DAS UNGELEBTE
Die Paare
1
Renate Solbach: Figur 1
Post Scriptum

Auch nach über zwei Jahren bin ich mir nicht sicher, ob ich für die Art von Aufgabe, die ich damals nur deshalb übernommen habe, weil ich keinen Anlass sah, mich ihr zu entziehen – jedenfalls erinnere ich mich an keinen anderen Grund –, auch der richtige Mann bin. Zweifel daran sind denkbar. Hätte ich an jenem Abend geahnt, worauf ich mich einließ – der richtige Mann hätte es wohl –, so hätte ich mich vermutlich geweigert, zumindest aber gezögert, den mir zugedachten Part so umstandslos zu übernehmen.

Wenn ich heute, entschlossen, der Sache ein Ende zu setzen, mit ihr an eine begrenzte Öffentlichkeit gehe, dann nicht, weil ich glaube, damit einer Entscheidung ausweichen zu können. Ich weiß, dass ich ihr schon zu lange ausgewichen bin und sie mir so oder so bevorsteht. Eines nahen oder fernen Tages wird meine Entschlusslosigkeit in sie münden – und damit Folgen zeitigen, die ich nicht im mindesten abschätzen kann. Mag sein, dass dieser Umstand mich so lange zuwarten ließ, mag sein, dass ich in Wahrheit angesichts der Unausweichlichkeit dessen, was danach kommen wird, untätig blieb. Wie auch immer, die Situation, in der ich mich befinde, wirft mich ein ums andere Mal auf das Problem zurück, das ihr zu Grunde liegt. Das ist für jemanden, dessen Beruf Probleme nicht zulässt – vor allem nicht ungelöste – keine kleine Sache, ein Desaster im Grunde, vor allem dann, wenn sich dieses Problem als nicht nur unlösbar, sondern unbeschreibbar erweisen sollte, obwohl es von mir – und mir allein – eine klare und eindeutige Lösung verlangt.

Zum besseren Verständnis der folgenden Darlegungen, zu denen ich mich veranlasst sehe, um der Sache vielleicht auf diesem Weg die entscheidende Wendung zu geben, beginne ich mit der Erinnerung an den bereits genannten Abend. Ich muss das erklären: wie die Dinge stehen, verfüge ich über zwei Versionen dessen, was andere den ›Hergang‹ dieser Geschichte nennen würden. Eine davon hält mein wie immer argloses Gedächtnis bereit, sooft ich es befrage. Die andere habe ich seither aus Fakten und Mutmaßungen zusammengetragen, ohne dass es mir gelungen wäre, beide miteinander zu verbinden. An manchen Tagen scheinen sie fast zu verschmelzen, an anderen liegen sie so weit auseinander, dass ich schwankend werde und überlege, ob ich damals überhaupt mit Rennertz zusammengetroffen bin – gewiss eine unsinnige Anwandlung, denn nichts war ungewöhnlich, als ich ihn an einem verregneten Julitag von einem Autobahntelefon aus anrief und mich mit ihm zum Abendessen in einem Düsseldorfer Restaurant verabredete. Wir haben uns selten gesehen, auch früher, obwohl ich ihn als Gesprächspartner schätzte und eine etwas vage Freundschaft uns miteinander verband. Ich war geschäftlich im Norden unterwegs gewesen und befand mich auf der Rückreise. Rennertz kam, wie immer, aus Solingen herüber. Ich war wenige Minuten vor ihm eingetroffen, mit leichtem Spott registrierte ich den sprichwörtlichen Dackelblick, der den Raum abtastete, ehe die zugehörige Person eilig, die Schultern nach vorn gezogen, den Tisch ansteuerte, an dem ich Platz genommen hatte. Rennertz, dies vorneweg, war alles andere als eine komische Figur. Weniger als sein Blick amüsierte mich der Umstand, dass er zu einem wie ihm nicht zu passen schien. Außerdem gehörte es sich so – hätte uns jemand gefragt, so hätten wir beide, glaube ich, ohne Zögern den Spott als das Elixier unserer Freundschaft bezeichnet. Damals meinte ich noch zu wissen, dass dieser zurückhaltende, von einem unausgesprochenen, womöglich unaussprechlichen Hochmut erfüllte Mensch sein Geld in der Werbebranche verdiente.

Durchforste ich mein Gedächtnis, so kann ich noch immer nicht finden, dass sich der Abend von früheren wesentlich unterschied. Rennertz wirkte, soweit seine Konstitution einen solchen Eindruck zuließ, gelassen – entspannt wie nach konzentrierter Arbeit, mit einem Schuss Müdigkeit, der sich im Gespräch bald verflüchtigte. Das Essen war gut, etwas reichhaltig, wie ich mich erinnere, wir unterhielten uns angeregt, von der Unterhaltung selbst ist mir kaum ein Wort geblieben. Ich sollte erwähnen, dass Rennertz und ich bis auf eine Ausnahme keine gemeinsamen Bekannten besaßen, dadurch erübrigte sich dieses Thema. Jeder von uns hätte es für unangemessen gehalten, seine privaten Verhältnisse vor dem anderen auszubreiten oder sich in den entsprechenden Andeutungen zu ergehen. Wir sprachen über Politik, über Wirtschaft, über die sichtbaren und unsichtbaren Fäden, die diese beiden Bereiche verbinden. Das war Rennertz’ Revier und er dominierte: ungeheuer kenntnisreich, mit einem spielerisch anmutenden Willen zu abseitigen Erwägungen, in deren Verlauf es ihn wenig kostete, eine soeben erst geäußerte Ansicht ironisch zu überblenden und ins Absurde abgleiten zu lassen, ohne dass der beharrliche Ernst seiner Argumentation darunter merklich gelitten hätte.

Was er sagte, faszinierte mich, und wie er es sagte, auch. Mein Wille, dagegenzuhalten – den er wie selbstverständlich verlangte –, litt darunter, wenngleich nicht sehr. An diesem Tag – ich hoffe, es war an diesem und nicht an irgendeinem früheren – überraschte mich Rennertz (oder auch nicht, das ist von heute aus schwer zu entscheiden) durch ein paar hingestreute Bemerkungen über den Beruf des Schriftstellers, in denen er einen Ton anschlug, den ich von ihm sonst nicht kannte. Genau genommen sprach er nicht über Schriftstellerei, sondern über den Markt für Literaturprodukte – ein Unterschied, den ich immer festgehalten habe.

So wie er darüber redete, hätte er sich auch über Molkereiprodukte verbreiten können und meine Aufmerksamkeit musste wo möglich erst durch die nachfolgenden Ereignisse geschärft werden, um mich den Clou seiner Überlegungen begreifen zu lassen. Wenn ich darüber nachdenke, werde ich den Verdacht nicht los, dass er mit mir in meiner Sprache über diese Dinge reden wollte. Das konnte nur schiefgehen und zeigt mir, wie weit wir uns bereits voneinander entfernt hatten. Er gab sich, Spott in der Stimme, davon überzeugt, dass die Grenze zwischen einem belanglosen ›Dialekt‹ und einer Literatursprache dort verlaufe, wo der Markt gerade noch groß genug sei, um die Masse der für ihn produzierenden Schriftsteller zu ernähren – »wohlgemerkt ernähren«, wiederholte er, das Weinglas in der Rechten. In einer Sprache zu schreiben, die dieses Kriterium nicht erfülle oder in absehbarer Zeit nicht mehr erfüllen werde, sei Angelegenheit von Dilettanten. »Von denen gibt es natürlich immer genug«, meinte er, das Thema abschließend und lächelnd, wie ich mich zu erinnern glaube, und stellte das Glas zurück.

Noch immer sehe ich ihn lächeln – obgleich ich weiß, dass es so nicht gewesen sein kann –, ironisch, ein wenig entgleitend, mit den Händen die Beiläufigkeit des soeben Gesagten oder des Folgenden unterstreichend. »Ich bin im Begriff, Sie zu bitten, mir einen Gefallen zu tun – nein nein, nicht jetzt, vielleicht später, vielleicht wird es sich auch gar nicht ergeben«, wehrte er eine entsprechende, von mir eher rituell vollzogene Geste ab. »Es geht um eine Kleinigkeit, die ich Ihnen im Fall meines Ablebens zur freien Verfügung überlassen möchte. Aber Sie sehen ja, ich bin völlig gesund, es hat keine Gefahr.« Mehr wurde über den Gegenstand nicht gesprochen.

Die Sendung kam etwa drei Monate später. Ich fand sie auf meinem Schreibtisch, während ich mich in Gedanken auf eine Sitzung vorbereitete, und legte sie auf die Seite. Am nächsten Tag (ich hatte es dazwischen völlig vergessen) bewog mich eine vage aufscheinende Erinnerung an den halbversunkenen Abend, mir einen Cognac einzugießen, ehe ich das sorgsam verschnürte Päckchen hervorholte. Es enthielt ein maschinenschriftliches Manuskript von annähernd tausend Seiten, gebunden in blaugrau marmorierten Karton, den Rücken mit einem breiten, schwarzen, um die Kanten herumgeführten Klebeband überzogen. Auf dem inneren Deckblatt stand der Name meines Freundes, ›Georg Rennertz‹, dahinter ein Doppelpunkt, darunter, einige Leerzeilen abgesetzt, Nach dem Jenseits. Es handelte sich, wie ich beim raschen Überblättern entschied, um etwas nach Art eines Romans.

Die Paare
2
Renate Solbach: Figur 2
Der ungeeignete Mann

Weder damals noch später kamen mir Zweifel am seriösen Charakter der Hinterlassenschaft, die mir da auf den Tisch geflattert war. Zu eindeutig klang die Botschaft und der Part, den sie mir zuwies, forderte meine Seriosität heraus: das machte mich blind für die Differenz zwischen der Aufgabe, die man mir zugedacht hatte, und der Schwierigkeit, sie angemessen, also nach meinem Maß auszufüllen. Dass Rennertz tot war, erschien mir keinen Augenblick zweifelhaft. Warum auch? Ich wusste so gut wie nichts davon, wie er gelebt hatte, warum sollte ich mich für die Umstände seines Ablebens interessieren? Vor wenigen Wochen war er mir noch quicklebendig erschienen, aber das hatte vor dem Hintergrund seiner damaligen Worte und der jetzigen Sendung wenig zu bedeuten. Allenfalls nährte es einen schwachen Verdacht, den ich grimassierend von mir wies. Von seiner Schriftstellerei hatte ich nicht die leiseste Ahnung besessen, jetzt war es zu spät, ihn danach zu fragen. Komischerweise musste ich annehmen, dass ich als einziger von ihm ins Bild gesetzt worden war, es sei denn, ich betrachtete meine Erbschaft als eine posthum veranstaltete Farce, wozu kein Anlass vorlag. Da die literarische Welt außerhalb meines Lebenskreises liegt, mussten ihn schon besondere Gründe bewogen haben, sein Werk gerade mir zu vermachen. Es schien müßig, darüber zu spekulieren: Vereinsamung konnte ein Motiv sein, Vertrauen ein anderes – in meinen Charakter, mein Urteilsvermögen, was auch immer. Ich weiß es nicht und werde es wohl nicht mehr erfahren. Meine Aufgabe war es, das Material zu prüfen und die nötigen Schlüsse zu ziehen. Es gab kein Begleitschreiben, kein Postskriptum, nichts, das in irgendeiner Richtung hätte anleiten können, es gab nichts weiter als den von mir aus laienhaftem Unverständnis heraus so genannten Roman, zu dessen Lektüre ich mich in den folgenden Wochen Abend für Abend zurückzog. Nach drei Monaten brach ich sie – aus damaliger Sicht ergebnislos – ab.

Was war geschehen? Wenn ich Rechenschaft darüber ablegen soll, was ich gelesen hatte, so muss ich gestehen, ich hatte, nach meinem Eindruck, nichts gelesen. Die Behauptung klingt etwas konfus, deshalb werde ich versuchen, sie, so gut es geht, zu erläutern. Ich hatte etwas gelesen, dessen Bedeutung sich vor mir zurückzog, Satz für Satz, bis sie am Ende – unvermittelt, wie es mir vorkam – an den Anfang zurücksprang. Ich hatte nichts verstanden, das ist richtig. Aber ich weigere mich, diese Feststellung als Erklärung zuzulassen: die Erfahrung, die ich in jenen Monaten eines rast- und ratlosen Buchstabierens machte, war, ich kann es nicht anders sagen, die einer Abwesenheit, die zu beschreiben sich mir die Sprache versagt. Vielleicht deshalb, weil es keine Sprache gibt, in der auf zweckmäßig differenzierte Weise über Abwesenheit zu reden möglich wäre. Am Ende der Lektüre stand meine Überzeugung fest: ich hatte es mit dem Werk eines Verrückten zu tun.

Das klingt, ich weiß, wie die Einladung zu allerlei Fehlspekulationen. Das ist nicht meine Absicht. Es liegt mir fern, mit dem Andenken meines verstorbenen Freundes zu spielen. Das Gegenteil ist der Fall: weil ich mich für verpflichtet halte, Missverständnisse abzuwehren, die seinen Namen zum Gespött machen würden, stehe ich vor dem Problem, das ich durch diese Niederschrift zu klären versuche. Der Rennertz, den ich gekannt hatte, war nicht verrückt. Der Verrückte, der den Roman geschrieben hatte, war nicht mein Rennertz. Natürlich zweifelte ich nicht an seiner Autorschaft, doch zu keinem Zeitpunkt meiner Lektüre hatte ich den Eindruck, ein Dokument in Händen zu halten, das mich zwang, meine Ansichten über seinen Geisteszustand im nachhinein zu revidieren. Diese Verrücktheit, der ich als Leser – je länger desto gewisser – aufzusitzen glaubte, schien sich vollständig im Hervorbringen dieses Romans zu verausgaben. Ich dachte sie mir als eine Art insularer Geistesverfassung, die in der Schreibsituation hervorgetreten und mit ihr entwichen war. Statt über einen anderen Rennertz Auskunft zu erhalten als über den, den ich gekannt hatte, und damit, zugegeben, die recht unverblümte Neugier zu befriedigen, mit der ich das Manuskript anfangs aufgeschlagen hatte, erfuhr ich – sozusagen – überhaupt nichts.

Ich möchte nicht behaupten, dass mich das damals beunruhigte. Ich war verblüfft, zunächst über das Gebilde, das ich, ohne dass Zweifel möglich waren, in Händen hielt, dann mehr und mehr über mich selbst, dessen Hände das Unfassbare ein ums andere Mal aufgeblättert hatten. Mein Gefühl sagte mir, dass ich versagt hatte, aber auch, dass ich Zeit hatte, unendlich viel Zeit, mein Versagen zu revidieren. Ich war kein Kritiker, demnach fand ich keinen Grund, mich zu beunruhigen, es sei denn... Aber zunächst hatte ich Zeit, mich kundig zu machen, ohne aus den Augen zu lassen, dass Rennertz ja gerade mich gewählt hatte und also auf mein Urteil vertraute, auch wenn es auf schwankender Informiertheit fußte. Mein Versagen konnte demnach nur vorläufig sein, es sei denn, es lag nicht auf meiner Seite, sondern auf seiner. Diese zunächst blasse Möglichkeit war es, die mich mit der Zeit stutzig machte. Sollte sie – hypothetischer Fall! – zutreffen, dann war ich zwar meiner Verpflichtung ledig. Doch es schien mir nicht fair, dass ich es war, der darüber entscheiden sollte, ob es sich so verhielt. Wie hätte ich können? Die bloße Möglichkeit machte die Sicherheit, mit der ich annahm, annehmen musste, dass in diesem Fall alles auf mein Verständnis ankam, zunichte. Wenn er sich getäuscht hatte (was mir noch als die gelindeste Form des Versagens erschien), so war die offene Frage, ob er sich in mir, in sich selbst, oder in seinem Werk getäuscht hatte, jedenfalls nicht von mir zu beantworten. Der Fall lag außerhalb unserer Abmachung. Sie setzte voraus, dass jeder von uns seinen Part erfüllte, und Rennertz glänzte durch Abwesenheit, insofern er offenließ. Abwesenheit – das Wort, das sich unwillkürlich ein zweites Mal eingestellt hatte, machte mich nachdenklich. War es dieselbe Abwesenheit, die hier auf sich aufmerksam machte? Wenn ja, gab es eine Beziehung zwischen beiden? Diese Frage musste wohl bejaht werden, schließlich hatte die erfahrene Abwesenheit von Sinn in jenem monströsen Werk die Frage nach dem Versagen provoziert. Doch ich dachte bereits an etwas anderes, an etwas Verbundeneres, Logischeres als an den bloßen Komplex von Verdachts- und Versagensmomenten, an ein Spiel, das Rennertz, ich möchte nicht sagen, mit mir trieb, denn dazu schien mir meine Rolle noch immer zu marginal; heute würde ich sagen: an eine Falle.

Ich kenne die Frage, habe sie mir selbst oft gestellt: war das nicht der Augenblick, die Sache auf sich beruhen zu lassen? Ich bin Geschäftsmann, familiär veranlagt, nichts zwang mich, ihr weiter nachzugehen. Nach meinem Selbstverständnis gehöre ich zur Spezies der vielen, die nicht schreiben, sondern schreiben lassen, weil sie ein instinktiver Respekt vor der arbeitsteiligen Gesellschaft daran hindert, sich der Aufgabenfelder anderer Menschen zu bemächtigen. Andererseits erfüllt mich der Gedanke an den Raum, der mir in diesem Organ zur Verfügung gestellt wird, leerer, schreibend von mir zu füllender Raum, mit einer schwer zu erklärenden Unruhe. Es muss genügen, wenn ich sage, dass ich zu keinem Zeitpunkt daran gedacht habe aufzugeben. Nicht, dass ich dem Verstorbenen gegenüber Skrupel gehabt hätte – ein paar, vielleicht –: es gab keinen Augenblick, zu dem ich hätte loslassen können. Das hier war von einem bestimmten Punkt an nicht länger eine Sache, die ausschließlich Rennertz’ Nachlass betraf, sondern meine. Sie wurde es umso mehr, als ich entdeckte, dass dieser Nachlass nicht das unbekannte Werk eines unbekannten Autors umfasste (damit hätte sich umgehen lassen), sondern dass er das Werk eines Autors darstellte, der einfach niemals existiert hatte. Der Gedanke, einmal gefasst, war unabweisbar: es gab keinen zweiten Rennertz neben dem zu entdecken, den ich gekannt hatte, kein Leben im Verborgenen, dessen Resultate zwischen den beiden marmorierten Deckeln lagerten, bereit, Allgemeingut zu werden. Es gab ihn nicht zu entdecken, weil es ihn zu keiner Zeit gegeben hatte. Der Abwesenheit des Romansinns korrespondierte die Abwesenheit des Autors. Die Frage war also nicht, ob Rennertz versagt hatte oder ob ich dabei war zu versagen. Es war unser Versagen und es war wechselseitig, einfach deshalb, weil er es so eingerichtet hatte. Das Geschäft des Kritikers setzt, denke ich, eine Börse voraus, die den Kurswert eines Schriftstellers notiert – einen momentan vielleicht nur geringen, doch man wird sehen. In gewisser Weise hatte ich, wenngleich nur vorläufig, die Aufgabe des Kritikers übernommen. Wenn mein Schriftsteller noch nicht auf dem Markt war, so musste es wenigstens möglich sein, seinen Kurswert zu antizipieren. Nur so konnte ich ermessen, woran ich mit ihm war. Aber Rennertz, wie gesagt, glänzte dadurch, dass alles anders, nämlich unbestimmt, blieb. Es stellte sich, wie man so sagt, nichts her. Nicht allein das Buch enthielt unser Versagen, auch die Leere, die es umgab. Kein Tagebuch, kein Essay, keine Lektüre verriet den Anspruch, unter dem es entstanden war und woran ein Kritiker es hätte messen können. Einmal auf dem Weg, gingen meine Gedanken wie von selbst: wovon sonst legte der Konvolut Zeugnis ab als davon, dass sich Rennertz dem immer möglichen Scheitern versagt hatte, und also von seiner Angst vor dem Scheitern? Das Versagen war in Wahrheit (hier blickte ich mit unverhohlener Hochachtung auf das von jahrelanger Anstrengung zeugende Manuskript) ein auf die ungelebt gebliebene Person zurückgewandtes Sich-Versagen. So jedenfalls nannte ich es bei mir, irgendwann war mir, als hätte ich schon immer gewusst, dass seine von mir früher so geschätzte Existenz von dieser Hohlform ebenso unauffällig wie stetig aufgebraucht worden war.

Und hier war es, mein Problem – eines, das man gemeinhin nicht erbt, jedenfalls nicht so, wie mir das zugestoßen war. Mir wollte scheinen, man hat es nicht einmal, es sei denn, alles ist zu spät. Anders gesagt: der Augenblick, in dem es in Erscheinung tritt, ist gewöhnlich der, in dem es sich löst. Ein Verfasser, der sein fertiges Buch aus der Hand gibt, macht es damit zu einem allgemeinen Gut und sich selbst zur öffentlichen Person. Offenkundig war das im Falle Rennertz nicht geschehen. Meine Aufgabe bestand darin, das Werk zu publizieren und so dem Autor die Anerkennung als Schriftsteller im nachhinein einzuhandeln, die ihm im Leben versagt geblieben war. Man konnte das als legitime Arbeitsteilung betrachten. Seine Durchsetzungskraft hatte nicht ausgereicht, die Metamorphose zu erzwingen. Also würden wir als Zwillinge in die literarische Welt eintreten – er als Autor und ich als der Initiator seiner öffentlichen Existenz. Rasch wurde mir klar, was das für mich selbst bedeutete: ich müsste, stellvertretend, seinem misslungenen mein – das heißt in Wahrheit: sein posthum – gelingendes Leben hinzufügen. Ich müsste den Teil seines Lebens, den zu führen ihm nicht vergönnt gewesen war, für ihn führen, und ich könnte, verwirrend genug, dies nur leisten als autorisierter Interpret seines Unglücks. So sah es aus.

Ich sage, ich hätte es getan, trotz aller Bedenken – ich hätte es getan und ich würde es heute auf der Stelle tun, vorausgesetzt, Rennertz’ Nachlass rechtfertigte ein solches Vorgehen. An diesem Punkt wurden meine Zweifel handfest: was, wenn das nachgelassene Opus nichts weiter war als das Dokument einer Strategie, die genau das zu vermeiden getrachtet hatte, was zu tun ich halb im Begriff stand? Ich gestehe: in einem argwöhnischen Augenblick erblickte ich den mir über der Lektüre entgangenen Sinn des Romans darin, in der Einbildung – wessen? – den Raum für all die Werke zu besetzen, die der Verfasser hätte schreiben können, wenn er nur gewollt hätte. Es handelte sich um einen Platzhalter, nichts weiter. Ich versuchte, der Vorgabe in ihre Verästelungen hinein zu folgen. Demnach bestand die Leistung des Autors darin, dass er sich schreibend dem Schreiben und seinen Folgen entzogen hatte. Erneut schlugen meine Zweifel in Selbstzweifel um. Angenommen, ich war der Mann, den Rennertz im Auge gehabt hatte, als er das Paket für mich schnürte – unbegreiflich, wie gerade ich den Knoten lösen sollte! Es gab nur eine Lösung, die seine Intelligenz befriedigt haben mochte. Er hatte meine Skrupel vorausgesehen.

Konnte er das? Er musste gewusst haben, dass ich mich für die Aufgabe, die er mir hinterließ, nicht zuständig fühlen würde. Also musste ihn meine nicht zu übersehende Inkompetenz in literarischen Dingen angezogen haben. Darauf lief es hinaus: die zu vermutende Sorgfalt, mit der ich, der ungeeignete Mann, von ihm ausgewählt worden war, legte den Gedanken nahe, dass der Auswählende die Entfaltung des Problems – seines, meines – einer raschen Lösung vorzog. Kompetenz und Inkompetenz waren zwei Seiten ein und derselben Sache. Mich verblüffte die Sicherheit, mit der er davon ausgegangen war, dass ich mich nicht entziehen würde. Doch das ging wohl nur uns beide an.

Die Paare
3
Renate Solbach: Figur 3
Nach dem Jenseits

Angenommen, es war korrekt zu sagen, dass ich nichts gelesen hatte – schließlich ist ein Eindruck schwer widerlegbar –: natürlich ist mir bewusst, damit – fast – nichts gesagt zu haben. Es gibt so viele verschiedene Nichtse, klein oder groß geschrieben, dass es bei einer solchen Behauptung mit der gebotenen Klarheit nicht weit her sein kann. Verhielte es sich anders, wären meine Ausführungen bereits am Ende. Ich gebe zu, dass mir die Rolle des Düpierten nicht liegt. Vor die Wahl gestellt, sie anzunehmen oder weiter zu geben, würde ich mich vermutlich nicht lange besinnen. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Ich habe jene tausend Seiten gelesen, eine um die andere. Zumindest kann ich bezeugen, dass sie geschrieben wurden. Ich habe sie gelesen, kein Zweifel, und ich muss den genannten Eindruck wohl dahingehend korrigieren, dass ich nichts Bestimmtes gelesen hatte – wenngleich die Behauptung, es sei einfach und sozusagen ganz und gar unbestimmt gewesen, mir reichlich ungereimt vorkommt. Vielleicht wäre es richtiger zu sagen, dass das, was ich las, nirgends die Aufmerksamkeitsschwelle überschritt, die Wahrnehmung und Nichtwahrnehmung voneinander trennt. Dabei weiß jeder, dass es eine reine Nichtwahrnehmung nicht gibt.

Ich nahm also etwas wahr, ohne es wahrzunehmen – seltsam nur, dass es mir bei aller Konzentration nicht gelang, die Schwelle zu passieren. Versuchen wir es anders: in dem Text, den ich las, blieb die intentio recta unbesetzt, während irgendeine intentio obliqua unaufhörlich meine Aufmerksamkeit fesselte und mich von der Aufgabe des Verstehens ablenkte. Ich benütze diese Schulausdrücke, deren Bedeutung mir nur vage geläufig ist, weil mir diese Vagheit dem Sachverhalt zu entsprechen scheint. Kann eine schiefe Bedeutung – eine, die voraussetzt, dass man bereits verstanden hat – einen so in den Bann schlagen, dass man darüber das Verstehen vergisst? Oder es sich einfach nicht herstellt? Worte, nichts als Worte. Und doch: hätte es sie nicht gegeben, so hätte ich das Manuskript vermutlich nach zwei Seiten aus der Hand gelegt, um es nie mehr aufzuschlagen. Wenn ich weiterlas, dann mit der konzentrierten Zerstreutheit, mit der man als Unbeteiligter den Verrichtungen der Handwerker am Bau zusehen kann, ohne die Pläne des ausführenden Architekten zu kennen oder sich im mindesten um sie zu scheren. Zu besichtigen waren die vielen kleinen Verrichtungen, aus denen ein Roman entsteht (deshalb hatte ich nach dem ersten Überlesen ohne Zögern entschieden, dass es sich um einen Roman handelte), auch wenn ich feststellen musste, dass aus ihnen nichts entstand – eine unhaltbare Formulierung, denn was entstand, hielt diese Mitte zwischen etwas und nichts, mit der ich zugegebenermaßen nichts anzufangen wusste.

Immerhin: das Schreibwerk besaß einen Titel, den ich zuerst überlesen hatte. Mein Geschmack fand ihn zu literarisch, dass Rennertz ein verkappter Mystiker gewesen sei, hielt ich für abwegig. Eine andere Auslegung, an die ich anfangs keinen Gedanken verschwendet hatte, begann mich zu beschäftigen, sobald ich bemerkte, dass dem Werk der Autor fehlte – sei es, dass er sich von ihm zurückgezogen, sei es, dass er in ihm nicht angekommen war. Wenn er sich willentlich hinter die Sinnlosigkeit seiner Sätze zurückzog, so verwiesen die Sätze umgekehrt auf ein Jenseits ihrer selbst, von dem her sie gesprochen wurden. Wenn man es so verstand, war das Jenseits der Ort, an dem sich der Autor vor seinem Leser verborgen hielt, und der Titel bekräftigte im voraus die Ratlosigkeit des Lesers. Das war weniger als nichts, aber es war eine Erklärung, wenngleich sie den Titel durch das Buch und nicht das Buch durch den Titel erläuterte. Was ich allerdings suchte, ohne mir dessen ganz bewusst zu sein, war ein Kompass, der meiner Lektüre die Richtung wies. Ich hatte Bücher gelesen, die aus aneinandergereihten Aperçus bestanden, sozusagen zum schnellen Verzehr an Ort und Stelle bestimmt; bei ihnen hatte sich kein vergleichbarer Wunsch eingestellt. Dieses hier vermied jede Zuspitzung, seine Sätze hoben sich kaum im Fluss des Erzählens, der Sinn, den jeder von ihnen aufs neue vertagte, war erkennbar kein Satzsinn, sondern ein Folgesinn in jener doppelten Bedeutung, die einen folgen heißt und Folgerichtigkeit verspricht. Von seinem Titel durfte man daher erwarten, dass er wenigstens eine Strecke weit in das Buch hineinführte, vielleicht nur gerade so weit, dass der Leser sich an die Art der Fortbewegung gewöhnen konnte, die ihm abverlangt wurde. Im Weiterdenken wunderte ich mich darüber, wie blind ich gewesen war. Wenn jeder Satz den Sinn gleichsam ungeöffnet an den anderen weiterreichte, ohne dass einer kam, der – fast hätte ich gesagt: die Katze aus dem Sack ließ, wie konnte ich dann sicher sein, dass ich die Bewegung der Worte auch richtig interpretierte? Ich versuchte es mit einem Bild: falls ich nicht mit dem Strom, sondern gegen ihn schwamm, konnte das ohne weiteres heißen, dass mein Verstehen gerade dann stillstand, wenn ich in meiner Lektüre bestens vorankam. So betrachtet, bewegten sich die Formulierungen des Romans von vornherein jenseits der Aufschlüsse, die ich von ihnen erwartete. Der Sinn, den der Titel dadurch bekam, war unerwartet, aber vernünftig. Es war keiner, der diese oder jene Lesefrucht verhieß, sondern der von allen Autoren vergeblich gesuchte, der einzige, der das Werk bis zum letzten Satzzeichen in sich begriff.

Das hieß beileibe nicht, dass das Buch jetzt umstandslos die Bedeutungen entfaltete, die ich so lange an ihm vermisst hatte. Jeder einzelne Satz hatte ja die erwartete Bedeutung bereits hinter sich, er zog sie sozusagen hinter sich drein. Diesseits war nur der Titel; jenseits des Titels begann der Text. Das klang zwar trivial, aber nur, wenn man das Problem verdrängte, das er aufdringlich unaufdringlich benannte. Man konnte darüber die Schultern zucken, aber das kann man immer; die Pose schien mir vernachlässigbar. Auf alle Fälle überstieg ein Roman, der eine Welt jenseits der Bedeutungen entwarf, meine Fassungskraft bei weitem. Das war hier offenkundig der Fall: insofern er sich jenseits weiterspann, setzte er überall einen Sinn voraus, und zwar keineswegs nach Art eines Ratespiels, bei dem es darauf ankommt, das Lösungswort zu finden ›e poi basta‹. Eigentlich – eigentlich, ja... – ach Gott, ja, sollte es doch um das Konkrete gehen, dem der Text Satz für Satz enteilte, vielleicht sollte ich schreiben: entwischte. Sieh an, dachte ich mir, wenn die Bedeutungen, von denen sich das Geschriebene da fortlaufend absetzt, durch nichts begrenzt werden, dann kann der Sinn nur identisch sein mit dem Universum der Bedeutungen. Seltsam wäre das schon, das ›Universum der Bedeutungen‹ ist schließlich nur eine Idee, als solche unbrauchbar für einen Roman, der über seine ganze Spannweite verfügen müsste, um die versprochenen Wirkungen zu entfalten. Sieh an, dachte ich, da hat sich Rennertz also überhoben – ich gestehe, mir war nicht unwohl bei dem Gedanken. Sagen wir, er hatte sich übernommen, als er darangegangen war, es zu überschreiben – oder zu marginalisieren. Das Leben hatte ihn, wie jedermann, mit Vorgaben bedacht, von denen sich nicht absehen ließ, und es war ausgesprochen lästig, auf so vielen Seiten nichts über sie zu erfahren.

Weit davon entfernt, das Ziel zu erreichen, das ihm vorgeschwebt haben dürfte – nämlich jenes leuchtende Universum abzudunkeln –, hatte er etwas geschaffen, das Ähnlichkeit mit dem besaß, was die Physiker ein schwarzes Loch nennen. Es ließ zwar Bedeutungen ein, existierte also nach den Gesetzen des umgebenden Universums, erstattete sie aber nicht an seine Umgebung zurück. Setzte man das leuchtende Universum mit dem gleich, was man ›Kultur‹ nennt, dann hatte sein ›Werk‹ gerade in dem Maße an ihr teil, als es sich von ihr ausnahm – nicht dadurch, dass es sich zur Ausnahme erklärte, sondern allein durch sein irritierendes Geschriebensein. Es unterbrach ihre Gegenwart, das war alles. Das war alles? Die Überlegungen hatten eine Wendung genommen, deren Folgen ich, gelinde gesagt, nicht überblickte. Wer war dieser Rennertz? Eine Randfigur. Was hieß das? Kultur wird von Randfiguren gemacht, von Leuten, die einen Einfall ins Extrem treiben. Aber was Rennertz sich da ausgedacht hatte, gehörte nicht dazu: dieser Punkt spukte von da an in all meinen Überlegungen. Wenn es ein intellektuelles Universum gibt, dann unterscheidet es sich vom physikalischen dadurch, dass es Mitteilung ist, nichts-als-Mitteilung sozusagen. Es war bizarr, sich teilnehmend von ihm auszunehmen – eine leere Option.

Rennertz hatte sich in eine Zelle gesperrt, zu der allein er den Schlüssel besaß. Mit ihm hatte er – wer weiß – Tag für Tag zu spielen gewusst, bevor er ihm im Tod entfallen war. Die Theorie der schwarzen Löcher war Physik, nichts weiter – von Interesse insofern, als sie einen Extremfall postulierte. Doch wo lag das Interesse im Falle Rennertz? Geist zeigt sich oder er ist nicht vorhanden. Selbst wenn es anders wäre, wir wären immer gezwungen, es so zu sehen, weil uns keine andere Wahl bleibt. Ein schönes ›wir‹ drängte sich mir da über die Lippen (ich stand am Fenster, als mir die Sentenz entschlüpfte, als habe sie sich selbständig gemacht oder als habe sie in mir nur auf diesen Augenblick gewartet)! In der ›Welt des Geistes‹ – oder, was auf dasselbe hinauslief, der in edle Einbände gehüllten, die vornehmen Regale der Buchhändler füllenden Geister – existierte Rennertz nicht und daran würde sich niemals etwas ändern. Er hatte selbst dafür gesorgt.

Wenn ich mir erlaubte, zwei und zwei zusammenzuzählen, hieß das: Ich konnte nichts tun. Es war nichts zu tun, selbst wenn ich es wollte. Meine Verpflichtung endete an der Feststellung, dass Rennertz sich entzogen hatte. Ich wusste nicht, ob es in seinem Belieben gestanden hätte, an irgendetwas teilzunehmen, aber in einer Welt, in der jeder gezwungen ist, sich abzustrampeln und seinem tauben Mitmenschen ins Ohr zu schreien, wie großartig das alles sei, was man ihm anzubieten habe, wie wichtig für den Fortbestand der Gesellschaft und der Menschheit im Ganzen, wenn nur der andere jetzt, gerade jetzt, die fünf Minuten erübrige, derer es bedürfe, um ihm zuzuhören – in einer solchen Welt hatte er weniger als schlechte Karten, er hatte nichts, aber auch nichts in Händen. Niemand – ich betone: niemand! – durfte mir einen Vorwurf machen, wenn ich der Öffentlichkeit ein Werk vorenthielt, das in keine Lücke passte. Es zu veröffentlichen war purer Luxus und ich fragte mich, wie ich das überhaupt bewerkstelligen sollte. Am besten – es war ein Scherz, aber er traf ins Schwarze – wäre es gewesen, es als Fortsetzungsroman in einer Fachzeitschrift erscheinen zu lassen, mit fortlaufendem Kommentar, den natürlich ich hätte schreiben müssen, schließlich war es mein Fall, ich hatte ihn geerbt, und ihn abtreten kam unter keinen Umständen in Frage. Hier drehte sich das Argument. Wenn erst die therapeutische Lesart den Fall als Fall sichtbar machte, dann konnte es meiner nicht sein. Schließlich fehlte es mir an den Fachkenntnissen, deren es vermutlich bedurfte, um ihn zu beschreiben. Es war also besser, sich an einen Spezialisten zu wenden, nur ... in welcher Sache? Zweifellos doch, um die Hinterlassenschaft eines Verrückten auf den Markt zu bringen – eine etwas aus der Art geschlagene Postmortem-Ehrung, die ich mir da ausgedacht hatte. Wer war ich? Ein weitläufiger Bekannter, der keinen Grund besaß, einen Defekt an die große Glocke zu hängen, den der Verblichene ein Leben lang zu verbergen gewusst hatte. Man konnte es wenden wie man wollte, ich besaß nicht das mindeste Recht, das Machwerk zu veröffentlichen. Im Gegenteil, ich hatte Rennertz vor seinem Nachlass zu schützen – das galt auch dann, wenn er etwas anderes gewollt hatte.

Hatte er es gewollt? Armer Rennertz! Die Fakten schwiegen und das war vielleicht gut so. Vielleicht schwiegen sie auch nicht und schrieen ihre Wahrheit in den Raum, nur ich blieb taub und vernahm rein gar nichts. Auch diese Möglichkeit musste erwogen werden, aber es gelang mir nicht, ihr die Pointe abzugewinnen. Worin sollte sie bestehen? Angenommen, ich hielt sein Werk, sein Lebenswerk (war das eine Steigerung?) gegen seinen – unerklärten – Willen zurück, so stand Recht gegen Recht, sein Recht gegen meines. Eine verzwickte Situation: schließlich hatte er das Recht, das ich als meines ansah, auf mich übertragen. Es war also sein Recht, das ich gegen ihn wandte. Woher nahm ich dann das Recht, seines zu ignorieren?

Ich kannte Rennertz, kannte seine Art, mit Sachverhalten zu spielen, sie hin und her zu drehen, bis sich eine Wendung fand, die in einem anderen Zusammenhang bestenfalls als Witz hätte durchgehen können, aber in dieser Folge, an dieser Stelle, eine Richtigkeit besaß, die jeder, der dabeisaß und zuhörte, anerkennen musste, so dass gerade hier eine Stille entstand, die sich nur dadurch auflösen ließ, dass man von etwas anderem zu sprechen begann. Unvermittelt – vielleicht weil mir die Frage, die sich da stellte, unausdenkbar erschien – verfiel ich jetzt in seinen Duktus: Was, wenn da jemand mit ins Spiel kam und Ansprüche stellte, den ich nicht kannte? Oder zu gut kannte, als dass ich ihn bisher in Betracht gezogen hätte? Die Öffentlichkeit etwa war ein Kandidat für das, was ich meinte. Sie konnte Ansprüche stellen – oder auch nicht, wer sollte das wissen –, die darauf beruhten, dass es sich bei Rennertz’ Nachlass um Literatur handelte. Schließlich setzt die Existenz von Literatur Öffentlichkeit voraus, für wen wird sie sonst geschrieben? Wenn die gute Dame Öffentlichkeit die Annahme eines Buches verweigert, so ist das ihr gutes Recht. Niemand trägt deswegen Bedenken, ob die Adresse auch stimmt und es nicht an anderer Stelle hätte abgegeben werden sollen. Im Gegenteil: Fehlleitungen, etwa durch posthum ergehende Willensäußerungen des Autors, sind geeignet, ihren ganzen Zorn zu entfachen und sie verhält sich, als habe ihr jemand etwas vorenthalten, das von Anbeginn an ihr Eigentum war. Ich tat also gut daran, das Manuskript jedermann zugänglich zu machen, zumindest, es an der Grenze zwischen Öffentlichkeit und Nichtöffentlichkeit zu deponieren. Ein absurder Einfall: schließlich entschied die kleine Spanne zwischen meinem Einsatz und meiner Gleichgültigkeit darüber, ob das Buch das Licht der Welt erblickte und damit die Bedingung erfüllte, unter der es als vorhanden betrachtet werden durfte.

Der Widerspruch, auf den ich hier unverhofft stieß, sollte mich längere Zeit beschäftigen. Zwischen dem Interesse der lesenden Allgemeinheit an allem Geschriebenen und dem an diesem Werk, an dieser Arbeit, deren Verbreitung zufällig in meine Hände gelegt worden war, klaffte ein Abgrund, den die allgemeine Sprachlosigkeit nur notdürftig verdeckte. Das Interesse an einem einzelnen Buch war alles andere als selbstverständlich, es lag eher zufällig auf dem einen oder anderen, während sich zahllose vergleichbare außerhalb des Kegels drängten und darauf warteten, erkannt zu werden. Wohl leckte es hier und da über die Ränder, um Personen und ihre Erzeugnisse zu vereinnahmen, deren Leistung darin bestand, sich auszunehmen, doch wer damit rechnete, war ohne Zweifel ein Narr. Ich musste lachen: Gab es demnach eine Literatur, die die Öffentlichkeit belästigte? Am Ende in aller Öffentlichkeit? Nun ja, vielleicht doch eher an zweifelhaften Orten, an denen auch sie sich gelegentlich blicken ließ, weil sie wie alles Menschliche dem Bedürfnis verpflichtet war. Vermutlich musste man zu diesen Orten die Lektorate der Verlage und die Redaktionen der großen Feuilletons rechnen. Dort ging es nicht anders zu als in meinem Beruf, in dem jeden Morgen, bevor die Tagesarbeit beginnen konnte, Berge von Prospekten, Anfragen und Angeboten entsorgt werden mussten. Hier strömte zusammen, was sich ›Hoffnungen machte‹ und die Worte über dem Eingang zu Dantes Inferno dabei geflissentlich übersah. Rennertz hatte Recht gehabt, als er die Literatur wie jede andere Branche durchgehechelt und den Beruf des Schriftstellers an so schlichte Voraussetzungen wie die Größe des Marktes geknüpft hatte. Leider hatte er, wie sich jetzt herausstellte, sich selbst nicht an seine Analyse gehalten.

»Sie sollten sich etwas anderes suchen!« Die Stimme, anteilnehmend und etwas von oben herab, signalisiert die Anmaßung, über ein anderes Leben verfügen zu wollen. Jugendliche haben dafür ein Gehör. Undeutlich, aber immerhin, spüre ich aus der Entgegnung einen Trotz heraus, der wohl meiner ist: ich, so sagt sie, sei keine statistische Größe, so ein Ich brauche nur eine Chance, eine einzige, nicht mehr, nicht weniger. Ein Blick huscht über mich weg, ein Lehrer-Blick, abschätzend, ein wenig unsicher, mit einer Art Wissen befrachtet, das einer gern für sich behält. Natürlich habe ich mich anders entschieden, später, als es an der Zeit war. Auch Rennertz hatte sich anders entschieden, keine Frage, und doch... Komischerweise fühlt sich die Öffentlichkeit kaum von einer Spezies belästigt, die ich zu keiner Zeit meines Lebens ausstehen konnte: den Extrembergsteigern, Rekord-Ballonfahrern, Erstdurchquerern und Einsam-die-Welt-Umseglern. Diese Leute liebt sie, schenkt ihnen die Aufmerksamkeit, die sie benötigen, um ihr pflegebedürftiges Ego aufzublähen, und erinnert sich mit behaglicher Katastrophenfreude ihrer komischen oder grotesken Untergänge. Schnell unwillig wird sie hingegen, wenn Leute ihre Aufmerksamkeit beanspruchen – ein eher passiver Anspruch, aber vielleicht liegt da das Malheur –, die sich aufgemacht haben, um in – wie soll ich sagen – kalkulierter Vereinzelung die Grenzen der menschlichen Denk- und Empfindungsfähigkeit ein Stückweit hinauszurücken. Das mag daran liegen, dass Journalisten Routiniers sind, die sich nicht gern ein X für in U vormachen lassen und den Scharlatan wittern, bevor er seine Tour beginnt. Aber mit ihnen kommt die Gesellschaft, die sich alles vormachen lässt. Die Klimmzüge der forschesten Einzelgänger besitzen für sie nur den Wert irgendwelcher Symptome, über die sich ein Heer ebenso kompetenter wie anspruchsloser Gutachter beugt. Letztere, im alten China Mandarine genannt, lassen sich gern verwechseln, sie sind vernarrt in die Vorstellung, sie seien vom gleichen Schlag wie diejenigen, über die sie ihre Urteile abgeben. Das ist natürlich Bluff. Richtig ist, dass die kollektive Intelligenz den bedeutenden Einzelnen seit langem den Rang abgelaufen hat. Wenn einer, der dem Sprachlosen eine Seite entwendet hat, in die Zeitung blickt, so liest er dort über seine Arbeit gerade das, was er hinter sich gelassen zu haben glaubt. Und doch wissen sie sich verstanden, weil die funktionale Gesellschaft sie trägt und sie das Abseits nicht im Sturz, sondern kletternd erkunden dürfen.

Rennertz hatte diese dünne Linie überschritten, vielleicht aus dem noblen Instinkt heraus, die Allgemeinheit nicht weiter belästigen zu wollen. Was er mir antat, war allerdings schlimmer, aber es kam wohl nicht in Betracht. Ich musste zugeben, dass er seine Fähigkeiten auf einen Punkt konzentriert hatte, in dem ihm die Gesellschaft nicht folgen konnte. In gewisser Weise war es die fällige Antwort auf die exponentiell anwachsende Überlegenheit der Apparate. Wenn ich es recht bedachte, spielte er den einzigen Vorteil aus, den das Individuum den Apparaten voraushat: die Fähigkeit zu enden. Ein Mensch geht nicht kaputt, er verendet nicht, er endet. Das Enden hat er ein Leben lang geprobt, er hat vieles zu Ende gebracht, bevor es mit ihm zu Ende geht. Es ist nie eine Katastrophe, wenn ein Einzelner geht, aber mit ihm geht das Universum der Bedeutungen, ohne dass er es mitnähme. In dieser Spanne liegt wohl die Bedeutung des Satzes: der Einzelne ist uneinholbar. Ein Roman, der konsequent die Bedeutungen hinter sich ließ, aus denen er kam, nicht verratend, von wo er aufgebrochen war, griff voraus in den Raum dessen, der geht, er entwarf Landschaften, die jedem bevorstehen – Landschaften aus Geschmack, denn, so vermute ich, diese gegenwärtige Zukunft lässt sich nur erschmecken.

Rennertz – es fiel mir wie Schuppen von den Augen – war tot. Auf diesen Tod hin hatte er gelebt, anders ließ sein Verhalten sich nicht erklären. Eine winzige Lücke in der Wahrnehmung hatte meine Lektüre scheitern lassen. Er war schon unterwegs gewesen, während er schrieb, es galt nur, sich unerreichbar zu machen, sich einzulassen in den Verfall. Der abwesende Autor war der Tote, dessen Postsendung mir entgegenreiste, mir und meinen ahnungslosen Lektüren.

Die Paare
4
Renate Solbach: Figur 4
Das Auge Gottes

Wie gesagt, meine Erinnerung an den Abend in Düsseldorf ist nach wie vor geeignet, mich über das, was dort geschah, zu belügen. Nicht, weil ich sie für falsch hielte – für lückenhaft schon –, sondern weil sie den Blick auf die andere Seite verstellt, von deren Vorhandensein ich seit damals Kenntnis gewonnen habe, falls dies das richtige Wort ist. Um es vorweg zu sagen, ich habe bis zum Beginn dieser Niederschrift keine Erkundigungen eingezogen – einmal, weil mich eine gewisse Scheu daran hinderte, dann aber, weil ich nach Deutungen suchte und mich nicht durch Tatsachen ablenken lassen wollte, von denen ich annahm, dass sie zu meinem Problem schwiegen.

Wenn es keinen Rennertz neben dem zu entdecken gab, den ich, dürftig genug, gekannt hatte, dann musste ich mich an das nachgelassene Werk als die einzige Quelle meiner Einsicht halten. Dazu kam, dass ich mich vor der Gefahr hüten musste, das Bild Rennertz’, wie ich es aufbewahrte, nach den Aussagen Dritter zu überarbeiten. Dieses Bild war sicher einseitig, geprägt durch die rituell wiederkehrende Form unserer Zusammenkünfte. Doch darin lag kein Mangel, im Gegenteil: da er das Werk mir – und niemandem sonst, wie ich annehmen musste – überantwortet hatte, sollte in ihnen etwas enthalten sein, was sie seinen übrigen Lebensverhältnissen voraus hatten, und zwar gerade das, wonach ich suchte.

Wonach ich suchte? Am ehesten nach einem Motiv, das mich in Stand setzte, die Entschlusslosigkeit zu beenden, die, wie es mir vorkam, sich geröllartig ausbreitete, je mehr ich mich in mein Problem vertiefte. Sie begann mein Leben zu affizieren, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich kann mir Abwesenheiten, zumindest mentale, in meinem Beruf nicht leisten oder ... sagen wir, ich muss sie kalkulieren können. Wie kalkuliert man etwas, wenn man nicht weiß, woran man ist? Wenn nichts abzuarbeiten ist? Rennertz hatte die Verwandlung der Beziehungen, die wir zu unseren Mitmenschen unterhalten, in Arbeit für ›zwingend‹ gehalten und ich hatte ihm mehr als einmal zugestimmt – man hätte das hier für eine posthume Rache an seinem leichtgläubigen Gegenüber halten mögen. Ich konnte nichts tun, obwohl ich aufgefordert war, etwas zu tun, ich musste aus diesem Zustand herauskommen, dazu benötigte ich ein Mittel, das ich nirgendwo erblickte. Ich sah mich gezwungen, von einem unverhofft eintretenden Ereignis die Lösung zu erwarten – keine wirkliche Lösung, soviel war mir schon klar, da sie nicht meinen Möglichkeiten entsprang und folglich den Willen des Toten verletzte.

Naturgemäß tappte ich über dem Motiv, das ich suchte, völlig im Ungewissen. Es war vorderhand nicht mehr als der blinde Fleck, auf den sich meine Erwartung konzentrierte. Vielleicht konnte die Erinnerung an jenen Abend es nicht preisgeben, weil es gar nicht in sie eingegangen war? War ich so unsensibel gewesen? Unwiderstehlich stieg, sooft ich die immergleichen Bilder herbeirief, das Behagen in mir auf, das ich an dem Abend wirklich genossen hatte und das mir stets aufs Neue sagte, Rennertz sei damals ganz der alte gewesen, einer, den ich durch und durch kannte. Es tat diesem Gefühl auch keinerlei Abbruch, dass ich ihn inzwischen besser zu kennen glaubte. Fast das Gegenteil war der Fall: da der Rennertz, den ich kennengelernt hatte, nachdem ich in das Manuskript eingedrungen oder vielmehr von ihm angerührt worden war, die Person, wie ich sie gekannt hatte, ausschloss, bezog sich das Gefühl mehr auf die Leere, die sich so unvermutet in ihm und um ihn aufgetan hatte.

Den Ausschlag gab, wie so häufig, eine einfache Überlegung. Sass ich damals nichts gemerkt hatte, konnte verschiedene Gründe haben. Einer, vielleicht der einzig reelle, lag darin, dass es nichts gegeben hatte, was ich hätte bemerken können. Der Gedanke schmeichelte mir und setzte sich daher umstandslos in mir fest. Wann immer ich mein Gedächtnis befragte, antwortete es in ein und derselben Weise. Nach und nach störte mich diese Immergleichheit, in der sich die Erinnerung aus meinem Gedächtnis herausschälte, mit einer Bereitwilligkeit, die irgendwann eine weitere Empfindung entband: die einer grundlosen Entblößung. Ich fühlte mich ärgerlich berührt durch eine Gegenwart, die als falsche Gegenwart gerade das unterbrach, worauf es mir ankam: das Ausloten der Möglichkeiten, die jener Abend dem kreisenden Denken bot. Neben der immergleichen gab es die Erinnerung, die sich nicht festlegen wollte und sich durch die andere unangenehm unterbrochen sah, ohne ihr anders Paroli bieten zu können als sich selbst zuzuflüstern: ›Es hat nichts zu bedeuten...‹ Was, fragte ich mich, ist eine gleiche Erinnerung? Eine Erinnerung, die sich nicht häutet, ein Kiesel im Gedächtnis, gebildet aus einem Selbst, das im übrigen restlos vergangen ist. Wäre nicht diese eine Erinnerung, es wäre auf und davon, untergegangen im Strom der Zeit, in der Anonymität einer Bewegung, die keiner sieht, die aber, wie jeder weiß, Spuren in ihm hinterlässt. Ich hätte sie, je mehr ich mich auf sie konzentrierte, nachgerade als kostbar empfinden können, wenn, nun, wenn das Selbst, mein Selbst, darin überhaupt enthalten gewesen wäre. Es tauchte aber nur flüchtig auf, mehr zu Beginn, bevor sich die gespeicherten Eindrücke scharf stellten, und seltsamerweise gegen Ende, wenn sie langsam an Konsistenz verloren, sich lösten und davontrieben. Es schien mir wichtig, dass es überhaupt auftauchte und mich beunruhigte der Gedanke, irgendwann könnte es ganz verblassen und mir ein ichloses Stück Erinnerung hinterlassen – den zur fixen Idee gewordenen Abend zwischen einem Herrn X und einem Unbekannten, den seine Freunde, zu denen ich mich zählte, Rennertz nannten.

Hier war kein Durchkommen. An manchen Tagen verdichtete der Argwohn sich bis zum Zorn gegen mein unfähiges Selbst, an anderen empfand ich die mit Trotz gemischte Resignation eines Grönländers, in dem die Vorstellung vom baldigen Versiegen des Golfstroms zur beherrschenden Figur geworden ist. Die Sekretärin, Frau Westerling, versuchte redlich, sich statt meiner zu erinnern, obwohl ich ihr nichts gesagt hatte und sie unsicher blieb, ob es sich nicht doch um eine Familienangelegenheit handelte. Ich entnahm das der Art, in der sie meine Stimmungen teilte und mir wortlos das bessere Ende zuzuschieben versuchte. Die Nachricht, die mich alarmierte und ohne Verzug nach Düsseldorf rief, hatte sie auf dem Schreibtisch drapiert, als handle es sich um ein Geburtstagsgeschenk oder ein Zeichen für das Eingreifen höherer Mächte. Sie hatte das Hotel schon gebucht und einen Tisch – sollte ich verblüfft sein? – in dem bewussten Restaurant reservieren lassen, in dem ich mich seinerzeit mit Rennertz getroffen hatte. Nun stand sie, Rührung verbreitend, einen Moment zu lang im Raum, bevor sie, geräuschlos wie immer, die Tür hinter sich schloss. Ich betastete mein Gedächtnis. Es fühlte sich frisch an, wie eine Wunde.

Das Ergebnis der geschäftlichen Besprechung fiel mager aus, die Dringlichkeit hatte sich irgendwie im Nieselregen verloren, als ich den Weg zum Restaurant einschlug. Der Sekundenzeiger der Armbanduhr überquerte gerade die obere Markierung des Ziffernblatts, als ich, den von der zurückschwingenden Eingangstür herrührenden Luftzug im Nacken, die Tür aufdrückte. Der Tisch, an dem wir gesessen hatten, war unbesetzt. Ich vergaß die Reservierung, ging mit raschen Schritten auf ihn zu und arrangierte die Stühle so, wie sie damals gestanden hatten. Ich setzte mich und gab die Bestellung auf, für die ich nicht erst die Karte bemühen musste. Damals wirkte der Raum hell und warm. Ich musterte die umlaufende dunkle, fast blauschwarze Täfelung, die ihn größer erscheinen ließ, als er war, und auf eine undefinierte Weise mit der frühen Nacht im Bunde zu stehen schien. Sandfarbene Vorhänge entlockten dem Streulicht der fast gänzlich auf die ihnen unterstellten Sitzgruppen konzentrierten Lampen eine zweite Helligkeit, ein Licht-Echo, an das ich mich instinktiv erinnerte. Nein, das war nicht das Restaurant, in dem wir uns sonst getroffen hatten. Wiedererkannt hatte ich es an dem heraldischen Schwertknauf mit den beiden Kugeln, die eher den Zugang zur Geschäftsstelle einer bekannten Versicherungsgesellschaft zu weisen schienen. »Ach, das sind Kanonenkugeln, sieht man es nicht?« lautete Rennertz’ Erklärung. »Früher schmückten sie die Toreinfahrt zum Anwesen meiner Eltern. Wir Kinder haben versucht, sie herunterzuschubsen, aber es ist uns nicht gelungen. Zum Glück, nehme ich an. Ich fand sie hässlich. Hier gefallen sie mir, ich glaube, sie erinnern den Koch an die Gefährlichkeit seiner Aufgabe.«

Der Sekundenzeiger beeilte sich, aber es blieb ein monotones Geschäft. Abwechselnd schaute ich, als bestünde zwischen beiden ein bisher nicht bedachter Zusammenhang, auf die Lehne des leeren Stuhles und die von Zeit zu Zeit geräuschvoll sich meldende Pendeltür, die den Gastraum mit der Küche verband. Die geneigte Lehne verriet, dass der Stuhl schief stand. Warum auch immer! Ich hätte unter den Tisch kriechen müssen, um den Grund zu erkunden. Dazu verspürte ich keine Lust. Und doch... eine Unregelmäßigkeit, ein rhythmischer Nukleus, eine statische Ungenauigkeit, Arsis und Thesis, zwischen ihnen, nicht zu vergessen, die kleine Panik, hervorgerufen durch die Revolution des Gleichgewichts im Moment des Kippens: es war schwer, sich dagegen zu wappnen, auch wenn der Stuhl – vorerst – leer und damit stabil blieb und teilnahmslos den kleinen Aufruhr begleitete, den er in mir anrichtete. Kein Rennertz betrat das Lokal, die wenigen Leute, die es bevölkerten, verschwanden hinter der Wattewand, die sich in meinem Inneren aufgerichtet hatte. Mehrfach streckte ich meine Hand nach dem Chablis aus, der wie damals meine durch die vom Teller aufsteigenden Gerüche gekitzelten Nerven in eine leise vibrierende Erwartung versetzte. Jedesmal zog ich die Hand zurück, zerstreut erst, dann mit wachsender Aufmerksamkeit. Eine innere Stimme schien mir abzuraten. Je achtsamer ich wurde, desto undeutlicher wurde sie mir, bis ich begriff, dass das, was ich für eine Stimme gehalten hatte, die schweigende Abweisung einer Erwartung darstellte. Sie hatte sich so natürlich eingestellt, dass ich sie erst aufgrund der Intervention des Schweigens in mir entdeckte. Die Madeleine, murmelte ich, was für ein Witz! Der Ausbruch muss auffällig genug gewesen sein, um den Kellner herbeizurufen, der sich mein Einverständnis forderndes Lachen auf seine Weise erklärte und mich fortan nicht mehr aus den Augen ließ. Kein schlechter Zug!

Ich hatte also wirklich erwartet, mit dem ersten Schluck aus dem wie damals bereit stehenden Glas werde die Episode jenes Abends heraufsteigen wie der Dschin aus der Flasche und sich ein zweites Mal vor meiner inneren Wahrnehmung entfalten. Das war lachhaft. Ich hatte nicht gewusst, wie weit der Aberglaube in mir reichte. Es war kindisch, ein Stück Literatur nachstellen zu wollen. Hatte ich erwartet, einen Film vorgesetzt zu bekommen, in dem Rennertz, und sei es nur der größeren Deutlichkeit wegen, jetzt zur Tür hereinkam und den kippligen Stuhl mir gegenüber einnahm? Hatte ich geglaubt, einen Anspruch darauf zu besitzen, als Beobachter dieser Szene beizuwohnen – als einer, vor dessen Augen sie spielte, nur eben ein zweites Mal, als einer, den sie, von den beteiligten Personen her gesprochen, gar nichts anging und der für sie, sollte das Experiment glücken, nicht vorhanden sein durfte? Prousts memoire involontaire und meine Mutter hatten eines gemeinsam: sie waren tot, die eine in der Theorie, die andere im wirklichen Leben, das mir momentan etwas unwirklich vorkam, und wenn ich, mein allerwertestes Ich, der erwarteten Szene meine Gegenwart ausleihen und, um sie vermindert, in eine ort- und zeitlose Vergangenheit eintauchen würde, um ihre Episoden wie Kontinente eines langsam rotierenden Globus auftauchen und wieder verschwinden zu sehen, dann spielte ich, ein leeres Rest-Ich, auf diesen Stuhl gebannt, das Auge Gottes. »Spinner«, murmelte ich und fingerte ergriffen nach einem Taschentuch.

Dennoch dauerte es eine Weile, bis ich mich ganz aus der Erwartung gelöst hatte. Langsam drang die Überlegung vor, dass ich weniger als nichts über meinen Fall erfuhr, wenn ich der in der harmlos schimmernden Flüssigkeit lagernden Versuchung nachgab und das Erwartete wider alle Vernunft eintreten würde. Das stimulierte Erlebnis konnte die Vergangenheit, deren ich bedurfte, die wahre Vergangenheit mit ihren verborgenen Falten nur auslöschen. Nein, mein Fall bedurfte zu seiner Lösung des Dunkels, in dem alle Erinnerung grau ist. Ich rief den Kellner, vergaß ihn und hatte, als ich wieder aufblickte, die Empfindung, er sei augenblicklich neben mir aus dem Boden gewachsen. Ich vergaß ihn wieder, flüsterte »Keine Details!«, was ihn zurückzucken ließ, wie meine wieder erstandene Aufmerksamkeit registrierte, und korrigierte mich auf dem Fuß: »Nur eins!« Der Kellner verschwand und kam mit einem Teller Brot wieder, den er schweigend und abgewandten Gesichts vor mir auf den Tisch stellte.

Er musste, von mir unbemerkt, den gegenüber stehenden Stuhl berührt haben, denn als mein Blick erneut auf ihm ruhte, sah ich – in einem Moment vollkommener Klarheit –, dass sich der Neigungswinkel der Lehne verändert hatte. Mir war, als betrete ich ein leeres Zimmer. Ich verstand, dass das, worauf ich hoffte, mich bereits mit der Ankunft des Manuskripts ergriffen und seither nicht mehr losgelassen hatte. Das Motiv, nach dem ich suchte, lag – abwesend und unverfügbar – von Anfang an auf der Hand. Ich hatte Rennertz damals angerufen. Mag sein, dass der Anruf ihm gelegen kam. Tatsache war, dass er mich nicht ausgesucht hatte. Ich war ihm eher zufällig in die Quere geraten. Etwas, von dem ich mir keine Rechenschaft ablegen konnte, hatte ihn inmitten eines entspannt geführten Gesprächs zu seinem Schritt verführt. Der blinde Fleck in meiner Erinnerung war ich – vergebliche Mühe, eine Erinnerung aus dem Glas zu beschwören, die nicht die meine war und die Hauptsache, mich selbst, nicht enthielt. Ich hob das Glas und trank unversehens einer Frau am Nebentisch zu, die, als habe sie die ganze Zeit auf diesen Augenblick gewartet, ihr Glas in einer parallelen Bewegung an die Lippen führte, mit einem kleinen Nicken, wie mir schien, in meine Richtung, ohne dass ich mich dadurch im Fortgang meiner Gedanken beirren ließ.

Genau genommen war es ein Akt übertriebenen Selbstbezugs, Rennertz’ Geschenk dem Eindruck zuzuschreiben, den ich auf ihn an dem Abend gemacht hatte. Betrachtete ich die Sache aus seiner Perspektive – ein nicht unheikles Unterfangen –, so war ich der Nächstbeste, der seinen Weg kreuzte, ein wahrer Jedermann, und sein Geschenk – oder seine Mitgift – ging an mich wie an jeden anderen. Das war etwas, worüber sich nachdenken ließ. Ich zündete eine Zigarette an und blies den Rauch von mir, als müsse ich Raum schaffen für meinen Gedanken. Als jemand war ich so gut wie jeder andere, ich war jeder andere, Herr Beliebig oder wie man mich nennen mochte, ein Unikum. Vermutlich führte es sogar in die Irre, zu glauben, ich sei ins aufgespannte Netz irgendeiner Erwartung gegangen. Ich kam nicht in Betracht. Selbst die Annahme, er habe auf den Zufall gesetzt, der ihm diesen Jemand vorbeischicken würde, setzte zuviel voraus.

Viel einfacher war es da, zu vermuten, er sei an jenem Abend, sagen wir … mit sich ins Reine gekommen. Das war ein schöner Gedanke, bei dem ich ein wenig verweilen wollte. Ich stellte mir Rennertz vor, die Zigarette ausdrückend, den Kopf zurückgelehnt, im Dreiviertelprofil, abwesend, leicht abwesend – dieses ›leicht‹ ist wichtig, denn wirklich geistesabwesend hatte ich ihn nie erlebt –, durchflutet von der Vorstellung: Das ist es. Natürlich: seine Bitte an mich war der logische Abschluss einer Gedankenkette, was sonst?

Warum, zum Teufel, sollten der logische und der zeitliche Anlass seines Verhaltens auseinanderklaffen? Das war nicht nötig. Die ganze Unsicherheit stammte daher, dass ich mich fragte, was in seinem Kopf vorgegangen war, bevor wir uns trafen. Aber meine Überlegungen hatten gezeigt, dass ich davon gar nichts wissen konnte. Viel einfacher war es, den Abgrund, der sich an dieser Stelle auftat, erst gar nicht entstehen zu lassen. Als Niemand, weniger, als Neben- oder Beimensch war ich in dieses Spiel eingetreten und durfte mich nicht wundern, wenn meine Anstrengungen, es zu verstehen, als sei es für mich entworfen, ins Leere trafen. Mein Blick streifte die einzeln an ihrem Tisch sitzende Unbekannte, die sich zurücklehnte und mit leicht geöffnetem Mund dem Rauch ihrer Zigarette nachsah. War es die Wirkung des Chablis oder ein unerkannt hinzugekommener Reiz – mit einem Mal hörte ich ihr girlandenartig aufsteigendes Lachen, sie beugte sich zurück und richtete im nächsten Augenblick, das Gelächter parierend, mit einem Blick auf Rennertz und mich einige Worte an ihren Begleiter, dessen wuchtige Schultern jeden weiteren Einblick in die Szene verwehrten. Das war der Blick, der an jenem Abend (wenn auch nur zeitweilig) auf mir geruht hatte, und zwar, wie ich ohne Umschweife feststellte, auf mir als dem anderen, denn die beiläufige Aufmerksamkeit, mit der sie Rennertz umgab, machte aus ihm etwas in der Art eines guten Bekannten, auch wenn er sich vollkommen indifferent gegen sie verhielt. An jenem Abend war ich weit entfernt davon gewesen, mich darüber zu wundern. Ich hatte die Erscheinung der lebhaften Nachbarin als atmosphärische Zutat an Ort und Stelle verzehrt, nicht ahnend, dass sie mir – gleicher Ort, gleiche Stelle – erst bevorstehen sollte. Ich stand auf, verbeugte mich kurz und fragte sie, ob ich Platz nehmen dürfe, als ich hörte – und ich war keineswegs sicher, dass sie meine Frage abgewartet hatte –, wie sie mit verhaltener Stimme sagte: »Dachten Sie etwas anderes?«

Die Paare
5
Renate Solbach: Figur 5
Liz (oder anders)

Es muss gegen drei Uhr morgens gewesen sein, als ich die Frage stellte, die langsam in mir herangereift war: Lisa (oder ›Liz‹, wie ihre Freunde sie angeblich nannten), deren weißer Rücken gerade unter der Decke zu verschwinden im Begriff stand, blieb ruhig liegen, wandte dann ihr Gesicht ab und sagte etwas gelangweilt: »Rennertz? Wer soll das sein?« Nein, sie habe den Mann an jenem Abend nicht gekannt, ja, sie habe ihn gar nicht bemerkt, ob ich nicht allein am Tisch gesessen sei?

Da war es wieder: mein Problem. An diesem Abend wechselte es – einmal mehr, werden Sie feststellen – Gesicht und Form. In mehrfacher Hinsicht: wie gesagt, ich bin ein eher häuslicher Typ und fand mich innerlich schlecht gerüstet für das Doppelleben, das mich unverhofft einholte. Die bloße Aussicht erschreckte und überforderte mich. Doch bevor das Erschrecken Wurzeln schlagen konnte, fand ich mich schon in eine Wolke von Fragen eingehüllt, die einerseits von dem Verlangen ihren Ausgang nahmen, das mich in Lisas Arme getrieben hatte, andererseits die Natur dieses Verlangens in einem etwas anderen Licht erscheinen ließen. Das abgedunkelte Universum Rennertz’ hatte in meinem Gemüt deutlichere Spuren hinterlassen, als ich dies vorher für möglich gehalten hätte. Während unserer ersten Nacht hatte ich einen flüchtigen Moment lang in Lisas Handtasche ein Blatt auftauchen sehen, das einem losen Manuskriptblatt nicht unähnlich schien, auch die Handschrift war mir eigentümlich vertraut vorgekommen, doch da die Situation andere Klärungen verlangte, mochte dies alles meiner Verrücktheit zuzuschreiben sein, und ich konnte und wollte bei späteren Gelegenheiten in keiner Weise darauf zurückkommen.

Liz hatte ihre Eigenheiten. Eine bestand darin, einen nicht unwesentlichen Teil unserer Zeit dem Studium der Speisekarte zu widmen, einem zerstreut begonnenen, fallengelassenen, wieder aufgenommenen, erneut unterbrochenen, angesichts des bereits zum wiederholten Male erscheinenden Kellners entschlossen fortgesetzten Ringen um den aus geheimen Poren austretenden Sinn dieser Dokumente, das damit endete, dass sie ›eine Kleinigkeit‹ zu bestellen wünschte und die Auswahl mir überließ.

»Du machst das, ehrlich, du machst das.«

So redete sie und die blaugrauen Augen trieben ihr unweigerlich schelmisches Wesen, zum Leidwesen der Besitzerin, die nichts sehnlicher als einen seriösen Gesichtsausdruck zu besitzen wünschte und vor allen möglichen Spiegeln trainierte, zu denen auch ich bald gehörte. Ein bissiger Zuschauer hätte behaupten können, dass unsere Zusammenkünfte, die sich in der nächsten Zeit mehrten, zum großen Teil diesem Studium dienten. Die Wahrheit war: Sie konnte sich nicht entscheiden. Kaum hatte sich das von wilden Locken umzitterte Gesicht in den Anblick der phantasie- und appetitanregenden Buchstabenfolgen vertieft, begann sie auch schon mit leicht vibrierender Stimme von den wichtigen und weniger wichtigen Zusammenkünften zu berichten, die sie in den vergangenen Tagen gehabt hatte. Der Klang dieser Stimme, der mich gleich beim ersten Mal hypnotisiert hatte, war unbeschreiblich: sie setzte etwas höher an, als man es erwartete, sank mühelos in die rauchgeschwängerten Abgründe, in denen das moderne Subjekt bei sich selbst weilt, wenn Mitternacht vorbeiglitt und der letzte Zug den Bahnhof verlässt, um sich im nächsten Moment aufzuschwingen und, wetterleuchtend und knisternd von verborgener, aber mitteilsamer Spannung, dem mäandrischen Fluss einer immer bewegten Psyche zu folgen. Es war, als hätte letztere beschlossen, sich ein für allemal nackt oder im Négligé unter die Leute zu mischen. Diese, nicht unempfänglich für das unverhofft dargebotene Schauspiel, fanden sich genötigt, je nach Appetit und Geschmack zu verfahren und lächelnd mehr zu verlangen oder mit knapper Handbewegung zu signalisieren, dass es nun genug sei. Der Kellner, der in allmählich länger werdenden Abständen an unseren Tisch kam, lebte jedesmal auf und nickte zustimmend, wenn wir ihm bedeuteten, er müsse sich noch gedulden; er verstand, dass bereits serviert war und er allenfalls für marginale Handreichungen benötigt wurde.

Sie aß wie ein Spatz und häufig überhaupt nicht: Während ihre Rede unentwegt fortlief, führte sie vereinzelte Bissen an den Mund, die sie gleich darauf mit unbeteiligter oder leicht angewiderter Miene auf den Teller zurücklegte. Meine Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass er gut bestückt war. Das Ritual musste stimmen. Zwei Schlückchen Wein, unter verhaltenem Protest gegen eine nicht vorhandene Nötigung genossen, versetzten sie auf der Stelle in jenen Zustand, von dem sie ein ums andere Mal behauptete, sie habe beschlossen, ihn ›unbedingt‹ zu vermeiden. Schwer zu sagen, worin er bestand – ich nehme an, im entschlossenen Hintansetzen von Bedenken, die mit der Bedingtheit aller Existenz in unmittelbarem Zusammenhang standen.

Liz war verheiratet. Sie hatte ihrer Ehe den Stempel aufgedrückt, als sie unbedachterweise darauf bestand, dass ihr Gatte ihren Namen annahm. Nicht nur, dass alles, was er ihr seither antat, in ihrem Namen geschah – das hätte sie verkraften können, da sie ihm nichts schuldig blieb –: sie hatte damit in den Falten ihres Bewusstseins für das Gelingen ihrer Ehe eine Art Verantwortung übernommen, die sie als wesensfremd empfand und gegen die sie unentwegt rebellierte. Nicht dass sie große Skrupel empfand, ihn zu betrügen, aber die Angst, sich dabei selbst zu betrügen, bewirkte heftige Stimmungsbrüche, die unsere Treffen nach dem ersten Hingerissensein zu einem – etwas monotonen und leicht zu berechnenden – Vabanquespiel werden ließen, dessen wilde Brisanz ich nur von ferne ahnen konnte.

Sie gehörte zu den Menschen, die das Leben nicht als etwas ansehen, was ohnehin verstreicht, sondern als eine Aufgabe, die jederzeit den vollen Einsatz erfordert. Die Frage war, was denn zu diesem Leben zu zählen sei und daher nicht vernachlässigt werden dürfe. Unser Verhältnis, daran bestand kein Zweifel, gehörte zum Leben und genoss oberste Priorität. Vor allem aber zeichnete das Leben aus, dass es darauf bestand, die Dinge für Künftiges offenzuhalten. Das galt für unsere Beziehung, es galt für die Ehe, es galt für schlechterdings alles, und um dies auch nach außen zu dokumentieren, war Liz Doktorandin.

Sie hatte einen Beruf, in dem sie seit Jahren erfolgreich vorankam. Doch dieser Beruf konnte sie nicht ausfüllen, denn er war Routine. Keine Routine hingegen waren die unregelmäßigen Treffen mit ihren wechselnden Doktorvätern und der Zwang, der von ihnen auf die übrigen Lebensverhältnisse ausstrahlte. Diese Treffen mitsamt allem, was in ihnen nicht oder doch vorging, bildeten den eigentlichen Stoff unserer Gespräche. Sie wurden detailliert berichtet, analysiert und in ausgiebigen, mit immer neuen Details angereicherten Diskussionen zu einem Gefüge von Hypothesen verarbeitet, dessen Kernaussage darin bestand, dass die Dinge im Fluss waren und alle Möglichkeiten offenstanden. Es konnte vorkommen, dass sie sich weit nach Mitternacht übergangslos vom Bett aufschwang, mit hastigen Bewegungen in ein bereits ad acta gelegtes Kleidungsstück zurückschlüpfte und auf der Bettkante sitzend einen Aspekt ihres Themas zu zergliedern begann, von dem ihr schien, er sei vorher sträflich vernachlässigt worden. Rasch lernte ich, wie falsch es war, ihr in solchem Moment mit einem um Aufschub bittenden Lächeln zu begegnen und an der Tätigkeit festzuhalten, die Zeit, Ort und Umstände nahelegten. Dies hier war das Leben, und es duldete nicht, dass man ihm mit Nachsicht oder gar Ironie begegnete.

»Sag ehrlich: Glaubst du, ich werde es schaffen?« Mit geübtem, wenngleich vor innerer Erregung etwas klammem Griff zog sie den schwarzen Body über Wölbungen, auf denen gerade noch meine Hand gelegen hatte, und rückte die Träger zurecht, während ich, wissend um die Vergeblichkeit aller Versuche, sie aufzuhalten, nach meiner Jeans griff.

»Natürlich wirst du es schaffen, wenn du es willst. Du musst nur entscheiden, ob und wann: Das kann dir keiner abnehmen.«

»Ach, es ist alles so schwierig. Ich hasse das Büro, es füllt mich nicht aus. Wenn ich nach Hause komme, wünsche ich mir nichts sehnlicher, als mich an meinen Schreibtisch zu setzen und ein Buch aufzuschlagen. Aber darf man das? Das Leben stellt schließlich Ansprüche, denen man sich nicht einfach entziehen kann.«

»Doch, man kann.«

»Ich weiß, aber es ist nicht richtig.«

Sie verfügte über eine allzu wache Wahrnehmung des gewöhnlich sorgfältig versteckten Defekts, den langfristig motivierte Menschen mit sich herumtragen, jenes Quantums Abwesenheit, das in Erwartung einer inneren Stimme verharrt, die für gewöhnlich schweigt. Sie stellte sich vor, diese Stimme müsse im Gegenteil laut und leidenschaftlich in ihrem Inneren aufbrausen und sie aus den Verstrickungen des Tages herausreißen, wenn es an der Zeit sei. Alles andere erschien ihr wie Götzendienst und ihr graute davor. Sie konnte, auf der Bettkante verharrend, bitter schluchzen, und es war ratsam, nicht allzu begütigend oder aufmunternd auf sie einzureden. Da sie ihre Anfälle kannte, wusste sie, wann es an der Zeit war, durch eine leichte Drehung des Kopfes oder ein schwaches Handauffalten zu verstehen zu geben, dass es vorbeiging und sie nur noch ein wenig der Schonung bedürfe.

Gelegentlich erkundigte sie sich nach »diesem Rennertz«, von dem ich während unserer ersten Nacht ein, wie zu betonen sie nicht müde wurde, so unpassendes Aufhebens gemacht hatte. Dann war ich es, der den Erstaunten spielte und nachdrücklich auf andere Gegenstände überlenkte. Ich wurde den Verdacht nicht los, dass sie in diesem Punkt mit mir ein Spiel trieb, das ich nicht durchschaute. Ein- oder zweimal hatte sie mich in das kleine Studio bestellt, das sie in der Stadt angemietet hatte und in dem sie ›schrieb‹. Die Einrichtung erinnerte mich an die Prospekte gewisser Büroausstatter, in denen man seine persönliche Note bestellen kann, und wie sie mir fröhlich versicherte, entsprach sie ihrem Geschmack. In einer Ecke entdeckte ich zwischen verstaubten Kopien und abgelegten Computerausdrucken einen Karton voller Zeitungsausschnitte, die mit Akribie gesammelt zu sein schienen. Sie zeigten Leichen, die in der letzten Zeit irgendwo aus dem Wasser gefischt worden waren, darunter sensationelle Fälle, an die ich mich dunkel erinnerte, aber auch stillere, offenbar kaum der Rede werte. Ich hatte mich niedergehockt und kramte, von einer seltsamen Lust gepackt, in den Zetteln, unter denen manche an den Rändern schon zu vergilben begannen. Der Karton stand nahe dem Fenster. Liz saß am Schreibtisch, ihre wasserblauen Augen glänzten und um ihren Mund zuckte es. Sie schwieg, ich desgleichen. Als ich sie zwei Wochen später auf ihre Sammelleidenschaft ansprach, erschien das kleine Grübchen auf ihrer Wange, das ich gut kannte, und sie erzählte munter, das sei ein Tick, aber harmlos, wie ihr schon drei Therapeuten versichert hätten. Eine nahe Verwandte sei als junges Mädchen ins Wasser gegangen. Schon damals, als achtjähriges Kind, habe sie stundenlang über dieses Thema phantasiert und sei wohl innerlich nie davon losgekommen: verständlich, oder?

»Selbstverständlich« gab ich zurück und strich über den Flaum ihrer Wange – wir saßen im Auto bei abgestelltem Motor und hatten uns halb einander zugewendet, Regen lief die Scheiben herunter und vervielfachte das Glitzern der Großstadt –, obwohl es den Umstand nicht ganz erklären könne, dass sie ausschließlich Leichen von Männern eines gewissen mittleren Alters zu horten scheine. Sie zupfte an ihrem Kleid. Dann begann sie zu weinen. Nach wenigen Sekunden – einer Ewigkeit also – tupfte sie die Tränen weg und berichtete mit verhaltener Stimme, aus ihrem Kreis sei vor einiger Zeit ein guter Bekannter verschwunden, einfach verschwunden, niemand wisse wohin. Sie wolle einfach auf Nummer sicher gehen und diese Möglichkeit ausschließen. »Ich muss es tun, verstehst du, ich muss es tun. Die innere Stimme sagt mir, ich muss es tun.«

»Ein sehr guter Bekannter?«

»Ja-a« brachte sie hervor, wie jemand ein Päckchen Zigaretten aus einer Seitentasche hervornestelt. Mit glitzerndem Blick sah sie mich an. Sie hatte einen Zeitpunkt genannt, zufällig denselben, zu dem ein gewisses marmorgebundenes Manuskript auf meinen Schreibtisch geraten war.

»Und wie hieß dieser Bekannte?« drängte ich weiter. »Rennertz?«

Sie stieß sich ab, klappte die Autotür auf und warf mir über die Schulter die Worte zu: »Sag mal, bist du schwul?«

Die Paare
6
Renate Solbach: Figur 6
Strandgeflüster

Verrückt? Ja, gewiss. Während der Gang der Geschäfte mich dringend im Süden festhielt, nahmen die Geschäftsreisen nach Düsseldorf ein Ausmaß an, das der Buchhaltung ein gewisses Maß an Mitverantwortung auflud. Am ersten Abend war Liz mir wie jemand erschienen, der unvermutet einen Zugang öffnete, wo ich alle Türen verschlossen wähnte. Sie hatte mich eingelassen ins Geheimnis. Dass es von mir konstruiert war, störte mich nicht. Im Gegenteil, ich fühlte mich auf eigenem Grund und Boden. Ihr Gleichmut gegen mein Problem mochte gespielt sein oder auch nicht, es machte keinen Unterschied. Wie wir uns aneinander rieben, hatte den Charakter eines Experiments. Schwer zu beschreiben, worin es bestand, doch die ersten Resultate veranlassten uns, die Reihe der Versuche fortzusetzen. Jeder trachtete den anderen ein wenig über sich hinauszutreiben, um zu sehen, was dabei ans Licht kam. Wer immer die Parameter anders setzte, hatte die Zustimmung des anderen. Gelegentlich ergab sich noch ein geschäftlicher Anlass für meine Dienstreisen. Nach einer anstrengenden Besprechung, die sich unvorhergesehenerweise in den Abend hineingezogen hatte, als wir beide während einer langen Vereinigung im Zustand völliger Erschöpfung einschliefen, da hatte sich, wie unter Diktat, etwas erfüllt, das, mehr und mehr erkennbar, nur noch Reprisen zuließ, lustvolle zumeist, doch auch schale, bei denen wir unsere Körper wechselseitig absuchten, als sei jeder darauf aus, das sprichwörtliche Haar in der Suppe finden.

Parallel dazu, aber zeitversetzt, lief eine andere Welle. Solange ich Lisas Erscheinen als die Lösung meines Problems betrachtete – oder als Chiffre dafür, dass es sich im Angesicht seiner undurchdringlichen Fülle für mich erledigt und dafür zum Ausgleich ein zweites, häusliches, kaum weniger lösliches, aber offenbar lebbares Problem hinterlassen hatte –, solange ergriff mich jedesmal eine unerklärliche – andere würden sagen: entrückte – Heiterkeit, wenn ich an sie dachte oder ihrer ansichtig wurde. Ihr Körper, ihr Geist war die Schale, in der, gut sichtbar, der Schlüssel lag, der mich befreit hatte: ein wenig flach zwar, doch dafür ›ganz aus Lust gewebt‹, wie es in einem alten Gedicht hieß, das mir immer gefallen hatte und das ich heute nicht mehr weiß. Da kam es einem Schiffbruch gleich, als auf einer dieser Fahrten mit jäher Gewalt eine Vorstellung aufbrach, in der eine andere Frau sich regte als die, die ich kannte oder vor mir selbst zu kennen vorgab: eine Liz, die ein dunkler Punkt vor aller Erinnerung mit mir verband und die nun rapide, wie mir schien, dieses Dunkel in sich aufsog. Die Zeit der Heiterkeit, soviel verstand ich, war vorbei.

Diese Nacht schliefen wir im Studio. Für Liz lag der Kitzel darin, dass sie auf diese Weise das Vertrauen ihres Mannes auf doppelte Weise brach, da er das Studio wie überhaupt alles finanzierte, was sie für ihre Expeditionen in die Wissenschaft brauchte oder zu brauchen vorgab. Er musste sie für eine Art höheres Wesen halten, why not? Jedenfalls war er gewillt, alle materiellen Widrigkeiten von ihr fernzuhalten.

Ich nehme an, er hätte selbst unsere Beziehung unter die Unbegreiflichkeiten ihrer ätherischen Natur gerechnet und toleriert oder sogar gefördert, doch soweit wollte ich es nicht kommen lassen. Schon gar nicht in einer Nacht, in der ich durch Türen ging, von deren Vorhandensein ich bis dahin nichts gewusst hatte. Als der Morgen graute, war Rennertz aus meinem Universum getilgt. Ich rasierte mich ausgiebig. Immer wieder nahm ich das Kinn in die Hand, strich mit Daumen und Zeigefinger an ihm entlang, um einen Gedanken zu hätscheln, der zu groß war, um sich auf einmal mitzuteilen. Nein, er kam nicht. Ich strich um ihn herum, verließ das Bad, gewillt, so rasch wie möglich zu ihm zurückzukehren, und war nicht übermäßig überrascht, als ich das Bett noch warm, aber leer fand.

Nach einer halben Stunde fing ich an, Blicke auf die Straße zu werfen. Gewiss war Liz Brötchen holen gegangen. Sie hatte mir schon erzählt, dass sich die Leute beim Bäcker an der Ecke die Beine in den Bauch standen. Das Gedränge neben- und hintereinander geparkter Autos verhieß nichts Gutes. Ein leichter Sprühregen ließ das Grau der Jalousie metallisch aufscheinen, zwei Helligkeiten neigten sich gegeneinander. Die Vision der Herfahrt nahm eine neue Gestalt an. Sie verließ die Frau, verteilte sich flächig im Raum und verdichtete sich in einem reglosen Gegenüber. Die Ungeduld verschwand, an ihre Stelle trat Unruhe. Sie zu bekämpfen ging ich in die Küche, wo ich Brötchen, Marmelade und eine Thermoskanne voll dampfenden Kaffees, doch nicht die Spur einer Nachricht vorfand. Mein Gegenüber hatte mich keinen Herzschlag lang verlassen. Seine Gegenwart schien intensiver geworden zu sein und ein Zwitterstadium erreicht zu haben, das einer unmittelbaren Kontaktaufnahme vorausging. Da ich keine Eile hatte, verhärtete ich mich, reckte mich, ließ die Armmuskulatur spielen und fasste mir wie von ungefähr ans Glied, das sofort anschwoll und ein Gefühl der Lächerlichkeit bewirkte.

Der warme Kaffee ließ die Woge verebben. Währenddessen drangen Stimmen von der Straße herauf, die mich daran erinnerten, dass ich noch immer auf eine Rückkehr wartete, die mit jeder Minute unwahrscheinlicher wurde. Wenn ich Liz einen Brief hinterließ, dann konnte er, egal was ich schrieb, nur mein Befremden ausdrücken. Das verlieh der Sache zuviel Gewicht, also verwarf ich den Einfall. Das letzte, was ich uns wünschte, war das Defilée der All- und Immer-Sätze, mit dem das renitent gewordene Geschlecht vom Denken Besitz ergreift. Zu spät, durchfuhr es mich, das ist die Wendemarke, hier endet dein verborgenes Glück. Ich hob die Tasse und sie zersprang mir in der Hand. Das war nur Einbildung, aber die Hand zitterte so stark, dass ich die Tasse absetzen musste, um den Kaffeerest nicht zu verschütten.

Vernünftig wäre es gewesen, still den Mantel vom Haken zu nehmen und in den zunehmenden Regen hinaus zu enteilen, Liz am Nachmittag anzurufen und die Situation zu klären. Doch das Vernünftige hat die Tendenz, an der Schwelle zur Verwirklichung innezuhalten und seine Festlegungen Punkt für Punkt zu widerrufen. Tatsache ist, dass ich blieb. Tatsache ist, dass ich nicht allein blieb. Mein farbloser Begleiter verdichtete sich und erhellte sich, und hell und perlend klangen die Sätze auf, die ich hier notiere – ich habe sie keine Sekunde seither vergessen, obwohl ich jetzt, im Augenblick der Niederschrift, mit einer gewissen Unsicherheit kämpfe.

– Ich weiß nicht, warum er das macht, aber unser Leben wird dadurch nicht leichter.

– Das glaube ich gern. Warum stellst du ihn nicht zur Rede?

– Nein, das werde ich nicht tun. Es ist sein Leben, ich habe kein Recht, mich da einzumischen.

– Aber es ist euer gemeinsames Leben, das er damit bedroht.

– Aber er bedroht es doch nicht. Er lebt es auf seine Weise.

Erst schwach, dann kräftiger, entfernt einem Hologramm zu vergleichen, erschien mit den ersten Silben die Szene: eine Frau, meine Frau (um einige Jahre jünger, wie ich nicht ohne Neugier saß etwas vornübergebeugt in einem Strandkorb, sie lehnte die rechte Schläfe gegen das Rohrgeflecht und hielt beide Hände auf ihrem Schoß. Ein junger Mann, den ich nicht kannte, hockte im Sand und blickte zu ihr auf. Mein erster, sich rasch abschwächender Impuls war, mich zu entfernen, mein zweiter, mir eine Zigarette anzuzünden. Es war vergebliche Mühe, denn ich konnte mich nicht bewegen. Niemand schien mich wahrzunehmen. Der Peinlichkeit, die ich empfand, entnahm ich, dass ich trotzdem zu den handelnden Figuren gehörte, ein bisschen wie der treulose Gatte auf dem Theater, dem man die Komödie des Nicht-Bemerkens vorspielt. Ich war mir sicher, dass sich das Gespräch nicht auf mein gegenwärtiges Verhältnis zu Liz bezog. Es schien sich auf überhaupt keinen Verdacht zu beziehen, sondern auf eine klar und offen zutage liegende Sache, die ich durch sorgfältiges Erwägen der Worte zu ergründen versuchte. Umsonst! Ich hätte aus der Szene verschwinden müssen, um zu erfahren, worum es ging, aber das ließ sich nach Lage der Dinge nicht bewerkstelligen.

Meine Frau stand auf und legte sich mit einer raschen, fließenden Bewegung in den Sand. Der junge Mann schien noch intensiver zu kauern. Leider konnte ich sein Gesicht nicht deutlich erkennen, er würde mir ewig unbekannt bleiben. Seine Stimme hatte etwas Synthetisches, es war die Stimme eines jungen Mannes – nicht mehr, nicht weniger –, die eine leise Hysterie in mir weckte. In ihr schwang tiefes Verständnis für die reifere Frau, die sich aus einer Anwandlung heraus offenbart, die man als unerklärlich und kostbar zugleich empfindet. In den Augen dieses Mannes war ich nicht der Feind, sondern etwas Schlimmeres: eine Mixtur aus Vater und falschem Liebhaber, ein Versager. Dieses vibrierende Angebot, es besser zu können – und zwar nicht graduell, sondern unendlich besser –, das er darstellte, weil das Geschlecht ihm die Rolle diktierte, war durch nichts zu kontern außer durch die Wirklichkeit selbst. Was er sagte und tat – im Augenblick ließ er ein wenig Sand durch seine Finger rieseln –, war nicht wirklich, es zielte an allem vorbei, was Anita und mich betraf. Dennoch hörte sie ihm zu, mit einem durch nichts zu beeinträchtigenden Ernst, durch den sie kundtat, dass seine Rede tiefere Schichten berührte, in denen sie sich zu Hause fühlte oder zu Hause wäre, wenn die Gunst der Stunde sie einmal dorthin verschlüge, womit aber, dank der Widerspenstigkeit von Wesen wie mir, vorerst nicht zu rechnen sei.

Ich hatte gleich den Strand von Amrum wiedererkannt und dieses Wiedererkennen irritierte mich allerdings in hohem Maße. Wir hatten nur ein einziges Mal zusammen dort Urlaub gemacht, und mir war nicht bekannt, dass sie vorher oder später einmal allein dorthin aufgebrochen wäre. Die zwei Wochen enthielten für mich die Erfüllung, beinahe hätte ich geschrieben, die Quintessenz unserer Beziehung. Zu keiner anderen Zeit war das wechselseitige Geben und Nehmen so verflochten, so dicht, so vollkommen gewesen wie in diesen Tagen. Der Gedanke an einen Dritten kam mir völlig abwegig vor. Nicht nur war der junge Mann nicht wirklich, er war nicht echt; meine Phantasie hatte ihn in einem Augenblick erstehen lassen, in dem ich die Möglichkeit eines doppelten Verlustes überschlug. Sie hatte die Lage, in der ich mich befand, dramatisiert, indem sie sich nicht damit begnügte, alle gegenwärtigen Sicherheiten aufzulösen, sondern auch die der Vergangenheit, die das Fundament der gegenwärtigen darstellten. Jedenfalls bildete ich mir das ein, wobei ich zugeben musste, dass die Art, wie es durch einen simplen Tagtraum ins Rutschen geriet, seiner Festigkeit kein gutes Zeugnis ausstellte. Mir war kläglich zumute.

Ich hatte mich schon zum Aufbruch entschlossen, als eine Kleinigkeit mich zurückhielt. Vielleicht lag es an einer Veränderung der Lichtverhältnisse – der Regen hatte aufgehört und durch die Jalousie strömte, silbrig getönt, das helle Vormittagslicht –, vielleicht an etwas, das die Schwelle bewusster Wahrnehmung nie passierte. Aus dem Licht – oder dem Unnennbaren – löste sich Amrum: der Geruch des Meeres, das Rauschen, der silbrig und träge glänzende Sand, über den ein kalter Wind wehte. Im Vordergrund – ich entsann mich der Episode gut – spielten zwei junge Frauen Volleyball. Sie spielten mit einer Hingabe, die keinen Gedanken an Voyeursblicke zuließ. Jede trug nur ein Kleidungsstück auf dem Leib, ein dunkelblaues Sweatshirt die linke, eine hellgraue Trainingshose mit umgekrempeltem Bund die rechte, eine schlanke Blondine, deren Mähne im Wind flatterte. Die weißen Körper, eigentlich Halbkörper, die einander im hin- und herwandernden Blick des Mannes ergänzten, versetzten mich in Erregung – nicht zum ersten Mal, wie es schien, die momentane rief eine zurückliegende auf und steigerte sich an ihr, als habe sie etwas zu bedeuten, zu dem der Schlüssel in der Vergangenheit lag. Solange ich zu den Spielerinnen hinschaute, fühlte ich den Blick meiner Frau, die ein paar Schritte vorangegangen war, auf mir liegen; ich empfand ihn als einen erst leichten, dann beinahe schmerzlichen Druck, und als ich mich ihr zuwandte, sah ich in das glatte Gesicht einer Frau, die darauf wartet, unterhalten zu werden.

Die Paare
7
Renate Solbach: Figur 7
Der Auftritt

Länger lässt es sich nicht verhehlen: ich bin dabei, das von der Redaktion gesetzte Seitenlimit zu überschreiten. Dabei ist das Ziel dieser Aufzeichnungen noch nicht einmal in Sichtweite, geschweige denn in greifbarer Nähe. Ich hatte mir vorgenommen, den Fall Rennertz vor einem kompetenten Fachpublikum auszubreiten, um ihn endlich einer Lösung näherzubringen. Das ist jedoch misslungen. Da ich kein Schriftsteller bin – ich erwähnte es eingangs –, wäre es mir lieb gewesen, ich hätte mich meiner Aufgabe schnörkellos entledigen können – ein Irrtum, wie ich jetzt erkenne. Ich wüsste nicht, was ich streichen könnte, ohne das von ferne winkende Ergebnis zu gefährden. Also fahre ich fort, obwohl mich nichts drängt, obwohl keine Figuren meinen Schreibtisch bevölkern und nach Gestaltung verlangen. Mir schwant, es wird ein langer Gang, ob ich es nun wünsche oder nicht.

Ein Beruf wie der meine, geliebt oder ungeliebt, besitzt einen Vorteil: er erlaubt es nicht, die Eigenliebe auf Kosten des Realitätssinns zu hätscheln. Ich mache mir nichts vor, es bleibt abzusehen, dass die gelegentlichen Abendstunden, die ich bisher diesen Aufzeichnungen opferte, nicht ausreichen werden, um das gesetzte Ziel zu erreichen. Offenbar ist die Zeit, die verstreicht, für den, der schreibt, nicht gleichgültig. Das Leben geht weiter. Da es immer weiter geht, wäre das am ehesten zu verschmerzen. Aber auch der Fall entwickelt sich, sei es, dass er sich löst – was den Schreiber von der Qual der Niederschrift befreit –, sei es, dass er verfällt.

Was das bedeutet, wurde mir schlagartig klar, als ich Anita ein paar Seiten dieser Niederschrift zu lesen gab. Nicht ohne Grund, denn unsere einträchtig verbrachten Stunden sind selten geworden. Die Atmosphäre jenes Abends war gedrückt. Nach einem stummen Blickwechsel kehrte ich an den Schreibtisch zurück, wählte kurz aus und überreichte ihr die Blätter in einer Mappe. Sie las sie (allzu eingehend, wie ich fand), trat hinter mich, stützte sich auf die Lehne meines Sessels und sagte wenig schalkhaft: »Lügen!«

»Das sind Lügen«, wiederholte sie, als ich schwieg. »Diesen Rennertz gibt es doch überhaupt nicht, den hast du dir ausgedacht.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Wenn du es wenigstens zugeben würdest«, schrie sie an meinem Ohr. (Sie neigte sonst nicht zu hysterischen Ausfällen.)

»Was soll ich zugeben?«

Meine Fingerkuppe berührte den Schlüssel zur Schublade, in der ich das Manuskript seit seiner Ankunft verwahrte. Ich hätte ins Büro fahren können und eine halbe Stunde später wäre es in ihren Händen gelegen, aber hätte das ihren Ausbruch erklärt? So schwieg ich und wartete ab.

»Du bist feige, feige, feige!« rief sie in heller Erregung, beinahe rannte sie zum Regal, lehnte ihren Kopf an das dunkle Holz und legte die Hände an den Fingerspitzen zusammen. Ihr Körper krümmte sich unter einer großen Spannung. Als sie wieder zu sprechen begann, tat sie es mit der Stimme eines Vogels, inständig und trocken zugleich.

»Immer wolltest du schreiben«, fiepte sie, »immer habe ich darauf gewartet, dass du den Mut aufbringst und es endlich tust. Und jetzt versteckst du dich hinter dieser lächerlichen Figur. Das ist nicht fair«, schloss sie und hämmerte gegen das Holz.

»Aber nein«, hörte ich mich begütigend antworten, »du täuschst dich, dieses Bedürfnis ist mir vollkommen fremd. Warum hätte ich das tun sollen? Sieh dich um, meinst du, wir stünden besser oder auch nur annähernd so wie jetzt da, wenn ich diesen seltsamen Ehrgeiz gehabt hätte? Das kann nicht dein Ernst sein. Immer warst du die Musische von uns beiden. Im Grunde wundere ich mich, dass du nicht längst dein erstes Buch herausgebracht hast, es wäre höchste Zeit.«

Wenn es ein Fehler war, so zu reden, dann stehe ich dazu, auch mir hatte ihr Auftritt den Herzschlag beschleunigt, meine Lippen sprangen. Bestürzt sah ich, wie sie das Gesicht in die Hände nahm.

»Warum tust du das«, murmelte sie, »das ist nicht fair, das ist nicht fair.«

Ich näherte mich ihr, aber sie wich mit einer solchen Heftigkeit aus, dass ein Buch aus dem Regal fiel und mit aufgeschlagenen Seiten liegen blieb. Nimm und lies, dachte ich oder ein Teil von mir, der den Auftritt unbeteiligt verfolgte. Dass es diesen intakten Teil gab, bekundete sich noch auf andere Weise. Ihr Auftritt verwirrte mich. Ich war bestürzt, erregt und sogar aufgebracht, ich verstand nichts. Aber das stimmte nicht; ich verstand sie mühelos, wahrscheinlich hätte ich erstaunt reagiert, wenn sie mir keine Szene gemacht hätte. Und darin lag nicht einmal ein Widerspruch. Während ich zwischen der lodernden Frau und dem zu Boden gestürzten Buch erstarrte, war mir klar, dass sie spiegelverkehrt eine Episode aus ihrer Kindheit nachspielte. Die Erinnerung daran hütete sie wie einen Schatz, sie holte sie nur zu besonderen Anlässen hervor, obwohl der Inhalt traurig und im eigentlichen Sinn befremdlich war. Wirklich hatte sie als Mädchen Gedichte geschrieben, nicht beiläufig wie andere, sondern mit dem Elan und dem Ernst der kommenden Dichterin. Zu den Eltern besaß sie ein eher distanziertes Verhältnis, aber das ist eine andere Geschichte. Sie dürften völlig ahnungslos gewesen sein, bis sie ihnen eines Tages ein sorgfältig mit einem Faden geheftetes Bündel Verse auf den Tisch legte, mit zitternden Fingern und fiebrigem Herzen, überzeugt, hier und jetzt werde über ihr Schicksal entschieden, was, erwägt man die Wirkungen dessen, was geschah, sich als richtig erweisen sollte.

Es muss ein durchdringender Schmerz gewesen sein, mit anzusehen, wie in den Augen der bedächtig die Seiten umwendenden Eltern Befremden aufstieg – kein kleines, belustigtes, das sich gleich in einem Scherz entladen würde, sondern bald blankes, ungebremstes Entsetzen, das so stark wurde, dass es alle pädagogischen Rücksichten beiseitefegte und noch den nachgeschobenen Versuch der Mutter, die Tochter zu begütigen, zur Farce werden ließ. Was immer die Eltern zu diesem Ausbruch trieb, Anita konnte und wollte es nicht erklären, es hatte keinerlei Aussprache darüber gegeben. Überhaupt schien es danach bei Aussprachen der einseitigen Art geblieben zu sein.

Kein Zweifel: künftig besaß ich eine aufmerksame Leserin. Vergeblich jeder Versuch, die Fortschritte des Manuskripts vor ihr zu verheimlichen; sie würde es finden, gleichgültig, an welchen Orten ich es versteckte. Am besten ließ ich es von jetzt an offen auf dem Schreibtisch liegen, so mussten wir nicht mehr darüber reden und Szenen wie die augenblickliche erübrigten sich. Das veränderte die Koordinaten meines Unternehmens beträchtlich. Schon spürte ich die Wirkung des Zensors. Wenn sie wirklich annahm, ich hätte mir den Rennertz-Auftrag nur ausgedacht, so stutzte sie gewiss, sobald sie von Lisa erfuhr. Würde sie auch ihre Existenz energisch in den Bereich der Ammenmärchen verweisen oder würde ihre Einschätzung schwankend werden?

Falls, wie zu befürchten stand, letzteres eintrat, würde sie dann auch Rennertz (und damit mich) nachträglich ernst nehmen? Um ehrlich zu sein, ich glaubte nicht so recht daran. Eher konnte ich mir vorstellen, dass sie sich jeweils das herauslesen würde, was ihrem Zorn am meisten Nahrung gab. Dieser Zorn hatte zwar nur bedingt mit mir zu tun, aber das tat nichts zur Sache. Der Zufall hatte mich zu seinem Auslöser bestimmt, derselbe Zufall (oder ein anderer) hätte auch Mittel und Wege gefunden, einen anderen Sündenbock zu bezeichnen. Was ich tat oder nicht tat, schrieb oder nicht schrieb, es war egal, an mir würde sich das Schicksal vollziehen, das darin bestand, ihren Zorn am Rauchen zu halten.

Natürlich dachte ich nichts dergleichen – zumindest nicht in dieser Ausdrücklichkeit und Reihenfolge –, solange ich wie Buridans Esel zwischen Frau und Regal stockte. Ich verhielt kurz, bückte mich, hob das Buch auf, blies, ohne es zuzuklappen, den Staub fort und begann auf der Stelle zu lesen. Zwar gelang es mir nicht, in den Sinn der Buchstabenreihen einzudringen (ein wenig zitterten mir die Hände), doch das störte mich nicht, im Gegenteil: es gab mir ein wunderbares Gefühl der Sicherheit, ich gehörte zur Gänze mir und dem Buch, wir waren eine Symbiose eingegangen, die nur durch einen Akt unaussprechlicher Barbarei zerstört werden konnte. Die flirrenden Buchstaben nährten einen Hochmut, an den wenige Sekunden zuvor nicht zu denken gewesen war. Anita hatte meine Manuskriptseiten wieder an sich genommen. Einen Augenblick lang glaubte ich, sie würde sie zerreißen, aber sie legte sie ruhig auf den Tisch und ging hinaus. Der Hochmut verschwand und machte einer starken Verlegenheit Platz. Fast wäre ich meiner Frau nachgegangen. Ich schloss das Buch, bemüht, kein Geräusch zu verursachen, und stellte es an seinen Platz.

An Schreiben war nicht mehr zu denken. In Gedanken verließ ich das Haus und lief ziellos durch leere Einkaufsstraßen, aufgeschreckt und beruhigt, wenn ich einem Pärchen begegnete, das eng umschlungen vor den Last-minute-Angeboten eines Reisebüros oder im Angesicht einer Kinofront verweilte. Wirklich legte ich mich aufs Bett – ich schlief im Arbeitszimmer, seit Anita Nacht für Nacht aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen war, weil, wie sie sagte, mein Schnarchen sie am Einschlafen hinderte –, streifte den Kopfhörer über und wartete darauf, dass die Unruhe abflaute. Sie schien aber eher zuzunehmen. Vielleicht hatte ich die falsche Musik gewählt. Ich nahm es hin. Das ist nicht fair, dröhnte es in mir. Was war nicht fair? War es unfair, dass ich ihr das von Rennertz auf meinem Schreibtisch deponierte Problem bisher vorenthalten hatte? Wohl kaum. Auch glaubte ich nicht so recht daran, dass sie Rennertz für meine Erfindung hielt. Mir schien, das hätte sie eher beruhigen müssen. Die Heftigkeit ihrer Äußerungen stand in keinem Verhältnis zu deren Inhalt. Es sei denn…

Während ich diesen Gedankenfaden aufnahm, verlor und wieder zu fassen bekam, fiel mir ein, dass ich einen anstrengenden Tag vor mir hatte. Ich stand auf, stellte den Wecker und begriff auf eine heftige und unkontrollierte Weise, dass nicht ich die Attacke ausgelöst hatte, sondern die Tatsache, dass Rennertz für sein undurchsichtiges Spiel mich und keine andere ausgewählt hatte. Es war nicht einfach, darauf zu kommen, schließlich hatte er sie gar nicht gekannt, sie hätte ihm also gar nicht in den Sinn kommen können, hätte er Überlegungen in dieser Richtung angestellt. Natürlich hätte er leicht mit ihr in Verbindung treten können, wenn wir über diese Dinge geredet hätten. Aber selbst den Austausch von Familienfotos hatten wir unabgesprochen vermieden – eine noble Geste, wie ich damals fand und wie ich noch heute meine.

Also war nicht ich der Unhold, auch nicht Rennertz, der von nichts gewusst hatte, sondern der dunkle Urheber des Manuskripts, den ich ebenso wenig kennengelernt hatte wie sie. Aber wenn ihr bloß ums Schreiben zu tun war, wozu benötigte sie dann den Anstoß von außen? Warum dieser Ausbruch? Warum verschärfte sie die verzwickte Lage, in die mich Rennertz gebracht hatte und die sie aufgrund der wenigen Seiten, die sie gelesen hatte, nicht entfernt überblicken konnte? Eifersucht oder Neid kamen hier nicht in Betracht: von der Seite hatte ich Anita nie kennengelernt und wollte auch jetzt nicht daran glauben. Lieber hielt ich mich an die Künstlerin: Anita zeichnete gelegentlich und stand im Briefwechsel mit einem Schriftsteller, der gerade dabei war, sich einen Namen zu machen. Jedenfalls entdeckte ich seinen gemeinsam mit einigen anderen, mir bereits bekannten, in einem Leitartikel meiner Tageszeitung – einem Ort, an dem selbst spektakuläre Flugzeugabstürze nicht leicht Erwähnung finden.

Die Herren, las ich, seien die kommende Schriftstellermannschaft unserer ebenfalls im Kommen begriffenen Hauptstadt. Damen wurden in diesem Zusammenhang nicht genannt. Etwas ratlos fragte ich mich, welcher Teufel den künftigen Regierungssitz ritt, sich angesichts anderer, unübersehbarer und äußerst kostspieliger Aufgaben eine eigene Mannschaft auf dem Gebiet der Literatur aufzubürden. Ob man einen Klassetorwart finden würde? Welche Probleme! Würde man einen Schreiber finden, der freiwillig auf der Reservebank Platz nahm? Gegen wen wollte man überhaupt antreten? Gegen Teams aus den anderen Hauptstädten? Gegen die Provinz? In welcher Formation? Wen nahm man vom Spielfeld, wenn es brenzlig wurde? Schließlich die Frage aller Fragen: Woher nahm man die Sponsoren? Vermutlich wurden solche Fragen im Feuilleton abgehandelt, dessen Lektüre ich aber, zu meiner Schande sei es gestanden, nach einigen bereits weit zurückliegenden Versuchen aufgegeben hatte.

Sollte Anita, was anzunehmen war, sich im Besitz des Geheimnisses fühlen, das alle wirkliche Kunst umgab, dann musste sie den Zufall, der mich vielleicht zu seinem – wie soll ich sagen – Verweser gemacht hatte, als grausame Ironie und als sträfliche Vernachlässigung empfinden. Sie oder ich – die Konstellation verlangte nach einem Schuldigen, der nach Lage der Dinge nur ich sein konnte, Rennertz natürlich auch, das verstand sich von selbst, aber sie musste sich schließlich an jemanden halten können. Nicht, weil sie mir das zweifelhafte Geschenk neidete – eher wehte mich etwas wie Mitleid von dieser Seite her an –, sondern weil ihre Natur darauf eingerichtet war, es zu empfangen und unter Schmerzen auszutragen, falls nicht auch das eine eher geschmacklose Metapher genannt werden musste. Was ich davon verstand, passte unter die Krempe eines Hutes, sie hingegen, die in einem ganz – oder doch nicht ganz – körperlichen Sinn davon erfüllt war, trug schwer daran, dass... Es war lächerlich, wenn ich daran dachte, dass alles, was mir Rennertz beschert hatte, im wörtlichen wie in jedem anderen erdenklichen Sinn in einer Abwesenheit bestand, deren Ausbleiben wiederum meiner Frau die Seele zerschnitt.

Kühl und ein bisschen besorgt, als trage sie durch ein Versehen der Aufnahmeleitung unvorhergesehenerweise die Verantwortung für das Gehörte, ertönte die Stimme der Studioansagerin. Auch wenn ich vom ersten bis zum letzten Takt nichts gehört oder sagen wir lieber, nichts mitbekommen hatte, so bewegte mich diese Stimme. Ich fand, sie habe ihre Sache gut gemacht, fast hätte ich mir vorgenommen, mich beim nächsten Besuch im Musikladen nach dem Streichquartett zu erkundigen, wenn mir nicht eingefallen wäre, dass ich ja nicht wusste, um welches es sich handelte.

Die Paare
8
Renate Solbach: Figur 8
Diana, der Nussschale Erinnerung entsteigend

Als ich Rennertz zum ersten Mal traf, schien er mir etwas jünger zu sein als ich, und obwohl sich dieser Eindruck in der Folgezeit korrigierte (er hatte die Grenze zum Vierziger überschritten, während ich noch als später Mittdreißiger firmierte), blieb ein wenig davon an seiner Gestalt und seiner Art, die Dinge zu betrachten, haften. Heute würde ich sagen, sein Blick auf die Dinge war alterslos. Gewöhnlich charakterisiert man mit diesem Wort den nüchternen Greisenblick an der Schwelle zwischen dem vorgerückten und dem biblischen Alter. Der seine hatte etwas Jungenhaftes, die Welt nahm sich darin wie eine frischgebackene Brezel aus – warm, duftend, lockend, rund und zum unverzüglichen Genuss bestimmt. Dabei war er kein eigentlicher Genussmensch, es sei denn, man versteht darunter einen wie ihn und hält das normale Genussmenschentum für ein Missverständnis.

Er saß sehr aufrecht auf seinem Stuhl und blickte den Gesprächspartner scharf, aber nicht unfreundlich an. Selten erlebte ich, dass er auf einem Sessel Platz nahm: wenn, dann so, als müsse er jederzeit imstande sein, sich bloß durch die Betätigung der Gesäß- und Beinmuskulatur wieder zu erheben. Er sprach, wie er saß – zusammengenommen, gespannt, voll jener irritierenden Aufmerksamkeit, in die neben den Reaktionen des Gesprächspartners unentwegt all die Zeichen Eingang fanden, die unsere zivilisatorische Umwelt überreichlich aussendet. So konnte ich mühelos an seinen Augen ablesen, dass es an der Zeit war, der Dame neben dem Eingang aus dem Mantel zu helfen, während ihr linkischer Begleiter sich noch anderweitig beschäftigt zeigte; die Dame trug übrigens einen herausfordernd schimmernden Pelz, sie kam mir flüchtig bekannt vor, aber ich hätte sie nie und nimmer aus dieser Umgebung herausgefiltert, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, meine Gedanken auf die meines Gesprächspartners abzustimmen.

»Doch doch, ich glaube Ihnen. Dennoch scheint es mir die Aufmerksamkeit gegenüber der Vergangenheit zu weit zu treiben, wenn wir sagen, sie solle und dürfe nicht vergehen. Vielleicht ist es ja unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass sie vergehen kann, und auf diese Weise die Toten zu erlösen.«

»Das hätten die gerne. Von einer solchen Pflicht träumen die doch nur. Glauben Sie mir, die Aufforderung, zu vergessen, scheitert daran, dass die Leute, die es angeht, bereits alles vergessen haben.«

»Das mag schon sein. Aber hier handelt es sich nicht ums Vergessen, sondern darum, das Vergangene als etwas zu begreifen, das wirklich vergangen ist.«

»Es kann doch jeden Tag wieder losgehen. Sehen Sie sich um –« Er blickte sich wirklich um, gerade hinein in das strahlende Lächeln der Dame, die an unseren Tisch trat und in einem angerauhten, etwas nervösen Tonfall sagte: »Entschuldigen Sie, dass ich Sie so anspreche. Heißen Sie zufällig Rennertz? Sind Sie der Rennertz?«

Rennertz parierte, ohne zu zögern. Seine ausgebreitete Rechte, die wirkte, als müsse er durch die Finger sehen, schnellte nach vorn und plazierte das Gewicht einer plötzlichen Enthüllung in unmittelbarer Nähe meines Ohrs: »Guido Auerwald. Der Auerwald. Wen darf ich...?«

Das war schon eine bühnenreife Szene und wir mussten alle drei herzhaft lachen, als Licht in das Beziehungsdunkel zu strömen begann. Die beiden waren alte Bekannte, die sich schon fast aus den Augen verloren hatten. Leider spielte mein Gedächtnis nicht mit, mehr als eine vage und herkunftslose Ähnlichkeit ließ sich darin so schnell nicht auftreiben. Die Dame setzte sich eine Weile zu uns, während ihr bebrillter Begleiter in einem Buch las oder blätterte. Später, als ich Elisabeth besser kannte, wollte ich wissen, was sie zu der kleinen Komödie bewogen hatte, aber sie wiegelte ab und sagte bloß – da war ich noch auf der harmlosen Seite –, wenn man einen bedeutenden Menschen wie Rennertz persönlich kenne, dann sei man es sich und ihm schuldig, ein wenig zu schauspielern. Rennertz besaß also Freunde, die ihn für bedeutend hielten.

Den Eindruck teilte ich nicht und das war in Ordnung. Nur so gab ein Wort das andere, ohne störende, der Befangenheit oder Schmeichelei oder Männerkonkurrenz geschuldete Interferenzen, zu denen sich sonst Gelegenheit in Fülle gefunden hätte, etwa, wenn wir halblaut und flach gestikulierend im Halbdunkel des Theaters eine Einstudierung von Pina Bausch kommentierten, was jetzt gelegentlich vorkam, denn sobald Elisabeth uns ins Schlepptau nahm, war Kultur angesagt. Gleichgültig, ob im Ballett oder im Theater, wir redeten immer. Elisabeth thronte zwischen uns und ergötzte uns hin und wieder mit Berichten über ihren Mann, einen sie nur wenig fordernden Philosophieprofessor, der sich in der Dämmerstunde an seine Manuskripte begab, sofern er nicht Seminar hatte und anschließend mit seinen Studenten in die Kneipe ging. Es gab viel zu lachen, wenn sie dabei war. Sie sprach eher wenig, aber das festzustellen setzte bereits ein gewisses Nachdenken voraus, weil sie das Talent besaß, denjenigen, der gerade redete, mit allen erdenklichen Signalen der Erwartung und des Entzückens zu überhäufen, so dass wir beide in einen wahren Taumel gerieten, um dieser Aufmerksamkeiten teilhaftig zu werden, und wahrhaftig glaubten, sie habe den größten Teil des Gesprächs bestritten. Höher als ihren verbalen Charme schätzten wir ihre körperliche Gegenwart, die uns ohne Verzug zu Männchen degradierte, was wir im Zoo ihrer Gefühle ja auch bereits waren. »Ma’am«, sagte ich (wir veräppelten uns stets ein bisschen), »neben Ihnen zu sitzen ist nicht ganz einfach.«

»Fein«, sagte sie, »dann man tau.« Eine Aufforderung, die keiner von uns so richtig verstand. Ich glaube, sie fühlte sich in diesem Augenblick herrlich ordinär.

Ohne es einzugestehen, waren Rennertz und ich von ihr besessen. Wahrscheinlich hatte ich die besseren Karten, weil sie mich nicht für bedeutend hielt. Ich habe sie geliebt, ein langes Frühjahr und einen kurzen Sommer lang. Ich sehe uns am Ufer eines Stausees lustwandeln, ein leicht wattiertes Blau über uns, das von einer Autobahnbrücke durchschnitten wird, immer in leichter Besorgnis, einem Geschäftspartner ihres Vaters oder irgendwelchen Studenten ihres Mannes zu begegnen – was häufiger geschah, ohne dass es sichtbare Folgen gezeitigt hätte. Unsere Körper drängten sich gegeneinander, so dass wir manchmal fast erschöpft bereits im Hotelzimmer ankamen, wo wir erst Rücken an Rücken saßen, bevor wir uns auszukleiden begannen. Es war eine unglaubliche Zeit, in der es Tage gab, an denen wir überzeugt waren, die Wellen der Ruhr, die gerade hier, zwischen zwei überaus wirksamen Kläranlagen, eine behende Natürlichkeit zeigte, liefen im gleichen Takt neben uns, unglaublich auch in anderer Hinsicht, denn unsere Klimmzüge auf den Laken mehrerer dutzend Hotelbetten, die wir zu diesem Zweck heimsuchten, erwiesen sich als so wenig ergiebig, dass es manchmal schien, als verschlimmere jeder Versuch, den Gefühlsstau auf zweckmäßige Weise abzuleiten, das Problem, das die übermäßig aufgetürmte Gegenwart des jeweils anderen uns aufbürdete.

Für meinen Geschmack lag zuviel Gymnastik in der Art, wie sie sich bewegte. Nicht dass mich die Figuren störten, die sie durch ein Heben ihres Beckens oder ein Schlängeln ihres Oberkörpers einleitete – ich experimentierte ganz gern –, eher war es die ballerinenhafte Manier, in der sie sie zur Ausführung brachte, eine Art abstrakter Anstelligkeit, die mich oft genug davon abbrachte, den schon beschrittenen Weg gemeinsam bis ans Ende zu gehen. Was immer sie unternahm, stets signalisierte sie den Wunsch, es ›richtig‹ zu machen.

Das brachte mich auf die Idee, in ihrer Phantasie müsse jedes Mal, wenn wir uns auf den Weg der Vereinigung begaben, ein männliches Kollektivwesen entstehen, dem sie ebenso hemmungslos wie unbedarft zu Willen sein wollte. Währenddessen arbeitete ich ebenso behutsam wie erfolglos daran, mich dieses Doubles zu erwehren, um auf eine nicht weiter zu erläuternde Weise ernsthaft in Betracht gezogen zu werden. Sobald sie wieder in ihre Kleider zurückgeschlüpft war, fiel das Double in sich zusammen, sie bewegte sich mit der Sicherheit eines Panthers und wir waren uns näher als je zuvor.

Ungefähr zur selben Zeit lernte ich Anita kennen – unter ganz anderen Umständen, am anderen Pol meiner Existenz. Anita war zurückhaltend im Gespräch, aber störrisch. Im Bett jedoch entfaltete sie eine unparfümierte Gegenwart, durch die sie nach und nach Elisabeth und alle denkbaren Rivalinnen ›aus dem Feld schlug‹. Unsere Organe fügten sich in einer Weise zusammen, die jeden Stellungskrieg und jedes Grübeln gegenstandslos werden ließ. Manchmal überfiel mich ein Argwohn, das sei ihr gar nicht so recht und sie betrachte sich als Gefangene ihres Geschlechtsteils, das so wunderbar rosig unter meinen Händen aufblühte.

Er hätte mich nicht übermäßig bekümmert, hätte ich nicht gleichzeitig den häuslichen Sog gespürt, der sich mit jeder ihrer Ankünfte kräftiger und definitiver meldete. Auch daran wäre vermutlich wenig auszusetzen gewesen, hätte nicht die zugegebenermaßen etwas verwickelte Aussicht darauf, das noch nicht bezogene Heim in fernerer Zukunft allein bewohnen zu müssen, während der Vogel, den ich gerne in sicherer Verwahrung gewusst hätte, ausgeflogen sein und nur zu Begattungszwecken hin und wieder ein rückwärtsgewandtes Rendezvous gewähren würde, eine Beklemmung hervorgerufen, die mir neu war oder an kindliche Ängste rührte, von denen ich nie mehr eingeholt werden wollte.

Um auf Elisabeth zurückzukommen – sie war ein Panther, aber kein freilaufender. In finanzieller Hinsicht gab sie sich unabhängig. Ihre Familie besaß eine Pelzhandlung, eines jener Traditionsgeschäfte, die an der gläsernen Eingangstür den ziselierten Schriftzug ›seit 1854‹ tragen und dadurch andeuten, wie viele Vorgängertüren bereits durch das Bedürfnis betuchter Mitmenschen aufgebraucht wurden, der werten Gattin ein wenig Blutgeruch umzuhängen, und sie war die Erbin. Umso weniger Verständnis brachte ich dafür auf, dass sie sich einen Philosophen als Gatten hielt. Doch konnte und wollte ich mit ihr darüber nicht rechten. Ich spürte die Macht der Beruhigung, die von dieser Beziehung auf sie ausstrahlte, und hielt sie unwillkürlich für ›etwas Festes‹.

So glitten wir, ohne dass es uns störte, auf dem sprichwörtlichen Vulkan dahin, der jederzeit aufbrechen konnte, bissen uns gegenseitig ins Ohrläppchen und genossen auf jede erdenkliche Weise den frischen Wind, der unsere Kleidung aufplusterte und zwischen den Körpern Orte der Ruhe und sanfter Beständigkeit schuf, die durch eine leichte Drehung und Wendung verschwanden, als habe es sie nie gegeben. »Hör mal«, sagte sie, »möchtest du uns nicht am Samstag Gesellschaft leisten? Es kommen noch ein paar Kollegen von Manfred« – das war ihr Mann –, »du würdest dich sicher amüsieren.« Ich lehnte ab. »Wie wäre es«, meinte ich, »wenn wir stattdessen ins Kino gingen? Ich besorge gleich Karten.« »Keine Chance. Hast du Angst?«

Elisabeth war nicht dumm, aber ihre Intelligenz geriet, wenn kein Dritter dabei war, rasch an Ränder. Sie wusste sich dann nicht anders zu helfen als dadurch, dass sie die Motive des Gesprächspartners in Zweifel zog. Die Strategie des therapeutisch maskierten Verdachts hatte ihre Zelte in ihr aufgeschlagen – nichts Besonderes, wenn man bedenkt, dass eine ganze Gesellschaft an diesen Spielchen Gefallen fand.

»Deine Angst ist unnatürlich. Du solltest etwas dagegen tun.«

»Mach doch, was du willst. Ich werde dich nicht von deiner übertriebenen Mutterbindung befreien.« »Heute habe ich ausnahmsweise wirklich keinen Nerv, mich mit deinem Christussyndrom zu befassen.« Zwar ließen sich immer nur vereinzelte Nomadentrupps blicken – stolze, in endlose Gemetzel um entfernte, nur vom Hörensagen bekannte Wasserstellen verstrickte Krieger. Aber ich konnte sie nie davon abhalten, ein paar Pflöcke niederzureiten, die ich als topographische Marken im Gelände verteilt hatte. Nach jedem unangemeldeten Besuch ging ich daran, sie resigniert wieder aufzurichten oder gleich ganz zu erneuern.

»Ich habe keine Angst. Wie kommst du überhaupt darauf?«

»Meine Mutter ist mir schnuppe. Ich kann das beweisen.«

»Ich halte Jesus für einen wirklich bedeutenden Menschen. Aber er ist schon ziemlich lange tot. Können wir uns nicht darauf einigen, dass...«

Einfach war das nicht. Eine Herausforderung lag darin. Dass ich sie annahm, war sicher dem frühen Stadium unserer Beziehung geschuldet. Wie ich sie annahm, hatte damit zu tun, dass ich meiner Sache nicht so sicher war, wie meine Landvermesser-Attitüde es darstellte. Ich ermüdete, als ich mir eingestehen musste, dass nichts, was ich als Resultat gemeinsamen Überlegens wiedererkannt hätte, in Elisabeths Repertoire Eingang fand. Bald begann sie abzuwinken, sobald ich einen Einfall entwickelte. Schonend signalisierte sie, mit meinen Einstellungen ausreichend vertraut zu sein. Ich fragte mich, wie Manfred mit ihren nomadischen Durchblicken zurechtkam. Aber da ich weniger über Philosophen wusste als über die Parfums ihrer Ehehälften, gedieh die Überlegung nicht weit. Der Gedanke, gelegentlich mit versprengten Partisanen aus den Reihen seiner Überzeugungen zu kämpfen, kam mir erst später. Vorerst nahm ich die erdrückende Wand aus Männlichkeit viel zu ernst, die sich in jeder Gesellschaft erhob, der Elisabeth ihre laute oder leise Gegenwart hinzufügte.

So geschah es, dass ich mich heimlich zu den gemeinsamen Abenden mit Rennertz zurücksehnte, sei es, um ihr perlendes Lachen wieder zu hören, sei es, um der Stockung zu entgehen, die ihre Tiraden in mir erzeugten. Dort aber schlug sie sich jetzt mehr und mehr auf Rennertz’ Seite, so dass das Opfer unserer Liebe allmählich auf dem Altar meiner durch ihr gar nicht so seltsames Gebaren in den Raum gestellten Ahnungslosigkeit verrauchte.

Die Paare
1
Renate Solbach: Figur 9
Die Anfänge des Verstehens liegen im Dunkeln

Ahnungslosigkeit: seltsames Spielwort in einem Geplänkel, in dem nicht etwa die Grenze zwischen den Ahnungslosen und den Ahnungsvollen ermittelt, sondern ersteren beigebracht wird, dass sie es sind. Die Ahnungsvollen bilden eine Untergattung der Ahnungslosen. Wer ahnungslos ist, bestimmen die anderen. Sie haben keine Ahnung, wann es sie selbst treffen wird, obwohl sie wissen, dass es sie ›erwischen‹ wird, wie die korrekte Vokabel lautet, der man anhört, wie wenig der einzelne gegen die Hand (oder ist es die Faust?) vermag, die ihn beutelt, während sie andere verschont – ›wir waren alle ahnungslos‹, hört man manchmal, doch das ist ein Verteidigungstrick, der nicht funktioniert, weil die Anmutung, die darin beschlossen liegt (›ich ahnungslos?‹), nicht angenommen wird. So gern man sich der Ahnungslosigkeit bezichtigt oder ›den Ahnungslosen spielt‹, so hartnäckig verweigert man die Annahme jener eingeschriebenen Sendung, von der man im voraus weiß, dass ihr Inhalt aus diesen drei Worten besteht: Du bist ahnungslos. Keiner ist ahnungslos, jeder will es gewesen sein, obwohl oder gerade weil ihn schon früh gewisse Ahnungen heimsuchten. Ahnungen sind die Kehrseite der Ahnungslosigkeit, ihr Unterfutter, Ahnungslosigkeit ist ohne sie nicht lebbar.

Daher bezichtigt man den anderen nicht, sondern zeigt ihm, dass man ihn für ahnungslos hält. Dieses Zeigen ist eine Schlüsselhandlung – ich möchte fast wetten jeder Kultur. Man zeigt, indem man die andere Person ignoriert. ›Gib her!‹ lautet der Imperativ, der den Ahnungslosen markiert und ihm seine Lage drastisch vor Augen führt. Es hat keinen Zweck, dass er sich länger mit einer Sache herumschlägt – einer Straßenkarte, einem nicht funktionierenden Handy –, sie wird sofort in den richtigen Händen liegen, sobald er sie abgibt. Dagegen ist schwer anzukommen, es sei denn, man gehört zu denen, die in einer solchen Lage zu klammern beginnen. Grundfalsch! Während der wahrhaft Ahnungslose wenigstens die Chance wahrt, belehrt zu werden, muss der Widerspenstige glatt von dem Objekt getrennt werden, das unter seinen Händen den Dienst verweigert.

Die gespielte Ahnungslosigkeit der Frau am Straßenrand, die mit dem Wagenheber die Motorhaube ihres Seicento zu öffnen vorgibt, fällt unter die leeren Verheißungen: der Mann, der hier eingreift, weiß, dass er sich etwas vorgaukelt und dass er benützt wird. Aber es berührt ihn nicht, weil er genauso weiß, dies hat die Struktur des Glücks, auch wenn daran gar nicht zu denken ist. Den Wagenheber, den sie ihm bereitwillig überlässt und der in seinen Händen zum Ausweis von Kompetenz mutiert, überblendet der unwirkliche Gegenstand der Lust. Eine wissende Ahnungslosigkeit spielt ihn zu, von welcher der Helfer umso mehr überzeugt ist, als sie das Mögliche schlechthin umreißt: keine Ahnung, worin es besteht.

Wie banal, sagt der Zensor. Und das ist vielleicht das Geheimnis der Ahnungslosen. Sie fürchten die Banalität nicht – jedenfalls nicht in der kurzen Spanne, in der sie sich zu ihrer Ahnungslosigkeit bekennen –, sondern benutzen sie, während die Angst, für ahnungslos gehalten zu werden, die Sorge enthält, als banal zu gelten. ›Natürlich‹ machte es mir nichts aus, wenn Elisabeth im Gespräch mit dem bedeutenden Menschen Rennertz von meinem Gesprächseinwurf ungefähr den gleichen Gebrauch machte wie ein Vielflieger, der, ohne seinen Redefluss zu drosseln, sich eine Tasse vom Tablett nimmt, das ihm eine in unendlicher Geduld geübte Stewardess hinhält. Immerhin kam ich dabei auf meine Kosten. Manchmal genügte dazu der Anblick ihrer flammenden Augenbrauen, manchmal eine bestimmte Neigung ihres Gesichts oder der Fall ihres glänzenden Haars.

Allzu lange hielten solche Phasen der Ergebenheit nicht an. Auch dafür war gesorgt: auf dem Klavier meiner von ihr geschaffenen Ahnungslosigkeit spielte Elisabeth die erstaunlichsten Läufe. So gelang es ihr ohne weiteres, Ausführungen meinerseits, die nicht einfach mitzunehmen oder zu übergehen waren, durch eine reflexhafte Bemerkung zu neutralisieren, die auf nicht revidierbare Weise den Hinweis enthielt, dass ich hier über Gegenstände redete, zu denen mir der Zugang immer verschlossen bleiben würde, was aber angesichts der Originalität und Drolligkeit meiner Natur kein Schaden sei, eher ein Schutzmechanismus. Das Einvernehmen mit Rennertz, das in solchen Momenten im Raum stand – durch ein abwesendes Lächeln seinerseits vorsichtig aufgenommen und besiegelt –, wurde von ihr sogleich überwölbt und fortinterpretiert durch eine herzliche Geste, einen bedeutungsvollen Blick und ähnliches, so dass ich wie ein gutmütiges Haustier mit einem sanften Schwanzwedeln zu erkennen geben durfte, dass mir, im Augenblick wenigstens, alles recht sei.

Was hätte ich tun können? Ihr zu verstehen geben, dass ich ›durchaus‹ im Bilde sei? Aber wie denn, wenn sie den Rahmen zwischen uns beide legte und sich huldvoll ins Bild zurückzog? Es blieb mir nichts anderes übrig, als das Bild zu studieren, in dem sie mit Rennertz, dem wirklich bedeutenden Menschen, über Dinge sprach, von denen, wie ich wusste oder nach und nach argwöhnte, sie wirklich keine oder nur eine geringe Ahnung besaß. Ihre Ahnungslosigkeit spiegelte sich in meiner wie ein flackernder Schatten in einer rasch versickernden, aber durch ein stetes Rinnsal immer wieder sich erneuernden Pfütze. Bei alledem liebte ich sie für die Treffsicherheit, mit der sie Dinge heraushörte, welche ihr, sofern sie auf irgendeine Form von Wissen angewiesen gewesen wäre, ewig unbekannt hätten bleiben müssen. Sie verfügte über genügend Intuition, um zu wissen, wann es angebracht war, bestimmte Wortfolgen zu wiederholen oder peinlich zu vermeiden, welche Vorstellungen bei den Personen, mit denen sie sich umgab oder die sich mit ihr umgaben, einen Ironieoder Bedeutsamkeitsindex trugen, welche ›entsetzlich‹ genannt zu werden verdienten und welche sich von allein verboten. Sie kannte die Arten des Lächelns und der gespielten Abwesenheit – Dinge, die einerseits zum Repertoire der ›Dame‹ gehörten, andererseits innerhalb der Rede, die wir pflegten, ohne wirkliches, also ›intellektuelles‹ Wissen nur schwer zu beherrschen waren. Jedenfalls hatte ich das geglaubt, bevor unsere Zweisamkeit fade zu werden begann, und wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich mir nicht mehr sicher, ob meine Desillusionierung der Tatsache zuzuschreiben war, dass ich allmählich begriff, oder Elisabeth einfach das Licht ausgedreht hatte.

Wenn es einen Grund dafür gab, so könnte er Rennertz geheißen haben. Mutig hatte sie die Brücke betreten, die zu ihm führte, eine Seilbrücke, die heftig schwankte und überraschende Blicke in den Abgrund und den sich darüber wölbenden Himmel mit sich brachte. Das hinderte Elisabeth nicht daran, stetig weiterzugehen, den Blick auf die jenseitige Böschung gerichtet, die sie vermutlich irgendwann erreicht hatte und von der sie mir seither ihre zweideutigen Botschaften zukommen ließ. Kein Zweifel, sie war Rennertz’ Geliebte. Kein Zweifel? Dann hätte ich entweder damals so denken müssen – was nicht der Fall war, natürlich nicht, wie ich anfügen möchte – oder aber ich müsste es mittlerweile wissen. Doch davon kann überhaupt keine Rede sein, vor allem nicht, seit ich von dem zweiten Rennertz weiß, der mir das Manuskript hinterließ. Heute denke ich, wäre es Elisabeth gelungen, in diesen lichtlosen Bezirk einzudringen, sie hätte ihn mit Sicherheit zerstört. Mag sein, dass sie hier und da mit Rennertz schlief, doch um das zu erreichen, hätte sie meiner Mittelsperson nicht bedurft.

Wozu hatte sie mich gebraucht? Hatte sie mich ›gebraucht‹? Noch immer bin ich so ahnungslos wie damals, als mir unsere merkwürdigen Paarungsversuche den Verdacht eingaben, dass sie nicht mit meiner Person, sondern mit meinem Geschlecht ins Bett ging – was ich ihr nicht weiter übel nahm, weil es sich in der Praxis zwar hinderlich auswirkte, mir aber die Idee eingab, in eine subpersonale Zone animalischer Begegnungen einzutauchen. Angenommen, hinter jenem animalischen Double verbarg sich niemand anderes als Rennertz, so hieß das ja, dass er sich vor ihr auf ebenso perfide Weise hinter der Maske des Geschlechts verbarg wie vor mir. In Wahrheit war sie vermutlich argloser als ich, da es mir, anders als ihr, jederzeit frei stand, einen Verdacht zu hegen, der, wie sie mich einschätzte, unsere Beziehung von Grund auf zerstören musste. Gerade das fand an den Abenden, die wir zu dritt verbrachten, statt, aber es vollzog sich quasi natürlich dadurch, dass sie einen Anschluss an Rennertz suchte und fand, der mich ausschloss, obwohl ich als sein Freund mit ihm in einer privilegierten Beziehung stand, zu der sie nicht einmal den Schlüssel, geschweige denn einen wirklichen Zugang besaß.

Rennertz war mein Freund. Mit dieser Konstante musste sie rechnen. Angenommen, die Scheu, die sie ihm gegenüber bezeugte, war echt, so musste ihr einer wie ich, der nichts Vergleichbares empfand, obwohl ich in ihren Augen derselben Klasse von Wesen angehörte wie sie, als jemand erscheinen, den sie unbedingt zum Verbündeten gewinnen musste. Nur war das Mittel, das sie dazu wählte, nicht geeignet, die Kluft zu schließen. Im Gegenteil: meine gutmütige Gleichgültigkeit gegenüber dem Objekt ihrer Wünsche, das ich sensu strictu überhaupt nicht kannte, musste sie zwangsläufig von ihm fernhalten, solange sie mit mir solidarisch blieb. Andererseits konnte die Tatsache, dass sie mich verriet, Rennertz nicht verborgen bleiben. In gewisser Hinsicht zielte ihr Verhalten darauf ab, ihm zu zeigen, wie es ›wirklich‹ zwischen uns stand, und damit anzudeuten, dass die Tür offenstand und er in sein Eigentum eintreten könne, wann immer es ihm beliebte. Nur offenbarte sie damit eine Unterwürfigkeit, die in direktem Gegensatz zu dem stand, was sie zu erreichen wünschte. Wenn sie ihn wirklich in dem, was sie für den bedeutenden Kern seiner Persönlichkeit hielt, okkupieren wollte, dann musste sie eine Position ihm gegenüber einnehmen, die in etwa meiner entsprach: frei und ebenbürtig. Das aber hieß: sie hätte ihm ebenso ahnungslos in Bezug auf sein inneres Wesen gegenübertreten müssen, wie sie es mir indirekt vorwarf und wie ich es auch wirklich war.

All das setzte voraus, dass Rennertz ihre komplexe Bedürfnislage durchschaute und bereit war, auf sie einzugehen. Angenommen, er verfügte über eher einfache erotische Bedürfnisse, so konnte er geneigt sein, das Angebot, das sie ihm machte, einzustreichen, ohne dem Preisschild überhaupt Beachtung zu schenken – in gespielter oder wirklicher Ahnungslosigkeit. In diesem Fall, dessen Eintritt ich schon deshalb nicht wünschen durfte, weil er meiner Eigenliebe einen empfindlichen Stoß versetzt hätte, konnte nichts sie auf die Gewinnerseite zurückbringen außer, vielleicht, zähe, geduldige Kleinarbeit auf der Basis irgendeiner mit einem lächerlichen kleinen Ehrgeiz einhergehenden Entsagung, an deren Ende ihr die ›bedeutende Persönlichkeit‹ wie eine leere Trophäe in Händen geblieben wäre.

Egal wie sich die Dinge entwickelten, musste meine Person ihr zum Ärgernis werden. Meine ›Person‹, das war ich, dem sie diesen Umstand sorgfältig verbergen musste, wollte sie nicht eine vollständige Niederlage riskieren. Und mich hatte sie dabei zum Komplizen, ahnungslos damals wie jetzt, nur in unterschiedlicher Hinsicht. Was ich heute hinzuschreiben imstande bin, setzt ein Arsenal seinerzeit ungedeutet gebliebener Wahrnehmungen voraus, die es so nicht gegeben haben kann – einfach deshalb, weil nichts, was uns zusetzt, ungedeutet bleibt. Richtig ist, dass mich heute die Züge in ihrem Verhalten, die mir damals tiefes Unbehagen bereiteten, beinahe gleichgültig lassen, und wenn ich ›beinahe‹ sage, so deshalb, weil der Gefühlsrest, der an ihnen haftet, das Überbleibsel einer Zärtlichkeit ist, die sich damals auf ganz andere Dinge erstreckte. Dass sie es nicht schaffte, eigentlich banale Fehler zu vermeiden, indem sie Handlungen beging, die mich wohl oder übel verletzen mussten, zeigt, wie weit sie davon entfernt war, ihr Spiel zu spielen und sich auf meine Kosten in die gewünschte Position zu manövrieren.

Schmerzhafter ist es, die Glücksmomente zu entziffern, in denen meiner damaligen Lesart zufolge kein Arg unsere Beziehung trübte und die mir heute meine schändliche Ahnungslosigkeit in perfider Weise vor Augen führen. Augenblicke, in denen ihr aus meiner heutigen Sicht restlos gelang, was sie sich vorgenommen hatte, was sie sich vorgenommen haben musste, falls meine jetzige Interpretation Bestand haben soll. Nicht dass ich ihr den Sieg neide, den sie in solchen Zeiten genossen haben dürfte – auch diese Vorstellung wäre eher angetan, Gefühle der Rührung und der Zuneigung zu erneuern. Was mir missfällt, ist die eigene Niederlage. Man nennt so etwas die Niederlage des Intellekts, doch das bedeutet eine unzulässige Entlastung, im Grunde eine weitere Aufblähung des verrückten Ego und damit eine erneute Niederlage. Nein, ich wurde besiegt – überwältigt in Momenten der Unachtsamkeit, aber streng nach den Regeln des Spiels, in dem mit der Verliebtheit auch die Grundlagen der Berechnung gegeben sind, die unweigerlich einen der beiden an den Rand des Feldes bugsiert, das der andere siegreich behauptet.

Wusste Rennertz, was zwischen uns geschah? Vermutlich ebensowenig wie ich damals und, wenn ich ehrlich bin, heute noch. Sobald ich mir seine Lage vorstelle oder, um vorsichtig zu bleiben, anzudenken vornehme, kann ich nicht anders, als ihn mit meinem heutigen Wissen – samt Argwohn – auszurüsten. Nur gewinnt letzteres darin eine Färbung, die alles, was mich bedrückt, leicht macht und dieses königliche Bewusstsein aufschwimmen lässt wie den Korken im Wasser oder eine Plastikkrake im Gewoge eines Wellenbades, an die sich glänzenden Auges die Kinder hängen. Er war der ›Meister der Situation‹. Seltsamerweise nahm ich es ihm nicht übel. Auf seine Weise wahrte er die Normalität. Während ich mich mit Elisabeth – je länger desto heftiger – in einem unterschwelligen Ringkampf abmühte der jeden Tag, jede Stunde, die wir uns sahen, in einen offenen, durch Einvernehmen gebremsten Schlagabtausch übergehen konnte, genoss ich das Privileg, mich gerade dann mit ihm zu verstehen, wenn unser beider Ansichten am heftigsten aufeinanderprallten, was ich wenige Wochen zuvor noch nicht als Privileg, sondern als Selbstverständlichkeit erachtet hätte.

Angenommen, Rennertz durchschaute das Spiel, so nur deshalb, weil er in einem bestimmten Punkt ebenfalls ahnungslos blieb. Dieser Punkt, es ist nicht schwer zu erraten, betraf ihn selbst. Wie hätte er den Unterschied zwischen seiner Person und seiner ›Persönlichkeit‹ nachvollziehen können, der die Grundlage von Elisabeths verwickelten Kalkulationen bildete? Je mehr ihre Aufmerksamkeit ihm schmeichelte, umso weniger hatte er Anlass, zwischen sich und dem Ziel ihrer Avancen zu unterscheiden. Die Devotion, die sie hineinmischte, mochte ihn befremden, doch das Ganze ergab keinen Sinn, da das, worüber sie ihn hätte aufklären müssen, für ihn ebenso wenig existierte wie für mich. Er musste sich also an mich halten, wenn er Aufschluss über ihr Verhalten gewinnen wollte, und vielleicht erklären sich so bestimmte tastende, nie zur Sache kommende rhetorische Vorstöße, die ich mir damals genauso wenig erklären konnte wie jene eigentümliche Bitte, die mich schließlich in den Besitz des Manuskriptes bringen sollte.

Was hätte er von mir auch erfahren können? Viel eher hätte ich darauf brennen müssen, mehr über ihn zu erfahren, um Elisabeths scheuen Drang besser verstehen zu lernen. Aber ich bezweifle, dass ich etwas herausbekommen hätte. Damals wäre mir bereits der Gedanke abwegig erschienen. Ich hielt Rennertz für meinesgleichen und sah nicht den geringsten Grund, einer weiblichen Marotte, die ohnehin genug Verletzendes barg, auch noch mit Realitätspartikeln zu einem gerechtfertigten Eigenleben zu verhelfen. Um ehrlich zu sein: ich glaube, dass Freundschaften wie unsere am besten auf der Grundlage einer leichten wechselseitigen Geringschätzung gedeihen. Nicht, weil man sich über den anderen erheben möchte, sondern weil man es genießt, die Wertschätzung, die man dem anderen entgegenbringt, der eigenen Spontaneität zu verdanken. Ich will, dass der andere meiner Freundschaft wert sei, also muss er es sein. Das Ich duldet im Freundschaftsfall keine Widerrede, weil es ihn mit niemandem, auch nicht mit sich selbst diskutieren möchte. Es spricht ›ex cathedra‹: von einem Ort aus, an dem die Welt konzipierbar erscheint. Eines dieser Konzepte ist der ›Freund‹, und dafür, dass man Bescheid weiß, bürgt die Frage, die sich jeder einmal vorgelegt hat: Aus welchem Grund beharrt der andere mit solchem Starrsinn darauf, jahraus jahrein auf immer dieselbe beiläufige Weise mit ein und derselben Person zu telefonieren, auf immer dieselben Treffen zu drängen, dort immer wieder dieselben Themen und Personen durchzugehen, um hier und da – am Rande – in Zwischentönen augenblickliche Bedrückungen und ›Schwierigkeiten‹ durchblicken zu lassen, mit denen man aber den anderen und vor allem die Freundschaft selbst lieber nicht belasten möchte? Man weiß es nicht und will es nicht wissen. Das ist Freundschaft.

Vielleicht irre ich mich auch und Rennertz war sich über seine außerordentliche Persönlichkeit völlig im klaren, so dass Elisabeths Klimmzüge ihn in dieser Hinsicht eher langweilten, vielleicht sogar abstießen, es sei denn, es handelte sich um eine frisch erworbene Persönlichkeit, die zu ihrer Festigung solcher Belagerungen bedurfte. Dann allerdings müsste ich ihm etwas attestieren, was nach meiner Beobachtung nur in Romanen vorkommt: die Fähigkeit, sich in verschiedenen Milieus perfekt zu bewegen, so dass selbst der Verdacht, die betreffende Person könne in jedem von ihnen nur gastweise zuhause sein, in der jeweiligen Umgebung nicht einmal am Rande aufscheinen würde. Auf unsere Situation angewandt heißt das: entweder täuschte sich Rennertz über sich selbst – falls Elisabeths Anhimmelei ins Schwarze traf – oder ich täuschte mich nicht nur über ihn, sondern in eben demselben oder höheren Grad über die Zuverlässigkeit meines Wahrnehmungsapparates, der mir kein Warnsignal zukommen ließ.

War Rennertz also eine ›Persönlichkeit‹, ohne ein Bewusstsein davon zu besitzen? Das hinterlassene Manuskript legt solche Gedanken nahe. Dieses ehrgeizlose Unterfangen, diese Implosion einer Person nimmt nicht etwa Abschied von dem Wunsch, jemand zu sein, was soviel heißt wie ›etwas vorzustellen‹. Eher spart sie ihn aus. Zieht man die eigentümliche Nicht-Welt des Manuskripts als Auskunftsquelle heran, dann könnte es so aussehen, als habe für den Menschen Rennertz sein bedeutender Teil nicht existiert. Natürlich sind Wunsch und Wunscherfüllung niemals identisch. Aber wenn die Erfüllung auf der stillschweigenden Vereinbarung anderer beruht, dem Wunsch zu willfahren, so ist die Selbsterfüllung, also die vorlaufende Überzeugung, bedeutend zu sein, so etwas wie eine conditio sine qua non des Ganzen. Keine Erfüllung ohne Wunsch, keine Lust ohne vorlaufendes Begehren, kein Begehren ohne die Vorlust, gegen die gehalten jede Erfüllung auch eine Entleerung bedeutet, einen Abschied vom Traum, der nicht länger zu halten ist.

Lasse ich die Kränkung, die mir aus Elisabeths Fimmel erwuchs, beiseite, so erwies sie mir möglicherweise einen Gefallen – nicht damals, sondern im nachhinein. Schwer vorstellbar, dass Rennertz auf die Dauer gegenüber dem Ansinnen, das in ihrer Verehrung zutage lag, völlig unempfindlich geblieben sein soll. Auch in diesem Fall gilt der eherne Satz, dass Ahnungslosigkeit nur auf dem Boden von Ahnungen gedeiht. Ahnungslosigkeit scheint ein Schwebezustand zu sein, der daran erinnert, dass die Zahl der Hypothesen, die man fortwährend über die Wirklichkeit bildet, die Zahl der Annahmen, zu denen man am Ende neigt, beträchtlich übersteigt, und dass der Mechanismus der Unterdrückung unpassender, wenig zweckdienlicher oder sogar ärgerlicher und gefährlicher Hypothesen ebenso als Bestandteil eines ausgebildeten Bewusstseins angesehen werden kann wie die Leistungen, auf die jeder zu Recht oder Unrecht stolz ist. Der Ahnungslose unterdrückt seine Ahnungen. Wie jede Unterdrückung führt auch diese dazu, dass die Unterdrückten ein Eigenleben beginnen.

Nichts verhindert die Annahme, dass Rennertz’ zur Schau getragene Unempfindlichkeit gegenüber den Lockungen, die Elisabeths Angebot enthielt, wenig mehr als den Firnis darstellte, unter dem die Ahnung, mehr zu sein, als die primäre Selbstwahrnehmung nahelegte, sich zum Bewusstsein irgendeiner Berufung verstärkte. Eine solche Annahme wäre mehr oder weniger kostenlos, da die Arbeit an dem Manuskript, das nach wie vor den Mittelpunkt meiner Überlegungen bildet, meiner Auffassung zufolge den Glauben an irgendeine Berufung unbedingt voraussetzt. Und sie würde es erlauben, die Anfänge dieses Glaubens zu datieren. Denn sollte er bereits vorher in Rennertz existiert haben, so hätte dieser die Verehrung, die ihm so unvermutet zuteil wurde, in einer pathetischen Mischung aus Unglauben und Einstimmung entgegengenommen, ohne sich weiter darum zu scheren, ob ihm recht geschah oder ob dies alles nur ein Schabernack sei.

Es kommt mir nicht darauf an, recht zu haben. Fragen wie diese, die sich um das Innenleben dessen drehen, was man die ›Produktivität‹ eines Menschen nennt, erfreuten sich, wie es scheint, einmal einer leidenschaftlichen Wertschätzung, von deren Ergebnissen heute noch hier und da ein paar Ruinen in der Landschaft stehen. Die Karawane ist weitergezogen, was nicht heißt, dass die Brunnen vertrocknet wären, aus denen sie seinerzeit ihren Lebensstoff bezog. Ein Unbedarfter wie ich, dem nichts an irgendeinem Fortkommen liegt, das sich mit der Kunst und ihrer Erforschung verbindet, hat hier leichtes Spiel. Er kann unbedrängt und sogar unbeobachtet seine Schlüsse aus Wahrnehmungen ziehen, bei denen Abhängigere bereits im Vorfeld abwinken. So kommt es mir nahezu evident vor, dass die Avancen einer Frau, wenn sie den Umworbenen nicht völlig gleichgültig ließen, das bedeutende Individuum in ihm hätten hervortreten lassen müssen, dessen Vorhandensein sie suggerierten, wenn – nun, wenn nicht die Implosion dazwischengetreten wäre, als deren Zeugnis das Manuskript auf mich kommen sollte.

Das erscheint merkwürdig, wenn man in Rechnung stellt, dass gerade dem schriftstellernden Rennertz diese Art von Zuwendung Auftrieb hätte geben müssen. Schließlich besitzt die Literatur den großen Vorteil, den Faktor Anerkennung vom Vorurteil der vielen abtrennen und zu einer inneren Größe umdichten zu können.

Da kein gegenwärtiges Publikum gegen das zukünftige ankommt, das überdies den Vorzug besitzt, seinen Autor zu verstehen statt ihn zu verleumden oder kleinzureden, genügt es, dass er sich selbst die überschwengliche Anerkennung zukommen lässt, die ihm die Mitwelt verweigert, um eine gewisse, wenn auch schwierige Balance herzustellen und zu halten, ohne die kein Kunstwerk die Chance hätte zu entstehen. Elisabeths Angebot musste, falls es zur rechten Zeit erfolgte, ideal sein. Entweder also – ich greife ein wenig aus, aber das erscheint mir notwendig, um die Dinge voranzutreiben –, entweder also traf der verehrende Impuls unverhofft auf eine ins Stocken geratene Maschinerie, die bereits so mitgenommen war, dass ein weiterer Betrieb unweigerlich ihre Selbstzerstörung einleitete, oder er erschütterte ein gänzlich unvorbereitetes Gemüt, das sogleich, vielleicht auch Jahre später, eine schauerliche Scheinblüte trieb. In beiden Fällen reichte Elisabeths Witterungsvermögen, um die Katastrophe auszulösen.

Mag sein, dass ich übertreibe. Rennertz hätte das Dokument seines Lebens nicht in fremde Hände gelegt, hätte er es als Protokoll einer Katastrophe empfunden. Überhaupt besitze ich kein Recht, es als ›Dokument‹ zu lesen. Was er mir hinterließ, ist ein Werk, vermutlich sein einziges, über dessen Misslingen andere Faktoren entscheiden als wilde Spekulationen über sein Verhältnis zu einer Frau, die zufällig meine Geliebte war. Gut möglich, dass er es schon seit langem ›in Arbeit‹ hatte, bevor sich unsere Dreierbeziehung aufschaukelte. Gut möglich, dass ihn Elisabeths leuchtende Augen beunruhigten und, wer weiß, verstörten, gut möglich, dass sie ihn ab und an schwach werden ließen. Möglich aber auch und nach Maßgabe des Resultats sogar wahrscheinlich, dass er es verstand, sich ihrer zu erwehren und mit der ruhigen Besessenheit eines Schreiners, der seiner Aufgabe frönt, auch wenn ihm der Kopf von den Exzessen der vergangenen Nacht dröhnt, in der Arbeit fortzufahren, auf die er sich einmal eingelassen hat. Nichts, denke ich, ist einfacher als einen Roman zu schreiben. Man braucht einen Helden, ein paar Figuren, die in unterschiedlichen Verhältnissen zu ihm stehen, einen Konflikt und den Willen, die eine oder andere Figur im Laufe der Erzählung zu Schaden kommen zu lassen. Ein Mensch, der es vermochte, sich dieser leichten Mühe mit durchgreifendem Erfolg zu entziehen, und dabei ungerührt Seite um Seite füllte, sollte auch die Klasse besitzen, unziemliche Angebote als das zu durchschauen, was sie waren, und entsprechend mit ihnen zu verfahren.

Arme Elisabeth! Noch himmelte ich sie an. Während sie meine Bewunderung mit Füßen trat, um höheren Ortes ihre Verehrung zu deponieren, musste sie zur Kenntnis nehmen, dass die von ihr belagerte Bürotür zu blieb, weil der Herr zur gleichen Zeit geistesabwesend in die Trommel eines Waschautomaten blickte. Jedenfalls deutete ich ihren Gesichtsausdruck mehr als einmal in dieser Richtung, nicht ohne unaufdringlich zu signalisieren, dass ich ihr Verhalten unpassend fand. Mehr als Blicke des Typs ›Muss das jetzt sein?‹ hatte sie von mir nicht zu gewärtigen und sie wusste das. Umso wichtiger erschien es ihr, nicht etwa klein beizugeben oder mich schmeichlerisch ruhigzustellen, wie sie es eine Zeitlang getan hatte, sondern die Belästigte zu mimen, die sich weigerte, den Gedankenschmutz des anderen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, wenn es sich schon als nötig erwies, eine so zweifelhafte Gegend zu Fuß, obgleich in sicherer Begleitung, zu durchqueren. Diese sichere Begleitung stellte offenbar niemand anderes dar als mein besseres Ich, das weit davon entfernt blieb, unangenehme Verdächte zu wälzen, und mit ebenso knapper wie selbstherrlicher Gebärde die Außenwelt auf Distanz hielt. Gern hätte ich mich dieser Auffassung angeschlossen, hätte dieses traumhafte Ich nicht immer häufiger die Züge Rennertz’ angenommen.

Die Paare
1
Renate Solbach: Figur 10
Das rote Band

›Germania Tod in Berlin‹ hieß das Stück, dessen Verfasser mir bis dahin nicht untergekommen war. In der Pause wäre ich am liebsten gegangen, aber Rennertz, der die Aufführung »ganz vorzüglich« fand, lächelte nur abgründig zu meinem Vorschlag. Elisabeth hing an seinen Lippen. So blieben wir und ich genoss das zweifelhafte Vergnügen, auf der Bühne lauter Figuren meines antriebslosen Inneren zu begegnen. Jedenfalls bewegten sich die Schauspieler mit der gleichen Lustlosigkeit, mit der ich ihnen bei ihrer Tätigkeit zusah. Ich konnte sie verstehen, bei diesem Text wäre es mir ähnlich gegangen. Elisabeth saß, die Arme locker verschränkt, neben mir und beachtete mich nicht weiter. Wunderbar arbeitete die Klimaanlage, der sich die entspannte Atmosphäre im Zuschauerraum verdankte. Ich nahm an, dass ein Teil der Besucher nur deswegen nicht gegangen war, weil er sich scheute, in die abendliche Schwüle zurückzukehren. Hätte man sie gefragt, sie hätten nichts davon gewusst, aber ihre Körper, von denen sie vermutlich mangels geistiger Nahrung Aufschluss über die Bedeutung der Vorgänge auf der Bühne verlangten, gaben unzweideutig Auskunft: ›Hier ist gut sein, lasst uns Hütten bauen‹. Das war, dank der Segnungen der Zivilisation, unnötig. Man konnte, wenn man wollte, seine Aufmerksamkeit vollständig dem dramatischen Geschehen widmen, das sich aber als solches nicht einstellen wollte. Zwei Clowns spielten irgendwann Müller und König, der preußische Friedrich machte eine trübe Figur, und da die Dame fehlte, ging es abwechselnd jovial und bestialisch zu wie im wirklichen Leben. Der Verfasser des Stücks und der Müller von Sanssouci mussten wohl etwas miteinander zu tun haben, zumindest wälzten sie sich im selben Bett der Geschichte. Immer ist im Untertan der Mensch sozusagen im Kommen. Wie mochte es erst um die geheime Identität des preußischen Friedrich stehen, die gleich einem erhobenen Zeigefinger hinter der Figur stand und ihr am Ende hinter die Kulissen nachlief! Oioioi. Ein Fall für das Programmheft, das sich darüber aber bedeutungsvoll ausschwieg.

Ich für meinen Teil verabscheue Sprüchetheater. Rennertz schien damit weniger Schwierigkeiten zu haben. Er hatte die Augen fast geschlossen und fuhr sich dann und wann über die Stirn wie nach dem Genuss von zuviel Champagner, ansonsten lag seine Hand breit und, wie mir schien, bereit zur Besitzergreifung auf der Armlehne, die seinen Sitz von Elisabeths trennte. Während ich sie betrachtete, überfiel mich ein Gefühl der Beschleunigung. Der Raum versank, wir wurden auf unserem Gestühl durch die Zeit getrieben, einem Ziel entgegen, das nichts Gutes verhieß. Vielleicht steckte eine kleine, nie aufgeklärte Herzattacke dahinter, vielleicht ein uneingestandener Anfall von Schläfrigkeit oder ein mikroskopisches Eifersuchtsdelirium. Tatsache ist, dass sich dabei ein Gedanke bildete, den ich fünf Minuten früher noch mit allen Zeichen des Abscheus verworfen hätte. Er ähnelte verteufelt einem Bazillus, der aus Versehen in die richtige Nährlösung geraten war und, als habe er nur diesen Moment abgewartet, sich explosionsartig vermehrte. Meine Intelligenz schien nur noch dazu gemacht, ihn zu denken. Wohin ich auch auszuweichen versuchte, erblickte ich ihn, und als ich die Augen schloss, nahm das Lid seine Farbe und Gestalt an. Er erschien mir unaussprechlich: er durfte den Körper allenfalls als Exkrement verlassen. Unten fiel soeben der Vorhang – ich stand auf und hangelte mich die Reihe entlang, um dem Andrang zuvorzukommen, der gleich einsetzen musste.

Wir betraten das Hotelzimmer schweigend wie Leute, die nicht wissen, was sie erwartet. Ich hatte die beiden mit heraufgebeten und sie waren widerspruchslos gefolgt. Nach dem Theater wirkte die Zimmerbeleuchtung lausig, was Rennertz, der stracks auf das Bett zuging und sich hineinplumpsen ließ, zu einer vagen Handbewegung und der Frage veranlasste, ob der Stil des Hauses keine überzeugendere Variante erlaube. Ich löschte das Oberlicht und holte den Champagner aus dem Kühlschrank. Die Flasche glitt mir aus der Hand und wäre fast zu Boden gefallen, hätte Elisabeth sie nicht mit einer schlangenhaften Bewegung aufgefangen. Auch Rennertz war zugesprungen und hielt jetzt Elisabeths Hände, denen ich sacht die Flasche entwand. Soviel Sprungbereitschaft auf beiden Seiten kam unverhofft, ich fühlte mich unwohl. Der Gedanke, der mich im Theater angefallen hatte, stand wieder im Raum, mir schien, er sei dabei, sich pantomimisch zu verwirklichen. Ich beschloss, auf der Hut zu sein, und verstand augenblicklich, dass ich die Situation nicht mehr überschaute, sei es, dass bestimmte Details meine Aufmerksamkeit über Gebühr beanspruchten, sei es, dass ich ein Opfer meines aufbrechenden Redebedürfnisses wurde. Immerhin erreichte ich, dass die beiden sich mir zuwandten, und um dies auszunützen, ging ich vielleicht einen Schritt zu weit, als ich, noch immer die Flasche in der Hand, gegen den Schrank gelehnt eine kleine Ansprache improvisierte. Selbstredend wusste ich nicht, worüber ich sprechen wollte, doch da es darauf nicht ankam, flossen die Sätze wie von selbst.

»Ich weiß nicht«, sagte ich – dies schien mir ein gelungener Einstieg zu sein, da er einerseits den Tatsachen entsprach, sie andererseits mit einer gewissen Schläue manipulierte –, »ich weiß nicht, ob es ein guter Einfall war, hierher zu kommen, aber da wir einmal da sind, sollte uns nichts daran hindern, die Gelegenheit zu benützen, um einige Dinge zu klären. Erstens« – hier machte ich eine längere Pause, um nachzuschenken und die Flasche in den Papierkorb zu versenken – »möchte ich hervorheben, dass wir uns jetzt lange genug kennen, um begriffen zu haben, wer wir sind und was wir voneinander erwarten.«

»Bravo« rief Rennertz, ich weiß nicht, ob Hohn oder Müdigkeit aus ihm sprach. Da ich beschlossen hatte, ihn nicht zu Wort kommen zu lassen, redete ich schnell weiter.

»Es geht nicht darum, diese an sich erstaunliche Tatsache gut zu finden, ich persönlich finde sie gut, aber das gehört nicht hierher, es geht darum« – aus irgendeinem Grund hob ich den Zeigefinger – »die Situation zu durchschauen. Elisabeth zum Beispiel – du erlaubst, dass ich mit dir beginne – lässt keinen darüber im Unklaren, wie sehr sie die geistige Anregung schätzt, die sie ihren Freunden, also uns, verdankt. Sie mag unsere Gehirntätigkeit, wobei ich mich selbstredend ein wenig zurücknehme, das ist ja selbstverständlich. Die Frage stellt sich daher, worin diese Tätigkeit, genau genommen, besteht. Ich muss gestehen, dass mich diese Frage schon seit längerem verfolgt, und zwar unabhängig davon, wie es geschehen konnte, dass unsere Zusammenkünfte nach und nach zu einem Mittelpunkt meines Lebens geworden sind.«

»Das ist unvernünftig«, wendete Rennertz ein, »du solltest dich schämen oder wenigstens in dich gehen. Aber ich sehe schon, daran ist gar nicht zu denken.«

»Nein, daran ist nicht zu denken«, lächelte ich und überhörte den Spott. »Daran ist auch deshalb nicht zu denken, weil Elisabeth beschlossen hat, uns nur zu zweit gut zu finden. Ich habe es versucht, aber es ist mir nicht gelungen, die Ansprüche ihres Geistes im Alleingang zu befriedigen.«

»Ist das wahr«, unterbrach Rennertz ungeniert, »hat er versucht, dich allein zu verspeisen?« Die Angesprochene wedelte mit der Handfläche, schwieg aber, im Gegensatz zu Rennertz, der hörbar in Fahrt kam.

»Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr euch in meiner Abwesenheit, genau genommen also hinter meinem Rücken zusammengefunden habt? Damit klärt sich so manches. Ich hätte es nicht geglaubt, aber gut, man kann sich täuschen. Habe ich deine Ausführungen« – er schwenkte sein Glas in meine Richtung – »richtig verstanden, so habt ihr euch nur mäßig amüsiert. Das hätte ich euch übrigens vorher sagen können. Aber lassen wir das. Was mich angeht, so darf ich versichern, dass es mich nicht weiter berührt. Ihr hättet ruhig offener in meiner Gegenwart sein können. Mein Gott, das muss ja anstrengend gewesen sein. Lasst euch gehen, Kinder, lasst euch gehen. Übrigens: lasst mich dabei aus dem Spiel. Ich kann mir den Eindruck nicht versagen, dass unser aller Gehirntätigkeit im Augenblick etwas leidet. Meine zum Beispiel besteht darin, mir vorzustellen –«

»Hör auf! Bist du betrunken, oder was?«

Es hätte Elisabeths Intervention nicht bedurft, um mich zu bereden, dass ich mit der Vermutung, sie sei mittlerweile seine Geliebte, richtig lag. Aber nicht das erregte meine Aufmerksamkeit, sondern der Umstand, dass Rennertz, während er sich so echauffierte, begonnen hatte, ihr Knie zu massieren und dabei das Glas hoch und höher hob, so dass es aussah, als werde er es jeden Augenblick über seinem Haupt ausgießen. Bevor es dazu kam, geschah jedoch etwas anderes. Elisabeth gab sich einen Ruck, strich ihr Kleid glatt, erhob sich und ging ins Badezimmer. Ich erwartete, im Vorbeigehen als Idiot oder ähnliches tituliert zu werden, aber im letzten Moment schien sie darauf zu verzichten und zuckte bloß mit den Achseln. Kaum war sie aus der Tür, ging mit Rennertz eine Verwandlung vor. Er stand ebenfalls auf, lief um das Bett herum und setzte sich auf der mir abgewandten Seite nieder, so dass ich während des folgenden Wortwechsels sein Gesicht nicht sehen konnte.

Unschlüssig schwieg ich einen Augenblick. Darauf schien Rennertz gewartet zu haben, denn nun begann er mit ruhiger, teilweise zum Flüstern abgesenkter Stimme einen Monolog, dessen Inhalt ich hier nicht wiedergeben kann, weil ich ihn... nun, weil ich ihn schlicht und ergreifend vergessen habe. Sooft ich daran zurückdenke – was gelegentlich vorkommt –, stoße ich gegen diese unsichtbare Barriere. Ich sehe das Zimmer vor mir, das Bett, die sitzende Gestalt, ich höre die Stimme… und dabei bleibt es. Oder auch nicht, denn jetzt wird die bewusste Theaterszene lebendig, ich erblicke die Clowns, sie tragen gestreifte Turnanzüge und üben Ballett. Sie machen das gut, wenn man bedenkt, dass sie Clowns sind. Erstarrt der eine zur Säule, schlägt der andere Rad. Et vice versa. Sie fahren auch Schubkarren miteinander und einer pinkelt dem anderen in die Hose, die sein hakenartig gekrümmter Finger solange offen hält. Dabei schwätzen sie ununterbrochen, die Stimmen quieken, als müsse die mimisch dargestellte Schweinerei auch akustisch zum Ausdruck kommen. Das alles entfernt sich weit von Rennertz’ leiser, sonorer Gegenwart. Auch weiß ich genau, dass seine Rede nichts mit ihren müden Späßen zu tun hat, diesem infantilen Dauergefasel von Herrschaft und Knechtschaft. Wo also liegt die Verbindung? Ich käme in arge Bedrängnis, wollte ich – auf Biegen oder Brechen – eine herstellen.

Versuchen wir es anders. Ich hatte Rennertz herausgefordert, er musste mir Paroli bieten. Meine Herausforderung lag mehr unter der Oberfläche, sie zielte darauf, unsere Beziehungen neu zu ordnen. Jedenfalls schrie meine wunde Psyche danach. Rennertz konnte vielleicht nichts dafür, doch das sollte ihm nichts helfen. Er musste sich stellen. Ich hatte ein Recht darauf, ihn zu fordern, und dachte nicht im Traum daran, ihm die Prozedur zu ersparen: dessen bin ich mir sicher. Es scheint, dass er nicht abgeneigt war, meiner Sicht der Dinge Raum zu geben. Aber da bleibt ein Widerstand, ein unausgeräumter Ärger, der diesen ›Raum‹ auf einen Vorhof begrenzt. Es lief nicht so, wie es hätte laufen sollen, wie es hätte laufen können, wäre er auf mein Angebot eingegangen, nachdem er ihm im ersten Moment mit einer nachgerade gierigen Aufmerksamkeit begegnet war. Die Explosion fand nicht statt. Er drängte mein Anliegen nicht zurück, er hob es auf. Hätte ich mich düpiert gefühlt, so hätte ich gehandelt. Dass ich es nicht tat, dass ich es nicht getan habe – nicht damals, nicht später – begrenzt den Raum seiner Rede und meiner Erinnerung. Mehr als das, es… Ach was.

Er hat sich entzogen, das ist alles. Mit atemberaubender Entschiedenheit sorgte er dafür, dass ich meinen banalen Groll in dieser halben Stunde – ungefähr so lange dürfte Elisabeths Abwesenheit gedauert haben – einfach vergaß. Er war ganz bei sich selbst, und ich, angezogen von der tonlosen Stimme und den entgleitenden Seltsamkeiten, die sie von sich gab, hörte ihm in der Verfassung eines Mannes zu, der sich unvermutet in den Palast der Winde oder ins Innere einer Muschel entrückt wähnt. Zum ersten und möglicherweise einzigen Mal flößte er mir ein Gefühl uneinholbarer Überlegenheit ein, das nichts mit Elisabeth und der Sache, die ich gerade noch auszufechten willens war, zu tun hatte, sondern der Abgeschiedenheit der Person entströmte, die da sprach und sich nicht nur physisch von mir abgewandt hatte. Aber das ist eigentlich nur eine nachgeschobene Beobachtung, ungeeignet, das ursprüngliche Gefühl aufzuschlüsseln, das mit der plötzlichen Empfindung von Leere einherging. Ich sage ›plötzlich‹, weil sie sich wie der verschüttete Inhalt eines Wasserglases verbreitete und dabei in allerlei Ritzen und Poren der Wahrnehmung eindrang. Währenddessen fühlte ich mich irgendwie vollständiger und wenn auch dieses Gefühl sich alsbald wieder verflüchtigte, behielt ich doch eine jederzeit abrufbare Erinnerung daran.

Ich kann nicht sagen, die Situation sei bei mir ›haften‹ geblieben. Eigentlich handelt es sich um zwei verschiedene Knäuel, die sich zwar ineinander verwirren, aber verschiedene Mittelpunkte besitzen. Vor allem bleibt festzuhalten, dass ich es war, der sich leer fühlte, während mir alles, was Rennertz sprach, aus einem konzentrierten Inneren zu strömen schien. Später, als ich erfahren hatte, dass es in der Philosophie eine Richtung gibt, die mit fester Stirn bestreitet, dass es so etwas wie ein Ich überhaupt gibt, kam mir der Verdacht, ich hätte einen der eher seltenen Augenblicke erlebt, in denen diese hartnäckige Illusion von einem abfällt – allerdings um den seltsamen Preis, dass ich sie ungeniert im Gegenspieler konzentriert hatte. Doch kam mir die Hypothese wiederum recht gewagt und ein wenig dilettantisch vor. Heute denke ich, Sätze, in denen das Wort ›Ich‹ so häufig vorkommt, dürften kaum die Umgebung sind, in der Spekulationen jenes Typus’ ohne Glaubwürdigkeitsverlust gedeihen.

Angesichts eines unentwegt redenden Rennertz in einem unzureichend ausgeleuchteten Hotelzimmer, während die Uhr auf Mitternacht ging oder sie bereits überschritten hatte, stand mir der Sinn nicht nach Philosophie. Zwischendurch fragte ich mich, was Elisabeth wohl so lange im Bad treiben mochte. Immerhin konnte die Situation als überschaubar gelten, solange sie dort verweilte. Währenddessen blieb ich von Rennertz gebannt, der zwar nicht sein Inneres ausschüttete – darin blieb er unserer Beziehung unbeirrt treu –, aber in einem Tonfall redete, der umstandslos meine eigene Schlichtheit enthüllte. Es war wohl dieser Ton, der mich damals und auf lange Zeit für die Eifersucht unbrauchbar machte. Nicht etwa, dass er sie – etwa als ›mieses kleines egoistisches Gefühl‹ – gebrandmarkt hätte. O nein. Aber er ließ sie schrumpfen, bis von ihr nichts als die Unfähigkeit zurückblieb, das, was zwischen den Menschen vorgeht, richtig einzuschätzen. Eifersucht ist Dummheit. Das weiß zwar jeder, aber die Gründe gehen auseinander. Mir zum Beispiel hätte es nichts ausgemacht, als kleinlich und rachsüchtig dazustehen. Immerhin war ich aus freien Stücken und mit einer gewissen Lust an der Provokation in meine Rolle geschlüpft. Doch die Lust diffundierte mehr und mehr, eigentlich war sie mit dem ersten Satz auf und davon. Überhaupt war es weniger Lust gewesen als Krampf: die Eifersucht hatte mich eingeschnürt wie ein Strick, der bei jeder Bewegung tiefer ins Fleisch schneidet, bis man sich entschließt, mit einem Ruck, der den Schmerz erst einmal vervielfacht, der Sache ein Ende zu bereiten. ›In Erwartung von Schmerzen‹ hatte ich die Aussprache eröffnet. Nun stand ich, an den Schrank gelehnt, mit verschränkten Armen da und hörte einem Mann zu, der Schmerzen von einer Seite her inspizierte, die ich an ihnen bisher übersehen hatte. Hätte er behauptet, erst sie hätten ihm die Augen für die Leiden der Menschheit geöffnet, so hätte ich ihn vermutlich im Stillen verhöhnt. Hätte er einen resoluten Beobachterposten am Rande des Geschehens beansprucht, so hätte ich ihn für einen Schwätzer gehalten. Von solchen Anfechtungen schien er aber völlig frei zu sein. Er behauptete gar nichts. Was er von sich gab – wie gesagt, ich habe kein Wort davon behalten –, entsprach einem Katalog psychischer Stellungen, einer Art Kamasutra der Seele, den er eher beiläufig aufblätterte, als habe er unten im Auto mehr Exemplare und könne mir dieses hier ohne weiteres überlassen. Vermutlich wagte ich kaum einen Blick auf die einzelnen Seiten zu werfen, weil ich das Buch im ganzen verschlang.

Ich habe mich zu keiner Zeit als naiv empfunden, übrigens auch in der bewussten Situation nicht, und halte mich eigentlich, wie man so sagt, für einen ›guten Psychologen‹. Das kam nicht in Betracht, es spielte keine Rolle. Das plötzliche oder langsame ›Umschlagen‹ von Gefühlen, wie der Allerweltsausdruck lautet, bei dem mir unwillkürlich die Vorstellung eines kenternden Bootes in den Sinn kommt, mutierte in seiner Rede zu einer geschmeidigen Gymnastik, bei der unentwegt eine Figur in die andere hinüberglitt, so dass sie allesamt ihre wahre Gestalt erst dann preisgaben, wenn man sie in ihrer zeitlichen Erstreckung zu betrachten bereit war. Nur besitzen die Menschen kein Organ für die Zeit außer einem notorisch unzuverlässigen Gedächtnis, das sie bei dieser Art von Beobachtung fast völlig im Stich lässt. Rennertz redete über die Furie des Verschwindens. Es traf sich gut, dass Elisabeth währenddessen das Bad besetzt hielt – man spricht nicht gern in Gegenwart der Begünstigten über Privilegien, jedenfalls solange sie intakt sind.

Manche Leute orten im Gedächtnis das wahre Zentrum des menschlichen Geistes und dichten ihm alle möglichen magischen Fähigkeiten an. Rennertz hat mich gelehrt, dergleichen Hokuspokus zu verachten. Ein Gedächtnis ist ein Gedächtnis und keine Schatzkammer voller verborgener Fähigkeiten. Vielleicht hatte die Natur das seine nicht übermäßig gut bestückt, das würde jedenfalls erklären, warum er mehr dem Vergessen zusprach als dem Behalten. Ich rede, wie erwähnt, nur von einem gewissen Ton, in dem er das eine oder andere sagte. Wenn ich überrascht war, so bildete die Fähigkeit, überrascht zu werden, den eigentlichen Gegenstand seines Spotts und den Ausgangspunkt seines Monologs, weil sie durch das Vergessen erst möglich wurde, das wiederum nichts weiter darstellte als die Wahrnehmungsseite jenes fundamentalen Mangels an Wahrnehmungsfähigkeit in Bezug auf das Vergehen.

Warum nicht, wird der eine oder andere sagen. Nobody is perfect. Nichts ist lästiger als ein Elefantengedächtnis. Wären mir zum Beispiel, während ich Rennertz lauschte, alle Kränkungen, die ich von Elisabeth erduldet hatte, gegenwärtig gewesen, so hätte ich kaum die Geduld aufgebracht, ihm zu folgen, während ich in Wirklichkeit nicht nur sie, sondern auch Elisabeths Gegenwart nebenan bereits zu vergessen begonnen hatte. Der Einwand, sicher wäre mir beizeiten beides wieder eingefallen, zählt nicht oder höchstens, insofern er das fatale Gewebe ein Stück weiter enthüllt. Natürlich wartete es nur darauf, mir wieder einzufallen, aber nur dann, wenn ein neues Ereignis seinen Auftritt mit neuer Autorität umgab. Meine Reminiszenzen und – nicht zu vergessen – deren augenblicklich im Bade weilende Auslöserin wechselten unterdessen die Bedeutung. Die Elisabeth, die ich gekannt hatte, sollte nie wieder in mein Blickfeld treten. Noch schärfer – oder ›pointierter‹, wie die Leute sagen –: nur weil ich sie zwischenzeitlich vergessen konnte und die große Transformation, der man ununterbrochen unterliegt, außerhalb der eigenen Wahrnehmung liegt, gab es sie überhaupt. Die Furie des Verschwindens sorgt dafür, dass wir das Bild eines Menschen, eines Tiers oder eines Felsens ›festhalten‹, ihm mit jenen Minimalimpuls begegnen, der es fixiert und den Vorräten hinzufügt, aus denen wir leben. Die Eifersucht ist ihr zuverlässiger Indikator. Deshalb gibt jeder Eifersüchtige seiner Mitwelt ein komplettes Rätsel auf oder täte es, wenn man sich nicht ähnlicher Zustände entsänne. Unbegreiflich sein hilfloses Verfangensein in Episoden, die offensichtlich Vergangenheit sind – und zwar, wie es sich gehört, auf beiden Seiten. Allerdings habe ich seit damals etliche Theorien über die Eifersucht gehört und auch gelesen; mag sein, dass mir im Augenblick einiges durcheinandergeht. Tatsache bleibt, dass ich Elisabeth völlig vergessen hatte, als sie endlich, eine strahlende Artemis, in der Tür stand. Nachdem wir sie schweigend betrachtet hatten, löste sie sich langsam aus dem Rahmen und durchmaß den Raum, der hinter ihr klirrend zusammenschlug.

Ich war müde; das burgunderrote Halsband, das sie angelegt hatte, zog meinen Blick mächtig an. Es reizte wie eine Entblößung, vermutlich weil ich den Streifen Stoff auf ihrer Haut noch nicht kannte. Dass sie ihn für diesen Augenblick aufgespart hatte, konnte nur bedeuten, dass sie beschlossen hatte, das leichtsinnigerweise von mir begonnene Spiel auf die Spitze zu treiben. Ich fühlte, dass mir die Situation entglitt. Gern hätte ich ihr zugeraunt, die Sache habe sich erledigt und das Beste sei, wir legten uns alle schlafen. Davon konnte nun gar keine Rede sein.

Eigentlich traute ich ihr den Auftritt, der in der Luft lag, nicht zu. Ich hielt sie für zu integer und zu intelligent. Aber darin lag eine Unbedachtheit. Ich hatte ihr alle intelligenten Ausgänge genommen. Sie befand sich demnach in einem Raum voller Zumutungen, an denen sie nicht vorbeikam, ohne... Um es in einem anderen Bild zu sagen: wollte sie den Kopf aus der Schlinge ziehen, dann am besten dadurch, dass sie Kopf und Rumpf an der bewussten Stelle auseinandertrennte. Die Sache versprach blutig zu werden. Eigentlich hätte ich in Panik geraten müssen. Das war aber nicht der Fall, stattdessen wartete ich etwas benommen auf das, was geschehen würde. Wartete ich? Etwas wartete in mir, so wie es, ich könnte wetten, in Rennertz und nicht zuletzt in ihr selbst wartete. Davon zeugte ihr Gang, der so etwas wie ein Ausschreiten der Zeit darstellte. Wenn sie damit Zeit gewann, dann nicht viel. Sie tat nichts dazu, ihr Vergehen künstlich zu beschleunigen oder zu verlangsamen. Das wäre auch nicht angemessen gewesen, da die Luft ohnehin zum Zerreißen gespannt war und eine unbedachte oder ausbleibende Bewegung unweigerlich dazu geführt hätte, dass einer das Fenster aufgemacht und eine Zigarettenpause reklamiert hätte.

Weder vorher noch nachher habe ich das, was manche Leute den ›Abgrund des Geschlechts‹ nennen, so stark empfunden. Meine Vertrautheit mit Elisabeth, meine Enttäuschung, meine Eifersucht waren zwar nicht völlig von der Bildfläche verschwunden, aber sie starrten mauloffenen Statisten gleich auf diese Frau, die ihre Beine bewegte und eine rote Markierung am Hals trug, die sie sich eigenhändig zugefügt hatte. Wie sie so ging, war sie für die Demütigung, die ich ihr zugedacht hatte, nicht erreichbar. Ihr blieben nur wenige Schritte und die Frage war, ob der Schutzmechanismus dann noch funktionierte. Mit Sicherheit fand diese Überlegung derzeit in ihr keinen Platz, ihr Gang füllte sie aus und es blieb für mich unerfindlich, welche Gedanken sich in diesem Gehirn die Klinke in die Hand gaben – vermutlich, wenngleich in einem anderen Sinn, auch für sie, denn hätte es einen Zweck gehabt, sie später zu fragen, was ihr in diesen Augenblicken durch den Kopf ging, so wäre ihre Antwort wohl ›nichts‹ gewesen – dieser weibliche Euphemismus, der wie ein Grenzwächter im Gelände die Territorien ›weiblich‹ und ›männlich‹ voneinander trennt.

Der Einfall, der mir im Theater gekommen war und letztlich alles weitere nach sich gezogen hatte, entstammte der Überzeugung, dass ich Elisabeth bereits an Rennertz verloren hatte. Die Selbstachtung gebot mir, reinen Tisch zu machen. Nicht sicher zu sein, ob nicht bloß ein Mangel an Selbstbewusstsein mich zu dieser Überzeugung gebracht hatte, ließ mich tückisch werden. Wenn ich sie schon verloren hatte – in mir nämlich, was nun keinen Unterschied mehr machte –, dann hatte ich dafür zu sorgen, dass ihr der Rückweg versperrt blieb, wollte ich mir die Qual ersparen, die ihre Art, mit mir zu verkehren, jedesmal aufs Neue verursachte. Zu diesem Zweck war es nötig, sie zu erniedrigen, und ihr heroischer Gang verriet mir, dass sie mich verstanden hatte. Leider konnte ich nicht erraten, wozu sie sich entschlossen hatte und musste deshalb ausharren, obwohl ich in meinem resignierten Zustand ebensogut aus dem Zimmer gehen und die beiden sich selbst hätte überlassen können.

Ich fühlte mich wie eine Randfigur des Jüngsten Gerichts von Signorelli – mit einem Bein auf der Flucht, mit dem anderen festgewurzelt im Anblick des himmlischen Rächers, so die verdrehte Existenz eines Ungläubigen bezeugend, den die Wucht der Offenbarung bloß erreicht, um ihn in neue Zweifel zu stürzen und schließlich zu zerschmettern. Der Schrecken war ein anderer, doch das wog eher leicht.

Nein, wie eine Rächerin wirkte sie nicht. Eine Distanz zwischen uns legend, die ich angesichts der beschränkten Räumlichkeit nicht für möglich gehalten hätte, hielt sie an mir vorbei auf einen unbekannten Fluchtpunkt zu. Am Bettende angekommen, streifte sie das kurze schwarze Kleid, unter dem sie nichts weiter trug, mit einer das Schreiten in die Fingerspitzen hinein verlängernden Bewegung über den Kopf und legte sich aufs Bett. Sie war am Ziel. Der rhythmische Bogen, der vom Türrahmen bis zur Mitte des Bettes reichte, war geschlagen und passé. Allenfalls hatte die Stellung, die sie jetzt einnahm, etwas Ausgeklügeltes. Sie reproduzierte die eingefrorene Pose der Olympia auf dem bekannten Gemälde Manets. Eine halb geschlossene Hand ruhte auf der Beuge, die Rumpf und Schenkel separiert. Selbstredend ging der Blick an uns vorbei, vermutlich fixierte er den Betrachter, den man auf dem Gemälde nicht sieht. Rennertz, der noch immer auf der Bettkante saß, hatte sich erstaunt herumgedreht. Angesichts der Mischung von Zärtlichkeit und Besorgnis in seinen Augen wurde mir übel, allerdings nicht so sehr, dass ich den Blick hätte abwenden mögen. Was die negative Empfindung durchkreuzte und einschränkte, war der Kontrast des weichen, entfernt an Flanell erinnernden Anzugstoffes und des im Lampenlicht schimmernden Fleisches, das ebensogut Elisabeth wie irgendeine andere Frau hätte bedeuten können. Tatsächlich hatte sich Elisabeth, so weit es ging, aus ihm zurückgezogen. Auf der mit Früchtemotiven durchwirkten Decke überließ sie sich den Blicken des unbekannten Betrachters wie das Ergebnis eines Verrats, den die anonyme Gewalt ihres Auftritts an ihr begangen hatte.

Doch der Verrat holte sie ein. Mein unsteter, halb umschleierter, betört durch das Zusammenspiel von Haut und Flanell eine jähe Lust entfachender Blick stürzte mich in Trauer, sobald er sich ihren Brüsten näherte. Elisabeth war eine von den Frauen, die zwanghaft mit ihrer schmächtigen Oberweite kokettieren. Gelegentlich ging sie so weit, ihren Mann mit dem Ausspruch zu zitieren, sie habe einen prachtvollen Arsch, ja wirklich, nur ihre Titten könne man vergessen – eine Lesart, in der sie eine Art Halt zu finden schien, während ich mich persönlich dadurch gekränkt fühlte. Wann immer ihr Körper mit dem Kollektivwesen Mann rang und mich dadurch in nicht geringe Verlegenheit brachte, erzeugte der stumme Notenschlüssel ihres Busens unter meinen zupackenden oder ihn nur eben streifenden Händen ein kompensatorisches Glücksgefühl. Da er an diesem Körper die einzige Stelle darstellte, die von einem alles verzehrenden Ehrgeiz aufgegeben worden war, eröffnete er eine reelle Chance, als Verbündeter im Geschlechterkampf die Zurückweisung zwar nicht wettzumachen, aber ein Stück weit abzumildern, die mir aus ihrem Zappelwesen erwuchs. So ruhig, so anwesend abwesend wie jetzt hatte ich sie noch nicht erlebt, und wenn ich sie so ansah, schien sie mir ganz in einen Glückskokon eingesponnen zu sein. Nur ihre Brüste stachen aus ihm hervor, als klagten sie mich des Verrats an – ein Vorwurf, an dem, recht besehen, etwas dran war, auch wenn er mich in ausweglose Bedrängnis brachte. Immerhin ergriff ich die seidene Tagesdecke, die ich bei meiner Ankunft achtlos in einen Winkel geworfen hatte, und breitete sie, in spontaner Nachahmung der Manetschen Dienerin, über den unbewegten Körper meiner mutigen Herrin, die sich unter ihr auf die Seite rollte und die Augen schloss.

Die Paare
11
Renate Solbach: Figur 11
La nave va

Anita hat einen neuen Verdacht. Sie glaubt jetzt, ich würde Rennertz’ Manuskript für meine Niederschrift plündern. Sie hegt die fixe Idee, ich sei sein Studienobjekt gewesen, und inszenierte, um das zu vertuschen, diese Komödie des Schreibens, wie sie sich ausdrückt. Sie sagte es mir lächelnd beim Hinausgehen, die Türklinke in der Hand, kaum dass ich sie verstand. Nach einigem Zögern verfestigte sich mein Entschluss. Ich werde ihr Rennertz’ Manuskript nicht zu lesen geben, komme, was da wolle. Vielleicht sollte ich auch diese Aufzeichnungen vor ihr verschließen. In gewisser Weise geschieht es ja, ich befürchte, alle zusätzlichen Vorkehrungen würden nur ihren Argwohn beflügeln und die Neugier anstacheln. Lieber vertraue ich auf das Schamgefühl, diese wohltuend archaische Instanz, die einen Gegenstand weit zuverlässiger einem Gesichtsfeld entrückt als jeder Versuch, ihn wegzuschließen. Natürlich hilft das nicht wirklich gegen die Neugier, aber die Fiktion, von nichts zu wissen, lässt uns beide das Gesicht wahren, und das genügt.

Warum errege ich mich? Was erregt mich? Worin besteht der geheime Zweck dieser Übungen? Warum vermeide ich das Wort ›Sinn‹, wenn ich nach dem ›Zweck‹ meiner Übungen frage? Warum nenne ich sie überhaupt ›Übungen‹ und nicht, wie es naheläge, ›Aufzeichnungen‹ oder ›Notizen‹, oder vielleicht ›Askemata‹ wie ein griechischer Philosoph, was den Vorteil besäße, den Verfasser zu nichts zu verpflichten? Der ursprüngliche Zweck dieser Mitteilungen scheint nicht mehr völlig den Fluss meiner Gedanken zu rechtfertigen. Nicht dass ich ihn aus den Augen verloren hätte – mir scheint aber, in seinem Schatten ist etwas herangewachsen, wofür sich noch kein passendes Wort einstellen will. Ich suche also, und während ich suche, fällt mir ein, dass ich es nicht finden kann, da es die Sache nicht zulässt. Welche Sache, werden Sie fragen, und ich muss dm darin erkennbaren Einwand – zögernd – Recht geben: schließlich ist es die Sache, die mir peu à peu, sukzessive oder wie die Vokabeln lauten mögen, entgleitet, ohne dass ich angeben könnte, wohin sie entgleitet, noch was an ihre Stelle getreten sein könnte. Rennertz ist zum Schatten geworden, zum Schatten meines ›Selbst‹: ein ständiger Begleiter, der hier und da Erinnerungs­fetzen herausschleudert und ansonsten schweigt.

Vielleicht glimmt ja in mir die vage Überzeugung, ich müsse durch mein Schreiben das, was mir während meiner wiederholten Lektüren nicht aufging, ergänzen – das Meinige dazutun, um es etwas altväterlich auszudrücken. Sofern eine solche Überzeugung existiert, hat sie sich eher subkutan gebildet und ich sollte vor ihr auf der Hut sein, weniger aus Ängstlichkeit oder aus Misstrauen gegen einen Ehrgeiz, der mich hinterrücks einholt, als vielmehr aus der einfachen Überlegung heraus, dass mein Problem – Sie erinnern sich, mein Problem – auf diesem Wege nicht gelöst, sondern eliminiert würde. Um das zu erreichen, hätte ich das Skript genausogut in den Abfall werfen können.

Das wäre immerhin eine Geste gewesen, gegen die gehalten mein gegenwärtiges Unternehmen sich eher lächerlich ausnimmt. Durch sie hätte ich zu verstehen gegeben, dass mit mir nicht zu spaßen sei – schon gar nicht auf jene hintergründige Weise, die einen dadurch, dass man als der Empfänger einer Botschaft für ihre Weiterleitung verantwortlich gemacht wird, ohne in die Hintergründe eingeweiht zu sein, zu einem Wesen herabstuft, auf das es weiter nicht ankommt: stolz darauf, den Auftrag ausgeführt zu haben, wird es sich wie ein Kind eine Zeit lang im Glanz eines Selbstwertgefühls sonnen, das geborgt zu nennen schon zu viel wäre angesichts des Umstands, dass es einem hingeschoben wurde, damit man danach schnappt.

War ich zu gierig? Habe ich zugegriffen, weil ich einer Einflüsterung erlag? Und wenn: Worin bestand diese Einflüsterung? Will ich damit großtun, dass ich Rennertz gekannt hatte? Das erscheint mir absurd. Keiner kennt Rennertz, ausgenommen ein paar persönliche Freunde. Keiner kennt ihn so, wie ich ihn kenne. Warum also sollte ich mit dieser Bekanntschaft renommieren wollen? Vielleicht, weil die Sendung mir vorgaukelte, es komme jetzt alles darauf an, wie ich meinen Part spielte? Das Wort ›alles‹ erzeugt, wenn man es so verwendet, einen gewissen Nachdruck: im Alltag ist man nur ungern bereit, alles darauf ankommen zu lassen. Rennertz’ Offerte war, was man ›unalltäglich‹ nennt. Unalltäglich sollte auch meine Antwort ausfallen – so weit glaube ich meine Motivation korrekt zu beschreiben. Die Frage, warum ich bereit war, die Herausforderung anzunehmen, ist lächerlich und überdies unaufrichtig, denn sie lässt sich beliebig beantworten.

Nur zu, könnte ich sagen, nur zu! Ich weiß alle Antworten im voraus und erkenne in jeder von ihnen den Versuch, mich zu manipulieren. Tatsächlich hat man mich manipuliert, als man mir das Typoskript zusandte, wobei man offenbar ohne weiteres davon ausgehen zu können glaubte, dass die Operation erfolgreich sein würde. Und es stimmte: Ohne weiteres habe ich mich auf die Lektüre eingelassen und ohne weiteres bin ich dazu übergegangen, mir mein Problem von der Seele zu schreiben. Eine zusätzliche Vorgabe war und ist nicht nötig, im Gegenteil, sie könnte sich als kontraproduktiv erweisen, falls sie meine Freiheit, meine Bewegungsfreiheit zu sehr einengte. Niemand lässt sich ohne Grund in ein Motivations­korsett zwängen, wenn er sich einer Aufgabe verschrieben hat, die ihn bis an die Grenzen seiner Fähigkeiten beansprucht.

Die Paare
12
Renate Solbach: Figur 12
Party bei Leckebusch

Wäre ich noch im Zweifel gewesen, ob ich wirklich geschellt hatte, da es hinter der Haustür ungewöhnlich lange ruhig blieb, so hätte mich die Erscheinung des Hausherrn zusätzlich an der Hausnummer irre werden lassen können, so sehr unterschied sie sich von dem Bild des Philosophen, das ich mit mir herumtrug. Professor Leckebusch – denn er war es, der mir mit einem abwesenden Lächeln die Hand reichte – verfügte weder über das vielleicht etwas übertrieben würdige Aussehen Platons auf Raffaels Schule von Athen noch über die mir aus meiner Heidelberger Gymnasiastenzeit geläufige, lebhaft wissende Physiognomie Kuno Fischers, der seinerzeit eher durch den platten Hausnamen Zweifel an seiner denkerischen Statur genährt hatte. Im Hinblick auf die äußere Erscheinung Professor Leckebuschs hingegen signalisierte mir die klar gescheitelte Frisur vorerst nur, dass ich vor Elisabeths Ehemann stand, der, wie er ebenso spitz wie wortreich ausführte, am heutigen Abend seine Studenten früher als gewöhnlich entlassen hatte, da er einige seiner Kollegen und Mitarbeiter zum Essen erwartete.

Elisabeths anfangs von mir so bestimmt ausgeschlagene Einladung hatte ich also doch noch angenommen, weniger aus Neugier oder um ihr auch einmal in ihrem häuslichen Kreis zu begegnen, als vielmehr, um überhaupt die Verbindung mit ihr zu halten. Denn wenn ich ehrlich sein soll, so war sie seit jener Nacht aus meinem wie aus Rennertz’ Gesichtsfeld verschwunden, so dass die angestrebte Übergabe im nachhinein als Fehlschlag angesehen werden musste. Herr Leckebusch geleitete mich durch einen langen Flur und das angrenzende Wohnzimmer auf eine Terrasse hinaus, auf der mir, unmittelbar neben dem mich schmerzhaft durchzuckenden Lächeln der Gastgeberin, ein mittelalter Mann mit einem pechschwarzen, weiß durchwirkten Bart entgegenblickte.

Die Erscheinung frappierte mich. Das lag überwiegend am Gesichtsausdruck, der sich buchstäblich in zwei Hälften zerlegte. Während die Mundpartie einen gepressten, säuerlich-ironischen Zug zur Schau stellte, verströmte der Anblick der durch die randlose Brille größer und schon ein wenig verquollen wirkenden Augen jenen Eindruck durchdringender Güte, den wir von einem Guru oder einem Scharlatan erwarten, der uns im nächsten Augenblick sagen wird, welcher Wurm an unserer Seele nagt und wie wir uns am besten von ihm befreien können. Aus der Zusammenschau der beiden Hälften entstand so etwas wie ein Kunstwerk, das den Betrachter in den Bann schlug, ohne ihn weiter Sympathie oder Antipathie empfinden zu lassen – eine Faunsfigur in einem Garten, in dem es von mancherlei Personen vorwiegend männlichen Geschlechts wimmelte.

Übrigens musste ich die Vermutung, jener erwartungsvoll aufmunternde Blick habe die Aufforderung an mich enthalten, näher zu treten, alsbald revidieren. Ich beendete die momentane Verlegenheit, indem ich mich zwei Herren zugesellte, die das nicht weiter zu kümmern schien. Leider verebbte ihr Gespräch nach wenigen Augenblicken, so dass ich auf die Idee verfiel, mich vorzustellen.

»Ach, Sie hat uns die Damenfront beschert«, kommentierte der Jüngere oder auch nur Dünnere der beiden trocken und fügte maliziös hinzu: »Hier finden Sie heute Abend das kleine philosophische Seminar versammelt. Das ist übrigens O-Ton Manfred. Sie wissen doch, wer Manfred ist? Denn man tau.« Sprach’s und drehte sich auf dem Absatz um. Der andere, der schweigend seine Schuhspitzen betrachtete, stand offenbar im Begriff, sich gleichfalls aus dem Staub zu machen. Um der Gefahr zu begegnen, sagte ich ihm, wie sehr ich mich freute, an einem der legendären Mittwochstreffen im Hause Leckebusch teilzunehmen, von denen mir andeutungsweise so viel berichtet worden sei.

Der andere brauchte eine Weile, um seinen Blick von den blitzblanken Kuppen seiner Schuhe zu erheben. »Sie scheinen da etwas zu verwechseln, mein Herr. Aber sei’s drum. Der HERR, der Sie hierher geführt hat – ich nehme an, ER hat Sie hierher geführt, wenn nicht er, dann eben ein anderer –, wird sich was dabei gedacht haben. Aber machen Sie sich nichts draus, das passiert weiß Gott nicht nur Ihnen. Am besten, Sie genießen den Abend. Übrigens sind die Petits fours der Gastgeberin entzückend geraten. Das ganze Gewäsch hier sollten Sie so schnell wie möglich wieder vergessen. Nun, wie ich sehe« – er blickte mich ebenso aufmunternd wie durchdringend an –, »werden Sie damit keine Schwierigkeiten haben.«

Die Unverschämtheit verschlug mir im ersten Moment die Sprache. Dann keimte der Verdacht, mein Gegenüber meine es möglicherweise ernst mit seiner Aufforderung, so arglos und offen funkelte sein Blick, der überdies, nicht zufrieden damit, den meinigen auszuhalten, seitwärts zu streunen schien, wobei ihm die langen, fraulichen Wimpern auf eine nicht näher zu bestimmende Weise zur Hilfe kamen.

»Aber aber«, sagte ich, »ich werde natürlich versuchen, das eine oder andere von hier mitzunehmen.«

»Viel Spaß dabei. Aber lassen Sie sich nicht erwischen.« Mein Gegenüber lachte herzhaft. »Ich denke mal, die Dame des Hauses schätzt es nicht, wenn ihr ein paar Sèvres-Tassen im Schrank fehlen.«

Ich war gekränkt. Er schien das einkalkuliert zu haben, denn statt mich stehen zu lassen, nahm er sein Glas von der Brüstung, hob es leicht und sagte: »Kommen Sie. Ich stelle Sie ihr vor.«

Da ich nicht wusste, ob ich lachen oder aufbrausen sollte – schließlich hatte ich mich gerade diskret als ihr Bekannter zu erkennen gegeben –, trabte ich hinter ihm drein. Ein Gespräch mit Elisabeth schien auch mir an der Zeit zu sein. Ich hatte schon Ausschau nach ihr gehalten. Mein Gegenüber hingegen schien Bescheid zu wissen. Wir fanden sie auf dem Rasen, sitzend, rauchend, an ihrer Seite ein junges Mädchen. Ein Bein hatte sie übers andere geschlagen; sie wirkte ernst, fast streng, und sah, mit dem passionierten Blick der Mutter, erst auf, als wir unmittelbar vor ihr standen.

»Da habt ihr euch ja gefunden –« In ihrem Ton klang Strenge nach, aber schon lächelte sie. Mein Begleiter richtete einen forcierten Blick auf die beiden, wobei die Augen nach vorne traten – zum ersten Mal gewann ich den Eindruck einer enormen Kurzsichtigkeit. Was immer er vorhin betrachtet haben mochte, es waren wohl nicht die Schuhspitzen gewesen, eher etwas, das für mich nicht existierte, obwohl es gegenständlicher Natur gewesen sein musste, da sein Blick die Direktheit besaß, die wir für die wirklichen Dinge um uns herum und nicht für bloße Gedankendinge aufbringen. Jedenfalls hatte ich das bisher geglaubt, wie ich zu meiner eigenen Überraschung feststellte, denn das Wort ›glauben‹ hatte ich eigentlich für andere Dinge reserviert gedacht.

Mein Begleiter schien durch den Umstand, dass Elisabeth uns beide so vertraut angeredet hatte, weder verblüfft noch gekränkt zu sein. »Wenn ich Ihnen raten darf«, sagte er, »dann lassen Sie Ihren Mann mit seinen hochwichtigen Gästen hier sitzen und gehen mit Ihrer Tochter ins Konzert. Die sind doch Manns genug, um ihr Glas allein von der Küche in den Garten zu tragen – und wieder zurück«, beschwichtigte er eine unbestimmte Bewegung von meiner Seite. Das ›Sie‹ klang ebenso echt wie das Bemühen, eine ›menschliche‹ Sonderbeziehung zu Elisabeth aufblitzen zu lassen, während ihre Reaktion darauf ausgesprochen mager ausfiel. Ich wunderte mich, wie wenig begehrenswert sie auf dem Rasen aussah, es war, als verstreute sie ihre Reize mit absichtsvoll wegwerfenden Gebärden und einem Schulterspiel, das in keinerlei Richtung Entgegenkommen signalisierte. Mein Begleiter hatte offenbar nichts anderes erwartet. Er riss beide Arme hoch, presste die Handteller zusammen und schleuderte sie auseinander, was mich merkwürdigerweise an die hitzige Öffnung einer Konservendose gemahnte, die sich dann doch als leer erweist. Mit dieser Gebärde schien auch Elisabeth die Audienz als beendet zu betrachten und wandte sich wieder ihrer Tochter zu, die einen neugierig leeren Blick auf mich warf.

»Wissen Sie, ich habe neuerdings eine Schlafstörung«, meckerte der Hausherr – wir waren inzwischen auf die Terrasse zurückgekehrt –, »gestern Abend vorm Einschlafen habe ich etwas im Felix Krull gelesen. Zum ersten Mal, ich schwöre es Ihnen. Ich kannte diesen Roman gar nicht. Kennen Sie ihn? Ich frage deswegen, weil man ja denkt, man kennt seinen Thomas Mann. Erinnern Sie sich an das Gespräch mit Professor Kuckuck? Ich meine, wissen Sie, was da steht? Lesen Sie mal, Ihnen werden die Augen übergehen. Das ist unglaublich.« Er betonte die Silben sehr schnell, seine Brille saß fest, wie verhakt, ebenso das Lächeln, das sich darunter kundtat. »Das ist ... unglaublich. Ich habe so gelacht, dass mir die Tränen kamen. Wissen Sie, der Mann hält das, was er da erzählt, für Philosophie, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel.« Er, das heißt Leckebusch, betonte das ›überhaupt‹ auf der ersten Silbe wie in ›Überbein‹. Sei es, dass die ungewohnte Betonung besondere Aufmerksamkeit provozierte, sei es, dass er es mit dem Betonen überhaupt übertrieb, die Wirkung auf mich bestand darin, dass ich sofort den Eindruck einer außerordentlich, um nicht zu sagen exaltiert entschiedenen Natur gewann. Der Eindruck steigerte sich noch, als er jetzt wirklich zu lachen begann, stoßweise, mit Zwischenräumen, in denen es wie abgehackt verschwand.

War das komisch? Ich stellte mir vor, wie der Philosoph vor lauschendem Publikum inmitten allzu vieler belangloser Distinktionen durch ein gezielt herausgeschleudertes ›überhaupt‹ eine Position markierte, um die Studenten aus der naturgegebenen Schläfrigkeit herauszureißen, in die seine Ausführungen sie versetzt haben mochten. Sicher berührte es sie ebenso seltsam wie mich. Nebenbei konnte ich mich an keinen Text erinnern, in dem sich Thomas Mann mit Professor Kuckuck über Philosophie unterhielt, wahrscheinlich hätte der auf Gediegenheit Wert legende Autor, zumindest nach eingehender Beratung durch Professor Leckebusch, es ›überhaupt‹ abgelehnt, sich zusammen mit einem so windigen Fachvertreter in einem Bahncoupé erwischen zu lassen. Aber so einfach lagen die Dinge ohnehin nicht. Wer immer Leckebusch war, der Wunsch, zu einem solchen Gespräch, wann immer es möglich schien, zugezogen zu werden und in ihm zu glänzen, statt sich in der Ungeduld des besserwisserischen Lesers zu wälzen, strahlte aus seinen Zügen und gab ihnen etwas Kneiferisches, das zu seiner professoralen Überlegenheitspose in offenkundigem Widerspruch stand.

›Nehmt mich‹, stand in diesen Zügen, ›warum lest ihr dieses inkompetente Zeug? Gut geschrieben, ja das mag es sein, aber um welchen Preis? Hätte der große Humanist mich ins Abteil gebeten, ich hätte ihm wirkliche Aufschlüsse geben können und er stünde jetzt nicht so blamiert da. Gebt zu, dass er sich blamiert, gebt es wenigstens zu. Und wenn ihr es nicht könnt, dann zeige ich euch jetzt, dass ihr die Blamierten seid.‹ Das setzte natürlich voraus, dass er sich des hohen Prestigewerts bewusst war, den ein solches Zwiegespräch in einem Mannschen Roman besaß. Diese Vermengung von Real- und Romanpersonen kannte ich nur von eher schlichten Gemütern. Da Leckebuschs Beruf eher gegen eine solche Annahme sprach, begann ich an das Vorhandensein eines besonderen Codes zu glauben, der es seinesgleichen erlaubte, sich in Abbreviaturen zu bewegen, um dennoch im Entscheidenden präzise zu sein. Letzteres musste wohl den Bereich dessen umfassen, was philosophisch einschlägig war. Man hätte daraus den Schluss ziehen können, dass seine Schlamperei gegenüber allem – vielleicht täuschte ich mich da auch –, was nicht philosophisch einschlägig war, den Philosophen zu einem ziemlich unhandlichen Zeitgenossen machte, aber von einem solchen Gedanken war ich, vornehmlich, weil er sich so banal ausnahm, vorerst weit entfernt.

Der jüngere Mann, den ich eingangs im Gespräch mit meinem Begleiter angetroffen hatte, ergriff mit einer Mischung aus Zögern und Behändigkeit das Wort. »In der Literatur kenn’ ich mich nicht so aus. Vielleicht wäre da Kollege Rosshammer der bessere Gesprächspartner.« Eine Bewegung des Kinns gab der Kompetenzzuweisung eine leicht erkennbare Richtung. »Aber Thomas Mann ist natürlich ein Fall für sich. Wahrscheinlich immer noch das Beste, was wir haben. Man sollte ihn ruhig mal wieder lesen. Doch doch, ich seh das so. Reich-Ranicki mag seine Sätze, ich persönlich weniger, aber es ist was dran. Gut, man muss sie mögen. Ein wenig altväterlich klingt das alles ja schon, Bildungsschrott, neunzehntes Jahrhundert das Meiste, ich sage ja nicht hausbacken, nein, das nun nicht. Ein Wagnerianer. Hitler war’s auch. Warum nicht? Das heißt alles gar nichts. Kennt einer der Anwesenden einen Schriftsteller mit Namen Müller? Ich frage nur so. In der FAZ vom letzten Samstag stand ein Artikel über ihn. Kann aber auch Meier geheißen haben, das ist mir jetzt im Augenblick nicht mehr so gegenwärtig. Der Mann scheint mir nicht dumm zu sein.«

»Müller!« warf der Angenickte mit einem Nicken seinerseits ein. »Heiner Müller.«

»Ganz interessanter Mann. Mir scheint, die DDR hat überhaupt die spannenderen Autoren. Man müsste dem Sozialismus nur auf die Sprünge helfen, das mit der Perspektive war nicht falsch. Naja, das Personal sollte man auch bei Gelegenheit austauschen. Wir haben genügend Leute hier, die das liebend gern angehen würden. Der Mann hat ein Stück über die alten Germanen geschrieben, Varus, Varus, darauf stehen die Genossen Honecker und Tischbein vermutlich. Was das allerdings soll...«

»Varus...?« Der Angenickte schmeckte den Namen wie ein unbekanntes Gericht und ließ es zurückgehen: »Das kann ich mir, ehrlich gesagt, nur schwer vorstellen. Wenn, dann ist es natürlich genial. Wer macht die Inszenierung?«

»Das, das...«

Heftig fiel ihm ein älterer Kollege ins Wort. »Junger Freund, Sie machen sich da einer Namensvertauschung schuldig. Wahrscheinlich – ich sage mal wahrscheinlich, den Rest können Sie mit sich selbst ausmachen – wahrscheinlich denken Sie an Eugen Stuhlbein, Abgeordneter der Volkskammer von ’63 bis ’65, genauer gesagt März ’65, als man nämlich sein Auto vollständig ausgebrannt in der Nähe von Hannover auf einem Autobahn-Parkplatz fand. Hätten Sie’s gewusst? Und jetzt kommt der Clou: das Ganze passierte im Wahlkreis des nachmaligen Staatssekretärs Unger, genannt ›die Möwe‹. Sie kennen Unger noch aus der Zeit der Ostverträge. Der Unger. Klickt’s? – – Zufall? Der Historiker sagt: ja! Aber es kommt noch besser: Der ominöse Parkplatz liegt in der Nähe der Ortschaft Gauweiler – reiner Gleichklang, meine Herrschaften, reiner Gleichklang! – die zum ersten Mal 1381 urkundlich erwähnt wird, von der man aber weiß, dass Otto der Große dort ein paar lokale Häupter wegen Verrats hat hinrichten lassen – wenn Sie mich fragen, ein richtiges kleines Gemetzel. Auch hier bleibt die Schuldfrage dunkel. Aber ich habe Sie unterbrochen, Sie wollten etwas anderes sagen. Ein Stück über die Schlacht im Teutoburger Wald? Das nenne ich mutig.«

Er wandte sich an die Umstehenden: »Wir gehen ja heute davon aus, dass sie in dieser Form nicht statt gefunden hat. Sie wissen das? Nein? Wie erkläre ich das auf die Schnelle?« Die kreisende Kopfbewegung verriet, dass er nach Hölzchen oder Ähnlichem suchte, um den wahren Hergang anschaulich vor aller Augen auszubreiten. Doch boten sich keine geeigneten Objekte an.

Stattdessen erhielt er Schützenhilfe von unerwarteter Seite: Leckebusch räusperte sich.

»Ich weiß, was Sie meinen. Es hat ein paar Scharmützel gegeben, der Rest ist vermutlich Mythos. Die wirkliche Schlacht wurde um das Militärbudget auf dem Kapitol geschlagen.«

»Sie wissen das? Und ich hatte immer gedacht, Philosophen –«

Leckebusch strahlte geschmeichelt. »Ich hab’s deduziert. Ich kenne doch unsere Historiker.«

»Da haben Sie auch wieder recht«, feixte der Kollege von der Historikerfront und lachte dann schallend, als habe er dem Gelächter, das schon seit längerem in ihm rumorte, endlich Erlaubnis gegeben, Gassi zu gehen. Sein rötliches Gesicht verriet den Kasper. »Aber was Sie mir bei Gelegenheit verraten müssen: Was macht ihr Philosophen eigentlich, wenn einmal neue Dokumente auftauchen? Immer wenn ich ein philosophisches Buch aufschlage, denke ich: die haben alles, die wissen alles, die brauchen nichts. Kaum lese ich ein historisches Buch, weiß ich: da sind Lücken, hier mogelt er, das kann man auch anders lesen, darüber wissen wir gar nichts. Sokrates zum Beispiel: der Mann hinterlässt nichts, keine Aufzeichnungen, keine amtliche Spur. Natürlich, Platon kennt ihn in- und auswendig, aber Xenophon ebenfalls, und wenn ich den einen lese, kann ich den anderen vergessen. Philosophen ficht das nicht an. Ein Torso-Sokrates kommt bei ihnen nicht vor. Der Mann hat schließlich die Philosophie erfunden. Nein, mein Lieber, ich glaube Ihnen das nicht –«

»Das kann ich Ihnen sagen, mein Lieber. Der Mann Sokrates, dieser Mann, wie Sie sagen, über den wir nichts wissen, obwohl wir auch wieder eine ganze Menge über ihn zu wissen glauben, dieser Mann hat – nennen Sie es Zufall, nennen Sie es Geschick – die Dialektik entdeckt. Sie merken, ich persönlich spreche von Entdeckung und nicht von Erfindung. Denn was ist die Dialektik? Ich sage es Ihnen: es ist das dìa-légein, das Auseinander-Lesen der Worte. Was meinen wir damit? Sokrates hat entdeckt, dass die Wörter zerlegbar sind, dass sie sich erst in der Bewegung des Auseinander als synthetische Einheiten begreifen lassen, also als welthaltig. Diese Bewegung ist es eigentlich, die wir mit dem Wort ›dìa-logos‹ bezeichnen. Sokrates hat den Marktplatz zum Ort des Logos gemacht, zu einem Ort der vernünftigen Aus-Einander-Setzung: im Grunde ist das eine unglaubliche Geschichte. Und darum wissen wir ganz genau, wer dieser Mann war. Wir erkennen seine Sätze in den Sätzen des Platon mit eben solcher Unfehlbarkeit wieder wie den Begriff Baum in der Erle dort unten an der Straße, falls es sich um eine solche handeln sollte. Vergessen Sie Xenophon! Xenophon lebt noch im Mythos, er weiß gar nicht, wovon Sokrates spricht.«

Eine Veränderung war während des kleinen Vortrags mit dem Sprecher vorgegangen: das gereckte Kinn hatte er zurückgenommen, der Kopf stand schief, die Augen fixierten den Angesprochenen mit einem dunklen Ernst, den man unergründlich hätte nennen können, wenn er nicht durch den eher bittenden Beiklang der langsam, fast mühsam formulierenden Stimme abgebogen worden wäre.

Diese Art von Autorität war mir neu. Ich hätte gern gewusst, was seine Studenten davon hielten, aber der Gedanke war mir nicht wichtig genug, um mich länger als ein paar Sekunden bei ihm aufzuhalten. Stattdessen wurde ich selbst unwillkürlich zum Studenten. Ich hätte gern mehr gehört und dennoch war mir das, was ich gehört hatte, schon beinahe zuviel.

Mein Begleiter, der sich bislang zu keiner Äußerung hatte hinreißen lassen, räusperte sich und war verschwunden. Stattdessen hielt sein jüngerer Zwilling neben mir und redete mit leiser, wiewohl sonorer Stimme mehr an mir hin als zu mir.

»Ein bisschen schwül heute Abend. Wenn wir nicht schon im Freien stünden, müsste mal einer das Fenster aufmachen. Das war doch eindrucksvoll, finden Sie nicht? Hörte sich an wie Philosophie. Manchmal fürchte ich fast, das ist Philosophie. Gottseidank sind meine analytischen Freunde von jenseits des Kanals da anderer Ansicht. Aber die liest unser Manfred ja nicht. Wäre nicht schlecht, wenn er es einmal täte; vielleicht könnte er noch was lernen. Wahrscheinlich reicht sein Englisch dafür nicht aus. Im Grunde ist er nie über die Lektüre der Differenzschrift hinausgekommen. Mögen Sie Hegel? Nein? Sieh einer an. Das klingt schon mal ganz vernünftig, hätte ich nicht gedacht. Nun werden Sie nicht gleich verlegen. Ich sage meinen linken Freunden immer: die Hegelei ist das Elend des Sozialismus. Lest die Analytiker! Aber sie glauben mir nicht. Übrigens können Sie das alles schon bei Christian Hermann Weiße nachlesen, die Sache mit den Analytikern natürlich ausgenommen. Diese Hegelianer wären doch völlig vom Kahn, wenn sie sich einmal dazu durchringen könnten, ihre Texte zu lesen.«

»Aber eins müssen Sie mir verraten, lieber Leckebusch« – der Historiker hatte sich aus einer kurzen Benommenheit befreit –, »wir haben das natürlich in der Schule gelernt, mit Sokrates beginnt das wissenschaftliche Denken, nun ja, mehr oder weniger, später haben wir dann Nietzsche gelesen und fanden das dann nicht mehr so gut: Wer hat nun recht, Sokrates oder Nietzsche? Ich persönlich als alter Fahrensmann bevorzuge natürlich Sokrates, das bin ich der Wissenschaft, die ich vertrete, zugegebenermaßen schlecht vertrete, schuldig, obwohl die Philosophen ihr übel mitgespielt haben – ja doch, ich nehm’s Ihnen ja nicht übel, Kollege, heute nicht! –, aber Sie als Philosoph können Ihren Nietzsche doch nicht einfach wegschnipsen? Ich meine, wer hat dann recht?«

»So wie der Leckebusch seinen Platon liest, macht er den Sokrates noch zum Dekonstruktivisten der ersten Stunde«, brummte der Literaturwissenschaftler. »Wohl dem, der die Zerlegekunst so meisterlich beherrscht. Woran mich das erinnert? ›Zur Rechten sah man wie zur Linken / Einen halben Platon heruntersinken.‹ Wie gut, dass der alte Bloch noch seinen Scheffel drauf hatte. Das ist heute praktisch untergegangenes Kulturgut.«

Die Sätze klangen nicht entfernt so scharf, wie der Wortlaut es nahelegte, sie kamen eher hochgemut daher, durch den ganzen Mann ging ein Wogen, das ihn größer erscheinen ließ als noch vor einem Augenblick.

»Apropos Dekonstruktivismus«, ließ sich augenblicklich mein Nachbar vernehmen, »Vorsicht! Ich habe da sowas läuten hören. Ihr Kollege de Man hat sich ja in den Vierzigern selbst ein Bein gestellt. Das wär’s dann wohl mit dem Dekonstruktivismus. Ich hätte nicht geglaubt, dass die Literaturwissenschaftler auch so tief in der braunen Brühe stecken. Die belgischen Faschisten gehörten ja wohl nach allem, was man hört, zum übelsten Abschaum. Aber das braucht Sie natürlich nicht zu berühren. Meine amerikanischen Freunde…« Die sonore Stimme zischelte ein wenig.

»Das berührt mich sogar außerordentlich, junger Mann«, wogte der andere. »Was den Fall DeMan angeht, müsste man allerdings unterscheiden –«

»Nun, wir haben da reichlich Erfahrung gesammelt. Ich persönlich finde, dass man nach dem Krieg einfach versäumt hat, sich dieses Problems zu entledigen –«

»Final?« – –

»Nietzsche, mein Freund – ich verstehe gut, dass Sie ihn ins Gespräch bringen –, Nietzsche hat mit dieser Sache überhaupt nichts zu tun.« (Hier war es wieder, das ›überhaupt‹.) »Ich glaube, Sie erliegen da einem großen Missverständnis. Nietzsche ist ein Rhetoriker, der seinen Platon genau gelesen hat. Nietzsche denkt nicht antisokratisch. Das wäre eine ganz törichte Lesart. Der Übermensch ist eine im Wesen ursokratische Figur. Sie müssen den Zarathustra nur mit dem Kriton zusammen-lesen: ›Gemeinschaftlich, du Guter, wollen wir das überlegen; und hast du etwas einzureden, wenn ich rede, so rede ein, und ich will dir folgen. Wo aber nicht, so höre auf, mir immer dieselbe Rede zu wiederholen.‹ Hören Sie die sokratische Stimme? Sie müssen sie hören, sonst bleiben diese Texte ganz leer für Sie. Auf den Notschrei des Verstandes, der in seine Aporien verstrickt vor dem Leben versagt, antwortet der Lockruf der Vernunft, der in nichts weiter besteht als in der Befreiung des Denkens zu sich selbst als Ausdruck des Lebens und nicht als seine Gegenmacht. Hier haben Sie es wieder, das ›dìa-légein‹, aber diesmal als welthistorischen Prozess. Davon hatte Sokrates natürlich überhaupt keine Vorstellung. Das ist nicht griechisch, das ist europäisch im besten Sinn. Aber der Grundgedanke Nietzsches ist völlig griechisch…«

Ich würde übertreiben, wollte ich behaupten, dass mich das Gespräch mit seinem name dropping und seinen offenbar von Eitelkeit diktierten Interventionen verwirrt hätte. Wohl aber hatte es eine innere Hitze in mir erzeugt, deren Herkunft mir unklar blieb. Inzwischen war ich davon überzeugt, dass die anderen Leckebusch mit seinem getragenen und ungemein bemüht wirkenden Vortrag, mit seinem Kopf-schief-Legen und seinem Blick, der wie ein Ausrufezeichen das Gesagte dem zufälligen Gegenüber förmlich in den Kopf stieß, im Herzen für eine komische Figur hielten. Wahrscheinlich dachte ich so, weil es mir nicht anders ging. Aber das machte nichts: es wurde aufgefangen und neutralisiert durch die ungemeine Wertschätzung, die alle sich selbst entgegenbrachten und die nicht zuließ, dass einer der ihren das Gesicht verlor. Diese allgemeine Getragenheit, die man auch als Schwerfälligkeit hätte bezeichnen können und die es wohl auch war, diese Formuliersucht, die nicht aus persönlicher Schlagfertigkeit, sondern aus einer jahrzehntelangen Routine des Nach-den-Worten-Suchens erwuchs, in der neben den Fundstücken auch die Suchbewegung zu den ausgestellten Gegenständen gehört, musste wohl etwas mit der akademischen Würde zu tun haben.

Diese Würde blieb nicht auf die Anwesenden beschränkt, sie dehnte sich unter den Perioden auf so unterschiedliche, in fernen Vergangenheiten beheimatete Figuren wie Sokrates oder Nietzsche aus, die ich aus weit auseinander liegenden Lektüren kannte. Plötzlich rückten sie auf eine erregende und künstliche Weise zusammen, nicht etwa wie Zierfische in einem Aquarium, eher wie zufällig abwesende Kollegen, über deren Bedeutung man sich in der Forschergemeinde noch nicht recht einigen konnte und zu denen man den direkten Kontakt scheute, vermutlich, um nicht von den eigenen Schülern als Lernende oder bestenfalls Adlati dazustehen, was ich gut verstehen konnte. Dennoch war es seltsam, diese freilebenden Wesen, deren schiere Geistesgröße jeden Gedanken an einen gemeinsam von ihnen geteilten Wissensstall zu verbieten schien, sich ein handliches Medium teilen zu sehen, in dem sie alle miteinander ihr Auskommen fanden. Ich merkte, die Vorstellung zog mich an. Gleichzeitig stellte ich fest, dass das Gehörte mich eigentümlich kalt, nein, erkalten ließ.

Hätte ich nach Gründen dafür gesucht, dann wäre ich wahrscheinlich in dem, was ich für offenbares Gerede halten musste, fündig geworden.

Um ein Beispiel zu geben: Auch ich hatte einiges über den Fall des soeben erwähnten Literaturwissenschaftlers gelesen. Die Zeitungen hatten den Skandal nach allen Regeln der Kunst ausgeweidet, vermutlich einfach deshalb, weil er in die Sauregurkenzeit fiel. Der Mann, dessen Name wie ›démon‹ oder ›demon‹ klang, je nachdem, ob man ihn wie mein Gesprächspartner ›französisch‹ oder wie der Literaturwissenschaftler ›englisch‹ aussprach, ein offenkundig älterer und neuerdings auf Grund gewisser Interessenverschiebungen, von denen ich nichts verstand, weltweit gefeierter amerikanischer Gelehrter, hatte als junger Mensch in Belgien während der Okkupationszeit ›arisch‹ imprägnierte Artikel für eine Zeitschrift geschrieben. Die Bewegung, die ihn nach oben trug, brachte im Nachgang auch das Geheimnis an den Tag. Ich glaubte die journalistische Mentalität einigermaßen zu kennen und fand ich es daher nicht besonders bemerkenswert, dass man einen Sommer lang in endlosen Artikeln die gerade noch bewunderte Theorie, um die sich eine ›Schule‹ gebildet hatte, als späten Ausfluss einer frühen Gesinnung zu erklären unternahm, die man aus den zitierten Essays mehr erahnen als entnehmen konnte. Das war der Lauf der Welt, man konnte sich ins Getümmel stürzen und dabei die absonderlichsten Blessuren empfangen oder sich schweigend seinen Teil denken.

Zu meinem nicht geringen Erstaunen hatte der Jungwissenschaftler, der mir augenblicklich nicht von der Seite ging, diese Bereichsverwischung – andeutungsweise und dadurch für jeden Gegeneinwurf unerreichbar –, nicht nur wie selbstverständlich mitvollzogen, sondern durch den Hinweis auf die besonders anrüchigen belgischen Faschisten mit einem moralisch-politischen Firnis versehen, der den ›Fall‹ drastisch versiegelte und jede weitere Untersuchung gegenstandslos machte. Rosshammer steckte augenscheinlich in der Klemme: einerseits, so vermutete ich, befand er sich noch im Sog der von seinem transatlantischen Vorbild inaugurierten Moderichtung – der Sokrates-Einwurf hatte so etwas aufblitzen lassen –, andererseits sah er sich durch den ›Fall‹ überraschend von den Quellen der von ihm vertretenen Lehrmeinung abgeschnitten, was das geäußerte Bedürfnis nach Differenzierung ebenso lebhaft wie matt aussehen ließ. Offensichtlich kam das seinem Persönlichkeitstypus sogar entgegen: die lebhafte Mattigkeit stand ihm gut. Sie stand ihm so gut, dass sie unmittelbar als Teil seines Wesens durchgehen konnte. Jedenfalls hatte er es nicht nötig gehabt, sich zu winden oder Ausflüchte zu ersinnen; eher schien er mit einer gewissen Grundheiterkeit auf beiden Schultern zu tragen.

Als verwirrender empfand ich die Person des Hausherrn, dessen gespreizte Intelligenz einen ernst zu nehmenden Kern anzudeuten schien, ihn aber durch die Maskerade des ›intensiven Denkers‹ der Lächerlichkeit – oder etwas Vergleichbarem, für das mir noch die Worte fehlten – preisgab. Dass seine Sokrates-Peroration gleichermaßen als Hegel, dem Dekonstruktivismus und Nietzsche verpflichtet aufgefasst werden konnte, kam mir zwar seltsam vor, entbehrte aber nicht jeglicher Logik: für meinen Nachbarn war die Hegelei der Inbegriff des überkommenen Philosophierens, dem unter Zuhilfenahme eines auswärtigen Angebotes Paroli geboten werden musste. Eher intuitiv hatte ich erfasst, dass Sokrates dabei nicht eigentlich zur gegnerischen Seite zählte, sondern vor den unzüchtigen Angeboten des Älteren in Schutz genommen wurde, wobei der Schutz sich auf ein ironisches Geplänkel beschränkte, weil in Bezug auf diese sehr alten Geschichten ohnehin jeder sein Recht behaupten konnte. Auf der anderen Seite hatte der Literaturwissenschaftler erkennbar naiv agiert, als er mit verhaltenem Stolz die welthistorische Neuheit der von ihm vertretenen Richtung gegen den angeblichen Versuch herauskehrte, sie bereits am Ursprung des wissenschaftlichen Denkens anzusiedeln. Die Differenz zwischen Sokrates und Hegel war ihm scheint’s völlig schnuppe.

In gewisser Weise bediente sich auch Rosshammer eines ›auswärtigen Angebotes‹, um der Gegenmacht einer Tradition zu trotzen, die wohl bereits gebrochen war, jedoch weiterhin eine Autorität beanspruchte, die durch keine gleichwertige oder sogar überlegene Instanz relativiert werden konnte. Es lag daher auf der Hand, dass einer, der in persona nach der höchstmöglichen Autorität griff, sich und die von ihm bevorzugten Sprachregelungen, so merkwürdig sie sich auch vor dem gewählten Hintergrund ausnehmen mochten, in den weiten Mantel dieser Tradition hüllen musste.

Wenn Leckebusch also Sokrates und Nietzsche als die beiden Enden dieser Tradition auf eine mir recht gekünstelt erscheinende Weise miteinander verband, so gab er damit einem sozialen Bedürfnis Raum, das von den anderen unmittelbar begriffen und durch die Zurschaustellung ihrer jeweils eigenen Bedürfnislage beantwortet wurde. Und ich begriff, dass mein jüngerer Gesprächpartner, mit dem zusammen ich mich inzwischen von der Gruppe entfernte, einer von Leckebuschs zwei Assistenten sein musste, über deren Existenz mich Elisabeth früher ins Bild gesetzt hatte.

Die Paare
13
Renate Solbach: Figur 13
Tronka

Auf der Suche nach Elisabeth wanderte mein Blick über den Rasen, den die beginnende Dämmerung weitläufiger erscheinen ließ. Dabei begegnete er ein weiteres Mal der Faunsfigur, die mir beim Eintritt aufgefallen war und gegenwärtig wie eine freistehende Statue regungslos neben einem blühenden Rhododendron Gedanken nachhing, deren Natur ich teils wegen der Entfernung, teils auf Grund mangelnder Einfühlung nicht ergründen konnte.

»Kollege Ruffmann«, belehrte mich Leckebuschs Assistent, der meinem Blick gefolgt war. »Sein Ruff hat ein wenig gelitten, seit seine Assistentin ein Kind von ihm erwartet. So jedenfalls melden es die Sekretärinnen, die gewöhnlich gut unterrichtet sind. Vielleicht ist ihnen in diesem Fall auch die eine oder andere Pointe entgangen. Wenn’s stimmt, fällt die Habilitation quasi mit der Niederkunft zusammen. Das nenne ich sokratischen Geist. Man könnte es auch eine Interessenkonfusion nennen. Seltsames Wort, gar nicht so einfach zu analysieren. Konfus ist die Sache ohnehin. Bis dato konnte man den hoffnungsvollen Vater mehr im Kontext der örtlichen Schwulenbewegung besichtigen. Die Jungs sind ganz gut, nebenbei bemerkt, ich meine jetzt politisch. Ein bisschen schwach in der Theorie, aber die Anträge im Stadtrat sind entzückend. Das beste, was diesem Kaff in Jahrzehnten passiert ist.«

»Welches Fach?«

»Ruffmann? Wer das so genau wüsste! Fragen Sie ihn! Er hält es mit den Franzosen, Derrida und Konsorten – Veuve Cliquot, falls Sie meine schlichte Auffassung hören wollen. Wenn’s hoch kommt! Aber ich kenn’ eine ganze Reihe von Kollegen, die das Zeug schon am Vormittag saufen, ich vermute mal, weil’s so schön prickelt. Er ist nicht allein, unser Ruffmann. Aus ehrenwerten Motiven, wie ich meine. Im Grunde handelt es sich um fehlgelaufene Sprachanalyse, mit Saussure und Heidegger im Schneewittchensarg auf dem Roten Platz vor der Sorbonne. Wahrscheinlich schreibt man so, wenn man zweihundert Jahre lang den Descartes auf der Schule eingetrichtert bekommt. Dabei sind sie unwahrscheinlich progressiv. Unsere hermeneutischen Leisetreter holen sich doch erst beim heiligen Schelsky die Absolution, bevor sie den Griffel in die Hand nehmen. Ob’s der Linken hilft? Ich habe da so meine Zweifel.«

»Worüber haben Sie eigentlich promoviert?« Meine Frage zielte ein wenig ins Blaue.

»Gut gebrüllt, Löwe. Aber ich muss Sie doch ein wenig einweisen. Erst einmal sollten Sie mich fragen, bei wem ich die Arbeit geschrieben habe. Gut gut, in meinem Fall ist das vielleicht nicht so wichtig. Als zweites käme dann aber der genius loci. Sie müssen schon wissen, woher einer kommt. Heute würde ich sagen, es war gewissermaßen ein Fehler, in Heidelberg zu promovieren. Natürlich wurden wir geblendet. Man hat uns den Deutschen Idealismus verkauft, und keiner hat sehen wollen, dass die wirklichen Fortschritte währenddessen auf der Analytikerschiene stattfanden. Als ich es während der Promotion dann merkte, war es im Grunde zu spät. Sie können die ersten zweihundert Seiten komplett überschlagen, wenn Sie mal reinschauen, danach kommen ein paar ganz leidliche Sachen. vielleicht täusche ich mich ja auch.«

Hier flammte sein Misstrauen auf. »Warum interessiert Sie das?«

Ich beschloss ehrlich zu sein.

»Sehr einfach. Falls Sie über den Begriff der Episteme bei Platon geschrieben haben, dann heißen Sie Einhart und vermutlich hört Ihr Kollege hier auf den Namen Tronka.«

Den letzten Satz hatte ich mit Absicht lauter gesprochen, einerseits aus einer leichten Verwunderung, vielleicht auch aus einem jäh aufsteigenden Ärger heraus, dass, von dem bizarren Auftritt bei Elisabeth einmal abgesehen, ich bisher niemandem vorgestellt worden war, andererseits, um den Urheber dieses Auftritts auf uns aufmerksam zu machen, der gerade ohne Punkt und Komma auf Elisabeths Tochter einredete. Wirklich wirbelte er herum, bedeutete mir pantomimisch, ich möge mich bitte einen Augenblick gedulden und wandte sich ebenso abrupt wieder seiner Gesprächspartnerin zu. Wenn das als Einladung zu einem Gespräch aufzufassen war, so glich es in seiner Struktur der barschen Aufforderung durch einen Kioskbesitzer, man möge sich doch gefälligst in der Schlange einreihen, was, falls man noch gar nicht daran gedacht hatte, sich bei ihm zu bedienen, einen gewissen Werbeeffekt haben mochte. Obwohl ich mich keineswegs anzustellen gedachte, gehorchte ich doch. Wie vorhin hatte mich ein schneller, scharfer Blick der jungen Dame getroffen, die mit aufgerissenen Augen dem auf sie einstürzenden Katarakt standhielt.

»Ich kann Ihnen da im Grunde nicht raten, das müssen Sie selber entscheiden. Waren Sie schon mal beim Jugendamt? Nein? Das war vielleicht ein Fehler, die haben große Erfahrung in diesen Dingen, Sie sollten das nicht unterschätzen. Ach wissen Sie, das sagt sich so leicht, aber die kennen natürlich ihre Pappenheimer. Natürlich haben Sie Recht, abnehmen kann Ihnen in diesem wirklich verwickelten Fall – mein Gott, Sie haben aber auch ein Händchen! – niemand etwas, das müssen Sie ganz alleine... Und mit Ihrer Mutter wollen Sie nicht sprechen? Sie weiß schon alles? Na dann! Sie dürfen ihr das nicht übel nehmen, Mütter neigen natürlich im gegebenen Fall, ach ja! Sie ist ein bisschen ängstlich, stellen Sie sich vor, Sie wären in ihrer Situation, selbst für jemanden wie Sie wäre das kein Pappenstiel. Also ich würde erst einmal in Ruhe abwarten, wie sich die Dinge entwickeln, nichts überstürzen, manchmal zeigt sich dann schon ein Lichtchen, ein kleines feines Leuchten, Sie wissen schon. Ist er denn gut? Also Sie müssen mir die Frage jetzt nicht beantworten, wo kämen wir da hin. Nehmen Sie’s mir nicht übel, war nicht so gemeint. Ich bin so ein Typ, mit mir könn’ Sie Pferde stehlen.«

»Tronka mein Name« – er hielt mir die Hand hin –, »Sie müssen entschuldigen, aber die junge Dame ging vor. Nun aber zu Ihnen. Sie fühlen sich gut? Ich sah Sie nur beim Leckebusch stehen und dachte mir gleich, dass Sie damit Schwierigkeiten haben würden. Janein, natürlich nichts Ernsthaftes, wie kommen Sie darauf? Nichts dergleichen möchte ich auch nur im Traum angedeutet haben. Im Gegenteil: Ich sehe Ihnen an, dass Sie sich köstlich amüsiert haben. Welche Masche hat er heute drauf? Die Sokrates-Masche oder die Hegel-Masche? Janein, einen Unterschied gibt es da schon. Die Hegel-Masche hat den Vorteil, dass er weitschweifiger werden kann. Stellen Sie sich so ein System wie das Hegelsche einmal in seiner ganzen ausladenden Breite vor, da kann einer leicht ins Schwitzen kommen. Und dann das Absolute! So ein armer C4 muss da irgendwann rammdösig werden, das ist ein ganz natürlicher Vorgang. Nein, Leckebusch nicht, der hat die Sache im Griff. Ja man könnte sagen, er hat es inne. Was immer das heißen mag. Oder es ihn. Sehen Sie da, unter uns, einen Unterschied? Janein, das würde mich ernsthaft interessieren. Also ich denke, wenn einer so weit gekommen ist, dann hat er für alle Fälle ausgesorgt. Der hat seinen Hegel für jede Gelegenheit. Und nicht nur für jede Gelegenheit: für jede Stimmung, für jedes Wehwehchen, für jede Steißgeburt. Ein bisschen Dialektik und wir werden das Kind schon schaukeln. Köstlich!«

»Ich schätze, Sie mögen Hegel nicht.«

»Aber wo denken Sie hin! Hegel ist großartig, Hegel ist eine Wucht! Lesen Sie die ersten dreihundert Seiten der Phänomenologie des Geistes und Sie können alles vergessen, was man Ihnen vorher gesagt hat. Der Mann war wirklich einsame Klasse. Danach kommt nicht mehr viel. Ach wissen Sie, man darf es dem alten Hegel nicht krumm nehmen, dass er die Flaschen in alle Ewigkeit mit Stoff versorgt hat, einer musste es schließlich tun. So ist wenigstens ein Quäntchen Vernunft in dem, was sie sagen. Aber um welchen Preis! – Was haben Sie?«

Über den Rasen – es däm­mer­te in­zwi­schen stark und auf der Ve­ran­da brann­ten die Lich­ter – ging, nein schritt Eli­sa­beth, ohne das Trei­ben auf der Ter­ras­se zu be­ach­ten. Im Schat­ten des Rho­do­den­dron schneuz­te sich ge­räusch­voll, so dass es noch auf die Ent­fer­nung zu hören war, der Faun und folg­te ihr.

»Ist Ihnen nicht gut? War­ten Sie, ich brin­ge Ihnen einen Stuhl, wir set­zen uns dort in den Schat­ten. Ich seh es Ihnen an, Sie lei­den ein biss­chen unter der Schwü­le. Manch­mal ist das Klima hier ganz schön an­stren­gend. Darf ich Sie fra­gen (Sie kön­nen die Ant­wort na­tür­lich ver­wei­gern, das ist aus­schlie­ß­lich Ihre An­ge­le­gen­heit): Wann waren Sie das letz­te Mal in Flo­renz? Vor fünf Jah­ren? Das ist zu lang. Ent­schul­di­gen Sie, aber da muss ich Sie ganz bru­tal be­leh­ren. Ver­ges­sen Sie Hegel, ver­ges­sen Sie Le­cke­busch! Ich kann ver­ste­hen, wenn Sie keine Lust haben, sich vor den Uf­fi­zi­en die Beine in den Bauch zu ste­hen, ob­wohl sie na­tür­lich ein Muss sind. Gehen Sie nach San Marco und zie­hen Sie sich die An­ge­li­cos rein! In Santa Maria del Car­mi­ne wer­den Sie kein Glück haben, die Ma­sac­ci­os wer­den ge­ra­de re­stau­riert – was auch nötig war, mein Gott –, aber Fra An­ge­li­co ist Spit­zen­klas­se. Und ver­ges­sen Sie um Got­tes wil­len nicht das Barg­hel­lo-Mu­se­um.«

Vergnügt streckte er sich auf seinem Stuhl und strahlte mich an. Dann wandte er sich ab, was mir Gelegenheit gab, die Falte zu bemerken, die sich vom schweren Lid fast bis auf den Wangenknochen zog. Selbstverständlich kannte ich die Uffizien. Wie zum Teufel hatte er es fertiggebracht, meine Erinnerung neben den von ihm in Aussicht gestellten Genüssen dünn und fade aussehen zu lassen, als sei ich mein Leben lang durch Museen geschlendert, nur um ahnungslos alle Exponate, die wirklich zählten, verpasst oder gerade dasjenige an ihnen, worauf es ankam, übersehen zu haben? Betont beiläufig erwähnte ich mein schon länger zurückliegendes Erlebnis mit der mediceischen Venus. Am hohen Vormittag – also zur Stoßzeit! – hatte ich mich mit der steinernen Schönen allein im Raum befunden. Nur einen Augenblick, aber die Geschichte ging weiter. In die vom Geschlurre der Menge umsponnene Stille taperte eine uralte Frau herein, das Enkelkind an der Hand. Ächzend beugte sie sich über den Sockel und begann mühsam die allzu bekannte Aufschrift zu entziffern. Und siehe: kaum hatte sie den magischen Namen geradebrecht, füllte sich der Raum schlagartig von allen Seiten her wieder mit Besuchern, als seien sie, jeder einzeln, auf seine Nennung hin herbeigestürzt.

Ich redete, aber ich fühlte mich unbehaglich.

»Da haben Sie aber Glück gehabt. Normalerweise ist es fast unmöglich, eine ungehinderte Sicht auf die Exponate zu ergattern. Sei’s drum! Sie fahren nach Florenz und erzählen mir, wie’s gewesen ist. Darf man erfahren, wie Sie heißen? Nein, nein, behalten Sie’s für sich. Aber Sie verraten mir, warum Sie hier sind. Ein Freund des Hauses? Oder sind Sie beruflich an dem Laden interessiert? Nein? Sie möchten herausbekommen, was Philosophie ist? Aber das, lieber Freund, erfahren Sie nicht hier. Fahren Sie auf die Insel, meinetwegen Rhodos, kaufen Sie sich eine Kiste Rotwein und lesen Sie die Kritik der reinen Vernunft. So einfach geht das. Meinetwegen nehmen Sie auch Aristoteles, Metaphysik A, oder die Phänomenologie des Geistes, ist ja egal, machen Sie, was Sie wollen, aber trinken Sie den Rotwein und freuen Sie sich. Mir schulden Sie dafür gar nichts. Trinken Sie einfach und seien Sie froh. Und wenn Sie Lust haben, lesen Sie die Kritik der reinen Vernunft. So einfach ist das. Ja, so einfach.«

Wenn es so einfach sei, versuchte ich lächelnd einzuwenden, weshalb gebe er sich dann all die Mühe mit seinen Studenten?

»Sie haben Studenten, nehme ich an?«

»Wissen Sie, das ist eine Frage, die können wir hier nicht klären. Darüber reden wir mal nach einem ausgedehnten Kneipenbummel in der Düsseldorfer Altstadt. Das eine können Sie mir glauben: Ich habe damit keine Probleme. Aber überlassen Sie den Betrieb doch sich selbst. Was geht Sie der Betrieb an? Sie gehen auf die Insel, trinken den Rotwein, und alles andere ergibt sich dann.«

»Oder auch nicht.«

»Oder auch nicht. Damit werden Sie leben.«

Mich ärgerte diese Abfertigung. »Noch war ich nicht dort. Sie könnten mir ja, sozusagen als Wegzehrung, vorher verraten, was Sie von der sokratischen Dialektik halten. Herr Leckebusch sagt, sie sei ein Auseinander-Legen. Er hat aber nichts über das Zusammen-Legen gesagt.«

»Er wird seine Gründe haben. Es gibt da eine ganz witzige Stelle im Philebos, wenn Sie unbedingt Platon lesen wollen. Sokrates nennt sie dort eine Gabe der Götter an die Menschen, das Ganze ist ungeheuer witzig, ich weiß nicht, ob ich’s wörtlich zusammen bekomme. Platon schreibt nämlich, irgendein Prometheus habe sie von irgendeinem Göttersitz herabgebracht, von einem edlen Feuer umstrahlt, und unsere Alten, hören Sie gut zu, die nämlich edlerer Natur waren als wir selbst und deshalb näher bei den Göttern wohnten, hätten uns dies als Kunde überliefert, sehr komisch, wie gesagt, dass nämlich das Viele aus dem Einen hervorgehe und wir deshalb das Eine im Vielen suchen müssten undsoweiter undsoweiter. Also wenn Sie eine Vorliebe für das Edle haben und Ihr Stammbaum einigermaßen intakt ist, sollten Sie sich dafür interessieren.«

»Ich verstehe, Sie halten es mehr mit dem Vielen. Etwa so wie Nietzsche –: ›Kultur der Oberfläche‹.«

»Darin muss man Nietzsche nun in der Tat Recht geben: er hat gewusst, wo er hingehört. Die Flachköpfe haben es ihm aber auch gedankt. Wer an der Oberfläche klebt – und das tut Nietzsche, weiß Gott! –, der wird nie begreifen, woher die schönen Dinge kommen, die er so beeindruckend findet. Die Herren Ästheten machen es sich verdammt leicht: sie zerlegen die Welt in einen schönen und in einen hässlichen Teil. Den schönen Teil haben sie gepachtet, im hässlichen Teil wird gearbeitet. Sie vergessen aber, dass das, was sie glauben gepachtet zu haben, erst hergestellt werden musste – auf der hässlichen Seite, versteht sich. Die Kultur der Oberfläche ist die Kultur der Ignoranz. Auch der schöne Schein ist nur Schein.«

»Ich weiß schon. Darauf hat Adorno in den Minima Moralia hingewiesen…«

»… die nicht nur so heißen. Wie ich sehe, sind Sie belesen. Gut so! Vergessen Sie den ganzen Bildungsschrott! Gehen Sie auf die Insel! Nein, nehmen Sie den Flieger! Das geht schneller und ist bequemer. ›Kultur der Oberfläche‹. So ein Blödsinn!«

Die Kreise
1
Renate Solbach: Figur 14
Ngorongoro

Der Strand von Scheveningen macht einen aufgeräumten Eindruck: die Luft eher frisch, nicht schwül, ein paar Strandgänger erinnern daran, wie voll es hier werden kann und am nächsten Tag wohl auch wieder sein wird. Kaum vorstellbar, dass an dieser Stelle, versteckt hinter den Dünen, in einer nicht allzu fernen Vergangenheit nur ein gottverlassenes Fischernest lag. Kaum vorstellbar? Schon keimt angesichts der ebenso geschmack- wie gesichtslosen Hotelgebäude, die das zentrale Kurhaus flankieren, inmitten des allgegenwärtigen, umweglos den Wellen entströmenden Geruchs nach Pommes frites der Wunsch, sich in jene Zeiten zurückzuversetzen. Augenblicklich schlagen die Wellen schwerer an den Strand. Das in rascher Folge westwärts ziehende Gewölk gewinnt rasch an Masse und wirkt fast schon so bedrohlich wie die famosen Wolkenputti auf dem Gemälde von Jacob Joerdens im Mauritshuis, das angeblich eine ›Anbetung der Hirten‹ zeigt – angeblich, denn ein unvoreingenommener Betrachter könnte auf ihm bloß eine Gruppe Schaulustiger erkennen, die der koketten Versunkenheit einer jungen Mutter mit ›Neugier und Anteilnahme‹ begegnet.

Was die Bedrohung in Grenzen hält, ist die vergleichsweise große Distanz zwischen den riesigen, hier und da zu Gesichtern zusammengezogenen Wolkenkörpern und dem einsamen Strandspaziergänger. Für ihn jedoch gab es keinen Zweifel darüber, dass die Distanz relativ bleibt und Ferne wie Nähe einschließt, ein im Grunde genauso paradoxes Phänomen wie die auf ständigen Blickkontakt gegründete Koexistenz von Jägern und Gejagten, wie man sie zum Beispiel in der idyllischen Enge des Ngorongoro-Kraters zwischen Löwen und Antilopen beobachten kann.

Ganz von selbst ragten jenseits der Dünen, in einer Entfernung, die keiner heutigen entsprach (vermutlich weil das Absehen von der Realität in sie eingegangen war), die Dächer und Türme Den Haags aus dem Sand. Schwerer fiel es ihm, in das spontan entstehende Bild die dazugehörigen ›Fischerboote am Strand‹ und malerisch verteilte Gruppen teils feilschender, teils zupackender Frauen einzutragen. Der erforderliche kompositorische Akt wollte sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht einstellen. Das war schade, zweifellos hätte erst er das Gemälde komplettiert.

Doch blieb dem Spaziergänger keine Zeit, darüber untröstlich zu werden. Das Knattern eines durch die Lüfte sausenden Lenkdrachens gab seiner Aufmerksamkeit eine neue Richtung. Am Ende der Leine entdeckte er einen erwachsenen Mann, der mit seinem Gesäß den Sand pflügte und so rasch auf ihn zu- und an ihm verbeischoss, dass er binnen kurzem in der entgegengesetzten Ferne nur noch als vereinzelter hakenschlagender Punkt hin und her hoppelte. Kein Bahnwärter Thiel hätte erstaunter auf das fahrplangetreu sich vor seinen Augen ereignende Mysterium der Fortbewegung blicken können als der Strandgänger auf die ihm unvermutet zuteilgewordene Erscheinung. Es war nicht so, dass ihn die Eleganz der Bewegung entzückte, im Gegenteil, es bedurfte, wie er fand, doch eines gewissen Mutes zur Lächerlichkeit, sich auf so erregend sinnlose Weise von einem flatternden Spielzeug durchs Gelände zerren zu lassen. Eines gewissen Mutes... aber was für ein Mut mochte das sein? Der Mut zur wieder entdeckten Kindlichkeit des Gemüts? Oder der Mut des Testpiloten, der das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit für einen kurzen Rausch dahingibt? Vielleicht gab es einen, der beide Spielarten umschloss?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wenn nicht, welche Deutung verdiente dann den Vorzug und aus welchen Gründen? Zulässig schienen beide, sie waren sogar, wie er wusste, gesellschaftlich erwünscht, beide gaben Rätsel auf, die auch dadurch nicht verschwanden, dass die Sache unentwegt propagiert wurde. Rätselhaft war bereits die Propaganda. ›Der Sport, was sonst.‹ Mach dich ruhig lustig! Darin lag eine Drohung, unbestimmt welche, die jegliches Lästern hinter die vorgehaltene Hand verbannte. Ein Journalistenwort zuviel, ein Politikerwort daneben, und alle ›standen auf der Matte‹, vom Apothekerblättchen bis zum allmorgendlich hechelnden Dauerläufer, um Abbitte zu verlangen. Gesundheit! Unbestreitbar war die Tatsache, dass sich rund um den Globus Sportartikel-Hersteller fanden, die Gerätschaften wie dieses hier auf den Markt brachten und verkauften – von allen Tatsachen war dies die unbestreitbarste.

Sie verwies darauf, dass auch dieser Markt, wie alle Märkte, wie die Marktwirtschaft insgesamt auf Ideen beruhte. Sie verhalfen denen, die sie hatten und ›umzusetzen‹ verstanden, zu Wohlstand und sogar Reichtum sowie der angenehmen Überzeugung, den Menschen dieser Erde zu geben, wonach es sie gelüstete, auch wenn letztere vorher keinerlei Verlangen danach gehegt hatten. Der unbestimmte Appetit auf Neues – cupiditas rerum novarum – rechtfertigte das Produkt. Was sich in Gedanken komisch ausnahm, war also wohl eine ernste Sache. Wenn diese Sache den Sand von Scheveningen umpflügte, löste sie nicht etwa Hohngelächter aus. Man sah ihr nach, so wie man einem Engel nachgeblickt hätte, wäre man seiner an einem solchen Nachmittag ansichtig geworden – zweifelnd, mit einem Zusatz von Begierde, in die Erscheinung aufgenommen zu werden und mit ihr zu kommunizieren, auch wenn die eigene Konstitution jede erdenkliche Praxis dem Bereich des Möglichen entrückte. Gegen diesen Sehzwang kamen die üblicherweise hier ausliegenden Sonnenanbeterinnen nicht an, die einen zwar durch den Anblick hüllenloser Riesenbrüste und anderer überdimensionierter Körperteile in Verzweiflung versetzen konnten, aber dabei nur die jeweils nächste Umgebung attackierten! Der dynamische Reiz übertraf den statischen bei weitem. Das aber hieß…

Der da ging, er hätte große Schwierigkeiten gehabt, sich als Strandmensch zu verstehen. Der Anblick in den Sand gestreckter Menschenleiber mitsamt ihrer quiekenden Brut bereitete ihm Kopfzerbrechen, seit er ihn kannte. Die gegenwärtige Leere empfand er als beruhigend, um nicht zu sagen angenehm. Der rasende Irrwisch hatte diese Gemütsverfassung nicht wirklich beeinträchtigt. Doch sein rasch verblassender Anblick war stark genug gewesen, um die Gedanken – sofern man das vage Einströmen von Bildern einer Vergangenheit, die dem eigenen Erleben vorausliegt, Gedanken nennen will – kurzfristig in eine neue Richtung zu dirigieren, so wie ein Hundebesitzer durch einen über dem Kopf geschwenkten Knochen und ein paar Ausfallschritte das allerliebste Tierchen einmal in diese, einmal in jene Richtung jagen kann.

Bevor der versuchs- und einfachheitshalber von jetzt an Ich zu nennende Spaziergänger sich über diesen Mechanismus genauer Rechenschaft ablegen konnte, trug der Wind Laute an sein Ohr, deren Vertrautheit sie eine Zeitlang mit dem Geräusch von Wind und Wellen verschmolz, bis ihm aufging, dass er angesprochen worden war. Die Person, die sich, nicht übermäßig aufdringlich, zu ihm gestellt hatte, erwartete offenbar eine Antwort oder schloss sie nicht von vornherein aus. Jedenfalls sandte sie grübelnde Blicke aufs Meer hinaus, die scheinbar dem Element, nach menschlichem Ermessen aber dem Nebenmann galten.

Den Klang der Stimme hatt’ ich wohl vernommen. Dazu hatte ich untergründig registriert, dass sie sich meiner Sprache bediente – andernfalls wäre ich ihr mit mehr Aufmerksamkeit begegnet. Nicht mitbekommen hatte ich, was sie mir zu sagen wünschte. Ich war, ehrlich gesagt, auch nicht erpicht darauf, es zu erfahren, denn das Äußere der Person weckte kein Bedürfnis, mich auf ein Gespräch einzulassen. Also begann ich meinerseits das Meer zu erkunden, konnte aber außer einer Möwe, deren aufdringliches Gekreisch ich noch Sekunden vorher ignoriert hatte, kein zeichentaugliches Element entdecken. So wandte ich mich, nicht ohne Überwindung, meinem Nachbarn zu und bat ihn höflich und mit einer gewissen Reserve, seine Frage zu wiederholen.

»Ich glaube nicht, dass ich das sollte. Wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich nicht, dass ich Ihnen eine Frage gestellt habe. Interessant. Wissen Sie, ich gehe seit Tagen an den Strand und sehe mir die Leute an. Die meisten kann man leicht klassifizieren. Bei Ihnen will mir das nicht so richtig gelingen. Sie sind befremdet? Das kann ich verstehen. Vielleicht fällt uns beiden ja das Verstehen leichter, wenn ich mich erst einmal vorstelle.«

Er reichte mir eine Hand, die ich ohne rechte Überzeugung ergriff. Der Name sagte mir nichts, er entfiel mir gleich wieder. Den, der ihn, nicht ohne Stolz, wie ich zu bemerken glaubte, genannt hatte, hielt ich für einen Spinner, einen, der in seiner Freizeit fremde Menschen damit belästigt, dass er sich seiner Menschenkenntnis brüstet. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – bei mir lösen solche Leute Beklemmungsgefühle aus und ich versuche augenblicklich, mich ›zu verdrücken‹. Daran war hier am Strand natürlich nicht zu denken. Wie auch immer, die kleine, hagere Statur meines Gesprächspartners, der schüttere, das Kinn und die Backen nach Art eines Bodendeckers überziehende Bart, seine etwas wuselige Art zu reden verrieten eine aus der Bahn geratene Handwerkerseele, die sich so ihre Gedanken macht, vor allem über die Mitmenschen, die mit dieser Art von Zuwendung wenig anfangen können. Als habe er mich durchschaut, sagte er einen Satz, der mir gut im Gedächtnis geblieben ist, weil er als Kommentar zu meinen Befürchtungen durchgehen konnte.

»Das Strandleben bekommt Ihnen nicht.«

»Sie meinen, ich soll hier verschwinden?«

»Machen Sie, was Sie wollen. Aber das ist nicht Ihre Welt.«

»Ich bestaune das Meer.«

»Das haben schon andere bestaunt. Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Ich wollte Ihnen keine guten Ratschläge geben. Es fiel mir nur so auf, wie ich Sie gerade da stehen sah.«

»Ich war noch etwas verwundert.«

»Das hat man gemerkt. Sie müssen wissen – das ist so eine Phrase, eigentlich müssen Sie gar nichts wissen, aber bitte –, ich war seit Jahren nicht mehr am Meer, aber seit zwei Tagen komme ich, sooft es geht, hierher, immer an die gleiche Stelle. Ich frage mich, aus welchem Grund die Leute sich auf diesen Sandstreifen stürzen. Was gibt es hier, frage ich mich, worauf sie so wild sind, dass sie alles vergessen, was sie sonst so leidlich zusammenhält.«

»Die Sonne, den Wind, die Weite…«

»Sie verstehen mich ganz gut. Ich weiß, dass es den Leuten gefällt. Aber warum? Nun mal ruhig, jetzt schauen Sie mich nicht so entgeistert an, als wäre ich gerade aus einem Ufo geklettert. Sie müssen doch zugeben: man lässt nicht gleich die Hosen herunter, nur weil man sich wohlfühlt.«

Da hatte er zweifellos recht. Meine neue Bekanntschaft gehörte zu den Eisgrauen – grauer Bart, graue Augen –, und gerade jetzt, da für einige Augenblicke die Sonne hinter einer rasch dahingleitenden Wolke verschwand, wirkte die Vorstellung, einer wie er könne ›die Hosen herunterlassen‹, einigermaßen befremdlich. Allerdings trug er Shorts. Mit den nackten Zehen stocherte er im Schlick, als erwarte er, einen Hundert-Gulden-Schein zu Tage zu fördern.

»Sie wissen doch«, sagte ich, plötzlich im Bann dieser Stimme, »der moderne Mensch entsublimiert, wann und wo er kann. Eros und Thanatos. Geburt und Grab, ein ewiges Meer, ein wechselnd Weben, ein glühend Leben…«

»Ich weiß. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.«

Darauf war wenig zu entgegnen. Oder doch? Den Blick fest auf ein Loch geheftet, das er soeben mit der großen Zehe in den Sand gebohrt und das sich sofort mit Wasser gefüllt hatte, brummelte er halblaut vor sich hin.

»Herr, ein Gewitter ist im Anzug«, improvisierte ich. Das war zwar übertrieben, doch ein paar Tropfen, die just in diesem Augenblick auf uns niederklatschten, gaben meinen Worten unvermutet Nachdruck. Er ging umstandslos darauf ein.

»Wenn Sie hier keine Verabredung haben« – er stieß einen kurzen Pfeiflaut aus – »oder auf die Straßenbahn warten, können wir uns eigentlich gleich hinter die Schaufenster da drüben zurückziehen. Ich lade Sie übrigens ein, ja.«

Das nachklappende, durch die Nüstern gesprochene ›ja‹, das genauso gut ›eh‹ heißen konnte, gab mir zu denken, indessen wir durch den Sand zu einer großzügig verglasten Baracke wateten, an deren Front der Schriftzug The Flying Dutchman prangte. Die schwungvoll hingesetzten Lettern glühten in einem Rot, von dem mein Begleiter behauptete (während ich mich mit der rechten Sandale in einem Sandloch verhedderte und beinahe gestürzt wäre), es sei in der europäischen Malerei vielleicht erst zehnmal glücklich zum Zug gekommen, am effektvollsten in den Papstbildern von Bacon:

»Nehmen Sie einmal aus ein oder zwei Bildern exakt dieses Rot heraus, und sie fallen einfach in sich zusammen. Dabei müssen Sie es erst suchen, falls Sie überhaupt davon gehört haben, was erschwerend hinzukommt, ja. Die Schlaumeier behaupten immer, man sieht, was man weiß. Aber das stimmt nicht. Man sieht, was man sehen soll.«

»Und das heißt?«

»Naja, so ein Maler will schließlich einen bestimmten Effekt erzielen. Entweder er schafft es oder er hat verloren. Die Sache ist doch ganz einfach: a) der Betrachter sieht, was der Maler ihn sehen lassen will, b) er sieht etwas, was er nicht sehen sollte, ja.«

Ich gab es auf, meinen Mann taxieren zu wollen. Das sei schon richtig, gab ich zurück, während der Oranje-Kaffee in meinem Magen zu brennen begann (wir saßen bereits im Pavillon, keinen Augenblick zu früh, denn draußen hatten sich die Schleusen des Himmels weit geöffnet), nichtsdestoweniger sei es unzureichend gedacht. Was der Maler sehen lassen wolle, hänge schließlich nicht zuletzt davon ab, was er selbst ›rein mental‹ zu sehen in der Lage gewesen sei, so dass ein geübter Betrachter immer auch die Vorlieben und Beschränktheiten des Malers aus so einem Bild herauslesen könne.

Er ging mit.

»Und was folgt daraus, ja? So ein ›geübter Betrachter‹« – er ätzte das Wort – »stellt natürlich mit Vorliebe da Zusammenhänge her, wo beim Maler längst der Krampf herrscht und vom objektiven Können keine Rede sein kann. Sie folgen mir nicht? Ich weiß schon, ›objektiv‹ ist in Ihren Kreisen ein Schimpfwort.«

Er warf mir einen kurzen Blick zu und begann mit dem Finger Kreise auf den etwas schmuddeligen Tisch zu zeichnen. Er nuschelte. Ich beugte mich vor, um ihn zu verstehen.

»Ich begreife sehr gut, was Sie sagen, aber Sie sollten auch mich verstehen. Wenn Sie da draußen ein Loch in den Schlick bohren – ich habe Sie beobachtet, Sie sind nicht der Typ dafür, aber egal –, dann haben Sie etwas getan, nicht viel, ein bisschen schon, aus der Perspektive der Plattwürmer sogar eine ganze Menge, etwas Gigantisches« – er lachte glucksend –, »aber wenn Sie geduldig sind und einfach nur hingucken, dann merken Sie, wie das Wasser, das sich in dem Loch gesammelt hat, und das erst klar und durchscheinend ist wie der junge Morgen, Sie merken, wie sich das Wasser eintrübt, ja, und wenn Sie sich nach ein oder zwei Minuten platt auf den Bauch legen, dann stellen Sie fest, dass Ihre Puste mühelos ausreicht, um den Sand wenigstens oberflächlich zu trocknen, und Sie haben wieder die glatte Oberfläche, von der wir ausgegangen sind. Ich weiß, für Sie hat das keine Bedeutung, aber für mich gehören Sie zu den Leuten, die nur den Sand sehen. Verstehen Sie mich? Nein, Sie verstehen mich nicht. Aber das macht nichts, ja.«

Die Kreise
2
Renate Solbach: Figur 15
Tenborch oder Die Effekte

Übergangslos rief er den Kellner und griff nach der Brieftasche. Unsere Plauderei schien am Ende angekommen zu sein. Ein rühmliches Ende, ein unrühmliches? Seine Rede über die Plattwürmer hatte mich nachdenklich werden lassen. Im übrigen traf er so wenig Anstalten wie ich, sich zu erheben. So saßen wir, jeder in seine Gedanken versunken, auf unserem Plastikgestühl, warfen hin und wieder einen Blick auf das in der Ferne aufblitzende Meer, über dem sich die eben noch Ehrfurcht gebietenden Regenwolken in eine dicht gedrängte Lämmerherde verwandelt hatten, und genossen die klappernde Ruhe, das gelegentliche Stühlerücken des Kellners und die sporadisch aufflackernden Unmutsäußerungen eines bedienungshungrigen Gastes

Wann immer ich den Dämmerzustand erreiche, in dem äußeres und inneres Leben sich in einer symbolträchtigen, durch das Fehlen absolut jeden Veränderungswillens gekennzeichneten Gemengelage miteinander verschränken, wächst in mir ein Bewegungsdrang, der sich ebensosehr auf meine Gedanken wie auf meine Beine erstreckt. Es dauerte nicht lange und ich empfand das Bedürfnis, mich zu erheben und den Ort quasi fluchtartig zu verlassen. Dennoch rührte ich mich nicht. Keineswegs aus Neugier: der Fremde hätte aufstehen und fortgehen mögen, ich hätte ihm vermutlich nicht einmal nachgeblickt. Er blieb aber sitzen, was keinerlei Bedeutung besaß, wenn man einmal davon absah, dass sein Verhalten meine Entscheidungsfreiheit beeinträchtigte, da nun ich es sein würde, der die Situation aufhob, wenn ich mich entfernte.

Wäre Rennertz am Tisch gesessen, so hätte ich das stockende Gespräch mit Leichtigkeit wieder in Gang gebracht. ›Nichts‹ – hätte ich begonnen, ich hätte das Wort vorsichtig ausklingen lassen und die minimale Bewegung im Gesicht meines Gegenüber genossen – ›nichts ist besser geeignet, einen am Gedanken der organischen Einheit teilhaben zu lassen als diese kurz über dem Grunde der Entspannung einsetzende Anspannung, die eine Sinkbewegung beendet und ein unmittelbar wahrgenommenes Ansteigen der Lebensfunktionen bewirkt, das jederzeit in ein erneutes Sinken übergehen kann, langsam und zitternd wie das Auf- und Absteigen von Schmutzpartikeln in einer Flüssigkeit, die aus irgendeinem Grund einer Folge von Erschütterungen ausgesetzt ist. Deshalb empfinde ich einen Ruhezustand, aus dem sich die meisten Menschen nur widerwillig, durch äußerliche Appelle zurückholen lassen, im Grunde als verschmutzt – soll heißen, als einen latenten Unruhezustand (wobei es mir mit der Latenz nicht so weit her zu sein scheint). Mit anderen Worten: ich fühle mich zunehmend unwohl in meiner Haut.‹ Wahrscheinlich hätte Rennertz gelacht, ein wirksames Korrektiv, leider nur in Gedanken, zu dem dumpfen Schweigen, in dem mein Gegenüber und ich verharrten. So versank ich in die Betrachtung der seltsamen Mechanik, die hier am Werk war. Und siehe: binnen kurzem zog ich daraus jene tiefe Befriedigung, die fast jedes Nachdenken erzeugt, besonders wenn sein Gegenstand einem umso befremdlicher vorkommt, je mehr man sich mit ihm befasst.

Ein Gegenstand! Dieser hier erschien wie auf ein geheimes Signal hin an den entgegengesetzten Rändern des Nebels, der gerade noch mein Bewusstsein erfüllt und zu einem ungemütlichen Feuchtraum degradiert hatte. Sein Erscheinen verwandelte die unklare Innen-Außen-Empfindung, die sich am ehesten durch das Ausdrücken einer Zigarette bestimmt, in etwas, das Übergänge sowohl ins Weite als auch ins Enge besaß – als läse ein etwas weitsichtiger Mensch eine Schriftrolle, deren Anfang sich bis an den Horizont erstreckt, während das greifbare Ende unmittelbar unter den Augen verschwimmt.

Vergessen mein Gegenüber, vergessen die Lähmung; Zeit, Raum, Aktion strömten zurück – in einer Bilderfolge, deren Sinn ich nicht zu entziffern brauchte, weil er mir – nun, gegeben war. Umschrieb der zentrale Nebel den Zustand der Indifferenz des Körpers und des Geistes, dann signalisierten diese Scharen den Aufbruch, der in jeder solchen Pause angelegt ist, und die schiere Unmöglichkeit, diese Indifferenz, also die gesteigerte Unruhe in der Ruhe, die mich soeben befallen hatte, zu leben. Seltsamer- oder typischerweise begann sie sich im Wechsel der Bilder zu verlieren, mit deren Hilfe ich sie mir aus- und zurechtlegte. Ich war gerettet, ohne verloren gewesen zu sein, ein dankbar begrüßter Zustand, der mich dazu veranlasste, an der leeren Kaffeetasse zu nippen, als hegte ich keinen Zweifel daran, dass auch sie an der wundersamen Erkräftigung teilgenommen und sich mit neuem Inhalt gefüllt hatte.

Ich wusste schon, wie diese Bilder in mich hineingekommen waren. Es war nur ein paar Stunden her und doch ein Vorgang aus einer anderen Zeit, dass ich nach einer unerwartet kurz verlaufenen geschäftlichen Unterredung ins Gemeente-Museum gegangen war. Dort hingen die Bilder des Malers Tenborch, der eigentlich Zeichner war und es nie zu etwas anderem hatte bringen wollen. Ich war enttäuscht. Man hatte ein paar Exponate zusammengetragen, von denen fast ausnahmslos keines die Klasse aufwies, die ich aufgrund der bekannteren Bilder erwartete. Tenborch war ein Mann der massenhaft ausliegenden Poster, deren stumme Aussage die Studentenrevolte und die auf sie folgenden Jahre begleitet und öfters kommentiert hatte, auch wenn diese Kommentare keineswegs klar und eindeutig erschienen. Seine verdrehten Geometrien entzückten die jungen Leute, die sich gerade daranmachten, die akademische Welt zu entdecken, nachdem andere sie für sie erobert hatten. Man darf bezweifeln, dass sie wissen wollten, was genau daran ihr Entzücken auslöste. Sie hielten das Gesehene für einen Teil ihres Programms, die Regeln auszusetzen und zu schauen, was passieren würde. Ich hatte öfters mit angesehen, wenn sie, meist in Grüppchen, die Plakate in den Händen drehten, ›stark‹, ›echt stark‹ riefen und sie wieder in die Behältnisse zurückstopften, weil das Mao-Bild nebenan oder ein Hundertwasser mehr Prestige pro Wohneinheit versprachen. Manchmal kam es vor, dass einer still zurückkam und das ›starke‹ Bild noch einmal entrollte, bevor er sich den anderen wieder anschloss.

Im Museum war davon wenig zu spüren gewesen. Das lag an der Auswahl, aber auch daran, dass die zusammengestellten Bilder nicht den Hauch einer Revolte ausstrahlten. Eine biedermeierliche Probierwut stellte sich auf ihnen dar, eine ins Kleinliche gehende Verfolgung ad hoc aufgestellter Regeln der Gegenstandsentfaltung und des Bildaufbaus. Fast kam es mir vor, als habe Tenborch den Beweis antreten wollen, wie schnell man vom Dekorativen ins Abgründige gerät, wenn man es nur gründlich genug in den Blick nimmt und seine Vorgaben auf sich selbst anwendet. Damit stand er nicht allein da, es war die Zeit, in der Künstler das gerne taten, wenn auch mit anderen als seinen Mitteln. Es war eine andere Zeit, eine, in der das Abgründige in die Konstruktion verlegt werden musste, weil die Weltauslegungen klar und Abweichungen unerwünscht waren, während die Katastrophen sich vor und hinter den Türen die Hand gaben, bis auch jene in einer letzten absurden Wallung in sich zusammenfielen. Das rekursive Denken, so dachte ich mir, während ich, eine Hand in der Hosentasche, von Bild zu Bild, von Wand zu Wand schlenderte, die alt gewordenen Revoluzzer von damals im Blick, die mit Mienen umherwandelten, als gehöre ihnen der ganze Bestand und als sähen sie nur vorbei, um ihr Gedächtnis aufzufrischen und sich zu vergewissern, dass alles an seinem Platz hänge, das rekursive Denken ist doch nur eine Weise, in Zeiten des triumphierenden Wissens seine Sinne beisammen zu halten. Was danach kommt, geht es nichts an. Ein paar Jahrzehnte öffentlicher Anerkennung haben sich wie schmutzige Hände auf diese Produktionen gelegt und sie bis zur Unkenntlichkeit verdorben. Heute ziehen sie die Aufmerksamkeit von Leuten auf sich, die an den modernen Museen vornehmlich die Kaffeezone zu schätzen wissen und den obligaten Ausstellungskatalog für ein Schnäppchen halten. Nicht zum – ohnehin nur noch posthumen! – Leidwesen Tenborchs, wenn ich seine Bilder richtig verstehe.

(Aus der Cafeteria, deren Tür offenstand, zog Kaffeegeruch herüber.)

Schade wäre es schon um ihn, sollte sich seine Wirkung darin erschöpfen. Das ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil: was ich mir angesehen hatte, die unbekannteren Bilder wie die bekannten, waren zu Zeigern geworden, die alle, die sie betrachteten – außer den ganz Jungen und den ganz Unbedarften –, auf die Lektüre eines Buches verwiesen, das ein paar Mathematiker einst auf den Markt gebracht hatten, ein Buch, das Tenborchs Bilder weit über ihre finale Verwurstung hinausgehoben und ihn für seine wissenschaftlichen Betrachter zu einer Art Graugans des Kunstbetriebes hatte aufsteigen lassen.

Eine Zwischenbemerkung sei hier gestattet. Seit ich mich mehr volens als nolens in diesen Regionen herumtreibe, bemerke ich, dass unter Angehörigen intellektueller Berufe das Banausentum oft ausgeprägtere Züge trägt als unter den eher schlicht gestrickten, die Welt ausschließlich nach den Regeln des Geldverdienens taxierenden Zeitgenossen. Ich will das nicht werten. Konkurrenzdenken ist sicher im Spiel, da beide Seiten irgendeine Art von Publikum voraussetzen und für sich einnehmen wollen. Vielleicht spielt angesichts der pinselnden, stichelnden und kratzenden Publikumslieblinge sogar etwas Neid mit, doch lässt sich damit bei weitem nicht das ›harte Faktum‹ erklären, dass man gerade bei den elaboriertesten Interpreten der Kunst gelegentlich eine unausgesprochene Verachtung ihres Gegenstandes findet. Das erstaunt – und es macht nachdenklich.

Es hat mich seltsam berührt, als ich begriff, dass die Herablassung in Ausdrücken wie ›bloß ästhetisch‹ oder ›bloß metaphorisch‹ – Kleingeld, mit dem die Gedankenlosigkeit gerade in den Fächern ihre Ausgaben zu begleichen pflegt, die sich blendend von den Künsten und ihnen verwandten Tätigkeiten ernähren – keineswegs nur irgendeinem mehr red- als gedankenseligen Künstler-Eifer nachstrebt, den es nach Taten dürstet, sondern wirkliche Herablassung ist – gegenüber dem, was eine andere Zeit als ästhetische ›Wertsphäre‹ bezeichnete. Wer an der Bewunderung für die Künste kratzt, stößt schnell auf Verachtung. Ich erinnere mich gut an die Bemerkung eines nahen Bekannten, die mich seinerzeit ob ihrer prägnanten Ignoranz erstaunte: »Ich glaube nicht, dass Gott sich in Mosaiken offenbart.« Der Ausspruch hätte von Rennertz stammen können, der, sehr zu meinem Leidwesen, gegenüber den bildenden Künsten eine beinharte Reserve an den Tag legte. Museen und Ausstellungen waren ›Anathema‹, jeder Versuch, die Rede auf sie zu bringen, wurde mit abgründigem Schweigen quittiert. Ich hatte schnell begriffen, dass ich ihm ›damit‹ nicht zu kommen brauchte. Dennoch, dennoch... hätte der Satz in seinem Mund – der ihn niemals in meiner Gegenwart aussprach – eine andere Färbung angenommen: dass Gott sich selbst in Mosaiken nicht zu Wort meldet, hätte neben der Bankrotterklärung der Kunst auch eine Aussage über den Glauben beinhaltet.

Wahrhaft unerträglich finde ich die gönnerhafte Haltung, die eine gewisse Sorte Historiker (oder Sozialwissenschaftler) an den Tag legt, wenn sie sich zum Ausklang ihrer Karriere eine meist schmale Publikation über einen Künstler genehmigen, dem sie angeblich einen Grundimpuls ihres Schaffens verdanken und dessen Werk sie zeitlebens als eine Art Leitstern oder Maskottchen begleitete: nun, da es heißt Abschied zu nehmen, zeigen sie sich bereit, ›in Dankbarkeit‹ der Neigungen zu gedenken, die sie der strengen Zucht der Wissenschaft geopfert haben. Diskret deuten sie an, dass sie auch ›anders gekonnt‹ hätten, aber natürlich auch, dass sie die Kunst als eine Art kindlichen, jedenfalls dem Ernst des Lebens vorgelagerten Spiels betrachten, das dem Künstler deshalb gelingt – denn vom Gelingen ist sofort die Rede –, weil seine Biographie eine narzisstische Aberration enthält, der man als später Interpret mit wohlwollendem Befremden auf die Schliche kommt. Hätte der Künstler, so darf man folgern, sich zu einem erwachsenen Menschen fortentwickelt, so hätte er ganz gut den eigenen Lebensweg einschlagen können und sogar müssen, wenn es ihm mit seinem ursprünglichen Impuls ernst geblieben wäre. Die späte Beschäftigung enthält also eine einholende Bewegung, die dem eigenen Lebenswerk ein zweites hinzufügt, auf das man, ein wahrer Herkules am Scheidewege, einstmals verzichtet hat. Aber was immer sich gegen eine solche Einstellung einwenden lässt, so entbehrt sie doch nicht einer gewissen, sagen wir: Grandezza, verglichen mit dem ›Ethos‹ von Sätzen, die ich als stummer Teilnehmer einmal auf dem Campus einer Provinzuniversität hörte, als ein – nach akademischen Maßstäben junger – Professor im Kollegenkreis die Erinnerung an den Tag zum Besten gab, an dem er mit dem Schriftsteller Handke im Taxi zu einer Veranstaltung fuhr und der andere, aus welchem Grund auch immer, während der ganzen Fahrt »keine zwei Sätze herausbrachte«: »Da gehören wir doch lieber auf die Seite der Normalen, wenn das der Preis ist!«

Was Tenborchs Arbeiten auffällig macht, ist der Umstand, dass sie ähnlich leicht zu durchschauende Manöver bei Leuten auslösen, die in Diskussionen über die Künste gewöhnlich abseits stehen, obwohl sie über ihre Grundlagen so manches zu sagen haben: bei Mathematikern und Physikern. Seine Leidenschaft für Möbiusbänder und gespiegelte Horizonte, die ganze approximative Behandlung des Themas ›Unendlichkeit‹ scheint ihnen das Gefühl zu verleihen, es im Grunde mit einem der ihren zu tun zu haben. Da sie unter dem Dauerverdacht leiden, von der Öffentlichkeit nicht hinreichend wahrgenommen zu werden, nützen sie natürlich die Gelegenheit zur Propaganda. Fast könnte man sagen, ihre lächelnde, mit allerlei Reserviertheiten ausstaffierte Begeisterung habe diesem Künstler erst den verdienten Platz in der öffentlichen Aufmerksamkeit erobert. Was nicht weiter verwunderlich wäre, weil die allgemeine Scheu vor der sogenannten ›reinen‹ Mathematik und ihren abstrakten Formeln nur die Kehrseite der ungebremsten Formelgläubigkeit darstellt, die sich eine von den gesetzlich geregelten Zahlungen ihres geschiedenen Dreifaltigkeitsgottes lebende Gesellschaft verordnet hat. ›Sehen wollen, was es zu sehen gibt‹: nach dieser Maxime mutieren auch die skurrilen und bizarren Visualisierungen mathematischer Würfelspiele zu ›Kultobjekten‹, die dann eine Zeitlang als ungemein spannend und ›aufregend‹ gelten.

Im vorliegenden Fall hatte die Aufregung einen bis dahin ruhig vor sich hin lebenden Maler eingeholt und über Nacht in die Berühmtheit gestoßen. Dieser Ruhm gründete sich weniger auf den visuellen Teil seiner Arbeiten und schon gar nicht auf die didaktischen Anweisungen, mit denen er selbst sie versehen hatte, sondern auf das, was man auf ihnen nicht sehen konnte, obwohl alle Welt behauptete, es zu sehen, also auf die intime Beziehung, die zwischen ihnen und bestimmten neueren und neuesten Entwicklungen innerhalb der Mathematik bestand. Man schaute also vielleicht auf sie so, wie ein früheres Publikum auf die ersten zentralperspektivisch gebauten Bilder geblickt hatte: in einer Mischung aus Staunen und Ehrfurcht vor der in ihnen obenauf liegenden und gleichzeitig verborgenen ›Wissenschaft‹. Doch es lebe die Differenz: für diejenigen, die die Sache durchschauten, bestand die neue Wissenschaft der Perspektive in einer robusten Anleitung zur Erzeugung räumlicher Illusion in den Bildern, während das Band, das die Bilder Tenborchs mit der Mathematik verbindet, sofort zerfasert, sobald man über den Bereich werbewirksamer Schlagworte und skurriler Assoziationen hinauszukommen versucht. Es ist daher abzusehen, dass sein Ruhm peripher bleiben und man seine Werke in künftigen Jahrhunderten vorzugsweise auf Ausstellungen zu sehen bekommen wird, die dem kuriosen Unterfutter der gegenwärtigen Kunstepoche gelten. Was niemandem schadet, weder der Epoche noch dem Künstler, denn es sind die originelleren, jedenfalls interessierteren Augen, die auf solchen Arbeiten ruhen.

Die Kreise
3
Renate Solbach: Figur 16
Momptis Huhn

Ich weiß nicht, wie ausgeformt diese oder vergleichbare Gedanken damals mein Gehirn durchströmten. Während ich ihnen noch nachhing, hatte mein schweigsames Gegenüber den Kellner ein zweites Mal gerufen und widmete sich, fast hätte ich ›beherzt‹ gesagt, einem Teller, auf dem eine reichliche Portion Pommes frites mit einem fast ebenso großen Hügel aus frittiertem Fisch und einem Klacks gelblich glänzender Majonaise um Platz und Aufmerksamkeit rangelten. Durch derlei Köstlichkeiten angeregt, beendete er das Schweigen mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der er mich am Strand zum Teilhaber seiner Menschenkenntnis gemacht hatte, indem er ohne weitere Umschweife die Rede auf die Ausstellung brachte, über deren Exponate ich gerade nachdachte. Ihretwegen hatte er die weite Anreise auf sich genommen, ihretwegen lief er Tag für Tag stundenlang am Strand entlang, um sich mental ›in Form‹ zu bringen und das Gesehene zu überdenken. Wort- und gestenreich begann er zu bilanzieren. Das Fett erglänzte auf seiner Gabel und wies den Weg zu zweierlei Genüssen, unter denen er den geistigen offenbar den Vorzug gab. Schnell merkte ich, dass ich es mit einem Mann vom Fach zu tun hatte. Ich korrigierte meine früheren Eindrücke und folgte den Belehrungen ohne Hochmut. Seinen Namen hatte er am Strand wohl deshalb so nachlässig gemurmelt, weil es ihm lästig war, zuzugeben, ja, er sei der und der. Dem lag weniger Überdruss an seiner tatsächlichen Bekanntheit zugrunde (ich zum Beispiel hatte ja noch nicht von ihm gehört) als das Missbehagen, zu einer Kategorie von Wesen zu gehören, deren Existenz bei anderen Menschen routinemäßige Bekundungen des Entzückens hervorruft, auf deren Grund in der Regel nur kalte Gleichgültigkeit liegt oder der Wunsch, ›so jemanden‹ hinter den Kulissen des öffentlichen Betriebs zur Rede zu stellen und sich mit ihm ›vernünftig‹ zu verständigen, ›von Mann zu Mann‹, ›von Frau zu Frau‹ oder wie die Kombinationen lauten mögen. ›Geben Sie’s zu‹ – die Floskel allein wirkt wie eine kalte Dusche und manchem steht sie für die Dauer eines ganzen Gesprächs mit dem prominenten Gegenüber lebhaft und für die Mitanwesenden gut sichtbar ins Gesicht geschrieben.

Ich verstand den Missmut des Künstlers spontan, als ich den gleichen Impuls bei mir selbst registrierte, was mich überraschte und ein bisschen kränkte. Ich war beredt und gehemmt zugleich: ersteres, weil es wirklich ein Vergnügen war, sich mit diesem klugen und sachkundigen Menschen zu unterhalten, letzteres, weil ich dauernd das Gefühl hatte, über unserer Plauderei ein anderes, möglicherweise gehaltvolleres Gespräch zu versäumen, in dem sich meine Rolle fühlbar von der gegenwärtigen unterschied. Das ist ein seltsamer Effekt, geeignet, einem die Lust an bestimmten Gesprächskonstellationen zu vergällen, wie die ihrerseits berühmt gewordenen Tagebuchaufzeichnungen früherer Prominenten-Besucher reichlich belegen. Nicht jeder ist ein Boswell oder hat den inneren Boswell jederzeit parat. In der Regel gilt: die Anspannung, die der Vorsatz, eine seltene Gelegenheit optimal auszunützen, mit sich führt, deformiert die Gelegenheit, so dass das, was an Themen in der Luft liegt, plötzlich unerreichbar scheint, während das reale Gespräch, das munter fortgeht, dem Torquierten unendlich banal vorkommt. Der andere hat es gut – eingesponnen in die Komplexität seiner Existenz, versäumt er, wie es scheint, nichts. Er scheint sich zu unterhalten oder sogar zu amüsieren, was man nur schwer verstehen kann, es sei denn als Herablassung, und die wäre schlimm.

Nun, Mompti (so der Name meines Gegenübers) wirkte nicht herablassend. Aber da ich wusste, dass dies Minuten vorher noch meine Einstellung gewesen war, entstand daraus ein neuer Unruheherd. Er konnte, er musste es bemerkt haben. Schlimmer noch: ihm war der Umschwung nicht verborgen geblieben und er genoss das Spiel, es amüsierte ihn, natürlich, und zwar umso mehr, je banaler er das Gespräch gestaltete. Dabei war es nur oberflächlich banal. Eigentlich war es weit entfernt von aller Banalität und ziemlich konzentriert, jedenfalls kam keine Station in Sicht, an der ich hätte abspringen und den Zug wechseln können, es ging dahin, so wie es eben geht, wenn man sich mit jemandem unterhält, der, eingesponnen in sein Wissen und seine Gedanken, nur Brocken mitteilt und nach losen Floskeln fischt, um dem Fremden nicht ›auf den Geist‹ zu gehen, wie immer das aussehen mag.

Konfusion! (Übrigens ein schönes Wort, in dem das Durcheinandersein konzentrische Ringe bildet.) Sie macht es, immerhin, denkbar, dass manche der oben wiedergegebenen und zum Teil neu angestellten Überlegungen nicht meinem vorangegangenen stummen, in meinem Inneren verbürgten Sinnieren entsprangen, sondern sich jetzt in Rede und Gegenrede ergaben, während ich sie heute nur noch als Erbrütete und damit als die meinigen wiederholen kann. »Sehen Sie«, sagte er und ich sah, aber was ich sah, hatte mit dem, was er mich sehen lassen wollte, vielleicht nicht mehr Ähnlichkeit als ein Huhn mit einem Papagei, und dieses Huhn spukt unweigerlich in meiner Erinnerung herum, es ist aber mein Huhn und ich kann nicht wirklich wissen, wie es dort hinein gekommen ist. Die Osmose, der jedermann fortwährend unterliegt – und die ihn zu dem macht, was er ist: ein Mensch – könnte ihre wohltätigen und manchmal zerstörerischen Wirkungen nicht entfalten, würde die Person all das, was ihr darin zugetragen wird, in dem anfänglichen Zustand festhalten, in dem es weder ihr noch einem anderen Wesen zugehört, sondern, wie der Ausdruck nicht ohne Verschmitztheit lautet, ›frei flottiert‹. Das hieße ja, das eigene Innere zu einem Äußeren eigener Art zu machen, zum Jenseits eines völlig verstockten wirklichen Selbst, in das so wenig hineingelangte, dass es von sich nichts mitzuteilen wüsste, so dass sich alle Mitteilung ein für allemal erübrigte. Dieses ›wirkliche Selbst‹ wäre also ein Wesen, das unbeteiligt den Lebensprozessen beiwohnt und seine Aktivität auf den stehenden Kommentar beschränkt, dass von ihm nicht die Rede sei. Und darin hätte es dann wohl recht.

Die Kreise
4
Renate Solbach: Figur 17
Druckstellen

Ich frage mich, ohne eine Antwort geben zu können, wann genau mir der Gedanke gekommen ist, ob nicht eine solche missliche Trennung in Rennertz’ Manuskript Gestalt angenommen hat. Ein unendlich schwaches Selbst, dem die Kraft der Anverwandlung fehlt und das ein ›Ich‹ zu nennen sich erübrigt, weil es diese wesentliche Leistung eines Ich nicht erbringt, könnte das Geschehene womöglich so in der Schwebe lassen, dass es wie durchsichtig auf anderes und wieder anderes Geschehen erscheint, so dass die Bedeutungen der Wörter, die im Leser ›entstehen‹, sich gegenseitig mindern und beinahe auf Null reduzieren. So ein schwaches Selbst ließe sich genauso gut als stark und sogar überstark verstehen. Denn aus irgendeinem Grund wird die Kraft der Anverwandlung, wenn sie ins Bewusstsein tritt, als Schwäche erfahren. Im entgegengesetzten Fall wäre also die Stärke, die jemand braucht, um das Geschehene von sich entfernt zu halten und dennoch nicht zu verlieren, zu einer derart dominanten Größe angewachsen, dass sie dem Ich keine Illusion über sich selbst erlaubt und es so an seiner natürlichen Entfaltung hindert. ›Selbst‹ und ›Ich‹ treten auseinander und stehen sich als quasi feindliche Instanzen gegenüber: ein hypertrophes Selbst verstößt das vergebens auf Wachstum programmierte Ich in jene lichtlosen Bezirke, in denen es nur subkutan existiert – mager, erregbar und taub für die Lockungen einer Welt, die flüstert: ›Besitze mich...‹

Ein Gedanke nur, eine Hypothese vielleicht, aber nicht ungeeignet, einen Zug an Rennertz (dem Rennertz, den ich kannte) zu erklären, der hervortrat, als ich bei unserem nächsten Treffen die gegenwärtige Begegnung erwähnte.

»Mompti? Den kennst du jetzt also auch.«

Der Satz ließ offen, ob er ihn ebenfalls kannte. Vielleicht gehörte ich jetzt eben zu denen, die Mompti ›auch‹ kannten. Mein Gefühl hinderte mich daran, weiterzufragen; ich wusste, wie man so etwas weiß, dass es dazu von seiner Seite nichts zu erklären gab. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, einen Defekt dafür in Anschlag zu bringen. Schon eher Stolz: fast hielt ich es für selbstverständlich, dass einer wie er nicht geneigt sein konnte, sich in erlebten Geschichten zu ergehen. Wenn ich nicht wusste, wer er war, so wusste er augenscheinlich nicht, dass er es war.

Auch in dieser Hinsicht war Mompti, der Ältere, sein Antipode. Dessen schweifenden Ausführungen merkte man ohne weiteres an, dass er sie am liebsten in Anekdotenform vorgetragen hätte. Irgendein Umstand stoppte ihn aber auf der Schwelle zum Erzählen und bewirkte, dass seine gelegentlich überfließende Rede nirgends über ein Getümmel unklarer Andeutungen hinauskam. Auf diese Weise erzeugte sie einen beträchtlichen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Ich befand mich deshalb in der etwas misslichen Lage, fortwährend zu etwas nicken zu müssen, das ich nicht immer verstand, wollte ich nicht den Faden verlieren oder das Gespräch abreißen lassen, da ich nicht wissen konnte, wovon gerade die Rede war und auf welche speziellen Gegebenheiten sie anspielte.

Hätte ich Mompti damals gekannt und gewusst, dass er die Reise nach Den Haag eigens unternommen hatte, weil er sich von den in ›bisher ungesehener Fülle‹ ausgestellten Bildern Tenborchs einen ›wichtigen Schaffensimpuls‹ und sogar eine Wende für seine eigenen Arbeiten erwartete – denn er war Maler –, vielleicht hätte ich aus seinen Reden das Ausmaß der Enttäuschung heraushören können, mit der er sich am kommenden Tag auf die Rückfahrt begab. Armer Mompti! Die Rhetorik, die er pflegte, konnte man bei einem hinreichenden Willen zur Wörtlichkeit ›erbaulich‹ nennen: Niederschlag der Überzeugung, dass alles, was ihm in diesem Leben begegnete, am Aufbau seiner Künstler-Persönlichkeit beteiligt und also ein wichtiger Teil dieser Persönlichkeit sei. Bescheiden wie er war, konnte er sich, um dieses imposante Ich zu inspizieren, ohne Probleme in seinen weitläufigen Anlagen verlaufen. Aber sobald er den Mund aufmachte, um davon zu berichten, trat der geschilderte Effekt ein, der auch den willigsten Zuhörer aus dem, was er sagte, nicht recht schlau werden ließ – eine Art Kurzschluss zwischen zwei unterschiedlichen Ichs, die, während sie ›schlagartig‹ ihrer Identität inne wurden, entdeckten, dass sie sich im Grunde nichts Rechtes zu sagen hatten.

›Von Haus aus‹ war Mompti Zeichner. Die Zeichnung bestimmte das Spiel seiner Finger und stand im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit. Als Musiker wäre er Pianist geworden. Seiner Kunst fehlten die aufgeblasenen Backen, sie atmete ruhig, zuweilen kaum, dann wieder fest und entschieden. Wer sie betrachtete, hatte frei, er fühlte sich von der Notwendigkeit entlastet, den Künstler in ihr zu bemerken, der ›Druck macht‹, und ihn je nach Laune und Denkrichtung als gewichtige Persönlichkeit oder als peinliche Null zu taxieren.

Dieselben Farben, die mir matt und sozusagen nachgetragen vorkamen, wenn ich ihrer im Atelier auf gelegentlich auch entstehenden Aquarellen und noch gelegentlicheren Ölmalereien ansichtig wurde, entfalteten eine Kraft der Verwandlung, die mich immer wieder in Erstaunen versetzte, sobald ich eine seiner Druckgrafiken in Augenschein nahm. Es handelte sich um Offset-Drucke, zu denen er Zeichnungen auf Folien lieferte, die sich erst im Druck zu ›fertigen‹, auch für den Laien erkennbaren Bildern zusammensetzten. Heute gilt dieses Verfahren ›rein technisch‹ als überholt und daher kunstnah, damals sah man darin nichts als eine billige Art der Reproduktion und Mompti, der genau darin einen Reiz fand, den er benötigte, hatte in jüngeren Jahren eine Art Manifest verfasst, in dem er, aus eher kaufmännischen Überlegungen, die angeblich verloren gegangene und unter Modernisten verhöhnte Aura ausdrücklich für die billige Reproduktionstechnik reklamierte, die bei dem Aufwand, den er zusammen mit seinem Drucker trieb, so billig nicht war.

Die Broschüre war, wie manches andere, liegen geblieben, während sein Ansehen wuchs. Aus der Beiläufigkeit, mit der er sie mir eines Tages zuschob, schloss ich, dass er in mir einen aufmerksamen Leser gefunden zu haben glaubte, einen von denen, die nicht nur sehen wollen, um überzeugt zu sein. Es blieb eine stumme Geste, deren Bedeutung sich mir erst ergab, als ich in Nöte geriet, die den seinen, von denen ich nichts wusste, in nichts nachstehen sollten – Nöte, die zuverlässig verhinderten, dass wir noch einmal zusammenkamen, obwohl wir es vielleicht beide bitter nötig gehabt hätten. Mompti – auch er – ist in dem Jenseits verschwunden, das Rennertz mir zum Geschenk machte, als er auf die Idee kam, mir das Manuskript auszuhändigen, dessen Entzifferung und diaphane Sichtbarmachung seither den ›Aufwand‹ meines Lebens bestimmt.

Die Druckgrafiken lagerten in unterschiedlich hohen Stapeln auf eigens dafür geschaffenen Ablagen sowie einem langen, überaus solide gebauten Tisch, dessen Arbeitsfläche von seltsamen Sticheln und Holzschneidewerkzeugen wimmelte. Sie bedeckten mehrere Druckmaschinen, die den Eindruck erweckten, einem schwäbischen Technik-Museum entwendet worden zu sein und an diesem Ort ein geisterhaftes Nachleben zu führen. Etliche Wunder lagerten in Kartons verpackt, andere ruhten in großen Mappen in hundertjährigen Regalen und einem Setzschrank, der durch sein bloßes Format Bewunderung hervorrief. Es war aber nicht der Setzschrank, der mich bei meinen zeitweise recht häufigen Besuchen in eine Art Delirium versetzte, sondern das Durcheinander aus merkwürdig modifizierten Gerüchen, aus Licht- und Farbeindrücken, darunter der in stumpfen Metallblautönen über unwirklich satten Wiesen aufgehende Himmel, den ein, zwei große Fenster in den Raum einfügten, und dem nicht abreißenden Parlando des Hausherrn, der hin und herschlurfte und dem Gast manchmal eine Tasse Tee, manchmal einen Keks aus einer zu diesem Zweck aufgebrochenen Tüte anbot, die ein anderer Besucher hinterlassen haben mochte.

Er wohnte auf dem Lande, der Eingang zu seinem Reich war durch mancherlei Gerümpel verstellt und glich – was Mompti, wie ich glaube, genoss – dem Eingang zu einem Stall. Umso heftiger reagierten meine Sinne nach dem Überschreiten der abgewetzten Steinschwelle, als ich zum ersten Mal im chiaroscuro des geräumigen Ateliers eines riesenhaften Druckes ansichtig wurde, der gleich neben der Tür oberhalb der Sturzes hing. Auf einem blauen Grund, den man je nach Gemütsverfassung als giftig oder verhalten empfinden konnte und der mir absolut künstlich vorkam, bis ich bei stürmischem Wetter exakt das gleiche Spektrum über der Landschaft entdeckte, die Mompti Tag für Tag durchstrich, eilten, hasteten, flogen Figuren und Gegenstände dahin, von einer stillen Explosion auseinandergetrieben, deren Zentrum leer gelassen war. Allein für sich wäre das ein abgegriffenes Motiv gewesen, hätte der Künstler es nicht fertiggebracht, das Durcheinander, statt es effektvoll um die leere Mitte zu gruppieren, in einen fragmentiert wirkenden Bildraum zu entlassen, in dem es die auf Einheit ausgehende Wahrnehmung narrte, als wollten seine Bestandteile sagen:

›Warum das Ganze? Nimm mich!‹

Es gab da ein durch die Lüfte sausendes Floß, besetzt mit kopflastigen Zweibeinern, von denen einer, der zufällig in der ersten Reihe stand, die Gelegenheit nützte, um mit ausgestrecktem Arm in eine ungewisse Zukunft zu weisen, daneben eine eher gemütlich dreinblickende Person, die mit einer Taschenlampe spielte und bequem in einem Pappkarton dahinsegelte, dieweil in unmittelbarer Nachbarschaft riesige Scheren, Dosenöffner, Glühbirnen, Blätter, Reißzwecken, Gebäudereste und sogar Buchstaben vorbeiflogen. Doch das war nur der Bruchteil eines schier unübersehbaren Tohuwabohus, das einer genauen Betrachtung immer neue Details preisgab. Das ganze Blatt war ausgesprochen filigran gearbeitet. In bestimmten Regionen ging die Szenerie der Lüfte – oder eines mondnahen Raumes – in eine Tiefseewelt über, ohne dass man den Übergang hätte bestimmen können. Ein lichtscheuer Rochen, auf dem ein vermummter Taucher ritt, verschlang ein Automobil, anderes, schwer zu taxierendes Meeresgetier raste in ungebremster Fresssucht über die beiden hinweg.

Hier fand ich auch den Drachenlenker wieder, der mich am Strand von Scheveningen beschäftigt hatte. Ohne eigenes Zutun hatte er sich in die Lüfte erhoben und brauste mit wehendem Haar und geöffnetem Mund an mir vorüber. Diesmal konnte ich ihn in aller Ruhe betrachten. Seine Augenbrauen wölbten sich hoch und bildeten einen ausgeprägten Winkel, unter dem die aufgerissenen Augen einen gleichermaßen gläubigen und entsetzten Eindruck machten. Die Gläubigkeit schien mir jedoch zu überwiegen. Seine Knie waren angewinkelt und die Beine schwangen nach hinten, als säße er in einer Schaukel und versuchte der Vorwärtsbewegung zusätzlichen Schub zu geben. Das unterstrich die Kindlichkeit der Person, die in anderer Hinsicht einem Propheten ähnelte. Der Drachen spannte sich mächtig im Sturm, eine Stelle war geflickt, eine andere gerissen, an quer gespannten Schnüren flatterten Wimpel und über allem eine Fahne, die sich wie eine Orchidee himmelwärts öffnete.

»Ich werd’s irgendwann zerschneiden«, sagte die Stimme Momptis, der hinter mich getreten war.

»Zerschneiden?«

»Ich denke, ich werd’ eine Serie von Einzelstücken draus machen und sie verkaufen. Ehrlich gesagt, ich kann’s nicht mehr sehen.«

Das klang hart. Besonders für mich, der ich, noch überwältigt von der Fülle des Erschauten, mich in immer neue Details versah. Jetzt, da er das Ganze in Frage gestellt hatte, blickte auch ich mit kritischem Auge auf die Komposition und schon fand ich Grund, sie für problematisch zu halten. Fehlte ihr nicht doch, rein malerisch, der Zusammenhalt? Bildeten die Gruppen, die einen verzauberten, sobald man sie einzeln ins Auge fasste, vielleicht bloß Flecken unterschiedlicher Dichte, die keinen Gesamteindruck aufkommen ließen? Was mich Sekunden vorher fasziniert hatte, war in sich zusammengefallen und ich stand dicht davor, dem Künstler gute Ratschläge für die Zukunft zu erteilen. Dennoch fand ich, dass dies allein ein Zerschneiden nicht rechtfertigte. Im Gegenteil, ich hielt es für einen Akt der Barbarei. Mompti zuckte die Achseln.

»Ja, es hat ja was. Aber die Farben sind ungleichmäßig. So ein großes Stück kannst du nicht auf einmal drucken. Du kannst machen, was du willst, du kriegst es nicht hin. Du siehst die verschiedenen Platten. Du vielleicht nicht, aber ich seh’ sie. Eigentlich schade, die Idee war gar nicht so schlecht.«

So sehr ich mich auch anstrengte, die verschiedenen Platten, wie er sich ausdrückte, zu sehen – ich konnte nichts davon entdecken. Dabei zweifelte ich nicht daran, dass er sie sah, schon aus dem einfachen Grund, weil er sie angefertigt oder zumindest ihre Anfertigung veranlasst hatte. Aber dass die ›Idee‹ zurücktreten musste, wenn die Ausführung versagte, das verstand ich. Allerdings war mir nicht klar, in welcher Weise sie zurücktreten konnte, da ich fest davon überzeugt war, dass sie es war, die das Kunstwerk veranlasst hatte, und dass sie deshalb nicht einfach aufgegeben werden durfte, nur weil die Ausführung sich als schwierig oder – ich zögerte in Gedanken – als unmöglich erwies. Schon wurde ich unsicher. Gab es das – ein unmögliches Kunstwerk? Meine Museumsbesuche hatten mich sehen gelehrt, dass, was dem einen Künstler ›das Äußerste‹ abverlangte und ihm doch missriet, dem nächsten ganz leicht von der Hand ging, was mich veranlasste, sie als ein ungleiches Geschwisterpaar im Gedächtnis abzulegen, auch wenn ihre Biographien durch Jahrhunderte und Kontinente voneinander getrennt waren. Es genügte, dass sich einer der Sache aus einem anderen Blickwinkel und mit anderen Mitteln annahm, und das Unmögliche gelang. Auf diese Weise hatte ›der Mensch‹ fliegen gelernt, warum also nicht malen?

»Vielleicht solltest du die Differenz der Platten nicht zum Verschwinden bringen wollen, sondern hervorheben, sie sozusagen ins rechte Licht rücken?«

Mompti lächelte auf eine besorgte Weise nachsichtig. Ich verstand, dass ich eine rote Linie überschritten hatte.

Aber so leicht wollte ich nicht aufgeben.

»Du spielst doch sowieso mit der Uneindeutigkeit der Räume. Ich sehe nicht, dass sich das alles in einem Raum darstellt. Ich glaube nicht einmal, dass diese verschiedenen Räume in einem umfassenden Raum aufgehen. Alles, was man sieht, hat seinen Raum. Es gibt kein Dazwischen.«

»Deshalb will ich das Blatt ja zerschneiden.«

»Aber damit ist die Konzeption verschwunden.«

»Das wird schon nicht so schlimm sein. Wird schon nicht so schlimm sein.« Und er schlurfte davon.

Was hätte Rennertz wohl dazu gesagt? Aber er hielt nichts von Kunst, insofern erübrigte sich die Frage.

Die Kreise
5
Renate Solbach: Figur 18
Das absolute Wissen schätzt seine Feinde

Irgendwann nach dem Abend im Hause Leckebusch hatte ich den Rat des Assistenten Tronka befolgt und mich ›auf die Insel‹ begeben. Ich nehme an, dass er dabei an mediterrane oder nahe verwandte Regionen gedacht hatte: etwa das von ihm namentlich erwähnte Rhodos, an Kios oder Naxos, die Balearen meinetwegen oder eine der Hybriden – dort ließ es sich gut sein, das Klima, der Rotwein und die Lektüre glitten ineinander und lösten gewiss die Zweifel, die sich in einem ›Nichtgriechen‹ etwa gegen den Sinn des Philosophierens erhoben. Damit konnte und wollte ich nicht dienen. Mein Ziel lag näher und ferner: die Nordseeinsel Angram. Nach ersten Tagen, an denen ich, vom Wetter überrannt, mit Kopfschmerzen im Bett blieb, hatte ich mich langsam daran gewöhnt, auf respektvolle Entfernung bedacht, die Scharen der Wattwanderer zu begleiten. Auch hatte ich begonnen, durch spontane Quergänge das Inselinnere zu erkunden, das zwischen fetten Wiesen und schütteren Wäldchen mit Orten aufwartete, die Namen wie Fartsum, Bergsum oder Nidsum trugen. Unerwartet war ich in einen zur Landschaft gewordenen Volkshochschulkurs für Altfriesisch geraten. Allerdings stellte sich heraus, dass im hiesigen Klima der gewohnte Rotwein nicht schmeckte und der Seewind dem Philosophieren zwar nach Kräften vorarbeitete, insofern er jede banale Gedankentätigkeit zum Erliegen brachte, aber mit gleichen Kräften auch verhinderte, dass es in Gang kam.

Die Rotweinfrage beschäftigte mich. War ich hier auf einen umfassenderen Sachverhalt gestoßen, eine Faustregel sozusagen oder gar ein allgemeines Gesetz? In wenigen Tagen gab ich eine Menge Geld aus, immer auf der Suche nach einem Ergebnis – er schmeckt, er schmeckt nicht –, das mir Gewissheit verschaffte. Irgendwann, als das Ergebnis immer gleich negativ blieb, beließ ich es bei dieser vorläufigen Erkenntnis. Immerhin bot sie die Möglichkeit, irgendwann durch einen Zufallsfund, der natürlich erhöhten Kapitaleinsatz voraussetzte, ausgehebelt zu werden. Das war die Hoffnung, die alle Naturwissenschaftler seit Archimedes beseelte. Wie die Erfolgsgeschichte der westlichen Zivilisation beschied, hatte es bisher immer geklappt. Kaum hatte ich verstanden, was auf dem Spiel stand, wusste ich auch, wie dilettantisch mein Vorgehen war und blieb, egal, wieviel Geld ich noch ausgab. Um systematisch an die Sache heranzugehen, hätte ich in ganz anderen Dimensionen denken müssen, und zwar in zeitlicher wie in pekuniärer Hinsicht. Ich hätte anderer Leute Geld mit in die Sache hineinziehen müssen (›Drittmittel‹, wie der praktische Ausdruck lautet, den man in der Wissenschaft dafür verwendet), ich hätte Mitarbeiter beschäftigen und Versuchsreihen ansetzen, ich hätte die Arbeit fremder Menschen kontrollieren und auswerten müssen und hätte mich darüber wahrscheinlich dem Kern der Sache, dem Trinken, völlig entfremdet. Schon graute mir davor, das Ergebnis anschließend zu ›vermarkten‹, um die entstandenen Kosten wieder ›einzufahren‹ und das Projekt womöglich doch noch in die Gewinnzone zu bringen. Ich hatte mir frei genommen und ich war so frei, mich all dieser aufwendigen Dinge zu entschlagen. Nach einem trüben Versuch mit einer Flasche Ale löste ich die noch vorhandenen Bremsen, schlug den Kragen hoch und trank, als sei ich bereits Insulaner, Tee. Ich begann mit einem kräftigen Darjeeling. Der bewirkte zwar eine neue Form der Benebelung, aber er errichtete in mir gegen den ständigen Meerwind eine Art Windfang, in dessen Schutz die Gedanken kamen und gingen, so dass ich ihnen, wissend, dass jeder Versuch, sie aufzuhalten, vergeblich war, hätte zurufen mögen wie einst Faust im Mai: Verweile doch, du bist so schön.

So einen Zustand hatte ich nicht erwartet und schon gar nicht herbeigewünscht. Ich hätte ihn, überzeugt, dass er keinerlei Erkenntnispotential barg, nicht einmal herbeiwünschen wollen. Doch nachdem er sich einmal eingestellt hatte, war er mir angenehm. Ich wunderte mich nur, dass ich ihn nicht schon früher angesichts der vor mir liegenden Strecke ins Auge gefasst hatte.

Etwas verstand ich nicht. Warum hatte Mompti am Scheveninger Strand von meinen Kreisen gesprochen, in denen ›Objektivität‹ angeblich ein Schimpfwort war? Sicher hatte er mich für einen von ›diesen Intellektuellen‹ gehalten, für die der modische Reiz einer Theorie darin liegt, dass sie möglichst viele paradoxe Behauptungen erlaubt. Gab es solche Leute überhaupt? Mein inneres Auge glitt über die regenbogenfarben angeordneten Reihen jener Edition, die in den besseren Buchhandlungen die vorderen Regale füllte: wenn überhaupt, dann mussten sie hier zu finden sein – und wenn schon nicht sie selbst, so wenigstens der Stoff, den sie, »unentwegt Zerstreuungen kauend«, wie Rilke schreibt, sich gegenseitig aus dem Mund nahmen und wieder zurückerstatteten. Waren das Intellektuelle? Waren das die Intellektuellen? Der Wind stockte, er schien, fast erstaunt, über dieser Frage zu grübeln, dann bestrich er sacht die Kappen der in gelbes Plastikzeug gewickelten Promenadenbummler, ehe er ihnen hart ins Gesicht schlug.

Ich rückte den mit weißen Kunststoff-Strippen bespannten Stuhl an die Balkonbrüstung, von der hier und da der Putz zu bröckeln begann, legte ein Kissen auf, wickelte mich in eine Decke und blickte aufs Meer hinaus, wo die Fähren ihre Bahn durch eine schmale Fahrrinne zogen, die parallel zur Promenade verlief, so dass den sich dort drängenden Inselbesuchern immer etwas zu schauen blieb, sobald sie, was selten genug der Fall war, ihre Blicke von den Ramschläden lösten, die sich in jahrzehntelanger Kleinarbeit an den Geschmack ihrer Kundschaft angepasst hatten. Die Saison war kurz, die Einnahmen mussten reichen, um das restliche Jahr abzudecken – harte Konditionen also, die sich in den Buddelschiffen, Sandschaufeln und Lenkdrachen verbargen, der zwischen Wollmützen und Friesennerzen hervorstürzenden Reizwäsche einen träumerischen Sinn verliehen und als vergoldete Seepferdchen und Muschelgehänge auf Kundenfang gingen.

Mein Blick glitt über die stetig schiebende Menge, aus der mich hin und wieder neugierige Blicke streiften – schließlich saß ich dicht über ihren Köpfen –, er ruhte flüchtig auf zwei halbwüchsigen Spielern, die kindergroße, schneeweiße Schachfiguren mit den Füßen hin und herschoben, erwartete träge den auch diesmal wieder vermiedenen Zusammenstoß zweier Fähren und geriet, während er den dünnen Faden der Halligen ins Visier nahm, auf Abwege, als sähe er erneut in den dämmrigen Garten hinein, in dem Elisabeth sich von ihrem Rasensitz erhob und davonging, während der Faun sich aus dem Schatten des Rhododendron löste. Diese Gleichgültigkeit zwischen Elisabeth und ihrem Mann, die sich in ihrer Gleichgültigkeit gegenüber seinen Gästen brach und vervielfältigte – sie war weder gespielt noch persönlich, sie galt keiner Person oder, wenn doch, der ›persona‹, der Maske, die all diese Menschen angelegt hatten, um – das war es! – ›akademisches Leben‹ zu spielen.

Sie spielten nicht gut, eher schlecht, nur eines stand ihnen, wie ich deutlich gespürt hatte, nicht frei: ihre Masken abzulegen und in eine Normalität zurückzukehren, die Elisabeth von ihnen zu fordern schien, wobei es für mich mehr als zweifelhaft war, ob die Frau, die ich kannte, an ›normalen‹ Charakteren etwas gefunden hätte, das sie reizte. Es stand ihnen nicht frei, weil ein langes Studium und ein mühsamer Aufstieg, den ›Karriere‹ zu nennen wie eine Verhöhnung geklungen hätte, an die Stelle von Normalität eine Leere gesetzt hatten, die sie mit den Insignien des Wohlstands und einer antiquarisch geprägten ›Kultur‹ ausstaffierten. Und das war nur die eine Seite der Medaille: ein Mann wie Leckebusch konnte ›mit Sicherheit‹ nichts Komisches an sich entdecken, wenn er die Wirkung seines Auftretens auf die Kollegen und das jüngere Publikum taxierte. Damit hatte er recht: als Platzhirsch setzte er Maßstäbe. Vom Schieflegen des Kopfes über die seltsame Schmallippigkeit, die sich in seine Sprechweise hinein verfestigt hatte, bis hin zum ›überhaupt‹ bot er eine Reihe von Identifikations-Elementen, die früher oder später, auf jeden Fall schleichend (denn ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand sich willentlich solche Marotten zulegte) Einzug in die habituellen Gepflogenheiten seiner Schüler und Mitarbeiter hielten. Einhart und Tronka boten dafür nicht besonders auffällige – da sollte ich bald anderes kennenlernen –, aber vielleicht umso hintergründigere Beispiele.

Einhart, dieser schmale Mann mit einer Neigung zum Aparten, hatte sich in die Rolle des maliziösen Kommentators begeben, der durch Schiefstellen des Kopfes an bestimmten Stellen seiner Rede gestisch zu verstehen gab, an welchem Primärtext er sich wirklich abarbeitete. Sein analytisches Verfahren unterschied sich von Leckebuschs Hermeneutik wie der allseits beliebte Schokoladen-Osterhase von einem der gleichen Serie entstammenden Weihnachtsmann: das unterschiedlich bedruckte Stanniol-Papier, in diesem Fall der divergierende Ausgangstext, sorgte dafür, dass die Studenten in ihren Lehrern ›wirkliche Alternativen‹ sahen, während die gar nicht so verborgene Maschinerie, die immer gleichen Verfahren der Aneignung und Zurichtung sogenannter philosophischer Gedanken, dafür sorgte, dass der Weg vom einen Seminar ins nächste nicht länger ausfiel als die Wahl zwischen zwei Mensagerichten und es alles in allem auf einen harmonischen Seminarbetrieb und den gesitteten Austausch in einer ansonsten auf Neid und Missgunst getrimmten wissenschaftlichen Gemeinde hinauslief.

In die Sonne blinzelnd, leuchtete es mir völlig ein, dass ein schier unüberwindlicher Zwang die Leckebuschsche Schieflage des Kopfes herbeiführen musste, sobald Einharts Rede einen der Lieblingsgegenstände des Chefs oder gar dessen eigene Reden berührte – nicht, weil er sich damit identifizierte, sondern weil er sich zwanghaft nicht damit identifizierte. Noch ausgeprägter trat dieser Zug bei Tronka auf, dessen eifriges Naturell gleich intensiv dahin strebte, sich über seine Umgebung zu erheben, wie, sich ›blendend‹ in sie einzufügen: im Ergebnis misslang ihm beides. Der Konflikt schuf eine Art stornierter Rede, in der Verachtung und Loyalität auf allzu knappem Raum miteinander rangen. Seine Bemerkungen über Leckebuschs Hegelianismus waren, wie ich fand, dafür ein gutes Beispiel: in ihnen mischten sich ehrliche Begeisterung über den idealistischen Philosophen (die den Wunsch, sich an ihm zu reiben, einschloss), die Empfindung, in diesem Punkt mit dem Professor an einem Strang zu ziehen, und der ungebremst zur Schau getragene Wunsch, Leckebuschs von der Forschergemeinde und bestimmten Teilen der Öffentlichkeit honoriertes Bemühen um das Hegelsche Œuvre mit Hohn zu übergießen, es irrelevant und sogar unsinnig erscheinen zu lassen – worin er sich mit dem bekennenden Anti-Hegelianer Einhart traf. Heute darf ich ergänzen: Hätte ich seine und Leckebuschs Schriften damals bereits gekannt, so wäre mir bestimmt nicht entgangen, dass die wütende, aber anonym bleibende Opposition, die aus ihnen sprach, mit einer stilistischen Unfreiheit einherging, deren körperliches Pendant in Einharts schiefgelegtem Kopf zutagetrat.

Ja, ich hatte ein paar Bücher mit auf die Insel genommen, die ich manchmal auf meine Gänge mitnahm und in einem fast immer leeren Café hinter dem Deich, das den Namen ›Schloßcafé am Strand‹ trug und – vielleicht weil in der näheren und weiteren Umgebung kein Schloss zu finden war – einen etwas herrschaftlichen Stil pflegte, bei einer Tasse Friesenmischung aufschlug, während die großen, seewärts gerichteten Scheiben den Anprall des Windes auffingen, der eben noch meine Ohren durchwühlt und meine Denkfunktionen radikal reduziert hatte. Unter diesen Büchern befand sich Tronkas Doktorarbeit (Einharts Buch war ausgeliehen gewesen), ein beinahe quadratischer, in wässriges Leinen-Imitat gebundener, während des Lesens sich in seine Bestandteile auflösender Band aus einer Schriftenreihe, die sich ›Exempla critica humana‹ nannte und in der man sich ebenso intensiv über Spinozas Seinslehre im Lichte der neuzeitlichen Metaphysikkritik informieren konnte wie über Heideggers gescheiterte Kehre, die Grundlagen einer Dialektik des Anderen sowie Das Nicht-Fremde des Fremden.

Tronka – ich hatte es mir fast gedacht – präsentierte eine kritische, fast grimmig zu nennende Lektüre Hegels, und zwar, wie er das nannte, des »Kernprogramms«: der Dialektik des Absoluten. Der zappelige Charmeur sonnte sich in nichts weniger als der definitiven Analyse des Absoluten, das er mit inquisitorischer Entschlossenheit nicht bloß dem theologischen, sondern jedem Denken, das an irgendeiner Stelle auf theologische Vorstellungen Bezug nahm, entriss. Das Programm kam mir entfernt bekannt vor. Es erinnerte mich an einstige Schullektüren von Nietzsche bis Camus, die allerdings mit weit geringerem logischem Aufwand ausgekommen waren. Dieser Aufwand wiederum, verbunden mit einer gewissen rhetorischen Schärfe, erweckte mir den Eindruck einer öffentlich ausgetragenen Schachpartie, bei der ein enthusiasmierter Reporter die Züge des jungen Herausforderers wie Vernichtungsschläge hinausposaunt, während der Champion seelenruhig in seinem Spiel fortfährt, was angesichts des unerbittlich scheinenden Scharfsinns seines Gegners nicht nur erstaunt, sondern ins schier Unerklärliche ausartet. Gemessen an der Propaganda hätte die Partie längst zu Ende sein müssen, aber ich wusste bereits, dass eine philosophische Doktorarbeit eine gewisse Länge aufweisen musste, und sah die Sache daher in einem gelasseneren Licht.

Später – ich schiebe das hier ein, weil es meinen damaligen Lektüreeindruck sowohl bestätigt als auch kommentiert – erzählte mir Tronka, er habe die Arbeit mit dreiundzwanzig Jahren ›heruntergeschrieben‹, in einem Alter also, in dem ein durchschnittlicher Student gerade einmal daran denkt, dem Gedanken an eine Abschlussarbeit näher zu treten, um sich, welch Wunder, urplötzlich von unerklärlichem Fernweh heimgesucht zu fühlen. Seltsamerweise verringerte sich aufgrund dieser Information die Hochachtung, die ich angesichts des Büchleins empfand, so als würde man mich zwingen, eine Sache als unreif anzusehen, die mich durch ihren logisch gebündelten Elan von der völligen Ernsthaftigkeit der Absichten ihres Verfassers überzeugt hatte. Auch wurde ich den Verdacht nicht los, dass im Herunterreden der frühen Schrift System steckte und es mehr mit der Person Tronkas zu tun hatte als mit seinem Werk. Diesen Philosoph aus Passion hatte das Leben mit einem unbändigen Ehrgeiz geschlagen, für den es keinen Auslauf gab und den er deshalb sorgfältig zu verstecken versuchte. Das war ein vergebliches Unterfangen, aber es verleitete ihn dazu, sich zwanghaft die Formeln der notorisch Ehrgeizigen anzueignen und unter lachend vorgebrachten Beteuerungen, er sehe ›das völlig locker‹, ›völlig frei‹, er habe ›damit überhaupt keine Probleme‹ (überhaupt!), in seine Reden einzustreuen, wann immer sich ein Anlass dazu bot – oder auch nicht.

»Oder auch nicht!«

Ich hörte förmlich Elisabeths spöttisch vibrierende Stimme: Das hier war das Feld der Frauen, und es wunderte mich nicht, dass Elisabeth ihm mit einer Missachtung begegnet war, die sie als Abgelenktsein kaschierte, wofür die Tochter einen guten Vorwand lieferte: als Mutter (ich hatte sie in dieser Rolle nie zuvor erlebt) boten sich ihr Gründe genug, einen wie ihn links liegen zu lassen, der geeignet erschien, einen Partner (eine Partnerin), wenn er ihn fand, mit seiner Unausgeglichenheit zu quälen und zu schikanieren, ohne ihn durch einen großzügigen Lebensstil zu entschädigen. Nicht dass ihr die Idee gekommen wäre – soweit kannte ich sie –, Tronka habe ein Auge auf ihre Tochter geworfen, eher traute ich ihr zu, dass sie ein entsprechendes Signal sich selbst gegenüber vermisste.

Wie ich Tronka erlebt hatte, bot er zu Interpretationen weder in der einen noch in der anderen Richtung Anlass. Das war vielleicht ein Fehler, bekanntlich schätzen Frauen wie Elisabeth diese Art von Zurückhaltung nicht. So wie sie bei Gelegenheit zu meinem gelinden Erstaunen befand, ein homosexueller Bekannter, ein ›wirklich netter Mann‹, sei nicht unbedingt der richtige Umgang für die Tochter, lehnte sie es ab, mit einem Tronka näheren Kontakt zu pflegen. Aber Tronka bezeichnete hier nur die Spitze des Eisbergs, sie hätte (mit einigen wenigen Ausnahmen) alle Bekannten ihres Mannes meinen und ihn nennen können, wie auch umgekehrt. Diese Leute – fast ausschließlich Männer –, die sich im Dunstkreis ihres Mannes bewegten, hatten für sie keine Bedeutung. Der Umstand, dass sie selbst mich zu diesem und den folgenden Abenden eingeladen hatte, reichte nicht aus, um mir diese Erfahrung zu ersparen: als guter Bekannter, der in ihrem Haus ein und aus ging (was ich wirklich nach und nach tat), wurde ich von ihr mit der gleichen spöttischen Gleichgültigkeit bedacht wie die anderen. Gut konnte ich mir daher vorstellen, dass sie in Zeiten, in denen sie sich mit Leckebusch verstand, gemeinsam mit ihm sich über Tronka mokierte, der auch ihm zu ›scharf‹ sein mochte. Ein Ehrgeiz, der sich über den des Professors erhob, war sicher nur zu ertragen, wenn man ihn komisch fand.

So oder ähnlich liefen meine Gedanken, während ich vergeblich versuchte, den Einband des Tronka-Buches zu spreizen, ohne die schlechte Bindung vollends zu zerstören. Umsonst – Seite um Seite brach der Band auseinander, so dass ich sagen kann, dass jenes Amalgam aus Sätzen wie »Die Theorie des Denkens als Grundlage einer jeden Theorie der Erkenntnis sieht sich der nicht zu unterschätzenden Schwierigkeit gegenüber, die Beziehung des Denkens zu einem Gebiet, auf das es zwar verweist, das es aber nicht enthält – soll heißen nicht durch Entfaltung seiner, wie behauptet, in interner Reflexion zugänglichen Strukturen bestimmen und damit auflösen und in seinem Eigenrecht beseitigen kann, will es nicht die jeder logische Analyse inhärente Differenz zwischen Grund und Folge eliminieren –, zu erklären« – dass jenes Amalgam sich mir im Lesen weniger erschloss als erbrach oder erfiel – nämlich auseinander. Mit der Zeit gefiel mir das nicht übel, denn wenn es – wie ich dem Buch, vielleicht voreilig, entnahm –, nicht möglich war, ein und denselben Gedanken zweimal zu denken, da in jeden Versuch der Wiederholung das Wiederholte eingeht und den Gedanken verändert, dann kam es mir recht und billig vor, dass meine Lektüre auch den materiellen Aspekt des Buches ergriff und jede wiederholende Lektüre zwang, sich mit einzelnen Seiten zu befassen, die der ersten, aufs Ganze gerichteten Lektüre so noch nicht vorgelegen hatten.

Übrigens fand ich mehr und mehr, dass Tronka, die Geschraubtheit seiner Sätze abgerechnet, recht hatte. Ich kannte seine Widersacher nicht und Hegel war mir Hekuba, aber während ich las, überkam mich ein wahrhafter Abscheu vor dem absoluten Wissen und das Bedürfnis, seine Vertreter, wo immer sie auf dem Globus ihrer verderblichen Tätigkeit nachgehen mochten, zu demütigen und ›in den Staub zu treten‹. Die Phrase, deren Eigenleben in meiner Phantasie sich vielleicht dem Schluss-Satz des Prinzen von Homburg (»In Staub mit allen Feinden Brandenburgs«) verdankte, sich aber, in damaliger Ermanglung eines auf den Karten verzeichneten Landes mit Namen Brandenburg – es gab nur die DDR, deren Staatsredner allerdings, wenn man die ihnen eigentümliche Phraseologie abrechnete, ganz ähnlich daherredeten – zu einem frei flottierenden Bedeutungs-Dasein entschlossen hatte, drückt recht gut das Aufatmen der eben noch gepressten Seele aus, die weiß, dass sie den Anfechtungen der anderen Seite hemmungslos erläge und bereits erlegen wäre, hätte sie nicht in Gestalt des Großen Kurfürsten einen Mentor gefunden, der mit erbarmungsloser Geradheit dafür zu sorgen weiß, dass kein Ausweg bleibt – außer dem natürlich, sich zu ergeben.

Denn darum – Ergebung in die Endlichkeit des Denkens und seiner Resultate – ging es, die Botschaft mochte ein wenig hausbacken klingen, aber die Inbrunst, mit der sie gegen ein älteres Modell, das dem Denken über den Faktor ›Subjekt‹ hinaus die Möglichkeit eröffnet hatte, sich in sich selbst zu vollenden und ›absolut‹ zu werden, in Anschlag gebracht wurde, zeitigte die seltsame Wirkung, alle Affekte zu mobilisieren, die sich mit der Sterblichkeit, und sei es die von Gedanken, gerade nicht abzufinden wissen und darum immer neue Ausflüchte mobilisieren, um wenigstens einen, den Königsgedanken, festhalten zu dürfen und von ihm ausgehend – denn ein Gedanke kommt selten allein – die ganze unbezweifelbare Reihe von Sätzen abzuspulen, die wie eine Strickleiter geradewegs in die Tiefen hinabreichen, in denen ›Tod‹ nur ein unbedeutendes Wort und ›Differenz‹ ein anderer Ausdruck für ›Übergang‹ ist.

Aber, dachte ich mir, von einer tutenden Fähre aufgescheucht und urplötzlich ins Licht einer Sonne getaucht, die es geschafft hatte, den gerade noch grauen Himmel in einen gleißenden Vorhang zu verwandeln, ohne mir den eigenen Stand zu verraten, was ich hier lese, das sind doch ebenfalls nur pro forma bezweifelbare Sätze, einfach, weil jeder Gedanke bezweifelbar sein muss, wenn sich das Schicksal der Endlichkeit an ihm vollziehen soll, jedenfalls wirkt die Aufforderung zum Zweifel eigentümlich kraftlos, sobald er sich diesen Sätzen nähert. Ist es also kein absolutes Wissen, das sich in ihnen ausspricht, oder ist es ein absolutes Wissen, das um jeden Preis vermeiden will, Aufsehen zu erregen, um Scherereien zu vermeiden? Ich weiß nicht, war es Auflehnung, die mich so denken ließ, oder der Wunsch, mich näher mit der Materie zu befassen, jedenfalls hatte es die verblüffende Wirkung, dass ich mich unversehens eingeengt fühlte und mir bewusst wurde, dass ich höllisch aufpassen musste, wenn ich in kommenden Diskussionen das Wort ergreifen oder mich nicht unversehens in meinen Lektüren vergaloppieren wollte. War das Gehorsam? Voreilender Gehorsam vielleicht? Welche Art von Autorität beanspruchte dieser nur wenig mehr als zwanzigjährige Hitzkopf über meine Art zu denken? Warum gelang es mir nicht, sie abzuschütteln, obwohl sie so unbestreitbar komische Züge trug?

Die Kreise
6
Renate Solbach: Figur 19
Formationsflug

Leckebusch, soviel hatte ich gesehen, verstand nicht, dass Elisabeth ihn herabsetzte, wenn sie seinen Assistenten lächerlich fand, und dass er sich selbst demütigte, wenn er in ihre Reden einstimmte und seine eigenen Beobachtungen beibrachte. Das lag zum Teil daran, dass er Elisabeths Beweggründe nicht verstand oder, falls er sie verstand, in Bezug auf seine eigene Person neutralisiert hatte – schließlich hatte er eine Ehe zu führen.

Zum anderen Teil lag es daran, dass das Überlegenheitsgefühl, das er gegenüber seinen Mitarbeitern empfand und das sich zum größeren Teil aus seiner hierarchischen Position, zum kleineren aus der schlichten Altersdifferenz nährte, gegenüber Tronka nicht recht zum Zuge kommen wollte. Leckebuschs Sinn für das soziale Signalement mochte beschränkt sein – jener erste Abend hatte da einiges aufblitzen lassen –, derjenige Tronkas hingegen war einfach gestört. Der Tronka, mit dem ich mich im Schlosscafé am Strand herumschlug und der dort seine Krallen in mich eingrub, so tief, dass ich mich noch heute (aber welches Heute wäre das!) nicht davon befreit habe, – dieser Tronka dachte nicht im Traum daran, sich einer Hierarchie zu unterwerfen, in der ein Leckebusch eine führende Position innehatte – sie kam bei ihm schlechterdings nicht vor. Dieser Tronka sah sich in einer Reihe mit den ›großen Philosophen‹, den Spinoza, Leibniz, Kant, Hegel, Husserl, Cassirer – schon Schopenhauer passte nicht in die Genealogie und ein Fichte oder Wittgenstein bot eher Gelegenheit, Witze zu reißen, als sich ernsthaft an ihm zu messen.

Ich erinnere mich an ein Treffen – es lag damals noch in einer Zukunft, die heute dunkle, kaum einer zeitlichen Bestimmung zugängliche Vergangenheit geworden ist –, bei dem Tronka in einer Mischung aus Überheblichkeit und ehrlicher begrifflicher Entrüstung sich mir gegenüber zu der Bemerkung über Nietzsches Schriften verstieg, das sei doch alles unbewiesenes Zeug – ›Oberfläche‹, wie er es schon am ersten Abend genannt hatte. Zwar verfügte ich über keine philosophische Ausbildung, aber ›meinen‹ Nietzsche kannte ich seit der Schulzeit und ich spürte ein leichtes Vibrieren unter der Zunge, die ich inzwischen jedoch im Zaum zu halten wusste. Für mich fallen diese Bemerkung und der Satz, Gott offenbare sich nicht in Mosaiken, unter ein und dieselbe Kategorie: nicht weil ich daran glaube, dass Gott sich in Nietzsche-Sätzen offenbart, sondern weil sich in beiden eine Katheder-Leidenschaft kundgibt, die zwanghaft mit der Gegen-Autorität hadert und lieber der Ignoranz huldigt als der Gerechtigkeit. Leider, leider besitzt das Lutherische »Hier stehe ich, ich kann nicht anders« im akademischen Alltag den unangenehmen Beigeschmack des Wahren, und wenn Tronka mir ganz bequem gegenüber saß, als er sich über die Lehre von der ewigen Wiederkehr verbreitete, als gelte es, eine Seminararbeit zu taxieren, so täuschte dieser Anblick. Dieser Tronka war genauso wenig entspannt wie der andere, der lieber über sich selbst lästerte als sich dem Gedanken auszusetzen, seine pathetische Existenz könne schon im Universum Einharts, der ihn schätzte und mit dem er gut zurechtkam, nichts Besonderes darstellen, sondern nur als ein weiteres Beispiel für die pathologischen Inszenierungen gelten, von denen es im akademischen Alltag nur so wimmelte.

Viel eher wäre Einhart, hätte man ihn befragt, geneigt gewesen, seine eigene, zum Unauffälligen tendierende und sorgsam sichernde Weise für ungewöhnlich zu halten, was sie nun wirklich nicht war. Da es zum Wesen des Unauffälligen gehört, nicht aufzufallen, konnte man bei alledem diese Sicht der Dinge eher durchgehen lassen als die Tronkas, der nicht begriff, warum das Unübersehbare seines Auftritts automatisch dazu führte, dass man sich ihm entzog: meistens schon in der Situation selbst, spätestens aber in der Auslegung, die man ihr nachträglich verpasste. Er konnte es nicht begreifen, da er das Sich-Entziehen der anderen irgendwann in einem anderen Lebenszusammenhang kennengelernt hatte und seither als ständigen Begleiter seiner und vielleicht aller Existenz empfand. Es war also wohl nichts Besonderes und hatte mit der Philosophie nichts zu tun, wenn er sein Rad vor einem leeren Haus oder einem Publikum von Zaungästen schlug, das ihn, wie ich an jenem Abend, noch nicht kannte und den klassischen Fehler beging, in dem, was ihn so krass von seinesgleichen unterschied, die Erscheinung des Philosophen zu sehen, die ihm sonst niemand abnahm.

Zu verstehen war Leckebusch also schon, wenn er Gründe zu haben glaubte, in Elisabeths Spott über seinen Assistenten einzustimmen oder zumindest lächelnd das Haupt zu wiegen – gute oder nicht gute, das ›stand‹ hier nicht ›zur Debatte‹. Darüber nachzudenken verbot sich nahezu von selbst, denn darum ging es ja: diesen Gernegroß, in dem vielleicht ein Großer steckte, hinterrücks zu demütigen oder wenigstens in Schach zu halten. Eine Ahnung davon, dass sein noch keineswegs dem Abschluss zustrebendes Œuvre in diesem von ihm geförderten Kopf systematisch ausgeblendet und bereits im voraus annulliert wurde, erreichte Leckebusch zweifellos über den Radarstrahl, mit dem das hochempfindliche Selbstwertgefühl des Dozenten die Umgebung abtastete. Das bot an sich keinen Grund zur Beunruhigung, weil es dem normalen Verhältnis der Generationen entsprach. Zum Ärgernis wurde die Sache durch den Umstand, dass der Jüngere wie selbstverständlich einen persönlichen Klassenunterschied aufmachte, der den Älteren jeder Autorität beraubte. Die losen oder mit den Argumenten der gegnerischen Schule gespickten Reden Einharts ließen sich leicht verkraften, solange er in seinem Gebaren die Marotten des Chefs zitierte und damit zu erkennen gab, in wessen Bann er sich bewegte. Bei Tronka war das anders – sein kraftgenialisches Gebaren, das häufig aufgesetzt wirkte, verriet, dass er diesen Zusammenhang begriffen hatte und gewillt war, ihn nicht für sich gelten zu lassen. So wuchs das Befremden des ›Meisters‹ über den Mitarbeiter – um das Wort ›Schüler‹ aus naheliegenden Gründen zu vermeiden –, der ihm in seinen philosophischen Grundüberzeugungen nicht so fern stand, näher jedenfalls als der wohlgelittene Einhart, dessen oppositionelle Gesinnung in Seminarveranstaltungen, Positionspapieren und gezielt deponierten Aufsätzen offen auslag.

Nüchtern besehen stellte Einhart den sozial erfolgreicheren Typus dar. Leute wie er sollten in den kommenden Jahren die akademische Landschaft derart gründlich umpflügen, dass eine Dekade später die heiligen Schriften des Deutschen Idealismus mitsamt den hermeneutischen Bibliotheken, in denen die höhere Hörigkeit der Generation Leckebuschs sich ihre Tempel und Altäre geschaffen hatte, bei den Akteuren des Betriebs nur noch ein begütigendes Lächeln hervorriefen. Tronka hingegen, mit einem gewiss nicht minder revolutionären Impetus ausgerüstet, sollte in eine Sackgasse hineinlaufen und – im Verein mit einem Häuflein Unentwegter – sich in der Hoffnung auf eine messianische Zeitenwende verzehren, die vorerst auf sich warten ließ. Teils lag das an den konservativen Motiven seines Philosophierens, in denen sich der Gestus des Anfangs mit dem vielleicht allzu ausgeprägten Bewusstsein vergangener Kulturleistungen verband, die überboten – und überschrieben – werden mussten, wenn man sich mit denen messen wollte, die sie hervorgebracht hatten, teils aber auch – und vielleicht stärker – daran, dass die Ebene, auf der er sich in einem Akt der Selbstermächtigung ›positioniert‹ hatte, in dem sozialen Spiel, das die Philosophie nun einmal darstellte, gar nicht vorgesehen war – jedenfalls nicht für jemanden, der an ihm teilnehmen wollte. Ohne es zu bemerken hatte sich Tronka mit allen gesellschaftlichen Instinkten, die ihm eigen waren, als lebendige Person auf die Ebene der Bücher begeben und musste bald – und zwar heftig – erfahren, dass er unter die Kannibalen gefallen war und bei lebendigem Leib von den Furien seines ungesättigten Ehrgeizes gesotten wurde.

Die Kreise
7
Renate Solbach: Figur 20
Schiffbruch mit Pension

Längst war die tutende Fähre aus meinem Blickfeld geglitten. Sie musste, wenn mich der Blick auf die Uhr nicht trog, inzwischen die Strecke zum Festland durchmessen haben und, wer weiß, sich bereits wieder auf Inselkurs bewegen. Der Lichtvorhang war verschwunden und ein Sprühregen ließ den weiteren Aufenthalt auf dem Balkon unerquicklich erscheinen. Urplötzlich rebellierte mein Inneres gegen die Insel. Abgeschnitten kam ich mir vor, abgeschnitten von der Welt da draußen – ›Festland‹ –, von der ich nicht hätte sagen können, was mich so mit ihr verband, dass ich sie plötzlich mit Sehnsuchtsgefühlen bedachte. Sie richteten sich auf nichts Bestimmtes, sie waren mit dem Nebel aufgezogen und fanden in ihm ihr sinnliches Gegenstück. Hinter dem Nebel musste es wohl liegen, das Land der Freien und Gleichen, das Land, in dem ein Wort wie ein Wort galt und ein Gedanke soviel wie ein anderer, vorausgesetzt, er konnte mithalten – was ja in der Realität auch so ist, nur dass darunter die vollkommene Gleichgültigkeit von Gedanke und Person zu verstehen ist, es sei denn, die entsprechende Person verfügt über Meriten anderer Art, die dem Fernerstehenden, der nur die prominente Verbindung wahrnimmt, in der Regel verborgen bleiben. Warum? Oder auch: warum nicht? Die Verdienste der Denker liegen keineswegs offen zutage. Keiner weiß wirklich, was sich hinter leichtgängigen Formeln wie ›Fukuyamas Ende der Geschichte‹, ›Huntingtons Kampf der Kulturen‹, ›Goldhagens willige Vollstrecker‹, ›Luhmanns Systemtheorie‹ verbirgt, ob sie alle auf ein und derselben Ebene angesiedelt sind und ob sie sich dort mit ›Hegels Dialektik‹ ein Stelldichein geben. Was letztere angeht, so hatte mich Tronkas Buch in große Unsicherheit gestürzt. Ich bedauerte, dass Hegel in meinem Reisegepäck fehlte und ich in Sachen Dialektik auf Erinnerungen an diverse Leckebusch-Abende und die Polemik eines jugendlichen Brausekopfs angewiesen blieb.

Die allgemein geübte Praxis, Gedanken mit Namen zu verbinden und über letztere zu identifizieren, ist vielleicht nicht so selbstverständlich, wie sie den Leuten vorkommt. Heute wie damals gemahnt sie mich an das Feldgeschrei religiöser Parteigänger, deren Glaubensbereitschaft nur mühsam oder gar nicht mit den – mehr oder weniger komplexen – Glaubensinhalten Schritt zu halten vermag, denen sie sich verschrieben haben. Die Hoffnung auf die Wiederkehr des großen Lehrers verrät, dass man seinerzeit nicht genügend aufgepasst hat und unterschwellig hofft, das nächste Mal besser ›mitzukommen‹, um vielleicht doch noch in die nächste Klasse versetzt zu werden und – endlich! – Aufnahme im Kreise der Erleuchteten zu finden. Bevor es so weit kommt, konzentriert sich im Namen die Sache. Wer ihn ausspricht, der bekennt sich zu ihr. Durch diese gemeinschaftsfördernde Maßnahme überwindet er die Schwierigkeit des Begreifens, die ihn andernfalls zuverlässig aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausschlösse. Wie sonst ließe sich erklären, warum so früh die Kaste der berufenen Ausleger auf den Plan tritt? Wahrhaft unausrottbar, überdauert sie alle Umbrüche der Geschichte, alle Glaubenswechsel und alle mentalen Umschichtungen – erstaunlich, wenn man sich vor Augen hält, dass es an Eliminierungsversuchen nie gefehlt hat und wohl auch in Zukunft nicht fehlen wird. Wer zur falschen Zeit die falschen Texte auslegt, lebt immer gefährlich. Das gilt innerhalb wie außerhalb der Kaste. Das System der Ehrungen, in dem der gewöhnliche Dissident sich bewegt, hält Formen der Vernichtung bereit, gegen die gehalten der simple Totschlag einem Akt der Anerkennung gleichkommt. Davon hatte Rennertz geredet, als er von akademischer Leichenfledderei sprach – obenhin, wie es sich gehörte, spöttisch oder amüsiert, wenn Elisabeth den Titel eines Buches erwähnte, den sie bei ihrem Gatten aufgeschnappt hatte und von dem sie wusste, dass er unter seinesgleichen etwas galt, weil sie es aus dem Klang von Leckebuschs Stimme erriet.

Die allgemein geübte Praxis, Gedanken mit Namen zu verbinden und über letztere zu identifizieren, ist vielleicht nicht so selbstverständlich, wie sie den Leuten vorkommt. Heute wie damals gemahnt sie mich an das Feldgeschrei religiöser Parteigänger, deren Glaubensbereitschaft nur mühsam oder gar nicht mit den – mehr oder weniger komplexen – Glaubensinhalten Schritt zu halten vermag, denen sie sich verschrieben haben. Die Hoffnung auf die Wiederkehr des großen Lehrers verrät, dass man seinerzeit nicht genügend aufgepasst hat und unterschwellig hofft, das nächste Mal besser ›mitzukommen‹, um vielleicht doch noch in die nächste Klasse versetzt zu werden und – endlich! – Aufnahme im Kreise der Erleuchteten zu finden. Bevor es so weit kommt, konzentriert sich im Namen die Sache. Wer ihn ausspricht, der bekennt sich zu ihr. Durch diese gemeinschaftsfördernde Maßnahme überwindet er die Schwierigkeit des Begreifens, die ihn andernfalls zuverlässig aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausschlösse. Wie sonst ließe sich erklären, warum so früh die Kaste der berufenen Ausleger auf den Plan tritt? Wahrhaft unausrottbar, überdauert sie alle Umbrüche der Geschichte, alle Glaubenswechsel und alle mentalen Umschichtungen – erstaunlich, wenn man sich vor Augen hält, dass es an Eliminierungsversuchen nie gefehlt hat und wohl auch in Zukunft nicht fehlen wird. Wer zur falschen Zeit die falschen Texte auslegt, lebt immer gefährlich. Das gilt innerhalb wie außerhalb der Kaste. Das System der Ehrungen, in dem der gewöhnliche Dissident sich bewegt, hält Formen der Vernichtung bereit, gegen die gehalten der simple Totschlag einem Akt der Anerkennung gleichkommt. Davon hatte Rennertz geredet, als er von akademischer Leichenfledderei sprach – obenhin, wie es sich gehörte, spöttisch oder amüsiert, wenn Elisabeth den Titel eines Buches erwähnte, den sie bei ihrem Gatten aufgeschnappt hatte und von dem sie wusste, dass er unter seinesgleichen etwas galt, weil sie es aus dem Klang von Leckebuschs Stimme erriet.

Aus einem eher banalen Reflex heraus hatte ich auch ein Büchlein mit dem ansprechenden Titel Schiffbruch mit Zuschauer eingesteckt, als ich mich auf das Inseldasein vorbereitete. Auf verschwiegene Weise rückte der Titel meinem Thema zu Leibe, obwohl der Verfasser, listig oder nicht, so tat, als wolle er bloß zeigen, wie diese oder irgendeine Metapher funktioniert, um daran sinnige Bemerkungen über das menschliche Weltverhältnis überhaupt unter spezieller Berücksichtigung modernerer Zustände anzuknüpfen. Der Titel – und nicht er allein – verwies aber darauf, worum es im Weltverhältnis des Verfassers und seiner Mitstreiter wirklich ging: nicht ums bloße Zuschauen, sondern darum zuzusehen, wie sich die prächtigen Fregatten dort draußen unter wechselndem Beschuss in ihre Bestandteile auflösten und in den Weiten des Ozeans zerstreuten – ungerührt zuzusehen und von diesen niemals endenden Untergängen in die eigenen Kammern zu ›retten‹, soviel man zu erbeuten sich in der Lage sah. Ein Beobachter höherer Provenienz konnte leicht zu der Auffassung gelangen, dass dort draußen eine immergleiche, über einen immergleichen Ozean verteilte Fracht andauernd Richtung und Bestimmungsort wechselte – je nachdem, wer sich ihrer gerade bemächtigt hatte und kurzfristig mit ihr enteilte.

Sicher war die alte Seeräuberinsel, auf der ich mich räkelte, nicht unschuldig daran, dass gerade dieses Bild meine Vorstellung kitzelte. Wo der Fährbetrieb sich im Nebel entmaterialisiert hatte, spannte sich eine glitzernde Oberfläche: rau, gefährlich, randlos. Seltsame Seegefährte entschwundener Jahrhunderte trieben da draußen ihr Spiel. Was mein schweifendes Auge erblickte, verlieh Einharts Rede vom ›abgesunkenen Kulturgut‹ einen deutlichen (und überaus deutungsbedürftigen) Sinn. In dieser Schlacht der Abhandlungen, der Studien, der Tagungsbeiträge, der Rezensionen und kritischen Gegenschriften, der Abstracts, Handbuch- und – höchste Kunst der Hingabe an die Sache! – Lexikon-Artikel versank, quasi im Minutentakt, unermesslich vieles in den Fluten, von dem sich bei näherer Betrachtung vermutlich mancherlei (und in der Summe wiederum unermesslich vieles) als ›durchaus‹ bewahrenswert dargestellt hätte. Falls ich einige verstreuten Bemerkungen richtig gedeutet hatte, die zu diesem Thema an den Leckebusch-Abenden gefallen waren, so war man mit der Zeit darauf gekommen, das Treiben als einen notwendigen Selektionsprozess zu begreifen. Aber wessen Not wurde da gewendet? Und in welche Richtung? Offenbar ließ sich die Geschichte des Wissens und der Wissenschaften, von den anderen Kulturleistungen ganz zu schweigen, ebenso wie die der politischen und sozialen Institutionen, mühelos als Fortschritts- und Verlustgeschichte oder als Prozess notwendiger – schon wieder dieses Wort! – Entdifferenzierungen beschreiben, die wiederum neuen, ebenso notwendigen Differenzierungsprozessen Vorschub leistete. Wovon einem – als Zuschauer – das Herz stockte, gerade das trug in der Theorie das Etikett ›mühelos‹, so wie die billigen Effekte der Schauspielerei seit jeher das Gros der Zuschauer in den Bann schlagen.

Da standen sie, die Totengräber des Geistes – ihres? des Nachbarn? –, das Glas in der einen, das Appetithäppchen in der anderen Hand, und informierten sich gegenseitig darüber, wovon zu sprechen sich lohnte und was man am besten ›vergaß‹, weil man schließlich vorankommen wollte – in der Theorie wie im Leben. Sie waren heute dieselben wie gestern, ließ man die unmerklichen Veränderungen, welche die Zeit an ihnen vornahm, einmal beiseite, aber sie waren Heutige, ganz und gar im Heute ›situiert‹ und von dem festen Willen beseelt, sich durch nichts und niemanden aus diesem Heute herausdrängen zu lassen. Ein phantasiebegabter Mensch hätte vielleicht in dem einen oder anderen Fall aus dem Handgelenk ein halbes Dutzend abweichender Deutungsvorschläge auf den Tisch geworfen, aber er wäre sogleich an der Frage gescheitert, wie er in der Scientific Community auch nur einen von ihnen durchzusetzen gedächte, denn dazu, auch das hatte ich bereits verstanden, bedurfte es eher einer gewissen Dickfelligkeit und Langsamkeit im Denken. Diese Dickfelligkeit aber war nichts weiter als das wandelnde Heute, ein Ort, an dem das Gewebe der Welt sich auflöste und neu zusammenfügte, die Stelle, an der die Welt nur aus Gerede bestand, das eben deshalb dem Einzelnen entglitt und ihn einspann, bis es irgendwann zu einem festen Kokon wurde – ob vor oder hinter der Pensionierungsgrenze, darin lag wohl Schicksal.

So moch­te es bis auf wei­te­res bei der eta­blier­ten Deu­tung blei­ben und dem an­züg­li­chen Glit­zern da drau­ßen, das aller Theo­rie, so­bald die Zeit ge­kom­men war, ein küh­les Grab in den Wogen ver­sprach. An die­sem Nach­mit­tag wuss­te ich zum Bei­spiel noch nicht, dass auch die Ent­dif­fe­ren­zie­rungs­the­se, die ge­ra­de an­ge­sagt war, das glei­che Schick­sal schon ein­mal er­lit­ten hatte und nur im Ver­bund mit an­de­rem als avan­ciert gel­ten­dem Ge­re­de an die Ober­flä­che des aka­de­mi­schen Dis­kur­ses zu­rück­ge­spült wor­den war. Auch damit muss man rech­nen: kein Un­ter­gang ist so end­gül­tig, dass ihm nicht die Auf­er­ste­hung auf dem Fuße fol­gen könn­te.

Die Kreise
8
Renate Solbach: Figur 21
Der Archipel entsteigt dem Wattenmeer

Welche frühen Erfahrungen mit einer sich entziehenden Umgebung Tronka gesammelt haben mochte, war mir naturgemäß unbekannt geblieben. Als Sitzriese mit einem enormen Oberkörper und einem vielleicht noch enormeren Kopf fiel er jedenfalls bereits physisch auf; man weiß, welche Signale von einem solchen Körperbau auf Kinder und insbesondere Mitschüler ausgehen, und vielleicht hatte noch früher ein Elternteil bereits ähnlich reagiert. Mit der figurenreich verdämmernden Promenade zu meinen Füßen fügte sich in mir das Labyrinth aus bizarren Gesten, Redeweisen und rituellen Handlungen zusammen, in dem er sich mit der Geschicklichkeit eines muskelstrotzenden Eichhörnchens bewegte, und ich verstand, dass es hauptsächlich aus halb oder ganz misslungenen Versuchen bestand, die eigene Person vor der Folie ausgedehnter Lektüren ein zweites Mal zusammenzufügen. Ein bizarres Repertoire, fürwahr: neben dem Künstler mit wehender Mähne, diesem Prototyp eines nie vergehenden neunzehnten Jahrhunderts, fand sich darin das groteske Zerrbild des sein privates Selbst sorgfältig vor den Blicken der anderen verbergenden Kavaliers im Stile des Castiglione, den schon die harmlose Frage nach dem Befinden zu einem brüsken Ich lehne es ab, über persönliche Dinge zu reden provozieren konnte. Und selbstverständlich gab es da den nur ›den Sachen‹ zugekehrten Philosophen à la Husserl, der keine psychologisierenden Ausführungen bei seinen Mitmenschen duldete, ohne, Fußballfan, der Tronka ebenfalls war oder zu sein vorgab, die ›rote Karte‹ zu zücken. Diesem wiederum stahl der ›schneidende Kritiker‹ die Schau, dessen Reden den Gestus der Marxschen Frühschriften kopierten, wo doch seine Bücher in ihrer geschraubten, allenfalls musikalisch inspirierten Umständlichkeit das schiere Gegenteil taten. Sie alle mussten in rascher Folge dem lockeren, im Säurebad vergangener Analysen oder durch die Gnade einer rundum gesunden Geburt von allen falschen Hemmungen und überkommenen Vorurteilen in der Wolle befreiten Kumpeltyp weichen, dessen schieres Vorhandensein offenbar die These von der Komplexbeladenheit des Gegenwartsmenschen Lügen zu strafen hatte. ›Seht her‹, schien dieser sagen zu wollen, ›wenn ihr den befreiten Menschen sucht, dann nehmt mich‹. Aber selbst diejenigen, die sich dem Zwang hinzusehen aus familiären oder Studiengründen nicht entziehen konnten, drehten den Kopf gleich wieder weg. So willkürlich schien die Vertauschung, die dieser Kopf an sich selbst vornahm, dass niemand sich guten Gewissens dabei aufhalten mochte.

Auf eigene Weise frappierte mich der ›Kenner‹, der in den Semesterferien die großen Museen Europas bereiste und sich zu Hause auf seiner mit naivem Stolz gepflegten Stereoanlage von Stardirigenten und internationalen Spitzenorchestern Einspielung um Einspielung die ›highlights‹ der europäischen Musikgeschichte zu Gehör bringen ließ. An einem der Leckebusch-Abende demonstrierte, nicht ohne Witz, ein Student mir aus eigener Anschauung, wohin das gelegentlich führen konnte. »Das war schon eigen«, murmelte er mit gedämpfter Stimme, wobei er die Hand leicht anhob und sinnend in Richtung Kamin blickte, Schlussfolgerungen andeutend, die hier leicht zu weit führen konnten. »Wir sind da so eine Clique, alles Tronka-Fans, wenn Sie so wollen, ich persönlich denke, Philosophen sollten keine Fans haben. Es verdirbt das Denken, vielleicht auch mehr, aber das sind so Hintergedanken, sei’s drum. Wir treffen uns gelegentlich bei Tronka, normalerweise zwei-, dreimal pro Semester, zum Skatspiel, nicht vor abends zehn und dann wird es gewöhnlich spät. Nennen Sie’s ein Ritual: einer von uns ruft an und macht einen Zeitpunkt aus, anschließend fahren wir alle zusammen mit der Straßenbahn, er wohnt draußen vor der Stadt, eigentlich ganz idyllisch, muss man sagen. Zurück nehmen wir uns dann ein Taxi, es kommt auch vor, dass wir über Nacht bleiben. Keine Frauen!« An diesem Abend klingeln sie, Tronka steht in der Tür, wehendes Haar, etwas durch den Wind, wie ihnen scheint, sie betreten das Wohnzimmer, auf dem Plattenteller der Hightech-Anlage kreist, voll aufgedreht, eine seiner ultimativen Saint-Saëns-Einspielungen, Symphonie Nummer drei. »Er läuft herum, drückt uns wortlos in die Kissen, hält jedem den Mund zu, allen hintereinander, wie ein Äffchen, er nötigt uns also zu schweigen, darauf lässt er sich fallen und versinkt in konvulsivische Glückszustände, die von den Anwesenden in dieser Form niemand zu teilen vermag. Das geht so dreißig, vierzig Minuten lang. Verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, es mag in Ihren Ohren banausisch klingen, ich persönlich zweifle keine Sekunde am Hörvergnügen, das Saint-Saëns zu bieten vermag. Aber stellen wir uns den Tatsachen: keinem von uns war an diesem Abend nach edlem Gezirpe aus Hochpreisboxen zumute – und nun das. Stellen Sie sich mal die ungleiche Runde vor! Wir haben Tränen gelacht danach. Irgendwann nahm die Vorstellung abrupt ein Ende und alle gingen, Tronka eingeschlossen, ohne ein Wort zu verlieren zum Skat über. Das war’s.« Ich verstand schon, was Mimik und Wortfall des Studenten ausdrücken sollten. Tronka wusste, wann sie eintreffen würden, die ganze Schau hatte er für sie abgezogen. Das leuchtete ein, auch wenn ich heute glaube, dass sie Tronka Unrecht taten und er die Platte am Ende einer Arbeitssitzung aufgelegt hatte, wie andere sich eine Zigarette anzünden, nachdem die Schreibspannung durch die Erwartung des bevorstehenden Skatabends von ihm abgefallen war. Aber in einem gewissen Sinn hatten sie ihn natürlich erkannt, als er sie zwang, die Musik bis zum Ende mit anzuhören, als seien sie unvermittelt in einen Gottesdienst eingedrungen.

Sie nahmen es ihm ja nicht übel. Wie sie es in ihre Wahrnehmung seiner Person einbauten, gehörte zu den auratischen Aspekten des akademischen Betriebs, die sich mir nach und nach an den Leckebusch-Abenden erschlossen. Die Studenten hatten Tronka ›gewählt‹, das heißt, sie saßen in seinen Seminaren und registrierten belustigt das Befremden und die Empörung, mit denen ahnungslose Neulinge auf das dortige Treiben reagierten. Seine ›Nummer‹ zu Beginn des Semesters bestand darin, den Seminarraum zu betreten, wortlos aus einer ausladenden, eigens zu diesem Zweck herbeigeschafften Schweinsledertasche einen philosophischen Wälzer nach dem anderen hervorzukramen und auf dem Pult demonstrativ eine Pyramide aus ›heavy stuff‹ zu errichten, bis der erste Neuzugang ›genervt‹ den Raum verließ. Auf dieses Signal hatte der Herr Assistent gewartet, er blickte kurz in den Raum, dann zur geöffneten Tür und verhieß mit scheppernder, durch einen Gluckser modifizierter Stimme wenig Gutes: »Tja, meine Damen und Herren...« Ein paar Minuten später, nach einer Phase intensiven Füßescharrens und Getrappels, war man wieder unter sich und Tronka durfte die ›Damen‹ aus seiner Anrede streichen. Die Veranstaltung konnte beginnen.

Der Student, der mir diese und andere Episoden erzählte, schien von einer fast gutmütigen Sympathie für den eigenbrötlerischen Assistenten beseelt. Mein Gefühl befand, dass sie von der Ablehnung und der Gleichgültigkeit derer profitierte, die da den Raum verließen. Tronkas Parteigänger umgaben sich mit einer Aura, die es ihnen aber auch erlaubte, Treue mit Aufsässigkeit zu vermischen und gegenüber seinen weitgespannten Intentionen eine Skepsis zu kultivieren, die, hätte er sie gekannt, ihn gewiss tief verletzt hätte. Der Hochmut überwog also auf beiden Seiten, aber da er sich noch im Werden befand, fiel er nicht negativ ins Gewicht. Im Gegenteil, er steigerte das Amüsement, das sich an den ernsthaften Vorbehalten einiger von Leckebuschs Doktoranden, die aus Pflichtbewusstsein oder aus ›rein akademischer‹ Vorsicht hin und wieder den Weg zu dem selbstbewussten Assistenten fanden, brach wie die Brandung an den schwarzen Felsen von Santorin.

Gegenüber Leckebuschs Doktoranden legte Tronka einen eigentümlich werbenden Gestus an den Tag, den sein Vorgesetzter, dem das nicht entging, mit amüsiert zufriedener Miene quittierte. Zweifellos erkannte er darin eine Form der Huldigung, deren direkter Ausdruck dem ehrgeizigen Untergebenen verwehrt blieb; Leckebusch war Realist genug, keine Ansprüche zu stellen, die nur in Konfrontation enden konnten. Umso mehr Vergnügen fand er am unfreien Treiben des künftigen Großdenkers, der sich offenbar noch nicht vorstellen konnte, dass auch er binnen weniger Jahre auf dem ›ganz banalen‹ Berufungswege als ›Kollege‹ enden würde. Ein seltsamer Gedanke, in der Tat. Doch war das Seltsame daran nur einer Altersstufe geschuldet und, nun ja, einer Position, die ›die Alten‹ zu Hilfe rufen musste, um sich zu legitimieren. Die Laufbahn des Philosophen hat wenig gemein mit der Rennbahn zum Glück oder, was dasselbe ist, zum materiellen Erfolg, auf der viele straucheln, damit einige das Ziel erreichen. Sie besteht, wie ich immer wieder beobachten konnte, aus einer langen Folge von Momenten äußerster Unduldsamkeit sich selbst und anderen gegenüber sowie aus einer korrespondierenden Reihe nicht minder extremer Zustände, in denen die Befriedigung darüber, etwas erreicht zu haben, mit dem Zurückweichen dessen bezahlt wird, worauf man in all den Jahren zuhielt. Leckebusch zum Beispiel, den ich bei den Treffen in seinem Hause so selbstsicher, so maßlos ›angekommen‹ erlebte, dass es unmittelbar die Lachmuskeln reizte, hielt sich in einer anderen Region seines Selbst, was aber nur eine Phrase ist, für intellektuell derart unergiebig, dass er nach seiner gescheiterten Ehe mit Elisabeth unter Zuhilfenahme einer auffälligen Kopfbedeckung, für die er bis dahin nur Spott übriggehabt hätte, vor aller Welt als Originaldenker posierte und entrüstet der Sphäre der Symposien und des nächsten Beitrags zu irgendeinem ›Themenband‹ entsagte.

Mit Elisabeths Abgang – ich greife etwas vor – hatte das insofern zu tun, als der Entschluss dazu in den Jahren, in denen sie neben- und miteinander repräsentierten, genügend Zeit zu wachsen fand, also eher als eine späte Frucht jener Verbindung gelten darf und vielleicht als ein letzter – natürlich aussichtsloser – Versuch, der Exfrau zu imponieren. Armer Philosoph! Was Elisabeth mit ihm verbunden hatte, war die gesellschaftliche Rolle, die er sich jetzt um des höheren Zieles willen verkniff. Den Professor konnte sie betrügen, sie konnte ihn sogar verlassen, als sie von ihm genug hatte. Den Denker mit dem über die Schläfe gezogenen Käppi, den sie wenig später im Fernsehen auftreten und befremdliche Sätze absondern hörte und sah und der sich ansonsten in eine Klause zurückzog, um sein Denken zu pflegen, konnte sie nicht einmal ablehnen. Er war ihr peinlich, ohne dass sie einen Grund dafür hätte angeben können. Hätte sie darüber nachgedacht, so hätte sie ihm vielleicht sogar Konsequenz zugebilligt, aber den primären Affekt damit nicht aus der Welt geschafft. Und – merkwürdiges Zusammentreffen! – seinen Lesern sollte es nicht anders ergehen. Sobald sie merkten, dass die Zunft in ihm einen guten Zuarbeiter verloren hatte, zerstreuten sie sich, so dass der Erfolggewohnte für die Bücher, die er als seine Hauptwerke ansah, schließlich auf eine eher demütigende Verlagssuche gehen musste.

Das war auf der Insel nicht abzusehen, es lag draußen im zusehends dichter werdenden Nebel, in dem das helle Spiel erloschen war und künftige Erfahrungen ihr gestaltloses Wesen trieben. Dafür, dass ich von der akademischen Welt bis vor kurzem keinerlei Anschauung besessen hatte, verstand ich doch bereits so manches. Oberflächlich betrachtet standen die Bewohner dieses Archipels miteinander in einem berufsmäßigen, nicht besonders aufregenden Austausch. Ihre Welt war klein, mehr oder weniger kannten sie sich alle, sie trafen sich auf Kongressen, diskutierten miteinander oder beäugten sich aus der Distanz. Gleichgültig schien es, ob sie ihren dienstlichen Verpflichtungen in Gestalt von Vorlesungen, Sitzungen und Seminaren an Orten wie Freiburg, Göttingen, Frankfurt oder Münster oblagen. Nein, es war gleichgültig, nur nicht für sie – wo immer sie saßen, schielten sie nach den Posten und Positionen der anderen. Zu jener Zeit existierte keine Hierarchie unter den Instituten und Universitäten, denen sie angehörten, keine wirkliche Hierarchie, die Zahl der Mitarbeiter oder der Studenten sagte genausowenig über das aus, was später gebetsmühlenhaft die ›Qualität der Forschung und Lehre‹ genannt werden sollte, wie der Gedächtniskult um ein ehrfurchtgebietendes Gemäuer oder einen ererbten Namen oder ein Gründungsjahr oder ein inzwischen Jahrhunderte oder Jahrzehnte zurückliegendes ›Reformprojekt‹. Es gab keine wirkliche Hierarchie, nur eine Vielzahl einander widersprechender Phantasmen, an deren Zustandekommen und aktueller Gestalt jeder mitwirken konnte, was sie auch eifrig taten. Eine besondere Rolle fiel dabei den seit einigen Jahren in größerer Anzahl auftretenden Studenten zu, deren in notorisch überfüllten Veranstaltungen sich kundgebende Präsenz manche der Professoren zu einem Übel an sich erklärten. Sie mochten das so sehen und ihre persönlichen Gründe dafür haben, aber sie täuschten sich. Mangels anderer Kriterien hatten sie den forcierten Leidensausdruck zum Ausweis ihres Elitebewusstseins erkoren und zückten ihn unbarmherzig, sobald sie mit Bewohnern einer Winkeluniversität zusammentrafen, die vielleicht einen altehrwürdigen Namen aufzuweisen hatte, aber abseits der modernen Studentenströme lag.

Die Abwesenheit der einen Hierarchie erzeugte Hierarchien. Sie geisterten durch den Raum, sobald Kollegen aufeinander trafen, wobei sie sich hüteten, sie offenzulegen oder gar gegeneinander abzugleichen. Gegen Leckebusch, von dem ich zufällig wusste, dass für ihn die Heidelberger Fakultät das Nonplusultra darstellte, stand der Oxford-Snobismus seines Assistenten – ein Snobismus in die Ferne, der um die wahren Rangordnungen zu wissen glaubte –, aber auch die Berlin-Nostalgie seines dem Poststrukturalismus zuneigenden Kollegen Ruffmann. Letztere huldigte in Blicken und Gesten einem durch keine Nachkriegs-Malaise auszulöschenden Nimbus, bestehend aus Reminiszenzen an Kaiserzeit und Zwanziger Jahre, was Ruffmanns häufige Gäste aus dem europäischen Ausland gut fanden und vielleicht auch erwarteten. Andere, darunter Tronka, brachten einen schwer zu durchschauenden Hochmut ins Spiel, der sich mit Namen wie Marburg und Göttingen verband. Alle aber liebten Königsberg, diese vollends ins Imaginäre entrückte Hauptstadt des Geistes, in der die Kant-Nachfolge geschichtsbedingt dauerhaft vakant blieb, was in etwa auch den Zustand der Philosophie im Ganzen charakterisierte.

Ganz Auge und Ohr wurden sie, sobald einer der Älteren seine Memoiren oder, besser noch, einen Schlüsselroman veröffentlichte. Sie maßen den Wert eines solchen Buches (und, zumindest in solchen Momenten, ihren eigenen) daran, ob ein Halbsatz oder gar ein Absatz für sie dabei abfiel. Das war zunächst nichts Besonderes, schließlich gehörte es zur Routine, jedes wissenschaftliche Buch, das entfernt eines ihrer Gebiete streifte, nach Spuren der eigenen Existenz abzusuchen. Aber während sie hier die Bedeutung einer Fußnote, einer versteckten Polemik oder einer rituellen Rühmung recht genau taxieren konnten und in gewisser Weise durch diese Praxis erst erschufen, verzerrte sich der Maßstab ins Groteske, sobald die Belletristik ins Spiel kam. So erzählte der Historiker, der bei dem ersten Treffen jene ingeniösen Bemerkungen über die Ortschaft Gauweiler fallen gelassen hatte, gleich dreimal hintereinander die Umstände, unter denen er die Bekanntschaft des Germanisten Z. gemacht hatte. Dessen Erinnerungen an Nazi-Jugend und Nachkriegskarriere waren gerade posthum erschienen und quollen offenbar von saftigen Bemerkungen über die Zunft und ihre Vertreter über. Sie gehörten zu dem Stapel Bücher, die ich mit auf die Insel genommen hatte, ohne bisher Zeit gefunden zu haben, sie zu lesen. Besagter Historiker, der auf den Namen Hölzchen hörte und seine ungewöhnliche Lebensenergie darin zu verbrauchen schien, dass er unentwegt von Hölzchen auf Stöckchen kam, hatte einen Absatz darin entdeckt, den er, wie es mir vorkam, ein wenig zwanghaft auf sich zu beziehen geruhte. Z. schilderte dort, wie er vor Jahren in einem New Yorker Hotel der Touristenklasse Wand an Wand mit einem deutschen Nachwuchshistoriker logierte, der offenbar zu einer Tagung angereist war und seine junge Familie mitgebracht hatte: »Ich kannte diesen Mann nicht, aber das konnte sich jederzeit ändern. Ich kannte jetzt seine Frau und seine Töchter. Ich kannte sie von einer Seite, die ich niemals kennengelernt hätte, wäre ich offiziell als sein Kollege mit ihnen in Kontakt getreten. Seltsam war, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, nach drei Tagen mehr über sie zu wissen als der anlassbedingt meist abwesende Gemahl und Vater. New Yorker Hotelwände sind dünn. Das Allerseltsamste aber war meine Furcht, eines Tages für dieses Wissen bezahlen zu müssen. Einige Wochen lang trug ich mich mit der unangenehmen Empfindung, in Zukunft Historikerkongresse meiden zu müssen. Das Schicksal hat es anders gewollt. Doch davon später.« Hölzchen kannte die Passage auswendig und trug sie mit unterschiedlicher Intonation vor, je nachdem, wer ihm gerade zuhörte. Dass auch die zuhörten, die den Bericht schon kannten, störte ihn nicht. Es schien auch niemanden zu stören, dass die Geschichte pointenlos blieb. ›Das Schicksal hat es anders gewollt‹ gehörte zu den Redewendungen, die er ständig im Munde führte, ohne dass man ermessen konnte, welchen Grad an Ironie sie für ihn barg.

So waren sie – und was das Verblüffendste war: so wollten sie sein. Wenn einmal einer in Schrift oder Rede ausscherte – manchmal genügte es, dass er bei bestimmten rituellen Anlässen abwesend blieb –, so rächten sie sich auf nicht immer subtile Weise, etwa durch gespieltes oder wirkliches Befremden, sobald eine neue Publikation von ihm die Runde machte. Das funktionierte auch dann, wenn er, wissenschaftlich gesehen, nur in dem fortgefahren war, was er schon immer getan hatte. Ohne Weiteres konnte man die Dissertation des in Ungnade gefallenen Kollegen auf Kosten all dessen loben, was er seither geleistet hatte. Das überforderte niemanden und löste selten Widerspruch aus. Im Gegenteil: ein alter Hase konnte fast sicher sein, dass irgendein Jung-Eifriger die Spur aufnehmen und auch in der frühen Arbeit bereits die Ankündigung kommender Aberrationen erkennen würde, sobald es das Gesetz der Gruppe nahelegte. So brauchte man selbst wiederum nur das Haupt zu wiegen oder in ein wohliges Lachen auszubrechen, um zu bestätigen, dass die Richtung stimmte. Nicht so Leckebusch, dessen Achtung vor jedwedem wissenschaftlichen Œuvre viel zu ausgeprägt war, als dass er an dergleichen Schäbigkeiten Gefallen gefunden hätte; bei mancher Gelegenheit schien es mir so, als bemerke er sie nicht einmal. Jedenfalls ließ sich seine Art nachzufragen mühelos in dieser Richtung deuten. Häme war ihm fremd. Er lehnte sie nicht ab, sondern beäugte sie wie ein Reptil, von dessen Mechanismus der Nahrungsaufnahme er sich keinen klaren Begriff bilden konnte.

Zwei oder drei von den Nachwuchsleuten im Haus Leckebusch stachen mir ins Auge – nicht sofort, aber nach und nach, in einem schleichenden Prozess, von dem ich nicht zu sagen vermag, wie weit er zur Zeit meines Inselaufenthalts bereits fortgeschritten war. Sicher hatten sie Eindruck auf mich gemacht, was weniger an ihren Geistesgaben lag, die ich in dieser Umgebung schlecht taxieren konnte, als an der Art, wie sie ›gezielt‹ eine Randposition unter den Besuchern einnahmen. Auch wurde mir nicht klar, ob der Rest davon etwas bemerkte und wenn ja, ob er es goutierte. Nicht als ob sie sich abseits gehalten oder geschwiegen hätten – das nicht. Sie hatten sich zwanglos unter die anderen gemischt, so dass ich sie als Gruppe erst nach und nach an der vertrauten Art erkannte, auf die sie miteinander umgingen. Auch der Student, der die Saint-Saëns-Episode zum Besten gegeben hatte, gehörte zu ihnen. War man einmal aufmerksam geworden, dann fiel es nicht schwer, in ihnen einen Teil von Tronkas Anhängerschaft zu erkennen: der gleiche Hochmut, den besagter Student ausstrahlte, umhüllte sie alle. Anders als er jedoch gaben sich die anderen schweigsam, wenn ich die Rede auf Tronka brachte. Was sie verriet, waren typische Argumente und Wendungen aus Tronkas Arsenal, und mir fiel auf, dass die gerade mithörenden Dozenten unvermittelt in Schweigen verfielen, sobald sie sie gebrauchten.

Über dieses Schweigen sprach ich eines Tages mit Rennertz, der sich Elisabeths Einladungen konsequent verweigerte – falls sie ihn überhaupt einlud. Er zog eine leichte Grimasse. »Schade um die jungen Leute, vielleicht gehen ihnen noch rechtzeitig die Augen auf. Vielleicht ist der Mann ein Genie, vielleicht ein Idiot, jedenfalls vertun sie ihre Zeit. Aber vielleicht haben sie ja etwas davon.« Für ein vierfaches ›vielleicht‹ klang, wie ich fand, seine Stimme recht entschieden und ich konterte:

»Ganz verstehe ich das nicht. Worüber sollen ihnen die Augen aufgehen?«

Er lachte.

»Darin besteht das Geheimnis der Nicht-Genies. Sie verraten es keinem. Bekanntlich sind Genies sehr selten, es ist daher auch nicht nötig. Einen Tronka dagegen gibt es in jeder nur einigermaßen kompletten Gemeinschaft. Das wissen die anderen und deshalb misstrauen sie ihm. Sie lassen ihn aber nicht fallen, weil sie genausogut wissen, was man von ihnen und ihresgleichen zu halten hat. Sie sehen in ihm einen Verführer der Jugend, anschließend denken sie an Sokrates und wären es gern selbst.«

Seit der Episode im Hotelzimmer fiel es mir zunehmend schwerer, mich dem Sog solcher Aussprüche zu entziehen. Niemand fragt eine entspannt lächelnde Pythia, woher sie ihre Kenntnisse bezieht. Ich jedenfalls empfand keinerlei Misstrauen. Das lag sicher auch daran, dass sie mir halfen, mich im Tohuwabohu meiner Eindrücke zurecht zu finden. Nur die Behauptung, in jeder Gruppe gebe es einen Tronka, forderte meinen Widerspruch heraus. Dafür erschien mir diese Gestalt zu eigen. Zwar musste ich redlicherweise einräumen, dass es nicht viel bedeutete, wenn ich auf seinen Typus noch nicht gestoßen war. Doch sträubte sich etwas in mir, ihn für ein Allerweltsphänomen zu halten. Das mochte an unserem ersten Zusammentreffen liegen, bei dem er mich auf eine schwer zu beschreibende Weise überwältigt und für sich eingenommen hatte. Jedenfalls wäre es leichter gefallen, Rennertz’ Einschätzung zu teilen, hätte er mir, gleichgültig, ob in einem Davoser Hotel oder in der nahegelegenen psychiatrischen Anstalt, einen Saal voller Tronkas zeigen können, alle mit denselben großspurigen Gebärden, denselben präpotenten Redensarten, derselben Unfähigkeit, eine bestehende Situation zu überschauen, und derselben arroganten Treffsicherheit, Autoritäten herauszufordern, die noch gar nicht auf den Plan getreten sind. Rennertz lächelte, als ich es ihm sagte. Dann wurde er melancholisch.

»Die reitenden Boten des Königs kommen sehr selten.«

Habe ich recht, wenn ich in der Er­in­ne­rung einen scheu­en Glanz in seine Augen tre­ten sehe? Je­den­falls ver­zich­te­te ich dar­auf, ihm zu wi­der­spre­chen. Doch woll­te ich noch wis­sen, was ich mir unter einer ›voll­stän­di­gen Ge­mein­schaft‹ vor­stel­len soll­te.

»Voll­stän­dig ist eine Ge­mein­schaft, in der alle Schlüs­sel­po­si­tio­nen be­setzt sind.«

Dabei blieb es. Weder ver­stand ich, was eine Ge­mein­schaft, noch, was eine Schlüs­sel­po­si­ti­on war.

Die Kreise
9
Renate Solbach: Figur 22
Anita oder Die Häuslichkeit

Unvermutet brach mein Zuhause in diese Inselwelt ein. Anita, ungestüm, leidenschaftlich, so dass es mir geraten erschien, den Hörer ein wenig vom Ohr zu entfernen, tat aus der Ferne kund, wichtige, von ihr dringend benötigte Papiere lägen in meinem Schreibtisch, zu dem sie den Schlüssel nicht finden könne. Entweder ich kehrte sofort zurück oder ich fände ihn bei meiner Rückkehr aufgebrochen vor. Dass sie ihre Unterlagen in meinem Schreibtisch aufbewahrte, hatte ich nicht gewusst, konnte es auch nicht recht glauben, aber auf meine Bitte, nichts zu überstürzen, antwortete ein zielsicher zwischen Zorn, Verbitterung und Larmoyanz changierender Ausbruch, so dass ich beschloss, das Thema vorerst nicht mehr zu berühren. Da kein anderes in Sicht kam und ich keine Lust verspürte, Hals über Kopf abzureisen, legten wir bald wieder auf.

Das Ende meiner Affäre mit Elisabeth hatte in unserer Beziehung jene Häuslichkeit erblühen lassen, vor der ich mich von Anfang an gefürchtet hatte und deren Auswirkungen sich, meine Albträume überflügelnd, ebenso rasch wie heftig einstellten. Seit wir zusammenlebten, lauschte ich in unregelmäßigen Abständen – und mit steigendem Missmut – dem Geräusch solcher größeren oder kleineren Explosionen, häufig aus der scheinsicheren Distanz, die ein Telefonapparat bietet, dann wieder aus unmittelbarer Nähe, so dass ich nicht immer gewiss war, die Walstatt an Leib und Leben unversehrt zu verlassen. Anita ging gelöst aus diesen Intermezzi und Divertimenti hervor, ihr Teint leuchtete und ihre Augen flogen größer denn je über die Dinge dieser Welt hin, die für sie eine Konsumwelt war – und nichts weiter, hätte ich fast hinzugesetzt, wenn mich nicht ein Gefühl der Fairness davon abhielte. Sie neigte zur Überspanntheit, überspannte auch mehrfach den Bogen und verleitete mich zu Reaktionen, die ich liebend gern lachend zum Besten gegeben wie schamschwer verschwiegen hätte – der übliche Tribut an eine häusliche Existenz, der etwas Zirzensisches anhaftet, aber auch der Zauber Kirkes, unter dessen Einfluss sich die Menschen in Schweine verwandeln und wenig Hemmungen haben, sich gegenseitig als solche zu titulieren. Meine sanfte, rosige Anita zögerte nicht, mit treuem Augenaufschlag zu versichern, wenn ›so etwas‹ – sie kaute an einem Fischbrötchen und tupfte sich, während sie sprach, den Schmollmund mit einer Papierserviette –, nicht mehr ›drin‹ sei, dann habe das Leben für sie keinen Wert mehr: eine etwas kuriose Begründung dafür, dass sie hemmungslos das gemeinsame Konto abräumte, das einzurichten ich unvorsichtig genug gewesen war. Ich wusste, was sie als Kind durchlitten hatte, und wunderte mich über ihr oberflächliches Gebaren. Einmal stellte ich sie deswegen sogar zur Rede. Sie berührte mich lachend am Oberarm und fand mich ›süß‹, ›einfach süß‹, was zwar meine Laune nicht hob, aber unvermittelt das Gefühl Platz greifen ließ, wie eine Tür aus den Angeln gehoben zu werden.

In meinem kindlichen Leben gab es eine Schlüsselszene, vergleichbar vielleicht derjenigen, die sie mir am Anfang unserer Beziehung so eindrucksvoll geschildert hatte, nachdem die ersten Wörter nur stockend über ihre Lippen gegangen waren und sie das Pferd von hinten hatte aufzäumen müssen, um sich an den in ihrem Gedächtnis ruhenden Tatbestand heranzutasten. An einem milchig klaren Sonntagvormittag befand mein Vater, es sei an der Zeit, das winzige Schränkchen zu durchstöbern, in dem ich meine Aufzeichnungen und einen Teil meiner Bücher verwahrte. Einen Schreibtisch besaß ich nicht und ein Schlüssel war nicht vonnöten, eine Schiebetür musste reichen, um meine Habe den Augen der anderen Familienmitglieder zu entziehen. Nie hatte ich daran gezweifelt, dass sie für diese Aufgabe völlig ausreichte. Schon am Morgen fühlte ich, dass etwas ›im Gang war‹. Ich scheute mich lange, das Bett zu verlassen. Als ich endlich die Treppe hinunterstieg, die mein Rückzugsgebiet vom allgemeinen Wohnbereich trennte, bewegte sich meine Verfassung bereits zwischen Trotz und Verzweiflung. Mein Vater saß am Tisch, den Kopf leicht vorgeneigt, in den Händen ein Buch, das mir seltsam vertraut und zugleich fremdartig vorkam. Er hielt es mit gespreizten Fingern auf und blätterte darin, als handle es sich um ein Kochbuch, doch das Rezept, nach dem er fahndete, schien nicht auffindbar. Auf dem Tisch häuften sich Bücher, einige lagen verstreut auf dem Boden, bei zwei oder drei der billigen Taschenbücher – zu mehr reichten die Einkünfte nicht, die ich mit ein paar Stunden Nachhilfeunterricht für Schüler der unteren Klassen erzielte – war der Buchblock in einzelne Teile zerfallen und aus dem Einband herausgeglitten.

Die Tür zu meinem Schränkchen war ausgehoben und lehnte, erstaunlich behutsam abgestellt, an der Wand. Was sich im Kopf meines Vaters abspielte, blieb mir unzugänglich. Dass er in meinen eingedrungen war und mit Büchern um sich warf, war von einer solchen Ungeheuerlichkeit, dass ich dort, wo ich sein Gesicht vermutete – ich wagte nur ein- oder zweimal hinzublicken –, bloß eine widerliche Fratze ortete. Ihr völlig in seine Spiele versunkener Träger war die hassenswerteste Person im Universum, die Stelle, an der es sich in Gestalt eines brüllenden Monstrums materialisierte und gegen mich losschlug. Dieses Brüllen vor jeder akustischen Inszenierung machte vielleicht den größten Eindruck auf mich, es erstreckte sich, ausgehend von dieser Person, auf die gesamte Umgebung. Der Raum mitsamt seinen Möbeln, dem widerlich mitspielenden künstlichen Licht, der im Hintergrund hantierenden Stiefmutter und dem Fensterausschnitt in seiner diffusen Helligkeit, dies alles schrie in einem Augenblick auf mich ein. So kam ich gar nicht auf die Idee, zu protestieren oder davonzulaufen. Angewurzelt stand ich im Türrahmen und wartete darauf, gleich jenen zerfetzten Büchern zu Boden geschleudert zu werden. Vorerst passierte nichts dergleichen, der Inquisitor blieb schweigend in eine Lektüre vertieft, die mir vorkam, als bahne sich einer mit der Axt eine Schneise durch das Unterholz der Gedanken, Worte und Empfindungen, in dem ich den träumerischen Teil meiner Tage verbrachte und das mir Schutz bot – den einzigen übrigens, an den ich mich aus jener Zeit erinnern kann, wenngleich ich nur unklar sagen könnte, wovor.

Anita wusste also, wovon sie sprach und worauf sie hinaus wollte, wenn sie damit drohte, meinen Schreibtisch aufzubrechen, in dem sich nach meiner mittlerweile wieder festen Überzeugung nichts von dem befand, was sie so unaufschiebbar in die Hände bekommen musste. Natürlich hatte ich ihre Erzählung im Gegenzug mit meiner vergolten; das erschien mir nicht nur angebracht, sondern entsprach meinem innersten Bedürfnis, angenommen zu werden in einer Welt, in der die absonderlichen Verhaltensweisen der Generation, der unsere Eltern angehörten und die durch den Makel der Niederlage und die Untaten des Regimes gezeichnet blieb, dem sie bis in den Untergang gedient hatte, als dauerhaftes Skandalon galten. ›Angenommen werden‹ – das schreibt sich so leicht, nachdem das Lebensproblem daraus entschwunden ist und die Formel zu einer leeren Hülle wurde, während die Person, deren Lage sie umreißt, sich lieber die Zunge abbeißen würde, als dass sie sich ihrer bediente. Der intime Umgang mit einer Frau hob diese Schamgrenze nicht auf, aber er ließ sie für eine ungewisse Zeit wesenlos erscheinen, was paradox genug klingt, um paradox zu sein. In einer Beziehung, die nicht völlig im Physischen bleibt, wiederholt sich unter den Bedingungen des Erwachsenseins der Akt, in dem die Mutter den Säugling annimmt: ein Übergang diesseits von Scham und Entscheidung, den Verliebte, anders als der Säugling, bereits kennen und dem sie sich deshalb mehr blind als sehend anheimgeben. Im Einzelfall und durch die Brille der unterschiedlichen Geschlechter betrachtet mag daraus eine komplexe Figur entstehen; das ändert aber nichts daran, dass die Person sie als real und äußerst wirksam erfährt. Allerdings kann das Vertrauen darauf, angenommen zu sein, irritiert und dauerhaft in Frage gestellt werden – dann verflüchtigt sich über kurz oder lang die Beziehung, es sei denn, stärkere Akteure nehmen das Heft in die Hand. In meinem Fall war etwas eingetreten, das ich als ›Nötigung zum Vertrauen‹ bezeichnen möchte, etwas, das von mir selbst ausging, ohne dass ich es gleich erkannte. Nach und nach wuchs es sich zu einem Selbstzwang aus, der jede Möglichkeit des Rückzugs untergrub. Ich war in einer Beziehung gefangen, die nach landläufiger Auffassung keine war. Ihre faktische Macht minderte das um keinen Deut. Wie weit Anita den Mechanismus durchschaute, kann ich nicht sagen, aber dass sie ihn kräftig ausbeutete, unterliegt keinem Zweifel. Sie hatte ihn nicht herbeigeführt, sie bediente sich seiner nur. Aus heutiger Sicht war meiner Beziehung zu Anita die Selbstnötigung von Anfang an beigemischt, ohne dass ich sagen könnte, woraus sie ihre Nahrung bezog oder woher sie kam.

Warum war ich überhaupt mit Anita zusammengezogen? Es mag seltsam klingen, aber ich hatte den Auftritt zwischen Tronka und Elisabeths Tochter nicht vergessen. Ich wusste nicht, worüber die beiden gesprochen hatten, es ging mich auch nichts an, es war, als hätte ich durch eine zufällig offenstehende Tür im Vorbeigehen einen Blick in ein fremdes Zimmer getan. Das hatte gereicht, um jedes Wort, das in meinem Beisein gefallen war, dem Gedächtnis einzuprägen. Dass Elisabeths Tochter mit einem richtigen Lebensproblem zu einem wie Tronka kam, hatte einen Stachel in mir hinterlassen, dessen Impulse in alle möglichen Richtungen strahlten. ›Täuschung‹ hallte es in mir, womit ich keineswegs meinte, dass Elisabeth mich getäuscht hatte, was ja auch nicht der Fall war, denn sie hatte mir manchmal von ihrer Tochter erzählt, wenn wir uns nicht entschließen konnten, die Bettdecke preiszugeben, die unsere postkoitalen Plaudereien wärmte. Die Rivalität zwischen Mutter und Tochter schlug sich in ihrer Rede wie Kondenswasser an einer Fensterscheibe nieder und umriss undeutlich eine jugendliche Gestalt, der jemals zu begegnen ich damals für eher unwahrscheinlich hielt.

Getäuscht hatte mich allenfalls mein Gefühl, das mir vorgegaukelt hatte, alles, was Elisabeth anfasste, sei per se gerechtfertigt oder zumindest – nachdem der schmerzhafte Teil ihrer Mission offenbar geworden war – ohne Tadel, mochte der, gegen den es sich wandte, selbst sehen, wie er damit fertig wurde. Daher hatte mich das Wort ›Jugendamt‹ nicht wenig verschreckt. Da ich Tronka noch nicht kannte, wäre ich niemals auf den Gedanken gekommen, dass es in seinem Mund so wenig bedeutete wie in meinem Wörter wie ›gnoseologisch‹ oder ›Apperzeption‹. Natürlich, hätte ich fast hinzugesetzt, doch welche Natur spricht aus solchen Wörtern? Ein Tronka hat keine Natur, er lehnt es ab, eine zu besitzen, während er verzweifelt nach ihr strebt, und diese Verzweiflung wäre seine Natur, vorausgesetzt, er wäre imstande, sie festzuhalten – doch daran, gerade daran kamen mir im Lauf der Jahre erhebliche Zweifel, um es in die denkbar banalste Sprache zu fassen, die mir hier als die angemessene erscheint. Tronkas Lebensthema – das ahnte ich damals noch nicht einmal und hätte es auf Jahre hinaus vehement bestritten – war die Banalität oder das Banale, das als Klang mühelos über die Lippen geht, ohne dass sich jemand unter dem Wort etwas Handfestes vorstellen könnte, während die Sache in ihrer immergleichen Allerleiheit von keinem Alterungsprozess betroffen scheint. Wenn Tronka munter plaudernd das Kantische Ding an sich ins Lächerliche zog, dann war das Banale unsichtbar zur Stelle und widerlegte ihn mit jedem Wort seiner Rede, stante pede sozusagen, als Realität hinter der Realität, als Problem, zu dem es keinen diskursiven Lösungsansatz gab. So konnte es dazu kommen, dass er im Gespräch mit einer jungen Frau, die eigentlich ein Mädchen war, aber es sicher gehasst hätte, als solches tituliert zu werden, die Rolle des Ratgebers, die einzige, in der er sich einem jüngeren oder nichtakademischen Menschen zu nähern verstand, mit der erstbesten, die Situation von einer gänzlich unbrauchbaren Seite beleuchtenden Bemerkung überschritt, genauso wie er anschließend mir gegenüber sofort aus der Rolle des Philosophen vom Fach herausfiel, ohne sich darüber im geringsten den Kopf zu zerbrechen.

Seine zufällig aufgeschnappte Bemerkung hatte in mir ein von keiner Seite vorhergesehenes Eigenleben entwickelt. Es richtete sich gegen die Mutter, es richtete sich gegen mich selbst, indem es mir den Pranger zeigte, an dem meine Art zu leben über kurz oder lang stehen würde. In meinem Geist beugten sich bereits die ersten Sachbearbeiterinnen mit untrüglichem Instinkt für das, was sie nichts anging, über mein frisch storniertes Liebesleben. Keine der beiden Parteien konnte ahnen, was ihre Unterredung in einer zufällig vorbeischlendernden, ihnen völlig unbekannten Person auslöste, aber das ließ das Ergebnis nicht weniger real erscheinen. Außerdem war es gleichgültig, was sie sich dabei dachten: täuschte sich Tronka, so täuschte ich mich auch, nahm er den Charme der jungen Frau zum Anlass, um den Narren zu geben, so benützte ich meinerseits den Inhalt eines zufällig aufgeschnappten Nonsens-Gesprächs, um auf diese verschlungene und allzu plötzliche Weise vom Verlangen nach einer tiefgreifenden Reform meiner Lebensverhältnisse heimgesucht zu werden, dem ich umgehend und, wie sich jetzt allmählich zu zeigen begann, ziemlich leichtfertig nachgegeben hatte.

Wie es so geht, hatte ich Anita vernachlässigt, als ich nach der zu dritt verbrachten Hotelnacht Elisabeth zu meiden begann. Erst die Episode im Hause Leckebusch hatte unserer Beziehung neuen Auftrieb verliehen. Nun saß ich da und überlegte, ob ich dem Drang, nach Hause zu eilen, um das Massaker an meinem Schreibtisch abzuwenden, nachgeben sollte. In gewisser Weise mogelten wir beide, wenn wir von ›dem Schreibtisch‹ redeten und uns bemühten, nicht zu viel Nachdruck auf die paar Silben zu legen. In Wahrheit – wieder einmal schreibe ich dieses Wort mit einer gewissen Emphase, in der genauso viel Unsicherheit steckt wie das Bedürfnis, sie in Schranken zu halten –, in Wahrheit handelte es sich um den ›Sekretär‹ meiner Mutter, ein wirkliches oder eingebildetes Erbstück, das ich unter Umständen, die mir irgendwann entfallen sind, an mich oder besser zu mir genommen hatte, nachdem es bei meinem Vater ein unbeachtetes und von unsachgemäß abgestellten Blumenvasen bedrohtes Dasein gefristet hatte. War es Eifersucht oder Missvergnügen, was Anita bewog, ihre neue Macht über mich just an dieser Stelle auszuprobieren? Sie hatte ins Schwarze getroffen und konnte in Ruhe abwarten, wie ich den Vorstoß parieren würde. Mich hingegen hinderte die Unruhe, die mich überflutete, daran, sie mir anders als hochgradig erregt vorzustellen, überdreht und zu allem imstande, sogar dazu, den Sekretär mit barbarischen Werkzeugen zu bearbeiten oder bearbeiten zu lassen, um an den eingebildeten oder vermuteten Inhalt heranzukommen.

Auch sie variierte ihre Kindheitsszene, und diesmal schien sie entschlossen, sich die Zertifizierung ihres Ich-bin-die-ich-bin mit physischer Gewalt zu ertrotzen. Was die Eltern ihr nicht zu geben imstande gewesen waren, das musste wohl in den unzugänglichen Tiefen meines Schreibtisches lagern. An die Stelle ihrer damaligen, von den elterlichen Empfängern roh mit dem Ausdruck der Sorge um den Geisteszustand und das künftige Wohl ihrer Tochter quittierten Gedichte war die reale Person getreten: »Was suchst du da draußen auf der Insel«, besagte ihr Vorstoß, »nimm mich!« – womit sie möglicherweise ihre Bedürfnislage angemessen umschrieb, aber in mir die Scheidewand aufrichtete, die sie doch gerade niederzureißen gedachte. Wenn ich blieb, musste ich Gründe haben, die mich stärker zu fesseln vermochten als das Netz, das sie nach mir auswarf. Was also wollte ich auf der Insel?

Eine der gängigen Formeln hieß: ›Klarheit gewinnen‹. Das ließ sich auf vielerlei Weise bewerkstelligen, je nachdem, welche Art von Klarheit man anstrebte. Auch Anita wollte Klarheit, um ihr zu genügen, hätte ich meinen Versuch, Klarheit zu gewinnen, abbrechen müssen. Gegen ihr Ansinnen konnte ich mich auf die immer günstige Rede vom ›notwendigen Abstand‹ zurückziehen, allein der fade Nachgeschmack der Formel ließ sich leicht antizipieren und ich lehnte dankend ab. Vor nicht langer Zeit wäre in meiner Lage der Ausdruck ›Selbstfindung‹ geboten gewesen, er war jedoch rasch wieder verworfen worden, weil der massenhafte Anblick sich selbst Suchender schreckte und sich aufzuheben begann. Dass überhaupt jedem dieser Ausdrücke eine ›Bewegung‹ korrespondiert, die zu einer bestimmten Zeit auftaucht, ihre Rituale zelebriert und wieder verschwindet, wäre an sich nicht so schlimm, es stellte der Gesellschaft insgesamt ein eher positives Zeugnis aus, wäre da nicht die grimmige Ironie derer, die durch jene Massenbäder hindurchgegangen sind. Statt, wie man erwarten könnte, das Positive zu berichten und andere zu ermuntern, es ihnen nachzutun, kaprizieren sie sich auf den kleinen Unterschied zwischen dem, was sie an sich selbst ausprobiert und erfahren haben, und den lächerlichen Auswüchsen, die sie in dem gleichen Begehren bei ihrer Umgebung zu erkennen behaupten, falls sie nicht auch das eigene Unterfangen unterschiedslos im Nachhinein dem gesellschaftlichen Humbug zuschlagen, den sie seither mit unnachsichtiger Feindschaft verfolgen. In beiden Fällen kann es mit der Selbsterkenntnis nicht weit hergewesen sein. Was reizt, ist die Exklusivität. Das nette Erlebnis soll nicht geteilt werden, vermutlich, weil es in der Mitteilung zerrinnt. Dabei spielt das Lebensalter eine nicht zu unterschätzende Rolle – junge Leute neigen dazu, ihre touristischen Freuden der Umgebung hemmungslos zum Nachvollzug anzudienen, während die gereifteren Jahrgänge in die entgegengesetzte Manier verfallen, möglichst nichts preisgeben zu wollen und selbst ihren Aufenthalt an allgemein bekannten Orten mit geheimnisvollen Schnörkeln zu versehen. Die auf Reisen anfallende Selbsterkenntnis ist ein solcher Schnörkel, solange sie nicht expliziert wird, und dabei bleibt es dann auch.

Einen vergleichbaren Schnörkel fügte die Lektüre von Tronkas Dissertation ins Bild meiner Reise. Dass ich deren Ziel nur sehr summarisch anzudeuten vermochte, befeuerte Anitas Verdacht; ich konnte das verstehen, aber nicht ändern. Es wäre mir sehr merkwürdig vorgekommen, hätte ich ihr gesagt: »Ich muss auf die Insel, weil mich ein Philosophieassistent so beeindruckt hat, dass ich mir vorgenommen habe, seine Doktorarbeit in der Umgebung von Wattläufern und Sonnenbadern zu lesen.« Ich wäre mir merkwürdig vorgekommen und es hätte auch nicht den Tatsachen entsprochen. Genausogut – und vielleicht mit größerer Ehrlichkeit – konnte ich die umgekehrte Motivation beanspruchen: nicht um ihn zu lesen wäre ich demnach auf der Insel, sondern um seine anmaßliche Rede zu widerlegen, und das Mittel, ihn zu widerlegen, wäre – unter anderem, versteht sich – die Lektüre seines jungenhaften und unendlich törichten Buches. Beide Begründungen hätten aber, einzeln oder zusammen vorgetragen, Anitas panische Empörung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bloß gesteigert: »Nimm mich!« Und ... hatte sie nicht Recht? Nur, wenn es sich so verhielt, so wurde mir nicht deutlich, welche Art von Recht sie da eigentlich beanspruchte. Immerhin hatte ich mich ihr bereits nicht nur ein-, sondern zweimal ›verbunden‹, in unterschiedlichen Graden und auf unterschiedliche Weise, und dass ich gegenwärtig auf der Insel saß, hatte vielleicht mehr damit zu tun, dass meine angestammte Wohnung zu unserer geworden war, als zuzugeben mir damals eingefallen wäre. Ehrlich gesagt, es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, denn ich betrachtete unser Zusammenleben als Quelle – ›fons et origo‹ – eines neuen Lebensgefühls, das es mir erlaubte, stärker auszugreifen und in einem höheren Maß ich selbst zu sein als zuvor. Was ich, folgte man ihren Worten, unserem gemeinsamen Leben entzog, das erschien mir als ein Geschenk unserer Zweisamkeit und damit als das Wesen dieser Zweisamkeit selbst.

Damit waren wir in die eheliche Standardsituation geraten, diesen Gegenstand zahlloser giftiger Polemiken und dümmlicher Schwänke. Sie hatte uns eingeholt, ohne dass es eines Trauscheins bedurft hätte. Das war seltsam, denn ich wusste mit jener schlafwandlerischen Sicherheit, mit der man in jenen Jahren weiß, dass die Verbindung zweier so einzigartiger Menschen, wie wir sie darstellten, eine solche Auslegung zuverlässig ausschloss. So sicher war ich mir, dass ich Anita, die sich zur gleichen Zeit für gewöhnlich und einzigartig halten konnte, ohne darin einen Widerspruch zu erkennen, aus überlegener Warte zurechtwies, wenn sie mit burschikosen Äußerungen in dieser Richtung auftrumpfte. Das war zwar noch nicht häufig vorgekommen, aber mit großer Vehemenz, so dass mir das Lachen in der Kehle steckenblieb. Nein, darüber konnte ich nicht lachen, das Verbot reichte weit in die Kindheit zurück und in Bereiche, die ich niemals und niemandem zur Einsicht freigab. In diesem Fall wog es doppelt schwer, weil das, was wir in der Unschuld des Benennens, die ungebremste Zeitgenossenschaft voraussetzt, unsere Beziehung nannten, einmal unter gemeinsamem Gelächter begonnen hatte.

Seit Anita bei mir eingezogen war, lebten wir in dieser Hinsicht getrennt. Lachte sie, etwa am Telefon oder im Gespräch mit einem ihrer zahlreichen ›Bekannten‹, die mir neuerdings in meiner Wohnung begegneten, als sei ich der Hausmeister oder ein Lieferant, der zufällig ihre Bahn kreuzte, dann spürte ich vor allem den Entzug, der darin für mich lag. Noch immer besaßen wir kaum gemeinsame Freunde und ich spürte verständlicherweise keine Lust, Anita zu den Leckebusch-Abenden oder den sporadisch noch stattfindenden Treffen mit Rennertz mitzunehmen. So waren es fast ausschließlich Leute aus ihrem früheren Leben, die an den Wochenenden bei uns vorbeisahen und mit denen wir gelegentlich einen Abend verbrachten. Meiner Passivität kam das entgegen, weil Anita alle Arrangements traf, aber mehr und mehr stellte es sich heraus, dass diese anfangs so offen wirkenden Kontakte, die ich mir gern gefallen ließ, solange man mich als unverhoffte und mit Neugier betrachtete Zugabe akzeptierte, den Raum, in dem ich lebte, atmete, dachte, aussparten, als handle es sich um einen leeren Karton, den Anita nach ihrem Gusto mit Füllung versah oder auch nicht, ohne dass dies für sie und die Art der Beziehung, die sie zu Anita unterhielten, irgendeine Bedeutung besaß. Wir hatten also nicht nur keine gemeinsamen Freunde, sondern die vorhandenen Freundschaften markierten die Enden unserer Gemeinsamkeit und beschränkten sie auf den schmalen Bereich, in dem wir intimisierend miteinander umgingen, eingespannt zwischen Lust und Unlust, Begehren und Abwehr, Redseligkeit und Sprachlosigkeit, Vertraulichkeit und übler Laune.

Lachte ich, so konnte ich sicher sein, dass sie mir in der nächsten Stunde oder noch am nächsten Tag eine Szene machte, in der sie mir vorwarf, sie durch mein Gelächter tief verletzt zu haben, sei es, dass ich über sie gelacht, sei es, dass ich es nicht für nötig befunden hatte, sie in die Ursachen meines Ausbruchs eingeweiht zu haben. Der Hinweis, dass mein Lachen eher undidaktischer, um nicht zu sagen argloser Natur war, wollte gut überlegt sein, weil er zu tagelangen Verstimmungen führte, deren Gründe mir regelmäßig dunkel blieben, vermutlich auch deshalb, weil ich erleichtert reagierte, wenn sich die Wogen wieder glätteten, und ich keinen weiteren Gedanken auf ihre Analyse verschwendete. Dafür war unser gemeinsames Leben auch zu neu.

Ich musste mich also entscheiden.  Gab ich Anitas Drängen nach und brach die, wie ich fand, kaum aufgeschlagenen Zelte ab, dann für lange Zeit. Zuhause würden die Bücher ungelesen bleiben, die sich noch immer neben meinem Pensionsbett stapelten, sie würden ungelesen in die Bibliothek zurückwandern und es wäre mehr als ungewiss, ob ich sie in meinem Leben noch einmal aufschlagen oder auch nur zu Gesicht bekommen würde. Dies wusste ich, wie man Dinge weiß, die noch verhüllt in der Zukunft liegen, ich wusste es, weil ich besiegt zurückkehren, genauer gesagt, durch eine übereilte und erzwungene Rückkehr mich der Deutungshoheit über die Reise begeben und zulassen würde, dass sie als misslungener Ausbruchversuch in die Annalen unserer Beziehung einging. Das war sie nicht, auch wenn ich nicht genau wusste, was sie wirklich war. Wollte ich an der Möglichkeit festhalten, zu einer angemessenen Deutung zu gelangen, so musste ich meine gegenwärtige Lesart durchsetzen, was aber – die Auseinandersetzung am Telefon hatte es mir gezeigt – verbal ganz und gar unmöglich erschien, da Anita sich weigerte, meiner Rede überhaupt Gehör zu schenken. Warum sie das tat, entzog sich meinem Verständnis. Wenn der Grund zu dieser Reise durch unsere Verbindung gelegt wurde, dann nützte Anita sie, um unserer Verbindung einen neuen Grund einzuziehen. Meinen Wunsch, mir Gedanken zu erschließen, die bisher nur auf den Fensterbänken meiner der anderen Straßenseite zugewandten Aufmerksamkeit dahinvegetiert hatten, konterte sie kühl mit Entschlüssen, die darauf hinausliefen, mich in die Rolle dessen zu bugsieren, der parierte, indem er für ihr Handeln die Verantwortung übernahm.

Nichts hatte mich, ungeachtet aller Komik, an den Leckebusch-Abenden so berührt wie die Rhetorik des Begreifens. Wenn Leckebusch das ›Bégreifen‹ als die Grundbewegung des anfänglichen Denkens und der unvermeidlichen Dialektik intonierte, hatte ich die Empfindung, vor einer Schwelle zu stehen, die zu überschreiten mir zwar nicht gleich gelingen würde, an die ich aber immer wieder würde zurückkehren müssen, um hinüberzugehen in ein anderes Leben, in dem das Lächerliche und Ungekonnte von den Wörtern abfiel und sie sich fügten – oder lösten –, um das, was man sagen konnte, auch wirklich so zu sagen, dass daraus der unwillentliche oder sogar vorsätzliche Versuch, es anderen nachzusprechen, vollständig verschwunden wäre. Genau darin schien mir der Kern des Begreifens zu liegen: niemandem nachund niemandem vorzusprechen, sondern ausschließlich und vollgültig als der und der Mensch zu sprechen, ohne dass es jemandem einfallen konnte, darin eine Beschränkung zu sehen, weil es die Beschränktheit des Einzelnen darin nicht oder nicht ernsthaft gab. Ich glaubte zu verstehen, dass so etwas nur im Medium ›vernünftiger Rede‹ gelingen konnte. Wenn Begreifen das Ziel war, dann war vernünftige Rede das Mittel, das man sich gefallen lässt, um das Ziel zu erreichen. Da die Philosophen, die ich bei Leckebuschs getroffen hatte, sich nicht im Dienst befanden, setzte sich der Eindruck bei mir fest, die unendlich komplexe und schwer bedienbare Maschine ›Vernunft‹ müsse wohl in den Seminarräumen herumstehen, in denen sie ihren Beruf ausübten und sie hätten sie dort zurückgelassen, um wie andere Leute den Feierabend zu genießen – was ihnen nur teilweise gelang, weil sie es nicht schafften, die von ihr ausgehende Faszination für ein paar Stunden abzuschütteln, falls sie es denn wollten. Darin lag eine Schwierigkeit, aber auch ein Ansporn. Dass es Orte gab, an denen man die menschliche Vernunft besichtigen konnte – und zwar in voller Tätigkeit –, veränderte die Welt in nicht unerheblichem Maße. Jedenfalls beruhigte und beunruhigte der Gedanke mich gleichermaßen: während mehr und mehr Leute aus meiner Umgebung an Orte wie das indische Poona reisten und sich dort in seltsame Gewänder kleideten, um irgendwelcher Erleuchtungen teilhaftig zu werden, die sich nur in Form kindlicher Sprüche weiter geben ließen, plauderte ich hier mit den Würdenträgern des wirklichen Wissens, des Wissens, das die Welt veränderte, indem es sie interpretierte, denn dass diese Menschen für eine andere Welt als die bestehende arbeiteten, stand bei diesen Zusammenkünften außer Frage.

Gab es eine entfernte Möglichkeit, dass ich irrte? Erstaunt hatte ich vor meiner Abfahrt zur Kenntnis genommen, dass ein prominenter, mittels Freikauf in den Westen entsorgter Kritiker der realsozialistischen Ökonomie, ein theoretischer Kopf, in Poona gesichtet worden war, just dort, wo der große Bhagwan Shree Rajneesh sein kleines, aber profitables Business betrieb. ›Zufall oder Notwendigkeit?‹ hätte der quirlige Historiker gefragt, aber vermutlich wieder einmal keine Antwort erhalten. Die Nachricht schien unerklärlich, es sei denn, man brachte die Borniertheit der Menschenseele in Anschlag, die äußere, in der Realität entfallene Zwänge als innere fortleben lässt. Wer den heiligen Marx gegen den zur ›impersonalen ›Struktur‹ mutierten heiligen Stalin stark gemacht hatte, war im Osten ein Rebell, im Westen ein Medienereignis und – vielleicht gerade deshalb – eine wissenschaftliche Null. So jemand mochte Gründe haben, sich auf die Suche nach einer neuen ›starken‹ Bindung zu begeben, und wer war dafür besser geeignet als ein Guru, der die Befreiung von allen Zwängen, inneren und äußeren, mittels einfacher ritueller Handlungen verkaufte? Vielleicht tat ich dem Ökonomen Unrecht und er reihte sich zu Forschungszwecken in die Pilgerschar ein oder befriedigte nur seine Reiselust, vielleicht war er auch flugsüchtig oder es ging ihm nicht viel anders als mir und er suchte in einer Maskerade, was ich auf der Insel suchte: einen allen polemischen Verhältnissen enthobenen Ort, an dem es möglich sein sollte, Wirklichkeit zu ›konzipieren‹, was wohl ›empfangen‹ hieß, aber einen seltsam aktivistischen Beigeschmack besaß, den die sexuelle Bedeutung so nicht hergab.

Vielleicht ja doch. Die Erzeugung des Neuen mittels mechanischer Verrichtungen, sei es das Auflegen des Notizblatts als zitathafter Aufruf der Tabula rasa, sei es das Reisen an einen peripheren Ort, der stark oder abgesondert genug ist, um seinen eigenen Mittelpunkt auszubilden und den Ankömmling mit seiner Kohäsionskraft zu bannen, sei es das systematische nächtliche Treiben eines kinderlosen Ehepaars, das seine Hoffnung auf Nachwuchs noch nicht fahrengelassen hat, sei es der stete Strom von Poona-Reisenden, der dem Ostasien-Geschäft der Fluggesellschaften einen farbigen Rendite-Tupfer aufsetzte, entstammt dem Glauben, dass man sich nur die Hacken ablaufen muss, um das nie Dagewesene zu erfahren, um seiner ›ansichtig‹ zu werden, wie es korrekt heißen sollte. Das Gesichtswesen Mensch braucht das geschaffene Gegenüber, in dem es sich erkennt, den Spiegel, und es ist herzlich gleichgültig, ob es sich dabei um Kulturlandschaften, Meditationsräume oder Fruchtbarkeitstabellen handelt. Nicht was es darin erblickt, ist wichtig, sondern der Umstand, dass es kontaminiert ist mit Arbeit, Beschäftigung, Mühen, Ausgaben, Seelenzuständen, mit zugebrachter und verausgabter Zeit. Dass man in Spiegeln – realen oder imaginären – der Zeit ansichtig wird, wissen viele Leute und es ist ihnen unheimlich, aber es überwiegt die Befriedigung, sagen zu können: ›Das bin ich, das alles bin ich noch einmal‹, und in diesem ›noch einmal‹ steckt der Gedanke des Wirklichen: ›Ich bin’s, ich bin es wirklich.‹ Alles andere – ›Was, das soll ich sein? Nie und nimmer!‹ – ist Koketterie, ein unerfülltes Auf-Nummer-sicher-Gehen, weil man nicht weiß, ob das, was die anderen von einem zu sehen bekommen, ihnen auch gefällt. Diese Plackerei im Angesicht einer nicht zu bewältigenden Fülle von Möglichkeiten lässt den anderen nicht aus, aber er steht, wie im Moment der Empfängnis, nicht im Zentrum. Insofern hatte Anita nicht Unrecht, wenn sie mich zurückbeorderte und verlangte, dass ich mich ›stattdessen‹ mit ihr beschäftigte, wobei es sie nicht die Bohne interessierte, womit ich mich augenblicklich befasste, abgesehen davon, dass sie mir nicht glaubte.

Was ich hier trieb, war in ihren Augen nur ein Vorwand, mich nicht mit ihr zu beschäftigen, und darin lag die Abtrünnigkeit. ›Liebe machen‹ – der traurige Euphemismus umschrieb exakt den Freiraum, den sie mir im Gehege unserer Gemeinsamkeit einräumte. Aus ihrer Sicht benahm sie sich großzügig, wenn sie ihren Körper meinen Phantasien zur Verfügung stellte, obwohl ich mit Bedauern zur Kenntnis nehmen musste, dass auch diese Großzügigkeit bereits abnahm. So, das wusste sie, gehörte es sich. Die Bewirtschaftung eines erworbenen Gutes ist eine andere Sache als die Ausgaben, die sein Erwerb mit sich bringt. Andererseits hängt beides zusammen, schließlich soll sich die Anschaffung lohnen. Anitas unstetes Alltagsverhalten kam nicht zuletzt daher, dass sie zwischen kurz- und langfristigen Renditevorstellungen schwankte. War sie den einen Morgen bereit, das frisch erworbene Gut um des raschen Profits willen zu kannibalisieren, so träumte sie am nächsten Tag von langfristigen Investments und lebenslangen Amortisationen. Ich wiederum, hin- und hergeworfen zwischen extremen Behandlungsweisen, deren Beschreibung langweilen würde, weil die Beispiele unter die Kategorie ›Alltag‹ fallen und ihre Brisanz verflogen ist, sobald man sie festzuhalten versucht, hatte begriffen, dass es gut war, ihre Großzügigkeit, wenn man das so nennen durfte, nur in Maßen in Anspruch zuinehmen. Die Frau, mit der ich neuerdings zusammenlebte, besaß zu meinem nicht enden wollenden Erstaunen zwei Körper: der eine ›brauchte den Sex‹ und griff irrlichternd zu, sobald sich eine Gelegenheit bot, der andere erwies sich rasch als Gliederpuppe in den Fingern einer zwanghaft kalkulierenden, das Spiel von Aufwand und Ertrag bedenkenlos ausreizenden Person.

Beklommen registrierte ich die Skala von Gefühlsausbrüchen, Stimmungsschwankungen und rasch verfestigten Verhaltensweisen, die auf nichts weniger als den Ruin meiner Seelenruhe zielte. Ich fand einfach kein Mittel, der rasanten Folge von Explosionen und Explosiönchen mit Festigkeit zu begegnen. Das lag vor allem daran, dass ich das zugrundeliegende Kalkül nicht erkennen konnte, also das Set von Regeln, nach denen physische Gegenwart in körperliche Nähe oder Abwehr umschlug, weshalb ich die Empfindung hatte, der Umschlag könne jederzeit und in jeder beliebigen Situation eintreten.

In dieser Lage heißt es auf Distanz gehen, auch wenn sie das Problem nicht löst, sondern eher vergrößert. Die Insel bot zwar den Vorteil physischer Entfernung, aber meine Psyche weigerte sich, sie als beruhigenden Faktor zu akzeptieren. Mit Anitas Telefonstimme im Ohr wollten sich die Segnungen der Ferne nicht einstellen – weder die imaginäre Lust am grenzenlos verfügbaren, dat abwesenden Körper des Anderen noch die kaum realere, die aus der entschlossenen Abwehr seiner Anmutungen resultiert. Ich konnte mich fragen, ob darin eine Drohung oder eine Verheißung lag. War es eine Verheißung, so verbarg sie sich geschickt hinter der Maske der Drohung. Davon zeugten die nervösen Anwandlungen, die kleinen Schweißausbrüche und Absencen inmitten der wieder aufgenommenen Lektüre, die leise Panik, die sich meldete, als das Tageslicht sich irgendwo über dem Wasser verlor. Die Frage ist, wem sie ihr Zeugnis anboten. Außer mir war niemand da und ich verfügte nicht über die Freiheit, die nötig gewesen wäre, die verschwiegene Botschaft zu buchstabieren: die Freiheit, über eine Trennung von Anita nachzudenken, nachdem ich mich gerade mit ihr verbunden hatte.

Damals wusste ich noch nicht, dass der Gedanke an Trennung den Kern einer Beziehung darstellt, dass also ›Beziehung‹ vor allem ›Aufschub‹ bedeutet. In dieser Hinsicht war ich genauso unbedarft wie die meisten meiner Altersgenossen. Heute weiß jede Göre darüber Bescheid. Ein untrügliches Zeichen, dass auch diese Form des Zusammenlebens der Geschlechter in die Jahre gekommen ist. Das mag seltsam klingen, da man jene versunkene Zeit heute gern mit libertinären Lebenspraktiken assoziiert, die der Revolte entstammten und sich emotional weiterhin ihr verbanden, während sie sich im Alltag nach und nach diversifizierten und subkulturell verfestigten. Aber diese Verbindung brachte es mit sich, dass die ›normale‹ Beziehung allgemein als gültiges Gegenmodell zu den revolutionären, leider auf Dauer unlebbaren Entwürfen gehandelt wurde, auch wenn interessierte Magazine die Dinge gelegentlich anders darzustellen wussten. Beziehungspflege und ideologisch unterfütterte Promiskuität ließen sich ohne weiteres miteinander vereinbaren, vermutlich, weil es dem Doppelaspekt von Sexualität auf zeitgemäße Weise Rechnung trug und sich – oberflächlich betrachtet – nicht allzu weit von einer Praxis entfernte, die man zu verabscheuen behauptete, während ihre als reaktionär geschmähten Vertreter keine sonderliche Mühe hatten, das Neue in den hergebrachten Begriffen zu interpretieren.

›Normalität‹, nicht ›Befreiung‹ hieß das Schlüsselwort jener Jahre, ›befreite Normalität‹ oder wie immer man sie bezeichnen mochte, jedenfalls Normalität ›danach‹, nach einer Revolte, an der die wenigsten aktiv teilgenommen hatten, auch wenn sie im Lebensgefühl der Einzelnen tiefe Einkerbungen und Narben hinterlassen hatte. Um dabei gewesen zu sein, genügte die Erinnerung an Fernsehbilder und Streitereien am Familientisch, an lange Haare und sporadischen Drogenkonsum, an Ho Tschi Minh-Plakate und – höchstes Glück! – gelegentlichen, meist eher indirekten Bullenkontakt. Dergleichen reichte aus, um die neue Normalität zu legitimieren, die sich unverzüglich auch unter Homosexuellen ausbreitete und Wörtern wie ›Urbanität‹ einen modifizierten Klang verlieh, in dem die immer rege Sehnsucht der Menschen angesichts des geringen Widerstandes, den die Umgebung dem Projekt der sexuellen Befreiung entgegensetzte, umgeschlagen schien und jetzt den alten Kleine-Leute-Traum von ›etwas Festem‹ energisch in den Mittelpunkt rückte. Ich erwähne das auch, weil es sonderbarerweise mit einer Passage in Tronkas Dissertation zusammenging, die vordergründig von ganz anderen Gegenständen handelte. Identität, so las ich dort – oder glaubte ich zu lesen, denn ganz sicher war ich mir nie –, ist das Andere des Andersseins, seine abgedunkelte Seite, die immer anwesend bleibt, während sie abwesend scheint, was mehr mit der Art und Weise zu tun hat, sich in Gedanken auf den einen oder anderen Aspekt einer Sache zu konzentrieren, als mit der Sache selbst. Außerhalb dieser Beziehung, so Tronka – er schien an der Stelle nicht übermäßig originell zu sein, aber auf eine für mich schwer zu durchschauende Weise konsequenter als andere –, ergibt die Rede von ›Identität‹ gar keinen Sinn, was offenbar hieß, dass man sich nichts weiter dabei denken konnte, so sehr man sich auch anstrengte. Diese Beziehung war also auf jeden Fall etwas Festes, etwas, das sich auf keinen Fall auflösen ließ, selbst wenn man es wollte, und sie war allen Beziehungen eingesenkt, die ein Mensch eingehen konnte – in Gedanken, Worten und Werken –, da er es in ihnen notwendig mit diesen beiden, mit Identität und Andersheit, zu tun bekam, auch wenn er noch angestrengt versuchte, sich aus allen diesbezüglichen Fragen herauszuhalten. Auf der anderen Seite war sie offensichtlich etwas Abstraktes, das sich beliebig füttern ließ, so dass jede Beziehung, die jemand einging, als solche gleichwertig neben allen anderen stand, ohne dass es weiter darauf ankam, wer sich da mit wem aus welchen Gründen und zu welchem Zweck zusammenschloss, Hauptsache, das Spiel von Identität und Andersheit, das Kreisen um die Frage ›Wer bin ich und wer bist du?‹ konnte beginnen.

Dass es Homosexuelle am Ausgang einer langen Diskriminierung danach gelüstete, in ›ganz normalen‹ Beziehungen zu leben, war demnach dem Modell der Beziehung geschuldet und lag keineswegs daran, dass Homosexualität mit einem Mal als normal betrachtet wurde – was ja auch nur eine weitere Festschreibung ›von außen‹ bedeutet hätte und also nichts, was sich in die Form des Begehrens bringen ließ. Entsprechend büßten die hergebrachten, mehr oder weniger zweckmäßig um die Institution der Ehe gruppierten Weisen heterosexueller Verbindung über Nacht ihre alten Unterschiede ein und wo ein paar Jahre früher der Liebhaber mit seiner Geliebten ins Bett gestiegen war, erwachte unsereiner auf dem Matratzenlager einer Beziehung, in der alles darauf angelegt war, die alten Rollenbilder zu verneinen und aus diesen fortgesetzten Akten der Verweigerung etwas hervorgehen zu lassen, das sich ›gut anfühlte‹, aber seine Meriten weitgehend im Schutz der Zukunft entfaltete. Anita und ich waren, als wir zusammenzogen, einfach ein Stück weitergegangen als zuvor und mussten nun herausfinden, ob wir nicht vielleicht einen Schritt zu weit gegangen waren. Was das für ein Schritt war, ließ sich nur schwer beurteilen, da die Erfahrungen früherer Generationen fehlten, die einen Maßstab an die Hand hätten geben können. Der Punkt war, dass wir ihn nicht beurteilen, sondern erproben wollten. Als die ersten Bücher auf dem Markt erschienen, in denen kühl die Vorund Nachteile des Zusammenziehens gegeneinander abgewogen wurden, zersprang diese Welt mit einem lautlosen, nichtsdestoweniger mächtigen Knall, der noch heute in den schlaflosen Nächten mancher Jahrgänge nachhallt.

Ich weiß, dass ich abschweife, aber die Abschweifung ist beabsichtigt, weil sie das Ineinander aus Gefühlen, Gedanken und fortgesetzter Lektüre charakterisiert, in das mich Anitas Anruf gestürzt hatte. Während ich weiterlas, nachdachte, hin und her lief, versuchte ich beständig, mich in Hörweite des Telefons aufzuhalten, ohne mir darüber groß Rechenschaft abzulegen. Mühsames Unterfangen! Der Apparat schwieg, und je länger er schwieg, desto dringlicher wartete ich auf den Anruf, der die Entscheidung bringen musste. Da war er, der Aufschub, um den ich gebeten hatte – erst laut und vergeblich, dann stumm im Medium meiner Selbstgespräche –, ein Aufschub, an dessen Ende allerdings, wenn es nach mir ging, nicht die Trennung, sondern einfach die Rückkehr stand. Solange das Telefon schwieg, war ich frei, die Inselexistenz fortzusetzen. Es konnte sein, dass Anita das anders sah und dieses Schweigen, das sie womöglich als meines interpretierte, während ich auf ihre Wortmeldung wartete, als Auftakt zur Trennung verstand – das konnte durchaus sein und barg sogar den versöhnlichen Nebenaspekt, dass ihr Drängen auf meine Rückkehr den Impuls andeutete, unsere Beziehung retten zu wollen. Wie oft habe ich diesen Ausdruck seither gehört und als wie zweideutig habe ich ihn empfunden! Wenn es so war, dann musste ich mich fragen, worin die Substanz einer Beziehung bestand, die es nicht ertrug, dass einer der Partner sich eine Zeitlang an einen exponierten Ort zurückzog, um durch eine Tür zu gehen. Und wenn ich so fragte, dann war das, als hätte ich die Antwort schon gegeben: die Substanz der Beziehung bestand in der Beziehung, die solange Bestand hatte, wie sie bestand.

Seltsamerweise fasste der Gedanke, dass Anita ohne mich womöglich nicht leben konnte und deshalb von Stunde zu Stunde mein Kommen ersehnte, nicht für den Bruchteil einer Sekunde in mir Fuß. Erwogen hatte ich ihn schon – aber nur, um ihn gleich zu verwerfen. Er war lächerlich. Er passte nicht zum Bild unserer Beziehung, wie ich es entworfen hatte – ›entworfen‹ ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, mir fällt aber kein besserer ein. Was bedeutet schon ein Ausdruck? Einer steht hier so gut wie ein anderer, auch darüber gaben meine Insel-Lektüren Auskunft. Sie präsentierten das rechte Wort, das ›mot juste‹, wie einen skurrilen Tiefseefisch aus dem Ozean vergangener Obsessionen. Einen Ausdruck ›treffend‹ zu nennen war ungefähr so bizarr, wie wenn jemand einen Mitmenschen als ›trefflich‹ bezeichnet hätte. Es gibt solche Wörter, man spricht sie mit vorgewölbter Oberlippe aus, man legt in sein Gesicht eine ironische Spannung und macht dem anderen damit klar, dass man sich in einer Sprache für Gourmets bewegt. ›Entwurf‹ hingegen ist eine Allerweltsvokabel, damit liegt man immer richtig.

›Machen Sie einen Entwurf!‹ hörte ich aus dem Mund der anwesenden Professoren, sobald ein bevorzugter Student einen Einfall kundtat. ›Machen Sie einen Entwurf!‹ Es erinnerte mich an Reden seitens gewisser Vorgesetzter und führte die Assoziation abgekauter Bleistifte mit sich. Hatte ich ein Bild unserer Beziehung entworfen? Das war schlimm, es war gerade das, was mir Anita am Telefon vorgeworfen hatte, ohne den Vorwurf näher auszuführen. Ich kannte ihn schon, womit ich nicht andeuten möchte, dass er mich kalt ließ. Sie hatte, wie viele gleichaltrige Frauen, als Schülerin Max Frisch’ Homo Faber gelesen; bestimmte Stellen daraus waren, wie andere aus Büchern der Beauvoir, in ihr Repertoire eingegangen, damit musste ein Mann in meinem Alter rechnen. Mag sein, dass mir gerade deshalb der Ausdruck so leicht in die Tasten fließt – ich habe mir ein Bild gemacht, damals wie heute, das soll vorkommen, wobei der Vorwurf, näher betrachtet, ziemlich unsinnig war, denn was ich mir machte, das waren Sorgen, wirkliche Sorgen, die aus Anitas auf Dauer gestellter Überspanntheit hervorkrochen und ihre Tentakeln in Ritzen einsenkten, von denen ich gar nicht gewusst hatte, dass es sie gab.

Die Kreise
10
Renate Solbach: Figur 23
Kritzeleien

In der Zwischenzeit hatte ich angefangen zu zeichnen: eigenartige Figuren, wohl eher Figürchen zu nennen, Gekritzel, das sich zwischen Form und Unform erst dann entschied, wenn der Schwung erlahmte, der die Bewegungen des Stiftes auf dem Papier diktierte. Ich maß dem keine Bedeutung bei, kritzelte auf alles, was sich als Zeichenfläche anbot: Notizzettel, Servietten, Informationsbroschüren, selbst eine Kladde, die ich für ernsthafte Aufzeichnungen mitgebracht hatte, musste von einem bestimmten Augenblick an, der nicht so weit von Anitas Anruf entfernt lag, herhalten, um diesen mir eher unerklärlichen und manchmal beinahe lästigen Drang abzuleiten. Auch in der Wahl meines Zeichengeräts verfuhr ich nicht besonders wählerisch. Bleistift, Kugelschreiber, Federhalter, Kreide – alles erwies sich als gleich genehm, wenn der Tanz der Finger begann.

Keinen Gedanke verschwendete ich daran, das Gekritzelte zu sammeln und zu verwahren. Ich vergaß es einfach wieder, sobald ich den Stift weglegte oder zu einem anderen Zweck gebrauchte. Eine künstliche Schläfrigkeit überkam mich, wenn ich die frisch entworfenen Figuren genauer zu betrachten begann – oder Ungeduld. Sie gaukelte mir vor, die unschuldige Aufmerksamkeit auf das Fabrizierte halte mich von der ernsthaften Gedankenbeschäftigung ab, zu der ich mich verpflichtet fühlte. Soviel Selbstvergessenheit widerte mich an und ich wandte den Blick jenen vagen Regionen zu, aus denen ich den Einmarsch der Gladiatoren erwartete. Dummerweise ließ sich keiner von ihnen blicken. Man konnte argwöhnen, sie hielten sich hartnäckig bedeckt, bis die ganze Situation vergangen und vergessen war. Das hätte mein Misstrauen wecken sollen, stattdessen spornte es den Ehrgeiz an und stürzte mich in neue Lektüren.

So kommt es, dass ich nun, da diese Zeit in mir wieder auftaucht, um vielleicht endgültig zu verschwinden, nichts in der Hand habe, das es mir erlaubte, die Erinnerung zu überprüfen und am gegebenen Fall zu konkretisieren. Das ist schade, denn es bringt mich diesen verflossenen Regungen meiner Produktivität gegenüber in eine Lage, die sich nicht grundsätzlich von der unterscheidet, zu deren Klärung ich diese Aufzeichnungen begonnen habe. Recht besehen, stellt sie sich noch verzwickter dar, da ich ja im Besitz von Rennertz’ Manuskript bin, während hier das Corpus selbst fehlt. Angesichts der umfassenden Gleichgültigkeit, welche die Welt beiden Tatbeständen entgegenbringt, ist das sicher eine eher marginale, um nicht zu sagen gleichgültige Differenz. Und doch, und doch... kitzelt mich heute die Vorstellung, eine kleine Ausstellung der auch nach dem Verlassen der Insel noch jahrelang weitergeführten Kritzeleien im, sagen wir, Gemeente-Museum oder einem stillen Nebenraum der Neuen Pinakothek oder des Städel, in Gesellschaft der würdig oder bedächtig dreinblickenden Werke anerkannter Meister vergangener Jahrhunderte, könnte mir helfen, meine Gedanken zu ordnen und zu verstehen, worum es mir in jenen Wochen zu tun war. Mag sein, dass es sich um einen dann doch zu privaten Zweck handelt, um den Einsatz öffentlicher Gelder zu rechtfertigen. Aber vielleicht ist gerade das zu oberflächlich gedacht – man weiß nie, was aus solchen Aktionen entsteht.

Figuren, ganz ähnlich denen, die ich damals aufs Papier warf, erschienen mir jahrelang im Übergang zwischen Schlaf und Wachen, unentwegt sich wandelnd, hervorgetrieben und entschwindend wie Blasen auf einer harmlos sprudelnden Quelle. Ohne äußere Gedächtnisstütze, angewiesen allein auf eine durch just diese Träumereien zerrüttete und in die Irre geführte Erinnerung, betrachte ich sie als Ausfluss der Langeweile und der Übereilung – sagen wir also, aufs strengste angemessen einer Situation, in welcher der Wunsch und die Mühsal des Begreifens von mir Besitz ergriffen hatten und irgendeiner Klärung entgegensteuerten, von der ich nicht wusste, woher sie kommen sollte, der ich aber inbrünstig entgegenlebte.

Ich weiß, ich weiß! Natürlich war ich ›angeregt‹ durch meine Lektüren. Zweifellos ›fehlten mir die begrifflichen Mittel‹, um mich auf die einzig angemessene Weise zu ihnen ins Verhältnis zu setzen, soll heißen, sie weiterzudenken und das Erdachte anschließend, wie es sich gehört hätte, schriftlich zu fixieren. Kein Wunder also, dass ich zu dem Zeichen-Trick griff, um die Erregung, die daraus resultierte, abzuführen. Andererseits hatte ich schon entdeckt, dass sich die Philosophen jenen Mangel gern gegenseitig attestierten, was sie nicht davon abhielt zu denken, das Erdachte festzuhalten und sogar zu publizieren. Bei manchen schien der Publikationszwang das Denken erst in Gang zu setzen, insofern konnte ich vor der Hand nicht mithalten. Aber wenigstens schien es nicht verboten zu sein, insofern hätte ein wenig Forschheit auf meiner Seite genügen können, um mich von meinen infantilen Kritzeleien abzuhalten.

Infantil – da steht es, hervorgetrieben durch den Abwehrreflex, das Wort, mit dessen Hilfe sich meinesgleichen zu seinen primären Impulsen bekennt, ein Trotz- und Trutz-Wort, das signalisiert: bis hierher und nicht weiter. Alles andere als infantil, ruhen die Zeichnungen in der geräumigen Schatulle meines Gedächtnisses, zwar nicht einzeln, aber in irgendeiner Gesamtheit. Sie ruhen dort, vergleichbar einem unzugänglich gewordenen Schatz, der dennoch unverwandt darauf wartet, irgendwann in naher oder ferner Zukunft geborgen zu werden, durch fiebrige Hände zu wandern und –? Darüber darf einer gar nicht nachdenken, es beschwört etwas, das es einer gewissen Überzeugung zufolge gar nicht geben sollte und dennoch gibt, den Ausstellungswert eines Menschen, und öffnet Untergründe, über die man am besten unausdrücklich hinweggleitet. Bin ich, diese Person, es wert, vor aller Welt ausgestellt zu werden? Mich selbst auszustellen, die Produkte meiner ›Regungen‹ und damit die Regungen selbst? Bin ich so unwert, dass man sich nicht scheut, mich wie ein ausgestopfter Balzhahn vor einer Reihe kurzsichtiger, zerstreuter, traumdröseliger oder nur beflissener Voyeure meine vertrockneten Flügel spreizen zu lassen? Die Gedanken brechen leicht ab, wenn sie diese Stelle passieren, bloß Zyniker verbreiten sich an ihr auffallend gern. Mnemo-Spezialisten wie Museums- oder Archivleute, die mehr mit dem ›Wie‹ befasst sind, weichen rasch auf anthropologische Gemeinplätze aus, sobald die Rede sich dem ›Warum‹ nähert.

Vielleicht hat ja ein Impuls, vergleichbar dem, der mich zu meinen nutzlosen Kritzeleien bewog, zu Momptis ersten Zeichnungen den Anlass gegeben – wenn ich ›erste‹ sage, dann meine ich nicht diejenigen, die ihr Entstehen dem kindlichen Spiel und dem musischen Unterricht verdanken, sondern seine aus der Berührung mit der Literatur hervorgegangenen Notate. Denkt man so, stellt sich alsbald die Frage, ob, was sich daran anschloss – die träumerische Selbstausbildung anhand der ›Meister‹, das Studium, die frühe Berufspraxis –, ihn dem Verstehen der Motive, die der ›Impuls‹ in sich zusammenfasste, näher gebracht hat. Eine offene Frage, die jeder, der nur die Bilder betrachtet, nach eigenem Gusto beantworten kann. Dass sie sich mir – nicht erst seit heute – so stellt, lässt darauf schließen, dass das, was man bei diesem Maler ›Entwicklung‹ nennen kann, in mir auf einige Skepsis stößt. Durch seinen Tod sollte sie eine weitere, eine physische Dimension bekommen.

Ein Impuls, das sagt sich so leicht, man könnte fast vergessen, worum es da geht, wenn es einem nicht nachginge, gleichgültig, wie man sich zu ihm verhält. In meinem Fall trugen die eigenen Kritzeleien nicht wenig dazu bei, mich für die Unterhaltungen mit Mompti und die Wahrnehmung seiner Kunst zu öffnen. Eingangs erleichterte seine schier unerschöpfliche, von leiser Ironie durchzogene Geduld gegenüber den dilettierenden Kunstanschauungen anderer unser Gespräch. Aber von einem bestimmten Punkt an erschwerte sie es auch und ließ es oft genug ins Fruchtlose abgleiten. An solchen Stellen trat die Eigensicht, diese schweigsame Instanz, in unser Verhältnis ein und veränderte den Umgang, den wir miteinander pflegten. Ein intimer Kenner der Verhältnisse hätte den Eindruck gewinnen können, ich sei dazu übergegangen, zeichnen zu lassen, nachdem es sich nun einmal so ergeben hatte, dass dieses Individuum etwas von der Art dessen realisierte, was in meinen unscheinbaren Versuchen ›angedacht‹ war. Ich glaube fast, etwas in mir hätte dieser Deutung zugestimmt.

Momptis ursprüngliche Motive konnten sich ohne Zweifel in jeder erdenklichen Hinsicht von meinen unterscheiden. Wahrscheinlich taten sie das auch. Aber es fiel – und fällt – mir nun einmal leichter, über seine mir nur auf dem Weg der Spekulation zugänglichen Motive Überlegungen anzustellen als über die, die hinter meinen ins Abseits gebannten Versuchen standen. Die Kunst bietet ja für Außenstehende den Vorteil, dass sich an ihr mehr oder weniger klar ablesen lässt, was den, der sie ausübt, ›umtreibt‹, so dass die Galerien als notgeborene Auskunftsinstanzen Einblick in die wirklich bewegenden Motive der Menschen geben oder gäben, wäre nicht die Zensur durch den vorgeschalteten Zeitgeist und seine Spekulationen über die ›Güte‹ des Materials allgegenwärtig.

Was Momptis Motive angeht, so lagen sie in den Arbeiten, die unserer Bekanntschaft unmittelbar vorauslagen, eher zutage als dort, wo er das Glück der Zeitgenossenschaft ausgekostet hatte. Auch von ihm gibt es diese obligaten Blätter, auf denen eine lebensfeindliche Warenwelt ihre ikonographischen Reize ausstellt, während gleich nebenan eine ironisch gerasterte Natur zu allerlei porösen und fadenscheinigen Knotenstock-Gebilden verkommt. Ein Stück weiter, und Künstlers Ego paradiert als Inbild einer staksig aufgeblasenen Männlichkeit, die zur Übernahme von Verantwortung bereit scheint, aber – aus Gründen, unter denen die verblasste Erinnerung an alte Vietnam-Demonstrationen ebenso vage spukt wie die Ablehnung jeder ererbten oder ersonnenen Geschlechterrolle – so daherkommt, als habe sie just begonnen, sich nach anderweitig gegebenen Möglichkeiten umzusehen.

Irgendwann hatte sich der ›junge Mann‹ erfolgreich des angehenden Künstlers bemächtigt. Auf seinen späteren Arbeiten, die mich so sehr beeindruckten, war davon nichts mehr zu sehen. Umso deutlicher erhielt es sich in Momptis persönlichem Gebaren – zum vermutlich nicht immer stillen Ärger seiner Lebensgefährtin, die die entsprechenden Vorräte bei sich selbst längst entsorgt hatte. Man trifft solche Pärchen hin und wieder, wandelnde Erinnerungsstücke an vergangene Phasen der gesellschaftlichen Mobilisierung, die sie verbal nicht selten ironisieren. Der im Lebensgefühl fixierte, gewissermaßen eingedoste kollektive Aufbruch hält jene Kraft nieder, die aus den eigenen, unabdingbar privat bleibenden Aufbrüchen zuwächst und einem ermöglicht, sein Leben zu führen. So stehen sie ›in der Mitte des Lebens‹ wie in einem Irrgarten, plötzlich, niemand weiß wie, von dichten Hecken umfangen, deren betäubender Duft ihren Lippen das Bekenntnis abpresst, einverstanden zu sein, während jeder Versuch, zur äußeren Welt durchzudringen, mit bösartigen Schrammen und Rissen beantwortet wird. Gut möglich, dass sich Momptis Lebensgefährtin (die als Künstlerin so lange in seinem Schatten dilettieren konnte, bis er schwach genug geworden war, um ihr zur Verfügung zu stehen und in den Dienst ihrer ›Karriere‹ zu treten) irgendwann unauffällig in die erste Agentin der Gesellschaft verwandelte. Ohne von ihm Rechenschaft zu erwarten, präsentierte sie nach und nach ihre Rechnungen, ohne Aussicht auf Erstattung, aber mit dem klaren Ergebnis seines immer umfassenderen Ruins.

Legte ich probeweise meine Kritzeleien in Gedanken neben seine ausgereiften, unendlich subtilen Produktionen, dann bettete ich ein vages, möglicherweise unüberschreitbares Noch-nicht neben ein sich soeben abzeichnendes, dem Verstehen noch weitgehend unzugängliches Nicht-mehr. Die seltsame Verwandtschaft, die ich dabei empfand, hatte mit seinem mein eigenes himmelweit übertreffenden Talent nichts zu tun. Sie bezog sich vielleicht darauf, dass der Irrgarten, in den er geraten war, ohne einen anderen Ausgang als den unauffällig seine Zeichen mehrenden Tod, dem entsprach, der mich umgab, seit ich denken konnte. Dass ich auf der Insel zu zeichnen begonnen hatte, verdankte sich meiner wütenden Versenkung in die Philosophie, es reproduzierte die Form des Angeregtseins auf dem Papier und ließ die Inhalte vorerst links liegen. Jedenfalls glaubte ich das, solange ich unter dem frischen Eindruck der ersten Lektüren stand. Als ich anschließend die Schwelle zu Momptis Atelier überschritt, kam es mir vor, als hätten meine frisch erworbenen Motive sich hier in Figuren, Schattierungen und Farbmuster verwandelt, die lose zwischen mir und den still an ihren Plätzen verharrenden Blättern schwebten, und als sei es von nun an notwendig, mich praktisch in der gerade erlernten Sprache der postmetaphysischen Unterscheidungen zu bewegen und ihre Formeln und Problemlagen dazu zu verwenden, um mit den Erscheinungen, die mich in diesem Mal-Raum umgaben, Kontakt aufzunehmen und mich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Seltsam und wunderbar konnte es anmuten, dass die geronnene Jugendlichkeit des ›Spät-Achtundsechzigers‹ Mompti just vor den Lektüren bewahrt hatte, in deren Zeichen ich seine Bekanntschaft machte. Dabei las er – ziemlich viel sogar, verglichen mit anderen Vertretern seines Fachs. Er las Bücher mit dem Ernst des Illustrators, der er unter anderem auch war. In der gegenwärtigen Krise stellte er sich förmlich in ihren Schatten, als schmerze das grelle Licht des Problems, das sein Talent neuerdings aufwarf und mit dem es mehr und mehr verschmolz. Meine Kritzeleien waren Notate, bei denen ich mich nicht lange aufhielt. Seine Illustrationen waren mit den Jahren quasi zu wissenschaftlichen Apparaten mutiert. Leser, die aufs Wort fixiert blieben und die Bilder allenfalls mit einem Seitenblick bedachten, gingen an den Lesarten, die aus ihnen sickerten, ahnungslos vorbei. Eine ähnliche Verwandlung hatte sich bei den ›frei‹ geschaffenen Blätter vollzogen. Sie gehörten zwar zu keiner Lektüre, suggerierten sie jedoch etwa so, wie ein Variantenverzeichnis auf den gereinigten und vollständig scheinenden Text hindeutet, zu dem es gehört und dessen Kenntnis es daher ahnungsweise vermittelt.

Spontan erkannte ich in diesem ausgesparten, dem Künstler selbst nicht geläufigen Text, dessen Kenntnis zum Verständnis der Bilder gleichermaßen zwingend vorausgesetzt wie überflüssig und unerreichbar war, meine Insel-Lektüren wieder. Ich erkannte sie in der Gestalt, in der sie mir zu Kopf gestiegen waren, also nicht als eine Sammlung wohlgeformter, überlegter, sich zu schlüssigen Argumentationen zusammenfügender Sätze, sondern als eine Art Magma, dessen gelassene Drift die Bilder durchpflügte, alles, was es dort zu sehen gab, verschob und verdrehte und selbst die Koordinaten nicht unberührt ließ, in deren Netz der Künstler sie eingetragen hatte. Es handelte sich um ein sichtbares und dennoch nur in Gedanken vorhandenes Netz und nicht einmal das.

Momptis Denken, vollständig mit der Verteilung von Farbwerten, Strichqualitäten und dem, was er das ›Gesehene‹ nannte, beschäftigt, hatte es weder ausgelegt noch empfangen, es blieb Gedankenhintergrund und erinnerte den, der sich in diesen Dingen auskannte, daran, dass Denken sich weder linear noch in einer Ebene bewegt, sondern auf einem Grund unreflektierter Differenzen und ›Voraussetzungen‹ dahingleitet. Mompti lachte, als ich Bemerkungen über diese Hintergedanken machte. Es war ein wohlmeinendes Lachen, er hätte wohl gern mehr darüber erfahren, aber es fiel ihm schwer, mir zuzuhören, er musste das Gespräch ins Banale abgleiten lassen, als hätte ich seinen Verstand an einer kitzligen Stelle berührt. Ein verschobenes Denken, so fand ich, war die Ursache all dieser Bilder, und ich glaubte zu wissen, was dieses Denken verschoben hatte – eine Erwartung, die der Maler in seiner Jugend mit anderen geteilt und die sich über die Jahre oder über Nacht entzogen hatte, ohne dass sich etwas anderes an ihrer Stelle hätte einnisten können – eine neue Erwartung vielleicht oder eine anders geartete Nüchternheit.

Diese ausgebliebene, in irgendeiner Form noch immer erwartete Erwartung band ihn an den gesellschaftlich überständigen Typus, den er verkörperte, ohne sich dessen sonderlich bewusst zu sein. Sie trennte ihn von den nur scheinbar erfolgreicheren Vertretern seiner Generation, die in nicht enden wollenden Lernprozessen hinter einer Realität herhechelten, zu der sie sich während der entscheidenden Jahre in fundamentaler Opposition befunden hatten. Nicht, dass er nicht zu lernen bereit gewesen wäre – aber das Modell kollektiven Lernens ›im Umgang‹ mit den prinzipiell als feindlich angesehenen Realitäten dieser Gesellschaft (welcher auch immer) stieß in ihm auf keinen Widerhall mehr. Ohne sich völlig festzulegen, sympathisierte er mit der Überzeugung, dass jemand, der so begierig ›dem Feind‹ seine Handlungsweise abschaut, über kurz oder lang selbst zum Feind wird.

Ach, ich verstand ihn gut. Die etwas summarisch so genannte Neue Linke, von der Gesellschaft lange verfemt und willkommen geheißen und irgendwann unvermittelt in ihrer Mitte angekommen, gab den Hans im Glück, immer bereit, ihr Pfund in das umzutauschen, was ihr gerade dafür geboten wurde. Jeder Korruptionsfall, der einen der ihren betraf, war daher mehr: ein Symptom der laufenden Veränderung und ein weiteres Beweismittel in jenem stillen und ununterbrochenen Gerichtsverfahren, das in Momptis Kopf ablief und den ehedem geteilten, in einer Art Hassliebe festgehaltenen Gesinnungen galt. Die irgendwann ausgebliebene Erwartung hatte sie in alter Frische konserviert, das Ausbleiben der Erwartung die Überzeugung reifen lassen, sie allein hätten seine Generation ›gültig‹ geprägt und ihr das Genick gebrochen. Mompti war zum Gesinnungsfall geworden. Währenddessen spielten sich andere, die es weiterhin mit der ihm abhanden gekommenen Erwartung hielten, als Verantwortungsethiker auf.

Die Erwartung besaß einen Vorteil: die Ideen, mit denen man sie im Lauf der Jahre befrachtete, konnten sie nie ganz ausfüllen. Die Leere blieb, die Inhalte wechselten. Sie hielt nicht nur an, sie vergrößerte sich kontinuierlich. Sie wuchs in dem Maße, in dem die Inhalte gleichgültiger wurden und nach und nach die Färbung des Universums annahmen, gegen das man angetreten war. Die Erwartung des ganz Anderen übertrumpfte alles, was man realisieren konnte oder wollte oder wirklich realisierte, falls sich gerade eine Gelegenheit bot. In vielen, auch prominenten Köpfen hat sich die Erwartung von ’68 im Lauf der Jahrzehnte fast gänzlich in diese Leere verwandelt. Sie bietet den Vorteil, den Machenschaften auftrumpfender oder sich unauffällig nach vorne schiebender Cliquen oder Machtmenschen keinen, allenfalls minimalen Widerstand entgegenzusetzen. Daher wird sie sich weiter in den Köpfen halten, bis sie gänzlich von ihr erfüllt sind. Und das ist gut so. Schließlich erlaubt es deren Trägern, am Ende ihrer Tage als Sieger vor der Geschichte aufrecht und glänzenden Gesichts in die Ewigen Jagdgründe eines auf den Namen Alzheimer lautenden Hedonismus einzugehen.

Diese Menschen haben kein ernsthaftes Problem. Sie hatten nie eines und werden auch keines bekommen, solange die Prostata und gegenlagige Organe mitspielen. Sie sind, nach dem gängigen Schnack, das Problem. Mit ihm geschlagen waren Personen wie Mompti, die eines Morgens aufwachen und feststellen, dass ihnen die Erwartung abhanden gekommen ist, ausgeblieben wie das Sommerwetter, auf das man abonniert zu sein glaubte. Solche Leute erkannte und erkennt man bis an ihr seliges Ende daran, dass sie zwanghaft gerade die Ideen festhalten, in deren Gesellschaft sich die Erwartung zum letzten Mal in ihnen hat blicken lassen, und dass sie den allseitigen Verrat mit einer Art holpernder Ironie begleiten, die stets aufs Neue über eine ins Bewusstsein eingelassene Schwelle hinwegsetzen muss, bevor sie freie Bahn bekommt.

Auf Momptis Blättern war der umfassende Verrat zu besichtigen, den alle die begingen, die die Ideen von ’68 insofern ›weiter entwickelt‹ hatten, als sie sich nach Gutdünken aus ihnen den rhetorischen Mantel eines den jeweiligen Umständen angepassten Handelns zurechtschneiderten. Man sah sie in trauter Zwietracht mit den zu Karikaturen erstarrten Gesinnungsgenossen, die auf den Einstellungen der ersten Stunde insistierten und eine moralische Autorität in Anspruch nahmen, die keiner ernst zu nehmen brauchte. Man sah, wie sie waren, sie schimmerten gleichsam durch sich selbst hindurch wie zu Boden gesenkte Fackeln im Moment des Erlöschens. Man sah durch ihre Augen und war not amused, denn was man sah, war das Bild einer kalten, von irgendeinem blinden Wunsch deformierten und zur Müllkippe deklarierten Welt, aus der jemand Lurche in ein Aquarium umsetzte. Momptis Bilder rührten an etwas, das Leckebusch vermutlich als ›einsetzende Reflexion‹ bezeichnet hätte, vorausgesetzt, er sah in zeitgenössischer Malerei ›überhaupt‹ etwas anderes als eine sich stetig vermehrende Sammlung bunt bedruckter Geldscheine.

Ein ähnlicher Fall von ›einsetzender Reflexion‹ hatte mein Gekritzel hervorgetrieben. Der ganze Unterschied bestand darin, dass sie bei mir als Begleiter einer Lektüre aufgetreten war, in der das Denken seine Zauberkünste als ›Arbeit des Begriffs‹ entfaltete. Demgegenüber verharrten Momptis Lektüren in einem Vorhof, in dem die meisten Menschen Zeit ihres Lebens Bilder ihrer selbst zu erhaschen versuchen. Sie bringen sich vor wechselnden Spiegeln in Positur und geben sich einmal kühn, einmal behäbig, einmal in raffinierter Sorge um sich oder fast zur Gänze depersonalisiert, jedesmal aber außer sich selbst – denn darauf kommt es an. Deshalb sollte einer wie Mompti schließlich illustrieren, und dass er sich darauf einlassen konnte, verriet zur Genüge, dass zwischen ihnen und seiner Kunst irgendein Einvernehmen herrschte.

Der Wunsch, sich um jeden Preis ›unterhalten‹ zu lassen, zerstört früher oder später jede ernsthafte Lektüre. Er ist der Vater all der clownesken Bücher, deren Bebilderung Mompti ein nicht unbehagliches Auskommen bescherte. Seine Lebensgefährtin wusste das wohl. Wenn er gelegentlich in Gefahr geriet, es zu vergessen, war sie unweigerlich zur Stelle und erinnerte ihn mit Sorge daran, welche unerledigten Aufgaben noch anstanden und von welcher Leute Auffassungen sie lebten, worauf er sich ein paar Tage grollend in seine Haut zurückzog, um anschließend schweigend weiter zu funktionieren.

Die Kreise
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Renate Solbach: Figur 24
Spesen

Auf meinem Balkonstuhl, in Hörweite des Telefons, das aber stumm blieb, gab es keinen Mompti. Es gab, worauf ich in den letzten Tagen weniger geachtet hatte, die Stimme einer Einrichtung, Kurkonzert genannt, die jeden Morgen mit der Urgewalt eines neben dem Gehör explodierenden Ghetto Blasters einsetzte: sobald man sich stehend über die Balkonbrüstung beugte, konnte man in einiger Entfernung den weißen Pavillon erkennen, in dem sie aufklang oder – für den Liebhaber der Wörter sei es gesagt – erscholl. Vor dem Pavillon, auf seiner offenen, dem Meer abgewandten Seite, zogen sich einige Reihen Stühle hin, zwischen denen Kinder Fangen spielten, auf denen aber auch immer einige Erwachsene Platz nahmen, zumeist Mütter und ältere Frauen. Männer, glaubte ich zu bemerken, wohnten dem Spektakel eher Sonntags bei, zur Kirchzeit, auch wenn die meisten von ihnen, wie ich vermutete, seit ihrer Kindheit keinen Gottesdienst mehr besucht hatten. Die Messe, die hier unter offenem, oft genug regenverhangenem Himmel stattfand, unterschied sich in wenigen, aber signifikanten Momenten von der, die ihnen im Blut lag, auch wenn sie sie mieden. Dazu gehörte die Auswahl der vorgetragenen Stücke ebenso wie der feixend-beschwingte Tonfall, in dem ein sprachlich und wohl auch gedanklich eher unterbemittelter Sprecher seine erläuternden oder aufmunternden Zwischentexte an die Kundschaft brachte. Der größte liturgische Unterschied bestand natürlich darin, dass die Austeilung der Hostie – der Auftritt der jugendlichen Sängerin –, sich ohne theologisches Brimborium vollzog, dafür jedoch einen längeren Zeitraum beanspruchte. Das freute die Gläubigen.

Die Sängerin, Hostie und Priesterin in einem, verfügte über eine Anzahl von Posen, die sie den aus Fernsehen und Videoclips bekannten Kolleginnen abgeschaut hatte. Ihre Mimesis blieb jedoch äußerlich, vermutlich, weil niemand sie in die Kunst der Körperinszenierung eingewiesen hatte. Gerade damit fügte sie sich, wie es schien, gut in die Erholungswelt der kleinen, dauernd wechselnden, ihren Darbietungen mit entspanntem Behagen folgenden Fangemeinde ein, die wusste: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Wie im wirklichen Leben war es nicht immer dieselbe Sängerin, die dem Publikum ihre vom Leben enttäuschten Erwartungen zur Kenntnis brachte. Aber irgendwie blieb sie immer dieselbe. Man konnte sich vorstellen, ein am Vortag begonnenes Gespräch mit ihr fortzusetzen, es spielte keine Rolle, dass mittlerweile eine andere ihren Platz einnahm. Man fand nur keinen Grund, privat mit ihr zu plaudern, schließlich ›gab sie alles‹ auf der Bühne. ›Das ist mein Leib‹ sagten ihre Gebärden, das energische und, obwohl irgendwie im Rhythmus, immer wieder unerwartete Rucken ihres Halses, das zweifelhafte Girren, das dem, was man Gesang nennen mochte, unentwegt in die Seite fuhr, ›das ist mein Leib, den ich vor euch breche (nicht für euch, wo kämen wir da hin), das ist mein Blut, das ich vor euch in Wallung bringe, damit auch eures in Wallung gerate‹. Es wallte aber nichts und es brach nichts, außer der Illusion, an der die Sängerin ohnehin nicht teilnahm, da sie wusste, dass sie nicht zählte und sich daran nichts ändern würde. Seltsamerweise gab ihr das einen Anstrich von Professionalität und brachte die Leute auf der Promenade dazu, den Schritt zu verlangsamen und ein, zwei Minuten stehen zu bleiben. Auch ich nahm schließlich, zurückgelehnt und fast entspannt, an dem Spektakel teil.

»Nicht hinhören, einfach nicht hinhören«, erklang die Stimme des Zimmerwirts über meinem Ohr. »Man kann das trainieren. Nein, eigentlich nicht, man macht sich etwas vor. Aber es ist nicht immer da. Die verschärfte Haft findet hier drinnen statt.« Ich konnte mir vorstellen, worauf er deutete. Aber ich sah nicht hin. Das Buch auf meinen Beinen rutschte, glitt, klappte zusammen und fiel zu Boden. Er hatte recht, aber was er anbot, war keine Hilfe. Die Songs waren laut und glitschig, was sie berührten, überzogen sie mit Schmierseife. Merkwürdige Dinge geschahen unter ihrem Regiment. Das Wandern der Gedanken, gerade noch der soeben gelesenen Buchseite zugewandt und aus ihr die Inspiration für Ausflüge in unübersehbare Gelände beziehend, kam binnen kurzem zum Erliegen. Umsonst ruderten die Ameisenfüße noch eine Weile, ehe sie vollends ermüdeten, während das verbleibende Aufgebot an mentalen Kräften damit beschäftigt war, das Abgleiten zu verhindern. Rasch verschoben sich alle Ebenen, verwandelten sich in schiefe Bahnen und Steilhänge. Unversehens hielt man statt eines festgehalten geglaubten Gedankens ein ausgerissenes Grasbüschel in Händen, das sinn- und zweckloserweise den Weg in die Tiefe nahm. Welche Tiefe? Zweifellos die des Gefühls oder einer sehr gemischten Empfindung, in der sich Fassungslosigkeit, Ärger und mimetische Ansteckung gegenseitig beharkten und in einer Art anhaltender Slapstick-Aufführung reihum von der Bühne schubsten.

»That’s music«, hätte die junge Dame dort unten vermutlich mit lachend entblößten Zähnen erwidert, wäre ich auf den Einfall gekommen, mich darüber zu beschweren, dass sie der Person, die zu fördern ich auf die Insel gekommen war, ohne einen Gedanken auf Sängerinnen und nächtliche Tresengespräche zu verwenden, durch die schiere Ausübung ihrer Profession schwerste, womöglich letale Schäden zufügte. Sie hätte auch sagen können »Gib’s auf!«, aber das hätte Bildung vorausgesetzt und soweit hätten wir beide nicht gehen wollen. Wer weiß, ob nicht auch ihre Variante bereits einen Doppelsinn besaß. Für jeden, der vorüberging, musste auf der Hand liegen, dass bei diesen Darbietungen von Musik kaum die Rede sein konnte.

Zwei Jahrzehnte Beat und Pop hatten dem Schlagermaterial, das die Kurleitung für ihre angeschlagenen Gäste aufbereiten ließ, irreparable Schäden zugefügt, so dass vermutlich selbst die reiferen Mitbürger, die man ansprechen wollte, es nur mit einer Mischung aus Widerwillen und trotzigen Dennoch-Gefühlen goutierten. Jedenfalls konnte man den Ausdruck auf ihren Gesichtern so deuten. Die zynische Technik der Altenbeschallung steckte noch in den Kinderschuhen, aber als Praxis war sie bereits ›zum Greifen nah‹, man sah die Schlinge in der Luft baumeln, die sich der folgenden Generation um den Hals legen sollte. Was vor Jahren sich für den naiveren Teil dieser Leute vielleicht wirklich wie Musik angehört haben mochte, hatte eine Recycling-Anlage passiert und klatschte ihnen jetzt um die Ohren, dass ihnen Hören und Sehen verging. Wenn sie dennoch Beifall klatschten, dann klatschten sie eigentlich zurück, und zwar so verhalten und zögernd, dass einem unwillkürlich der Vers eines für solche Effekte zu früh verstorbenen Dichters einfiel: Und dünner Beifall rieselt von den Bänken.

Die Wirkung der Musik, die Bücher schließt, Berechnungen ausstreicht und ein Ziehen erzeugt, in dem der Hörende, ganz unglückliches Bewusstsein, sich gerade für den Gedanken der unendlichen Distanz des Geistes zur Körperwelt zu erwärmen beginnt, um im nächsten Zug einer zuckenden, schaukelnden, vibrierenden Verbindung überantwortet zu werden, in der er hoffnungslos den Kürzeren zieht, diese normalerweise einverständige Entmündigung mittels ›rhythmos‹ und ›melos‹ stößt im befallenen Organismus auf erbitterte Gegenwehr, sobald den Titeln, denen man lauscht (oder der ›Richtung‹, für die sie stehen), die Zustimmung der Gruppe fehlt, der man sich zugehörig weiß. Offenbar ist der wunderbaren, Völker, Schichten und Räume verbindenden Musik, die so selbsttätig auf das vegetative System wirkt, dass jeder, der sich auf eigene Faust zu separieren versucht, sich zwangsläufig bloßstellt, das Plazet der Gemeinschaft, von der engsten Umgebung eines Menschen bis zur Altersgruppe oder Konsumentenklasse, der man sich zugehörig fühlt, so nötig wie dem katholischen Schriftgut das kirchliche Imprimatur.

Die Schlager, die da von der Promenade heraufdonnerten, waren schlecht, sie waren lächerlich – kein Zweifel. Aber niemand war überhaupt in der Lage zu entscheiden, ob sie wirklich lächerlicher klangen als die anglophone Einheitskost, mit der die Plattenfirmen und Rundfunkanstalten den Planeten eindröhnten. Der rituelle Zirkus braucht keine Motive, er ist sich selbst genug und er funktioniert, solange er immer neue Millionenheere Verzückter aus dem Boden stampft. Die Leute, die sich hier delektierten, waren vom Veranstalter als alt und hässlich, als minderbemittelt in beiderlei Wortsinn konzipiert worden. Man hatte ihnen einen Musikgeschmack aufs Ohr gedrückt wie den Stempel einer Behörde, die Mastschweine in Güteklassen einteilt. Seltsam war das schon, denn sie unterschieden sich in nichts von den Mitmenschen, die im Bilde waren (und somit jung, schön und intelligent), man hätte meinen können, es seien dieselben Leute. Zum Beispiel zeigte sich nichts von der Verachtung, die junge Menschen für diese Art von Gedudel empfinden mussten, auf dem stark gebräunten Gesicht der Blondine dort – ich war jetzt doch aufgestanden und an die Brüstung getreten –, deren halboffener Mund eine angeklebte Illustrierten-Sinnlichkeit demonstrierte. Auch der Jüngling an ihrer Seite, ein Wuschelkopf mit seltsam blasierten Zügen, der seine Augäpfel wie zwei überteuerte Rassehunde unter strenger Kontrolle Gassi gehen ließ, ließ nichts dergleichen erkennen. Abgesehen davon, dass sich auf den meisten Gesichtern ohnehin nicht viel zeigte, was man nicht bereits wusste, wirkte vielleicht die Zugehörigkeit zu diesem Ort, zu dieser Strandszene disziplinierend, so dass man das, was man hörte, weil man nicht anders konnte, ›nicht so übel‹ fand und daraus den Vorteil zog, sich obendrein für ungemein differenziert zu halten.

Wie naiv ich war. Ich wusste nichts davon, dass diese Dinge ununterbrochen und allerorten in kleinen und großen wissenschaftlichen Projekten erforscht wurden, vermutlich also auch geradewegs vor meinen Augen. Das Strandidyll trog – es handelte sich, unsichtbar für meinesgleichen, um ein gesellschaftliches Labor, in dem die ausgeklügeltsten Untersuchungen liefen, ohne dass die Folgen für die erforschte Personengruppe, von leichten Gehörschäden abgesehen, als besonders gravierend eingeschätzt werden mussten. Vielleicht befand sich jenes Pärchen dort unten, für mich ein Emblem jugendlicher Selbstadoration, inmitten einer Feldstudie und kämpfte abends mit den Tücken gedruckter Statistiken, vielleicht übte es sich in ›dichter Beschreibung‹ und hatte auch meinen Balkon längst entdeckt und mich dem Inventar der imaginären Lokalität, die unter seinen emsigen Blicken und Fingern entstand, zugeschlagen. Die Professoren, die ich kannte, waren recht einseitig ausgewählt, es fehlten, ohne dass es mir auffiel, die Sozialwissenschaftler und Psychologen. Vielleicht fand Leckebusch, Vertreter von Disziplinen, die dreist den Primat der Philosophie ablehnten und sich obendrein als ihre legitimen Erben ausgaben, hätten in seinem Hause nichts zu suchen. Vielleicht mieden sie ihn und seinesgleichen oder es hatte sich, einfachste Lösung, ›nichts hergestellt‹ – auch das ein Zug im unverwüstlichen Kampf der Fakultäten. So hatte ich mir inmitten meiner anspruchsvollen Lektüren den naiven Blick auf mein soziales Umfeld bewahrt. Ich weiß, das muss nicht immer der Blick des Naiven sein, aber ich bin Realist genug um zuzugeben, dass es in meinem Fall wohl so war. Schon dass ich mir einen ›Durchblick‹ anmaßte, der mehr von Interesse und Langeweile diktiert wurde als von der Beherrschung der Werkzeuge, bezeugt den Sachverhalt und mein angemaßter Blick vom Balkon war nicht dazu angetan, mich eines Besseren zu belehren.

Das junge Paar, sie im kurzen weißen Rock, mit einer sandfarbenen Baumwollbluse bekleidet, er in Jeans und blauem T-Shirt, auf dem – untrügliches Kennzeichen der Banalität! – das Emblem irgendeiner amerikanischen Universität prangte, wartete wohl vor der Kulisse des Meeres auf eine Eingebung. Als ich nach einer Weile wieder hinsah, war es verschwunden. Anders das Gedudel, das mir jetzt im wie von ferne durchklingenden Rauschen der nahen Brandung langsam, ganz langsam zu versinken schien, so wie es im Meer von Punk, Hardrock und Softpop nur die winzige Zinne einer Sandburg repräsentierte, die unter Wasser bereits zu einer unförmigen Erhebung zerlaufen war und von Welle zu Welle weiter einsackte.

Die Kreise
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Renate Solbach: Figur 25
Sand im Getriebe

Mein Zimmerwirt hatte sich nach seiner kurzen Intervention wieder zurückgezogen, vergeblich suchte ihn mein Blick in der dunkleren Tiefe des Zimmers, das ihm Zutritt zum Balkon gewährte. Das entsprach seiner Art; die wenigen Sätze, die wir seit meiner Ankunft auf der Insel gewechselt hatten, standen in so schroffem Gegensatz zu der Umgebung, die ihm diesen Teil seiner Einkünfte bescherte, dass sie eine stille Verwunderung in mir hervorriefen. Allerdings verebbte sie immer wieder rasch, was nicht an den Sätzen lag, sondern an mir, der voll des Geistes (oder in einschlägiger Absicht) auf der Insel eingetroffen war.

Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort hätten diese Sätze mich vielleicht getroffen wie jener Pfeil, der in die Seele bricht und zuckt und flimmert. Hier und jetzt, unter den gegebenen Umständen, beschränkte sich ihre Wirkung darauf, unterschwellig etwas mitzuteilen, wovon ich ohnehin überzeugt war. Sie sagte, dass unter dem mahlenden und schmatzenden Gewoge der Konsumwelt der Schlick lag – unendlich fein geriebener und eben deshalb unendlich aufnahmebereiter und belastbarer Sand, der, ins Getriebe der Welt geworfen, dort ein Geräusch erzeugt, das die Leute als ›hässlich‹ empfinden – als hassenswert im heruntergekommensten Wortsinn. Bekanntlich auch dann, wenn, was gelegentlich vorkommen soll, sie es mit ihren eigenen Zähnen hervorbringen: denn es signalisiert, dass Gefahr nicht nur im Verzug, sondern bereits im Hause ist. Darin schien sich mein Gehör von dem meiner Mitmenschen zu unterscheiden: ich empfand die resigniert anzüglichen Bemerkungen meines Vermieters nicht als hässlich, sie klangen merkwürdig – umso merkwürdiger, dass ich sie mir nicht nur nicht merkte, sondern auch die Tatsache, dass sie gefallen waren, jedes Mal auf der Stelle vergaß.

Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt– mit Parolen wie dieser war meine Generation groß geworden, doch eigentlich hatte man sie nur damit bombardiert, und sie durfte staunend zusehen, wie ihre Verkünder es schafften, zugleich Sand und Öl zu sein und die Maximen, mit denen sie die Anhängerschaft paralysierten, als Schmierstoff für das eigene Fortkommen zu verwenden. Man hätte sich das auch denken können, es hätte nur nichts genützt, weil das Schicksal von Jahrgängen, die zur Gefolgschaft verdammt sind, darin beschlossen liegt, dass ihnen erst nach und nach aufgeht, wie wenig sie zu den Konsilien derer zugelassen sind, die da lachend, entwerfend und ›tonangebend‹ vor ihr her durch die Zeiten ziehen.

Die genealogischen Gesetze sind unerbittlich. Das Schicksal, keine Stimme zu haben, trifft nicht allein Einzelne, es trifft ganze Jahrgänge und Jahrgangsreihen. Solange sie jung sind, sehen sie alle Positionen offen, die geistigen wie die materiellen, diese Welt ist ihre Welt, sie brauchen nur nachzurücken. Leider müssen sie in der Folge feststellen, dass die Positionen und Posten immer gerade dann besetzt oder ›gestrichen‹ werden, wenn sie selbst am Zug wären. Natürlich ›kommen‹ auch sie ›unter‹, meist so gründlich, dass sie anschließend ein Leben lang mit ihrem Auskommen beschäftigt sind. Nebenher wachsen der Neid, die Missgunst, das Ressentiment. Haben die Protagonisten erst einmal die Fünfzig überschritten, sieht man sie in heillose Kämpfe untereinander verstrickt, die sie nur verlieren können und aus denen sie als lebende Mumien hervorgehen, bandagiert an Körper und Seele, nicht zu reden vom Geist, der ohnehin auf der Strecke geblieben ist.

Auch über diese Zusammenhänge hatte ich erst wenig nachgedacht, als ich – lange nach der ›Insel‹ – am Rande einer größeren Geburtstagsfeier, bei der viel gesungen wurde, mit einem Mit-Musikverächter ins Plaudern geriet: einem »Alt-Achtundsechziger«, wie er sich nannte, einer umgänglichen Person, die schmunzelnd und listig die Augen rollend das Thema der zerronnenen Chancen sichtlich nicht zum ersten Mal intonierte und sich zu dem Satz verstieg: »Ihr müsst uns hassen!« Was ich lächelnd und innerlich stockend ablehnte, einmal des ›Ihr‹ und, mehr noch, des darin enthaltenen ›Wir‹ wegen, das suggeriert, dass diese Dinge nicht nur geschehen, sondern dass sie von Menschen ins Auge gefasst und in ihr individuelles Kalkül aufgenommen werden, dass also ein wirklicher Kampf der Generationen stattfindet, von dem die meisten bloß nichts wissen wollen. Mag sein, dass die Clique, die da aus dem dynamisch-jovialen Herrn mit Bauchansatz und leger gekräuseltem Resthaar sprach, eine besondere Aufmerksamkeit für ›diese Dinge‹ mitbrachte und sie tatsächlich zu ihrem Vorteil gebrauchte – eine Art Hamstermentalität der zweiten Generation, die mit pathetischen Reden über die Verstrickung der Älteren und die Allgegenwart des Faschismus ein Monopol auf die Deutung der Gegenwart erbeutet hatte und seither nicht mehr loslassen konnte. Für meine Person hätte ich es abgelehnt, die eigene Lebenslinie durch Erwägungen über Jahrgänge und ihre Reifegrade bestimmen zu lassen und fand den Konformismus der Gleichaltrigen eher abstoßend.

Das machte die Stimme des Vermieters so einzigartig und verwirrend: sie klang kein bisschen durchdrungen von diesem Geist des Opportunismus, der seine Weltdeutung aus der Dose bezog und es kaum abwarten konnte, bis sie in den dafür präparierten Näpfen – einem ›Magazin‹ und zwei oder drei Zeitungen mitsamt einer Handvoll einschlägiger Zeitschriften – zum Verzehr freigegeben wurde. Wie gesagt, zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort hätte der Kontakt zünden können, hier jedoch, unter dem fortwährenden Gedudel und angesichts des Zwangs zur Separation, unter den ich mich gestellt hatte, blieb ich unaufmerksam und beschränkte mich darauf, den entstandenen Eindruck in einer jener Taschen verschwinden zu lassen, die wir gern das Unbewusste nennen und die wenig mehr sind als Merkposten für Entwicklungen und Zusammenstöße, die uns noch bevorstehen, weil wir momentan in anderer Mission unterwegs sind.

»Mannimanni« scholl es kess über die Promenade herüber – die Sängerin, unberührt von dem am Kreuzweg der Sprachen aufbrechenden Doppelsinn, hatte ihre Lippen zu einem Pinguinschnabel geformt und stieß die herren- und obdachlosen Worte wie Gefangene hinaus in die Freiheit aller umliegenden Gehöre: »Mannimannimanni must be funny in a rich man’s world«.

Ohne Moos nix los – jedenfalls nichts Besonderes.

Es tut gut, von Zeit zu Zeit an diesen Umstand erinnert zu werden, besonders, wenn eine Meeresbrise einem gerade ein Angebot unterbreitet, besonders in dieser Verbindung von Muskel und Geld, die der straffen Schönheit des jugendlichen Körpers so schmeichelt. Die auf Dauer gestellte Jugendkultur, das Geschäft des Jahrhunderts, beweist ihre Vermittlungsfunktion hauptsächlich darin, die gesellschaftlich erwünschten Einstellungen weiterzureichen und, selbstverständlich kritisch gebrochen, als Lebensgefühl zu verherrlichen.

Diese anonymen Prozesse, die offenbar von niemandem gesteuert werden (auch wenn es keine Mühe macht, ein paar Namen zu nennen, deren Träger weltweit das Geschäft besorgen), haben, wie mir scheint, den ›Geist der Revolte‹, die Erinnerung an die ›glorious days of Woodstock‹ bei denen, die nicht dabei waren, den rotzigen Charme des frühen Beat einer Leitbildkultur einverleibt, die den Befreiungsliturgien der alt und despotisch gewordenen Dritte-Welt-Bewegungen (sofern sie noch existieren) vor allem das höhere Aktivierungspotential und die besseren Verbreitungsmedien voraushat, aber ebenso gnadenlos die Nachgeborenen in ihrer Rolle fixiert: Sie erhalten eingehämmert, was sie zu tun haben, um ›groß herauszukommen‹, und sie erreichen die mythische Größe der Anfänge nie. Wahrscheinlich tourte auch die Gruppe dort unten, die mir als Inbegriff eines ebenso aufdringlichen wie rührenden Lokalismus erschien, auf dem Festland und lebte, so gut es ging, das Leben ihrer Idole nach – mit einem Schuss stummer Verzweiflung darüber, dass Veranstalter und Publikum sie immer wieder zu ›Kompromissen‹ zwangen und sie so daran hinderten, den nationalen und, wer weiß, den internationalen Musikmarkt mit ihren originären Produkten heimzusuchen. Für heute hatte sie, immerhin, ausgelitten, es herrschte, beklemmend fast nach stundenlanger Beschallung, Ruhe.

Es gab eine Zeit als Schüler, in der ich eine Facsimile-Ausgabe der Leaves of Grass des amerikanischen Dichters Walt Whitman mit mir herumtrug, es muss die Fassung von 1860 gewesen sein, die noch ein Buch darstellt und nicht als Enzyklopädie in Versen dahertrabt. Wie von Jackson Pollock entworfen, wimmelte der Einband von faden- und wurzelartigen Gebilden, die durch ihre monochrom grüne Färbung die passende Assoziation hervorrufen sollten. Merkwürdigerweise wirkte die absolut zeitgemäße Verbindung von Samenfäden und Gras auf diesem Buch lebensfern und verstaubt. Dass Whitman schwul gewesen war, wusste ich nicht, ich hätte es auch als belanglos beiseite geschoben. Oft hatte ich das Gefühl, eine Brille aufsetzen zu müssen, um dahinterzukommen, was hinter all den Anrufungen und Aufzählungen wirklich in dem Buch stand. Das störte mich aber nicht, ich empfand es ›irgendwie‹ als angelsächsisch und akademisch, was positiv konnotiert war. In diesem Buch existierte, so muss man es sagen, ein Riesengedicht, über dem in mächtigen Lettern der Name ›Walt Whitman‹ stand und das begann: »I celebrate myself« – kein Gedicht, nein, ein Lindwurm, der sich durch die Seiten des Buches schlang und nach jedem Umblättern mächtiger, ehrfurchtgebietender und bedrohlicher wieder aufstand.

Später erfuhr ich aus Gesprächen, wie man sie am Rande des Berufslebens führt, dass damals viele Gleichaltrige einen ›angelsächsischen Dichter‹ mit sich herumtrugen, vorzugsweise offenbar Pound und Eliot, obwohl sie eine elitäre Aura besaßen, während die näher stehenden Autoren der beat generation eher Naserümpfen hervorriefen. Es war eine verträumte und indirekte Art, sich an eine Zeit anzunähern, in der, glaubte man der allgemeinen Aufregung, die ›wirklichen‹ Dinge auf Sit-ins und in direkter Konfrontation mit den Wasserwerfern der Polizei stattfanden, während sie doch wie immer hinter verschlossenen Türen geschahen.

Wenig später setzte dann die krasse Ich-Sprecherei ein, die Zeit des Zeig-dich-nimm-dir-hol-dir, Mompti hätte gesagt, der erste Verrat, begangen unter den aufmunternden Blicken der Auguren, von der endgültig kommerzialisierten Popkultur jedem einzelnen Jugendlichen ins Gehirn gehämmert – zu spät für die jüngeren Geschwister der Apo-Akteure oder eher rechtzeitig, um sie entsetzt zurückweichen zu lassen. Das eine war ihre Welt noch nicht gewesen und das andere war es nicht mehr – sie sahen sich durch die dichte Abfolge von Moden um das Minimum an symbolischer Präsenz gebracht, das nötig gewesen wäre, sie ihren ›eigenen‹ Weg finden und markieren zu lassen. Was ihnen blieb, war die Wahl zwischen Anpassung und Rückzug, die Flucht ins Paukerdasein, die Spurlosigkeit der eigenen Existenz, das überbordende Private, der klebrige Schweiß derer, die ewig und überall zu spät kamen und mit den hinteren Plätzen vorliebnehmen mussten.

Meine Berufswahl hat mich davor bewahrt, irgendwann in den Chor der Zukurzgekommenen einstimmen zu müssen, ich habe sie deshalb nie bedauert. Dass ich damals nicht studierte, jedenfalls keines der als ›relevant‹ geltenden Fächer, die geradewegs ins Nichts führen sollten, hat mir den kostbaren, niemals preisgegebenen Vorsprung verschafft, von dem ich heute mehr denn je zehre. Sinnigerweise war ich durch meine eigenbrötlerische Whitman-Lektüre, die den wenigen Altersgenossen, die ich damals daran teilnehmen ließ, fad und nichtssagend erschien, besser auf die EgoGesellschaft vorbereitet als all jene, die sich aus den theoriegetränkten Texten einer aristokratischen Moderne munitionierten, um im Kampf der Ideologien mitzuhalten. Jedenfalls überraschte ihre Ankunft mich nicht und konnte mich auch nicht der linken Larmoyanz in die Fänge treiben, die eine Zeitlang in meiner Umgebung ebenfalls gepflegt wurde.

»I believe in the flesh and the appetites« – so stand es bei Whitman. Wenn man zu den ›appetites‹ die alles ergreifende Lust auf ›Mannimanni‹ hinzuzählte oder, besser, das eine mit Hilfe des anderen interpretieren gelernt hatte, so gab es keinen Grund, angesichts der gesellschaftlich forcierten Lust am Ich den Kopf zu schütteln oder wie einer der Professoren neulich bei Leckebuschs pathetisch zu murmeln: »Ich verstehe diese jungen Leute einfach nicht mehr.« Aber das war bereits wieder eine Tenborchsche Wendung weiter und das professorale Unverständnis wurde durch den Umstand angeschärft, dass die langsam ergrauenden Marschierer des Weltgeists die frühe Gehirnwäsche, deren Resultate sie in ihren Seminaren zur Verzweiflung brachten, noch immer als ›genuine‹ Fortsetzung ihres jugendlichen Lebensgefühls – und ihrer Musik – betrachteten und ›prinzipiell wohlwollend‹ von oben herab kommentierten.

Denn – darin besteht das Seltsame in all diesen Beobachtungen – es ist möglich, selbst Gefangener eines Systems zu sein und es für sich zu instrumentalisieren. Es ist möglich, sich als ewig unterlegene und vom Zentrum der Macht ausgeschlossene Minderheit zu verstehen und mit Hilfe dieses Verständnisses, aus einem Egoismus heraus, der benützt, was für ihn keine Geltung besitzt, eine Tyrannei der Werte und der Überzeugungen zu errichten, in der immer neuen nachwachsenden Altersgruppen das Opfer des Intellekts abverlangt wird, ohne dass sie es überhaupt merken. Obwohl … in diesem Punkt vielleicht eine Korrektur angezeigt ist. Spürbar wird es in den Verzerrungen des Lebensgefühls, die in den Äußerungen der Jahrgänge nach Woodstock und jener ›originären‹ Rockbewegung, von der die Plattencover und Ansager der Rundfunkanstalten schwafelten, so greifbar sind und in den Hass-Apologien und der Müllund Abfallmetaphorik, die zu meiner Inselzeit bereits anfingen, die Hüter des revolutionären Erbes zu beunruhigen, eine scheinbar eigene – ›genuine‹ sagte man damals gern – Ausdrucksform gefunden hatten. Es ist ein Unterschied, ob der Mund eines braungebrannten Aufbegehrers, der die Welt mit dem Blick dessen umfasst, der weiß, dass seinesgleichen sie abräumen wird, das legendäre ›Fuck up‹ zischt, oder ob eine saumselige Jugend einem bei jeder Gelegenheit versichert, wie ›abgefackt‹ sie sich wieder befinde, um daraus vornehmlich das Recht abzuleiten, hier und heute die Schule zu schwänzen. Man kann darin auch Fortschritte im Fremdsprachenerwerb erblicken, aber das Phänomen wiederholt sich in allen anderen Bereichen, so dass es vielleicht voreilig wäre, sich mit einer Erklärung dieses Typus zufriedenzugeben.

Meine Leidenschaft für Whitman, dessen Verse sich wie aus hohlem Messing oder einem anderen Leichtmetall gefertigte Geländer in das weitläufige Gebäude der amerikanischen Gesellschaft eines anderen Jahrhunderts hineinschwangen, ging so weit, dass ich eines Tages anfing, sie für den eigenen Gebrauch zu übersetzen. Das war, angesichts der Texte und Rhythmen, aus denen meine Altersgenossen ihr Lebensgefühl sogen, ein abseitiges Unterfangen – ein leeres Spiel oder ein Spiel der Leeren, um es etwas aufgeblasen zu sagen. Die Verse des Dichters erinnerten in ihrem großväterlichen Ungestüm entfernt an die komisch-grandiosen Anfänge der Freikörperkultur, die zwar eine andere Weise der Hüllenlosigkeit vertrat, aber ähnliche Ansprüche auf die Ehrlichkeit der Leute erhob. Meine Beschäftigung füllte diese Leere nicht etwa mit eigenem Gedankenstoff auf, eher war sie darauf angelegt, ihren Ausstellungswert zu steigern, so als ob jemand einen abgenutzten Haltegriff in liebevoller Versenkung zu putzen beginnt, um den ursprünglichen Adel seiner Erscheinung ›ans Licht zu holen‹. Das hing gewiss auch damit zusammen, dass ich in der vorliegenden Übersetzung nichts von dem wiederfand, was mich am Original anzog und ›beschäftigte‹. Sie bestand aus Allerweltsphrasen, schiefen Ausdrücken und einer auf Verszerstörung angelegten Syntax – ein Maßnahmenbündel, das in meinen Augen bloß ein Ziel verfolgte: das Original zum Verschwinden zu bringen. Ohne einen Augenblick die Anstrengung des Menschen, der sich jahrelang redlich mit den Formulierungen und der Gedankenwelt des Dichters herumgeschlagen hatte, in Erwägung zu ziehen, erblickte ich in seinem Machwerk nur den empörenden Versuch, allen, die ihm unvorsichtigerweise vertrauten, zu suggerieren, am Original sei nichts weiter dran und es handle sich somit um ein weiteres all der Bücher, die einem Augen und Ohren gegen die Wirklichkeit verkleben. Wenn ich selbst ›nichts sah‹, solange ich nach Wendungen fahndete, mit deren Hilfe ich meine stillen Exaltationen zu fixieren strebte, so war das in Ordnung, denn es spiegelte die offene Welt. Nicht nur das: es gehörte zum Prozess des Findens dazu. Sobald ich mir etwas in Gedanken ausmalte, bevor es sich in rhythmische Wortfolgen auszulegen begann, verschwand das Erregungsmoment daraus, als habe es nie existiert, und mit ihm verschwand auch die Möglichkeit, es in Verse zu fassen.

Was ich geflissentlich übersah, wenn ich ins Leere blickte, war die Exaltation selbst, in die ich mich immer wieder trieb und die mir als das Unwillkürliche schlechthin erschien. Hätte sie jemand bei ihrem Namen gerufen, ich wäre tödlich gekränkt und beleidigt gewesen, nicht anders, als hätte man versucht, mich aufgrund meiner Streifereien an den Wochenenden zu irgendeiner zeitgemäßen Form des verkommenen Subjekts zu stempeln. Noch heute fällt es mir schwer, diese Person in mir zu sehen; zwischen all den erhaltenen Zeugnissen jener Zeit ruht sie ruhig, abgedunkelt, unerschlossen und aufgekratzt, einer bevorstehenden Aufgabe zugewandt, die ich nicht zu benennen wüsste.

Die Kreise
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Renate Solbach: Figur 26
Die Welle

Es muss eine sommerliche Szene sein und sie muss in einem Park spielen, vielleicht im Garten eines vor langer Zeit gekauften oder einfach nur gemieteten Hauses: ich liege mit Anita im Bett und wenn ich den Kopf hebe, fällt mein Blick durch die Terrassenfenster auf eine Reihe unordentlich verteilter Stühle, einer ist ins Gras gekippt, auf einem anderen stapelt sich der Abfall vom Vorabend, es müssen Leute da gewesen und wieder gegangen sein, die Tür steht ein wenig auf und eine leichte Brise bauscht den Vorhang. Ich muss fest geschlafen haben, aber jetzt bin ich wach, Anita neben mir ist mäuschenstill, ich halte die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Gedanken kommen und gehen, der stärkste unter ihnen ist die Stille, scharfgestellt und leicht ausgefranst an den Rändern, dort, wo der Lufthauch, der leise am Türrahmen scheuernde Store, ein Insekt, das den Weg durchs Gewebe nicht findet, gedämpftes Gezwitscher von draußen sich ablösen und durchdringen; so leicht ist die Welt. Ich hebe den Kopf, zwischen den Buchen, die ernst und freundlich im Morgenlicht stehen, bewegt sich eine Gestalt, kommt näher, sie trägt einen hellen Anzug, sie winkt, als wolle sie auf sich aufmerksam machen, aber nur kurz, ohne den Schritt zu verlangsamen, noch wenige Schritte und sie betritt die Terrasse.

Ich kenne diesen Mann flüchtig, er ist ein Kollege meiner Frau, ein älterer Herr, als Gesprächspartner unattraktiv, aber kaum zu bremsen, er überquert die Terrasse, jetzt hebt er eine Hand und presst den Ballen gegen die Scheibe, als wolle er sich vom Inhalt des Zimmers überzeugen, und klopft leicht dagegen. Ich liege nackt unter der Decke, mein Geschlechtsteil ist geschwollen, das hier ist eine Distanzunterschreitung, ich weiß es, doch während ich darüber nachdenke, ob ich nur aufstehen und die Tür wortlos schließen oder ihn vom Grundstück jagen soll wie einen Hund oder einen Einbrecher, erhebt sich Anita, die gerade noch schlief, läuft in ihrem kurzen Pyjama zur Tür, schiebt den Store zur Seite und öffnet mit einer schlaftrunknen Geste, wie man sie unter Verwandten oder ganz ganz engen Freunden verwendet, und einem »Komm herein!«, das kein Befremden und kein Zögern bekundet. Sie hat es verhalten gesprochen, mit einer stumpfen, vom Schlaf belegten Stimme, und dieser Mensch, den ich kaum kenne, betritt unser Schlafzimmer, er ›poltert herein‹, wirft mir einen flüchtigen Gruß zu und beginnt zu reden, als säße er im Lehrerzimmer oder auf der Terrasse, umgeben von Kolleginnen und Kollegen, es ist alles eins. Auch Anitas Stimme klingt rund und auskunftsfreudig, sie kokettiert nicht, sondern ist bei der Sache, sie spricht wie mit einem Familienmitglied, so ist es. Dieser Mann ist ein Teil ihrer Familie und ich habe es nicht gewusst. Er ist kein Onkel und auch kein älterer Cousin, sie wird ihm morgen wieder zwischen zwei Unterrichtsstunden auf dem Flur begegnen und sie werden die Gelegenheit zu zwei Sätzen nützen oder mit einem Augenzwinkern aneinander vorbeigehen, es ist eine einfache Beziehung, die vielleicht den Sex einschließt (was weiß ich), aber auf eine so lautlose und den ›Sachkontexten‹ zugewandte Weise, dass es nichts zu bedeuten hat, jedenfalls nichts, was einer ›von draußen‹ dabei unterstellen würde.

Seltsamerweise hat sich mein Glied weiter gestrafft, es schmerzt jetzt förmlich, so sehr hat es sich in die Sache hineingesteigert. Es würde mir nichts ausmachen, mich nackt aus dem Bett zu schälen und das kollegiale Gespräch in Richtung Bad zu verlassen, aber so, in diesem Zustand, ist daran nicht zu denken und das einzige, was mir bleibt – ich könnte den Kerl hinauswerfen, aber darauf habe ich bereits verzichtet –, ist der Rückzug in den Schlaf, der auch schon seine Boten vorausschickt. –

Als ich aufwache – auch das gehört zu den Spielen der Erinnerung, ich weiß –, ist der Raum verlassen, die Terrassentür steht offen und draußen stapeln sich die Stühle, die linde Brise weht noch immer, sie ist stärker geworden, aber das scheint mir vielleicht nur so. Befände ich mich noch auf der Insel, so würde ich mir eine Badehose überstreifen und zum Strand hin-übergehen. Hier begnüge ich mich damit, einen der Stühle vom Stapel zu heben, mich auf ihm niederzulassen und den weiten Himmel zu betrachten, der einen bemerkenswerten Anblick bietet. Ich gäbe viel darum, wenn mir jemand jetzt den Späher dort oben zeigte, dessen Kameraauge auf diese Terrasse gerichtet ist und Aufnahmen von mir und meinem Geschlechtsteil liefert, das schlaff und zusammengekrümelt keine Anstalten macht, sich ins Bild zu bringen, als ob es wüsste, dass es ohnehin unter der Auflösungsgrenze liegt und die Auswerter von ihm keine Notiz nehmen werden. Aber was haben sie dann davon, diesen schwarzen Punkt auf ihre Platten zu bannen, dieses auslöschbare Ich in einem versteinerten Weltall, unbewegt und ohne Beweger, Teil einer Struktur, für die sie Namen besitzen, die ich nicht kenne, Register, deren Vorhandensein ich nur ahnen kann, deren Art und Umfang mir aber bis ans Ende meiner Tage verborgen bleiben wird, abgelegt in Bunkersystemen, die den unbekannten Feind wie einen nahen Erlöser erwarten? Nichts, wie mir scheint, aber was mir scheint, ist ihnen Hekuba. Während sie angestrengt auf all diese Punkte starren, die ihnen nichts sagen, die zu sehen sie vielleicht nur vorgeben, da sie auf großräumige Bewegungen und Funktionsknoten konzentriert sind, regt sich dieses seltsame Bewusstsein, dem ein wolkenloser Himmel müheloser als jede Leinwand die Empfindung verschafft, da zu sein, da und dort, am wenigsten hier – wo, bitte, soll das sein?

Es regt sich.

Exit