­tes ist ein Athe­ner‹ – konn­ten nicht im Ernst als Ein­falls­tor für die em­pi­ri­sche Welt be­trach­tet wer­den. Doch be­stan­den Ver­bin­dungs­li­ni­en nach drau­ßen, die man leicht über­sah. Sie leuch­te­ten auf, wenn etwa Tron­kas Kol­le­ge Ein­hart seine Par­tei­ar­beit bei den Grü­nen durch­aus phi­lo­so­phisch ver­tre­ten konn­te oder Le­cke­busch auf so­li­de fi­nan­zier­ten Ta­gun­gen, die er von Zeit zu Zeit ab­hielt, in be­tont sou­ve­rä­ner Ma­nier ›die Mo­der­ne‹ als das ›Schick­sal des abend­län­di­schen Geis­tes‹ aus­rief. Damit er­in­ner­te er zwar stark an den klei­nen Jun­gen, der, neben dem Bahn­damm im Gras sit­zend, die vor­bei­rau­schen­den Züge sor­tiert und im Geist auf die Hand­voll Be­stim­mungs­or­te ver­teilt, die in sei­nem Kopf exis­tie­ren, wäh­rend sie viel­leicht zu ganz an­de­ren Zie­len un­ter­wegs sind. Aber das Ver­fah­ren besaß doch einen re­el­len Kern, in­so­fern er in den Ar­bei­ten, die ihm sei­nen spe­zi­el­len Ruf ein­ge­tra­gen hat­ten, ›so­li­de Be­griffs­ge­schich­te‹ trieb, also in einem Genre tätig war, das de­mons­trier­te, wie hi­nie­den auch die schein­bar fest­ste­hends­ten Ge­dan­ken­prä­gun­gen einem an­dau­ern­den Ero­si­ons- und Um­schich­tungs­pro­zess un­ter­la­gen.

Dar­über hatte ich mir nie zuvor Ge­dan­ken ge­macht. Ehr­lich ge­sagt, be­rei­te­te die Vor­stel­lung mir Un­be­ha­gen. Schuld daran moch­te auch die tri­um­pha­le Rhe­to­rik sein, in die Le­cke­busch sie klei­de­te. Ein­mal ent­deckt, lief diese Art von Un­ter­su­chun­gen wie auf Schie­nen in eine mit Be­am­ten­stel­len und For­schungs­pf­rün­den ge­pflas­ter­te Zu­kunft hin­ein. Ihr Do­ra­do lag in jener fa­mo­sen Sat­tel­zeit, dem von dem His­to­ri­ker Hölz­chen gern als ›lang‹ be­zeich­ne­ten Über­gang vom acht­zehn­ten zum neun­zehn­ten Jahr­hun­dert, in dem die ›alt­eu­ro­pä­isch‹ ge­präg­ten, noch von Aris­to­te­les und den mit­tel­al­ter­li­chen Den­kern her­kom­men­den Be­grif­fe al­le­samt ihr Be­deu­tungs­spek­trum wech­sel­ten. Da­mals, so las man be­reits bei dem mitt­ler­wei­le be­tag­ten Kol­le­gen, der den Aus­druck so über­aus glück­lich lan­ciert hatte, ge­wan­nen sie, ein­mal ins Lau­fen ge­kom­men, ihre bis heute zu re­gis­trie­ren­de Be­weg­lich­keit, die neben den gro­ßen Fort­schrit­ten so­wohl das große Ge­schwätz als auch die große Klage um die aus den Fugen ge­ra­te­ne Welt er­mög­licht. Die große Klage... Noch ahnte nie­mand in Le­cke­buschs Um­ge­bung, wie bald er, nach­dem ihn Eli­sa­beth erst ein­mal von der Sorge um das ge­mein­sam ge­schaf­fe­ne Heim be­freit hatte, vom blo­ßen Er­for­scher ver­gan­ge­ner zum au­then­ti­schen Deu­ter künf­ti­ger Pro­zes­se avan­cie­ren soll­te. In die­ser Rolle häng­te er dem ›Schick­sal der Mo­der­ne‹ das Wört­chen ›tra­gisch‹ an, um an­sons­ten wei­ter­hin in der Art von ak­zen­tu­ie­ren­dem Nach­spre­chen fort­zu­fah­ren, die ihn be­kannt ge­macht hatte. Mit den Ge­währs­leu­ten wech­sel­ten ganz von selbst die Ak­zen­te samt zu­ge­hö­ri­gem Tre­mo­lo.

Man darf sich vom Ein­druck, den solch ein Wan­del be­wirkt, keine über­trie­be­ne Vor­stel­lung fer­ti­gen. Es fällt leich­ter, das Schick­sal des gro­ßen Gan­zen zu pro­gnos­ti­zie­ren als das ei­ge­ne oder das ir­gend­ei­nes Ne­ben­men­schen, den man in- und aus­wen­dig zu ken­nen glaubt. Em­pi­ri­ker er­klä­ren die­ses schein­ba­re Pa­ra­dox mit der Be­haup­tung, das ver­wir­ren­de Durch­ein­an­der der Ein­zel­schick­sa­le hebe sich im Ge­samt­pro­zess auf und zü­cken die Mög­lich­kei­ten der Sta­tis­tik gegen et­wai­ge Zweif­ler. Alle star­ren auf die­sen Ge­samt­pro­zess – zwei­fel­los, weil sie dort etwas sehen. Und doch... Manch­mal be­schleicht einen der Ge­dan­ke, dass sie ein­fach nur zu sehen be­haup­ten, wäh­rend eine große, träge Wolke an ihnen vor­bei und durch sie hin­durch se­gelt.

Etwas war bei den jun­gen Leu­ten an­ders. Sie be­seel­te nicht der Geist der Wis­sen­schaft, son­dern der Geist, der sich mo­kiert. Fräu­lein Por­ti­ön­chen gab dafür ein an­schau­li­ches Bei­spiel, wenn sie gegen die ›Her­ren‹ sti­chel­te, die selbst die Li­zenz zum Ab­schuss zu be­sit­zen glaub­ten. Ein Witz­wort, ein aus der Ta­sche ge­zau­ber­tes Ar­gu­ment, ein ab­fäl­li­ges Ge­schmacks­ur­teil, der ra­sche Ap­pell an einen in­ter­na­li­sier­ten Grup­pen­kon­sens ge­nüg­ten ge­wöhn­lich, um ein Buch, eine Theo­rie, ein Se­mi­nar, eine Per­son oder eine Ge­sin­nung zu ›lie­fern‹, wie sie sag­ten – ans Mes­ser ver­mut­lich, falls je­mand das Be­dürf­nis haben moch­te, den Aus­druck im Stil­len zu ver­voll­stän­di­gen. Unter die prall ge­füll­te Ru­brik ›un­säg­lich‹ fiel auch die zum Ri­tu­al ge­wor­de­ne Ge­sell­schafts­kri­tik, wie das Feuille­ton sie ver­brei­te­te und wie sie rei­hen­wei­se Ein­gang in die Fuß­no­ten und Pro­blem­ex­po­si­tio­nen der nur ein paar Jahre äl­te­ren Jung­wis­sen­schaft­ler fand.

Nach mei­nem Ein­druck ließ das Wort zwei Aus­le­gun­gen zu: ›nicht an­zu­hö­ren‹ (auf Grund gren­zen­lo­ser Seich­tig­keit) und, zu­min­dest wenn man sich schalk­haft von der Lau­tas­so­zia­ti­on lei­ten ließ, ›nicht ab­zu­sä­gen‹, soll hei­ßen, durch kei­ner­lei kri­ti­sche An­stren­gung aus der ge­sell­schaft­li­chen Po­si­ti­on zu ver­trei­ben, die das linke ›Pa­ra­dig­ma‹ im vor­an­ge­gan­ge­nen Jahr­zehnt er­run­gen hatte. So blieb nur Hohn übrig, mit Sar­kas­men ge­pfef­fert und ge­lenkt von der spie­le­ri­schen Er­pro­bung der ei­ge­nen In­tel­li­genz, die sich, an­ge­sichts des Zeit­geis­tes, als ab­grün­dig emp­fand und gleich­zei­tig un­be­küm­mert Zu­kunft für sich re­kla­mier­te.

War es wirk­lich Zu­kunft? Anton zum Bei­spiel, ein fast hü­nen­haft zu nen­nen­der jun­ger Mann mit einem Kör­per, des­sen un­be­küm­mer­tes Mus­kel­spiel ganz an­de­re Le­bens­op­tio­nen denk­bar er­schei­nen ließ, hatte sich in einer sper­ri­gen Dis­tanz zur Theo­lo­gie ein­ge­rich­tet, die nach mensch­li­chem Er­mes­sen ge­ra­de­wegs in den er­staun­li­cher­wei­se durch die Wahl des Stu­di­en­fachs ver­wei­ger­ten Dienst an der Schöp­fung mün­den muss­te. Es sei denn, eine immer denk­ba­re Kon­ver­si­on be­en­de­te die auf Patt ge­stell­ten Spie­le des re­li­giö­sen Be­wusst­seins und aus der Larve des Phi­lo­so­phie­stu­den­ten, der ein Pro­blem besaß, mit dem wer? Gott? die an­de­ren nach deren Be­kun­den ver­schont hatte, schlüpf­te der Schmet­ter­ling eines strom­li­ni­en­för­mi­gen Aus­le­gers all der Texte, auf die es wirk­lich ankam, wenn man die Hür­den des Ka­the­der­da­seins meis­tern woll­te. Vor­der­hand mach­te ihn seine re­li­giö­se Krank­heit in­ter­es­sant. So wie er dar­über spre­chen konn­te, wuss­te er das und fing be­reits an, sie mehr oder we­ni­ger ge­zielt ein­zu­set­zen.

Es ge­schah in Maßen. Was an­de­re Leute da­mals als das schlich­te not­wen­di­ge Fort­kom­men be­zeich­net hät­ten, ohne das es keine aka­de­mi­sche Be­rufs­welt geben konn­te, mu­tier­te in sei­ner Rede zur übel be­leum­de­ten ›Kar­rie­re‹ und er lehn­te es ri­go­ros ab. Das über eine vor­sich­tig an­ge­deu­te­te fa­mi­liä­re Kon­stel­la­ti­on er­wor­be­ne Son­der­ver­hält­nis zur Tran­szen­denz – die­ser Sache mit Gott – ließ der­lei An­sich­ten als voll­kom­men in­te­ger er­schei­nen. Dabei war ge­ra­de ›diese Sache‹ im Ge­spräch der Freun­de ge­sperrt und durf­te nur in selbst­iro­ni­schen Wen­dun­gen kom­mu­ni­ziert wer­den. Was wie Grup­pen­zwang hätte aus­se­hen kön­nen, stieg in Bla­sen aus ihm auf und de­for­mier­te seine Rede, ohne dass es dazu ir­gend­wel­cher An­züg­lich­kei­ten von außen be­durf­te. Ein selt­sa­mer Hei­li­ger: um­ge­trie­ben von einer exis­ten­ti­el­len Frage, die er nichts­des­to­we­ni­ger als Ding prä­sen­tier­te, als einen Sack Nüsse oder ein Schneuz­tuch oder eine ab­ge­bro­che­ne Ku­chen­ga­bel, von der der süße Stoff in einem un­ge­eig­ne­ten Mo­ment her­un­ter­fiel.

Nein, er fuhr nicht zu Kir­chen­ta­gen und der fröh­lich er­grif­fe­ne Ge­sang der Je­sus-Freun­de war ihm in­ner­lich fremd. Er war Men­schen­freund. Doch rühr­te er kei­nen Fin­ger, wenn es darum ging, sich, wie das hieß, bei Or­ga­ni­sa­tio­nen wie Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal oder Green­pie­ce zu ›en­ga­gie­ren‹. Hier zeig­te er sich als aus­ge­spro­chen fi­li­gra­ner Ken­ner un­fei­ner Ne­ben-, Un­ter- und Sei­ten­mo­ti­ve. Mich stör­te das nicht, da es mit den we­ni­gen Er­fah­run­gen, die ich in den Ge­fil­den frei­wil­lig kol­lek­ti­ver Bei­hil­fe zum Mensch­heits­wohl ge­macht hatte, mehr oder we­ni­ger über­ein­stimm­te. Doch wun­der­te mich die Hef­tig­keit der Ab­wehr. Ich fand, sol­che Ein­rich­tun­gen waren auf Leute wie ihn an­ge­wie­sen. Er wäre durch­aus im Stan­de ge­we­sen, dort den Leit­wolf ab­zu­ge­ben und durch den voll­kom­me­nen Ernst sei­ner Über­zeu­gun­gen den Zy­nis­mus, der immer und über­all durch­schlägt, wo es etwas zu holen gibt, sei es Pres­ti­ge, Geld oder nur das Be­wusst­sein, auf der rich­ti­gen Seite zu ste­hen, so­weit zu­rück­zu­drän­gen, dass ein Aus­kom­men mög­lich wurde.

  • ―Du meinst also, ich soll­te bei­tre­ten, um die Glaub­wür­dig­keit des La­dens zu heben.

Er ver­füg­te über ein La­chen, das nicht an­ste­ckend wirk­te, son­dern nach innen ge­rich­tet schien, wie ein Brand im Ent­ste­hen, der noch zu sehr mit sich sich selbst be­schäf­tigt ist, um über­zu­sprin­gen.

  • ―Sagen wir, du wärst der ge­eig­ne­te Mann, um etwas dafür zu tun.
  • ―Das habe ich mir auch schon über­legt. Die Sache ist die, dass man vor­her nicht weiß, wor­auf man sich da ein­lässt. Okay, ich ak­zep­tie­re, das ist kein Ar­gu­ment, man weiß nie, wor­auf man sich ein­lässt. Nur in die­sem Fall scheint es mir so, dass die glaub­wür­di­gen Leute schnell mit dem Rü­cken zur Wand ste­hen. Sie wer­den auch be­nützt, was nicht wei­ter schlimm wäre, schließ­lich wol­len sie zu etwas nütze sein, das ist nicht das Pro­blem. Aber es gibt zwei­er­lei Art von Nut­zen, dar­auf möch­te ich ei­gent­lich hin­aus. Was den an­de­ren nützt, nützt nicht un­be­dingt der Sache. Das klingt jetzt wie­der ko­misch, ich weiß, ich mein ja nicht, dass man um der Sache wil­len alles an­de­re ver­nach­läs­si­gen muss, ich meine, es gibt auch Freun­de und so eine Art Grund­ei­gen­nutz, ohne den man nicht weit kommt. Aber das stört mich schon wie­der. Die­ses Wei­ter­kom­men ist so eine Art Na­tur­ge­setz von Or­ga­ni­sa­tio­nen, man tritt in sie ein, um wei­ter­zu­kom­men, das stört mich.

Anton war der erste aus dem Kreis, mit dem ich mich duzte. Es ge­schah ohne Vor­war­nung, wir merk­ten es beide erst nicht, dann hol­ten wir die Förm­lich­keit nach, ohne die wir es spon­tan denn doch nicht hin­ge­hen las­sen woll­ten – iro­nisch ge­bro­chen, wie es sich ge­hör­te, aber nicht ohne eine ge­wis­se Fei­er­lich­keit und sogar Rüh­rung, die ein Ver­spre­chen auf die Zu­kunft ent­hielt.

Ein sol­ches Du kann auch wie­der zu­rück­ge­nom­men wer­den, Stück für Stück, Scheib­chen für Scheib­chen. Das er­fuhr ich zur glei­chen Zeit in mei­nem Ver­hält­nis zu Ren­nertz. Auch hier hatte, um es vor­sich­tig aus­zu­drü­cken, die halb­her­zig ne­gier­te Förm­lich­keit des Über­gangs einen Zu­kunfts­in­dex ge­tra­gen: die vage Au­s­icht, ein­mal dort aus dem Vol­len zu schöp­fen, wo man fürs erste ex­trem vor­sich­tig zu Werke gehen muss­te, um nicht das Ge­sicht zu ver­lie­ren.

Das Herz aus­schüt­ten ist das Min­des­te des­sen, was einer tun kann, des­halb wird er sich hüten, es hier und heute zu tun. Alle Auf­wän­de zwi­schen den Leu­ten lau­fen, um im Bild zu blei­ben, dar­auf hin­aus, nichts zu ver­schüt­ten, als sei das Herz etwas, das mit äu­ßers­ter Vor­sicht ins Ziel ge­tra­gen wer­den muss, was zwei­fel­los eine ge­wal­ti­ge Leis­tung dar­stellt an­ge­sichts der un­ter­schied­lichs­ten Gang­ar­ten, die ihnen das Leben nach und nach ab­nö­tigt. Freund­schaf­ten schei­nen eine Art Ex­er­zier­feld zu sein, auf dem Men­schen üben, wie weit man sich gehen las­sen kann, ohne sich etwas zu ver­ge­ben. Das ver­leiht der Sache einen ag­gres­si­ven Kern, der nicht zu jeder Zeit, ge­le­gent­lich je­doch be­reits bei mi­ni­ma­len An­läs­sen un­ver­hüllt in Er­schei­nung tritt. So at­tes­tier­te Hiero, der fünf Mi­nu­ten vor­her An­tons ›Bude‹ im Sturm­schritt ge­en­tert hatte und ge­ra­de seine Hände am Ka­chel­ofen wärm­te, ihm un­ge­rührt, als sei daran nun wirk­lich nichts Be­mer­kens­wer­tes, Heu­che­lei. Anton schlug so­fort zu­rück.

  • ―Du hast es ja nicht ein­mal ver­sucht. Sich das Hirn mit tran­szen­den­ta­len De­duk­tio­nen voll­stop­fen ist mir, ehr­lich ge­sagt, ein biss­chen wenig. Ei­gent­lich ist es arm­se­lig. Arm­se­lig, das ist genau das Wort. Dazu stehe ich auch.
  • ―Dazu kannst du ste­hen wie du willst. Die Grund­la­gen ste­cken hier drin­nen.

Hiero hielt den ge­streck­ten Zei­ge­fin­ger gegen die rech­te Schlä­fe. Seine Stim­me hatte einen an­ge­rau­ten Klang und kam für mei­nen Ge­schmack etwas zu sehr von oben herab. Mich sah er dabei mit einem un­ter­drück­ten La­chen von der Seite an, als sei die Ein­schät­zung des­sen, was Anton da von sich gab, zwi­schen uns un­strit­tig. Das be­frem­de­te mich, da wir uns dar­über nie­mals aus­ge­tauscht hat­ten und ich mich in die­sem Fall eher zu An­tons Po­si­ti­on hin­ge­zo­gen fühl­te. Viel­leicht war sie ja naiv und Hie­ros Ri­go­ris­mus barg das grö­ße­re Po­ten­ti­al. Aber das hätte ich, ein­ge­denk mei­ner In­sel­erfah­rung, gern selbst her­aus­ge­fun­den.

Er­neut klin­gel­te es und in der Tür stand Pw, in der Hand einen Blu­men­strauß, das Mie­nen­spiel ge­schäfts­mä­ßig an­ge­spannt, als sei er be­reits im Her­ein­ge­hen be­grif­fen und das Be­grü­ßungs­ze­re­mo­ni­ell ein Hin­der­nis, an dem er wi­der­stre­bend auf­lau­fe.

  • ―Ah, das ist schön, spru­del­te Anton mit einem La­chen in der Stim­me, das sich von dem vor­an­ge­gan­ge­nen him­mel­weit un­ter­schied, so einen Strauß be­kommt man nicht alle Tage.

Pws Ge­sicht ver­fins­ter­te sich bei­läu­fig.

  • ―Neinn­ein, den will ich nach der Mensa bei je­man­dem vor­bei­brin­gen. Hast du eine Vase oder sowas, wo man ihn für ein Stünd­chen ab­set­zen könn­te?

Anton besaß keine Vase, am Ende bet­te­ten die bei­den den Strauß ins Wasch­be­cken. Die ›Bude‹ lag eine Quer­stra­ße von der Mensa ent­fernt und war ge­ra­de groß genug, um das Häuf­lein Stu­den­ten auf­zu­neh­men, das sich hier vor dem Men­sa­gang nach und nach zu­sam­men­fand. Schuld daran trug nicht al­lein die stra­te­gisch güns­ti­ge Lage, son­dern auch das ge­räu­mi­ge Gemüt des Be­woh­ners, dem es über­haupt schwer fiel, je­man­dem etwas ab­zu­schla­gen. Er war sich die­ses Ge­bre­chens sehr be­wusst und ru­der­te hilf­los da­ge­gen an. Es war also sport­lich zu ver­ste­hen, wenn alle paar Mi­nu­ten die Klin­gel an­schlug und ein neuer Be­su­cher in der Tür stand oder we­nigs­tens kurz vor­bei­schau­te, um zu er­klä­ren, warum er ge­ra­de heute, be­schäf­tigt wie er war, nicht blei­ben könne.

  • ―So be­schäf­tigt möch­te ich auch sein, seufz­te Anton ge­le­gent­lich, ei­gent­lich bin ich es ja auch, aber – da kommt ja schon der Nächs­te. Also: keine Chan­ce heute, mal wie­der. Wann soll ich ei­gent­lich das Stu­di­um ab­schlie­ßen?
  • ―Du wirst doch nicht ge­ra­de bei mir an­fan­gen, hei­kel zu wer­den.

Un­ver­kenn­bar: Eikes hohe Stim­me.

  • ―Lass mich doch erst ein­mal rein, dann kön­nen wir das in Ruhe dis­ku­tie­ren. Du soll­test dir einen Zeit­plan ma­chen, ich habe damit gute Er­fah­run­gen...

Das Fens­ter neben der Tür stand offen, so dass nichts den Ge­sprächs­fluss be­hin­der­te.

  • ―Gut pa­riert! rief Pw. Nur zu. Wer wird denn Mon­tags um halb zwölf zu stu­die­ren an­fan­gen? Das wäre ja per­vers, über­dies pure Zeit­ver­schwen­dung.
  • ―Ich möch­te dich dar­auf hin­wei­sen, dass es erst elf ist. Au­ßer­dem höre ich diese Reden an­dau­ernd, ganz egal, wie früh oder spät es ist. Ich werde das Zim­mer auf­ge­ben, ich weiß nur noch nicht, wohin ich ziehe. So geht es je­den­falls nicht wei­ter. Letz­te Nacht hat einer von den Pen­nern im Flur ge­klin­gelt. Es war ihm zu kalt, er hatte es an den Nie­ren oder sowas. Was soll ich denn ma­chen?
  • ―Du hast den doch nicht etwa hier schla­fen las­sen?
  • ―Rein ethisch ge­se­hen...
  • ―Ich kann das alles aber nicht rein ethisch sehen, beim bes­ten Wil­len nicht. Ich muss auch ein­mal zum Ab­schluss kom­men.
  • Den­noch die Schwer­ter hal­ten... zi­tier­te Hiero mit vor Iro­nie be­ben­der Stim­me. Pw warf ihm einen ver­ächt­li­chen Blick zu.

Anton schnüf­fel­te.

  • ―Gib mir ein Schwert und ich stür­ze mich hin­ein. Aber nicht, bevor ich je­man­den damit be­droht habe.
  • ―Was sagt denn Kier­ke­gaard über den Selbst­mord? Er wird ihn doch nicht etwa zu­las­sen? Biss­chen un­ge­wöhn­lich, unter Pas­to­ren­töch­tern.
  • ―Kier­ke­gaard...

Hiero prus­te­te. Pw hakte ein.

  • ―Was ist denn mit dir los?
  • ―Ich stell mir ge­ra­de eine Pas­to­ren­toch­ter vor, die ver­sucht, Selbst­mord zu be­ge­hen.
  • ―Man soll­te Pas­to­ren­töch­ter nie un­ter­schät­zen. Au­ßer­dem ist die Ab­bre­cher­quo­te per Ex­itus höher, als man meint.
  • ―Ex­itum, wenn schon.

Nie­mand hörte auf Hiero.

  • ―Ach ja? Da könn­te man noch einen drauf­set­zen.
  • ―Das ist ja wie Selbst­mord im Bor­dell. Auf alle Fälle kommst du in die Schlag­zei­len.
  • ―Kennst du Benns Stu­die über Selbst­mord im Heer anno ’40? Staats­bio­lo­gie. Schon in­ter­es­sant, womit man sich da­mals be­schäf­tig­te.
  • ―Apro­pos Benn – gib mir doch mal einen Tipp, womit ich an­fan­gen soll. Die Ge­dich­te kön­nen es ja nicht sein.
  • ―Ver­giss das Reim­ge­klin­gel. Aber das Par­lan­do-Ge­dicht – große Klas­se. Ver­suchs mal damit. In mei­nem El­tern­haus hin­gen keine Gains­bo­roughs...
  • ―In mei­nem auch nicht. Schrei­be ich des­we­gen Ge­dich­te?
  • ―Dann lies Wein­haus Wolf, das liegt dir so­wie­so näher. Trüm­mer­pro­sa, wohin du blickst.
  • ―Ich habs be­fürch­tet. Also wie ist das mit der ab­so­lu­ten Me­ta­pher?
  • ―Gibts nicht. Was soll denn daran ab­so­lut sein? Der ab­so­lu­te Re­fe­rent ist der ab­so­lu­te Non­sens.
  • ―Auf was ver­weist ei­gent­lich Gott?

Die Frage stamm­te von Eike, der dem Wort­wech­sel zwi­schen Pw und Anton bis zu die­sem Punkt stumm ge­folgt war.

  • ―Gute Frage. Auf sich selbst wahr­schein­lich.
  • ―Na dann soll er mal.

Pw war vor kur­zem mit einer klei­nen Pu­bli­ka­ti­on her­vor­ge­tre­ten und be­nütz­te den Pres­ti­ge­vor­sprung haupt­säch­lich, um bei an­de­ren Stirn­run­zeln her­vor­zu­ru­fen. Schwer zu sagen, ob ich ihn moch­te. Näch­tens, wenn die Lo­ka­le schlos­sen, be­glei­te­te er mich jetzt manch­mal zu mei­nem Hotel, das auf sei­nem Weg lag. Dabei lern­te ich eine Per­son ken­nen, die im Bei­sei­teneh­men geübt war. Er be­herrsch­te die Kunst, einem unter vier Augen das Ge­fühl zu ver­mit­teln, es gäbe da eine Ver­traut­heit, die stär­ker und ur­sprüng­li­cher sei als die der Grup­pe. In mei­nem Fall kam er dem Nicht-Stu­den­ten auf hal­bem Weg ent­ge­gen. Wir siez­ten uns strikt. Auch der Ge­schäfts­jar­gon schien ihm, woher immer, nicht fremd zu sein.

Eine reife Per­son – in jeder Hin­sicht. Im Ge­spräch mit dem Äl­te­ren gab er sich so­fort älter, als er war oder rea­lis­ti­scher­wei­se sein konn­te. Ein­mal al­lein, blick­ten wir auf die un­schul­di­gen Un­ter­hal­tun­gen der so­eben ver­las­se­nen Grup­pe etwa so, wie man als Rei­sen­der vom Piaz­za­le Mi­che­lan­ge­lo her­un­ter aus auf das im Schlaf ver­sin­ken­de oder be­reits wie­der er­wa­chen­de Flo­renz schaut, wenn die von den Lie­bes­paa­ren in ihren lang­sam er­kal­ten­den Fahr­zeu­gen ver­ur­sach­ten Ge­räu­sche daran er­in­nern, dass im Leben neben den in­tel­lek­tu­el­len noch hand­fes­te­re Ge­nüs­se in Er­wä­gung zu zie­hen sind.

Pw und die Frau­en: ein Ka­pi­tel, zu dem ich über­ra­schend an die­sem Nach­mit­tag Zu­gang fand, als er mich aus­er­kor, ihn bei der an­ste­hen­den Über­rei­chung des Blu­men­strau­ßes zu be­glei­ten. Warum auch immer – über­flüs­sig und über­zäh­lig, wie ich mir vor­kam, mach­te ich so meine Be­ob­ach­tun­gen. Die junge Frau, die ich ken­nen­lern­te, moch­te sich ihm durch einen Blick emp­foh­len haben, in dem sich der Auf­bruch nach Cythére mit der re­si­gnier­ten Ein­sicht misch­te, die ganze Sache werde frü­her oder spä­ter oh­ne­hin im Schat­ten einer Bahn­hofs­knei­pe enden. Was daran ha­b­i­tu­ell wirk­te, ent­stamm­te viel­leicht einer mäch­ti­gen Wunsch­na­tur, die sich durch trübe Er­fah­run­gen nicht un­ter­drü­cken ließ. Al­ler­dings fügte es ihrem Wesen eine ab­ge­leb­te Kom­po­nen­te hinzu, die schlecht zu ihrem Alter und ihrer stu­den­ti­schen Le­bens­wei­se pass­te. Das mach­te neu­gie­rig.

Sie haus­te über einer Knei­pe in einer win­zi­gen Woh­nung, deren Fens­ter auf eine enge Gasse hin­aus­gin­gen. Jeder schwei­fen­de Blick lan­de­te prompt im vor­hang­lo­sen Schlaf­zim­mer ge­gen­über. Die Gasse strahl­te etwas von der Halb­in­ti­mi­tät aus, die, viel­leicht zu Un­recht, einst Ador­no den Stra­ßen von Lucca at­tes­tiert hatte. Ich war auf den klei­nen Auf­satz wie­der ge­sto­ßen, als ich re­flex­haft meine Bü­cher sor­tier­te, weil mir ihre her­ge­brach­te Ord­nung die in mei­nem Wis­sens­haus­halt neu­er­dings ein­ge­tre­te­nen Ver­än­de­run­gen nicht mehr an­ge­mes­sen wie­der­zu­ge­ben schien. Noch war ich nicht be­reit, meine Bi­blio­thek ohne Wenn und Aber dem Re­gu­lar des Al­pha­bets zu über­las­sen. Es gab in ihr her­vor­ge­ho­be­ne Orte neben Zonen min­de­rer Zu­wen­dung, deren Be­woh­ner von mir gleich­sam ab­ge­straft wur­den, weil ihre Aus­sa­gen zu den mich au­gen­blick­lich be­schäf­ti­gen­den The­men dif­fus oder rück­stän­dig auf mich wirk­ten. Auch wenn Tron­ka in sei­nen Schrif­ten nur Bil­dungs­schrott zu er­ken­nen vor­gab: ›Teddy‹ ge­hör­te zum emo­tio­na­len Un­ter­fut­ter jener Jahre. Die Pws und Hie­ros lie­ßen, wann immer es an­ging, lau­ten und lei­sen Spott auf diese Ge­stalt her­un­ter­reg­nen, wäh­rend ne­ben­an die ein­schlä­gi­gen Dis­ser­ta­tio­nen von Ver­fas­sern er­blüh­ten, die sich damit Zu­tritt zu den Krei­sen ver­schaff­ten, in denen das kul­tu­rel­le Klima des Lan­des er­kun­gelt wurde. Un­denk­bar eine Welt, in der nicht die lei­ses­te An­spie­lung auf eine sei­ner Schrif­ten oder ein my­thi­sches Le­bens­de­tail an­ge­kom­men wäre.

  • ―Teddy, sagte die junge Frau träu­me­risch, ihr Blick husch­te auf­blit­zend an mir vor­bei. – Ist der nicht tot?

Die nach­mit­täg­li­che Plau­de­rei der bei­den ver­mit­tel­te den Ein­druck, es mit den Kin­dern mäch­ti­ger Zau­be­rin­nen zu tun zu haben, die lust­voll auf dem schma­len Grat zwi­schen Wis­sen und Un­schuld ba­lan­cier­ten und sich wech­sel­sei­tig durch die Apart­heit ihrer Rede und ihres Be­neh­mens der wer­ten Frau Mut­ter emp­fah­len. Als säßen ein­an­der der idea­le Schwie­ger­sohn und die idea­le Schwie­ger­toch­ter ge­gen­über, rühr­ten sie in ihren Täss­chen und pfleg­ten Kon­ver­sa­ti­on. Das ent­fern­te sich zu deut­lich vom Zeit­geist, um nicht ge­stellt zu wir­ken. Doch moch­te es be­reits ein Stück un­kon­ven­tio­nel­ler Ge­mein­sam­keit sein, das an eine auf Zu­kunft ge­stell­te In­ti­mi­tät den­ken ließ. Ich wun­der­te mich daher ein wenig, als Pw mich an­schlie­ßend auf dem Weg zur Bi­blio­thek in ziem­lich ab­ge­brüh­ter Ma­nier über die Vor­zü­ge und Han­di­caps der Dame ins Bild setz­te und meine vor­sich­ti­ge Er­kun­di­gung nach dem Grad vor­han­de­ner oder avi­sier­ter Ge­mein­sam­keit mit einem kar­gen Ge­läch­ter quit­tier­te. In Worte über­setzt, konn­te es nur hei­ßen: Die nun wirk­lich nicht. Dafür hatte er mich ge­braucht.

Zu den auf­fäl­li­ge­ren Re­qui­si­ten in der Woh­nung der jun­gen Frau ge­hör­te ohne Zwei­fel die Toi­let­te. Ich stieß auf sie in der Küche, gleich neben dem Herd, nach­dem ich mich er­bo­ten hatte, eine Fla­sche Was­ser aus dem Kühl­schrank zu be­sor­gen. Man durf­te aus der un­ge­wöhn­li­chen Kom­bi­na­ti­on auf die äl­te­re An­la­ge des Hau­ses, auf Nach­kriegs­not und -fin­dig­keit schlie­ßen, man konn­te sich, wenn man woll­te, über die Chuz­pe von Ver­mie­tern wun­dern – das Fak­tum blieb immer be­ste­hen und be­leb­te das Nach­den­ken über die Be­woh­ne­rin, deren Stil und Auf­tre­ten nur schwer mit der Derb­heit der An­la­ge in Über­ein­stim­mung zu brin­gen war.

Der jun­gen Dame schien es, zog man die üb­ri­ge Ein­rich­tung und das Auto vor der Tür ins Kal­kül, fi­nan­zi­ell nicht schlecht zu gehen. Nein, sie be­trach­te­te die Woh­nung nicht als Not­lö­sung, son­dern, sie sprach die Worte mit kla­rer, har­ter, ein wenig stör­ri­scher Stim­me, als ›idea­len Stütz­punkt‹, den sie für die Dauer ihres Stu­di­ums nicht auf­zu­ge­ben be­ab­sich­tig­te. Sie sagte bei der Ge­le­gen­heit noch man­ches an­de­re, das mich davon über­zeug­te, einen Fall von ge­kränk­ter Toch­ter­lie­be vor mir zu haben, die in Män­ner­be­kannt­schaf­ten vor­nehm­lich un­zu­rei­chen­de Sub­sti­tu­te für den ein­zig in Be­tracht kom­men­den, lei­der auf bio­lo­gi­schen und wohl auch so­zia­len Ab­we­gen wan­deln­den Vater wahr­nahm. Mag sein, dass ihr das Han­di­cap Be­su­cher zu­führ­te, die sonst fern ge­blie­ben wären. Zu ihnen ge­hör­te in der Folge auch ich, dem es im Traum nicht ein­fiel, ihr An­trä­ge se­xu­el­ler Art zu ma­chen. Mir ge­fiel es, mit ihr zu plau­dern, und als Mit-Über­brin­ger des Pw­schen Blu­men­strau­ßes schien ich hin­rei­chend ein­ge­führt zu sein, um einen klei­nen An­teil an den Nach­mit­ta­gen ein­ge­räumt zu be­kom­men, an denen sie Be­su­che emp­fing.

Dass auch lei­den­schaft­li­che­re Va­ri­an­ten denk­bar waren, diese Ein­sicht ver­dank­te ich Hiero. Ich wuss­te nicht, dass die bei­den sich kann­ten, bis er eines spä­ten Abends im Pfau auf­tauch­te, vor Ent­täu­schung und Wut schäu­mend – be­reits im Auf­bruch be­grif­fen, ver­stand ich eine ganze Weile nicht, was ihn in die­sen Zu­stand ver­setzt hatte, bis er Stück für Stück damit her­aus­rück­te. Sie waren mit­ein­an­der essen ge­gan­gen –

  • ―okay, so macht man das eben, sie ist keine Leuch­te, was Kon­ver­sa­ti­on an­geht, aber was solls! –

artig hatte er die Rech­nung über­nom­men, sich in wirk­li­che Un­kos­ten ge­stürzt, wie er aus­drück­te, wobei mir das grie­chi­sche Stu­den­ten­lo­kal, in dem er au­ßer­halb des Pfau ver­kehr­te, aus­ge­spro­chen preis­wert vor­kam und ich si­cher war, dass er in die­sem Punkt un­nach­sich­tig ge­blie­ben war. So­dann hatte er sie, in Er­war­tung kom­men­der Dinge, nach Hause be­glei­tet, sich drei­mal aus­schwei­fend von ihr ver­ab­schie­det und schließ­lich, gegen den Tür­stock ge­lehnt, eine ge­schla­ge­ne Stun­de auf sie ein­ge­re­det. Es hatte alles nichts ge­nützt. ›Be­trug!‹ brüll­te es in ihm und Be­trug! bell­te es aus ihm her­aus, so dass der am Tre­sen han­tie­ren­de Wirt un­ru­hi­ge Bli­cke her­über­warf – auch er ein Cho­le­ri­ker, man muss­te vor­sich­tig sein. Ja, Hiero kam sich be­stoh­len vor – nicht in ir­gend­ei­nem über­tra­ge­nen Sinn, son­dern ganz reell, an Zeit und Beu­tel, wobei der Ver­lust an Zeit mehr schmerz­te, denn er be­traf den Dienst am Buch, was immer er ge­ra­de lesen moch­te.

Gut ge­macht, dach­te ich, wäh­rend ich Mit­ge­fühl heu­chel­te, und wun­der­te mich, dass Per­so­nen, die nichts mit­ein­an­der ge­mein hat­ten, über­haupt so weit ge­lan­gen konn­ten. Ich ver­such­te mir vor­zu­stel­len, dass Ka­te­ri­na – so hieß die Frau, deren ero­ti­sche Aus­strah­lung sich in dem auf Dauer ge­stell­ten Lust­blick er­schöpf­te –, viel­leicht nicht wirk­lich ab­ge­neigt ge­we­sen war, aber nach der Regel, dass Druck Ge­gen­druck er­zeugt, dem etwas zu ge­rad­li­ni­gen Drän­gen des phi­lo­so­phi­schen Käm­pen re­flex­haft einen Rie­gel vor­ge­scho­ben hatte.

Of­fen­bar waren hier zwei Men­schen an­ein­an­der ge­ra­ten, die, jeder auf seine Weise, ein An­recht auf die Sache zu be­sit­zen glaub­ten: nicht als Dienst­leis­tung, be­wah­re, son­dern auf die Sache selbst. Das mag ko­misch klin­gen und war es si­cher auch. Der Grund ist ein­fach: beide be­weg­ten sich zwang­haft im Spie­gel ihrer Mit­welt und waren daher stets von der Angst be­seelt, sie könn­ten ›im Leben‹ zu kurz kom­men. In Ka­te­ri­nas Fall war mir die­ser Zug gleich bei mei­nem ers­ten ei­ge­nen Be­such auf­ge­gan­gen. Sie ver­dank­te ihm einen An­flug wirk­li­cher Be­seelt­heit, der wahr­schein­lich auch Pw an­ge­lockt hatte, so wie er mich zu al­ler­lei Ge­sprä­chen ver­führ­te, die, ohne nichts­sa­gend zu wir­ken, sich in einem mit Träu­men und be­gin­nen­den, aber von lan­ger Hand vor­be­rei­te­ten Bit­ter­kei­ten be­bil­der­ten Nichts be­weg­ten.

Hätte ich mir Ge­dan­ken dar­über ge­macht, so hätte ich be­reits an jenem Nach­mit­tag be­grif­fen, dass Pw, der seine Um­ge­bung so gern durch ein be­tont vi­ri­les Ge­ha­be unter Strom setz­te und sich den Ci­ne­as­ten unter sei­nen Kom­mi­li­to­nen als dis­kret agie­ren­der Schau­spie­ler-Imi­ta­tor emp­fahl, es pein­lich ver­mied, sich dem Ri­si­ko einer Zu­rück­wei­sung aus­zu­set­zen. Pa­ra­do­xer­wei­se war er darin Hiero, dem der­glei­chen immer wie­der pas­sier­te, gar nicht un­ähn­lich. Beide emp­fan­den Zu­rück­wei­sung um­stands­los als Zu­rückset­zung. Das war das Band, das sie Abend für Abend zu­sam­men­führ­te und ge­gen­ein­an­der in Stel­lung brach­te. Wo Hiero stürm­te, ging Pw mit einer Über­legt­heit vor, die manch­mal an Hin­ter­list grenz­te, und ge­noss das Glück, den an­de­ren ein ums an­de­re Mal ›vor­zu­füh­ren‹, soll hei­ßen, ihn in jene Ver­fas­sung sinn­lo­sen Bro­delns und Schäu­mens zu ver­set­zen, in dem sich ihm das Ziel, das de­fi­ni­ti­ve, den Geg­ner matt set­zen­de Ar­gu­ment, immer wei­ter ent­zog. Pw tri­um­phier­te.

Es war wirk­lich Glück. In Wahr­heit gin­gen ihm ver­hält­nis­mä­ßig früh die Ar­gu­men­te aus. Statt ad­äquat zu re­pli­zie­ren, ver­leg­te er sich auf wag­hal­si­ge Wen­de­ma­nö­ver und rhe­to­risch un­ter­füt­ter­tes, an­hal­ten­des Nicht­ver­ste­hen, das Hiero, der sich sei­ner Sache si­cher wuss­te, an Stel­len ins Sto­cken brach­te, die er ge­wis­ser­ma­ßen nur aus der Per­spek­ti­ve des Durch­rei­sen­den kann­te und die er jetzt flu­chend und zu­tiefst ver­ständ­nis­los aus dem Blick­win­kel eines Men­schen be­trach­ten lern­te, der ein­fach nur, koste es, was es wolle, wei­ter­zu­kom­men wünscht. Daran war, so­lan­ge Pw die Zügel des Ge­sprächs in Hän­den hielt, nicht zu den­ken. Das Bro­deln und Schäu­men stell­te sich also unter gleich­sam ex­pe­ri­men­tell zu nen­nen­den Be­din­gun­gen ein. Hiero kann­te und fürch­te­te sie, aber er ver­stand ihnen nicht an­ders aus­zu­wei­chen als da­durch, dass er sich os­ten­ta­tiv in die Rolle des An­grei­fers begab, in der er kläg­lich un­ter­ging. Es sei denn, er holte, so­bald das Ver­geb­li­che sei­nes Un­ter­fan­gens sicht­bar wurde, das letz­te und ein­zi­ge Pfund her­aus, mit dem er re­la­tiv un­ge­straft wu­chern konn­te – die deut­sche Schuld. Dann war es Pw, des­sen Blick zu fla­ckern be­gann und der nun sei­ner­seits, koste es was es wolle, einen Vor­teil über den an­de­ren an­streb­te, der nach Lage der Dinge nicht zu er­rei­chen war. Ge­wöhn­lich be­fand sich Hiero zu die­sem Zeit­punkt lei­der be­reits im Zu­stand hoch­gra­di­ger Er­re­gung, es war ihm daher nur sel­ten ver­gönnt, sei­nen sich ab­zeich­nen­den Sieg in vol­len Zügen zu ge­nie­ßen. So gin­gen oft genug – aber was ist schon genug? – beide als Dü­pier­te aus ihren nächt­li­chen Kab­be­lei­en her­vor. Den Be­weis dafür lie­fer­ten sie, wenn sie am nächs­ten Mor­gen unter vier Augen ge­gen­über dem einen oder an­de­ren Ver­trau­ten nach­kar­te­ten.

Auch dann dach­te nicht im Traum einer von ihnen daran, dem an­de­ren seine ›Kom­pe­tenz‹ strei­tig zu ma­chen. Sie emp­fan­den wirk­li­che Hoch­ach­tung vor­ein­an­der und gaben ihr in ent­spann­ten Mo­men­ten oft und gern ge­gen­über Drit­ten Aus­druck. Für Pw vor allem schien außer Frage zu ste­hen, dass Hiero einer phi­lo­so­phi­schen Kar­rie­re ent­ge­gen ging, die er selbst ›nicht sah‹, aber gern be­schrit­ten hätte, al­ler­dings ohne dafür auch nur den klei­nen Fin­ger zu rüh­ren. Statt­des­sen ließ er sich vor den Se­mi­nar­sit­zun­gen bei Tron­ka, in die sie ge­mein­sam gin­gen, von Hiero prä­pa­rie­ren, was die­ser gern über­nahm, nicht ohne ge­le­gent­lich zu sti­cheln.

  • ―Lies doch ein­fach sel­ber nach.
  • ―Warum soll­te ich? Ich finde, du machst das gut. Ef­fi­ci­en­cy, du ver­stehst.

Nein, Hiero ver­stand nicht. Oder viel­mehr: Er ver­stand zu gut, was Pw da sagte und er sonn­te sich, ins­ge­heim und leise äch­zend, in der Rolle des Rie­sen, auf des­sen Schul­tern das phi­lo­so­phi­sche Leicht­ge­wicht Pw, mit Fern­glä­sern han­tie­rend und lo­cker die all­ge­mei­ne Rich­tung wei­send, ins Se­mi­nar ein­trab­te. Was ihn stör­te, war die allzu große Be­reit­schaft, mit der Tron­ka diese Rol­len­ver­tei­lung als ge­ge­ben ansah und ent­spre­chend Pw als das Haupt ihrer Be­zie­hung be­han­del­te.

Mag sein, Hiero, der wuss­te – ob­wohl dar­über nicht ge­spro­chen wurde –, dass Pw nach ihren nächt­li­chen Dis­kus­sio­nen im Pfau oft noch einem ver­schwie­ge­nen Stell­dich­ein ent­ge­gen­streb­te, hatte, als er Ka­te­ri­nas Wi­der­stre­ben an der Haus­tür her­auf­be­schwor, die Ri­va­li­tät wil­lent­lich auch auf die­ses Feld aus­ge­dehnt. Soll­te das der Fall ge­we­sen sein, dann muss­te er er­fah­ren, dass selbst hier, in Ab­we­sen­heit des Ge­gen­spie­lers, die­sel­be Ord­nung galt und er sich nur ein wei­te­res Mal eine blu­ti­ge Nase holte. Es ging um nichts Be­stimm­tes zwi­schen den bei­den, ihre Ri­va­li­tät bezog sich, um exakt zu sein, auf das Uni­ver­sum, des­sen Be­sitz sie sich ge­gen­sei­tig strei­tig mach­ten. Eine sol­che Aus­sa­ge kann leicht über­trie­ben klin­gen, dabei ist sie nur in dem Sinne genau, in dem sich jeder Ge­ring­schät­zung ent­hal­ten muss, wer be­grei­fen will, wor­über Kin­der sich strei­ten oder auch Er­wach­se­ne, so­bald sie sicht­lich außer Rand und Band ge­ra­ten oder eine schein­bar be­lang­lo­se Aus­ein­an­der­set­zung zur Dau­er­feh­de aus­schlägt.

Na­tür­lich ließe sich ein­wen­den, kei­ner könne das Uni­ver­sum be­sit­zen oder einen sol­chen Be­sitz über­haupt wol­len. Wer so redet, hat nicht be­dacht, dass es Wei­sen zu ver­fü­gen gibt, die nur in der ent­grenz­ten Aus­ein­an­der­set­zung sicht­bar wer­den. Manch­mal ge­nügt es, dass zwei an­ein­an­der ge­ra­ten, wo immer sie auf­ein­an­der tref­fen, und schon kommt es ins Spiel: nicht groß genug, um beide zu fas­sen, wird es zum Schau­platz ihrer Rei­be­rei­en, ihrer Kämp­fe, ihrer Nie­der­la­gen und rasch zer­rin­nen­den Siege. Zu die­ser Ein­stel­lung moch­te stim­men, dass Pw, wann immer sich Ge­le­gen­heit bot, mit be­deu­tungs­voll hoch­ge­zo­ge­ner Braue eine Lehre her­vor­hol­te, die in der um­ge­ben­den Ge­sell­schaft als ge­äch­tet galt und ihn dem Ver­dacht aus­setz­te, ein ›Rech­ter‹ zu sein. Po­li­tik wurde ihr zu­fol­ge durch die Un­ter­schei­dung von Freund und Feind ›kon­sti­tu­iert‹. Wem es frei­stand, die Welt in die­ser Weise auf­zu­tei­len, der war sou­ve­rän. Das bezog sich, so wie es ge­schrie­ben stand und in den ein­schlä­gi­gen Krei­sen dis­ku­tiert wurde, auf Staa­ten, doch gab sich Pw damit kei­nen Au­gen­blick zu­frie­den. Er woll­te als Per­son sou­ve­rän sein – und nicht nur ›wir­ken‹, wie es die so­zia­le Regel vor­schrieb. Das Be­quems­te – und der stu­den­ti­schen Ver­fas­sung An­ge­mes­sens­te – war, den Freund als Feind zu trak­tie­ren, so­bald einen das ent­spre­chen­de Ge­lüs­te ankam.

Hiero hätte die auf ihn ge­fal­le­ne Wahl ab­leh­nen oder an­neh­men kön­nen. Dass er kei­nen Mo­ment zö­ger­te, sie an­zu­neh­men, ließ ihn ei­ner­seits eben­falls ›sou­ve­rän‹ er­schei­nen, stem­pel­te an­de­rer­seits je­doch seine Wahl aus­weg­los zur zwei­ten Wahl, was sein pat­zi­ges, in ent­schei­den­den Mo­men­ten ein­fach rat­lo­ses Ver­hal­ten hin­rei­chend zum Aus­druck brach­te.

Wider Wil­len, so könn­te man sagen, war Hiero zum Sou­ve­rän be­för­dert wor­den und be­fand sich in der ku­rio­sen Si­tua­ti­on, tag­täg­lich eine Frei­heit exe­ku­tie­ren zu müs­sen, die ihm von an­de­rer Seite auf­ge­drängt, ja auf­ge­nö­tigt wurde. Er re­gis­trier­te die Aus­zeich­nung wohl, die darin lag, und woll­te ihr mit allen Mit­teln ge­recht wer­den. Er konn­te sehr un­wirsch wer­den, wenn ihn je­mand, den seine Bles­su­ren mit Mit­leid er­füll­ten, aus der Schuss­li­nie zu zie­hen ver­such­te. Auf der an­de­ren Seite tat Pw alles, um ihm die ein­mal ge­fäll­te Ent­schei­dung zu ver­sü­ßen. Er umgab ihn mit einer Art sor­gen­der Auf­merk­sam­keit, die sel­ten nach­ließ, er ließ neben sei­nen Sti­che­lei­en und wirk­li­chen Bos­hei­ten links und rechts ge­nü­gend Schmei­chel­haf­tes vom Sta­pel, um für einen Aus­gleich zu sor­gen, der kei­ner war, aber die Auf­ga­be hatte, den Ge­gen­spie­ler bei Laune zu hal­ten und zur nächs­ten Du­ell­run­de ein­tra­ben zu las­sen.

Ein ver­hal­te­ner Glanz trat in Hie­ros Augen, so­bald die Rede auf sei­nen Geg­ner kam. Er hielt den Blick eine Weile ge­senkt und rich­te­te ihn dann in die Weite, bevor er sprach. Selbst wenn er in Wut ge­riet, re­de­te er nicht ab­schät­zig über Pw, son­dern ab­spre­chend: wie je­mand, der immer wie­der er­staunt die Liste der an­geb­li­chen Vor­zü­ge des Geg­ners durch­geht, um seine wirk­li­chen Stär­ken zu er­kun­den und da­durch den Re­spekt zu recht­fer­ti­gen, den er ihm ent­ge­gen­bringt. Selbst­re­dend kamen die tat­säch­li­chen Vor­zü­ge des an­de­ren dabei nicht zur Spra­che. Warum auch? Sie ver­stan­den sich von selbst und dar­über zu reden wäre in der ge­ge­be­nen Ver­fas­sung einem selbst­quä­le­ri­schen Akt gleich ge­kom­men. Die Ge­sprächs­part­ner, die beide kann­ten, waren auch so im Bilde und ver­such­ten eher, mit lin­dern­den Wor­ten die Wogen zu glät­ten oder erst gar nicht ent­ste­hen zu las­sen, sie be­han­del­ten ihn in­stink­tiv wie einen Pa­ti­en­ten und rie­fen damit oft genug sei­nen Zorn erst auf den Plan.

Na­tür­lich sprach kei­ner der bei­den von Feind­schaft. Die­ses Wort war, wie die Sache, im per­sön­li­chen Be­reich tabu. Es wäre auch dem Ver­hält­nis nicht ge­recht ge­wor­den – schon des­halb, weil beide nie bis zum Äu­ßers­ten gin­gen. Kei­ner hätte dem an­de­ren Scha­den zu­fü­gen wol­len. Im Ge­gen­teil: jeder sah die Zu­kunft des an­de­ren offen und konn­te sich ein­fach nicht vor­stel­len, dass es dabei ohne Pro­mi­nenz ab­ge­hen würde. Glei­cher­ma­ßen im vor­aus und im Kon­di­tio­na­lis ran­gel­ten sie darum, wem sie zu­stün­de, falls es, was nicht an­zu­neh­men war, in der Welt ge­recht zu­gin­ge. Al­ler­dings gab es Ab­stu­fun­gen. Zwar hiel­ten die Zei­ten, in denen Hiero vol­ler Ge­ring­schät­zung in Pw den künf­ti­gen Pau­ker mo­nier­te, nie lange an, aber die Tat­sa­che ließ sich nicht aus der Welt schaf­fen: es gab sie. Das Ge­gen­teil wäre auch un­wahr­schein­lich ge­we­sen, denn Pw schloss jede an­de­re be­ruf­li­che Mög­lich­keit für sich im Ge­spräch ka­te­go­risch aus, wäh­rend er Hiero mit schö­nem Gleich­mut die phi­lo­so­phi­sche Kar­rie­re pro­phe­zei­te, die die­ser in aller Of­fen­heit für sich re­kla­mier­te. Auch das soll­te sich, wie so man­ches, än­dern und den Blick auf eine ganz neue Kon­kur­renz frei­ge­ben: här­ter, ver­bis­se­ner, un­wirk­li­cher als die, von der hier zu be­rich­ten ist.

Die Kon­kur­ren­ten
5
Hiero: Figur 1
Die Her­ren des Dis­kur­ses brin­gen sich in Stel­lung

Die­sel­be Art Kon­kur­renz, durch die sich Pw und Hiero ge­gen­sei­tig auf­wer­te­ten und die zwi­schen ihnen eine Art Knecht­schaft be­grün­de­te, wie man sie eben­so auf dem Schul­hof wie in den sinn­lo­sen, aber für Fern­ste­hen­de auf­schluss­rei­chen Du­el­len be­rühm­ter Geis­ter fin­det, regte sich in die­sem Herbst noch an an­de­rer Stel­le. Der His­to­ri­ker Hölz­chen, der gern so auf­trat, als trage er das ganze Pa­thos sei­ner Dis­zi­plin in Form eines klei­nen hand­li­chen Amu­letts mit sich herum, konn­te sei­ner dis­kus­si­ons­ge­wohn­ten Stim­me einen har­schen Klang geben und ihr so­zu­sa­gen an­de­re Sai­ten auf­zie­hen, so­bald das Ge­spräch auch nur von Ferne ge­wis­se Kol­le­gen streif­te. Eine Zeit­lang frag­te ich mich ver­geb­lich, ob sie eine ver­schwo­re­ne Ge­mein­schaft oder Schu­le bil­de­ten oder ob jeder auf ei­ge­ne Rech­nung ope­rier­te. Ehr­lich ge­sagt, ge­lang es mir nicht ein­mal her­aus­zu­fin­den, wie groß der ›in­kri­mi­nier­te‹ Per­so­nen­kreis war und wer zwei­fels­frei dazu ge­hör­te. Da immer wie­der ein­zel­ne Namen fie­len, bil­de­te sich so etwas wie ein mit Rot­stift ge­zo­ge­ner Kreis um sie. Es ge­nüg­te, einen von ihnen aus­zu­spre­chen, um stets die­sel­ben hef­ti­gen Be­mer­kun­gen und Wort­wech­sel zu pro­vo­zie­ren.

Hölz­chen zu­fol­ge han­del­te es sich um Re­ne­ga­ten. Sie hat­ten einen be­ste­hen­den ›Kon­sens‹ ver­las­sen und be­haup­te­ten nun Dinge, die zu per­fi­de waren, als dass sie einer der An­we­sen­den in kla­ren, run­den Wor­ten hätte wie­der­ge­ben kön­nen. Der sieg­fried­haft wo­gen­de Ger­ma­nist Ross­ham­mer, der nur ge­le­gent­lich an den Le­cke­busch-Aben­den teil­nahm und des­halb als kon­ti­nu­ier­li­cher Dis­ku­tie­rer aus­fiel, hatte als ers­ter den Ein­fall, den gan­zen The­men­kom­plex mit dem mir in­zwi­schen aus dem Tron­ka-Zir­kel ge­läu­fi­gen Wört­chen ›un­säg­lich‹ in den Orkus zu be­för­dern. Seine sam­te­ne Art, das ›ä‹ ein wenig aus­ein­an­der­zu­zie­hen und da­durch in eine ver­we­ge­ne Frei­heit zu drän­gen, in der es sich un­wei­ger­lich am schrof­fen ›g‹ stieß und gleich­sam selbst aus­lösch­te, ent­zück­te mich von da an jedes Mal aufs Neue. Auf mehr ließ er sich nicht ein, ver­mut­lich, weil er Fach­gren­zen von Natur re­spek­tier­te und den Grund­satz der Nicht­ein­mi­schung zur Grund­la­ge sei­ner kol­le­gia­len Ver­bind­lich­keit ge­macht hatte.

Le­cke­buschs emsig der nächs­ten Ein­la­dung nach Ox­ford ent­ge­gen­stre­ben­der As­sis­tent Ein­hart ver­lang­te, ge­treu sei­nen sprach­ana­ly­ti­schen Über­zeu­gun­gen, hier und da sprach­li­che Klä­run­gen. Doch be­gnüg­te er sich über­ra­schend schnell damit, vor der ge­ball­ten Macht po­li­ti­scher In­ter­es­sen zu ka­pi­tu­lie­ren, die er aus den Reden der an­de­ren her­aus­hör­te, zumal sie gros­so modo den sei­nen ent­spra­chen. Was Le­cke­busch an­ging, so folg­te er auf­merk­sam, neig­te das Haupt und schwieg. Ein His­to­ri­ker der Ge­dan­ken­blit­ze hätte auf sei­nem Ge­sicht das Wi­der­spiel einer ge­wal­ti­gen, in die stil­len Grün­de der Seele ein­ge­schlos­se­nen Schlacht be­gü­ti­gen­der Im­pul­se und un­ge­dul­dig den Kon­flikt an­schär­fen­der Ele­men­te wahr­neh­men kön­nen. Nicht so Hölz­chen – er be­merk­te nichts. Das war von Vor­teil, denn wann immer er auf sein Lieb­lings­the­ma zu spre­chen kam, schar­te sich aus dem Nichts her­aus ein Kreis aus jün­ge­ren Wis­sen­schaft­lern um ihn, dar­un­ter ei­ni­ge, die sonst wenig zur sprach­li­chen Ge­stal­tung der Aben­de bei­tru­gen, aber auch sol­che, deren Be­redt­heit sich am obe­ren Rand des Spek­trums be­weg­te oder es ganz und gar spreng­te.

Was an den Uni­ver­si­tä­ten ›Mit­tel­bau‹ heißt und vor­der­grün­dig die Per­so­nen­grup­pe der ab­hän­gig For­schen­den und Leh­ren­den um­fasst, die den be­ru­fe­nen Pro­fes­so­ren zu­ar­bei­tet, ent­hüll­te sich mir, der ich von Stel­len- und Amts­fi­nes­sen so gut wie nichts wuss­te, nach und nach als eine Geis­tes­hal­tung, ge­tra­gen von den un­ter­schied­lichs­ten Cha­rak­te­ren, aber mit un­ver­kenn­bar ei­ge­nem Ge­prä­ge. Ich muss­te nur auf den Punkt ach­ten, an dem der wort­rei­che An­sturm gegen die pro­fes­so­ra­len Bas­tio­nen über­gangs­los in exe­ku­ti­ve Brav­heit um­schlug. Es kam mir so vor, als woll­ten sie vor­weg­neh­men, was sie selbst in ihren künf­ti­gen Rol­len zu geben im­stan­de sein wür­den, aber im Modus der Folg­sam­keit, als gehe es darum, ge­beug­ten Haup­tes die Schwel­len zu über­schrei­ten, die zwi­schen ihrer ge­gen­wär­ti­gen, durch Er­war­tung ge­kenn­zeich­ne­ten, und ihrer kom­men­den, im Zei­chen der Er­fül­lung ste­hen­den Exis­tenz lagen. Kein Wun­der, dass Hölz­chens Thema der Kon­sens-Ab­trün­ni­gen sie ma­gisch anzog. Im­mer­hin ver­sprach es Auf­schluss über die ma­gi­schen Glei­se, auf denen man auf Sicht, aber un­sicht­bar ge­lenkt, in eine Zu­kunft fuhr, über der das ›C 4‹, die Ge­halts- und An­se­hens­klas­se derer blink­te, die es de­fi­ni­tiv ge­schafft hat­ten.

So konn­te ein Zu­hö­rer leicht den Ein­druck ge­win­nen, dass Hölz­chen über Be­triebs­ge­heim­nis­se sprach, wenn er, was durch­aus vor­kam, den eh­ren­wer­ten, in der Regel deut­lich äl­te­ren Kol­le­gen in der Ferne auf zwei­deu­ti­ge Weise in Schutz nahm, indem er ihn von An­wür­fen rei­nig­te, die zu­nächst ein­mal aus sei­nem, Hölz­chens, ei­ge­nen Munde kamen, und dabei über Mo­ti­ve sprach, deren Quell­punkt, wie bei einem His­to­ri­ker kaum an­ders zu er­war­ten, in Er­fah­run­gen lag, die dem Krieg und den Jah­ren da­nach an­ge­hör­ten. Wie viele sei­ner Kol­le­gen zähl­te Hölz­chen zu einer Al­ters­grup­pe, die noch durch die Na­bel­schnur der ers­ten Kind­heit mit jenen heik­len Jah­ren ver­bun­den war. Die­sen vagen Kom­pe­tenz­vor­sprung ge­gen­über den Jün­ge­ren kos­te­te er hem­mungs­los aus, so wie er ihn um­ge­kehrt, unter dem Vor­zei­chen eines un­schul­di­gen Wis­sens, ge­gen­über den Äl­te­ren in An­schlag brach­te. Ihm und sei­nes­glei­chen, und zwar ihnen al­lein, ge­hör­te die Ge­gen­wart, in­so­fern sie, dank ihrer be­que­men his­to­ri­schen Lage, mit Fug die Deu­tungs­ho­heit über sie be­an­spru­chen konn­ten. Das je­den­falls ent­nahm ich sei­nen Wor­ten, nach­dem sich meine an­fäng­li­che Ver­wir­rung etwas ge­legt hatte und ich na­he­zu si­cher war, dass vie­les von dem, was er vor­brach­te, ein­fach ›ge­grif­fen‹ ge­nannt wer­den konn­te.

Über diese Deu­tungs­ho­heit wurde, vor allem in Zei­tungs­ar­ti­keln, ge­le­gent­lich auch im Fern­se­hen, viel ge­strit­ten. Mir war un­be­hag­lich zu­mu­te, wenn ich der­glei­chen las oder hörte, weil es neben der gro­ßen, gü­ti­gen, wenn­gleich ein wenig un­heim­li­chen Ma­schi­ne der Ver­nunft, die ich in den blit­zen­den Hal­len der Wis­sen­schaft un­ent­wegt Er­kennt­nis­se und wirk­li­ches Wis­sen aus­wer­fen sah, das Vor­han­den­sein einer zwei­ten Ma­schi­ne be­haup­te­te – oder, für Skep­ti­ker, be­stä­tig­te –, die statt der Bil­der eines ge­las­se­nen Ne­ben- und Mit­ein­an­der der For­schen­den die Aus­sicht auf Ge­tüm­mel und Ge­schrei her­auf­be­schwor, auf Sieg und Nie­der­la­ge, auf tri­um­pha­les Be­haup­ten und schwei­gen­des oder zäh­ne­knir­schen­des Hin­neh­men sei­tens der Un­ter­le­ge­nen, die ich aus an­de­ren Le­bens­be­rei­chen zur Ge­nü­ge zu ken­nen glaub­te und hier nicht vor­zu­fin­den ge­hofft hatte. Dass der wis­sen­schaft­li­che Pro­zess Sie­ger und Ver­lie­rer kann­te, schien mir ei­ner­seits tri­vi­al, an­de­rer­seits nicht wei­ter be­un­ru­hi­gend, so­lan­ge der un­ter­le­ge­ne Teil im Spiel blieb und man ihm er­laub­te, er­neut auf Beu­te­fang zu gehen, gemäß dem See­fah­rer-Bild, das mir auf Ang­ram sol­chen Ein­druck ge­macht hatte. Eines waren jene hart­nä­cki­gen Strei­te­rei­en im Diens­te der Wahr­heit, die zu­ver­läs­sig ver­hin­der­ten, dass Wis­sen­schaft sich als etwas Schö­nes prä­sen­tier­te, ein an­de­res der Pran­ger, vor den hier bei be­stimm­ten Ge­le­gen­hei­ten immer wie­der die­sel­ben Leute ge­zerrt wur­den, nach­dem man ihnen Arme und Beine aus­ge­renkt hatte, so dass sie weder ste­hen noch gehen konn­ten. Hörte man ihnen auf­merk­sam zu, so merk­te man, dass sie, zwei­fel­los um sich zu recht­fer­ti­gen, ein­fach nur dum­mes Zeug von sich gaben, be­seelt von jener Furcht, die sie an­geb­lich denen ein­flöß­ten, die an ihnen das Hen­ker­amt ver­rich­te­ten.

Mech­tel, mit der ich mich bei­läu­fig dar­über un­ter­hielt – ich scheu­te mich, sie wie die an­de­ren ›Fräu­lein Por­ti­ön­chen‹ zu nen­nen, aus Be­sorg­nis, mir damit eine un­an­ge­neh­me und völ­lig un­stu­den­ti­sche Re­ak­ti­on ein­zu­fan­gen –, ver­stärk­te hör­bar den Iro­nie­an­teil ihrer Stim­me:

  • ―Also ich kann daran nichts Be­son­de­res er­ken­nen. Die Tron­ka-Trup­pe macht es doch kei­nen Deut an­ders. Wis­sen­schaft ist eine Män­ner­do­mä­ne, wuss­ten Sie das nicht?
  • ―Also wenn du mich fragst, ist das Mob­bing. Ganz nor­ma­les C 4-Mob­bing, misch­te Hans-Ha­jo sich ein. Das gibt es nicht nur bei Män­nern. Die Frau­en ma­chen es ir­gend­wie an­ders, aber auch ziem­lich gif­tig, wenn man mich fragt. In der Wis­sen­schaft sieht man das nicht so, weil sie da un­ter­re­prä­sen­tiert sind, aber komm’ mal einer an die Schu­le, sage ich euch, da herr­schen an­de­re Zu­stän­de.
  • ―Wel­che Zu­stän­de? frag­te Mech­tel scharf.

Ich wun­der­te mich im Stil­len, dass sie nach­hak­te, ich fand, dass er sich mit sei­ner Äu­ße­rung gut ge­schla­gen hatte. So kam, was kom­men muss­te: er be­gann zu stam­meln. Mech­tel wand­te sich ab. Of­fen­kun­dig wurm­te es sie, dass er in Hör­wei­te der Tron­ka-Trup­pe, aus der an­geb­lich jeder, mit Aus­nah­me Hie­ros, kei­nen drin­gen­de­ren Wunsch kann­te als den, ›an die Schu­le zu gehen‹ und den noch form­ba­ren Teil der Mensch­heit mit den lich­ten Höhen des Den­kens ver­traut zu ma­chen, so un­ge­niert von sei­nen vor Ort ge­sam­mel­ten Er­fah­run­gen sprach. Eben­so gut hätte er sich als Haus­meis­ter oder Müll­kut­scher zu er­ken­nen geben kön­nen. Die Dif­fe­renz schien ihr, so wie sie sich ge­bär­de­te, ziem­lich schnup­pe.

  • ―Ich stau­ne ja immer, rühr­te sich Eike, der die letz­ten Bro­cken auf­ge­schnappt hatte und den Zu­sam­men­hang wit­ter­te, dass seit ’45 die Män­ner alle ir­gend­wie schul­dig und die Frau­en alle ir­gend­wie un­schul­dig sind. Die gan­zen Na­zi-Wei­ber fal­len ein­fach unter den Tisch: sowas hats nicht ge­ge­ben, statt­des­sen Trüm­mer­frau­en, wohin man blickt.
  • ―Was soll denn das? Ich nehme an, das ist wie­der eine ty­pi­sche Män­ner­phan­ta­sie, dreh­te Mech­tel auf. So hät­tet ihr die Frau­en gerne.
  • ―Naja, um­zie­hen könn­ten sie sich schon, brumm­te Anton. Mech­tel, über­ra­schend gra­zi­ös, be­rühr­te mit ihrer Hand sei­nen Arm.
  • ―Röck­chen, was? Blü­schen, was? Ihr seid doch...

Und sie zog die Hand wie­der weg.

Die Kon­kur­ren­ten
6
Hiero: Figur 1
Blitz und Don­ner

Zum Eklat kam es, als für alle An­we­sen­den über­ra­schend – nur der Haus­herr lä­chel­te ab­grün­dig –, Kä­rich bei Le­cke­buschs auf­tauch­te und Hölz­chens Ti­ra­den schnei­dend un­ter­brach:

  • ―Das ist doch alles un­be­wie­se­nes Zeug. Geben Sie’s we­nigs­tens zu, wenn Sie einen aus Ihrer Zunft fer­tig­ma­chen wol­len.

Die­ser Ton war neu. Der Kreis um Hölz­chen und Kä­rich ver­grö­ßer­te sich im Nu.

  • ―Nun, lie­ber Freund, nu­del­te Hölz­chen, ›fer­tig­ma­chen‹ ist ein Wort, des­sen Ge­brauch ich hier nicht emp­feh­len würde. Aber um auf Ihre Dik­ti­on ein­zu­stei­gen: un­fer­tig ist un­se­re Rede von An­fang an. Es scheint je­doch Kol­le­gen zu geben, die...

Er sah sich um, als suche er den Bei­stand der an­de­ren.

  • ―… sagen wir ein­mal: fer­ti­ger zu sein schei­nen als an­de­re. Sie ver­ste­hen? Sie sind ge­wis­ser­ma­ßen mit dem Stoff durch, möch­te ich sagen, der, möch­te ich sagen...
  • ―... für alle rei­chen muss? Kä­rich grins­te.
  • ―Na­tür­lich muss er für alle rei­chen. Dafür sind wir His­to­ri­ker, das ist doch klar. Aber Sie haben mich un­ter­bro­chen. Was ich sagen woll­te...

Was immer Le­cke­busch, der nicht zu den ge­schmei­digs­ten Gast­ge­bern zähl­te und stets für den einen oder an­de­ren klei­nen Faux­pas gut war, be­wo­gen haben moch­te, den pi­noc­chio­haf­ten Noch- oder Ex-Mit­ar­bei­ter des Kol­le­gen ein­zu­la­den, des­sen Name an die­sem Ort nie­mals fiel, es wurde bei wei­tem über­trof­fen durch die Geste, durch die er die bei­den Streit­häh­ne wo­mög­lich ver­söhn­li­cher stim­men woll­te. Ziem­lich ab­rupt, mit einer schlen­kern­den Be­we­gung, die neue Un­ru­he schuf, brei­te­te er die Arme aus und legte sie auf Hölz­chens und Kä­richs re­spek­ti­ve Schul­tern, die sich unter die­ser Last kei­nes­wegs zu sen­ken, son­dern zu heben be­gan­nen, als woll­ten sie die un­ver­mu­tet auf­lie­gen­de Last so rasch wie mög­lich wie­der los­wer­den. Doch sie hat­ten, wie man so sagt, die Rech­nung ohne den Wirt ge­macht. Le­cke­busch ver­stärk­te den Druck wie ein Po­li­ti­ker, der sich vor­ge­nom­men hat, ein paar aus dem Ruder lau­fen­de Par­tei­freun­de zur Rai­son zu brin­gen, und dabei auch sub­ku­ta­ne Mit­tel in An­wen­dung bringt. Ich muss­te ihm darin Recht geben, schließ­lich ging es um The­men von hoher Bri­sanz und es moch­te sich rasch her­um­spre­chen, wenn in sei­nem Haus lose Reden ge­führt wur­den, die er weder ver­ant­wor­ten konn­te noch woll­te. Kä­rich, als lang­jäh­ri­ger Un­ter­ge­be­ner sen­si­bler, wenn­gleich stör­ri­scher ge­gen­über der­lei Pres­si­ons­ver­su­chen, gab als ers­ter klein bei und wech­sel­te das Thema, wenn­gleich nicht ganz.

  • ―Wir ken­nen das in der Phi­lo­so­phie ja auch...

Le­cke­buschs Arm fiel her­un­ter.

  • ―Wie mei­nen Sie das?

Kä­rich kos­te­te die wie­der­ge­won­ne­ne Frei­heit.

  • ―Nun ja, lang­sam soll­te sich ein­mal her­um­spre­chen, dass, sagen wir seit Spi­no­za, die Phi­lo­so­phie­ge­schich­te weit­ge­hend Bluff ist. Kol­le­ge Hölz­chen hier macht uns doch vor, wie das geht. Zu­ge­ge­ben, auch ich komme in mei­nen Se­mi­na­ren nicht ohne Buh­mann aus. Wie ma­chen Sie das ei­gent­lich? Ich meine, was hat einer von uns wirk­lich gegen Witt­gen­stein? Ich kann ihn nicht lesen, mir schläft der linke Arm ein, aber was heißt das schon? Ich schät­ze, Kol­le­ge Ein­hart – er scheint ge­ra­de nicht zu­zu­hö­ren – ver­steht in die­sem Fall kei­nen Spaß. Ich schon. Wenn Sie wol­len, lese ich auch über Hei­deg­ger, den gan­zen Hei­deg­ger, nicht nur den Blen­der, den alle ken­nen, ich kenne seine Hin­ter­ge­dan­ken, ich habe sie ausstu­diert, wenn Sie ver­ste­hen, was ich meine, aber – wol­len Sie Hei­deg­ger? Will einer hier Hei­deg­ger?
  • ―Ich, sagte Hölz­chen en­er­gisch, stell­te einen Fuß vor und wie­der­hol­te:
  • ―Ich.

In der Grup­pe ent­stand Be­we­gung, ei­ni­ge der Jün­ge­ren zogen sich zu­rück.

Zu mei­nem Er­stau­nen schob sich die Tron­ka-Trup­pe nach vorn.

  • ―Ja – das muss ich er­klä­ren, was?

Hölz­chens Blick schweif­te zum Rand der Zim­mer­de­cke, als gelte es, die rich­ti­ge Per­spek­ti­ve für das zu wäh­len, was nun kom­men muss­te, und sank dann zu Boden. Le­cke­buschs Arm lag noch immer auf sei­ner Schul­ter.

  • ―Der junge Kol­le­ge hier hat ja recht, na­tür­lich brau­chen wir einen Buh­mann, ich brau­che einen Buh­mann, warum soll­te es an­ders sein? Hei­deg­ger ist für mich kein Buh­mann. Ich kann Sie ver­ste­hen, wenn Sie das an­ders sehen, aber ich kann mich dem nicht an­schlie­ßen. Ein Ver­sa­ger, ja, nen­nen wir ihn einen Ver­sa­ger, warum nicht, einen po­li­ti­schen Ver­sa­ger, da sind wir uns ver­mut­lich sogar alle einig. Wer sagt uns ei­gent­lich, dass wir keine Ver­sa­ger sind?
    Wir, die wir hier ste­hen, sind viel­leicht die nächs­ten Ver­sa­ger. Viel­leicht ste­hen die, die uns ver­höh­nen wer­den, schon vor der Tür. Das ist mög­lich, ich sage nicht, es ist wahr­schein­lich, aber es ist mög­lich und ... las­sen Sie mich aus­re­den. Aber: ein phi­lo­so­phi­scher Ver­sa­ger ist er nicht. Ich sage Ihnen das, weil Sie Phi­lo­so­phen sind und ich, streng ge­nom­men, von der Phi­lo­so­phie nichts ver­ste­he. Sie müs­sen streng sein und ich kann ge­recht sein. Kom­men Sie mir nicht mit der Idee der Ge­rech­tig­keit und den Schwie­rig­kei­ten, die so ein Kon­zept auf­wirft. Ich bin auch nicht ge­recht, ich bin nur red­lich, weil mein In­ter­es­se sich auf die Lek­tü­re be­schränkt. Ja, ich lese Ihre Bü­cher und die Ihrer Vor­gän­ger, das woll­te ich damit ge­sagt haben. Ich woll­te damit keine Be­tre­ten­heit aus­lö­sen, tut mir leid, falls ich das ge­schafft habe.

  • ―Aber das ist ja wun­der­bar, flö­te­te Le­cke­busch, der sei­nen Arm jetzt zu­rück­zog. Po­ly­phem re­kla­miert sein zwei­tes Auge. Das muss ich so­fort mei­ner Frau – Eli­sa­beth!

Wo war Eli­sa­beth? Ver­schwun­den, dif­fun­diert, laut­los in die hin­te­ren Räume ent­rückt oder la­chend und – viel­leicht auf Tron­kas zu­rück­lie­gen­den Rat hin – mit wem auch immer Händ­chen hal­tend in einem ab­ge­dun­kel­ten Ki­no­saal gegen alle phi­lo­so­phi­schen Zwei­fel ab­ge­schot­tet. Wo immer sie sich auf­hal­ten moch­te, Hölz­chens und Kä­richs Buh­män­ner waren ihr si­cher­lich schnup­pe, so­lan­ge über den ei­ge­nen kein Zwei­fel be­stand. Kein Zwei­fel? Ich spür­te, wie ein äl­te­res Un­be­ha­gen in mir auf­stieg.

Mag sein, dass Hiero in die­sem Au­gen­blick seine Chan­ce er­späh­te, mag sein, dass es ihm nur her­aus­rutsch­te, je­den­falls ge­lang es ihm, die schon ge­lös­te Stim­mung au­gen­blick­lich um­schla­gen zu las­sen, so­fern an­ge­sichts einer flüch­ti­gen Zu­sam­men­bal­lung von Per­so­nen wie die­ser über­haupt von Stim­mung die Rede sein kann.

  • ―Ihre Frau ist mit Herrn Tron­ka spa­zie­ren ge­gan­gen. Ja, ich weiß das zu­fäl­lig, weil ich den bei­den auf dem Her­weg be­geg­net bin. Aber ich möch­te doch noch etwas zu Herrn Kä­richs Aus­füh­run­gen sagen. Ich sehe in die­ser Dis­kus­si­on kei­nen Buh­mann. Ich be­zie­he mich jetzt nicht auf Hei­deg­ger, das mag ein an­de­rer Fall sein, ob­wohl ich meine, dass ein Rek­tor der Mar­bur­ger Uni in SA-Uni­form schon ein Fakt dar­stellt, auch in der Phi­lo­so­phie – aber sei’s drum, wir sind hier nicht unter Klos­ter­brü­dern. Aber wenn ein His­to­ri­ker, ein deut­scher His­to­ri­ker heute öf­fent­lich, wäh­rend Deut­sche schon wie­der Ha­ken­kreu­ze auf jü­di­sche Grab­stei­ne pin­seln, unter den Augen der Welt... ich meine, man kann das doch nach­le­sen –
  • ―Wis­sen Sie, was Sie da sagen? frag­te Le­cke­busch mit ge­run­zel­ter Stirn. Er sprach nicht laut, aber mit einer Stim­me, die gleich­zei­tig kon­ster­niert und be­droh­lich wirk­te, als er­in­ne­re ein gro­ßer grau­er Kater eine vor ihm ste­hen­de Maus an die Fol­gen ihrer plötz­li­chen Un­er­schro­cken­heit.
  • ―Ich glau­be schon.
  • ―Nein, das glau­ben Sie nicht. Sie kön­nen es nicht glau­ben, weil Sie nicht wis­sen, was Sie da sagen. Sie kön­nen es nicht wis­sen, nein, Sie kön­nen es nicht wis­sen... Sehen Sie – der un­be­stimmt eine Ecke des Rau­mes fi­xie­ren­de Vor­le­sungs­blick er­wach­te –, es ge­hört zu den Ge­pflo­gen­hei­ten to­ta­li­tä­rer Ge­sin­nungs­trä­ger, jeden, der ihnen nicht passt, in eine Ecke zu stel­len, ihm immer wie­der das­sel­be Eti­kett auf­zu­kle­ben und ihn zu­sam­men mit Men­schen zu nen­nen, mit denen man be­reits fer­tig ge­wor­den ist oder die man sich eben­falls vor­zu­neh­men ge­denkt. Diese Pra­xis ist il­li­be­ral, sie zer­stört, wenn man sie lang genug prak­ti­ziert, jede frei­heit­li­che Ver­fas­sung. Wis­sen Sie, der His­to­ri­ker, über den Sie so ab­fäl­lig reden, ist ein Mann von Ehre, er stammt aus einer un­ta­de­li­gen Fa­mi­lie, er ist ein li­be­ra­ler Den­ker, üb­ri­gens einer der un­er­schro­ckens­ten, die wir haben, Kol­le­ge Stöck­chen wird Ihnen das gern be­stä­ti­gen. Wie kommt man dazu, ihn in einem Atem­zug mit Mör­dern und Ras­se­f­a­na­ti­kern zu nen­nen? Das ist infam, so wie diese Dis­kus­si­on überhaupt – ent­schul­di­gen Sie, Kol­le­ge Stöck­chen – nur als Teil einer in­fa­men Pra­xis be­grif­fen wer­den kann. Diese Pra­xis hat die Wei­ma­rer Ge­sell­schaft und am Ende den Wei­ma­rer Staat zer­stört und sie dau­ert – in Tei­len un­se­rer Öf­fent­lich­keit – an.

Er hatte wirk­lich ›Stöck­chen‹ ge­sagt, aber der ent­schie­de­ne Ernst sei­ner Stim­me bän­dig­te die Spöt­ter und lenk­te ihre Auf­merk­sam­keit auf an­de­res. Man spür­te, dass der ent­fern­te, von ihm so nach­drück­lich ge­ret­te­te His­to­ri­ker nicht zu sei­nen per­sön­li­chen Be­kann­ten zähl­te und dass er ihm im Grun­de sei­nes Her­zens gleich­gül­tig war. Man merk­te aber auch, dass seine Rede einen per­sön­li­chen Ein­schlag besaß und dass er von Din­gen sprach, die ihm ganz und gar nicht gleich­gül­tig waren, dass sie in eine Re­gi­on reich­ten, über die man ge­mein­hin nur in­di­rekt Aus­kunft er­hält, es sei denn, man ist mit der be­tref­fen­den Per­son sehr gut be­freun­det oder man ›weiß‹ über sie ›Be­scheid‹, woher und aus wel­chen Grün­den auch immer. Der zwei­mal an­ge­spro­che­ne Hölz­chen räus­per­te sich kurz und merk­te dann ›als His­to­ri­ker‹ an, er stim­me, was den ›un­ta­de­li­gen Ruf‹ des ent­fern­ten Kol­le­gen, seine groß­bür­ger­lich-li­be­ra­le Her­kunft und seine den­ke­ri­schen Fä­hig­kei­ten an­ge­he, völ­lig mit Le­cke­busch über­ein, aber:

  • ―Wis­sen Sie, für uns liegt da ein Pro­blem. Wir wis­sen nicht so genau, ob er über­haupt ein His­to­ri­ker ist oder nicht doch viel­leicht eher ein Phi­lo­soph. His­to­ri­ker den­ken an­ders, sie wol­len für alles Be­le­ge, sie wol­len nicht, dass ihnen einer die Welt er­klärt, son­dern die­ses Stück Pa­pier, diese eine Ent­schei­dung: Warum fällt sie jetzt, am sie­ben­und­zwan­zigs­ten ach­ten, warum nicht am Tag davor oder da­nach, wel­che Fak­to­ren spie­len mit, was genau sind die Hin­ter­grün­de, das geht bis hin­ein ins Pri­va­te. Das Pri­va­te ist über­haupt ein un­ge­heu­res Re­ser­voir, wir ste­hen noch davor, es uns ganz zu er­schlie­ßen, dafür brau­chen wir Hilfe, viel­leicht von der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft, wir wis­sen es nicht. Wir wis­sen es noch nicht. Die­ser Mann ist einer der Ihren, wir über­las­sen ihn Ihnen, sagen Sie uns, wie wir ihn lesen kön­nen, ohne dass all diese Fra­gen ent­ste­hen, die man stel­len kön­nen muss. Das ist auch li­be­ral, nicht nur das Gel­ten­las­sen.

  • ―... nicht nur das Gel­ten­las­sen. Le­cke­buschs Stim­me klang zer­streut, es hat­ten auch nicht alle ver­stan­den, der Kreis zog sich enger zu­sam­men.

  • ―Sie sagen da etwas Be­den­kens­wer­tes. Man muss gel­ten las­sen und man darf es nicht. Man kann es gar nicht und das ist die Wahr­heit. Wir alle sind im In­ners­ten il­li­be­ral und das ist die Wahr­heit. Es gibt einen Teil in uns, der kämp­fen möch­te, so­bald er das Haus ver­lässt, man­che fan­gen auch be­reits im Haus damit an und da be­ginnt das Un­glück. Diese gan­zen Kampf­pa­ro­len sind Aus­druck un­se­rer in­ne­ren Schä­big­keit. Vor jedem In­halt. Vor jedem In­halt. Ja, das ist wahr.

Fast schien es, als wolle er sich auf Hölz­chens Schul­ter stüt­zen, aber er be­sann sich recht­zei­tig und lach­te etwas ge­küns­telt.

  • ―Sie sind mir einer. Sie wol­len uns er­zäh­len, dass Sie je­man­den, der Sie als ers­ter mit stich­hal­ti­gen De­fi­ni­tio­nen und einer über­zeu­gen­den Ge­samt­dar­stel­lung der fa­schis­ti­schen Be­we­gun­gen ver­sorgt hat, nicht unter die His­to­ri­ker zäh­len wol­len? Aber das ist Amne­sie, Herr Kol­le­ge. Unter His­to­ri­kern! Also ich muss schon sagen...

Zu­fäl­lig stand ich neben Ross­ham­mer, der vor Auf­re­gung von einem Bein aufs an­de­re stieg und mur­mel­te:

  • ―Ach ist das ko­misch, ach ist das ko­misch.

Bei dem Wort ›Amne­sie‹ be­gann es in Kä­rich zu ru­mo­ren, die ers­ten Worte, die sei­nem Mund ent­schlüpf­ten, klan­gen, als kämen sie di­rekt aus den Ein­ge­wei­den, erst nach und nach ver­fes­tig­te sich seine Stim­me.

  • ―... wis­sen? Nichts daran ist ge­wiss, Herr Stöck­chen, und Sie wis­sen das, sonst wären Sie kein His­to­ri­ker. Sie sind doch His­to­ri­ker? Sie haben Fak­ten, soso. Wo haben Sie sie denn? Am Hals? Wie haben Sie sie denn? In der Weise des Hun­ger-Ha­bens? Oder des Satt-Ha­bens? Haben Sie sie satt oder haben Sie sie über? Wenn Sie sie satt haben, wo bleibt dann die Sin­gu­la­ri­tät? Wenn Sie sie über haben, wo bleibt dann die Plu­ra­li­tät? Ist Ihre Ge­schich­te ein Er­eig­nis oder sind es viele? Ist sie im Gan­zen sin­gu­lär oder in Tei­len? Im Gan­zen? Gut. Das ist sehr gut. Im Gan­zen sin­gu­lär. Nur: Ar­gu­men­tie­ren kön­nen Sie dafür eben­so wenig wie für das an­de­re. Sagen Sie mir doch: Gibt es Ko­or­di­na­ten au­ßer­halb eines Ko­or­di­na­ten­sys­tems?
  • ―Na­tür­lich nicht.
  • ―Warum be­haup­ten Sie es dann?
  • ―Be­haup­te ich das?
  • ―Wie kann ich wis­sen, was Sie be­haup­ten? Viel­leicht be­haup­ten Sie gar nichts. Viel­leicht be­we­gen Sie sich nur. Mein Rat wäre: Hören Sie ein­fach auf, Äpfel und Bir­nen zu ver­glei­chen. Oder fan­gen Sie damit an. Fan­gen Sie damit an. Viel­leicht be­kom­men Sie etwas her­aus? Ver­glei­chen Sie end­lich die La­ger­sys­te­me, eines um das an­de­re. Ver­glei­chen Sie die Ter­ror­sys­te­me, eines um das an­de­re. Ver­glei­chen Sie die Mord­sys­te­me, eines um das an­de­re. Fan­gen Sie end­lich an! Sie sind die His­to­ri­ker. Warum ver­wei­gern Sie Ihre Pflicht? Haben Sie kein In­ter­es­se? Woher dann die fer­ti­ge Er­kennt­nis?

Man muss­te das Netz der An­spie­lun­gen nicht durch­schau­en, um zu be­mer­ken, dass Kä­richs par­odis­ti­sche Heb­am­men­kunst etwas auf den Punkt ge­bracht hatte, was sonst nur un­ter­schwel­lig durch die Reden der an­de­ren geis­ter­te – üb­ri­gens auch Hölz­chens, der den ver­fem­ten Kol­le­gen vor­der­grün­dig in Schutz nahm, aber ihn nur desto ge­wis­ser ein­tunk­te – mit einem Nach­satz, einem Epi­t­he­ton oder, auch das kam vor, mit einem ma­li­ziö­sen Lä­cheln. Das konn­te einen auf den Ge­dan­ken brin­gen, dass es seine ei­ge­nen Hin­ter­ge­dan­ken waren, die er auf den an­de­ren ver­schob, um sie dort dem un­sicht­ba­ren Kol­lek­tiv preis­zu­ge­ben, das mit ge­schmei­di­ger Prä­zi­si­on dafür sorg­te, dass be­stimm­te Sätze nicht aus­ge­spro­chen oder auf der Stel­le mit Sank­tio­nen be­ant­wor­tet wur­den. Die Schweiß­trop­fen, die auf sei­ner Stirn sicht­bar wur­den, ver­dank­ten sich viel­leicht we­ni­ger dem Ein­spruch, der sich be­reits den Weg zu den Lip­pen bahn­te, als dem Schre­cken, er­tappt und bloß­ge­stellt zu sein.

Ver­mut­lich muss­te einem His­to­ri­ker, der ge­wohnt war, in sei­nem Pro­se­mi­nar Sin­gu­la­ri­tät und Kon­textua­li­tät als die Kenn­zei­chen his­to­ri­scher Er­eig­nis­se ›als sol­cher‹ her­aus­zu­stel­len, es wie ein Hohn auf die ei­ge­ne Zunft er­schei­nen, einen, der im be­son­de­ren, zu­ge­ge­ben schwie­ri­gen Fall nichts an­de­res be­haup­te­te, ans Kreuz der öf­fent­li­chen Ver­ach­tung ge­na­gelt zu sehen. Wor­aus sie ihre Kraft bezog, war schwer zu er­grün­den. Es war, als hät­ten die Wis­sen­schaft­ler, die sich da vor den Augen von Jour­na­lis­ten, Bank­an­ge­stell­ten und Zei­tungs­ver­käu­fern öf­fent­lich be­hark­ten, sich ver­schwo­ren, ge­ra­de die­sen As­pekt un­er­ör­tert zu las­sen. Han­del­te es sich um ein na­tio­na­les Ri­tu­al, das dar­auf ziel­te, eine ver­hee­ren­de Ver­gan­gen­heit von sich ab­zu­spal­ten, ein­zu­kap­seln und als schwach, aber dau­er­haft leuch­ten­den Tra­ban­ten in den erd­na­hen Raum zu ent­sor­gen? Je sin­gu­lä­rer die Er­eig­nis­se, deren Schat­ten die Ge­gen­wart durch­web­ten, desto leich­ter fiel es, die kol­lek­ti­ve Ge­men­ge­la­ge aus Scham, Ent­set­zen, Wut und Selbst­ab­kehr durch Stig­ma­ti­sie­rung Ein­zel­ner in ein­fa­che, klare und wohl­tu­en­de Em­pö­rung zu über­füh­ren. Alles, was das all­ge­mei­ne Fas­sungs­ver­mö­gen über­steigt, nährt das un­fass­bar An­de­re und damit das An­de­re schlecht­hin, es ent­schlüpft gleich­sam jedem neuen Ver­such, es zu fas­sen, und bleibt be­droh­lich.

  • ―Infam, zisch­te Hiero, das ist infam!

Alle Bli­cke ruh­ten auf ihm. Er trat, wie vor­hin Hölz­chen, einen Schritt vor und kratz­te sich am Kinn. Seine Aug­äp­fel leuch­te­ten in einem ei­ge­nen Feuer. Er wirk­te nicht ag­gres­siv, nicht ein­mal ent­schie­den, son­dern – ich kann es nicht an­ders sagen – be­se­ligt und un­über­seh­bar ner­vös. Darin glich er Kä­rich, der sei­ner Hal­tung etwas Ver­ächt­li­ches zu geben be­müht war, so wie je­mand nach einem Wort sucht, das der Ge­sprächs­part­ner längst er­ra­ten hat.

Von kei­nem der Kon­tra­hen­ten wahr­ge­nom­men, tauch­ten Eli­sa­beth und Tron­ka im Tür­rah­men auf.

Tron­ka konn­te es nicht las­sen, mit einer voll­kom­men sinn­lo­sen Arm­be­we­gung der Dame die be­reits weit of­fe­ne Tür auf­zu­hal­ten, so dass der Ein­druck ent­ste­hen konn­te, die bei­den woll­ten die Schwel­le zur sel­ben Zeit pas­sie­ren. Eli­sa­beth gab sich amü­siert und ge­lang­weilt wie immer, sie schien ihren Be­glei­ter gar nicht zu be­mer­ken. Umso in­ten­si­ver hef­te­te sie den Blick auf die kräf­ti­ge Ge­stalt Hie­ros, der of­fen­sicht­lich im Be­griff stand, die Dumm­heit sei­nes Le­bens zu be­ge­hen.

Gut mög­lich, dass er es sogar wuss­te. Je­den­falls ver­stand ich so den an­ge­rau­ten Ton sei­ner Stim­me und einen Zug an sei­ner Er­schei­nung, der im vor­aus um Ver­zei­hung bat. Man fin­det ihn manch­mal bei Ärz­ten, die einem nicht weh tun wol­len, ob­wohl es sich nicht ver­mei­den lässt. ›Es hilft doch nichts‹, sagte die­ser Zug, ›wir beide müs­sen da jetzt durch.‹

In die­sem Fall hätte er ihn sich spa­ren kön­nen. Ich will nicht sagen, dass Kä­rich bei dem Wort ›infam‹ er­starrt wäre. Das traf eher auf die an­de­ren zu, denen, wie man so sagt, der Mund offen ge­blie­ben war. Kä­rich stell­te sich starr, in einer Geste so­zia­len Hoch­muts, als er­klim­me er ein rasch her­bei­ge­schaff­tes Po­dest, das ihm ge­stat­te­te, das den So­ckel um­strei­chen­de Un­ge­heu­er ein­fach zu igno­rie­ren. Aber so, wie er da stand, gleich­sam als die­ses Igno­rie­ren selbst, ver­schmolz seine Ge­stalt mit der in die Nicht­be­ach­tung ver­sto­ße­nen Bes­tie zur Figur einer asym­me­tri­schen Feind­schaft.

Da­ge­gen hatte Hie­ros Ver­hal­ten – man moch­te es, je nach Blick­win­kel, viel­leicht als ›mutig‹, ›tö­richt‹ oder ›be­stür­zend‹ be­zeich­nen – nichts Feind­se­li­ges an sich. Im Ge­gen­teil, es baute auf eine ver­track­te Weise auf Zu­stim­mung, üb­ri­gens auch von Kä­richs Seite, so als un­ter­brei­te ein an­ti­ker Feld­herr nach einer de­pri­mie­ren­den Serie er­geb­nis­lo­ser Schlach­ten ein Frie­dens­an­ge­bot, das son­der­ba­rer­wei­se nur Be­schimp­fun­gen ent­hält.

Ich hatte nicht ge­wusst, dass Hiero sich mit Kä­rich im Krieg be­fand. Wenn meine In­for­ma­ti­on zu­traf, hatte letz­te­rer ihn be­reits im klei­nen Kreis als künf­ti­gen As­sis­ten­ten ins Auge ge­fasst. Und doch ... und doch ver­stand ich ihn, ver­stand, wel­che Art von Zu­stim­mung er mit dem denk­bar un­ge­eig­nets­ten Mit­tel her­aus­for­der­te. Zu­min­dest glaub­te ich ihn zu ver­ste­hen, ohne al­ler­dings mein Ver­ständ­nis in einen kla­ren Ge­dan­ken oder die ent­spre­chen­den Worte fas­sen zu kön­nen.

Heute, nach einer Reihe da­mals nicht ab­zu­se­hen­der Er­fah­run­gen, denke ich, er könn­te da­mals zwang­haft eine Art Ab­spal­tung be­trie­ben haben. Hiero sah sich als Sohn eines Exi­lan­ten, der wäh­rend sei­ner Kind­heit in weit­ge­hen­dem Ein­klang mit sei­ner Um­ge­bung ge­lebt hatte und nach dem Krieg in sie zu­rück­ge­kehrt war. Für ihn ver­kör­per­te der Pro­mi­nen­ten­sohn, ohne dass er oder sein Vater etwas dafür konn­ten, eine un­gu­te Kon­ti­nui­tät: zu­sam­men re­prä­sen­tier­ten sie das eine Land. Er selbst stand ›auf der an­de­ren Seite‹. Nein, er emp­fand kei­nen Hass auf die Na­ti­on, wie er mir meh­re­re Mo­na­te lang auf mei­nen Fahr­ten von einer klei­nen Au­to­bahn­brü­cke ent­ge­gen­starr­te. Ein Un­be­kann­ter hatte dort neben das schwar­ze Zei­chen der An­ar­chie die Worte ›Deutsch­land ver­re­cke‹ ge­pin­selt – tag­täg­lich wort­los wahr­ge­nom­men von ei­ni­gen Tau­send Au­to­fah­rern, die ihrer Ar­beit nach­gin­gen oder sich ein paar Tage frei ge­nom­men hat­ten und, aus dem Süden heim­keh­rend, die­sen Mo­ment als eine Art ri­tu­ell er­neu­er­ter Zwangs­ein­wei­sung in die geis­ti­gen Ver­hält­nis­se ihres Lan­des emp­fin­den moch­ten. Auch er be­stand dar­auf, die Na­ti­on zu re­prä­sen­tie­ren – an­ders, wie denn sonst. Man durf­te daher, vor­aus­ge­setzt, man konn­te und woll­te es, Hie­ros gif­ti­ge Wort­mel­dung als eine pa­ra­do­xe cap­ta­tio be­ne­vo­len­tiae be­trach­ten – we­ni­ger für sich, der ihrer nicht be­durf­te, als für die Ge­mein­de der Ge­rech­ten, von der sich ei­ni­ge Glie­der unter den An­we­sen­den auf­hal­ten konn­ten. Selbst Kä­rich war ja kein hoff­nungs­lo­ser Fall, er war zu­al­ler­erst Sohn, so wie Hiero selbst, einer, der mit sei­nem Erbe zu­recht­kom­men muss­te und, Phi­lo­soph, der er eben­falls war, der Auf­ga­be mutig ins Auge blick­te.

Viel­leicht hätte sich die Grup­pe in die­sem Mo­ment zer­streut, hätte nicht Ruff­mann, der ge­wöhn­lich zu sol­chen Dis­kus­sio­nen schwieg und sich lie­ber bei den Damen auf­hielt, so­fern er nicht unter den jün­ge­ren männ­li­chen Se­mes­tern auf Pro­se­ly­ten­fang ging, un­ver­mu­tet das Wort er­grif­fen. Seit Ein­harts spöt­teln­der Er­klä­rung hatte sich die an­geb­li­che Schwän­ge­rung der As­sis­ten­tin als ge­ziel­te Bos­heit der Se­kre­tä­rin her­aus­ge­stellt, so dass alle, die die Nach­richt mit Fleiß ver­brei­ten ge­hol­fen hat­ten, ihm neu­er­dings aus dem Be­wusst­sein her­aus, in sei­ner Schuld zu ste­hen, mit einer Be­reit­wil­lig­keit zu­hör­ten, die ihn si­cher ge­rührt hätte, hätte er sie nicht, ge­trie­ben von einer ge­wis­sen In­stinkt­lo­sig­keit, sei­nem wach­sen­den phi­lo­so­phi­schen Ruhm gut­ge­schrie­ben, von dem in die­sem Raum nie­mand wuss­te.

  • ―Infam sagen Sie? Das ver­wun­dert mich ein biss­chen, aber es in­ter­es­siert mich na­tür­lich auch. Das ist ja eines die­ser Wör­ter aus der Frem­de, denen die Spra­che Gast­recht ge­währt und von denen man gar nicht recht weiß, was sie dann noch be­deu­ten. Was genau mei­nen Sie, wenn Sie den Aus­druck ge­brau­chen? Er be­deu­tet ja zu­nächst ein­mal ›ruch-‹ oder ›ehr­los‹, aber in einer mas­sen­de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft sind diese Wör­ter selbst nicht mehr fix im Ge­brauch ver­an­kert, son­dern frei flot­tie­rend – wenn einer sie über­haupt be­nützt, wovon man nicht aus­ge­hen kann. Eine In­fa­mie al­ler­dings... Was ist eine In­fa­mie? Ich frage Sie. Sie haben viel­leicht nicht dar­über nach­ge­dacht, das mag sein, ich auch nicht, muss ich ge­ste­hen, aber das macht ja nichts. Das macht ja ... nichts...

Was ihm die Ent­geis­te­rung ins Ge­sicht trieb, war die – um­wer­fen­de – Rück­an­sicht Eli­sa­beths, die der Tür zu­streb­te, eng an Tron­ka ge­lehnt, der sich die­ser un­ver­mu­te­ten Bürde mit der Ge­bär­den­spra­che eines takt­stock­schwin­gen­den Di­ri­gen­ten zu be­meis­tern ver­such­te. Ruff­mann wirk­te un­gläu­big, ja ent­setzt, wobei nicht zu ent­schei­den war, wer von den bei­den den Af­fekt in ihm aus­lös­te.

  • ―Es ist infam, wie­der­hol­te Hiero leise, als sei er au­gen­blick­lich mehr mit sich selbst be­schäf­tigt und könne dem sich an­bah­nen­den Ver­hör kei­nen Ge­schmack ab­ge­win­nen. Auch er starr­te den bei­den nach und die­ses Star­ren hatte ei­ner­seits etwas Sprach­lo­ses, an­de­rer­seits re­de­te aus ihm eine wis­sen­de Er­bit­te­rung, auf die ich mir kei­nen Reim ma­chen konn­te. Tron­kas noch immer aus­ste­hen­de, wenn­gleich an­ge­lau­fe­ne Ha­bi­li­ta­ti­on hing daran, dass Le­cke­busch sich aktiv für sei­nen As­sis­ten­ten ein­setz­te. Al­lein diese ein­fa­che Über­le­gung schien mir nicht ganz zu dem An­blick zu pas­sen, den Hiero und sein Idol au­gen­blick­lich boten.

  • ―Er­klä­ren Sie es, wie­der­hol­te Ruff­mann sanft. Sein in säu­er­lich ge­press­te Mund­win­kel aus­lau­fen­des Sy­ba­ri­ten­haupt schwank­te leise. ›Myr­mi­do­nen­helm‹, durch­fuhr es mich. Doch blieb keine Zeit, dem Ge­dan­ken nach­zu­hän­gen.

Hiero kam in Fahrt.

  • ―Das kann ich gerne tun. Es ist infam, die Opfer nach­träg­lich zu Tä­tern zu ma­chen.
  • ―So mei­nen Sie das. Und Sie den­ken, das sei hier ge­sche­hen? Das wäre in der Tat infam. Aber ist nicht jedes Opfer auch Täter? Ist es des­halb we­ni­ger Opfer? Wenn dem so ist, frage ich Sie: wie den­ken Sie sich das? Sie mei­nen, ein Opfer muss rein sein wie... wie...
  • ―... wie die Rasse? Das woll­ten Sie doch sagen, oder? Woll­ten Sie das sagen? Nein, das meine ich nicht. Das ist ja un­ge­heu­er­lich.
  • ―Sie mei­nen, die Ehre ge­bie­tet...
  • ―Die Ehre ge­bie­tet gar nichts. Die Ehre ist mir voll­kom­men schnup­pe. Zum Teu­fel mit der Ehre.

Hiero hatte eine Ver­fas­sung er­reicht, in der er nicht län­ger zwi­schen Freund und Feind, zwi­schen eh­ren­vol­ler Re­plik und ver­hee­ren­der In­vek­ti­ve zu un­ter­schei­den ge­willt war. Es ge­nüg­te, dass Kä­rich, ver­mut­lich, um der Sache ein Ende zu ma­chen, ihn kalt von oben bis unten mus­ter­te und sich an­schick­te, den Kreis zu ver­las­sen, um ihn laut wer­den zu las­sen.

  • ―Ich weiß, was Sie alle hier den­ken. Sie wol­len ganz nor­ma­le Men­schen sein, mit ganz nor­ma­len Ge­dan­ken und einer ganz nor­ma­len Ver­gan­gen­heit. Das wird Ihnen nicht ge­lin­gen.
  • ―Sind Sie kein nor­ma­ler Mensch?
  • ―Ich? Na­tür­lich bin ich ein nor­ma­ler Mensch. Warum soll­te ich kein nor­ma­ler Mensch sein?

Kä­rich ging. Er ging durch die­sel­be Tür, die einen Mo­ment vor­her von Eli­sa­beth und Tron­ka frei­ge­ge­ben wor­den war, mit elas­ti­schen Schrit­ten, die Aus­sicht auf einen Kahl­kopf Bli­cken frei­ge­bend, die ihm nach­denk­lich folg­ten, denn Hiero war bei­lei­be kein Un­be­kann­ter und das un­aus­ge­spro­che­ne An­ge­bot einer Stel­le, die den Weg zur aka­de­mi­schen Lauf­bahn öff­ne­te, stand auf dif­fu­se Weise im Raum und ver­lieh dem au­gen­blick­li­chen Schwei­gen seine emp­find­sa­me Note.

Die Kon­kur­ren­ten
7
Hiero: Figur 1
Dis­tanz­lo­se Ferne

Das war, man muss es so sagen, eine Über­schrei­tung, nicht ge­rin­ger als das, was Tron­ka und Eli­sa­beth mit ihrem Kurz­auf­tritt den An­we­sen­den ge­bo­ten hat­ten. Le­cke­buschs Rolle als Gast­ge­ber hatte eine Ein­bu­ße er­lit­ten, doch dafür war er, merk­wür­dig genug, ›einer von uns‹ ge­wor­den, mit allen Vor- und Nach­tei­len die­ser Po­si­ti­on. Er war, je­den­falls hier und jetzt, nicht län­ger ›der Le­cke­busch‹, als den ihn Tron­ka einst ti­tu­liert hatte und wie ihn die Stu­den­ten sahen, son­dern ein Ge­zeich­ne­ter des Eros, der mit der Si­tua­ti­on zu­recht­kom­men muss­te und sich die­ser Auf­ga­be vor­nehm­lich als Zu­hö­rer an­nahm. Seine na­tur­ge­ge­be­ne, ge­wöhn­lich durch den Zwang zur Lehre in den Hin­ter­grund ge­dräng­te Auf­merk­sam­keit schuf eine neue At­mo­sphä­re. Auch legte er einen un­ge­wöhn­li­chen Ap­pe­tit an den Tag, wo­durch er am Büf­fet An­lass zu al­ler­lei kol­le­gia­len Scher­zen gab. Dabei blieb mir ›durch­aus un­klar‹, was Eli­sa­beth mit ihrer Dar­bie­tung be­zweckt haben moch­te. Dass sie die Fäden zog und Tron­ka dabei ein­mal mehr als As­sis­tent ge­fragt war, be­durf­te kei­ner wei­te­ren Be­grün­dung. Dass er es tat, dass er es stell­ver­tre­tend tat, wie seine ku­ri­os be­müh­te Ges­tik ver­ra­ten hatte, über­rasch­te mich, wenn­gleich nicht sehr. Die un­ter­schwel­li­ge Ver­bin­dung zwi­schen dem Schick­sal, nicht in Be­tracht zu kom­men, und sei­nen groß­spu­ri­gen Reden moch­te ihn be­wo­gen haben, an einer Stel­le zu­zu­grei­fen, wo es, davon war ich über­zeugt, nichts zu grei­fen gab. Vor allem nicht für ihn, den Eli­sa­beth, wie ich ver­mu­te­te und heute weiß, in an­de­ren Ori­en­tie­run­gen be­fan­gen glaub­te. Seine über­trie­be­ne Hoch­ach­tung vor ›der Frau‹ mach­te es ihr si­cher leicht, ihn in ihr Spiel ein­zu­span­nen, vor­aus­ge­setzt, er durf­te sich in der Pose des Rat­ge­bers son­nen, was sie ihm zwei­fel­los ge­stat­te­te.

Alles schien mög­lich. Viel­leicht war es zwi­schen ihr und Ren­nertz zu einer neuen Ver­ein­ba­rung ge­kom­men. Viel­leicht hatte sie auch sei­nen An­trag zu­rück­ge­wie­sen und muss­te nun an Le­cke­busch ihr Müt­chen küh­len. Na­tür­lich wuss­te sie von den Span­nun­gen, die mit Tron­kas ver­zö­ger­ter Ha­bi­li­ta­ti­on zu­sam­men­hin­gen. In die­sem Vor­gang lagen die Ner­ven aller Be­tei­lig­ten blank – na­tur­ge­mäß vor allem die­je­ni­gen Tron­kas, der über­zeugt war, mit sei­ner noch un­pu­bli­zier­ten Schrift be­reits in den Rei­hen der Klas­si­ker an­ge­kom­men zu sein. Er konn­te nur ver­stört dar­auf re­agie­ren, dass die in aller Regel so ge­schmiert lau­fen­de Re­zep­ti­on der Texte just an die­ser Stel­le ins Sto­cken ge­ra­ten war und seine Gut­ach­ter sich be­harr­lich zu sehen wei­ger­ten, was doch für jeden, der sich aus­kann­te, auf der Hand lie­gen muss­te. Kein Wun­der also, wenn er selbst sich auf kei­nen Fall nach­sa­gen las­sen woll­te, nicht zu sehen und nicht zu re­agie­ren, falls sein Rat ge­fragt war – fa­ta­ler­wei­se ge­ra­de hier, wo es sich um Pro­ble­me im Hause Le­cke­busch han­del­te, die ihn klu­ger­wei­se nichts an­ge­hen soll­ten. Ver­mut­lich be­schäf­tig­ten sie ihn ge­ra­de des­halb ernst­haft. Eli­sa­beth wie­der­um, auf den Spu­ren ihrer Toch­ter wan­delnd, wäre nicht die Per­son ge­we­sen, die ich kann­te, hätte sie sein kom­pe­ten­tes Herz nicht für sich ein­zu­span­nen ge­wusst. Die­ses Herz exis­tier­te wirk­lich – al­ler­dings nur in Ver­bin­dung mit ku­rio­sen Äu­ße­rungs­for­men, die Kom­pe­tenz durch In­kom­pe­tenz ver­gal­ten. Si­cher woll­te sie Tron­ka mit dem ge­mein­sa­men Auf­tritt nicht scha­den. Falls er al­ler­dings Scha­den nahm, so war ihr das ziem­lich gleich­gül­tig. Höchs­tens be­stä­tig­te es sie in ihrem Vor­ur­teil gegen Phi­lo­so­phen, das sie mir so ein­drucks­voll be­wie­sen hatte.

Das klingt, als hätte ich ihr Spiel an die­sem Abend durch­schaut. Dabei gilt auch in die­sem Fall, was wohl auf alle Er­in­ne­rung zu­trifft. Selbst wenn es so ge­we­sen wäre, könn­te ich dar­über keine Aus­kunft er­tei­len. Zwar ›sehe‹ ich den Auf­tritt noch ›vor mir‹ und re­gis­trie­re dabei eine star­ke Ge­fühls­kom­po­nen­te. Aber was ich da sehe, sind nicht meine Ge­dan­ken und Hin­ter­ge­dan­ken wäh­rend des Auf­tritts. Sie ge­ra­de sehe ich nicht und was ich dabei denke, sind meine heu­ti­gen Ge­dan­ken, deren Ver­bin­dun­gen zu mei­ner da­ma­li­gen Ge­dan­ken­welt mir äu­ßerst lose vor­kom­men, um es nach­sich­tig aus­zu­drü­cken. Und was auf die Ge­dan­ken zu­trifft, das trifft, viel­leicht in ab­ge­schwäch­ter Form, auch auf die Emp­fin­dun­gen zu. Zwar sug­ge­riert mir die Er­in­ne­rung, alles ge­sche­he auf eine un­greif­ba­re Weise noch ein­mal, aber sie ent­hält kei­ner­lei Bürg­schaft, es seien die­sel­ben Emp­fin­dun­gen und die­sel­ben Ge­füh­le, die mich da­mals heim­such­ten. Echt ist die Sug­ges­ti­on, nicht die Er­in­ne­rung, al­len­falls noch der Er­in­ne­rungs­an­ker, der mir die Ge­wiss­heit ein­gibt, alles sei so und nicht an­ders pas­siert. An die­ser Ge­wiss­heit lasse ich nicht rüt­teln. Sie ist ein zu kost­ba­res Gut, als dass ich be­reit wäre, sie der Skep­sis zu op­fern, selbst wenn sie im mo­di­schen Ge­wand einer phy­sio­lo­gi­schen Theo­rie daher käme. Dafür habe ich zu­viel ge­se­hen und weiß, wie schüt­ter wis­sen­schaft­li­che Be­griffs­bil­dun­gen sind, mögen noch so viele La­bor­rat­ten auf­ge­schnit­ten und Re­agenz­glä­ser dazu ge­schüt­telt wor­den sein.

Wo war ich? Ach ja, ich war ›kon­ster­niert‹. Statt Ge­dan­ken oder Emp­fin­dun­gen nach­zu­hän­gen, die, hätte ich In­ter­es­se ge­zeigt, be­quem die mei­ni­gen hät­ten wer­den kön­nen, saß ich in der Küche herum und lausch­te den Ti­ra­den eines frisch aus Tel Aviv ein­ge­flo­ge­nen Jung­wis­sen­schaft­lers, des­sen Re­de­feu­er von einer Er­in­ne­rung an­de­rer Art an­ge­facht wurde. Auch er sprach über Emp­fin­dun­gen. Er hatte ge­ra­de, als Re­ser­vist, einen Ein­satz im be­setz­ten Pa­läs­ti­nen­ser­ge­biet hin­ter sich, nichts Auf­re­gen­des ver­mut­lich für ein mi­li­tä­ri­sches Gemüt, aber tief auf­wüh­lend für einen Men­schen wie ihn, der sich bis dahin haupt­säch­lich damit be­schäf­tigt hatte, an kli­ma­ti­sier­ten Schreib­ti­schen spe­ku­la­ti­ve Ge­dan­ken über die mensch­li­che Gleich­heit zu hegen, und nicht ge­willt schien, sich die­ser Be­schäf­ti­gung in allzu naher Zu­kunft zu ent­schla­gen. Als ich her­ein­kam, war er be­reits in Fahrt. Ich be­merk­te ein Sto­cken und eine leich­te Ver­le­gen­heit, die durch den stak­ka­to­haf­ten Re­de­fluss rasch über­tönt und fort­ge­scho­ben wurde. Etwas älter als Hiero, je­doch deut­lich jün­ger als ich, moch­te er einen Mo­ment lang in mir den Auf­pas­ser ge­wit­tert haben, in des­sen Ge­gen­wart man un­will­kür­lich die Stim­me dämpft und den In­halt der Reden über­schlägt, die man in den letz­ten Mi­nu­ten ge­führt hat. Das war, was meine Per­son be­trifft, na­tür­lich Un­sinn, aber es traf mich nicht un­vor­be­rei­tet. Ich er­kann­te darin eines der Zei­chen be­gin­nen­der ›An­ci­en­ni­tät‹, vor denen sich viele Men­schen fürch­ten. Und wapp­nen muss man sich, das ist wahr. Lange bevor das wirk­li­che Alter ein­tritt, er­hebt sich eines Mor­gens quer durch die in­ne­re Stadt eine sta­chel­draht­be­wehr­te Front, von der ges­tern noch weit und breit nichts zu sehen ge­we­sen war. Wie am Vor­tag sucht der er­staunt sich wei­ten­de Blick die ver­trau­ten Be­zir­ke der Ju­gend­lich­keit, es zuckt in den Bei­nen, aber ohne Fol­gen: Wei­ter­ge­hen zweck­los! Dabei ist es eine Sache des In­ne­ren, von lan­ger Hand vor­be­rei­tet und immer vor­han­den ge­we­sen, auch wenn sie so tau­frisch er­scheint, als er­wa­che sie ge­ra­de aus dem Dorn­rös­chen­schlaf und der Jüng­ling, der sie wach­ge­küsst hat, müsse noch als Ver­weh­ter im Raum ste­hen.

Diese ge­teil­te Stadt im Be­wusst­sein und der durch eine fri­sche De­mar­ka­ti­ons­li­nie aus­ein­an­der­di­vi­dier­te Zu­falls­ort, an dem der junge Mann sei­nen Dienst mit der Waffe ge­leis­tet hatte, ver­band viel­leicht mehr mit­ein­an­der, als er ahnte, wenn man davon ab­sieht, dass es mit sei­ner Ah­nung nicht weit her sein konn­te. An­fangs fühlt es sich an wie... wie... etwas Vor­läu­fi­ges, ein Pro­vi­so­ri­um, leicht zu be­sei­ti­gen. Die Gren­ze ist da, aber nicht wirk­lich, die Ge­dan­ken gehen über sie hin­weg und der Pas­sier­schein, soll­te es ihn geben, ist eine Lap­pa­lie, über die das Be­wusst­sein hin­aus­drängt wie über den Stich einer Mücke. Erst der Rück­blick gibt die Ein­sicht frei, dass sie von Be­ginn an ge­ra­de so un­zer­reiß­bar oder zer­reiß­bar war wie jede an­de­re Trenn­li­nie, hin­ter der Men­schen ste­hen, die be­reit sind, sie mit Waf­fen­ge­walt auf­recht zu er­hal­ten, auch wenn sie zur glei­chen Zeit ihre Un­mög­lich­keit emp­fin­den und sich in Rausch und Kat­zen­jam­mer flüch­ten. Am An­fang steht aber weder der Rausch noch der Kat­zen­jam­mer, son­dern die Sprach­lo­sig­keit der Er­kennt­nis, an einen Ort ge­stellt – bes­ser: un­auf­halt­sam ge­scho­ben – wor­den zu sein, von dem es kein Ent­kom­men gibt, außer viel­leicht im Schlaf oder im Wachtraum des Exils, das an­de­re, ähn­lich kon­stru­ier­te Orte be­reit­stellt. Aus die­ser Sprach­lo­sig­keit er­wächst, wie sonst, der Ent­schluss, dem An­de­ren ins Auge zu sehen – dem Geg­ner, dem Alter oder der miss­traui­schen jun­gen Per­son, die einen daran er­in­nert, auf wel­che Seite man ge­hört. Er erwächst, un­ge­ru­fen, un­be­ab­sich­tigt, wie ein Fu­run­kel sich eines Mor­gens auf der Haut zeigt, sich an­deu­tet, sich aus­führt, als habe man ihn ge­ru­fen und werde für die Aus­füh­rung der an­ste­hen­den Ar­bei­ten auf­kom­men und alles habe seine Rich­tig­keit, wäh­rend das Ge­gen­teil der Fall ist und er nicht nur un­ge­ru­fen, son­dern in jedem Fall zur Un­zeit auf­tritt und einem nur Sche­re­rei­en und ein ge­min­der­tes Le­bens­ge­fühl ein­trägt.

Über eine sol­che Min­de­rung sprach der junge Mann. Er be­schwer­te sich ve­he­ment, aber wäh­rend er sich be­schwer­te, zeig­te sich, dass ihn das Er­leb­te, von dem er nicht los­kam, be­rei­cher­te. Er moch­te seine scho­ckie­ren­de Er­fah­rung be­reits nicht mehr mis­sen: die­sen Ein­schnitt, jen­seits des­sen sich das Leben in neue Be­rei­che hin­ein er­streck­te. So also fühl­te es sich an, einem Land zu ›die­nen‹ (eine bis vor kur­zem noch als lä­cher­lich und ab­strus emp­fun­de­ne Vo­ka­bel), das seine Maß­nah­men, zu denen die Ok­ku­pa­ti­on frem­der Ge­bie­te und die Ku­jo­nie­rung der dor­ti­gen Be­völ­ke­run­gen ge­hör­te, durch einen töd­li­chen Ab­wehr­kampf recht­fer­tig­te, in dem es sich be­fin­den moch­te – oder auch nicht. Wer soll­te das ent­schei­den? An der Rea­li­tät des Kamp­fes war je­den­falls nicht zu zwei­feln, eben­so wenig wie an den Er­fah­run­gen einer weit zu­rück­rei­chen­den Ver­gan­gen­heit und einer von Ter­ror und Tod ge­präg­ten Ge­gen­wart. Das mach­te den Dienst zu einer erns­ten Sache, der man sich nicht ein­fach ent­zie­hen konn­te.

Ganz ähn­lich be­ginnt der älter wer­den­de Mensch eines Tages zu die­nen: der Ge­sund­heit, der täg­li­chen Ar­beit, der Par­tei, dem ›Wohl der An­ge­hö­ri­gen‹ oder, selt­sa­me Zwit­ter, ›der Ar­bei­ter­klas­se‹ oder ›der Kunst‹, wäh­rend die Be­geis­te­rung für die Mensch­heit, in die sich das an­fäng­li­che mit-dem-Kör­per-und-sei­nen-Emp­fin­dun­gen-Eins­sein ein­hüllt wie in eine Fahne, sach­te in den Hin­ter­grund tritt, bis nur noch ein ge­le­gent­li­ches Rau­schen daran er­in­nert. An­ders als der Staat, der nicht al­tert, weiß ein Mensch, wenn er so weit ge­kom­men ist, dass es mit ihm – nicht gleich, aber sach­te – zu Ende geht. Er weiß es in sich, das Ir­gend­wann hat für ihn die Form des hier und heute wirk­sa­men Auf­schubs an­ge­nom­men. Es bleibt ›in die­sem Le­bens‹ so man­cher­lei zu er­le­di­gen, dem man sich weder ent­zie­hen möch­te noch ent­zie­hen kann, doch eben in die­sem Leben, womit, laut oder leise, ein an­de­res in der Tür steht.

Die sim­ple Rede von ›die­sem Leben‹ be­lehrt dar­über, dass es für den Ein­zel­nen noch ein an­de­res gibt, geben soll­te, geben muss: ein Jen­seits, das sich ohne große Pro­ble­me dem Dies­seits zu­schla­gen lässt, wenn der alte, ›re­li­gi­ös‹ ge­nann­te Glau­be an ein Leben jen­seits des Gra­bes nicht län­ger fort­hilft, sei es, dass er durch einen ent­schie­de­nen Nicht­glau­ben oder, bes­ser, einen ›Glau­ben-dass-nicht‹ er­setzt wurde, sei es, dass er stück­wei­se in sich zu­sam­men­fiel und nun das große Fort­kom­men als ge­le­gent­lich stö­ren­de, manch­mal auch ver­stö­ren­de Er­in­ne­rung be­glei­tet. Nur we­ni­ge Men­schen gehen auf ihr Jen­seits zu, über das so wenig ver­lau­tet, ob­wohl die Kunde davon ganze Bi­blio­the­ken füllt. Sie las­sen es an sich her­an­kom­men, bis der müde ge­wor­de­ne Kör­per rät, auch diese Bürde ab­zu­wer­fen und auf ein be­schei­de­nes Ver­schwin­den zu set­zen wie ein rat­lo­ser Wett­vo­gel, der den ei­ge­nen Ver­lust als Ge­winn­quel­le ent­deckt. Ein sol­ches Jen­seits oder sein Vor­spiel ist der Dienst, in den ein jun­ger Mensch sich un­ver­se­hens, durch frem­den oder ei­ge­nen Be­schluss ge­nö­tigt fin­det – ein er­zwun­ge­ner Vor­tod, den er als ein an­de­res, glei­cher­ma­ßen är­me­res und rei­che­res Leben emp­fin­det. In die­sem Zu­stand geht es nicht um Gleich­heit, son­dern um Iden­ti­tät. Opfer und Täter, der Ge­de­mü­tig­te und der De­mü­ti­ger, der Kran­ke und sein Wär­ter, der An­alpha­bet und sein Hel­fer, der Hung­ri­ge und der satte Ver­tre­ter einer kämp­fe­ri­schen Or­ga­ni­sa­ti­on gehen darin eine ver­schwie­ge­ne Sym­bio­se auf Zeit ein, in der die Zeit selbst – oder was man so nennt – einen nicht mehr zu lö­schen­den Bei­ge­schmack be­kommt.

Dass Zeit schmeckt, dass sie ›einem schmeckt‹ – oder nicht –, ge­hört zu den Ei­gen­tüm­lich­kei­ten des Le­bens, die er­kun­det wer­den müs­sen, will das Ich nicht, wie es heißt, ›auf der Stre­cke blei­ben‹. Sie soll ja schme­cken – warum sonst un­ter­näh­me man sol­che An­stren­gun­gen, sie zu fül­len, und warum sonst un­ter­näh­me man sie, wäre man nicht von der Angst be­ses­sen, sie könn­te, für sich ge­nom­men, nach nichts schme­cken? Ir­gend­wann, wenn sie nach nichts mehr schmeckt, wenn es mit dem Schme­cken an ein Ende ge­kom­men ist, soll sie we­nigs­tens nach Er­in­ne­rung schme­cken, gleich­gül­tig, wel­che ver­gan­ge­nen Er­eig­nis­se sich in ihr drän­gen. Nur eigen müs­sen sie sein, auf jeden Fall und um jeden Preis. Bloß was man selbst er­lebt hat, ist etwas wert, das ver­leiht der ›kol­lek­ti­ven Er­in­ne­rung‹, wenn es denn so etwas gibt, den nicht weg­zu­brin­gen­den Bei­ge­schmack des Un­wah­ren.

Eine Er­in­ne­rung, die nicht die ei­ge­ne war, auf Grund der un­er­bitt­lich ver­rin­nen­den Zeit auch gar nicht mehr sein konn­te, aber durch Be­rich­te, Filme, In­ter­views, fa­mi­liä­re Ge­sprä­che, Ge­schichts­bü­cher und Schu­lungs­kur­se einen fes­ten Platz im Leben jedes Ein­zel­nen zu­ge­wie­sen be­kom­men hatte, eine sol­che, durch die ihr in­ne­woh­nen­de Ge­walt jeden per­sön­li­chen Be­zugs­rah­men spren­gen­de Zwit­te­rer­in­ne­rung ver­band den ge­le­gent­lich flüch­tig zu mir hin­bli­cken­den jun­gen Mann mit den jun­gen Män­nern und Frau­en, die ihm, auf ver­streu­ten Kü­chen­stüh­len pos­tiert und an Kühl­schrank und Fens­ter­bank ge­lehnt, größ­ten­teils schwei­gend zu­hör­ten. Sie ver­band sie wie die Enden eines be­weg­li­chen Ge­stän­ges, wie man sie an den Rä­dern alter Dampf­lo­ko­mo­ti­ven sehen kann. Jeder Zug und Druck, der am einen Ende aus­ge­übt wurde, kam als Druck und Zug am an­de­ren Ende an. Gleich­zei­tig er­leb­ten beide Sei­ten den All­tag der an­de­ren als hin­rei­chend viel­ge­stal­tig und ver­wir­rend, um sich durch die­sen Kol­ben­be­trieb in ihren ge­gen­wär­ti­gen Be­zie­hun­gen nicht wirk­lich be­ir­ren zu las­sen – ober­fläch­lich be­trach­tet, denn wie es in den Tie­fen­schick­sa­len aus­sah, ließ sich nur schwer oder gar nicht er­grün­den. Es reich­te aus, dass die Linie exis­tier­te, um die Dinge bei Be­darf zu stel­len. Die­ser al­ler­dings hatte im Lauf der Jahr­zehn­te man­cher­lei Ge­stalt an­ge­nom­men. Es gab sogar Leute, die glaub­ten, er sei un­un­ter­ge­bro­chen ge­wach­sen und be­gin­ne lang­sam die Ge­gen­wart zu er­drü­cken. Das war ein Irr­tum. Wie oft die­ser junge Is­rae­li dem Wunsch, sein Herz aus­zu­schüt­ten, auch be­reits nach­ge­kom­men sein moch­te: an die­sem Ort, in die­sem Land, vor die­ser Zu­hö­rer­schaft ver­wan­del­te er sich in etwas an­de­res, in eine Ver­su­chung und den Ver­such, eine Re­ak­ti­on her­aus­zu­kit­zeln, die so viel­leicht nir­gend­wo sonst zu er­war­ten war, eine Nähe viel­leicht, je­den­falls etwas, das beide Sei­ten be­rühr­te.

Der Be­darf war ein­fach po­ly­morph ge­wor­den. Wäh­rend im ter­ro­ris­ti­schen Un­ter­grund des Lan­des der Kampf gegen das ›fa­schis­ti­sche Sys­tem‹ auf ei­gen­tüm­lich ir­rea­le Weise wei­ter bro­del­te, hatte das Be­dürf­nis, der har­ten und ge­dan­ken­lo­sen Ge­gen­wart eine Art Me­du­sen­schild vor­zu­hal­ten, sich in den Kin­dern der Se­ku­ri­tät ein fein ge­spon­ne­nes Netz aus An­spie­lun­gen er­schaf­fen. Die Äl­te­ren, die man damit über­rum­pel­te, emp­fan­den es zu­meist als aus­ge­spro­chen un­fein. Dass sie ge­meint waren, ver­stan­den sie wohl, viele von ihnen hät­ten in man­ches gern ein­ge­stimmt, hätte nicht der er­drü­cken­de Vor­wurf, ›es‹ nicht ver­hin­dert zu haben, den Po­si­ti­ons­wech­sel ver­hin­dert – je­den­falls bei denen, die ver­geb­lich in ihrem mehr oder we­ni­ger schlich­ten Leben nach dem Punkt forsch­ten, an dem sie etwas hät­ten ver­hin­dern kön­nen. Das un­be­irr­ba­re Ge­fühl der Jün­ge­ren, auf der bes­se­ren Seite zu ste­hen, nahm in der Regel auf le­bens­ge­schicht­li­che De­tails keine Rück­sicht oder ging ein­fach durch sie hin­durch. Die Äl­te­ren wie­der­um, die sich un­be­scha­det ihrer Her­kunft bei le­ben­di­gem Leibe zu häss­li­chen Über­bleib­seln einer an­rü­chi­gen Ver­gan­gen­heit her­ab­ge­wür­digt sahen, konn­ten oder woll­ten nicht das kol­lek­ti­ve Selbst­ge­spräch er­ken­nen, mit­tels des­sen die jun­gen Leute ein Un­be­ha­gen aus­lo­te­ten, das sie ein Leben lang be­glei­ten soll­te. Es war die­ses Un­be­ha­gen, das sie in früh ge­al­ter­tem Ma­nichä­er­tum nach außen tru­gen, bis ei­ni­ge von ihnen in ge­reif­te­ren Jah­ren ge­ra­de­zu er­löst nach den durch­ge­knall­ten The­sen eines in sei­nem Hei­mat­land eher als su­spekt ge­han­del­ten His­to­ri­kers grif­fen, die ihnen, kul­tur­ge­schicht­lich ver­bürgt, ein ge­no­zi­da­les Gen at­tes­tier­ten und damit ihre Her­kunft end­gül­tig zur ge­schlos­se­nen An­stalt er­klär­ten.

Sie alle waren Ge­zeich­ne­te eines Ent­set­zens, das sie in ihrer Kind­heit ge­trof­fen hatte. Sie hat­ten, wie sie sag­ten, ›ge­lernt‹, sich als An­ge­hö­ri­ge eines Tä­ter­vol­kes zu be­grei­fen. Eben noch hatte Hiero, der als Wi­der­stands­spross für sich den ›rich­ti­gen‹ Stamm­baum in An­spruch nahm und kei­nen Wehr­dienst ge­leis­tet hatte, ve­he­ment die Nor­ma­li­tät der Re­pu­blik gegen die fal­sche Her­kunft ihrer Be­woh­ner ver­tei­digt. Die­ser junge Mann hier ap­pel­lier­te an die ver­dreh­te Psy­che von Tä­ter­kin­dern, als er­war­te er sich davon ir­gend­ei­ne Art von mo­ra­li­schem Auf­schluss. Wer weiß, viel­leicht lag darin sogar der Grund, aus dem er sich um ein Gast­sti­pen­di­um be­müht hatte. Schmei­chel­haft für die An­we­sen­den war das nicht. Man konn­te es sogar ko­misch fin­den, da die meis­ten den Dienst mit der Waffe eben­so er­folg­reich wie guten Ge­wis­sens ver­wei­gert hat­ten. Die­ser halb­wegs ver­zwick­ten Lage ent­sprang eine dif­fu­se Rüh­rung und das Be­dürf­nis, den Gast aus der allzu nahen Ferne für ein wei­te­res Opfer des all­ge­gen­wär­ti­gen ›Sys­tems‹ zu hal­ten. Was sie ihm bie­ten konn­ten, war wis­sen­de So­li­da­ri­tät. Man tat, als kenne man seine Lage schon län­ger, so­zu­sa­gen von Haus aus. Dabei kann­te man nichts davon. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen dem Red­ner und sei­nen wort­kar­gen Lau­schern be­stand aus einer Folge von Miss­ver­ständ­nis­sen, die bei je­man­dem, der ihr un­be­tei­ligt ge­folgt wäre, Hei­ter­keit hätte aus­lö­sen kön­nen. So glitt oder tru­del­te ich un­er­war­tet rasch in die Po­si­ti­on des Fra­ge­stel­lers hin­ein. Wäh­rend­des­sen kam Be­we­gung in die Er­starr­ten, sie grup­pier­ten sich neu und ver­lie­ßen all­mäh­lich den Raum. An­de­re schau­ten auf der Suche nach einem Kor­ken­zie­her oder einem ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Gast her­ein und gin­gen, nach­dem sie einen Blick auf mei­nen Ge­sprächs­part­ner und mich ge­wor­fen hat­ten, wie­der hin­aus.

Er saß ritt­lings auf sei­nem Stuhl und sah mir durch­drin­gend in die Augen. Sein Blick konn­te als pa­nisch und rou­ti­niert wie als hoch­mü­tig und in­ner­lich ab­ge­wandt durch­ge­hen. Der Mix war mir neu. Er bewog mich, die Gren­zen der üb­li­chen An­teil­nah­me zu über­schrei­ten und dem jun­gen Mann nach der zwei­ten ge­mein­sam ge­leer­ten Fla­sche Rot­wein das Du an­zu­bie­ten, mit dem ich in die­sem Hause, von Eli­sa­beth ab­ge­se­hen, noch immer karg­te. Von der Ge­fähr­dung der See­len­ru­he durch staat­lich ver­füg­ten Waf­fen­be­sitz kamen wir rasch auf an­ders ge­strick­te Ge­fähr­dun­gen. Das Haus schien ihn über­aus gast­lich auf­ge­nom­men zu haben. Ich brauch­te, viel­leicht allzu ver­ständ­lich, eine Weile, bis ich be­griff, wen er mein­te.

  • ―Fuck you, spru­del­te er – eine Form der An­re­de, der ge­gen­über ich mich bis dahin eher re­ser­viert ver­hal­ten hatte –, was treibt sie da drau­ßen mit die­sem Kerl, wäh­rend ich hier her­um­sit­ze und meine Zeit in den Kamin schie­ße – heißt das so?

Durch der­lei Wen­dun­gen er­fuhr ich also aus dem Munde von Eli­sa­beths neuem Lieb­ha­ber – gleich­sam aus ers­ter Quel­le –, dass man auch auf einen Tron­ka ei­fer­süch­tig sein konn­te, über des­sen se­xu­el­le Ori­en­tie­rung wir uns bald einig wur­den, ohne dass es den Groll mei­nes Ge­gen­übers im min­des­ten sänf­tig­te. Im Ge­gen­teil: er stei­ger­te sich in eine Reihe selt­sa­mer Ver­däch­ti­gun­gen hin­ein. Für Le­cke­buschs Noch-As­sis­ten­ten besaß die Wis­sen­schaft of­fen­bar nicht nur einen Vor­der-, son­dern auch einen Hin­ter­ein­gang, den er ge­nau­so oft oder häu­fi­ger noch pas­sier­te. Stets, wie ich un­ter­stell­te, auf der Suche nach einem neuen Ar­gu­ment, einer neuen Denk­fi­gur oder auch nur einem Lek­tü­re­tipp, aber of­fen­bar auch nach le temps perdu, der ver­lo­re­nen Zeit, die sich im auf­ge­scho­be­nen Da­sein des Ge­lehr­ten un­gleich in­ten­si­ver zu Wort mel­det als in dem eines Schorn­stein­fe­gers.

War es nicht Tron­ka ge­we­sen, der en­er­gisch auf einem gegen die Ge­stört­hei­ten des Wis­sen­schafts­zir­kus ab­ge­schot­te­ten Pri­vat­le­ben be­stan­den hatte? War es nicht Tron­ka, der zwang­haft allem aus­wich, was auch nur ent­fernt als ›aka­de­mi­sches Leben‹ durch­ge­hen konn­te, von den Le­cke­busch-Aben­den ein­mal ab­ge­se­hen, auf denen er sich aus na­he­lie­gen­den Grün­den hin und wie­der bli­cken ließ? War es nicht Tron­ka, der pünkt­lich zu Be­ginn der Se­mes­ter­fe­ri­en in immer neue Fer­nen auf­brach, in denen die gro­ßen Mu­se­en und In­sze­nie­run­gen lock­ten, ab­ge­schie­de­ne In­sel­wel­ten und die rea­len Ge­nüs­se einer welt­um­span­nen­den Ge­mein­schaft von Leu­ten, die Be­scheid wuss­ten? War es nicht Tron­ka, der, vom Dämon des nächs­ten Bu­ches ge­rit­ten, seine Näch­te mit dem Ent­wer­fen kost­ba­rer, Sei­ten über­grei­fen­der Band­wurm­sät­ze ver­brach­te, in denen der Dra­che des Ab­so­lu­ten ein ums an­de­re Mal ein teu­res Haupt oder eine min­der teure Klaue ein­büß­te und eine sub­ti­le Re­kon­struk­ti­on nach der an­de­ren das Spek­trum des phi­lo­so­phisch Ver­tret­ba­ren un­auf­halt­sam ver­schob? War es nicht Tron­ka, der noch vor we­ni­gen Tagen von den Trau­ben der Phi­lo­so­phie ge­re­det hatte, die höher hin­gen, als es sich der Ver­fas­ser einer Stan­dard­ein­füh­rung in die Kri­tik der rei­nen Ver­nunft träu­men ließ? Wie stand es um die Trau­ben, die erst kürz­lich durch den Ein­satz mei­ner Le­bens­zeit ver­edelt und in eine an­de­re Di­men­si­on ver­scho­ben wor­den waren? Gab es hier kei­nen Eh­ren­ko­dex, der die Wis­sen­den und In­te­ge­ren vom Plebs trenn­te? Keine höh­ni­sche Ab­fer­ti­gung des Durch­schnitts und sei­ner Wei­sen, sich durch­zu­wurs­teln?

An­de­rer­seits, da ich nun ein­mal dabei war: Was ritt Eli­sa­beth, sich des Aus­tausch- und Nach­wuchs­pro­gramms ihres Man­nes neu­er­dings in die­ser Weise zu be­die­nen? Hatte sie das nötig? War das noch die­sel­be Eli­sa­beth, die ich kann­te? Mü­he­los im­stan­de, all diese Fra­gen in Win­des­ei­le her­vor­zu­lo­cken, ver­hin­der­te der Al­ko­hol, dass ich mich auch nur mit einer von ihnen gründ­li­cher be­fass­te oder sie – wel­che Zu­mu­tung! – einer Lö­sung zu­führ­te. Nur dass es lang­sam spät wurde, däm­mer­te die­sem um­wölk­ten Ge­hirn, das ich nur mehr ein­ge­schränkt als das meine be­trach­ten woll­te.

Die Kon­kur­ren­ten
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Hiero: Figur 1
Mech­tels Ver­such

Nie­mals war Hiero mehr Held als in die­sen Tagen. Er hatte den Kampf­platz auf­rech­ten Haup­tes ver­las­sen. Das Ge­rücht, er habe nicht nur Kä­rich Pa­ro­li ge­bo­ten, son­dern die ge­sam­te bei Le­cke­busch ver­sam­mel­te Pro­fes­so­ren­schaft auf­ge­mischt, umgab ihn, wo immer er auf­tauch­te, mit einer wil­den Aura. Ein­zig Pw wagte es, zwei­deu­ti­ge Be­mer­kun­gen zu ma­chen, wobei er den Fin­ger in die Bier­fla­sche steck­te und mit einem Plopp wie­der dar­aus be­frei­te. Mech­tel hin­ge­gen, die wenig re­de­te, aber frau­li­cher wirk­te als sonst, stand eines Abends vor Hie­ros Woh­nungs­tür und be­gehr­te, ohne den Grund ihres Kom­mens zu er­läu­tern, Ein­lass. Sie spra­chen über man­cher­lei, jeder fand den an­de­ren ver­stän­di­ger als sonst, gleich­sam ge­wach­sen, mit einem Schuss Welt­ver­ste­hen, den man bis dahin immer ein wenig ver­misst hatte. Das war ein schwie­ri­ges, zu man­cher­lei Ver­hakun­gen füh­ren­des Thema, das sie sorg­fäl­tig aus­spar­ten, ein mit­wan­dern­der blin­der Fleck, der eben­des­halb un­auf­fäl­lig seine Nah­rung aus allem zu sau­gen ver­moch­te, was ge­spro­chen wurde, bis sie gegen Mit­ter­nacht, schwei­gend ne­ben­ein­an­der sit­zend, im Ohr ein von Hiero erst vor we­ni­gen Tagen er­stan­de­nes Gi­tar­ren­so­lo, zwi­schen Tisch, Ge­stühl und Bü­cher­re­gal sei­ner an­sich­tig wur­den – ein wa­bern­der Nebel, zart, durch­schei­nend, rauch­ar­tig, kei­nes­wegs ohne Reiz, aber selt­sam un­be­tei­ligt, ten­ta­kelnd, ten­ta­tiv –

Und sahen ein­an­der an: Sie kann­ten den Satz und hü­te­ten sich, ihm Folge zu leis­ten. Hiero je­den­falls fand, dass ihre Plau­de­rei fade zu wer­den be­gann und sehn­te sich nach einer den Tag bün­dig ab­schlie­ßen­den Lek­tü­re. Lange wähl­te er zwi­schen Spi­no­za und Kant, ob­wohl er be­reits be­schlos­sen hatte, mit Blick auf ge­wis­se an­ste­hen­de Ent­schei­dun­gen sich noch ein­mal gründ­lich mit Rus­sell zu be­fas­sen, aber Mech­tel, in der ein klei­ner auf­merk­sa­mer Geist tick­te, durch­kreuz­te diese Pläne. Sie stand auf, legte sich aufs Bett und frag­te ihn mit zur Decke ge­rich­te­tem Blick, ob sie über Nacht da blei­ben könne. Zwei­fel­los hatte er so etwas ge­ahnt, er hatte es ›im Ge­spür‹ ge­habt, fühl­te sich aber im Stich ge­las­sen, wenn er sich frag­te, wie es dazu kom­men konn­te und wel­che Rolle Hans-Ha­jo dabei spiel­te. Mit ihm hatte er sich ge­ra­de ges­tern aus­nahms­wei­se blen­dend un­ter­hal­ten und er er­schien ihm zwar nicht als der hells­te, aber als ein durch und durch in­te­ge­rer Zeit­ge­nos­se. Die zar­ten Keim­lin­ge einer be­gin­nen­den Freund­schaft ver­ban­den wohl tie­fer als ge­dacht. Mech­tel, der schwan­te, dass etwas schief lief, ver­such­te in­stink­tiv ge­gen­zu­steu­ern. An­ders als ihr für diese Nacht er­ko­re­ner, ein wenig schweig­sa­mer Held konn­te sie sich kein an­de­res Hemm­nis vor­stel­len als man­geln­de ei­ge­ne At­trak­ti­vi­tät – ein Feh­ler, aber kein be­son­ders tief­ge­hen­der. Es war die Wahr­heit, nichts als die Wahr­heit, und sie galt immer. Hätte die An­zie­hungs­kraft die Be­den­ken, die im Raum stan­den, über­wo­gen, dann wäre kein Hal­ten ge­we­sen: ein ana­ly­ti­scher Satz, der tief zwi­schen Mech­tels etwas dün­nen, aber ein­drucks­voll kon­tu­rier­ten Au­gen­brau­en stand, als stum­mes, ge­fähr­li­ches Fra­ge­zei­chen, das sich dem männ­li­chen Blick dar­bot und sein Ur­teil er­war­te­te.

Warum? Die Si­tua­ti­on schien ein­deu­tig. Es lag an Hiero, sich ihr zu stel­len. Mech­tel durf­te sich at­trak­tiv genug füh­len, um er­war­ten zu kön­nen, dass die Lö­sun­gen, die er vor­schla­gen würde, auf der von ihr an­ge­dach­ten Linie lagen. Es war ihr gutes, durch Spie­gel- und Män­ner­bli­cke tau­send­fach be­glau­big­tes Recht. Das stum­me Fra­ge­zei­chen durch­kreuz­te das Spiel. In Hie­ros nach Aus­we­gen stre­ben­der Psy­che wurde es zum Mes­ser, das jede Be­rüh­rung ver­bot. Im­mer­hin han­del­te es sich bei der vis attrac­tiva, der me­ta­phy­sisch ge­deu­te­ten An­zie­hungs­kraft, um eine zwei­deu­ti­ge Größe. Theo­re­tisch ge­spro­chen, ge­hör­te sie ins sieb­zehn­te, al­len­falls ins acht­zehn­te Jahr­hun­dert, wo sie kurz­fris­tig den Zu­sam­men­halt der Schöp­fung im Lie­bes­bund re­geln durf­te – eine be­lä­chel­te Theo­rie, mit der man ge­wiss nicht im Pfau auf­kreu­zen konn­te, es sei denn, man war auf einen faden hu­mo­ris­ti­schen Ef­fekt aus, wie er ei­gent­lich nur Hans-Ha­jos Ge­hirn ent­sprin­gen konn­te. Apro­pos Lie­bes­bund: wenn über­haupt von so etwas hier die Rede war, dann galt es, al­lein schon der In­sze­nie­rung wegen, für die Be­zie­hung, in der Hans-Ha­jo und Mech­tel leb­ten. Zu of­fen­sicht­lich waren sie ein­an­der auf Kos­ten ihrer Um­ge­bung zu­ge­tan, als dass man die­sen Punkt hätte ver­ken­nen kön­nen. Im Ge­gen­teil, so, wie sie ihn im­mer­fort in den Vor­der­grund scho­ben, wäre es wohl einem Af­front gleich ge­kom­men, ihn zu über­se­hen. Mech­tels Il­loya­li­tät straf­te diese In­sze­nie­rung Lügen. Das wäre noch zu ver­kraf­ten ge­we­sen, aber es ent­hielt die Auf­for­de­rung zur Re­spekt­lo­sig­keit ge­gen­über einem Mo­dell einer Zwei­er­be­zie­hung, das zwar als stö­rend emp­fun­den wer­den konn­te, weil es Mech­tels Selbst­be­stimmt­heit in Zwei­fel zog – die sie an­de­rer­seits durch die Wahl die­ser Art von Be­zie­hung be­stä­tig­te –, aber, im Ge­gen­satz zu an­de­ren, nicht als be­lie­big re­la­ti­vier­bar, so dass man dar­über in der Pra­xis zur Ta­ges­ord­nung hätte über­ge­hen kön­nen. Das An­stö­ßi­ge lag ja darin, dass es Re­spekt for­der­te, nein, dass die­je­ni­gen, die es prak­ti­zier­ten, für ihr Tun und damit für sich selbst die­sen Re­spekt for­der­ten, der ihnen leise zäh­ne­knir­schend von den we­ni­ger Glück­li­chen auch ge­währt wurde. Mech­tel, Mech­tel, sprach eine leise Stim­me in ihm, du führst uns alle vor, mich, Hans-Ha­jo, die an­de­ren, dich selbst vor allen an­de­ren, wie hast du dir das ge­dacht? Ja wie? Gute Frage, nächs­te Frage. Wenn es das ›dai­mo­ni­on‹ war, das so in ihm sprach, dann sprach es je­den­falls aus ge­kränk­ter Ei­tel­keit. Die Auf­for­de­rung zur Re­spekt­lo­sig­keit ge­gen­über ihrer Ver­bin­dung ent­hielt auch eine Re­spekt­lo­sig­keit ge­gen­über denen, die durch sie in Schach ge­hal­ten wur­den, je­den­falls auf Dis­tanz, um das Schlüs­sel­wort ihrer Ge­sprä­che zu be­nüt­zen, eine Rück­sichts­lo­sig­keit, so­weit es ihn be­traf, des­sen Bett sie blo­ckier­te. Was tun? Mit Phra­sen Le­n­in­scher Pro­ve­ni­enz war die Si­tua­ti­on nicht zu meis­tern, sie war über­haupt nicht zu meis­tern, ein ›Meis­ter der Si­tua­ti­on‹ hätte sie zu die­sem Zeit­punkt be­reits ge­klärt ge­habt – in die­ser wie in jener Rich­tung, auf diese oder jene, je­den­falls eine der be­kann­ten Wei­sen, die für einen ernst­haft den­ken­den und emp­fin­den­den Men­schen wie ihn eher Hür­den dar­stell­ten, die zu neh­men mit der Lä­cher­lich­keit eines Luft­sprungs ein­her­ging, der er sich nicht aus­zu­set­zen wünsch­te. ›Nimm mich‹, sagte die junge Frau auf sei­nem Bett. Sie sagte es, wenn­gleich nicht mit Wor­ten, laut und ver­nehm­lich, aber nicht ihr Kör­per war es, der so sprach, es war die­ses sper­ri­ge Wesen, das sich etwas dar­un­ter vor­stell­te, von dem er nicht wuss­te, ob es ihm schmei­cheln oder ihn krän­ken soll­te.

Mech­tel, die ihren Hel­den recht gut zu ta­xie­ren wuss­te, be­un­ru­hig­te das nicht, sie war sich re­la­tiv si­cher, den Denk­pro­zess steu­ern zu kön­nen, des­sen Auf­kom­men und Fort­gang sie an Hie­ros Hän­den ablas, ker­ni­gen Fern­fah­rer­hän­den, die fort­wäh­rend zit­ter­ten, als war­te­ten sie dar­auf, in die Hand ge­nom­men und be­ru­higt zu wer­den. Sie war be­reit, es zu tun, viel­leicht war sie nur des­halb vor­bei­ge­kom­men, weil diese Hände in ihr fort­zu­zit­tern be­gon­nen und ein phy­si­sches Be­dürf­nis aus­ge­löst hat­ten, sie durch einen Satz ge­eig­ne­ter Maß­nah­men in hart und ge­schmei­dig ihren Dienst ver­rich­ten­de Män­ner­fäus­te zu ver­wan­deln. Si­cher war das nicht die ganze Wahr­heit. Aber wenn es an der neue­ren Phi­lo­so­phie einen Punkt gab, der sie auf­hor­chen ließ, dann diese von den ver­schie­de­nen Rich­tun­gen uni­so­so vor­ge­tra­ge­ne Be­reit­schaft, den Wahr­heits­be­griff ein­fach fal­len zu las­sen und durch ge­eig­ne­te­re, hand­li­che­re und der Er­kennt­nis­la­ge an­ge­mes­se­ne­re Ter­mi­ni zu er­set­zen. ›Wahr­heit, was ist das?‹ mur­mel­te ein halb auf­ge­brach­tes, halb sei­ner Sache si­che­res Es, wäh­rend Mech­tels Blick zwi­schen Kopf und Hand hin und her glitt. Es är­ger­te sie be­reits, dass sie die At­trak­ti­vi­täts­fra­ge über­haupt zu­ge­las­sen hatte, und sie be­schloss, sie ganz nach hin­ten zu schie­ben, was recht gut ge­lang, aber nicht ver­hin­dern konn­te, dass sie un­ter­grün­dig im Spiel blieb. Es ist leich­ter, die Wahr­heit zum Schwei­gen zu brin­gen als den Selbst­zwei­fel. Sie ist die in­ne­re Stim­me, die jeden fal­schen oder zwei­deu­ti­gen Ver­mitt­lungs­ver­such aus­schlägt, wäh­rend der Selbst­zwei­fel über­all dort nis­tet, wo je­mand seine Haut zu Mark­te trägt, und die Zwei­deu­tig­keit nährt, die ihn her­vor­bringt. Eine viel­leicht nicht schö­ne, aber hin­rei­chend at­trak­ti­ve Frau kann auf ihn nicht ver­zich­ten; der für die ge­schmei­di­ge Fort­be­we­gung im so­zia­len Raum so un­end­lich wich­ti­ge Be­ob­ach­tungs­pos­ten zwi­schen Innen und Außen blie­be ohne ihn un­be­setzt. Umso wich­ti­ger er­schien es, sich durch die in­ne­re Stim­me nicht ir­ri­tie­ren zu las­sen, die dar­auf be­stand, dass das, was sie ge­gen­wär­tig trieb, nicht ›recht‹ sei, nicht ver­ein­bar mit einer gan­zen Tex­tur aus Vor­stel­lun­gen und Emp­fin­dun­gen, die sie au­gen­blick­lich nicht zu­las­sen woll­te – wobei die­ses ›au­gen­blick­lich‹ sich von Au­gen­blick zu Au­gen­blick fort­schrieb, in eine weiße, un­be­schrie­be­ne Zu­kunft hin­ein, in der jene her­ge­brach­te Tex­tur ver­blass­te und sich nach und nach ganz ver­lor. Wenn es nicht recht war, so muss­te es je­den­falls sein. Mit Hans-Ha­jo hatte das wenig, ei­gent­lich nichts zu tun, es war bes­ser, ihn aus dem hier her­aus­zu­hal­ten, ob­wohl es an­de­rer­seits die Quint­es­senz vie­ler Ge­sprä­che bil­de­te, die sie mit ihm ge­führt hatte. Ob er das so sehen würde, war, je­den­falls so­lan­ge die Si­tua­ti­on an­hielt, schwer zu er­grün­den, es war bes­ser, es gegen sei­nen Blick ab­zu­schir­men, der an so man­cher­lei vor­beisah, ohne dass es, wie man hätte an­neh­men mögen, ihm ganz ent­ging. Die ab­so­lut lä­cher­li­che Idee des Sei­ten­sprungs er­in­ner­te sie, wie sie da lag, an das Bild von Klee mit dem iro­ni­schen Titel Haupt­weg und Ne­ben­we­ge. Vie­ler­lei Wege lie­fen dar­auf ne­ben­ein­an­der her auf etwas zu, das aus der Ferne wie eine Wand aus­sah, etwas Un­durch­dring­li­ches je­den­falls, mit dem die Wege auf eine un­kla­re Weise ver­schmol­zen, so dass sie zu­gleich en­de­ten und nicht en­de­ten, in­ein­an­der auf­gin­gen und ein­fach ver­schwan­den. Der Haupt­weg war ein­fach der, auf den man ge­ra­de hin­blick­te und von dem man den Blick so­fort wie­der ab­wand­te, da er in sei­ner Ge­rad­heit kei­ner­lei An­reiz für wei­te­re Nach­for­schun­gen bot.

Über­haupt die Kunst. Die Kunst, etwas als etwas er­schei­nen zu las­sen, keine Kunst ei­gent­lich, eher ein Spiel, aber eines, das sie mit Macht er­griff und fort­zog zu etwas, was wohl die Phi­lo­so­phie war, aber an­ders, als Hiero sie in­ter­pre­tier­te, falls die­ses Wort auf seine Si­tua­ti­on be­zo­gen wer­den durf­te, denn es war ein Un­wort in die­sem Kreis, in dem alle an ir­gend­ei­ner ›In­ter­pre­ta­ti­on‹ saßen, sei es die Ex­amens­ar­beit, sei es die Dis­ser­ta­ti­on, nach­dem sie ein gan­zes Stu­di­um nichts an­de­res ge­lernt hat­ten als zu in­ter­pre­tie­ren. Aber In­ter­pre­tie­ren hieß das ei­ge­ne Ur­teil aus­schal­ten, den Weg zu den Sa­chen zu über­blen­den, ihn zwi­schen den vie­len Ne­ben­we­gen zu ver­ste­cken, so dass er, ob­wohl er an sich klar zu­ta­ge lag, kaum von ihnen zu un­ter­schei­den war, ei­gent­lich gar nicht, da seine Sicht­bar­keit daran hing, einer von vie­len zu sein und damit einer von ihnen. ›Zu den Sa­chen‹ – eine sehr männ­li­che Phra­se, die sie sich da zu eigen mach­ten, die Her­ren Phi­lo­so­phen, ob zu Recht, daran konn­te man, wie an manch an­de­rem, zwei­feln, an­de­re mach­ten da we­ni­ger Um­stän­de, sehr viel we­ni­ger. Um­stän­de ma­chen, auf Ne­ben­we­ge ge­ra­ten und sie mit der­sel­ben Lang­sam­keit und Um­ständ­lich­keit aus­mes­sen wie den Haupt­weg, der mitt­ler­wei­le leer und ver­las­sen dalag, aus­ge­dörrt von der Mit­tags­son­ne, von Regen auf­ge­weicht und ge­flu­tet, wer moch­te da hin­schau­en? Das war doch eine be­rech­tig­te Frage, sie hatte sie sich so nie ge­stellt, aber in ge­wis­ser Weise war sie un­um­gäng­lich und man muss­te sich ihr stel­len. Bes­ser jetzt als nie. Oder: bes­ser ir­gend­wann als nir­gend­wann? ›Nir­gend­wann‹? Was für ein Wort. Sie spür­te den ver­derb­li­chen Ein­fluss die­ser Art des Spre­chens und frag­te sich, was ein Sprach­ana­ly­ti­ker dazu sagen würde, sie frag­te nicht wirk­lich, eher schob sie damit einen Brems­klotz in den Fluss der Ge­dan­ken, un­brauch­bar, wenn es darum ging, ihn auf­zu­hal­ten, aber über­aus brauch­bar, wenn es darum ging, ihn an die­ser Stel­le ab­zu­len­ken und einen klei­nen Wir­bel zu ver­ur­sa­chen. Mach doch kei­nen Wir­bel! Das hatte sie oft ge­hört, meist von Leu­ten, die selbst dar­auf aus waren. Die ein­fachs­te Art, einen Wir­bel zu ma­chen, be­stand darin, sich einem Mann aufs Bett zu legen und zu­zu­se­hen, wie die Ma­schi­ne in Gang kam, zu ein­fach nor­ma­ler­wei­se, doch... Hiero war ein zäher Bro­cken, der lang­sam in Fahrt kam, das wuss­te sie. An­de­rer­seits... Pw lach­te, wenn die Rede auf Hie­ros Se­xu­al­ver­hal­ten kam. Er besaß kei­nen pri­vi­le­gier­ten Zu­gang zu In­for­ma­tio­nen, aber er wuss­te Be­scheid, dort, wo die Kerle an­schei­nend gleich tick­ten, sie leb­ten es nur an­ders aus, in Maßen an­ders, sehr ein­falls­reich wirk­ten sie nicht, eher strom­li­ni­en­för­mig, aber was war das für ein Strom, der sie mit sich fort­führ­te? An­de­rer­seits war das ein Vor­wurf, den sie schon von ihrer Mut­ter her kann­te, lei­se­tre­te­risch, tü­ckisch, in­ak­zep­ta­bel, wer weiß, was diese Frau­en er­lebt hat­ten, der sicht­ba­re Teil ihrer Exis­tenz gab es nicht her.

  • ―Mech­tel, ich kann nicht –

Was sagte der Bur­sche da?

  • ―Ich kann nicht.

Si ta­cuis­ses. Das war deut­lich. Es gab der Sache eine an­de­re Rich­tung.

  • ―Dann werde ich wohl mal gehen.
  • ―Du kannst ruhig blei­ben. Ich meine, ich lege mich dann aufs Sofa.

Fast hätte sie ›Ach so‹ ge­sagt, aber sie schluck­te es has­tig hin­un­ter.

  • ―Du ver­stehst mich nicht. Ich kann wirk­lich nicht. Ich meine, Hans-Ha­jo ist mein Freund, er ist unser Freund, ich meine, er ge­hört ein­fach dazu...
  • Was kannst du nicht?
  • ―Bitte... wenn du meinst.... Soll ich es dir er­klä­ren?

Alles, nur nicht das. ›O Gott‹ sagte man in ihren Krei­sen dazu, es war eine läp­pi­sche Phra­se, ab­ge­ris­sen ge­ra­de­zu, aber im­mer­hin einer der letz­ten Ver­bin­dungs­ste­ge zur Re­li­gi­on, also ir­gend­wie kost­bar, je­den­falls ri­tu­ell. Selt­sa­mer­wei­se hatte sie bis­her keine Se­kun­de daran ge­dacht, dass die Si­tua­ti­on pein­lich wer­den könn­te. Die Woge, die sie her­ge­tra­gen hatte, ließ diese Vor­stel­lung nicht zu, was ir­gend­wie selt­sam war, denn, ehr­lich ge­sagt, wäre ihr der Ge­dan­ke an eine sol­che Szene noch vor einer Woche lä­cher­lich, ge­ra­de­zu bi­zarr vor­ge­kom­men. Hie­ros Selbst­er­man­nung – es muss­te ir­gend­ei­ne Art von Selbst sein, das sich er­mannt hatte, den ver­sam­mel­ten Pro­fes­so­ren seine Wahr­heit ins Ge­sicht zu schleu­dern, eine an­de­re In­stanz war nicht denk­bar – hatte die Pa­ra­me­ter kurz­fris­tig ver­än­dert, gleich­sam ein Fens­ter der Emp­fäng­lich­keit ge­schaf­fen, das sich lang­sam zu schlie­ßen be­gann.

Moch­te er Skru­pel haben oder nicht, Tat­sa­che war, dass Hiero sich un­be­hag­lich und zu­neh­mend ›ver­arscht‹ fühl­te. Das lag we­ni­ger an Mech­tels wirk­li­chem Ver­hal­ten als daran, dass er es nicht zu deu­ten wuss­te. Sie hatte sich ihm aufs Bett ge­legt, was, im­mer­hin, einer Ein­la­dung gleich­kam. Er wäre auch be­reit ge­we­sen, diese Ein­la­dung an­zu­neh­men, aber da be­gan­nen die Fra­gen. Durf­te er sie an­neh­men? Aber ge­wiss doch, was sprach da­ge­gen? Hans-Ha­jo war eine Luft­num­mer, nicht der Rede wert, je­den­falls mit dem Fin­ger weg­zu­schnip­sen, wenn es dar­auf ankam, kein wirk­li­cher Grund zur Be­sorg­nis. Was lag ihm am Um­gang mit einem Mann, der die Kri­tik der rei­nen Ver­nunft vor­nehm­lich als Un­ter­la­ge für sein Früh­stücks­bröt­chen be­nütz­te – je­den­falls hatte er ihn ein­mal dabei be­ob­ach­tet, wie er es heim­lich im Se­mi­nar über sei­nem auf­ge­schla­ge­nen Ex­em­plar aus­wi­ckel­te –, mit einem Mann, der sein Ver­hält­nis mit Mech­tel of­fen­bar so wenig im Griff hatte, dass sie jetzt auf­ge­schla­gen und be­reit zur Lek­tü­re vor ihm lag? Nein, nicht Hans-Ha­jo war es, der ihn be­schäf­tig­te, nach­dem der Lie­bes­pakt zwi­schen den bei­den sich als kras­ser Be­trug an der Grup­pe ent­hüllt hatte, es war Mech­tel selbst, die ihm Rät­sel auf­gab, so, wie sie sich gab, spott­be­reit und wil­lig, sich zu be­die­nen, aber ge­nau­so­gut fähig, auf­zu­ste­hen und das Lokal zu ver­las­sen, falls etwas am Mahl ihr nicht be­hag­te. Im Prin­zip hatte er nichts gegen diese Art Prompt­heit, aber bei Mech­tel paar­te sie sich mit die­ser Ten­denz, sich zu­rück­zu­neh­men, die ihr den Spitz­na­men ›Fräu­lein Por­ti­ön­chen‹ ein­ge­tra­gen hatte: Es war nicht gut, sich vor ihr zu ent­blö­ßen oder ent­blößt zu geben, da man je­der­zeit ge­wär­tig sein muss­te, einen Stich zu er­hal­ten, ge­ra­de dann, wenn man sich auf der si­che­ren Seite wähn­te. Im Um­gang mit Mech­tel gab es keine si­che­re Seite. Schon der Ge­dan­ke daran ver­bot sich – hätte einer aus der Grup­pe er­ra­ten, dass es so um ihn stand, so wäre das einer Selbst­aus­lie­fe­rung gleich ge­kom­men, von deren Fol­gen man sich nicht so leicht wie­der er­hol­te.

Er wuss­te nicht, was ge­sche­hen würde, wenn er sich jetzt neben sie setz­te und sie bei der Hand nähme oder den Arm um sie legte. Er wuss­te es wirk­lich nicht und das war, alles in allem, ein biss­chen viel Wirk­lich­keit für so einen An­lass, ein klein biss­chen zu­viel für sei­nen Ge­schmack, wenn der hier in Be­tracht kam. Sie er­in­ner­te ihn an eins die­ser Spiel­zeu­ge, die die Kin­der in Ni­ca­ra­gua von den Fel­dern auf­la­sen und die ihnen dann ins Ge­sicht ex­plo­dier­ten oder den Arm ab­ris­sen. Soll­te er ein sol­ches Ri­si­ko ein­ge­hen? Of­fen­kun­dig nicht. Bes­ser war es, sich ruhig zu ver­hal­ten und das Ob­jekt nicht aus den Augen zu las­sen, um zu sehen, wie sich die Dinge ent­wi­ckel­ten.

Aber so ein­fach lagen sie nicht. Hätte Mech­tel ihn vor­hin sach­te be­rührt oder mit einer un­ver­fäng­li­chen Geste ein Mehr ein­ge­for­dert, so wäre er, ver­wun­dert viel­leicht, je­den­falls ge­rührt, dar­auf ein­ge­gan­gen und alles wei­te­re hätte sich er­ge­ben. Statt­des­sen hatte sie es vor­ge­zo­gen, dem Mann in ihm zu schmei­cheln und ihn im Regen ste­hen zu las­sen. Such­te er Un­ter­schlupf, so lief er Ge­fahr, sich zu ver­let­zen, blieb er stand­haft im Frei­en, so klang ihm jetzt schon der Hohn in den Ohren, ver­sagt zu haben. Worin? Wozu? Muss­te er sich dem aus­set­zen? In ihm braus­te es, so­bald er nur daran dach­te. Er konn­te sie je­der­zeit hin­aus­wer­fen und so, wie die Si­tua­ti­on sich ihm dar­stell­te, er­schien ihm das als das Ge­ge­be­ne. Es war eine Op­ti­on, die genau über­legt sein woll­te, so ein­deu­tig sie sich als Hand­lung dar­stell­te, so viele Miss­ver­ständ­nis­se konn­te sie pro­vo­zie­ren. Nein, ent­schied er, hin­aus­wer­fen war keine Lö­sung, er merk­te, wie die Em­pö­rung an­ge­sichts die­ser Wen­dung zu­rück­glitt und eine Woge bit­te­ren Ein­ver­ständ­nis­ses mit sei­ner Her­aus­for­de­rin ihn durch­flu­te­te. Sie hatte ja recht, wenn sie ihn in sei­ner Be­hau­sung stell­te, der Bie­der­sinn um ihn her fing be­reits an, auf ihn ab­zu­fär­ben, so ge­se­hen waren sie Ver­bün­de­te, zwi­schen denen der Funk­kon­takt im Mo­ment nicht recht klapp­te, das ließ sich be­he­ben. Lotta con­ti­nua. Und er erhob sich, un­hör­bar äch­zend – je­den­falls hoff­te er, dass sie nichts ge­hört hatte –, von sei­nem Stuhl, blin­zel­te ihr wohl­wol­lend ins Ge­sicht. Nie­mals war er ihr so däm­lich vor­ge­kom­men wie jetzt, sie muss­te sich zu­sam­men­neh­men und merk­te, dass es an ihr lag, ob ihr übel wurde oder sie die Kon­trol­le über sich und die Si­tua­ti­on be­hielt. Bei­des hatte Vor­zü­ge, die ge­gen­ein­an­der ab­ge­wo­gen wer­den woll­ten. Im Par­la­ment der Lüste herrscht immer Be­trieb. Die klei­ne haa­ri­ge Ab­ge­ord­ne­te vorne links schien ihr am bes­ten ge­eig­net, den Kon­flikt zu lösen, sie war­te­te ge­spannt auf ihren Re­de­bei­trag, doch vor der Hand be­weg­te sich auf der Tri­bü­ne nichts, fast schien es, als streb­ten alle einer Pause zu. Nein, die­ses Ple­num war au­gen­blick­lich nicht gut be­setzt. Wich­ti­ge Ab­ge­ord­ne­te fehl­ten, die Re­gie­rungs­bank blick­te ver­waist, der mo­no­to­ne Re­de­fluss der Haus­halts­ex­per­tin pro­du­zier­te al­len­falls Sub­text, alle Eck­da­ten waren be­kannt. Sie hatte einen Hel­den er­war­tet und bekam nun den Ab­wasch. Er hatte eine Schwel­le über­schrit­ten und sie war ihm nach­ge­gan­gen. Viel­leicht hatte er etwas getan, was sein Leben än­der­te, so etwas schien gut mög­lich, ihr sechs­ter Sinn sagte ihr, dass es pas­siert war, zum Guten oder Bösen, sie war be­reit ge­we­sen, ihm, John­ny oder nicht, zu fol­gen, aber er war, wie es schien, be­reits an­ge­kom­men. Wenn er je an Auf­bruch ge­dacht hatte, dann en­de­te er hier, unter dem trü­ben Blick die­ser Lampe, die nicht ei­gent­lich schwach, aber un­end­lich fad sei­nen All­tag oder bes­ser: seine All­nacht be­leuch­te­te. Im Schein die­ser Lampe oder einer aus der end­li­chen Reihe ihrer Nach­fol­ge­rin würde er auch in zehn, zwan­zig Jah­ren sei­nen Kant aus dem Regal fi­schen oder sei­nen Spi­no­za be­fra­gen. Die Zeit stand still, in Raum ver­wan­delt, wall­te sie ihr von den Wän­den ent­ge­gen, aber das war nicht das Schlimms­te. Das Schlimms­te war sie selbst, durch­drun­gen von die­sem Flui­dum, in einem Zu­stand der Halbauf­lö­sung, fa­den­schei­nig bis in die Haar­wur­zeln, ganz und gar durch­drun­gen von einer Aus­sicht, die nicht die ihre war, von der sie sich aber er­fasst und bei le­ben­di­gem Leibe ver­schlun­gen fühl­te – mon Dieu. Ein, zwei Zei­len von Valéry geis­ter­ten durch den hoh­len Raum und ver­brann­ten zi­schend zwi­schen den Zwei­gen eines Öl­baums:

... ist wie ein Glas, das man durch Was­ser schwang
und setzt das reine Den­ken nicht in Gang.

Hiero, der mich tags dar­auf, aus wel­chem Im­puls auch immer, haar­klein über die Ge­scheh­nis­se die­ser Nacht ins Bild setz­te, wuss­te von sol­chen Re­gun­gen nichts, er ahnte sie nicht ein­mal. Seine Rede blieb de­tail­liert und ver­wor­ren, um nicht zu sagen kon­fus, sie er­öff­ne­te weite Spiel­räu­me für In­ter­po­la­ti­on und In­ter­pre­ta­ti­on, die ich um­ge­hend nutz­te, als ich mich auf den Heim­weg begab und den Be­richt Punkt für Punkt re­ka­pi­tu­lier­te. Die Fahrt dau­er­te lang, Last­wa­gen­ko­lon­nen ohne Ende, um­hüllt von Re­gen­fah­nen, gaben das Tempo vor. Das Ge­spräch der bei­den klang mir im Ohr, sein Über­gang in den an­de­ren Zu­stand, den sie zwar her­zu­stel­len wünsch­ten, aber nicht zu ge­stal­ten wuss­ten, ent­lock­te mir ein Lä­cheln, das nicht sehr weit reich­te, eine me­lan­cho­li­sche Tour de force, denn ich konn­te mich gut an ähn­li­che Se­quen­zen er­in­nern. Nein, ich brauch­te mich nicht an sie zu er­in­nern, sie waren eins mit dem Stoff, den Hie­ros in die­sem Punkt eher un­be­darf­te Rede aus mir her­vor­wühl­te – mit einer ge­wis­sen ver­hal­te­nen Ge­walt, die tat, als könne man ihr Wir­ken an jeder Stel­le un­ter­bre­chen oder als hafte ihr eine ge­wis­se Un­schlüs­sig­keit an, sich zu ma­te­ria­li­sie­ren, was aber kei­nes­wegs der Fall war. Ein ste­ter Strom von Pseu­doer­in­ne­run­gen ge­stal­te­te die­sen Abend, als sei es mein ei­ge­ner ge­we­sen, wech­sel­haft und de­tail­reich, an­ge­füllt bis zum Rande und eher zu viel­ge­stal­tig, als dass dies alles in einem wirk­li­chen, dem ste­ten Fort­schrei­ten der Zeit an­ver­trau­ten Ge­sche­hen hätte Platz fin­den kön­nen. Hier die etwas ver­lo­ren wir­ken­de Diva, von einer Weib­lich­keits­rol­le be­wegt, die sie kei­nem Dreh­buch in ähn­li­cher Dich­te hätte ent­neh­men kön­nen, von der sie sich aber ›be­stim­men‹ ließ bis in die Be­we­gun­gen ihrer Brau­en hin­ein und die Art, wie sie ihre Fer­sen auf die Bett­kan­te legte – alles un­spek­ta­ku­lä­re Ges­ten, je­doch von gro­ßer Reich­wei­te, durch­drun­gen von dem Wunsch, zu einer Ent­schei­dung zu kom­men, sie sich not­falls zu er­fin­den, auf jeden Fall aber zu holen, so wie man sich eine In­flu­en­za holt, nur ohne den drin­gen­den Wunsch, es möge sich hier und jetzt so er­ge­ben, dort der eher arm­se­lig wir­ken­de, sich in eine kind­li­che, ver­mut­lich von Mut­ter her­rüh­ren­de Trotz­hal­tung hin­ein­stei­gern­de oder eher hin­ab­be­ge­ben­de Kan­di­dat, der je­doch bis in jede Faser sei­nes Nichts­tuns hin­ein der Held blieb, als den Mech­tel ihn kon­zi­piert hatte und den sie jetzt vor sich her­trieb – mit einer ge­wis­sen Gna­den­lo­sig­keit, im üb­ri­gen ›voll der Gnade‹, die um­zu­set­zen sich wohl oder übel eine Ge­le­gen­heit bie­ten muss­te. Das alles hatte sehr wenig mit der Phi­lo­so­phie zu tun, der sie sich beide ver­schrie­ben hat­ten – er mehr, sie we­ni­ger, aber so etwas konn­te sich an be­stimm­ten Punk­ten der Ent­wick­lung leicht um­keh­ren –, we­ni­ger als nichts, es war ihr ne­ga­ti­ves Ab­bild in einem Ma­te­ri­al, in dem zu ar­bei­ten sie sich scheu­te, seit Psy­cho­lo­gen und Ro­man­schrei­ber die­ses Feld be­herrsch­ten. Der Durch­bruch, an dem Mech­tel ar­bei­te­te, war zwei­fel­los von lan­ger Hand ge­plant ge­we­sen, nicht von ihr, schon eher von Leu­ten, denen zu be­geg­nen sie nie­mals Ge­le­gen­heit hatte, was sie meist gleich­gül­tig ließ, aber in ge­wis­sen Mo­men­ten in eine ner­vö­se Span­nung ver­setz­te: Leu­ten wie Proust oder Dö­blin, lau­ter Män­nern, die zwar wenig von Frau­en, aber viel vom Mas­ken­spiel des Be­geh­rens ver­stan­den und be­reit waren, ihm weib­li­che Namen zu geben, auch wenn es gegen ihre ei­ge­ne Natur ging. Seit den Tagen jener He­ro­en exis­tier­te eine Phi­lo­so­phie des Be­geh­rens, die am hie­si­gen Se­mi­nar, von Au­ßen­sei­ter Ruff­mann ab­ge­se­hen, den nie­mand ernst nahm, nicht ge­lehrt wurde und nur ge­eig­net schien, Kä­richs Ver­ach­tung auf den Plan zu rufen. Ver­mut­lich war es auch keine Phi­lo­so­phie, son­dern schrieb nur eine Syn­tax fort, die von den Li­te­ra­ten auf­ge­bracht wor­den war, eine Weise, die Re­gun­gen zu ord­nen und die Ges­ten in be­stimm­te Fol­ge­ver­hält­nis­se zu set­zen, die sich, ohne dass man lange dar­über nach­den­ken muss­te, dia­lo­gisch nen­nen ließ und ge­eig­net er­schien, die pri­mi­ti­ve freu­dia­ni­sche Ma­trix, von der kei­ner unter den Le­ben­den los­kam, in etwas zu über­füh­ren, das den mensch­li­chen Ge­dan­ken- und Er­fin­dungs­reich­tum we­ni­ger be­lei­dig­te. Mech­tel kann­te die drei Krän­kun­gen des Ich, die der Meis­ter des Ho­kus­po­kus den Ein­wir­kun­gen der Kul­tur zu­schrieb. Sie kann­te sie aus­neh­mend gut, denn sie hatte erst kürz­lich eine Haus­ar­beit über sie ge­schrie­ben und aus die­sem An­lass lange Ge­sprä­che mit Hans-Ha­jo ge­führt. An­ge­tan hatte es bei­den vor allem die vom Dar­wi­nis­mus aus­ge­hen­de bio­lo­gi­sche Krän­kung. Genau ge­nom­men hat­ten sie ein­fach nicht be­grif­fen, worin sie be­stand. Auch wenn man die Her­aus­for­de­rung zugab, die für ein re­li­giö­ses Gemüt in der Vor­stel­lung eines Men­schen­tiers lie­gen muss­te, das ge­ne­tisch aus an­de­ren her­vor­ge­gan­gen war und viel­leicht nur ein Glied in einer nach ›oben‹ of­fe­nen Reihe dar­stell­te, so lag doch die Her­aus­for­de­rung eher an­ders­her­um und war of­fen­bar auch in den Zei­ten eines star­ken Glau­bens­be­dürf­nis­ses ganz ent­spre­chend auf­ge­fasst wor­den. Dass man ›den‹ Men­schen ›durch­aus‹ wie Vieh an­se­hen und be­han­deln konn­te, ent­sprach der Natur der Dinge und der Pro­fa­ni­tät sei­ner Be­dürf­nis­se, darin lag nichts Be­son­de­res, ver­gli­chen mit den phan­tas­ti­schen Mög­lich­kei­ten der Er­lö­sung und des Fort­le­bens nach dem Tode, ganz zu schwei­gen von der le­bens­lan­gen Be­treu­ung durch einen un­sicht­ba­ren und au­ßer­or­dent­lich schweig­sa­men gött­li­chen Be­glei­ter. Man kann sich von den Zu­mu­tun­gen der Re­li­gi­on be­quem in na­tu­ra­lis­ti­schen Vor­stel­lun­gen ent­span­nen, es dient of­fen­kun­dig der Er­ho­lung und kommt der Ge­sund­heit des Geis­tes zu­gu­te, der sich unter einer jen­sei­ti­gen Ab­kunft eben­so wenig vor­stel­len kann wie unter den Zah­len­spie­len der Tri­ni­täts­leh­re und ähn­li­chen Är­ger­nis­sen eines will­kür­li­chen Ver­nunft­ge­brauchs. Man muss schon ein nai­ver Geis­tes­wis­sen­schaft­ler sein und nicht durch­schau­en, dass der Glau­be an die Ge­schich­te nichts wei­ter dar­stellt als ein De­ri­vat des Er­lö­sungs­glau­bens, um das Mär­chen von der plötz­li­chen Ent­de­ckung der Ver­nunft durch die so­ge­nann­ten Auf­klä­rer zu... ja was denn? Zu glau­ben? Gut­zu­hei­ßen? Fort­zu­schrei­ben durch Ent­de­ckun­gen, die man sel­ber zu tä­ti­gen be­ab­sich­tigt? Woher dann der Über­druss an der Ver­nunft, die Kette der Ver­su­che, sie mit­tels ma­gi­scher Be­griffs­ver­wi­schun­gen wie­der in die Kör­per hin­ein­zu­prak­ti­zie­ren, deren ge­ne­ti­sche Ent­wick­lung sie so na­tür­lich aus allen mög­li­chen Funk­ti­ons­häpp­chen hat her­vor­ge­hen las­sen? Ob man das Ding, das denkt, Gen oder Ich nann­te, kam am Ende auf das­sel­be her­aus, viel­leicht nicht ganz, da man dem Gen damit den Sprung auf­bür­de­te, der im Ich stets be­reits voll­zo­gen war, den Sprung ins Be­wusst­sein, des­sen Rea­li­tät zu leug­nen ei­ni­ge Möch­te­gern-Wort­füh­rer nicht müde wur­den, ob­wohl ihre Aus­füh­run­gen alle an dem­sel­ben Punkt lahm­ten und au­ßer­or­dent­lich er­mü­dend aufs stu­die­ren­de Gemüt wir­ken konn­ten.

Selt­sa­mer­wei­se tat sich an die­ser Stel­le zwi­schen ihr und Hans-Ha­jo ein Spalt auf, über den zu la­chen sie nie­mals ver­säum­ten, ein Spält­chen nur, das aber den Blick in jenen ve­ri­ta­blen Ab­grund preis­gab, des­sen Emp­fin­dung in mir so stark ge­we­sen war, als Eli­sa­beth sich vor Ren­nertz und mir dem Rausch der Ent­blö­ßung hin­ge­ge­ben hatte. Die Frau­en­for­schung hatte noch nicht jene ab­son­der­li­chen Blü­ten ge­trie­ben, die wenig spä­ter dem gram­ma­ti­schen Ge­schlecht von Müll­ei­mern und Gieß­kan­nen einen schick­sal­haf­ten Ein­fluss auf das Los der Wei­ber hi­nie­den zu­schrieb, sie steck­te noch in den Kin­der­schu­hen, auch wenn von Kin­dern dabei sel­ten die Rede war. Es herrsch­te der sym­bo­li­sche Phal­lus. Er war aus der ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Über­for­de­rung des rea­len her­vor­ge­gan­gen und hatte sich zum An­trei­ber aller mensch­li­chen Dinge – fast stün­de jetzt hier: ge­mau­sert, aber etwas an dem Aus­druck ge­bie­tet mir Ein­halt. Der sym­bo­li­sche Phal­lus hatte den durch die zu­rück­lie­gen­den Be­mü­hun­gen der her­me­neu­ti­schen Schu­le kräf­tig an­ge­schwol­le­nen Ödi­pus­kom­plex in eine hand­li­che­re Form über­führt und sich als feste Größe ein­ge­führt, als un­ge­frag­ter Be­glei­ter in allen Le­bens­fra­gen, an­ge­fan­gen vom Schuh­kauf bis hin zu den ge­ho­be­nen For­men der Klep­to­ma­nie und des se­xu­el­len Ge­walt­kon­sums. Ein war­mes Plätz­chen, das war es, was sich eine Riege von wohl­sor­tier­ten Frau­en in sei­nem aka­de­mi­schen Wind­schat­ten er­gat­tert hatte, aus dem her­aus sie die Män­ner­sze­ne mit schnei­den­dem Hohn kom­men­tier­te. Ir­gend­wie un­an­ge­nehm. Mech­tel zuck­te leicht zu­sam­men, wohl wis­send, dass die Män­ner sie selbst als scharf­zün­gig emp­fan­den. Darin be­stand viel­leicht das Los der in­tel­lek­tu­el­len Frau. Umso merk­wür­di­ger, dass Hans-Ha­jo sol­chen durch­sich­ti­gen Ak­ti­vi­tä­ten mit die­ser Ehr­er­bie­tung be­geg­ne­te, die manch­mal die Ehr­furcht vor dem Hei­li­gen streif­te. Es be­ein­träch­tig­te ihr Ge­spräch zwar nicht, fügte ihm aber Un­ter- und Ne­ben­tö­ne hinzu, vor denen sie sich bei­na­he fürch­te­te, da es ihr all­mäh­lich so vor­kam, als müsse sie an die­sen Stel­len für ihn mit­den­ken und werde dafür mit Nicht­glau­ben, ja sogar einer leise feind­se­li­gen Ge­gen­wehr be­straft. Das gab ihr, in selt­sa­mer An­wen­dung einer auf der an­de­ren Seite im Schwan­ge be­find­li­chen Denk­fi­gur, die star­ke Emp­fin­dung ein, mit einem durch­ge­stri­che­nen Mann zu­sam­men zu leben. Si­cher hatte das seine An­nehm­lich­kei­ten, die Be­zie­hung er­hielt da­durch ge­schwis­ter­li­che Züge, aber dass etwas daran nicht stimm­te, wurde ihr schmerz­lich be­wusst, wenn sie den ma­gne­ti­schen Sprü­chen Pws lausch­te, dem sie seit lan­gem ein Tür­chen of­fen­hielt. Von Haus aus feige, hü­te­te er sich, hin­durch­zu­ge­hen.

Sie sah es mit lei­ser Ent­täu­schung und mil­dem Spott. Hiero hin­ge­gen war in ihren Augen ein Ter­ri­er. Sein Se­xu­al­ver­hal­ten mu­te­te völ­lig ar­cha­isch an. Bis­lang war er ihr nur mit freund­li­cher In­dif­fe­renz be­geg­net, viel­leicht lag darin der Reiz. Das un­ter­schwel­li­ge Kom­pli­zen­tum, das die an­de­ren Män­ner fort­wäh­rend aus­strahl­ten, von des­sen Aprio­ri-Be­rech­ti­gung sie ir­gend­wie aus­zu­ge­hen schie­nen, ohne dass die weib­li­che Ein­schät­zung dabei wei­ter in Be­tracht kam, be­frem­de­te sie, auch wenn sie es sich ge­fal­len ließ. Nichts davon besaß Hiero. Vor ein paar Mo­na­ten war er meh­re­re Tage lang von der Bild­flä­che ver­schwun­den. Es hieß, dass er sich mit einer Frau in sei­ner win­zi­gen Woh­nung ver­schanz­te, die er nur ver­ließ, um für die not­wen­di­gen Le­bens­mit­tel zu sor­gen. Kei­ner hat die Frau zu Ge­sicht be­kom­men, weder vor­her noch nach­her. Al­lein Anton war einem Ein­kaufs­tü­ten schlep­pen­den Hiero auf der Stra­ße be­geg­net und wuss­te von be­sorg­nis­er­re­gen­der Hohl­wan­gig­keit zu be­rich­ten. Sie schien aber be­reits deut­lich ab­ge­klun­gen, als Hiero, ab­ge­kämpft und dank­bar, wie­der am Ge­mein­schafts­le­ben teil­nahm und wie zuvor in ihrem ge­wohn­ten Pulk der Mensa zu­streb­te. Üb­ri­gens blieb er ver­schwie­gen. Kein Wort kam über seine Lip­pen, er ent­blöß­te nur das Ge­biss, wenn einer der an­de­ren die Rede auf seine Ab­we­sen­heit brach­te.

War das schlimm? War das gut? Es war, wie es war. An­de­re moch­ten dem Phan­tom des neuen Man­nes hin­ter­her­lau­fen, der ihr, ehr­lich ge­sagt, außer am Tre­sen noch nicht be­geg­net war. Ge­ra­de dort be­hag­te er ihr am we­nigs­ten. Was Hiero aus­strahl­te, war Kraft, rohe viel­leicht, je­den­falls un­ge­zü­gel­te, der man eben­so zu­trau­te, dass sie sich au­gen­blick­lich ent­lud, wie dass sich in der Zu­kunft etwas aus ihr ergab, etwas Un­ge­wöhn­li­ches, das den Le­bens­ho­ri­zont der an­de­ren ›Her­ren‹ deut­lich über­stieg.

Es war ein biss­chen wie in der Drei­gro­schen­oper, auch wenn man nicht damit rech­nen durf­te, dass Hiero die Kar­rie­re eines Zu­häl­ters und Ban­den­chefs ver­fol­gen würde. Und das war gut so. Der Lehr­stuhl, auf dem er am Ende Platz neh­men würde, bot an­de­re Mög­lich­kei­ten. Wenn Brecht sich in einem ge­täuscht hatte, dann darin, dass er die bür­ger­li­chen Mög­lich­kei­ten so groß­zü­gig vom Tisch ge­wischt hatte, unter denen die Wis­sen­schaft, wie nicht bloß die DDR be­wies, Qua­li­tä­ten besaß, die vor kei­ner Sys­tem­gren­ze Halt mach­ten. Kin­der, lernt den­ken. Das kann euch kei­ner weg­neh­men, egal, was kommt. Ein Spie­ßer­spruch, hin­ter dem sich Le­bens­ab­stür­ze ver­bar­gen, von denen sie gar nichts wis­sen woll­te. Und: ein in we­ni­gen Jah­ren, in­zwi­schen be­reits Jahr­zehn­ten, auf­ge­schos­se­nes ge­sell­schaft­li­ches Ge­häu­se, das sie und ih­res­glei­chen, egal wel­chen Ge­schlechts und Cha­rak­ters, mit Mau­ern aus Beton und Glas um­schloss und gegen etwas ab­schot­te­te, was aus der Ferne dem Schlamm und Elend äh­nel­te, durch das sich ein Heer vor­gest­rig ge­klei­de­ter Flücht­lin­ge aus den länd­li­chen Ge­bie­ten des nun­mehr in­exis­ten­ten Os­tens wälz­te – dem Wes­ten zu, der Stadt auf dem Berg, den hol­den Hai­nen von In­gol­stadt und wei­ter nach Loui­sia­na. Ohne Zwei­fel war ihnen die­ser Zug ein­ge­schrie­ben, den jun­gen Frau­en mehr als den Män­nern, je­den­falls wenn man die ab­ge­schnit­te­nen Wege zu­rück be­trach­te­te. ›Vor­wärts immer, rück­wärts nim­mer.‹ So tönte der sta­li­nis­ti­sche Filz­pan­tof­fel, der es nicht in den Wes­ten ge­schafft hatte, es klang däm­lich, aber es war was dran.

Vor­wärts immer, rück­wärts nim­mer. Den Druck der Pa­ro­le spür­te auch Hiero. An die­sem Abend soll­te er die Selbst­ent­blö­ßung auf einen Punkt trei­ben, der ihn mir end­gül­tig zur wei­te­ren Be­ob­ach­tung emp­fahl. Bis dahin hatte ich ihn ge­mocht, von nun an sah ich das Drama, nach dem sich die­ses Leben un­er­bitt­lich aus­rich­te­te, auch wenn man nicht sagen konn­te, dass es von ihm ge­wollt war: dazu hätte es ent­schie­de­ner An­stren­gun­gen be­durft, es an­zu­neh­men oder ihm zu ent­ge­hen. Die ein­zi­ge An­stren­gung, zu der Hiero sich auf­raf­fen konn­te, be­stand darin, sich, komme, was da wolle, unter Span­nung zu hal­ten. Damit rück­te er alles, was ihm ge­schah, in eine Le­bens­per­spek­ti­ve, die außer ihm kei­ner zu sehen ver­moch­te. Das wei­te­re ver­stand sich von selbst. Ge­ra­de das soll­te sich, will man es kit­schig aus­drü­cken, als ver­häng­nis­vol­ler Irr­tum er­wei­sen. Armer Hiero. Ein wenig hatte er sich sein Hel­den­tum selbst zu­gu­te ge­hal­ten, seit er durch die weit ge­öff­ne­te Tür des Le­cke­busch­schen Hau­ses in eine kühl ge­spren­kel­te Nacht­luft hin­aus­ge­ru­dert war, voll ge­misch­ter Emp­fin­dun­gen, ge­wärmt von tie­fer Be­frie­di­gung, unter der die Un­ru­he keim­te, ein viel­leicht ent­schei­den­des Ar­gu­ment über­se­hen und sich bla­miert zu haben. Nein, er konn­te kei­nes ent­de­cken. Bis heute nicht, bis vor we­ni­gen Stun­den nicht. Jetzt spiel­te die­ser Feh­ler auf sei­ner Bett­kan­te mit den ei­ge­nen Füßen eine Art Jo-jo-Spiel, zu dem die nach­denk­li­chen Ge­sichts­zü­ge nicht recht pas­sen woll­ten, die er so gut kann­te. Zu gut viel­leicht, sie hät­ten sei­ner Schwes­ter ge­hö­ren kön­nen, so wenig auf­re­gend kamen sie ihm vor. Viel­leicht lag darin der Ta­bu­bruch, zu dem das Spiel der Füße ihn auf­for­der­te, wäh­rend er sich gern wei­ter un­ter­hal­ten hätte. Im schwes­ter­li­chen Ap­pell lag eine wei­te­re Über­schrei­tung, eine Über­grif­fig­keit oh­ne­glei­chen, die er sich nicht bie­ten las­sen muss­te. Sie lag in sei­nem Bett. Die­ser Irr­tum muss­te kor­ri­giert wer­den, auf der Stel­le. Worin die Kor­rek­tur be­ste­hen konn­te, ent­zog sich vor­der­hand sei­ner Kennt­nis. Ei­gent­lich hatte er das Spiel schon ver­siebt, er hatte es ver­säumt, sich mit einem spre­chen­den Blick aus dem Au­gen­win­kel oder einem groß­kot­zi­gen Ver­piss dich, Puppe oder Raus­raus, je­den­falls mit einem ent­schie­de­nen Ruck, aus sei­ner Lage zu be­frei­en. Jetzt, da sie sich auf an­de­re Lö­sun­gen zu be­weg­te, fehl­te das Dreh­buch.

Woher neh­men, sprach der Rabe. Armer Hiero. Es wäre re­la­tiv ein­fach ge­we­sen, jetzt, ge­ra­de jetzt, sich neben sie auf die Bett­kan­te zu set­zen und im Rah­men einer leich­ten Lieb­ko­sung mit einem ›Hör mal‹ einen jener Sätze zu be­gin­nen, die unter viel­fäl­tig ab­wan­del­ba­rer Ver­wen­dung der Phra­se ›Lass uns noch­mal nach­den­ken‹ ihrem un­ver­rück­ba­ren Ziel ent­ge­gen­zie­hen, mit denen die Stim­me der Ver­nunft, neben einer leich­ten oder mitt­le­ren Ver­stim­mung der an­de­ren Seite, ihre Ziele er­reicht. Aber das wäre zu ein­fach ge­we­sen, es kam nicht in Be­tracht, ergab auch kei­ner­lei Sinn, es kam ihm gar nicht in den Sinn. Denn so am­bi­va­lent seine Emp­fin­dun­gen Mech­tel ge­gen­über auch waren, er hätte sie gern ›ge­habt‹ und sei es nur, um damit vor sich selbst zu pa­ra­die­ren. Der frag­men­ta­ri­sche, dabei be­stän­di­ge Wi­der­stand, den sie sei­nen auf ge­nau­er Kennt­nis der Texte fu­ßen­den Auf­fas­sun­gen al­lent­hal­ben ent­ge­gen­setz­te, hatte einen Über­zeu­gungs­im­pe­tus er­zeugt, der seine Über­schüs­se los­wer­den woll­te, gleich, ›auf wel­cher Ebene‹, um es in der Se­mi­nar­spra­che zu sagen, mit­tels derer sie sich ver­stän­dig­ten. Au­ßer­dem... konn­te er sie nicht gehen las­sen, es ging nicht. Der Schritt, den sie getan hatte, war un­kor­ri­gier­bar, er ver­lang­te zwin­gend den nächs­ten. Und so be­müh­te sich Hiero, das ab­ge­ris­se­ne Ge­spräch wie­der in Gang zu be­kom­men, was wider Er­war­ten ein­fach von­stat­ten ging, so dass sie bin­nen kur­zem ne­ben­ein­an­der auf dem Bett saßen und er ihr re­la­tiv dün­nes Haar zu selt­sa­men Kno­ten flocht, die sie an­schlie­ßend mit leich­ter Hand wie­der löste.

Die Kon­kur­ren­ten
9
Hiero: Figur 1
Klimm­zü­ge

Dies­mal kam der brem­sen­de Im­puls von ihr. Am Ende einer nicht re­kon­stru­ier­ba­ren Ge­dan­ken­ket­te hatte sie fest­ge­stellt: Nein, es ging nicht. So­lan­ge sie sei­nen Wi­der­stand ge­spürt hatte, war sie sich ihrer Sache si­cher ge­we­sen. Jetzt, nach­dem er ihn auf­ge­ge­ben hatte, um die Dinge vor­an­zu­trei­ben, legte sich die Un­ent­schlos­sen­heit, die sie aus sei­nem Wol­len her­aus­spür­te, um ihre Kehle: sie merk­te, dass sich ir­gend­wo in ihr ein Schluch­zen form­te und hass­te ihren Kör­per, hass­te ihren Ent­schluss her­zu­kom­men, hass­te die ent­stan­de­ne Si­tua­ti­on mit einer In­brunst, die Hiero sich als be­son­de­re Form des En­ga­giert­seins zu­recht­leg­te, als einen neuen Wi­der­stand, den es zu über­win­den galt, als ge­bie­te­ri­sche Auf­for­de­rung, sich zu be­wei­sen. Und er be­stand dar­auf, die­sem Ruf Folge zu leis­ten. (Er kann­te die Stel­le, die mich sei­ner­zeit be­schäf­tigt hatte und die ›das Weib­li­che‹ als Ruf in­ter­pre­tier­te, eben­so gut wie ich, dach­te aber nicht ent­fernt daran, ihre Komik zu wür­di­gen.) ›Leg doch end­lich ab‹ hätte er ihr gern ins Ohr ge­raunt, hätte er es nicht als al­bern emp­fun­den. Er war sich si­cher, dass sie Schwie­rig­kei­ten hatte, aus den Kla­mot­ten zu kom­men. Die De­ckung ver­las­sen, sich prä­sen­tie­ren, das war nicht ihr Ding: kei­nes­falls wünsch­te sie sich als Gabe zu sehen, schon gar nicht in sei­nen Augen, schon gar nicht als Drein­ga­be. Zum Teu­fel mit den Frau­en und ihren Wi­der­stän­den. Ein schwe­res Stück Ar­beit ver­sprach das zu wer­den, das war kein ra­pi­der Sex, es war lang­wei­lig. Als Mann sah er sich dop­pelt ge­for­dert: er muss­te die­sen Wi­der­stand über­win­den und das Ge­fühl der Un­lust in sich be­kämp­fen, das ihm klipp und klar kund­tat, dass diese Form der Be­frie­di­gung, die mit der Ver­sa­gung ope­rier­te und sie immer in der Hin­ter­hand be­hielt, zu­tiefst re­ak­tio­när war und sich nicht mit sei­nen Über­zeu­gun­gen in Über­ein­stim­mung brin­gen ließ, die in der Se­xua­li­tät das freie Spiel der Po­ten­zen zu sehen wünsch­ten und sonst gar nichts. Na­tür­lich nicht – was soll­te man von einer, die schon im Ge­spräch no­to­risch da­ge­gen hielt, an­de­res er­war­ten, als dass sie auch an die­ser Stel­le Schwie­rig­kei­ten bekam. Der Logos sper­ma­ti­kos, ver­rück­tes Welt­zei­chen einer ab­sei­ti­gen Phi­lo­so­phie, hatte es ihm stär­ker an­ge­tan, als er es je­mals zu­ge­ben würde, warum soll­te er es sich selbst ge­gen­über leug­nen, warum soll­te er es jetzt leug­nen? Dazu be­stand kein Grund, kei­ner­lei Grund, es war eine Idee, so gut wie jede an­de­re, sie konn­te sich durch­set­zen wie jede an­de­re, sie hatte das Recht dazu, ohne Zwei­fel hatte sie ein Recht dar­auf, er­probt zu wer­den. Bis­her war er gut damit ge­fah­ren, es gab kei­nen Grund, sie ab­rupt vom Pro­gramm ab­zu­set­zen und etwas an­de­res zu ver­su­chen. Wenn Mech­tel ihn nicht ver­stand, dann war das dumm, aber dumm für sie, nicht für ihn, es stand auch im Wi­der­spruch zu ihrer sons­ti­gen In­tel­li­genz, ei­gent­lich müss­te sie sich das selbst sagen. Was sie sich aber sagte, war etwas völ­lig an­de­res. Sie hatte be­schlos­sen, das Schluch­zen in Schach zu hal­ten, koste es, was es wolle. Kehr­te er jetzt den Macho her­aus, der nur noch vö­geln woll­te, ohne sich um ihre Be­find­lich­keit zu küm­mern, dann war das sein Pro­blem und nicht ihres. Viel­leicht glaub­te er ja, es sei­ner Männ­lich­keit schul­dig zu sein, viel­leicht glaub­te er, es ihr schul­dig zu sein, von die­sem Wahn soll­te sie ihn so rasch wie mög­lich hei­len, sonst ging sie hier am Ende weg mit dem bil­li­gen Ge­fühl, ab­ge­füllt wor­den zu sein, schon der Ge­dan­ke daran mach­te sie krank.

Krank, das war das Wort, das ihm durch den Kopf geis­ter­te, wäh­rend er sie mit nach­las­send wach­sen­dem Eifer wei­ter be­fin­ger­te, das ist doch krank. Krank war es, die­ser Ver­krüp­pe­lung eines ge­sun­den Vor­gangs wei­ter bei­zu­woh­nen, sie aktiv mit zu be­trei­ben, wäh­rend man zur Pas­si­vi­tät ver­dammt wurde. Viel­leicht war die Ver­dam­mung auch nur ein Kind des An­stands, viel­leicht woll­te sie, dass er ihren Wi­der­stand mit ein wenig Bru­ta­li­tät brach, viel­leicht war­te­te sie dar­auf, dass er über die Gren­ze ging: zu­tiefst re­ak­tio­när wäre auch das, er ver­ach­te­te die Per­ver­sen und konn­te nur den Kopf schüt­teln, wenn er sah, wie sich ge­wis­se Edi­ti­ons­phi­lo­so­phen die­ser Kli­en­tel an­dien­ten. Ge­walt gegen Frau­en, ein ku­rio­ses Thema unter Leu­ten, die sich, in der Phan­ta­sie oder sonst­wie, von schwar­zen Do­mi­nas mit der Peit­sche trak­tie­ren lie­ßen und in den Aus­la­gen das Le­der­zeug an­starr­ten, mit feucht wer­den­den Hän­den und einem Blick, in dem die Be­sorg­nis, be­ob­ach­tet zu wer­den, lang­sam zer­schmolz. Ohne ihn. Wenn sie das woll­te, dann konn­te er jetzt gleich ihre Jacke vom Haken holen und sie mit einem ›Tschüss‹ zur Tür hin­aus­bug­sie­ren, auch das ver­mut­lich ein ge­walt­sa­mer Akt, aber ein be­frei­en­der. Dass sie so etwas woll­te, konn­te er sich ei­gent­lich nicht vor­stel­len, er trau­te es ihr nicht zu, und wenn doch, dann soll­te sie hin­rei­chend in­tel­li­gent sein, um zu be­grei­fen, dass das nicht lief, nicht mit ihm, schon gar nicht hier, auf sei­nem Bett, in sei­ner Woh­nung, mit dem auf­ge­schla­ge­nen Hus­serl auf dem Schreib­tisch und dem Blatt Pa­pier da­ne­ben, auf dem er vor­sorg­lich schon ein­mal seine Ge­dan­ken sor­tier­te, für den Fall, dass ihn der Rich­ti­ge end­lich frag­te, ob er ihm nicht fol­gen wolle, nach Pas­sau oder Ham­burg, gleich­viel. Die­ses Blatt... gleich beim Ein­tre­ten hatte sie einen Blick dar­auf ge­wor­fen, aber keine Fra­gen ge­stellt, es hatte einen son­der­bar hilf­lo­sen Ein­druck auf sie ge­macht, wie eine Art pra­e­pa­ra­tio ad ni­hilum. Die sim­ple Frage ›Und wenn er dich nun nicht nimmt?‹ lag ihr die ganze Zeit auf den Lip­pen, sie moch­te sie aber nicht aus­spre­chen. Warum auch? Nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter ent­fernt stand, grün um­man­telt, Mai­mo­ni­des’ Füh­rer der Ver­wirr­ten, in der neue­ren Aus­ga­be hieß er ›Füh­rer der Un­schlüs­si­gen‹, was theo­lo­gisch ver­mut­lich Sinn mach­te, im All­tag al­ler­dings Be­den­ken pro­vo­zier­te. Pro­vo­ziert füh­len konn­te sich auch Hiero, den jene Frage seit Wo­chen ver­folg­te. Er fing sie aus der Luft ein, viel­leicht, weil sie immer in ihm ge­le­gen hatte, aber mit der Bitte, kei­ner­lei Ge­we­se um ihre An­we­sen­heit zu ma­chen, sie ein­fach zu igno­rie­ren, die Zeit zu über­brü­cken ver­such­te, in der die Ent­schei­dung nicht anlag, ob­wohl sie, wie zu ver­mu­ten stand, auf der an­de­ren Seite, in Tron­kas Vor­stel­lungs­welt, be­reits ge­fal­len war. In ge­wis­ser Weise hatte er, Hiero, sich sogar am heu­ti­gen Abend, seit ihm Mech­tels wei­ter­ge­hen­de Ab­sich­ten auf­ge­gan­gen waren, Auf­schluss in die­ser Kern­fra­ge er­war­tet, ein mit­lau­fen­des Ego starr­te voll Be­gier­de auf den Punkt, an dem in­mit­ten einer gras­grü­nen Leere das Schilfbün­del auf­rag­te, das sie barg, er hätte sich gut vor­stel­len kön­nen, wie Mech­tels frau­li­che Hände es ge­schickt aus­ein­an­der bogen, wie sie beide das zarte, kaum sin­nes­fä­hi­ge Wesen aus­gie­big und von allen Sei­ten be­trach­te­ten und lieb­kos­ten, um es nach einer Weile vor­sich­tig wie­der zu­rück an sei­nen Platz zu legen –.

Was war das für ein Platz? Gab es ihn über­haupt noch, nach­dem die Frage ein­mal auf­ge­nom­men und ant­wort­fä­hig ge­macht wor­den war? Nie und nim­mer war sie die­sel­be, so­bald sie ein­mal zwi­schen ihnen hin und her ge­dreht und ge­wen­det wor­den war. Das stand auch für Mech­tel fest. Sie sah eine Auf­ga­be darin, von der sie je­doch nicht wuss­te, ob sie sie an­ge­hen soll­te. Je­den­falls schien sie ihr keine erste Dring­lich­keit zu be­sit­zen, son­dern ir­gend­wie spä­ter zu kom­men, wenn die Dinge be­gon­nen hat­ten, ihren na­tür­li­chen Gang zu gehen. Wie die­ser na­tür­li­che Gang be­schaf­fen sein würde, ent­zog sich al­ler­dings nicht nur der Vor­stel­lung, son­dern auch dem be­griff­li­chen Zu­gang, der ir­gend­wo zwi­schen den rhe­to­ri­schen Bar­ba­ris­men der El­tern­ge­ne­ra­ti­on und der be­tont fla­chen Be­zie­hungs­spra­che, die sie mit Hans-Ha­jo pfleg­te, zu fin­den sein muss­te. Han­del­te es sich um einen Stol­len, der sie mit schlaf­wand­le­ri­scher Si­cher­heit aus dem auf­ge­nö­tig­ten Schat­ten­da­sein hin­aus­führ­te, wie es Pla­tons etwas ab­ge­stan­de­nes Höh­len­gleich­nis na­he­leg­te, oder um den fa­mo­sen ›auf­rech­ten Gang‹, von dem alle spra­chen, ohne dass sie je­mals ge­se­hen hätte, wie ihn je­mand rea­li­sier­te? Die Über­le­gung be­schäf­tig­te auch Hiero, für den ›na­tür­lich‹ nur die zwei­te Va­ri­an­te in Be­tracht kam, wobei er im Falle Pla­tons ein ge­wis­ses Vor­ver­ständ­nis gel­ten ließ, das erst in der kan­ti­schen Theo­rie zu sich selbst fand, die wie­der­um erst im Neu­kan­tia­nis­mus, ein biss­chen viel­leicht in Hus­serls Ideen, ob­wohl, so wie ›wir‹ erst lang­sam be­grif­fen, worin deren grund­le­gen­de Ge­dan­ken... Das war es na­tür­lich. Eher fand eine Theo­rie zu sich selbst als die Sache, die darin ver­han­delt wurde. Diese Sache, die Sache der Theo­rie, ver­lang­te ge­bie­te­risch, zu einem Ab­schluss zu kom­men, Han­deln hieß förm­lich nichts an­de­res als: Ab­schlüs­se tä­ti­gen, ein Aus­druck, der zwar der Ver­tre­ter­spra­che ent­stamm­te, je­doch einen weit­hin un­ge­bor­ge­nen mensch­li­chen Sinn ent­hielt. Wie ein Ab­schluss aus­se­hen konn­te, trat zu­rück gegen die mensch­li­che Not­wen­dig­keit, ihn zu er­rei­chen – selt­sa­mes, selt­sam un­be­frie­di­gen­des Ex­em­pel eines Per­sön­lich­keits­trans­fers, den Mech­tel, wie man so sagt, aus dem Zug­fens­ter be­ob­ach­te­te, äu­ßer­lich un­be­tei­ligt, doch mit bren­nen­der An­teil­nah­me, als werde da drau­ßen eine An­ge­le­gen­heit ver­han­delt, die weit in ihre Kind­heit zu­rück­reich­te und Schat­ten vor­aus in die Zu­kunft warf – ach was ver­han­delt, be­strit­ten, in bei­der­lei Be­deu­tung des Wor­tes, was denn sonst.

Un­end­lich ist das Ge­tö­se,
Un­end­lich die Nacht auch.

Nein, so taff war sie nicht, un­se­re Mech­tel, so taff nicht, dass sie jetzt nicht lang­sam ge­schmol­zen wäre, sie hatte ja nichts an­de­res vor­ge­habt, wie soll­te es da auf etwas an­de­res hin­aus­lau­fen? Sie hatte nicht vor­ge­habt, sich ab­surd zu ge­bär­den, wie soll­te sie sich da plötz­lich ver­wei­gern, es sei denn...

Nein Mech­tel, so läuft die Sache nicht. Warum? Keine Ah­nung. Wirk­lich keine Ah­nung, Eh­ren­wort, gro­ßes Eh­ren­wort, das endet zwar in der Wanne, aber – seis drum. Ein Wür­fel­wurf und Hiero geht in die Skla­ve­rei, auf­recht, ge­las­sen, vor allem ge­las­sen, an­de­re hat es vor ihm ge­trof­fen, er ist nicht der letz­te in die­ser Kette, ein Ar­bei­ter in den Stein­brü­chen, na­men­los, aber: nicht ohne Stolz.

Nicht ohne Stolz.

Diese plötz­li­che Er­schlaf­fung, von kei­ner Seite vor­aus­ge­se­hen, ist keine Er­fin­dung von mir, keine Zu­ga­be. Sie stand zwi­schen den akri­bisch ge­wähl­ten Wor­ten, in denen mir Hiero, von einem selt­sa­men Be­dürf­nis ge­trie­ben, den Abend be­schrieb, sie stand zwi­schen den Zei­len sei­nes Be­richts, der dar­auf hin­aus­lief, dass, zu sei­nem noch immer un­ru­hig nach­zit­tern­den Er­stau­nen, das Un­fass­ba­re ein­ge­tre­ten und es zu nichts ge­kom­men war. Er war ein Kämp­fer, der gute Hiero, es schmerz­te ihn, sei­nem Auf­trag un­treu ge­wor­den zu sein, er hätte, fürch­te­te ich, die Schar­te lie­ber heute als mor­gen aus­ge­wetzt. Er ging nicht so weit, sich dafür die Kugel zu geben oder sich in Selbst­vor­wür­fen zu er­ge­hen. Aber etwas würde ge­sche­hen, etwas Mons­trö­ses, wenn es sein muss­te, des­sen war ich mir si­cher. Ich, der ein paar Jahre Äl­te­re, hätte ihm er­klä­ren kön­nen, was ihm wi­der­fah­ren war. Ich hätte de­tail­liert die Zir­kel­schlüs­se be­schrei­ben kön­nen, auf Grund derer sie beide vor- oder recht­zei­tig in ihre Haut zu­rück­ge­kehrt waren, die sie in Wahr­heit an kei­ner Stel­le ver­las­sen hat­ten, ge­trie­ben von einem Wunsch, der viel­leicht mehr war als ein Wunsch, wie das Mo­de­wort ›Be­geh­ren‹ zag­haft an­deu­te­te, ein über-die-Rän­der-Drän­gen, das schreck­haft zu­sam­men­zuck­te, so­bald ein fins­te­rer Ko­bold das Wort ›Hin­ga­be‹ in den Raum warf, nur so, zum Ver­gnü­gen, aber töd­lich genau ins Herz der Ver­an­stal­tung tref­fend. Aber es hätte kei­nen Zweck ge­habt, er wäre nur ein wei­te­res Mal zu­sam­men­ge­zuckt und hätte das Ge­spräch ab­rupt be­en­det, als hätte ich etwas Ge­schmack­lo­ses ge­sagt oder so­eben eine zu­tiefst re­ak­tio­nä­re Seele ent­blößt. Na­tür­lich hätte ich ihm so klar, wie es mir selbst vor der Seele stand, er­läu­tern kön­nen, dass dem Ver­rat an Hans-Ha­jo, der ihn an­geb­lich so ver­un­si­chert hatte, ein an­de­rer Ver­rat vor­aus­ge­gan­gen war, den jeder der bei­den an sich wie am an­de­ren be­gan­gen hatte, dass seine ei­ge­ne Ver­un­si­che­rung, weit davon ent­fernt, aus Loya­li­täts­grün­den ge­speist zu wer­den, den­sel­ben Ver­rat be­reits im vor­aus ent­warf und zwi­schen Mech­tel und ihm de­po­nier­te, dass schließ­lich ihr Auf­tau­chen an jenem Abend, wer weiß, den ein­zi­gen Ver­such in ihrem Leben be­deu­ten moch­te, dem Zir­kel die­ses wech­sel­sei­ti­gen Ver­rats zu ent­rin­nen und den ›fes­ten Grund‹, um die kan­ti­sche Phra­se zu ge­brau­chen, einer Loya­li­tät jen­seits der Zu­ver­läs­sig­keit von Part­nern zu er­rei­chen, zwi­schen denen al­ler­lei All­tags­pro­jek­te ab­ge­spro­chen waren, dar­un­ter auch der wech­sel­sei­ti­ge Ge­brauch der Ge­schlechts­or­ga­ne: dazu war sie ins Was­ser ge­sprun­gen und hatte sich, nach­dem sie kei­nen Grund unter die Füße be­kom­men hatte, rasch wie­der ans Ufer ge­ret­tet – recht­zei­tig, wie ihr schien, so recht­zei­tig, dass sie ihm gar nicht kennt­lich hatte wer­den kön­nen. Denn auch sie hatte alles ge­stellt, sie war un­ter­wegs ge­we­sen, ohne un­ter­wegs zu sein, was si­cher klug von ihr war, wie der Aus­gang des Ex­pe­ri­ments ihr zei­gen muss­te, doch ge­ra­de nicht klug genug, um die­sen Aus­gang zu ver­hin­dern, falls er zu ver­hin­dern ge­we­sen wäre, was ver­mut­lich nicht der Fall war, denn Hiero wäre an die­ser Stel­le sehr hef­tig zu­sam­men­ge­zuckt und hätte sich nach­träg­lich be­glück­wünscht, nicht in die Falle einer be­stell­ten Hö­rig­keit ge­gan­gen zu sein.

Und doch war es ge­ra­de der Aus­druck ›Hö­rig­keit‹, der ihn um­flog und um­wis­per­te, wo immer er in die­sen Wo­chen ging und stand. Al­ler­dings nicht be­zo­gen auf ir­gend­wel­che ero­ti­schen Ka­pri­cen, son­dern auf jenes an­de­re Stock­werk, in dem Tron­ka bei ihm ein und aus ging, der­sel­be Tron­ka, der mit hoch­fah­ren­der Geste alle Nach­fra­gen vom Tisch wisch­te, ein Tron­ka, der aus sei­nem Her­zen nicht eine, son­dern, je­den­falls was sein aka­de­mi­sches Fort­kom­men an­ging, das in ein kri­ti­sches Sta­di­um ein­ge­tre­ten war, we­nigs­tens drei Mör­der­gru­ben ge­macht hatte. Es ist schon ein selt­sa­mes Los, in einem Alter, in dem der eine oder an­de­re in ge­le­gent­li­chen Ge­sprä­chen be­reits deut­li­che Ver­traut­heit mit Pen­si­ons­ta­bel­len oder er­wor­be­nen Ren­ten­an­sprü­chen auf­blit­zen lässt, der ban­gen Frage aus­ge­lie­fert zu sein, ob der vor lan­gen Jah­ren ge­wähl­te Beruf einen an­neh­men oder de­fi­ni­tiv zu­rück­wei­sen werde. Vor allem, wenn die­ser Beruf zwei­mal vor­han­den ist – im Stel­len­ap­pa­rat einer Uni­ver­si­tät und oben in den Wol­ken, wo die Geis­ter­hee­re auf­ein­an­der pral­len wie in der Ra­ben­schlacht über dem Od­feld, das kaum einer kennt und auf dem viel­leicht, wie dem Er­zäh­ler schwant, das Schick­sal die­ser Welt ver­han­delt wird. Die Frage dürf­te sich, da per­sön­lich längst be­ant­wor­tet, ei­gent­lich gar nicht stel­len. Al­lein dass sie aus einem lange er­war­te­ten Nichts auf­taucht, ent­hält neben der Be­dro­hung eine ver­nich­ten­de Kri­tik an der sei­ner­zeit ge­trof­fe­nen Wahl, die einen doch er­eilt hatte, ›wie ein Blitz‹ den einen, lang­sam und bei­na­he un­merk­lich den an­de­ren, in jedem Fall durch frühe Er­wäh­lung sei­tens des Pro­fes­sors be­sie­gelt, der eine Mit­ar­bei­ter­stel­le be­setzt. Nicht jedem ist es ge­ge­ben, in die­ser ri­tu­ell und un­ver­mu­tet an­fal­len­den Rolle zu glän­zen, ob­wohl ge­ra­de hier die Blen­der die Nase vorn haben – schein­bar vorn haben, da auch in die­sem Fall Loya­li­tät vor Schön­heit geht und sie am Ende un­ge­fähr ge­nau­so viel oder wenig Nut­zen ab­wirft wie wirk­li­che Bril­lanz.

Hiero, den bis dato nie­mand ge­fragt hatte, ob er sich vor­stel­len könne, wäh­rend der kom­men­den Jahre die an einem Lehr­stuhl an­fal­len­den Se­mi­nar­ar­bei­ten zu kor­ri­gie­ren und Ein­füh­rungs­se­mi­na­re zu Leib­niz’ Mo­na­den­leh­re und Witt­gen­steins Theo­rie des Sprach­spiels ab­zu­hal­ten, wäre dank­bar ge­we­sen, hätte ihn Tron­ka in den Stand der Ha­bi­li­ta­ti­ons­ver­hand­lun­gen ein­ge­weiht und ihm einen Wink ge­ge­ben, wie es da­nach wei­ter­ge­hen könn­te. Wirk­lich tra­fen die bei­den sich in die­ser Zeit ab­seits der Se­mi­nar­run­den zu einem ge­le­gent­li­chen Bier in einer Bar nahe dem Haupt­bahn­hof und tausch­ten unter den wach­sam-ab­schät­zi­gen Bli­cken der stu­den­ti­schen Ani­mier­da­me die be­reits ein­ge­üb­ten Flos­keln über den ›ver­hee­ren­den‹ Stand des zeit­ge­nös­si­schen Phi­lo­so­phie­rens aus. Was daran stimm­te, was bloße Schel­te einer gleich­gül­tig in sich selbst ver­har­ren­den Welt war, die beide aus der Angel zu heben ge­dach­ten, weil der Ehr­geiz es ihnen ein­gab, kann ich bis heute nicht rich­tig be­ur­tei­len. Ein­mal er­scheint mir ihr Blick­win­kel völ­lig ein­leuch­tend, dann wie­der presst er mir nichts wei­ter ab als ein ver­lo­re­nes Lä­cheln.

Da­mals neig­te ich dazu, ihnen recht zu geben – zum einen, weil ich sie moch­te, zum an­de­ren, weil auch ich nach In­te­gri­tät streb­te und sie bei ihnen ge­fun­den zu haben glaub­te. Die Mo­ti­ve, die einen Le­cke­busch oder Ein­hart be­weg­ten, er­schie­nen mir da­ge­gen allzu durch­sich­tig. Doch fehl­te mei­ner Be­schrei­bung etwas, wenn ich nicht zu­gä­be, dass ihre Ar­gu­men­te mir ein­fach rich­tig vor­ka­men und mir nicht ganz in den Kopf woll­te, dass es mög­lich sein konn­te, eine phi­lo­so­phi­sche Rich­tung, die auf eine brei­te Tra­di­ti­on zu­rück­blick­te, vor an­nä­hernd hun­dert Jah­ren mit ge­ra­de­zu herrscher­li­chen At­tri­bu­ten aus­ge­stat­tet und seit­her, wie man hier und da las, von ei­ni­gen Nach­züg­lern zu einem schwie­ri­gen Zweig des zeit­ge­nös­si­schen Phi­lo­so­phie­rens fort­ent­wi­ckelt wor­den war, mit einem ein­fa­chen Schief­le­gen des Kop­fes oder einer un­ge­dul­di­gen Schul­ter­be­we­gung aus dem ei­ge­nen Ge­sichts­feld fern­zu­hal­ten. Genau das hatte ich ge­se­hen und ich fand es ein­leuch­tend, wenn der Kreis mut­maß­te, dass hier der Grund für die lang­sam un­ziem­lich ge­wor­de­ne Ver­zö­ge­rung von Tron­kas Ha­bi­li­ta­ti­on lag, die nun aber of­fen­bar doch be­vor­stand. In die­sen Ver­wick­lun­gen wie­der­um konn­te, wer sich ein­ge­weiht vor­kam, eines der trei­ben­den Mo­ti­ve hin­ter Hie­ros hel­den­haf­tem Auf­tritt bei Le­cke­busch er­ken­nen. Er war weder so selbst­los noch so irr­läufer­haft ge­we­sen, wie es für die meis­ten An­we­sen­den den An­schein ge­habt haben muss­te.
Darin konn­te ich mich täu­schen. Die aka­de­mi­schen Busch­trom­meln ar­bei­ten au­ßer­or­dent­lich wir­kungs­voll, wenn auch nicht immer prä­zi­se. Selbst Tron­ka wuss­te in­zwi­schen Be­scheid. Ins­ge­heim schätz­te er sich glück­lich, den Galan ge­ge­ben zu haben, wäh­rend sich sein ein­zi­ger wirk­li­cher Schü­ler und mög­li­cher künf­ti­ger As­sis­tent auf seine ei­ge­ne un­nach­ahm­li­che Weise für ihn ge­schla­gen hatte, ohne dass der Name Tron­ka dabei ge­fal­len war. An die­sem Um­stand war ihm sehr ge­le­gen, er hätte sich kei­nes­wegs den Schuh an­zie­hen mögen, den der ge­stress­te Kö­nigs­sohn dort her­um­ge­reicht hatte. Ru­cke­dieguh, Blut ist im Schuh. Einen schö­nen Ärger hätte er sich da ein­ge­fan­gen, wäre er mit in der Runde ge­stan­den. Un­aus­denk­bar, Hiero hätte ihn an­ge­spro­chen, etwa mit einem ›So sagen Sie doch etwas!‹ oder ›Sie ver­ste­hen ganz gut, was ich meine, geben Sie es zu!‹, viel­leicht sogar mit der Be­mer­kung, in sei­nen, Tron­kas, Se­mi­na­ren höre man es schließ­lich an­ders. Ihm juck­te die Kopf­haut, wäh­rend er Hie­ros vor ge­dämpf­ter Er­re­gung und unter dem Ein­fluss der be­reits ge­nos­se­nen Biere schwer­fäl­lig ge­wor­de­ne Be­we­gun­gen mus­ter­te: die stak­si­ge Art, wie er die Zi­ga­ret­te aus­drück­te und die Jacke zu­recht­rüt­tel­te, so dass sich eine leich­te Wolke aus Staub und Asche dar­aus erhob, die leich­te He­bung des Kinns, mit der er ihm sein Ge­sicht wie­der zu­wand­te, in dem ein un­an­ge­neh­mer Aus­druck von Wich­tig­keit stand, aber auch von tö­rich­tem Ver­trau­en, mit dem er nichts an­zu­fan­gen wuss­te, das plötz­li­che Stre­cken des Ober­kör­pers, das den Bar­ho­cker ins Schwan­ken brach­te, den Krampf der Fin­ger, der die leere Zi­ga­ret­ten­schach­tel zer­knüll­te und auf den Aschen­be­cher fal­len ließ. Das alles war ihm nicht un­sym­pa­thisch, so wie der junge Mann ins­ge­samt ihm nicht un­sym­pa­thisch war. Im Ge­gen­teil, das Wohl­wol­len, das er ihm ge­gen­über an den Tag legte, pflanz­te sich tief in sein In­ne­res fort, es hatte sich zu einer fes­ten Größe ent­wi­ckelt und woll­te eben­so ge­pflegt und be­dacht sein wie der Um­stand, dass er in ihm einen Schü­ler ge­fun­den hatte – einen wirk­li­chen Schü­ler, der seine Ge­dan­ken auf­nahm und of­fen­bar fest ent­schlos­sen war, sie wei­ter zu ver­brei­ten... vor­aus­ge­setzt, er hielt ihm die ers­ten Spros­sen einer noch gänz­lich im Ima­gi­nä­ren ver­schwe­ben­den Lei­ter hin, die ihn ein­mal nach oben tra­gen würde.

Die­ses Oben, was war das? Tron­ka, dem das Bier stär­ker zu­setz­te, als er vor sich sel­ber zugab, hatte die Emp­fin­dung, sie drück­ten sich an einer Wand herum und der an­de­re ver­lang­te, dass er ihm mit Hilfe einer Räu­ber­lei­ter hin­über­half, so als stün­de von vorn­her­ein fest, dass er selbst keine Chan­ce hatte, auf die an­de­re Seite zu ge­lan­gen. Wer oben ankam, der war drü­ben, so lief das Spiel, ein Scheiß­spiel, wie es Ein­hart in einem sei­ner nicht so sel­te­nen An­fäl­le von so­zia­ler Ein­sicht ge­nannt hatte. An­de­rer­seits ist so eine Mauer auch eine men­ta­le Rea­li­tät: wer noch dies­seits weilt, also nicht zu den Zeit­ge­nos­sen ge­hört, die ri­tu­ell in jeder Li­te­ra­tur­lis­te auf­tau­chen und deren Theo­ri­en ge­nannt wer­den, damit man sich von ihnen ab­set­zen kann, kann sich schwer vor­stel­len, wie es drü­ben ist und wel­che Ver­kehrs­re­geln dort gel­ten. Wirk­lich fühl­te sich Tron­ka dies­seits der Mauer si­che­rer. Ge­wiss würde es gut tun, den an­de­ren ir­gend­wann auf der an­de­ren Seite zu wis­sen und dar­auf ver­trau­en zu kön­nen, dass er an­ge­sichts einer auf­nah­me­be­rei­ten Mit­welt die rich­ti­gen Sätze ge­brauch­te. Auf diese Si­tua­ti­on be­rei­te­ten sich beide vor, Hiero oh­ne­hin, daran konn­te kein Zwei­fel be­ste­hen, er, Tron­ka, indem er seine knapp be­mes­se­ne Zeit für Ge­sprä­che wie die­ses op­fer­te und jede Ge­le­gen­heit zur In­struk­ti­on wahr­nahm. Aber war das hier der rich­ti­ge bio­lo­gi­sche Trä­ger? Kein Kom­men­tar. Nein, kein Sie­ger kam da auf ihn zu, kein Sie­ger­typ je­den­falls, kei­ner, vor dem er selbst die Waf­fen ge­streckt hätte. Ihm im­po­nier­te der Ernst, mit dem der junge Mann dem Ruf ›zu den Sa­chen‹ folg­te, die un­er­schüt­ter­li­che Loya­li­tät, die er einem Sys­tem von Sät­zen ge­gen­über auf­brin­gen konn­te, das zu­fäl­lig das seine war. Die ge­schmei­di­gen ju­gend­li­chen, ob­zwar nicht mehr jun­gen Hoff­nungs­ge­sich­ter, in denen der aka­de­mi­sche Auf­stieg seine Bühne auf­ge­schla­gen hatte und gleich­sam nackt pa­ra­dier­te, be­sa­ßen einen gra­vie­ren­den Nach­teil. Nie­mals würde er in ihnen auch nur einen ent­fern­ten Wi­der­schein sei­ner Über­zeu­gun­gen auf­schim­mern sehen, ganz zu schwei­gen von der Be­deu­tung sei­ner lo­gi­schen Ent­de­ckun­gen, die zwar das Wis­sen des Wis­sens re­vo­lu­tio­nier­ten, aber vor der Hand kei­nen Hund hin­ter dem Ofen her­vor­lock­ten. Lange Zeit hatte er dar­auf ge­war­tet, die­sen Wi­der­schein in den Augen der Gut­ach­ter wahr­zu­neh­men, doch das Blit­zen, dem er dort be­geg­ne­te, re­de­te von an­de­ren Din­gen.

Nun, da die Gut­ach­ten auf dem Tisch lagen, war die Zeit der Il­lu­sio­nen vor­bei. Der Ge­dan­ke an einen glat­ten, leich­ten Gang durch die In­sti­tu­tio­nen, die Dis­kus­si­on sei­ner Über­le­gun­gen durch eine dif­fe­ren­ziert den­ken­de, ver­mut­lich im Ur­teil ge­spal­te­ne Kol­le­gen­schaft, die schöp­fe­ri­sche Fort­ent­wick­lung des ein­mal kon­zi­pier­ten Mo­dells, seine zü­gi­ge An­wen­dung auf die ver­schie­dens­ten Wis­sens­ge­bie­te durch kluge und ehr­gei­zi­ge Wis­sen­schaft­ler, die be­grif­fen, wel­ches Po­ten­ti­al in ihm lag – an alles, was selbst­ver­ständ­lich sein soll­te in die­sem Beruf, der kei­nen Beruf dar­stell­te, auch keine Be­ru­fung, son­dern den Gang des Den­kens selbst, war an die­sem In­sti­tut nicht zu den­ken und er war gut be­ra­ten, wenn er sich gegen wei­te­re Un­bill wapp­ne­te, so­bald das Buch erst er­schien. Der voll­stän­di­ge Man­gel an phi­lo­so­phi­scher Ge­gen­warts­kul­tur bei gleich­zei­ti­ger ex­zel­len­ter Ken­ner­schaft mach­te vor den tra­di­tio­nel­len Stät­ten nicht halt. In ge­wis­ser Weise kam er dort, wo jede na­tur­wüch­si­ge, zwangs­läu­fig dump­fe Ach­tung vor der zur Leis­tung ge­ron­ne­nen An­stren­gung des An­de­ren ab­ge­schlif­fen wurde und nur die Bril­lanz zähl­te, erst rich­tig zum Vor­schein.

Die Phi­lo­so­phie war eine sehr alte Dis­zi­plin, selbst wenn man davon absah, dass sich ein­mal in ihr die Dis­zi­pli­nie­rung des Wis­sens ›über­haupt‹ voll­zo­gen hatte. Da bra­chen die neuen Ge­dan­ken nicht an jeder Stra­ßen­ecke her­vor. Zu­min­dest sahen sie sich erns­ten Zwei­feln ge­gen­über, ob ihre ent­si­cher­ten Waf­fen auch ge­la­den waren und ob sich hin­ter den wil­den Mas­ke­ra­den nicht ein­fach die alt­ver­trau­ten, von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on her­vor­ge­kram­ten und wie­der in die Rum­pel­kam­mer des Den­kens zu­rück­ver­wie­se­nen Ein­fäl­le ver­bar­gen. ›Scho­ten‹ nann­ten die alten Se­mi­nar­ha­sen das, sie amü­sier­ten sich herz­haft, wenn der­glei­chen ihnen aus einem im Dekor des neu­es­ten Welt-Den­kens da­her­kom­men­den Werklein ent­ge­gen­quoll. Diese tech­ni­sche Elite, die alle Ar­gu­men­te ›am Schnür­chen hat‹, fürch­te­te Tron­ka nicht, lange genug hatte er in ihr ver­kehrt und sich ihren Ha­bi­tus bis zu einem ge­wis­sen Grad auch an­ge­eig­net. Eher gier­te er nach ihrem Ur­teil, schließ­lich muss­te sie am bes­ten be­ur­tei­len kön­nen, wie se­ri­ös die Vor­schlä­ge waren, die er auf den Tisch legte.

Da lag be­reits der Feh­ler. Der äu­ßerst ver­träg­li­che As­sis­tent Ein­hart zum Bei­spiel hätte ein vor­züg­li­cher Ge­sprächs­part­ner sein kön­nen, wäre er im­stan­de ge­we­sen, sich Tron­kas Ge­dan­ken­gän­gen auch nur einen Spalt­breit zu öff­nen. Aber daran war nicht zu den­ken. Die Über­sicht über die ver­wi­ckel­te und in Wahr­heit un­auf­lös­li­che Pro­blem­la­ge der prima phi­lo­so­phia hatte ihn, da er ir­gend­et­was leh­ren muss­te, an einer Bie­gung des Wegs zum Par­tei­gän­ger ge­macht, der sich für seine Schu­le nach sorg­fäl­ti­ger Ab­wä­gung der so­zia­len Grün­de ent­schie­den hatte. So trug ge­ra­de er in ihren an­sons­ten frucht­ba­ren Ge­sprä­chen ein über­le­ge­nes Lä­cheln zur Schau, das Tron­ka ner­vös mach­te und ihm die je nach Ta­ges­lau­ne hef­ti­ge oder leise Emp­fin­dung ein­gab, seine Zeit zu ver­schwen­den. Nie­mals hätte Ein­hart auf einen sei­ner Auf­sät­ze ver­wie­sen. Wenn er einen Auf­hän­ger be­nö­tig­te, um ir­gend­ei­ne fal­sche Ten­denz zu gei­ßeln, der er die kämp­fe­ri­schen Wahr­hei­ten des ei­ge­nen La­gers ent­ge­gen­stel­len konn­te, dann gab es dafür ein­ge­führ­te­re Au­to­ren. Schließ­lich stand auch Tron­ka für eine Schu­le, aber eine un­ter­ge­gan­ge­ne: seine Ret­tungs­ver­su­che am er­kal­te­ten Leich­nam waren bril­lant, doch sie be­ein­druck­ten nie­man­den, die Lei­che ein­ge­schlos­sen.

Hier also: der Schü­ler. Er hatte Grips, das stand außer Zwei­fel, er hatte ihn in hun­dert Se­mi­nar­ver­an­stal­tun­gen unter Be­weis ge­stellt, das muss­te man ihm las­sen. Er besaß Elan, auch das muss­te man ihm las­sen, viel­leicht sogar ein biss­chen viel. Manch­mal fürch­te­te sich Tron­ka vor den stür­mi­schen Ver­ein­fa­chun­gen, mit denen er ihm zur Seite trat, als gelte es, Seit’ an Seit’ mit dem Ka­pi­tän eines ge­ka­per­ten Schiffs, die blan­ke Waffe in der Hand, zu sie­gen oder un­ter­zu­ge­hen. Die Plan­ken des Seg­lers dröhn­ten von sei­nem Schritt, er hätte auf sei­nen, Tron­kas, Be­fehl hin den Groß­mast ge­kappt, um den Feind zu ver­wir­ren und die ei­ge­nen Li­ni­en zu ord­nen, gleich­gül­tig gegen die Über­le­gung, wie sie an­schlie­ßend der sie um­ge­ben­den Salz­wüs­te ent­kom­men soll­ten. Da lä­chel­ten die Au­gu­ren, sie hat­ten der­glei­chen öfter ge­se­hen, sie wink­ten mit leich­tem Fin­ger­spiel ein paar Hilfs­kräf­te her­bei, die so etwas un­auf­fäl­lig er­le­dig­ten. Zit­ter­ten ihm nicht be­reits die Hände? Trug er nicht be­reits die Zei­chen des künf­ti­gen Au­ßen­sei­ters im Ge­sicht? Eine hin­ter­grün­di­ge In­stanz sorg­te dafür, dass er unter Druck stand. Über kurz oder lang würde sie ihn er­le­di­gen, das sah man, ohne lange dar­über zu grü­beln.

War er der Rich­ti­ge? Es wäre per­vers, ihm ein­fach so das Ver­trau­en zu ent­zie­hen, fast wie eine Po­li­zei­be­hör­de, die dem an­ge­hen­den Be­rufs­fah­rer die Er­laub­nis ent­zieht, einen Kraft­wa­gen zu be­we­gen. Dass es au­ßer­halb der Uni­ver­si­tät für Hiero keine Zu­kunft gab, daran ließ sich kaum ver­nünf­tig zwei­feln. Selbst die Bar­mie­ze konn­te das sehen, es ließ sich an der Art ab­le­sen, wie sie ihre Fin­ger be­weg­te, so­bald sie zu ihm hin­sah – sie äugte nicht, sie sah ihn klar an, wie man einen Men­schen an­sieht, der einem jetzt auf­fällt und den man viel­leicht nie wie­der sehen wird. Er hin­ge­gen be­merk­te sie nicht, sein Blick ging über sie hin­weg und durch sie hin­durch. Ge­ra­de dort, wo sie sich ihm so un­ver­fäng­lich dar­bot, fuch­tel­te die­ser Mensch herum, als sei das Ge­tüm­mel be­son­ders hef­tig und die Ge­fahr eines feind­li­chen Durch­bruchs am größ­ten. Tron­ka re­gis­trier­te es kalt. Einen sol­chen Mit­ar­bei­ter – falls er je einen be­nö­tig­te – konn­te er sich ei­gent­lich nicht leis­ten.

Hiero spür­te, dass etwas nicht stimm­te. Er wuss­te es schon seit län­ge­rem oder seit ei­ni­ger Zeit oder seit ein paar Tagen – er hätte nicht an­ge­ben kön­nen, seit wann er es wuss­te, die Emp­fin­dung, ein­mal frei­ge­setzt, ent­roll­te sich in die Ver­gan­gen­heit wie ein Woll­knäu­el, das je nach Fa­den­la­ge die Rich­tung än­der­te und, fast schon zur Ruhe ge­kom­men, sich noch­mals und noch­mals über­wälz­te, so­lan­ge ir­gend­ein Re­st­im­puls in ihm wirk­sam blieb. Eine Emp­fin­dung, mit der man nichts an­fan­gen kann, ist wie eine Per­son, deren ei­gen­stän­di­ges Wir­ken zur Kennt­nis zu neh­men man sich wei­gert, weil es das ei­ge­ne Han­deln ins Un­be­herrsch­ba­re kom­pli­zie­ren würde. Die Leute sagen dann, die Sache sei ihnen nicht be­wusst ge­we­sen. Aber wer sich ein wenig mit dem Be­wusst­sein aus­kennt, weiß, dass diese Ver­schie­bung in die Tie­fen eines an­geb­lich me­cha­nisch wir­ken­den Un­ter­be­wusst­seins eine bil­dungs­tech­ni­sche Heu­che­lei ist, die selbst dem Ar­se­nal der zu­de­cken­den Grif­fe zu­ge­schla­gen wer­den muss. Das zwei­fel­los immer vor­han­de­ne Be­wusst­sein über­all dort, wo es uns passt, in sei­nen muf­fi­gen, un­auf­ge­räum­ten und ver­schwie­ge­nen Ecken als un­be­wusst zu be­zeich­nen, das ist ge­nau­so, wie wenn einer sich be­harr­lich wei­gert, außer Wohn­zim­mer und Küche auch Bad, Toi­let­te und Bü­gel­kam­mer zur Woh­nung zu rech­nen, vom Schlaf­zim­mer ganz zu schwei­gen. Be­wusst­sein ist alles, nur die Wei­sen des Ge­brauchs dif­fe­rie­ren. Wenn Hiero, darin sei­nem Leh­rer fol­gend, al­lein dem wis­sen­schaft­lich tä­ti­gen Be­wusst­sein zu­bil­lig­te, als ›voll ent­fal­te­tes‹ Be­wusst­sein zu agie­ren, dann war das ein­fach be­quem, weil es dem Ein­zel­nen er­laub­te, sich nach ge­ta­ner Ar­beit in eine min­de­re und gleich­sam ar­chai­sche Ich-Um­ge­bung zu­rück­zu­zie­hen. Die­ses ge­min­der­te Ich, das zwi­schen sich und dem wis­sen­schaft­li­chen Ge­dan­ken einen Strich zog, der na­tür­lich ima­gi­när blieb, aber den Stress ab­bau­en half, hatte das Zö­gern in den Reden und Ges­ten des Meis­ters wohl be­merkt. Da es nur be­grenz­te Kom­pe­tenz be­an­spruch­te und sich zu einer Art be­schei­de­ner Vor­hof-Exis­tenz ver­ur­teilt hatte, durf­te es sich er­lau­ben, laut­los un­ent­wegt ›Mach dir nichts draus‹ zu mur­meln, ob­wohl es sich sehr wohl etwas aus al­le­dem mach­te.

Wer hin­sah, wuss­te Be­scheid. Hiero wirk­te de­pri­miert. Wäh­rend des au­gen­blick­li­chen Ge­sprächs zum Bei­spiel hätte er die ganze Zeit über fra­gen mögen, ob er nun ei­gent­lich mit einer An­stel­lung rech­nen konn­te, so­bald, was nur eine Frage der Zeit war, Tron­ka dem Ruf einer an­de­ren Fa­kul­tät Folge leis­te­te. Mit der Aus­sicht auf eine schwie­ri­ge Über­gangs­zeit hatte er sich seit län­ge­rem ab­ge­fun­den, sie schien ihm nur ge­recht, wenn sie der Preis war, den er dafür zahl­te, dass er einem sel­te­nen Men­schen folg­te, des­sen Ar­bei­ten un­sicht­bar, wie es sich ge­hör­te, das pla­to­ni­sche Epi­t­he­ton ›um­stür­zend‹ auf der Front tru­gen. Einem Tron­ka zu fol­gen war eine an­de­re Sache, als sich von Kä­rich an­stel­len zu las­sen, um in sei­nen Se­mi­na­ren Re­fe­ra­te zu be­treu­en und ihm die Kor­rek­tu­ren ab­zu­neh­men. Einem Tron­ka fol­gen, das war der Auf­bruch in eine neue Welt der Ge­dan­ken. Er war be­reit zu war­ten.

Ge­ra­de für diese Frage ließ das Ge­spräch keine Lücke. So lo­cker und pau­sen­reich es von bei­den Sei­ten ge­führt wurde, so glatt ge­fugt und gänz­lich ohne ›Ein­stiegs­mög­lich­keit‹ blieb es ge­gen­über der doch be­rech­tig­ten Frage, wie es zwi­schen ihnen jetzt wei­ter ging. Weit­ge­hend außer Frage schien zu sein, dass Hiero sich, so­bald die Sta­tus­fra­gen ge­klärt waren, als Dok­to­rand an­ge­nom­men be­trach­ten konn­te. Auch das schien so, es konn­te sich je­der­zeit in Luft auf­lö­sen, da of­fen­kun­dig Tron­ka den Bund ver­wei­ger­te, den sie förm­lich hät­ten ein­ge­hen müs­sen, wenn beide Sei­ten allen Wid­rig­kei­ten des aka­de­mi­schen Fort­kom­mens trot­zen woll­ten. Tron­ka be­nahm sich wie ein Ge­lieb­ter, der erst ab­war­ten muss, bis er die An­stel­lung bei der städ­ti­schen Fi­nanz­ver­wal­tung in der Ta­sche hat, um sich zu er­klä­ren. In­so­fern war die kühle Be­mer­kung Ma­chen Sie sich keine Ar­beit. Wir sind schwul, mit der er bei ihrem ers­ten Tref­fen hier die An­nä­he­rung des Mäd­chens un­ter­bun­den hatte, nicht ohne Witz ge­we­sen, nicht ohne Witz... So ein Schutz- und Trutz­bünd­nis hätte zwi­schen ihnen bei­den einen In­nen­raum ge­schaf­fen, dem Raum einer auf die we­ni­gen gro­ßen Grund­li­ni­en eines wahr­haft mensch­li­chen Mit­ein­an­ders zu­rück­ge­führ­ten So­zia­li­tät, nach der es Hiero dürs­te­te. Al­lein in einem sol­chen Raum, so­viel ver­stand er von der Sache, war die ge­setz­ge­ben­de In­stanz zum Spre­chen zu brin­gen, die zwar in aller Wis­sen­schaft an­we­send ist, aber der phi­lo­so­phi­schen Rede be­darf, um aus­ein­an­der­ge­legt zu wer­den. An­de­re moch­ten diese In­stanz ›Gott‹ nen­nen, das blieb ihnen un­be­nom­men. Aber es war nicht das­sel­be, ob man sich bloß im Den­ken ver­band oder im Namen eines Drit­ten, der un­ab­läs­sig stör­te, weil er neue, nicht lös­ba­re Pro­ble­me auf­warf, die kei­ner brau­chen konn­te.

Auch das hätte Hiero nicht ge­sagt. Er hätte es scham­haft ver­schwie­gen und ve­he­ment pro­tes­tiert, wäre je­mand auf den Ein­fall ge­kom­men, ihm ge­gen­über diese Worte zu ge­brau­chen. So zu reden, war durch die Au­to­ri­tä­ten nicht ge­deckt. Es war eine Weise, sich über die Grund­li­ni­en des Den­kens zu ver­stän­di­gen, die man am bes­ten durch­strich, die be­reits durch­ge­stri­chen war, so­bald Se­mi­n­ar­luft die Lun­gen durch­ström­te und die aka­de­mi­sche Rede anhob. An­de­re Zei­ten hat­ten das an­ders ge­hal­ten. Sie hat­ten ihre Rede ge­pflegt, doch Hiero war sich nicht si­cher, dass hier der Ver­gleichs­punkt lag. Wer immer diese und an­de­re Reden durch­ge­stri­chen haben moch­te – er­laubt war al­len­falls, wie Kä­rich zu sagen pfleg­te, sich ihnen mit der Lampe der Re­kon­struk­ti­on zu nä­hern. Es gab da eine feine Trenn­li­nie, die man nicht über­tre­ten durf­te. Ging man wei­ter, dann ging man Vor­stel­lun­gen auf den Leim, die durch den Gang des Den­kens selbst außer Kraft ge­setzt wor­den waren. Nicht immer ließ sich das auf den ers­ten Blick er­ken­nen. Ge­le­gent­lich be­durf­te es schon ge­wis­ser tech­ni­scher Vor­keh­run­gen, um nicht den Gim­pel zu geben. Aus einem lie­ben und ge­le­gent­lich schlich­ten Ein­hart, das wuss­te er von Leu­ten, die seine Se­mi­na­re be­such­ten, konn­te, wenn es mit der Ter­mi­no­lo­gie ein­mal ha­per­te, schnell ein Ter­mi­na­tor wer­den. Im Grun­de re­de­te Kä­rich um den glei­chen Punkt herum, wenn er sein ge­fürch­te­tes ›Alles Doxa!‹ in den Raum setz­te. Aber es ging nicht um Ter­mi­no­lo­gie, es ging darum, an jeder Stel­le zu wis­sen, ›was nicht mehr ging‹, ob­gleich ge­ra­de darin ein Typus von Wis­sen ge­for­dert wurde, der ver­zwei­felt dem durch­ge­stri­che­nen glich, so als hät­ten sich alle ei­gen­sin­nig in den Kopf ge­setzt, die spöt­ti­sche All­tags­weis­heit, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, in reine Lehre um­zu­set­zen.

Diese asym­pto­ti­sche Ver­wei­ge­rungs­hal­tung war der Kern von Hie­ros phi­lo­so­phi­scher So­zia­li­sa­ti­on. Sie zeich­ne­te ver­ant­wort­lich für das Un­ge­nü­gen, das er am Se­mi­n­ar­be­trieb emp­fand, seit er ihn kann­te. Oft schien ihm die dort be­trie­be­ne Re­kon­struk­ti­on nicht weit genug ge­trie­ben zu sein, dann wie­der saß ihr die zwei­te und drit­te Re­kon­struk­ti­ons­wel­le be­reits sicht­bar im Na­cken und ließ die glän­zends­ten Ef­fek­te im Aus­spre­chen da­hin­wel­ken. Am meis­ten mach­te ihm zu schaf­fen, dass im Ge­dan­ken der asym­pto­ti­schen An­nä­he­rung selbst die Dif­fe­renz fest ver­an­kert war. Der An­spruch, ›an­ders‹ zu den­ken, zog zwang­läu­fig immer wie­der den au­to­ri­ta­ti­ven Ges­tus der Texte fest, die nach­zu­spre­chen ver­bo­ten war. Das de­gra­dier­te das ei­ge­ne Spre­chen zu einer Art von nach­tra­gen­dem Voll­zug der Dif­fe­renz, je­den­falls zu einem An­häng­sel.

Auch Tron­ka be­dien­te sich der Spra­che der Re­kon­struk­ti­on. Von den Kon­kur­ren­ten setz­te er sich da­durch ab, dass er, wann immer es ging, die Namen we­g­ließ und gleich zu den Ar­gu­men­ten kam. Damit brach­te er eine an­de­re Art Glie­de­rung in Pro­blem­la­gen hin­ein, an denen sich alle ab­müh­ten. Tron­ka ›führ­te‹ nicht ›ein‹, wie dies die an­de­ren mit Vor­lie­be taten. Er war immer be­reits mit­ten­drin und blick­te al­len­falls ge­le­gent­lich si­chernd auf wie der Hase im Klee, dem ein fer­nes Grol­len den nä­her­kom­men­den Pflug an­kün­digt. Es war die­ser sich an äl­te­re For­men des Phi­lo­so­phie­rens an­schlie­ßen­de Ha­bi­tus, der Hiero die Zu­ver­sicht ein­flöß­te, im Kiel­was­ser des Phi­lo­so­phen, der sei­nen Auf­stieg noch vor sich hatte, den rui­nö­sen Wir­kun­gen des asym­pto­ti­schen Spiels zu ent­kom­men. Ge­flis­sent­lich über­sah er dabei, dass sein Held zwar ex­tra­va­gant, aber nicht ohne Blick auf die Mög­lich­kei­ten agier­te.

Man muss­te schon einen Blick für die Fein­hei­ten des Be­triebs er­wor­ben haben, um zu er­ken­nen, wie sehr das Spiel auch Tron­ka be­reits ge­zeich­net hatte. Mag sein, dass er ge­le­gent­lich von sei­ner Über­win­dung träum­te, vor allem nach, ver­kehrs­tech­nisch aus­ge­drückt, ver­mehr­tem Al­ko­hol­ge­nuss im ver­trau­ten Kreis. Auf der Stre­cke pfleg­te er eine Va­ri­an­te, die es ihm er­laub­te, sich vom Gros der Mit­be­wer­ber zu un­ter­schei­den und eine grö­ße­re Nähe zu den Grund­tex­ten für sich in An­spruch zu neh­men. Man hätte ihn einem Renn­fah­rer ver­glei­chen kön­nen, der einen ir­re­pa­ra­blen Rück­stand aus­nützt, um die hin­ter ihm her­fah­ren­de, in Wahr­heit eine Runde vor ihm dem Ziel ent­ge­gen­stür­men­de Kon­kur­renz aus­zu­brem­sen und zu Fahr­feh­lern zu ver­lei­ten. Ganz so trach­te­te Tron­ka da­nach, den Vor­teil ein­zu­heim­sen, den er sich ge­gen­über dem ›Feld‹ durch ein län­ge­res und in­ten­si­ve­res Ver­wei­len bei den Lö­sungs­an­ge­bo­ten einer ver­gan­ge­nen Epo­che ein­han­del­te. Er hatte ihn ent­deckt – so wie ein Kind eine Mög­lich­keit ent­deckt, auf dem Schul­weg zu trö­deln, ohne dass es ihm selbst so­fort auf­fällt, we­ni­ger, weil es ihm nicht in den Sinn kommt, das schar­fe Er­wach­se­nen­wort dar­auf über­haupt an­zu­wen­den, viel­mehr, weil es, ein­mal auf Ab­we­ge ge­ra­ten, den Umweg für den Weg nimmt und einen ge­wis­sen Stolz dar­ein setzt, auf ihm zügig vor­an­zu­kom­men.

Beide Ver­glei­che hin­ken je­doch in einem Punkt. Der Renn­fah­rer und das säu­mi­ge Kind wis­sen ganz gut, was sie tun. Aber sie zie­hen es vor, si­tua­ti­ons­ver­sun­ken zu agie­ren und jedem, der sie dar­auf an­spre­chen soll­te, mit dem blan­ken Blick der Un­schuld zu be­geg­nen. Da­ge­gen bril­lier­te Tron­ka, so­bald ihm je­mand wie ich die Ge­le­gen­heit ein­räum­te, über­gangs­los mit einer eben­so scharf­sich­ti­gen wie scharf­zün­gi­gen Ana­ly­se der Si­tua­ti­on.

  • ―Und wie ste­hen Sie dazu?
  • ―Das ver­ste­he ich jetzt nicht ganz...
  • ―Ich meine, wie be­schrei­ben Sie Ihre ei­ge­ne Po­si­ti­on?
  • ―Sie wol­len wis­sen, wo ich in die­sem Spiel stehe? Wie ich Ihnen schon sagte, es han­delt sich um ein Scheiß­spiel, das muss Ihnen klar sein. Aber wenn Sie wis­sen wol­len, wie ich dazu stehe, dann schla­ge ich Ihnen vor, dass wir uns zu einem Pri­va­tis­si­me in einem or­dent­li­chen Re­stau­rant tref­fen. Sie über­neh­men die Rech­nung und ich er­klä­re Ihnen die Phi­lo­so­phie. Ja­n­ein, das halte ich jetzt für fair. Wis­sen Sie schon wo? Halt, las­sen Sie mich nach­den­ken, ei­gent­lich muss man gar nicht nach­den­ken, es gibt nur einen Koch in der Ge­gend, der ge­gen­wär­tig in Frage kommt, je­den­falls be­haup­ten das die Au­gu­ren. Nein, ich habe ihn selbst nie ge­tes­tet, aber die Fama ist groß­ar­tig. Diese Leute haben ja noch eine Fama, un­ser­ei­ner ist da ganz baff. Man könn­te rich­tig nei­disch wer­den... Aber es ist ja für eine gute Sache. Ko­chen, schme­cken, bon. So geht das. Also las­sen Sie uns eine Ver­ab­re­dung tref­fen...

Auch er woll­te also be­zahlt wer­den, um das zu tun, wofür Phi­lo­so­phen seit der An­ti­ke be­kannt sind. Auch sein Den­ken, weit davon ent­fernt, zu den na­tür­li­chen Le­bens­vor­gän­gen zu zäh­len, be­durf­te, um in Gang zu kom­men, der Ap­pa­ra­tur aus Se­mi­nar­ver­an­stal­tun­gen, Qua­li­fi­ka­ti­ons­ri­ten, Be­ru­fungs­aus­sich­ten und einer am Le­bens­ho­ri­zont auf­schei­nen­den um­fas­sen­den Re­zep­ti­on durch die Zeit­ge­nos­sen, von der er die Vo­ka­bel ›Ruhm‹ wie eine läs­ti­ge Flie­ge fort­ge­we­delt hätte – eine durch­ge­stri­che­ne Pa­ro­le aus einer an­de­ren Zeit, die eben­falls unter das auf kei­nen Fall Ge­mein­te fiel.

Die Vor­rä­te an kei­nes­falls Ge­mein­tem waren un­er­schöpf­lich. Nie­mand be­müh­te sich um eine Be­stands­auf­nah­me. Aus un­sicht­ba­ren Quel­len er­neu­er­ten sie sich bei jedem Vor­stoß und jedem Zu­sam­men­spiel der mit- und un­ter­ein­an­der zer­strit­te­nen Par­tei­en. Spä­tes­tens wenn es galt, einen Pro­jek­tan­trag zu schrei­ben, für den Rei­se- und Pu­bli­ka­ti­ons­gel­der wink­ten, wenn man es nur rich­tig an­stell­te, war das nächs­te nicht Ge­mein­te zur Stel­le und be­an­trag­te mit. So mein­te auch Hiero kei­nes­falls das­sel­be wie Tron­ka, wenn er sich im Hin­ter­stüb­chen sei­ner aka­de­mi­schen Zu­kunfts­pla­nung gute Chan­cen aus­rech­ne­te, Tron­ka zu be­er­ben. Auch in sei­nem Kopf, dem des Schü­lers und kom­men­den Par­tei­gän­gers, war das noch un­ge­schrie­be­ne, un­pro­pa­gier­te und un­aus­ge­leg­te phi­lo­so­phi­sche Œuvre Tron­kas be­reits fix und fer­tig durch­ge­stri­chen und Tron­ka, der davon, bio­gra­phisch ge­spro­chen, nun wirk­lich nichts wis­sen konn­te, re­agier­te dar­auf, indem er sich aller Ver­pflich­tun­gen ge­gen­über dem Jün­ge­ren ledig sprach und im Grun­de schon im Vor­feld ihrer Zu­sam­men­ar­beit auf der Suche nach einem Vor­wand war, sich sei­ner auf halb­wegs an­stän­di­ge Weise zu ent­le­di­gen.

Panik
1
Hiero: Figur 1
Bür­ger Hiero

Zum Teu­fel: Wer ist Hiero? Fra­gen wie diese da­tie­ren von den An­fän­gen schrift­li­cher Über­lie­fe­rung. Als Ver­su­che, sie zu be­ant­wor­ten, lese man die su­me­risch-ba­by­lo­ni­schen Kö­nigs­lis­ten, die zu­gleich kö­nig­li­che Lis­ten dar­stel­len, den Lauf der Dinge auf ir­gend­ei­ne dunk­le Weise zu be­ein­flus­sen, indem sie ihn der Re­gent­schaft von Per­so­nen un­ter­stel­len, deren per­sön­li­ches Ge­we­sen­sein dabei in kei­ner Weise in Be­tracht kommt. In ihre Herr­schafts­zei­ten fal­len Über­schwem­mun­gen und Hun­gers­nö­te eben­so wie Feld­zü­ge und blu­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen ver­fein­de­ten Ge­biets­her­ren, Be­son­der­hei­ten der Ernte ge­nau­so wie Ko­me­ten­er­schei­nun­gen und Pa­last­re­vol­ten, Epi­de­mi­en und Feu­ers­brüns­te, der Un­ter­gang vage über­lie­fer­ter Völ­ker­schaf­ten und die Ge­burt eines Knäb­leins, in des­sen Namen er­staun­li­che Dinge ge­sche­hen – die Er­fin­dung eines Mu­sik­in­stru­ments oder einer be­son­ders grau­sa­men Tö­tungs­art. Hölz­chen, der in sei­nen Vor­le­sun­gen das Kerb­holz als eine noch frü­he­re Weise her­aus­strich, das Wie­der­keh­ren­de fest­zu­hal­ten, vor allem aber als Auf­zeich­nungs­sys­tem, das eine ›ef­fek­ti­ve‹ Ver­wal­tung und Kon­trol­le von Men­schen er­mög­lich­te, moch­te dabei nicht un­er­wähnt las­sen, dass auch die spä­te­ren Kö­nigs­vi­ten dar­über Auf­schluss geben soll­ten, was ein Herr­scher auf dem Kerb­holz hatte, in­so­fern sie ihm gna­den­los alles zu­rech­ne­ten, was zu sei­ner Zeit ge­sche­hen war. Doch ei­gent­lich ver­hielt es sich um­ge­kehrt, da seine All­zu­stän­dig­keit die Welt, die sie um­fass­te, auch wie­der aller scharf ge­zo­ge­nen Gren­zen – dar­un­ter sol­chen des Be­sit­zes – ent­hob und mit der kos­mi­schen Per­spek­ti­ve die Per­spek­tiv­lo­sig­keit eines sol­chen Herr­scher­da­seins un­ter­strich.

Dem ei­ge­nen, der Ge­gen­wart näher lie­gen­den Er­zäh­len ver­schwim­men die Jah­res­zah­len und mit ihnen die Ver­ant­wort­lich­kei­ten. Kö­ni­ge mu­tie­ren zu Er­zähl­fi­gu­ren, die eine halb­ver­bor­ge­ne Hand auf dem Schach­brett der Er­in­ne­rung hin- und her­schiebt, Hel­den zu Leu­ten, die mit einer Be­we­gung des Dau­mens oder einem Zit­tern der rech­ten Hand die Rich­tung an­ge­ben, in die sich au­gen­blicks ganze Ge­sell­schafts­for­ma­tio­nen be­we­gen, ohne dass je­mand sie nach Be­feh­len oder bloß Rat­schlä­gen ge­fragt hätte. Es ist rich­tig, auch Den­ker gehen zur Wahl wie an­de­re Bür­ger, je­den­falls in einer Viel­zahl von Län­dern; zu­min­dest steht es ihnen frei. Ihr Wahl­ver­hal­ten fließt in die Er­zäh­lung nicht ein, es lässt sich nur aus­nahms­wei­se und nicht zu ihrem Vor­teil dort nach­le­sen und ist daher bes­ser als nicht vor­han­den zu wer­ten. Den­noch sind dies die Mo­men­te, in denen sie tat­säch­lich mit der Ge­schich­te kom­mu­ni­zie­ren. Es sind Mo­men­te, in denen sie sich einem aka­de­mi­schen Eu­phe­mis­mus zu­fol­ge, der in Hie­ros Früh­zeit noch zu den Zau­ber­for­meln einer be­stimm­ten Schu­le ge­hör­te, spä­ter in den all­ge­mei­nen Ge­brauch über­ging und jede ›dis­tink­te‹ Be­deu­tung ver­lor, in die Ge­schich­te ›ein­schrei­ben‹, nur lei­der nicht nach Art von Mon­ar­chen, deren Tun und Las­sen in jedem As­pekt be­deut­sam und an sei­nen Fol­gen kennt­lich ist. Wenn Hiero wäh­len ging, dann des­halb, weil er ir­gend­wann ver­stan­den hatte, dass die an­de­ren sich auf kei­nen Fall davon ab­brin­gen lie­ßen und er nicht hin­ter ihnen zu­rück­ste­hen woll­te. Seit er sich ›mit Ver­fas­sungs­fra­gen be­schäf­tigt‹ hatte, wieg­te er sich in der blas­phe­mi­schen Über­zeu­gung, dass die­sem klei­nen, aber un­ver­zicht­ba­ren Bau­stein des de­mo­kra­ti­schen Pro­zes­ses an­ge­sichts der Auf­ga­ben, die in einer Ge­sell­schaft ge­löst wer­den muss­ten, prak­tisch kei­ner­lei Be­deu­tung zukam. Ein Pro­blem der ›ope­ra­ti­ven Po­li­tik‹, zur Wahl­zeit auf­ge­wor­fen, mu­tier­te um­stands­los zum Faust­keil in den Hän­den einer pri­mi­ti­ven Horde, die sich nach er­folg­tem Ur­nen­gang mehr oder min­der müh­sam wie­der in eine po­li­ti­sche, das heißt mit Ver­nunft und Au­gen­maß ope­rie­ren­de Kör­per­schaft zu­rück­ver­wan­del­te.

Wah­len waren Ver­trau­ens­be­wei­se. Sie sorg­ten dafür, dass immer die glei­chen Ge­sich­ter im Fern­se­hen er­schie­nen und über die an­ste­hen­den Ent­schei­dun­gen plau­der­ten. Es war rich­tig, wenn Po­li­ti­ker, die sich auf Markt­plät­zen er­hitz­ten und Über­zeu­gung in Ge­sichts­rö­te ver­wan­del­ten, in den Wahl­ka­bi­nen ab­ge­straft wur­den. Vage konn­te er sich noch an die Schrei­häl­se der frü­hen Stu­den­ten­be­we­gung er­in­nern, an merk­wür­dig ver­quol­le­ne Me­ga­phon­stim­men, an das Zu­cken im Ge­sicht sei­nes Va­ters, an die halb­wegs un­ter­drück­te Er­re­gung der Mut­ter, die stumm das Wohn­zim­mer ver­ließ. Er war ihr in die Küche nach­ge­gan­gen und hatte eine Hand auf ihre ge­legt. Gern hätte er ihr ge­sagt, dass es dies­mal an­ders war, dass es dies­mal an­ders ge­meint war – aber an­ge­sichts der vor­ge­fun­de­nen Wand aus Be­drü­ckung hatte er es vor­ge­zo­gen, gar nichts zu sagen und sich nach drau­ßen zu ver­zie­hen. Er über­leg­te, ob ihre Hand ge­zit­tert hatte, fand aber kei­nen An­halts­punkt dafür im Ge­dächt­nis.

Da­mals trug er die Haare lang. Die Bä­ckers­frau, mit der er sich gern un­ter­hielt – sie glüh­te immer ein wenig, als käme sie frisch aus dem Back­ofen –, nann­te das eine Je­sus­fri­sur und lä­chel­te viel­sa­gend dazu. Von Kreu­zi­gung schien dabei nicht die Rede zu sein. Eher durch­geis­ter­te ihn die Emp­fin­dung einer un­end­li­chen Sanft­heit, die sich an den Mau­ern der um­ge­ben­den Bor­niert­heit brach, üb­ri­gens auch der me­ga­phon­be­waff­ne­ten In­ter­es­sen­ver­tre­ter eines der­weil ruhig den nächs­ten Ur­laub pla­nen­den Pro­le­ta­ri­ats, deren Auf­trit­te er im Fern­se­hen mit einer selt­sa­men Er­re­gung ver­folg­te. Das waren seine Leute da drau­ßen, er würde sich, so­bald die Zeit da war, zu ihnen ge­sel­len und sie wür­den ihn als einen der ihren in ihre Rei­hen auf­neh­men. Doch konn­te er sich nicht ver­heh­len, dass sie ihm ähn­lich fremd und un­wirk­lich vor­ka­men wie die über­schmink­ten Schau­spie­ler, die im Ram­pen­licht der städ­ti­schen Bühne einer Tä­tig­keit nach­gin­gen, die er ver­ach­te­te oder zu­min­dest lä­cher­lich fand. Ja, es gab sie noch, neben der Avant­gar­de der Ar­bei­ter­klas­se: die bür­ger­li­che Avant­gar­de, deren Spiel be­gann, so­bald die Lich­ter im Zu­schau­er­raum er­lo­schen. Man hatte ihm zwar er­laubt, den Re­li­gi­ons­un­ter­richt zu quit­tie­ren, aber eine Thea­ter­auf­füh­rung blieb für die geis­ti­ge Ent­wick­lung des Gym­na­si­as­ten un­ab­ding­bar und konn­te kei­nes­wegs ab­ge­wählt wer­den.

Panik
2
Hiero: Figur 1
Büh­nen­dienst

Als er im Krei­se sei­ner Mit­schü­ler ein­traf, lag der Thea­ter­raum völ­lig im Dun­keln. Die Regie hatte eine Viel­zahl ein­zel­ner Po­des­te ge­schaf­fen, die nach und nach als im Zu­schau­er­raum ver­streu­te Licht­in­seln sicht­bar wur­den. Bei Sze­nen­wech­seln spran­gen die Schau­spie­ler, nackt bis auf die Ge­schlechts­tei­le, die in fleisch­far­be­nen Hül­len steck­ten, über die ver­streut sit­zen­den Zu­schau­er hin­weg von Po­dest zu Po­dest, ver­folgt von Schein­wer­fern, die keine ihrer Be­we­gun­gen aus­lie­ßen. Ein Luft­zug traf Hiero, als eine Schau­spie­le­rin über ihn hin­weg­sprang. Er hatte die vage As­so­zia­ti­on von Gummi und wäre nicht wei­ter er­staunt ge­we­sen, hätte sich aus die­ser schein­bar so le­ben­di­gen Ge­stalt eine quä­ken­de Laut­spre­cher­stim­me ver­neh­men las­sen oder auch nur ein ver­däch­ti­ges Kna­cken, Knis­tern oder Pras­seln. Gern hätte er in dem Mo­ment die Ge­sich­ter sei­ner Mit­schü­ler be­trach­tet. Aber die Dun­kel­heit hatte sie aus­ge­löscht. So starr­te er, al­lein in sei­ner Haut, zu einem Paar trai­nier­ter Schen­kel empor, zwi­schen denen sich eine un­ge­wis­se Mas­ke­ra­de auf­tat. Sie er­reg­te ihn mehr als das Stück.

Es war ein Akt der An­be­tung, er wuss­te es wohl. Ein Strahl des Hei­li­gen hatte ihn ge­trof­fen und hätte er ein wenig in­ten­si­ver in der Ril­ke-Aus­ga­be ge­blät­tert, die seine Mut­ter ab­sichts­voll in der Woh­nung her­um­lie­gen ließ, dann wäre ihm viel­leicht der Vers Mas­ken, Mas­ken! Dass man Eros blen­de! in den Sinn ge­kom­men, vor­aus­ge­setzt, seine auf­ge­dreh­te Ge­müts­ver­fas­sung hätte der­glei­chen zu­ge­las­sen.

Si­cher ist das nicht. Denn ei­gent­lich war dies hier sein Stück. Wi­der­wil­lig muss­te er es ein­räu­men, wäh­rend er auf sei­nem Thea­ter­stühl­chen her­um­rutsch­te und sich in­ten­siv am Hin­ter­kopf kratz­te, so dass die Nach­ba­rin zi­schend pro­tes­tier­te. Es spiel­te in den Fol­ter­kel­lern des spa­ni­schen Ge­ne­ra­lis­si­mus. Mehr als das: Es spiel­te in den ge­quäl­ten Her­zen einer Zu­schau­er­schaft, die den an­ti­fa­schis­ti­schen Kampf auf ihre Fah­nen ge­schrie­ben hatte und zäh­ne­knir­schend mit an­se­hen muss­te, was alles an Orten ge­schah, zu denen sie kei­nen Zu­tritt besaß. Wenn die Schau­spie­ler von einer Platt­form zur nächs­ten spran­gen, ver­flüch­tig­ten sie damit zu­gleich ihre Rol­len – waren sie ge­ra­de noch Ver­hö­rer, Pei­ni­ger, Fol­te­rer, so ver­wan­del­ten sie sich im Fluge in trä­nen­se­li­ge An­ge­hö­ri­ge, sogar in die Opfer selbst, bevor sie wie­der zu­rück­flo­hen oder an neue Orte, an denen neue Mas­ke­ra­den ge­fragt waren. Sogar eine täu­schend echte Ga­rot­te hatte man auf­ge­baut, falls sie nicht vom Him­mel herab mit­ten auf die städ­ti­sche Bühne ge­fal­len war. Der Ga­rot­tier­te blieb die­ser Mög­lich­keit ge­gen­über merk­wür­dig kühl, er schien ent­schlos­sen, sich durch keine Fol­ter vom ein­stu­dier­ten Text ab­brin­gen zu las­sen. Je furcht­ba­rer der Dorn auf sein Ge­nick drück­te, desto wi­der­sin­ni­ger er­schien Hiero die­ser Text. Er wäre gern da­zwi­schen ge­gan­gen und hätte ein paar klä­ren­de Worte ge­spro­chen, doch ein dump­fes Ge­fühl der Un­an­ge­mes­sen­heit hielt ihn auf sei­nem Sitz.

Die­ses Stück, das in einer selt­sam kal­ten Ver­gan­gen­heit spiel­te und Worte mach­te, wo Taten er­for­der­lich waren, ver­schwieg die Ge­gen­wart. Das schien sogar seine haupt­säch­li­che Auf­ga­be zu sein, bezog man den Sze­nen­ap­plaus der un­sicht­ba­ren oder nur als dunk­le Ku­lis­se ahn- und fühl­ba­ren Thea­ter­be­su­cher in die Dar­bie­tung ein. Es schien ein fast be­ru­hi­gen­der Ge­dan­ke, we­nigs­tens einen Ort auf die­sem Pla­ne­ten zu wis­sen, an dem der echte, alte Fa­schis­mus noch immer Ge­walt übte. Wie schwer fiel es da­ge­gen an­ge­sichts der Pha­lanx der guten Leute, die über so­viel Un­ver­stand nur den Kopf schüt­teln konn­ten, den heu­ti­gen Fa­schis­mus er­folg­reich zu de­nun­zie­ren, der so sicht­bar auf Welte­r­obe­rungs­kurs ging und dabei von einem hel­den­haf­ten klei­nen Volk ge­stoppt wurde, das, eben­falls na­he­zu un­sicht­bar, in sei­nen Erd­lö­chern hock­te.

Auch hier war Hys­te­rie im Spiel, er fühl­te es mit Be­frem­den. Aber ge­nau­so­gut wuss­te er: es war seine Auf­füh­rung.

Das hier war die Welt sei­ner Emp­fin­dun­gen und Emo­tio­nen, an­ge­facht und in Gang ge­hal­ten von Wesen, die sei­nes­glei­chen waren und mit ihm über ein Sys­tem un­sicht­ba­rer Gan­gli­en kom­mu­ni­zier­ten. Es war nicht die Welt der El­tern, die ihn da­mals noch wie ein kom­for­ta­bler Käfig um­schloss, mit Stä­ben, zwi­schen denen er sich frei hin­durch­be­we­gen konn­te, die aber den­noch, weil vor­han­den, die Gren­zen sei­ner Welt mar­kier­ten. Halt, das war so nicht rich­tig. Sie zer­stü­ckel­ten diese Welt, denn sie hin­der­ten ihn an ihrer sys­te­ma­ti­schen Er­for­schung und schu­fen Dun­kel­zo­nen wie hier, wo die In­seln, auf denen ge­lit­ten und qual­voll ge­stor­ben wurde, sich eben­so wenig durch die Sprün­ge der Schau­spie­ler zu einer gro­ßen Bühne zu­sam­men­füg­ten. Rät­sel­haft, diese Schau­spie­ler. An­ge­starrt von über­all her aus dem voy­eu­ris­ti­schen Dun­kel des alles über­flu­ten­den Zu­schau­er­rau­mes, zu­sam­men­ge­drängt an scharf von­ein­an­der ge­trenn­ten Orten, die das Maß der an­de­ren tru­gen, ge­riet ihnen alles, was sie sag­ten und taten, zu selt­sam un­fer­ti­gen Kunst­stü­cken, wie Hun­den, denen man das Ap­por­tie­ren bei­ge­bracht hatte, die aber für diese Art von Ein­satz zu in­tel­li­gent wirk­ten. Was sie sag­ten und taten, besaß einen un­an­ge­brach­ten An­strich von Wirk­lich­keit, der auf­fiel, weil zwi­schen ihnen auch immer ein, zwei Schau­spie­ler der alten Schu­le agier­ten, die sicht­lich Schwie­rig­kei­ten mit der In­sze­nie­rung hat­ten, viel­leicht auch mit dem Stück, da kann­te er sich nicht so aus, die aber ihre Rolle spiel­ten – viel­leicht, wer weiß, die über­zeu­gends­te ihres Le­bens.

Aber, aber... wenn das so war, warum mied er da­nach das Thea­ter? Warum be­han­del­te er es nach­ge­ra­de wie einen Ort, an dem er Un­bill er­lit­ten hatte? Und dazu hatte es nicht ein­mal eines Be­schlus­ses be­durft. Je­den­falls konn­te er sich an kei­nen er­in­nern. Statt­des­sen zog ihn Abend für Abend der schwar­ze Kas­ten des Fern­se­hers in den Bann, aus dem jene frü­hen Bil­der und Schreie ge­quol­len waren.

Auch dafür lie­ßen sich Grün­de fin­den. Dass an den Orten, an denen da­mals die wirk­li­che Bühne auf­ge­schla­gen schien, ihn nur die Spinn­we­ben einer ab­ge­räum­ten In­sze­nie­rung er­war­tet hat­ten, sah schon ge­wal­tig nach Krän­kung aus, viel­leicht nach mehr. Das Thea­ter des Wirk­li­chen hatte be­schlos­sen, ihm kei­nen Zu­tritt zu ge­wäh­ren. Wo immer er nach sei­ner Bar­tosz-Zeit hin­kam, die pro­mi­nen­ten Schau­spie­ler waren be­reits wei­ter ge­zo­gen, teils ins Ge­fäng­nis, teils in den Un­ter­grund oder in die Psych­ia­trie, teils in die Par­tei­ar­beit oder ins Feuille­ton. Die Leute, die jetzt ihre Rol­len mim­ten, kamen nicht in Be­tracht. Nie­mand küm­mer­te sich um sie. Al­len­falls eine mür­ri­sche Po­li­zei muss­te sich, da sie einen Un­ru­he­herd dar­stell­ten, mehr als an­ge­bracht mit ihnen be­fas­sen, wäh­rend der weit­ge­hend un­sicht­ba­re Staats­schutz ein wa­ches Auge auf das hatte, was ein neue­res Prä­ven­ti­ons­be­dürf­nis als ›Sym­pa­thi­san­ten­sze­ne‹ be­schrieb.

Hiero, sei­nen ins Ba­de­was­ser hin­ein­glei­ten­den Kör­per be­trach­tend, fragt sich, was das sei: Re­si­gna­ti­on. Er weiß, dass er ab­neh­men muss, um wie­der in Form zu kom­men, nicht viel, ver­gli­chen mit an­de­ren, aber merk­lich. Die Ge­wich­te zwi­schen sei­nem Kör­per und ihm haben sich zu sei­nen Un­guns­ten ver­scho­ben und das Pos­ses­siv­pro­no­men macht die Sache nicht bes­ser.

Zwei­fel­los trägt er Ver­ant­wor­tung für diese Mit­gift, die ihm zu­ge­wach­sen ist, ohne dass er sich ir­gend­wann wirk­lich für sie ent­schie­den hätte. Das Par­al­lel­uni­ver­sum der Phy­si­ker, hier ist es Wirk­lich­keit und will ge­pflegt wer­den. Seine Funk­tio­nen, so­weit die Wis­sen­schaft bis­her in sie ein­ge­drun­gen ist, lie­gen offen zu­ta­ge, seine Che­mie ist weit­ge­hend be­kannt. Den­noch: Auch wenn die For­schung zügig wei­ter vor­stößt, bleibt es eine ab­ge­dun­kel­te Rea­li­tät, ein non-es­se, ver­gli­chen mit den In­tim­be­rei­chen des Be­wusst­seins, in denen, was ›Ich‹ sagt, auch Ich meint und mü­he­los auf alle Be­stän­de zu­greift, die dar­un­ter fal­len, es sei denn, es hält sie ver­steckt – vor sich selbst, was hin und wie­der vor­kom­men soll.

Ver­steckst du etwas, mein Guter?

Ich? Das wäre ja ab­surd.

Der Kör­per, ge­le­gent­lich Leib ge­nannt, ver­hält sich, streng ge­nom­men, wie die Ge­sell­schaft. Auch er ist das Ich noch ein­mal, nach außen ge­tra­gen, ohne Be­wusst­sein. Seine wun­der­ba­ren Funk­tio­nen sind wirk­lich, sie sind vor­han­den und ein­seh­bar und nicht nur das: sie sind zur Hand, ge­le­gent­lich je­den­falls, wenn man sie braucht, ›im Gro­ßen und Gan­zen schon‹, wie man dort zu sagen pfleg­te, wo er zu Hause war. Aber nur für ein Be­wusst­sein, das sich sagen muss, dass von ihm selbst nichts blie­be, käme es auf die glor­rei­che Idee, sich von dem, was da so hand­lich zu­ge­gen ist, ab­zie­hen zu wol­len. Ein Ichts könn­te man den aus dem Be­wusst­sein her­aus­ra­gen­den Kör­per nen­nen, um das läs­ti­ge Nicht-Ich zu ver­mei­den, das an­de­re As­so­zia­tio­nen weck­te. Ein sich ins Nichts er­stre­cken­des, viel­leicht sich er­gie­ßen­des, viel­leicht ste­tig ent­wei­chen­des Ich, ober­fläch­lich ver­gleich­bar der ver­schwun­de­nen, in die Ge­sell­schaft dif­fun­dier­ten Avant­gar­de, die ein­mal aus­zog, die Welt zu ver­än­dern.

Was ist ei­gent­lich aus dem avant­gar­dis­ti­schen Thea­ter ge­wor­den? Ein Ge­klap­per von Büh­nen­schnei­dern mit Kriegs­her­ren-Al­lü­ren. So­bald ein Blätt­chen ihnen die Spal­ten öff­net, zie­hen sie gegen ein­an­der vom Leder. Ist wirk­lich die Groß­spre­che­rei die Kehr­sei­te jener un­ge­heu­ren Sen­si­bi­li­tät, die ihrer Ar­beit von den Thea­ter­kri­ti­kern be­schei­nigt wird? Wer das wüss­te. Ehr­lich ge­sagt, nichts reizt ihn, den Preis an Zeit und Um­stän­den zu ent­rich­ten, der nötig wäre, es her­aus zu fin­den.

Au­ßer­dem ist so ein Thea­ter­abend nicht bil­lig. Er ist sogar ab­surd teuer, wenn man in Rech­nung stellt, dass alles, was dort ge­spro­chen wird, be­reits zwi­schen zwei Buch­de­ckeln ge­schrie­ben steht, die er mit­samt In­halt im An­ti­qua­ri­at für ein paar Pfen­ni­ge er­wer­ben kann. Diese ent­setz­li­che Wie­der­ho­lungs­sucht schlägt aufs Gemüt. Letzt­lich hat sie ihn auch der Po­li­tik ent­frem­det. Im Fern­se­hen schmerzt sie nicht, selt­sa­mer­wei­se. Das Me­di­um ist der große Gleich­ma­cher. Man schal­tet ein, man schal­tet aus. Nie siehst du, was du of­fen­bar sehen sollst, und nie er­fährst du, was es neben dem ge­zeig­ten Aus­schnitt zu sehen gibt, dort, wo es span­nend würde. Das Fern­se­hen ist die tech­ni­sche Rea­li­sie­rung des Im­mer­glei­chen. Im Grun­de funk­tio­niert es wie die Ka­cheln an der Wand, auf deren se­ri­el­le Schön­heit du kei­nen Wert legst. Sie sind aber vor­han­den und das ist ›ir­gend­wie‹ rich­tig und will, schließ­lich bist du ein folg­sa­mer Mie­ter, be­zahlt wer­den. Alles, was im Leben Mühe macht, ohne das Ich zu meh­ren, tropft an ihnen ab. ›Ab­trop­fen las­sen‹ – eine vä­ter­li­che, viel­leicht alt­vä­ter­li­che Er­mah­nung. Als du ein Knabe warst, hat sie dich zur Weiß­glut ge­trie­ben. Ein­ge­la­ger­te Er­in­ne­rung, merk­wür­dig: ein Pu­del-Ich, ver­schat­tet, ge­kränkt, damp­fend vor Un­ge­duld und Re­van­che­lust, stürmt das Wohn­zim­mer mit dem silb­ri­gen Licht auf Si­de­board und ab­grund­tie­fen Ses­seln, über die man sich beug­te, als habe ein tra­gi­sches Schick­sal die Er­wach­se­nen zu einem Un­ter­da­sein ver­ur­teilt, was ja auch stimm­te.

Die Py­ra­mi­de schim­mert durch den Sprüh­re­gen, in dem sie höher er­scheint. Ein wei­ches, aus un­be­stimm­ten Fer­nen ein­ge­fan­ge­nes Licht spielt auf ihrer Ober­flä­che. Hiero, der so oft unter ihr hin­durch­spa­ziert ist, kann sich noch immer nicht ent­schei­den, ob er die glä­ser­nen Ele­men­te, aus denen sie zu­sam­men­fügt ist, wirk­lich Waben nen­nen soll. Diese schein­bar spon­ta­nen Rück­grif­fe auf Bio­lo­gi­sches sind ihm zu­wi­der. Auf­fal­lend viele Mo­der­nis­men be­die­nen sich sol­cher Ana­lo­gi­en. Im Grun­de wol­len sie sagen: Stell dich nicht so an! Sieh dich um – funk­tio­nierst du an­ders? Funk­tio­nierst du denn an­ders? Sieh an dir her­un­ter, am bes­ten in dich hin­ein, be­ob­ach­te dich und dei­nes­glei­chen, dann wird die Dif­fe­renz schon schwin­den. Viel­leicht lehnt er sie ge­ra­de des­halb ab. Wenn er da­mals ge­lit­ten hatte, dann nicht ›wie ein Tier‹, son­dern wie ein Mensch. Diese Py­ra­mi­de war neben sei­nen Sor­gen und Ängs­ten in die Höhe ge­wach­sen, un­be­merkt von ihm und sei­nes­glei­chen, un­ver­bun­den mit sei­ner Le­bens­welt. Aber das stimm­te nicht wirk­lich. Wäh­rend er Se­mi­na­re be­such­te und sich die dort er­brach­ten Leis­tun­gen quit­tie­ren ließ, hatte die ›Mo­der­ni­sie­rung der Hoch­schul­land­schaft‹, wie die Ge­bets­müh­len der Po­li­tik sie nann­ten, von pro­tes­tie­ren­den Stu­den­ten we­ni­ge Jahre vor­her stür­misch ge­for­dert, Bau­ten wie die­sen her­vor­ge­trie­ben. Wie konn­te ihm das ent­ge­hen? War es ihm über­haupt ent­gan­gen? Wenn nicht, dann hatte er ein Pro­blem mit sei­ner Wahr­neh­mung. Hatte er es ver­drängt? Mein Gott, was für eine Al­ler­welts­vo­ka­bel. Wel­che Vo­lu­mi­na muss­te einer auf­bie­ten, um so etwas zu ver­drän­gen? Wozu? Was lag an die­sem Bau? An die­sem Bau wohl­ge­merkt, der sich viel­leicht durch seine ›äs­the­tisch an­spruchs­vol­le‹ Ge­stalt von den an­de­ren, die er nach und nach ken­nen­lern­te, un­ter­schied? War das wich­tig?

Die Py­ra­mi­de war an­ders: sie ent­hielt keine Stu­den­ten. Be­merk­bar mach­te sich das in der trans­pa­ren­ten Ruhe hin­ter den sich ge­las­sen jedem ein­zel­nen Be­su­cher wid­men­den Ein­gangs­tü­ren, der schwe­ben­den, durch kei­ner­lei Krit­ze­lei­en ver­dor­be­nen Ele­ganz der Auf­zü­ge, über­haupt in der Ab­we­sen­heit von Pa­ro­len, mit denen schnell­fing­ri­ge Ak­ti­vis­ten in den an­de­ren Uni­ver­si­tä­ten die Wände be­sprüh­ten, vor allem aber im Ka­ta­log­saal der Bi­blio­thek, der Hiero, als er ihn zum ers­ten Mal be­trat, vor allem dazu be­stimmt schien, den ga­lak­ti­schen Ort des mensch­li­chen Wis­sens zu re­prä­sen­tie­ren. Noch waren die me­cha­ni­schen Sys­te­me in­takt, wäh­rend die Groß­rech­ner in den kli­ni­schen Ein­ge­wei­den der In­sti­tu­ti­on be­reits ihre Ar­beit auf­ge­nom­men hat­ten. Die Kar­tei­schrän­ke, glän­zend schwarz und luf­tig auf gra­zi­len Me­tall­säu­len ru­hend, lie­fen als dunk­les Band vor der glä­ser­nen Au­ßen­wand auf einen Fix­punkt zu, an dem sich der Raum zu den ver­schie­de­nen Auf­ga­ben­be­rei­chen hin auf­fä­cher­te.

Hiero, ei­ni­ger­ma­ßen ver­dutzt ob der un­ge­heu­ren Ver­kür­zung aller Funk­ti­ons­we­ge, er­tapp­te sich nach dem Aus­fül­len der Lei­h­zet­tel bei dem Wunsch, an der eben­so lan­gen wie – fast – men­schen­lee­ren Theke auf- und ab­zu­ti­gern, um nicht zu ver­pas­sen, wie die Be­stel­lung ein­traf. Der zeit­li­che Auf­wand er­schien ihm ge­ring, nein, be­lie­big an­ge­sichts der ihm auf För­der­bän­dern, die an die Ge­päck­be­för­de­rung auf Flug­hä­fen er­in­ner­ten, aus dem In­ne­ren einer den Bli­cken Un­be­fug­ter ent­zo­ge­nen, den­noch trans­pa­ren­ten Ma­ga­zin­welt ent­ge­gen­schwe­ben­den Bü­cher­hau­fen.

Nein, er mach­te sich nichts vor. Ein und der­sel­be Pro­zess hatte diese fu­tu­ris­ti­sche Wis­sens­ar­chi­tek­tur und die in­di­vi­du­ell so un­ter­schied­lich an­ge­leg­ten Wis­sen­schaft­ler­psy­chen eines Kä­rich oder Tron­ka ge­formt. Die­ser Pro­zess ging durch alles hin­durch, was sie dach­ten, be­rie­ten und taten. Er war grö­ßer als sie und er be­deu­te­te mehr. Es war nur fol­ge­rich­tig, dass Tron­ka, nach­dem das Sys­tem ihn bis aufs Blut ge­mar­tert hatte, einen Ruf an diese erst vor we­ni­gen Jah­ren er­öff­ne­te Uni­ver­si­tät er­hielt. Selbst die Ka­renz­zeit er­schien im Nach­hin­ein maß­voll. Der Tep­pich, auf dem er wan­deln soll­te, muss­te erst ver­legt wer­den. Selbst ein Umzug er­üb­rig­te sich – so sehr kam das Sys­tem ihm ent­ge­gen. Umso selt­sa­mer, dass die Py­ra­mi­de in sei­nem aka­de­mi­schen Uni­ver­sum bis zum Zeit­punkt der eher me­cha­nisch vor­ge­nom­me­nen Be­wer­bung nicht auf­ge­taucht war.

Hiero er­fass­te in­stink­tiv, dass hier etwas nicht stimm­te. Auch er wei­ger­te sich, dem Ge­dan­ken an einen Umzug, der prak­ti­sche Vor­tei­le ge­bo­ten hätte, näher zu tre­ten.

  • ―Warum? frag­te er Pw, der ihn, den Fin­ger im Bier­glas, nach­denk­lich ansah. Mech­tel be­stärk­te ihn in die­ser Auf­fas­sung, ließ aber ihre Mo­ti­ve im Dun­keln. Sie hatte sich, was er ihr hoch an­rech­ne­te, nach der miss­glück­ten Nacht nicht vom Um­gang mit ihm zu­rück­ge­zo­gen. Eine ru­hi­ge, fast hatte er sagen mögen, ver­son­ne­ne Ver­traut­heit herrsch­te neu­er­dings zwi­schen ihnen. Ein schwie­ri­ger Fall, der of­fen­bar der wei­te­ren, von ihm hart­nä­ckig hin­aus­ge­scho­be­nen Be­ar­bei­tung harr­te.

    Sein ers­ter Be­richt über die Py­ra­mi­de stieß auf wenig Re­so­nanz. Er hatte den Ver­dacht, dass die Grup­pe den Casus ab­sicht­lich tie­fer häng­te. Man woll­te die Ver­schie­bung der Ge­wich­te ver­mei­den, die nach Lage der Dinge ein­tre­ten muss­te. Er konn­te das gut ver­ste­hen, aber läs­tig blieb es schon, sogar krän­kend. Gern wäre er hin und wie­der be­reit ge­we­sen, auf den Po­si­ti­ons­vor­teil zu ver­zich­ten, den seine eben­so er­war­te­te wie über­ra­schen­de An­stel­lung nun ein­mal mit sich brach­te, wäre es nur mög­lich ge­we­sen, die un­ge­heu­re Kluft zu be­re­den, die seine neue Um­ge­bung von dem in lan­gen Se­mes­tern ein­ge­üb­ten Uni­ver­si­täts­all­tag schied.

    Aber er drang nicht durch. Ab­rupt wurde der Zug sei­ner Ge­dan­ken auf frei­er Stre­cke an­ge­hal­ten. Eine un­sicht­ba­re Hand ver­wehr­te es ihm, mit sei­ner Fracht aus be­deu­ten­den Neu­ig­kei­ten in den Bahn­hof der ge­mein­sa­men Neu­gier ein­zu­lau­fen. Wie das? Er muss­te sich in die Kind­heit zu­rück­phan­ta­sie­ren, in Um­stän­de, die er hin­ter einem Vor­hang aus alter Scham und ge­wach­se­ner Ge­ring­schät­zung si­cher ver­bor­gen ge­wähnt hatte, um auf Ver­gleich­ba­res zu sto­ßen. Dabei lag Neu­gier im Raum, er spür­te es. Sie wurde zu­rück­ge­hal­ten von einer Kraft, gegen die er nicht ankam. Viel­leicht be­fan­den sich die an­de­ren, die er in­stink­tiv für die Sei­nen hielt, in einer ver­gleich­ba­ren Lage, viel­leicht kamen auch sie nicht gegen den Dämon an, der sie in sol­chen Mo­men­ten re­gier­te. Viel­leicht häm­ten sie hin­ter sei­nem Rü­cken, wer konn­te das wis­sen? Die Wand exis­tier­te – un­wirk­lich, un­ver­rück­bar. Zwar ge­währ­te sie, gleich der Au­ßen­haut der Py­ra­mi­de, wei­ter­hin Durch­blick, aber der di­rek­te Kon­takt war ver­lo­ren.

    Ei­ni­ge Wo­chen spä­ter hatte sich die neue Er­fah­rung be­reits in­so­weit den Um­stän­den an­ge­passt, als sie be­reit­wil­lig in den Hin­ter­grund rück­te, so­bald sich der Kreis um ihn schloss. Nein, auch das stimm­te nicht ganz. Ein Teil von ihm streb­te oder floss, folg­sam wie ein Hund, dem Hin­ter­grund zu, der zwar die ganze Zeit über vor­han­den blieb, aber von dem an­we­sen­den Teil der Per­son kei­nes Bli­ckes ge­wür­digt wurde. Auch das war neu und es fühl­te sich kei­nes­wegs gut an. An un­ver­mu­te­ter Stel­le war Hiero auf das Tabu ge­sto­ßen, das die ge­sell­schaft­li­chen Dinge re­giert, und hatte es nach meh­re­ren Ver­su­chen, es ein­fach zu über­ren­nen, still­schwei­gend ak­zep­tiert. Nun, viel­leicht nicht ak­zep­tiert, das klang nach einem be­wuss­ten Vor­gang, einer Art Ab­ma­chung, die er zwi­schen sich und sich ge­trof­fen hätte. So war es nicht. Er hatte es an­ge­nom­men wie eine neue Ge­wohn­heit und wun­der­te sich ge­le­gent­lich über sich selbst, wun­der­te sich über diese merk­wür­di­ge Schwä­che, die er zu­gleich ge­noss und ver­ach­te­te. An­fangs war er si­cher, die Ak­zen­te je­der­zeit neu set­zen und eben des­halb für dies­mal dar­auf ver­zich­ten zu kön­nen. Dann ver­gaß er auch das.

    Was ihm wi­der­fuhr, besaß in Tron­kas Be­neh­men sein Wi­der­spiel. Schon bei der ers­ten Be­geg­nung in der Py­ra­mi­de fand er ihn ver­än­dert: selt­sa­mer­wei­se nicht grö­ßer, son­dern klei­ner ge­wor­den, ge­drun­ge­ner so­zu­sa­gen im milde ein­strö­men­den Ge­gen­licht, als er aus dem Auf­zug her­aus­trat und ihn ab­sicht­lich ste­hen ließ, um erst das Ge­spräch mit ein paar jun­gen Leu­ten zu be­en­den. Gleich­mü­tig, mit einem leicht bla­siert wir­ken­den Lä­cheln im Ge­sicht, hör­ten sie ihm zu und zer­streu­ten sich in un­ter­schied­li­che Rich­tun­gen. Was er Hiero anbot, wäh­rend sie dem Pro­fes­so­ren­zim­mer­chen zu­schlen­der­ten, war er­schre­ckend mager – eine ›Hilfs­kraft­stel­le‹. Alt­mo­disch, wie er nun ein­mal sei, fand Tron­ka, dass einer ›schon pro­mo­viert‹ sein müsse, um An­spruch auf einen As­sis­ten­ten­pos­ten zu er­he­ben. Hiero, der die gän­gi­ge Pra­xis kann­te, schluck­te tro­cken und griff zu. Sein In­ne­res tobte. Neinn­einn­ein schlug es gegen die Rip­pen. Der sim­ple Ge­dan­ke, Tron­ka habe zu die­sem Zeit­punkt viel­leicht gar keine As­sis­ten­ten­stel­le zu ver­ge­ben ge­habt, kam ihm erst spä­ter, viel zu spät, um noch Ein­fluss auf das zu neh­men, was die Spra­che der Zeit sein ›Ver­hält­nis‹ zu Tron­ka nann­te und das, nach­dem sich die Dinge so ent­wi­ckelt hat­ten, nur noch ein Un­ver­hält­nis sein konn­te. Tron­ka hatte ihn zwar nicht ab­ge­hängt, aber auf die Plät­ze ver­wie­sen. Eine Hilfs­kraft blieb eine Hilfs­kraft, je­der­zeit aus­wech­sel­bar, ein ge­sichts­lo­ses Wesen.

Panik
3
Hiero: Figur 1
Hier­ony­mus im Ge­hä­us

So un­er­war­tet und un­ver­hält­nis­mä­ßig Hiero die Dis­tanz auch er­schei­nen muss­te, die durch die neue Rol­len­ver­tei­lung ent­stand, so be­flis­sen ergab er sich in sie. Ei­sern hielt er sie auch in Si­tua­tio­nen auf­recht, in denen Tron­ka nichts daran ge­le­gen schien. Hiero, der immer neu davon über­rascht wurde, hatte be­schlos­sen, kein Jota der neu ge­fass­ten Dis­tanz preis­zu­ge­ben.

  • ―Hm, brumm­te Tron­ka, wenn es ihm wie­der nicht ge­lun­gen war, den Adep­ten, der seine Sache an­sons­ten gut mach­te, aus der Re­ser­ve zu lo­cken. Den Blick auf die Schuh­spit­zen ge­rich­tet, als sei dort die Lö­sung des Rät­sels zu fin­den, sprach er die Silbe mehr in sich hin­ein. Fast hörte es sich so an, als stün­de er dar­über in einem Dau­er­di­alog mit sich selbst, aber das konn­te sich Hiero beim bes­ten Wil­len nicht vor­stel­len. Er hätte es auch nicht ge­wollt.

Dafür war sein Mund jetzt ohne wei­te­res im Stan­de, Sätze zu bil­den wie Ich bin nur eine ein­fa­che Hilfs­kraft, als habe das Schick­sal selbst sei­nen Zög­ling auf die­ser Spros­se der so­zia­len Lei­ter ab­ge­setzt und ihm damit eine Exis­tenz­form ge­ge­ben, an der nicht mehr zu rüt­teln war. Was sich für die jun­gen Leute des In­sti­tuts wie Knecht­se­lig­keit an­hör­te, wurde von Tron­ka um­ge­hend als Trotz aus­ge­legt. Bei­des ver­fehl­te den Kern der Sache. An­ders als den Be­schäf­tig­ten, Tron­ka in­be­grif­fen, denen Hiero unter dem Dach der Py­ra­mi­de be­geg­ne­te, reich­te ihm der müt­ter­li­che Scheck voll­auf zum Leben. Keine ma­te­ri­el­le Not­durft trieb ihn zum Dienst. Die pos­sier­li­che Stel­le löste für ihn kein un­ab­weis­ba­res Daseins­pro­blem wie Miet­zah­lun­gen oder Ben­zin­rech­nun­gen, sie be­scher­te ihm höchs­tens eines. Durch sie wurde das Da­sein selbst, je­den­falls in so­zia­ler Hin­sicht, zum Pro­blem.

Hätte er sie nicht an­ge­nom­men, wer weiß, er hätte wo­mög­lich den Ein­stieg in jenen lan­gen Pro­zess ver­passt, an des­sen Ende das be­wuss­te Schild­chen an sei­ner Tür kle­ben würde. Doch so? Mit einer Stel­le wie die­ser, kaum Stel­le zu nen­nen, war er ein Teil des Be­trie­bes. Aber er war es nicht wirk­lich. Hilfs­kräf­te fie­len, so hatte er zu­fäl­lig einem Wort­wech­sel zwi­schen Tron­ka und sei­ner Se­kre­tä­rin ent­nom­men, rein haus­halts­tech­nisch unter die Ru­brik ›Sach­mit­tel‹. Er war also ge­wis­ser­ma­ßen gar nicht vor­han­den, ver­gleich­bar al­len­falls den Auf­zü­gen und Roll­bän­dern in der Bi­blio­thek, die im­mer­hin den Vor­teil hat­ten, fest ein­ge­baut zu sein und nicht von Se­mes­ter zu Se­mes­ter um ihre An­stel­lung ban­gen zu müs­sen.

Be­ginnt man ein Pro­fes­so­ren­da­sein als Sache? Er wuss­te es nicht und hätte es gern ge­wusst. Fra­gen konn­te er nie­man­den, nicht ein­mal sich selbst, da er die Ant­wort im vor­aus wuss­te. Auch kam es ihm nicht in den Sinn, sich zu be­kla­gen. Also blieb nur die Stel­le, eine leich­te Ver­här­tung, sub­ku­tan, wie es sich ge­hör­te. Er ge­wöhn­te sich daran, sie mehr­mals am Tag zu be­tas­ten, als habe er da einen Be­glei­ter, nach dem er sehen müsse, weil die Ver­ant­wor­tung es so mit sich brach­te.

Keine der an­de­ren Hilfs­kräf­te, das hatte er rasch er­kannt, schlug sich mit sei­nem Pro­blem herum. Er be­geg­ne­te ihnen am Ko­pie­rer, in der Bi­blio­thek, sie lach­ten und re­de­ten un­ge­niert mit­ein­an­der, ihr aka­de­mi­sches Fort­kom­men schien ihnen gleich­gül­tig zu sein. Sie rech­ne­ten sich aus, ob sie ihre Miete be­zah­len konn­ten und plan­ten die nächs­te Fe­ri­en­rei­se. Er lausch­te ihren Stim­men, oft ver­wir­bel­ten sie sich und er hörte ein Ge­zwit­scher, das sich ver­lor, ohne dass er wuss­te, wie ihm ge­schah. Dann fand er sich an der lan­gen Theke al­lein vor den auf­ge­türm­ten Bü­cher­sta­peln wie­der; die an­de­ren waren ge­gan­gen und er hatte nichts ge­merkt. Wenn er sie das nächs­te Mal traf, be­müh­te er sich, es wie­der gut­zu­ma­chen, aber das er­wies sich als schwie­rig. Denn auch sie hat­ten nichts ge­merkt. Er war ihnen auf die­sel­be un­merk­li­che Weise ab­han­den ge­kom­men wie sie ihm.

Weißt du noch, wie schwie­rig es war, dir ihre Ge­sich­ter ein­zu­prä­gen? Wie prägt man sich ein Ge­sicht ein, das einem ent­fällt? Hat man es denn im Mo­ment des Ent­fal­lens? Ein Name, der einem ge­ra­de ent­fal­len ist, wird einem wie­der ein­fal­len, spä­tes­tens dann, wenn man ihn nicht be­nö­tigt. Aber ein Ge­sicht? Wie sieht ein Ge­sicht aus, von dem man weiß, dass man es nie ver­ges­sen kann? Woher weiß man so etwas? Wie sieht ein Ge­sicht aus, das man im An­schau­en schon wie­der ver­gisst? Wie kann so ein Ge­sicht aus­se­hen?

Auch das mit den Namen ge­stal­te­te sich schwie­rig. Im­mer­hin, den einen oder an­de­ren be­hielt er, so dass ihn über ein paar Esels­brü­cken ab­ru­fen konn­te. Be­son­ders hilf­reich war das nicht. Woll­te er die be­tref­fen­de Per­son an­spre­chen, so durf­te er fast si­cher sein, dass er ihn nicht parat hatte. Pein­lich pein­lich, mit sol­chen Aus­fäl­len war kei­nem ge­dient. Also ver­leg­te er sich dar­auf, Pat­zer wie diese in sei­ner Rede zu ver­mei­den. Leicht war das nicht. Doch mit der Zeit ent­wi­ckel­te er ein ver­zwick­tes Sys­tem di­rek­ter und in­di­rek­ter Ver­wei­sun­gen, das es ihm er­laub­te, dem Na­mens­zwang zu ent­ge­hen, der in aller Rede steck­te wie die Natur in der Re­gen­haut der so­zia­len Exis­tenz.

Panik
4
Hiero: Figur 1
Der Zun­gen­schlag der Ge­schich­te

Sei es, dass das Sys­tem ir­gend­wann aus dem Be­reich der Spra­che auf den der rea­len Per­so­nen über­sprang, sei es, dass die durch wech­seln­de Um­ge­bun­gen er­zwun­ge­ne Dis­so­zia­ti­on erns­te­re Fol­gen nach sich zog – eine Zeit­lang hatte er die Emp­fin­dung, ein und der­sel­ben Per­son an ver­schie­de­nen Orten zu be­geg­nen: den einen Tag unter dem Dach der Py­ra­mi­de, an­dern­tags drau­ßen in sei­nem alten, nicht eine Se­kun­de lang auf­ge­ge­be­nen Le­bens­kreis. Dort durch­schritt er nach wie vor die wil­hel­mi­ni­sche Pfor­te zum Le­se­saal der Bi­blio­thek, wenn es galt, sich ein Buch an­zu­eig­nen, das ihm für seine Ar­beit es­sen­ti­ell zu sein schien. Als traue er Druckerzeug­nis­sen nur eine ver­min­der­te Sach­hal­tig­keit zu, die, so­bald er einen ent­spre­chen­den Wunsch ge­äu­ßert hatte, wie von Zau­ber­hand be­wegt auf un­sicht­ba­ren Roll­bän­dern auf ihn zu­lie­fen, be­ru­hig­te er sich erst, wenn er ihr Ge­gen­stück aus der ver­meint­lich wirk­li­che­ren, auf kon­ven­tio­nel­le Weise asep­ti­schen Welt in Hän­den hielt.

Ver­dop­pel­ten sich die Ge­gen­stän­de unter den ge­ge­be­nen Be­din­gun­gen, so leg­ten die Men­schen of­fen­sicht­lich zu­sam­men. Das galt nicht für Tron­ka, der er­klär­ter­ma­ßen der­sel­be war, auch wenn er als ein je­weils an­de­rer agier­te, aber es galt für diese Per­son, der er selbst in ru­hi­gen Stun­den kei­nen Namen mehr zu­ord­nen konn­te, ob­wohl er wuss­te, dass er ihm im Prin­zip ge­läu­fig war. Er ver­gaß diese Per­son ra­di­kal, so ra­di­kal, wie er nie einen Men­schen ver­ges­sen hatte, so­bald er sich von ihr ver­ab­schie­det hatte, um das Ge­spräch, ohne An­re­de wie in einem Film, wo alle gleich um­stands­los zur Sache kom­men, am je­weils an­de­ren Ort wei­ter­zu­füh­ren – ein Ge­spräch, das of­fen­bar ir­gend­wo be­gon­nen hatte und si­cher ir­gend­wo­hin führ­te, ohne dass eins die­ser Ir­gend­wos je­mals in ihn ein­ge­drun­gen wäre. Schat­ten­haft um­schweb­te ihn der Ge­dan­ke, dass er es mit einem dop­pelt vor­han­de­nen Ge­gen­über zu tun hatte. Auch das drang nicht in ihn ein. Es dau­er­te Jahre, bis die Er­in­ne­rung die­sen über­aus sche­ma­tisch ge­schnit­te­nen Strei­fen frei­gab und ein blas­ses, mit hel­lem, ge­kräu­sel­tem Haar um­wi­ckel­tes Män­ner­ge­sicht zum Vor­schein brach­te, das er über­haupt kei­nem Ort mehr zu­ord­nen konn­te.

Tron­ka selbst schien von der­lei An­wand­lun­gen frei zu sein. Was für seine Per­sön­lich­keit hätte spre­chen kön­nen, be­zeug­te seine wach­sen­de Igno­ranz. Doch gab es Tage, an denen er eine Fremd­heit her­aus­kehr­te, die Hiero we­ni­ger ver­stimm­te als sei­ner­seits be­frem­de­te und sogar be­stürz­te. Wie konn­te es pas­sie­ren, dass die so ge­grün­det er­schei­nen­de Er­war­tung, mit dem Do­zen­ten sei­ner Wahl ge­mein­sam an die Aus­ar­bei­tung einer neuen Phi­lo­so­phie zu gehen, jetzt von Be­geg­nung zu Be­geg­nung in eine fer­ne­re Zu­kunft zu­rück­wich, wäh­rend doch ein Wort, ein Blick, ein be­deut­sam ver­ab­reich­ter Hän­de­druck ge­nü­gen wür­den, sie in vol­ler Kraft im Raum er­ste­hen zu las­sen? Im­mer­hin han­del­te es sich um keine un­an­ge­mes­se­ne Er­war­tung, da die Grund­zü­ge der neuen Phi­lo­so­phie durch die Ar­beit des Äl­te­ren be­reits vor­ge­ge­ben war. An tau­send Ecken ver­lang­te sie nach Be­grün­dung, Ver­tei­di­gung und An­wen­dung, nach ge­dul­di­gem Boh­ren all der har­ten Bret­ter, die wie ein dich­ter Ver­hau aus schmut­zi­gen Hy­po­the­sen die ei­ge­ne Po­si­ti­on um­ga­ben und nach und nach zu Stüt­zen des Sys­tems um­ge­schaf­fen wer­den muss­ten. Das war of­fen­sicht­lich und ›nicht ver­han­del­bar‹. Es kam aber im All­tag nicht zur Gel­tung. Schon das lang­wie­rig aus­ge­han­del­te und trotz­dem, wie er sich ein­ge­ste­hen muss­te, ihm von Tron­ka ›auf­ge­drück­te‹ Thema der Dis­ser­ta­ti­on glich in die­ser Hin­sicht einem ge­schickt zwi­schen sie ge­trie­be­nen Keil, der sie ge­wis­ser­ma­ßen aus­ein­an­der- und zu­sam­men­hielt.

Das Thema... Hiero hatte, bevor er sich end­gül­tig dazu ent­schloss, auch mit mir Ge­sprä­che dar­über ge­führt. Diese Un­ter­hal­tun­gen hat­ten mich, wie man so sagt, etwas ge­lehrt. Im Grun­de war es nichts, was ich nicht ge­wusst oder ver­mu­tet hätte. Aber sie ver­sa­hen es mit einem Schuss Wi­der­sinn, der sei­nem Welt­ver­hält­nis in mei­nen Augen eine neue Tö­nung gab. Hiero be­nahm sich wie je­mand, der nicht weiß, ob er die Frau sei­nes Her­zens hei­ra­ten soll, weil er die Ehe als In­sti­tu­ti­on zwar be­für­wor­tet und es ihm schon recht wäre, sie mit die­ser Frau ein­zu­ge­hen, er aber doch ge­wis­se nicht aus­zu­räu­men­de Zwei­fel hegt, ob er für sie auch der Rich­ti­ge ist – teils, weil er sich kennt, teils, weil er sich nicht kennt, was bei­des, hin­rei­chend skru­pu­lös be­dacht, dar­auf hin­aus­läuft, dass er nicht, je­den­falls nicht für alle Zu­kunft, für sich bür­gen kann und er es als un­zu­läs­sig emp­fin­det, die Ge­lieb­te für ihn bür­gen zu las­sen. Braut­va­ter Tron­ka, der seine Toch­ter kann­te, konn­te mit die­sem Paket aus Zu­fas­sen und Zö­gern nichts an­fan­gen, es be­stärk­te nur seine stil­len Vor­be­hal­te. Aber gleich­zei­tig dräng­te es sie auch weit in den Hin­ter­grund. Of­fen­bar lag ihm daran, ge­ra­de die­ses Thema unter Dach und Fach zu brin­gen. Statt den Ge­dan­ken an eine ab­wei­chen­de Fra­ge­stel­lung auch nur zu­zu­las­sen, mach­te er es zur Con­di­tio sine qua non ihrer Be­zie­hung, im­mer­hin so ge­schickt, dass Hiero die Nö­ti­gung stets bei sich selbst or­te­te. Die­ses ver­fluch­te Thema besaß zwei Sei­ten, eine dog­ma­ti­sche und eine ›her­me­neu­ti­sche‹. Die eine lief auf Ge­sin­nung und Par­tei­nah­me hin­aus, die an­de­re auf die ge­schmei­di­ge Ver­mei­dung von bei­dem. Der Nach­druck, mit dem Tron­ka ihm die Ar­beit auf­nö­tig­te, ließ die Theo­rie, um die es dabei ging, ab­wech­selnd als den Fels auf­schei­nen, an dem ab­wei­chen­de Auf­fas­sun­gen not­wen­dig zer­schell­ten, oder als nütz­li­ches Ma­te­ri­al bei der Er­rich­tung des ei­ge­nen, bis­lang nur in Um­ris­sen sicht­ba­ren Denk­ge­bäu­des. Was galt? In Mi­nu­ten des Ein­ver­ständ­nis­ses ver­schwand die Dif­fe­renz spur­los – ein blei­ben­des, gleich­wohl leicht auf­zu­lö­sen­des Rät­sel an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass sie sich vor der Folie der kri­tisch nach­prü­fen­den Über­le­gung, die jeden Satz, jede noch so leich­te Be­mer­kung aus die­sen Ge­sprä­chen um- und um­wand­te, bis sie in tie­fe­ren Zonen des Ge­dächt­nis­ses ver­si­cker­ten, je­des­mal deut­li­cher ab­zeich­ne­te: ein Me­ne­te­kel, das den Zwei­fel be­leb­te und die ur­sprüng­lich vor­han­de­ne Un­si­cher­heit er­neu­er­te.

Wie weit Tron­ka mit die­ser Zwei­deu­tig­keit spiel­te, war aus Hie­ros Stel­lung her­aus nicht zu er­grün­den. Die Ex­pe­di­ti­on, auf die ihn Tron­ka schick­te, mög­li­cher­wei­se ohne sich all­zu­viel dabei zu den­ken, aber unter al­ler­lei Vor- und Hin­ter­ge­dan­ken, mu­te­te hei­kel, doch nicht hoff­nungs­los an. Nein, er hatte sich nicht an dem eben­so ge­ring ge­schätz­ten wie ge­fürch­te­ten Lam­bert ab­zu­ar­bei­ten, auch nicht am un­ver­gleich­li­chen, aber an­der­wei­tig be­setz­ten Spi­no­za. Beide Ge­gen­stän­de hät­ten eine dog­ma­ti­sche Per­spek­ti­ve von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen. Tron­ka hatte ihm kein klas­si­sches Thema auf­ge­bür­det, son­dern eines, das – strikt im Mi­lieu sys­te­ma­ti­schen Den­kens – der Wie­der­ge­win­nung der Ge­gen­wart aus einer ver­ach­te­ten und bei­sei­te ge­sto­ße­nen Ver­gan­gen­heit galt.

Die Wie­der­ge­win­nung der Ge­gen­wart: ein gro­ßes, leicht pa­the­tisch an­mu­ten­des Genre, in dem sich un­be­hel­ligt nur ar­bei­ten ließ, wenn man seine Mo­ti­ve sorg­fäl­tig nach außen ver­schlei­er­te. Das er­for­der­te einen ei­ge­nen Stil des Den­kens und Schrei­bens. Hiero, des­sen Drauf­gän­ger­tum es gern leich­ter ge­habt hätte, ver­wand­te viel Nach­den­ken auf die­sen Punkt, doch kam es ihm so vor, als ent­zie­he er sich be­harr­lich sei­nem Zu­griff. Wie kann man den­ken, ohne zu den­ken? Wie kann man schrei­ben, ohne zu schrei­ben? Wie kann man den­ken und gleich­zei­tig einen Vor­hang aus Nicht­den­ken um das Ge­dach­te zie­hen?

Viel­leicht soll­te er Mech­tel zu Rate zie­hen, die sich in einer bes­se­ren Po­si­ti­on be­fand... Eher hätte er die Ab­sicht fas­sen kön­nen, in ein Bren­nes­sel­bü­schel zu grei­fen, um ein wenig Natur zu füh­len. Au­ßer­dem hätte er ihr er­klä­ren müs­sen, worum es in sei­ner Ar­beit wirk­lich ging, und das – nicht aus­zu­den­ken! Selbst meine dies­be­züg­li­che Frage be­schwor nur ein wi­der­wil­li­ges Brum­men her­auf und unter der Schicht aus auf­ge­tra­ge­nem Gleich­mut vi­brier­ten alle Sys­te­me. Nein, Tron­ka hatte ihm da kei­nen wirk­li­chen Dienst er­wie­sen, falls doch, so erst in einer fer­nen, noch nicht ab­seh­ba­ren Zu­kunft. Hier und jetzt be­ein­träch­tig­te die of­fen­kun­dig zu schwe­re Bürde den Gang der Dinge emp­find­lich.

Keein Zwei­fel: den bei­den, Tron­ka eben­so wie Hiero, war es mit ihrer Auf­ga­be ernst. Mir, der ich an­fangs nicht ver­stand, in­wie­fern die Ge­gen­wart ver­lo­ren sein soll­te – denn das muss­te sie ja, wenn sie wie­der­ge­won­nen wer­den soll­te – ging erst mit der Zeit die Trag­wei­te der Mo­ti­ve auf, die in die­ser Ver­schwö­rung in nuce zu­sam­men­ka­men. Nach und nach ließ man mich in das un­ter­ir­di­sche Ader­werk ein, in dem seit Jahr­zehn­ten die Schür­far­bei­ten stock­ten, durch des­sen Gänge aber immer noch Berg­leu­te mit ab­ge­dun­kel­ten Lam­pen pa­trouil­lier­ten, um Was­ser­stän­de zu kon­trol­lie­ren und bei Ein­sturz­ge­fahr die De­cken­bal­ken zu er­neu­ern. Manch­mal stürz­te ein Teil der An­la­ge ein­fach zu­sam­men. Dann eil­ten Ex­per­ten in Schutz­an­zü­gen her­bei, sto­cher­ten in jedem ihnen zu­gäng­li­chen De­tail und ver­an­stal­te­ten an­schlie­ßend Sym­po­si­en, auf denen sie die ent­stan­de­ne Lage be­spra­chen. Dass die For­scher­ge­mein­de ihr An­lie­gen auf­ge­ge­ben hatte, be­wies die Re­so­nanz die­ser Ver­an­stal­tun­gen aufs Pünkt­lichs­te. Hät­ten sie auf dem Si­ri­us statt­ge­fun­den, die Er­geb­nis­se hät­ten jen­seits ihrer Zir­kel nicht we­ni­ger Auf­merk­sam­keit er­regt.

Nein, es war kein Staat zu ma­chen mit den Sät­zen, die bei sol­chen Ge­le­gen­hei­ten ge­äu­ßert und an­schlie­ßend, denn Geld floss immer ir­gend­wo­her, sorg­fäl­tig pu­bli­ziert wur­den. Zwi­schen den Pa­pie­ren, die Hiero hin und wie­der her­aus­rück­te, däm­mer­te mir, wie einst sich die Lo­sung ›Noch ist Polen nicht ver­lo­ren‹ zwi­schen den Zäh­nen exi­lier­ter pol­ni­scher Na­tio­na­lis­ten aus­ge­nom­men haben muss­te. Die Sache selbst, da konn­te ich Hiero recht geben, war auf be­fremd­li­che Weise ›un­ab­ge­gol­ten‹. Wie – sin­ni­ger­wei­se un­ge­fähr zur sel­ben Zeit – unter den zwie­späl­ti­gen Kom­men­ta­ren einer hilf­lo­sen Öf­fent­lich­keit die un­be­zahl­bar ge­wor­de­ne ›hei­mi­sche Kohle‹ von fin­di­gen Wirt­schafts­len­kern aus den Kreis­läu­fen her­aus­ge­zo­gen und als na­tio­na­le En­er­gie­re­ser­ve unter Denk­mal­schutz ge­stellt wurde, so wurde hier ein Den­ken unter die Ober­flä­che der Be­trieb­sam­keit ver­bannt – von wem auch immer. Nein, man konn­te nicht be­haup­ten, es sei ver­braucht oder wi­der­legt oder auch nur ver­gan­gen ge­we­sen in dem Sinn, in dem die mit­tel­al­ter­li­che Scho­las­tik ver­gan­gen war, selbst wenn sich da und dort auf dem Pla­ne­ten noch ein paar Freaks fan­den, die eine dis­pu­ta­tio mit einem Kir­chen­va­ter jeder zeit­ge­nös­si­schen Aus­ein­an­der­set­zung vor­zo­gen. Es war auch nie­mand da, der so etwas be­haup­tet hätte. Wenn Hiero sich in Po­si­tur setz­te und seine At­ta­cken ritt, so blieb der Geg­ner eben­so un­sicht­bar wie jenes Ich, das er einst mit Fäus­ten trak­tiert hatte. Ob un­sicht­bar oder nicht vor­han­den – unter den ob­wal­ten­den Um­stän­den war die Dif­fe­renz nicht zu er­grün­den und somit gleich­gül­tig.

Es war ein­mal... so hätte seine Rede kor­rek­ter­wei­se be­gin­nen müs­sen. Es war ein­mal eine in den ak­tu­el­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­schwie­ge­ne und in den Ge­schichts­wer­ken ver­ächt­lich ge­mach­te phi­lo­so­phi­sche Schu­le. Zu ihrer Zeit hatte sie als mäch­tig ge­gol­ten, sie hatte ›ge­herrscht‹. Das nimmt sich be­reits selt­sam aus, schließ­lich han­delt es sich hier wie über­all im Fach um Ge­dan­ken­spie­le, die immer auch an­ders aus­fal­len kön­nen. Um die Herr­schaft einer Denk­schu­le zu ver­ste­hen, ist es nötig, zwei Be­grif­fe ein­zu­füh­ren, ohne die alles Wei­te­re un­be­greif­lich blie­be – was es auch so bleibt –: den ›Ein­fluss‹ und die ›füh­ren­den Köpfe‹. Letz­te­re, ge­bo­re­ne Mitt­ler zwi­schen denen, die einen Ge­dan­ken aus un­er­find­li­chen Grün­den ›in die Welt set­zen‹ und denen, die aus nur zu be­greif­li­chen Grün­den ›nichts damit an­fan­gen kön­nen‹, ste­hen in der Regel an der Spit­ze der Hier­ar­chi­en, zu­min­dest der Wahr­neh­mungs­ska­len. Sie sind tüch­ti­ge Ar­bei­ter mit einem wa­chen Sinn fürs Vor­an­kom­men und aus­ge­stat­tet mit jener Chuz­pe, die einer be­nö­tigt, um sich im ge­eig­ne­ten Au­gen­blick frei zu stel­len, so dass aller Augen auf ihm ruhen und nicht auf dem Ge­sprächs­part­ner von letz­ter Woche oder dem Stich­wort­ge­ber aus dem letz­ten Sym­po­si­on. Die füh­ren­den Köpfe sind sel­ten Ori­gi­na­le. Sie ›ste­hen unter Ein­fluss‹ und ›ma­chen ihn gel­tend‹, nicht ohne einen Sack vol­ler prak­ti­scher Be­dürf­nis­se an die von ihnen er­ko­re­ne Theo­rie zu ap­pli­zie­ren und sie da­durch all­tags-, zu­min­dest se­mi­nar- und for­schungs­taug­lich zu ma­chen. Denn darin liegt ihre Stär­ke: sie wis­sen, was die Kund­schaft braucht, um damit ›etwas an­fan­gen‹ zu kön­nen.

Wenn ich den ›Ein­fluss‹ jener fast ver­schwun­de­nen Schu­le auf das her­an­zog, was man die füh­ren­den Köpfe ihrer Zeit nen­nen moch­te, dann füll­te sich das Va­ku­um rasch und ich ver­stand recht genau, was Hiero mein­te, wenn er von Gel­tung re­de­te. Diese Phi­lo­so­phie war nicht mit Ar­gu­men­ten, son­dern auf den Schlacht­fel­dern des Ers­ten Welt­kriegs zum Rück­zug ge­zwun­gen wor­den. Je­den­falls scheint die ›Fron­ter­fah­rung‹, mit der eine neue Ge­ne­ra­ti­on von Stu­den­ten in die Hör­sä­le dräng­te, nach an­de­rer Kost ver­langt zu haben. Die jun­gen oder nicht mehr so jun­gen Leute waren dem ver­ord­ne­ten Mas­sen­tod zu nahe ge­we­sen, um in dem kunst­vol­len Ge­we­be aus hy­po­the­ti­schen Set­zun­gen, die alles in allem dazu dien­ten, den ›si­che­ren Gang‹ der Wis­sen­schaf­ten als das ein­zi­ge Ge­ge­be­ne her­aus­zu­stel­len und gegen die Zu­mu­tun­gen einer nai­ven Welt­sicht zu ver­tei­di­gen, den Ge­schmack der Wahr­heit zu fin­den, nach der es sie ver­lang­te. Das Wis­sen der Wis­sen­schaf­ten stell­te viel­leicht ein ›wirk­li­ches‹, aber kein wah­res Wis­sen dar, mit dem oder für das man leben und ster­ben konn­te.

›Zu­fall oder Not­wen­dig­keit?‹ Der His­to­ri­ker muss­te hier pas­sen, eben­so der Phi­lo­soph, dem die Fäden ent­glit­ten und der hilf­los zu­se­hen muss­te, wie sie von Neu­den­kern mit ro­bus­te­rer Kon­sti­tu­ti­on, deren Geis­tes­ga­ben viel­leicht nicht über jeden Zwei­fel er­ha­ben ge­nannt wer­den konn­ten, auf an­de­re Weise zu­sam­men­ge­knüpft wur­den. Man tausch­te Ge­dan­ken in Davos und trat sich öf­fent­lich vors Schien­bein. Man... tat so man­cher­lei, was sich im Nach­hin­ein als ›fatal‹ er­wei­sen soll­te. So konn­te schließ­lich ein Nach­ge­bo­re­ner wie ich – wenn er sich kun­dig mach­te und nicht ein­fach den Sprach­re­ge­lun­gen folg­te – fest­stel­len, dass die letz­ten Ver­tre­ter einer gro­ßen Schu­le gleich­mü­tig außer Lan­des ge­jagt und dem dau­er­haf­ten Ver­ges­sen an­heim­ge­ge­ben wor­den waren. Selbst das wäre im­mer­hin Schick­sal ge­we­sen, hätte man nicht zu Hie­ros gro­ßem Ärger Ein­zel­ne von ihnen – wun­der­sam sind die Wege der his­to­ri­schen Öko­no­mie – post­hum als her­kunfts­lo­se Neu­den­ker und ›be­deu­ten­de Ver­tre­ter‹ zeit­ge­nös­si­scher trans­at­lan­ti­scher Strö­mun­gen re­impor­tiert, nicht an­ders als der Markt für Film­stern­chen und un­ver­käuf­li­che Wein­mar­ken es be­fahl. Der phi­lo­so­phi­sche Welt­markt flo­rier­te.

  • ―Da hast du sie doch, deine Gel­tung.
  • ―Wenn dir ein kas­trier­ter Cas­si­rer reicht, dann bist du auf der si­che­ren Seite.
  • ―Bes­ser ein kas­trier­ter Cas­si­rer als ein he­cken­der Ha­ber­mas.
  • ―Da hast du auch wie­der recht.

Einem wie Hiero konn­te die Lage nur ka­ta­stro­phal er­schei­nen. Er wuss­te nichts oder wenig über das os­ten­ta­ti­ve Weg­se­hen, seine Me­cha­nik und seine Ziele. In ge­wis­ser Weise hatte er sich blind ge­macht, als er es an einer sich ra­pi­de ent­fer­nen­den Ver­gan­gen­heit be­fes­tig­te und darin nur dem Vor­ge­hen vie­ler folg­te. ›Weg­ge­se­hen‹ zu haben war ihm und sei­nes­glei­chen zum Vor­wurf gegen die äl­te­re Be­völ­ke­rung ge­ron­nen und da­durch so ›un­säg­lich‹ ge­wor­den, dass sie sich wei­ger­ten, seine All­ge­gen­wart auch nur ent­fernt ins Auge zu fas­sen. Dabei hätte die ei­ge­ne Ge­ne­ra­ti­on An­schau­ungs­ma­te­ri­al genug ge­bo­ten, wenn sie mit den Kon­ter­feis exo­ti­scher Mas­sen­mör­der auf die Stra­ße ging und nicht allzu in­ten­siv nach­frag­te, aus wel­chen Ge­schäf­ten die vä­ter­li­chen Über­wei­sun­gen stamm­ten, aus denen man das Stu­di­um fi­nan­zier­te und die man sich im Ernst­fall zu Hause mit vor­sich­tig in der Ta­sche ge­ball­ter Faust ›er­kämpf­te‹.

Unter die sub­ti­le­ren For­men des Weg­se­hens fiel die Kon­struk­ti­on der Tra­di­tio­nen, zu denen man sich be­kann­te. So ge­hör­te kraft eines mo­ra­li­schen Au­to­ma­tis­mus einer wie Hiero zu den Guten und war im Recht, wenn er auf Ent­de­ckungs­rei­se ging, um auf ei­ge­ne Faust im Kampf gegen das in die Ver­gan­gen­heit aus­ge­la­ger­te Böse ein paar Me­ri­ten zu ern­ten. Man konn­te zum Bei­spiel, ohne als be­son­ders pa­ra­dox zu gel­ten, die un­be­frie­di­gen­de Si­tua­ti­on als einen Fall von fort­wir­ken­dem An­ti­se­mi­tis­mus aus­le­gen – wis­send, dass man sich damit mäch­ti­ge Fein­de schuf. Ge­lehr­te jü­di­scher Her­kunft hat­ten, neben an­de­ren, jener un­ter­ge­gan­ge­nen Schu­le Glanz ver­lie­hen. Das traf zwar auch, wie es im Den­ken zu gehen pflegt, auf jene zu, die sie er­bit­tert be­kämpft hat­ten, aber im­mer­hin ließ sich mit aus­ge­streck­tem Fin­ger dar­auf deu­ten. Tron­ka, der seine Haken mit Verve schlug, hatte den Ver­dacht in die Her­zen der jun­gen Leute gesät, ohne sich sei­ner­seits zu einer ein­deu­ti­gen For­mu­lie­rung zu ver­ste­hen.

  • ―Nein, lei­der, ja wis­sen Sie, ich ge­hö­re zum christ­li­chen Zweig der Tron­kas, konn­te er am Te­le­fon, wenn kein Drit­ter zu­hör­te, säu­seln, Gott sei Dank, um es ein­mal so zu sagen, auch wenn Jahwe jetzt dabei zu kurz kom­men soll­te, aber an den haben die da­mals am we­nigs­ten ge­dacht. Zu­min­dest kann ich mir das nicht vor­stel­len. Nein, ich kann es mir wirk­lich nicht vor­stel­len bei so un­ge­heu­er sub­ti­len Köp­fen. Die waren so klar in ihren Prin­zi­pi­en, dass sich die Heu­ti­gen davon eine ge­wal­ti­ge Schei­be ab­schnei­den könn­ten. Wenn sie es nur könn­ten! Aber sie kön­nen es nicht, darin liegt die Crux. Womit wir wie­der beim An­fang wären. Und der An­fang, das ken­nen Sie, ist in der Phi­lo­so­phie etwas Be­son­de­res. Wis­sen Sie, das ist der Vor­teil bei so einem Stam­mes­gott: Er lässt die An­fän­ge frei. Sie kön­nen damit schal­ten und wal­ten, er ist bei Ihnen – oder auch nicht –, aber er lässt Sie in Ruhe phi­lo­so­phie­ren, er mischt sich nicht ein. Ein gro­ßer Vor­teil, wenn Sie mich fra­gen, ein gro­ßer Vor­teil...

In Ge­dan­ken sah ich das Stirn­run­zeln Kä­richs vor mir, wäh­rend ich über den Sinn der in wei­ter Ferne ge­spro­che­nen Worte grü­bel­te. Ob­wohl... Dach­te ich an Spi­no­za, dann schien mir die Dif­fe­renz der Worte ge­ring. Aber der Ams­ter­da­mer Op­ti­ker ge­hör­te zum Kanon und Kä­rich, der die Doxa so sehr zu ver­ach­ten vor­gab, be­fand sich, re­zep­ti­ons­tech­nisch ge­se­hen, auf der si­che­ren Seite, wenn er – ein wenig ex­zes­siv für mei­nen Ge­schmack – sich in seine Schrif­ten ver­senk­te. Den­noch er­griff mich an die­ser Stel­le der Ver­dacht, in Tron­ka und Kä­rich auf ein Paar un­glei­cher Zwil­lin­ge ge­sto­ßen zu sein, von denen der eine un­ge­stüm und ohne jeden Wi­der­hall ein Genie für sich re­kla­mier­te, das dem an­de­ren kraft Ge­burt zu­stand, auch wenn es sich in sei­ner Ent­wick­lung auf wun­der­sa­me Weise ge­hemmt und ver­un­stal­tet sehen muss­te.

Wer war Esau, wer Jakob? Jeder hatte sich, je­weils auf seine Weise, aus dem ›jü­di­schen Ra­tio­na­lis­mus‹ einen Teil her­aus­ge­schnit­ten und ba­lan­cier­te ihn auf einem Tel­ler­chen, das mich ent­fernt an Eli­sa­beths Sèvres-Täss­chen er­in­ner­te, hoch über den Köp­fen der Stu­den­ten, die im an­ge­streng­ten Star­ren ihrer Do­zen­ten den Wi­der­schein einer aus­wär­ti­gen Klar­heit be­wun­der­ten, dem ge­gen­über sie selbst nur in einem Nebel aus Mut­ma­ßun­gen und un­aus­ge­go­re­nen Hy­po­the­sen sto­cher­ten. Wer also war Esau? Ein ent­fern­ter Ver­wand­ter in einem an­de­ren Zweig der Fa­mi­lie?

Panik
5
Hiero: Figur 1
Das wahre Leben

Wovon reden wir, wenn wir reden? Wovon schwei­gen wir, wenn wir reden? Ana­ly­ti­k­er­fra­gen, die ih­rer­seits dar­über schwei­gen, woher sie kom­men, wie alle Fra­gen, wie alle Ant­wor­ten. Der klei­ne Grund, mehr oder min­der sorg­fäl­tig her­ge­rich­tet, auf dem die Phi­lo­so­phie ihre Ge­bäu­de er­rich­tet, die häu­fig genug Schwimm­bä­dern äh­neln, in denen man die Masse der Be­su­cher – so­fern hier von Mas­sen die Rede sein kann – stumm ihre Bah­nen zie­hen sieht, rhyth­misch aus den Flu­ten auf­tau­chend und wie­der in ihnen ver­sin­kend, trägt nur zu­fäl­lig diese Ge­dan­ken­welt. Man kann nicht ein­mal sagen, je­mand habe ihn nach heute ver­ges­se­nen Kri­te­ri­en aus­ge­wählt. Dazu blieb keine Zeit, keine Ge­le­gen­heit, keine Frei­heit, keine Lücke: die be­rühm­te Lücke. Erst sie er­laubt es, sich zu ori­en­tie­ren – je­den­falls dann, wenn es darum geht, den gan­zen Ho­ri­zont ab­zu­su­chen und sich nicht ein­fach dem Vor­wärts­stamp­fen der Herde und dem Si­che­rungs­stre­ben ihrer Trei­ber an­zu­ver­trau­en.

Reden wir also vom Schwei­gen, die­ser mensch­li­chen Grund­tä­tig­keit, durch die so vie­les Ge­stalt an­nimmt, was sich in Wor­ten nicht er­klä­ren lässt. Je­den­falls nicht ein­fach. Hiero, der in Schwei­gen fällt, so­bald ihm ein Ge­spräch zu ›per­sön­lich‹ gerät, steht mit die­ser Nei­gung nicht al­lein. Er gleicht darin, kurz ge­sagt, jenen ur­tüm­li­chen Vieh­hü­tern, in denen die Sorge um die Herde jeden Ge­dan­ken, der mit ihr nicht innig ver­bun­den ist, der von ihr nicht Ge­schmack und Farbe er­hält, in­stink­tiv als un­nütz, ab­len­kend und ge­fähr­lich bei­sei­te drängt. Spre­chen wir also, denn darum geht es, von den Frau­en. Al­lein ihre An­we­sen­heit split­tert die eine große Sorge in wirk­li­che Sor­gen auf, vor denen er auf der Hut sein muss. Sie las­sen sich, aufs Ganze des Le­bens ge­rech­net, nicht ganz ver­mei­den, vor allem, wenn einem, wie Hiero, der Ruf eines Stiers vor­an­geht. Immer wie­der sieht er sich un­ver­mu­tet zu Be­gat­tungs­ta­ten auf­ge­ru­fen, auch wenn es ihm ge­ra­de nicht passt. Nicht dass er sich die­sen Din­gen ge­gen­über grund­sätz­lich ab­leh­nend ver­hiel­te. Sie müs­sen nur ge­ra­de­her­aus ge­sche­hen, sonst be­sit­zen sie kei­nen Reiz. Und das ist wenig ge­sagt: Da er seine Zeit nur ein­mal aus­ge­ben kann, sieht er sich emp­find­lich, viel­leicht sogar schmerz­lich, je­den­falls trü­ge­risch ab­ge­schnit­ten von der Tä­tig­keit, die sein wah­res Leben be­deu­tet, auch wenn er es aus sach­li­chen, das heißt theo­re­ti­schen Grün­den ab­leh­nen würde, hier das Wort ›wahr‹ ein­zu­set­zen.

  • ―Das wahre Leben? Was soll das sein? be­lehr­te er Anton von oben herab, dem sein Re­li­gi­ons­pro­blem an die­ser Stel­le Bauch­schmer­zen be­scher­te. Willst du mit einer Frau schla­fen? Das kannst du na­tür­lich ma­chen. Du kannst es auch blei­ben las­sen, das wirst du doch hin­krie­gen. Wo ist dann das wahre Leben? Du kannst auch Scha­fe züch­ten – in Aus­tra­li­en oder auf Bor­neo, wenn die da auch wel­che haben. Ich weiß nicht, was das wahre Leben ist. Ich weiß auch nicht, was das sein soll­te. Ehr­lich ge­sagt denke ich, wir müs­sen uns alle ir­gend­wann ent­schei­den. Und das ist falsch, grund­falsch. Das wahre Leben wäre, wenn sich kei­ner ent­schei­den müss­te. Aber wie soll das aus­se­hen? Rein prak­tisch: Wie soll das aus­se­hen? Das geht doch gar nicht.

Der letz­te Satz hatte bei ihm eine In­to­na­ti­on, die ich sonst von nie­man­dem kann­te. Es klang, als pol­te­re je­mand eine Trep­pe her­un­ter und setze dann mit einem we­ni­ger wuch­ti­gen, aber umso er­schre­cken­de­ren Ge­räusch auf dem Ab­satz auf. Ganz ka­tho­li­scher De­zi­sio­nist, hörte Eike Hie­ros flap­si­ge Rede mit einem leich­ten Lä­cheln an, als hand­le es sich um das Stam­meln eines Kin­des, das zwar auf dem rich­ti­gen Weg ist, aber die Haupt­sa­che noch nicht be­grif­fen hat. Für ihn er­öff­ne­te die Ent­schei­dung den Weg zum wah­ren Leben. Viel­leicht dreh­te sich in den nai­ve­ren Schich­ten sei­nes Be­wusst­seins an sol­chen Stel­len eine Tür in den An­geln – leicht quiet­schend, sie hätte ein­mal wie­der geölt wer­den müs­sen – und gab den Blick auf einen im Ker­zen­schim­mer er­strah­len­den Ga­ben­tisch frei, an des­sen sinn­reich ver­pack­ten Ge­schen­ken al­lent­hal­ben An­hän­ger mit der Auf­schrift ›Leben‹ hin­gen. Was Hiero an­ging, so ent­grenz­te das Wort ›wahr‹ seine oh­ne­hin ozea­nisch be­stimm­te Vor­stel­lung vom Leben voll­ends und ließ sie in eine fade Halb­wirk­lich­keit fal­len, die er ver­ach­te­te oder zu ver­ach­ten vor­gab.

Tron­ka in einer sol­chen Frage nach sei­ner Mei­nung zu fra­gen, ver­bot sich von selbst. Reden Sie doch, wie Sie wol­len, pfleg­te zu ant­wor­ten, so­bald es sich um Sprach­re­ge­lun­gen han­del­te, es klang wie ›Ma­chen Sie doch, was Sie wol­len, Sie wer­den schon sehen, was dabei her­aus­kommt.‹

  • ―Was wol­len Sie denn damit sagen? Ge­nügt Ihnen Ihr Leben nicht? Wol­len Sie ein zwei­tes dazu, das ir­gend­wie be­deu­ten­der oder far­bi­ger aus­se­hen soll? Das kön­nen Sie na­tür­lich haben. Kau­fen Sie sich eine Karte für den Zir­kus oder gehen Sie auf den Rum­mel­platz. Wenn Sie fein aus­se­hen wol­len, gehen Sie doch ins Thea­ter. Auf der Bühne fin­den Sie sich wie­der. Alles wahre Ge­schich­ten, ich ver­spre­che es Ihnen, ja­n­ein.

In An­tons Augen war das sträf­li­ches Ge­re­de, er ver­ach­te­te Tron­ka dafür. Er selbst kam, auch wenn er Kä­rich ge­gen­über den Ab­ge­klär­ten ge­mimt hatte, über Kier­ke­gaard nicht hin­aus. Über­haupt war er der ein­zi­ge aus dem Kreis, der Tron­ka die kalte Schul­ter zeig­te. Er durf­te das, jeder an­de­re wäre damit durch­ge­fal­len. Mech­tel, die in Tron­ka den Mann wit­ter­te, an den eine Frau ihre Zeit nur ver­geu­de­te, konn­te sich ihre Kühle nur des­halb er­lau­ben, weil der Schild, auf dem die ›Her­ren‹ sie tru­gen, ver­hin­der­te, dass ihre Füße über­haupt den Boden be­rühr­ten, auf dem die eher männ­lich ge­führ­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die wahre Lehre statt­fan­den. Tron­ka wäre nicht gut be­ra­ten ge­we­sen, sich ab­fäl­lig über sie zu äu­ßern.

Doch in die­sem Punkt be­stand keine Ge­fahr. Seine un­be­stimmt schwel­ge­ri­sche Weise, auf jedes weib­li­che Wesen zu­zu­ge­hen, ver­band sich zwang­los mit in­stink­ti­ver Hoch­ach­tung vor einer Per­son, die sich gegen die Lo­ckun­gen sei­ner Lehre und sei­ner be­rü­cken­den Per­sön­lich­keit als immun er­wies. Eike, der, nach­dem Hiero da­von­ge­zo­gen war, die Suche nach einem Dok­tor­va­ter un­auf­fäl­lig in­ten­si­vier­te, be­merk­te als ers­ter Tron­kas Buh­len und re­agier­te mit Bit­ter­keit. In ihm nagte die Ei­fer­sucht des­sen, der nicht in Be­tracht kam, ob­wohl er sich hätte sagen müs­sen, dass darin eine Auf­for­de­rung lag, sich ›in Frei­heit‹ an­ders zu ent­schei­den. Aber selt­sam, mit die­ser Frei­heit schien es in der Pra­xis nicht weit her zu sein. In mei­nen Augen mach­te er einen eher kläg­li­chen Ge­brauch von ihr. Neu­er­dings ver­pul­ver­te er seine Zeit, indem er mit Tron­ka – dem­sel­ben Tron­ka, der Hiero ge­gen­über den etwas an­ge­streng­ten Jung­pro­fes­sor her­aus­kehr­te – bei jeder sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit ›auf Schal­ke‹ ging. Das ließ die ge­mein­sa­men Fuß­ball­aben­de im Hin­ter­zim­mer des Pfau deut­lich hin­ter sich, von denen mir alle be­rich­tet hat­ten und die mir be­reits kaum glaub­haft er­schie­nen.

Panik
6
Hiero: Figur 1
Hiero holt sich Mut, Pw einen Korb

Auch Hie­ros Ge­wohn­hei­ten wan­del­ten sich. Man sah ihn jetzt öfter al­lein am Tre­sen des Pfau sit­zen, wo an Lexas Seite eine Aus­hilfs­schö­ne das Bier zapf­te. Arg­los hatte ich mich mehr­mals da­zu­ge­sellt. Es war zweck­los. Er er­in­ner­te mich an ein auf­ge­scheuch­tes Wild ohne Sinn für die Um­ge­bun­gen, die es in pa­ni­schem Schre­cken durch­jagt. So sehr war er in­ner­lich un­ter­wegs, dass er mich mehr­mals ein­fach ver­gaß, wäh­rend ich noch auf ihn ein­re­de­te. Die Cor­d­ja­cke, die ihn som­mers wie win­ters gegen die ge­ra­de herr­schen­de Wit­te­rung schütz­te, bau­mel­te zu bei­den Sei­ten sei­nes ab­ge­ma­ger­ten Kör­pers, als suche sie ver­stoh­len, aber hart­nä­ckig noch immer den an­de­ren, vol­le­ren Leib, den sie bis vor kur­zem ein­ge­hüllt hatte. So schnö­de im Stich ge­las­sen, roch sie nach einer au­to­chtho­nen Ver­gan­gen­heit, über die man gern mehr er­fah­ren hätte. Si­cher waren bit­te­re Stun­den darin ver­zeich­net.

Der An­blick des Be­woh­ners, mit dem sie in die­ser his­to­ri­schen Stun­de vor­lieb neh­men muss­te, er­in­ner­te ein biss­chen an Auf­ent­hal­te in der Wild­nis, von denen man sich im städ­ti­schen All­tag nur ein un­ge­fäh­res, durch me­dia­le Aus­künf­te er­zeug­tes und ver­wirr­tes Bild macht. Ir­gend­wann kehrt die Wild­nis über die Spu­ren eines dau­er­haf­ten und viel­fäl­ti­gen Ge­brauchs in die von Men­schen pro­du­zier­ten Dinge zu­rück. Dann be­gin­nen sie den Tast­sinn zu in­ter­es­sie­ren. Auch be­kom­men sie, was man bis dahin nie­mals ver­mu­tet hätte, Ge­ruch und Ge­schmack des Le­bens. Leicht ein­ge­sun­ken saß Hiero auf dem hohen Stühl­chen, des­sen tot­la­ckier­te Spin­nen­bei­ne für je­man­den, der hin­sah, die Wahr­heit über sei­nen noch vor kur­zem so drah­tig wir­ken­den Kör­per ver­kün­de­ten. Man konn­te ihn für einen un­auf­fäl­li­gen Her­um­strei­cher hal­ten, einen von denen, die erst am An­fang ihrer Lauf­bahn ste­hen und von den Bli­cken der Mit­men­schen noch nicht aus­sor­tiert, aber doch be­reits prü­fend um­fasst wer­den. Sein ju­gend­lich ver­wit­ter­tes Ge­sicht sprach von Wind und Weite, aber nicht län­ger von Auf­bruch. Die Selbst­herr­lich­keit hatte die­sen Kör­per ver­las­sen, sie hatte es sich, an­ge­sichts ein­ge­tre­te­ner Kom­pli­ka­tio­nen, viel­leicht an­ders über­legt und war in ein paar zu­fäl­lig an­we­sen­de Säue ge­fah­ren, ohne dass es dar­über zu einem son­der­li­chen Eklat ge­kom­men wäre.

Üb­ri­gens sah man, so­fern man sich von dem selbst­ver­sun­ke­nen An­blick nicht täu­schen ließ: er war nicht al­lein. Das lag we­ni­ger an ihm als an der neuen Aus­hilfs­be­die­nung, deren Kom­men und Gehen, deren Bli­cke und Han­tie­rung einen un­ge­wohn­ten Raum um ihn schu­fen. Man konn­te ihn den sym­bo­li­schen Be­zir­ken zi­vi­li­sa­ti­ons­fer­ner Ur­wald­be­woh­ner ver­glei­chen, in denen ein wie zu­fäl­lig ge­knick­ter Zweig, ein paar Stei­ne oder ein hoh­ler Baum ge­nü­gen, um jedem, den es an­geht, zu si­gna­li­sie­ren, dass, wer hier wei­ter vor­dringt, sein Leben ris­kiert oder seine Ge­sund­heit, auf alle Fälle sein wei­te­res Wohl­er­ge­hen vor Men­schen und Göt­tern.

Ge­le­gent­lich sprach Hiero ein paar Worte:

  • ―Ein Pils bitte! – Noch eins!

Er sprach sie nicht be­deu­tungs­schwer, son­dern bei­läu­fig, vol­ler Zu­ver­sicht, dass dem darin zum Aus­druck ge­brach­ten Wunsch ent­spro­chen werde, arg­los fast und ohne wei­ter dar­über nach­zu­den­ken. Und sie ver­nahm die Worte, sie flo­gen ihr zu, ohne dass sich ihre Be­we­gung dar­über ver­lang­sam­te; es ent­stand nur eine klei­ne Pause in ihrem Wesen, so als habe sich ein Komma im Satz un­ver­se­hens, ohne An­ga­be von Grün­den, in ein Se­mi­ko­lon ver­wan­delt. Der ma­gi­sche Baum hatte ge­spro­chen, man durf­te nicht allzu viel dar­auf geben, weil man sonst viel­leicht Un­heil her­auf­be­schwor. In die­sem Punkt war man seit al­ters ge­witzt, auch wenn die ei­ge­ne Dienst­zeit dafür kaum einen An­halts­punkt lie­fer­te. In einem an­de­ren Leben hätte sie auf der Stel­le in­ne­ge­hal­ten und den Spruch be­bend in Emp­fang ge­nom­men, in die­sem hier war es un­denk­bar, man muss­te ihn im Fluge auf­fas­sen, ohne sich von ihm be­ir­ren zu las­sen. So kam es, dass sich vor Hiero kurz dar­auf ein frisch ge­füll­tes Glas auf­tat, ohne dass der Schank­be­trieb eine sicht­ba­re Un­ter­bre­chung er­lit­ten hätte. Auch litt er nicht an Er­schei­nun­gen, weder in­ne­ren noch äu­ße­ren, son­dern be­schränk­te sein Tun dar­auf, mi­nu­ti­ös, Trop­fen für Trop­fen, das volle Glas wie seine Vor­gän­ger suk­zes­si­ve in ein lee­res zu ver­wan­deln.

Wer den Baum spre­chen woll­te – eine selt­sa­me Ver­zeich­nung der Ver­hält­nis­se, denn of­fen­bar woll­te ihn kaum je­mand spre­chen, alle dräng­ten zu einem Gott, der sich vor jedem Zu­griff ver­barg –, der muss­te vor­her eine be­trächt­li­che Stre­cke Weges zu­rück­ge­legt haben, er muss­te die ri­tu­el­len Be­we­gun­gen voll­führt und einen klei­nen Obo­lus auf der blitz­blan­ken Flä­che vor ihm nie­der­ge­legt haben. Auch dann sprach nie­mand mit dem Baum, wie man mit einem Men­schen spricht. Man­che dräng­te es förm­lich zur Rede, aber nach ei­ni­gen Sil­ben wurde ihnen das Un­sin­ni­ge ihres Ge­ba­rens deut­lich und sie press­ten ihre Hände auf die vor­ge­schrie­be­nen Flä­chen, tran­ken von den Flüs­sig­kei­ten, die man vor sie hin­stell­te, und ver­schwan­den wie­der in der Dun­kel­heit oder wand­ten sich an­de­ren Gäs­ten zu. Dann und wann be­weg­te auch der Baum sein ver­wit­ter­tes Haupt, als habe er doch ein­mal be­kom­men, wo­nach ihn ver­lang­te – ein Vor­gang von gro­ßer In­ten­si­tät, über den sie gern mehr ge­wusst hätte.

Hätte je­mand Hiero an einem an­de­ren Ort, etwa in der Mensa, ge­fragt, wer Mi­ri­am sei, dann hätte er mit einem Schmun­zeln ge­ant­wor­tet:

  • ―Mi­ri­am? Das ist doch die Klei­ne am Aus­schank im Pfau. Wie kommst du dar­auf?

Die Ge­gen­fra­ge ver­lang­te nach kei­ner Ant­wort.

Wirk­lich frag­te so, wer sonst, Pw – nicht ohne Tücke, denn er hatte be­reits ein Auge auf die zier­li­che Schwarz­haa­ri­ge ge­wor­fen und sich, ent­ge­gen sei­ner üb­li­chen Vor­sicht, eine Ab­fuhr ge­holt, ob­schon er aus Grün­den, die sich sei­ner be­kannt star­ken Mut­ter­bin­dung ver­dank­ten und von kla­ren Hol­ly­wood-Prä­fe­ren­zen ge­nährt wur­den, lie­ber hoch­ge­wach­se­nen Blon­di­nen den Hof mach­te. Aber wenn es darum ging, die eine oder an­de­re Nacht ab­zu­run­den, konn­te er of­fen­bar auch we­ni­ger pin­ge­lig wer­den. So je­den­falls scholl oder quoll es ihm, leicht ät­zend, aus dem Munde Hie­ros ent­ge­gen, den eine ver­häng­nis­vol­le Be­red­sam­keit vor­wärts trieb. Pw wun­der­te sich dar­über im Stil­len, wenn­gleich nicht zu sehr. Er wuss­te sich frei von Ei­fer­sucht. Den Ver­such ge­dach­te er nicht zu wie­der­ho­len. Er hätte, auch vor sich selbst, den Ge­dan­ken nicht zu­ge­las­sen, dass ihm da etwas miss­ra­ten war. Ein Pw bekam kei­nen Korb. In sei­nem Uni­ver­sum, das dem­je­ni­gen Hie­ros äh­nel­te, aber in ent­schei­den­den Punk­ten eher ge­gen­läu­fi­ge Züge auf­wies, be­setz­te der weib­li­che Be­völ­ke­rungs­an­teil die Ecke ›Ver­trau­li­ches‹. Ein zum Sar­kas­mus nei­gen­der Be­ob­ach­ter konn­te mei­nen, es gehe dort zu wie auf einem ins Per­ver­se ent­glit­te­nen Post­amt, auf dem ein­fa­che, in ihrem sons­ti­gen Leben nicht wei­ter auf­fäl­li­ge An­ge­stell­te rou­ti­ne­mä­ßig alle ein­ge­hen­den Brie­fe er­bre­chen, bevor sie sie wei­ter­ge­ben.

Gleich­gül­tig, worum es ging, Pw war ›im Bilde‹, auf eine ru­hi­ge, teil­neh­men­de, fast un­auf­fäl­lig zu nen­nen­de Weise, die hier ver­stärk­te, dort vor­aus­schau­end dämpf­te, ins Be­deut­sa­me hob, was ge­ra­de noch fla­che In­for­ma­ti­on zu sein vor­gab, und wider bes­se­res Wis­sen Bes­ser­wis­sen pro­du­zier­te, wo es ge­fragt zu sein schien.

  • ―Ich tref­fe keine Frau­en, in­for­mier­te er zu ver­trau­li­cher Stun­de Anton, der hier ein Le­bens­pro­blem her­um­trug und ent­geis­tert zu­rück­frag­te: Und wie kommst du dann an sie heran?

    Pws Ehr­geiz – oder Ma­nier – be­stand darin, schon in sie ein­ge­drun­gen und ein Stück­weit mit ihnen ver­schmol­zen zu sein, bevor sie ihn be­merk­ten. Sein vi­ri­les Ge­ba­ren ent­fal­te­te sich ge­wis­ser­ma­ßen be­reits im Schoß der zu schlie­ßen­den Be­kannt­schaft. Wie er das mach­te, blieb den an­de­ren ein Rät­sel – ein Buch mit sie­ben Sie­geln, ent­fuhr es Anton, der den an­de­ren über jenes Ge­spräch prompt Be­richt er­stat­te­te. Sah man Pw un­be­ob­ach­tet auf der Stra­ße her­um­lau­fen, konn­te man sich fra­gen, ob diese fast be­lang­lo­se Per­son iden­tisch war mit der, die ihre Um­ge­bung pro­blem- und be­den­ken­los in ihren mensch­li­chen Re­gun­gen ma­ni­pu­lier­te.

Panik
7
Hiero: Figur 1
An Tron­kas Hof

Zu sei­nen männ­li­chen Op­fern ge­hör­te Luxor, der hier und da her­ein­schnei­te und durch seine schie­re Exis­tenz daran er­in­ner­te, dass Pw noch an­de­re in­ner­städ­ti­sche Zonen fre­quen­tier­te. Hiero, der sich durch ir­gend­et­was zu ihm hin­ge­zo­gen fühl­te, re­agier­te aus­ge­spro­chen un­wirsch, als ich ihn auf diese auf­fäl­li­ge, aber im Kreis nicht wirk­lich vor­han­de­ne Er­schei­nung an­sprach.

  • ―Da musst du schon Pw fra­gen. Das ist ja hün­disch. Ich weiß nicht, was die bei­den ver­bin­det, der hat ja gar keine ei­ge­ne Mei­nung. Ver­steh mich nicht falsch, ich will damit nichts un­ter­stel­len. Ich weiß nicht, was die mit­ein­an­der haben. Ob sie über­haupt etwas mit­ein­an­der haben. Ich würde mal sagen, Pw hat damit gar nichts zu tun. Schau dir die­sen Luxor doch an: ab­hän­gig bis über beide Ohren. Was soll denn das.

An­ge­sichts eines Pw, der sich be­lus­tigt gab, war das wirk­lich nicht aus­zu­ma­chen. Warum auch? Das Mut­ter­söhn­chen, das in Pw steck­te, moch­te seine Grün­de haben, sich die­ses Opfer auf Vor­rat zu hal­ten, wenn es denn eines war und nicht bloß eine Sau­na-Be­kannt­schaft, die hin und wie­der die Bah­nen des Krei­ses kreuz­te, ein­fach weil sich ihrer aller Leben in­ner­halb we­ni­ger Stra­ßen­zü­ge ab­spiel­te und so die Fre­quenz der Zu­falls­be­geg­nun­gen in eine Höhe trieb, die Be­deu­tung sug­ge­rier­te, wo keine vor­han­den war.

Mir er­schien Lu­xors Ver­hal­ten oh­ne­hin nicht so auf­fäl­lig. Wenn es darum ging, sich Pws Auf­merk­sam­keit zu ver­ge­wis­sern, war bei allen kein Hal­ten. Aus jedem Ge­spräch her­aus, moch­te es noch so ernst­haft ge­führt sein, konn­te es einem ge­sche­hen, dass sich die Auf­merk­sam­keit des an­de­ren gleich­sam ver­krü­mel­te und will­fäh­rig An­schluss an ein Stirn­run­zeln oder ein Heben der Au­gen­brau­en oder ein or­di­nä­res Räus­pern von sei­ner Seite such­te.

Auch Tron­ka war davon nicht frei. Manch­mal konn­te es schei­nen, er sei die Quel­le die­ser ein wenig pre­kä­ren Ab­hän­gig­keit, da er sie mit dem gan­zen Ge­wicht sei­ner Au­to­ri­tät prak­ti­zier­te und wenig Zwei­fel daran auf­kom­men ließ, wo sich der Brenn­punkt des Ge­sche­hens be­fand, wenn man wie eh und je nach dem Se­mi­nar im Ne­ben­zim­mer des Pfau zu­sam­men­saß. Denn das war das Er­staun­li­che: Tron­ka dach­te nicht im Traum daran, sein aka­de­mi­sches Da­sein in jener ge­heim­nis­um­wit­ter­ten Py­ra­mi­de auf­ge­hen zu las­sen, in deren Bi­blio­thek Hiero Woche für Woche das Schnur­ren der För­der­bän­der be­horch­te, um sich im rech­ten Mo­ment zu er­he­ben und die ent­lie­he­nen Bü­cher­sta­pel ins Zim­mer des meist ab­we­sen­den Pro­fes­sors zu trans­por­tie­ren. Nach wie vor hielt Tron­ka Se­mi­nar in dem weiß ge­stri­che­nen, bei ge­öff­ne­ten Fens­tern immer ein wenig un­ge­lüf­tet wir­ken­den Raum, der ihm kraft Her­kom­men un­ver­brüch­lich zu­zu­ste­hen schien. Und nach wie vor lenk­te die Grup­pe an­schlie­ßend ihre Schrit­te ein­träch­tig dem grün-weiß im Abend­him­mel schim­mern­den Schild zu, auf dem Wort und Bild in so ein­träch­ti­ger Weise zu­sam­men­fan­den, dass kein Zwei­fel auf­kom­men konn­te, wel­chem Ort man sich nä­her­te. Nur das Tempo war ge­mäch­li­cher ge­wor­den. Tron­ka zog es neu­er­dings vor, be­stimm­te Vier-Au­gen-Ge­sprä­che im Schutz der Stra­ße zu Ende zu brin­gen, bevor er sich den Freu­den des ge­sel­li­gen Zu­sam­men­seins ergab. Er konn­te ge­ra­de­zu zy­nisch ab­wei­send wer­den, so­bald ein Drit­ter, wie un­schul­dig auch immer, sich ein­zu­mi­schen ver­such­te. Auch der Letz­te muss­te be­grei­fen: hier ging es um ge­wich­ti­ge Dinge. Wel­che das waren, schien auch den Ge­sprächs­part­nern nicht immer klar zu sein oder sie heg­ten Hin­ter­ge­dan­ken dabei, die sie nicht preis­ga­ben.

Ich grei­fe einen Abend her­aus – na­tür­lich ihn, denn ei­ner­seits ver­lie­fen alle nach ein und dem­sel­ben Mus­ter, an­de­rer­seits ist ge­ra­de er etwas Be­son­de­res, da er wie ne­ben­bei Eikes Ge­heim­nis ent­hüll­te. Wenn Luxor mit am Tisch saß, dann, um es ein wenig ge­spreizt zu sagen, ›in der Weise eines Fremd­kör­pers‹, als einer, der ›im Grun­de‹ nicht da­zu­ge­hör­te, aber aus Ur­sa­chen, die im Dun­keln lagen, das Recht re­kla­mier­te, dabei zu sein. Tron­ka hatte ihn kurz ge­mus­tert und ver­mied es dann in seine Rich­tung zu bli­cken. Luxor schien das zu ak­zep­tie­ren. Hiero, sicht­lich ver­är­gert über seine An­we­sen­heit, trom­mel­te schub­wei­se mit den Fin­gern auf die Tisch­plat­te. Die An­we­sen­heit eines prak­tisch Frem­den ver­än­der­te die Ku­lis­se. Luxor, den zwar alle artig der Reihe nach an­spra­chen, mit dem aber nie­mand sich un­ter­hielt, blieb nur ein Aus­weg: er muss­te reden. So kam es, dass sie alle nach und nach unter den Bann sei­ner Stim­me ge­rie­ten. Ver­wun­der­lich war das nicht, denn sie vi­brier­te in allen mög­li­chen Ton­la­gen, die von der nor­ma­len Ge­sprächs­stim­me in der Regel nicht be­nützt wer­den. In sei­nem Fall be­an­spruch­ten sie eine Art Na­tur­recht auf Mit­be­stim­mung, das ihnen ohne wei­te­res ein­ge­räumt wurde.

Selbs­st­re­dend galt das nur für die Dauer des Auf­tritts, der ihm, aufs Ganze ge­se­hen, wenig nütz­te. Die an­de­ren nah­men ihn hin, so wie sie die Ge­sangs­ein­la­ge eines zu­fäl­lig an­we­sen­den Künst­lers hin­ge­nom­men hät­ten, von dem man an­neh­men durf­te, dass er sich an­schlie­ßend knapp ver­beug­te und an sei­nen Platz am Ne­ben­tisch zu­rück­kehr­te. Denk­bar wäre zum Bei­spiel ge­we­sen, im Ge­gen­zug den von Tisch zu Tisch strei­fen­den Blu­men­ver­käu­fer kom­men zu las­sen. Zu sol­chen Auf­ga­ben ver­stand sich ge­ra­de Pw, der sich hier an­ge­spro­chen füh­len muss­te, mit Leich­tig­keit. Er war es, der ge­wöhn­lich den Kopf oben be­hielt, so­bald im Kreis etwas Täp­pi­sches zum Vor­schein kom­men droh­te. Mit leich­ter Hand, wie man es von einer Frau er­war­tet hätte, tat er in sol­chen Fäl­len das Er­for­der­li­che oder etwas, das der Si­tua­ti­on einen ge­sel­li­gen An­strich ver­lieh. Er tat es mit einem win­zi­gen Nach­druck, der gleich­sam in den Augen schmerz­te und den an­de­ren vor Augen führ­te, dass er sie im Grun­de für Töl­pel hielt.

Wenn Tron­ka Hof hielt, dann nach dem Mus­ter jener un­ge­sel­li­gen Ge­sel­lig­keit, die sich seine Lands­leu­te gern selbst nach­sa­gen, am Schreib­tisch vor allem oder in ge­sel­li­ger Runde, wenn das Bier ›in Strö­men fließt‹ und sich alle einig sind. So konn­te es ge­sche­hen, dass Pw, in phi­lo­so­phi­scher Rede ein Leicht­ge­wicht, ganz al­lein das an­de­re Ende der Waage be­setzt hielt und als ein­zi­ger unter den An­we­sen­den Tron­ka eben­bür­tig ent­ge­gen­trat. Mag sein, dass es Zei­ten ge­ge­ben hatte, in denen das Tron­ka ganz und gar nicht schmeck­te. Ganz ge­wiss hatte es sol­che Zei­ten ge­ge­ben. Doch eben­so ge­wiss waren sie ver­gan­gen. Es war blan­ke Sucht, die Tron­ka dazu trieb, den phi­lo­so­phi­schen Zwerg zum Adres­sa­ten einer all­wö­chent­lich er­neu­er­ten Kam­pa­gne zu ma­chen, in deren Ver­lauf er zur fest­ge­setz­ten Stun­de zu fun­keln be­gann und nach und nach die ver­bor­ge­nen Schön­hei­ten sei­ner Theo­rie und sei­ner Über­zeu­gun­gen im All­ge­mei­nen her­vor­kram­te. Der Al­ko­hol spiel­te bei dem Vor­gang eine nicht zu über­se­hen­de Rolle. Pw, dem das Wört­chen ›Selbst­be­herr­schung‹ auf den noch ha­ge­ren, aber be­reits die For­men­spra­che des kom­men­den nor­di­schen Qua­ders vor­weg­neh­men­den Leib ge­schrie­ben stand, gab auch in die­sem Fall den Ver­su­cher. Nah­men sich seine Ein­wür­fe an­fangs, im Zu­stand all­ge­mei­ner Nüch­tern­heit, eher di­let­tan­tisch aus, so wuch­sen sie bei fort­schrei­ten­dem Kon­sum an­ge­sichts der je­des­mal schäu­men­der vor­ge­tra­ge­nen und in der Sache immer kläg­li­che­ren Aus­las­sun­gen des ge­nia­len Do­zen­ten in fürch­ter­li­che Di­men­sio­nen hin­ein.

Ein an­ge­säu­sel­ter Apoll im Krei­se der stets hei­te­ren Musen – das war der An­blick, den Tron­ka, sich in lo­gi­scher Nackt­heit tum­melnd, bot, nach­dem ihm die Felle da­von­ge­schwom­men waren. Doch Trink­fes­tig­keit hin, Trink­fes­tig­keit her – in der ge­ge­be­nen Si­tua­ti­on sah Pw, der Ur­he­ber die­ser wie­der­keh­ren­den De­nu­da­ti­on, seine so­zia­len Qua­li­tä­ten an die Kette ge­legt. Luxor for­der­te un­um­schränk­te Auf­merk­sam­keit, sei es auf das, was er sagte, sei es auf das, was fra­ge­zei­chen­groß im Raum stand, so­lan­ge ihn nie­mand stopp­te. Als bra­ver Hüter der Ge­mein­schaft muss­te Pw der Ge­fahr ent­ge­gen­tre­ten, die von die­sem Ne­ben­mit­tel­punkt aus­ging, der sich zum Haupt­mit­tel­punkt aus­zu­wach­sen droh­te. Luxor, je­den­falls der Luxor, der sich den er­staunt-ge­lang­weil­ten Bli­cken des Krei­ses dar­bot, war sein Werk. In­so­fern galt das Fra­ge­zei­chen Pw. Dabei war nie­mand ernst­haft er­staunt oder ge­lang­weilt, im Ge­gen­teil: da man nicht wuss­te, wie weit Luxor sich trei­ben ließ, hör­ten alle mit klamm­heim­li­cher Neu­gier zu. Pein­lich be­rührt waren sie trotz­dem. Was Luxor trieb, ziem­te sich nicht – nicht an die­sem Ort, nicht in ihrer Runde.

Die­ser, wie es aus­sah, be­reits in an­de­re ge­sell­schaft­li­che Re­gio­nen ab­ge­drif­te­te Stu­dent ge­hör­te zu einer Ka­te­go­rie von Leu­ten, die ihren Mit­men­schen mit einem ein­fa­chen, aber heik­len Mit­tel die Lach­trä­nen in die Augen trei­ben. Er gab sich preis, je­den­falls ein Stück von sich, nicht zu­viel, aber doch genug, um an die ne­bu­lö­se Schei­de­wand zu rüh­ren, die Men­schen in Ge­sell­schaft von­ein­an­der trennt. Die Ge­schich­ten, die er zum bes­ten gab, waren be­lang­los – ›Ge­schicht­chen‹ im Wort­sinn, die nie­man­den ernst­haft in­ter­es­sier­ten, die sich auch kei­ner mer­ken konn­te. Sie gin­gen auch nie­man­den etwas an. Genau darin lag ihre Poin­te. Mit jeder von ihnen plau­der­te er etwas aus, er ›gab es zum Bes­ten‹ – ein ei­gen­ar­ti­ges Wort, mit­tels des­sen die Spra­che be­kräf­tigt, dass zum Ge­lin­gen des Fes­tes ein Opfer be­nö­tigt wird: die dem ›all­ge­mei­nen Bes­ten‹ zu­gu­te kom­men­de Gabe, die not­wen­dig aus dem Vor­rat der In­di­vi­dual­gü­ter ab­ge­zweigt wer­den muss.

Luxor, so­viel war sicht­bar, gab sich zum Bes­ten. Damit ver­wan­del­te er die Zu­sam­men­kunft, in deren Mit­tel­punkt er sich stell­te, in ein Fest. Die An­we­sen­den, Tron­ka und viel­leicht Pw aus­ge­nom­men, emp­fan­den es nicht nur so, son­dern ar­bei­te­ten nach Kräf­ten daran mit, falls in einem sol­chen Fall von ma­gi­scher Qua­dra­tur der Aus­druck ›Ar­beit‹ am Platz ist.

Auf seine Weise be­tei­lig­te sich auch der trom­meln­de Hiero an dem Werk. Je­den­falls litt er stell­ver­tre­tend für den zeit­wei­se kalt­ge­stell­ten Haupt­dar­stel­ler, nicht un­ähn­lich den blei­chen Ge­stal­ten, die den Gol­ga­t­ha­zug be­glei­ten und dem Pulk der Joh­ler und Gaf­fer be­reit­wil­lig Platz ma­chen, aber un­auf­fäl­lig immer wie­der die Nähe des Men­schen­soh­nes su­chen. Nur Luxor merk­te of­fen­bar nichts. Er schien sich auch nicht zu ver­aus­ga­ben. Je mehr die Um­ge­bung in sei­nen Bann ge­riet, desto fei­ner, leich­ter, un­wirk­li­cher wur­den seine Ge­bär­den. Es war, als hocke in die­sem Pup­pen­spie­ler, der sel­ber nur eine Puppe war, ein klei­ner Junge, der mit ma­gi­scher Si­cher­heit die Knöp­fe eines Flip­pe­r­au­to­ma­ten be­dient und mit ge­schick­ten Fin­gern dafür sorgt, dass die Kugel so lange wie mög­lich im Spiel blieb. An­ders als der Zwerg in Mäl­zels Schach­au­to­ma­ten be­durf­te er kei­nes Ver­stan­des, der sich viel­leicht nur stö­rend aus­ge­wirkt hätte. Ihm ge­nüg­ten gute Re­fle­xe und die sei­ni­gen waren aus­ge­zeich­net. Den­noch ließ sich ab­se­hen, dass ir­gend­wann die Kugel in einem der zahl­rei­chen Lö­cher, an denen sie im Mo­ment so ele­gant vor­bei­ge­lei­tet wurde, auf Nim­mer­wie­der­se­hen ver­schwin­den würde. Auf die­sen Zeit­punkt war­te­te Tron­ka mit der le­der­nen Ge­duld des ewi­gen Zwei­ten. Auch er war be­gie­rig, die Knöp­fe zu drü­cken. Doch ahnte er wohl ver­schwom­men, dass in sei­nem Fall ein an­de­rer an ihnen han­tier­te. Im Grun­de war es ihm recht.

Hätte ich Tron­ka nicht bei Eli­sa­beth ken­nen ge­lernt, so hätte ich viel­leicht, ähn­lich dem Ger­ma­nis­ten Z., der mög­li­cher­wei­se in einem New Yor­ker Ho­tel­zim­mer Zeuge von Hölz­chens Fa­mi­li­en­le­ben ge­wor­den war, aus den Ge­sprä­chen sei­ner Jün­ger eine ›grund­le­gend‹ an­de­re Auf­fas­sung sei­ner Per­son er­wor­ben, die mir auf der Grund­la­ge un­se­res spo­ra­di­schen Zu­sam­men­tref­fens un­er­reich­bar blieb. Die Stu­den­ten sehen in einem As­sis­ten­ten ja nicht den jun­gen Mit­ar­bei­ter, den ein Zu­fall am Ende sei­nes Stu­di­ums an die­sen Platz ge­schleu­dert hat und der jetzt voll­auf damit be­schäf­tigt ist, aus die­sem un­wahr­schein­li­chen Fak­tum ein Leben – eine vita nova – ab­zu­lei­ten. Alle Wör­ter, wel­che die­ses Ver­hält­nis be­zeich­nen und im Be­rufs­le­ben eine nüch­ter­ne, Dauer, Auf­ga­ben, Ge­halt und Auf­stiegs­chan­cen re­geln­de Be­deu­tung be­sit­zen, ver­wan­deln sich den klü­ge­ren, ehr­gei­zi­ge­ren, phan­ta­sie­vol­le­ren Er­wähl­ten in An­zei­gen einer mit ma­gi­schen Zügen aus­ge­stat­te­ten Welt. Es ist diese zwei­fel­los statt­ge­fun­de­ne Er­wäh­lung, die hier die Be­zie­hun­gen stif­tet und re­gu­liert und ihnen eine unall­täg­li­che Dich­te und Un­durch­dring­lich­keit ver­leiht. Sol­che Phan­ta­si­en müs­sen be­dient wer­den. Wer seine As­sis­ten­ten­zeit als Ori­en­tie­rungs­pha­se ver­steht und schon ein­mal ›Be­rufs­le­ben‹ schnup­pert, ist be­reits durch­ge­fal­len – er kommt für die zen­tra­le Er­fah­rung nicht in Be­tracht. Die Nase vorn haben Typen wie Tron­ka, die die Mög­lich­keit zur selbst­ge­wähl­ten De­for­ma­ti­on wit­tern und kei­nen Tag zö­gern, sie zu er­grei­fen. Im Mit­tel­punkt der von ihnen er­schlos­se­nen Welt steht die Zu­kunft als Raum künf­ti­ger Er­wäh­lun­gen. Aus der La­tenz ge­gen­wär­ti­ger An­häng­lich­kei­ten und Treu­e­be­kun­dun­gen taucht ir­gend­wann das un­ver­mu­te­te Ego her­vor. Tron­ka, der es sich er­laubt hatte, diese Span­nung in sei­nem Kreis über Jahre aufs Äu­ßers­te zu stei­gern, hatte schließ­lich ge­wählt und seine Wahl war auf Hiero ge­fal­len. So sahen es alle. Doch was her­aus­ge­kom­men war, blieb dif­fus und ent­täu­schend. Das bekam Tron­ka jetzt zu spü­ren.

Un­be­tei­ligt an die­sem Spiel, wie ich mich wuss­te, fühl­te ich mich un­be­hel­ligt von den emo­tio­na­len Un­ter­strö­men, die hier zu ge­wär­ti­gen waren. Statt­des­sen be­äug­te ich gemäß dem Bild, des­sen Be­deu­tung mir auf der Insel auf­ge­gan­gen war, die Welle, die Tron­ka em­por­ge­ho­ben hatte und jetzt in­mit­ten einer wäss­ri­gen Wüste ohne be­son­de­re Vor­komm­nis­se zum chan­cen­lo­sen Schwim­mer de­gra­dier­te, vom fes­ten Land aus, ohne die Er­re­gun­gen mit­zu­emp­fin­den, die nur die ge­mein­sa­me Be­we­gung ver­schafft.

Panik
8
Hiero: Figur 1
We­ber­knech­te

Luxor... Wer hat die­sen Namen über­haupt auf­ge­bracht? Wann, bei wel­cher Ge­le­gen­heit ist das ge­sche­hen? Hiero in der Wanne, der er­nüch­tern­den Wir­kung des lang­sam er­kal­ten­den Ba­de­was­sers aus­ge­setzt, sto­chert lust­los in der Ver­gan­gen­heit, die dem ge­stan­de­nen Phi­lo­so­phen mehr Schwie­rig­kei­ten be­rei­tet, als er in sei­nem be­ruf­li­chen All­tag zu­zu­ge­ben be­reit ist.

  • ―Nichts ist vor­bei, pfleg­te Kä­rich ge­le­gent­lich sei­nen ent­setz­ten Stu­den­ten ein­zu­trich­tern, nichts ist un-ab-ge-gol­ten. Wenn Sie mei­nen, Sie kom­men aus die­ser Chose raus, als seien Sie nicht in sie in­vol­viert, dann täu­schen Sie sich. In-vol-viert – be­hal­ten Sie die­ses Wort, es wird sie Ihr Leben lang be­glei­ten. Zu Recht! Nen­nen Sie es den kul­tu­rel­len Dreh, dann lie­gen Sie nicht falsch, aber auch nicht rich­tig. Kul­tur ist nichts. Das hier oben – er un­ter­strich mi­misch – ist nicht Kul­tur, es ist Den­ken. Nen­nen Sie es Be­wusst­sein, das ist schön, es zeigt, dass ir­gend­wie auch Wis­sen im Spiel ist, aber es ist Den­ken. Die Leute mögen das nicht, sie wol­len sein, das kann man ver­ste­hen, das ist die Crux. Ver­ste­he es, wer will. Legen Sie den Schal­ter doch um – lang­sam, mäßig! Ver­su­chen Sie, ihn um­zu­le­gen... nein, nicht hier, seien Sie doch nicht so kon­kret. Schon die­ser Ge­dan­ke ist nicht ›raum­zeit­lich ver­or­tet‹. Er ist der­sel­be in ihnen und in mir, im Prin­zip wis­sen Sie ge­nau­so wie ich, an wel­cher Stel­le im Ko­or­di­na­ten­sys­tem des Ge­dach­ten er steht. Sie kön­nen nach China rei­sen oder nach Pa­kis­tan oder ein­fach hin­te­le­fo­nie­ren: daran än­dert sich gar nichts. Ich wün­sche Ihnen eine gute Reise!

Nach sol­chen Aus­fäl­len hat­ten ein paar Stu­den­tin­nen viele Fra­gen, sie bogen ihre Kör­per und wan­den ihre Hände, um zu zei­gen, dass bei ihnen Kör­per­be­we­gung und Den­ken eins waren und Kä­rich nick­te ihnen auf­mun­ternd zu, ver­such­te, ›es‹ ein ums an­de­re Mal ›an­ders‹ zu sagen, mit Bei­spie­len und ohne, mit Iro­nie und ohne, es war ein we­ben­des Geben und Neh­men, das sich da zwi­schen den Stuhl­rei­hen ab­spiel­te und manch­mal erst durch das Auf­tau­chen von Teil­neh­mern der nächs­ten Ver­an­stal­tung un­ter­bro­chen wurde.

Das re­flex­ar­ti­ge ›Was solls? Es ist vor­bei!‹, mit dem sich Leute aus der Af­fä­re zie­hen, die sich ge­ra­de noch die Köpfe dar­über heiß ge­re­det haben, ob Rudi Dutsch­ke sei­ner­zeit die wahre deut­sche Linke oder nur einen Hau­fen stu­den­ti­scher Schrei­häl­se an­führ­te, ob die Ro­man­tik die deut­sche To­des­sehn­sucht oder einen his­to­ri­schen ›Mo­der­ni­sie­rungs­schub‹ auf den Punkt brach­te, ob es bes­ser ge­we­sen wäre, Witt­gen­stein zu igno­rie­ren, statt ihn nach Ox­ford zu holen und mit dem Ruhm eines Quer­den­kers aus­zu­stat­ten, auf den sich heute jeder be­zie­hen muss, der mit­re­den will – diese For­mel von Knei­pen­dis­ku­tie­rern, die sich un­ver­mit­telt mit der Sperr­stun­de kon­fron­tiert sehen, hat in der Po­li­tik und im phi­lo­so­phi­schen Den­ken viel Un­heil an­ge­rich­tet. Den­noch be­sitzt sie, aufs pri­va­te Leben be­zo­gen, einen guten Sinn.

Luxor ist vor­bei – die Wahr­schein­lich­keit, ihm eines Tages auf der Stra­ße zu be­geg­nen, liegt bei Null. Hiero weiß nicht, ob er das be­dau­ern soll, dazu ist die Er­in­ne­rung zu ver­wischt. Es liegt etwas Un­ab­ge­gol­te­nes in ihr, eine Er­war­tung, die ver­gan­gen ist, ohne aus sich her­aus­zu­tre­ten – ei­gent­lich eher keine Er­war­tung, ein Ver­steck­spiel zwi­schen zwei In­stan­zen, die ein­an­der be­geg­net sind, ohne sich zu be­rüh­ren, fast wie in dem Nes­troy-Zi­tat, das Pw eine Zeit­lang her­um­reich­te: Ich möcht’ mich ein­mal mit mir selbst zu­sam­men­het­zen, nur um zu sehen, wer der Stär­ke­re is, ich oder ich. Luxor hat sich als der Stär­ke­re er­wie­sen, daran be­steht kein Zwei­fel, er ist, Hie­ros ma­gne­ti­schen Blick im Rü­cken, ver­schwun­den, ohne sich um­zu­dre­hen, die Hatz war ab­ge­bla­sen, bevor sie be­gin­nen konn­te.

Tron­ka ist an­ders. Die junge Frau in der Bar hatte etwas davon ab­be­kom­men. ›Ma­chen Sie sich keine Ar­beit...‹ Das war ein He­te­ro-Witz der dümm­lichs­ten Sorte, aber er wirk­te nach. Hiero schluckt, wenn er daran denkt. Tron­ka, der keine Poin­te vor­brin­gen kann, ohne sei­ner Zu­frie­den­heit mit sich selbst un­miss­ver­ständ­lich Aus­druck zu geben, hatte den Ef­fekt ab­so­lut sou­ve­rän, mit gro­ßer Bei­läu­fig­keit her­aus­ge­ar­bei­tet und kein zu­cken­der Ge­sichts­mus­kel, kein Schul­ter­rol­len ver­riet, was er dabei dach­te. Un­ver­se­hens fand sich Hiero auf der an­de­ren Seite einer De­mar­ka­ti­ons­li­nie, die seine trot­zi­ge Männ­lich­keit bis dahin nicht ein­mal ge­streift hatte. Wer schwul war oder nicht, das wuss­te man oder es ging einen nichts an. Soll­te es ihn etwas an­ge­hen, wenn Tron­ka sie beide ab jetzt in der Öf­fent­lich­keit – einer mick­ri­gen Öf­fent­lich­keit, aber im­mer­hin – als Pär­chen prä­sen­tier­te, wann immer es ihm be­lieb­te? Soll­te es ihn etwa nichts an­ge­hen?

Wo endet der Scherz, wo be­ginnt das so­zia­le Spiel, noch dazu eines, dem er sich auf keine Weise ge­wach­sen fühlt? Er wuss­te es da­mals nicht, er weiß es noch heute nicht.

Von Tron­ka gibt es keine ma­gne­ti­schen Bli­cke. Aber an sei­nem ma­gne­ti­schen Wesen zu zwei­feln er­gibt kei­nen Sinn. Es äu­ßert sich in der ge­wis­ser­ma­ßen ho­heit­li­chen Art, die dafür ver­ant­wort­lich ist, dass Hiero ihn von An­fang an ernst ge­nom­men hat, erns­ter als die an­de­ren Do­zen­ten, bei denen er das Ge­fühl nicht los­wer­den konn­te, dass sie ihn als einen durch Stel­lung und Funk­ti­on er­zeug­ten Adres­sa­ten für ihre mehr oder we­ni­ger me­cha­nisch her­vor­ge­brach­ten Be­leh­run­gen be­trach­te­ten. Nichts an Tron­ka ist me­cha­nisch. Sogar die Art, seine Ta­sche zu pa­cken, bevor er den Heim­weg an­tritt, ver­rät einen mensch­li­chen Sinn und nicht bloß die Über­zeu­gung, für heute genug ge­ar­bei­tet zu haben. Die Akt­schlüs­se, die er ze­le­briert, geben sei­ner schau­spie­le­risch völ­lig un­brauch­ba­ren Per­son Ge­le­gen­heit, sich im Zu­schau­er, par­don, im Mit­spie­ler ein­zu­nis­ten. Tron­ka er­reicht durch Ab­we­sen­heit, was die Ge­gen­wart ihm ver­sagt. Für den Adres­sa­ten hat das den Nach­teil des Un­ver­hoff­ten: ehe er sich des­sen ver­sieht, hat ihm der an­de­re ein Paket in die Hand ge­drückt und ihn damit ent­las­sen.

Hiero weiß, was das heißt. Er weiß zur Ge­nü­ge, wie man sich fühlt, wenn man stun­den­lang durch den Regen streicht und sich ver­geb­lich fragt, was in dem Paket wohl ent­hal­ten sein mag und was, um Him­mels wil­len, man damit an­fan­gen soll. Selbst das ginge noch hin ohne den per­fi­den, durch An­häng­lich­keit er­zeug­ten Ver­dacht, in ihm end­lich die er­sehn­te Hand­rei­chung fürs aka­de­mi­sche Über­le­ben er­hal­ten zu haben. Lei­der zer­fa­sert und zer­fällt es nach und nach, ohne sein In­ne­res preis­zu­ge­ben. So bleibt die Frage ›Was tun?‹ nicht nur un­be­ant­wor­tet wie zuvor, son­dern rei­chert sich fort­wäh­rend um Kom­po­nen­ten an, die ges­tern noch gar nicht in sei­nem Be­wusst­sein lagen.

Ein­mal er­wähnt Hiero in etwas ge­drück­ter Ver­fas­sung die an­ge­grif­fe­ne Ge­sund­heit der Mut­ter, die er aus der Ferne lei­den­schaft­lich um­sorgt. Die ein­zi­ge Re­ak­ti­on, die er sich damit ein­fängt, ist ein dif­fu­ses Brum­men. Of­fen­sicht­lich hat er die Regel ›Nie­mals über pri­va­te Dinge‹ ver­letzt. Beim Aus­ein­an­der­ge­hen je­doch – Hiero ist müde und seine Auf­nah­me­fä­hig­keit ge­trübt, auch be­schäf­ti­gen ihn an­de­re Dinge – dreht sich Tron­ka noch ein­mal um:

  • ―Ich zum Bei­spiel würde mir ja an Ihrer Stel­le ein schnel­les Auto kau­fen und das Pro­blem auf die Weise aus der Welt schaf­fen.

Das Pro­blem? Ist das ein Pro­blem? Hat er ein Pro­blem? An die­ser Stel­le? Wenn ja, dann wuss­te er bis ge­ra­de nichts davon. Hätte er es wis­sen müs­sen? Was folgt dar­aus, dass er sol­che Dinge nicht weiß? Of­fen­sicht­lich nichts Gutes.

Auch da­mals lief er stun­den­lang durch die Stra­ßen, ge­trie­ben von einer Un­ru­he, die es ihm nicht er­laub­te, seine Ge­dan­ken auf die Ar­beit zu rich­ten oder bloß zu sor­tie­ren. Dar­auf, sor­tiert zu sein, legte er Wert: ge­ra­de noch war er stolz auf den aus­ge­klü­gel­ten Zeit­plan ge­we­sen, nach dem er sich in seine klapp­ri­ge Ente schwang, um die, zu­ge­ge­ben, lange Stre­cke ab­zu­spu­len und zu Hause ›nach dem Rech­ten zu sehen‹. Wenn sich an die­ser Stel­le ein Pro­blem auf­tat, das er nicht sah, dann konn­te sich über­all eines auf­tun, ohne dass er sich des­sen be­wusst war und ohne dass er etwas da­ge­gen zu tun ver­moch­te. Es sei denn...

Es sei denn, er hielt sich skla­visch an Tron­kas Rat­schlä­ge, die lei­der nur spo­ra­disch kamen und viel zu vage aus­fie­len, als dass einen leb­ba­ren Sinn er­ga­ben.

Und er gibt zu: auch an das Thema der Dis­ser­ta­ti­on ist er auf diese Weise ge­ra­ten.

Es liegt ein gro­ßer Fort­schritt darin, sich das ein­zu­ge­ste­hen.

Ge­ra­de die­ses Wis­sen hatte er zu­un­terst ver­gra­ben.

Es durf­te nicht sein, dass die Feder, die ihn in Gang hielt, durch ein Sys­tem klei­ner Nö­ti­gun­gen ge­spannt wurde.

Das durf­te wirk­lich nicht sein. Der beste Be­weis dafür, wie sehr es ihn so lange be­herrsch­te, be­steht darin, dass sie heute zer­bro­chen ist, wirk­lich zer­bro­chen. Er kann sich zu­rück­leh­nen, um das Trüm­mer­feld der ver­gan­ge­nen Jahre in Au­gen­schein zu neh­men.

Panik
9
Hiero: Figur 1
Mi­ri­am oder Von nichts kommt nichts

Das Trüm­mer­feld die­ser Jahre, da macht er sich nichts vor, heißt Mi­ri­am. Er sieht den Platz am Tre­sen noch vor sich, wo es be­gann. Eine Phra­se, er weiß, aber sie ›er­gibt Sinn‹, einen guten sogar. Er sieht den Ort, er sieht die Stel­le, wie er sie immer wie­der ge­se­hen hat, wenn er ver­sucht war, das Netz der Ab­hän­gig­kei­ten zu er­grün­den, das sich im glei­chen Au­gen­blick über ihn warf, als er auf­stand, um sein Schick­sal oder das, was einer wie er dafür hal­ten konn­te, in die Hand zu neh­men.

Auch das ist Phra­se. Es muss wohl ein aus­ge­dehn­ter Au­gen­blick ge­we­sen sein, in dem es pas­sier­te. Und auch diese Phra­se er­gibt einen Sinn, der dar­auf war­tet, in ein­ge­hen­der Ana­ly­se er­schlos­sen zu wer­den. Fäden schie­ßen zu­sam­men, mit einem lei­sen Ruck schließt sich das letz­te Glied und stellt etwas her, das in der Zeit und für die Zeit, sogar nur für eine be­stimm­te Zeit, sich als un­zer­reiß­bar er­weist. Doch blind und taub gegen das, was da ge­schieht, trot­tet die Per­son, die es an­geht, dahin. Ge­le­gent­lich reißt der Him­mel auf und ein Brau­sen er­füllt die Luft, aber es bleibt dabei: Nur im Rück­blick er­scheint der Au­gen­blick, in dem das Ge­sche­hen sei­nen Lauf be­ginnt. Kein ka­len­da­ri­scher Zeit­punkt bürgt für die Rich­tig­keit der Er­in­ne­rung, die die­sen Punkt um­kreist, ihn krei­send fi­xiert und als etwas ima­gi­när Greif­ba­res mit so­viel see­li­scher Wirk­lich­keit aus­stat­tet, dass der, den es an­geht, sagen kann, er habe es vom ers­ten Mo­ment an ge­wusst, aber nicht wahr­ha­ben wol­len.

Die­ser erste Mo­ment scheint wich­tig zu sein, ob­wohl eine Viel­zahl von Kan­di­da­ten dafür in Be­tracht kommt. Gern hätte Hiero, aus Grün­den, die nie­man­den etwas an­ge­hen, eine Toch­ter ge­habt, die auf den Namen Mi­ri­am hört. Viel­leicht ist es der Name, eine wei­che, wie­der­keh­ren­de Be­we­gung, der in ihm an­dockt und über eine un­auf­fäl­li­ge Stel­ling den Aus­tausch her­stellt, die­weil er am Tre­sen sitzt und eine junge Frau Bier zapft, sich über die Kühl­schrank­tür beugt, ein paar Fla­schen her­auf­holt, Glä­ser spült und mit dem Lap­pen über die chrom­blit­zen­de Ab­la­ge fährt. Es ist die Zeit, in der er über dem von Tag zu Tag rät­sel­haf­te­ren Ver­hal­ten Tron­kas brü­tet und gern die Dis­po­si­ti­on sei­ner Ar­beit ›auf die Reihe‹ bräch­te. Sie be­rei­tet ihm Kopf­zer­bre­chen, und nicht zu knapp. Der phi­lo­so­phi­sche ›Bro­cken‹, an den ihn Tron­ka ge­hetzt hat, er­weist sich lang­sam, aber si­cher als Ge­strüpp: prak­tisch un­durch­dring­bar, durch­zo­gen von kaum er­kenn­ba­ren Kreuz- und Quer­schnei­sen, die eher am Aus­gang zwei­feln las­sen, als dass sie Hilfe böten, über­dies ge­spren­kelt mit Va­ri­an­ten, For­mu­lie­run­gen und gan­zen Ge­dan­ken­schü­ben, die bei jeder vom Ver­fas­ser ver­an­lass­ten Auf­la­ge hin­zu­kom­men und die äl­te­ren Par­ti­en teils er­gän­zen, teils über­la­gern und das so­eben noch müh­sam Ge­klär­te wie­der in Frage stel­len.

  • ―Da ist un­ge­heu­er viel her­aus­zu­ho­len. Das hat bis­her noch kaum je­mand ver­sucht.

So hat Tron­ka, lo­ckend wie sel­ten, die Auf­ga­be be­grün­det und Hiero hat sich, was denn sonst, hin­ein­ge­wor­fen.

An Mi­ri­am, wie sie da mit den Glä­sern klap­pert, hat sich – je­den­falls ver­mit­telt sie die­sen Ein­druck – of­fen­bar eben­falls ›noch kaum je­mand ver­sucht‹, ob­wohl es kaum glaub­haft er­scheint. So kommt es, dass er in einem der Mo­men­te, die rück­bli­ckend als erste in Be­tracht kom­men, eine leise Lust in sich auf­stei­gen fühlt, zu Ent­las­tungs- und an­de­ren Zwe­cken auch diese Auf­ga­be an­zu­ge­hen. An­de­rer­seits weiß er zu wenig über die junge Frau und ihre Ver­hält­nis­se, prak­tisch nichts, und sein Charme, das spürt er dumpf, ruht unter den sie­ben Sie­geln der Ver­zweif­lung. Dem­entspre­chend fal­tet sich die An­mu­tung, we­nigs­tens für die­ses Mal, selbst­tä­tig wie­der zu­sam­men und legt sich in den Schrank zu­rück.

So geht die Ge­le­gen­heit vor­bei, ohne un­mit­tel­ba­re Fol­gen zu zei­ti­gen, wie ei­ni­ge wei­te­re in der Folge, wenn ein vager Aus­druck auf Mi­ri­ams Ge­sicht ihn ver­an­lasst, ein letz­tes Bier zu be­stel­len, von dem er ei­gent­lich be­reits in­ner­lich Ab­stand ge­nom­men hat.

Nein, auf die Weise kommt er dem my­thi­schen Mo­ment nicht näher, an dem er ins düs­te­re Tal ge­riet. Die Zeit könn­te be­lie­big da­hin­ge­hen, was sie ja auch tut. Er pro­mo­viert, es gibt Hochs und Tiefs, die Ar­beit kommt voran, stockt, geht zu­rück, zer­reißt und muss neu ge­flickt wer­den, das er­gibt nichts Be­son­de­res oder etwas, das sich er­zäh­len lässt, und wenn er sich von Zeit zu Zeit ge­ste­hen muss, dass er im Grun­de nicht be­greift, was von ihm ver­langt wird und was er sich selbst ab­ver­lan­gen soll­te, so dich­tet das Wort ›An­fangs­pha­se‹ das, was eine Ein­sicht wer­den könn­te, gegen Kon­se­quen­zen ab, die zu der Zeit noch zu zie­hen ge­we­sen wären.

Das Was­ser rauscht’, das Was­ser schwoll. Hiero greift zum Hahn, lässt war­mes Was­ser nach­lau­fen – eine Ma­rot­te seit sei­nen Kin­der­ta­gen, in denen er nicht ver­stand, dass Mut­ter, be­fan­gen in äl­te­ren Rou­ti­nen, es ihm ver­geb­lich ver­wehr­te.

  • ―Warum?

Auch heute würde er gern noch so fra­gen. Manch­mal, wenn Heide einen ab­schät­zi­gen Blick durch die halb­ge­öff­ne­te Bad­t­ür sen­det, um nach ihm zu sehen, formt sich in sei­nem Mund die alte Frage und er ver­schluckt sie. Darin un­ter­schei­det er sich nicht von Mut­ter, die be­reits ihre Ant­wort ver­schluck­te. Wel­che Grün­de sie dazu be­wo­gen, wenn sie denn wel­che besaß, hat­ten sich ihm nicht mit­ge­teilt, jetzt war es zu spät, sie da­nach zu fra­gen. Ihre Au­to­ri­tät kam in sol­chen Au­gen­bli­cken nicht zum Tra­gen. Über­haupt wurde sie selt­sam ge­dämpft durch die At­mo­sphä­re des Hau­ses, in dem vie­les, wenn nicht alles auf den Vater aus­ge­rich­tet war. Wie es sich lebt mit einer ver­schluck­ten Ant­wort, einem gan­zen Nest ver­schluck­ter Ant­wor­ten, wel­che Art von Magen man dazu be­nö­tigt und wie es sich an­fühlt – das hat er da­mals nicht ge­wusst und hätte es auch nicht wis­sen wol­len. Selbst heute will er es nicht wis­sen, ob­wohl er zu­ge­ben müss­te, dass man­ches sich mitt­ler­wei­le ge­klärt hat.

Die erste die­ser von ihm nicht be­ant­wor­te­ten, da erst gar nicht ge­stell­ten Fra­gen las er auf dem Ge­sicht der Mut­ter, als er mit Mi­ri­am bei ihr auf­tauch­te.

Sie war schon nicht mehr die junge Frau vom Tre­sen, auch nicht die der ers­ten, tief er­reg­ten Wo­chen, an deren Ende er sie nicht nach Hause ge­schickt hatte, wie es sich ge­hört hätte. Das düs­te­re Tal hatte ihn be­reits auf­ge­nom­men. Ge­fun­den hat er den Aus­druck in einem die­ser merk­wür­di­gen Ro­ma­ne, die von Zeit zu Zeit ein hef­ti­ges Le­se­fie­ber gras­sie­ren las­sen. Sie schei­nen weder für Er­wach­se­ne noch für Kin­der ge­schrie­ben zu sein. Ihre Adres­sa­ten sind Halb­kin­der, Zwit­ter­we­sen, in die sie das Gros der Er­wach­se­nen mü­he­los für kurze Zeit ver­wan­deln. Zwar schie­len auch die meis­ten Kin­der­bü­cher nach den Gro­ßen. Aber um ihre Stär­ken aus­zu­spie­len, be­dür­fen sie des Drei­ecks. Erst wenn das Kind nach ihnen ver­langt, kehrt das Be­geh­ren wei­ter­zu­le­sen auch im Er­wach­se­nen wie­der. Eine from­me Lek­tü­re setzt, wie ab­ge­dun­kelt auch immer, eine Kir­che im Hin­ter­grund vor­aus, eine kind­li­che Lek­tü­re ver­langt nach einem Kind. Da er­scheint es lo­gisch, wenn das Be­dürf­nis nach Lek­tü­re stär­ker ist als das nach Kin­dern, Bü­cher zu schrei­ben, die sich am rea­len Be­darf ori­en­tie­ren.

Als Vater einer klei­nen Mi­ri­am wäre Hiero ein ex­zes­si­ver Vor­le­ser. Er weiß es und hin und wie­der üben sich seine Lip­pen laut­los an die­ser Auf­ga­be. Er weiß es seit einem der Som­mer, die da­hin­gin­gen, ohne dass er sie im Rück­blick recht zu sor­tie­ren ver­mag, weil sich alle ir­gend­wie glei­chen. Ein paar Kin­der spie­len mit Schau­fel und Reuse am nur we­ni­ge Meter ent­fern­ten Strand. Sie kom­men jeden Tag und er schaut ihnen vom Bal­kon der klei­nen Pen­si­on aus zu. Es ist aber die­ses nicht mehr in die Reihe zu­rück­zu­ord­nen­de Mal, dass sich eines aus der Grup­pe löst, als wolle es auf das Haus zu­lau­fen und werde schluch­zend und mit ver­wein­ten Augen einen Mo­ment spä­ter ins Zim­mer plat­zen. Flöge die Tür jetzt wirk­lich auf, er wäre nicht ver­wun­dert. Etwas in ihm war­tet dar­auf und nimmt das plötz­lich laute Ti­cken der Stutz­uhr auf der Kom­mo­de als An­kün­di­gung des Un­er­hör­ten.

Doch als Mi­ri­am – die reale Mi­ri­am, das Wesen, das so un­wirk­lich wer­den kann, dass er sich manch­mal fragt, ob sie sei­ner­zeit nicht doch den Flie­ger ge­nom­men hat und das alles nur in sei­ner Ein­bil­dung exis­tiert –, das Zim­mer be­tritt, da ist er es, der mit einer leich­ten Be­we­gung der Hand an­deu­tet, dass er nicht ge­stört wer­den will. Diese Be­we­gung mit leicht ab­ge­win­kel­ter Arm­stel­lung, die Fin­ger an­ein­an­der­ge­legt, um Dis­tanz zu si­gna­li­sie­ren, die um­fas­sen­de Dis­tanz, durch die das Den­ken ins Leben tritt und sich darin be­haup­tet, ist ir­gend­wann zwi­schen sie ge­ra­ten, aus rei­ner Not­wehr, wie er an­nimmt. Mehr als ein­mal konn­te er ihr damit ge­ra­de noch recht­zei­tig die Luft ab­schnei­den und der pum­pen­den Be­we­gung Ein­halt ge­bie­ten, auf deren Hö­he­punkt eine Ab­fol­ge schril­ler, stak­ka­to­ar­ti­ger und ziem­lich or­di­nä­rer Vor­hal­tun­gen, An­kla­ge und Auf­for­de­rung zu­gleich, aus die­sem Wesen her­vor- und auf ihn her­ab­stößt, ob­wohl er an­dert­halb Köpfe grö­ßer ist als sie und sie auch in an­de­rer Hin­sicht über­ragt.

  • ―Tu end­lich was!

Of­fen­sicht­lich gilt in die­sem Ge­hirn, das, nicht ohne sein Zutun, in­zwi­schen Ex­amen be­sitzt und einen aka­de­mi­schen Beruf aus­übt, das lang­sa­me Ver­fer­ti­gen der Ge­dan­ken, das immer er­neu­te Ab­schrei­ten der­sel­ben Wege, die Si­che­rung des Ge­dach­ten, das Her­an­zie­hen der Texte, als sei es das erste Mal, wäh­rend er sie doch schon hun­dert­mal durch­fors­tet hat, nicht als Tun. Aber es ist das Tun, das zählt: Sie beide sind, folgt er ihrer Rede, um­ge­ben von Men­schen, die etwas tun oder vor­ha­ben, etwas zu tun, falls sie es schon nicht getan haben.

Die­ses Meer von Tun, das in ihr flu­tet und in dem er unter mat­ter wer­den­den Be­we­gun­gen lang­sam ver­sinkt, ent­stammt kei­nem mensch­heit­li­chen Be­wegt­sein, wie er es aus den Tü­bin­ger Tagen kennt und noch immer in sich her­um­trägt, auch wenn sein Weg davon wenig er­ken­nen lässt. Es ist ego­man, auf Be­sitz und Frei­zeit er­picht und alles in allem eine Ver­schwen­dung von Le­bens- und Geis­tes­kraft an Be­lang­lo­sig­kei­ten, die über­all hin­führt, nur nicht vor jene Tür mit dem im vor­aus ent­wor­fe­nen Schild­chen, das ihn über­all be­glei­tet, darin fast dem Kan­ti­schen ›Ich denke‹ ver­wandt.

An die­sem Ziel hält er un­ver­rück­bar fest, es ist sein Gra­dus ad Par­nas­sum, die Kom­po­si­ti­on sei­nes Le­bens, er kennt die Mit­tel, er kennt die Wege, er hat sie durch­ge­mus­tert und sich sei­nen, wie Tron­ka sagt, ›er­kon­stru­iert‹. Er kann also nichts tun, das ist es, was er ihr ent­ge­gen­hält, und da sie wohl be­greift, was er da sagt und wie er es meint – sie ist ja nicht dumm –, ver­sie­gelt es ihr den Mund bis zum nächs­ten Aus­bruch, der so si­cher kommt wie... nun, wie... das Amen in der Kir­che. Er weiß nicht, was die Kir­che damit zu tun hat, er weiß nicht ein­mal, wel­che Kir­che hier in Be­tracht käme. Aber dass Mi­ri­am heim­lich den Fin­ger ins Weih­was­ser taucht, ist evi­dent.

Panik
10
Hiero: Figur 1
Tref­fer

Eine kra­chend ins Schloss ge­wor­fe­ne Tür – was ist das? Eine Dro­hung? Eine Ver­weif­lungs­tat? Ein Pis­to­len­schuss? Eine Evi­denz? Wenn es nach Mi­ri­am ginge – und wann ginge es nicht nach ihr? – be­stün­de das Leben aus einer Serie sol­cher Pis­to­len­schüs­se mit sich auf­gip­feln­den Er­re­gun­gen, Aus­ein­an­der­set­zun­gen und dra­ma­ti­schen Ver­söh­nun­gen, im Bett be­sie­gelt und durch an­schlie­ßen­de klei­ne Fluch­ten – was? Mit Gold­rand ver­se­hen? In einen ba­na­len Ab­grund ge­zo­gen, den er bis zum Schluss nicht er­mes­sen kann?

Je­den­falls ist die Er­re­gung ver­klun­gen und die Flucht, gleich­gül­tig, ob es sich um einen ver­schwänz­ten Vor­mit­tag oder einen Ta­ges­aus­flug nach Ams­ter­dam oder um eine Kurz­rei­se han­delt, deren Ziel und Dauer bei An­tritt nicht fest­steht, zei­tigt kei­nen der in Aus­sicht ge­stell­ten Ge­nüs­se, auch wenn Hiero immer wie­der dem Sog der Ver­hei­ßung er­liegt.

Mit einem sol­chen Pis­to­len­schuss ist sie in sein Leben ge­tre­ten. Doch das wäre, falls es das gibt, eine nach­ge­scho­be­ne, von ihm da­mals nicht wahr­ge­nom­me­ne Evi­denz. Denn als sie ihn – un­ver­mit­telt, un­ver­mu­tet – am Tre­sen an­sprach und ihn frag­te, ob er sie am nächs­ten Mor­gen zum Flug­ha­fen fah­ren könne, da fühl­te er sich zu­nächst ge­schmei­chelt und die Frage, warum sie ge­ra­de ihn zu dem Rit­ter­dienst er­ko­ren hatte, er­üb­rig­te sich, sie ging im er­wa­chen­den Af­fekt unter.

Die­ser Af­fekt wie­der­um ver­lang­te da­nach, das Ge­spräch, das sich so un­ver­mu­tet auf­tat, nicht ver­sie­gen zu las­sen. Aus einem Mund, der mehr lis­pel­te als sprach, er­fuhr er, dass die junge Frau, deren Le­bens­hin­ter­grund er nicht kann­te, ›die­ses Leben hier‹ satt hatte und im Be­griff stand, ihre Exis­tenz nach Mai­land zu ver­le­gen.

  • ―Warum Mai­land? frag­te er dreist. Es schien ihm aus stu­den­ti­schen und an­de­ren Grün­den er­laubt, so zu fra­gen. Er glaub­te be­reits, ein Recht auf eine Ant­wort zu haben. Die unter einem an­ge­deu­te­ten Lei­dens­blick ab­ge­schos­se­ne Ant­wort konn­te ihn daher nicht be­frie­di­gen.
  • ―Warum Mai­land? Keine Ah­nung. Ver­mut­lich, weil es im Mai so schön ist!

Mit einer Leich­tig­keit, die ihm spä­ter un­ver­ant­wort­lich vor­kam, über­hör­te er das an sich un­über­hör­ba­re ›Was gehts dich an?‹, er über­hör­te es ein­fach, so wie er das Me­cha­ni­sche des Au­gen­spiels über­sah. Und doch nahm er bei­des in sich auf, so dass er sich spä­ter gut daran er­in­ner­te, bes­ser je­den­falls als an das in gro­ßen, leicht ver­wisch­ten Let­tern ge­schrie­be­ne Eti­kett ›fra­gi­le‹, das sei­nen Blick da­mals ge­fan­gen­nahm. Er hörte und sah, er über­hör­te und über­sah wie einer, dem ge­ra­de Hören und Sehen ver­ging. So muss­te es wohl sein.

Panik
11
Hiero: Figur 1
Luxor lebt

Luxor ist nicht vor­bei.

Weder da­mals noch jetzt.

In wel­cher Weise auch immer.

Wie er durch klug ge­wähl­te Ab­gän­ge sein Bild im Ge­dächt­nis derer be­fes­tigt, die blei­ben, die immer blei­ben, vor­nehm­lich des­halb, weil ihnen nichts Bes­se­res ein­fällt, weil es ihre Art ist, da zu sein: da oder dort, wohin der Wind des Tages sie ver­schla­gen hat oder die Ab­sicht, ein Stu­di­um ab­zu­schlie­ßen und ›sich etwas auf­zu­bau­en‹ –

Wie er mus­kel­los bleibt zwi­schen den Trai­nier­ten, die da­nach ver­lan­gen, ge­braucht zu wer­den, be­packt und vor­wärts ge­trie­ben von dem Wunsch, ein­mal selbst zu den Trei­bern zu zäh­len oder, In­be­griff aller Wün­sche, ein gro­ßer Trei­ber zu wer­den –

Wie er sich ent­zieht in sei­nen Reden, in die­ser ei­gen­tüm­li­chen Nackt­heit zwi­schen Leu­ten, die an­ge­strengt in die Luft star­ren, um sich nichts davon ent­ge­hen zu­las­sen oder pein­lich be­rührt den Blick sen­ken –

Das Bild ist stumm. Zwei­fel­los er­gibt es Sinn, aber: es pro­du­ziert kei­nen. Was soll das? Was ist das? Eine Figur der Sehn­sucht, po­loy­morph, po­ly­morph-per­vers, ein biss­chen schnodd­rig muss man das Thema schon an­ge­hen, Ba­lan­ce hal­ten, Zy­nis­mus ist an­ders. Luxor löscht dich aus, keine Frage, aber ihm nimmst du es nicht krumm, ihm nicht, höchs­tens dir, dei­nem Dop­pel­wunsch, sein Bild aus­zu­lö­schen und doch ste­hen zu las­sen für alle Zeit, eine Sta­tue, ägyp­tisch, grie­chisch, gleich­viel, das ist nicht die Frage. Luxor ist ein Ent­wer­ter wie Pw und die an­de­ren, aber er ist es nicht ge­zielt und trick­reich, um sich an deine Stel­le zu schie­ben, son­dern voll­stän­dig und ab­sichts­los. Seine Ge­schicht­chen bla­sen die der an­de­ren in die Luft, man sieht ihnen nach: er­leich­tert und be­klom­men. Was Pw, der Möch­te­gern-Pa­tron, am liebs­ten wäre, an­stren­gungs­los, Luxor bleibt es bei den dif­fi­zils­ten Ma­nö­vern, ein Ath­let der Ent­hal­tung. Na­tür­lich starrst du auf ihn, noch heute, nicht die an­de­ren, du –

  • ―Aber da war nichts!

Weit ge­fehlt, jun­ger Mann, selbst dein Ba­de­was­ser ver­rät dich, schwer und träge, Zwangs­ja­cke fast, hüllt es dich ein – Blöd­sinn, Blöd-sinn wie so vie­les an­de­re, das durch den Kopf zieht, als seien sämt­li­che Türen und Fens­ter ge­öff­net und die nächs­te Er­käl­tung auf hal­bem Weg. Du hast dich an Luxor er­käl­tet, das ist die Wahr­heit, wenn­gleich kein Weg. Die Lei­den­schaft hat ein wenig ge­lit­ten seit­her. Das soll vor­kom­men, es trifft das Fort­kom­men, phi­lo­so­phi­cal non-phi­lo­so­phi­cal, die Frau­en. Es trifft sie alle, mehr oder we­ni­ger, man­che mehr, man­che Frau­en, einen Frau­en­typ viel­leicht ganz be­son­ders. Ihn ganz be­son­ders. Cave! Lei­der stehst du auf ihn. Die an­de­ren mögen sein, wie sie wol­len, sie kom­men oh­ne­hin nicht an dich heran, nicht so wie Luxor an dich her­an­kommt, je­den­falls in be­stimm­ten Mo­men­ten. Die so be­stimmt nicht sind. Eher un­be­stimmt, Zahn­lü­cken der Zeit, In­ter­val­le, in denen sie ihre Beute aus­lässt. Zeit­aus­fall, so­zu­sa­gen. Dass die Zeit Aus­fäl­le zei­tigt, ist seit dem Ab­flau­en der Me­ta­phy­sik nicht mehr rich­tig be­dacht wor­den, es fehlt an grif­fi­gen Theo­ri­en, aber das Phä­no­men ist un­be­streit­bar. Man sieht durch die Lü­cken in eine an­de­re Welt, nicht in an­de­re Zei­ten. Trans­ver­sal durch die Zei­ten, ein Rau­sche­wort aus dem Rau­sche­wald. Sol­che Wör­ter ver­tre­ten die tote Me­ta­phy­sik, sie hal­ten die auf­ge­ge­be­ne Stel­lung, ihre Zahl wächst von Jahr zu Jahr, das ist un­über­seh­bar. Ochs und Esel um­ste­hen nicht län­ger die Krip­pe, sie sind un­ter­wegs. Auf ei­ge­ne Faust. Auf ei­ge­ne Rech­nung. Auf ei­ge­nes Ri­si­ko. Auf Rutsch-mir-den-Bu­ckel-run­ter. Auf Reiß-aus-wenn-du-kannst. Ir­gend­wo bist du aus­ge­ris­sen, ir­gend­wer hat dir ein Mes­ser in den Hals ge­sto­ßen, ir­gend­wer häu­tet dich ge­ra­de, ge­konnt und un­ge­konnt, wer wäre hier Meis­ter, ir­gend­wer bie­tet dir eine Frucht, der du nicht wi­der­stehst.

Als bra­ver Sohn der Zeit, die du, bis tief in die Poren hin­ein, bist, kannst du mit dem Er­in­ne­rungs­bild wenig an­fan­gen. Prak­tisch nichts. Der Mann ist dir fremd. Wozu das Worte­ma­chen? Er ist dir fremd in dem Maß, in dem er offen ist. Offen für Män­ner. Für was denn sonst? Woher sonst käme die An­mu­tung, der Hauch, der über alle hin­weg­geht und sie er­schau­ern lässt, aus­ge­nom­men Por­ti­ön­chen, die still auf ihren vier Stuhl­bei­nen sitzt und war­tet, dass es vor­bei­geht. Die­ses Sich-Be­frem­den, als müss­ten sie sich be­kreu­zi­gen. Das Chris­tus­för­mi­ge des Ge­schlechts, vor dem alle Reiß­aus neh­men. Am meis­ten Pw, der es auf sich zieht, warum auch immer, woher auch immer. Er kann sich schüt­teln, so­viel er will, der Mann geht ihm lä­chelnd und wil­len­los nach. Gren­zen­los zu­ge­tan: so lau­tet das Wort.

Eines ist si­cher. Pws spie­lend be­haup­te­te Über­le­gen­heit endet an der Schran­ke der Be­wun­de­rung, die ihm von Lu­xors Seite ent­ge­gen­schlägt, einem Sich-Ver­wun­dern am an­dern, einem Über­gang ohne Maß. Liegt hier das Ge­gen­stück zu der Be­wun­de­rung, die du für Tron­ka emp­fin­dest und die die­ser seit Jahr und Tag an­nimmt und zu­rück­weist, als könne er sich bei­des zu­gleich leis­ten, ohne dafür be­zah­len zu müs­sen? Statt­des­sen lässt Tron­ka dich be­zah­len, so­viel steht fest, nicht in Geld und guten Wor­ten, son­dern, wie es sich unter Aris­to­kra­ten des Geis­tes ge­hört, mit dei­ner Per­son. Deren Ver­stüm­me­lung nimmt er leicht, er über­sieht sie ge­flis­sent­lich und zwingt dich da­durch, sie eben­falls nicht zur Kennt­nis zu neh­men, sie in­ner­lich weg­zu­ste­cken, was ein Wi­der­spruch ist, aber ein aus­halt­ba­rer.

Die Ges­ten, die schreck­li­chen Ges­ten, denen nichts folgt.

Nichts außer Tagen, Wo­chen und Jah­ren.

Und wie­der­um Ges­ten, leicht ab­ge­wan­delt und leicht zu er­ken­nen.

Hin­hal­te­ges­ten. Am Ende, an ir­gend­ei­nem von ir­gend­et­was, nach dem es wei­ter­geht, als sei nichts ge­we­sen, die Emp­fin­dung des Le­bens­bo­gens, der sich zu nei­gen be­ginnt.

Kann man einen Men­schen so di­ri­gie­ren? Kann man ihn so zu Tode di­ri­gie­ren? Der Arg­wohn, flüch­tig und wie­der­keh­rend, ein streu­nen­der Hund, du kennst ihn wohl, du scheuchst ihn weg, mit Stein­wür­fen, wenn es sein muss. Wäre er zu­zu­las­sen? Eine be­rech­tig­te Hy­po­the­se? Etwas, womit du dich ernst­haft be­schäf­ti­gen soll­test? Die Phi­lo­so­phie kennt das Aus­ge­schlos­se­ne, sie hef­tet tod­erns­te Ma­gnet­bli­cke dar­auf und kommt davon nicht los. Warum soll es dir an­ders gehen? Warum soll­test du al­lein nicht zu­las­sen, wo alle Welt im Bilde ist? Mach dir nichts vor.

Ja, man kann. Tron­ka kann, Mi­ri­am kann. Sie ist bei Tron­ka in eine gute Schu­le ge­gan­gen, sie ist Tron­ka noch ein­mal, von innen, mit frau­li­chen Mit­teln. Woher sie weiß...? Aber du selbst hast ihr doch alles er­zählt. Wann mag das ge­we­sen sein? In den guten Stun­den, die ihr zu­sam­men hat­tet, die ihr immer wie­der hat­tet, bis zum Schluss, er­staun­lich genug. Diese Stun­den waren dein Feind, sie leg­ten dich bloß, ohne dass du den Prüf­blick be­merk­test, der über dich weg­g­litt.

Warum?

Weil du sie nötig hat­test. Aus kei­nem an­de­ren Grund. Sieh das ein.

Mach dir nichts vor.

Auch Mi­ri­am hat dich an­ge­nom­men und zu­rück­ge­wie­sen in einem. Auch sie hat dich be­zah­len las­sen, we­ni­ger mit dei­ner Per­son als mit dei­nem Leben, eine ge­frä­ßi­ge Lieb­ha­be­rin der Zeit, die du nicht hat­test.

Du bist zwi­schen die Ba­cken einer Zange ge­ra­ten. Druck und Ge­gen­druck, Hiero. Den Druck einer Seite hät­test du er­tra­gen kön­nen, du hät­test ihn spie­lend er­wi­dert, wäre die an­de­re Seite nicht un­ver­züg­lich eben­falls tätig ge­wor­den.

›Un­ver­züg­lich‹ ist viel­leicht nicht das rich­ti­ge Wort. Was wie Os­mo­se aus­sieht, ist es wohl auch. Manch­mal schläft das Sys­tem, das kommt vor, nur ein paar Tage, bevor auch sie die Hunde kos­hetzt. Ge­wöhn­lich klappt das Sys­tem aus­ge­zeich­net.

Bist du wahn­sin­nig? Wel­ches Sys­tem? Die bei­den haben doch nicht die Köpfe zu­sam­men­ge­steckt, um dich fer­tig­zu­ma­chen. Nein, so geht das nicht. Wirk­lich nicht. Sie haben sich nichts zu sagen ge­habt. Wohl­ge­merkt: auf deine Kos­ten. So sah das aus. Sie haben ein­an­der kühl ta­xiert, als sie zu­sam­men­ka­men. Eine Spur zu kühl viel­leicht. So etwas kann tau­send Ur­sa­chen haben. Kein Mensch wit­tert da etwas. Wann war das? Wie oft? Mi­ri­am holt dich nach der Vor­le­sung ab. Das muss früh sein, sehr früh. Du re­dest mit Tron­ka, sie steht dabei, steht herum. Mehr gibt die Szene nicht her. Wech­sel. Tron­ka in dei­ner Woh­nung, in eurer Woh­nung, Über­gangs­pha­se. Von wo nach wo? Diese Woh­nung war nicht für sol­chen Be­such ge­dacht, das konn­te nicht klap­pen. Es klapp­te auch nicht, mehr eine Arzt­vi­si­te, die Ge­sprä­che ruhen, bis der Herr wie­der geht. Er fühlt den Puls und macht Kon­ver­sa­ti­on. Mi­ri­am, wo steckt Mi­ri­am? Sie ist da, sie ist nicht da, sie sitzt in der Ecke, klappt ihre Augen auf und zu, steht auf, geht in die Küche, kehrt wie­der, sagt etwas. Schleift einen Fremd­kör­per ins Ge­spräch und lässt ihn da lie­gen. Einen Fremd­kör­per... Ist das wich­tig? Er­in­ne­re dich. Nein, es ist nicht wich­tig. Warum das Ge­dächt­nis stra­pa­zie­ren, wenn es nichts her­gibt. Ver­giss es. Mi­ri­am gibt nichts von sich her. Sieh das ein. Sie spielt Post­amt und Brief­trä­ger, all in one. Na­tür­lich stört es dich, hat es dich da­mals ge­stört, ge­fuchst hat es dich, das ver­steht sich. Mi­ri­am Pol­ter­geist, so etwas gab es. Und nicht zu knapp.

Da­nach muss wie­der Bier flie­ßen.

Sie mögen sich nicht, das ist die nüch­ter­ne Wahr­heit. Will der eine dich ganz, so will die an­de­re dich nicht min­der. Wol­len sie dich? Wofür? Denk nach. Wenn du an Tron­ka hängst, wenn du dich an ihn ge­hängt hast, dann hast du ein Ziel. Die­ses Ziel heißt: Ich will über ihn hin­aus­kom­men. Dein Ich be­ginnt, wo Tron­ka endet. Na­tür­lich er­hebt sich die Frage, wo Tron­ka endet, vor­der­hand denkt er nicht daran, wäh­rend du an der Auf­ga­be, die er dir ge­stellt hat, ver­hun­gerst. Ngaz­zo.

Die Auf­ga­be ist das eine. Das an­de­re: Du ver­hun­gerst auch ohne sie. Viel­leicht sogar eher, auf di­rek­te­rem Weg. Mi­ri­am hat es dir ge­zeigt. Nicht sie al­lein, es wäre un­ge­recht, es so zu sehen. Sie ist keine Teu­fe­lin. Ganz und gar nicht. Den Flie­ger je­den­falls hat sie da­mals nicht ge­nom­men. Die Geste hat sie bis ans Ende ge­pflegt, das musst du ihr las­sen. Das war der Stoff, den sie dir zu­führ­te. Du hast ihn ge­wollt und du hast dafür be­zahlt. Basta.

Heide kennt sol­che Ges­ten nicht. Sie würde flie­gen: heute, immer. Sie ist ge­flo­gen, da­mals, nach­dem sie dich in Stel­lung ge­bracht hat, ein Mur­mel­tier, Männ­chen ma­chend, die Nase im Wind, schnup­pernd, den Bra­ten rie­chend und be­reit, ihn zu ver­til­gen. Ei­gent­lich bist du ihr des­halb ins Netz ge­gan­gen, weil sie mit je­mand an­de­rem ge­flo­gen ist, als du sie nötig zu haben glaub­test. Die­ser Je­mand, naja.

Du schläfst jetzt bei­na­he ein, Hiero, das sind so Krü­mel auf dem Grund des Be­wusst­seins, du soll­test sie lie­gen las­sen.

Panik
12
Hiero: Figur 1
Aus der Traum

Er schläft. Auf dem Grun­de der Wanne liegt er ge­krümmt, nicht wie ein Wurm, son­dern wie einer, der sich ver­ge­bens sich selbst an­zu­schmie­gen ver­sucht – ein zweck­lo­ser Ver­such, aber wer will schon über ›ver­ge­bens‹ und ›nicht ver­ge­bens‹ rech­ten und wer wüss­te nicht genau, dass ›un­mög­lich‹ nur der letz­te Ver­such heißt, etwas mög­lich zu ma­chen, seine Mög­lich­keit zu­min­dest zu den­ken?

Un­mög­lich ist es nicht, Mög­lich­keit und Un­mög­lich­keit so zu­sam­men zu span­nen, dass sie die Karre eine Stre­cke weit aus dem Dreck zie­hen. Er hat es oft genug pro­biert. Selbst wie es jetzt in ihm wei­ter­denkt, ob­wohl der Au­ßen­kon­takt unter die Fünf-Pro­zent-Gren­ze ge­fal­len ist, stammt aus die­sem Fun­dus. Er er­kennt es wie­der wie eine alte Be­kannt­schaft.

Gren­zen wer­den ge­zo­gen, damit man sie über­schrei­tet. Aber das be­deu­tet Krieg, je­den­falls wenn es nicht un­be­merkt bleibt.

Wann, Hiero, hat dein Krieg be­gon­nen?

In die­ser Land­schaft ist alles in Be­we­gung. Räume tun sich auf wie nichts und ver­sin­ken eben­so an­ge­sichts einer ein­fa­chen Wen­dung. Ge­ra­de noch hielt ihn Heide um­klam­mert, nun zieht sie sich aus ihm her­aus, ein lan­ger schma­ler Strich, der ab­hebt. Diese Leere wird sich mit Blut fül­len.

Woher der Satz? Ein Satz der Ebe­nen, die er durch­zieht, eine lange, be­klom­me­ne Pil­ger­schaft wird es sein, ein Buß­gang für nichts, für fast nichts, ein Etwas, an das er sich nicht zu er­in­nern ver­mag, was mag es sein? Ah, da hop­pelt es quer­feld­ein, äugt und rennt wei­ter.

Für den Fall, dass man mich ans Kreuz schlägt, habe ich einen Wunsch: Ich möch­te ab­seits be­gra­ben wer­den. Aber das hat keine Eile.

Wer, bit­te­schön, soll­te mich denn ans Kreuz schla­gen? Das wäre ja ab­surd. Wer soll­te so etwas tun? Auf wes­sen Wunsch hin?

Will­fäh­ri­ge gibt es genug, das ist wahr.

Panik
13
Hiero: Figur 1
Schat­ten­wie­se

Er weiß es wirk­lich nicht. Mag sein, es ist über ihn ver­fügt, aber er weiß es nicht. Er könn­te es wis­sen. Aber dafür müss­te er aus dem Schat­ten her­aus­tre­ten, Schat­ten, wo sein Herz im Kreis trabt, wäh­rend er da­hin­zieht in müh­sa­mer Pil­ger­schaft, Schritt für Schritt, einen Schritt vor den an­de­ren. Einen Fuß vor den an­de­ren. Bleibt der Schuh ein­mal ste­cken, muss man ihn wie­der her­aus­zie­hen. Das ist müh­sam und es ge­lingt. Nicht immer sau­ber, aber es ge­lingt. Man könn­te Re­geln auf­stel­len. Viele Re­geln, Re­ga­le voll Re­geln. Nach­re­geln.

Das Buch, das er schrei­ben muss, es steckt doch in ihm, er könn­te es Satz für Satz...

Ja was denn? Lesen? Auf­schrei­ben? Heide er­zäh­len? Vor­tra­gen?

Es steckt in ihm, aber es kommt nicht her­aus.

Das ist scha­de. Was soll man ma­chen.

Kai­ser­schnitt, hätte Vater ge­ra­ten, der seit den Tagen der Ge­sta­po ein Fai­ble fürs Kör­per­li­che besaß.

Ein Buch ist kein Kind.

Ein Buch ist we­ni­ger als ein Kind, un­end­lich we­ni­ger, das muss doch ein­mal ge­sagt wer­den.

Ein Buch ist mehr als ein Kind, un­fass­bar mehr. Auch das muss ein­mal ge­sagt wer­den.

Die Qual, es aus­zu­tra­gen, ist un­end­lich, un­auf­hör­lich, un­be­greif­lich.

An einem Kind ist alles be­greif­lich. Es hat zwei Augen, zwei Arme, zwei Beine und nach neun Mo­na­ten lan­det es, so oder so, auf dem Schoß der Mut­ter.

Die klei­ne Mi­ri­am zum Bei­spiel, die ihm ent­gan­gen ist: Er kann sie sehen, darin liegt keine Schwie­rig­keit. Ob­wohl es kaum mehr als eine Be­we­gung ist, was ihn da an­blin­zelt.

Das Buch hält sich der­weil ab­seits, viel­leicht schmollt es, viel­leicht ist es ihm nicht recht, auf so ein­fa­che Weise aus­ge­punk­tet zu wer­den. Es be­dient sich der Nacht­zei­ten. Tags­über am Schreib­tisch, wenn alles leicht wäre und an sei­nem Platz, ent­zieht es sich be­harr­lich und lässt ihn Schein­sät­ze aufs Pa­pier wer­fen. Ei­gent­lich hat es sich los­ge­macht. Ja si­cher: Es hat sich los­ge­macht.

Nach­dem es lange kein Ge­sicht fin­den konn­te, ist es zum Sche­men ge­wor­den.

Ein Buch will vor der Ge­burt ge­hät­schelt wer­den und eine Na­bel­schnur be­sitzt es auch. Das lange Sau­gen hat ihn ge­schwächt, ei­gent­lich er­staun­lich.

Lange Zeit dach­te er, er hätte Kräf­te im Über­schuss.

Damit war es wohl nichts. Er hat ein Buch schrei­ben wol­len, er kann daran nichts Schlech­tes er­ken­nen. Er hätte es neben die an­de­ren ge­legt und ge­dacht: Das ist meins.

Damit sich der Fahr­stuhl wei­ter­be­wegt. Die­ser Fahr­stuhl. Die Py­ra­mi­de ver­fügt über zwei. Tron­ka be­nutzt nur den einen.

Das ist doch zwang­haft. Vie­les an Tron­ka ist zwang­haft. Er hat es immer ge­se­hen, er hat auch nicht weg­ge­se­hen, als es un­an­ge­nehm wurde. Tron­ka hat diese Seite, man sieht sie und zuckt mit den Ach­seln. Es macht kei­nen Un­ter­schied. Das Genie wirft einen Schat­ten, na und? Wenn man es dafür zu sehen be­kommt, geht der Preis in Ord­nung. Her­ein­spa­ziert. Und wie­der hin­aus. Her­ein. Hin­aus. Her­ein. Hin­aus. Es macht kei­nen Un­ter­schied.

Es macht einen Un­ter­schied, zu wis­sen, ob so ein Buch kommt oder nicht. Aber auf den All­tag ge­rech­net bleibt er ver­blüf­fend ge­ring.

Mi­ri­am hat den Glau­ben ir­gend­wann auf­ge­ge­ben. Heide steht dicht davor, viel­leicht ist sie auch schon wei­ter. Mag sein, sie hat nie ans Buch ge­glaubt, das würde vie­les er­klä­ren. Es hat keine Be­deu­tung für sie, so oder so.

Un­nach­sich­tig ist sie nur Tron­ka ge­gen­über.

Sie hat ihn ein­mal ge­se­hen. Nicht zwei, nicht zwan­zig­mal. Ein­mal.

Da­nach hat sie ihn einen ge­stör­ten Men­schen ge­nannt, nicht schrill, prak­tisch ohne Nach­druck, als sei das nun wirk­lich das erste, was einem ins Auge sticht.

Ein ge­wöhn­li­cher Mensch wie sie, wie konn­te sie so etwas sagen?

Das macht doch kei­nen Sinn.

Er hat sich in Rage ge­re­det, pro Tron­ka, der ihn in die­sem Au­gen­blick, viel­leicht zum ers­ten Mal, völ­lig gleich­gül­tig ließ. Gegen ihr Schwei­gen, ihre spie­geln­den Augen, Hoch­mut­s­au­gen. Hoch­mut gegen Hoch­mut.

Gleich­viel.

Sie be­sitzt kein Recht auf diese Rede. Sie hat es sich ge­nom­men, folg­lich muss­te es ir­gend­wo her­um­lie­gen.

›Vor­sicht, ge­fähr­lich!‹ würde er gern aus­ru­fen, es ihr wie­der ab­neh­men und be­hut­sam in die le­der­ne Scha­tul­le zu­rück­bet­ten, aus der es stammt.

Aber daran ist nicht zu den­ken. Die­ser Hoch­mut lässt sich nicht bre­chen. Heide ist viele. Heide ist ver­stän­digt, mit wem auch immer. Ges­tern mit ihm, heute mit ir­gend­wem.

Eine wie die läuft sich nicht die Ha­cken ab. So eine streift an den Leu­ten vor­bei, etwas fällt immer ab, das ge­nügt ihr. Auch ihn hat sie ge­streift: eine reife Frucht, die in ihrer Hand blieb.

Panik
14
Hiero: Figur 1
Sol­dat des Füh­rers

Zum drit­ten Mal sind die Lach­sal­ven ver­raucht, zum drit­ten Mal meh­ren sich die fra­gen­den Bli­cke in Rich­tung Pw: Schafft er es, dem Spuk ein Ende zu set­zen, der da so un­ver­mit­telt über sie her­ein­ge­bro­chen ist? So­lan­ge Luxor am Tisch sitzt, kommt Tron­ka nicht in Gang. Das liegt auf der Hand. So­lan­ge Tron­ka in die­ser un­be­deu­ten­den Halb­star­re ver­harrt, die man sonst nur von ihm kennt, wenn er in Kä­richs Bann­kreis gerät, ist der Abend ein Flop. Auch soll­te nie­mand die Ge­fahr un­ter­schät­zen, die davon für die Zu­kunft aus­geht. Jedes Sa­kri­leg ge­fähr­det die In­sti­tu­ti­on, in der es sich er­eig­net. Es muss un­ter­bun­den wer­den, wenn die In­sti­tu­ti­on un­be­schä­digt über­le­ben soll. Es geht also ums Über­le­ben, zwar nicht des Ein­zel­nen, aber der Grup­pe. So etwas ist immer eine erns­te Sache. Und so kommt Pw, was er im häus­li­chen Ge­spräch oder in einer Klau­sur ohne wei­te­re Über­le­gung als ›ret­ten­de Idee‹ be­zeich­nen würde.

Das Wort ›Idee‹ be­sitzt unter Phi­lo­so­phen einen be­son­de­ren Klang. In der Regel dient es als eine Art Prüf­stein, mit­tels des­sen sich ent­schei­den lässt, ob man einem har­ten Sen­sua­lis­ten oder einem wie auch immer ver­kapp­ten Idea­lis­ten ge­gen­über­sitzt. Dia­lo­ge nach dem Mus­ter ›Haben Sie eine Idee?‹ – ›Nicht im min­des­ten!‹ ver­bie­ten sich in einer so viel­schich­tig an­ge­rei­cher­ten At­mo­sphä­re von selbst. Die ›Wie­der­ge­win­nung des ur­sprüng­li­chen Sinns‹ der Pla­to­ni­schen Ide­en­leh­re ge­hört zum Stan­dard­re­per­toire, mit dem Le­cke­busch seine Vor­le­sun­gen be­strei­tet. Tron­ka hat sich lange be­deckt ge­hal­ten, seine He­gel-Kri­tik ist schließ­lich le­gen­där. Aber alle an die­sem Tisch wis­sen, dass er in sei­nem letz­ten Buch eine dis­kre­te Be­griffs­re­vi­si­on vor­ge­nom­men hat, die eher auf eine Neu­ge­win­nung denn auf eine Wie­der­ge­win­nung hin­aus­läuft. Die Tron­ka­sche Idee hat mit der Pla­to­ni­schen oder He­gel­schen wenig mehr ge­mein als den Namen, es sei denn ein ganz vage um­ris­se­nes Auf­ga­ben­feld: die Selbst­steue­rung der Er­kennt­nis in den ge­fähr­li­chen Fahr­was­sern der Em­pi­rie, in denen man leicht auf Grund lau­fen kann, wenn die Na­vi­ga­ti­ons­sys­te­me nicht in­takt sind oder, lei­der, lei­der, un­zu­rei­chend be­dient wer­den.

Tron­ka ist wei­ter­ge­kom­men. An­ders als Hiero lei­det er nicht an über­lan­gen Be­denk­zei­ten. Sein Den­ken glei­tet ge­schmei­dig über die Schürf- und Scha­be­kan­ten hin­weg, an denen seine Kol­le­gen sich bei dem Ver­such, vor­bei zu kom­men, die Hände und manch­mal auch die Kla­mot­ten auf­rei­ßen, so dass sie Ein­sich­ten bie­ten, an denen ihnen nichts ge­le­gen ist, falls sie es über­haupt re­gis­trie­ren. Wie das Den­ken, so der Fluss sei­ner Worte, der sich von Zeile zu Zeile, von Seite zu Seite, von Ka­pi­tel zu Ka­pi­tel er­gießt – eine grau­schwar­ze, über­aus rinn­fä­hi­ge, ein Ge­wim­mel mi­kro­lo­gi­scher Struk­tu­ren aus­fä­chern­de Masse. Tron­kas Bü­cher sind schwie­rig. Sie sind schwer zu lesen und noch schwe­rer zu ver­ste­hen. Vor allem aber sind sie dick, wenn man von der vor­ge­schrie­be­nen Sei­ten­zahl der Dis­ser­ta­ti­on ein­mal ab­sieht. So nimmt es nicht wun­der, dass sich aus der Runde bis­her kei­ner dazu ent­schlie­ßen konn­te, das neue Opus zu lesen, ob­wohl es in ihren Re­ga­len auf dem Eh­ren­platz steht, als Num­ber One, so­zu­sa­gen. Aus­ge­nom­men na­tür­lich Hiero, aber das macht kei­nen Ein­druck mehr, nach­dem er zum Ad­la­tus auf­ge­rückt ist und sein Tä­tig­keits­feld ihn dazu ver­pflich­tet. Seit er an der Seite des Herrn schrei­tet, haben sich die Fron­ten ver­scho­ben. Man könn­te mei­nen, durch den Sei­ten­wech­sel habe Hiero jeden An­spruch auf Loya­li­tät ver­wirkt. Auf seine brei­te Brust zie­len die Na­del­sti­che, die man sich dem Pro­fes­sor ge­gen­über aus na­he­lie­gen­den Grün­den ver­sagt, und es kom­men Fälle, da kommt er aus dem Zwei­fel nicht her­aus, ob er sich als Adres­sat oder als Mitt­ler be­grei­fen soll.

  • ―Wie meinst du das? geht er Pw des öf­te­ren an, der nur viel­sa­gend mit den Schul­tern zuckt. Statt den Qua­der zu lesen – auch Aus­drü­cke wie ›Zie­gel­stein‹ oder ›Bri­kett‹ sind zu hören –, er­fin­den sie Ar­gu­men­te um die Wette, die dar­auf zie­len, das Schrei­ben als sol­ches zu dis­kre­di­tie­ren, zu­min­dest das Ab­fas­sen sys­te­ma­ti­scher Wäl­zer, das alles in allem doch von ges­tern sei.
  • ―Sag mal, wer soll das ei­gent­lich lesen? Pw ruckt mit der Schul­ter – eine Be­we­gung, die eben­so Ver­le­gen­heit an­deu­tet wie Un­ge­duld.
  • ―Tu’s doch, sagt Hiero, er lässt die Stim­me tro­cken klin­gen, wie eins die­ser Plopps, mit denen Pw bei jeder Ge­le­gen­heit auf­war­tet.

Ob das auch so an­kommt? Es lässt ihn in­zwi­schen kalt, ge­nau­so wie der Um­stand, dass kei­ner von ihnen bis heute die Py­ra­mi­de be­tre­ten hat, die sich ihrer Neu­gier in glä­ser­ner Of­fen­heit prä­sen­tiert.

Heute aus Eikes oder Pws Mund zu hören, alles in allem sei die Phi­lo­so­phie doch nur ab­sei­ti­ges Ge­län­de, ist läp­pisch. Jah­re­lang haben sie an­hand sol­cher Be­mer­kun­gen aus­sor­tiert, wer nicht in Be­tracht kam. Das Wort Neid, hübsch groß ge­schrie­ben, er­klärt man­ches, aber es recht­fer­tigt nichts. In dem Bro­deln und Knis­tern sor­tiert sich etwas. Hiero weiß nicht was, er kann es sich den­ken, er hütet sich, dar­über zu reden. In die­sen un­er­war­tet über dem phi­lo­so­phi­schen Nacht­him­mel auf­flam­men­den Fra­ge­zei­chen be­rei­ten sich Le­bens­ent­schei­dun­gen vor.

They never come back. Der Satz macht das Zö­gern trans­pa­rent. Kä­rich hat ihn eines Abends in die Runde ge­wor­fen: Es ist nun ein­mal so, dass die Stel­len­fra­ge allen an­de­ren vor­geht. Das Plätz­chen, das Hiero er­gat­tert hat, ist nicht at­trak­tiv, es be­deu­tet nichts, aber es wahrt die Op­ti­on. Wer leer aus­ging, weiß be­reits, dass er nicht in Be­tracht kommt. Der Kelch schwankt noch im Raum, die Aus­tei­lung ist nicht be­en­det, am Ende der Schlan­ge gibt es Ge­drän­gel. Man­che, die vorn leer aus­gin­gen, haben sich wie­der an­ge­stellt. Aber er schweb­te vor­bei. Damit müs­sen sie nun ›zu­recht­kom­men‹. Gleich Witwe Bol­tes Fe­der­vieh zer­ren sie den Be­fund, an dem sie sich alle ver­schluckt haben, in die Kreuz und in die Quer, so lange, bis... Nein, so weit will Hiero de­fi­ni­tiv nicht den­ken. Dafür den­ken an­de­re. Es rat­tert ge­ra­de­zu hin­ter ihren Stir­nen, weiß Gott, wel­ches Gerät da zum Ein­satz kommt.

Da ist sie, die ret­ten­de Idee.

Ein Wort, das bis­lang in ihrer Runde nicht vor­kam, un­ge­ach­tet des Um­stands, dass sie alle Ge­schich­te stu­diert haben, zur Lin­ken, wie es die un­ge­brems­te Stoff­hu­be­rei ver­dient, Pw schüt­telt den Be­cher und da rollt es her­vor, ein Ge­schöpf des Zu­falls:

Sta­lin­grad.

Er hat den Pli­vier ge­le­sen, selbst Hiero kann da nicht mit­hal­ten.

Mit wach­sen­der Ver­stim­mung hat Tron­ka auf das Stich­wort des Abends ge­war­tet. Nun, da es ge­fal­len ist, nimmt er die Her­aus­for­de­rung nur zö­gernd an. Schließ­lich han­delt es sich hier um kein phi­lo­so­phi­sches Thema, nichts, über das sich ex of­fi­cio spre­chen ließe. Dazu neigt er neu­er­dings, auch wenn die alte Of­fen­heit vor­geht.

  • ―Tja, Herr Wich­te­rich, lässt sich seine Stim­me ver­neh­men, harte Sache das. Da drau­ßen wären Sie mit Ihrem ver­zär­tel­ten Gemüt nicht durch­ge­drun­gen.

Iro­nie ist nicht ge­ra­de das Feld, auf dem er bril­liert. Aber er liebt ihre Posen.

Pw über­geht den Ein­stieg glatt. Der Fisch hängt an der Angel, er lüpft den Köder, leicht, ohne Nach­druck.

  • ―Jetzt mal den äs­the­ti­schen Quatsch bei­sei­te­ge­las­sen: wen das nicht be­rührt, der ist in mei­nen Augen ein Krüp­pel. Was ich al­ler­dings nicht ver­ste­he: Worum geht es die­sem P-P-Pau­lus ei­gent­lich wirk­lich? Das Ge­quä­ke aus der Lei­tung von wegen Füh­rer­be­fehl kann ihn doch kalt las­sen. Der Füh­rer ist weit weg, eine Stim­me aus dem Jen­seits, ein Phan­tom. Hier stirbt die Armee und er muss etwas tun. Aber er tut nichts, bis zum Schluss, je­den­falls ist das der Ein­druck, den der Pli­vier ver­mit­telt, ich weiß nicht, ob das his­to­risch stand­hält.

  • ―Das dürf­te es wohl.

Tron­ka spricht jetzt doch ex of­fi­cio, wenn­gleich nur ein biss­chen.

  • ―Aber den­ken Sie doch ein­mal nach. Den­ken Sie, wer die­ser Pau­lus ist. Der Re­ne­gat kann nichts tun. Das ist die Crux. Er kann nichts tun, ob­wohl die Lage es zwin­gend ver­langt.
  • ―Das ver­ste­he ich nicht. Er kann doch auf­ge­ben. Die mi­li­tä­ri­sche Lage ist ent­schie­den. Die Leute kre­pie­ren wie die Flie­gen. Er muss auf­ge­ben, was denn sonst?

Pw macht das gut. Er sitzt sehr auf­recht, die Hände ge­ra­de vor sich auf dem Tisch, das Bier­glas da­zwi­schen, aber ein wenig weg­ge­scho­ben, nicht griff­be­reit, dem ethi­schen Ernst der Fra­ge­stel­lung an­ge­mes­sen.

  • ―Das sagen Sie. Für einen Sol­da­ten des Füh­rers sieht das ein wenig an­ders aus. Die ei­ge­nen Leute hät­ten ihn um­stands­los ge­kocht und ent­sorgt, wenn er sich an­ders ver­hal­ten hätte. Aber darum geht es gar nicht. Das ge­schieht alles hier drin. Sau­lus zu Pau­lus. Die Armee ist schließ­lich das In­stru­ment des Füh­rers. Den­ken Sie ein­mal nach: Was haben diese Buben aus dem Sau­er­land oder aus Güs­trow vor Mos­kau, vor Sta­lin­grad, vor Le­nin­grad über­haupt zu su­chen? Neh­men Sie den Nar­ren im Füh­rer­haupt­quar­tier her­aus und das fällt alles in sich zu­sam­men. In den rus­si­schen Dreck. Aus, fer­tig.

Pw zieht den Haken an.

  • ―Wie hät­ten Sie ei­gent­lich ent­schie­den? Ich meine, als Be­fehls­ha­ber einer ge­schla­ge­nen Armee... Hät­ten Sie sich auf dem Sofa aus­ge­streckt und den Tod Bu­le­mann spie­len las­sen?
  • ―Als Sol­dat des Füh­rers? Ich? Ihre Phan­ta­sie spielt Ihnen da aber einen Streich. Alles, was recht ist. Ja, ich hätte ge­nau­so ge­han­delt. An Pau­lus’ Stel­le hätte ich ge­nau­so ge­han­delt. Ja.

Pw, etwas ver­blüfft, blickt streng.

  • ―Das ist doch nicht Ihr Ernst.
  • ―Doch. Das ist mein vol­ler Ernst.

Luxor, durch den klei­nen chir­ur­gi­schen Ein­griff aus dem Zen­trum der Auf­merk­sam­keit her­aus­ope­riert, sprach­los vor Ent­set­zen oder nur ver­dutzt, ein zi­vi­les Kriegs­op­fer, zahlt seine Zeche und geht. Er je­den­falls hätte nicht so ge­han­delt, aber da­nach fragt kei­ner. Das Ver­ges­sen­wer­den hat viele Fa­cet­ten.

Panik
15
Hiero: Figur 1
Denn wovon lebt der Mensch?

Hiero kann es nicht fas­sen.

Nein, Herr Tron­ka, das kön­nen Sie nicht mei­nen. Wir beide haben ein Ab­kom­men, da kön­nen Sie sich nicht ein­fach da­von­ma­chen. Was unser Ab­kom­men vor­sieht, das steht auf einem an­de­ren Blatt, das ge­hört gar nicht hier­her, aber was zu weit geht, das geht zu weit. Das hier geht zu weit. Sie gehen zu weit, Herr Tron­ka.

Ganz ernst, ganz ge­sam­melt, heuch­le­risch ge­sam­melt, es fehlt nur, dass er die Hände zu­sam­men­legt, treibt Pw den Haken fes­ter.

Leicht nur, wir wol­len uns den Spaß nicht durch Ent­schie­den­heit zur fal­schen Zeit ver­der­ben.

  • ―Ich hätte mir fast ge­dacht, dass Sie so ar­gu­men­tie­ren wür­den. Ich wollt’s nur hören. Aber er­klä­ren Sie mir mal, wie Sie den Bogen von die­ser Hal­tung zu Ihrer Mit­glied­schaft in der SPD schla­gen. Ich finde es fatal, um da kei­nen Zwei­fel auf­kom­men zu las­sen. Mit­ge­fan­gen, mit­ge­han­gen? Dann hät­ten Sie auch mit dem ein­fa­chen Sol­da­ten in Sta­lin­grad kre­pie­ren müs­sen. Aber nein, der frisch ge­ba­cke­ne Reichs­feld­mar­schall zieht in die Lu­xus­ge­fan­gen­schaft um. Mit Fah­rer.

Beim ›ein­fa­chen Sol­da­ten‹ geht eine Ver­wand­lung mit ihm vor. Die Lippe vi­briert leicht, die Mund­win­kel ver­en­gen sich, der Blick geht ge­ra­de­aus in die Ferne. Kein Zwei­fel, ur­al­tes Land­ser­leid kriecht durch seine kal­ten Adern.

Aber so leicht ist Tron­ka nicht aus­zu­he­beln.

  • ―Das Re­gime hat na­tür­lich einen ge­wis­sen Men­schen­ver­brauch. Das soll­ten Sie als De­zi­sio­nist doch wis­sen. Damit kann man sich na­tür­lich ethisch her­um­schla­gen. Auch im Füh­rer­bun­ker nimmt man diese Dinge ganz ganz ernst. Das ge­bie­tet schon das sol­da­ti­sche Kas­per­le­spiel. Sie glau­ben doch nicht, dass sich an den Ent­schei­dun­gen da­durch ein Jota än­dert? Also jetzt sind Sie aber naiv. Und was die Mit­glied­schaft in der SPD an­geht, das steht auf einem an­de­ren Blatt. Das steht auf einem ganz an­de­ren Blatt.
  • ―Wieso? mischt sich Eike ein – un­ge­fragt, fast schon un­ge­be­ten.
  • Das, mein Lie­ber, steht jetzt wirk­lich auf einem an­de­ren Blatt. Schau­en Sie mich nicht so un­gläu­big an, man be­kommt ja das Frie­sel­fie­ber davon. Kann ich was dafür, wenn Ihre ka­tho­li­sche Seele bei dem Ge­dan­ken ans Aus­wan­dern denkt? Hier geht es um Po­li­tik für die Leute.
  • ―Die Leute sind doch die­sel­ben.
  • ―Sie mögen die­sel­ben sein, ja manch­mal, ei­gent­lich immer, da haben Sie sogar recht. Aber das be­deu­tet gar nichts.
  • ―Gar nichts –?
  • ―Über­haupt nichts. Schla­gen Sie die Me­ta­phy­sik der Sit­ten auf und Sie wer­den fin­den: Die Ge­set­ze eines Lan­des müs­sen so be­schaf­fen sein – das schreibt Kant! –, dass sich mit ihnen auch ein Volk von Teu­feln re­gie­ren lässt.
  • ―Ja gut, die Ge­set­ze...
  • ... muss schließ­lich je­mand ma­chen. Dazu brau­chen Sie Mehr­hei­ten, mein Guter. Aber um auf Pau­lus zu­rück­zu­kom­men: Ich finde, Herr Wich­te­rich, Sie ma­chen sich die Dinge etwas zu ein­fach.
  • ―Ko­misch, der­sel­be Ge­dan­ke kam mir ge­ra­de bei Ihnen.

Das ist frech, sehr frech. Hiero, der ge­ra­de das­sel­be dach­te, zuckt zu­sam­men. Er be­schließt, die Dinge zu­recht­zu­rü­cken.

  • ―Ja, aber wenn Sie ein Volk von Teu­feln re­gie­ren wol­len, um die­sen etwas merk­wür­di­gen Aus­druck zu ge­brau­chen – der Kant hat das na­tür­lich an­ders ge­meint, das will ich gar nicht the­ma­ti­sie­ren, darum geht es jetzt nicht –, wenn Sie ein Volk von Teu­feln re­gie­ren wol­len, dann brau­chen Sie einen wei­sen Ge­setz­ge­ber, den wei­ses­ten ver­mut­lich, nicht einen mord­süch­ti­gen Der­wisch an der Spit­ze.
  • ―Gut ge­brüllt, Löwe! Wo soll der denn her­kom­men, wenn das Volk aus Teu­feln be­steht?

Es wurmt Hiero, dass Pw sich so dran­hängt, und er legt nach.

  • ―Ich finde ja...

Er macht eine Pause, sein Kopf, ge­senkt, hebt sich, der Blick fi­xiert den Ver­sa­gen­s­punkt mit­ten im Raum, alle sehen es.

  • ―Ich finde das mit den Teu­feln nicht kor­rekt. Ich meine, das ist schon rich­tig, dass es da steht, aber Kant denkt na­tür­lich nicht im Traum daran, sich so etwas rea­li­ter vor­zu­stel­len. Wie soll das denn über­haupt gehen? So etwas kann sich nur ein Schwät­zer aus­den­ken, ein Ger­ma­nist viel­leicht, An­we­sen­de aus­ge­nom­men. Staat ist Staat, da beißt die Maus kein’ Faden ab. Warum? Weil die Men­schen so sind, wie sie sind. Gäbe es nur die Guten, dann gäbe es kei­nen Staat, weil ihn nie­mand bräuch­te. Es gibt ihn aber. Sorry, Char­lie – of­fen­bar redet er jetzt auf das große Marx-Pla­kat ein, das immer noch Tag für Tag über dem Bü­cher­ba­sar vor der Mensa ent­rollt wird –, aber so ist das nun mal. Und des­we­gen – wahr­haf­tig, er droht Pw mit dem Fin­ger – braucht der Staat eine re­pu­bli­ka­ni­sche Ver­fas­sung. Sonst gäbe es näm­lich bald keine Men­schen mehr, son­dern nur noch Mons­ter... Was weiß ich.

Eine Öff­nung, groß wie ein Scheu­nen­tor, und Pw drängt nach.

  • Homo ho­mi­ni homo. Gut, dass du das sagst. Eins muss dir klar sein: das ist die Schmitt-Po­si­ti­on. Nein, du brauchst nicht ab­win­ken. Du weißt, was dar­aus folgt?

Hiero, einen Mo­ment in Ver­wir­rung, weiß es nicht. Eike springt ihm zur Seite.

  • ―Er meint, dafür brauchst du keine Re­pu­bli­ka­ner.
  • ―Mo­ment mal! Habe ich ge­sagt, dass ich Re­pu­bli­ka­ner brau­che? Ich brau­che keine Re­pu­bli­ka­ner. Das ist ja das Kan­ti­sche Ar­gu­ment. Wer Re­pu­bli­ka­ner braucht, der kann sich doch gleich ein­pö­keln las­sen. Es braucht eine Re­pu­blik, das ist etwas an­de­res.

Pw, un­nach­sich­tig:

  • ―Bist du da so si­cher? Und Wei­mar? Die Re­pu­blik ohne Re­pu­bli­ka­ner?

Hiero ist wie­der im Fahr­was­ser.

  • ―Ich habe doch nichts gegen Re­pu­bli­ka­ner. Das wäre ja ab­surd. Na­tür­lich muss es Re­pu­bli­ka­ner geben, sonst gibt es eben keine Re­pu­blik. Ich sage nur: ohne Re­pu­blik de­ge­ne­rie­ren die Men­schen zu Mons­tern. Das meint doch nicht, dass alle Men­schen zu Mons­tern de­ge­ne­rie­ren.
  • ―Was ist ei­gent­lich der Un­ter­schied zwi­schen Men­schen und Teu­feln? Jetzt mal ganz im Ernst: Wie stellst du dir das vor?
  • ―Naja, wenn ich dich so be­trach­te...

Un­ge­hö­rig ist das alles, zu­tiefst un­ge­hö­rig. Hiero denkt in Wahr­heit nicht so. Aber Pw, der die Si­tua­ti­on über­blickt, ge­nießt sie. Tron­ka, er­neut an den Rand des Ge­sprächs ge­drängt, muss lang­sam kom­men, und er kommt mit Verve.

  • ―Was Sie da eben zu Carl Schmitt sag­ten, Herr Wich­te­rich...
  • ―Sorry, wenn ich einen Kol­le­gen von Ihnen...

Das kam schnell, prak­tisch un­er­war­tet. Auch Tron­ka wan­delt jetzt im Fie­ber.

  • ―Darum gehts nicht. Kol­le­ge, sag­ten Sie? Habe ich rich­tig ge­hört? Sag­ten Sie wirk­lich Kol­le­ge? Das ist nicht Ihr Ernst, sagen Sie, dass das nicht Ihr Ernst ist. Ich weiß, was Sie sagen wol­len. Stren­gen Sie sich nicht an. Das ist un­ge­heu­er. Das ist Ihrer nicht wür­dig. Ich würde mir das vor jedem Forum ver­bit­ten. Ich sage nur: Be­rufs­ver­bot! Der Mann hatte Be­rufs­ver­bot. Nein, nicht fälsch­lich oder so, neein, zu Recht! Völ­lig zu Recht! Wenn man aus dem Sau­er­land kommt, ent­bin­det das einen nicht davon, die Re­geln der Ge­sit­tung zu stu­die­ren. Und be­her­zi­gen! Wir reden hier nicht über Ka­va­liers­de­lik­te, wir reden hier über Mord, über kalt­blü­tig ge­plan­ten und durch­ge­führ­ten Mas­sen­mord...

  • ―CS hat nie­man­den um­ge­bracht!

Eikes Stim­me, er­regt, atmet Em­pö­rung. Auch er ist ge­prägt wie alle – durch El­tern­haus und Lek­tü­re. Gäbe es einen eh­ren­wer­ten Kon­ser­va­ti­vis­mus im Lande, Eike wüss­te, wohin es ihn zöge. So wie die Dinge im Au­gen­blick lie­gen, zieht es ihn sach­te ins Res­sen­ti­ment.

In Mo­men­ten wie die­sem er­weist sich Tron­ka als Ge­schäfts­trä­ger sei­ner Ge­ne­ra­ti­on. Das ist se­hens­wert, weil er sie sonst ver­höhnt. Die Kin­der von Teddy und Max fin­den vor ihm keine Gnade. Aber das hier ist etwas an­de­res. Et in Ar­ca­dia ego. Auch ich bin unter den Was­ser­wer­fern der Po­li­zei zum Manne ge­reift, sogar mehr­fach. Wir sind viele. Wir wis­sen, wofür wir ste­hen. Gegen die Ver­gan­gen­heit. Für die Zu­kunft. Alles an­de­re wäre ungut.

Panik
16
Hiero: Figur 1
Un­gu­te Ge­füh­le

Ungut.

Das ist eins die­ser Worte, mit denen sich Dinge ohne viel Fe­der­le­sens ord­nen las­sen. Tron­ka und Hiero zie­hen da an einem Strang. Beide wis­sen, was ›ungut‹ ist: ein so­no­res Ge­fühl, das in der Bauch­ge­gend be­ginnt, man merkt, wie die in­di­vi­du­el­len Gren­zen ver­schwim­men. Doch es gibt Kon­kur­renz.

Pw setzt das Wort ge­zielt, aber an­ders, er punk­tet damit pri­vat, weil er weiß, dass die an­de­ren Läh­mungs­er­schei­nun­gen zei­gen, so­bald man es in den Mund nimmt. Wenn Pw ›ungut‹ sagt, be­schleicht die an­de­ren ein un­gu­tes Ge­fühl. Aber sie kom­men da­ge­gen nicht an. Ein­mal der Fehl­lo­ckung ge­folgt, es ist nie­mals gut­zu­ma­chen.

Oder doch? Eike, der Ka­tho­lik, ist nicht ge­neigt, die ge­brech­li­che Men­schen­na­tur an Lan­des- und Ge­schichts­gren­zen enden zu las­sen. Er emp­fin­det, warum auch immer, eine Men­schen-Loya­li­tät ge­gen­über denen, die un­ter­ge­gan­gen sind in der Flut, auch mo­ra­lisch. Die Un­ter­schei­dung zwi­schen läss­li­chen Sün­den und Tod­sün­den lässt ihn nicht los, Stun­den kann er dar­über ver­grü­beln, das Er­geb­nis bleibt mager, umso in­ten­si­ver fal­len die Emp­fin­dun­gen aus.

Tron­kas Auf­ge­räum­t­heit ist ihm im Her­zen zu­wi­der. Etwas an ihr ist teuf­lisch. Man ver­höhnt nicht, woher man kommt, selbst dann nicht, wenn sich gute Grün­de dafür auf­fah­ren las­sen. Diese ent­setz­li­che Mun­ter­keit ist eine der sie­ben Pla­gen, sei­net­we­gen die achte, wahr­schein­lich die schlimms­te von allen.

Aber eher würde er sich die Zunge ab­bei­ßen, als sol­che Hin­ter­ge­dan­ken laut wer­den zu las­sen.

Eike weiß viel. Unter denen, die hier her­um­sit­zen, ist er die Le­se­rat­te. Die Bü­cher wan­dern durch ihn hin­durch, vie­les An­ge­le­se­ne sam­melt sich in ab­ge­dun­kel­ten Ecken, an­de­res ver­schwin­det un­be­merkt von der La­ger­ver­wal­tung durch den Hin­ter­aus­gang des Ge­dächt­nis­ses. Ge­le­gent­lich wun­dert er sich, dass ein Tron­ka so wenig weiß. Na­tür­lich weiß er viel, selbst­ver­ständ­lich, ver­gli­chen mit den Stu­den­ten, alles, was er weiß, ist gleich­sam scharf­ge­stellt, vor allem, so­fern es in sein phi­lo­so­phi­sches Spek­trum fällt, scharf­kan­tig könn­te man es nen­nen. Das ist es. Wo bei Eike das scharf Um­ris­se­ne in die sanf­te Hü­gel­land­schaft des Man-müss­te-das-noch­mal-Nach­le­sens über­geht, reißt es bei Tron­ka ein­fach ab. An den Rän­dern be­ginnt die Show, so wie jetzt, wo das er­hitz­te Gemüt über die Gren­ze wa­bert:

  • ―Ah, sie ken­nen sich in die­sem Dreck aus – Gra­tu­lie­re!

Da­ge­gen lässt sich nichts vor­brin­gen, es sei denn, man will den Stot­te­rer geben und sich vor­füh­ren las­sen. Seit Jah­ren war­tet Eike auf den Mo­ment, in dem sein ver­schwie­ge­nes Wis­sen mit dem sub­ti­len Ur­teil des Leh­rers ver­schmilzt. Er hat keine Ah­nung, dass Tron­ka eben­so lange Drit­ten ge­gen­über seine kost­ba­re Be­le­sen­heit rühmt, als habe er ihm diese ver­ant­wor­tungs­vol­le Auf­ga­be über­tra­gen und ver­fü­ge über einen di­rek­ten Zu­griff auf die Re­sul­ta­te.

Auch Tron­ka ist ein Kol­lek­tiv­we­sen, zu dem ein hand­ver­le­se­nes Zu­falls­team sein Scherf­lein bei­steu­ert, ohne sich des­sen be­wusst zu sein. Was Hiero daran fuchst, ist we­ni­ger die Sache selbst als Tron­kas heuch­le­ri­sches Ge­ba­ren, das Eikes un­struk­tu­rier­tes, über­dies durch eine zwei­fel­haf­te Vor­lie­be für re­ak­tio­nä­re Au­to­ren be­su­del­tes Bü­cher­wis­sen wie man­ches an­de­re zu gou­tie­ren vor­gibt – mit einem pe­ne­trant gü­ti­gen Lä­cheln, das be­rührt, ohne zu be­rüh­ren.

Ja, das ist die For­mel. In der Spra­che des Idea­lis­mus könn­te man, was sich in Tron­kas Wort und Ge­ba­ren spie­gelt, ein Ge­schmacks­ur­teil ohne Ge­schmack nen­nen. Dumme Phra­se. Der Idea­lis­mus ist tot, es lebe der Idea­lis­mus. Der Aus­druck, wie so viele, ge­hört ins Re­per­toire der Selbst­durch­strei­chun­gen, aus denen der ewige Volks­ge­nos­se her­vor­blickt – zu­min­dest der ewig­gest­ri­ge, da wol­len wir nicht zim­per­lich sein. Eine Spra­che ist nicht zu haben ohne die Sache. Wenn die Sache nicht mehr zu haben ist, macht die Spra­che Bock­sprün­ge. ›Ewig­gest­rig‹, was ist das? In­stink­tiv scheut man vor dem Eti­kett zu­rück. Es ist der Na­zi-Stem­pel, in wel­chem Ges­tern soll­ten diese Alten schon leben? Ges­tern ist schlecht, Heute ist gut. An­de­rer­seits klebt etwas Selt­sa­mes daran, so als wür­den Nazis, die mit der Zeit ge­gan­gen sind, an­de­re be­zich­ti­gen, weil sie zu­rück­blie­ben.

Ein Dia­log unter Leu­ten, die ein­mal die neue Zeit woll­ten. Die in der ver­gan­gens­ten aller Wel­ten, als sie so alt waren wie er heute, mar­schier­ten, wie es in ihrem Liede hieß, bis alles in Scher­ben fiel.

Wer zum Teu­fel mögen da­mals die Ewig­gest­ri­gen ge­we­sen sein? Leute, die sich nicht von ihren zi­vi­len Ge­dan­ken ver­ab­schie­den konn­ten, denen es den Magen um­dreh­te, wenn rüde Mit­men­schen we­ni­ger rüde Mit­men­schen fer­tig­mach­ten? Men­schen, aus deren Köp­fen die Ver­schwun­de­nen nicht auf Knopf­druck ver­schwan­den, nach­dem man sie aus ihrem Blick­feld ent­fernt hatte? Die den Exo­dus der Li­te­ra­ten, der Phi­lo­so­phen, der Ge­lehr­ten von Rang nicht ver­kraf­te­ten? Die es in­ner­lich ab­lehn­ten, mo­bi­li­siert zu wer­den?

Ver­mut­lich.

Das also waren sie, die Ewig­gest­ri­gen im ewi­gen Ges­tern.

Un­wahr­schein­lich der Ge­dan­ke, Emi­gran­ten hät­ten sich da­mals ge­gen­sei­tig als ewig­gest­rig be­zeich­net. Ganz schön un­be­küm­mert, die Spra­che, ge­ra­de an die­ser Stel­le. Die Spra­che al­lein? Sie ganz al­lein? So nicht, meine Herr­schaf­ten.

Das macht Tron­ka so be­nei­dens­wert: er sagt alles di­rekt, gleich­gül­tig, ob er sich ge­ra­de mit Hegel oder mit Hus­serl be­fasst. Lei­der endet seine Di­rekt­heit an den Gren­zen des phi­lo­so­phi­schen Ar­gu­men­tie­rens. Oder... sagen wir: an den Gren­zen der davon nicht ab­lös­ba­ren Le­bens­läu­fe. Aber es gibt an­de­re, über die zu reden hin und wie­der gut täte.

Die Da­von­ge­kom­me­nen. Der Drang, wei­ter zu leben, muss un­ge­heu­er ge­we­sen sein in die­sen Men­schen. Ohne ein star­kes Motiv hat kei­ner das Mor­den über­lebt. Etwas war ihnen ver­spro­chen wor­den, von wel­cher Seite auch immer. Von wel­cher Seite auch immer. Da war sie: die zwei­te Chan­ce. Was wuss­ten die Be­sat­zer davon? Das schie­re Leben und das ge­ret­te­te, das ver­spro­che­ne, das ver­ra­te­ne und ›noch immer‹ ver­spro­che­ne – da­mals glit­ten sie in­ein­an­der.

Sie sind noch ein­mal auf­ge­bro­chen. Leben um Leben. Ver­schwun­den: die Dik­ta­tur, eine zu­min­dest, und die Lust am Un­ter­gang. Ge­blie­ben: das Dik­tat des Neuen. Das Un­aus­lösch­li­che heißt Sta­lin­grad. Ausch­witz, das waren die an­de­ren Toten, die, an denen ge­sün­digt wurde. Sta­lin­grad, das waren sie selbst, als Da­von­ge­kom­me­ne, mit dem ein­ge­ritz­ten Ver­spre­chen.

Hiero, un­ein­ge­denk der Ge­gen­wart, ächzt. Mech­tels Blick stiehlt sich zu ihm hin.

Nicht da­von­ge­kom­men: die Über­heb­lich­keit, der Grö­ßen­wahn, das Ver­bre­chen. Von ihnen hat man sich leich­ten Her­zens be­frei­en las­sen. Nicht da­von­ge­kom­men: die allzu vie­len Toten, die auf selt­sa­men schwim­men­den In­seln im Meer der Er­war­tun­gen par­ken, weil die Psy­che nicht weiß, wohin damit, ab­han­den Ge­kom­me­ne, die viel­leicht noch immer dort däm­mern. Die Toten däm­mern, Hiero, hast du das nicht ge­wusst? Woher soll­test du? Das alles liegt vor dei­ner Zeit. Nur: deine Zeit war auch ihre.

Was blieb? Ein Zu­cken um Mund­win­kel, wenn zu Hause die Rede auf die Toten der an­de­ren kam, der Da­ge­blie­be­nen und der Ver­jag­ten, wilde Sze­nen im Dschun­gel der Ge­sich­ter, die un­durch­dring­lich wur­den und Ge­fahr spuck­ten. Zwei­er­lei Zu­cken. Zwie­klang im Ein­klang. Die Ewig­gest­ri­gen sind viel­leicht ... Tote auf Ur­laub, aber an­ders, als der anno 1919 exe­ku­tier­te Leviné das noch mein­te. Das Hin­rich­tungs­kom­man­do steckt in ihnen. Es kommt nicht her­aus, aber be­merk­bar macht es sich schon.

Was heißt das über­haupt, in der Ge­gen­wart leben? Zu­se­hen, wie an­de­re mit der Beute da­von­zie­hen? Zu­se­hen –

Panik
17
Hiero: Figur 1
Ein Nichts und ein Über­gang

Das tut weh: aus­ge­rech­net Hans-Ha­jo, der un­be­greif­lich Ab­we­sen­de, hat die Lage ›ge­peilt‹ und stubst ihn an. Ein Zu­se­her, kein Durch­bli­cker. Jetzt lacht er ihm fra­gend-auf­mun­ternd ins Ge­sicht. Er weiß noch nicht, dass in ihm ein Glo­be­trot­ter steckt, kurz vor dem Aus­tritt ins Freie. Sie wis­sen es beide nicht. ›Was ich Sie schon immer fra­gen woll­te...: Wer sind Sie, mein Herr?‹ Aber schließ­lich sind sie per Du, da er­üb­rigt sich eine sol­che Frage. Der ein­zi­ge, dem sie gilt, ist Tron­ka, aller Augen ruhen auf ihm, dem Genie, dem die Ver­wand­lung zum Pro­fes­sor ge­lang, auch wenn seine Stel­le schlecht do­tiert ist, aus­rei­chend je­den­falls, um die Frage nach der Iden­ti­tät

  • ―I-den-ti-tät, das sind doch schon drei, hat er Pw ge­ant­wor­tet, als der ihn kürz­lich da­nach frug.
  • ―Vier, kam es prompt aus Pws Mund, zu Recht, ob­wohl er, Hiero, dar­auf be­stand, nicht die Zahl der Sil­ben ge­meint zu haben.
  • ―Ja was denn dann?
  • ―Das mit sich Iden­ti­sche.
  • ―Aha. Und was soll das sein?
  • ―Sage ich doch. Das mit-sich-Iden­ti­sche. Ich kann es auch drei­mal sagen, dann hast du es: die volle Re­la­ti­on.
  • ―Das ver­ste­he ich nicht.
  • ―Hab ich auch nicht er­war­tet. Wer ver­steht das schon. Das ist es doch. Du brauchst das Nich­ti­den­ti­sche, um etwas zu ver­ste­hen.
  • ―Rutsch mir doch den Bu­ckel run­ter.

Das­sel­be könn­te Hiero au­gen­blick­lich zu Tron­ka sagen, der ihn flüch­tig an den zu an­de­ren Zei­ten hier eben­falls Hof hal­ten­den Stein­schwa­fel er­in­nert. Etwas Un­er­träg­li­ches nis­tet sich ein.

›Schwa­fel‹, woher kommt so ein Wort? Ein Laut­ma­ler muss es er­fun­den haben, in einer ru­hi­gen Mi­nu­te, bei schon tro­cke­nem Pin­sel.

Schwa­felt Tron­ka?

Was für ein Ge­dan­ke. Un­säg­lich, ein Sa­kri­leg. Die An­we­sen­heit Lu­xors hat es mög­lich ge­macht.

An­de­rer­seits lässt es sich nicht von der Hand wei­sen – Pw hat Tron­ka einen Na­sen­ring ver­passt hat und führt ihn vor, so wie jetzt, fast nach Be­lie­ben. Aber eben nur fast. Wer ist schon Pw? Eine Null, eine Niete, zu kei­nem theo­re­ti­schen Ge­dan­ken fähig, je­den­falls, wenn man es recht be­denkt. Na­tür­lich sieht Tron­ka das. Er lässt ihn ge­wäh­ren. Das ist bit­ter genug. Nicht leicht zu ver­ste­hen. Er macht sich zum Nar­ren. Ist er des­halb ein Narr? Cave, Hier­o­ny­me. Wer wäre wohl der Narr, an­ge­nom­men, es platz­te jetzt aus dir her­aus?

Er hat sich vor­hin nicht ein­ge­schal­tet, auch jetzt wird er es blei­ben las­sen. Schön blei­ben las­sen. Dabei wäre so vie­les zu sagen. Über Mör­der und ihre Hand­lan­ger. Er hat ihre Me­tho­den stu­diert. Hun­dert­mal ist er vor den Ge­weh­ren der Son­der­kom­man­dos ge­stan­den, hun­dert­mal zu­sam­men­ge­bro­chen und den Ab­hang hin­un­ter­ge­rollt, hun­dert­mal hat er sich, Blut­ge­schmack im Mund, tot ge­stellt unter Toten. Auch er: ein Ewig­gest­ri­ger. Ge­wiss. Aber halt, er hat es aus dem be­glei­ten­den Heute, es hat ihn, so wie es die an­de­ren hat, zum Teu­fel mit der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on und den Fak­to­ren, die sie be­glei­ten. Schö­ne Be­glei­ter sind das. Man möch­te sie gern ein­mal unter die Lupe neh­men, aber da bre­chen sie weg.

Man sieht nicht ge­nau­er, wenn man die Lupe nimmt. Man sieht an­de­res un­ge­nau. Neben ihm, ein paar Wände wei­ter, stie­ren Ak­ti­vis­ten aus dem neue­ren Ges­tern ins Leere, bas­teln aus his­to­ri­schen Dy­na­mi­ken Pa­pier­schiff­chen und wer­fen sie in die Bäche. Ein­fäl­le aus dem Dreh­buch der Mid­life-cri­sis, ha­ne­bü­chen. Sie wer­den in Marx die Grün­de nicht fin­den. Sie wer­den sie auch in Freud nicht fin­den. Und Nietz­sche, ogot­to­gott. Da sind wir uns doch einig, meine Her­ren, wor­auf war­ten wir noch. Ein Tron­ka-Satz. Ja, wor­auf war­ten wir noch? Du hast dich doch nicht an Tron­ka ge­hängt, um jetzt ab... Ja was denn? Spuck’s aus, bevor du daran er­stickst.

In ge­wis­ser Weise hast du, als du dich mit Kä­rich prü­gel­test, Tron­kas Ur­sze­ne nach­ge­spielt. Was war da? Hin und wie­der hast du schon im Ge­dächt­nis ge­sto­chert, auch ge­mein­sam mit Pw, der die Ge­schich­te eben­falls kennt, aber ihr be­kommt sie nicht mehr zu­sam­men. Aus den uns dürf­tig be­kann­ten Zwei­gen der Kul­tur blickt über­all der ›Kul­tur­lo­se‹ und ›Pri­mi­ti­ve‹ durch. Auch Tron­kas An­fän­ge lie­gen in pri­mi­ti­vem Dun­kel. Schafft zwei, drei, viele Tron­kas... Einer wie Tron­ka kann die Bühne nicht an­ders be­tre­ten als mit einem Knall. Kein Duell, Herr Nietz­sche, nur ein Knall. Wir du­el­lie­ren uns nicht, Herr Nietz­sche. Duell wäre pri­vat.

Wie Tron­ka jetzt wu­selt, er­klärt, die Hände an­hebt und in­ein­an­der schiebt, die Stim­me se­ri­ös, das heißt ein wenig nach Reib­ei­sen klin­gen lässt, ge­lingt es ihm mü­he­los, in jedem von ihnen wie­der das ver­trau­te Ka­ta­kom­ben-Be­wusst­sein hoch­zu­kit­zeln. Pws Auge glit­zert, zwei Fin­ger der rech­ten Hand um­grei­fen spie­le­risch den Filz, auf dem das Bier­glas steht, sein Ober­kör­per ist leicht ge­dreht, Tron­ka zu­ge­wandt, den Kopf hält er leicht ge­senkt. Mech­tel spielt stil­les Was­ser, teil­nahms­voll nicht­teil­neh­mend, Hans-Ha­jo wirkt, als habe er einen wur­zel­lan­gen Ge­dan­ken ge­fasst und ziehe daran, bis er um­fällt. Eike sieht alles, hört alles, hält sich be­deckt. Nur An­tons An­blick ver­rät die Sehn­sucht nach Weite, viel­leicht schwingt er sich ge­ra­de auf eine Ka­wa­sa­ki und steu­ert vor­sich­tig, voll vi­brie­ren­der Un­ru­he, in Rich­tung Au­to­bahn. Ahnen sie, dass Tron­ka sich neu­er­dings lang­weilt? Dass ihn eine Ah­nung durch­schweift, er könne hier fehl am Platz sein? Es ist nicht seine neue Exis­tenz in der Py­ra­mi­de, die ihm diese Emp­fin­dung ein­gibt. Im In­ne­ren der Py­ra­mi­de tritt sie sogar ver­stärkt auf. Wenn er mit dem Ruf auf die Pro­fes­sur die viel­fäl­ti­gen Fa­cet­ten sei­ner Per­son zu einer zu­sam­men­füh­ren woll­te, so ist ihm das gründ­lich miss­lun­gen. Sie tre­ten nur stär­ker aus­ein­an­der und fan­gen an, sich ge­gen­sei­tig zu ver­däch­ti­gen.

Panik
18
Hiero: Figur 1
Gol­ga­tha

Ein Schat­ten davon fiel mir aufs Gemüt, als ich das Spiel sei­ner Hände be­trach­te­te, wäh­rend das Ge­spräch – was jetzt häu­fi­ger vor­kam – an ihm vor­bei­lief. Was immer man sich unter Den­ker­hän­den vor­stel­len mag, diese hier waren breit und flei­schig, von einer hek­ti­schen Far­big­keit, als prob­ten sie, ganz für sich, schon ein­mal künf­ti­ge Schlag­an­fäl­le. Er hatte sie nicht ver­steckt, sie lagen auf dem Tisch wie zwei durch eine un­sanf­te Be­we­gung ans Ta­ges­licht be­för­der­te Maul­wür­fe: Sie sehen nichts, sie hören nichts und sie wis­sen doch, dass es da ist und dass es sie sieht.

Tron­ka, das wuss­te ich längst, neig­te dazu, sich un­wohl zu füh­len. Nicht bloß unter Men­schen, aber dort ver­stärkt. Lange Zeit hatte der Pfau ihn, we­nigs­tens auf eine Stun­de oder zwei, von die­sem Fluch be­freit. Das scheint passé zu sein. So wie er der Runde vor­sitzt, weiß er be­reits, dass die Er­lö­sung im Flei­sche, an der ihm so viel liegt, un­wi­der­ruf­lich an ihm vor­bei­ge­hen wird oder schon vor­bei­ge­gan­gen ist, gleich­gül­tig, wel­che ›Kern­be­rei­che‹ sein Den­ken noch aus­zu­wei­sen ge­denkt. Es ist das Los des­sen, dem Wis­sen­schaft zum Beruf ge­wor­den ist. Die Phi­lo­so­phie wis­sen­schafts­för­mig zu ma­chen, sie wis­sen­schafts­för­mi­ger zu ma­chen, als er sie vor­ge­fun­den hat, be­trach­tet er als sein ei­gens­tes Auf­ga­ben­feld.

Nicht ohne per­sön­li­che Nei­gung, das ist wahr. In ihr zeigt das Ta­lent, das seit den An­fän­gen in ihm ge­schlum­mert hat, sein freund­li­ches Ge­sicht. Das Ar­bei­ten an den Sach­fra­gen liegt ihm, es geht ihm leicht von der Hand. Je­den­falls sagt das seine Er­fah­rung, so­weit er zu­rück­den­ken kann. Das Buch, an dem er ar­bei­tet – es ist jetzt nicht mehr das zwei­te nach der Dis­ser­ta­ti­on, es ist das drit­te Buch, aber eben­so sehr das eine, das sich fort­schreibt, seit er am Schreib­tisch sitzt –, führt ein Ei­gen­le­ben, an dem er nur in­di­rekt be­tei­ligt ist, als aus­füh­ren­des Organ.

Darin steckt ein Wi­der­spruch, den er sich nur manch­mal ver­ge­gen­wär­tigt. Die­ses Buch, zwei­fel­los ein Em­bryo, dem das ei­gent­li­che Leben erst be­vor­steht, lebt in ihm, ge­nau­er, in sei­nem Be­wusst­sein, das sich für diese Auf­ga­be her­gibt, Bro­cken für Bro­cken, sich dafür auch auf­gibt, denn ohne par­ti­el­le Be­wusst­lo­sig­keit ist diese Art von Kon­zen­tra­ti­on nicht zu er­rei­chen. An­de­rer­seits ist jedem Be­wusst­sein Be­wusst­lo­sig­keit in­hä­rent. Be­wusst­sein ten­diert zur Be­wusst­lo­sig­keit, nicht, weil es auf etwas ge­rich­tet ist, son­dern...

Aber viel­leicht ist ›ge­rich­tet‹ gar kein so schlech­ter Aus­druck. Schrei­bend be­fin­det es sich jen­seits des Welt­ge­richts, was immer die­ser un­voll­kom­me­ne Aus­druck be­deu­ten mag. Er ›würde das nie so aus­drü­cken‹: ein selt­sa­mes Ge­ständ­nis gegen sich selbst, da er es im glei­chen Mo­ment ja so aus­drückt. Aber was wiegt schon der Aus­druck an­ge­sichts eines Ge­dan­kens, der un­nach­drück­lich bleibt, der sich im Ent­ste­hen be­reits auf­löst, vom Ende her wie vom Be­ginn. Ein Ge­dan­ke, der nir­gend­wo auf­bricht, um nir­gend­wo an­zu­kom­men. Al­lein die be­glei­ten­de Vor­stel­lung, schrei­bend die Schwel­le zu über­schrei­ten, sie über­schrit­ten zu haben und damit ge­ra­de jetzt, im Mo­ment der Nie­der­schrift, zu den Ent­ron­ne­nen zu ge­hö­ren, ist leise, aber kon­stant.

Wo steckt dann der Wi­der­spruch? Er be­treibt ja nicht ge­ra­de seine Auf­nah­me in die Ge­mein­schaft der Hei­li­gen. Diese In­ter­pre­ta­ti­on würde er immer be­strei­ten, er würde ihr auch den Sta­tus einer In­ter­pre­ta­ti­on be­strei­ten, mit allen Mit­teln, er­laubt und un­er­laubt, in die­sem Fall ist der Weg das Ziel. Das Leben soll keine Macht über das Den­ken haben, zu­min­dest nicht das ei­ge­ne. Diese Ver­pflich­tung auf die Kon­tin­genz des je ei­ge­nen Seins ist schwer zu be­grei­fen und noch schwe­rer zu prak­ti­zie­ren. An­de­rer­seits ist sie das Ge­ge­be­ne und ver­steht sich oh­ne­hin, sie wirft sich ge­wis­ser­ma­ßen in Posen, so­bald man sich ihr in Ge­dan­ken nä­hert, die ein­fach un­wi­der­steh­lich sind. Die­ser stets leicht ge­öff­ne­te, gleich­sam at­men­de Spalt, durch den die Wis­sen­schaft den Ein­zel­nen auf­nimmt, for­dert ra­di­ka­le Im­ma­nenz und er er­hält sie, spie­le­risch, mit den Mit­teln der Ne­ga­ti­on.

Wis­sen­schaft­ler sind Die­ner der Ne­ga­ti­on und sie wis­sen es. Ihr Leben voll­zieht sich im Akt des Dif­fe­ren­zie­rens, einer rasch durch­lau­fe­nen Folge von Ab­wei­sun­gen, durch die das Den­ken ins Of­fe­ne vor­stößt. Die Summe der Vor­stö­ße er­gibt kein Kon­ti­nu­um, weder die ein­fa­che Reihe noch eine kom­ple­xer ge­dach­te Ganz­heit. Sie for­men kein Ein­zel­l­e­ben. Im Ge­gen­teil, sie spren­gen es je­des­mal aufs Neue in die Luft.

Ein Nor­mal­wis­sen­schaft­ler kommt damit bes­tens zu­recht. Es ist sein Beruf, dem zu­lie­be er jeden Mor­gen die Ta­sche packt und von dem er sich abends wie­der nach Hause ver­zieht. Mag sein, dass er das Leben im Krei­se der Sei­nen be­schließt und die Wis­sen­schaft ein­fach ver­gisst, so wie sich ein Ar­bei­ter sein ei­gent­li­ches Leben mü­he­los an­hand von Ur­laubs­fo­tos ver­ge­gen­wär­tigt und die tau­send­und­ei­nen Hand­grif­fe am Fließ­band be­reits ver­ges­sen hat, wäh­rend er sie noch aus­führt.

Ein Tron­ka kann nicht ver­ges­sen, er lebt durch Dis­kon­ti­nu­ie­rung, er lebt diese Akte, der Rest ist Tin­gel­tan­gel, freie Zeit, ein Tri­but an die Ma­schi­ne, die geölt, ge­war­tet, wie­der her­ge­stellt wer­den muss. Ge­ra­de darin ist er er selbst. Ein Wi­der­spruch? Wenn ja, muss er damit leben. Aber was heißt das? Ist das ei­ge­ne Leben doch das Um­grei­fen­de? In einem ge­wis­sen Sinn: ja. Das je ei­ge­ne Leben ist das Ba­na­le. Da­sein ist banal, ganz of­fen­sicht­lich, es ver­steht sich von selbst, man hat wenig ver­stan­den, wenn man es ver­steht.

Ein selt­sa­mer Un­hei­li­ger prä­si­diert da, ein Hei­li­ger der Im­ma­nenz, der ra­di­ka­len Ver­ein­ze­lung, die ›nichts zur Sache tut‹, einer, der von sich ab­zu­se­hen ge­lernt hat und sich seit ei­ni­ger Zeit von der Würde eines Amtes durch­strömt oder viel­leicht nur an­ge­weht fühlt, das er immer, in be­sin­nungs­lo­ser Di­rekt­heit, an­ge­strebt hat, ohne es zu wol­len. Zum Teu­fel, er hat es nun ein­mal und die jun­gen Leute säßen nicht da, ruhte das Amt nicht im Hin­ter­grund wie der ge­schlos­se­ne Um­riss einer Py­ra­mi­de.

Sie sit­zen aber auch da, weil sie ihm zu­trau­en, dass er das Amt ne­giert, wie er es in sei­nen An­fän­gen immer ne­giert hat. Es reicht nicht, dass er lä­chelnd die Würde bei­sei­te­zu­set­zen weiß. Von ihm ver­lan­gen sie Hohn, of­fe­nen, ehr­li­chen, voll­stän­di­gen Hohn, der zwi­schen Gel­tung und Amts­bo­nus be­din­gungs­los un­ter­schei­det. Auf die­sem Na­del­kis­sen wol­len sie ihn sehen. Sie wis­sen recht gut, dass er sich mit jeder An­deu­tung einer Be­we­gung einen neuen Stich ein­fängt. Ge­ra­de das wol­len sie sehen. Ein Schau­spiel, aber, ach, ein Schau­spiel nur. Nun, er ist keine Thea­ter­na­tur, und wenn er ein Schau­spiel bie­tet, dann ist auch das kon­tin­gent oder sagen wir bes­ser: nicht der Rede wert.

Da­sein heißt sich ent­zie­hen. Viel­leicht ist das die ein­zi­ge nicht tri­via­le Lö­sung des Daseins­pro­blems, je­den­falls für einen wie ihn. Der Ge­dan­ke geis­tert in ihm, seit Pw mit die­ser lei­sen Em­pha­se, deren Ge­heim­nis er ihm gern ab­kau­fen würde, den etwas ab­ge­grif­fe­nen Satz ›Frei sein heißt sich ent­zie­hen kön­nen‹ in den ge­mein­sa­men Zi­ta­ten­schatz ge­legt und er nach einem kur­zen Zö­gern zu­ge­stimmt hatte. Der Satz könn­te auch auf ihr Sta­lin­grad-Ge­spräch ge­münzt sein, doch of­fen­bar fin­det es nie­mand lus­tig, ihn jetzt her­aus­zu­ho­len.

Für die Jun­gen da hieße Da­sein also, sich ent­zie­hen zu kön­nen. Er selbst wäre so etwas wie ein Ga­rant die­ses Kön­nens, ein Fels in der Bran­dung, einer, der ihnen Woche für Woche vor­führt, wie so etwas geht. Aber viel­leicht wol­len sie sich selbst gar nicht ent­zie­hen. Viel­leicht bren­nen sie ins­ge­heim dar­auf, eine Auf­ga­be zu über­neh­men und wol­len sehen, wie einer wie er schei­tert. Die­ser leise ge­fühl­te Dis­sens mit Hiero – den er längst in Ge­dan­ken so nennt, auch wenn er ihn immer mit sei­nem bür­ger­li­chen Namen an­spre­chen würde – hat schließ­lich hier seine Ur­sa­che, je­den­falls dann, wenn man den ver­schie­de­nen Stim­men, die sich in die­sem Fall mi­schen, lang genug zu­hört.

Als ein­zi­ger aus der Runde be­steht Hiero dar­auf, dass er, Tron­ka, sich nicht ent­zieht. Dafür gibts einen guten Grund. Zu Recht be­trach­tet er sich als sei­nen Schü­ler. Er ist der ein­zi­ge, der sei­nen theo­re­ti­schen Ehr­geiz be­grif­fen hat, etwas, das er ihm ein­fach nicht ab­spre­chen kann, auch nicht ab­spre­chen will, ers­tens, weil es wohl stimmt, und zwei­tens, weil es so un­end­lich wohl­tut. Warum soll­te er die Wahr­heit be­strei­ten? Er muss sie ja nicht ein­mal zu­ge­ben.

Die Über­füh­rung des von ihm Er­dach­ten in ein von an­de­rer Seite Be­grif­fe­nes ist not­wen­dig und sie muss voll­zo­gen wer­den. Das ist für seine Theo­rie – oder, wie soll er sich da aus­drü­cken, in ihrem Rah­men – sogar we­sent­lich: die in­sta­bi­le Sta­bi­li­tät der Be­grif­fe, ihr le­ben­di­ges Über­ge­hen in immer neue und je­weils an­de­re Ver­bin­dun­gen und Aus­ar­bei­tun­gen, in denen an­de­rer­seits ein Kern er­hal­ten und sogar ge­si­chert wer­den kann und wirk­lich ge­si­chert wird, der aus der toten Wie­der­ho­lung immer der­sel­ben For­meln ein­fach ver­schwin­det, ver­dampft, ent­weicht, ver­langt nach dem Wech­sel der Dar­stel­lung, der per­spek­ti­vi­schen Neu­er­schlie­ßung und sogar dem Wech­sel in der Dar­stel­lung. Ge­ra­de darin ›kommt‹ das schöp­fe­ri­sche Ge­heim­nis der Fort­ent­wick­lung ›zum Tra­gen‹. In die­sem Punkt al­ler­dings bleibt er skep­tisch. Ist Hiero der Mann, seine Ge­dan­ken fort­zu­ent­wi­ckeln? Traut er ihm das zu?

Die Frage, offen ge­stellt, müss­te Hiero un­end­lich krän­ken. Ge­ra­de das be­stimmt sie zum Schlüs­sel. Hiero, ah­nungs­los, ver­deckt sie sich durch die freund­li­chen Züge des Meis­ters, hin­ter denen sie bro­delt. Für ihn ist die Ent­schei­dung, die er ge­trof­fen hat, frei von Will­kür. Diese Theo­rie ent­hält seine per­sön­li­che Frei­heits­ge­schich­te, sie wiegt die Ent­täu­schung durch die dog­ma­ti­schen Fas­sun­gen des Frei­heits­be­griffs auf, denen er bei Bar­tosz und an­de­ren be­geg­net ist und von denen ihn keine fest­hal­ten konn­te. Diese hier hält ihn fest, weil sie ihn nicht fest­hält, weil sie das ›ei­ge­ne Den­ken‹ nicht in ei­ser­nen For­meln be­schwört und mit dem Elan einer Be­treue­rin ein­for­dert, son­dern in sei­ner vol­len Un­um­gäng­lich­keit zeigt. Nicht die For­de­rung, den ei­ge­nen Den­kap­pa­rat zum Zweck des Mit­ma­chens ein­zu­schal­ten, diese ge­ra­de­zu phy­sisch wi­der­wär­ti­ge Auf­for­de­rung un­ge­dul­di­ger Gym­na­si­al­leh­rer, die ins­ge­heim an ihrem Beruf ver­zwei­feln, son­dern die For­mel vom Den­ken selbst als le­ben­di­ger Ge­dan­ken­tä­tig­keit hat ihn er­reicht und um­ge­mo­delt – Sau­lus zu Pau­lus, den be­reits im Um­riss ge­ahn­ten so­zia­lis­ti­schen Kämp­fer zum künf­ti­gen bür­ger­li­chen Phi­lo­so­phen und Den­ker.

Einer wie Tron­ka wer­den heißt also we­sent­lich über ihn hin­aus­ge­hen. Das ist so si­cher wie das Amen in der Kir­che. In dem Punkt ist Hiero ganz un­be­fan­gen. Nir­gends weiß er sich mit sei­nem Vor­den­ker so einig. Es kann gar nicht an­ders sein. Dass die Anton, Eike, Pw just an die­ser Stel­le nicht in Be­tracht kom­men, kratzt ihn nicht wei­ter, es ›ist keine Frage‹. Schließ­lich kennt er seine Pap­pen­hei­mer.

  • ―Schön­schön. Sol­len sie doch sehen, wie weit sie kom­men.

Doch al­lein der Arg­wohn, mit ihnen in der Sache kon­kur­rie­ren müs­sen, würde ihn bit­ter krän­ken.

Blind gegen das In­nen­le­ben der an­de­ren, das, seit ihre Chan­cen schwin­den, die ret­ten­de Stufe noch zu er­rei­chen, nur höher schlägt und einen Zug ins Bos­haf­te an­nimmt, mag Hiero sich ein­fach nicht vor­stel­len, dass Tron­ka mit sei­ner Hal­tung, die sich in vie­len Klei­nig­kei­ten ver­rät, seine Schwie­rig­kei­ten haben könn­te. Er kann sich kei­nen Reim dar­auf ma­chen, warum Tron­ka ihn auf leise de­mü­ti­gen­de Weise zu nie­de­ren Ar­bei­ten her­an­zieht, die na­tür­lich er­le­digt wer­den müs­sen, warum er ihn im Ge­spräch ge­flis­sent­lich über­geht oder will­kür­lich mit nichts­sa­gen­den Be­mer­kun­gen ab­speist, warum er sich ge­gen­über sei­nen Plä­nen aus­ge­spro­chen wort­karg gibt und ihn mit sei­nem Thema auf eine atem­be­rau­ben­de Weise al­lein lässt. Umso stär­ker emp­fin­det er den leb­haf­ten Kon­trast zu der Um­gäng­lich­keit, die Tron­ka ge­gen­über den an­de­ren an den Tag legt und die sich all­mäh­lich doch sehr un­ter­schei­det von den schrof­fen In­sze­nie­run­gen ver­gan­ge­ner Tage.

Ge­ra­de jetzt – Hiero mag gar nicht hin­se­hen, so sehr wurmt es ihn – hat Pw ihn vor ver­sam­mel­ter Runde in ein Pri­vat­ge­spräch ge­zo­gen, sie un­ter­hal­ten sich, unter reich­li­cher Ver­wen­dung jener keh­li­gen Män­ner­lau­te, auf die sie sich ir­gend­wann ver­stän­digt haben, halb­laut über die Be­ru­fungs­po­li­tik einer ent­fern­ten Fa­kul­tät, an der Pw zu­fäl­lig je­man­den kennt.

  • ―Es wird schon nicht der Haus­meis­ter sein.

Hiero wun­dert sich über die ei­ge­ne Bis­sig­keit. Der un­ver­wandt lau­schen­de Eike hat die Be­mer­kung ge­hört, er hebt den Kopf und zwin­kert ihm zu.

Nein, Hiero kann sich beim bes­ten Wil­len nicht vor­stel­len, warum Tron­ka plötz­lich gegen ihn vor­ein­ge­nom­men sein soll­te, wäh­rend er selbst be­reits von Vor­ein­ge­nom­men­heit strotzt. Wie die Dinge ste­hen, ist der Vor­den­ker Tron­ka ohne den Men­schen Tron­ka nicht zu haben und die­ser Mensch ist ihm Stück für Stück ab­han­den ge­kom­men, seit er ›sein Mann‹ ist. Das ist ein Fak­tum. Als sol­ches ent­zieht es sich aber, wird zur Schi­mä­re und muss, wie die Theo­rie es be­fiehlt, deu­tend er­schlos­sen wer­den.

Ge­ra­de das lehnt Hiero ent­schie­den ab. Tron­ka mag so schwie­rig sein, wie er will – was sie ver­bin­det, ist die Sache und nichts als die Sache. Woll­te er hier Kom­pro­mis­se schlie­ßen, so be­fän­de er sich bald auf einem Kurs mit Pw, der sich offen, so­bald die Si­tua­ti­on es her­gibt, in Mut­ma­ßun­gen über Tron­kas Le­bens­lü­gen er­geht und schon ein­mal den Satz auf­ge­stellt hat, der ei­ner­seits alle frap­piert, an­de­rer­seits of­fen­bar ein­mal aus­ge­spro­chen wer­den muss­te: Er könne nicht glau­ben, dass ge­ra­de er wäh­rend sei­nes Stu­di­ums einem Genie über den Weg ge­lau­fen sei.

Man will, wenn man ihn sieht, es wirk­lich kaum glau­ben. Und ge­ra­de er ist es, der Woche für Woche Tron­ka am Na­sen­ring nimmt und eben­so un­ge­rührt wie selbst­ver­ständ­lich zum Tan­zen bringt.

Warum ich?

Wer immer sich diese Frage heim­lich stellt, Hiero ge­hört nicht dazu. Die an­de­ren, Tron­ka ein­ge­schlos­sen, wis­sen es wohl, aber sie sehen darin kein An­zei­chen von Er­wäh­lung, son­dern einen Makel. Die Gleich­alt­ri­gen haben sich nach und nach an sein Selbst­wert­ge­fühl ge­wöhnt und sind, wenn­gleich mit Ab­stri­chen, be­reit, es zu­zu­las­sen – hier liegt auch der Grund, warum sie Tron­kas Wahl, allem Gift zum Trotz, das sie in die Be­zie­hun­gen bringt, im Grun­de ihrer Seele bil­li­gen. Tron­ka hin­ge­gen, all­mäh­lich aus der ver­jähr­ten Über­ra­schung, einen Schü­ler zu be­sit­zen, er­wa­chend, kon­stru­iert es immer ent­schie­de­ner als Är­ger­nis. Dass er sich damit sel­ber zum Är­ger­nis macht, die­ser doch recht ein­fa­che Ge­dan­ke fin­det in ihm kei­nen Raum. Auch das ist ver­ständ­lich, denn damit müss­te er sich in Frage stel­len – eine wohl­fei­le For­mel die­ser Jahre, in der die ein paar Ki­lo­me­ter öst­lich ge­üb­te Pra­xis der Selbstan­pran­ge­rung irr­lich­tert, ohne je­mals beim Namen ge­nannt zu wer­den. Tron­ka, der vor­gibt, von den Ideen der Stu­den­ten­re­vol­te nie an­ders als ne­ga­tiv be­rührt wor­den zu sein, und es im glei­chen Zug sel­ten ver­säumt, die eine oder an­de­re ul­tra­lin­ke Po­si­ti­on zu be­zie­hen, um zu zei­gen, dass er an die­ser Stel­le gut durch­ge­lüf­tet sei, be­sitzt ein aus­ge­präg­tes Ge­fühl dafür, was es heißt, in sei­ner ›bür­ger­li­chen Exis­tenz‹ in Frage ge­stellt zu sein. Wie jeder Amts­in­ha­ber ver­dankt er seine Po­sit­ti­on einer Kette von haar­sträu­ben­den Zu­fäl­len, zu deren auf­fäl­ligs­ten Glie­dern die er­lit­te­nen De­mü­ti­gun­gen zäh­len. Über ers­te­res kann er sich la­chend ver­brei­ten, das zwei­te ver­schweigt er.

Ge­ra­de hier scheint eine neue De­mü­ti­gung her­an­zu­wach­sen. Woll­te er sich Pws be­ste­chend ein­fa­cher For­mel be­die­nen, die er zu sei­nem Glück nicht kennt, so müss­te er den sta­tis­tisch weit un­wahr­schein­li­che­ren Fall gel­ten las­sen, sich im Kreu­zungs­punkt zwei­er Ge­nies zu be­we­gen. Damit nicht genug, müss­te er oben­drein an­neh­men, seine ei­ge­ne Bahn sei dazu aus­er­ko­ren, die des zwei­ten ›maß­geb­lich‹ zu be­ein­flus­sen. So­viel Zu­fall macht schwind­lig, der sta­tis­tisch ge­schul­te Blick sagt laut und ver­nehm­lich nein.

Son­der­ba­rer­wei­se redet Tron­ka nicht un­gern über sol­che Kon­stel­la­tio­nen, wenn es die Aus­übung sei­nes Amtes na­he­legt. Sie tra­gen viel zur Em­pha­se bei, die das Fach zu sei­nem Über­le­ben be­nö­tigt wie die ka­tho­li­sche Kir­che das Weih­was­ser. Und nicht nur das. Im hoch­stu­fi­gen Be­trieb, an den pa­ten­tier­ten Ori­gi­na­lor­ten der Geis­tes­ge­schich­te, zwi­schen Mau­ern, die einen Fich­te oder Hegel oder Cas­si­rer oder Dewey be­her­berg­ten, be­rei­tet es den Ak­teu­ren kei­ner­lei Schwie­rig­keit, sich ge­gen­sei­tig Be­deu­tung in jeder be­lie­bi­gen Do­sie­rung zu at­tes­tie­ren. Es gibt sie also, die Kon­stel­la­tio­nen, und das Fach­ge­spräch lebt davon, sie an­zu­spre­chen und unter theo­re­ti­schen Vor­wän­den aller Art aus­zu­beu­ten.

Was al­ler­dings Tron­kas Selbst­be­schrei­bung an­geht, so ent­zieht sie sich jener leicht zu durch­schau­en­den Me­cha­nik be­reits seit Jah­ren. Er hat den Sumpf in sich tro­cken­ge­legt, weil er ihn an der ei­ge­nen frei­en Be­we­gung hin­der­te. Selbst­sein heißt, die Täu­schun­gen des Be­triebs zu durch­schau­en und das Sys­tem der wech­sel­sei­ti­gen Kre­di­tie­run­gen außer Kraft zu set­zen. Das hat er früh ver­stan­den und es gibt für ihn kein Zu­rück. Dass er den Kreis gel­ten lässt, der sich lo­cker um ihn ge­formt hat, wun­dert ihn selbst und ver­mit­telt eben des­halb ein war­mes Ge­fühl.

In die­sem Mi­kro­ver­sum be­setzt Hiero die Rolle des bra­ven Sol­da­ten, dem man Auf­trä­ge er­tei­len kann, teils, weil man si­cher sein kann, dass er sie aus­führt, teils, weil er, an­ders als die an­de­ren, of­fen­kun­dig nach einem Auf­trag lechzt. Nun, da er den einen Auf­trag über­nom­men hat, zu dem alle an­de­ren nur den Vor­lauf bil­de­ten, stellt sich her­aus, dass er ihn nicht aus­füh­ren kann, ohne ihn, Tron­ka, prak­tisch täg­lich in die Pflicht zu neh­men. Nein er be­läs­tigt ihn nicht mit An­ru­fen, das wäre ja lä­cher­lich und ließe sich leicht ab­stel­len, er blo­ckiert ihn auch nicht mit An­fra­gen, die, wenn sie doch kom­men, von Tron­ka gern be­ant­wor­tet wer­den, da er den feed­back schätzt und als not­wen­di­gen Teil sei­nes Be­ru­fes be­greift. Eher ver­hält es sich um­ge­kehrt: ge­ra­de die alles in allem wort­kar­ge Ko­exis­tenz mit einem Noch-nicht-Ge­nie, das seine Exis­tenz an der ei­ge­nen nährt, um sie im ent­schei­den­den Mo­ment der Selbst­for­mie­rung von sich zu sto­ßen, er­weist sich mehr und mehr als un­er­träg­lich.

Mehr und mehr? Was will das hei­ßen? Will es über­haupt etwas hei­ßen? Man muss sol­che Aus­drü­cke auf die Fol­ter­bank legen, bevor sie ihre Be­deu­tung preis­ge­ben, auch dann nur mit zu­sam­men­ge­bis­se­nen Zäh­nen, fast un­hör­bar und immer auf dem Sprung, sie zu­rück­zu­neh­men, so­bald Druck und Zug nach­las­sen. Also gut: es heißt ›immer wie­der‹, je­den­falls dann, wenn letz­te­res be­deu­tet, den Zy­klus ein ums an­de­re Mal zu durch­lau­fen, der sich zwi­schen dem an­ge­neh­men Kit­zel, alles möge so sein, wie die an­hän­gi­ge Exis­tenz des an­de­ren es glau­ben ma­chen will, und der ver­drieß­li­chen Emp­fin­dung spannt, in Räume und Rol­len hin­ein­ge­nö­tigt zu wer­den, die man bis­her ge­flis­sent­lich ge­mie­den hat.

Denn so steht es: Tron­ka, der Il­lu­sio­nen ver­ab­scheut, ist nicht be­reit, der phan­tas­ti­schen Selbst­sicht des an­de­ren ein Jota zu op­fern. Er blo­ckiert ihn, aber nicht so sehr, weil er ihm hin­ter­rücks jeden Kre­dit ver­wei­ger­te. Er blo­ckiert ihn aus dem ein­fa­chen Grund, weil er sich selbst be­reits als den un­wahr­schein­li­chen Fall kon­stru­iert hat, neben dem das Uni­ver­sum der Ge­läu­fig­kei­ten sei­nen eher­nen Gang geht. Kein Tron­ka, kein Hiero. Wird Hiero ge­stri­chen, strebt die Waage mit Tron­ka steil in die Höhe. Beleg: Hiero. Schon wächst Hie­ros Ge­wicht. Et­ce­te­ra et­ce­te­ra. Und da nie­mand ein zwei­tes Mal in den­sel­ben Fluss steigt, treibt die­ses Immer wie­der ein Rad der Ver­wand­lun­gen, in dem die an­de­re Seite ihm lang­sam, aber si­cher un­er­träg­lich wird. Das Un­er­träg­li­che ist der pur zu ge­win­nen­de Stoff, der im Ziel­punkt ihrer bei­der An­stren­gun­gen liegt. Durch die Ge­wöh­nung leicht ge­macht, weiß die Emp­fin­dung, dass sie ver­ge­hen will, dass hin­ter ihr an­de­re war­ten, die ge­lebt wer­den wol­len, und for­dert, we­delnd wie ein Hund, der in den Augen sei­nes Herr­chens die Mord­ab­sicht blit­zen sieht, die Treue der Per­son.

Hiero weiß. Er weiß und weiß nicht, seine Augen sind weit offen und fest ge­schlos­sen, da­zwi­schen gibt es nichts. Er kann nicht durch die Fin­ger sehen, nicht in einer Frage, in der es um Sein oder Nicht­sein geht, er kann nicht la­vie­ren, wäh­rend er doch Tag für Tag nichts an­de­res macht. Er könn­te zum Bei­spiel auf­ste­hen, Mü­dig­keit vor­schüt­zen und nach Hause gehen. So etwas kommt vor, aber spär­lich. Anton nimmt sich die Frei­heit ge­le­gent­lich, Eike sehr sel­ten, im­mer­hin, der Ef­fekt prägt sich ein. Aber er bleibt die Aus­nah­me.

Ein Bann liegt auf allen, die da­zu­ge­hö­ren, das wö­chent­lich zwi­schen einer rund­li­chen Hei­lands­fi­gur, einem an den Schwe­re­nö­tern der Lein­wand ge­schul­ten Ver­su­cher, einem all­mäh­lich aus­fran­sen­den Lieb­lings­jün­ger und et­li­chen wa­cke­ren Ge­treu­en ab­lau­fen­de Mys­te­ri­en­spiel nicht zu ver­pas­sen. Hier zählt jedes Wort und jedes Wort zer­fällt zu Staub, wenn nur ein ein­zi­ges fehlt, und sei es das letz­te, ein iro­ni­scher Nach­satz, eine flap­si­ge Be­mer­kung oder das sau­ber ar­ti­ku­lier­te, mit leicht ge­ho­be­ner Braue ge­spro­che­ne ›Das wars‹, in dem das ihnen von Kin­des­bei­nen an ge­läu­fi­ge ›Gehet hin...‹ an­west, um es in der Spra­che des Phi­lo­so­phen zu sagen, denen ihr ri­tu­el­ler Lieb­lings­hohn gilt.

Panik
19
Hiero: Figur 1
Die Gren­ze

Das Ba­de­was­ser, nied­ri­ger als alle Rea­li­tät, steigt rau­schend ins Gehör, seine le­thar­gi­sie­ren­de Wir­kung flaut ra­pi­de ab. Lang­sam, mit sanf­ter En­er­gie, in der ei­ni­ge Hohn­par­ti­kel schwim­men, spült es ihn an die Wahr­neh­mungs­ober­flä­che zu­rück. Wieso Ober­flä­che? Wel­che Flä­che ist da ge­meint? Man blickt nach außen, man blickt nach innen, so­viel ist durch das Bild fest­ge­legt. Doch fest­ge­legt er­scheint auch diese Ober­flä­che, auf die man nur von außen bli­cken kann, wenn die Rede ir­gend­ei­nen Sinn haben soll.

Die Ober­flä­che des Be­wusst­seins... So sagt man, kein Zwei­fel, man blickt auf die Ober­flä­che des Be­wusst­seins und fin­det sie be­wegt und span­nungs­reich oder glatt und schläf­rig oder in­ner­lich ge­spannt. Hiero kann sich nicht er­in­nern, je­mals auf die Ober­flä­che sei­nes Be­wusst­seins ge­blickt zu haben. Es wäre schön, einen sol­chen Blick frei zu haben, na­tür­lich, an­de­re schei­nen über­haupt öfter frei zu haben, aber in die­sem Fall dürf­te ei­ni­ger Zwei­fel an­ge­bracht sein.

Auf der Ober­flä­che des Be­wusst­seins, so sagt man, spie­geln sich die Dinge, sie spie­geln sich nicht hart und ein­deu­tig, son­dern ge­win­nen eine Tie­fen­di­men­si­on, die ihnen selbst nicht eig­net – so sagt man und ver­steht, ohne ein Wort dar­über zu ver­lie­ren, das Innen als Tiefe, außer man ist Nietz­schea­ner und ver­si­chert, sich treu­her­zig selbst wi­der­spre­chend, da drin­nen sei gar nichts außer dem be­rüch­tig­ten Wil­len zur Macht, eine öde Ma­schi­ne­rie, deren eine In­ter­pre­ta­ti­on viel­leicht ›Sta­lin­grad‹ heißt, deren an­de­re mög­li­cher­wei­se Mi­ri­am oder Tron­ka oder Heide oder Hiero – si­cher auch er, wenn er ge­wis­sen An­deu­tun­gen aus sei­ner Um­ge­bung glau­ben darf. Ganz si­cher Pw, der zu­gleich ein gutes Bei­spiel bie­tet, wie wenig ziel­füh­rend ein sol­cher Wille sich ge­le­gent­lich dar­stellt, wenn das Ziel denn exis­tiert, woran Zwei­fel er­laubt sind.

Ein Ge­dan­ke, der die Mas­sen er­greift, ist Macht, das, im­mer­hin, steht außer Frage. Aber er ist auch und vor allem Ge­dan­ke und kein Trop­fen einer un­be­kann­ten, von Che­mi­kern zu iso­lie­ren­den Sub­stanz, die sich in den Or­ga­nen des Be­wusst­seins be­fin­det und dort ihr Un­we­sen treibt, ein ge­wal­ti­ges Un­we­sen, das die Men­schen zu­sam­men­treibt wie Vieh und dafür sorgt, dass sie nicht leben wie das Vieh, son­dern wie... Men­schen eben, was soll man dazu schon sagen. Ab­we­gig diese Idee, alles hin­ter dem Be­wusst­sein zu su­chen, was man dann im Be­wusst­sein zu fin­den hofft, zwei­fel­los zeugt sie von einer ge­wis­sen Über­for­de­rung, ge­nau­so wie die Flos­kel von der Ober­flä­che des Be­wusst­seins, die kei­ner auf­zu­lö­sen, die kei­ner zu den­ken im­stan­de ist, ob­wohl sie nicht auf­hö­ren, sie zu wie­der­ho­len.

Hiero be­trach­tet seine zitt­ri­ge Hand. Er zieht sie ei­gens unter dem Schaum her­vor und mit einem Mal glie­dert sich ihm das Motiv. Das Zit­tern, diese un­ent­wegt le­bens­be­glei­ten­de Wie­der­ho­lung ein und des­sel­ben Aus­schlags, zeigt die ein­zi­ge Art Zu­kunft an, die er als Mensch mit sich trägt, etwas, was über das Da­sein des Or­ga­nis­mus und seine un­aus­weich­li­chen Kon­se­quen­zen hin­aus­geht. Ein Ge­sel­le, der ihn nicht ver­lässt. Ein Ge­sel­le... Warum sind Wör­ter wie die­ses, die aus einer lan­gen Ver­gan­gen­heit stam­men, bin­nen we­ni­ger Jahre ver­al­tet? Sie nen­nen den Vor­gang, des­sen Zeu­gen sie sind, Be­wusst­seins­wan­del, aber wel­ches Be­wusst­sein ist hier ge­fragt und wel­cher Wan­del? Das Kol­lek­ti­ve die­ses Be­wusst­seins, die ge­mein­sa­me Aus­rich­tung nach der Nadel, be­rei­tet ihm Un­be­ha­gen. Es ist was dran, zwei­fel­los ist was dran, man ge­wahrt es al­lent­hal­ben, aber nur Leute, die dem Ver­häng­nis, das darin liegt, um jeden Preis ent­flie­hen wol­len, kön­nen die Idee bei sich hegen, Be­wusst­sein sei etwas Kol­lek­ti­ves, eine Art Ku­chen, von dem jeder sei­nen Teil ab­be­kommt, ob er ihm schmeckt oder nicht.

Eine per­ver­tier­te Idee, zwei­fels­oh­ne, eine per­ver­tier­te Idee für eine per­ver­se Pra­xis. An die­ser Pra­xis der Be­wusst­seins­er­wei­te­rer und Be­wusst­seins­ver­än­de­rer, in die er früh hin­ein­ge­glit­ten ist, wil­len­los und lange Zeit be­reit, sie als die seine zu be­trach­ten, hat er viel ge­lit­ten. Wenn sein Be­kennt­nis zur Phi­lo­so­phie eine Art En­ga­ge­ment ist, dann aus einem ein­zi­gen Grund: er will, wie an­de­re vor ihm, zei­gen – und be­wei­sen –, dass die un­end­li­che Ma­ni­pu­lier­bar­keit im Be­wusst­sein selbst eine Gren­ze fin­det. Im Be­wusst­sein selbst, also nicht im Bei­tritt zu einer Par­tei oder einer Be­we­gung, die die sich fein her­aus glaubt, weil sie das Ende der Ma­ni­pu­la­tio­nen auf ihre Fah­nen ge­schrie­ben hat. Ein sol­ches Ende gibt es nicht, kann es nicht geben. Wer es aus­ruft oder ›an­mahnt‹, ist be­reits unter die Ma­ni­pu­la­teu­re ge­gan­gen. Zwei­fel­los weiß so einer, wovon er redet, er weiß es aber nicht wirk­lich, er ist nicht über Mo­de­be­grif­fe hin­aus­ge­kom­men und glaubt an einen Schal­ter im Kopf, mit des­sen Hilfe sich die vie­len Ein­zel­nen in Gang brin­gen lie­ßen, so wie man ein Fahr­zeug durch das Um­dre­hen eines Schlüs­sels in Gang setzt.

Auf­klä­rung ... ein gro­ßes Wort. Nein, er will die Men­schen nicht auf­klä­ren. Auf­ge­klärt­heit ist der Zu­stand, in dem man sie gro­ßen­teils be­reits vor­fin­det, und selbst ein Teil des Pro­blems, viel­leicht das Pro­blem an sich. Denn diese Auf­ge­klärt­heit ist wie eine Schicht, die sich über die feine Öff­nung legt, die von den Ge­dan­ken frei pas­siert wer­den muss, wenn von Den­ken über­haupt die Rede sein soll, und nur im Den­ken wird jene Gren­ze ... nein, nicht sicht­bar, das wäre ein zu star­kes Wort, dem keine Wirk­lich­keit ent­spricht, auch nicht ›fühl­bar‹ – eine Me­ta­pher, mit der man dem herr­schen­den Sen­sua­lis­mus zu Wil­len ist, um sich dafür einen Hau­fen al­ber­ner Be­leh­run­gen ein­zu­fan­gen –, sie wird auch nicht ›den­kend er­fah­ren‹, wie die Flos­kel der Be­rufs­den­ker lau­tet. Aber sie wird pas­siert, hin und wie­der, immer dann, wenn es ge­lingt, dem be­reits Vor­ge­dach­ten ein Schnipp­chen zu schla­gen. Man muss wis­sen, dass es sie gibt und dass sie sich pas­sie­ren lässt. Mehr daran ist nicht er­fahr­bar, Den­ken ist doch keine Be­find­lich­keit, so zu den­ken wäre eine ent­setz­li­che Dumm­heit, deren Fol­gen auf das ganze Leben aus­strah­len.

Mi­ri­am zum Bei­spiel lebt in Be­find­lich­kei­ten. Was sie nicht fühlt, das hat für sie keine Wirk­lich­keit. Sie hat nichts davon, wie sie sagt.

  • ―Und was hab’ ich davon?
  • ―Nichts. Alles. Was hast du vom Leben? Was hast du vom Uni­ver­sum? Was hast du von der Blume dort auf der Fens­ter­bank?
  • ―O, die Blu­men, ich muss sie un­be­dingt gie­ßen.

Es ist die­ses ›un­be­dingt‹, mit dem sie seine Exis­tenz an­nul­liert hat, üb­ri­gens ohne wirk­li­che Feind­se­lig­keit, zu der sie oh­ne­hin nicht sehr neigt, es sei denn, etwas stellt sich zwi­schen sie und den Ge­gen­stand eines Wun­sches, der von einem Mo­ment auf den an­de­ren in ihr auf­keimt. In sol­chen Au­gen­bli­cken kann sie sehr sehr böse wer­den, eine Raub­kat­ze, wie Hiero sie im Stil­len nann­te. Die stu­den­ti­sche Be­wegt­heit steht ihr gut, die fre­ne­ti­sche Stimm­la­ge, mit der sie das ›Schwei­ne­sys­tem‹ in die Schran­ken for­dert, er­in­nert ihn an seine erst kürz­lich ver­gan­ge­nen An­fän­ge, die be­reits un­end­lich weit zu­rück­lie­gen, und wenn sie die ›Re­vo­lu­ti­on jetzt‹ for­dert, dann denkt er mit Schau­dern daran, wie teuer sie beide eine mit ähn­li­cher Verve ge­for­der­te Gar­de­ro­be käme.

Panik
20
Hiero: Figur 1
Pass auf!

Sie for­der­te nicht un­be­dingt laut­stark, ge­le­gent­lich sogar eher bei­läu­fig, als sei da noch ein Haus­halts­pos­ten zu er­le­di­gen, über den sie sich jetzt aber nicht wei­ter ver­brei­ten wolle, nach­dem er Ge­gen­stand so vie­ler nächt­li­cher Dis­kus­sio­nen ge­we­sen war. Sol­che Dis­kus­sio­nen gab es, es waren die, in denen ihr Hiero Pa­ro­li ge­bo­ten hatte.

Die­ser Hiero war kein Re­vo­lu­tio­när mehr, falls er es denn je­mals ge­we­sen war. Auch das be­zwei­fel­te er in­zwi­schen, wenn­gleich er sich ge­le­gent­lich schmun­zelnd an diese ›Phase‹ er­in­nern ließ. Was war er dann? Ein An­ge­pass­ter, den der Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen stär­ker anzog als das et­wai­ge Re­sul­tat? Oder einer, der nur am Re­sul­tat in­ter­es­siert war?

Aber an­ge­passt waren schließ­lich die an­de­ren, damit zu­frie­den, Trä­ger eines Kol­lek­tiv­be­wusst­seins zu sein und es wie einen Bal­da­chin, der ge­le­gent­lich an der einen oder an­de­ren Seite ein­knickt, weil der Weg stei­nig ist und die Auf­merk­sam­keit nie­mals un­ge­teilt, schwan­kend über Fel­der und Wie­sen tra­gen. Ein­druck macht eine sol­che Pro­zes­si­on schon, sie ver­wan­delt das In­ne­re in ein Äu­ße­res oder ›etwas in der Art eines Äu­ße­ren‹, um es im wun­der­vol­len Idiom der sprach­ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie zu sagen, von dem man sich gern die Spra­che de­mo­lie­ren lässt, so­lan­ge es nur ein ge­sel­li­ges Lä­cheln ins Ge­sicht zau­bert. Eine sol­che Ka­tho­li­kin der aus­ge­blie­be­nen und in die Lang­zeit­er­war­tung ent­rück­ten Re­vo­lu­ti­on war Mi­ri­am. Nicht, weil sie für ein bes­se­res Leben glüh­te, son­dern weil sie den Hebel darin nicht über­sah, den klei­nen, über­aus wir­kungs­voll zu ge­brau­chen­den Hebel, der sei­nes­glei­chen au­to­ma­ten­gleich in Be­we­gung setz­te. Je­den­falls macht er sich heute dar­über kei­ner­lei Il­lu­sio­nen mehr. Ein ver­rück­tes Huhn woll­te sie sein, wenn sie ›alles jetzt‹ for­der­te, eine groß­ar­ti­ge Re­gis­seu­rin ihres Le­bens. Wir­kungs­vol­ler als jede Schau­spie­le­rin konn­te sie so auf das Leben der an­de­ren zu­grei­fen, dar­un­ter auf sei­nes. Im­mer­hin scheint sie im Rück­blick darin bes­ser ge­we­sen zu sein als Tron­ka, den of­fen­kun­dig ähn­li­che Nei­gun­gen be­we­gen, an­ge­fan­gen von jener Ur­sze­ne, die sich nur in An­deu­tun­gen er­hal­ten hat und, zer­stü­ckelt und ab­ge­blasst wie sie ist, kaum wie­der­zu­ge­ben ist.

Dass die ernst zu neh­men­de Phi­lo­so­phie ’33 ge­schlos­sen ins Exil ging, ver­jagt, zer­stü­ckelt und aus­ge­teilt an die des tran­szen­den­ta­len Ge­dan­kens be­dürf­ti­gen Völ­ker­schaf­ten der west­li­chen He­mi­sphä­re, nicht zu ver­ges­sen Aus­tra­li­ens, Neu­see­lands und Pa­pua-Neu­gui­ne­as – ein sol­cher Satz, vom Po­di­um einer Ta­gung mit dem Stak­ka­to der auf­ge­brach­ten Ju­gend her­un­ter­ge­schmet­tert, dürf­te Stein­schwa­fel sei­ner­zeit kaum ge­schmeckt haben, an­ge­sichts sei­nes ei­ge­nen Le­bens­laufs nicht und über­haupt. Si­cher hatte er ihn mit der gan­zen Au­to­ri­tät des Äl­te­ren pa­riert. Lag hier die Her­aus­for­de­rung an das Sys­tem? Al­ler­dings hatte er dem Jün­ge­ren vor­sichts­hal­ber auch das Mi­kro­phon ab­stel­len las­sen, aber das war viel­leicht be­reits ein Tron­ka­sches Mär­chen.

Gut mög­lich, das Ganze war nur ein Mär­chen, ein ein­ge­bil­de­ter Peit­schen­knall, mit dem ein ein­sam vor sich hin­phan­ta­sie­ren­der Jung­den­ker die Bühne ab­räumt, weil jetzt sein Stück an der Zeit ist, weil er jetzt dran ist, um es mit der nö­ti­gen Bru­ta­li­tät zu sagen.

Doch auch das, wenn es denn so ge­we­sen sein soll­te, ist be­reits wie­der eine Weile her und er, Hiero, der jetzt dran wäre, quält sich mit die­ser be­schis­se­nen Dis­ser­ta­ti­on ins wie­viel­te Jahr?

Da muss er doch erst ein­mal nach­rech­nen.

Nein, er rech­net nicht nach. Etwas in ihm ver­wei­gert die Rech­nung, wie es immer die Rech­nung ver­wei­gert hat, die er von An­fang an hätte auf­ma­chen müs­sen, in der Py­ra­mi­de wie in der bil­li­gen Woh­nung, die er mit Mi­ri­am zu­sam­men be­wohn­te, so wie er sie Heide ge­gen­über ver­wei­gert, die durch ihre Re­chen­haf­tig­keit so un­ge­niert dazu her­aus­for­dert. Nein, es ist kein Ho­nig­schle­cken mit ihr, der schüt­zen­de Man­tel des Ba­de­was­sers lässt diese dunk­le Emp­fin­dung sich vom Boden sei­ner Seele lösen.

Aber: er kann nicht rech­nen.

Hier liegt das Ge­heim­nis sei­ner Exis­tenz: er kann nicht rech­nen.

In sei­nem Kopf macht eins und eins immer noch drei und so wird es blei­ben, so­lan­ge er sagen kann, er habe nur einen Kopf, aber we­nigs­tens auf den könne er sich leid­lich ver­las­sen. Was, alles in allem, stimmt.

Die­ser Kopf, des­sen Haut er lang­sam, vor­sich­tig be­gin­nend, dann in wil­der Lust mas­siert, sagt jetzt un­ver­mit­telt: Er ist Mi­ri­am da­von­ge­lau­fen, weil er Tron­ka nicht Pa­ro­li bie­ten kann.

Panik
21
Hiero: Figur 1
Eikes Trumpf

Sta­lin­grad ist im Grun­de kein Thema, nicht für Tron­ka und seine Ge­treu­en, es klebt zu­viel mensch­li­ches Elend daran, in Wahr­heit durch ein sim­ples ›Tja‹ zu er­le­di­gen. Der Abend, der Abend, mit die­ser leich­ten Be­to­nung, die es er­laubt, das ein­mal Ge­sag­te aus dem Ir­gend­wann des Er­in­nerns her­auf­zu­he­ben und zu einem Mus­ter zu ver­knüp­fen, das eine Zeit­lang Zu­sam­men­hän­ge stif­tet, die ih­rer­seits wie­der ver­däm­mern oder ver­we­hen, so­bald man nicht wei­ter auf sie ach­tet: auch die­ser Abend ver­geht, wie er kam. Wie auch sonst? Ge­blie­ben zum Bei­spiel ist die Emp­fin­dung, dass der quick­le­ben­di­ge, durch Al­ko­hol ge­stei­ger­te Pw, der das Ge­spräch fast nach Be­lie­ben lenkt, ihn, Hiero, in sei­ner ei­ge­nen Exis­tenz Satz für Satz wi­der­legt. Das er­scheint wi­der­sin­nig, denn Pw reicht an kei­ner Stel­le an ihn heran und dies ist sein Ter­rain. Wenn er hier weicht, gerät er in den Mo­rast, das ist so si­cher wie das Amen in der Kir­che.

Was macht Pw über­le­gen? Ei­gent­lich lässt Hiero ihn lau­fen, so wie man ein Hünd­chen lau­fen lässt und sich daran er­freut, wenn es ap­por­tiert: Brav, lie­bes Hünd­chen, ver­treib uns ein wenig die Zeit! Er weiß, dass auch Tron­ka so denkt, je­den­falls hat er es Jahr für Jahr un­ter­stellt: Pw, ver­treib uns die Zeit!

Aber die Zeit blieb und las­te­te, auch diese, wie an­de­re, aus­ge­grenz­te, par­al­lel lau­fen­de, sie las­tet und ver­letzt, ein dunk­ler Block, der sich zwi­schen die An­fän­ge und die Zu­kunft schiebt. Eine zu­rück­wei­chen­de Ge­gen­wart müss­te man sie nen­nen, wobei zu ent­schei­den blie­be, ob sie mehr in die Zu­kunft aus­weicht oder in die Ver­gan­gen­heit. Auch Pw blieb und was man ein­mal Ap­por­tie­ren nen­nen konn­te, ist keine Spie­le­rei mit Hölz­chen oder Gum­mi­en­te mehr, es wurde Kampf, ver­deckt, zäh, mit Haken und Ösen, da gibts kein Ent­rin­nen.

Kein Zwei­fel, das liegt an Tron­ka, der eben­falls blieb, nicht was, son­dern wie er schon lange war, auch wenn die Be­reit­schaft fehlt, es zu er­ken­nen, ein lang­sam sich aus aller Ge­gen­wart zu­rück­han­geln­des Ver­spre­chen, dort, wo es mit dem Leben und Den­ken ernst wird, sich als ein an­de­rer zu er­wei­sen und die Ka­the­der­prä­ten­ti­on sei­ner Kol­le­gen, ›bei den Sa­chen‹ zu sein, in Leben, Selbst­be­we­gung und Kraft zu ver­wan­deln.

Die Kraft ist aus­ge­blie­ben. Doch das hat nicht ge­reicht, ihn wer­den zu las­sen wie alle an­de­ren auch. Das Aus­blei­ben hat sich gegen ihn ge­wandt, so wie es sich gegen Hiero ge­wandt hat, der sei­nen Groll als eine Re­fle­xi­on der ei­ge­nen Lage im an­de­ren emp­fin­det, je­den­falls in Mo­men­ten, in denen es ihm gut genug geht, um den Kopf so weit zu heben, dass er nicht bloß rei­ner Groll ist, blin­de, dump­fe Er­war­tung von etwas, das er nur noch ne­ga­tiv, wenn über­haupt, be­nen­nen kann.

Die Kraft ist aus­ge­blie­ben, auf bei­den Sei­ten. Wie konn­te das ge­sche­hen? Eike zum Bei­spiel dort drü­ben, der jetzt einen Satz sagt, sei­nen Satz, den er bis dahin auf­ge­spart hat, den Satz, mit dem er die Zin­sen eines lan­gen Da­bei­seins ein­fährt, Eike würde kein Wort ver­ste­hen, käme er auf die put­zi­ge Idee, ihm sein Herz aus­zu­schüt­ten.

Eike ist kein Mann des Ent­wurfs, son­dern der Ge­le­gen­heit, auf die er im lan­gen und zähen Trop­fen der Zeit lau­ert. Ein Rep­til. Hiero tas­tet be­sorgt im Ba­de­was­ser, das über­all An­lie­gen­de und durch­sich­tig Un­durch­sich­ti­ge des Ele­ments ist ihm einen Mo­ment lang zu­wi­der. Es fin­den sich Spu­ren der Be­dro­hung darin, Ab­drü­cke von Wesen, die in ihm auf­ge­hen, denen es alles bie­tet, was es einem Men­schen ver­sagt: die schö­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit der Be­we­gung und der Sinne zum Bei­spiel, aber auch den an­ge­mes­se­nen Be­we­gungs­raum, gleich­gül­tig, wie eng es darin zu­ge­hen mag.

Wesen wie Eike las­sen sich nicht in Kä­fi­ge weg­sper­ren. Der Käfig hat kei­nen Rea­li­tät, er löst sich auf in die­ser dich­te­ren Wirk­lich­keit, die um alles her­um­führt, was sie be­rührt. Die Frei­heit, in der Eike lebt, hat Hiero sel­ten emp­fun­den, er ach­tet sie ge­ring und ver­ach­tet sie sogar. Warum soll er es leug­nen? Den­noch emp­fin­det er aufs Neue den Stich. Es ist nicht der Ge­dan­ke an einen ver­gan­ge­nen Schmerz, der sich da mel­det, son­dern der Schmerz selbst. Selt­sa­mer­wei­se hat er die Stim­me nicht mehr im Ohr, nur der Satz hat über­lebt, das Recht, sei­net­we­gen, ihn zu spre­chen.

Eike sagt:

  • ―Ich bin As­sis­tent.

Es ist wie immer, wenn alle be­reits ge­hört haben, aber noch wei­ter reden, weil sie sich ver­hört haben könn­ten oder weil die In­for­ma­ti­on so wenig zu den üb­ri­gen Daten passt, dass man sie erst ein­mal lie­gen lässt, um sich spä­ter un­auf­fäl­lig zu er­kun­di­gen, wie das vor­hin ge­meint war. Auch Tron­ka, ein wenig ver­dutzt, lässt sei­nen Blick über ihn hin­weg­wan­dern, um nicht fi­xiert zu wer­den und viel­leicht etwas Miss­ver­ständ­li­ches über die Lip­pen schlüp­fen zu las­sen, das nicht mehr zu­rück­ge­holt wer­den könn­te. Pw ist der erste, der, schein­bar selbst­ver­ständ­lich, ein paar Ge­sprächs­zü­ge wei­ter auf die Be­mer­kung zu­rück­kommt:

  • ―Wel­cher Ver­ein?
  • ―Das ist eine gute Frage.
  • ―Denk ich doch. Wann gibt es Kar­ten?
  • ―Ge­duld, Ge­duld. Wenns an den Auf­stieg geht, werde ich euch be­den­ken.
  • ―Also Kreis­li­ga.
  • ―Kann man so nicht sagen.

Hiero schal­tet sich ein.

  • ―Was kann man so nicht sagen? Spielt ihr jetzt in der Kreis­li­ga oder nicht?

Pein­lich im Nach­hin­ein, diese Frage, aber pein­li­cher noch die kei­nes­wegs prak­tisch ge­mein­te, die er nach­schiebt, weil er die Vor­stel­lung, Eike mit Ball und Tril­ler­pfei­fe aufs Fuß­ball­feld tra­ben zu sehen, erst ver­dau­en muss:

  • ―Hast du über­haupt einen Trai­nings­an­zug?
  • ―Also hör mal –

Panik
22
Hiero: Figur 1
Das Ti­cken des Ent­werters

Dies­mal be­wegt sich nichts. Ist das noch ein Schuh? Ein Holz­schuh viel­leicht, klo­big genug wäre er. Es könn­te auch ein Stück eines Dach­gie­bels sein, einer Gaube viel­leicht. Passt so etwas an einen Fuß? Es gibt Fra­gen, mit denen muss man sich nicht be­schäf­ti­gen, nicht wirk­lich, was immer das hei­ßen mag, denn die Wirk­lich­keit steckt in sol­chen Fra­gen und lugt aus ihnen her­aus, je­den­falls könn­te man das blin­ken­de Tröpf­chen, das in ihnen auf­scheint, als Auge in­ter­pre­tie­ren. Dass die Wirk­lich­keit ein­äu­gig ist, hat noch kei­ner wirk­lich be­haup­tet. Es ist eine ab­stru­se Be­mer­kung, mit der sich kein Blu­men­topf ge­win­nen lässt. Ge­ra­de des­halb scheint sie hier am Platz. Mech­tel je­den­falls, diese pracht­vol­le Per­son, er­weist sich als wun­der­sam be­rührt durch den Geist der Si­tua­ti­on, der viel­leicht ein Un­geist ist, ein ver­dreh­ter Geist ge­wis­ser­ma­ßen, an­ge­tre­ten, um Un­heil zu säen zwi­schen den Ver­trau­ten.

  • ―Ich ver­ste­he nichts von Fuß­ball, schwebt ihre sanf­tes­te Mäd­chen­stim­me, die noch immer me­tal­lisch klingt, als surre auf ihrem Grun­de ein klei­ner Elek­tro­mo­tor, – viel­leicht kannst du mir ein­fach er­klä­ren, von wel­chem Ver­ein hier die Rede ist und wel­che Auf­ga­be du darin über­nom­men hast. Ich meine, es geht mich si­cher nichts an, aber die Her­ren schei­nen ja au­gen­blick­lich nicht wei­ter zu kom­men. Ich kann das ver­ste­hen, ob­wohl ich der Mei­nung bin, dass da nichts zu ver­ste­hen wäre, würde man sich ein biss­chen der frei­en Rede be­flei­ßi­gen, aber das ist in die­sem Kreis ja all­mäh­lich aus der Mode ge­kom­men, wie ich mit ein wenig Be­dau­ern fest­stel­le. Hans-Ha­jo zum Bei­spiel, der... – ihr Blick glei­tet zu dem Platz, an dem er eben noch ge­ses­sen hat, aber der Platz ist leer –, Hans-Ha­jo, der jetzt ge­ra­de nicht da ist, hat mir noch ges­tern ge­sagt, dass er nicht ver­steht, warum hier seit ei­ni­ger Zeit alle so ver­knif­fen her­um­sit­zen, er sagt, er kennt das gar nicht von die­ser Runde und ei­gent­lich wun­de­re es ihn, nein, ei­gent­lich wun­de­re es ihn nicht, denn, recht be­dacht, habe das Ganze auf eine sol­che Si­tua­ti­on hin­aus­lau­fen müs­sen. Ich meine ja, dass er damit nicht recht hat, ich finde es scha­de, dass er ge­ra­de jetzt nicht da ist, sonst könn­te er er­läu­tern, wie er das meint. Ei­gent­lich fände ich es schön, wenn Eike eine Stel­le ge­fun­den haben soll­te. Das wäre doch ein­mal was und ich würde gern mehr von ihm dar­über er­fah­ren. Aber es scheint ja nicht mehr mög­lich zu sein, sich über so etwas...

Wie es so geht, schwingt in die­sem Mo­ment die Tür auf und her­ein schlen­dert Hans-Ha­jo, der kurz­fris­tig Ent­schwun­de­ne. Sein Haar buscht sich über der glat­ten Stirn, als sei ein Wind­stoß hin­ein­ge­fah­ren, es ist wie Os­ter­glo­cken­pflü­cken im Mai. Läs­sig hält er einer Per­son die Tür, die man noch nicht sieht und deren Ein­tritt sich aus un­sicht­ba­rem Grun­de ver­zö­gert. Er spricht über die Schul­ter zu­rück und scheint etwas ent­rückt zu sein. Je­den­falls glaubt Hiero an Mech­tel eine Be­we­gung wahr­zu­neh­men, die so nicht aus dem Duk­tus ihrer klei­nen An­spra­che her­vor­ging. Doch wie immer fängt sie sich rasch. Eher äu­ßert sich eine leise Be­sorg­nis in der Art, wie sie die Augen hebt und flüch­tig sei­nen Blick streift, der, durch diese Ab­erra­ti­on ge­bän­digt, wie­der zur Tür eilt und dort – das darf doch nicht wahr sein! – auf Mi­ri­am trifft, die, seit sie zu­sam­men sind, nicht mehr im Pfau ge­se­hen wurde, da sie sich, sei­nem Vor­bild fol­gend, wie sie sagt, stär­ker auf ihr Stu­di­um kon­zen­triert und in ihrer frei­en Zeit an­de­re Orte be­vor­zugt, sol­che, die sie ge­mein­sam auf­su­chen oder Lo­ka­li­tä­ten, an denen sie sich mit ihren Freun­din­nen ver­ab­re­det und zu denen es ihn nicht zieht. So ist es ganz na­tür­lich, dass sie erst mit dem Wirt ein paar Worte wech­selt, bevor sie an den Tisch tritt, wo neben Anton der Platz noch frei ist, an dem bis vor kur­zem Luxor saß.

Hiero sieht sie näher kom­men und wie in dem LSD-Strei­fen, den er vor kur­zem ge­se­hen hat, blitzt schmerz­haft einen Mo­ment lang aus ihrem ver­trau­ten Gang die nack­te Mi­ri­am her­vor, die hier, worum er in­ner­lich bit­tet, kei­ner kennt und kei­ner zu ken­nen braucht. Ist es wahr, dass er ihrem Er­schei­nen ge­ra­de jetzt eine völ­lig über­pro­por­tio­na­le Be­deu­tung bei­misst? Muss­te es nicht ein­mal ge­sche­hen und wäre es nicht bes­ser, sich ins Un­ver­meid­li­che zu schi­cken und die­sen so viel­fäl­tig ge­lieb­ten Zügen mit einer Spur von Ein­ver­ständ­nis zu be­geg­nen? Aber er schickt sich doch, was denn sonst, auch wenn er so dabei zit­tert, dass ihn Mech­tel ver­stoh­len unter dem Tisch – nein, nicht tritt, wie es sich ge­bühr­te, son­dern leise be­rührt, so leise, dass nun die große Glo­cke, die lange schwei­gend und un­be­tei­ligt dem Ge­bim­mel der klei­nen Er­re­gun­gen bei­wohn­te, in ihm an­schlägt und zu dröh­nen be­ginnt, so dass er bin­nen kur­zem nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Und Hiero, in sein er­neut er­kal­ten­des Ba­de­was­ser wie in eine Decke ge­hüllt, deren zwei­fel­haf­ter Schutz mit einem Mal seine Hin­fäl­lig­keit of­fen­bart, ex­plo­diert er­neut, so wie er je­des­mal ex­plo­diert, wenn er sich die­sem Er­in­ne­rungs­punkt nä­hert.

  • ―Er­zäh­len Sie, sagt Tron­ka mit sei­ner ru­higs­ten Stim­me.

Hiero ver­steht nicht. Was gibt es da zu er­zäh­len? Doch die Rede des Meis­ters geht an ihm vor­bei, so wie sein Blick, kalt und ein wenig bit­tend, an Mi­ri­am vor­bei­geht, die sich ver­mut­lich ein­fach in ihm auf­lö­sen würde, wenn er auf Grund eines un­fass­ba­ren Ver­se­hens plötz­lich durch sie hin­durch­gin­ge. Und Eike er­zählt, die Wör­ter trei­ben aus sei­nem Mund her­aus, sie schwin­gen sich paar­wei­se, in Drei­er- und Vie­rer­grup­pen, in die um­ge­ben­de Luft und wirk­lich, ihre Dar­bie­tung kann sich sehen las­sen, auch wenn ein­zel­ne unter ihnen einen eher un­an­sehn­li­chen Ein­druck hin­ter­las­sen könn­ten. Ge­ra­de sie schei­nen die Tüch­tigs­ten von allen zu sein, die un­er­läss­li­chen Bin­de­glie­der von Fi­gu­ren, die sie schwe­bend, schwim­mend und rol­lend zur Dar­stel­lung brin­gen. Ein Zei­chen­trick­film, be­glei­tet vom zie­hen­den Ton eines Ak­kor­de­ons, einer Quetsch­kom­mo­de, denn an­ders kann man Eikes Stim­me wirk­lich nicht nen­nen, einem nüch­tern tri­um­phie­ren­den Ges­um­se und Ge­we­se, das sich um­sonst zu ver­ste­cken ver­sucht. Doch das Spiel der Wör­ter ist schön, sie wis­sen auf eine traum­haf­te Weise zu wach­sen und zu ver­ge­hen, in­ein­an­der über­zu­ge­hen und zu ver­schmel­zen und, ein­zeln, in plötz­li­che Ein­sam­keit zu ver­fal­len, die vom Ein­satz des nächs­ten weg­ge­wischt wie eine Träne, die fol­gen­los bleibt, aber selbst be­reits Folge war. In Folge von... Jetzt ver­steht Hiero den Sinn der gra­vi­tä­ti­schen For­mel, ver­steht ihn aus dem Grund, ver­steht sich nicht mehr, aber die Welt oder was sie dafür hal­ten, was immer sie dafür hal­ten, was immer...

In Hie­ros Uni­ver­sum sind der Punk­te zu­viel. Plötz­lich, aus Ur­sa­chen, die ihm ver­schlei­ert blei­ben, be­gin­nen sie zu strö­men, von ir­gend­ei­nem Sog er­fasst, einem Sog aus dem Jen­seits, wenn man dar­un­ter keine zwei­te Welt, son­dern die erste noch ein­mal ver­steht, wie immer sich diese For­mel auf­lö­sen las­sen mag. Tron­kas Re­vier ist das nicht. Er liebt den Schluss­punkt, das Punk­tum zu sehr, als dass er hier Fuß fas­sen könn­te. Das ist auch nicht nötig.

Es wäre nicht nötig, Eike ge­wäh­ren zu las­sen, mit einem Wort, einem Wink könn­te Tron­ka Ab­hil­fe schaf­fen. Das ist doch pein­lich, diese Schau­stel­lung ba­na­ler Em­sig­keit in einem Fach, über das sie sich hier an­sons­ten lus­tig ma­chen, einem Fach, das aus­schließ­lich der Doxa ge­wid­met ist, diese Kette ab­sur­der Zu­fäl­le, an deren Ende die Stel­le steht, um die sich, zu­ge­ge­ben, hier alles dreht. Das Pein­lichs­te dabei: dass sich die­ser un­gu­te Auf­stieg in völ­li­ger Laut­lo­sig­keit, un­be­merkt von den Augen und Ohren der Freun­de voll­zo­gen hat. Im Grun­de, so müss­te man sagen, hat Eike sie hin­ter­gan­gen – Grund genug, ihm jetzt das Wort ab­zu­schnei­den und zu den Sa­chen zu­rück­zu­keh­ren, jetzt, ohne wei­te­re Um­stän­de, um­stands­los wie das Den­ken selbst, wenn es in Be­tracht kom­men will. Dafür sit­zen sie schließ­lich bei­ein­an­der, dazu haben sie sich er­zo­gen. Je­den­falls gilt das für ihn, bei den an­de­ren ist er sich nicht mehr so si­cher.

Aber da sitzt Mi­ri­am, ganz Gehör, artig, nur ihre Hand scheint ab­we­send zu sein, geis­tes­ab­we­send, wenn es das gibt. Es ist ihm neu, wie sie sie hält, die Fin­ger ab­wärts wei­send, eng bei­ein­an­der, als be­rühr­ten sie einen un­sicht­ba­ren Ge­gen­stand. Hiero spürt, wie ihm die Röte ins Ge­sicht steigt, Zorn, blin­der Zorn, un­ter­mischt mit Scham. Er muss sehr vor­sich­tig sein. Es könn­te sein, dass er, hier und jetzt, aus­rutscht und etwas pas­siert, mit dem nie­mand rech­nen konn­te. Nur: was könn­te das sein?

Was könn­te das sein? Tron­ka ahnt nichts. Seine zarte Kon­sti­tu­ti­on er­laubt es ihm nicht ein­mal, die weib­li­che Stö­rung zu be­mer­ken, die sich an sei­nem Tisch nie­der­ge­las­sen hat. Den­noch lei­det er, man sieht es sei­ner star­ren Kopf­hal­tung an. Er wahrt die Würde des Ortes und plötz­lich drängt es Hiero, in einem An­fall blin­der Ge­folg­schaft, das lange ver­hüll­te Wort ›Sa­kri­leg‹ in den Mund zu neh­men, ge­ra­de so, es schießt ein und seine Stimm­bän­der knir­schen es her­vor, so dass ihn nur die Nächst­sit­zen­den ver­ste­hen. Alle aber haben etwas ge­hört und sind ver­stän­digt. Etwas ge­schieht, end­lich, nach lan­ger, viel­leicht allzu lan­ger Zeit. Ge­ra­de hat Eike das Si­gnal ge­ge­ben, sich zu zer­streu­en, weil drau­ßen die bes­se­ren Chan­cen her­um­lie­gen, nach einer Zeit der Rou­ti­ne und der är­ger­li­chen Ver­spre­cher, von denen man auch Tron­ka nicht frei­spre­chen kann, der sei­ner Rolle, alles in allem, nur unter Mühen nach­kommt. Was wäre denn seine Rolle? Soll er künf­tig vor ihnen den Pro­fes­sor geben, der er an­geb­lich nie­mals sein woll­te? Soll er wei­ter­hin den Typ mimen, der er of­fen­sicht­lich nicht mehr ist, ob­wohl sie alle auf ihn ge­eicht sind? Das eine Wort, das Knirsch­wort, of­fen­bart das Ab­sur­de der Si­tua­ti­on und ob­wohl es die we­nigs­ten rich­tig ge­hört haben, wur­den sie von ihm be­rührt.

Nein, es ist nicht das künf­ti­ge Tür­schild, das Hiero in die­sen Mo­men­ten be­wegt. Oh­ne­hin hat es in der Py­ra­mi­de an in­ne­rer Le­ben­dig­keit ein­ge­büßt, an Prä­senz, wie der ex­ak­te Be­griff lau­tet. Noch immer spen­det es Le­bens­sinn, aber mehr aus dem Hin­ter­grund, mit­tels ver­wi­ckel­ter Ope­ra­tio­nen, die er im Ein­zel­nen nicht durch­schaut und auch, wenn er ehr­lich ist, nicht durch­schau­en will. Viel­leicht kann er es nicht, das mag gut sein, weil es sei­ner doch eher di­rek­ten Art wi­der­strebt, die nur in der Theo­rie Um­we­ge zu gehen be­reit ist und auch dort nur in Maßen.

Wenn ihn die Lei­dens­zeit etwas ge­lehrt hat, dann dies: wer sich im La­by­rinth der Be­gehr­lich­kei­ten ver­irrt, der ist ver­lo­ren, gleich­gül­tig, was der Gang der Dinge für ihn noch be­reit­hält. Di­rekt ist nur der ge­won­ne­ne Ge­dan­ke, das Klon­di­ke-Gold des sys­te­ma­ti­schen Den­kens, das sich be­quem in alle Sub­re­gio­nen des Geis­tes trans­por­tie­ren lässt und an jedem Schal­ter be­reit­wil­lig an­ge­nom­men wird, der sei­ner­seits an die Sys­te­me an­ge­schlos­sen ist und nicht nur eine Po­tem­kin­sche Fas­sa­de dar­stellt, hin­ter der sich der pri­va­te Unrat sta­pelt und es von zwei­fel­haf­ten Trieb­tä­tern wim­melt.

Was be­deu­tet es da, wenn einer ne­ben­an im Ca­brio vor­fährt und nicht müde wird, den Nach­barn den Klapp­me­cha­nis­mus zu er­klä­ren, der das Ver­deck aus un­sicht­ba­ren Tie­fen her­auf­be­för­dert und in Win­des­ei­le vor den Augen der Ge­spann­ten aus­fährt?

Nichts, es be­deu­tet nichts. Wenn je­doch diese Nach­barn von der Dar­bie­tung nicht genug be­kom­men, wenn sie alles haar­klein er­klärt haben wol­len, damit das Stau­nen nicht so schnell ver­ebbt, wenn unter ihnen, neben der Frau, mit der man noch immer das Leben teilt und die in die­sem Kreis, strikt ge­spro­chen, nichts ver­lo­ren hat, der Meis­ter selbst ganz Ohr ge­wor­den ist und keine Mög­lich­keit be­steht, sich her­aus­zu­win­den, dann ist es Zeit zu be­grei­fen, dass die Ver­an­stal­tung aus dem Ruder läuft, und zwar un­wi­der­ruf­lich. Ja, man muss sich fra­gen, wer hier der Ver­an­stal­ter ist und was hier ver­an­stal­tet wird.

Es ist ein müdes Spek­ta­kel, gegen das ge­wal­ti­ge Ein­tritts­geld ge­hal­ten, das einem ab­ver­langt wurde. Aber viel­leicht sind die an­de­ren um­sonst her­ein ge­kom­men, ge­ra­de so will es ihm im Au­gen­blick schei­nen, er hat dar­über nie nach­ge­dacht. Mi­ri­am je­den­falls, deren An­we­sen­heit nie­man­den zu stö­ren scheint außer Tron­ka, der ihm den Bu­ckel run­ter­rut­schen kann, und ihn selbst, der sich gegen sie auf­bäumt, wüss­te gar nicht, wovon die Rede wäre, würde er ihr des­halb Vor­hal­tun­gen ma­chen. Sie würde ihn rund­her­aus für ge­stört er­klä­ren und hätte, wer weiß, viel­leicht nicht ein­mal Un­recht damit. Auf­ge­stört, das ist er. Er könn­te um sich schla­gen, er könn­te krat­zen und bei­ßen, er weiß keine Stel­le, an der er sich ruhig nie­der­las­sen könn­te.

Die Luft schwirrt von Ge­schos­sen, er ist ver­wun­det und merkt es nicht, das Blut läuft ihm in hel­len Strö­men davon. Wohin? Er könn­te auf­ste­hen und durch die Tür hin­aus­ge­hen, die Hans-Ha­jo vor­hin so che­va­le­resk auf­ge­hal­ten hat, es wäre ein Ab­gang für immer. Er könn­te es, aber er rührt kei­nen Mus­kel. Der Auf­ruhr ist innen und dort soll er auch blei­ben. Kein Mucks soll nach außen drin­gen, sie sol­len ihre Läs­ter­zun­gen nicht an ihm wet­zen, er will es nicht. Was also will er? Das ist schwer zu sagen.

Das Was­ser rauscht, das Was­ser schwoll. Mech­tel aber, die Gute, ver­steht sich zu einer Geste: sie presst ihr Bein so stark gegen das seine, dass es kein Zu­fall mehr sein kann, und krit­zelt etwas auf einen Fet­zen Pa­pier – eine Figur, die ihm nichts sagt, weil er viel zu an­ge­spannt ist, als dass er mehr als einen flüch­ti­gen Blick dar­auf wer­fen könn­te, eine Art To­tem­pfahl, er wuss­te gar nicht, dass sie eine so ge­schick­te Zeich­ne­rin ist.

Panik
23
Hiero: Figur 1
Epi­log

Das ist lange her.

  • ―Nun, meine Liebe, du glaubst doch nicht im Ernst...
  • ―Wärst du wirk­lich im­stan­de...?
  • ―Das hät­test du dir frü­her über­le­gen müs­sen, das ist jetzt alles ein wenig...
  • ―Ver­giss nicht, dass ich die gan­zen Jahre über...
  • ―Du bil­dest dir doch nicht ein, dass ich das alles auf­ge­be, nur...
  • ―Du hät­test längst dei­nen Ab­schluss fin­den müs­sen, ich kann dir da wirk­lich nicht...
  • ―Hast du ge­dacht, das ginge jetzt ewig so...
  • ―Ich bin doch nicht ver­rückt, je­den­falls nicht so...
  • ―Ein biss­chen Ver­ant­wor­tung über­neh­men kann doch nicht so schwer...
  • ―Dein Vater lebt aber nicht mehr, du kannst nicht so tun...
  • ―Wenn du nur einen Kopf hast, warum ge­brauchst du ihn nicht?

Das sitzt. Auch hier ist Leben, und falls Hiero ge­glaubt hat, er könne dem ent­ge­hen, so hat er sich, nun, ›ge­täuscht‹ ist nicht der rich­ti­ge Aus­druck, nicht ganz der rich­ti­ge Aus­druck.

Um aus einem Leben her­aus­zu­tre­ten, das ihm un­will­kür­lich ist, hätte er das Ba­de­was­ser nicht erst ver­las­sen brau­chen. Es hätte ge­nügt, sich still und leise die Puls­adern auf­zu­schnei­den, rich­tig auf­zu­schnei­den, nicht nach Di­let­tan­ten­art. Dass er es nicht ge­macht hat, zeigt, er ist durch­aus Herr im ei­ge­nen Haus, er kann es sein, wenn ihm da­nach ist.

Ihm ist nur nicht immer da­nach. Er wird jetzt an Heide vor­bei­ge­hen, einen Schritt vor den an­de­ren, Schritt um Schritt, wie es sich ge­hört. Das Raum-Zeit-Kon­ti­nu­um er­laubt sol­che Späße ohne wei­te­res, es wird ein gro­ßer Spaß sein, das ver­spricht er sich ohne Be­den­ken. Wenn der eine oder an­de­re Ver­spre­cher dabei ist, so nimmt er ihn, der Sache wegen, in Kauf. Nein, er lallt nicht, er hat auch nicht ge­trun­ken, das wird im Lauf des Abends pas­sie­ren, er weiß noch nicht, wie er zu­rück­kom­men wird, ob... Aber jetzt, nüch­tern, gehen ihm schon ein­mal die Worte ab, er muss sich da­nach bü­cken, das sieht nicht gut aus, sieht wirk­lich nicht gut aus, er soll­te es las­sen. Sol­len sie doch rol­len, wohin sie wol­len. Ein Mann braucht nicht immer Worte für das, was er tut, vor allem, wenn er ge­wohnt ist, sie am Schreib­tisch zu ver­brau­chen, das ge­lingt nicht jedem im Leben, nicht jedem. Im Grun­de kann er stolz sein, nicht auf das Er­reich­te, das steht ein wenig küm­mer­lich da, aber viel­leicht auf das, was er noch er­rei­chen will. Das je­den­falls wäre ein Vor­schlag.

Ein Vor­schlag im Guten. Er könn­te ihn auf­schrei­ben wie so man­ches an­de­re, aber es ist zu spät. Es ist auch nie­mand da, der ihn lesen woll­te. Einer wie er kann sich win­den, um der Tor­tur zu ent­ge­hen, was sonst? Sie aber steht am Ende des Tun­nels und weicht nicht... Trägt sie Reit­peit­sche heut’ oder nur Bry­gidas schi­cke Uni­form? Das ist im Grun­de egal.

Sohn sein, wohin die Füße auch tra­gen. Hier­hin, dahin, kreuz und quer, eine Kul­tur­land­schaft tut sich auf, die Welt will er­gan­gen wer­den. Er­gan­gen, hörst du, Hiero? Schrei doch nicht so, die Nach­ba­rin wird schon ganz blass. Das wird sie immer, du kannst ihr dabei nicht hel­fen. Sie ist eine Hüb­sche, das darf wohl noch ge­sagt wer­den. Oder ge­dacht. Viel­leicht kennt auch sie einen Ver-, Ver-, Vor­schlag, auf den man ein­ge­hen könn­te, wenn einem der Grif­fel ent­glei­tet, ver­schla­gen sind sie doch alle. Diese etwas be­klom­me­ne Pil­ger­schaft wird es am Ende nicht brin­gen. Doch, du weiß das, auch die­ser Ge­dan­ke ist Klon­di­ke-Gold, ein biss­chen kon­ta­mi­niert viel­leicht, das liegt si­cher am Drang, der einen in die­sen Din­gen be­seelt, wie über­haupt, du hast nicht um­sonst den alten Bar­tosz...

Was? Ja Was? ›In die Pfan­ne ge­hau­en‹ woll­test du sagen. Aber das ist doch Un­sinn, er­sicht­lich Un­sinn, will sagen: eine er­bärm­li­che Vor­stel­lung, so ein Wort kommt dir nicht über die Lip­pen.

Exit